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Sherman und der NASA-Auftrag

2020 119 Seiten

Leseprobe

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Sherman und der NASA-Auftrag

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Sherman und der NASA-Auftrag

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Im Auftrag der NASA sollen Jim Sherman und Bob Washburn mit ihrem Truck Thunder eine Titan-Rakete transportieren, allerdings gibt es Schwierigkeiten. So ist die Rakete zum Teil aufgetankt, was nicht nur beim Gewicht zu Problemen führt. Außerdem gibt es ein paar Leute, die unbedingt den Rechner innerhalb des Sprengkopfs in die Hände bekommen wollen. Mit einem perfiden Plan wollen sie den Thunder umleiten. Können Sherman und Washburn das verhindern?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Bob Washburn erstarrte, als er den Koloss sah. »Verflixt groß«, murmelte er. »Was haben wir uns da bloß aufgehalst?«

Er schluckte und stieß Jim Sherman an, der neben ihm stehengeblieben war. »Partner, ich fürchte, der Brocken ist für unseren Thunder ein wenig zu groß!«

»Es gibt nichts, was der Thunder nicht schafft«, gab Jim zurück. Er versuchte die Länge des Körpers abzuschätzen, der sich auf dem Spezial-Auflieger breit machte. Zwanzig, fünfundzwanzig Meter oder länger? Dabei ein Durchmesser von fast fünf Metern. Ein Titan.

Eine Titan, um genau zu sein. Was da lang und spitz auf dem Spezial-Auflieger ruhte, war nichts anderes als eine Titan-Trägerrakete der NASA.

Denver, Colorado. Grauer, wolkenverhangener Himmel, wie es ihn hier nur ein paarmal im Jahr gab. Hochhausriesen im Zentrum der »Mile High City«, wie die halbe Million Einwohner ihre Hauptstadt von Colorado nennt. Prachtvoller Ausblick auf die Bergmassive der Rockies. Eine Metropole des Geldes und der Macht. Ehe vor fast 120 Jahren die großen Silberminen gefunden wurden, war das anders gewesen. Da konnte sich Denver nur rühmen, den ersten Saloon im ganzen Bundesstaat eröffnet zu haben. Daran erinnerte sich heute kaum noch jemand, weil diverse Fernsehserien wie »Dynasty« und »The Colbys« nur vom Ölgeschäft handelten.

Jim schüttelte sich. Von hier oben hatten sie einen guten Ausblick auf Denver, und er bedauerte es ein wenig, jenem »ersten Saloon«, der immer noch in Betrieb war, keinen Besuch abgestattet zu haben. Aber der Zeitplan ließ es nicht zu. Später, wenn sie erst einmal unterwegs waren, spielte Zeit keine so große Rolle mehr. Es war großzügig kalkuliert worden. Aber jetzt hieß es, den Übernahmetermin einzuhalten. Die Polizeibeamten der Eskorte warteten nicht gern.

»Wie viele Tonnen wiegt das Ding?«, murmelte Bob andächtig. »Wenn man die Raketenstarts im Fernsehen sieht, dann sind sie so klein. Dann kannst du sie unter der Daumenkuppe verschwinden lassen, wenn du sie auf die Mattscheibe drückst.«

Jim grinste. »Hättest du einen Blick in die Frachtpapiere geworfen, brauchtest du jetzt keine dummen Fragen zu stellen. Da stehen Maße und Gewichte genau drin. Da gibt es sogar eine Vorschrift, wie wir Kurven anlenken müssen. Die Jungs haben an alles gedacht. Gangwechsel bei Steigungen oberhalb soundsoviel Prozent, Bremswirkung …«

»Da muss einer sehr viel Zeit gehabt haben«, seufzte Bob.

»Oder einen Computer. Komm, wir satteln auf. Die Smokeys schauen schon ganz ungeduldig.«

Sie würden mit Eskorte fahren. Vom Raum Denver, Colorado, nach White Sands, New Mexico. Von einer Außenstelle der NASA zur anderen. Hier in Denver war die Titan montiert worden, hatte einen speziellen Computerkopf erhalten, und in White Sands würde man sie starten. Aber bis dahin waren es noch rund sechshundert Meilen, die die Rakete zu ebener oder auch unebener Erde zurücklegen musste.

»Ich weise dich ein.« Der ehemalige Preisboxer aus Virginia beschleunigte seine Schritte und eilte zu dem Monstrum hinüber, das auf dem Super-Auflieger mit Überbreite fest montiert war. Die Rakete sah bedrohlich aus. Bob winkte den Beamten und den NASA-Leuten in den fleckigen Overalls zu. Jim eilte hinüber zum Thunder, der am Rande des Geländes parkte, stieg ein und lenkte den 450-PS-Kenworth herüber.

Das Aufsatteln an sich war Routine. Jim fuhr den Truck rückwärts unter den Auflieger. Bob gab ihm Anweisungen, weil es nicht auf den Zentimeter genau passte. Das war auch nicht nötig – die Platte mit der Sattelkupplung ließ sich per Knopfdruck um ein paar Handbreiten in alle Richtungen verschieben. Diese technische Raffinesse machte mühevolles Rangieren und genaues »Zielen« überflüssig.

Der Zapfen rastete ein. Bob betätigte die Arretierung und schloss die Strom- und Druckluftleitung des Aufliegers an. Dann kurbelte er gemächlich die Stützräder hoch. Es waren ein paar mehr als bei den normalen Trailern, weil hier eine entschieden größere Last ruhte.

Das geht ins Spesenkonto, dachte Bob mit grimmiger Zufriedenheit. Der Caterpillar-Motor würde Diesel saufen wie ein Elefant Wasser. Vor allem hier in den Bergen. Ein Tempo von 55 Meilen zu halten, würde schier unmöglich sein. Nicht mal im Gefälle, denn da musste angebremst werden, damit der Truck nicht von seinem Auflieger überholt wurde. Aber alle Sonderkosten – dazu zählte nicht nur der Dieselkraftstoff, sondern auch Material wie verschlissene Reifen und Bremsbeläge – zahlte die NASA.

Mochte der Himmel wissen, warum die so großzügig war. Wusste doch jeder, dass der NASA-Etat ohnehin viel zu knapp bemessen war.

Aber das, fand Bob, sollte nicht seine Sorge sein. Jim und er waren dafür engagiert worden, diese verdammte Rakete nach New Mexico zu bringen, und das würden sie auch tun. Mit oder ohne Mehrverbrauch an Treibstoff, Reifen und Bremsbelägen.

Jim stieg aus. Gemeinsam gingen sie einmal um den Koloss herum. »Auf schmalen Straßen wird es haarig«, stellte der Virginier fest. »Bei der Breite …«

»Wir haben nur eine Ortsdurchfahrt«, sagte Jim gelassen. »Und da ist die Straße breit genug. Für alle anderen Probleme haben wir unsere Eskorte. Nett, die Smokeys auch einmal auf der eigenen Seite zu haben, nicht?«

»Und wie. Ich kann mich gar nicht dran sattsehen.«

»Seid ihr soweit?«, rief einer der Beamten. »Wir wollen uns hier nicht die Reifen platt stehen.«

Jim lachte. »Sonst kann‘s euch doch nie langsam genug gehen, Officer.«

Der Polizist grinste. Er reckte den Daumen hoch. »Wir haben die Vorschrift nicht gemacht, aber wir möchten endlich los! Für euch mag das ja umwerfend neu sein …«

»Aber für euch ist es Routine. Ihr macht solche Begleitfahrten jeden Tag«, sagte Jim mit mildem Spott.

»Nicht jeden Tag, aber des Öfteren.« Der Polizist stieg in seinen Wagen. Die Rotlichtbrücke begann zu blinken. Das zweite Fahrzeug machte sich ebenfalls startklar.

Jim und Bob stiegen wieder ein.

»Wehe euch, ihr schmeißt die Zigarre in den Bach«, schrie einer der NASA-Männer im Overall. Jim winkte ab. »Ist doch ‘ne Rakete und kein U-Boot«, gab er zurück. Dann brüllte der Caterpillar-Motor unter der langen Motorhaube auf. Jim fuhr behutsam im ersten Gang an. Er lauschte. Wartete. Es gab einen leichten Ruck. Dann setzte sich das Gespann in Bewegung. Schrittgeschwindigkeit. Weiterschalten. Zweiter Gang. Bei fünf Meilen pro Stunde ging Jim in den dritten Gang, bei zwölf in den vierten, bei zwanzig in den fünften. Dabei blieb er erst einmal. Der Kenworth rollte auf den mächtigen Zaun mit dem breiten Tor zu. Einer der beiden Patrol Cars der Eskorte zog am Truck vorbei und setzte sich in gebührendem Abstand vor den Thunder.

Wachmänner vorn am Tor traten zur Seite. Elektromotoren zogen das schwere Stahltor auf. Eine Kontrolle gab es diesmal beim Verlassen des NASA-Geländes nicht. Der Mini-Konvoi rollte nach draußen, auf die breite Zubringerstraße, die direkt zum Highway führte. Langsam erhöhte Jim das Tempo und schaltete weiter durch. Im achten Gang ließ er den Thunder mit 45 Meilen pro Stunde marschieren. Der Caterpillar holte die Kraft aus seinem riesigen Hubraumkeller und dampfte voran, den Spezial-Auflieger mit der Titan-Rakete im »Genick«. Dahinter kam der zweite Streifenwagen mit roter Befackelung.

»Na, dann ist ja alles klar«, sagte Bob und lehnte sich auf dem Shotgun-Sitz zurück. »Werde aber bloß nicht übermütig, Jim. Eine Rakete im Rücken heißt nicht, dass wir fliegen können. Komm also nicht auf die Idee, das Triebwerk zu zünden.«

Jim lachte.

»Das wird der Computerkopf schon verhindern, sei unbesorgt. Wir werden keinen Geschwindigkeitsrekord aufstellen.«

»Nicht, dass die Leute sich hinterher ansehen und behaupten, es gäbe schlechtes Wetter, weil die roten Trucks so tief fliegen.«

Jim winkte ab. Er hielt das große Lenkrad mit einer Hand. Es ging ein wenig bergab, und er konnte den Fuß vom Pedal nehmen. Der Kenworth wurde von der Rakete geschoben, aber der Druck von hinten hielt sich in Grenzen.

»Hoffentlich geht das alles gut«, sagte er, plötzlich ernst werdend.

»Wieso das? Hast du Bedenken?«

»Das ist einer dieser Transporte, bei denen sich mir schon zu Beginn die Fußnägel hochrollen«, sagte Jim. »Ich habe plötzlich so ein komisches Gefühl. Und ich fürchte Sharkey, wenn er Geschenke macht.«

»Nun, was soll schon passieren? Mehr als an einem Straßenschild oder einer Hauswand hängenbleiben können wir doch nicht. Unsere Freunde, die Smokeys, passen schon auf uns auf.«

»Dein Wort in Puttkamers Ohr«, murmelte Jim.

»Wer is‘n das?«

»Ein prominentes Tier bei der NASA. Kommt aus good old Germany, hat da früher ein paar Zukunftsromane geschrieben und tritt jetzt bei fast jedem erfolgreichen Start im Fernsehen als Kommentator auf. Jesco von Puttkamer. Musst ihn dir mal anschauen, den Mann. Der bringt‘s!«

»Wenn du so von ihm schwärmst, warum heiratest du ihn nicht einfach?«, grinste Bob.

Jim seufzte abgrundtief.

»Weil ich deine netten Vorschläge so mag, werde ich eines Tages doch noch dem Ku-Klux-Klan beitreten«, brummte er. »Weißt du was? Setz dich draußen auf die Rakete, lass dich abschießen und mach mit dem Ding eine Luftreise. Wetten, dass du damit berühmter wirst als Münchhausen?«

»Musst du unbedingt mit deiner Allgemeinbildung protzen? Wer zum Teufel ist Münchhausen?«

»War, Bob, war. Auch ein Deutscher. Sie nannten ihn den Lügenbaron. Der will damals angeblich auf einer fliegenden Kanonenkugel geritten sein.«

»Bestimmt gab‘s da noch keine Raketen«, sagte Bob »Brems mal dezent nach NASA-Vorschrift an. Da vorn geht‘s auf den Highway.«

 

 

2

Zwei Männer in grauen Anzügen sahen sich an und nickten sich zu. »Da sind sie«, sagte einer von ihnen. »Soweit alles klar … sie sind draußen. Aber wie kommen wir an das vertrackte Ding heran? Wenn sie die Eskorte nicht hätten …«

»Wir finden einen Weg«, sagte der andere. »Notfalls haben sie eben hinterher keine Eskorte mehr. Wir werden diesen Rechnerkopf jedenfalls nicht in White Sands eintreffen lassen.«

Der andere presste die Lippen zusammen. »Von Mord war nicht die Rede.«

»Wenn du zart besaitet bist, kannst du ja aussteigen.«

Der andere schüttelte den Kopf. Er wusste, dass es in seinem Job kein Aussteigen gab. Wer einmal dabei war, der blieb auch dabei. Für immer. Bis in den Tod.

Und der war unberechenbar.

»Und was jetzt?«, fragte er. »Fahren wir ihnen nach?«

»Warum sollen wir uns so dumm anstellen? Sie sind unverwechselbar mit der Zigarre im Heck. Wir werden sie immer wiederfinden, wo wir wollen.«

Nach einer Weile sah er seinen Beifahrer an. »Woran denkst du?«

»Daran, wie wir den Rechnerkopf kriegen, ohne dass jemand über die Klinge springen muss«, sagte der zweite Mann. »Und ich denke, mir wird schon bald etwas einfallen. Lass mich nur machen.«

Der Fahrer grinste. Er startete den Motor der dunklen Limousine. »Trinken wir erst einmal einen schönen Kaffee auf Firmenspesen«, sagte er.

Der Raketentruck mit den beiden begleitenden Polizeifahrzeugen verschwand in der Ferne.

 

 

3

Angefangen hatte alles mit einem Brief auf Luke Rylands Schreibtisch in seinem Büro der RTC. Etwas überrascht las er den Briefkopf. »North American Space Adminstration, Houston, Texas«, murmelte er. »Was wollen denn die von uns?«

Eine Minute später wusste er es.

» … möchten wir Sie beauftragen, diesen Transport zu übernehmen. Sollte er zu unserer Zufriedenheit abgewickelt werden, läge es durchaus im Bereich des Möglichen, eine weitergehende Zusammenarbeit anzustreben …«

Der Trucker-King, wie sie ihn alle noch aus jener Zeit her respektvoll nannten, in der er selbst noch draußen auf den Highways gefahren war, runzelte die Stirn. Er war ehrlich überrascht. Einen Kontrakt mit der NASA erträumte er sich schon seit geraumer Zeit. Sein Konkurrent, Jeffersen C. Corrigan mit seiner »Alamo Trucking«, hatte einen solchen Dauerkontrakt. Das waren sichere Einnahmen. Auch wenn das NASA-Programm sich seit der Shuttle-Katastrophe drastisch reduziert hatte – die Straßentransporte hatten nie nachgelassen. Aber so sehr sowohl der King selbst als auch sein Schwiegersohn Nolan »Sharkey« Curtis sich bisher bemüht hatten – es war nichts daraus geworden. Die NASA wollte keine zwei Festkontrakte in dieselbe Stadt vergeben. Schon gar nicht an zwei Großfirmen, wie es die »Ryland Trucking Company« und Jeffersons »Alamo« waren. Jefferson hatte die Nase vorn, und dabei war es geblieben.

Und jetzt dieser Brief …

Ryland las ihn zum dritten Mal.

Transport einer Titan-Trägerrakete vom Montagezentrum in Denver zum »Missile Test Center« nach White Sands. Rund sechshundert Meilen, rund sechstausend Dollar plus Zusatzkosten. Mögliche Folgeaufträge …

»Hm«, machte Ryland nachdenklich. Das Angebot, wenn es stimmte, war natürlich eine fantastische Sache. Ein alter Traum wurde wahr. Aber konnte das nicht auch bedeuten, dass Jefferson bei der NASA gewissermaßen in Ungnade gefallen war? Oder gingen sie jetzt nach so vielen Jahren von ihren Prinzipien ab?

Der King beugte sich vor. Sein Mittelfinger berührte die Sprechtaste der Anlage. »Sharon? Ich brauche eine Leitung zur NASA nach Houston. Zu … einem Mister Yanar. Seltsamer Name. Der Anschluss ist …« Er rasselte die Nummer herunter. Sharon Hayes speicherte sie gleichzeitig ein.

»Wird ein paar Minuten dauern, Chef.«

Er nickte und drehte den Brief in den Händen hin und her. Dann ertönte der Summer. »Mister Yanar auf Apparat eins, Sir.«

Ryland nahm den Hörer ab. »Ryland. Guten Tag, Mister Yanar. Ich schätze die Ehre, die uns zuteil wird, aber bevor wir ins Geschäft einsteigen, hätte ich gern Einzelheiten erfahren. Was dürfen wir für Sie transportieren? In Ihrem Brief steht etwas von einer Titan-Rakete …«

»Mister Ryland, wir mussten uns von dem bisherigen Kontraktinhaber trennen, der für uns zwischen Denver und White Sands pendelte«, sagte Yanar. Er hatte eine freundliche, aber feste Stimme. »Wie Sie sicher wissen, setzen wir sowohl eigene Trucks ein, als wir auch Fremdkontrakte vergeben. Nun, wir befinden uns augenblicklich in einem kleinen Engpass. Der Transport muss schnell erfolgen, und wir haben keinen eigenen Truck frei, den wir vorübergehend auf der Denver-Route einsetzen könnten. Deshalb haben wir uns an die RTC gewandt.«

Ryland schmunzelte. »Waren wir so hartnäckig?«

»So kann man sagen, Mister Ryland.« Yanar lachte leise. »Sie stehen auf der Ersatzliste ziemlich weit oben, und wir gehen natürlich auch davon aus, dass es in einer Firma Ihrer Größe Experten für Spezialtransporte gibt. Mit diesen Erfahrungen kann nicht jeder kleine Trucker aufwarten.«

Aber Corrigan hatte doch solche Leute. »Bisher haben Sie sich doch immer an unsere Konkurrenz gewandt …«

»Alamo Trucking kann diesen Transport nicht übernehmen. Übernehmen Sie?«

Ryland lachte leise. »Ich denke schon«, sagte er.

»Gut. Ich sende Ihnen die Daten zu. Ihr Computeranschluss?«

»Den Kode gibt Ihnen meine Sekretärin«, sagte Ryland. »Wir melden uns dann wieder, okay?«

Damit war das Gespräch beendet. »Alamo Trucking kann diesen Transport nicht übernehmen. Das ist ja interessant«, überlegte Ryland. Er fragte sich nach dem Grund. Corrigan musste ein Narr sein, wenn er einen NASA-Auftrag nicht annahm. Oder – es war ein faules Ei!

Wenig später erschien Sharon Hayes in seinem Büro. Sie legte einige bedruckte Seiten auf Rylands Schreibtisch. »Der NASA-Computer hat uns die Daten schon überspielt, Sir«, sagte sie. »Wenn wir da ins Geschäft kommen könnten … das wäre nicht schlecht.«

Ryland nickte. »Wenn«, sagte er.

»Bedenken, Chef?«

»Die versuche ich gerade nicht aufkommen zu lassen«, erwiderte er. »Das ist die Frachtbeschreibung, ja?«

»Und die Sicherheitsanweisungen, so wie ich das überblicke«, erwiderte sie.

»Bitten Sie Nolan zu mir«, sagte Ryland. »Ich möchte mit ihm darüber sprechen.«

Normalerweise pflegte Luke Ryland seinen Schwiegersohn bei Entscheidungen nicht zu Rate zu ziehen. Es war eher umgekehrt, dass Curtis ihn mal um Rat fragte. Oder dass Ryland ein geharnischtes Donnerwetter losließ, weil Nolan Curtis irgend etwas verbockt hatte. Meist durch seine Intrigenspiele, die er von seinem Schreibtisch aus lenkte. Dem Trucker-King hatte es nie gefallen, wie Nolan an den Fäden der Macht zog. Ryland arbeitete fair und ließ jedem Gegner seine Chance. Curtis handelte nach der Devise: Gib dem Gegner keine Chance – es könnte deine letzte sein. Aber gerade seiner Tricks wegen wollte Ryland ihn diesmal dabei haben. Wenn jemand eine Falle entdecken konnte, dann war es Curtis, der Hai.

Er erschien wenig später im Büro seines Schwiegervaters. »Was liegt diesmal an, Dad? Habe ich wieder etwas ausgefressen?«

Ryland schmunzelte. »Scheint nicht so«, sagte er. »Es sei denn, du hast hier dran gedreht.«

Curtis nahm den Brief und die Papiere entgegen. »NASA? Ist ja hochinteressant. Nein, Dad, wenn du glaubst, ich hätte da etwas angeleiert … ich kann mich nicht mit fremden Federn schmücken.«

»Ich weiß. Sie sind von sich aus zu uns gekommen.«

Curtis war nicht weniger überrascht als zuvor der King.

»Schau‘s dir an, und dann sag mir, was du davon hältst.« Er berichtete von dem Telefonat mit Yanar. Curtis überflog die ausgedruckten Zeilen in Nadelschrift. Er nagte an seiner Unterlippe.

»Alamo will nicht übernehmen, sagtest du, Dad?«

»Kann nicht, sagte Yanar wörtlich. Ich frage mich, warum. Corrigan hat doch Trucks und Fahrer wie Mackenzies Esel Flöhe.«

»Du meinst also, an der Sache ist was faul. Traust du das der NASA zu?«

»Ich traue der NASA zu, dass sie nur mit halb aufgedeckten Karten spielt«, sagte der King.

»Wenn etwas faul ist, werde ich es erfahren«, sagte Curtis. »Bis wann musst du es wissen?«

Ryland warf einen Blick auf den Brief. »Spätestens morgen, denke ich. Länger dürfen wir die NASA-Leute nicht warten lassen.«

Curtis grinste nach einem Blick auf die Uhr. »Ich kümmere mich darum«, versprach er und verließ das Büro seines Schwiegervaters. Luke Ryland sah durch das großzügig verglaste Fenster nach draußen auf das ausgedehnte Gelände. Vorn war der Zierteich mit den Ochsenfröschen, die sich jetzt in der Vormittagssonne ruhig verhielten. Eine kleine Insel der Ruhe in einer großen Firma, die von Jahr zu Jahr hektischer werden musste, wenn sie auch weiterhin ihren Tausenden Mitarbeitern Sicherheit gewähren sollte.

Luke Ryland trommelte mit den Fingerspitzen einen fast unhörbaren Takt auf die Sessellehne. Etwas gefiel ihm an dem Auftrag nicht. Aber was?

 

 

4

»Sie sehen hinreißend aus«, murmelte Curtis und rückte der jungen Dame den Stuhl zurecht, ehe er sich selber an dem kleinen Tisch in der Fensternische niederließ. Monica Corrigan quittierte es mit einem amüsierten Lächeln.

»Was wird Ihre liebe Frau Gemahlin dazu sagen, wenn sie erfährt, dass Sie mit anderen Frauen essen gehen und Komplimente verteilen?«, fragte sie spöttisch.

»Nun, ich schätze, sie wird einmal mehr fremdgehen«, sagte Curtis trocken. »Eher quält mich die Frage, was Ihr gestrenger Herr Vater sagen wird, wenn er erfährt, dass Sie sich vom Schwiegersohn seines größten Konkurrenten einladen lassen? Zudem von einem Mann, den er absolut nicht ausstehen kann?«

Monica lachte leise. »Er lässt mich meinen Weg gehen, wie immer. Inzwischen hat er sogar schon aufgegeben, mir mit Enterbung zu drohen.«

Jefferson C. Corrigans Tochter galt nicht nur in San Antonio und Umgebung als Playgirl. Sie war jung, sah gut aus und schlug daraus ihr Kapital. Sie fehlte auf keiner Party, ging durch alle erreichbaren Betten gutaussehender Männer und verjubelte ihr Vermögen. Diesen Ruf hatte sie sich geschaffen, und sie tat alles, ihn zu halten. Dass das nur eine Facette ihrer Persönlichkeit war, wussten nur wenige Leute. Zu ihnen gehörte Nolan Curtis, der längst festgestellt hatte, dass die kapriziöse Monica Corrigan nicht nur ein leichtlebiges Sexpüppchen der texanischen Highsociety war.

Und zuweilen zog er seinen Nutzen daraus, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. So wie jetzt!

Curtis war hübschen Frauen recht zugetan, aber bislang hatte es noch keine geschafft, ihm so den Kopf zu verdrehen, dass er seine Ziele aus den Augen verlor. Nicht einmal seine Frau Amber. Auch sie war eher Mittel zum Zweck denn geliebte Partnerin. Aber sie passten zusammen, waren vom gleichen Schlag. Vielleicht hielt ihre Ehe gerade deshalb trotz aller häufigen Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten noch. Und vielleicht auch, weil Curtis bemüht war, Amber an seiner Seite zu halten – als Trumpfkarte gegen Luke Rylands Unterbewusstsein.

Monica Corrigan blätterte in der Speisekarte und überlegte, mit welchen auserlesenen Spezialitäten sie Curtis durch Bankspekulationen ohnehin angeschlagenes Konto weiter schädigen konnte. Curtis dagegen gedachte die Unkosten vom Firmenkonto abbuchen zu lassen, natürlich steuerlich absetzbar – immerhin war dies für ihn ein Arbeitsessen. Dass es mit der Tochter des Konkurrenten stattfand, änderte daran nichts.

Monica kam auch ziemlich schnell zur Sache. »Nolan, Sie haben mich doch bestimmt nicht meiner schönen Augen wegen eingeladen. Es liegt kein Fest an, keine besondere Gelegenheit, kein privater Feiertag in Ihrer oder meiner Familie – also, was wollen Sie?«

»Eine Auskunft«, gestand der »Hai«. Er lächelte aufmunternd. »Alamo Trucking hat doch einen NASA-Festkontrakt, nicht wahr? Mich interessiert, warum neuerdings Aufträge der NASA abgelehnt werden, obgleich sie vom Festkontrakt her erfüllbar sein müssten.«

Monica lachte. »Mehr wollen Sie nicht wissen, Nolan? Nur, warum Aufträge abgelehnt werden? Nicht, welche lukrativen Geschäfte Sie meinem Vater vor der Nase wegschnappen können? Ich fasse es nicht …« Sie wurde abrupt ernst. »Was haben Sie vor, Nolan? Was ist mit dem NASA-Kontrakt? Wollen Sie uns den abnehmen?«

»Liebend gern«, sagte Curtis offen. »Aber nur, wenn es sich lohnt. Gerade deshalb interessiert mich ja diese Ablehnung. Ich möchte nicht in ein Geschäft einsteigen, das kein Geschäft ist.«

»Sie sind erstaunlich offen«, sagte sie überrascht.

»Manchmal, Monica … nur manchmal.« Er zeigte wieder sein Haifischgrinsen. »Tun Sie mir den Gefallen?«

»Wenn es mehr nicht ist … danach sind Sie wieder dran, Nolan. Zug um Zug, nicht wahr?«

»Sie sehen das immer so ungeheuer pragmatisch, Miss Corrigan. Sie wissen doch, dass ich immer mit Rat und Tat zur Verfügung stehe.«

»Ich rufe Sie an. Bis wann brauchen Sie die Information?«

»Schleunigst, Monica.«

Sie nickte. »Geht in Ordnung. Dann können wir uns ja jetzt über etwas privatere Themen unterhalten.«

Mit Vergnügen, dachte Curtis und genoss die Gegenwart der aufregenden Monica Corrigan.

 

 

5

Einige Stunden später erhielt Nolan den versprochenen Anruf. Überrascht lauschte er. Dann marschierte er mit dem neuen Wissen im Büro des Trucker-Kings auf.

»Wir sollten die Finger davon lassen, Dad«, schlug er vor. »Corrigan und seine Leute sind recht vorsichtig. Sie halten den Raketentransport für riskanter, als die NASA ihn darstellt.«

»Woher willst du das wissen, Nolan?«, erkundigte sich Ryland. Aber als er Sharkeys Lächeln sah, verzichtete er auf eine Antwort. Sein Schwiegersohn pflegte die Quellen, aus denen er sein Wissen bezog, nur im äußersten Notfall preiszugeben, und bisher hatte sich immer herausgestellt, dass diese Quellen die Wahrheit berichteten. Curtis war nicht so dumm, bei der Suche nach Informationen auf Schwätzer hereinzufallen.

Curtis ließ sich im Besuchersessel nieder und schlug die Beine übereinander. »Das Abrüstungsprogramm unserer Regierung in Washington und die Einbahnstraße der NASA tragen Früchte«, stellte er fest. »Seit dem Stopp der Spaceshuttle-Flüge nach der ‘86er Katastrophe mit der Challenger kann die NASA kaum noch ihre Aufträge erfüllen, Satelliten ins All zu bringen. Private Satellitenleute wenden sich bereits ans Ausland. Die NASA hat damals den großen Fehler begangen, sich auf Spaceshuttles festzulegen und herkömmliche Raketen einzumotten. Um aber die Aufträge im Land zu halten und damit selbst auch wieder Geld zu verdienen, sind sie gezwungen, zwischenzeitlich doch wieder herkömmliche Raketen einzusetzen.«

Ryland nickte. »Ist klar. Was hat das aber mit der Abrüstung zu tun?«

Curtis grinste. »Rings um Denver liegen Raketenstellungen. Die fallen der Abrüstung zum Opfer. Die Air Force kann mit den Raketen nichts mehr anfangen. Die NASA kauft sie also auf – ohne die Sprengköpfe –, und baut sie auf zivile Erfordernisse um.«

»Dass man aus einer Pershing- oder Cruise-Missile-Rakete eine Titan machen kann, kannst du jemandem erzählen, der das Radio aufschraubt und darin nach dem Mikromenschen-Orchester sucht«, sagte Ryland.

»Was sie da genau machen, weiß mein Informant nicht, das ist klar«, sagte Curtis. »Ich nehme an, dass sie Teile der abzuwrackenden militärischen Flugkörper verwenden. In Denver haben sie ein Raketenwerk, in dem jetzt wieder mit Volldampf Titan-Träger zusammengebastelt werden. Die NASA muss unbedingt den Anschluss halten, seit die Russen Raketenstarts zu Dumpingpreisen überall in der Welt anbieten. Die schießen so einen Satelliten für nicht mal fünfzehn Millionen Dollar in den Weltraum.«

»Das hat dir dein Informant aber nicht gesagt«, behauptete Ryland.

»Nein, dafür steht‘s in der Zeitung«, konterte Curtis. »Das nur zum Hintergrund der Aktion, Dad. Auf jeden Fall müssen also deshalb verstärkt Raketentransporte von Denver zum Versuchsgelände White Sands gebracht werden, wahrscheinlich auch hinunter nach Florida zum Cap Canaveral.«

»Es ist also mit einer Menge Folgetransporte zu rechnen. Du hast mir immer noch nicht verraten, was daran faul ist.«

»Diese Rakete hier«, sagte Curtis. »Die Rakete bekam in Denver einen neuartigen Rechnerkopf eingebaut, der eine Selbststeuerung ermöglicht und das Projektil recht unabhängig von Kursberechnung machen soll. Es kann also theoretisch jederzeit starten und ist nicht von günstigen Uhrzeiten wegen der Erddrehung abhängig …«

»Himmel, Nolan, das will ich doch alles gar nicht wissen!«, polterte Ryland. »Du solltest langsam zur Sache kommen.«

»Ich bin bei der Sache, Dad. Der Rechnerkopf ist keine NASA-Entwicklung und noch nicht erprobt. Mit dieser Rakete soll der erste Test erfolgen. Und jetzt halte dich fest: Die Rakete ist bereits in Denver voll betankt worden.« Ryland schluckte.

»Was soll denn das?«, fragte er. »Das ist ja Gefahrengut allererster Güte. Haben die unten in White Sands keinen Treibstoff?«

»Ich weiß nicht, warum sie es getan haben. Auf jeden Fall halten die Corrigan-Leute diesen Transport für eine rollende Super-Bombe, wenn er erst einmal unterwegs ist. Und dieselbe Meinung habe ich mir gebildet. Wir sollten es lassen. Mit etwas Pech verlieren wir ein Team!«

Vom Truck zu schweigen, dachte er.

»Meinst du, dass es so ernst ist? Die Army transportiert täglich betankte Raketen.«

»Aber keine von der Größe einer Titan. Wenn die hochgeht, womöglich noch in der Nähe einer Ortschaft, gibt es ein Massenbegräbnis.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die NASA so leichtsinnig ist«, murmelte Ryland bestürzt. »Das will mir nicht in den Kopf.«

»Es sind Tatsachen, Dad. Und auch wenn uns dadurch Anschlussaufträge flöten gehen sollten – wir lehnen ab, Dad. Im Interesse unserer Fahrer! Ich kann und will die Leute nicht in eine mögliche Katastrophe stürzen.«

»Möglich, sagst du.« Ryland erhob sich. »Es ist aber auch möglich, dass alles glatt geht.«

»Dad!« Curtis Stimme erhielt beschwörenden Klang. »Ein neu entwickelter Rechnerkopf, unerprobt, fest montiert! Kannst du dir vorstellen, dass es Leute gibt, die sich für diese Neuentwicklung interessieren und sie haben möchten, egal wie? Zwischenfälle sind programmiert! Das Risiko will ich nicht eingehen.«

»Du meinst, jemand könnte sich an den Transport heranmachen.«

»Da hilft das Fahrkönnen der besten Fahrer nicht. Vergessen wir‘s.«

Ryland zuckte mit den Schultern. Er sah einen Traum wieder in die Ferne rücken. Kein Transport, keine Chance auf einen Dauerkontrakt. Er wandte sich vom Fenster, vor dem er stehengeblieben war, ab.

»Okay, Nolan«, sagte er. »Du hast den Überblick. Ich hatte schon eine halbe Zusage gegeben. Vielleicht ist es aus diesen beiden Gründen besser, wenn du die Ablehnung formulierst.«

»Ich übernehme das«, sagte Curtis. »Mir fällt da schon ein Trick ein, der uns dennoch ein Hintertürchen offen hält.« Er lachte leise und verließ Rylands Büro.

Draußen hatten die Ochsenfrösche am Teich ihren Nachmittagsschlaf beendet und begannen mit einem vorübergehenden Konzert.

Ryland dachte an die »Alamo Trucking«. Die hatte auch abgelehnt. Vielleicht war die Sache doch so riskant, wie Curtis sich ausdrückte.

Ryland kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Es gab noch genug Arbeit. Die Räder der größten Trucking-Firma der Südstaaten standen niemals still.

 

 

6

Curtis ließ sich mit Mister Yanar von der NASA in Houston verbinden.

»Sie haben sich entschieden?«, fragte Yanar.

»In der Tat«, erwiderte Curtis. »Es ist eine Entscheidung, die uns selbst unangenehm ist. Mister Ryland zeigt sich sehr an dem Auftrag interessiert, aber zu unserem Leidwesen oder auch zu unserem Glück, wie man‘s nimmt, sind derzeit alle unsere Trucks an Aufträge gebunden. Wir haben momentan kein Fahrzeug frei, das für den Transport in Frage käme.«

Hoffentlich verstehst du nichts von Trucking, dachte er. Sonst wüsstest du, dass es so etwas günstigenfalls bei kleinen Firmen gibt.

»Das ist sehr bedauerlich, Mister Curtis«, sagte Yanar. »Wusste Mister Ryland bei seinem Anruf nichts von der Auslastung seiner Fahrzeuge?«

Curtis lachte leise. »Mister Yanar, Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Dinge, wie Sie wissen. Mister Ryland wollte den Auftrag und bat mich festzustellen, welcher Truck in Frage käme. Dass wir ausgelastet sind, konnte er gar nicht wissen. Das sind Dinge, die sich im Verwaltungsbereich unterhalb der Chefetage abspielen.«

»Ja, dann … ist es natürlich für Sie und für uns bedauerlich. Wir müssen uns also nach einem anderen Partner umsehen.«

»Vielleicht – habe ich da jemanden für Sie«, sagte Curtis schnell. Ihm war eine Idee gekommen. »Sehen Sie, es ist gegen unser Geschäftsprinzip, einen Kunden dadurch zu verlieren, indem wir ihm nur einfach unsere Ablehnung mitteilen. Wir bemühen uns stets, Ersatz anzubieten. Und das möchte ich nun auch hier tun.«

»Ich höre, Mr. Curtis.«

»Es handelt sich um ein kleines Zweimann-Unternehmen«, sagte Curtis. »Die Firma Sherman & Washburn, ebenfalls hier in San Antonio beheimatet. Mister Sherman ist ein Freund von mir und war einmal der Schwiegersohn Mister Rylands. Sherman fühlt sich immer ein wenig im Schatten der RTC. Vielleicht könnte er diesmal auch etwas vom Lichtstrahl abbekommen. Sherman und Washburn sind zuverlässige Leute. Ich hätte sie nur zu gern selbst als Fahrer in unserer Firma. Aber sie wollen nicht ihre Freiheit aufgeben.«

»Das ist verständlich. Und es ehrt Sie, Mister Curtis, dass Sie eine kleine Firma empfehlen. Wir danken Ihnen.«

»Ich danke Ihnen auch. Wir sind auch weiterhin an Kontrakten interessiert – wir haben nur eben im Moment eine etwas stärkere Auslastung. Wir denken allerdings an Erweiterung, um solche Engpässe künftig zu vermeiden.«

Dann lehnte er sich zufrieden zurück. Er hatte die Firma bei der NASA in ein gutes Licht gerückt, trotz der Ablehnung, und hielt das Eisen weiter im Feuer. Und wenn sein Intimfeind Sherman den Auftrag tatsächlich angeboten bekommen würde und er zugriff – nun, dann war es sein Risiko.

Sherman war dafür bekannt, dass er risikofreudig war.

Curtis grinste.

Wenn Sherman von der Bühne verschwand – er würde ihm nicht nachweinen. Und er brauchte sich nicht einmal Gewissensbisse zu erlauben. Sherman konnte ja ablehnen, so wie Corrigan abgelehnt und wie die RTC abgelehnt hatte. Schließlich gab es ja auch noch andere Risiko-Fahrer, die sich darum reißen würden.

 

 

7

Dass man Jim Sherman in seinem Haus in San Antonio anrief, kam recht selten vor – er lieferte niemandem Rechenschaft, wann er daheim war und wann nicht, und da er als Trucker fast ständig unterwegs war, konnte niemand damit rechnen, ihn tatsächlich zuhause zu erwischen. Carla Sue, seine Verflossene, rief zuweilen auf Verdacht an, und hin und wieder landete sie dabei auch mal einen Treffer. Aber Jim konnte sich nicht vorstellen, wer außerhalb des Ex-Familienkreises es fertigbrachte, ihn zu stören. Eigentlich brauchte er das Telefon nur, um hin und wieder selbst mal jemanden anzurufen.

»Mister Sherman von der Trucking-Firma Sherman & Washburn? Sind Sie an einem Auftrag interessiert? Es müsste allerdings schnell entschieden werden«, sagte der Anrufer, der Janner oder so ähnlich hieß.

Jim lachte. »Hören Sie, Sir, ich bin gerade mit meinem Partner von einer längeren Tour heimgekommen und bedarf der Ruhe. Wir sind zwar immer an Fracht interessiert, aber …«

»Wenn Sie interessiert sind, dann setzen Sie sich doch bitte unverzüglich mit der Agentur Brooks & Bellman in San Antonio in Verbindung. Die Agentur wurde von uns bevollmächtigt.«

»Und wer ist uns?«, wollte Jim wissen, der den Anfang der Vorstellung nicht richtig mitbekommen hatte.

»North American Space Administration, Houston. Berufen Sie sich auf Mister Yanar. Das bin ich.«

Jim pfiff durch die Zähne. »Und worum geht‘s?«

»Das sagt man Ihnen bei Brooks & Bellman, Sir.«

Jim rief Bob an, der seine Wohnung in der City auch wieder mal mit seiner Anwesenheit beehrte. »Ich fahre zu Brooks & Bellman, Partner. Die NASA will uns an die Angel nehmen. Ich wurde gerade von einem Yanar angerufen …«

»Dass der sich einen Jux mit dir erlaubt, hast du dich noch nicht gefragt? Frachtaufträge werden abgewickelt, indem der Trucker zum Broker geht und fragt. Da wird nicht am Privattelefon geklingelt. Wenn du dich zum Kasper machen willst – bitte. Mich aber findest du ab neun Uhr abends in irgendeinem Musikschuppen, okay?«

Das machte Jim doch misstrauisch. Er rief bei der NASA in Houston zurück und verlangte Mister Yanar zu sprechen, ehe er sich zum Narren machte und bei Brooks & Bellman auslachen ließ. Anschließend war er etwas beruhigter. Dennoch hatte Bob recht. Es war schon ein wenig ungewöhnlich …

Brooks & Bellman hatten ihre Agentur draußen im Industriegebiet ihn Westen der Stadt, nicht weit vom Gelände der RTC entfernt. Im Gegensatz zum verstorbenen Tom Bell mit seinem Faible für kleine Unternehmen schob man hier die lukrativen Aufträge gern den größeren Firmen zu und überließ den kleinen Fischen die kleinen Aufträge, die meist mehr Ärger als Geld brachten. Deshalb steuerten die meisten kleinen Trucker die Agentur erst gar nicht mehr an, die vornehmlich eng mit »The Alamo Trucking« zusammenarbeitete. Entsprechend gering war das Fahrzeugaufkommen auf dem Hof; bei größeren Firmen wurde alles meist ohnehin von Schreibtisch zu Schreibtisch geregelt, ohne dass ein Fahrer selbst in die heiligen Hallen hereinpoltern musste.

Jim polterte in die heiligen Hallen hinein, die jetzt, wenige Minuten vor Feierabend, wie leergefegt waren. Ein recht kleiner, gediegen eingerichteter Raum mit drei offenen Terminals, an denen leidlich gutaussehende Damen sich im Fingerpolieren übten. Sie warfen Jim missbilligende Blicke zu.

Er stellte sich vor. »Ein Mister Yanar von der NASA teilte mir mit, dass hier ein Auftrag auf mich wartet …«

»Möglicherweise, Mister Sherman«, flötete die angesprochene Fingerbemalkünstlerin spitz. »Gehen Sie bitte nach hinten durch. Ich melde Sie an.«

Jim ging.

Bellman persönlich begrüßte ihn. »Setzen Sie sich, Sherman. Sie sind wegen der Rakete hier, nicht wahr? Bitte, die Unterlagen.«

Jim rührte sie nicht an. »Wie kommt die NASA ausgerechnet an mich? Warum wurde ich in meiner Wohnung angerufen?«

»Das war ein Versuch, teilte Mister Yanar mir mit. Wären Sie nicht daheim gewesen, hätten wir den Auftrag einer anderen zuverlässigen Firma angeboten. Aber Yanar drängte, Ihnen den Job zu geben. Sie seien der NASA empfohlen worden, außerdem hätten Sie schon einmal für sie gefahren.«

Jim nickte. Das war die Sache gewesen, die sie zusammen mit dem schießwütigen Teufelsweib Mary Cook und ihrem »California Booster« durchgezogen hatten. Damals war es auf Biegen und Brechen gegangen. Jemand hatte versucht, Mary ihren Kontrakt abzujagen, indem er sie in Terminschwierigkeiten brachte. Und bei der NASA zählte Pünktlichkeit zu den ersten Tugenden – es sei denn, es handelte sich um Raketenstarts.

»Und wer hat uns empfohlen? Eine gewisse Mary Cook?«, fragte er. Die Truckerlady hatte ihm damals entsprechende Andeutungen gemacht.

»Ein gewisser Nolan Curtis«, sagte Bellman. »Bitte, wollen Sie sich die Unterlagen nicht ansehen? Die Zeit drängt, und Sie müssen immerhin noch bis Colorado fahren.«

»Sie haben doch sicher auch noch eine Fracht, die wir gleichzeitig nach Denver und Umgebung bringen können«, sagte Jim schnell. »Eine Leerfahrt bringt nur unnötige Kosten, aber das wissen Sie ja.«

»Die NASA honoriert die Fracht weit über Tarif, Sherman«, sagte Bellman.

»NASA-Fracht und Leerfahrt von San Antonio nach Denver sind zwei verschiedene Paar Schuhe«, sagte Jim. »Wenn wir keine Fracht bekommen, brauchen wir uns erst gar nicht weiter zu unterhalten.«

»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte er. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« Er schwenkte mit dem Drehsessel zu einem Bildschirm mit Terminal herum, tastete etwas ein und betrachtete dann die Anzeige auf dem farbigen Monitor.

»Sie haben Glück, Sherman«, sagte er. »Ich könnte da etwas für Sie bereithalten. Sie müssten allerdings schon morgen früh um fünf Uhr am Firmentor der Autex-Corporation stehen und den Auflieger übernehmen. Ich werde den Fahrer, der den Job ursprünglich übernehmen sollte, schon irgendwie umdirigieren.«

»Jetzt noch?« Jim hob nach einem Blick auf die Uhr die Brauen.

»Sehen Sie, große Firmen kennen keinen Feierabend in dem Sinne. Deshalb sind auch wir ständig bereit zu helfen.«

Jim nickte. »Lassen Sie mir ein paar Minuten Zeit«, sagte er. »Ich möchte mir die Unterlagen erst ansehen.«

»Selbstverständlich, Sherman.«

Jim prüfte. Eine Rakete mit neu entwickeltem Rechnerkopf von Denver nach White Sands. Warum nicht? Zumindest war man dann einmal mehr mit der NASA im Geschäft, und das konnte sich später positiv niederschlagen. Jeden Monat eine NASA-Fahrt, das wäre einer von Jims Träumen. Man blieb in heimatnahen Gefilden, hatte eine sichere Auftragslage …

»Okay«, sagte er. »Ich akzeptiere.«

 

 

8

»Andere Leute haben einen gewöhnlichen Vogel«, sagte Bob Washburn wenig später, als Jim ihn in seiner Wohnung heimsuchte. »Bei dir muss es gleich ein Albatros sein. Mann, wir brauchen wenigstens zwei, drei Tage Pause. Keiner von uns ist richtig fit, und du willst morgen früh schon nach Denver rauf. In die Berge. Nee, Freund und Partner …«

»Sechstausend Dollar für sechshundert Meilen«, lockte Jim.

Das konnte Bob dann doch vom Stuhl reißen. »Das ist ja ein Wahnsinnstarif.«

»Jetzt weißt du, warum die NASA ständig in den roten Zahlen ist und die magere Spaceshuttle-Flotte trotz neuer Technik nicht vergrößern kann«, grinste der Texaner. »Weil sie an Trucker hohe Summen verpulvern.«

»Und was soll transportiert werden?«

Jim zeigte ihm die Unterlagen. »Fracht nach Denver haben wir auch, müssen wir allerdings schon früh um fünf Uhr morgen aufsatteln. Aber wenn du absolut nicht willst, kann ich noch telefonisch absagen. Bellman ist ständig am Wirbeln. So wie er eben einen anderen Truck noch nach Feierabend umdirigiert hat, kann er das auch noch einmal tun.«

»Lass mal sehen …« Bob las sich ein. Schließlich nickte er. »Machen wir‘s«, sagte er. »Zehn Dollar pro Meile ist hübsches Geld. Ich frage mich, wo der Haken ist.«

Der Haken heißt wahrscheinlich Nolan Curtis, dachte Jim. Aber er sagte nichts. Der Partner würde vielleicht wieder umschwenken. Aber Jim wollte die Tour, nicht nur des Geldes wegen. Wenn sie zuverlässig fuhren, kamen sie einem Dauerkontrakt einen Schritt näher. Es gab viele Trucker, die sich mit Festverträgen über Wasser hielten. Bisher hatte Jim darauf verzichtet, weil man sich zu sehr an eine bestimmte Route band. Aber hier in Heimatnähe zu fahren, war eine andere Sache.

»Ist also nix mit dem Musikschuppen«, brummte Bob »Schade. High Noon macht Live-Konzert. Aber die Jungs treten auch noch anderswo auf … Hast du was dagegen, wenn ich dich jetzt rausschmeiße, Partner? Wenigstens ich möchte morgen früh ausgeschlafen sein. Vier Uhr treffen wir uns bei dir, okay?«

»Einverstanden.«

Jim machte, dass er heimkam.

Der Anrufbeantworter hatte zwischenzeitlich einen Anruf Carla Sues aufgezeichnet. Jims geschiedene Frau hatte auf unerfindlichen Wegen herausgefunden, dass er wieder einmal in San Antonio war, und fragte an, ob er mit ihr essen gehen wolle. Es gäbe einiges zu bereden, und so weiter. Jim starrte das Telefon an wie einen persönlichen Feind. Er hatte nichts gegen Carla Sue. Er wollte nur möglichst in Ruhe gelassen werden. Sie hatten sich damals gütlich getrennt, als sich herausstellte, dass zwei Welten aufeinanderprallten, die nie eine Annäherung erlaubten. Auf der einen Seite der Trucker, der den Geruch von Diesel und heißem Asphalt schätzte, und auf der anderen Seite die elegante Lady, die sich im Ballkleid und auf Partys wohler fühlte als in der Nähe eines brummenden Trucks. Jim hatte geglaubt, damals mit der Scheidung einen Schlussstrich zu ziehen, aber Carla Sue bedrängte ihn immer wieder, es doch noch einmal zu versuchen. Sie habe sich geändert und wollte sich Jim anpassen.

Aber das konnte er sich nun doch nicht vorstellen. Niemand kann aus seiner Haut. Dass er selbst Carla Sue immer noch liebte, gestand er sich nicht einmal selbst ein. Er floh förmlich vor ihr. Und diesmal war er froh, eine glaubwürdige Ausrede zu haben. Nun, wenigstens den Anruf war er ihr schuldig und teilte ihr mit, dass aus dem Abend nichts werden konnte, weil er frühmorgens schon wieder aus den Federn musste.

»Du bist doch sonst immer für mehrere Tage hier«, protestierte Carla Sue.

»Sonst bekomme ich ja auch keine NASA-Transporte nachgeworfen«, erwiderte Jim. »Tut mir leid … was macht deine Boutique?«

Er war froh, als er das Gespräch schließlich beenden konnte. Ihre Stimme, so vertraut und doch so entfremdet …

Er schüttelte alles ab und zwang sich zur Ruhe. Er musste in ein paar Stunden schon wieder fit sein.

Und dann waren sie unterwegs.

 

 

9

Der Interstate Highway 25 führte sie nach Süden. Eine breit ausgebaute, teilweise vierspurige Straße durch die Ausläufer der Rockies. Colorado Springs, Pueblo, Trinidad … am Raton-Pass würden sie nach New Mexico wechseln. Eine beachtliche Bergstrecke stand ihnen bevor. Immerhin mussten sie über den Fisher‘s Peak, der fast 9600 Fuß hoch aufragte. Der Raton-Pass lag immerhin auch noch über 7800 Fuß hoch. Dagegen lag Trinidad mit seinen nicht mal 6000 Fuß schon fast abgrundtief. Hinzu kam, dass gerade dort der Highway schmal wurde. Das würde der schwierigste Abschnitt der Strecke sein.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939200
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541951
Schlagworte
sherman nasa-auftrag

Autor

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Titel: Sherman und der NASA-Auftrag