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Wenn es im Herzen dunkel wird

2020 96 Seiten

Leseprobe

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Wenn es im Herzen dunkel wird

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Wenn es im Herzen dunkel wird

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.

 

Hektisch kämpfte das Ärzte-Team der Paracelsus-Klinik um das Leben des jungen Patienten. Er war, vollgepumpt mit Drogen, vor zwei Stunden eingeliefert worden.

„Wir bringen ihn nicht durch“, stöhnte Dr. Wolfram. „Er packt’s nicht.“

„Weitermachen“, befahl Sören Härtling, ohne auf die Worte des jungen Kollegen einzugehen. Verbissen kämpften sie weiter. Aber dann blieb das Herz des Mannes stehen und ließ sich auch nicht mehr aktivieren. Atze Reichmann starb in der Paracelsus-Klinik, wo zur selben Zeit seine Mutter lag. Eine Frau, der Dr. Härtling sagen musste, dass sie Krebs hatte und die nun auch noch ihr einziges Kind verloren hatte...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dem Grillfest war ein voller Erfolg beschieden.

Alle waren gekommen - der ganze Clan.

Trix und Dr. Axel Lassow, der sehr erfolgreiche Rechtsanwalt, mit ihren Kindern Michaela und Sören. Professor Dr. Walter Paracelsus, der Gründer der weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannten Paracelsus-Klinik, die nun von seinem Schwiegersohn Dr. Sören Härtling geleitet wurde, mit seiner Frau Nessy. Dr. Gerd Paracelsus und seine Frau Röschen.

Außerdem hatten die Härtlings Dr. Daniel Falk, den Chefarzt der Chirurgie, und seine Frau, Moni und Michael Wolfram, die blonde, schöne und ledige Anästhesistin Dr. Andrea Keilberg, den Chirurgen Dr. Christian Gutwell, die Familie Borström und den Plattenproduzenten und Rennstallbesitzer Clemens Bennet eingeladen.

Der Wettergott verwöhnte die Partygäste mit kobaltblauem Himmel, strahlendem Sonnenschein und angenehmer Wärme.

Sören Härtling grillte saftige Steaks, Hackfleisch und Weißwürste, die Zwillinge Dana und Ben versorgten die durstigen Gäste mit Getränken und die Salatbar wurde von Ottilie, der tüchtigen Haushälterin der Familie Härtling, betreut.

Sören liebte solche Feste. Er war gern mit Freunden und Verwandten zusammen.

Nessy kam zu ihm. „Ein gelungenes Grillfest, sagte die rüstige Fünfundsechzigjährige.

„Gefällt es dir?“, fragte Sören stolz lächelnd.

„Ich amüsiere mich großartig.“ „Das freut mich. Möchtest du ein zartes Steak haben?“

„Ich hatte bereits eines“, erwiderte Nessy, die früher als Modeschöpferin tätig gewesen war und zum Grillen dementsprechend geschmackvoll und elegant gekleidet, jedoch nicht „overdressed“ erschienen war.

„Iss noch eines“, meinte Sören Härtling. „Und was ist mit meiner Figur?“ Dr. Härtling musterte Nessy von Kopf bis Fuß. „Ich habe nichts daran auszusetzen.“

„Ja, aber nur, weil ich mich nicht mästen lasse.“

„Du kannst auch ein halbes Steak haben.“

Nessy hob abwehrend die Hände. „Führe mich nicht in Versuchung."

„Mit Zwiebelsenf und Knoblauchbutter.“

Nessy lachte laut. „Du willst wohl, dass mein Mann heute Nacht im Gästezimmer schläft.“

„Dann bleibt dir mal sein Schnarchen erspart“, konterte Sören gut gelaunt.

„Ach, daran habe ich mich im Laufe der Zeit so gewöhnt, dass ich’s nicht mehr höre.“

Röschen holte sich eine gegrillte Weißwurst und Daniel Falk bat seinen Freund um ein würziges „Fleischpflanzerl“ mit Ketchup.

Während die beiden älteren Damen sich entfernten, ließ Dr. Falk den Blick schweifen. Da, wo es Bier vom Fass gab, standen Christian Gutwell und Andrea Keilberg.

„Ich kann mir denken, weshalb du die beiden eingeladen hast“, sagte Dr. Falk schmunzelnd.

Sören gab sich ahnungslos. „So? Weshalb denn?“

Daniel Falk zeigte mit der Gabel auf Dr. Härtling. „Du möchtest Schicksal spielen, mein lieber Freund, gib’s zu.

„Meinst du?“

Dr. Falk hob die Augenbrauen. „Die Keilberg ist ledig. Gutwell ist es auch und da scheint ihr listiger Chef zu meinen, es könnte doch nicht schaden, hier ein bisschen Amor zu spielen und den beiden im zwischenmenschlichen Bereich auf die Sprünge zu helfen.“

„Ich finde, sie passen gut zusammen.“

„Das finde ich auch“, gab Daniel Falk, der Chefchirurg der Paracelsus-Klinik, zu.

„In der Klinik haben sie zu viel um die Ohren, da kommen sie kaum mal dazu, ein privates Wort zu wechseln“, sagte Sören Härtling, „deshalb gebe ich ihnen hier dazu die Gelegenheit. Und, wie mir scheint, nutzen sie sie auch.“ Zur selben Zeit sagte Dr. Gutwell zu seiner schönen Kollegin: „Ich gönne mir noch eine halbes Bier und Sie?“

Andrea Keilberg schüttelte ihre blonde Mähne. „Mir reicht es.“

Sie gingen mit dem Bier in den Schatten, damit es nicht zu schnell warm wurde. Er könne warmes Bier nicht ausstehen, verriet Dr. Gutwell der aparten Kollegin. Er trank einen Schluck, wischte sich mit dem Handrücken den weißen Schaum von der Oberlippe und meinte: „Schön, mit Ihnen mal auf der privaten Schiene zusammen zu sein.“

Andrea schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Ja. Schön.“

Christians Blick erforschte ihre glatten ebenmäßigen Züge. „Da ist man Tag für Tag zusammen und weiß so gut wie nichts voneinander.“

„Ich weiß, dass Sie ein hervorragender Chirurg sind.“

Er lächelte. „Und ich weiß, dass Sie die beste Anästhesistin der Paracelsus-Klinik sind, dass Sie nett, fleißig, warmherzig, intelligent und hübsch sind und dass zu Hause niemand auf Sie wartet.“

Sie schlug kurz die Augen nieder und sagte leise: „Dann wissen Sie doch schon eine ganze Menge von mir.“ „Oh, das ist noch lange nicht genug. Ich möchte gerne alles von Ihnen wissen.“

Sie sah ihn wieder an überrascht, verwirrt. „Warum?“

Er hob die Schultern. „Sie interessieren mich. Sie sind mir sympathisch“, erklärte er mit entwaffnender Offenheit. „War es immer schon Ihr Wunsch, Ärztin zu werden?“

„Ich glaube ja. Wir hatten eine wunderbare Hausärztin, als ich noch ein Kind war, so eine, mit der man über alles reden konnte, die unheimlich viel Geduld hatte und ich wollte eines Tages so werden wie sie.“

„Warum sind Sie dann Anästhesistin geworden?“, fragte Dr. Gutwell. „Es hat sich so ergeben.“

Er nahm wieder einen Schluck von seinem Bier. „Wissen Sie, was ich werden wollte, als ich so ein kleiner Steppke von zehn, zwölf Jahren war?“ „Was?“

„Ich verrate es Ihnen“, sagte Christian Gutwell, „aber Sie dürfen mich nicht auslachen.“

Die attraktive Ärztin hob die Hand wie zum Schwur. „Ich werde nicht lachen.“

„Stierkämpfer.“

„Wie bitte?“ Überrascht sah sie ihn an.

„Ja, ich wollte Stierkämpfer werden. Matador.“

Jetzt lachte Andrea Kellberg zwar, aber sie lachte ihren gutaussehenden Kollegen nicht aus. „Wie um alles in der Welt kamen Sie denn auf diese Idee?“

„Meine Eltern machten mit mir mal in Spanien Urlaub“, erzählte Dr. Gutwell. „Wir besuchten eine Corrida in Barcelona und mir hat es unheimlich imponiert, wie diese mutigen Toreros und Matadores von den begeisterten Zuschauern bejubelt wurden. Diese fanatischen ‘Ole’-Rufe. Diese frenetischen Beifallsstürme. Diese glutvolle Bewunderung ringsherum. Die Stierkampfarena glich einem Hexenkessel. Und mittendrin stand der stolze, tapfere Matador und ließ sich sichtlich zufrieden und scheinbar völlig gelassen von seinen Verehrern feiern. Die Herzen flogen ihm nur so zu. Ganz klar, dass ich auch eines Tages so leidenschaftlich bejubelt werden wollte.“

„Und was war mit dem armen Stier, der tot im Sand lag?“, fragte die blonde Ärztin ernst.

„Sein Schicksal hat mich damals nicht berührt“, gab Christian Gutwell reumütig zu. „Heute denke ich selbstverständlich anders über diese Dinge. Ich finde es schon lange nicht mehr richtig, dass diese Stiere, die völlig chancenlos sind, wenn man sie in die Arena treibt, zum Gaudium der Menschen ihr Leben lassen müssen. Sobald mir das klar geworden war, wollte ich nicht mehr Stierkämpfer werden.“

„Und so haben Sie sich entschlossen, Arzt zu werden.“

„Chirurg“, nickte Christian. „Und zwar, nachdem ich Ewald Baiser im Fernsehen als Dr. Ferdinand Sauerbruch gesehen hatte. Kennen Sie den Film? Ein alter Schwarzweiß-Streifen.“

„Ich erinnere mich dunkel, ihn mal gesehen zu haben.“

Christian Gutwell schmunzelte. „Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gesehen habe. Ich hab ihn auf Videokassette. Wenn Sie möchten, führe ich ihn Ihnen gern mal vor.“

„Das können wir im Auge behalten“, gab Andrea Kellberg zurück und sie ertappte sich bei der neugierigen Überlegung, wie der gutaussehende Kollege wohl wohnen mochte.

 

 

2

„Guten Morgen, Chef.“ Dr. Christian Gutwell trug bereits seinen weißen Arztkittel, als Dr. Sören Härtling ihm auf dem Gang begegnete.

„Guten Morgen, Herr Kollege“, gab der Leiter der Paracelsus-Klinik freundlich zurück.

„Ich möchte mich noch einmal für die Einladung zu Ihrem Grillfest bedanken.“

„Hat Ihnen die Party gefallen?“ Christian Gutwell lachte. „Wenn ich siebzehn wäre, würde ich sagen: Sie war ein Heuler.“

„Das freut mich.“

„Ihr Clan ist schwer in Ordnung“, stellte der junge Chirurg bewundernd fest. „Einer für alle, alle für einen. Das spürt man sofort.“

„Ja, wir sind alle sehr innig miteinander verbunden.“

„Findet man heutzutage, wo die meisten Leute nur noch auf sich selber schauen, selten.“

„Ich hoffe, Frau Dr. Kellberg hat sich bei uns ebenfalls wohlgefühlt“, sagte der Chefarzt und wartete dann gespannt auf eine Reaktion des Jüngeren.

„Darauf können Sie sich verlassen. Wir hatten endlich mal Gelegenheit, über Gott und die Welt zu reden und uns privat ein beträchtliches Stück näherzukommen. Wir haben einige gemeinsame Interessen entdeckt.“ „Gratuliere“, sagte Dr. Härtling.

Dr. Gutwell lachte. „Wozu?“ Sören hob schmunzelnd die Schultern. „Ich weiß nicht.“ Er blinzelte schalkhaft und Christian Gutwell nickte grinsend.

Eine Stunde später begrüßte der junge Chirurg eine Patientin, die bereits vor vier Monaten in der Paracelsus-Klinik gewesen war. Sie hieß Arline Michaelis, war Anfang dreißig, aschblond und verfügte über eine seltsam unterkühlte, jedoch ungemein erotische Ausstrahlung, der man sich als Mann nur schwer entziehen konnte.

Sie war nach einem schweren Autounfall spät nachts mit inneren Blutungen in die Paracelsus-Klinik eingeliefert worden und Dr. Gutwell, der damals Nachtdienst gehabt hatte, hatte ihr mit einer sofortigen Notoperation das Leben gerettet. Seit jener Nacht behauptete die schöne Bankfilialleiterin, ihr Leben gehöre nun nicht mehr ihr, sondern ihm.

Die Geschichte hatte nur einen Haken: Er wollte ihr Leben nicht haben.

„Sie sehen gut aus“, erwiderte der attraktive Chirurg fest.

„Vielen Dank, Dr. Gutwell“, sagte die sportlich braune Patientin. Der verführerische Hauch eines teuren Parfüms umwehte sie.

„Wie geht es Ihnen?“

„Dank Ihnen ausgezeichnet.“

„Das höre ich gern.“

„Ich bin gestern von den Kanaren zurückgekommen“, erzählte Arline Michaelis.

„Wie lange waren Sie da?“

„Zwei Wochen.“

„Gran Canaria?“, fragte Dr. Gutwell. „Lanzarote.“

„Eine faszinierende Insel.“

„Waren Sie schon mal da?“, fragte die schöne Patientin.

Christian Gutwell nickte. „Vor fünf Jahren.“

„Kennen Sie die Feuerberge von Timanfaya?“

„Selbstverständlich.“

Die Augen der Patientin strahlten. „Und das Restaurant, in dem mit der Hitze gegrillt wird, die aus dem Boden kommt?“

„Von diesem großen Naturgrill haben wir ein Hähnchen gegessen“, erinnerte sich Dr. Gutwell.

„Wir?“, fragte Arline Michaelis. „Meine Begleiterin und ich.“

Die Patientin senkte verlegen den Blick. „Ich bin unverschämt neugierig, wie?“

„Ist nicht so schlimm“, beruhigte Dr. Gutwell sie. „Was führt Sie heute zu mir, Frau Michaelis?“

„Meine Stimme“, antwortete die Bankfilialleiterin.

„Ihre Stimme?“

„Sie ist nicht mehr so wie früher. Sie hatte vor dem Unfall einen anderen Klang.“

„Daran ist Ihre deformierte Nasenscheidewand Schuld“, erklärte Christian offen und ohne zu zögern.

„Kann man das nicht in Ordnung bringen? Ich kann mich an meine neue Stimme einfach nicht gewöhnen. Vielen Kunden unserer Bank ergeht es genauso. Ich möchte wieder meine gewohnte wohlklingende Stimme haben.“

„Kein Problem.“

„Aber ich möchte, dass nur Sie die Nasenscheidewandkorrektur durchführen, Dr. Gutwell.“

Er lächelte. Seit er ihr das Leben gerettet hatte, schien er für sie der einzige Arzt zu sein, dem sie vertraute.

Sie vereinbarten einen OP-Termin und Arline Michaelis verabschiedete sich von ihrem Lebensretter, in den sie sich, so glaubte Christian jedenfalls, ein ganz klein wenig verliebt hatte.

Er konnte nicht ahnen, wie sehr sie in ihn verliebt war, und dass es seit fünf Monaten nur noch ihn und keinen anderen Mann mehr für sie gab.

 

 

3

Andrea Kellberg hatte sich nach der Grillparty bei Dr. Härtling sicherheitshalber einen Urlaubstag genommen, um ausschlafen zu können.

Sie ließ es so richtig schön gemütlich angehen, stand um neun Uhr auf, duschte ausgiebig, frühstückte langsam und wenig, komplettierte ihre Einkaufsliste und begab sich damit in den nahen Supermarkt.

In der „Getränkestraße“ stieß sie im wahrsten Sinne des Wortes auf Traude Reichmann, eine Patientin der Paracelsus-Klinik. Sie sah kurz zur Seite und schon rammte ihr Einkaufswagen den von Frau Reichmann, die sich ärgerlich umdrehte und „Na! Na! Na!“ sagte.

Als sie aber die Anästhesistin erkannte, wurde sie sofort freundlich und ihre Züge hellten sich auf. „Grüß Gott, Frau Doktor.“

„Entschuldigen Sie mein Missgeschick, Frau Reichmann.“

„Macht doch nichts. Das kann schließlich jedem passieren, Frau Doktor.“

„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich Andrea Kellberg. Traude Reichmann war als Krebspatientin in die Paracelsus-Klinik gekommen und Dr. Kellberg hatte dem Team angehört, von dem die Frau operiert worden war. Unterleib. Nicht ungefährlich. Aber Frau Reichmann schien den Eingriff gut überstanden und den heimtückischen Krebs nachhaltig besiegt zu haben.

„Ich kann nicht klagen“, antwortete Traude Reichmann, die regelmäßig zur Kontrolle in die Paracelsus-Klinik kam.

Andrea Kellberg zeigte lächelnd in Frau Reichmanns Einkaufswagen. „Schweinefleisch. Das würde Dr. Härtling aber nicht gern sehen.“ „Ausnahmsweise“, sagte Traude Reichmann. „Nur heute. Weil unser Arthur von der Bundeswehr nach Hause kommt. Schweinsbraten mit Semmelknödeln ist halt sein Lieblingsessen, und das muss der Bub doch kriegen, wenn er endlich wieder daheim ist.“

„Na ja, einmal ist keinmal.“

„Ich werd nur ganz wenig davon essen“, versprach Traude Reichmann.

Andrea Kellberg lächelte. „Nun, dann lassen Sie es sich gut schmecken.“

„Danke, Frau Doktor.“

„Ich werde Dr. Härtling nichts davon erzählen.“

Traude Reichmann wischte sich mit der Hand über die Augen und seufzte. „Ich bin schon sehr aufgeregt.“ „Wegen Ihres Sohnes?“

„Ja“, nickte die Patientin. „Mein Mann holt ihn vom Bahnhof ab und dann gibt’s zu Hause eine fröhliche Wiedersehensfeier.“

Die Anästhesistin wünschte der Patientin viel Spaß im Kreise ihrer Lieben und setzte ihren Einkauf versonnen fort. Sie dachte an Christian Gutwell, den sie noch nie so locker und gelöst erlebt hatte wie gestern.

Scheint ein prima Kerl zu sein, dachte sie, während sie Filtertüten, Süßstoff und Kondensmilch in ihren Einkaufswagen legte. Vielleicht kann man sich mal privat treffen. Ganz unverbindlich. Einfach nur mal gemeinsam etwas unternehmen, ohne jeden Hintergedanken. Möglicherweise ist das gemeinsame Ansehen von „Sauerbruch mein Leben“ (so hieß der alte Film wohl) ein vernünftiger Anfang.

 

 

4

Maximilian Reichmann-Bierbauch, Glatze und Schnauzbart wartete seit zwanzig Minuten auf seinen Sohn. Er war nervös. Als Arthur, den seine Freunde „Atze“ nannten, vor drei Monaten zum letzten Mal zu Hause gewesen war, hatte es erhebliche Spannungen gegeben.

„Wenn ich aus der Bundeswehr entlassen werde“, hatte Arthur gesagt, „tu ich erst einmal ein Jahr lang nichts.“

Ärger, in Form von Hitze, war in seinem Vater hochgestiegen. „Aha“, hatte er barsch zu seinem Sohn, diesem arbeitsscheuen Phantasten, gesagt. „Und wovon wirst du leben?“ Arthur hatte unbekümmert gegrinst. „Ihr werdet mich schon nicht verhungern lassen.“

Maximilian Reichmann sah seine Frau an, als könne er nicht glauben, was er soeben gehört hatte. „Ach, du willst deinen Eltern stinkfaul auf der Tasche liegen. Ich soll mich für dich abrackern, soll für Essen, Zigaretten und Bier aufkommen und dir vielleicht auch noch jeden Monat ein fürstliches Taschengeld in die Hand drücken.“ Er fuchtelte zornig mit der Hand vor Arthurs Gesicht herum. „Nein, mein Lieber, daraus wird nichts. So wie du von der Bundeswehr entlassen bist, wirst du wieder Geld verdienen.“

„Ich habe keine Lust mehr, auf dem Bau zu arbeiten.“

„Dann suchst du dir eben einen anderen Job.“

„Vielleicht gehe ich ins Ausland.“ „Auch dort fliegen einem die gebratenen Tauben nicht in den Mund.“

Arthur zuckte sorglos die Schultern. „Ich schlag mich schon irgendwie durch,“ meinte er.

„Und wie?“, wollte sein Vater wissen. In ihm kochte der Zorn. Der Junge reizte ihn mit seiner bornierten Sorglosigkeit immer wieder bis zur Weißglut.

„Mit Gelegenheitsarbeit“, sagte Arthur. „Ich bin genügsam. Ich brauche nicht viel zum Leben. Wenn ich genügend Geld beisammen habe, ziehe ich weiter. So schaue ich mir nach und nach die ganze Welt an.“

„Und wenn du zurückkommst, haben sich alle deine Freunde schon was geschaffen, nur du stehst noch immer mit leeren Taschen da. Aber dafür hast du die Welt gesehen. Welch ein Reichtum.“ Maximilian Reichmann zog verächtlich die Mundwinkel nach unten.

„Was ich gesehen habe, kann mir keiner wegnehmen.“

„Junge, du zäumst das Pferd von hinten auf.“

„Wieso denn?“

„Alle anderen stellen zuerst mal was auf die Beine, legen für schlechte Zeiten Geld auf die hohe Kante und sehen sich die Welt erst später an.“ „Wenn sie vierzig sind“, brummte Arthur. „Da ist das Leben doch schon fast vorbei.“

„So saublöd kannst nur du daher reden“, brauste Maximilian Reichmann auf. Er war fünfundvierzig und fühlte sich noch immer stark genug, die Welt aus den Angeln zu heben.

„Vielleicht werd ich gar keine Vierzig, was dann?“

„Mit dir kann man nicht vernünftig reden.“

„Und du hast verzopfte Ansichten“, behauptete Arthur ohne jeglichen Respekt. „Arbeiten bis zum Umfallen. Sich nur ja nichts gönnen. Nur bloß keine Schulden machen. Immer schön brav sparen.“

„Was ist schlecht daran?“

„So lebt man heute nicht mehr“, versuchte der junge Mann seinen Vater zu belehren. „Der Mensch hat gelernt, das Leben zu genießen. Erholt sich gleich, was er haben möchte. Die Kaufhäuser sind voll mit tollen Sachen. Die wollen alle an den Mann gebracht werden. Da wird nicht erst jahrelang darauf gespart. Man schlägt sofort zu. Das kurbelt die Wirtschaft an.“

„Man schlägt sofort zu. Und mit welchem Geld?“

Arthur winkte ab. „Das werfen einem die Banken doch nach.“

„Und eines morgens wacht man auf und ist so gewaltig verschuldet, dass man sich nur noch erschießen kann, um aus diesem Dilemma raus zu kommen.“ Maximilian Reichmann stöhnte. „Junge, ich verstehe dich nicht.“ Arthur grinste. „Das alte Lied“, sagte er. „Ist doch immer so, dass die Alten die Jungen nicht verstehen. Warum sollte es in unserer Familie anders sein?“

„Einmal möchte ich erleben, dass ihr euch vertragt“, warf Traude Reichmann verdrossen ein. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Vater und Sohn, wie in anderen Familien ein Herz und eine Seele gewesen wären, aber das war bei ihren beiden Männern einfach nicht möglich. „Immer müsst ihr euch streiten“, beklagte sie sich.

„Wir streiten nicht, Mutter“, entgegnete Arthur mit belehrend erhobenem Zeigefinger, „wir sind bloß nicht einer Meinung.“

„Das seid ihr nie und ich frage mich, warum nicht.“

„Das ist halt so, Mutter. Das lässt sich nicht ändern. Damit müssen wir leben.“

 

 

5

Zwei Stunden nach diesem unerfreulichen Hickhack hatte Arthur die Wohnung verlassen und sich nicht mehr zu Hause blicken lassen. Geschrieben hatte er zwei Mal. Ein paar nichtssagende Zeilen. Und angerufen hatte er zwei Mal. Immer dann, wenn sein Vater nicht daheim gewesen war. Als ob er es gerochen hätte. Begreiflich, dass Maximilian Reichmann jetzt nervös war.

Das Wiedersehen mit seinem Sohn konnte sich problematisch gestalten. Anderseits drei Monate sind eine lange Zeit. Da kann man vieles vergessen. Da können sich Ansichten ändern. Da kann eine Menge Gras über eine Sache wachsen.

Vielleicht hatte Arthur in diesen drei Monaten seine Situation neu überdacht und war zur Einsicht gekommen.

Arthur ist kein schlechter Junge, dachte Maximilian Reichmann, während er den Bahnsteig gemächlich entlang schlenderte. Er ist nur ein bisschen verrückt. Ich werde ihn schon irgendwie auf den rechten Weg bringen. In ein paar Jahren, wenn die Sturm und Drangzeit vorbei ist, wird er mir für meine Beharrlichkeit und meine Unnachgiebigkeit dankbar sein. Dann wird er eine nette Frau haben und ein süßes Kind, seine Familie wird ihn glücklich und zufrieden machen und er wird darüber lachen, dass er mal so ein großer Spinner war.

Der Zug, in dem Arthur war, traf mit fünfunddreißigminütiger Verspätung ein. Diese Bahn. Wann war die schon mal pünktlich? Wozu machte man sich überhaupt die Mühe, Fahrpläne zu erstellen, wenn sich hinterher ja doch keiner daran hielt?

Maximilian Reichmann strich sich mit der Hand über die Glatze, während er nach seinem Sohn Ausschau hielt. Eine Menge Reisende stiegen aus. Die Waggons leerten sich.

Eine Mutter hatte Mühe, ihre vier kleinen Kinder beisammen zu halten. Immer wollte irgendeines abhauen. Und um das Gepäck musste sich die leidgeprüfte und stressgeplagte Frau auch noch kümmern. Sie konnte einem wirklich leid tun.

Bevor Reichmann seinen Sohn sah, hörte er ihn. Ihn und seine Kameraden. Sie grölten Soldatenlieder. So laut, dass sie im letzten Winkel der großen Halle des Hauptbahnhofs zu hören waren. Besoffen, dachte Maximilian Reichmann wenig begeistert. Na ja, ich will heute mal nicht so sein. Sie feiern ihre Entlassung aus der Bundeswehr. Das tun schließlich alle.

Er erinnerte sich, dass er an diesem Tag auch nicht ganz nüchtern nach Hause gekommen war. Es war noch immer wie früher: Man begoss die wiedergewonnene Freiheit und freute sich, Zwang und Drill endlich hinter sich zu haben.

Eine Gruppe von zehn plärrenden jungen Männern kam auf Reichmann zu. Einer riss den Mund weiter auf als der andere. Jeder versuchte, jeden zu über brüllen. Übermütiger ging es nicht mehr. Und der Lauteste und Übermütigste von allen war Arthur, eine Bierflasche in der Hand, die große Reisetasche geschultert. Jetzt trank er und der Bierschaum schoss ihm aus der Nase.

Er lachte und hustete und sein Vater fragte sich, wie er den Jungen aus diesem wilden Haufen ausklinken sollte. Noch hatte Arthur ihn nicht entdeckt.

Maximilian Reichmann ging auf die jungen Männer zu. Er stellte sich ihnen in den Weg. Rund und kräftig. Ein Bollwerk, an dem sie hängenbleiben würden.

Als Arthur seinen Vater sah, jubelte er: „Juchhe! Ich bin wieder ein freier Mensch!“ Er blieb stehen. Seine Kameraden zogen ebenfalls die Bremse. „Freunde!“, rief Arthur mit schwerer Zunge und er schwankte dabei wie ein Halm im Wind. „Freunde, ich möchte euch meinen alten Herrn vorstellen! Vater, das sind meine Kameraden!“

„Spießgesellen!“, rief ein magerer Bursche ganz links außen.

„Saufkumpane!“, grölte ein Pickelgesicht ganz rechts außen.

„He, Atze, warum trägt dein Vater keine Perücke?“, fragte der Linksaußen.

„Damit wir sie ihm nicht klauen können!“, antwortete der Rechtsaußen und schüttete sich aus vor Lachen.

Maximilian Reichmann überhörte den Spott. „Geht es dir gut, mein Junge?“

„Es geht mir hervorragend“, lispelte Arthur. „Ich brauche nicht mehr strammzustehen, bin mit meinen Freunden zusammen, habe zu trinken.“ Er hob grinsend seine Bierflasche. „Mir könnte es nicht besser gehen.“

„Gib mir deine Tasche.“

„Okay.“ Arthur nahm sie ab, sein Vater hängte sich den Tragriemen über die Schulter.

„He, Atze, du willst uns doch nicht schon verlassen!“, rief irgendeiner. „Wir haben noch ne Menge vor.“

„Komm nach Hause, Junge“, sagte Maximilian Reichmann eindringlich. „Du hast genug.“

„Seit wann brauchst du einen Babysitter, Atze?“, fragte ein anderer höhnisch.

„Mutter wartet“, sagte Reichmann ernst. Es fiel ihm nicht leicht, sich zu beherrschen. Am liebsten hätte er gebrüllt, die Kameraden seines Sohnes sollten sich zum Teufel scheren.

„He, Bowlingkugel, verzieh dich!“, rief der magere Linksaußen.

„Es gibt Schweinsbraten mit Semmelknödeln“, sagte Reichmann. Lächerlich, den Jungen hier und jetzt vor dieser betrunkenen Bande damit ködern zu wollen. Das konnte nicht funktionieren.

„Und was gibt’s für Bubi zu saufen?“, wollte der pickelige Rechtsaußen wissen. „Limonade?“

Alle lachten.

„Ich komme später nach Hause, Vater“, sagte Arthur, der sich vor seinen Freunden keine Blöße geben wollte.

„Das ist ein Wort!“, jubelte einer.

„Weiter!“, schrie ein anderer.

„Jungs, die Miezen warten!“, rief ein dritter.

„Attacke!“, brüllte der vierte und stieß die Faust schräg nach oben in die Luft.

„Geh uns aus dem Weg, Alter!“, bellte Nummer fünf.

Maximilian Reichmann sah seinen Sohn betrübt an und fragte: „Was soll ich Mutter sagen?“

„Dass ihr Jungchen mit seinen Kumpels auf eine letzte Sauftour gegangen ist, wie sich das gehört!“, empfahl der magere Linksaußen. „So und jetzt mach endlich Platz, Vollmond, sonst wirst du plattgewalzt! Der Schweinsbraten kann warten, die Mädchen nicht!“

Die Meute drängte Maximilian Reichmann zur Seite und zog weiter. Und Arthur ging mit. Deprimiert sah Reichmann den jungen Leuten nach.

Es schmerzte ihn, begreifen zu müssen, dass er seinen Sohn verloren hatte. Er hatte keine Macht mehr über Arthur. Der Junge hörte ja schon lange kaum noch auf ihn, jetzt aber überhaupt nicht mehr.

Er glaubt, alles besser zu wissen und besser zu können, dachte Maximilian Reichmann bitter, denkt, die Welt gehört ihm, aber nicht mit solchen Freunden. Die ziehen dich in die Tiefe, Junge. Sie sind die falschen Wegbegleiter, aber du bist so verflucht blind, dass du das nicht erkennst.

Die lärmende Horde verließ den Hauptbahnhof.

Maximilian Reichmann schämte sich, dass sein Sohn ihr angehörte und er fragte sich wieder einmal, was er bei der Erziehung des Jungen wohl falsch gemacht hatte.

Er trug die Reisetasche mit grimmiger Miene zum Wagen, ließ sie in den Kofferraum plumpsen, stieg ein und fuhr nach Hause. Bestimmt war Arthur Schuld daran, dass seine Mutter an Krebs erkrankt war.

Sie hatte sich von dem Jungen immer schon zu viel bieten lassen und alles still in sich hineingefressen. Das hatte sie krank gemacht.

Sie war nie explodiert, hatte nie heraus geschrien, was sie ärgerte oder bedrückte, hätte geschluckt und geschluckt, bis der Krebs ausgebrochen war. Arthur brachte seine Mutter, diese stumme Dulderin, um, ohne sich dessen bewusst zu sein. Reichmann hatte es ihm einmal begreiflich zu machen versucht, doch Arthur hatte ihm nicht geglaubt.

„Deine Mutter liebt dich zu sehr und das wird sie eines Tages das Leben kosten“, hatte Reichmann erklärt.

Und was hatte Arthur erwidert? „Lächerlich“, hatte er gesagt. „Die Seele kann den Körper nicht krank machen.“

„O doch, das kann sie und mir bleibt nur zu hoffen, dass du es noch kapierst, bevor es für Mutter zu spät ist.“

Max Reichmann fuhr nach Hause. Er wusste nicht, was er seiner Frau erzählen sollte. Sie erwartete ihn mit dem Jungen und er kam allein.

Details

Seiten
96
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939170
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
wenn herzen

Autor

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Titel: Wenn es im Herzen dunkel wird