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Eine ganz miese Falle

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Eine ganz miese Falle

Copyright

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Eine ganz miese Falle

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Den beiden Truckern Jim Sherman und Bob Washburn wird ihr Truck Thunder vor der Nase weg gestohlen. Zunächst wollen sie mit Hilfe der Kollegen ihren Truck wieder ausfindig machen. Bevor es jedoch soweit kommt, stürmt ein Polizeikommando den Truck Stop, in dem sie sich aufhalten. Sherman und Washburn werden als Bankräuber und Mörder festgenommen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Schwungvoll stieß Bob Washburn die Pendeltür auf, eine riesige Thermoskanne mit frischem Kaffee unter den linken Arm geklemmt. Hinter ihm Jim Sherman, bepackt mit Coke-Dosen und belegten Brötchen in Tüten. Draußen knallte die Colorado-Sonne vom Himmel und überschüttete den Truck Stop vor Colorado Springs mit gleißendem Licht. Drüben auf dem großen Parkplatz standen die Trucks aufgereiht. Gut zwei Dutzend dieser stählernen Kolosse, bunt und chromblitzend. Da stand auch Jims und Bobs Truck, der brandrote »Thunder«.

Da hatte er gestanden …

Jim erstarrte. Die Tüte mit den Brötchen und die Cola-Dosen fielen ihm aus der Hand. Die Dosen rollten scheppernd über den asphaltierten Platz. Bob Washburn stieß einen Fluch aus, der aus der billigsten Südstaaten-Kneipe stammen musste. »Das gibt‘s doch nicht, verdammt! Jim, gib mir einen Tritt in den Hintern, damit ich wach werde!«

»Den Tritt kann ich mir sparen«, ächzte der blonde Texaner. »Ich sehe dasselbe nicht, was du nicht siehst: unseren Thunder.«

Dort, wo in der Reihe der anderen Trucks der rote Kenworth gestanden hatte, klaffte eine Lücke. Der »Thunder« war verschwunden.

Jim hatte Dosen und Tüten wieder eingesammelt und erst mal säuberlich geordnet in der Nähe des Eingangs abgestellt. Direkt neben der Thermoskanne. Dann stiefelte er hinter Bob her. Der hünenhafte Schwarze, ehemaliger Schwergewichtschampion von Virginia, hatte bereits die Stelle erreicht, wo sie vor knapp einer Viertelstunde den Thunder geparkt hatten.

Der Auflieger stand noch da. Nur die Zugmaschine war fort. Irgend jemand war in den roten Kenworth W 900 eingebrochen und mit ihm verschwunden.

»Das ist doch unmöglich«, brummte Bob kopfschüttelnd. »Ich habe den Thunder doch abgeschlossen! Hier sind die Schlüssel!« Er griff in die Tasche und zog den Schlüsselbund heraus.

Jim hatte seinen Schlüssel ebenfalls am Mann.

»Dass ein Auflieger geklaut wird, kommt ja schon mal vor – aber den Auflieger stehen zu lassen und dafür die Zugmaschine zu nehmen, das begreife, wer will! Ich nicht!«, schimpfte Bob.

Jim zupfte nervös an seiner Lederweste. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihm aus. Der Truck war so etwas wie sein Zuhause. Auch für Bob – seinen Freund und Partner.

Im Truck wohnten und schliefen sie. Der rote Kenworth war ihr Besitz und ihr Stolz. Und vor allem: Der Thunder war ihre Existenzgrundlage.

Nur eine Viertelstunde waren sie drüben in der Fast-Food-Abteilung des Truck Stops gewesen. Hatten Verpflegung und Kaffee besorgt. Eine lange Tour lag vor ihnen. Die Hälfte hatten sie schon hinter sich. Tom Bell hatte ihnen den Auftrag besorgt, der sicheres Geld bringen sollte; der Termin war akzeptabel gewesen. Von einem Moment zum anderen war aber alles in Frage gestellt. Ohne Truck kein Transport. Wie sollten sie den verdammten Auflieger ans Ziel bringen?

So ähnlich musste sich vor hundert Jahren ein Cowboy gefühlt haben, dem das Pferd gestohlen wurde.

»Pferdediebe wurden sofort aufgehängt«, sagte Jim heiser. »Was macht man mit Truckdieben?«

Bob hob die geballten Fäuste, groß wie Baggerschaufeln. »Windelweich prügelt man sie«, grollte er. »Aber erst muss man sie mal erwischen!«

Er stand da, eine riesige, schwarzhäutige, hilflos wütende Gestalt. Kaum weniger hilflos war in diesem Moment Jim. Aber er fing sich wieder. Langsam ging er um den Auflieger herum. Der war unversehrt. Man hatte ihn fachgerecht abgesattelt. Die Stützräder hielten ihn sauber fest. Da hatte jemand gute Profi-Arbeit geleistet und Wert darauf gelegt, dass es keinen Schaden gab. Es war diesem Jemand nur um den Truck gegangen.

»Warum ausgerechnet der Thunder? Warum nicht irgendeinen anderen Truck?«, murmelte Bob verdrossen.

Jim zuckte die Achseln. »Es hat uns eben getroffen, Mann. Und jetzt müssen wir sehen, wie wir damit fertig werden.«

Jim wandte sich um und stapfte zum Fast-Food zurück. Ohnmächtiger Zorn tobte in ihm. Im Thunder befanden sich seine und Bobs Papiere, die Schecks, das Geld, die Kleidung zum Wechseln … kurzum, alles. Nach dem Diebstahl hatten sie beide erst mal nur das, was sie auf dem Leib trugen.

Okay, es war kein großes Problem, von hier wegzukommen. Entweder würden die Kollegen sie mitnehmen, oder Jim rief in San Antonio an. Dann würde Luke Ryland, der Trucker-King, schon dafür sorgen, dass man ihnen aus der Patsche half. Aber das stand noch nicht zur Debatte.

Jim betrat wieder den Truck Stop. Es war nur ein kleiner Raum mit ein paar Tischen, an denen Trucker saßen, aßen und tranken, sich unterhielten. Hinter der großen Glastheke standen die Mädchen und der breitschultrige Buck Stevens, dem dieser Truck Stop gehörte und der selbst mit anpackte, damit der Laden lief. Drei Trucker-Kollegen standen gerade vor der Kasse.

Jim räusperte sich.

»Hört mal her, Freunde!«

Seine Lautstärke übertönte jedes Gespräch. Köpfe flogen herum. Jim tippte an die Hutkrempe.

»Ich bin Sherman«, sagte er. »Mir gehört der Thunder. Der rote Kenworth, der gerade noch da draußen stand.«

Ein paar Männer erhoben sich. Sie kannten Jim, und er kannte sie. »Was heißt hier stand?«, fragte Ben Masterton.

»Der Truck ist geklaut worden«, sagte Bob, der sich hinter Jim aufgebaut hatte. »In der lockeren Viertelstunde, in der wir hier waren. Vielleicht hat einer von euch, der nach uns kam, was bemerkt. Vielleicht hat einer von euch gesehen, wie Leute dran herumfingerten und absattelten …«

Die Trucker sahen sich gegenseitig an. Köpfeschütteln, Schulterzucken. Gesehen hatte keiner etwas, aber es hatte auch keiner sonderlich darauf geachtet.

»Abgesattelt? Heißt das, der Auflieger steht noch da?«, fragte Masterton verblüfft.

»Allerdings.«

»Na, dann habt ihr ja wenigstens noch die Ladung. Vielleicht könnt ihr euch einen Rig mieten oder ausleihen und bringt den Container ins Ziel.«

Jim tippte sich an die Stirn. »Dir haben sie wohl das Hirn amputiert, Benny«, sagte er. »Rate mal, wo die Frachtpapiere sind. Natürlich im Thunder. Verrätst du mir mal, wie wir ohne Papiere den Auflieger abliefern sollen? Und auch nur durch eine einzige Kontrolle kommen?«

»Hm«, machte Masterton.

Buck Stevens brachte zwei Drinks. Unaufgefordert und gratis. »Stärkt euch erst mal, Jungs«, murmelte er. »Ich glaube, den könnt ihr auf den Schreck vertragen.«

Jim und Bob nahmen die Gläser entgegen.

»Was wollt ihr jetzt tun?«, fragte der Besitzer des Truck Stops. »Die Smokeys verständigen?«

Jim schüttelte den Kopf.

»Das können wir auch allein regeln«, sagte er und ließ sich auf einen freien Stuhl sinken. »Das stinkt mir nach einem Versicherungsbetrug. Irgendeiner will da auf die krumme Tour abkassieren. Er frisiert den geklauten Truck um, lässt ihn in den Bach fallen, und die versicherte richtige Maschine verscherbelt er für gutes Geld nach Mexiko oder sonst wohin. – So kommt man an Dollars, Gentlemen.«

Ein paar Männer nickten mürrisch. In der Tat war diese Praxis nicht neu. Professionelle Betrüger, aber auch hochverschuldete Trucker, die keinen anderen Ausweg mehr sahen, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ergriffen schon mal diese kriminelle Maßnahme: Der eigene Truck wurde hoch versichert und ein anderer geklaut, der dem eigenen möglichst ähnlich sah. Eine schnelle Neulackierung, ein paar Kleinigkeiten, die Zulassungsschilder umgeschraubt … und dann erlitt das Fahrzeug einen schweren Unfall. Totalschaden. Die Versicherung musste zahlen. Etwaige Unstimmigkeiten zwischen der gestohlenen Maschine und dem echten Truck wurden durch den Unfall kaschiert, so dass die Versicherungsagenten und Sachverständigen glauben mussten, was ihnen da untergejubelt wurde. Der echte Truck aber wurde für gutes Geld verkauft. So kassierte man doppelt ab. Und so mancher konnte danach wieder neu anfangen.

Dass das auf Kosten der anderen, ehrlichen Trucker ging, die bestohlen wurden, war den Betrügern egal. Auch, dass durch solche Vorfälle die Versicherungsprämien stiegen.

»Dann läuft euer Ken schon bald mit anderen Farben im Nachbarstaat«, murmelte Masterton. »Und irgendwo findet man ihn nach einem fingierten Unfall wieder.«

»Wir kriegen ihn zurück!«, sagte Jim grimmig. »So schnell können die ihn gar nicht umfrisieren, wie wir ihn finden, wenn ihr uns helft. Macht den Kollegen über CB-Funk Dampf. Sie sollen Ausschau nach dem Thunder halten. Wenn sie ihn irgendwo sehen, sofort festhalten oder verfolgen.«

Ein paar Männer sprangen auf und rannten nach draußen, um in ihren Trucks über CB andere Trucker zu verständigen. Sie einigten sich vorher rasch, wer welche Kanäle abgraste, um möglichst viele Kollegen zu erreichen.

»Und was machen wir inzwischen?«, brummte Bob verdrossen. »Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen.«

Jim seufzte.

»Ich furchte, wir können gar nichts machen, Alter«, sagte er. »Wir können nicht mal bei den Kollegen mitfahren und Ausschau halten, weil hier jetzt sozusagen unsere Zentrale ist.«

»Wenn ich die Kerle erwische, die uns den Truck geklaut haben«, knurrte Bob, »dann kann ich für nichts garantieren …«

 

 

2

»Breaker one-nine … hört ihr mich? Auf dem Truck Stop südlich von Colorado Springs am Interstate 25 ist vor einer halben Stunde ein roter Ken Conventional gestohlen worden. Blitze an der Motorhaube. Aufschrift an den Türen: Sherman und Washburn. Fährt ohne Auflieger! Haltet ihn auf!«

Ähnliche Funksprüche jagten auf anderen Frequenzen durch den Äther. Es gab kaum einen Trucker in der näheren und weiteren Umgebung, der den Notruf nicht mitbekam. Innerhalb weniger Minuten waren mehr als fünfzig Trucker informiert.

Theoretisch konnten die Highway-Geier, die mit dem Thunder verschwunden waren, eigentlich keine große Chance mehr haben. Vor so vielen Augen konnten sie sich nicht verstecken.

Es sei denn, sie wichen auf selten befahrene Strecken aus.

Die großangelegte Suchaktion begann. Einige Trucker befuhren sogar die Nebenstrecken,sofern es ihre Zeit und Fahrtrichtung zuließ. Sie hielten überall Ausschau.

Aber die Stunden vergingen ergebnislos.

Niemand bekam den Thunder zu Gesicht.

Je länger die Suche dauerte, um so unruhiger wurde Jim. Bob saß im Truck Stop und brütete dumpf vor sich hin. Er war zum Kettenraucher geworden und zündete eine Zigarette an der anderen an. Jim sprang zwischendurch auf und wanderte unruhig über das Gelände, unterhielt sich mit den Fahrern ankommender Trucks, ob sie irgend etwas gesehen hatten.

Aber es sah so aus, als würde sein Plan, mit dieser Trucker-Großfahndung den Kenworth zu finden, nicht aufgehen. Als müsste er den Thunder doch abschreiben.

Aber er hoffte immer noch.

 

 

3

In die Innenstadt von Colorado Springs passte ein Truck so gut wie eine Kuh in die Kirche. Trotzdem rollte der riesige Kenworth durch die Straßen, vorbei an geparkten Limousinen und Kombis, schob sich durch den zähflüssigen Vormittagsverkehr. Den Highway 25, der durch die westlichen Randgebiete der Stadt führte, hatte er längst verlassen und arbeitete sich nun durch das gitterartig angelegte Straßennetz seinem Ziel entgegen. Doch es achtete kaum jemand auf den Truck, der ohne Auflieger fuhr und auffällige Blitze als Bemalung an der riesigen Motorhaube trug.

Nur einige Autofahrer ärgerten sich über den stählernen Koloss, der fast zwei Fahrspuren einnahm und gemächlich dahinrollte.

Der Thunder fuhr tatsächlich relativ langsam. Der Mann am Lenkrad des Kenworth ließ wohlweislich einen großen Sicherheitsabstand zu den vorausfahrenden Fahrzeugen. Immerhin war sein Sichtfeld nach vorn durch die wuchtige Motorhaube stark eingeschränkt. Und er wollte nichts riskieren.

Nicht jetzt.

Neben ihm auf dem Shotgun-Sitz hockte ein weiterer Mann, und hinten im Sleeper befanden sich noch zwei Kerle. Sie hatten es sich auf den Pritschen so gemütlich gemacht, wie es nur eben ging.

Keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie verständigten sich lautlos miteinander, durch Handzeichen.

Der Shotgun deutete auf den Lautsprecher des Funkgerätes. Gleichzeitig drehte er den Empfang lauter.

»… hört ihr mich?«, klang die Stimme des Truckers aus dem Gerät. »Auf dem Truck Stop südlich von Colorado Springs am Interstate 25 ist vor einer halben Stunde ein roter Ken Conventional gestohlen worden …« Die folgende Beschreibung war so perfekt, wie sie nur sein konnte.

Aber wer achtete hier schon darauf? Die wenigsten Fahrer in der City, die in ihren Four-Wheelern CB besaßen, hatten die Geräte auch eingeschaltet. Sie hatten genug damit zu tun, sich um den Verkehrsfluss zu kümmern. Auf den roten Truck, der gesucht wurde, achtete niemand.

Und Trucker fuhren nicht in die City hinein. Sie blieben nahe den Highways in den Außenbezirken bei den Frachtagenturen und Verladehöfen. Es war fast unmöglich, mit einem Auflieger durch die stark befahrenen Straßen in der Innenstadt zu rangieren. Zumindest um diese Zeit.

Der Fahrer des Thunder winkte ab. Der Shotgun drehte den Empfang wieder leise. Über das Gesicht des Fahrers flog ein zufriedenes Grinsen. Er deutete auf einen Punkt, einige hundert Meter voraus hinter der letzten Ampel.

Dort befand sich das Ziel der vier Männer im Thunder. Die hiesige Filiale der Bank of Colorado.

Und in deren Tresor befanden sich in diesem Augenblick rund drei Millionen Dollar.

 

 

4

Dan Ferguson hatte soeben Mrs. Onabee bedient, Er war ziemlich fertig. Die alte Dame schaffte es jedes Mal, ihn an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu bringen, wenn sie partout nicht verstehen wollte, warum sie den Empfang des abgehobenen Geldes quittieren sollte, warum ihre Rente noch nicht als Guthaben eingetragen war, warum die Zinsen nicht höher waren und überhaupt …

Manchmal hatte Ferguson den brennenden Wunsch, der alten Dame einen Sparstrumpf zu schenken, in den sie ihr Geld stopfen konnte. Dann würde er wenigstens von ihrem ständigen Zetern und Nörgeln und ihren dummen Fragen verschont bleiben. Was er ihr jetzt erklärte, hatte sie in zehn Minuten schon wieder vergessen und stellte dieselbe Frage erneut. Mrs. Onabee am Bankschalter zu haben war so etwas wie der ganz persönliche Weltuntergang im Mini-Format.

Ferguson war froh, dass im Moment kein weiterer Kunde am Schalter stand. Liz Donovan am Nachbarschalter bediente gerade zu Ende. Sie warf Ferguson einen mitleidsvollen Blick zu. Ferguson machte, dass er in den hinteren Räume verschwand. Er ließ sich auf eine Tischkante sinken und setzte eine Zigarette in Brand. Seine Nerven flatterten, die Hände zitterten.

Eines Tages erwürge ich sie, dachte er grimmig. Die weiß genau, dass sie mich fertigmacht. Der Teufel soll sie holen!

Aber der Gehörnte hatte wohl seit Jahren anderes zu tun, weil Ferguson diesen unfrommen Wunsch schon seit einer kleinen Ewigkeit hegte, ihn aber nie erfüllt bekommen hatte.

Es war kurz vor Mittag. Nichts los. Erst ab zwölf, wenn die Büros in der City Pause machten, würde der Ansturm beginnen. Viele nutzten die Mittagspause, rasch ihre Bankgeschäfte zu erledigen. Kreditkarten waren schließlich auch nicht alles.

Pete Armstrong trat ein. Er nickte Ferguson zu. »Na, bist du die alte Schachtel endlich los?«

Ferguson seufzte nur tief.

Vorn im Schalterraum ertönte die kleine Glocke der Lichtschranke. Ein Kunde hatte die Bank betreten. Augenblicke später kam noch ein zweiter, dann ein dritter.

Ferguson seufzte und drückte die Zigarette im Ascher aus. »Dann wollen wir mal«, sagte er. Er wollte Liz Donovan nicht mit drei Kunden allein vorn lassen.

»Hauptsache, es sind keine Kunden vom Schlage Mrs. Onabees.«

Ferguson trat durch die Tür zum Schalterraum. Er sah, dass sein Kollege Brinboody hinter dem Panzerglas der Kasse im Gesicht verdammt käsig aussah. Er sah, dass Liz Donovan kreidebleich an der Wand stand. Er sah auch, wie Armstrong einen Satz nach vorn machte, sich duckte und auf den Alarmschalter schlagen wollte, der sich als Fußtaste hinter dem Schalter befand. Und er sah, wie der Maskierte einen Schuss abgab, der Armstrong noch im Sprung traf. Armstrong stürzte zu Boden und blieb reglos liegen.

Ferguson wich sofort zurück, doch eine Kugel traf seinen Oberarm und schleuderte ihn gegen die Wand. Ein schwarz maskierter Mann flankte über das Pult, hetzte zur Tür und war im nächsten Moment direkt vor Ferguson. Er hielt ihm die noch heiße Mündung der Pistole unter das Kinn. Ferguson roch das verbrannte Pulver. Ein metallischer Geschmack war auf seiner Zunge. Der Arm schmerzte höllisch.

»Sind noch mehr da hinten?«, fragte der Maskierte mit tiefer, verstellter Stimme.

Ferguson schüttelte langsam den Kopf und spürte, wie der aufgeschraubte Schalldämpfer der Pistole unter seinem Kinn die Bewegung mitmachte. Kalt lief es ihm über den Rücken. Die Waffe war entsichert und gespannt. Ein leichtes Zucken am Abzug reichte schon.

Seltsamerweise wurde Ferguson erst jetzt die Tragweite des Geschehens klar. Das war ein Überfall. Ein bewaffneter Raubüberfall. Drei maskierte Männer standen hier, einer von ihnen direkt vor Ferguson. Er, Ferguson, war am Arm verletzt. Und Armstrong rührte sich nicht mehr. War er tot? Hatten die Dreckskerle ihn erschossen? Das Mädchen konnte nichts unternehmen und Brinboody hinter dem Panzerglas an der Kasse auch nicht. Er hatte zwar auch einen Alarmschalter, aber wenn er den auslöste, lief er Gefahr, dass die Banditen Liz Donovan niederschossen.

Sie schreckten vor nichts zurück. Kaltblütig hatte einer von ihnen auf Armstrong gefeuert.

Die Tür öffnete sich. Ein junger Mann mit Diplomatenkoffer betrat die Bank, erblasste und wollte sofort wieder nach draußen. Einer der Gangster schoss, und der Kunde stürzte neben der Tür zu Boden.

»Hören Sie auf!«, wimmerte Liz Donovan verzweifelt. »Schießen Sie doch nicht mehr, Sie … Sie Mörder!«

»Halt‘s Maul!«, fauchte einer der drei Gangster und eilte zur Kasse. »Mach deinen Schildkrötenpanzer auf, Buddy, sonst bist du der nächste!«, drohte er.

Zitternd löste Brinboody von innen die elektrische Verriegelung des kleinen Kassenraumes. Vorher war er noch so schlau gewesen, der Tresortür, die halb offen stand, mit dem Fuß einen Stoß zu verpassen, dass sie ins Schloss fiel.

Der Killer schlüpfte in die kleine verglaste Kabine.

»Aufmachen!«, sagte er. »Sofort, mein Freund. Verstehst du?«

Brinboody starrte ihn an wie ein Gespenst.

»Mach voran!«, brüllte der Killer. Da kapitulierte Brinboody, weil er gleichzeitig sah, wie einer der beiden anderen Männer die Waffenmündung an Liz Donovans Stirn hielt. Ferguson lag stöhnend am Boden und musste hilflos zusehen. In seinem Oberarm brannte die Schusswunde, als hätte jemand Salz hineingestreut. Ferguson versuchte aufzustehen, stützte sich dabei auf den verletzten Arm und kippte mit einem leisen Schrei wieder um.

Drüben in der Kasse schwang die Tresortür auf. Plötzlich hielt der Killer eine große Falttasche in der Hand, die er zu ungeahnter Größe öffnete. Ferguson konnte aber Brinboody nicht mehr sehen. Was war mit dem Kassierer geschehen?

Der Mann am Tresor räumte um. Die Dollarbündel verschwanden gleich im Dutzend in der großen Tasche. Mit Hartgeld gab der Dreckskerl sich gar nicht erst ab. Ferguson sah, dass der reglose Armstrong nur einen halben Meter von dem Fußschalter entfernt lag. Er schob sich vorsichtig an Armstrong heran. Als der Gangster die Kasse verließ und die Tür hinter ihm zuglitt, wuchtete Ferguson Armstrong blitzschnell einmal um die Achse. Der Körper Armstrongs rollte auf den Schalter. Auf dem Dach des Bankgebäudes heulten die Sirenen los. Gleichzeitig wurde auch in der nächstgelegenen Polizeiwache Alarm gegeben.

Die Sirene war auch hier drinnen deutlich zu hören. Die drei Gangster erstarrten sekundenlang. Dann blitzte es wieder aus den Schalldämpferwaffen. Liz ließ sich fallen. Wo sie gerade noch gestanden hatte, klatschten zwei Kugeln gleichzeitig in die Wand und schleuderten Putz und Tapetenbrocken zur Seite. Ferguson duckte sich ganz tief hinter dem Schalter. Aber auf ihn wurde diesmal nicht mehr geschossen. Die Gangster ergriffen die Flucht. Sie stürmten nach draußen. Der letzte jagte noch ein paar Schüsse in den Raum. Querschläger heulten auf.

Dann waren die Kerle draußen.

Ein schwerer Motor dröhnte.

Ferguson raffte sich mühsam auf. Er verfolgte die Gangster nicht. Er hatte lange genug den Helden gespielt. Er wollte sich nicht in letzter Sekunde doch eine Kugel einfangen, die ihm den Rest gab. Der Armschuss war schon schlimm genug. Langsam torkelte er auf Liz Donovan zu, die sich kreidebleich wieder aufgerichtet hatte.

»Was ist mit Brinboody?«, krächzte Ferguson heiser. Ihm saß ein dicker Kloß in der Kehle.

Liz sah ihn schweigend an.

Vor Dan Fergusons Augen wurde es schwarz.

Das Jaulen der Polizeisirenen vernahm er nicht mehr.

Mrs. Onabee hatte noch einmal zurückkehren wollen. Da war doch noch irgend etwas, das der Klärung bedurfte, nur hatte sie vergessen, was das nun war. Aber der freundliche Mr. Ferguson würde sich ganz bestimmt daran erinnern und ihr helfen. Also machte sie kehrt – und blieb stehen.

Was machte denn der große Lastwagen vor der Bank? Das sah man ja nun nicht alle Tage. Ein riesiges Fahrzeug. Mrs. Onabee hatte von Nutzfahrzeugen keine große Ahnung. Ihr fielen nur die rote Lackierung und die Blitze seitlich an der Motorhaube auf. Der Motor des Trucks wummerte im Stand. Das war ja, gelinde gesagt, eine Frechheit! Lärmbelästigung! Umweltverschmutzung! Der Kerl verpestete mit dem dicken blauen Qualm, der aus den beiden riesigen Chromauspuffrohren aufstieg, die ganze schöne Stadtluft!

Mrs. Onabee setzte sich in Bewegung, um mit Faust, Handtasche und Gehstock gegen die Fahrertür des Trucks zu hämmern und diesen frechen Kerl für sein frevelhaftes Tun zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er nicht sofort den Motor abschaltete, wollte sie ihm den Knauf des Gehstocks gut gezielt aufs Haupt senken. So ging das ja schließlich nicht hier! Colorado Springs war eine saubere, ordentliche Stadt und sollte es bleiben.

Da sah sie das Gesicht des Fahrers.

Oder genauer, sie sah es nicht. Sie sah die schwarze Strumpfmaske, die er trug und die nur Öffnungen für Augen und Nase besaß.

So ganz von vorgestern war Mrs. Onabee auch nicht. Sie begriff sofort, dass das ein Überfall auf die Bank sein musste. Deshalb wartete der Kerl also mit laufendem Motor hier, um sofort losrasen zu können, wenn seine Komplizen erschienen! Ungewöhnlich war nur, dass man dazu einen schwerfälligen Truck genommen hatte. Mrs. Onabee verzichtete auf ihr ursprüngliches umweltschützerisches Vorhaben und eilte weiter, so schnell es ging, damit der Verbrecher am Lenkrad des Kolosses auf Rädern nicht misstrauisch wurde.

Da heulte die Alarmsirene auf dem Dach der Bank plötzlich los. Obwohl ziemlich schwerhörig, vernahm Mrs. Onabee das durchdringende Geräusch recht deutlich und schrak heftig zusammen. Als sie herumschwenkte, sah sie drei maskierte Kerle aus der Bank stürmen. Einer schoss. Mrs. Onabee konnte aufgrund ihrer Hörschädigung und der Sirene nichts hören, aber sie sah die Waffe aufblitzen. Dann kletterten die Männer blitzschnell in den Truck, der sofort los preschte.

Bremsen von Limousinen kreischten, als der Truck sich rücksichtslos in den fließenden Verkehr drängte. Es schepperte und knallte dumpf, als Autos zusammenstießen. Der Truck schleuderte einen Sportwagen förmlich beiseite und rollte in eine per Ampel gesperrte Kreuzung. Auch dort ging das Bremsen und Hupen los.

Mrs. Onabee merkte sich so viele Einzelheiten, wie es ihr möglich war, während sie im schrillen Kreischen der Sirenen langsam zum Bankgebäude hinüberging.

Eine halbe Minute später schon stoppten vier schwere Ford-Limousinen der City-Police mit flackernden Rotlichtern auf dem Gehsteig. Sie waren kaum weniger riskant gefahren als der Truck. Bewaffnete Polizeibeamte sprangen aus den Wagen, sicherten nach allen Seiten und stürmten in die Bank.

Mrs. Onabee atmete erleichtert auf. Sie marschierte auf die Polizisten zu. »Ich habe alles gesehen, Gentlemen. Ich habe alles ganz genau gesehen!«

 

 

5

Wenig später waren Presse und Ambulanz vor Ort – in dieser Reihenfolge. Mrs. Onabee war der Star des Tages. Trotzdem wollte ihr zunächst keiner der Polizisten so recht glauben, dass ein Truck das Fluchtfahrzeug gewesen war. Aber sie beschrieb den Kenworth präzise, und es fanden sich auch ein paar andere Leute, die ihn gesehen hatten.

Die Bank wurde geschlossen. Jetzt war der Erkennungsdienst am Zuge. Armstrong lebte. Er wurde im Notarztwagen ins Glockner-Penrose-Hospital gebracht und einer Notoperation unterzogen. Fergusons Armwunde war schmerzhaft, aber weniger gefährlich. Brinboody, der Kassierer, war tot, ein Opfer der brutalen Killer.

»Also Raubmord«, stellte der Lieutenant fest, der die Aktion leitete. »Diese verdammten …« Er verbiss sich einen Fluch und wandte sich an Ferguson. »Mr. Ferguson, wissen Sie ungefähr, wie viel Geld im Tresor war?«

Ferguson konnte nur schätzen. »Die genaue Summe kann nur die Tagesabrechnung erbringen, aber ich schätze, es waren rund drei Millionen.«

»Ganz schön viel. Haben Sie immer so viel Bargeld auf Lager?«

»Es sollte eine geschäftliche Transaktion erfolgen«, sagte Ferguson. »Aber darüber weiß ich nicht viel. Sie müssten den Managing Director fragen.«

Der war außer Haus gewesen. Er pflegte seine Mittagspause immer eine Stunde vorzuverlegen und war bestürzt, als er zurückkehrte und von dem Überfall erfuhr.

»Sie müssen diese Verbrecher kriegen, Sir«, beschwor er den Lieutenant. »Die dürfen nicht ungestraft davonkommen! Diese Mörder! … Himmel, Brinboody hat … hatte eine junge Frau und drei Kinder! Wie bringe ich denen das jetzt bloß bei, dass er nie wieder …«

»Das können wir erledigen, Sir«, sagte Lieutenant Parker rau. Aber der Managing Director schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er leise. »Das ist etwas, was ich selbst tun muss.«

Längst war die Fahndung nach dem brandroten Truck ausgelöst worden.

Bisher ohne jeden Erfolg – trotz der präzisen Beschreibung durch Mrs. Onabee.

 

 

6

Die Insassen des roten Trucks grinsten sich an. Sie hatten fette Beute gemacht. Und es war nicht das erste Mal, dass sie mit diesem Trick arbeiteten. Sie waren ein eingespieltes Team.

Aber sie waren noch nicht fertig.

Die schwierigste Arbeit würde erst noch kommen.

Aber die hatten sie auch nicht zum ersten Mal vor sich!

 

 

7

Die Stunden vergingen, und auf dem Truck Stop drehten Jim und Bob Däumchen. Jim hatte beim Frachtagenten Tom Bell angerufen und ihm klargemacht, in welcher Klemme sie saßen: »Tom, es kann sein, dass wir den Termin überschreiten müssen, weil wir es einfach nicht mehr schaffen … wir haben jetzt schon einen halben Tag verloren, und es kann gut noch ein weiterer dran hängen …«

Tom Bell in Austin, Inhaber der Bell Trucking Agency, einer Agentur mit Herz für unabhängige Trucker, seufzte vernehmlich ins Telefon. »Jim, das kann Schwierigkeiten geben. Soll ich einen Ersatztruck organisieren?«

»Das könnten wir auch selbst, Tom. Nein – wir kriegen den Thunder wieder!«

»Und wenn nicht? Ist die Polizei schon verständigt?«

Jim schwieg.

»Also nicht«, folgerte Bell am anderen Ende der Leitung. »Und was passiert, wenn euer Thunder nicht wieder auftaucht, Jim?«

»Dann nützt uns auch kein Kollege, der den Auflieger übernimmt, Tom. Die Papiere sind im Truck.«

»Ach du heiliger Strohsack«, murmelte Bell. »Na, ich werde versuchen, von meinen Duplikaten Kopien machen zu lassen. Vielleicht hilft euch das weiter.«

»Danke, Tom. Wir melden uns wieder«, sagte Jim und hängte ein. Tom Bell war ein feiner Kerl. Er würde alles tun, was ihm möglich war, um ihnen aus der Patsche zu helfen. Aber viel konnte er nicht unternehmen.

Den Thunder wiederbeschaffen konnte er schon gar nicht.

Jim kehrte zu Bob an den Tisch zurück und berichtete ihm von dem Gespräch mit Tom Bell.

Immer wieder tauchten Kollegen auf, die aber keine Neuigkeiten mitbrachten. Der Thunder war und blieb verschwunden. Jims Unbehagen nahm immer mehr zu und ließ sich auch mit einem tiefschwarzen Kaffee und einem Steak nicht vertreiben. Aber immerhin gab der Magen danach Ruhe.

Plötzlich horchte Bob auf.

»Hör mal«, sagte er. »Wir kriegen Besuch.«

»Wir?« Jim lauschte ebenfalls. Er glaubte Sirenen zu hören, ein auf- und abschwellendes Jaulen von Polizeisirenen.

»Na, der Truck Stop auf jeden Fall«, sagte Bob Er stand auf und ging zur Tür.

»Mann, die Smokeys kommen tatsächlich hierher! Was ist denn jetzt los? Guckt euch das an, Leute! Das sind sechs Wagen!«

Zwei Polizeifahrzeuge sausten zum Parkplatz hinüber, auf dem die Trucks aufgereiht standen. Flackernde Rotlichter, jaulende Sirenen, kreischende Reifen. Die vier anderen Wagen hielten auf Tankstelle, Fast-Food und Werkstatt zu. Innerhalb weniger Augenblicke waren sie überall. Jim, der hinter Bob getreten war, sah durch die Glastür, dass auch der Zubringer zum Truck Stop von zwei weiteren Wagen in beiden Fahrtrichtungen abgesperrt wurde. Wer jetzt hier verschwinden wollte, musste das durchs freie Gelände versuchen.

»Razzia«, sagte Jim tonlos. »Die suchen irgendwas.«

»Oder irgendwen«, murmelte Bob »Du, das sind keine Smokeys. Schau dir die Wagen an. Das sind City-Cops von Colorado Springs!«

Uniformierte Beamte sprangen aus den Fahrzeugen, Schusswaffen in den Händen. Einige trugen leichte MPs. Sofort sicherten sie nach allen Seiten. Zehn Mann liefen auf den Fast-Food-Eingang zu.

Jim war noch so höflich, den Cops die Tür zu öffnen. Da waren sie schon drin. Die Schusswaffen drohten in alle Richtungen. Jim sah, wie in den anwesenden Truckern der Zorn über diese Blitzaktion aufzukochen begann. Buck Stevens, der Besitzer, tauchte auf. Er starrte die Cops düster an.

»Was soll das, Gentlemen?«, fragte er dann scharf. »Was fällt Ihnen ein, hier so einfach einzudringen?«

Ein Mann im braunen Anzug schob sich durch die Uniformierten. An seinem Revers glänzte eine Polizeimarke, die ihn als Lieutenant Parker auswies.

»Entschuldigen Sie, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, Sir«, sagte er. »Aber wir gehen lieber auf Nummer Sicher.« Er sah in die Runde. »Sind Mr. Sherman und Mr. Washburn unter den anwesenden Gentlemen?«

Jim und Bob sahen sich an.

»Ja«, sagte Jim dann erstaunt und trat einen Schritt vor. »Ich bin Sherman, und dieser freundliche dunkle Herr mit den weißen Zähnen hört auf den Namen Washburn. Was ist? Haben wir Fort Knox ausgeräumt, oder weshalb machen Sie hier so einen Aufstand?«

»Fort Knox nicht gerade«, sagte Parker kalt. »Aber die Bank of Colorado. Und Sie haben dabei einen Bankangestellten ermordet. – Sie sind verhaftet.«

»Und Sie sind verrückt«, sagte Jim, der schlagartig blass geworden war.

Er machte einen Schritt vorwärts. Ein MP-Verschluss klackte drohend. Die Waffenmündung richtete sich auf Jim, der sofort stehenblieb.

»Wollen Sie hier ein Blutbad veranstalten, Mann?«, schrie Stevens entgeistert.

»Was diese Kerle in der Bank veranstaltet haben, war nichts anderes«, sagte Parker eisig. »Los! Hände auf den Rücken! Handschellen! Bei der geringsten verdächtigen Bewegung knallt es. Gentlemen, gehen Sie bitte aus der Schusslinie«, wies er die Zuschauer an.

»Das gibt‘s doch nicht!«, keuchte Jim, als er zwei Beamte mit Handschellen auf sich zumarschieren sah. Er sah zu Bob hinüber. »Begreifst du das, Partner?«

Bob sah aus, als würde er gleich explodieren und die Fäuste kreisen lassen. Aber er beherrschte sich mühsam.

Dann schlossen sich die stählernen Armbänder um Jims und Bobs Handgelenke.

 

 

8

»Vielleicht«, keuchte Jim wütend, »erfahren wir bei Gelegenheit auch mal, warum wir verhaftet werden!«

»Na klar, ihr Unschuldslämmer«, sagte Parker. »Ihr seid mit eurem Truck nach Colorado Springs hineingefahren, habt ein wenig die Bank überfallen, einen Mann erschossen, zwei andere und einen Kunden angeschossen, und dann seid ihr mit ungefähr drei Millionen Dollar auf und davon. Und natürlich ausgerechnet hierher. Die Dummen sterben nicht aus.«

»Das«, sagte Bob giftig, »scheint mir allerdings auch so, Officer! Nur die Perspektive ist ein wenig anders!«

Jim schüttelte den Kopf.

»Da haben wir die Sache doch schon«, sagte er. »Mit unserem Truck sollen wir gefahren sein? Das machen Sie uns doch mal vor, Lieutenant. Der ist uns nämlich heute morgen geklaut worden.«

»Ach ja?«, höhnte Parker. »Die Masche ist ja so neu, dass ich prompt darauf hereinfalle! Ich lach‘ mich tot.«

»Tun Sie sich keinen Zwang an, Officer!«, knurrte Bob.

Parker fuhr zu ihm herum.

»Du kannst dir jede Frechheit erlauben, Washburn, die du möchtest. Aber du solltest wissen, dass ich das Gedächtnis eines Elefanten habe. Bei Mord tut zwar Beamtenbeleidigung nicht mehr viel zur Sache, aber es könnte hilfreich sein, das Verfahren zu beschleunigen.«

»Gebt dem Mann Boxhandschuhe und mir auch!«, murmelte Bob wütend. »Mann, Officer! Unser Truck ist geklaut worden! Das können ein paar Dutzend Kollegen bestätigen. Die haben sich auf die Suche gemacht …«

»Und wo sind diese Kollegen jetzt?«

»Unterwegs auf den Highways«, polterte Bob. »Wo sonst? Die können nicht nur stundenlang suchen, die müssen auch ihr Geld verdienen, damit sie ihre Familien ernähren können. Nicht jeder hat ‘nen feinen Anzug mit nem Abzeichen und einen Schreibtisch in einem gemütlichen Büro.«

»Du willst mich wohl auf die Palme bringen, Washburn, wie? Aber da läuft nichts«, sagte Parker kühl. »Also, es gibt keine Zeugen. – Na ja, ihr Trucker haltet bekanntlich zusammen wie Pech und Schwefel.«

»Jim, der könnte ein echter Highway-Smokey sein, wie?«, rief Bob seinem Partner zu.

Jim seufzte. »Bob, tu mir den Gefallen und halte endlich deine Klappe. Reize die Leute nicht. Das bringt nichts. Die tun nur ihre Pflicht. Sie sind nur auf dem falschen Dampfer und kommen nicht mehr herunter. Dafür können sie nichts. Aber wir klären das schon.«

»Da bin ich aber mal gespannt«, sagte Parker. »Welcher Dampfer ist denn deiner Meinung nach der richtige, eh?«

»Mr. Stevens kann es Ihnen auch bestätigen«, erwiderte Jim wütend. »Unser Truck wurde gestohlen. Rufen Sie bei der Bell Trucking Agency in Austin, Texas, an. Ich habe vorhin erst noch mit Tom Bell darüber gesprochen!«

»Alles Tarnung, um sich ein Alibi zu verschaffen«, brummte einer der Polizisten, und Parker nickte. »Möglich. Wir werden das alles überprüfen – später.«

Er trat dicht vor Jim. »Freundchen, komischerweise liegt uns keine Diebstahlsmeldung vor. Ist das nicht eigenartig? Euer Truck überfällt ‘ne Bank, und ganz zufällig ist er vorher geklaut worden, wie? Das kannst du dem Richter erzählen, falls der dir glaubt, und den Geschworenen. Wem habt ihr den Diebstahl denn gemeldet?«

»Überhaupt nicht. So etwas regeln wir unter uns«, sagte Jim. »Mit Versicherungsbetrügern, die Trucks klauen, werden wir auch noch so fertig.«

»Aha! Selbstjustiz!«, sagte Parker. »Also, du bleibst dabei? Euer Truck ist weg?«

»Mann, Lieutenant, machen Sie mich nicht wild! Sehen Sie hier auf dem Parkplatz irgendwo einen roten Kenworth?«

»Komm mal mit nach draußen. Ich zeige ihn dir, Freundchen«, sagte Parker. Er wandte sich um und ging nach draußen. Verblüfft folgten die beiden Trucker ihm, begleitet von den bewaffneten Polizisten. Hinter ihnen bildeten die anderen Trucker eine schweigende Mauer. Sie waren erleichtert, dass die unmittelbare Gefahr vorbei war, aber sie waren auch gespannt darauf, wie es jetzt weiterging.

Und dann traf es Jim und Bob wie ein Keulenhieb.

Genau dort, wo sie heute Vormittag den Thunder abgestellt hatten – stand er jetzt wieder!

Und der Auflieger war säuberlich aufgesattelt.

»Das ist Hexerei«, ächzte Bob. »Das gibt es nicht!«

»So, ihr Schlauberger«, sagte Parker ätzend. »Dieser Truck ist also geklaut, wie? Und was hier steht, ist bestimmt nur eine Halluzination.« Er hieb mit der Faust gegen das Blech, dass es dröhnte. »Mann, wenn ihr mich für dumm verkaufen wollt, dann sucht euch ‘ne bessere Tour aus! Oder ist das nicht euer Truck? Sherman und Washburn, das steht doch da an den Türen! Oder seid ihr die plötzlich nicht mehr?«

Jim seufzte. »Okay, okay. Aber das – das ist unmöglich! Verrückt! Der Truck war doch weg, verdammt! Die Jungs haben ihn stundenlang gesucht und suchen ihn immer noch. Hören Sie doch die CB-Frequenzen ab!«

»Ich habe keine Lust, mich zum Narren machen zu lassen«, sagte Parker. »Schon gar nicht von euch. Es gibt genug Zeugen. Ein roter Kenworth W 900 Conventional, Tür-Beschriftung Sherman und Washburn. San Antonio, Texas. Blitze rechts und links an der Haube, so lautet die Beschreibung. Und dann seid ihr nach dem Überfall in den Verkehr hineingedonnert, ohne Rücksicht zu nehmen. Ihr habt einen Sportwagen einen Meter schmaler gemacht. Und hier links sind die Schrammen und Beulen an eurem Truck. Da sind noch die weißen Lackspuren. – Nein Freunde! Das müsst ihr schon schlauer anstellen. Alles, was ihr von jetzt an sagt oder tut, kann gegen euch verwendet werden. Ihr habt das Recht, die Aussage zu verweigern. Ihr habt das Recht, ein Telefongespräch zu führen und einen Anwalt zu konsultieren …

Jim seufzte.

Das konnte doch alles nur ein Alptraum sein!

Getrennt, jeder auf der Rückbank eines Patrol Cars der City Police, rechts und links flankiert von bewaffneten Beamten, wurden sie nach Colorado Springs gefahren.

 

 

9

Der vorläufige Haftbefehl gegen Jim und Bob wurde noch in derselben Stunde bestätigt. Damit saßen sie erst mal fest. Sie wurden zusammen in eine Zelle des Stadtgefängnisses von Colorado Springs verfrachtet. Der Thunder blieb auf dem Parkplatz des Truck Stops, wurde aber polizeilich versiegelt und damit vorläufig aus dem Verkehr gezogen.

So wie Jim und Bob.

Die Zelle war nicht sonderlich groß. Fünf mal fünf Meter, zwei Pritschen, zwei Stühle, ein Tisch. Durch ein kleines Fenster drang Licht. Die stählerne Tür war nur mit einer Guckluke versehen.

Jim massierte sich die Handgelenke. Er hatte immer noch das Gefühl, die Handschellen zu spüren.

»Was sagt man dazu!«, polterte Bob, der sich auf seiner Pritsche ausgestreckt hatte. »Da kommt so ein Affe und sperrt uns für etwas ein, was wir nicht getan haben! Dabei brauchten sie bloß die Kollegen zu fragen. Sie brauchten bloß den CB-Funk abzuhören. Sie brauchten bloß …«

»Glaubst du im Ernst, dass die Suchaktion noch läuft?«, fragte Jim skeptisch. »Inzwischen ist zu viel Zeit vergangen. Die Kollegen sind längst weit weg. Der einzige, der bestätigen könnte, dass wir die ganze Zeit über da waren, ist Buck Stevens.«

»Und Tom Bell.«

Jim winkte ab. »Vergiss es. Aber Stevens muss wissen und bezeugen können, dass wir ständig hier waren.«

»Himmel, ich kapier‘s immer noch nicht«, stöhnte der Virginier. »Uns wird der Truck geklaut, und statt dass die Cops uns helfen, stecken sie ausgerechnet uns in die Kiste … dabei sind wir die Geschädigten! Mann, wir hatten ja nicht mal Gelegenheit festzustellen, ob etwas fehlt!«

»Daran glaube ich nicht«, sagte Jim. »Die Diebe waren weniger an dem Truck an sich interessiert als daran, ihn zu benutzen. Eine verdammt raffinierte Idee, das muss man schon sagen! Ein Bobtail ohne Auflieger ist mit seinem starken Motor verflixt schnell und wendig. Und er hat den Dampf und die Masse, andere Wagen einfach in Grund und Boden zu rammen, wenn sie im Wege sind.«

»Was im Falle des Sportwagens geschah.«

»Richtig, Bob. Ein Truck als Tatfahrzeug … darauf muss man erst mal kommen. Außerdem ist die Flucht recht risikolos. Wer glaubt schon, dass Bankräuber mit einem Truck flüchten? Eine schnelle Limousine oder ein Sportwagen, ja, aber ein Truck?«

»Deine Erklärungsversuche bringen uns auch nicht wieder nach draußen«, sagte Bob finster. »Partner, wir müssen Beweise für unsere Unschuld herbeibringen. Und das kann im Grunde nur Stevens.«

»Hoffentlich findet das Verhör bald statt«, sagte Jim, »damit wir darauf hinweisen können. Bisher hat uns ja keiner richtig zugehört. Besonders dieser Parker behandelt uns wie den letzten Dreck. Aber wenn wir Pech haben, findet das erste Vorverhör erst morgen Mittag statt. Dann wird es mit unserem Zeitplan aber hübsch eng.«

Jim dachte weiter. Es ging nicht nur darum, dass sie bei verspäteter Ablieferung des Aufliegers eine saftige Konventionalstrafe aufgebrummt bekommen würden. Die andere Sache war, dass Tom Bell ihnen diesen Auftrag vermittelt hatte. Tom würde als unzuverlässig dastehen, wenn die Lieferung nicht pünktlich eintraf. Noch dazu, wenn man am Zielort hörte, dass die beiden Fahrer unter Mordanklage gestanden hatten. Wenn sich das herumsprach, würde Tom ebenfalls leiden müssen, da mochten sie so unschuldig sein, wie sie wollten. Wer vertraute seine Frachten schon einer Agentur an, die mit zwielichtigen Gestalten zusammenarbeitete oder deren Trucker unpünktlich lieferten, trotz großzügiger Vorgaben?

Niemand!

Tom wäre erledigt. Er hatte so schon genug Schwierigkeiten. Das Wasser stand ihm und seiner Agentur bis zum Hals. Er hatte sich verspekuliert und eine Menge Geld verloren, hatte sogar eine seiner Filialen verkaufen müssen. Die Banken drehten die Kredithähne zu. Aber Tom Bell und seine Frau waren nicht die Leute, die einfach aufgaben. Sie kämpften weiter.

Und nun so etwas …

»Hast du dich schon entschieden, was wir machen?«, fragte Bob. »Wir haben ja noch einen Anruf frei. Bei einem Anwalt, meine ich.«

Jim zuckte mit den Schultern. Wieder einmal.

»Von den Anwälten hier in Colorado Springs kennen wir ja keinen. Ich habe eine Weile überlegt, ob wir uns hier jemanden empfehlen lassen sollten. Aber … wir sind als Raubmörder verschrien. Ich bin eher dafür, dass wir in San Antonio anrufen. Der King kann seine Verbindungen spielen lassen und einen guten Anwalt beauftragen.«

»Meinst du wirklich, dass es zu einem Prozess kommen wird?«, fragte Bob erschrocken.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939156
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541322
Schlagworte
eine falle

Autor

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Titel: Eine ganz miese Falle