Lade Inhalt...

Eine pelzige Fracht

2020 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Eine pelzige Fracht

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

Eine pelzige Fracht

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Eine ungewöhnliche Fracht sollen die beiden Trucker Jim Sherman und Bob Washburn zum Yellowstone-Nationalpark transportieren – drei ausgewachsene Bären. Einer dieser Bären hat eine Menge Tricks drauf und bringt die beiden Trucker nicht nur einmal in Schwierigkeiten. Smokey ist eben ein besonderer Bär.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Der mächtige Braunbär richtete sich auf die Hinterbeine auf. Er stieß ein tiefes, anhaltendes Brummen aus, das langsam anschwoll. Die Vordertatzen erhoben, tappte er einige Schritte vorwärts. Die kleinen Augen in dem wuchtigen Schädel waren auf den Mann vor ihm gerichtet. Das Maul öffnete sich und präsentierte die messerscharfen, spitzen Zähne.

Nicht nur Jim Sherman hielt unwillkürlich den Atem an. Der Mann in der roten Jacke wich keinen Schritt zurück, auch nicht, als die beiden anderen Bären rechts und links von ihm Unruhe zu zeigen begannen. Noch näher kam der aufgerichtete Bär.

Sein Brummen verstummte!

Der Mann stieß einen wilden Schrei aus. Im gleichen Moment warf der Bär sich vorwärts. Seine Pranken zuckten vor — und trafen ihr Ziel mit unheimlicher Präzision …

Die Spannung des Publikums entlud sich in dem allgemeinen Aufschrei, der durch das große Zelt tobte. Für ein paar Sekunden hatte es tatsächlich so ausgesehen, als würde der Bär dem Mann in der roten Samtjacke mit den Goldtressen den Kopf mit einem einzigen Tatzenhieb abreißen. Aber der Bär erwischte lediglich die Mütze des Mannes, verhakte eine Kralle darin und nahm sie ihm blitzschnell vom Kopf. Ebenso schnell setzte er die Bewegung fort, neigte leicht den Kopf und hatte den Schwung so berechnet, dass die Mütze sich von der Kralle löste - und auf dem Kopf des Bären landete.

Ganz klappte es nicht. Die Mütze fiel in die Sägespäne auf dem Manegenboden. Aber da befand der Bär sich wieder auf allen Vieren, und der Dompteur schwang sich auf den Rücken des Tieres. Triumphierend riss er beide Arme hoch. Das Publikum applaudierte!

Jim Sherman stieß pfeifend die aufgestaute Luft aus den Lungen. Er spürte, wie der Druck von Carla Sues Hand sich lockerte, die Jims Unterarm umklammert hatte.

Der Dompteur rutschte wieder vom Rücken des Braunbären herunter, breitete die Arme aus und verneigte sich vor dem Publikum. Dann bückte er sich, um seine Mütze wieder aufzuheben.

In diesem Moment stupste der Bär ihn an, dass er in die Sägespäne stürzte. Auf den Knien und Händen kam er auf. Sofort war der Bär, der sich wieder aufrichtete, über ihm. Seine Beine waren gerade lang genug, dass er über seinem Dompteur stehen konnte, der den Rücken leicht durchbog. Es sah aus, als würde jetzt der Bär auf dem Mann reiten, zumal der Dompteur sich jetzt auf Händen und Knien langsam vorwärtsbewegte. Der Bär tappte bedächtig mit.

Der Dompteur ließ sich ganz fallen, und der Braunbär wich von ihm zurück. Der Dompteur sprang wieder auf, stülpte sich die Mütze auf den Kopf und verneigte sich abermals. Dann wies er großzügig auf den Bären, um ihm den Applaus zuzuleiten.

»Unser Star«, erklang die Stimme des Conférenciers aus den Lautsprechern, die überall verteilt waren und im Zirkuszelt für gleichmäßigen Klang von Sprache und Musik sorgten. »Smokey! Applaus für Smokey!«

Auch der Bär applaudierte jetzt stehend. Er hatte die Lefzen hochgezogen, als grinse er vergnügt. Er gab ein zufriedenes Brummen von sich, während er die Vordertatzen so bewegte, dass sich die Innenflächen berührten. Als der Applaus nachließ, machte er wieder einen Schritt vorwärts und klaute seinem Herrn und Meister die Mütze ein zweites Mal.

»Jetzt aber ’raus mit dir, Smokey«, schrie der Dompteur lachend. »Und ihr beiden auch, Jack und Johnny!«

Ein Bursche riss die Gittertür zum Laufgang auf, der den Arenakäfig mit den Wagenkäfigen verband. Die beiden Bären Jack und Johnny trotteten davon. Smokey folgte ihnen und schob seinen massigen Körper dann rückwärts in den Laufgang.

»Na …?«, murmelte Jim schmunzelnd. »Ob da noch was kommt …?«

Es kam noch was. Der Bursche schloss die Gittertür, wandte sich zum Gehen - und Smokey öffnete die Tür wieder und kehrte verhalten brummend in die Manege zurück. Der Dompteur stemmte die Fäuste in die Hüften.

»He, was ist, Smokey? Ab in die Heia!« Der Bär schüttelte heftig und anhaltend den Kopf. »Ach so! Du willst deine Belohnung jetzt schon? Okay …« Der Dompteur lief zum Manegenrand und nahm eine flache Schale entgegen, die ihm ein Bursche reichte. Darin glänzte es goldgelb. Honig, den Smokey behaglich aus der Schale schleckte. Anschließend trottete er allein zum Laufgang und verschwand darin.

Abermals brandete Applaus auf, der erst verebbte, als der Bär schon längst nicht mehr zu sehen war und auch der Dompteur die Manege verlassen hatte. Schon begannen die Helfer, die Gittersegmente abzubauen, um die Manege für den nächsten Auftritt vorzubereiten.

Jim Sherman und Carla Sue wechselten einen schnellen Blick. Carla Sue lächelte, aber sie war immer noch ein wenig blass um die Nase.

»Als er auf den Mann losging, dachte ich wahrhaftig, jetzt bringt er ihn um«, sagte sie leise. In der Tat hatte es so ausgesehen, als würde Smokey sich gegen seinen Herrn wenden, nachdem er eine Menge Tricks vorgeführt hatte, die für einen Bären außergewöhnlich waren. Er war der Star der aus drei Braunbären bestehenden Schau.

Jim schüttelte den Kopf.

»Wie kann man einen Bären nur Smokey nennen?«, murmelte er. »Der Dompteur scheint einen recht skurrilen Humor zu haben.«

Carla Sue stutzte einen Augenblick, dann erinnerte sie sich.

»Smokey the bear« war im Trucker-Jargon die Bezeichnung für die Highway-Polizei. Und Smokeys und Trucker waren sich selten grün. Die einen hielten die Trucker für unverantwortliche Raser, und die anderen hielten die Smokeys für Beamte, deren einziger Daseinszweck darin bestand, Trucker zu schikanieren. Natürlich gab es die unzähligen rühmlichen Ausnahmen, aber die wenigen schwarzen Schafe auf beiden Seiten prägten eben das Bild, das meist zum vorurteilbehafteten Feindbild wurde.

»Meinst du, er war einmal Trucker?«, fragte Carla Sue.

»Möglich ist alles«, sagte Jim.

Eine Akrobatengruppe füllte jetzt die Manege aus und führte ihre atemberaubenden Kunststücke vor. Jim lehnte sich zurück. Er genoss die Darbietungen. Es war eines der wenigen Wochenenden, an denen er wirklich einmal Zeit hatte. Bob Washburn und er hatten ihre Tour in San Antonio beenden können, und Bob, der sich nicht viel aus Zirkus machte, erklärte sich bereit, den Thunder allein durchzuchecken.

»Zirkus erinnert mich immer daran, was sie seinerzeit mit mir für einen Zirkus veranstaltet haben«, hatte er grinsend gesagt. Damals, als er als Boxprofi im Ring stand und sein Schwergewichts-Championat erkämpfte und verteidigte. Bis er schließlich Ärger mit der Mafia bekam und aus dem Geschäft ausstieg, um Trucker zu werden.

Jim hatte also Zeit, auszuspannen und die Einladung anzunehmen, die sein ehemaliger Schwiegervater ausgesprochen hatte. Luke Ryland hatte gleich einen ganzen Stapel Karten für die Samstag-Abend-Vorstellung beschafft und die ganze Familie und auch Jim, den er immer noch als Teil dieser Familie ansah, eingeladen. Und so kam es, dass Jim wieder einmal mit Carla Sue zusammentraf. Wie ihr Vater hoffte auch sie immer noch, dass Jim wieder in den Schoß der Familie zurückkehrte, dass er sie ein zweites Mal heiraten würde, um noch einmal von vorn anzufangen und die Fehler von damals, die sie beide gemacht hatten, zu vermeiden. Aber Jim hatte nicht vor, für Carla Sue mehr zu sein als ein guter Kamerad. Darauf hatten sie sich damals bei der Scheidung geeinigt, denn auf Dauer passten sie nicht anders zusammen - der Cowboy der Highways, der seine Freiheit und Unabhängigkeit über alles schätzte, und die reiche junge Lady, die von Dieselgestank und Ölflecken nichts wissen wollte.

Hin und wieder keimte aber durchaus ein seltsamer Drang in Jim auf, der ihn zu Carla Sue führte, wenn er in San Antonio war. Er bezeichnete es als Ausdruck der Kameradschaft, sie zu besuchen oder mit ihr zu telefonieren und schalt sich später immer wieder selbst einen Narren, weil er ihr damit auch noch Hoffnungen machte. Aber er weigerte sich standhaft zu akzeptieren, dass das Gefühl in ihm selbst doch etwas mehr war als nur die erwähnte Kameradschaft. Dass das Kapitel Carla Sue Sherman, geborene Ryland, für ihn doch nicht so abgeschlossen war, wie es eigentlich sein sollte. Sie liebte ihn noch immer - und er?

Er wollte die Antwort darauf nicht wissen und wich ihr stets aus, wo er nur konnte. Sie waren einmal gescheitert, weil ihre Ansprüche zu unterschiedlich waren. Ein zweites Fiasko lehnte Jim ab.

Als die letzte Vorstellung vorüber war - Jenny O’ Tyrell mit ihren Leoparden - und der Applaus schwächer wurde, sahen sie sich wieder an. Die Lichterketten über den Zuschauerrängen wurden heraufgedimmt, und die ersten Zuschauer erhoben sich und strömten den Ausgängen zu.

Auch Luke Ryland erhob sich langsam und sah die anderen an. Seine Frau Marilyn, seine zweite Tochter Darleen und ihren Mann Nolan Curtis, Jim und Carla Sue.

»Was machen wir jetzt?«, fragte er. »Was haltet ihr davon, wenn wir ein Restaurant überfallen? Ich habe Hunger wie ein Leopard.«

Jim grinste. »Bei mir sieht es eher nach Braunbär aus«, sagte er.

»Wie wäre es nicht mit irgendeinem Restaurant, sondern mit einem ganz speziellen?«, schlug Carla Sue vor. »In der Nähe meiner Boutique hat vor kurzem ein Lokal eröffnet, in dem man mehr als nur vorzüglich speisen kann, mit freundlicher, romantischer Atmosphäre …«

»Einverstanden«, sagte Ryland.

»Hat irgendjemand unberechtigte Einwände? So möge er sie für sich behalten. Führst du uns hin, Cora?«

Sie nickte.

»Ah, ich möchte den Bären noch einen kleinen Besuch abstatten«, sagte Jim. »Dieser Smokey interessiert mich. Den will ich noch mal sehen, gewissermaßen privat. Ich komme später nach.«

»Ich komme mit«, sagte Carla Sue entschlossen. »Es dauert sowieso noch eine Weile, bis das Verkehrschaos vorbei ist. Wir treffen uns bei den Wagen, ja?« Sie griff nach Jims Hand und kam mit ihm.

Wie in alten Zeiten, dachte Jim seltsam berührt.

Wie in alten Zeiten, dachte auch Carla Sue, als er sie draußen zu den Käfigwagen lenkte. Vor dem Wagen mit den drei Bären blieb er stehen. Smokey war auf Anhieb zu erkennen. Der Bär richtete sich am Gitter auf, streckte die Tatzen hindurch und bettelte.

»Tut mir leid, alter Junge«, sagte Jim. »Das Füttern der Raubtiere ist verboten. Ich kann dir nichts geben.«

Die kleinen Augen des großen Bären wirkten traurig. Aber ich bin doch kein Raubtier, sondern ein harmloses Braunbärchen, und das Verbot gilt doch bestimmt nicht für dich, schien er sagen zu wollen. Jim zuckte mit den Schultern.

»Mach’s gut, Alter«, sagte er. »Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Deine Schau hat mir jedenfalls gefallen.« Er winkte dem Bären kollegial zu, und - wahrhaftig - der Bär erwiderte die Geste. Zumindest sah seine Bewegung so aus.

Jim wandte sich vom Käfig ab und strebte dem Parkplatz zu, wo die anderen schon bei den beiden Wagen standen; Carla Sues silbergraues Mercedes-Coupe und die Mercedes-Limousine des Kings.

»Mussten wir extra diesen Umweg machen, nur damit du dem Bären noch etwas sagen konntest?«, fragte Carla Sue vorwurfsvoll.

»Verwandte Seelen«, sagte Jim schulterzuckend. Er wusste selbst nicht so genau, was ihn zu Smokey gezogen hatte.

Sie warteten ab, bis das Chaos der heimfahrenden Zirkusbesucher sich gelegt hatte, dann verließen auch sie den Parkplatz und fuhren in die Innenstadt.

Der Abend war noch lang …

 

 

2

»Schon gehört? Mark Bronx ist tot«, empfing Bob seinen Partner, als der gegen Mittag des kommenden Tages mit recht kleinen Augen zu Hause auftauchte. Jim Sherman gähnte.

»Gibt’s Kaffee? Her damit … sonst werde ich überhaupt nicht mehr wach.«

Bob Washburn hob die Brauen.

»Muss ja ’ne verflixt heiße Nacht gewesen sein. Wo hast du dich überall herumgetrieben, Partner? Ich dachte, ihr wart im Zirkus und nicht auf Kneipen-Patrouille.«

»Lästermaul«, murrte Jim. »Natürlich waren wir im Zirkus. Was ist jetzt mit dem Kaffee?« Er ließ sich in den großen Ledersessel fallen.

Das rustikale, von Jim mit eigener Hände Arbeit aufgemöbelte Haus mit Truck-Garage stand auf einem von Büschen, Bäumen und Sträuchern abgeschirmten 10.000-Quadratyards-Grundstück an der Starcrest-Avenue in den Außenbereichen San Antonios. Bob Washburn hatte zwar sein eigenes Apartment in der Stadt, aber oft genug übernachtete er bei Jim, zumal wenn Arbeit anlag. Die letzte Nacht hatte er allein in Jims Haus zugebracht. Der blonde Texaner hatte, als er seinen Ford Mustang in der Garage parkte, einen kurzen Blick auf den Thunder geworfen; der Kenworth-Truck blitzte und blinkte, als sei er frisch aus der Fabrik geliefert worden. Bob hatte mit seiner Generalüberholung und Inspektion ganze Arbeit geleistet. Jetzt musste das gute Stück nur wieder aufgetankt werden, dann konnte es wieder auf große Fahrt gehen.

Bob schlenderte heran, eine gefüllte Kaffeetasse in der Hand, und reichte sie dem Partner. »Schwarz wie meine Haut und deine Seele«, grinste er. »Mit dem Truck ist alles klar. Jetzt fehlen uns nur die Aufträge.«

»Morgen«, brummte Jim. »Morgen früh rufe ich bei Laura Lou Bell in Austin an. Vielleicht hat ihre Agentur etwas für uns. - Was hast du vorhin gesagt? Wer ist tot?« Er gähnte wieder. In dieser Nacht hatte er nicht viel Schlaf gefunden. Carla Sue war immer noch so anspruchsvoll wie früher … und es hatte Spass gemacht. Aber jetzt war er froh, dass er den Weg zur Starcrest Avenue und zu seinem Haus gefunden hatte, ohne dass ihm die Augen zugefallen waren. Entsetzt erinnerte er sich, für den Nachmittag im Haus seines Ex-Schwiegervaters draußen in Riomedina zum Kaffee eingeladen worden zu sein. Er hatte zugesagt. Und es wäre unhöflich gewesen, wenn er jetzt angerufen und erklärt hätte, den Rest des Sonntages schlafen zu wollen. Luke Ryland mochte ihn wie seinen eigenen Sohn, und sie sahen sich selten genug.

»Mark Bronx. Sie sagten es vorhin im Radio.«

»Bronx … den Namen habe ich doch schon irgendwo gehört«, brummte Jim. »Warte mal …«

»Du hast ihn gestern Abend gesehen«, behauptete der Schwarze.

Jim schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

»Richtig«, sagte er. »Der Bären-Bändiger aus dem Zirkus, mit seinem Super-Bären … he? Was? Tot?« Bob nickte. »Das gibt’s doch nicht«, stieß Jim hervor. »Er war doch gestern noch putzmunter. Haben seine Bären ihn aufgefressen? Kann ich mir absolut nicht vorstellen! Er hatte die Biester doch so perfekt im Griff …«

»Er ist heute Morgen von einem Auto angefahren worden und verstarb an der Unfallstelle«, sagte Bob »Der Lokalsender gab die Meldung durch und berichtete, dass deshalb heute die Nachmittagsvorstellung ausfällt. Seid froh, dass ihr die Karten für gestern Abend hattet und nicht für heute. Das muss jetzt eine verdammt miese Stimmung unter den Artisten sein. Der Radiomeldung nach war Bronx unter seinen Kollegen sehr beliebt. Ob es einen Ersatz für seine Bären-Nummer gibt, weiß noch keiner. Die Abendvorstellung wird ohne die Bären laufen.«

»Hm«, machte Jim. »Angehörige?«

»Wurde nicht gesagt.«

Der blonde Trucker seufzte. Er trank den Kaffee aus.

»Ich lege mich für zwei Stunden aufs Ohr, Mister Bob. Falls ich den Wecker überhöre, schmeiß mich aus dem Bett, okay? Ich muss nachher nach Riomedina ’raus.«

»Du Ärmster«, spottete Bob Washburn gutmütig. »Kaffee und Kuchen machen dick, hast du davon schon gehört?«

Jim nickte.

»Es gibt auch noch ein paar andere Dinge, die dick machen«, versicherte er glaubhaft. »Aber die sind entweder illegal oder unmoralisch.« Er verließ den Wohnraum und suchte sein Schlafzimmer auf. Er war todmüde und schlief noch in den Kleidern ein. Und träumte von Smokey, dem Bär.

 

 

3

Der Braunbär ließ ihn den ganzen späten Nachmittag über nicht mehr los. Der tragische Unfalltod des Dompteurs war an Rylands Kaffeetafel Gesprächsthema, und später fuhr Jim auf dem Rückweg zum Zirkus, um weitere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Man suche jemanden, der die Bären-Nummer übernehmen solle, hieß es. Aber das würde nicht leicht sein, da die Bären völlig auf Mark Bronx eingestimmt gewesen waren. Er hatte jede freie Minute mit den Tieren verbracht - Zeit genug hatte er gehabt, da er ledig und kinderlos gewesen war. Wenigstens etwas, dachte Jim halbwegs erleichtert; er hinterlässt keine Frau und Kleinkinder, die vor dem Existenzabgrund stehen.

Als er noch einen Abstecher zum Käfigwagen machte, sah er, dass die Bären keinen guten Eindruck machten. Ihr Dompteur fehlte ihnen sichtlich. Sie waren unruhig und aggressiv. Schulterzuckend kehrte Jim um und fuhr heim, um sich gründlich auszuschlafen. Er konnte ja doch nichts unternehmen, und bis er nach den nächsten Touren wieder in San Antonio war, würde der Zirkus längst nicht mehr hier sein.

»Trotzdem«, murmelte er. »Dieser Braunbär ist der erste Smokey, der mir wirklich aus ganzem Herzen sympathisch ist.«

 

 

4

Idaho Caine schob die Schwingtür von Porter’s Inn auf und trat in den verräucherten Raum. Um diese Zeit waren nur wenige Gäste anwesend. Len Porter drehte hinter dem Tresen Däumchen.

Idaho Caine wusste genau, warum er am frühen Nachmittag herkam. Dann hatte Porter gerade geöffnet, und die Kneipe war noch leer. Caine liebte die Menschenmenge nicht. Er bevorzugte Ruhe und Einsamkeit. Deshalb hatte er sich schon vor einigen Dutzend Jahren in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen. Dort lebte er von Jagd und Fischfang und davon, dass er zuweilen Tiere dressierte und verkaufte oder Holzschnitzereien anfertigte.

Caine näherte sich dem Tresen auf den weichen Sohlen seiner Fellstiefel und warf seine Mütze auf die blank polierte Platte. Er brauchte nur zwei Finger zu heben. Das reichte als Bestellung. Porter stellte ein halbgefülltes Glas mit Whisky ohne Eis vor ihm auf die Thekenplatte und begann ein Bier zu zapfen.

»Auch wieder im Lande?«

»Man sieht’s doch«, sagte Caine.

Er nippte am Whisky. Wenn er nach Garo kam, gönnte er sich den Genuss. Oben in seiner Blockhütte in den Front Mountains gab es keinen Alkohol. Caine brauchte ihn dort nicht. Wenn er einkaufte, dann nur Dinge, die er unbedingt benötigte, die ihm die Wildnis aber nicht bieten konnte - Munition für sein Gewehr, neue Fallen, ein neues Messer, Batterien für sein Radio oder andere Kleinigkeiten. Seine Kleidung fertigte er selbst an, sein Fleisch fing er selbst, und nur wenn die Ernte schlecht war, kaufte er auch mal Mehl dazu, um Brot backen zu können. Im Allgemeinen war er der totale Selbstversorger.

»Gibt’s was Neues?«

»Hier?« Porter zog die Augenbrauen hoch. »In Garo gibt es nie etwas Neues. Melville war vor ein paar'Tagen hier und fragte, ob du wieder einen dressierten Waschbär oder sonst ein Viehzeug hast.«

»Dressierter Waschbär? Der Mann hat einen Vogel. Ich kann ihm einen Raben verkaufen.«

»Was kann das Vieh?«

»Krähen«, sagte Caine. »Und mit dem Schnabel Löcher in die Wand hacken. Wenn ich Tapeten hätte, könnte er die wahrscheinlich abreißen. Das Biest ist mir zugeflogen, und ich weiß nicht wohin damit.«

»Dafür wird Melville wohl keine Verwendung haben«, sagte Porter. Ham Melville war ein Tierhändler, der zuweilen auch Leute belieferte, die mit dressierten Tieren, ob klein oder groß, auf Varieté-Bühnen oder in Zirkusmanegen auftreten wollten oder die diese Tiere selbst dressieren wollten - Hauptsache, sie waren erst einmal gezähmt. »Du müsstest wieder mal einen Bären haben«, fuhr Porter fort. »So einen wie das Riesenvieh damals, das du an Bronx verkauft hast.« »Erinnere mich nicht daran«, brummte Caine und nippte wieder am Whisky. »Ich hätte ihn behalten sollen. Wenn ich bloß nicht das Geld gebraucht hätte … Ich darf gar nicht an die Tricks denken, die ich dem Tier beigebracht habe. Mit der Flasche habe ich ihn aufgezogen, nachdem ein paar Verrückte das Muttertier abgeknallt hatten. Einfach so. Jäger nennen sie sich, diese verdammten Narren. Schießen einfach ein Muttertier ab, und das Junge kann dann ja sehen, wie es zurechtkommt.« Er ballte die Fäuste. Die Erinnerungen kamen wieder, an das tollpatschige Bärenkind, das er aufgezogen hatte, dem er allerlei Dummheiten beibrachte - und irgendwann musste er es dann verkaufen. Er brauchte das Geld. Er hatte Pech gehabt, ungewollt einen Unfall verursacht, für dessen Schadensregulierung er aufkommen musste. Aber wer gab schon einem Mountain-Man Kredit?

Da er kein regelmäßiges Einkommen hatte, war er für die Banken ein Unsicherheitsfaktor, was Rückzahlungen anging. Versichert war er auch noch nie gewesen - so stand er vor der Wahl, ins Gefängnis zu gehen oder den Bären für teures Geld zu verkaufen. Ein Zirkusdompteur hatte ihm die Summe gegeben und den Bären mitgenommen, nachdem er sich fast einen Monat lang in Caines Blockhütte aufgehalten und das Tier an sich gewöhnt hatte. Caine wunderte sich heute noch manchmal, dass der Braunbär den Dompteur akzeptiert hatte. Es war fast, als hätte das Tier die Nöte des Mountain-Man begriffen und sei deshalb mit dem Zirkus-Mann gegangen.

Das Geld hatte gerade ausgereicht, den Schaden zu bezahlen. Sechstausend Dollar … eine Menge Geld für Idaho Caine, dessen Umsätze sich normalerweise im Hundert-Dollar-Bereich abspielten.

»Ich möchte wissen, wo der Bär jetzt steckt und wie es ihm geht«, murmelte er. »Gib mir noch einen Whisky, Porter! Das Bier wird und wird ja nicht fertig.«

Der Wirt füllte das Glas wieder auf. Caine nippte bedächtig. Er lächelte wehmütig. Irgendwie, fand Porter, sah Idaho Caine selbst aus wie ein Bär in seiner Fell- und Lederkleidung und mit dem mächtigen Bart, der sein Gesicht fast völlig verdeckte. Nur Augen, Nasenspitze und Mund schauten aus dem verfilzten Gestrüpp hervor.

Caine legte einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tisch.

»Habe wieder ein Fell verkauft«, sagte er. »MacBrie meinte, er hätte kein Kleingeld, nur diesen verdammten Fetzen Papier. Kannst du den wechseln?«

»Ich kann alles wechseln«, sagte Porter. Er wusste, dass Caine am liebsten klingelnde Münzen in seiner Geldbörse hatte. Von Papiergeld hielt er nicht viel, von Kreditkarten überhaupt nichts. Für ihn war die Zeit stehengeblieben. Nur die Zeitung las er hin und wieder, wenn er einen Abstecher in die Zivilisation machte.

Porter schob sie ihm hin.

»Hier … die Neuigkeiten des Tages. Viel steht nicht drin, nur das übliche Gesülze. Abrüstungsverhandlungen, Haushaltsdebatten in Washington und der Wahlkampf …«

»Das Übliche«, nickte Caine. »Was macht der Golfkrieg? Hauen sie sich immer noch eins auf die Nuss? Himmel, das ist so weit weg! Warum nimmt man das hier alles nur so ernst? Wenn ich mir vorstelle, dass man dazu die Erde halb umrunden muss, um dorthin zu kommen.«

»Du hast deinen kleinen Horizont, und die anderen haben ihren großen«, sagte Porter. »Nimm es hin. Als vor einem halben Jahrhundert Europa zu brennen begann, hat auch keiner so richtig geglaubt, dass wir da mit hineingezogen werden würden. Da halte ich es schon für wichtig, wenn man stets weiß, was in der Welt passiert.«

»Und? Hilft es dir weiter?«, brummte Caine. »Weißt du, wenn jeder friedlich vor sich hin leben würde, seine kleine Hütte hätte und seinen Rüssel nicht in den Kochtopf seines Nachbarn hielte, dann gäbe es gar keine Kriege auf der Welt. Nee, Porter. Ich lasse die anderen in Ruhe und bin froh, wenn ich selbst in Ruhe gelassen werde. Nur das hilft.« Porter grinste und schob ihm das fertig gezapfte Bier hin. »Was würdest du sagen, wenn der Bursche, von dem du dein Mehl und deine Batterien kaufst, dir plötzlich erklärt, er wolle statt einem Dollar jetzt zehn für dieselbe Sache haben?«

»Ich würde ihm sagen, er sei ein verrückter Wucherer, würde ihm einen Dollar geben, und wenn ihm das nicht passt, hat er eben Pech.«

»Er würde den Sheriff holen, damit der dich einsperrt.«

»Dann kriegt er eben eins auf die Nuss«, sagte Caine trocken. »Das wäre nämlich eine unverschämte Ungerechtigkeit.«

»Siehst du - schon ist der Krach da. Der Krieg der Kleinen«, sagte Porter. »Er muss nämlich die Batterien und das Mehl teurer verkaufen, weil er es selbst nur noch teurer geliefert bekommt, oder weil dies und jenes passiert ist, das ihn dazu zwingt. So entstehen Kriege, Idaho. Das ist Politik und Wirtschaft.«

»Interessiert mich nicht«, brummte Caine. »Wieso entsteht überhaupt ein Krieg, wenn Mehl und Batterien teurer werden? Kannst du mir das erklären?« Porter seufzte.

»Lies die Zeitung!«, empfahl er. »Und nicht nur einmal im Monat, sondern täglich. Dann kriegst du mit, was warum passiert.«

»Zeitungen kosten Geld, Geld habe ich nicht«, wehrte Caine ab und schlug die Gazette auf. Er überflog die Schlagzeilen, trank sein Bier, blätterte … und stutzte plötzlich.

San Antonio, Texas. Am Sonntagmorgen verstarb nach einem tragischen Verkehrsunfall der Dompteur Mark Bronx, der durch seine Auftritte mit dressierten Bären im Programm der ,Great Rodney Mathew's Show', einem der bekanntesten Wanderzirkusse der Vereinigten Staaten, Berühmtheit erlangte. Er …

»Teufel auch«, murmelte Caine. »Bronx? Bären? Das ist doch mein Mark Bronx! Der Mann, der mir Smokey abgekauft hat! Himmel noch mal, der soll tot sein?« Selbst sein Vollbart konnte nicht verbergen, dass Idaho Caine blass geworden war. »Aber, zum Teufel, was wird dann aus den Tieren? Was passiert mit meinem Smokey? Wenn Bronx tot ist, ist doch keiner mehr da, der sich um die Tiere kümmert!«

»Hm«, machte Porter. Ihn berührte das nicht sonderlich. Aber Idaho Caine trank sein Bier und seinen Whisky jetzt merklich schneller.

Als er nach etwa einer Stunde Porter’s Inn verließ, nahm er die Zeitung mit.

»Was wird jetzt bloß aus meinem Smokey?«, murmelte er wieder vor sich hin.

Er holte den Rucksack mit den Dingen ab, die er im Store eingekauft hatte, schulterte ihn und machte sich auf den Rückweg zu seiner Blockhütte, die gut zwei Stunden von Garo, dem kleinen Achthundert-Seelen-Ort am South Platte River im Herzen Colorados, entfernt lag.

Er hatte Sorgen. Und diese Sorgen trugen den Namen Smokey. Hoffentlich, dachte er verzweifelt, kommt keiner auf die Idee, Smokey und die anderen Bären zu erschießen.

Sicher, es bestand die Möglichkeit, die auch im Zeitungsartikel erwähnt wurde, dass ein anderer Dompteur sich der Bären annahm. Aber Caine kannte doch ›seinen‹ Smokey. Es war schon ein Wunder gewesen, dass das Tier Mark Bronx akzeptiert hatte. Ob er einen anderen Dompteur anerkennen würde, war mehr als fraglich.

Und dann gab es nur die eine, bittere, endgültige Lösung.

In dieser und den folgenden Nächten schlief Idaho Caine sehr, sehr schlecht.

 

 

5

Jim schaffte es dagegen in den folgenden Tagen, sowohl den Zirkus als auch den Braunbären aus seiner Erinnerung zu verdrängen. Es war eine Episode unter unzähligen gewesen, und die Arbeit brachte ihn von allein auf andere Gedanken. Sie schafften Fleischkonserven von Austin, Texas, nach Tucson, Arizona, und Computerchips von Silicon Valley nach Houston, Texas. Da sie nicht vorher schon eine Anschlussfracht zugeteilt bekommen hatten, mussten sie sich selbst bei den Agenturen umhören und nach Aufträgen suchen.

Überall in den Straßen waren Plakate angeschlagen, die Jim nur zu gut kannte. Sie warben in schreienden Farben für einen Besuch der Vorstellungen von ›The Great Rodney Mathew’s Show‹. Schlagartig waren die Erinnerungen wieder da.

»Was wohl aus den Bären geworden ist?«, überlegte Jim.

»Ich schätze, Partner, dass wir derzeit andere Sorgen haben«, brummte Bob Washburn, der den Kenworth W 900 über die großen Umgehungsstraßen lenkte, fernab der City mit ihren riesigen Häusern, deren Glasfassaden im Sonnenlicht funkelten. »Schau mal auf dem Plan nach, ob wir schon an der Abfahrt vorbei sind oder ob sie noch kommt!«

Sie suchten die Abfahrt von der Hochstraße, die zu der Agentur führte, der sie einen Besuch abstatten wollten. Sie hatten abgesattelt, und der brandrote Truck mit den Blitzbildern auf beiden Seiten der wuchtigen Motorhaube ließ sich fast so leicht wie ein Kleinlieferwagen fahren.

»Abfahrt kommt noch - die nächste«, erklärte Jim.

Auch an der Abfahrt war eine riesige Plakattafel montiert worden, die für den Zirkus warb. Jim schnalzte mit der Zunge. Wenn sie in Houston ein paar Stunden Aufenthalt hatten, würde er dem Zirkus einen Besuch abstatten und nach den Bären schauen.

Es ist Blödsinn, was du vorhast, schalt er sich selbst. Was begeistert dich überhaupt an diesem braunen Zotteltier? Liegt es nur daran, dass das Viech Smokey heißt, oder daran, dass es ein paar ungewöhnliche Tricks auf Lager hat?

»Ja, schon gut, ich lasse es ja bleiben«, murmelte er und begriff erst, laut gedacht zu haben, als Bob ihn verständnislos anstarrte. »Schau nach vorn!«, empfahl Jim ihm. »Da ist die Abfahrt.«

»Seit wann führst du eigentlich Selbstgespräche? Was war denn los?«, fragte der Neger. Jim seufzte.

»Ich habe nur einen Entschluss verworfen«, gestand er.

Die ,Lionel’s‘-Frachtagentur war leicht zu finden. Bob lenkte den Bobtail auf den großen Frachthof und parkte ihn zwischen einem guten Dutzend anderer Trucks, die teilweise mit Aufliegern, teilweise ›nackt‹ in der prallen Mittagssonne standen. Bei einigen liefen die Motoren, ohne dass sich jemand im Truck befand, und lieferten den Strom für die Klimaanlagen, damit die Fahrer hinterher nicht in einen aufgeheizten Super-Ofen einsteigen mussten. Ein paar umweltbewusstere Trucker hatten lediglich die Fenster und Türen ihrer Trucks weit geöffnet. Weiter hinten sah Jim geparkte Auflieger, die darauf warteten, aufgesattelt zu werden, aber ihre Anzahl war weit geringer als die der wartenden Trucks.

»Sieht übel aus«, unkte Jim. »Ich schlage vor, wir versuchen es woanders. Hier können wir in der Hitze stehen, bis wir schwarz werden.«

»Geht nicht«, verkündete Bob grinsend. »Zumindest nicht bei mir. Ich bin es ja schon.«

»Witzbold!«

Jim griff nach seinem Stetson, stülpte ihn sich auf den blonden Schopf und sprang aus dem Thunder. Er stiefelte zum Büro hinüber, in dessen Vorraum sich ein halbes Dutzend Kollegen auf den Stühlen breit gemacht hatte. Durch die offene Tür zum eigentlichen Office drangen Stimmen.

»No, Mister«, hörte Jim jemanden gereizt sagen. »Ich bin doch nicht restlos verblödet! Was ist, wenn mir die Biester eingehen? Und außerdem - sind die überhaupt geimpft? Es gibt immerhin Beförderungsvorschriften für lebende Tiere, und wer weiß, ob nicht irgendwo ein Sheriff steht und mich an die Kette legt, wie? Nein danke! Füttern müsste ich sie ja auch noch - haben Sie nicht was anderes?«

»Tut mir leid, Diefenbaker«, kam die Antwort. »Es ist sonst nichts mehr da. Sie werden warten müssen wie die anderen. Ich kann Ihnen nur die Tiere anbieten.«

»Sie können mich mal«, knurrte der Trucker und stampfte aus dem Office. Im Vorraum blieb er abrupt stehen und sah Jim überrascht an. »Howdy, Jim! Schwirr lieber wieder ab! Die haben hier nichts. Frage mich, weshalb sich das Ding hier Frachtagentur nennt, wenn sie keine Fracht zu vermitteln haben. Der Teufel soll sie holen, alle. Ich sehe mich drüben in Corpus Christi um. Oder ich fahre nach Galveston. Das kostet wieder überflüssigerweise Sprit, aber ehe ich mir hier die Beine in den Bauch stehe oder mit dem Hintern festwachse wie die da …« Er deutete auf die anderen Trucker, die vor sich hin brüteten oder ihn angrinsten. Chuck Diefenbaker, ein auf die Fünfzig zugehender Trucker-Veteran, war überall bekannt wie ein bunter Hund. Seit gut zehn Jahren verbrachte er die Zeit auf den Highways damit, den Mörder seiner Frau zu suchen, und war darüber etwas schrullig geworden, aber ansonsten ein freundlicher und hilfsbereiter Kamerad. Hier aber hatte er offensichtlich die Geduld verloren.

»He, haben die für euch alle nichts?«, wunderte sich Jim.

»Nichts«, brummte einer der Trucker. »Nur diese verdammten Viecher.«

»Bären«, regte sich Diefenbaker auf. »Lebende Braunbären! Mann, ich frage dich, wie man die transportieren soll, eh? Und wie füttern? Woher soll ich das Fleisch kriegen, das die Bestien fressen? Dieses gefährliche Raubzeug sollten sie mit der Bahn schicken, das wäre besser. Oder mit dem Flugzeug. Aber nicht mit mir! Ich hab’ ja nicht mal ’nen Shotgun, den ich von den Biestern fressen lassen kann.«

»Meiner dürfte recht unverdaulich sein«, grinste Jim. In seinem Hinterkopf klingelte eine Glocke. »Lebende Braunbären, sagst du?«

»Nein, von Weihnachtsmännern ist die Rede«, fauchte Diefenbaker. »Bist du schwerhörig? Meinst du, wir alle hier würden auf andere Fracht warten, wenn es keine Bären wären? Ausgerechnet … nee, Leute. Ich mache mich vom Gehöft. So long und viel Spass noch beim Warten! Sitzen kann ich auch hinterm Lenkrad.« Er verschwand nach draußen.

»Ihr wollt die Bären alle nicht?«, fragte Jim in die Runde.

Einmütiges Kopfschütteln allerseits. Der Texaner gab sich einen Ruck.

»Bob wird mich in den Hintern treten und sich dafür extra spitze Stiefel anziehen«, murmelte er. »Aber das interessiert mich doch!« Der Zirkus hier in Houston, und lebende Braunbären, die transportiert werden sollten! Wenn es da keine Verbindung gab, wollte Jim nicht mehr Jim Sherman heißen, sondern Donny Smith. Er trat ins Office.

»Was sind das für Bären?«, wollte er wissen. »Die vom Zirkus?«

»Guten Tag, Mister Trucker«, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. »Höfliche Menschen klopfen an, bevor sie hereinschneien.«

»Nehmen Sie den Willen für die Tat, außerdem war die Tür sperrangelweit offen«, sagte Jim. »Was ist nun mit den Bären? Sind das die vom Zirkus?«

Der Mann, ein glatzköpfiger Anzug-Typ, beugte sich langsam vor. Er fixierte Jim.

»Sagen Sie nicht, Sie wollen die Fracht übernehmen. Sie wären nach zwanzig Ablehnungen der erste, der sich dafür interessiert.«

»Ich frage mal nur unverbindlich an«, sagte Jim. »Also, was ist damit?« Unaufgefordert setzte er sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und stützte die Ellenbogen auf die Platte.

Der Frachtagent öffnete einen Schnellhefter.

»Hier, die Frachtpapiere und Impfzeugnisse. Es handelt sich um dressierte Zirkusbären. Drei Stück, im Käfig-Auflieger. Der Dompteur ist vor ein paar Tagen gestorben, und nun sind die Tiere verkauft worden. Sie sollen zum Yellowstone-Park hinauf und dort unter Beobachtung freigelassen werden.«

»Da komme ich aber ins Grübeln«, sagte Jim. »Die Tiere sind doch zahm. Die können sich doch in der Wildnis gar nicht halten.«

»Hier steht, was ich Ihnen sagte - Freilassung unter Aufsicht. Mehr weiß ich nicht. Der Zirkus hat für die Tiere keine Verwendung. Irgendwie müssen sie weggebracht werden. Der Tarif liegt bei einem Dollar pro Meile.«

Jim atmete tief durch. Er versuchte die Entfernung grob zu überschlagen. In der Luftlinie mochten es von Houston bis zum Yellowstone-Park im Nordwesten Wyomings etwa dreizehnhundert Meilen sein, eher konnte er mit fünfzehnhundert rechnen. Drei Tage Fahrt, fünfzehnhundert Dollar.

»Gibt es Begleitpersonal?«, fragte er.

»Nein, warum?«

»Sie haben sicher die lauthals geschwungene Rede meines Kollegen gehört«, sagte Jim. »Die Tiere müssen gefüttert werden. Selbst wenn sie die Fahrt hier satt bis zur Oberkante Unterlippe antreten, halten sie keine drei Tage ohne Fressen aus, und schon gar nicht ohne Wasser. Das fiele also meinem Shotgun und mir zu, wenn es kein Begleitpersonal gibt. Wir müssen Fleisch und Wasser mitführen. Wir brauchen also einen Thermo-King, um das Fleisch gekühlt zu halten. Das kostet Geld, Sir. Die Fütterungen sind Mehrarbeit. Unter drei Dollar pro Meile ist da nichts zu machen. Es sei denn, es gibt im Käfigwagen eine Möglichkeit, Fleisch und Wasser kühl zu halten. Dann könnten wir uns auf zwei Dollar pro Meile einigen. Ich meine, es ist eine Menge zusätzlicher Arbeit, uns um die lebenden Tiere zu kümmern.«

»Aber davon abgesehen geht es Ihnen ganz gut, Mister?«, fragte der Glatzkopf spöttisch. »Wie stellen Sie sich das vor? Ich kann Ihnen keinen müden Cent mehr zusichern. Der Yellowstone-Park hat einen Dollar pro Meile zugesagt, das ist der übliche Tarif.«

»Für totes Gut«, sagte Jim. »Das hier sind aber lebende Wesen.«

»Einen Personenbeförderungsschein brauchen Sie immerhin nicht«, fauchte der Glatzkopf.

»Dann würde ich ja auch Greyhound-Busse fahren und keinen Truck«, konterte Jim gelassen.

»Nehmen Sie die Fracht nun an oder nicht? Wenn nicht, warten Sie bitte draußen! Sie stehlen mir und Ihren Kollegen die Zeit.«

Jim flitzte vom Stuhl hoch, warf einen Blick in den Vorraum und stellte fest, dass sich nichts verändert hatte. Etwas gemütlicher kam er wieder zurück.

»Keine neue Kundschaft, Mister«, sagte er. »Wir können weiter verhandeln. Sie kennen meine Forderung.«

»Und Sie mein Angebot. Ich bin doch nicht der Goldesel, der die Dukaten eimerweise aus dem Hintern fallen lässt, Mann! Ich kann Ihnen nur das anbieten, was Yellowstone bezahlen will. Meine Provision ist ohnehin schon schmal genug.«

Jim richtete den Zeigefinger auf das Telefon.

»Wissen Sie, was das da ist? Damit kann man zwar keine Rauchzeichen geben, aber die würde man in Wyoming ohnehin nicht sehen. Aber Sie können sich lautstark bemerkbar machen und meine Forderung übermitteln. Mir reicht die telefonische Zusicherung, dass es mehr Geld gibt.«

»Das Telefonat setze ich aber Ihnen auf die Rechnung«, knurrte der Glatzkopf.

Jim schüttelte den Kopf.

»Melden Sie es als R-Gespräch, und lassen Sie Yellowstone zahlen!«, sagte er. Allmählich begriff er, warum bei ,Lionel’s‘ nichts los war. Dieser Frachtagent war einfach nicht clever genug. Er hätte von selbst auf die Idee kommen können, in Wyoming anzurufen. Schließlich wollte er an dem Auftrag verdienen. Und Jim kannte das Geschäft gut genug, um zu wissen, dass der Auftraggeber es der Agentur wieder abnahm und es eiskalt der Konkurrenz anbot, wenn es innerhalb einer bestimmten Zeit nicht zu vermitteln war. Auch, wenn dann die Konditionen schlechter wurden. Das Agentur-Geschäft war kaum weniger hart als das Trucking. Frachtagent Tom Bell in Austin war darüber in den Selbstmord getrieben worden.

Der Glatzkopf telefonierte. Plötzlich entwickelte er eine unglaubliche Beredsamkeit und eine Meisterschaft im Übertreiben. Aus zwanzig Truckern, die abgelehnt hatten, wurden innerhalb weniger Sekunden fast hundertfünfzig. Und der einzige, der gewillt sei, den Transport durchzuführen, verlange vier Dollar pro Meile, wegen der erwähnten Probleme.

Jim spitzte die Ohren und hörte mit.

Zwei Dollar fünfundsiebzig Cents wurden schließlich vereinbart. Ein Dollar pro Meile direkt zahlbar in der Agentur ,Lionel’s', der Rest bei Ablieferung der Bären im Yellowstone-Park.

Der Glatzkopf deckte die Sprechmuschel ab und sah Jim an.

»Gehen Sie darauf ein?«

Jim nickte. »Wie sieht es mit der Verpflegung der Tiere aus?«

»Das müssen Sie mit den Zirkusleuten klären«, sagte der Glatzkopf und sprach wieder mit Wyoming. »Wir sind einverstanden. Der Transport geht noch heute ab und wird in etwa drei Tagen bei Ihnen eintreffen.«

Jim unterzeichnete den Vertrag, nahm die Papiere an sich und verließ das Office. Die wartenden Trucker im Vorraum bezeichneten ihn mit mildem Spott als Irren.

 

 

6

»Hast du deinen Verstand ins Pfandhaus gebracht?« Bob Washburn raufte sich demonstrativ die Haare, als Jim ihm von dem Abschluss berichtete. »Bären! Lebende Bären! Was sollen wir mit den verdammten Viechern machen, eh? Wie sollen wir sie füttern und womit?«

Jim winkte ab.

»Partner, du erzählst mir da Dinge, die mir gar nicht so neu sind.«

»Ich erzähle nicht, ich frage«, regte Bob sich auf. »Erzählen sollst du mir etwas, Mann! Es ist zwar verflixt heiß heute, aber es kann nicht so heiß sein, dass dir das Gehirn ausgedörrt ist.«

Jim hatte sich hinter dem Lenkrad niedergelassen und ließ den bulligen Caterpillar-Motor des Trucks kommen. Rauchfahnen stießen aus den chromblitzenden Auspuffrohren senkrecht in den blauen Himmel hinauf. Jim fuhr im dritten Gang, schaltete weiter und lenkte den Thunder vom Frachthof.

»Wie stellst du dir die Sache jetzt konkret vor?«, fragte der Schwarze.

Jim hielt das Lenkrad mit einer Hand. Mit der anderen fischte er das Tabakpäckchen aus der Tasche seiner Lederweste und begann in aller Seelenruhe einhändig ein Glimmstäbchen zu drehen. Es machte ihm absolut nichts aus, sich gleichzeitig auf das Lenken des Thunder und das Drehen zu konzentrieren. Schließlich verstaute er den Tabaksbeutel wieder in der Tasche, schob sich die Zigarette zwischen die Lippen und grinste Bob an.

»Gibst du Feuer?«

Der Schwarze ließ das Feuerzeug aufschnipsen. Jim setzte das Stäbchen an der Flamme in Brand. Er begann genussvoll zu rauchen.

»Wir fahren jetzt zu dem Platz, auf dem der Zirkus sein Zelt aufgeschlagen hat«, sagte er. »Da holen wir den Käfigwagen ab und bringen ihn nach Wyoming. So einfach ist das.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, murmelte Bob skeptisch. Er sah Schwierigkeiten. Große Schwierigkeiten!

Ein Käfig mit drei lebenden, ausgewachsenen Braunbären! Die Sache gefiel ihm absolut nicht.

 

 

7

Wie in San Antonio hatte man auch in Houston den Zirkus auf einem großen Platz außerhalb der Stadt angesiedelt. Es gab eine hervorragende Verkehrsanbindung und große Flächen, wo die Besucher parken konnten. Das Zelt wurde gerade aufgebaut. Die großen Masten und die Zuschauertribünen standen bereits, und die Arbeiter waren damit beschäftigt, die Planen anzubringen. Vorläufig war nur ein gewaltiges Skelett aus Masten, Stangen, Querverstrebungen und jeder Menge Stahltrossen sichtbar.

In der Nähe des Zeltes waren die Wohnwagen der Artisten aufgereiht; etwas abseits standen die Käfigwagen mit den Tieren. Jim lenkte den Thunder zu den rollenden Käfigen hinüber und schaltete den Motor ab. Er stieg aus, zog sich den Stetson tief in die Stirn und begann mit den Frachtpapieren in der Hand nach den Bären zu suchen.

Er wurde ziemlich schnell fündig. Der rot-gelb lackierte Käfigwagen fiel unter den anderen auf. Jim marschierte an einem anderen Wagen vorbei, in dem Leoparden unruhig auf und ab schlichen. Sie fixierten ihn aus hungrigen Augen. Einer fauchte und versuchte seine Pranke durch das Gitter zu strecken.

»Ich schmecke nicht, Mietzekatze«, sagte Jim trocken. »Glaub’s mir!«

Bob, der ihm gefolgt war, wandte sich ebenfalls spöttisch an den Leoparden.

»Vergiss ihn!«, empfahl er. »Er steht nämlich auf der Speisekarte für die Bären.«

Der Leopard fauchte.

Ein paar Meter weiter ertönte ein leises Lachen. Eine blonde junge Frau in hautengem Overall erschien. Sie sprach auf die Leoparden ein, die sich sofort beruhigten und zurückzogen.

»Ich bin Jenny O’Tyrell«, sagte sie.

»Richtig. Leoparden-Jenny«, sagte Jim. »Ich habe Ihren Auftritt vor ein paar Tagen in San Antonio bewundert. Wo finde ich denjenigen, der für Mark Bronx’ Bären zuständig ist?«

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939149
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541321
Schlagworte
eine fracht

Autor

Zurück

Titel: Eine pelzige Fracht