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Die gelben Dämonen kommen

©2020 124 Seiten

Zusammenfassung


Samuel Reynolds begibt sich auf die Suche nach seinem verschollenen Onkel Miles Morrow, nachdem sich der Professor für Völkerkunde, der sich der Erforschung der Indianerstämme des südamerikanischen Urwalds widmet, seit Monaten nicht mehr zu Hause in England gemeldet hatte. Begleitet wird Reynolds von Claus Kayser, einem alten Studienkamerad aus Deutschland. Ihr Weg führt sie in den paraguayanischen Dschungel, zu den Shoushou-Sümpfen, von denen behauptet wird, dass dort die gelben Dämonen herrschen. Am Anfang belächeln die beiden Freunde die Furcht der Eingeborenen, doch das Lachen sollte ihnen bald vergehen ...

Leseprobe

Table of Contents

Die gelben Dämonen kommen

Copyright

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Die gelben Dämonen kommen

Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Samuel Reynolds begibt sich auf die Suche nach seinem verschollenen Onkel Miles Morrow, nachdem sich der Professor für Völkerkunde, der sich der Erforschung der Indianerstämme des südamerikanischen Urwalds widmet, seit Monaten nicht mehr zu Hause in England gemeldet hatte. Begleitet wird Reynolds von Claus Kayser, einem alten Studienkamerad aus Deutschland. Ihr Weg führt sie in den paraguayanischen Dschungel, zu den Shoushou-Sümpfen, von denen behauptet wird, dass dort die gelben Dämonen herrschen. Am Anfang belächeln die beiden Freunde die Furcht der Eingeborenen, doch das Lachen sollte ihnen bald vergehen ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Zweige peitschten dem Mann das Gesicht, Kratzspuren machten ihm zu schaffen, in seinem Rücken drohte Gefahr.

Er hörte die Schritte, die unaufhaltsam näher kamen. Gleich musste der Verfolger ihn erreicht haben.

Er hatte ihm nie getraut und damit gerechnet, dass er ihn betrog. Doch, dass er ihm aus Habgier nach dem Leben trachtete, war für ihn neu und überraschend zugleich.

Fest presste er die etwa einen Fuß hohe Figur an die Brust, als könnte sie ihn beschützen. Der Pfad wurde immer schlechter. Das Wasser quoll aus dem Boden und machte das Laufen zur Tortur. Wie zähflüssiger Leim bremste es seine Schritte.

Der Mann hinter ihm war schlanker und leichter. Er wurde durch den Sumpf weniger behindert. Deshalb war es nur noch eine Frage von Minuten, bis er ihn eingeholt hatte. Wenig später tauchte der andere auf. Er hatte einen verschlagenen Gesichtsausdruck. Als er den Flüchtigen entdeckte, blieb er lauernd stehen. Wie eine Hyäne beobachtete er sein Opfer. Offensichtlich hielt er eine Falle für möglich.

»Gib auf!«, schrie er keuchend. »Du kommst hier nicht heraus.«

»Was willst du von mir?«, lautete die Antwort. »Haben wir nicht bis jetzt zusammengehalten? Das Gold reicht für uns beide. Wir brauchen uns deswegen nicht die Köpfe einzuschlagen. Auf dem Rückweg wird es gut sein, wenn wir uns gegenseitig helfen können.«

»Für dich gibt es keinen Rückweg!«

Das war deutlich genug. Der Jüngere hatte nicht die Absicht, zu teilen. Er wollte alles, und den Preis bestimmte er auch noch.

Tastend schob er sich näher.

»Komm mir nicht zu nahe!«, drohte der Verfolgte am Baum und hob die Figur, die im Mondlicht geheimnisvoll glänzte. Dann wich er mit einer geschickten Bewegung aus und ließ den Angreifer ins Leere sausen.

»Sei vernünftig!«, warnte er. »Du kannst die Schätze ohnehin nicht ohne Hilfe nach Yuancayo bringen.«

Reaktionsschnell parierte er eine Finte, die der andere mit dem gefährlich blitzenden Messer führte. Er blickte in zwei fanatisch glühende Augen, die ihm deutlich machten, dass ihr Besitzer freiwillig auf keine Unze Gold verzichten würde.

Hart umklammerte seine Faust die kühle Figur. Er war entschlossen, seine Schlagwaffe zu benützen. Voll traf er den Arm. Das Messer fiel herab. Doch blitzschnell bückte sich der Jüngere, tastete nach der im Schlamm steckenden Klinge und stieß sie ohne Warnung mit dem Griff in den Leib des Gegners.

Dieser begriff nicht sofort, was mit ihm geschah, und als er es verstand, war es zu spät.

»Es wird dir kein Glück bringen«, röchelte der Sterbende mühsam, während sein Mörder die Klinge an einer breitblättrigen Staude abwischte.

Kraftlos fiel er zurück. Die Finger der rechten Hand öffneten sich, und die glänzende Figur versank langsam im Schlamm.

Der Täter hatte kein Auge mehr für sein Opfer. Seine Sorge galt der Statue, nach der er gierig griff, um das massive Gold an sich zu bringen.

Eisiger Schrecken erfasste ihn, als er plötzlich seinen Arm brutal umklammert fühlte. Entsetzt über die Wende der Situation stemmte er sich gegen den fürchterlichen Griff.

Vergeblich!

Ein mattglänzender Arm wuchs aus dem Sumpf, ein Arm aus purem Gold. Ihm folgte ein Kopf mit maskenartigem Gesichtsausdruck, ein zweiter Arm und schließlich ein gedrungener Körper.

Die ganze Erscheinung sah wie die Statue aus, die der Ermordete als Waffe benutzt hatte, nur dass sie wesentlich größer war. Größer sogar, als der sich verzweifelt unter ihrem erbarmungslosen Griff windende Mann.

Sein Hilferuf verhallte ungehört.

Wie ein Käfer zappelte er zwischen den goldenen Fingern. Verzweifelt stach er mit seinem Messer auf den Koloss ein. Doch die Klinge glitt wie an einem Panzer ab.

Der ungleiche, aussichtslose Kampf währte nur einige Augenblicke. Dann zog der glänzende Golem sein Opfer mit sich hinab in den gurgelnd über ihren Köpfen zusammenschlagenden Morast ...

 

2

»Das Zeug schmeckt verdammt gut«, stellte Claus Kayser fest und schnalzte genießerisch mit der Zunge. Er schenkte sich aus der bauchigen Flasche nach und kippte das Gebräu erneut mit einem Zug hinunter.

»Vorsicht!«, warnte ihn sein Freund. »Das wirkt so heimtückisch wie der Urwald, aus dem es stammt. Die Hankoh Indianer nennen es Yukiyu, was so viel wie Seelentöter bedeutet. Und das dürfte seine Berechtigung haben.«

Claus Kayser lachte.

»Um meine Seele ist mir nicht bange«, grinste er. »Aber meinst du nicht, dass wir den Abschied von der Zivilisation feiern müssen?«

Samuel Reynolds gab ihm recht.

»Ja, es wird eine Zeit dauern, bis wir uns wieder mit anderen Leuten in unserer Muttersprache unterhalten können. Vielleicht kommen wir auch nie zurück.«

Der Deutsche protestierte lautstark.

»Was fällt dir ein, Sam? Wir werden deinen Onkel finden und zurückbringen. Er kennt das Land genau und ist sich seiner Gefahren bewusst. Wenn ihn nicht der Blitz getroffen hat, oder er von einer Schlange gebissen wurde, gegen deren Gift er ausnahmsweise kein Serum bei sich trug, so erfreut er sich bester Gesundheit und wird sich wegen der Sorgen, die dich seinetwegen quälen, über dich lustig machen.«

Samuel Reynolds winkte ab.

»Deine Aufmunterungsversuche sind gut gemeint, Claus. Aber ich kenne Onkel Miles besser als du. Seit über einem Vierteljahr hat er kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Das ist nicht seine Gewohnheit. Ich sage dir, er lebt nicht mehr!«

»Könnte es nicht sein, dass die Dschungelpost streikt und dein Onkel zufällig keine Brieftaube mehr bei sich trägt?«

»Die letzte Nachricht kam aus Yuancayo. Er machte so seltsame Andeutungen, als sei er einer ungewöhnlichen Sache auf der Spur. Onkel Miles ist sonst kein Freund von Superlativen. Aber diesmal schien er davon überzeugt zu sein, dass es sich um eine echte Sensation handelte.«

»So sind Forscher nun mal. Wenn sie irgendwo den abgenagten Knochen eines Schafes finden, bilden sie sich gleich ein, die Geburtsstätte aller Säugetiere entdeckt zu haben.

Komm, wir trinken noch einen Yukiyu, und dann gehen wir schlafen. Die Maschine nach Yuancayo wartet morgen früh nicht auf uns.«

Wenig später suchten sie ihre wenig komfortablen Zimmer auf. Während sich bei Claus Kayser die einschläfernde Wirkung des Lianenschnapses fast augenblicklich bemerkbar machte, blieb Samuel Reynolds noch stundenlang wach.

Ihn quälten düstere Gedanken. Miles Morrow, sein Onkel, war Professor für Völkerkunde und hatte die Erforschung der Indianerstämme des südamerikanischen Urwalds zu seinem Spezialgebiet gemacht. Er hatte bereits Bedeutendes geleistet und mehrere wissenschaftliche Bücher geschrieben, die auf den Universitäten als Standardwerke galten.

Besonnenheit und ein enormes Geschick im Umgang mit wilden Stämmen zeichneten ihn aus, so dass er bisher auch kritische Augenblicke bei Kopfjägern und Kannibalen heil überstand.

Nie hatte er versäumt, wenigstens einmal im Monat einen ausführlichen Bericht nach Hause zu schicken, in dem sein augenblicklicher Standort und in Stichworten auch seine letzten Forschungsergebnisse festgehalten waren.

Als er vor einem halben Jahr zu einer neuen Expedition aufbrach, unterschied sich ihr Verlauf in keiner Weise von den früheren. Doch dann brach plötzlich die Verbindung ab. Ein ungewöhnlich kurzer Brief aus Yuancayo war die letzte Nachricht, die in England eintraf. Und auch diese Zeilen erschöpften sich in geheimnisvollen Andeutungen und verschwiegen das neue Reiseziel.

Samuel Reynolds, der finanzielle Schwierigkeiten zum Glück nur vom Hörensagen kannte, hatte augenblicklich den Entschluss gefasst, die Suche nach seinem verschollenen Onkel aufzunehmen. Er regelte seine Geschäfte in London, führte einige Telefonate, packte seine Koffer und ließ sich zum Flugplatz fahren.

Dort traf er Claus Kayser, einen alten Freund aus seiner Studienzeit in Tübingen, der gerade nach Deutschland zurückfliegen wollte.

Nachdem Sam ihm in kurzen Worten seine Pläne geschildert hatte, disponierte er um und schloss sich dem Freund an. Er liebte das Abenteuer, auf das er als wissenschaftlicher Berater eines großen Industriekonzerns fast völlig verzichten musste.

Samuel Reynolds hatte das unerwartete Angebot von Claus Kayser freudig angenommen, und am nächsten Tag waren sie auf dem Flughafen von Asunción gelandet, bereit, ihre unerfahrenen Nasen in die paraguayanischen Sümpfe zu stecken.

Obwohl Samuel Reynolds umgehend nach Yuancayo weiterfliegen wollte, hatte Claus Kayser auf einem einwöchigen Aufenthalt in Asunción bestanden, um sich an die extremen klimatischen Verhältnisse zu gewöhnen, etwas über ihr nächstes Reiseziel in Erfahrung zu bringen und die Ausrüstung zu vervollständigen.

Die gutgemeinten Warnungen europäischer und nordamerikanischer Einwanderer, ohne eine erfahrene, zuverlässige Mannschaft in das Landesinnere einzudringen, schlugen sie mit dem Elan ihrer Jugend in den Wind. Sie beabsichtigten, in Yuancayo zunächst Nachforschungen über den Verbleib Miles Morrows anzustellen und nötigenfalls einen Führer für den weiteren Weg zu mieten.

»Bleiben Sie diese Nacht bei mir und nehmen Sie morgen früh das erste Flugzeug, das Sie nach Europa zurückbringt«, hatte der hagere Wirt eines Zehn-Betten-Hotels ihnen geraten, bei dem sie sich einmieteten. »Unter den abergläubischen Eingeborenen werden Sie niemand finden, der sie auch nur eine Meile tief in den Urwald führt. Und ich kann es ihnen, ehrlich gesagt, auch nicht verdenken.«

»Warum sagen Sie das?«

»Der Urwald von Paraguay ist wie ein hungriges Maul. Er verschlingt alles, was er zu fassen bekommt. Ihr Vorhaben ist reiner Selbstmord!«

»Für genügend Geld werden wir schon einen Führer finden.«

Der Wirt hatte warnend die Hände gehoben.

»Seien Sie nicht töricht! Die Halbwilden sind heimtückisch und werden Ihnen das Messer von hinten in den Rücken stoßen, sobald sie bei Ihnen ein paar Pesos wittern. Keiner von ihnen legt sich mit den Geistern der Sümpfe an.«

»Sie glauben dort noch an Geister?«

»Mehr, als an die Götter ihrer Vorfahren. Ungefähr hundert Meilen von Yuancayo entfernt soll es ein Gebiet geben, in dem die gelben Dämonen herrschen.«

»Chinesen?«

»Nein, um Menschen handelt es sich dabei nicht. Es sollen mächtige Wesen sein, die ihr Reich mit allen Mitteln verteidigen. Man erzählt sogar, dass sie sich von den Herzen ihrer Opfer ernähren und aus ihren Gebeinen tödliche Waffen herstellen.«

Die Freunde hatten über diese Erzählung schallend gelacht.

»Es scheint also doch Leuten gelungen zu sein, diesen fürchterlichen Ungeheuern zu entkommen, sonst hätten sie diesen schaurigen Unsinn nicht verbreiten können. Sie leben wohl schon lange in diesem Land, Mister? Bei uns in Europa glaubt man nicht mehr an Spuk und Hexerei.«

Der Wirt hatte sich beleidigt zurückgezogen. Trotzdem hatte er während der vergangenen Tage immer wieder versucht, Samuel Reynolds und Claus Kayser von ihrem selbstmörderischen Vorhaben abzubringen.

Reynolds ärgerte sich, dass ihn diese Gedanken nicht losließen. Er wollte schlafen und nicht an das Gefasel eines kindischen alten Mannes denken.

Er stand auf und trat ans Fenster, durch das der betäubende Duft wilder Orchideen drang. Nun wunderte er sich nicht mehr, dass er keinen Schlaf fand. Das intensive Aroma verursachte Kopfschmerzen.

Mit energischem Ruck schloss er den Fensterflügel.

Da blieb er wie angewurzelt stehen.

Der purpurfarbene Himmel überzog sich beinahe in Sekundenschnelle mit violetten Wolken, die auf ihn zuschwebten.

Samuel Reynolds starrte gebannt auf das Naturschauspiel. Er konnte sich keinen Reim auf das Geschehen machen. Träumte er? Fantasierte er? Hatte das Geschwafel des Wirtes ihn bereits angesteckt?

Die Wolken bildeten eine geschlossene Wand, die sich geräuschlos in der Mitte teilte. Begleitet von atonalen Klängen drang eine Gestalt aus den Wolken und nahm eine atemberaubende Größe an.

Die Gestalt trug unverkennbar menschliche Züge. Samuel Reynolds kam sie seltsam bekannt vor.

Die Musik brach abrupt ab, und die körperlose Gestalt richtete das Wort an den am Fenster Stehenden:

»Halt ein! Suche mich nicht länger! Ich bin am Ende des Weges angekommen ... Du kannst mich nicht zurückholen. Rette dein Leben!«

Der Mann rang nach Worten. Die Erscheinung lähmte seine Körperfunktion. Endlich gelangen ihm ein paar Worte: »Onkel Miles? Bist du es?«

Statt einer Antwort folgte ein Befehl:

»Kehre sofort um! Sie werden dich töten ... Dich und deinen Freund!«

»Wo bist du, Onkel? Wie kann ich dich finden?«

»Zurück!«, donnerte die bekannte Stimme. »Die Gelben befehlen es dir.«

»Die Gelben? Meinst du etwa die gelben Dämonen?«

Er erhielt keine Antwort mehr. Hinter der Gestalt am Himmel begann es zu strahlen. Der Lichtschein wurde so grell, dass die Augen schmerzten und Reynolds sie schließen musste.

Wieder ertönte die seltsam disharmonische Musik. Aber diesmal in einer Lautstärke, dass der Mann sie nicht ertragen konnte. Er schrie, um sie zu übertönen.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter.

Entsetzt fuhr er herum.

Claus Kayser sah ihn besorgt an.

»Ist was nicht in Ordnung?«, fragte er.

Samuel Reynolds brauchte einige Augenblicke, um wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden.

»Ich glaubte, dich schreien zu hören.« Des Freundes Worte drangen an sein Ohr.

Reynolds wagte einen vorsichtigen Blick zum Fenster. Draußen war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Die geisterhafte Erscheinung seines Onkels war verschwunden.

Irritiert sah er Claus Kayser an.

»Es ist nichts«, behauptete er schließlich. »Ich habe wohl den Yukiyu nicht vertragen ...«

 

 

3

Yuancayo lag am Ende der Welt. Ein paar Hütten, einige hundert heruntergekommene Mestizen und ein holpriger Acker, der sich großspurig Flugplatz nennen ließ.

Eine einzige Maschine landete hier jede Woche. Sie brachte Tabak und Fleisch und alle paar Monate einen energiegeladenen jungen Prediger, der nach vierzehn Tagen mutlos den Ort wieder verließ.

Man nahm mit überschwänglicher Freude seine Geschenke entgegen, doch von seinen salbungsvollen Reden wollte man in Yuancayo nichts wissen. Die Indianer und Mestizen hatten ihre eigene Religion, und sie sahen keinen Anlass, sich von bewährten Göttern zu trennen. Boten sie doch den einzigen Schutz gegen die ständig zunehmenden Übergriffe der gelben Dämonen.

Es gab in Yuancayo natürlich auch eine Kneipe. Eine regelrechte Spelunke, die Wirtshaus, Bordell und Spielhölle in einem war. Hierher brachten die Eingeborenen abends ihre mühsam verdienten Centavos, um bei einem Glas Yukiyu ihr Elend zu vergessen.

Lasse Kajosmaa war der Besitzer. Die Kneipe brachte ihm zwar keine Reichtümer, aber sie verhinderte, dass er seinen Lebensunterhalt wie sein Vater auf den Reisfeldern verdienen musste.

Der weißblonde Finne schüttelte sich bei dem Gedanken an diese Rückenstrapaze, die nichts weiter einbrachte, als einen halbvollen Magen und früher oder später die Malaria.

Natürlich war auch sein Job nicht leicht. Die heißblütigen Indianer bildeten eine ständige Gefahr, die es unter Kontrolle zu halten galt. Ein Glas Yukiyu zu viel, und schon brach ein Streit aus, den man hierzulande mit dem Messer auszutragen pflegte.

Die Ursachen der Auseinandersetzung waren in der Regel Marissa und Wahliu, zwei bronzefarbene Mischlingsmädchen, die in den hinteren Räumen der Spelunke für einen Peso den Männern den Traum von einem süßeren Leben vorgaukelten.

Doch wer besaß schon einen ganzen Peso? Höchstens die Aufseher der Reisfelder. Weiße natürlich!

Die Tage, an denen gegen Abend die einmotorige Maschine auf dem Flugplatz landete, waren erfahrungsgemäß kritisch. Dann packte die Kulis die Wut, dass sie verdammt waren, an diesem Vorort der Hölle auszuharren, während Marissa und Wahliu, wenn sie genügend Pesos gesammelt hatten, eines Tages das Flugzeug besteigen würden, um sich die großen Städte zu erobern, von denen die weißen Prediger hin und wieder berichteten.

Der Eingeborenen bemächtigte sich eine wahnsinnige Angst, dass dieser Zeitpunkt eintrat, bevor sie wenigstens eine dieser atemberaubenden Wildkatzen besessen hatten.

Eine günstige Gelegenheit, sich Lasse Kajosmaas Pesos anzueignen und das Glück zu erzwingen, suchten sie deshalb immer.

Der Wirt beobachtete verstohlen seine Gäste. Mit mehr als einem hatte er bereits früher Ärger gehabt. Aber es war immer gut gegangen.

Für gewöhnlich stand er auch nicht allein der wilden Meute gegenüber. Mister Warren, ein bulliger Kerl aus Texas, dem die Reisfelder gehörten, und seine Aufseher-Crew schützten ihn.

Lasse Kajosmaa war sicher, dass Warren vor der Polizei nach Paraguay geflohen war. Doch das brauchte ihn nicht zu interessieren. Ihm gegenüber benahm er sich anständig und sorgte außerdem in einer Art Sheriff-Funktion in Yuancayo für Ordnung.

Heute war Warren allerdings nicht anwesend. Er erwartete eine wichtige Sendung, die er persönlich am Flugplatz in Empfang nehmen wollte.

Auch von seinen Aufsehern war niemand in der Nähe. Gedämpftes Gekicher aus den hinteren Räumen verriet Lasse Kajosmaa, wo sie sich herumtrieben.

»Ein Glas noch und einen Peso!«, riss ihn eine fordernde Stimme aus seinen Gedanken.

Verdammt! Trotz aller Aufmerksamkeit war ihm entgangen, wie ihn dieser Teufel von der Seite angeschlichen hatte. Auch ohne hinzusehen, wusste er, dass der Druck oberhalb des Gürtels von einem Messer herrührte.

Die anderen an den Tischen waren noch nicht aufmerksam geworden.

Lasse Kajosmaa überlegte blitzschnell. Der Bursche war betrunken und musste ernst genommen werden. Er hatte nichts zu verlieren.

Es war nicht viel, was er verlangte. Für den Gegenwert von hundertundzehn Centavos konnte der Finne sein Leben retten. Aber was geschah, wenn er mal nachgab? Musste der Erfolg des einen nicht auch die anderen beflügeln? Konnte er dann seines Lebens noch sicher sein?

Er musste Zeit gewinnen. Vielleicht kamen inzwischen Warren oder einer von seinen Leuten, um ihn aus dieser misslichen Lage zu befreien.

»Du mich nicht reinlegen!«, warnte der Indianer und verstärkte unmissverständlich den Druck.

»Mach keine Dummheiten, Kuri!«, beschwor ihn Lasse Kajosmaa und bemühte sich, seiner Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben. »Die Mädchen haben ohnehin keine Zeit für dich. Trink noch einen Schnaps und verschwinde dann! Ich werde dem Boss nichts von deiner Unverschämtheit sagen. Du weißt, was dir sonst passiert. Er lässt dich auspeitschen und schmeißt dich raus! Dann kannst du dir nicht mal mehr einen Yukiyu kaufen.«

Er wusste, dass die Eingeborenen auf die Arbeit bei Warren angewiesen waren. Er bot die einzige Verdienstquelle in Yuancayo.

Doch auf Kuri machte die Drohung keinen Eindruck. Er war bereits zu berauscht, um logischen Argumenten noch zugänglich zu sein.

»Du halten dein großes Maul!«, zischte er. »Sonst machen Kuri es dir noch größer. Gib den Peso! Marissa warten schon auf starken Kuri ...«

Das war eine lächerliche Behauptung, doch Lasse Kajosmaa ging der Sinn für Humor ab.

Er hatte keinen Peso in der Tasche. Er musste die Kasse öffnen und ahnte, dass der Indianer dem Anblick der vielen Münzen erlag.

Vielleicht gelang es ihm, an den Revolver heranzukommen, der unter der Kasse verborgen lag. Vorsichtig tastete seine Rechte nach der Waffe.

Da spürte Kajosmaa den beißenden Schmerz in der Taille und begriff, dass der andere nicht zögerte, seine Drohung wahrzumachen.

Der Eingeborene hielt ihm das Messer unter die Nase. Die Spitze war feuchtrot. Lasse Kajosmaa biss die Zähne zusammen.

Dann schlug er zu. Seine Faust krachte kurz und trocken gegen das schweißglänzende Kinn des Indianers, der in seinem Zustand nicht schnell genug reagierte.

Kuri ließ ein böses Heulen hören und stieß die Klinge nach vorn. Nur knapp verfehlte sie den Finnen.

Nun waren auch die anderen aufmerksam geworden. Gespenstische Stille breitete sich aus.

Lasse Kajosmaa deutete die Ruhe richtig. Es waren alles Indianer oder Mestizen, die auf den Reisfeldern für einen Hungerlohn schufteten. Er gehörte als Weißer zu den Reichen und Ausbeutern ... Wenn der Funke des Hasses übersprang, war er ein toter Mann.

Die Wahrscheinlichkeit war außerordentlich groß.

»Was ist los, Kuri?«, wollte einer wissen.

»Er mir nicht geben wollen Schnaps«, zischte dieser. »Roter nicht fein genug für reichen Señor.«

Das Murren in der Kneipe ging augenblicklich in ein Drohen über. Im Hintergrund polterte ein Stuhl zu Boden. Gläser wurden hart abgestellt. Wie eine geschlossene Phalanx drangen sie auf den Europäer ein.

Lasse Kajosmaa versuchte mit raschem Griff an seinen Revolver zu kommen, doch Kuri trieb ihn mit einer Hiebbewegung zurück.

Da probierte er sein Glück auf eine andere Tour.

»Jeder von euch bekommt einen Schnaps auf meine Kosten«, rief er. »Keiner kann behaupten, ich würde euch schlechter behandeln als Warren und seine Leute.«

Sofort schlug die Stimmung wieder um. Ein geschenkter Yukiyu wurde diesen armen Teufeln nicht jeden Tag an geboten.

Aber Kuri erkannte sofort die Gefahr einer Niederlage.

»Wir nicht wollen einen Drink«, knurrte er. »Wir wollen dich. Dann wir haben viel Yukiyu. Und wir haben Marissa und Wahliu.«

Den letzten Satz brüllte er zu den anderen hinüber, und diese verlockende Aussicht verfehlte ihre Wirkung nicht.

Brüllend stürmten die Eingeborenen nach vorn, bemächtigten sich der Kasse und wühlten mit Begeisterungsschreien zwischen den Centavostücken.

Während die Mehrzahl sich dann den Flaschen im Regal hinter dem Holztresen zuwandte und unter Verzückungsrufen das klebrige, heimtückische Zeug in sich hineinlaufen ließ, beschäftigte sich eine kleinere Gruppe mit Lasse Kajosmaa, der hilflos der Übermacht gegenüberstand und ärgerlich einsehen musste, dass er mit einem Peso diesen Taifun hätte verhindern können.

»Knüpft ihn auf!«, kreischte ein Angetrunkener.

Begeisterte Zustimmung war die allgemeine Antwort.

Sie packten den Finnen und schlugen ihm ins Gesicht. Aus seiner Nase rann Blut. Dadurch wurde die Ekstase der Naturmenschen noch weiter angeheizt.

»Ich ihm schneiden den Kopf ab«, jubelte Kuri und schickte sich an, seinen Worten die Tat folgen zu lassen.

Niemand hinderte ihn, als er den Blondschopf packte und mit einem kräftigen Ruck zurückbog, dass der Kehlkopf den Hals zu durchbohren drohte.

Erst als er den rechten Arm nach hinten schleuderte, wichen sie ein wenig aus. Allerdings nur, um ihn nicht zu behindern oder gar selbst verletzt zu werden.

Dann ließ er das Messer nach vorn schnellen.

Lasse Kajosmaa verdrehte die Augen.

Den Schuss hörte er in dem allgemeinen Lärm nicht. Er wunderte sich lediglich, dass Kuri aufschrie, die Waffe fallen ließ und entgeistert an ihm vorbeistarrte, als sähe er ein Gespenst ...

 

 

4

»Nein!«, wehrte das Mädchen erschrocken ab.

»Was hast du, Wahliu?«, wunderte sich der Mann, der damit beschäftigt war, seine Kleidung in Ordnung zu bringen. »Sie ist für dich. Sie wird dir Glück bringen.«

Wahliu schüttelte entsetzt ihren schwarzen Wuschelkopf.

»Sie bringt kein Glück. Sie bringt den Tod. Trage sie zurück, sonst wirst du sterben müssen! Und Wahliu auch!«

»Zurück? Ich kann sie nicht zurückbringen. Sie war plötzlich da. Ganz von selbst. Ich habe sofort an dich gedacht und dass sie dir gefallen würde. Sie ist viel mehr wert als ein Peso! Pass gut auf sie auf, dass sie dir niemand stiehlt!«

»Niemand wird Wahliu die Figur stehlen«, verkündete das Mädchen düster, »denn Wahliu will sie nicht. Gib mir meinen Peso und dann geh!«

Mink Barbos zog die Stirn in Falten.

»Hör mal zu!«, brummte er gereizt. »Ich habe einen schweren Tag gehabt. Die kleinen roten Teufel machen mir das Leben nicht gerade leicht. Ich habe mich auf die Stunde mit dir gefreut, und ich war auch zufrieden mit dir. Wie immer. Mach jetzt kein Theater! Oder willst du den Preis hochschrauben? Dann bist du schief gewickelt. Ich sage dir, diese kleine Figur ist mehr wert, als du in einem ganzen Monat verdienen kannst. Dafür will ich auch immer dich haben, wenn ich komme. Ich mag Marissa nicht. Sie ist mir zu kalt.«

»Nimm die Figur, und gib sie denen zurück, denen sie gehört!«, forderte Wahliu.

»Jetzt gehört sie dir.«

»Wahliu will nicht sterben.«

»Sterben?« Der Mann glotzte das braunhäutige Mädchen verblüfft an. »Du glaubst doch nicht etwa an diesen Unsinn?«

»Es ist kein Unsinn«, erklärte Wahliu ernst. »Die gelben Dämonen lassen sich nicht bestehlen. Sie werden sich ihr Eigentum holen. Und dann wird der sterben müssen, der es besitzt.«

Mink Barbos lachte.

»Bei allen guten Geistern! In der Liebe bist du zwar nicht zu schlagen, aber in deinem hübschen Kopf ist offenbar nicht viel drin. Jede andere Frau würde sofort zugreifen, wenn sie so ein Geschenk bekäme.«

»Wahliu ist nicht jede andere Frau«, entgegnete das Mädchen stolz.

»Nein, du bist töricht und dumm«, erklärte der Mann ungehalten. »Du glaubst an Gespenster und Dämonen. Und trotzdem möchtest du gern nach Europa. Dort wird man dich auslachen. Du bist eben eine Wilde! Eine wilde Katze, ja, aber eben nur eine Indianerin.«

»Auch Indianer wollen leben«, flüsterte Wahliu. In ihren Augen standen zwei Tränen. »Wenn du keinen Peso geben willst, dann geh jetzt und komme nie wieder zu Wahliu! Du warst immer freundlich. Wahliu wird traurig sein, wenn sie deine Leiche finden. Aber es ist besser, dass du stirbst, als dass Wahliu den Zorn der Dämonen auf sich zieht!«

»Zum Donnerwetter!«, tobte Mink Barbos. »Ich habe die Figur doch nicht gestohlen. Sie war auf einmal da. Ich fand sie vor meiner Hütte. Irgendwer hat sie verloren. Vielleicht Warren. Der hat Geld genug. Der kann darauf verzichten. Warum verdirbst du mir die Freude?«

Er drehte die kleine, glänzende Figur zwischen den Fingern. Sie war knapp zwei Zoll lang und nicht viel dicker als ein Bleistift. Sie war ungeschickt modelliert, aber gerade diese Plumpheit verlieh ihr einen eigentümlichen Reiz von Urwüchsigkeit. Deutlich konnte man zumindest einen menschlichen Körper erkennen, und mit etwas Phantasie schien es, als würde sich dieser Körper unter Schmerzen winden. Das stilisierte Gesicht trug abstoßende Züge. Sie drückten Hass aus oder Furcht.

Man musste nicht Experte sein, um zu erkennen, dass es sich hier um pures Gold handelte.

Nur Wahliu bemerkte das offenbar nicht, denn wie sonst war zu erklären, dass sie, eine Frau, nicht auf der Stelle das eigenwillige Schmuckstück an sich nahm. Auf Jahre hinaus durfte sie nicht mehr mit einem derart großzügigen Geschenk rechnen.

Der Bronzeton ihrer Gesichtshaut war eigentümlich fahl geworden.

»Wenn der Dämon zu dir gekommen ist, dann bist du verloren«, sagte sie. »Sie werden dich holen, und du kannst fast nichts dagegen tun.«

»Fast nichts?«, fragte der Mann spöttisch.

»Versuche, die Geister zu versöhnen! Vielleicht gelingt es dir, dein Leben zu retten, oder wenigstens deine Qualen zu verringern.«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende«, brauste Mink Barbos auf. »Ich habe die Nase voll von dir und deinem Geschwätz. Da!« Er warf die Figur auf die niedrige Liege in der Ecke. »Niemand soll sagen, dass Mink Barbos seine Schulden nicht zahlt Mach damit, was du willst! Aber mich lass in Zukunft in Ruhe!«

Er wandte sich zur Tür.

Aber Wahliu klammerte sich angstvoll an ihn und flehte:

»Lass sie nicht hier! Nimm sie mit! Bitte! Wahliu hat Angst ...«

Ärgerlich machte sich der breitschultrige Mann von dem schluchzenden Mädchen los und stieß es zurück.

Verzweifelt blieb es am Boden liegen, während Mink Barbos den Raum verließ.

 

 

5

»Was, zum Teufel, geht hier vor?«, drang eine zornige Stimme durch den Raum.

Augenblicklich herrschte gespenstische Stille in Lasse Kajosmaas Kneipe. Die Eingeborenen, die gerade noch im Siegestaumel die Kasse geplündert und die Getränkevorräte dezimiert hatten, verloren merklich an Größe und Mut und machten einen ziemlich kläglichen Eindruck.

Die kleine Gruppe, die dem Kneipier den Garaus machen wollte, distanzierte sich rasch von Kuri, der die Mordwaffe geführt hatte und der nun voller Grauen seine blutende Rechte betrachtete.

»Das war keine Sekunde zu früh, Mister Warren«, stöhnte Lasse Kajosmaa und taumelte auf den Mann am Eingang zu, der gerade eine furchteinflößende Pistole in seinen Gürtel zurücksteckte. »Die Teufel hätten mich tatsächlich umgebracht, wenn Sie nicht dazwischengefahren wären.«

Warren, dessen eleganter Anzug ein Paradoxon in dieser Urwaldwildnis war, war nicht allein. Hinter ihm standen vier weitere Männer, von denen Lasse Kajosmaa nur zwei kannte. Sie gehörten zu Warrens Aufsehern.

Die beiden anderen waren Fremde. Wahrscheinlich kamen sie mit der Maschine, die vor einer Stunde landete.

Warren sah sich in der Runde um. Auch ohne lange Erklärungen verriet ihm der Zustand der Kneipe, was sich vor seiner Ankunft hier abgespielt hatte.

»Zu viel gesoffen«, erriet er. »Und natürlich ist Kuri wieder der Anführer.«

Er bewegte sich mit festen Schritten auf den Roten zu und sah einen Augenblick in dessen angstvolle Augen. Dann schlug er ihm die harten Knöchel seiner Finger ins Gesicht.

Kuri taumelte zurück. Sein Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Fratze, doch er wehrte sich nicht. Er öffnete auch nicht den Mund zu seiner Verteidigung.

Was hätte er auch sagen können? Dass er den verhassten Weißen umbringen wollte, weil er einen Peso für Marissa brauchte? Warren würde ihn aufknüpfen lassen. Als Warnung für die anderen.

Angespannt verbiss er den Schmerz, mit dem ihn die zerschossene Hand peinigte.

Warren folgte seinem Blick.

»Du wirst lernen müssen, das Messer mit der Linken zu führen«, erklärte er ungerührt. Dann fuhr er fort: »Natürlich kann ich auf meinen Feldern keinen Krüppel gebrauchen, der nur eine Hand hat. Du musst dir einen anderen Job suchen. Vielleicht findest du einen.«

Er wandte sich ab.

Da kehrte das Leben in Kuri zurück.

»Sie dürfen Kuri nicht Arbeit wegnehmen, Mister Warren«, flehte er. Erst jetzt kam ihm zum Bewusstsein, dass er mit nur einer Hand nirgends einen Job bekam und er ohne Arbeit verloren war. Denn wenn er keine Centavo verdiente, musste er verhungern. Außer er stahl, was er brauchte. Aber auch dazu würde er beide Hände benötigen.

»Meine Felder sind kein Sanatorium, Kuri«, sagte der Mann, der sich mit Mister anreden ließ und hier in Yuancayo Macht und Autorität verkörperte. »Ich persönlich habe nichts gegen dich. Aber kannst du noch zupacken bei der Ernte oder beim Pflanzen? Frage Señor Kajosmaa! Vielleicht kann der Hilfe in seinem Gasthaus brauchen.«

»Das sollte mir einfallen!«, protestierte der Finne sofort. »Bei dem Halunken wäre ich ja meines Lebens nicht sicher. Für den taugt nur eine Kugel.«

»Nein, wir wollen ihn nicht lynchen«, bestimmte Warren. »Er hat seine Strafe bekommen und wird sich hüten, sich ein zweites Mal an deinen Pesos zu vergreifen. Macht jetzt hier Ordnung und gebt dem Señor sein Geld zurück!« Mit dieser Forderung wandte er sich an die übrigen Eingeborenen, die sich beeilten, die wenigen Münzen, die sie ergattert hatten, in die Kasse zurückzulegen. »Außerdem werdet ihr ihm den Schaden ersetzen, den ihr angerichtet habt«, fuhr Warren fort. »Ihr bekommt zwei Wochen keinen Lohn.«

Unzufrieden und demütig machten sich die Indianer und Mestizen daran, das Chaos in der Kneipe zu beseitigen. Zwei Wochen kein Lohn war eine schlimme Strafe. Aber sie hatten noch mehr Glück gehabt als Kuri, der einen unbeherrschten Augenblick mit einer zersplitterten Hand büßen musste.

Doch für Mitgefühl für ihren Kumpel war in ihren Herzen kein Raum. Jeder musste an sich selbst denken. Wer in Yuancayo überleben wollte, durfte Mister Warren nicht zum Feind haben. Man musste während der zwei Wochen eben noch mehr hungern als gewöhnlich. Das würde auch vorübergehen. Kuris Hand dagegen heilte nie.

Eine lange Zeit würde kein Centavo für einen Yukiyu übrig bleiben, von Marissa und Wahliu durfte man weiter nur träumen.

»Ein paar von euch könnten sich einige Pesos bei uns verdienen«, meldete sich einer der beiden Fremden zu Wort, die bisher keiner beachtet hatte.

Ungläubiges Staunen war die Antwort. Einige Pesos? Man hatte sich wohl nur verhört. Wer gab einem Indianer so viel Geld? Damit war man reich. Man konnte sich jeden Abend einen Yukiyu leisten und ab und zu sogar etwas Tabak.

Was steckte hinter diesem Angebot? Sollte jemand getötet werden?

Warren ergriff wieder das Wort:

»Ihr habt richtig gehört. Diese beiden Señores sind extra über das große Meer zu uns gekommen, um einen Mann zu suchen, der vor einiger Zeit hier gewesen sein soll. Sie brauchen ein paar Leute, die sich in der Wildnis auskennen, und die sie führen. Wer Lust hat, kann sich bei ihnen melden.«

Die Eingeborenen bekamen gierige Augen.

»Wie viel zahlen Señor?«, fragte einer.

»Du kannst zehn Pesos verdienen«, antwortete Samuel Reynolds.

Diese Summe brachte erneut Bewegung in die roten Arbeiter.

Sogar Lasse Kajosmaa wunderte sich.

»Zehn Pesos?«, wiederholte er ungläubig. »Für diese Summe bringen die Kerls Sie um, Señor, ohne dass einer einen Finger für Sie krumm macht. Ist es ein Verwandter, den Sie suchen?«

Samuel Reynolds nickte.

»Mister Morrow, mein Onkel. Ich erhielt seinen letzten Brief aus dieser Siedlung. Am Flugplatz erfuhren wir auch tatsächlich, dass er hier war und dass er zu den Shoushou-Sümpfen wollte.«

Die heftige Reaktion der Eingeborenen überraschte die beiden Europäer. Entsetzte Blicke richteten sich auf sie. Furchtsam zogen sich die Indianer zurück und drängten zum Ausgang. Dabei murmelten sie verstörte Worte, als wollten sie mit Beschwörungen eine große Gefahr bannen.

»Was haben die Burschen?«, fragte Claus Kayser verwundert.

»Sie haben Angst«, erklärte Warren. »Die Shoushou-Sümpfe sind nicht ungefährlich. Es wimmelt dort von Krokodilen, Schlangen und giftigen Insekten. Bis jetzt ist noch keiner von dort zurückgekehrt, der nicht innerhalb kürzester Zeit danach eines grässlichen Todes gestorben wäre. Die meisten allerdings blieben dort und kamen in den Sümpfen um. Wenn Mister Morrow sein Vorhaben tatsächlich wahrgemacht hat, dann können Sie Ihre Suche hier beenden. Sie werden ihn nicht mehr finden.«

»Haben Sie ihn nicht auch gekannt?«, wollte Samuel Reynolds wissen und beschrieb seinen Onkel möglichst genau.

Warren überlegte kurz. Dann zuckte er die Achseln.

»Kann sein, dass ich ihn mal kurz gesehen habe«, räumte er ein. »Jede Woche bringt die Maschine ein paar fremde Gesichter mit. Meistens verschwinden sie wieder mit dem nächsten Flugzeug. Ich kann mich nicht erinnern.«

»Aber der Mann am Flugplatz konnte. Er hat meinen Onkel auf der Fotografie erkannt, die ich ihm zeigte.«

Warren winkte ab.

»Seien Sie nicht so sicher. Er rechnete mit dem Trinkgeld. Dafür hätte er sich sogar an den Teufel erinnert.«

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939132
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
dämonen
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Titel: Die gelben Dämonen kommen