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Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 2

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 2

- Die Prophezeiung -

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Aus der Feder von Tomos Forrest sind weiterhin erhältlich:

Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 2

 

 

von Tomos Forrest

 

eine Trilogie

- Teil 2 -

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel nach einem Motiv von Klaus Dill, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

 

Kara Ben Nemsi schreibt in seinem Orient-Tagebuch:

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es mit Sir David Lindsay wieder von einem gefährlichen Abenteuer ins nächste gehen sollte, bei denen wir so manches Mal nur äußerst knapp mit unserem Leben entkamen. Dabei waren wir nur unterwegs, um die von ihm finanzierten Ausgrabungen im Zweistromland aufzusuchen!

Aber das Schicksal meinte es wieder einmal anders: Wir wurden von einer seltsamen skrupellos mordenden Bruderschaft verfolgt, lernten zwei rätselhafte nubische Prinzen kennen, die von einer verheerenden Prophezeiung sprachen, welche in Kürze ihre Erfüllung finden sollte, und trafen schließlich auf die außergewöhnliche Perserin Azadeh, die ihr eigenes Geheimnis hütete …

 

 

***

 

 

- Die Prophezeiung -

 

 

1.

 

Das langgezogene, tiefe Brüllen eines Löwen schreckte uns aus dem Schlaf. Instinktiv griff ich zum neben mir liegenden Bärentöter, als ich mich halb aufrichtete.

Noch einmal ließ das Tier sich vernehmen, und ich hatte das Gefühl, dass er nur wenige Meter weiter in der Dunkelheit am Wasserloch stand und zu uns herüberwindete.

Es war eine sternenklare Vollmondnacht, und wir hatten uns in der winzigen Oase unter eine Palmengruppe zurückgezogen, die Kamele nach dem Füttern und Tränken in unmittelbarer Nähe angebunden. Bevor wir diesen Ort für unser Nachtquartier auswählten, hatte ich die Quelle in weitem Umfeld abgesucht und war dabei auf mehrere Löwenspuren gestoßen.

Trotzdem hatten wir uns beide zugleich hingelegt, weil ich mich auf meine geschärften Sinne verlassen konnte. Tarek, der Nubier, war jetzt zugleich mit mir aufgestanden. Auch er hatte einen Karabiner von Bord unserer Jacht in der Hand.

Ein drittes Mal ließ der König der Tiere seine mächtige Stimme ertönen, aber diesmal war er bereits ein ganzes Stück von der Oase entfernt. Ich entdeckte ihn auf einer Sanddüne, seine Silhouette zeichnete sich deutlich im Mondlicht ab. Fast schien es mir so, als würde er uns herausfordern.

Ich nahm den Bärentöter und stand auf, um ganz langsam in die Richtung zu gehen, in der sich diese Erhebung befand. Mächtig war der dunkle Körper des Tieres, der jetzt unbeweglich, wie eine Statue, stand und in meine Richtung windete. Ich war für einen sicheren Schuss noch zu weit entfernt und achtete darauf, dass der leichte Wind aus der Richtung unseres Lagerplatzes meinen Geruch nicht zu ihm hinübertrug. Doch auch so hatte mich der Löwe längst ausgemacht und schien mich zu erwarten. Diese Herausforderung nahm ich gern an, und als ich mir sicher war, dass ich ihn mit dem schweren Gewehr erreichen konnte, kniete ich mich hin und drückte den Bärentöter fest an meine Schulter, visierte den Löwen an und – setzte die Waffe mit einem leisen Enttäuschungslaut wieder ab.

Der Hügel war plötzlich leer, der Löwe wie durch Geisterhand verschwunden.

Konnte ich es wagen, ihm zu folgen?

Wohin würde er sich zurückziehen, wo konnte ich ihn schließlich stellen? Ich entschloss mich, den Hügel zu umgehen, wobei mir das Licht des Vollmonds eine große Hilfe war. Doch soweit ich auch hinauslief und meinte, schon fast wieder auf meiner eigenen Spur anzulangen – von dem Löwen war nichts zu sehen, und seine Spuren schien der Wüstensand verschluckt zu haben.

Seltsam!

Mit dem schussbereiten Gewehr in beiden Händen bewegte ich mich vorsichtig weiter. Kein Laut drang an mein Ohr, um mich herum schien alles erstarrt zu sein.

Dann, plötzlich, hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Es gab nichts, das mir die Anwesenheit des Löwen verraten hätte, aber ich ahnte in diesem Augenblick, dass er sich in meiner unmittelbaren Nähe befinden musste.

Ich hielt den Atem an und blieb wie erstarrt in meiner Bewegung stehen.

Da roch ich ihn.

Unverkennbar der strenge Geruch, der einem Raubtier dieser Größe anhaftete. Der Geruch von Blut, gemischt mit den strengen Ausdünstungen einer Großkatze. Ich vermutete ihn unmittelbar hinter mir, als an mein Ohr das ganz feine Rieseln von Sand kam, als würde sich etwas behutsam anschleichen und zum Sprung bereit machen.

Jede Faser meines Körpers war angespannt, meine Nackenhaare schienen sich zu sträuben. War das der heiße Atem des Tieres, der mir da in den Nacken blies? Noch einmal ein feines Geräusch vom Sand, dann ließ ich mich nach vorn fallen, presste dabei den Bärentöter fest an mich, rollte mich um die eigene Achse und riss die Waffe hoch.

Hinter mir war nichts, kein sprungbereiter Löwe, kein anderer Wüstenbewohner, der sich an mich herangeschlichen hatte. Ich lauschte auf meinen rasenden Herzschlag, der sich nur schwer wieder beruhigen wollte und jetzt so laut in meinen Ohren klang, dass er zugleich alle anderen Geräusche übertönen musste.

Als ich mich wieder erhob und nach allen Seiten umsah, schalt ich mich einen Narren. Es mussten meine überreizten Sinne gewesen sein, die mir diesen Streich gespielt hatten. Wütend auf mich selbst, trat ich nun unverzüglich den Rückweg an, als mich plötzlich ein scharfer Knall erneut zum Stehen brachte.

Das konnte nur eines bedeuten – Tarek war in Gefahr!

Als ich mich nun im raschen Lauf auf unseren Lagerplatz zubewegte, wollte es mir so vorkommen, als würde in entgegengesetzter Richtung ein großer, dunkler Schatten verschwinden. Sollte mich dieser Bursche derart getäuscht haben? Während ich glauben konnte, ihn vor mir zu haben, hatte er einen Bogen geschlagen und unseren Schlafplatz aufgesucht?

Die Sorge um den Nubier ließ mich über die Ebene laufen, und erleichtert erkannte ich seine kräftige Gestalt, die hoch aufgerichtet an einem Palmenstamm lehnte und eben den Karabiner absetzte.

„Tarek, hast du auf den Löwen geschossen?“

„Ja, Sidi, er tauchte plötzlich nur wenige Meter von mir entfernt wie aus dem Nichts auf. Aber ich war hellwach und hatte sofort den Karabiner in der Hand. Doch mein Schuss hat ihn verjagt, getroffen habe ich ihn bestimmt nicht.“

„Was für ein gerissener Bursche!“, antwortete ich etwas atemlos, aber doch grenzenlos erleichtert. „Während ich ihm nachschleiche, dreht er den Spieß um und sucht unser Lager auf!“

Wir beiden brachen unvermittelt in ein herzliches Lachen aus, das unsere Beklemmungen beseitigte. Jetzt war jedenfalls nicht mehr an Schlaf zu denken. Ich fachte die Glut mit getrocknetem Kamelmist wieder an, setzte den in der Karawanserei gekauften Topf darüber und brachte das Wasser zum Kochen. Kaum eine halbe Stunde später sattelten wir die Kamele und brachen auf. Das fahle Mondlicht leuchtete die Hindernisse gut erkennbar aus, und wir nutzten die Gunst der Stunde, um noch vor dem Sonnenaufgang unserem Ziel ein bedeutendes Stück näher zu kommen.

Assiut, oder arabisch Asyūṭ, liegt etwa vierhundert Kilometer von Kairo entfernt am Nil.

Einst als Sauti im alten Ägypten bekannt, kam der Stadt eine wichtige Bedeutung aufgrund ihrer Lage zu. Als Hauptstadt des dreizehnten, oberägyptischen Gaus, wurde sie häufig vom benachbarten Gau Theben bekriegt, bevor es endgültig unter die Herrschaft der Thebaner kam. Hier finden die Archäologen bei Isabl ʿAntār die Gräber ägyptischer Fürsten. Gerade erst hatte man das Grab eines mächtigen Priesters aufgefunden und ihn als Mesehti aus der 12. Dynastie identifiziert. Reiche Grabbeigaben, Statuen und Mumien kamen zu Tage, aber nichts davon betraf Sir David Lindsay und seine nimmermüde Suche nach einem Fowling Bull, wie er hartnäckig die Statuen eines Geflügelten Stieres nannte. Unser eigentliches Ziel lag wohl an die zweitausend Kilometer weiter östlich, aber durch die Entführung Lindsays waren wir gezwungen, den beiden Persern zu folgen, die ihn in Kairo in ihre Gewalt gebracht hatten. Anders war es nicht zu erklären, denn bei dem Überfall auf unsere Jacht, die Morning Star, unter dem Anführer Aššur-dān, verschwanden sowohl der Steuermann wie auch der Kapitän, Arash. Später entdeckte der Nubier Tarek die beiden Perser durch einen Zufall. Als ich Kairo verließ, schloss er sich mir an und wollte mir bei der Suche nach Lindsay behilflich sein, während sein Bruder an Bord der Jacht blieb. Wir hatten bereits einen langen, mühevollen Reiseweg hinter uns, und hofften, spätestens an diesem Abend die Stadt zu erreichen.

Plötzlich deutete mein dunkelhäutiger, herkulischer Begleiter nach Osten.

„Eine Staubwolke, Sidi. Das bedeutet nichts Gutes!“

Er nahm erneut das Gewehr von der Schulter und hielt es schussbereit in den Händen. Ich folgte seinem Beispiel, nahm den Henry-Stutzen und machte mich bereit, einem möglichen Feind entgegenzutreten. Rasch kam die aufgewirbelte Wolke näher, und schon konnten wir die einzelnen Reiter unterscheiden, die ihre langen, arabischen Flinten wild schüttelten und dabei in vollem Galopp auf uns zuhielten. Als sie die erste Salve in die Luft feuerten, wusste ich, was uns da geboten wurde.

„Nicht schießen, Tarek, eine Fantasia! Hier muss ein Beduinendorf in der Nähe sein, und man hat uns bemerkt. Nur keine Furcht zeigen!“

Mehr war an Verständigung nicht mehr möglich, weil uns jetzt die Reiter erreicht hatten. Alle Männer saßen auf Pferden, die sie jetzt dicht an uns vorüberjagten und dabei schauerliche Schreie ausstießen, erneut ihre Gewehre abfeuerten, wendeten und in kunstvollen Figuren auf uns zujagten.

Plötzlich aber schien sich ihre Formation aufzulösen und ein Reiter auf einem Rappen kam langsam auf uns zugetrabt. Kurz vor unseren Kamelen hob er die Hand zum Gruß und rief laut aus:

„as-salāmu ʿalaikum – Friede sei mit euch!“

„wa-ʿalaikumu s-salām – Und der Friede auf euch!“, antwortete ich, ein wenig verwundert, denn ich hatte weder mit der Begrüßung durch eine Fantasia noch mit dem üblichen, arabischen Gruß gerechnet.

Der Mann, der uns auf diese Weise begrüßte, war hochgewachsen und kräftig. Sein dichter, schwarzer Bart reichte bis auf die Brust. Er trug die einfache Kleidung der Beduinen und als Besonderheit eine grüne Kordel um seinen Turban, den er kunstvoll aus einem hellen Stoffstück um den Kopf gewickelt hatte. Grün ist die Farbe des Propheten und wird gern von besonders Strenggläubigen getragen.

„Ich bin Scheikh Kaja al-Aschʿarī vom Stamme der Handhala und hoch beglückt, heute Kara Ben Nemsi begrüßen zu dürfen!“

Mein Erstaunen wuchs ins Grenzenlose, denn die Handhala leben im Zweistromland, waren noch vor nicht allzu langer Zeit mit den Haddedihn verfeindet und versöhnten sich schließlich nach den Ereignissen, die ich in meiner Erzählung Blutrache geschildert habe. Den jungen Scheikh kannte ich nicht, und dass er den Namen eines islamischen Propheten führte, ließ mich noch mehr erstaunen, ebenso sein jugendliches Alter, denn ein Scheikh ist zumeist der Stammesälteste.

„Es überrascht mich sehr, Scheikh, dass du mich kennst. An meiner Seite reitet Tarek vom Volk der Nubier. Wir suchen Sir David Linday-Bey, den zwei Männer aus Kairo entführt haben.“

Scheikh Kaja musterte mit einem kritischen Blick meinen dunkelhäutigen, riesigen Begleiter, bevor er sich leise erkundigte:

„Sei auch du mir gegrüßt, oh Tarek Nuba, in dem man einen der Nachfolger der Söhne des Schabaka erkennt. Es ist mir eine große Freude, dich in der Gesellschaft Kara Ben Nemsis zu erblicken.“

Bei der seltsamen Anrede zuckte der Nubier zusammen, aber sein ebenholzfarbiges Gesicht ließ keine weitere Gemütsbewegung erkennen.

Der Scheikh legte seine Hand auf die Brust, verbeugte sich noch einmal im Sattel seines Pferdes und machte eine einladende Bewegung.

„Ich lade euch in unser Duar ein, Kara Ben Nemsi Effendi, dort wollen wir euch stärken und berichten, was uns so weit von den Weideplätzen unseres Stammes nach Westen geführt hat.“

Ich nickte Tarek zu, der noch immer schweigend, aber sehr aufmerksam unseren Worten gelauscht hatte, und wir folgten dem Scheikh, der sein Pferd rasch wendete und nun mit der ganzen Reiterschar über die staubige Strecke einem Tal entgegenritt, in dem wir neben einigen Dattelpalmen auch Zelte erkannten. Während des kurzen, schnellen Rittes rätselte ich darüber, was Scheikh Kaja mit der Anrede wohl gemeint haben könnte. Ich kannte mich ja nun einigermaßen in der ägyptischen Geschichte aus und erinnerte mich an den letzten dunkelhäutigen Pharao, Tanotamun genannt, der etwa 600 Jahre vor Christi Geburt die 25. Dynastie führte. Wenig war über seine Herkunft bislang bekannt geworden, man bezeichnete ihn als Sohn des Schabaka, aber die Wissenschaftler hatten bislang keinerlei bedeutende Funde aufzuweisen, die mehr über sein Schicksal enthüllen konnten.

Doch jetzt interessierte mich viel dringender, was ein Stamm der Handhala so weit im Westen tat und woher mich der Scheikh kannte. Ich musste mich zunächst in Geduld fassen.

Das Duar, das Dorf, in das wir ritten, war nicht sonderlich groß, die Zelte wenig prunkvoll, aber noch sehr neu. Das Weiß der Zeltbahnen blendete regelrecht in der glühenden Sonne, die über dieser Oase schien. An einem etwas größeren Wasserloch wuchs neben den Palmen und niedrigen Tamarisken das überall am Wasser gedeihende Sauergras, das wir unter der Bezeichnung Papyrus aus dem Orient her kennen.

Die Reiter überließen ihre Pferde ein paar Hütejungen, die auch eine kleine Herde mit Ziegen am Wasser bewachte. Scheikh Kaja bat uns in sein Zelt, das sich als erstaunlich geräumig erwies und mit Teppichen und Polstern gut ausgestattet war. Hier ließen wir uns nieder, und gleich darauf brachte uns einer der Männer Tabak, Pfeifen und die kleinen Kaffeetassen, während ich bei seinem Eintritt erkannte, dass ein weiterer Mann an einem Feuer vor dem Zelt mit der Zubereitung von Kaffee beschäftigt war. Das Fehlen jeglicher Frauen zeigte mir, dass es sich um ein Kriegslager handeln musste, die Anwesenheit von Hütejungen und Ziegen darüber hinaus, dass man Städte und andere Ortschaften meiden musste und sich deshalb selbst versorgte.

Nachdem wir unsere Tassen geleert und auch der Tabak geraucht war, legte sich der Scheikh behaglich an seinen Kissenstapel und musterte mich lächelnd. Er schien es zu genießen, dass er etwas über uns, wir aber nichts über ihn wussten. Endlich brach er sein Schweigen und begann seine Erzählung.

„Verzeih mir, Kara Ben Nemsi, dass ich so ungebührlich lange mein Wissen vor dir zurückgehalten habe. Das ist gegenüber einem Älteren unhöflich, und ich muss mich für mein Verhalten schämen. Aber Allah ist mein Zeuge, dass ich keine Hinterlist dabei im Spiel hatte.“

„Dein Name bedeutet ‚Felsen‘, Kaja, und du scheinst ein wichtiger, tragender Fels für deinen Stamm sein, dass man dir trotz deiner Jugend so viele Männer mit ausgezeichneten Pferden anvertraut hat. Also, ich bin auf deine Erzählung sehr gespannt, hoffe nur, dass deine Anwesenheit hier vor den Toren der Stadt Assiut nichts mit einer neuerlichen Fehde zwischen deinem Stamm und dem der Haddedihn zu tun hat. Oder sind die Scherarat wieder auf Raubzügen?“

„Nein, nichts von alledem, Kara Ben Nemsi Effendi, das kann ich dir versichern. Dein Herz wird jubeln, wenn ich dir erzähle, dass wir uns in einiger Zeit mit Hadschi Halef Omar und seinen Haddedihn treffen werden. Jetzt, wo ich dich mit Allahs Hilfe so viel schneller als erhofft angetroffen habe, wird unsere Sache auch gemeinsam zu einem guten Ende gebracht werden. Der große Stamm der Schammar hat alle benachbarten Stämme zusammengerufen und einen Bund geschlossen, damit wir uns gegen die große Gefahr wappnen können.“

Das waren Ankündigungen, die mich nicht gerade ruhiger machten. Gut zu wissen, dass mein lieber Halef sich mit Scheikh Kaja und seinen Männern treffen wollte, noch besser, dass ich nun die Gewissheit hatte, ihn in Kürze wieder in die Arme schließen zu können. Aber noch trennten uns riesige Entfernungen, die eine ernsthafte Änderung unserer Reisepläne bedingten – so wir denn Sir David Lindsay in Assiut finden und befreien konnten. Von diesem Vorhaben erzählte ich Kaja.

Was uns der Scheikh dann allerdings berichtete, versetzte mich in höchste Sorge um die Weideplätze der Haddedihn, und Tarek, der Nubier, wurde durch den Bericht über Aššur-dān, den Löwen von Aššur, in große Aufregung versetzt. Nur der Scheikh konnte ihn beruhigen, als er ihm versicherte, dass er das Lager an der Oase nur mit einer geringen Wache zurücklassen und uns bis an das Nilufer begleiten würde.

„Es ist Allahs Wille gewesen, oh Tarek, dass ich dich hier getroffen habe!“

Der Nubier schwieg dazu, während ich mich erkundigte:

„Aber Kaja, nun erkläre mir doch bitte, warum eine Gruppe der Scherarat aus ihrer Heimat an den Nil zieht, das ist doch ein außergewöhnlicher Weg!“

Scheikh Kaja lächelte, als er zu seiner Erklärung ansetzte.

„Die Weideplätze der Scherarat liegen beim Dschebel ad-Duruz, dem Gebirge der Drusen, wie du ja weißt, Effendi. Wir wurden ausgewählt, um an den Nil zu gehen, und dort Abu Djom, den Vater des Windes, aufzusuchen und um seine Unterstützung zu bitten.“

„Abu Djom!“, rief ich erstaunt aus. „Der Anführer der Nuehr vom Stamme der Eliab, mit dem Halef und ich einst die Sklavenjäger jagten! Wie geht es ihm, Kaja? (vgl. dazu die Reiseerzählung: Eine Ghasuah)

Ich dachte an den tapferen Mann, dessen breitschultrige Gestalt ich deutlich vor mir sah und mich auch sofort an sein von den Blattern entstelltes Gesicht erinnerte. Abu Djom war ein Mann, den man im Falle eines Kampfes gern an seiner Seite hatte.

„Es geht ihm sehr gut, Effendi, und er ist uns bereits vorausgeeilt, um unsere gemeinsame Sache zu unterstützen. Hadschi Halef Omar war es, der ihm eine Nachricht durch mich zukommen ließ. Während des Rittes zu seinem Duar erfuhr ich in der Stadt Assiut, dass auch das Volk der Nuba sich rüstet, dem Löwen von Aššur entgegenzutreten. Bevor wir aber die nächsten Stämme aufsuchen, werden wir dir helfen, den Inglis in Assiut aufzuspüren, Kara Ben Nemsi Effendi. Meine Familie schuldet dir hohen Dank und ich bin dir deshalb verpflichtet.“

Das war nun ein Thema, über das wir uns bislang noch nicht ausgetauscht hatten. Auf meine Nachfrage aber blockte Scheikh Kaja ab und lächelte bei seiner Antwort.

„Durch Heirat wurde Mesud Ben Hadschi Schukar mein Onkel. Er wurde, wie du weißt, von Abd el Birr ermordet, die Blutrache erforderte sein Leben. Aber als der Scheikh der Hadesch-Beduinen, Humam Ben Dschihal, den Sohn Abd el Birrs entführte, verzichtete Omar Ben Sadek auf die Blutrache. Vielleicht erinnerst du dich auch, Effendi, dass el Birr seine Frau verstieß. Nun, ich will dich nicht mit meiner Geschichte langweilen, aber diese Frau ist später meine Tante durch Neuverheiratung geworden, und sie war es auch, die mir von dir und Hadschi Halef erzählte. Ein Franke, stark wie ein Löwe, und mit zwei Gewehren auf der Schulter – da wusste ich, wen ich vor mir hatte, als mir die Kundschafter euren Schlafplatz zeigten.“

„Schön, Kaja, und nun erkläre bitte, weshalb eine Abordnung deines Stammes hier in Ägypten unterwegs ist, was das für eine Gefahr ist, die alle Stämme in Mesopotamien bedroht! Du hast den Löwen von Aššur erwähnt – ich kann nicht glauben, dass es sich dabei um den Mann dreht, der als Pirat die Küstengewässer unsicher macht und sich Aššur-dān nennt!“

„Das ist der Name des Mächtigen, der bereits viel Unglück über die Stämme gebracht hat. Seine Krieger sind mit modernen Gewehren bewaffnet, überfallen ein Duar nach dem anderen, und wer sich ihnen nicht anschließt, wird grausam ermordet. Kann es denn sein, Effendi, dass du noch nichts von dem Aufstand gehört hast, der das Zweistromland erschüttert?“

„Ein Aufstand? Bislang habe ich nur Gerüchte vernommen. Gegen wen wird gekämpft?“

„Das ist eine lange und schwierige Geschichte, Effendi. Es geht um die Macht im alten Mesopotamien, und dazu hat dieser Aššur-dān seine Streitmacht ins Land geführt. Im Moment gibt es ein starkes Lager zwischen Mossul und Amadijah, und es wird erzählt, dass der Anführer mit seinem Schiff unterwegs ist, um mit den Insignien des rechtmäßigen Herrschers über das Zweistromland und sehr viel Geld zurückzukommen. Dann wartet er auf ein Zeichen am Himmel, das für alle ein Signal sein wird. Die Schammar stehen fest beisammen, aber es gibt alarmierende Nachrichten vom Nil. Von Mesopotamien aus will Aššur-dān nach seinem Sieg hierhereilen, um sich das alte Königreich Kusch anzueignen und dann als Herrscher des größten Königreiches alle Fremden aus dem Land jagen. Deshalb haben wir Abu Djom aufgesucht. Mehr werde ich dir später erzählen.“

So war das also gekommen, und nun konnte ich endlich mit meinen neuen Gefährten darauf hoffen, in der Stadt Assiut eine Spur von Lindsay zu finden, auch wenn ich das Tarek und mir auch allein zugetraut hätte. Wer aber diese Stadt einmal gesehen hat, durch die verwinkelten Gassen der Altstadt oder die zahlreichen, einfachen Lehmhütten der Vorstadt gegangen ist, wird verstehen, dass man sich in diesem Labyrinth kaum besser als in der Altstadt von Kairo zurechtfinden konnte.

 

 

2.

 

Zwei hoch gewachsene Perser in Begleitung eines Inglis – das konnte nicht sonderlich schwierig sein, etwas über ihren Aufenthaltsort zu erfahren, zumal sie sicher ihre Reittiere in einem Stall untergebracht hatten. Doch trotzdem suchten wir am ersten Tag lange Zeit vergeblich, und ich hatte schon die Befürchtung, dass die drei Verfolgten die Stadt wieder verlassen hatten. Da sie am westlichen Nilufer liegt, bot sie entsprechende Möglichkeiten, sich uns zu entziehen – sollte einer der beiden Perser merken, dass wir ihnen auf der Spur waren. Gegen Abend des zweiten Tages in Assiut wurde schließlich Scheikh Kaja selbst durch einen Wirt in einem ziemlich üblen Kaffeehaus auf die Spur gebracht. Er hatte sich gerade sein Schälchen Qahwa helu bestellt, also süßen Kaffee, als er Zeuge einer lautstarken Auseinandersetzung wurde, von der er mir etwas später das Folgende berichtete:

Der Wirt, ein grobschlächtiger Kerl in einem vor Dreck starrenden Kaftan, in dessen Barthaaren das Ungeziefer einen ungestörten Nistplatz gefunden hatte, schimpfte einen der Nilschiffer aus, weil der seine Bestellung in parsischer Sprache geäußert hatte.

„Verschwinde du aus meinem Haus! Ich will nie wieder einen von euch Parsen hier sehen!“

Als der Schiffer trotzig vor dem Wirt stehen blieb und seine Bestellung wiederholte, packte der ihn kurzerhand an seiner Dschallabija und zerrte ihn daran bis an die Tür, wo er ihm einen kräftigen Tritt verpasste.

Damit schien die Sache für den Wirt erledigt zu sein, er hatte aber nicht mit der Reaktion des Schiffers gerechnet. Der war nämlich rasch wieder in dem kleinen, verräucherten Raum und schwang seinen krummen Dolch gefährlich nahe hinter dem Wirt, als Scheikh Kaja blitzschnell aufsprang, den Mann am Hals packte und ihn niederschlug. Verwundert und auch schwerfällig drehte sich der Wirt um, machte große Augen beim Anblick des Angreifers, der seinen Dolch noch in der Hand hielt, und dann erst kam sein Gehilfe aus dem hinteren Verschlag, in dem sich wohl die Vorräte befanden.

„Danke, Fremder, das hätte wohl schlecht für mich ausgehen können!“, sagte er und verzog dabei seine vom Bart dicht umrahmten, wulstigen Lippen auf unangenehme Weise. Vermutlich sollte das ein Grinsen sein, aber als die dicken Lippen zurückglitten, enthüllten sie ein paar schwarze Zahnstummel, die besser im Verborgenen geblieben wären. Kurzerhand griff der Wirt die Beine des Bewusstlosen, während sein Gehilfe die Schulter nahm. Beide zogen den Mann mehr, als dass sie ihn trugen, und kehrten erst nach einer Weile zurück. Scheikh Kaja nahm an, dass die beiden den Parsen in den Nil geworfen hatten. Als sie wieder eintraten, baute sich der Wirt neben seinem Tisch auf und hielt ihm eine unsaubere, dicke Hand entgegen.

„Danke, das war im rechten Moment, mein Freund!“

„In schā' Allāh!“, antwortete der Scheikh achselzuckend. „Wenn Allah gewollt hätte, dann wäre der Dolch zwischen deine Schultern gefahren. Ich war nur sein Werkzeug!“

„Noch einen helu und ein Pfeifchen?“, erkundigte sich der Wirt.

„Warum nicht?“, antwortete Kaja lethargisch, und als der Wirt mit einer Wasserpfeife und zwei neuen Schälchen mit der heißen und süßen Flüssigkeit kam, sich kurzerhand neben ihn auf die Polster hockte und nun genüsslich an dem Pfeifenschlauch saugte, ergab sich nach einem Moment des Schweigens schließlich das folgende Gespräch.

„Magst du keine Nilschiffer?“

„Ich mag keine Parsen!“

„Was ist mit denen?“

„Sie sind unverschämt und zahlen nicht!“

Kaja zeigte sich entrüstet.

„Wie können sie sich denn weigern, zu bezahlen?“

„Hatte gestern zwei unangenehme Kerle hier, die meinen Kaffee verschmähten. Als sie einfach aufstanden und gehen wollten, habe ich sie natürlich aufgehalten.“

Kaja dachte an meine Beschreibung und erkundigte sich:

„Waren das auch solche Hungerleider wie der mit dem Dolch?“

Die Augen des Wirtes schienen förmlich zu glühen, als er mit Stolz erhobener Brust antwortete:

„Nein, das waren zwei wahre Riesen, einer von ihnen Pockennarbig. Aber ich habe einmal vor langer Zeit von einem Franken ein Drehgewehr (Revolver) bekommen, damit habe ich sie mir vom Hals geschaffen.“

Damit schloss Scheikh Kaja seine Schilderung, als wir beide in dem einfachen Gasthaus noch in der Dunkelheit auf der Dachterrasse saßen und die nächtliche Kühle nach dem wieder sehr heißen Tag genossen.

Ich musste lächeln.

„Das hört sich ja recht gut an, Kaja, aber dadurch wissen wir noch immer nicht, ob es sich um die beiden von mir Gesuchten handelt, und wo sie ihre Unterkunft haben!“

Jetzt lächelte auch Kaja auf seine eigene, verschmitzte Weise. Ich hatte den jungen Scheikh längst in mein Herz geschlossen, denn seine offene, freundliche Art gefiel mir.

„Dieser Wirt wollte sichergehen, dass die beiden nicht in der Nacht zurückkehrten, um sich für den Rauswurf zu rächen. Deshalb schickte er seinen Tschibuktschi, wie er seinen Küchenjungen hochtrabend nennt, hinterher. Für ein kleines Bakschisch war er bereit, mir das Haus zu zeigen – umso mehr, als ich mich ebenfalls als absoluter Parsen-Hasser ausgegeben hatte. So etwas verbindet doch immer, Effendi – der Hass noch mehr als die Liebe!“

Oh, mein junger Scheikh wurde schon zum Philosophen!

Aber ich musste ihm zustimmen und wäre natürlich gern noch zur selben Stunde zu diesem Haus gegangen, wenn – ja, wenn nicht Scheikh Kaja al-Aschʿarī auch hier schon Vorsorge getroffen hätte. Zwei seiner Beduinenkrieger hatten unauffällig Posten bezogen und würden uns im Falle einer Abreise der beiden Perser – ob mit oder ohne einen erkennbaren Gefangenen – benachrichtigen.

So konnte ich also beruhigt an diesem Abend noch etwas Schlaf finden, bis mich im Morgengrauen jemand an der Schulter berührte. Verwundert sah ich auf und blickte in das Gesicht des Nubiers, der nahezu mit der noch herrschenden Dunkelheit im Zimmer verschmolzen wäre, hätte er nicht sein großartiges Gebiss gebleckt.

„Sidi, der Scheikh hat Nachricht erhalten, es tut sich etwas in dem Haus, in dem die beiden Perser untergekommen sind!“

Rasch erhob ich mich, griff zu meinen Revolvern und steckte sie mir in den Gürtel. Dann folgte ich Tarek hinaus auf die nächtliche Straße, die zu dieser Zeit vollkommen menschenleer war. Während wir beide zum Nil hinuntereilten, schätzte ich mit einem Blick auf den nächtlichen Himmel die Uhrzeit ein. Es konnte noch nicht viel später als drei Uhr am Morgen sein, für den Aufbruch zu einer Reise ungewöhnlich früh. Kaja erwartete uns am Eingang der schmalen Gasse, die scheinbar still und dunkel lag. Nirgendwo konnte ich einen seiner Männer erblicken, aber der Scheikh flüsterte mir zu, dass die beiden Beobachter auf ihrem Posten waren und auf sein Zeichen eingreifen würden.

Da öffnete sich mit einem leichten Knarren eine Tür in der Gasse, und der Umriss eines großen Mannes zeichnete sich vor der hellen Lehmwand des Gebäudes ab. Er schien einen Augenblick zu lauschen, dann setzte er sich in unsere Richtung in Bewegung. Der Mann blieb allein, und ich machte Kaja ein Zeichen, dass er vor Ort bleiben solle, während Tarek und ich dem Perser folgten. So eilig, wie der Mann vor uns durch die dunklen Gassen eilte, schien er sich auszukennen. Für uns wurde es schwierig, ihm ungesehen zu folgen, denn im Falle, dass er sich umdrehen würde, konnten wir nur weitergehen. Es wäre zu auffallend gewesenen, wenn wir rasch in eine der schmalen Nebengassen getreten wären. Aber das war gar nicht erforderlich, der Verfolgte eilte, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu einer Moschee, deren schmaler Gebetsturm wie ein dunkler, mahnender Zeigefinger vor uns plötzlich aufragte. Als wir davor standen, war er in der Dunkelheit verschwunden. Ich lauschte in die Stille, konnte aber keine Schritte mehr ausmachen.

Tarek und ich trennten uns, jeder schlug einen Halbkreis um das Gebäude der Moschee, wo wir in einem kleinen Hinterhof mit der Waschgelegenheit wieder zusammentrafen. Dort drang aus einem mit einem Laden verschlossenen Fenster ein Lichtstrahl heraus, und ich presste mein Gesicht dagegen, um etwas zu erkennen. Fast wäre ich zurückgeprallt, denn es kam mir vor, als würde ich direkt in das Gesicht eines Menschen starren, der nach draußen blickte.

Doch dann erkannte ich, dass unmittelbar vor dem Fenster ein alter Mann saß, der mir das Gesicht zugewandt hatte. Aber seine weißen, milchigen Augen konnten nichts mehr sehen, und ich schauderte unwillkürlich bei seinem Anblick zurück.

Der Kopf des Alten drehte sich zur Seite, weil er wohl den eintretenden Besucher bemerkt hatte, der aber außerhalb meines Blickfeldes blieb. Leises Stimmengemurmel drang zu mir, und ich presste mein Ohr an das Holz, um etwas verstehen zu können, aber nur ein paar Wortfetzen drangen zu mir heraus.

„Sidi, es kommen Männer!“, raunte mir da der Nubier zu, und wir beeilten uns, um hinter den Minarett-Turm zu gelangen. Von hier aus konnten wir beobachten, wie nacheinander etwa zwanzig Gestalten, alle mit einem dunklen Umhang über den helleren Hemden, durch einen Hintereingang in der Moschee verschwanden. Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, aber plötzlich drang ein mehrfach wiederholter Ruf aus dem Inneren heraus, gleich darauf öffnete sich eine Tür, und Licht fiel auf den Platz mit der Waschstelle. In alle Richtungen eilten die nächtlichen Gäste davon, als Letzter verließ ein großer, breitschultriger Mann den Raum. Ich war mir ziemlich sicher, dass es sich um den Anführer der Piratenbande handelte, der sich uns als Mirza Aššur-dān vorgestellt hatte – der Löwe von Aššur. In sicherem Abstand folgten wir dem Mann, der es wieder sehr eilig hatte, in sein Quartier in der dunklen Gasse zurückzukehren.

„Was haben die Männer zum Abschied gerufen, Sidi? Ich konnte es nicht verstehen!“

„Heil dir, šar māt Hanigalbat, hieß das, was sie zum Schluss in parsischer Sprache riefen. Heil dir, König von Hanigalbat!“, antwortete ich dem Nubier.

„So ist es also wahr, Sidi!“, flüsterte Tarek kaum hörbar. „Es kommen schlimme Tage auf uns zu!“

Ich verharrte an einer Hauswand, die von einer kleinen Öllampe an einem Haken beleuchtet wurde, und überlegte rasch, wie wir am besten vorgehen sollten. Dann war mein Entschluss gefasst.

„Komm, lass uns jetzt in der Moschee nachsehen, warum sich die Männer dort versammelt haben und einen König verehren, der vor einem Jahrtausend gelebt haben mag!“

„Ist das nicht ein wenig leichtsinnig, Sidi? Wenn einer der Männer zurückkehrt und uns dort entdeckt, gefährden wir Lindsay-Beys Befreiung!“

Aber ich war unruhig geworden und ließ mich nicht mehr aufhalten. Der Nubier beeilte sich, an meiner Seite zu bleiben. Wenig später stand ich an der Tür zur Moschee, die zwar verschlossen war, aber der Klinge meines Dolches keinen großen Widerstand leistete. Das einfache Schloss schnappte auf und ich spähte in das dunkle Innere, ohne etwas zu erkennen.

„Halte mir den Rücken frei, Tarek!“, raunte ich dem Nubier zu und war in der Moschee, noch bevor er etwas antworten konnte.

Ganz hoch oben in den Mauern befanden sich schmale Lüftungsöffnungen, durch die etwas Mondlicht in das Innere drang. Nachdem sich meine Augen an die Dämmerung im Raum gewöhnt hatten, erkannte ich den Gebetsraum der Moschee. Teppiche lagen auf dem Boden, aber dann fiel mein Blick auf einen Tisch an der mir gegenüber befindlichen Wand. Ein länglicher Gegenstand ragte dort auf, und verwundert über diesen Anblick, der in einer Moschee nichts zu suchen hatte, betrachtete ich ihn aus der Nähe.

Kein Zweifel – das war ein zylindrischer Gegenstand mit Keilschriften. In einer islamischen Moschee? Mein zweiter Blick fiel auf eine Reihe von Papyrus-Blättern, die ebenfalls mit Keilschrift und arabischen Zeichen bedeckt waren. Die Art, wie sie beschrieben waren, ließ mich darauf schließen, dass man hier die Keilschrift des Zylinders abgeschrieben und in arabische Schriftzeichen umgewandelt hatte. Gerade nahm ich das erste Blatt auf, führte es dichter an die Augen und versuchte, etwas zu entziffern, als ich ein Geräusch hinter mir hörte. Wie ein Geist aus der Dunkelheit tauchte plötzlich der Blinde vor mir auf. Nur durch sein helles Gewand und das jetzt zu vernehmende, leise Aufstoßen eines langen Stabes wurde mir bewusst, wer da direkt auf mich zukam. Der Anblick im diffusen Licht des Gebetsraumes hätte einen weniger beherzten Menschen wohl in Angst und Schrecken versetzen können. Ich war jederzeit auf Gefahren eingerichtet und reagierte prompt.

Der Blinde schien die Anwesenheit eines anderen Menschen zu spüren, denn aufrecht und mit schnellen Schritten eilte er zu dem Tisch, vor dem ich noch immer stand. Kurz vor mir hielt er an und schwang seinen Stab hin und her, kam mir damit bedenklich nahe. Keiner von uns beiden sprach ein Wort, ich bemühte mich, nur flach zu atmen. Gleichzeitig wich ich zur Seite aus und drückte mich an der Wand entlang in Richtung der Tür.

Noch einen Schritt machte der hagere Blinde auf den Tisch zu, dann hatte er wohl mit seinen geschärften Sinnen etwas gehört, das ihm meinen neuen Aufenthaltsort anzeigte. Er änderte die Richtung, schwang dabei seine Gehhilfe im weiten Halbkreis vor sich entlang. Der Blinde war trotz seines erkennbar hohen Alters dabei so schnell, dass ich mich einmal rasch ducken musste, als sein Stab in Kopfhöhe durch die Luft zischte.

„Wer bist du?“, rief er jetzt mit tiefer, dröhnender Stimme, die ich bei seinem eher zerbrechlich wirkenden, hageren Körper nicht erwartet hätte.

Ich beeilte mich jetzt, so geräuschlos wie möglich zur Tür zu gelangen, aber schon war der Blinde erneut in meine veränderte Richtung unterwegs. An der Wand mit der Türöffnung hing eine kleine Öllampe an einer Halterung, die ich jetzt behutsam ablöste und bereithielt. Endlich war ich an der Tür und zog sie auf, was dem Blinden wiederum nicht verborgen blieb. Wild mit dem Stab durch die Luft schlagend, kam er erneut direkt auf mich zu. Ich warf die Öllampe über ihn hinweg, und als das Tongefäß aufschlug, drehte sich der Blinde blitzschnell in die Richtung um. Das genügte, um die Tür zu öffnen, hinauszuhuschen und dem erleichterten Tarek zuzuraunen:

„Der blinde Wächter hat mich bemerkt. Ich glaube aber nicht, dass er den Gebetsraum verlässt.“

Wir eilten um die nächste Ecke und verschwanden in der Dunkelheit der Gassen, ohne dass ich noch ein Geräusch hinter uns wahrnehmen konnte. Ich fürchtete jetzt weniger den Blinden als Verfolger, sondern vielmehr einen Alarmruf von seiner Seite, der uns weitere Gegner auf den Hals gebracht hätte. Doch hinter uns blieb alles vollkommen ruhig, und schließlich erreichten wir die Stelle, an der Scheikh Kaja mit seinen Kriegern das Haus der Perser bewachte.

Der Scheikh hatte seine Männer ausgewechselt und kehrte jetzt mit uns in unseren Gasthof zurück, während wir ihm das Erlebte berichteten, wobei ich in diesem Augenblick nicht mehr an den Papyrus-Bogen dachte, den ich in der Hand gehalten und beim Verlassen der Moschee zu mir gesteckt hatte. Er fiel mir erst später wieder ein, als wir erneut unterwegs waren.

„Was aber bedeutet dieser Ruf für uns, Effendi?“, erkundigte er sich. Noch bevor ich antwortete, sagte Tarek:

„Das bedeutet einen langen und schweren Krieg, Scheikh Kaja, einen Krieg zwischen den alten Geschlechtern!“

Damit verstummte der Nubier und verschwand in seiner kleinen Kammer, während ich in den letzten Stunden bis zum Ruf des Muezzins über der Stadt keinen Schlaf mehr fand. Immer wieder wälzte ich mich von einer Seite auf die andere, schließlich gab ich es auf und erhob mich von meinem Lager. Ein Blick aus dem kleinen Fenster zeigte mir einen ersten, grauen Lichtschimmer.

 

 

3.

 

Es sollte sich für uns als klug gehandelt herausstellen, dass wir sogleich unsere Unterkunft bezahlten und die wenigen Gepäckstücke nebst unseren Waffen aufgriffen. Zusammen mit dem Scheikh und Tarek ging ich noch vor dem Frühstück zu dem Haus der Perser, wo sich jedoch keine der beiden zurückgelassenen Wachen sehen ließ. Beunruhigt eilte Scheikh Kaja von einem Haus zum anderen und kehrte schließlich mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck zu uns zurück.

„Das verstehe ich nicht, die beiden Männer sind sehr zuverlässig. Ich kann mir ihr Verschwinden nicht erklären!“, sagte er zu uns mit gedämpfter Stimme. Wir hatten uns in eine überdachte Toreinfahrt gestellt, die uns weitgehend vor den Blicken Neugieriger verbarg.

Wir überlegten noch, wie wir jetzt vorgehen sollten, als plötzlich einer der verschwundenen Männer in der Gasse auftauchte und sich suchend umsah. Der Scheikh trat unvermittelt aus dem dunklen Torbogen vor ihn, und der Mann fuhr sofort mit der Hand zu seinem Dolch, den er nach Art der Beduinen in seinem umgewundenen Tuch an der Hüfte trug.

„Kaja!“, stieß der Mann erleichtert aus. „Allah sei gepriesen, jetzt aber schnell, folgt mir!“

„Was ist geschehen, und wo ist Aariz, der mit dir hier Wache halten sollte?“

„Unten am Nil, die beiden großen Perser sind mit ihrem Gefangenen eben hinunter und an Bord einer Dhau gegangen. Aariz behält sie im Auge, ich eilte hierher in der Hoffnung, euch zu treffen.“

„Gut, also vorwärts. Hat man euch bemerkt?“

„Nein, wir haben uns nicht blicken lassen, oh Scheikh!“

„Dann also rasch vorwärts!“, kommandierte er, und gemeinsam eilten wir zum Nil, an dessen Ufer bereits reges Leben herrschte. Zahlreiche Menschen waren damit beschäftigt, kleinere Boote und verschiedene Schiffe zu beladen, so erkannten wir bereits eine Vielzahl an Segeln auf dem Wasser, die stromaufwärts und – abwärts den Nil entlangfuhren. Hinter einem Stapel Kisten und aufgetürmten Kaffeesäcken erhob sich bei unserer Annäherung Aariz, der aufgeregt zu einer Dhau hinüberdeutete, die eben alle Anstalten machte, um abzulegen.

Jetzt war guter Rat teuer, denn verhindern konnten wir das nicht mehr. Eben warf einer der Schiffer das letzte Tau los und sprang behände an Bord, und mit einer frischen Brise im dreieckigen Segel nahm das schlanke Schiff schnell Fahrt auf. Es war ein groß gebautes Schiff mit zwei Masten, das sogar ein Rahsegel aufwies.

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939095
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541186
Schlagworte
mein orient-tagebuch löwe aššur

Autor

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Titel: Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 2