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Grainger, der Präsident und die Nymphomanin

©2020 125 Seiten

Zusammenfassung


Eher zufällig fasst Grainger Dab Taylor, der neben Mord, Erpressung, Raub und Vergewaltigung noch andere Verbrechen auf dem Kerbholz hat. Um nicht im Gefängnis zu landen, versucht der Schurke einen Handel: Er enthüllt eine Verschwörung gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Grainger hat alle Hände voll zu tun, den ersten Mann im Staat vor einem Attentat zu beschützen.

Leseprobe

Table of Contents

Grainger, der Präsident und die Nymphomanin

Copyright

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

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20

Grainger, der Präsident und die Nymphomanin

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Eher zufällig fasst Grainger Dab Taylor, der neben Mord, Erpressung, Raub und Vergewaltigung noch andere Verbrechen auf dem Kerbholz hat. Um nicht im Gefängnis zu landen, versucht der Schurke einen Handel: Er enthüllt eine Verschwörung gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Grainger hat alle Hände voll zu tun, den ersten Mann im Staat vor einem Attentat zu beschützen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

Es war dunkel und still. Das einzige Geräusch, das er hörte, war sein eigener Atem. Und der klang überlaut in dem Raum.

Es dauerte lange, bis Grainger den Arm ausstreckte und den Boden abtastete. Kaltes, raues Gestein. Lehm. Vereinzelte Strohhalme. Dann robbte er ein Stück nach vorn. Unendlich langsam, denn jede Faser seines Körpers schmerzte. Nun wälzte er sich auf den Rücken. Sein Kopf schrammte dabei über grobes Holz und seine Fingerspitzen ertasteten eine feuchte Wand. Dabei huschte etwas über seine ausgestreckte Hand ... Instinktiv packte Grainger zu, krallte seine Finger in das struppige Fell und schleuderte die quiekende Ratte gegen die Wand, bevor ihm die Sinne schwanden.

 

 

1

Sie war eine Schönheit und hatte feuerrotes Haar, das in langen, leicht gelockten Strähnen weit über ihre Schultern fiel und teilweise die hoch angesetzten Brüste bedeckte.

Ihre Augen leuchteten wie Smaragde. Die Nase war schmal und gerade, die Lippen sinnlich. Sie luden dazu ein, geküsst zu werden.

Dieses Rasseweib trug ein tief ausgeschnittenes Oberteil, das die Schultern frei ließ. Der weinrote, mit Stickereien verzierte Rock reichte bis zu den Knöcheln.

Nach einem aufmerksamen Blick in die Runde streifte sie die Kleider ab und hechtete in die Fluten des Tümpels. Eine echte Erfrischung bei der herrschenden Gluthitze!

Dann seifte sie diesen wohl geformten Körper am Ufer ein. Ein Anblick für die Götter! Sie war so in diese Tätigkeit vertieft, dass sie das Rascheln nicht vernahm. Die Strähnen hingen ihr ins Gesicht. Sie hatte die Augen geschlossen, um sie vor der Seifenlauge zu schützen.

Den Mann, der zwischen den Büschen auftauchte und zum Ufer stolperte, bemerkte sie nicht. Er beugte sich vor und trank gierig. Als er das Mädchen singen hörte, drehte er sich neugierig um.

Vor ihm stand eine nackte Schönheit bis zu den Hüften im Wasser. Die kommt mir gerade recht, war sein erster Gedanke. Wie elektrisiert fummelte er an seinem Gürtel herum, schon ganz wild nach den zärtlichen Berührungen einer Frau.

Er stieg aus der Hose und wollte sich gerade über die Schönheit hermachen.

In diesem Moment drehte sich das Mädchen um. Total irritiert.

»Hast du noch nie so einen strammen Prügel gesehen?«, blaffte er sie an und zeigte an sich hinab. »Dann wird’s aber Zeit!«

Die junge Frau kreischte und tauchte unter, als er in den Tümpel sprang.

»Sssst!«

Er hielt inne, runzelte die Stirn. Das Zischen war nicht von dem Mädchen gekommen.

»Sssst!«

Schnell drehte er sich um und sah sofort den armdicken Ast heransausen, während der Werfer rief: »Das hier ist ein noch viel härterer Prügel, Hombre!«

Da traf ihn das Holz schon am Kopf, und blutend ging der Kerl im Wasser unter.

Das Mädchen tauchte auf, spuckte Wasser und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Blicke fanden den großen Mann am Ufer, der sie freundlich anlächelte und zwei Finger grüßend an die Krempe des flachkronigen Stetsons legte.

Sie stieß einen schrillen Schrei aus und ging wieder auf Tauchstation.

Der Hombre watete ans Ufer. Als er noch zwei, drei Schritte vom Rand entfernt war, hechtete er nach vorn, die Hände nach seinem Revolvergurt ausgestreckt.

Grainger musste reagieren und trieb den Kerl mit einen Körpertreffer wieder ins Wasser zurück, dann beäugte er die rothaarige Schönheit. Sie hatte die schmalen Hände auf die Brüste gelegt. Das Wasser umspielte ihre Hüften und verbarg das dichte, rote Dreieck ihrer Scham vor seinen Blicken. »Drehen Sie sich bitte um, ich möchte mich anziehen.«

»Ganz, wie Sie wünschen, Lady.«

Es platschte, als sie zum Ufer watete. Gleich darauf raschelte Stoff. In dieses Rascheln mischte sich noch ein anderes Geräusch. Grainger kannte es. So klang es, wenn ein Revolver aus dem Leder gezogen wurde ...

Der große Mann wirbelte hemm und drückte die Mündung seiner Winchester gegen die blutende Stirn des Hombre, der zwar seinen Colt in der Hand hielt, ihn aber noch nicht gespannt hatte.

Das Mädchen kreischte los und presste ihren Rock vor den nackten Körper.

»Waffe weg, oder ich jage dir eine Kugel in den Schädel!«

»Du verdammter Bastard!« Eine Tirade von Flüchen folgte.

»Was ist denn das für ein Benehmen in Gegenwart einer Lady?«

Weil sich der Kerl ruckhaft bewegte, hatte er nun die Gewehrmündung vor dem Mund. Und weil sich Grainger nicht austricksen lassen wollte und der Schuft Pech hatte, eine Sekunde später vier Zähne weniger.

»Sie Unmensch! Wie können Sie nur?«, ereiferte sich das Girl.

»Wenn Sie eine Ahnung hätten, was dieser Saukerl schon mit jungen, unschuldigen Mädchen angestellt hat, Lady, würden Sie auch nicht anders handeln. Ziehen Sie sich lieber an, bevor Sie ihn und mich noch vollends aus der Fassung bringen!«

Grainger trieb den spuckenden und würgenden Hombre vor sich her. In einer Senke, eine halbe Meile entfernt, hatte Grainger einen braun und weiß gefleckten Palomino angebunden.

»Wo hast du deinen Gaul gelassen?«

»Er konnte nicht mehr. Ist beinahe unter mir zusammengebrochen. Ich bin zu Fuß unterwegs.«

Grainger band die Hände des Gefangenen fest zusammen, befestigte das andere Ende des Seils an seinem Sattelhorn und schwang sich auf das Pferd. »Dann hast du ja Übung im Laufen.«

»Das kannst du nicht machen! Das ist unmenschlich!«

»Das musst du gerade sagen.« Grainger hatte die Nase gestrichen voll von diesem Verbrecher. »Du wirst schon lebend in Yuma ankommen, Taylor! Die brauchen dich ja. Für die Arbeit im Steinbruch.«

Taylor sah ein, dass Grainger zu allem entschlossen war. Er winselte und wimmerte, aber er kam auf die Beine. Langsam schritt er neben dem Palomino her.

 

 

2

»Meine Tochter hat mir geschildert, welch ungehobelter Kerl Sie sind, Mister!«

Grainger hatte den Kolben der Winchester in die Hüfte gestützt und betrachtete den kleinen, dicken Mann, der ihm gerade bis zur Brust reichte. Taylor hatte er an einem Rad des Planwagens festgebunden. auf den sie gestoßen waren, als sie die Senke verlassen hatten.

Das Männchen war in einen mehrfach geflickten, aber sauberen Anzug gekleidet, hatte einen Zylinder auf dem Kopf, der Kugellöcher und Staubspuren auf wies. Die Knollennase in dem Mondgesicht war rot. Die Koteletten reichten fast bis zum Kinn. Kleine, grüne Augen blinzelten wütend, und unter dem hohen Hut ragten feuerrote Haarsträhnen hervor.

»Ich verlange, dass Sie diesen Mann wie einen Menschen behandeln. Welche Schuld er auch immer auf sich geladen haben mag, so verdient er es doch, dass man menschenwürdig mit ihm verfährt.«

»Halten Sie die Luft an, Mister, bevor Sie sich verschlucken. Dieser Hombre ist ein Halsabschneider der übelsten Sorte. Sie werden mir keine Vorschriften machen, wie ich ihn zu behandeln habe!«

»Mister, da bin ich anderer Ansicht. Bei uns in Irland ist es auch an der Tagesordnung, dass Rebellen geschunden und gefoltert werden. Ich bin diesen furchtbaren Missständen entflohen und in dieses Land gekommen, um die Freiheit zu genießen, die allerorts gerühmt wird. Und was muss ich erfahren? Leid, Brutalität, Unmenschlichkeit und Barbarei! Nichts anderes als in meinem geliebten County Kerry!«

»Sie gehen mir auf die Nerven.«

»Ist das die berühmte amerikanische Gastfreundschaft? Für Leute wie Sie empfinde ich nur Mitleid. Sie Menschenschinder.« Das Männchen fischte eine flache Flasche aus der Innentasche seines Jacketts und entkorkte sie, nahm einen tiefen Schluck und zog eine Grimasse. »Teufelszeug.« Die grünen Augen richteten sich auf Grainger. »Denn ein Polizeibeamter dürften Sie wohl schwerlich sein. Sie misshandeln Ihren Gefangenen und tragen kein Abzeichen.«

»Ein Fußmarsch hat noch keinem geschadet. Außerdem ist er selbst schuld, wenn er sein Pferd zuschanden reitet, Mr. ...«

»Ich heiße Finnegan! Patrick Nathaniel Finnegan, aus County Kerry. Und ich bin stolz darauf, Ire zu sein.«

»Mach ihn fertig, Mister! Sag ihm, dass er mir die Fesseln abnehmen soll. Ich kann deine Kleine beschützen, Mister. Vorhin hat nicht viel gefehlt, und er wäre über sie hergefallen und hätte sie vernascht ...«

Grainger stand mit zwei Schritten neben Taylor und riss seinen Kopf nach hinten. »Noch ein falsches Wort, Taylor, und ich stopfe dir einen Knebel in dein verdammtes Lügenmaul!«

»Mister! Unterstehen Sie sich, diesem armen Teufel in meiner Gegenwart Gewalt anzutun! Nehmen Sie sofort Ihre Hände von ihm!«

Grainger hob die Winchester, als Finnegan mit einem brennenden Aststück, das er aus dem Lagerfeuer gezogen hatte, auf ihn losstürmen wollte. »Weg damit, Finnegan, oder Ihre Tochter wird eine Waise!«

»Sie sind kaltschnäuzig!«, rief das Mädchen. »Sie wären im Stande und würden die Hand gegen eine wehrlose Frau erheben!«

»Kochen Sie lieber Kaffee, Sie Waschweib!«

Sie stampfte nun wütend mit dem Fuß auf.

»Tu, was er sagt, Catriona. Wir sind diesem brutalen Menschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.«

Grainger betrachtete den Wagen, an dem er Taylor festgebunden hatte. Das Gefährt wurde von zwei ausgemergelten Pferden gezogen. Über die Plane zog sich die Aufschrift Finn Finnegan Doktor Extraordinär.

»Sie sind Arzt?«

»Nicht nur. Ich bin Doktor der Medizin, Doktor der Wundermedizin, Doktor der Naturmedizin, Zahnarzt und Doktor der Magie«, antwortete Finnegan mit stolzgeschwellter Brust.

»Vater ist ein Genie«, bekräftigte Catriona.

»Aufschneider«, meinte Taylor.

»Ein Zauberkünstler«, verbesserte Grainger.

»Wenn Sie so wollen. Aber Zauberkünstler klingt so unseriös. Man glaubt, ich sei ein Scharlatan, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.«

»Und das tun Sie nicht?«

Finnegan grinste nur. Der Feuerschein ließ seinen Zinken blutrot erscheinen.

Grainger kramte in seiner Satteltasche herum.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes, junger Mann?«

»Ich hatte ein Paket mit getrocknetem Rindfleisch. Dachte, wir könnten etwas Fleischbrühe vertragen.«

Finnegan nahm den Zylinder ab und steckte die Hand hinein. Er schnickte mit den Fingern und drehte den Hut um.

Verblüfft verfolgte Grainger, wie das Rindfleisch aus dem Zylinder in Catrionas Kessel purzelte.

»Meine Magie ist echt«, erklärte Finnegan nur.

Sie aßen schweigend. Auch Taylor bekam einen Teller vorgesetzt. Grainger gab ihm eine Hand frei.

»Was hat er denn verbrochen?«

»Mord, Erpressung, Raub, Vergewaltigung. Suchen Sie sich ein Verbrechen aus, und Taylor hat es garantiert auf dem Kerbholz.«

»Er ist noch so jung«, meinte Catriona.

»Das hindert ihn nicht daran, abgrundtief böse zu sein.«

»Wie viele Menschen hat er ...?«

»Keine Ahnung. Man munkelt von einem Dutzend. Aber man konnte ihm selten etwas nachweisen. Für den Galgen reicht es nicht. Obwohl er den Tod verdient hat.«

»Und wenn er unschuldig ist?«

»Ma’am, er hat im letzten halben Jahr einige Siedlungen überfallen. Er hat nicht etwa die Bank ausgeraubt, sondern die Töchter und Ehefrauen der angesehensten Bürger entführt. Gegen ein angemessenes Lösegeld wollte er sie freilassen.«

»Aber dafür hängt man doch niemanden.«

»Er hat die Frauen vergraben. Lebend. Nach Erhalt des Lösegeldes wollte er den Ort bekannt geben, wo die Opfer gefangen waren.« Graingers Blick wurde eiskalt. »In drei oder vier Fällen hat er es einfach vergessen. Er hat diese Frauen, die gerade mal in Ihrem Alter waren, Ma’am, qualvoll ersticken lassen! Natürlich wurde es so dargestellt, als hätten die Bürger selbst Schuld, sie hätten Taylor durch ihr Eingreifen provoziert und ihn vertrieben. Aber in meinen Augen ist dieser Kerl eine der schlimmsten Bestien, mit denen ich es jemals zu tun hatte.«

»Lüge! Glaubt ihm kein Wort. Er ist ein Schinder und erfindet das alles, um seine Brutalität zu rechtfertigen!«, brüllte Taylor.

»Sind Sie ein Polizist?«

»So was Ähnliches, Ma’am.«

»Ohne Abzeichen?«

Grainger zuckte die Achseln.

»Wollt ihr mir nicht helfen? Der Kerl bringt mich um! Ich werde nie nach Yuma gelangen. Er schleift mich in der Wüste zu Tode. Er zieht mir die Haut vom Leib! Helft mir!«

»Das Gejammer nützt dir nichts, Taylor, Sie werden nichts gegen mich unternehmen. Nicht wahr?« Graingers Blick ruhte auf Catriona und dem alten Finnegan.

Der Ire rieb sich den Zinken. »Ich muss nachdenken ...«

»Hoffentlich kommt was dabei raus.«

»He, Grainger! Als du mich geschnappt hast, war ich an einem ganz großen Ding dran, Grainger!«, brüllte Taylor. »Willst du mehr darüber erfahren? Dann mach mich los!«

»Halt die Klappe, Taylor. Dein Gewäsch interessiert niemanden.«

»Es geht um ein ganz großes Tier. Den Namen gegen meine Freiheit, Grainger.«

»Noch ein Wort, Taylor, dann erstickst du an deinem Gefasel!«

»Ich sage nur Washington.«

Der große Mann hob eine Augenbraue. Seine Gesichtshaut prickelte. Er ging zu Taylor und drückte ihm den Gewehrlauf gegen die Wange. »Spuck’s aus, du Ratte!«

»Die Abmachung, Grainger! Sag, dass wir uns einig sind, sonst erfährst du nichts!«

Schweigend löste Grainger die Fesseln und zerrte Taylor zum Feuer. Der Bandit blickte grinsend zu Catriona hinüber. »Bald bin ich frei, Lady. Dann werden wir uns beide näher kennen lernen. Ihr Dad verdient bestimmt eine Menge Zaster mit seinen Kunststücken. Möchte zu gern wissen, was es ihm wert ist, einen Schwiegersohn wie mich zu kriegen. Oder seine Tochter behalten zu dürfen ...«

Grainger stieß Taylor an. »Wer?«

Taylor lachte heiser, als er Catrionas erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Buh!«, machte er, und das Mädchen schrie auf.

»Mister, das genügt. Diese derben Späße schätzen wir nicht. Und wenn hier jemand für solche Scherze zuständig ist, bin ja wohl ich das, der unvergleichliche Finn Finnegan ...!«

»Halt dich da raus, Alter. Das geht nur mich und deine Tochter was an!«

Grainger repetierte die Winchester. Das laute Schnarren unterbrach Taylor. Er wandte den Kopf und schaute in die dunkle Mündung der Waffe. »Krieg ich auch mein Schießeisen wieder?«, fragte er frech. »Laufen eine Menge Coyoten hier rum.«

Grainger drückte ihm die Mündung der Winchester gegen das Kinn.

»Bestimmt meint er den Gouverneur dieses Staates. Ja, richtig. Das ist eine sehr hochgestellte Persönlichkeit.«

»Den erwischt es auch. Mit etwas Glück. Aber er ist nicht groß genug.«

»Einen Senator?«

Taylor schüttelte grinsend den Kopf. Sein Blick richtete sich auf Catriona. »Bald, Schätzchen«, formte er die Worte mit den Lippen.

»Noch höher?« Finnegan blinzelte verdutzt und drehte den Zylinder in den Händen. »Dann, fürchte ich, gibt es nur noch eine Person, die in Frage käme ...«

»O mein Gott«, flüsterte Catriona. »Das darf nicht sein.«

Taylor lachte schrill.

Graingers Nackenhaare sträubten sich. »Wann und wo?«, fragte er zerknirscht.

»Aber Grainger, ich werde dir doch nicht alles verraten! Ein bisschen Spaß gehört dazu. Mein Bruder Jimmy ist schon schwer aktiv. Finde raus, wo er sich aufhält, und du hast den Ort. Der Zeitpunkt bleibt offen. Und jetzt ...«

»Ratte!«, zischte Grainger und schleifte Taylor zum Wagen.

»Wir hatten eine Abmachung!«, keifte der Gefangene unter Flüchen, als Grainger ihn an das Rad fesselte.

»Hab ich dir etwas versprochen?«

Taylor verstummte.

»Wir ziehen morgen früh weiter, Mr. Grainger. Wollen Sie uns begleiten?«, bot Finnegan an.

»Bis zum nächsten Ort. Ich muss telegrafieren.«

Grainger konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Seine Gedanken jagten sich. Es ging um ein Menschenleben, und nur er konnte es retten.

 

 

3

»Auf den Präsidenten!«

Die Männer in dem Raum leerten ihre Gläser.

Mortimer Bailey schenkte nach.

»Zu schade, dass wir diesen Toast zum letzten Mal ausgebracht haben«, meinte er und erntete Beifall. »Erheben wir nun unser Glas auf die Zukunft. Auf unsere Zukunft, meine Herren. Und auf einen erfolgreichen Abschluss unseres Vorhabens.«

»Ist es nicht ein wenig zu vermessen, den Erfolg schon jetzt zu feiern? Wir sind noch sehr weit davon entfernt.«

Bailey musterte den grauhaarigen Gentleman, dessen Gesicht von einem grauen Backenbart, einem Kinnbart und buschigen Augenbrauen dominiert wurde. Ihm gefiel dieser Einwand nicht.

»Mein lieber Horace. Wir alle profitieren von unserem Erfolg. Die Durchführung unseres Planes bedeutet unermesslichen Reichtum und grenzenlose Macht für jeden von uns. Für mich fällt dabei wohl am wenigsten ab, lediglich Ihr bescheidenes Honorar, Gentlemen. Aber Sie werden für viele Jahre ausgesorgt haben.« Bailey schnüffelte an seinem Brandy. »Glauben Sie nicht, Horace, dass ich meinen Plan besonders gut durchdacht habe? Nichts wird schiefgehen. Die Durchführung ist hieb- und stichfest. Das Gelingen steht zweifelsfrei fest. Ende der Woche, Gentlemen, beginnt für Sie eine neue Zukunft.«

Bailey genoss den Beifall.

Horace Ludwicks Leichenbittermiene dämpfte den Enthusiasmus etwas.

Sie alle vertrauten Mortimer Bailey. Der Mann war groß, schlank und ausgesprochen attraktiv. Er war der jüngste Teilnehmer dieser Versammlung. Mitte dreißig, mit einem sonnengebräunten Gesicht, einer geraden Nase und den mandelförmigen Augen, die ihm ein exotisches Aussehen verliehen, war er von Kopf bis Fuß ein Gentleman. Er trug einen eleganten, dreiteiligen Anzug. Sein Auftreten und sein Akzent ließen darauf schließen, dass er aus New Orleans stammte, und mit dieser Annahme lag man sicherlich nicht falsch.

Er hatte diese Versammlung ins Leben gerufen. Er hatte den Keim der Zwietracht gesät, und nun war er fast am Ziel seiner Wünsche. Diese Männer wollten Macht. Er konnte sie ihnen geben. Sie alle waren mit der jetzigen Regierung nicht einverstanden. Er konnte dies mit einem Schlag ändern. Er würde ihnen zu Reichtum und Macht verhelfen, und sie würden ihn überaus großzügig belohnen. Er hatte die Fäden gezogen, und an jedem dieser Fäden hing einen Sack voller Dollars.

Mortimer Bailey war ein Profi. Er überließ nichts dem Zufall, war eiskalt und doch charmant. In Tulsa war er angesehen. Offiziell betrieb er eine Kupfermine in den Bergen außerhalb der Stadt, aber das war nur ein Vorwand.

Seine Gedanken schweiften ab. Dieses Projekt konnte nur ein Erfolg werden. Seine Männer arbeiteten auf Hochtouren, und Jimmy Taylor war mit seiner Bande schon auf dem Weg.

Es konnte nichts schiefgehen.

Dem Palaver der Versammlungsteilnehmer schenkte er keine Beachtung. Er sehnte sich nach der schwarzhaarigen Schönheit, die er in der Nacht besuchen wollte.

»Und er wird ganz sicher den Zeitplan einhalten?«, fragte Wilbur Kessler, ein Rinderbaron mit der Ambition, ganz Oklahoma zu beherrschen.

»Nichts spricht dagegen«, erwiderte Ludwick.

»Unser guter Horace wird die Delegation begleiten«, bestätigte Bailey.

»Es wird ihm doch hoffentlich nichts geschehen. Wir wollen doch nicht, dass unser Gouverneur in die Schusslinie gerät«, wandte Malcolm Hennessy ein. Er betrieb die größte Kupfermine am Ort. Bald würde er der reichste Minenbesitzer der Vereinigten Staaten werden.

»Keine Sorge. Horace wird sich rechtzeitig absetzen. Falls es ihm nicht gelingt, sind meine Leute bestens instruiert und werden ihn nicht treffen«, beruhigte Bailey.

»Muss es denn ausgerechnet dort draußen geschehen?«

»Es ist der beste Ort für unser Vorhaben.«

Man verabschiedete sich. Jeden Abend würde man sich nun treffen, bis der große Tag gekommen war.

Wenig später schlenderte Bailey durch die dunkle, von Öllampen nur unzureichend erhellte Main Street von Tulsa. Vor dem imposanten Gebäude der Cherokee Universität blieb er stehen und betrachtete den Bau.

Er wandte sich nach links, wo sich das Ziel seines nächtlichen Spazierganges und ein Saloon anschlossen.

Die Seitenstraße lag im Dunkeln. Der Schein der Öllampen drang nicht sehr weit in die Dunkelheit vor.

Nur undeutlich zeichnete sich die hochgewachsene, breitschultrige Gestalt vor dem dunklen Hintergrund der Hauswände ab. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand der Mann neben einer Außentreppe und beobachtete seine beiden Begleiter, die sich einer offenen Kellertür näherten.

Aus dem Keller erklangen Geräusche. Lautes Schaben, als würde ein sehr schwerer Gegenstand über den rauen Boden gezogen. Unterdrückte Flüche. Lautes Stöhnen und Ächzen.

Und ein donnernder Knall, als eine Kiste auf den Boden prallte. Holz splitterte und knirschte.

»Pass doch auf, du Hornochse! Willst du uns in die Hölle jagen? Oder die ganze Stadt auf uns aufmerksam machen? Kannst dich auch gleich auf die Main Street stellen und die Leute aus den Häusern rufen!«»

»Das Aas, das diese Kiste zusammengenagelt hat, würde ich gerne in die Finger kriegen. Hab mir glatt einen Nagel durch die Hand gejagt. Versuch du mal, das Ding mit nur einer Hand hochzuheben.«

»Reiß dich gefälligst zusammen. Noch zwei Fässer und drei Kisten, dann ist es geschafft.«

»Hätte gute Lust, alles hinzuschmeißen. Soll der Boss seine Dreckskisten doch selbst schleppen. Bin ich ein Maultier?«

»Nein, aber ein Esel, wenn du dich gegen den Boss stellst.«

Die beiden Zuhörer an der Kellertür blickten sich an. Zwischen ihnen war ein stilles Einvernehmen, als ihre Hände zum Gürtel krochen ...

»Eine wirklich schöne Nacht, Micah!«

Der breitschultrige Indianer bei der Treppe fuhr herum. Hinter ihm, im Schatten der Hauswand, stand der Mann, dem er in dieser Nacht zu begegnen gehofft hatte.

Mortimer Bailey ...

Er hatte eine pechschwarze Zigarre zwischen die blütenweißen Zähne geklemmt, ohne jedoch daran zu ziehen. Er bleckte die Zähne, und es wirkte, als würde er grinsen.

Der junge Cherokee ließ die Arme sinken. Sein helles, gepunktetes Hemd war in der Dunkelheit zu erkennen. Das schwarze, glatte Haar wurde von einem bunten Stirntuch zusammengehalten.

»Immer sachte, mein lieber Freund«, beschwichtigte Mortimer Bailey. Erlöste sich lässig aus dem Schatten.

Micah wich leichtfüßig zurück. Er war auf der Hut, seine Augen suchten Bailey nach Waffen ab. Doch sie entdeckten nichts.

Bailey schob das Revers des Gehrocks zurück und hakte die Daumen in die Ärmel der Weste. »Weißt du, Micah, es war ein Fehler, euch Rothäute studieren zu lassen. Man setzt euch Flausen in den Kopf. Ihr kommt auf dumme Gedanken, und was daraus wird, sieht man hier.«

»Ist es dumm, ein Verbrechen zu verhindern?«

»Durchaus nicht, mein Freund. Nur ist es ausgesprochen dämlich, einem Hirngespinst nachzujagen und mir dabei in die Quere zu kommen. Dein Wort steht gegen meines, Micah. Die Aussage eines Cherokee ist nicht viel wert, selbst wenn er die Universität besucht hat.«

»Ich werde nichts sagen müssen, Bailey. Man wird Ihr Wort doch nicht anzweifeln ...«

»Ich soll mich selbst ans Messer liefern? Mein lieber roter Freund, deine Geister müssen dir, mit Verlaub gesagt, ins Gehirn geschissen haben.«

Micah zog einen Revolver aus dem Hosenbund. Matt schimmerte der Lauf.

Bailey griente noch stärker. Seine Zähne mahlten auf dem Glimmstängel herum. Er schmeckte das bittere Aroma des Tabaks. »Du gehst kein Risiko ein, was?«

»Nicht bei einem Gegner wie Ihnen, Bailey.«

»Wo bringst du mich hin? Zum Marshal? Du weißt, dass ich großes Ansehen in dieser Stadt genieße. Marshal Tolliver wird es nicht gern sehen, wenn man mich mit Waffengewalt vorführt.«

»Wir haben nicht weit zu gehen, Mister. Mein Dekan wird sich Ihre Geschichte anhören. Sie werden ein Protokoll unterzeichnen, und dann wird Marshal Tolliver Augen und Ohren nicht länger verschließen können.«

»Und in der Zwischenzeit kümmern sich deine Freunde um mein bescheidenes Warenlager und meine Mitarbeiter, wie? Respekt, Micah. Bei dir war das Studium wirklich nicht vergebens.«

Micah zuckte zusammen, der Revolver schob sich nach vorn.

»Eine wirklich schöne Nacht, mein junger Freund. Du hättest zu Hause bleiben und lernen sollen, anstatt hier draußen herumzuschleichen und deine Schnüffelnase in meine Angelegenheiten zu stecken. Hm, zu schade, dass du diese Nacht nicht mehr genießen kannst. Sie ist wirklich wie geschaffen zum Sterben ...«

Der Cherokee bog den Hammer des Colts zurück. »Gehen Sie vor mir her zur Universität. Dekan Granville wird Ihnen sehr gespannt zuhören!«

Bailey kam dem Befehl nach. Niemand beachtete die beiden Männer, die den Gehweg entlangschlichen und gleich drauf das Universitätsgebäude betraten.

Micah dirigierte Bailey zum Büro des Dekans.

Der Cherokee klopfte mit dem Revolverlauf. Er erhielt keine Antwort. Vorsichtig öffnete er die Tür.

»Dekan Granville?«

Keine Antwort.

»Das war wohl nichts, Micah. Tja, clevere Pläne lässt du am besten mich ausarbeiten. Mir passieren solche Pannen nicht ...«

»Still! Dekan?«

»Du siehst doch, dass er dich versetzt hat.«

Das Schnarren eines Zündholzes ertönte. Das Flämmchen beleuchtete ein rundes Gesicht mit Nickelbrille.

Dekan Granville schwitzte, als er den Docht einer Lampe entzündete.

»Mr. Bailey hat Ihnen etwas zu berichten, Dekan«, erklärte Micah ohne Umschweife. Er drückte Bailey den Revolverlauf in den Rücken. »Fang an!«

»Ich weiß nicht, wovon der junge Mann spricht, Dekan.«

»Micah, was soll das?«, fragte Granville ungehalten. »Sie bestellen mich zu nachtschlafender Zeit hierher, damit ich mir ein Geständnis anhöre, und nun wird nichts daraus! Meine Frau wird nicht sehr begeistert sein.«

»Rede!«, zischte Micah.

Bailey zuckte die Schultern.

»Dekan, dieser Mann hat Vorbereitungen getroffen, um am Wochenende den ...«

Dekan Granville zog die Schublade seines Schreibtisches auf, während Micah vortrat und berichtete. Er kramte darin herum und brachte einen kurzläufigen Revolver zum Vorschein, den er auf den Cherokee richtete.

Micah hielt erschrocken inne. »Aber Dekan, was ...?«

»Lassen Sie ihn mir, Granville!« Bailey spannte die Armmuskeln an und vollführte eine Drehung mit den Handgelenken.

Er spürte die Griffe der beiden Messer, die aus speziell angefertigten Scheiden am Unterarm in seine Handflächen glitten.

Bailey senkte die Arme. Eine der Klingen bohrte sich tief in die Brust des Indianers, der sich zu ihm umgedreht hatte.

Der Cherokee öffnete den Mund, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton kam heraus. Wie ein Tänzer wirbelte Bailey um den großen Indianer herum und riss das Messer wieder an sich, hob den Revolver und drehte sich schwerfällig. Doch da stieß Bailey bereits wie eine gereizte Klapperschlange zu.

Die lange Klinge schnitt in die Kehle des Indianers. Blut spritzte fontänenartig hervor.

»Passen Sie doch auf!«, bellte Granville. »Sie versauen mir das ganze Büro!« Hastig breitete er eine Wolldecke auf dem Boden aus.

»Wie ich schon sagte«, murmelte Bailey. »Eine schöne Nacht zum Sterben.

Er nahm seine Messer an sich und half Granville, die Leiche in die Decke zu wickeln. »Ich lasse ihn nachher abholen. Wieso haben Sie so lange gebraucht?«

»Ludwick hat mich aufgehalten. War gerade angekommen, als Micah mit Ihnen hier aufkreuzte. Hätte euch um ein Haar verfehlt.«

»Das nächste Mal lassen Sie sich nicht aufhalten, klar? Sie warten hier. Ich muss mich um meine Männer kümmern. Der Kerl war nicht allein.«

Bailey eilte in die Seitenstraße zurück und näherte sich dem Keller, wo die beiden Cherokees seine Männer in Schach hielten. Auch diese beiden Indianer waren mit Revolvern bewaffnet. Einer kniete neben der Kiste, die halb zersplittert war, und untersuchte ihren Inhalt. Er hob eine große Kugel auf und betrachtete sie eingehend. Seine Finger näherten sich einem Zapfen, der aus der Metallkugel ragte.

Bailey flog wie von der Sehne geschnellt heran. Einer der Cherokees spuckte Blut, als die Messerspitze von hinten durch seinen Hals fuhr.

Bailey fluchte, als sich die Finger des zweiten Indianers an den Zapfen legten. Ihm blieb nur noch eine Möglichkeit, das Scheitern seines Planes zu verhindern.

Mit einem hässlichen Geräusch löste sich die Klinge aus dem Hals des tödlich verwundeten Cherokees und wirbelte durch die Luft. Sie senkte sich in die Stirn des zweiten Indianers, der eben überrascht aufblickte.

Bailey war heran, als die Kugel aus den kraftlosen Fingern des Indianers glitt. Er fing sie auf und legte sie aufatmend in die mit Holzwolle ausgefüllte Kiste.

»Beeilt euch gefälligst!«, befahl er seinen Männern. »Und räumt hier auf. In der Universität liegt noch einer. Tragt sie in eine Ecke. Sie werden bald ihr Begräbnis bekommen.«

Die beiden Männer machten sich ans Werk.

Baileys Hand schoss vor. Er zog das Messer aus dem Kopf des Toten und fuchtelte damit dicht vor der Nase des Nörglers herum. »Hast du mir etwas zu sagen, mein Freund?«

»Nein, gewiss nicht ...«, stotterte der Mann.

»Du bist nicht etwa unzufrieden?«

»Ganz und gar nicht, Boss.«

»Oh, ich muss mich getäuscht haben. Hast du dir nicht vorhin gewünscht, ich sollte den Job allein erledigen?«

»Sie wissen doch, wie das ist, Boss. Man sagt etwas, das man gar nicht so meint ...«

»Aber ja, ich weiß sehr genau, wie das ist. Wenn du deine verdammte Klappe nicht hältst, mein Freund, und tust, was man dir befiehlt, geht es dir genauso. Er zeigte auf einen Toten.«

»Soll nicht wieder vorkommen, Boss.«

»Will ich hoffen.« Bailey verließ das Kellergewölbe. »Und macht nicht solchen Krach. Wir wollen ja nicht, dass halb Tulsa sich hier versammelt, um euch zuzuschauen« , raunte er zum Abschied, reinigte die beiden Messer an den Hemden der Toten und tauchte in der Nacht unter.

 

 

4

Der Mann am Klavier spielte eine lustige Melodie. Zwei Männer tanzten mit leicht bekleideten Mädchen.

Der Raum war mit Plüschmöbeln und Teppichen ausstaffiert. Fein ziselierte Kronleuchter verbreiteten angenehmes Licht. Lange Kerzen steckten in silbernen, mehrarmigen Haltern, die auf Kommoden und Tischen verteilt worden waren.

Dem Eingang gegenüber saß eine feiste, grell geschminkte Lady in einem wuchtigen Sessel. Unterhalb ihrer rosigen Wange prangte ein Schönheitsmal. Zwischen ihren Wurstfingern balancierte sie einen langen Zigarettenhalter aus Elfenbein, in dem ein Glimmstängel steckte.

Die Luft in dem Raum war vom Duft billigen Parfüms und von Tabaksqualm erfüllt und raubte einem fast den Atem.

Mme Madelaine, die von allen nur Lena genannt wurde, rutschte in ihrem Sessel zurecht, als die Tür aufgestoßen wurde und ein hochgewachsener, gutaussehender Mann das Etablissement betrat.

»Willkommen, Mister!«, rief sie und vertrieb mit einer fleischigen Hand den Rauch vor ihrem Gesicht. »Du hast dich lange nicht sehen lassen, mein Lieber. Ich hatte schon befürchtet, dir wäre was zugestoßen.«

»Du rechnest immer mit dem Schlimmsten, Lena.«

»Sicher. Umso mehr freue ich mich, wenn ich mich irre.«

Der Besucher küsste Lenas ausgestreckte Hand. Madame strahlte über das ganze Pfannkuchengesicht. Dieser Mann war immer so galant!

»Wen darf ich dir an die Seite setzen, Mister? Oder wünschst du dir, dass sich Madame höchstpersönlich dir widmet?«

Seine Hand glitt über ihre geschminkte Wange, hinab zu den riesigen Brüsten und drückte das weiche, wabbelige Fleisch. »Du weißt, wen ich will ...«

Madame schmollte.

»Keine Sorge, der Richtige wird schon noch kommen. Ich habe da einen Bekannten, der sich nach dir sehnen wird, wenn ich ihm von dir erzähle. Ich schicke ihn später vorbei, ja?«

»Oh, Mister, du bist zu gut zu mir!«

Er eilte zur Treppe, die ins Obergeschoss führte.

»Mortimer!«

Er blieb am Treppenabsatz stehen, als sie vor ihm aus dem Korridor trat. Ein strahlendes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

Sie trug ein tief ausgeschnittenes, dunkles, mit glitzernden Flittern besetztes Kleid. Ihre strammen Brüste drohten den Stoff zu sprengen.

Anerkennend ließ er seine Blicke über ihre Rundungen wandern. »Du bist begehrenswert wie immer, Julie, Darling.«

»Schmeichler!«

Er küsste sie. Ihre Lippen waren warm und weich. Ihre Zunge ging sofort auf Wanderschaft, erforschte seinen Mund und weckte die Begierde in ihm.

»Du hast ja noch gar nichts zu trinken.«

»Ich bin nicht durstig.«

Ihre Hand legte sich auf seine Manneszierde. »Aber ausgehungert, was?«

»Wie ein Wolf. Können wir nicht in dein Zimmer ...?«

»Später, Darling.« Sie rauschte an ihm vorbei nach unten.

Sie war eine imposante Gestalt. Die Blicke aller Anwesenden richteten sich auf sie. Ihr pechschwarzes Haar war hochgesteckt. Einige Locken fielen weich auf ihre Schultern.

Sie war schön. Die haselnussbraunen Augen unter den scharf gezeichneten Brauen blickten offen. Ihnen schien nichts zu entgehen. Die Nase war schmal und gerade. Die vollen, fein geschwungenen Lippen wirkten sinnlich und verheißungsvoll.

Julie Osborne war Ende dreißig, aber sie wirkte ausgesprochen jugendlich und begehrenswert. Sie war der strahlende Stern des Etablissements, nicht zuletzt deshalb, weil es ihr gehörte.

Lena wollte sich aus dem Sessel erheben. Die Fleischmassen der dicken Liebesdame gerieten in Bewegung. Hastig versuchte sie, auf die Füße zu kommen, konnte sich aber nicht entscheiden, ob sie zuerst die Zigarette weglegen oder sich zuerst hochstemmen sollte.

»Bleib nur sitzen, Lena. Spar dir deine Kraft für später auf, wenn sich die Freier auf dich stürzen.«

»Ach, Julie, Darling, du bist so gut zu mir. Wenn es doch nur so wäre, aber schau dich doch mal um. Kaum einer will sich mit mir abgeben. Die haben alle Angst, ich erdrücke sie. Es ist ein Jammer. Du solltest mehr Mädchen von meinem Kaliber beschäftigen, Darling, dann wäre die Konkurrenz nicht so groß.«

Und ich könnte mich vor Männern nicht retten, dachte Julie und fand den Gedanken gar nicht übel.

»Mal sehen, ob ich auf deinen Vorschlag zurückkomme, Lena. Inzwischen kümmerst du dich darum, dass hier unten alles seinen rechten Gang geht, nicht wahr?«

»Klar. Aber auf die Dauer wird mir das zu langweilig!«

»Ich hab ihr schon angekündigt, dass ich ihr einen Kunden schicken werde«, mischte sich Bailey ein.

»Das ist aber furchtbar ...«

Bailey hob eine Augenbraue.

Ein Lächeln huschte über Julies Gesicht. »Furchtbar nett von dir, Mortimer«, verbesserte sie.»Ach, Mortimer, wenn doch alle Männer in dieser Stadt so dächten wie du.«

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939088
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
grainger präsident nymphomanin

Autor

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Titel: Grainger, der Präsident und die Nymphomanin