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Grainger in der Banditenstadt

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Grainger in der Banditenstadt

Copyright

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Grainger in der Banditenstadt

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Auf der Suche nach der Elliot-Gruppe und den Hintermännern gerät Grainger selbst in die Schussbahn der Banditen. Nach der Entführung eines jungen Mädchens aus Ryan muss er sogar um sein Leben fürchten. Wird er sich und das Mädchen retten können?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Heiß brannte die Sonne auf Grainger herab. Es flimmerte über den Hügeln. Die Pflanzen verschwammen im Hitzeschleier und schienen sich manchmal trotz völliger Windstille zu bewegen. Plötzlich fiel ein Schuss. Die Kugel pfiff über Grainger hinweg und traf klatschend eine Kaktee.

Damit hatte er in diesem toten Gebiet nicht gerechnet. Und bevor er nach seinem Gewehr greifen konnte, ritten sie ringsum aus dem Gestrüpp.

Es waren fünf Männer. Wilde Gestalten mit verstaubten, braungebrannten Gesichtern und böse blickenden Augen. Grainger besaß keine Chance gegen die fünf auf ihn gerichteten Gewehre. Es waren die Kerle, die er suchte. Er wusste es augenblicklich, obwohl er keinen von ihnen jemals gesehen hatte. „Hallo“, sagte ihr Anführer. Er war ein breiter, großer Mann, schwarzhaarig, finster, selbst wenn er grinste, und mit unübersehbar ins Gesicht geschriebener Brutalität. Er trug trotz der Hitze einen kompletten Lederanzug und einen großen schwarzen Hut auf dem Kopf. Um seine Hüften lag ein Patronengurt mit einem schweren Colt im Holster.

Grainger schaute von einem zum anderen. Sie sahen alle so ähnlich wie ihr Anführer aus, aber keiner erreichte seine Größe. Der jüngste war ein drahtiger Bursche, Anfang zwanzig, als einziger zwei Revolver mit sich herumschleppend. Ein schwarzbärtiger Mexikaner befand sich auch darunter, was Grainger in der Annahme bestärkte, dass sie es waren.

Er schaute den Anführer erneut an. „Sie sind Vincent Elliot, was, Mister?“

Der schwarze Kerl hob die eine Braue an. „Hoppla, Freundchen! Woher wissen wir denn das?“

„Von euch reden sie von Pecos herunter in jedem Nest.“

„Tatsächlich.“ Elliot schien geschmeichelt zu sein.

„Leider nichts Gutes“, setzte Grainger hinzu.

Das Gesicht des Bandenführers verhärtete sich.

„Wollen wir nicht zur Sache kommen?“, fragte der drahtige Junge mit gelangweilter Stimme.

Die Halunken ritten dichter um ihr Opfer zusammen.

„Was interessiert euch denn an mir? Ich bin ein stellungsloser Cowboy mit nur ein paar lausigen Bucks in der Tasche.“

„Mancher Cowboy ist in Wahrheit ein verkappter Texas Ranger“, entgegnete der Mexikaner. „Si, mein Freund, das kannst du uns glauben. Zwei von der Sorte haben wir schon erwischt und zu ihren Vätern geschickt. Damit sie hier keinen Schaden mehr anrichten.“

Das neuerliche Grinsen der Banditen ließ an ihren Absichten keinen Zweifel mehr. Sie wollten sich davon überzeugen, ob er vielleicht ein Abzeichen der Texas Ranger oder den Stern eines Hilfssheriffs in der Tasche stecken hatte. Und sicher würden sie bei dieser Gelegenheit auch mitgehen lassen, was sie sonst noch fanden. Grainger erwog, den Braunen anzutreiben, verwarf den Gedanken aber sogleich wieder. Sie würden entweder das Tier oder ihn töten. Es gab ein paar Leute, die solche Begegnungen überlebt hatten. Von ihnen stammten auch Beschreibungen der Halunken.

„Los, absteigen!“ Der Bandenführer winkte mit dem Gewehr.

Grainger gehorchte. Als die Kerle jedoch rund um ihn ebenfalls absaßen und einen Moment lang alle von den Pferden verdeckt wurden, änderte er seine Absicht, warf sich wieder in den Sattel und trieb den Braunen an.

Scharf wieherte das Pferd und stob vorwärts.

Die Banditen taten nichts, um ihm den Weg zu verstellen. Aber Elliot und der junge Kerl hoben die Gewehre und schossen.

Von beiden Kugeln in den Kopf getroffen brach das Pferd mitten im zweiten Sprung zusammen.

Grainger warf sich zur Seite, rollte über den harten Sand, sprang auf und hatte den schnauzbärtigen Mexikaner vor sich. Der Bandit hatte sein Gewehr umgedreht und schlug mit dem Kolben zu.

Getroffen taumelte Grainger zurück.

Die Schurken bildeten einen Kreis um ihn.

„He, hierher, Cowboy!“ Der junge Kerl lachte schallend und hob den Gewehrkolben über den Kopf.

Ein Schlag in den Rücken trieb Grainger dem jungen Halunken entgegen und er lief damit in dessen Gewehrkolbenhieb, der ihn zu Boden warf.

„Ach, fall doch nicht so schnell um!“, jammerte der Mexikaner ironisch. „Wir hatten ja noch gar nichts von der netten Begegnung mit dir, mein Junge!“

„Helft ihm auf die Füße!“, befahl Elliot. „Los, Guy, Juan, fasst an!“

Grainger wurde an den Armen hochgezogen und gestellt. Sie ließen ihn los. Jed, der kleine, böse Schurke, grinste ihn hart an. Und Grainger holte aus und schlug mit einer Geschwindigkeit und Härte zu, die sie alle verblüffte.

Jed wurde ans Kinn getroffen, verlor das Gewehr und stürzte.

„Achtung, das ist ja ein Feuerfresser!“, brüllte der Mexikaner entsetzt.

Sie hoben ihre Gewehrkolben an und gingen an allen Seiten wieder auf Grainger los. Und diesmal wollten sie keinen Spaß mehr haben, sondern ihn einfach nur zusammenschlagen.

Die harten Kolben prasselten auf ihn nieder. Seine Knie gaben nach. Abermals landete er im harten Sand in einer Staubwolke.

Die Kerle traten zurück. Grainger sah sie riesenhaft über sich in Staub und scheinbaren Nebelbänken. Die Gesichter schienen sich in die Länge zu ziehen und die Augen groß wie Äpfel zu werden.

Er nahm alle verbliebene Kraft zusammen und kämpfte gegen die Ohnmacht an, die sein Denken auslöschen wollte.

Elliot bückte sich und durchsuchte seine Taschen.

Das Gesicht verzerrte sich scheinbar noch mehr, bis es sich plötzlich aufzulösen schien. Grainger sah nur noch Staub und Nebel. Aber er hörte Elliot sagen: „Er hat nichts bei sich.“

„Ist vielleicht wirklich nur ein kleiner Kuhfladentreter“, erwiderte Juan, der Mexikaner.

„Und Geld?“, wollte Jed wissen.

„Ein paar lumpige Dollars. Der Rest vom letzten Lohn, würde ich sagen. Drei, vier, fünf und ein paar Cent.“

„Er macht einen verdammt gefährlichen Eindruck!“, zischte Jed. „Ich würde ihn zur Hölle schicken!“

„Er hat dir eine angesetzt, die war nicht von schlechten Eltern!“ Guy lachte polternd. „Vielleicht gehört er zu den wenigen Cowboys, die junge Stiere durch Faustschläge umwerfen können. Sollen gewiss nicht viele sein.“

„Verdammt, ich knalle ihn ab!“, stieß der junge Bursche hervor.

Vor Graingers Augen lichteten sich die grauen Schwaden. Schemenhaft sah er das verzerrte Gesicht des drahtigen Burschen, der das Gewehr anschlug.

„Zu viele Tote machen zu viel böses Blut“, murmelte der fünfte Kerl.

Der Bandenführer drückte Jed den Lauf des Gewehres herunter. „Er hat doch gekriegt, was er verdiente. Los, verschwinden wir.“

Sie verließen Graingers Blickfeld. Sekunden später knarrte Sattelleder. Die Pferde schnaubten. Hufschlag klang auf und neue Staubfontänen zogen über ihn hinweg.

Sie ritten fort.

Obwohl Grainger noch ziemlich benommen war, wusste er, dass sein Leben gerade an einem seidenen Faden gehangen hatte. Und wenn sie hätten wissen können, wer er wirklich war und was er in dieser Gegend im südwestlichen Texas suchte, hätten sie Jed nicht daran gehindert, Rache zu nehmen.

Er brauchte noch geraume Zeit, bis er sich setzen konnte und einigermaßen klar sah. Der Braune lag nur ein paar Yards entfernt. Das Gewehr steckte noch im Scabbard. Auch den Colt hatten sie ihm im Holster gelassen.

Grainger stemmte sich auf. Staub rieselte von seinem karierten Hemd und der Levishose auf die Texasstiefel.

Sie ritten nach Süden. Grainger konnte das Trommeln der Hufe noch hören. Eine Chance, den Spuren zu folgen, besaß er ohne Pferd nicht, weswegen er den Gedanken gar nicht weiter erwog. Er musste den Sattel mitnehmen und versuchen, die Poststraße im Osten zu erreichen. Vielleicht hatte er Glück und fand bald einen Rancho oder eine Station, wo er sich ein neues Pferd kaufen konnte.

Mit einem Messer schnitt er am linken Hosenbein unter dem Knie die Außennaht der Levishose auf und zog die sorgsam gefalteten Banknoten heraus, die er dort verwahrte. Er hatte nicht daran gedacht, dass er sie dringend für ein Pferd brauchen würde, sondern lediglich versteckt, um abgebrannt zu erscheinen.

Er trat zu dem toten Pferd, schnallte den Sattelgurt auf und zog den Sattel unter dem schweren Leib hervor. Auch die Zügel und das Kopfgeschirr nahm er dem erschossenen Braunen ab, rollte es zusammen und schob es in die Satteltasche.

Eine Weile musste er noch warten, bis er sich fit genug fühlte, das schwere Gepäck auf die Schulter zu wuchten und den Weg nach Osten anzutreten.

 

 

2

Er hatte Glück und erreichte bereits nach einer knappen Stunde eine kleine Farm. Im Korral vor dem kleinen weißen Adobelehmhaus standen ein paar Pferde.

Aus der Hütte trat ein älterer Mexikaner in grauer Leinenkleidung, Sandalen an nackten Füßen und einen Sombrero aus Stroh in den Händen. Der Mann kämmte sich das spärliche Grauhaar mit gespreizten Fingern, stülpte den rissigen Hut auf und kam Grainger bis an den Zaun des Korrals entgegen.

Grainger war ausgepumpt und heilfroh, den Sattel von der Schulter werfen zu können.

„Pech gehabt, Señor?“ Der alte Mann zog eine Maiskolbenpfeife aus der Tasche und kratzte sie mit dem kleinen Finger aus.

„An Banditen geraten.“

Erstaunt schoben sich die Brauen des Farmers in die Höhe.

„Vincent Elliot“, setzte Grainger hinzu. „Kennen Sie ihn?“

„Nein, Señor. Wir sind arme Leute. Und der Mais ist diesen Sommer auch wieder verbrannt. Was sollten Banditen hier wollen? Aber man hört von den Kerlen.“

„Und was?“

„Gelegentlich sollen sie schon mal über einen Reisenden herfallen. Ein paarmal gab es Tote. Texas Ranger, hat man erzählt. Aber eigentlich stauben die Banditen bei fahrenden Händlern ab.“

„Und halten Postkutschen an, wenn die was Wertvolles geladen haben“, setzte die dicke Mexikanerin hinzu, die gerade aus dem Haus trat. „Als ob die Galgenstricke es riechen könnten, wenn es sich lohnt.“

„Vielleicht kriegen sie Tipps“, sagte Grainger.

„Von wem?“ Die dicke Frau blieb stehen.

Grainger zuckte mit den Schultern und lächelte. „Woher soll ich das wissen, Madam?“

„Da müssten sie in Ryan jemanden sitzen haben“, vermutete der Farmer. „Denn von dort sollen die Ladungen gekommen sein, die sie sich unter den Nagel gerissen haben.“

„Ryan?“

„Eine Stadt im Süden, Señor. Vielleicht noch knapp dreißig Meilen von hier entfernt.“

Ein Windstoß fegte von Süden herauf, ging über die Farm hinweg, wirbelte Staub auf und knickte ein paar der trockenen Maisstauden.

Sie schauten alle drei zu der dunklen Wolkenbank, die sich am Horizont emporschob und rasch größer wurde.

„Ein Sandsturm“, flüstere die Frau erschrocken.

„Der muss aber nicht bis hierherkommen.“ Der Mann stopfte Tabak in die Maiskolbenpfeife und brannte ihn an. „Meistens blasen sie sich tot, bevor sie dreißig Meilen hinter sich haben. Sie bauen sich in der Tierra Vieja Mountains auf und blasen über den Wildhorse Creek hinweg nach Norden herauf.“

Der Wind nahm zu. Erste Maisstauden rutschten über den Boden.

Die Pferde wieherten im Korral.

„Schaff sie in den Schuppen“, sagte die Frau barsch. „Helfen Sie meinem Mann, Señor. Und geben Sie den Sattel her, ich nehme ihn mit ins Haus!“

Grainger hob den Sattel auf und gab ihn der Frau. Der Farmer öffnete das Tor des kleinen Korrals bereits. Gemeinsam gingen sie hinein, fingen die Pferde ein und führten sie zum Schuppen hinter der weißen Lehmhütte.

Drinnen band der Mexikaner die Tiere an einen Pfosten und beruhigte sie.

„Verkaufen Sie mir ein Pferd?“, fragte Grainger.

„Verkaufen?“ Der Mann wandte sich um. „Pferde sind nicht ganz billig. Aber das wissen Sie wohl.“

Grainger lächelte. Er schien wirklich ziemlich ärmlich auszusehen, dass der Farmer ihm nicht mal das Geld für ein Pferd zutraute.

„In Fort Bliss zahlt das Militär derzeit achtzig Dollar für ein gutes Reitpferd. Zu dumm, dass ich kein Pferdezüchter bin. Damit hätte man besser leben können.“

Draußen heulte der Wind vorbei und warf Sandfontänen und Mais vor sich her. Der Sand prallte gegen die Schuppenwand, drang durch die Fugen ein und häufte sich draußen auf. Das Tor schwang wild herum und donnerte gegen die Wand. Die Pferde schlugen aus und zerrten an den Leinen.

„Ich bleibe am besten hier.“ Der Farmer brannte den Tabak in der Maiskolbenpfeife zum zweiten Mal an und paffte heftig.

„Verkaufen Sie mir denn ein Pferd für achtzig Dollar?“

Der Mann paffte wieder heftig. „Wenn Sie das ausgeben wollen, warum nicht? Wie gesagt, es ist wirklich der offizielle Wert.“

Grainger zog sein Papiergeld aus der Tasche und hoffte, dass der Mann nicht zu jenen gehören mochte, die den Banknoten grundsätzlich misstrauten und meinten, jeder Drucker könnte darauf Zahlen erscheinen lassen, wie es ihm passte.

Aber der Mexikaner griff zu, hielt die Noten gegen das Licht und steckte sie eine nach der anderen ein, bis er achtzig Dollar hatte. „In Ordnung, Señor. Suchen Sie sich einen Gaul aus. Mir ist es egal, welcher Ihnen gefällt.“

„Ich nehme den Braunen.“ Grainger schlug dem Tier auf die Hinterhand, neben dem er stand.

Der Mexikaner nickte und paffte wieder. „Sie kriegen noch was zu essen und volle Flaschen dazu.“

„Danke.“ Grainger schaute in den fliegenden Staub hinaus.

Die Sonne verdunkelte sich. Ein Kugelbusch rollte losgerissen durch den Hof. Unter den Dachsparren des Schuppens heulte und pfiff es. Ein unten loses Brett in der Wand wurde andauernd abgehoben und gegen die Querlatte geschlagen.

„So was geht fix, wie?“ Der Mexikaner nahm die Pfeife aus dem Mund. „Und diesmal scheint er uns doch voll zu erwischen.“

„Gibt es in Ryan denn jemanden, der den Banditen Tipps geben könnte?“, fragte Grainger.

Erstaunen zeigte sich in den Augen des Mannes. „Wie kommen Sie denn auf einmal wieder darauf?“

„Ganz einfach. Die Halunken haben mich überfallen und mein Pferd erschossen.“

„Das sollten Sie lieber vergessen und dem Herrgott danken, dass Sie noch leben, Señor!“

„Es würde mich trotzdem interessieren“, beharrte Grainger.

„Ich komme nur zweimal oder dreimal das Jahr nach Ryan und kenn die Leute kaum. Und wer weiß, ob es so ist, wie meine Frau vermutet.“

„Riechen kann man es nicht, ob ein dicker Fisch in einer Küste liegt oder nicht. Und wenn die Halunken die dicken Fische fingen und anderes nicht einmal anfassten, dann müssen sie was wissen.“

„Vielleicht war es auch nur Zufall. Die fassen auch mal so zu, wenn ein Wagen oder ein Reiter auftauchen. Haben Sie doch heute selbst gesehen, Señor.“

„Vielleicht, weil sie gerade dort waren und ich allein kam“, erwiderte Grainger. „Oder weil sie nichts Besseres wussten.“

„Allerdings frage ich mich, wieso Sie noch so viel Geld haben“, fuhr der Farmer fort.

„Das hatte ich versteckt. Man kann nie wissen.“ Grainger ging zum Tor.

Der Wind ließ bereits wieder nach. Durch den dichten Staubvorhang war weder von der schwarzen Wolke noch von der Sonne etwas zu erkennen. Es war sinnlos, wenn er umkehrte und versuchte, die Spuren der Schurken zu finden, wie es zuerst seine Absicht gewesen war. Dort drüben im Westen fand er nichts mehr davon.

 

 

3

Als es dunkelte, erreichte Grainger eine Poststation an der Straße nach Süden. Im Haupthaus, einem großen Gebäude mit Flachdach und angebauten Nebengebäuden, brannte Licht. Davor stand eine Concordkutsche. Die Deichsel war nach oben geklappt.

Der Stationär trat mit einem abgesägten Schrotgewehr aus dem Haus und näherte sich dem Reiter. Grainger hielt an der Tränke an und stieg ab.

Im Haus erschallte ein helles Lachen, und eine junge Frau sagte: „Aber, aber, Mr. Dunn, wenn Ihre Frau erfährt, dass Sie mit mir flirten, kratzt Sie Ihnen die Augen aus!“

„Meine Frau ist nicht hier, Miss Ava“, meldete sich ein Mann. „Wir und der Postagent sind diese Nacht allein!“

„Sie haben doch gehört, dass eben noch ein Reiter gekommen ist, Mr. Dunn!“

„Was hat uns ein Fremder zu interessieren, Ava. Wollen wir einen Whisky zusammen trinken?“

„Pfui Teufel! Sie wollen mich wohl mit billigen Tricks überrumpeln. Das zieht bei mir nicht.“

„Aber ein Whisky schadet doch nichts, Ava.“

„Ich mag das scharfe Zeug nicht.“

„Sie zieren sich so, Ava!“, schimpfte der Mann lauter. „Dabei habe ich gehört, dass Sie sich in Pecos ziemlich viel mit Männern abgeben würden, während Sie angeblich immer wieder eine alte Tante besuchen. Man munkelt, Sie wollten mit dem Tanten-Besuch nur aus Ryan wegkommen. Damit Vater und Mutter nichts merken!“

Grainger und der Postagent blickten auf die offenstehende Tür.

„Und wenn es so ist, geht es Sie auch einen Dreck an!“, sagte das Mädchen.

„Es würde ihre Mutter vielleicht interessieren!“

„Wollen Sie mich erpressen, Mr. Dunn?“, fragte Ava scharf.

„Aber, aber! Ich wollte nur sagen, Sie sollen sich nicht so sehr zieren. Ich weiß, dass Sie so nicht sind, wie Sie tun, Ava. Und wir zwei passen gewiss gut zusammen!“

„Sie sind verrückt, Dunn! Und ich mag Männer wie Sie nicht, damit Sie das wissen. Erzählen Sie in Ryan, was Ihnen einfällt. Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass ich in Marfa den Advokaten verständigen werde. Wegen übler Nachrede!“

„Fahrgäste, die zusammen von Pecos herunterkamen“, erklärte der Postagent. „Ich wette, denen wird die ganze Reise bis Ryan nicht langweilig.“

„Das glaube ich gern“, gab Grainger zurück.

„Das Mädchen ist die Tochter vom Sattler aus dem Nest“, erzählte der Agent weiter. „Tatsächlich kein Kind von großer Traurigkeit. Und Tracy Dunn besaß früher mal in Waco einen Saloon und soll selbst sein bester Gast gewesen sein. Muss aber doch noch was gerettet haben, dass er jetzt mit seiner Frau in Ryan ganz ohne Job leben kann und gelegentlich sogar ausflippt.“

„Fährt die Kutsche erst morgen weiter?“

„Ja.“

„Wie weit ist es denn noch nach Ryan?“ Grainger nahm seinem Pferd den Sattel ab.

„Exakt achtzehn Meilen. Der Sheriff von Marfa hat angeordnet, dass bis auf weiteres der Nachtverkehr der Wells Fargo eingestellt wird. Es gibt Banditen hier unten. Die schlagen gern nachts zu. Aber sicherer sind die Straßen deswegen nicht geworden.“

„Ist ja auch keine Kunst, Nachtarbeit auf den hellen Tag zu verlegen.“ Grainger ließ das Pferd an der Tränke saufen. „Haben Sie ein Zimmer für mich?“

„Aber selbstverständlich, Mister ...“

„Grainger.“

„Lassen Sie das Pferd hier stehen. Ich kümmere mich schon darum.“

Grainger nickte, ging an dem Mann vorbei und auf die offene Tür zu. Er konnte das Mädchen sehen, bevor er eintrat.

Ava war hochgewachsen und gertenschlank. Sie trug wie er eine Levishose und dazu eine knallrote Bluse. Ihr blondes Haar schimmerte golden im Lampenlicht.

Der Mann trat hinter ihr hervor, als sie sich umdrehte, aber Grainger beachtete die mittelgroße, magere Gestalt nicht.

Das Mädchen wirkte ungemein attraktiv, hatte ein ovales, sehr helles Gesicht und große, blaue Augen. Die rote Bluse war tief ausgeschnitten und ließ wie beabsichtigt ihre vollendeten Formen deutlich werden.

Grainger trat über die Schwelle.

Der Mann schob sich an dem Mädchen vorbei. Er trug eine schwarze, doppelreihige Jacke wie ein Spieler und schon reichlich ausgebeulte Röhrenhosen. Dazu Lackschuhe, ein weißes Hemd mit Saint Louis Schleife und eine schwarze Melone. Silberne Ringe zierten seine Finger. Er mochte fünfzig Jahre alt sein.

Grainger blieb zwei Schritte vor dem Tresen stehen und nannte seinen Namen.

„Ich bin Ava Goring aus Ryan!“, rief das Mädchen.

„Und ich Tracy Dunn“, knurrte der Mann. „Was sind Sie denn? Ich meine, was arbeiten Sie?“

„Ich bin Cowboy, Mister.“

„Ach so, nur ein Cowboy.“ Dunn verzog das Faltengesicht mit den flackernden hellgrauen Augen. „Na, der Stationär wird Sie preiswert hinten beim Kutscher im Schuppen schlafen lassen. Sie haben hier extra eine Kammer eingebaut.“

„Ich kann sicher auch ein Zimmer bezahlen.“ Grainger schaute nur das Mädchen an.

„So, können Sie das?“, staunte der Mann und schob sich die Melone in den Nacken. „Dann reicht es eventuell auch für ein Spielchen mit mir, was?“

Der Stationsmann kam herein. „Ich bringe Ihr Pferd nachher in den Stall, Mister. Sie nehmen am besten Zimmer acht, das hat ein frischbezogenes Bett.“

„Leben Sie ganz allein hier?“ Grainger blickte durch den langen, halbdunklen Raum. Der Hintergrund ließ sich nicht mehr erkennen. Vorn standen Tische und Stühle. Der Tresen nahm die Hälfte der linken Seite ein. Dahinter führte eine Tür in die rückwärtigen Räume.

„Ja, ich bin allein hier“, erklärte der Postagent. „Eine Frau finde ich für das Leben in der Wildnis nicht, und einen Clerk gesteht die Wells Fargo mir nicht zu. Wäre nicht nötig, dass hier zwei Leute bezahlt werden.“

„Was ist denn nun mit dem Spielchen?“, fragte Dunn. Seine Augen funkelten zornig.

Der Stationär stieß ein warnendes Zischen aus. Aber Grainger erkannte auch so, dass er einen Kartenfanatiker vor sich hatte.

„Ich habe keine Lust, Mr. Dunn.“

Das Mädchen drängte sich an dem Mann vorbei, um neben Grainger zu gelangen.

„Wohin sind Sie unterwegs, Grainger?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wo ich einen Job finden kann, werde ich bleiben.“

„Haben Sie nicht noch ein paar Dollar in der Tasche, die Sie einsetzen könnten?“

„Er kann an nichts anderes als an Karten denken.“ Ava strahlte Grainger an.

„Das ist nicht wahr, Ava“, widersprach Grainger.

„Wieso nicht?“

„Vorhin dachte er an Sie.“

„Ach so.“ Das Mädchen lachte hell auf. „Na ja, das natürlich auch. Ich bin überzeugt, er fährt aus Ryan nur fort, um anderswo pokern zu können und junge Mädchen zu treffen. In Ryan darf er das nämlich beides nicht. Da passt seine Frau auf ihn auf.“

„Wenn Sie ein junger Mann wären, würde ich Ihnen dafür eine Kugel in den Schädel jagen, Ava!“ Trancy Dunn schlug die schwarze Jacke zurück. Der Colt 44 im Holster darunter wurde sichtbar. „Hören Sie nicht auf das dumme Ding, Mister. Die hat es in Wahrheit faustdick hinter den Ohren. Fährt angeblich nach Pecos, um eine alte Tante zu besuchen. Alles nur vorgetäuscht. In Ryan gibt es keine jungen Männer mehr für sie. Das ist der Grund!“

Ava lachte. „Ist es meine Schuld, dass die jungen Männer in Ryan trübe Tassen sind?“

„Sicher nicht“, stimmte Grainger lächelnd zu.

„Trinken wir was?“, fragte der Stationär.

„Für mich einen Whisky“, erklärte Grainger. „Und Sie, Ava?“

„Das gleiche.“

„Sieh mal einer an!“, rief Dunn. „Mit mir wollte sie keinen trinken!“

Ava lachte wieder und trat so dicht an Grainger heran, dass ihr Arm den seinen streifte.

Der Postagent schenkte zwei Gläser voll und schob sie über den Tresen. „Sie kriegen auch noch was zu essen, Mister. Aber nur, was ich sowieso zubereitet habe.“

„Bohnen mit Speck“, sagte Ava. „Das hat Baxter immer da. Prost, Grainger. Sie sind der einzige Lichtschimmer auf dieser Reise!“

Grainger trank einen Schluck und stellte das Glas wieder ab. Der Postagent ging in die Küche.

„Schläft der Kutscher schon?“, fragte Grainger.

„Der geht mit der Sonne ins Bett und steht mit den Hühnern auf“, entgegnete Ava. „Das strengt auch ganz schön an. Jeden Tag muss man noch halb in der Nacht heraus.“

„Wie soll er sonst die weite Strecke von Pecos bis Marfa einigermaßen schnell hinter sich bringen?“, meldete sich der Postagent hinter der offenen Küchentür.

„Ich könnte am Morgen jedenfalls gut und gern drei Stunden länger schlafen und abends dafür noch was aufbleiben.“ Ava trank noch einen Schluck und hatte ihr Glas damit zur Hälfte leer.

„Das ist eine, was?“, polterte Tracy Dunn. „Faustdick hat sie es hinter den Ohren. Aber in Ryan müssten sie die mal sehen, Mister. Ihr Vater ist der Sattler in dem Nest. Ein Spießer, wie er im Buche steht. Da spielt Ava ganz die brave Tochter. Und sie zieht sich noch nicht halb so gewagt an wie heute!“

„Alles zu seiner Zeit.“ Ava begann zu trällern. „Wenn hier wenigstens Musik wäre, damit wir tanzen könnten. Können Sie tanzen, Grainger?“

„Ein bisschen.“

„Ich würde es Ihnen beibringen. Das geht ganz fix und ist garantiert nicht langweilig.“

Der Postagent klapperte mit Geschirr.

„Ein Cowboy, der nicht pokert, ist wie eine Kuh, die keine Milch gibt“, knurrte Dunn. „So was habe ich überhaupt noch nicht erlebt, Mister.“

„Spielen Sie mit ihm eine Runde, damit er Ruhe gibt und mich in Ryan nicht verpfeift, Grainger!“ Ava stieß den Mann neben sich mit der Schulter an. „Nur eine Runde. Aber dafür halten Sie in Ryan die Klappe, Dunn!“

„Einverstanden“, erwiderte der Mann prompt. „He, Baxter, gib Karten!“

Grainger sah, dass die Augen des komischen Kerls wieder unruhig flackerten.

Er hatte nicht die geringste Lust zu einem Spiel. Aber der Postagent kehrte schon aus der Küche zurück und warf Spielkarten auf den Tresen.

„Und eine Flasche Whisky auf meine Rechnung“, sagte Dunn, der nun jäh aufgekratzt wie das blonde Mädchen wirkte.

Auch das Gesicht des Postagenten hellte sich auf, da er wohl zusätzlichen Verdienst witterte. Er stellte noch eine Flasche und drei Gläser neben die Karten und winkte Dunn mit den Fingern. „Drei Dollar für alles.“

Dunn bezahlte, ohne zu zögern, nahm die Karten, die Gläser und die Flasche und steuerte den nächsten Tisch an.

„Spielen Sie mal mit ihm, Grainger“, sagte das Mädchen leise. „Er ist sonst auf dem Rest der Reise nicht mehr zu genießen.“

„Aber nur, weil Sie es wollen, Ava.“ Grainger trank sein Glas leer, warf es in Spülbecken und ging zu dem Mann hinüber. Er setzte sich Dunn gegenüber an den Tisch und bekam die Karten zum Abheben zugeschoben.

„Ich halte die Bank. Wenn Sie wollen, kommen Sie dann auch mal an die Reihe, Cowboy. Es geht fair zu.“

„Einverstanden.“ Grainger nahm die fünf Karten auf, die Dunn ihm zuwarf.

„Wieviel haben sie denn zu verspielen?“ Der Mann grinste überheblich.

„Wollen Sie mit mir spielen, oder wissen, wieviel Geld ich habe, Mr. Dunn?“

„Beides, Cowboy, beides!“ Dunn war kaum wiederzuerkennen.

Grainger hatte drei Könige und sagte, er würde alle Karten behalten. Dunn stutzte, tat dann das gleiche und bot fünf Dollar.

„Das war aber nicht ausgemacht“, sagte Ava. „Verlangen Sie ein Limit nach oben, Grainger!“

Grainger ging nicht darauf ein, setzte die fünf Dollar und verlangte zu sehen. Dunn hatte nur zwei Paare. Grainger zog das Geld auf seine Seite und gab die Karten zurück. Der Mann aus Ryan wirkte plötzlich unsicher.

„Sie sind doch nicht etwa ein Sonntagskind, dem das Glück an den Fingern klebt, Cowboy?“

„Sie stellen zu viele Fragen, Mr. Dunn. Machen wir noch weiter?“

„Wie wäre es denn erst mal mit dem Essen?“ Postagent Baxter stand an der Küchentür. „Ich habe es jetzt warm, Mister.“

„Also fünf Minuten Pause“, räumte Dunn ein. „Aber keine Sekunde länger!“

 

 

4

Der Keeper lehnte am Tresen und schaut zum Spieltisch herüber. Ava stand davor und blickte ebenfalls gebannt auf die Karten, die Geldscheine und die Silbermünzen im Lampenlicht.

Tracy Dunn sah bleich aus. Nervös zuckten seine Augen. Die Falten in seinem Gesicht schienen tiefer geworden zu sein. Er schaute in seine aufgefächerten Karten, auf das Geld, auf Grainger und die Restkarten, die der Gegenspieler neben sich liegen hatte. Dann irrte sein Blick zum Tresen hinüber.

„Er hat mir neunzig Bucks abgeknöpft, Baxter!“

„Ist das mein Problem?“, maulte der Postagent. „Wollte ich vielleicht pokern?“

„Mann, das ist dreimal so viel, wie er als Cowboy im Monat verdient! Dafür muss er ein Vierteljahr durch Staub und Dreck hinter halbwilden Longhorns her und tausendmal sein Leben riskieren!“

„Na und?“, fragte Baxter. „Das braucht er nun jedenfalls ein Vierteljahr nicht mehr.“

Dunn schaute wieder auf Grainger und die Karten. „Seit er die Bank hält, läuft es wie geschmiert.“

Grainger ging auf die unüberhörbare Anspielung nicht ein. „Ist es nun genug?“ Er schob seine fünf Karten zusammen.

„Haben Sie es gehört, Baxter? Jetzt will er auch noch aussteigen!“

Grainger lehnte sich zurück. „Wir wollten eine Runde spielen, Mr. Dunn. Inzwischen ist darüber eine ganze Stunde verstrichen. Es ist spät geworden!“

„Ich verlange Revanche. Um meine neunzig Dollar!“

„Nun zeigt er auch noch, was für ein mieser Verlierer er ist“, sagte Ava verächtlich. „Nehmen Sie ihm ab, was er noch hat, Grainger, sonst gibt er die ganze Nacht keine Ruhe!“

„Revanche!“, schimpfte Dunn.

Grainger schob seine Karten auseinander. Er hatte an diesem Abend unwahrscheinliches Glück und schon wieder ein Full House in der Hand.

„Hier, um neunzig Bucks!“ Dunn kramte Geld aus allen Taschen, brachte jedoch nur achtzig Dollar zusammen. Er löste seine Uhr aus der Innentasche der Jacke. Sie war golden und besaß einen Sprungdeckel mit Namensgravur. Dunn ließ den Deckel aufschnappen. „Völlig in Ordnung. Geht auf die Minute genau. Überzeugen Sie sich davon!“

„Wie soll er denn auf die Schnelle feststellen, ob die Uhr genau geht?“, fragte Ava. „Sie haben Nerven, Dunn!“

„Jedenfalls ist sie gut und gern zehn Dollar wert.“ Dunn legte die Uhr auf das Geld. „Los, heraus mit dem Zaster!“

Grainger widerte das Spiel immer mehr an und er bereute es, sich dazu hergegeben zu haben. Dass Dunn Ärger machen würde, wenn er verlor, hatte er fast geahnt.

„Worauf warten Sie? Kneifen, was?“

Grainger warf den ganzen Gewinn auf die Uhr und das andere Geld.

Dunn begann zu grinsen. „So, nun wollen wir mal sehen, wer gewinnt!“ Er zeigte die Zähne, die lang und gelb waren und vorstanden.

„Langsam!“

Dunns Stirn legte sich jäh in Falten. „Was denn noch?“

„Wir sind noch nicht soweit, Mr. Dunn. Jeder von uns kann noch ablegen, wenn er will.“

Dunn schaute wieder zum Tresen.

„Er hat recht“, stimmte der Postagent Grainger zu. „Das war wohl ein bisschen sehr hastig?“

„Sein Mund hat inzwischen den Verstand an Geschwindigkeit überholt!“ Ava lachte.

Dunn wischte sich den Schweiß vom Gesicht. „Also wenn Sie wollen, dann nehmen Sie noch zwei andere, Grainger. Aber los verdammt!“

Grainger schaute den Mann auf der anderen Tischseite prüfend an. Dunn hatte gute Karten. Ein Zweifel daran schied aus. Sein Full House mit zweimal die Acht und drei Königen konnte entschieden zu wenig sein. Er musste es ganz einfach riskieren, danach noch weniger zu haben. Und vielleicht war das Glück noch einmal auf seiner Seite. Er schob die beiden Achter zusammen und legte sie ab. Dafür zog er zwei neue Karten vom Stoß und traute seinen Augen kaum.

„Und nun?“ Dunn beugte sich vor. Tausend bösartige Teufel funkelten in seinen flackernden Augen.

„Sie sind dran“, antwortete Grainger.

Dunn kicherte und deckte eine Karte nach der anderen auf. Grainger atmete dabei tief durch als er vier Damen sah, die langsam auf den Tisch blätterten. Die fünfte Karte schob Dunn zur Seite.

„Na Mister, was sagen wir dazu?“

„Erstaunlich, wie der Teufel mit uns spielt, Mr. Dunn“, erwiderte Grainger und deckte seine Karten auf.

Dunn saß sekundenlang völlig reglos und starrte die Karten an, und Grainger bekam bestätigt, dass seine Vermutung richtig gewesen war. Das Full House hätte ihm nicht genügt, noch einmal zu gewinnen.

„Das gibt es nicht“, sagte Dunn schweratmend.

„Warum soll es das nicht geben?“, fragte der Postagent mit kratziger Stimme.

„Das gibt es nicht!“, brüllte Dunn, dem flammende Röte ins Gesicht schoss.

„Achtung, er explodiert!“, rief Ava schrill.

„Betrug!“, brüllte Dunn, sprang auf und schlug die Jacke zurück.

Grainger wurde nicht überrascht. Im Sitzen zog er schneller als der Mann aus Ryan den Colt. Als Tracy Dunns Waffe mit der Mündung hochschwang, rasten Feuer, Blei und Rauch aus Graingers Colt.

Dunn wurde der Colt aus der Hand geschleudert. Das Geschoß streifte den Mann am Unterarm. Er schrie. Blut ergoss sich bis auf den Tisch. Dunn taumelte, stolperte über den kippenden Stuhl und stürzte zu Boden.

Grainger ließ die rauchende Waffe sinken.

„Mein Arm ist zerschossen!“, wimmerte Dunn. „Der Falschspieler hat mir den Arm zerschossen.“

Baxter kam um den Tresen herum, kniete und besah sich die Wunde. „Das sieht aber nicht sehr gut aus. Bleiben Sie liegen, Dunn, ich verbinde Sie!“

Ava sah schreckensbleich aus, schaute Grainger an und sagte: „Ich habe nicht geahnt, dass es so ausgehen könnte. Aber er hat wohl alles verloren. „

„Er wollte es so“, erwiderte Grainger und steckte den Colt ins Holster.

„Kommen Sie mit in die Küche, das ist besser“, entschied der Postagent. Er half Dunn auf die Beine und schleppte ihn mit sich.

Die Tür flog auf, schwang heftig herum und donnerte gegen die Wand. Auf der Türschwelle stand der Kutscher, nur mit Hose und Unterhemd bekleidet und sein Gewehr an der Hüfte angeschlagen. Die grauen Haare standen dem bulligen Mann zu Berge. Wild funkelten die Augen. Er repetierte das Gewehr und schrie: „Lassen Sie sich fallen, Miss!“

„Nein, nein, Grainger ist kein Bandit!“, schrie das Mädchen.

Dem Kutscher klappte der Mund auf. „Wer hat denn dann geschossen?“

„Hep, geh wieder schlafen“, sagte der Postagent in der Küche. „Es ging um was Privates.“

„Und ich dachte, Elliot und seine Kumpane wären hier.“ Der Kutscher strich glättend über das widerborstige Haar, schüttelte den Kopf und verließ das Haus.

Grainger folgte dem Mann und schloss die Tür. Ava räumte auf dem Tisch Graingers gesamten Gewinn zusammen.

„Ich denke, wir sollten uns absetzen, Grainger. Dunn dürfte der Schmerz inzwischen ernüchtert haben.“

„Es war verrückt, dass ich mich darauf einließ“, gab er zurück.

„Ich konnte das nicht voraussehen. So habe ich ihn auch noch nicht erlebt. Ich meine, dass er gleich zum Colt greift. Aber vermutlich hat er schon einen Haufen Geld unterwegs sitzenlassen. Schadet ihm gar nichts. Er soll früher in Waco eine Kneipe besessen haben und…“

„Sein bester Gast gewesen sein“, sagte Grainger und nickte. „Habe ich schon gehört.“

„Sein bester Gast, aber sein schlechtester Spieler“, sagte Ava. „Sie hatten nur die Hälfte gehört.“

In der Küche jammerte Dunn.

„Mann, Sie müssen stillhalten!“, schimpfte der Postagent.

„Dieser verdammte Falschspieler!“

„Er hat nicht falsch gespielt, Mr. Dunn. Er hatte einfach mehr Glück als Sie und vielleicht auch die besseren Nerven.“

Grainger wandte sich ab.

„Er ist ein Falschspieler!“, zeterte Dunn.

 

 

5

Er hatte in der Kammer keine Lampe angezündet und konnte durch das hereinfallende Mondlicht Ava dennoch undeutlich sehen. Sie legte das viele Geld mitsamt der Uhr auf den kleinen Tisch vor dem Fenster.

„Jetzt müssen Sie praktisch ein halbes Jahr nicht mehr arbeiten, Grainger. Wie wäre es, wenn Sie die ganze Zeit in Ryan bleiben?“

Grainger setzte sich aufs Bett und zog die Stiefel aus. „Sagten Sie nicht, dort sei absolut nichts los?“

„Ach, wir könnten schon was losmachen.“ Sie kam zurück und setzte sich neben ihn. Ihre blauen Augen funkelten wie Sterne. Sie beugte sich vor und küsste ihn. „Kommst du nach Ryan?“

„Ja.“

Ava war erstaunt und misstrauisch und schaute ihn prüfend an. „Kein dummes Gerede?“

„Bestimmt nicht.“

Sie lachte und küsste ihn abermals, und er merkte, wie sie sich an ihn schmiegte. „Und wie lange wirst du bleiben?“

„Das weiß ich noch nicht, Ava. Möglicherweise aber nicht sehr lange.“

„Immerhin bist du ehrlicher als die meisten, Grainger!“ Das Mädchen umarmte ihn, stand dann auf und entkleidete sich ohne größere Umstände. Und weil er immer noch auf der Bettkante saß, fragte sie: „Was ist, hast du keine Lust, oder bist du zu schüchtern?“

Grainger zog sich aus.

„Er ist ein verdammter Falschspieler!“, zeterte Tracy Dunn irgendwo im Haus.

„Sie sollten das besser nicht behaupten, sonst jagt er Ihnen noch eine Kugel in den Kopf“, meldete sich der Postagent. „Hier ist übrigens Ihr Revolver. Noch nicht mal beschädigt!“

„Hör nicht darauf!“ Ava zog Grainger auf das Bett und umarmte ihn. „In Ryan wird es schwieriger werden. Da sind die Leute bis obenhin zugeknöpft. Ich hoffe, wir treffen uns trotzdem. Und noch was: Dort gibt es ein Barmädchen, namens Linda Lee. Sie ist nicht mehr die jüngste und trotzdem recht attraktiv. Wenn du dich mit der abgibst, kratze ich dir die Augen aus. Kannst du dir das merken?“

„Ich werde es versuchen“, versprach Grainger, dem Avas sehr direkte Art gefiel.

„In Ordnung, dann ist alles abgeklärt. Ich werde nämlich nachts in dein Zimmer kommen. Über die Feuertreppe. Das merkt kein Mensch, wenn du da bist und sie ist nicht bei dir.“

„Gut, Ava.“

Das Mädchen strahlte so sehr, dass er es nicht übersehen konnte. Heiß brannten Avas Küsse auf Graingers Hals und Wangen, und ihr Körper schmiegte sich fester an ihn.

 

 

6

Er erwachte vom lauten Knallen der Peitsche. Die Pferde schnaubten und schlugen hart mit den Hufen auf den Boden. Die Concordkutsche fuhr ab.

„Und vergessen Sie nicht, in der Stadt gleich zum Barbier zu gehen, Dunn!“, rief der Postagent.

Grainger stand auf. Ava war nicht mehr da. Er hatte nicht bemerkt, dass sie ihn verlassen hatte. Auf dem kleinen Tisch am Fenster lagen noch das Geld und Tracy Dunns goldene Uhr. Vielleicht hätte er sie ihm zurückgeben sollen. Darauf sah er einen Zettel.

Er ging auf das Fenster zu, schaute hinaus und sah die Kutsche in einer Staubwolke im Morgengrauen verschwinden.

Postagent Baxter ging in die Station.

Grainger nahm den Zettel und musste ihn dicht unter die Augen halten, um im Dämmerlicht lesen zu können, was Ava ihm aufgeschrieben hatte.

„Ich erwarte dich nächste Nacht. Du musst in deinem Saloonzimmer die Gardine zuziehen, damit ich weiß, welches es ist. Bis dann, Ava.“

Er kehrte zum Bett zurück und legte sich wieder nieder.

Der Postagent rumorte aber so laut im Haus herum, dass er bald wieder aufstand, sich anzog, das Geld und die Uhr einsteckte und das Zimmer verließ.

Baxter wirtschaftete im Stationsraum herum.

„Stehen Sie auch jeden Tag so früh auf?“ Grainger gähnte herzhaft.

„Ach was. Nur, wenn die Kutsche da ist. Zweimal die Woche.“

Grainger lehnte sich an den Tresen.

„Mit dem Kaffee dauert es noch ein bisschen. Haben Sie so viel Zeit?“

„Jaja.“

Baxter kehrte den Boden.

Grainger verließ die Station. Der Staub hatte sich gesenkt. Im Osten stieg die Sonne empor.

 

 

7

„Die Postkutsche aus Pecos!“ Vincent Elliot stand vom Feuer auf und blickte aus zusammengekniffenen Augen schräg gegen die Sonne, die noch recht tief am Himmel stand.

Seine vier Kumpane erhoben sich ebenfalls. Der Mexikaner rückte die schwarze Kaffeekanne mit dem Fuß tiefer ins Feuer hinein.

„Da drüben ist die Straße“, sagte Jed. „Und die Kutsche nach Ryan ist fällig.“

„Ob wohl was Schönes drin ist?“ Guy, der bullige Kerl mit den Stiernacken, grinste.

„Wir könnten ja mal nachsehen“, entgegnete Elliot.

„Seit wann gehen wir denn auf Kutschen los, ohne zu wissen, was dabei herausspringt?“, fragte der Mexikaner staunend.

„Seit das Warten zu langweilig wird“, erwiderte Elliot sofort. „Hier unten läuft nicht viel.“ Er wandte sich um und ging zu den Pferden, die sie an Cottonwoods gebunden hatten.

„Und der Kaffee?“, fragte der Mexikaner.

„Vergiss ihn.“ Elliot legte seinem Pferd den Sattel auf und schnallte den Gurt fest.

„Hölle und Schwefel, das gefällt mir!“, stieß der Mexikaner hervor. „Ich zerschlage die Kaffeebohnen, hebe extra gutes Wasser auf, schleppe die Kanne mit mir herum…und alles für nichts!“

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939071
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541089
Schlagworte
grainger banditenstadt

Autor

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Titel: Grainger in der Banditenstadt