Lade Inhalt...

Dunkle Pfade und rauchende Colts

2020 190 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dunkle Pfade und rauchende Colts

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

Dunkle Pfade und rauchende Colts

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 190 Taschenbuchseiten.

 

Auf dunklen Pfaden zog Hay Callag, als der Kampf auf der Fünffinger-Ranch in Montana ihn und die Crew in die Sättel trieb.

Dunkel blieben seine Pfade auch dann, als alle Brücken hinter ihm abbrachen und ein neues Leben für ihn begann. Die Schatten der Vergangenheit ließen ihn aber nicht los, standen eines Tages gegen ihn auf, wuchtiger, dramatischer als je zuvor, drängten ihn in einen Endreigen ohne Gnade hinein.

Sein Stolz verweigerte es ihm, Hilfe anzunehmen.

Dieser unselige Stolz war es, der ihn in eine düstere Klemme brachte, aus der er keinen Ausweg mehr sah ...

Er fand sich damit ab, mit rauchenden Colts zu sterben.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Meinhard Dixon

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

1

Langsam ritt Hay Callag auf seinem Tigerschecken Fabio durch die dicke Nebelschicht, die die Sicht auf fünf Yards in der Runde beschränkte. Er1 saß vornübergebeugt im Sattel, lauschte auf den tappenden Hufschlag, auf das Knarren des Leders, auf das Flappen der Chaps. In leichten Stößen trieb der Wind das Nebelmeer auf ihn zu und verstärkte das Gefühl der unendlichen Einsamkeit in ihm. Grau war alles, wohin er auch blickte. Sein Gesicht triefte vor Nässe, und die eisigen Windböen schienen den letzten Rest von Wärme aus seinem Körper herauszufegen.

Ab und zu schnaubte der Schecke dumpf und warf den Kopf hoch. Hays behandschuhte Hände hielten die Zügel straff. Immer wieder beugte er sich vor, starrte in den Nebel, aus dem wie gespenstische Schatten die Äste der am Wege stehenden Bäume herausschwangen. Links und rechts glitten die kaum deutbaren Konturen der dicken Baumstämme vorbei. Raben flogen krächzend über den Weg. Er sah sie nicht, aber ihre Stimmen klangen wie unheilbringend durch den Nebel.

Yeah, seit er von der Drei-Balken-Ranch aufgebrochen war, hatte ihn der Nebel eingehüllt. Seit Stunden wogte er wie ein Wattepolster um ihn herum.

Hay saugte tief die Luft ein. Er hielt für einen Moment den Tigerschecken an, hob sich etwas in den Steigbügeln, sah einige Sekunden zu einer Landmarke hin, die im Nebel aufgetaucht war, und nickte befriedigt. Er war noch auf dem richtigen Weg. Sein hageres, streng geschnittenes Gesicht, das Regen, Sonne, Wind und Kälte lederbraun gegerbt hatten, zeigte einen besorgten Ausdruck. In seinen rauchgrauen Augen kam Unruhe auf, und seine Rechte tastete unwillkürlich zu seinen Colts, zwei schmucklose Eisen die in Lederschlingen ruhten und ihre drohend schwarzen Läufe offen sehen ließen. Sie hatten abgewetzte Kolben aus einfachem Walnussholz, nur ihr großes Kaliber redete eine Sprache für sich.

„Go on, Fabio ...“

Seine klangvolle Stimme trieb den Tigerschecken vorwärts an der Landmarke vorbei, die für Hay Callag eine besondere Bedeutung haben mochte, denn von nun an verlor er seine Lässigkeit. Sein Gesicht zeigte die Anspannung, die ihn innerlich beherrschte. Die Augenbrauen zogen sich zusammen, und Falten kerbten seine Stirn. Er führte nur mit der Linken die Zügel, die Rechte blieb in der Nähe des Colts. So ritt er weiter. Ein Mann, der auf dunklen, einsamen Pfaden ritt, groß und sehnig, knochig gebaut, eine ideale Reiterfigur mit breiten Schultern und schmalen Hüften, langen, leicht gekrümmten Beinen.

Ein Mann, der zwei Eisen in Lederschlingen ruhen hatte und eine Winchester im Scabbard. Hinter seinem Mc-Clay-Sattel war eine Deckenrolle geschnallt. Der Tigerschecke trag Gamaschen um die Fesseln, zum Schutz gegen Dornen.

Ein einsamer Mann im Nebel, wie allein auf der Welt!

Beim Weiterreiten streifte Hay die Handschuhe von den Händen und steckte sie in die Satteltasche. Schlanke, nervige Finger hatte er, Finger, wie sie ein Revolvermann haben musste. Männer, die ihre Waffen zu ihrem zweiten Ich gemacht, mit ihnen auf Du und Du stehen, die sich nie von ihnen trennten, wo es auch war. Sie schliefen mit ihren Eisen und standen mit ihnen auf.

Yeah ... Revolvermann, welch bitterer Klang! Der Name schien die Hölle auszuspeien, denn an ihm haftete die Tragik derjenigen, denen die Natur eine schnelle Hand gegeben hatte und die zu dynamischen Eisen wurden, weil man sie dazu zwang, ihre Wege offenzuhalten. Die immer wieder von Besessenen angefallen, zur Erprobung gestellt wurden. Die mit rauchenden Eisen ihr Leben verteidigen und die ganze Flut niederdrückender Gefühle auskosten mussten, die sie hinterher schier erstickten.

By Gosh, yeah ... zu dieser Sorte einsamer Wölfe gehörte Hay Callag, aber es gab auch andere Coltschwinger. Kerle, in denen bald kein menschliches Gefühl mehr aufkam, die nur des Nervenkitzels wegen schossen, sich immer wieder Gelegenheit verschafften, ihrem heillosen Trieb zu frönen. Yeah, Tiere waren das, Bestien, die tausendfach blutrünstiger als Raubkatzen waren.

In diesem Lande regierte der Colt und die Art, wie ein Mann ihn trug. Jeder war Kenner auf dem Gebiet, jeder handhabte die Eisen, versuchte seine Schnelligkeit zu erhöhen. Es war wie eine Seuche, die immer weitere Kreise befiel, und die das Blut der Männer vergiftete.

Hays Bitterkeit wuchs. Schon seit Wochen trug er sie mit sich herum. Sie nagte und zerrte an seinem Herzen, überschattete sein Dasein, machte ihm das Leben zur Qual. Yeah, vor Jahren hatte er sie zum ersten Mal gekostet, damals, als seine Kugel zum ersten Mal einen Menschen traf.

Es war schrecklich, mit welcher Hartnäckigkeit sein Gehirn gerade diesen ersten Kampf immer wieder plastisch darstellte. Wo er auch war, immer wieder erinnerte er sich an Frank Beteen, den Vormann der Fünffinger-Ranch, erinnerte er sich an den Anlass zu diesem Kampf, der in Montana stattgefunden und sein Leben entscheidend beeinflusst hatte ...

Yeah, vor diesem Kampf war er einer unter vielen, ein Cowboy, der den Staub der Herden schluckte, irgendeiner der vielen Boys, die nichts anderes kannten, als ihre Pflicht zu erfüllen, die keine Ansprüche an das Leben stellten und überglücklich waren, wenn sie sich hin und wieder in einer Town ein neues, leuchtendes Halstuch, einen Revolver, Sporen, Tabak und Whisky kaufen konnten.

Er lebte ein einfaches, spartanisches Leben ohne besondere Vorkommnisse, das tägliche Leben der Weidereiter mit all seiner Härte, die dafür sorgte, dass die Männer abends todmüde aus den Sätteln fielen.

Frank Beteen war sein Vormann, ein großer, breitschultriger Mann mit Muskelwülsten, deren bloßer Anblick zur Vorsicht mahnte. Ein stiernackiger Mann, der seine Mannschaft eisern dirigierte und keine Auflehnung duldete, der sich einen Spaß daraus machte, seine Überlegenheit mit dem Colt in manchmal recht drastischer Weise zu dokumentieren.

Yeah, manchen Cowboy stutzte er dadurch zusammen, dass er ihm das Blei vor die Stiefel fegte, so dass die Ledersohlen aufgerissen wurden, manchen Boy durchlöcherte er den Stetson, und wenn er, mit Whisky angefüllt, zur Herde kam, trieb er es noch toller. Niemand lehnte sich gegen ihn auf, bis eines Tages Grand Seltran, von Beteens Blei getroffen, am Küchenwagen tödlich zusammenbrach.

Niemand von den Boys hatte jemals eine Beschwerde beim Rancher geführt. Sie alle waren jung, unerfahren und wussten nicht, dass Frank Beteen bei der Einstellung der Cowboys darauf achtete, dass er nur unbeschriebene Blätter in seine Crew aufnahm, also Männer, die gerade den Knabenjahren entwachsen, wie Wachs in seinen Händen waren, die seinen Machtgelüsten keinen Widerstand entgegensetzten.

Außerdem hätte eine Beschwerde kaum etwas genutzt, denn Beteen war ein Bruder des Ranchers, gehörte der gleichen Sippe an, einer Sippe, die das Land nördlich des Marias-River beherrschte und so mächtig war, dass sie ihren Parteigängern in den Towns die einflussreichsten Stellen verschaffen konnten, wo immer es ihnen passte und wünschenswert erschien.

Frank galt als der Wildeste und Raueste unter den Beteens. In ihm kam das ungebändigte irische Temperament und der heiße Willen des spanischen Bluteinschlags der Sippe besonders zum Ausdruck. Er blieb tagelang seiner Arbeit fern und trieb sich in zweifelhaften Saloons mit noch zweifelhafteren Frauen und dunklen Individuen herum. Er trank und spielte, und oft genug zettelte er einen Streit an, den er mit den Fäusten oder auch mit den Colts austrug. Sein Name hatte einen berüchtigten Klang als Revolvermann.

By Gosh, yeah, Hay Callag bereute nicht, was er damals getan hatte, wenn auch seitdem sein Name als der eines Revolvermannes galt. Er konnte nicht bereuen, denn Grand Seltran, der damals alles auslöste, war sein Sattelpartner gewesen, sein Freund.

Beide hatten sie am gleichen Tage auf der Fünffinger-Ranch angefangen, hatten zwei Jahre harter Arbeit auf der Weide verbracht, waren Freunde geworden. Immer bemühten sie sich, Frank Beteen aus dem Wege zu gehen, ihm keinen Anlass zu Streitigkeiten zu geben. Aber gerade das reizte den Vormann. Er tyrannisierte den kaum neunzehnjährigen Grand, wo immer er nur konnte, gab ihm die härtesten Arbeiten auf, teilte ihn zu Wachen ein, die den körperlich schwachen Grand über die Maßen anstrengten und zermürbten, die aber nicht vermochten, den Willen des Boys einzubrechen.

Grand ertrug alles, nahm es gelassen hin, und nur Hay gegenüber sprach er sich aus. Zweimal versuchte er die Arbeit aufzugeben, irgendwo anders im Lande sein Glück zu versuchen. Er kam nicht dazu. Frank Beteen verhinderte es jedes Mal, zwang ihn zum Bleiben. Die Maßnahmen, die er dafür ergriff, waren so gemein, dass die junge Mannschaft der Fünffinger-Ranch unruhig wurde.

Es kam zur Explosion an jenem Tage, als Frank nach viertägiger Abwesenheit zur Herde zurückkehrte. Die Rinder waren gerade zur Ruhe gekommen, lagen wiederkäuend am Boden.

Der Koch sah ihn anreiten und meldete:

„Er ist total betrunken!“

Yeah, das sahen alle, die Freiwache hatten und am Lagerfeuer hockten, ihren Kaffee tranken und Bohnensuppe löffelten.

Keiner sprach mehr. Wie auf ein geheimes Kommando hin stellten sie ihre Blechteller beiseite.

Einer sagte laut und deutlich: „Der Teufel sollte ihn holen!“

Das war's, was alle dachten, was in aller Augen stand. Die Boys bewegten sich unruhig. Der Benjamin der Mannschaft hatte es plötzlich sehr eilig, in den Sattel zu kommen und ritt, obwohl er Freiwache hatte, zu der Pferderemuda hin. Er konnte es sich erlauben auszureißen, ohne dass man ihn dafür tadelte. Die anderen aber blieben. Sie blieben ungern, mit nagender Unruhe und starrten auf den Reiter, der im Sattel leicht hin und her wankte und sich stetig näherte.

„Einer sollte ihn zurechtstutzen“, keuchte ein Boy abgerissen. Alle sahen dabei Hay Callag an. Oh, yeah, sie hatten ihn beobachtet und wussten, dass er eine ungemein schnelle Hand hatte. Jeden Tag schoss er zur Übung eine Stunde auf unbewegliche und bewegliche Ziele. Seinen Lohn gab er fast nur für Munition aus und versagte sich jede Annehmlichkeit, die den anderen lieb war.

Hay blieb ruhig sitzen, obwohl ihn alle auffordernd ansahen, alle Augen ihn stumm aufzufordern schienen, für sie einzutreten. Ein eiskalter Schauer rann über seinen Rücken. Leere kam in ihm auf. Sein Magen krampfte sich zusammen, und es wurde ihm fast übel.

„Ich habe noch nie auf einen Menschen geschossen“, wehrte er heiser ab. „Ich will es auch nicht versuchen.“

By Gosh, yeah, das war sein Wille gewesen. Niemals wollte er auf einen Menschen schießen. Schon der Gedanke, dass er sein Eisen dazu einmal ziehen sollte, machte ihn krank.

„Also gut, dann tun wir es gemeinsam“, sagte Jack Duden. „Falls er zu toben anfängt, stutzen wir ihn diesmal zurecht, so gründlich, wie er es schon seit langem verdient hat. Jeg, du, achtest auf seine Eisen, setzen wir uns so, dass wir ihn in der Klemme haben und von allen Seiten bedrohen können. Du, Grand, wirst ihm dann die Eisen abnehmen. Wenn das erledigt ist, werden wir ihm den Whisky aus dem Magen pumpen. Alles klar?“

Die Cowboys nickten bejahend und beachteten Hay nicht mehr. Sie nahmen ihre Positionen ein. Grand ging zum Küchenwagen, um sich seinen Becher mit Kaffee füllen zu lassen. Gerade als das geschehen und er ihn an die Lippen setzen wollte, erreichte Frank Beteen das Camp.

Seine rotgeäderten Augen wanderten über die Männer, und wenn sie erwartet hatten, dass er in die Falle ging, so sahen sie sich enttäuscht. Er hielt sein Pferd am Lagerrand an, hob sich etwas in den Steigbügeln und lachte dunkel, wölfisch vor sich hin.

„Das ist kein guter Empfang“, sagte er heiser. „Ihr Narren, so könnt ihr mich nicht überrumpeln. Darin seid ihr noch klägliche Anfänger. Bei mir müsstet ihr es schon klüger anfangen.“

Bevor noch jemand etwas entgegnen konnte, rutschte er seitlich vom Pferde, so dass er sein Tier als Deckung zwischen sich und seinen Leuten stehen hatte und grinste über die Kruppe hinweg.

Gleichzeitig zog er seine Colts und richtete die drohenden Mündungen auf die wie erstarrt sitzenden Cowboys.

„Steht auf und tretet unter die Eiche, ihr Narren!“ Das war ein Befehl. Wer seine Art kannte, seine Stimme, der wusste, dass es gleich knallen würde.

Jeg erhob sich als Erster. Er war noch nicht ganz hoch, als ihm sein Stetson, von einer Kugel getroffen, vom Kopf gerissen wurde. Sein hagerer Körper schüttelte sich wie im Krampf, aber er wagte nicht, den Stetson aufzuheben oder zu seinen Eisen zu greifen. Er wagte nicht in die höhnischen Augen Beteens zu blicken, der mit einem zweiten Schuss Tud Kanister die Chaps so dicht an der Wade versengte, dass Tud vor Schmerz eine Grimasse zog und taumelnd auf die Beine kam.

„Los! Etwas schneller, ihr lahmen Brüder! Wahrhaftig, wir Beteens können stolz auf eine so flotte Mannschaft sein“, grinste Frank über die rauchenden Eisen hinweg. „Vielleicht schaffe ich es und mache euch so hart, dass man euch durch die Hölle schicken kann. Hoch mit dir, Benster!“

Benster war der Älteste in der Crew, ein Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit schlohblonden, fast farblosen Haaren und einem bleichen Gesicht, das auch die Sonne, der Wind und die Luft nicht bräunen konnten. Er blinzelte Frank mit seltsam verkniffenen Augen an, sagte:

„Treibe es nicht zu weit. Ich habe herausgebracht, warum du nur junge Greenhorns in deiner Crew haben willst, aber auch Greenhorns haben es einmal satt, herumgestoßen zu werden. Du hast getrunken, Beteen, lege deinen Colt weg!“

„Also du bist der Anführer dieser Meutererbande?“ Beteens Grinsen erlosch. Ein böses Licht glomm in seinen Augen auf, und an seinem Halse traten die Adern wie Striche hervor. Mit dem linken Coltlauf schob er sich den Stetson tiefer in den Nacken, zog die Augen schmal.

Benster erhob sich und blieb steif aufgerichtet stehen, hob betont langsam die Hände von den Hüften, deutete damit an, dass er waffenlos war. Sein Gurt lag neben seinem Sattel und den Schlafdecken.

„Nach dem Gesetz der Weide bist du fällig, Benster“, krächzte Beteen, ohne seine Stellung hinter dem Bronco aufzugeben. „Ich dulde keinen Widerspruch in meiner Crew. Ich habe das oft genug herausgestellt. Du hättest wissen müssen, was dich erwartet.“

„Du bist betrunken, Beteen.“ Es war Grand Seltrans Stimme, die den Revolvermann mitten in der Bewegung bremste. Eine Bewegung, die Benster wahrscheinlich das Leben gekostet hätte.

By Gosh, yeah, dieser betrunkene Vormann hätte auf einen Wehrlosen geschossen, vielleicht um ihn nur zu verletzen, vielleicht aber auch, um ihn zu töten. Wer konnte sagen, was in diesem Hirn vor sich ging, was für Gedanken Beteen bewegten?

Jeg vergaß zur Eiche zu gehen, und Tud blieb schwer atmend neben Jeg stehen. Gefährlich nahe waren ihre Hände den Kolben, so nahe, dass es keinen Zweifel gab, dass diese beiden den Punkt erreicht hatten, wo es ihnen verteufelt gleichgültig war, was geschehen würde, wenn sie die Colts lüfteten. Beide waren jetzt so bleich wie Benster und Grand Seltran, wie die übrigen Mitglieder der Mannschaft, die in atemlosem Schweigen wie gebannt auf den Plätzen blieben, dort wo sie sich gerade befanden.

Der Koch hielt die Bratpfanne in verkrampften Händen. Er schielte fürchterlich, wie immer, wenn er aufgeregt war. Sein Blick schien sich zu teilen, den Vormann zu treffen und den Seilcorral, wo die abgestellten Pferde der Freiwache sich unruhig hin und her bewegten.

Grands Hände öffneten sich und ließen den Becher fallen ... Der Kaffee floss auf den Boden.

Yeah, Grand musste etwas in den Augen des Vormannes gelesen haben, etwas, was ihn erschreckte, die Finger öffnen ließ in jäher Angst und furchtbarem Schrecken. Seine Rechte sauste plötzlich von jähem Abwehrwillen erfüllt zum Kolben, klatschte hart auf.

Allmächtiger, alles das, was sich im Laufe der Zeit an Wut und Grimm in Grand gegen den Vormann angesammelt hatte, schien sich in dieser unheimlichen, glatten Bewegung zu entladen.

Sein schmächtiger Körper krümmte sich förmlich, als ob die hochsausende Waffe in seiner Hand ein schweres Gewicht hätte.

Und dann ...?

Flammenzungen überkreuzten sich. Die nachfolgenden Detonationen verschmolzen zu einem ohrenbetäubenden, berstenden Klang, zu einem wilden, nervenaufpeitschenden Laut, der tief ins Mark hieb und Eiseskälte zurückließ.

Langsam knickte der Bronco, der mit seinem Leib Beteen geschützt und das tödliche Blei aufgefangen hatte, in die Knie und brach dann zusammen, so dass sich Beteen mit einem Satz zur Seite in Sicherheit bringen musste. Dann stand der Killer, die rauchenden Eisen in der Hand, die rotgeäderten, weit aufgerissenen Augen brannten im gelben, wölfischen Feuer. Er brachte die Mündungen an seine Lippen und schien die Rauchfahnen fortzupusten.

Dabei grinste er gemein, ein Grinsen, das einem das Blut wie mit Feuerstößen durch die Adern trieb.

Es war allen klar, Seltran war schnell gewesen und hatte verteufelt glatt durchgezogen. Er hätte eine Chance gehabt, wenn nicht Beteen seinen Bronco als Kugelfang vor sich gehabt und frei und offen gestanden hätte, so, wie es in einem ehrlichen Kampf von Mann zu Mann üblich war.

Grand stand nach dem Schuss steil aufgerichtet und schien sich auf Zehenspitzen zu heben. Seine Rechte zuckte noch einmal vor, aber der Feuerstoß aus seinem Colt schlug eine Lohe in den Himmel hinein. Dann brach er langsam zusammen.

Hay sprang zum Küchenwagen, er kam zurecht, um den schmächtigen Körper des Kameraden aufzufangen. Grands Blut benetzte sein Hemd.

By Gosh, es störte ihn nicht mehr, ob der Killer auf ein weiteres Opfer lauerte, es war ihm in diesem Moment gleich, was jener tun würde, er konnte nichts anderes denken, als Grand in seine Arme zu nehmen und seinen Kopf in den Schoß zu legen.

„Hay ... “, klang es flüsternd wie aus unbegreiflichen Fernen. „Ich habe es gewagt ...“

Allmächtiger, das sagte einer, der von der Welt gehen musste. Einer, der keine Minute mehr zu leben hatte. Was musste diesen Boy bewegt haben, dass all sein Trachten und Sinnen in den einen Wunsch mündete zu ziehen, auf den Mann zu schießen, der ihm die Hölle auf Erden bereitete.

Hay musste einen Augenblick die Augen schließen, musste es tun, um die Tränen zurückzuhalten, die mit drängender Macht ihm heiß in die Augen stiegen. Dann sah er hinab in das entspannte Gesicht seines Partners, auf dem die untergehende Sonne purpurne Lichter wob.

Niemand beachtete den Vormann, der in störrischer Art seine Colts in die Holster stieß und abwartend stehenblieb. Die Boys kamen heran, umringten Grand, zogen ihre Stetsons und standen schweigend, mit gesenkten Köpfen.

Grand sprach nicht mehr. Er bewegte wohl die Lippen, als ob er noch etwas sagen wollte, doch dann starb er in Hays Armen. Ein schmächtiger, junger Mann, dessen Lebensfaden abgerissen wurde, bevor sein Leben richtig begann, durch einen Killer, einen Kerl, der seine Machtstellung in gemeiner Art missbrauchte.

„Holt meine Decke“, sagte Hay leise, dabei strichen seine Hände über die gebrochenen Augen Grands, die in den flammenden Himmel gerichtet waren wie in bitterer Anklage. Hay drückte sie sanft zu, und jetzt sah Grand so aus, als ob er nach unendlich viel Mühen die Ruhe gefunden hatte.

Jeg holte die Decke. Hay breitete sie über Grand aus. Die Männer hoben ihn auf und trugen den Toten zum Küchenwagen.

Keiner sprach ein Wort. Selbst die Pferde im Seilcorral und die Rinder querab schienen still zu warten. Von der Herdenwache kam kein Reiter, denn alle kannten die Art, wie Beteen im Lager umging, wenn der Alkohol seine Sinne aufgeputscht hatte. Sie zogen es daher lieber vor, sich erst gar nicht sehen zu lassen.

Tudes dunkles Indianergesicht war mit kaltem Schweiß überzogen, und Jeg strich sich über die strähnigen Haare. Bensters Hände schlossen und ballten sich, so, als ob er einen unsichtbaren Gegner bearbeitete. Eine unheimliche, nervenzermürbende Spannung lag über allen.

Nur Hay schien ruhig, fast gelassen zu sein. Niemand sah ihm an, dass etwas in ihm zerrissen war, dass eine unwahrscheinliche Kälte ihn umkrallte, und dass es für ihn nur das eine gab, Beteen zu stellen.

Als er sich in Bewegung setzte, rissen die anderen die Köpfe hoch. Oh yeah, niemand brauchte ihnen zu sagen, was nun kommen würde. Sie witterten es mit dem Witterungssinn naturverbundener Menschen. Jetzt kam die Entscheidung! Von der Herde drang der klagende Schrei eines Kalbes herüber, der sogleich aus der Ferne von dem Geheul einer streifenden Coyotenmeute beantwortet wurde.

Hay spürte die Blicke, die Bereitschaft der anderen, ihm ihre volle Unterstützung zu geben.

„Haltet ihr euch heraus“, murmelte er abgerissen. Zum Teufel, er wollte keine Unterstützung, keine Hilfe, wollte der Bestie in Menschengestalt allein gegenüberstehen, Auge in Auge!

Die Kälte in ihm wuchs mit jedem Schritt, während seine Augen fest auf Beteen gerichtet waren, der sich bis jetzt mit seinem erschossenen Bronco beschäftigt hatte und in seltsam wacher Art plötzlich seine Arbeit, dem toten Tier Sattel und Zaumzeug abzunehmen, aufgab. Wie Schatten wichen die Boys hinter Hay aus der Schusslinie.

Zum Teufel, mehr brauchte der Killer Beteen nicht zu sehen, um zu wissen, was nun kam.

„Der Tanz soll weitergehen? Habt ihr noch nicht genug?“ So fauchte er Hay zu.

Nein, jetzt hatte Frank Beteen keine Deckung, aus der heraus er den starken Mann spielen konnte, keine Möglichkeit den Kampf nach seinem Willen zu bestimmen. Er sah recht deutlich, dass die anderen Boys sich verstreut hatten und so standen, dass sie ihn bei dem geringsten Trick zum Sieb machen konnten.

Ihre Absicht war so klar und unverhüllt, dass er wütend losbrüllte:

„Ich werde euch alle von der Weide jagen!“

„Wir werden selbst gehen, Freund“, rasselte ihm Hay zu, „und da wir seit drei Monaten keine Löhnung erhalten haben, wird jeder einige Rinder mitnehmen, so machen wir uns selbst bezahlt. Dort hinter den Bergen gibt es genug Abnehmer dafür. Wir werden sie dorthin bringen, wo du sie sonst hingeschafft hast, um dir das nötige Kleingeld für die Spielsaloons und deine sonstigen kostspieligen Angewohnheiten zu, verschaffen.“

Das war mehr als nur eine Anspielung, denn jeder der Cowboys wusste, dass Beteen Geschäfte mit Rustlern unterhielt, bei denen er die großen Herden seines Bruders verkleinerte. Jeder wusste, dass Frank Beteen in seine eigene Tasche schob, was er nur konnte, dass er nicht davor zurückschreckte, seinen Bruder zu betrügen.

Jeder Mann bei der Herde wusste es, nur der Rancher selbst nicht. Aber keiner der Cowboys hatte es bisher gewagt, auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Wenn etwas Beteen aus dem Gleichgewicht bringen konnte, dann war es diese plötzliche Auflehnung seiner Crew und deren unnachgiebiger Wille. In den Gesichtern der Boys stand ihr Entschluss geschrieben. Sie hatten Hay Callag als ihren Boss anerkannt und würden mit ihm durch die Hölle reiten. By Jove, das waren nicht mehr die eingeschüchterten Cowboys, die er in jede Ecke treiben konnte, wann und wie es ihm passte. Der Tod Grand Seltrans schien sie aufgeweckt zu haben und sie eisern miteinander zu verbinden. Jede Einigung der Mannschaft hatte Frank Beteen bisher geschickt verhindert, jede Auflehnung brutal zerschlagen.

„Meuterei!“, fegte es über seine Lippen. Das Grinsen erlosch in seinem Gesicht. Endlich mochte er einsehen, dass er zu weit gegangen war.

In diesen Minuten verschwand wohl die letzte Wirkung des Whiskys aus seinem Gehirn. Man sah es ihm an, dass er nüchtern wurde, seine Chancen abwog. Breitbeinig stand er hinter dem Pferdekadaver.

„Wenn du die Absicht hast, dich dahinter zu verkriechen, dann gib sie auf“, rief Hay ihm zu.

Nur acht Yard waren sie voneinander entfernt, eine unheimlich nahe Distanz. Hay trug seine Eisen in Lederschlingen, eine Art, die Beteen oft genug belustigte. Jetzt erfüllte ihn der Gedanke daran mit einer leichten Besorgnis. Er erinnerte sich plötzlich, dass der junge Cowboy, der dort vor ihm zum Kampf bereit stand, sein ganzes Geld für Munition ausgab und heimlich Schießübungen abhielt.

Zum Teufel, wie weit mochte er damit gekommen sein? Yeah, er hätte diesen Burschen schon lange aus der Mannschaft entfernen sollen. Jetzt war es zu spät. Zu spät erkannte er, dass er gerade Hay Callag immer wieder übersehen hatte.

Wie sollte man auch groß auf einen Mann aufmerksam werden, der die Bescheidenheit in Person war, sich nirgends aufdrängte, immer im Hintergrund blieb. Der schüchtern jeder rauen Sache aus dem Wege ging und anstatt zu Vergnügungen in die Stadt zu reiten, seine Freizeit in den Bergen verbrachte.

Yeah, bei diesem Burschen wusste man nicht, woran man war. Sein Wesen war undurchsichtig.

Beteen beobachtete ihn scharf. Callag war in keiner Weise nervös, schien nicht von dem Tod seines Partners so mitgenommen zu sein, dass sein Vorgehen als ein Ausbruch von Wut hingestellt werden konnte. Damny, Beteen kannte schnelle Männer. Er hatte sich mit Bravour aus allen Kämpfen herausgerissen, doch dieser junge Cowboy aus seiner eigenen Mannschaft war kälter, härter als seine bisherigen Gegner.

Eisige Kälte ging von ihm aus, berührte Beteen eigenartig, verursachte ein Frösteln in ihm.

„Callag, du wirst verteufelt schnell sein müssen, schätze ich.“

„Spare dir deinen Song, Beteen. Wir wollen noch diese Nacht reiten. Wir brauchen einen Vorsprung.“

„Du bist verteufelt sicher, wie?“, hetzte Beteen abgerissen. Seine Hände schwebten drohend über den Kolben. Jetzt, da er keine Aussichten hatte, den Kampf zu verhindern, krampften sich seine Kinnmuskeln zusammen. Schweißnass wurde seine Stirn, vielleicht bereute er jetzt seine voreilige Tat.

Oder gehörte er zu den Revolverschwingern, die vor nichts zurückschreckten, die keine Reue kannten?

In seinem breitflächigen, kantigen Gesicht war kein menschlicher Zug zu entdecken. Er neigte sich ein wenig vor, als ob er einen besseren Stand haben müsste, dabei leuchteten die Strahlen der untere gehenden Sonne seinen brandroten Bart an, so stark, dass es schien, als ob er in Flammen stünde. Sein Kinn streckte sich vor und die Augenlider zogen sich herab.

Er ließ keinen Blick von Hay Callag. By Jove, im Augenblick waren ihm die anderen Boys gleichgültig. Die beunruhigende Gefahr ging nur von einem aus, von Callag, der wie achtlos mit der Linken seinen Stetson von den schwarzen Haaren fegte, so dass er sanft und leicht wie ein Vogel zu Boden fiel und sich weich auf das Präriegras legte.

Nein. Beteen ging nicht auf diesen Trick ein. Woher hatte der Bursche ihn nur, oder hatte er es ohne jede Absicht getan? Hölle, das war schwer zu erraten, Beteens Besorgnis wuchs, alles an ihm spannte sich ...

„Fang an, Beteen!“

Das war unglaublich, dieser Anfänger wagte es, ihm den ersten Zug zu überlassen? War er seiner Sache so sicher, oder war er lebensmüde?

Frank Beteen lachte scharf und rasselnd, duckte sich tiefer; schien in sich zusammenzusinken, um dann jäh und federnd zu den Eisen zu langen.

Hay sah das Aufglimmen in den wölfischen Augen des Gegners.

Von dem Augenblick an, als er Beteen gegenüberstand, war es, als ob eine unsichtbare Macht ihn vorwärtstrieb. Alle Gedanken löschten aus, und eine seltsame Bereitschaft trat in ihm hervor, eine Bereitschaft, die ihm in Kontakt mit seinem Gegner brachte, ihm im richtigen Moment den Entschluss des anderen anzeigte und seine Hände bewegte, so, als ob sie mechanisch in Bewegung gesetzt würden.

Er duckte sich nicht dabei, um eine bessere Ausgangsstellung zu haben, er stand nur ein wenig schief, als seine Hände niederstießen, die Eisen in den Schlingen herumwirbelten und die Daumen die Hämmer aufschlagen ließen.

Er sah die Mündungslichter seiner Colts aufblitzen und wunderte sich über die langsame Art, mit der Beteen seine Eisen bediente, wunderte sich, dass der andere sie nicht aus den Holstern brachte.

Aber im gleichen Moment riss es wie mit Feuerschleiern vor Hays Augen auf. Beteen taumelte, die Einschläge rissen ihn zurück.

In schrecklicher Art hob Beteen den Kopf, und dann fiel er wie ein Baum nieder.

Hay ging mit trippelnden Schritten auf ihn zu, hielt beide Waffen tief an die Hüfte gepresst.

Beteen lebte, stemmte sich hoch, um kraftlos zurückzusinken.

Hay ließ die Eisen los. Sie baumelten in den Schlingen hin und her.

Er bückte sich, beugte sich über Beteen, und dann befahl er den schweigend dastehenden Boys: „Schafft ihn ans Feuer! Wir müssen etwas für ihn tun.“

Als keiner antwortete, drehte er den Kopf herum.

„Nun?“

„Mach es uns nicht noch schwerer, Hay“, fauchte Benster aufgebracht. „Er hat es nicht verdient, nach allem, was vorgefallen ist.“

„Und du, Jeg?“ Hart und schneidend klang Hays Stimme.

Jeg zuckte resigniert die Schultern.

„Ich gönne ihm den Pelz voller Löcher. Ich frage mich nur, warum du ihn nur verwundet hast? Das wird er dir niemals danken, aber wenn du glaubst, dass du den Samariter spielen musst, all right, ich helfe dir.“

Jeg kam heran und auch Tud gab sein Zögern auf. Vereint schleppten sie Beteens schweren Körper zum Feuer.

„Heißes Wasser!“, befahl Hay dem Koch.

„Haltet ihn fest“, sagte er zu seinen Helfern. „Er wird gleich aus seiner Ohnmacht erwachen. Wahrhaftig, er ist nicht ganz so hart, wie er sich stellte. Ich habe schwächer gebaute Männer gesehen, die mehr verdaut haben und nicht schlappmachten.“

„Du hast ihn zweimal hoch an der Schulter erwischt, Hay“, murmelte Tud. „Du hast sogar seine Revolverhand geschont, warum das?“

„Ein Toter sollte genügen, Tud!“

„Dein Gefühl in Ehren, Freund, aber dieser Killer war schon lange reif.“

„Ich konnte ihn nicht töten“, unterbrach ihn Hay, indem er sich niederbeugte und die Wunden untersuchte. „Packt an, damit er mir keinen Kummer macht.“

Frank Beteen bäumte sich auf, schrie, brüllte von Schmerz gepeinigt. Er brüllte noch, als Hay mit den rauen und primitiven Methoden, wie sie damals üblich waren, die Kugeln herausgeholt und die Wunden in feste Verbände gewickelt hatte.

Er schwieg erst, als die Cowboys Grand Seltran begruben, danach ihre Sachen packten, die Pferde sattelten und die Herdenwachen holten.

Er schwieg, um zu lauschen, was sie beratschlagten.

„Kein Mann nimmt mehr als vier Rinder“, bestimmte Hay Callag. „Wir sind keine Rustlers und nehmen nur das, was uns an Lohn nicht ausgezahlt wurde. Wenn dir das nicht passt, Benster, hole dir deinen Lohn von der Ranch. Wir dulden nicht, dass du dich an der Herde vergreifst, und was Beteen anbelangt, wir legen ihn auf den Küchenwagen, stellen eine Kanne Kaffee neben ihn und so viel Proviant, dass er vierundzwanzig Stunden damit auskommt. In spätestens vierundzwanzig Stunden werden ihn die Boys finden, die die Salzblöcke herbeischaffen sollen. Sie werden sich seiner annehmen.“

„Und die Herde?“

„Sie wird wandern, was kümmert es uns noch? Wir reiten nicht mehr für den Fünffinger-Brand. Vierundzwanzig Stunden sind ein guter Vorsprung, lasst ihn uns nutzen. Los, es wird jetzt Zeit!“

Beteen wurde auf den Küchenwagen gepackt. Er bekam die Kanne Kaffee und den Proviant in Reichweite hingestellt. Dann schwangen sich die Cowboys in die Sättel. Hay Callag ritt als letzter, er hörte Beteens kreischende Stimme vom Küchenwagen her:

„Wo immer du auch hinreitest, eines Tages werde ich dich hetzen.“

 

2

Seit Wochen trug Hay Callag die Bitterkeit mit sich herum. Der Nebel ringsum verstärkte sie, verzehnfachte die tödliche Drohung. Überall spukten gespenstige Schatten, Schemen, die plötzlich zum Leben erwachen, sich zu feuerspeienden Colts verwandeln konnten.

Die letzten Landmarken, die er durch den Nebel gesehen hatte, wichen zurück, so, als gäben sie ihm und seinem Tier den Weg frei zu einer Welt, die ohne Gnade und Erbarmen war.

Irgendwo da vor ihm, im Nebel eingehüllt, lag Raton. Ein kleines Country mit einer Rinderverladestelle außerhalb der Stadt. Die Corrals, die fast das ganze Jahr hindurch fette, schlachtreife Rinder beherbergten, waren leer, denn sonst hätte Hay das Gebrüll durch den Nebel hindurch gehört und als richtungsweisend benutzen können.

Alles war still ringsherum, öde und grau. Der Nebel verschluckte jeden Laut, so, als hätte selbst die Natur sich gegen ihn verschworen. Dazu kam noch, dass sich die Schatten der langsam anbrechenden Nacht in den Nebel mischten und alle Konturen aufhoben.

Alles war feindselig und schwermütig zugleich, eine seltsame Melancholie hing über der Landschaft, die die Hufe des Tigerscheckens durchtrabten.

Hay ließ sich nicht von dieser Stimmung einfangen. Zum Teufel, er konnte es sich nicht erlauben. Er musste wach bleiben, hell wach ...

Leise knirschten seine Zähne. In sein Gesicht schnitten sich tiefe Kerben von den Mundwinkeln bis zum Kinn ein. In seine Augen trat ein kalter Glanz. So konnte nur ein Mann aussehen, der, zum Äußersten entschlossen, jeden Nerv seines Körpers gespannt hielt, um sich zur Wehr zu setzen.

„Er hat sich angemeldet“, murmelten seine Lippen heiser, und jetzt wird er da sein.“

All right, von Montana bis hierher war es ein weiter Ritt über tausend Meilen, aber was bedeutete die Überwindung dieser Entfernung für einen Mann, der sich vor Rache fast verzehrte. Er würde nicht allein kommen, das hatte er bereits in einem seiner Briefe angekündigt. Oh, Hölle, Pest und Schwefel, diese Briefe kamen schon seit Monaten, erschienen in immer kürzeren Abständen. Sie waren es, die sein Leben mit Bitterkeit erfüllten.

War es nicht genug damit, dass ihm damals nach dem Kampfe mit Frank Beteen ein verteufelt trauriger Ruhm angehängt wurde?

Yeah, ein Ruhm, der ihn immer wieder niederdrückte, ihn von einem Ort zum anderen trieb, ihm keine Ruhe ließ, wohin er sich auch wandte. Überall im Lande war er mit einem Schlag zum Revolvermann geworden. Er hatte es zu spüren bekommen, als sie nach Grand Seltrans Tod die Fünffinger-Ranch um einige Rinder erleichterten und in die Berge gezogen waren. Dorthin, wo auch Frank Beteen die gestohlenen Rinder gebracht hatte.

Als Hay mit der ehemaligen Mannschaft der Fünffinger ankam, war bereits die Nachricht von dem Kampf auf seltsame Art und Weise vor ihnen her geeilt. Sie bekamen mehr für die Rinder, als sie verlangten, mehr als der Preis ausmachte, den die Rustler sonst zahlten, und man gab ihnen den Rat, so schnell wie möglich aus dem Land zu reiten, spurlos zu verschwinden.

Eine Zeit lang blieb die Crew zusammen, dann aber wurde sie gesprengt, aufgerieben von Aufgeboten, die mit aller Schärfe auf die Männer Jagd machten. Man nahm es nicht hin, dass sie die Rinder der Fünffinger-Ranch genommen hatten, um ihren rückständigen Lohn auszugleichen, man jagte sie wie Rustler. Sie bekamen die überlegene Macht der Beteen-Sippe zu, spüren, und sie mussten einsehen, dass die Beteens die wirklichen, uneingeschränkten Herrscher im Lande waren, dass sie gejagt wurden, weil sie gewagt hatten, sich gegen sie aufzulehnen, dass sie einen der Sippe verwundet hatten.

Wie durch ein Wunder konnte Hay den Häschern immer wieder entkommen. Hell und Devil, er musste es aber erleben, wie man Benster fing, und wie ein wenig später Tud Kanisters Pferd lahmte. Er erinnerte sich an Tud, wie er die Hände in schier verzweifelter Art hochriss, den Colt zog und schoss ... so genau traf, dass das Geschoss die Hinterhand von Hays Pferd streifte.

Tud verhinderte dadurch, dass Hay sein Pferd zurückhalten und ihn hinter sich in den Sattel nehmen konnte, zwang Hay dadurch, die Flucht weiter durchzuführen, denn Hays leichtverwundetes, durch den Streifschuss rasend gemachtes Tier, warf sich mit einem bösen Wiehern, wie von einem Katapult abgeschleudert, an Tuds lahmenden Gaul vorbei. Hay nahm als letzten Eindruck noch das verzerrte, dunkle Indianergesicht Tud Kanisters als Erinnerung mit, eine schreckliche Erinnerung, die ihn belastete, quälte, den Schlaf raubte.

Als Letzten fingen sie Jeg. Sie schossen ihm das Reittier unterm Sattel fort. Jeg Guyar flog aus den Steigbügeln heraus über den Kopf des Pferdes und blieb regungslos im Grase liegen ...

Es war wie ein Hohn des Schicksals, dass ausgerechnet er von der Crew entkommen konnte. Er, der durch den Schuss auf Frank Beteen die Verfolgung verursacht und einen Ruf bekommen hatte, der wie eine Seuche an ihm haftete, und der ihm Möchtegerne und blindwütige Killer vor die Stiefel brachte. Hay legte Meilen zwischen Montana und sich zurück, viele Meilen. Er glaubte, der Erinnerung entgehen zu können, dem Ruf, den er wie eine Last mitschleppte.

Aber je weiter er ritt, umso größer und niederdrückender wurden die Erinnerungen. Was war mit jenen Boys geschehen? Allmächtiger, wenn er daran dachte, legte es sich wie eine Eisenklammer um sein Herz und wollte es schier zerquetschen. Mann um Mann waren sie von der Meute geholt, gestellt worden, einer nach dem anderen. Ihre Schicksale lagen im Dunkeln.

So wie sein Pfad im Dunkel lag, so, als hätte man ihn mit Absicht darauf getrieben.

Aber das war es nicht allein. Frank Beteen hatte bereits einen Schurkenstreich in Szene gesetzt, der alles andere an Gemeinheit übertraf, was sich Beteen je geleistet hatte. Jetzt, da alle anderen Cowboys in seine Hände geraten und Hay allein ritt, geschah es. Als Hay ausgepumpt, gehetzt und fast am Ende seiner Kräfte in eine Town einritt, um Munition und Proviant zu ergänzen, sah er, dass am Sheriffsoffice sein Steckbrief hing.

„Gesucht wird der Cowboy Hay Callag wegen Mordes an Grand Seltran ...“

Es stand noch mehr auf dem Steckbrief, seine Beschreibung, sein Alter, wo man ihn zuletzt gesehen hatte, das Brandzeichen seines Pferdes, dass er Schlingen an Stelle der Halfter trug, einfache Lederschlingen, die ihm gestatteten, die' Waffen wie mit Zauberhänden zu bewegen. Eine neue Art, Colts zu bewegen, eine verteufelte Art, denn um es zu können, musste man ungemein bewegliche Finger und ein blitzschnelles Reaktionsvermögen besitzen.

Allmächtiger, man stempelte ihn zum Mörder, zum Mörder an seinem eigenen Freund!

Er konnte es kaum fassen. Es war ihm, als zerrisse etwas in seinem Herzen, Jetzt hatte man ihm das Brandmal der Gezeichneten aufgedrückt, nun war er ein Geächteter! Was sollte er unternehmen, um diese Gemeinheit aufzudecken, sie richtigzustellen? Wer würde ihm glauben, wer?

Er zog es vor, eilig aus dem Bereich des Sheriffsoffice zu kommen, kaufte bei einem Storehalter am Ende der Stadt ein. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie der Oldtimer im Store ihn immer wieder schräg von der Seite gemustert und seltsam lange und prüfend angeschaut hatte.

Damals hatte er das Gefühl, dass der Storehalter ihn erkannt hatte und nur darauf wartete, seine Neuigkeit an den richtigen Mann zu bringen. Hay ließ es nicht zu. Er sperrte den Oldtimer in einen Schuppen und ritt dann unter Zurücklassung der Bezahlung seiner eingekauften Waren weiter.

Wenn er aber geglaubt hatte, dass im anderen Lande der Einfluss Beteens völlig aufhörte, sah er sich bald bitter enttäuscht. Er bekam keine Arbeit, ritt von Ranch zu Ranch, niemand nahm ihn. Er blieb stellungslos, bis er auf den Einfall kam, sich einen neuen Namen zuzulegen und weiter im Süden sein Glück zu versuchen. Alles ging eine Zeit lang glatt, bis ihn jemand erkannte, und schon begann der dunkle Zauber, der ihm anhaftete, aufs neue zu wirken.

Er musste wieder weiter, ein Ruheloser, ein Gehetzter, ein Mann, der keinen Ausweg mehr sah.

Er tauchte in die Wildnis unter. Hier brauchte er keinen fremden Namen. Hier konnte er sein, wer er war. Hier gab es keinen, den die Geschichte mit Frank Beteen interessierte, und niemand fragte nach dem Wohin und dem Woher. Den wenigen Männern, denen er begegnete, war es gleich, was ein Mann vorher getrieben hatte. Hier waren alle auf sich selbst gestellt, gegen eine harte Natur, gegen feindliche Redmen. Im Grenzland gab es viele Weiße, die etwas zu verbergen hatten.

Es galt als ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Vergangenheit vor der Wildnis zurückblieb. Der Wert des Menschen war ausschlaggebend, das was ein Mann tat, wie er war und was er an Mut und Kühnheit in sich trug.

Die zwei Jahre in der Wildnis halfen ihm vorwärts. Nicht nur, dass sein genügsames, anspruchsloses Leben die Ersparnisse anschwellen ließ, sondern auch die Ruhe, das Eingehen in die Natur, die große Einsamkeit. Das Verwachsen mit ihr formte aus ihm einen anderen Mann. Härter wurde er, biegsamer als eine Pantherkatze, schneller im Angriff und doch von einer innerlichen Ruhe und Ausgeglichenheit, die nur die Einsamkeit der Berge und Wälder vermitteln kann, der stetige Kampf mit den Gewalten der Natur.

Nach zwei Jahren hatte er so viel erspart, dass er seiner Sehnsucht nachgab und aus der Wildnis zurückkehrte. Es drängte ihn, sich ein neues Leben aufzubauen. Yeah, die zwei Jahre schienen alles ausgelöscht zu haben. Von den Beteens war nichts zu hören, es gab keinen Steckbrief mehr. Er fand wohl noch Reste davon, verblichen, von Wind und Wetter ausgelaugt an der Sherifftür des Ortes, in dessen Nähe er sich niederließ, sich eine kleine Ranch kaufte.

Raton hieß der Ort, ein kleines Rindernest, das jetzt irgendwo im Brei der Nebelmassen vor den Hufen Fabios lag.

Eine verträumte Town, nicht sehr groß. Es gab nur eine Main Street, die sich lang durch den Ort zog, einige Nebengassen gab es noch, und hinter den Häusern mit den falschen Fassaden gab es Schuppen, Stallungen, Gerümpel, lagen die Gärten und die Wiesen für einiges Nutzvieh.

Ratons Bedeutung lag in dem Verladebahnhof etwas außerhalb des Ortes mit seinen Viehcorrals. Der Stolz der Stadt war eine Methodistenkirche, die auf einem sanft ansteigenden Hügel stand.

Ihre Glockenstimme schwang durch den Nebel, dünn, wimmernd, wie der Ruf einer gequälten Seele. Fabio hielt an und stellte die Ohren hoch, witterte gegen den Wind. Der Wind verfing sich in seinen Mähnenhaaren und die Feuchtigkeit des Nebels rann in schweren Tropfen zu Boden.

Hay lauschte auf die Stimme der Glocke, die den Abend ankündigte. Bei gutem Wetter und günstigem Wind konnte man ihre Stimme bis zur Drei-Balken-Ranch hören. Yeah, das war auch in jener Dezembernacht am Heiligen Abend vergangenen Jahres der Fall gewesen.

Vor Monaten war es, als er zu seiner Crew hinaus zum Bunkhouse ging, um im Kreise seiner Cowboys zu feiern. Es war Frieden in ihm, und das Fest dünkte ihm ein würdiger Abschluss für eine Stimmung, die ihn das ganze Jahr hindurch beherrscht hatte.

Der Schnee lag hoch. Frostig und sternenklar war die Nacht. Im Bunkhouse war es warm. Die wohlige Wärme strahlte ein offener Kamin aus, in dem klobige Kiefern- und Tannenscheite brannten. Außer der Herdenwache waren alle Boys anwesend.

John Schürkamp, ein alter Cowboy, der seine Jugend in Germany verbracht hatte, schmückte eine junge Tanne mit selbstgebasteltem Zierrat und stellte sie auf den klobigen Eichentisch. Der Koch trug den Braten auf, einen saftigen Truthahnbraten, den die Boys selbst erlegt hatten. Die Wälder rings um die Weide wimmelten von Truthähnen, jagdbarem Wild aller Art, aber auch von Raubzeug, von Pumas, Wölfen und Coyoten. Schöne Felle schmückten das Mannschaftslogis, Geweihe von starken Hirschen, kunstgeflochtene Treiberpeitschen, bunte Wolldecken.

Die Crew hatte sich herausstaffiert und trug ihre besten Kleider.

Sie begrüßten Hay freudig, so wie die Boys den Boss begrüßen, laut lärmend, mit Humor und launigen Bemerkungen. By Gosh, er gehörte zu ihnen. Er ritt mit ihnen Bügel an Bügel. Er war der Erste an der Arbeit und der Letzte, der aus dem Sattel stieg.

Er scheute sich selbst vor Dreckarbeiten nicht, aber er gehörte auch nicht zu den Ranchern, die ihre Boys antrieben. Er stellte sich ihnen auch nicht selbst als leuchtendes Beispiel hin.

Der knusprig gebratene Truthahn schmeckte wunderbar, aber auch die Zuspeisen waren nicht schlechter, und der Wein, den Hay für diesen Abend schon vor Wochen aus Raton hatte kommen lassen, floss wie Öl durch die Kehle und sorgte für Stimmung.

Die Stimmung wuchs, sie wurde beschwingt und heiter, als Hay nach altem Brauch kleine Geschenke an die Mannschaft verteilte.

Mitten in diese Festtagsstimmung hinein krachte ein Wurfgeschoss durch die klirrenden Scheiben hindurch mit Gepolter auf den Tisch. Die Stimmung war dahin, der fröhliche Lärm verstummte. Die Köpfe flogen herum, zum zertrümmerten Fenster hin, wo der Wind in spielerischer Art Schneeflocken herein wirbelte. Glassplitter, Scherbenreste lagen verstreut im Raum umher. Jim Earp hatte ein Splitter die Wange aufgerissen. Er blutete, aber er beachtete die Verletzung nicht, sondern starrte wie die anderen vom Fenster fort zu dem Stein hin, der eine Flasche zertrümmert hatte, so dass der rote Wein wie vergossenes Blut über den ganzen Tisch hinweg verspritzt war ...

Earp sog tief und schneidend den Atem ein, so, als könne er es nicht schlucken, nicht begreifen, als könnte er das, was seine Augen sahen, nicht mit der Stimmung übereinbringen, die sein Innerstes eben noch beherrschte.

Anders reagierte Wyne Holling. Er stieß einen kurzen, abgehackten, fast tierischen Schrei aus und stürzte aus dem Raum. Alle anderen rannten hinter ihm drein.

Nur Hay blieb. Er starrte auf den Zettel, der an dem Stein mit einem Bindfaden angebunden war.

Während draußen vier Schüsse wie ein Gewittergrollen aufrasten, nahm er den Zettel an sich, schlug das Papier auseinander und überflog die wenigen Zeilen.

„Hay Callag, jetzt kommt meine Zeit ... Frank Beteen ...“

Yeah, mehr stand nicht auf dem Schreiben. Ein Satz nur, aber eine tödliche Drohung, hereingeplatzt am Heiligen Abend!

Es war für Hay ein schwerer Schock, wie ein Gespenst aus vergangenen Tagen. Alles, was er längst überwunden glaubte, stand jäh wieder vor ihm auf. Er fühlte, wie seine Hände schweißig und nass wurden, wie es kalt und eisig seinen Rücken entlanglief, wie seine Muskeln sich schier verkrampften. Doch dann lachte er scharf und rasselnd vor sich hin, riss die Nachricht in kleine Fetzen und warf sie in den Kamin. Die Flammen verschluckten das Papier, und ein Funkenreigen stob durch den Kamin hinaus.

Dann wandte er sich rasch auf dem Absatz herum und folgte seiner Crew.

Nur John Schürkamp traf er an.

„Sie sind alle hinter dem Kerl her“, berichtete der, wobei er den Boss eilig musterte und sein vor Kälte hochrotes Gesicht gegen den Wind stemmte, die Schultern frierend hochzog. „Aber in dieser Nacht werden sie nichts erreichen.“

Yeah, der Himmel hatte sich bezogen. Schwere Wolken segelten darüber hin. Schneeflocken fielen dichter und dichter.

„Gehen wir ins Haus, John.“

„Ich möchte nur wissen, wer dieser hinterhältige Kerl war“, klang es abgerissen zurück. „Was bezweckte er bloß damit?“

„Vielleicht erfahren es die anderen“, dehnte Hay. „Komm nur. Es ist nicht der Rede wert, sich darüber aufzuregen.

Schürkamp folgte ihm kopfschüttelnd ins Haus zurück. Es dauerte nicht lange und die anderen kamen zurück. Einer nach dem anderen, verfroren, schneebedeckt, mit grimmigen Gesichtern.

„Wir hielten seine Fährte bis zum Tannengehölz“, berichtete Jim Earp. „Dort hatte der Bursche seinen Gaul stehen. Er ist nach Süden davongeritten.“

„So sah es noch aus, bis seine Fährte vom Schnee verwischt wurde, er kann aber auch ganz gut nach Raton geritten sein“, mischte sich Holling ein. Er zog die Winterfelljacke aus und hing sie an einen Haken an der Wand auf, schlug sich die Hände warm. „Eines steht fest, der Schuft hat sich dort ans Fenster gestellt und uns einige Zeit beobachtet, bevor er den Stein warf. Auffallend ist, dass er das Gelände und die Ranch kannte.“

„Ich werde morgen in die Stadt reiten und mich dort umsehen, Boys.“

„Du, Boss ...?“

„Yeah, denn nur mir galt die Nachricht, die mit dem Stein hereinflog“, erklärte er.

Sie schauten ihn fragend an, aber er schwieg verbissen. Was sollte er ihnen auch sagen? Sollte er ihnen erklären, dass sich Frank Beteen angemeldet hatte? Was wussten sie von Beteen? Was wussten sie von seiner Vergangenheit? Sollte er ihnen sagen, dass er einen berüchtigten Ruf als Revolvermann mit sich herumgeschleppt hatte, dass Beteen ihn des Mordes bezichtigte?

Zur Hölle damit!

„Trinken wir, Boys“, forderte er seine Männer auf. „Trinkt und lasst euch doch den schönen Abend nicht verderben.“

Es gelang ihm, sie wieder in Stimmung zurückzubringen, ihre Heiterkeit zu entfesseln. Trotzdem blieb aber in allen eine seltsame Unruhe zurück, eine leise Ahnung kommenden Unheils.

Am anderen Morgen ritt Hay.

Es war der erste Weihnachtstag. Frisch gefallener Schnee leuchtete, verzauberte die Welt. Prärie und Wälder schienen wie mit weißem Linnen überdeckt zu sein, dem das Sonnenlicht einen funkelnden Glanz verlieh. So stark war der Glanz, dass die Augen brannten.

Dunkel hoben sich die Tannen ab. Licht und Schatten standen dicht beieinander, wie Brüder, die Hand in Hand gingen.

Seine Mannschaft sah hinter ihm drein. Niemand hatte ihn aufgehalten, niemand etwas gefragt. Er war der Boss! Was er tat, nahm man hin, aber ihre Augen verrieten, dass sie sich um ihn sorgten, dass sie ihn nur ungern fortließen, dass sie die ganze Nacht darüber nachgedacht hatten, was für eine Nachricht wohl auf dem Zettel gestanden haben konnte.

Worum es ging, wussten sie nicht, dass es aber etwas Unangenehmes war, ahnten sie, denn Hay hatte es nicht vor ihnen verheimlichen können, dass ihm die Colts, die bisher in einer Truhe gelegen hatten, nun wieder wichtig für ihn waren.

Jim Earp hatte ihn dabei überrascht, er hatte eine verteufelte Art, so lautlos zu sein wie ein Redman. Darin übertraf er selbst Hay, Earp hatte gesehen, wie Hay den Gurt mit den Lederschlingen aus der Truhe holte.

„Wenn du sie schon brauchst, dann lass es uns für dich tun.“

Nein, damit war Hay nicht einverstanden. Zuerst versuchte er alles als belanglos abzutun, doch dann gab er das Versteckspiel auf und sagte schroff:

„Das ist meine Sache!“

„Du bist der Boss, dir gehört die Ranch, aber wir sind immer für dich da. Das sollst du nicht vergessen.“

„Ich werde mich daran erinnern.“

„Vergiss es nicht, Boss!“

So waren die Cowboys. Aber zum Teufel, er wollte sie nicht mit hineinziehen, wollte seine Sache ganz allein austragen. Er wusste damals noch nicht, dass Frank Beteen nicht allein kommen würde.

Er erfuhr weder am ersten noch am zweiten Weihnachtstag etwas, solange er auch in Raton blieb und nach Frank Beteen suchte. Er fand ihn nicht, kein Fremder hatte sich in der Town gezeigt. Er holte die Leute vorsichtig aus, und die Informationen, die er erhielt, gaben ein geschlossenes Bild. Beteen war nicht eingetroffen. Seine erste Nachricht war wie ein Schlag ins Ungewisse, sozusagen ein Bluff gewesen, eine reine Nervensache, die den Gegner unruhig machen sollte, weiter nichts.

Hay besuchte einige ihm bekannte Menschen in Raton, und er sprach mit Bent Fullerton, dem Besitzer der Gentleman-Bar.

Es führte zu nichts. Beteen war nicht hier, und in der kleinen Stadt war es auch unmöglich, sich zu verkriechen.

Nach zwei Tagen ritt Hay Callag zur Drei-Balken-Ranch zurück. Mitten in der darauffolgenden Nacht wurde er durch ein Geräusch geweckt, das von seiner Tür herkam. Blitzschnell sprang er auf, nahm seine Waffe und sprang zur Tür.

Irgendwo in der Nacht hieben Hufe auf die knirschende Schneedecke.

„Hay Callag, es wäre besser für dich, wenn du verschwinden würdest ...! Frank Beteen ...“, stand auf dem Zettel, der mit einem Dolch in die Tür gerammt war.

Hay vernichtete auch diesen Zettel, aber jetzt lachte er nicht mehr, jetzt knirschten seine Zähne zum ersten Mal.

Sollte er sich wieder jagen und hetzen lassen, sollte er vor einem Schemen der Vergangenheit fliehen, jetzt, da er eine Heimat hatte?

Es war aber noch etwas anderes, was ihn an diese Weide band. Es war Liselta, Fullertons Tochter. Noch war es nicht klar zwischen ihnen, noch hatte es weiter nichts gegeben, als hin und wieder einen raschen Blick, ein Aufleuchten der Augen, ein Nicken des Kopfes und ein vages Lächeln.

Jetzt, da Beteens zweite Nachricht ihn erreichte, jetzt erst wusste er, dass sie es war, um deretwillen er so mächtig arbeitete, um die Ranch vorwärtszubringen, dass sie in seinen Träumen eine Rolle spielte. Yeah, ein Mann musste ein Ziel haben.

Dieses war sein Ziel: Lisetta als Frau! Sie würde Wärme und Leben auf die Ranch bringen.

Das Ziel schien nun weiter und ferner zu sein als je. Solange Frank Beteen lebte und die Sache zwischen ihnen nicht ausgetragen war, gab es keinen Frieden, keine Ruhe für Hay, blieb eine ständige Drohung.

Von der Nacht an, in der er die zweite Nachricht erhielt, übte er wieder täglich eine Stunde mit dem Colt. Er stellte mit Erschrecken fest, dass er es sehr notwendig hatte. Es war sein Glück, dass er Beteen nicht an den Weihnachtstagen getroffen hatte.

Jetzt legte er seine Colts nicht mehr ab. Er trug sie bei der Arbeit, beim Essen, bei Tag und Nacht.

Der Frühling zog ins Land. Von Frank Beteen kam keine Nachricht. Alles blieb still. Die Stille kam ihm zustatten, er konnte jetzt unbesorgt arbeiten. Jetzt kalbten die Rinder, Mavericks wurden gebrannt, Färsen für die Zuchtherde abgesondert, alten Bullen das Gehörn gestutzt. Jeden Tag. brannten die Brennfeuer, stank es nach verschmortem Fell und Fleisch, war die Luft von dem Gebrüll der Rinder erfüllt. Jeden Tag ritt ein Cowboy im Durchschnitt sieben Pferde müde.

Sie schufteten von der Morgendämmerung an bis spät in die Nacht. Harte Männer im Sattel ... mit eisernen Nerven ...

Trotzdem fand Hay Zeit, seine Schießübungen fortzusetzen. Wenn er sich auch Mühe gab, sie geheim zu halten, seine Boys kamen ihm auf die Spur. Sie fragten nichts, aber sie trugen von nun an ebenfalls ständig ihre Eisen und verschossen so viel Munition, dass der Storekeeper in Raton bald verwundert den Kopf schüttelte, seine Pferde anspannen musste, um aus der Distrikthauptstadt neue Ware zu beschaffen.

Im April, gerade als Hay vom Storekeeper in Raton aus der Schwingtür trat, kam ein kleiner Boy auf ihn zu.

Das Kerlchen war barfuß, zerlumpt, ein taubstummes Mexikanerkind, das ihm einen Zettel überreichte und sofort wie gehetzt davonlief.

„Du hast meine Warnungen in den Wind geblasen, Hay Callag. Glaube nicht, dass Du unbeobachtet bist. Ich weiß, was Du treibst und kann Dir versichern, dass Dir Deine Schießübungen wenig nützen werden. Ich werde Dir meine Leute schicken, ausgesuchte Kerle. Sie werden die Vorarbeit für mich übernehmen ... Frank Beteen!“

„Was ist los?“, fragte der Storehalter hinter ihm. Hay drehte sich zu dem alten Mann herum.

„Du kennst den Boy, Big?“, fragte er.

„Wenn du mehr in die Stadt kommen würdest, wäre deine Frage unnötig. Der kleine Boy gehört Pedro Juarez, dem Zureiter für Fullertons uneingebrochene Broncos.“

„Fullerton hat einen neuen Zureiter?“, fragte Hay, wobei sich seine Augen zusammenzogen.

Big Blue, der Oldman nickte heftig und lachte leise vor sich hin.

„Fullerton hat seinen neuen Broncobuster vor einem halben Jahr eingestellt und ist äußerst zufrieden mit der Arbeit des Mexikaners. Juarez soll eine neue Methode haben, um die Broncos einzubrechen, ohne Gewalt, nur mit Güte, wie man sagt, eine seltsame Art, um Pferde gefügig zu machen, findest du nicht auch?“

„Ich weiß nicht, Big.“

„Du siehst blass aus, Callag. Was Unangenehmes?“ Er starrte auf den Zettel, den Hay noch immer in der Hand hielt, grinste dann und schwenkte auf ein anderes Thema ab: „Aber du scheinst es ebenso zu halten wie der Mex. Ah, mit Güte erreicht man weder bei Pferden noch bei Menschen etwas.“

„Was soll das?“

„Sei nicht gleich störrisch, Callag. Jeder in der Stadt weiß doch, was du der schönen Lisetta für Augen machst. Sogar ihr Vater weiß es bereits, und wahrhaftig, er sieht es nicht gerne.“

„Ich will keinen Klatsch hören.“

„Nicht so heißblütig, Hay Callag. Wenn ich nur zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich dir ins Gehege kommen. Jeder auf seine Art, der eine sanft, der andere wild. Nun, es fragt sich, wer den Sieg davonträgt.“ Er legte Hay die Hand auf die Schulter, trat näher und sah Hay scharf und forschend an.

„Callag, wenn du ihr aus dem Wege gehst, wird sie es einmal satt haben, sich die Augen nach dir zu verdrehen, treibe es nicht auf die Spitze.“

Big Blue starrte dorthin, wo der Mexikaner junge um die Hausecke verschwunden war, vermied es absichtlich, in die aufflammenden Augen seines Gegenübers zu blicken. Teufel auch, er war ein alter Mann und hatte wahrhaftig manches im Leben gehört und gesehen. Hay gehörte zu seinen besten Kunden war mehr als das, war ihm ein Freund geworden. Doch jetzt, in diesem Moment, hatte er das unangenehme Gefühl, zu weit gegangen zu sein, zu viel gesagt zu haben.

„Vergiss, Callag, was ein alter Narr so dahersagt“, murmelte er betroffen und nahm seine Hand von Hays Schulter fort, als wäre sie ihm verbrannt. Stand unruhig und schabte mit der Stiefelsohle über den Gehsteig. „Ich wollte nicht an etwas rühren, was nicht klar in dir ist.“

„Ist schon in Ordnung, Big“, gab Hay zu verstehen. „Morgen erwarte ich die Salzblöcke. Ich brauche sie unbedingt, um die Rinder in der Seasiteschlucht zu halten. Ich möchte nicht, dass sie mir abwandern.“

„Du willst deine Boys entlasten?“

„Die Boys haben auch so alle Hände voll zu tun, Big, die Arbeit reißt nicht ab.“

„Nun, mich geht es nichts an, aber man wundert sich hier in Raton, dass du jetzt zwei Eisen trägst. Man spricht darüber und macht sich so seine Gedanken. Erwartest du etwas?“, platzte der Alte heraus.

Hay gab keine Antwort.

„Es wäre besser für dich, wenn du dich aussprechen würdest, Callag.“

„Yeah, ich erwarte eine Bestie auf zwei Beinen. Es kann sein, dass sie sich ein Rudel Lofer mitbringt“, gab Hay leise zu verstehen.

Big Blue zuckte nicht zusammen. Ein harter Glanz kam in seinen Augen auf.

„Ich werde meine Augen offenhalten“, versprach er eifrig. „Ich will nicht weiter in dich dringen, Callag, aber by Gosh, wenn ein Mann wie du Eisen trägt, sieht es nicht gerade rosig aus.“

„Warum denn?“

„Weil es bestimmt keinen friedliebenderen Mann als dich geben kann.“

„So, glaubst du?“ Fast fauchend kam es aus Hay heraus. Pest und Schwefel, diese Stadt hatte ihn immer ohne Waffen gesehen. Als er sich hier festsetzte, glaubte er, dass er sie niemals wieder aus der Truhe zu holen brauchte und nun ... Die Bitterkeit wuchs in ihm mit aller Macht, vergrämte sein Gesicht und machte seine Stimme hart und spröde.

Sein Blick prallte auf die aufgerissenen Augen des Oldtimers, in denen Unruhe aufkam, eine Unruhe, die aber gleich wieder verlosch.

„Ah, Callag, ich kenne dich nun lange genug, was auch immer in deiner Vergangenheit sein mag, ich verlasse mich auf mein Gefühl und meinen Menschenverstand. Ich stehe zu dir, was auch immer kommen mag.“

„Vielleicht überlegst du es dir noch einmal“, sagte Hay leise wie zu sich selbst. Hinter Beteen stand die Macht des Geldes und das Gesetz.

Das alles konnte der Oldtimer jetzt noch nicht wissen, aber seine Anteilnahme tat Hay wohl.

Wer würde bleiben, wenn das Spiel begann?“

Wer würde durchhalten, an seiner Seite ausharren?

Es war nichts vorauszusehen.

„Wohin, Callag?“

„Zu Pedro Juarez“, gab er zu verstehen. Er fügte nicht hinzu, dass er dort auf eine Fährte zu stoßen hoffte, die ihn geradewegs zu Frank Beteen führen sollte.

Seine Sporen klirrten leise, als er sich in Bewegung setzte. Die morschen Balken des Gehsteiges schwankten unter seinem Körpergewicht.

Sein Weg führte ihn an dem Gentleman-Saloon vorbei. Er warf einen Blick durch die Schwingtür.

Bent Fullertons massige Gestalt verschwamm im Tabaksdunst. Hay winkte ihm zu und setzte seinen Weg weiter fort, an den Holmen vorbei, wo abgestellte Pferde in der Mittagssonne dösten.

Er traf einen Cowboy von der Sieben-Bar-Ranch und fragte nach Juarez' Wohnung.

Der Cowboy gab ihm Auskunft.

Juarez wohnte am Ende der Straße. Hay bestieg seinen Bronco und trieb das Tier an. Vor Juarez' kleiner Blockhütte stieg er ab und führte sein Pferd hinter sich her auf den Hof.

Eine dicke, dunkelbraune Frau in rotem Kattunkleid schob die Maishülsen beiseite, die sie entkernt hatte und blickte ihn aus dunklen Tieraugen aufmerksam an.

„Ist dein Man zu Hause?“

Beim Klang seiner Stimme zuckten ihre Lippen. Yeah, sie hatte schöne, weichgeschwungene Lippen, und in ihrem Gesicht waren die Spuren vergangener Schönheit noch deutlich lesbar.

Das Einzige, was an ihr noch schön und schlank geblieben war, waren ihre Hände. Diese schoben die Maiskolben noch weiter fort, lagen dann still.

Sie lächelte zu ihm auf.

„Señor Juarez ist zu Hause“, sagte sie mit einer guttural klingenden, etwas zu lauten Stimme. „Sicher hat er Sie gesehen, Señor, und macht sich nur ein wenig zurecht.“

Sie erhob sich, packte den taubstummen Jungen, der sich ängstlich hinter ihr verkrochen hatte, bei der Hand und zog ihn mit sich ins Haus.

Gleich darauf kam Pedro.

Der Mexikaner war so groß, dass er sich bücken musste, um durch die Tür ins Freie zu gelangen. Er war braun und hager. Die Glutaugen in seinem Gesicht brannten Hay an.

Er tippte an seinen Sombrero und entblößte seine tadellosen, schneeweißen Zähne.

„Ich stehe zu Diensten, Señor.“

Hay trat näher auf ihn zu, hielt ihm in jäher Bewegung den Zettel vor die Augen, den Pedros Sohn ihm übergeben hatte.

„Kennst du ihn?“

Pedros Gesicht blieb unbewegt.

Er schaute den Zettel interessenlos an, hob den Blick. Ihre Blicke trafen sich.

„Es tut mir leid, Señor“, sagte er dann und zuckte die Schultern.

„Dein Sohn übergab ihn mir!“

„Hat das etwas zu bedeuten?“, schnappte Pedro zurück.

„Für mich, yeah!“

„Der Boy treibt sich überall herum. Ich werde ihn fragen, von wem er den Zettel bekam. Einen Augenblick, Señor.“

Er drehte sich scharf auf den Absätzen um, verschwand im Hause. Hay blieb auf dem Hof stehen, starrte auf seine Stiefelspitzen nieder und dachte nach. Yeah, der Mann, der den Stein durch das Fenster geworfen hatte, war ein großer, geschmeidiger Mann gewesen, wie aus den Spuren ersichtlich war. Auch Pedro war groß, geschmeidig.

Hays Kehle wurde eng. Er schluckte schwer, dachte daran, dass Pedro von Fullerton vor einem halben Jahr eingestellt wurde. Wo kam Pedro her?

Der Greaser war ihm nicht unsympathisch. Er schien nicht, wie seine Rassegenossen, verschlossen gegenüber Fremden zu sein. Außerdem gab es keinen Unrat auf diesem Hof. Alles war sauber, ordentlich. Das Holz lag neben dem Schuppen sorgsam aufgestapelt. Der Zaun um das Anwesen war ausgebessert und zurecht gemacht, die Wände von Schuppen und Blockhaus waren gestrichen, Blumenkästen standen vor den Fenstern.

Pedro hatte in seinem Heim die gemütliche Atmosphäre Mexikos geschaffen.

Er war es, der Hay aus seinen Überlegungen riss. Er trug seinen Jungen auf dem Arm, als er aus dem Hause trat. Das kleine Kerlchen hatte die nackten braunen Arme um den Hals Pedros geschlungen und presste sein Gesichtchen fest gegen die Wangen des Vaters. Beruhigend strich die kräftige Hand Pedros über die Stirn des Jungen.

„Callag, es tut mir leid. Ramon ist verstockt.“

Das war genau das, was Hay erwartet hatte, wobei von Neuem Zorn in ihm aufstieg. Er unterdrückte seine Erregung und lächelte höflich.

„Vielleicht erinnert sich der Junge.“

„Ich werde mir Mühe geben, Callag. Ramon ist ein schwieriges Kind. Aber er ist dennoch ehrlich, man muss nur ein wenig Geduld mit ihm haben.“

Dabei sah er seinem Jungen fest in die Augen. Der Kleine blickte indes nur Callag an, so, als ob ihm von Hay aus eine Gefahr drohte, und er klammerte sich noch fester an seinen Vater.

„Lassen Sie ihn nur in Ruhe, Juarez“, murmelte Hay. „Was ich wissen will, bekomme ich auch so heraus. Es ist möglich, dass bei einem Verhör mit dem Jungen so gut wie nichts herauskommt ... So long!“

Er ging, drehte sich nicht um und führte sein Reittier zur Straße, dort schwang er sich in den Sattel und ritt aus der Stadt.

Wieder war eine Fährte im Sande verlaufen. Nein, diesmal ärgerte er sich nicht darüber. Bei der Beobachtung von Vater und Sohn hatte ihn ein neues Gefühl überrumpelt. Er wusste nicht, dass es Mitleid mit dem kleinen Ramon war, Mitleid mit Pedro Juarez.

„Vorwärts“, flüsterte er seinem Reittier zu.

Er kam nicht weit. Gleich außerhalb der Stadt, dort, wo die weißgekalkte Kirche der Methodisten auf dem sanften Hügel, gleich neben dem Stiefelhügel, lag, wo der Weg über bewaldete Hügel zur Weide führte, schob sich ein Rappe aus der Deckung der Büsche.

Sein Reittier brach seitlich aus, wurde mit festem Zügeldruck zur Ordnung gerufen. Gleichzeitig ließ die Überraschung Hay in den Steigbügeln hochsteilen.

„Du ...?“

Heiser, wie abgerissen kam es aus seinem Munde. Weit öffneten sich seine Augen. Seine Linke klopfte beruhigend den Hals des nervösen Tieres, das nach dem Hals des Rappen schnappte.

„Du, Lisetta?“

Es war kein Traum, sie war es leibhaftig! Sie saß stolz im Sattel und bändigte den Rappen mit graziöser Anmut. Ihre meergrünen, seltsam schillernden Augen saugten sich an ihm fest, schienen ihn zu bannen.

Sie gab keine Antwort, sah ihn so an, als ob sie bei seinem Anblick über etwas nachdenken musste, dabei schlossen sich ihre mandelförmigen Augen ein wenig, und die langen Wimpern schufen dunkle Schatten.

Wahrhaftig, bei ihrem Anblick konnte man alle Sorgen, allen Kummer vergessen. Ihre Haut hatte einen zarten Teint, einen samtenen Schimmer, erinnerte an Pfirsichfrüchte in voller Reife. Ihre Lippen zeigten Schwung und eine intensive, leuchtend rote Farbe. Die kupferfarbenen Haare hingen ihr in weichen Locken bis auf die zart gerundeten Schultern herab.

Der Stetson saß ihr keck im Nacken und die weiße Bluse verriet ihre Weiblichkeit. Yeah, alles an ihr konnte einen Mann verwirren. Sie schien ihre Wirkung auf Männer zu kennen und lächelte ihm zu.

„Ich habe auf dich gewartet, Hay“, sagte sie nach einer Weile mit melodisch schwingender Stimme.

Es überraschte ihn nicht. Etwas Ähnliches hatte er sich bereits bei ihrem Anblick gedacht.

„Ich sehe keinen Grund“, erwiderte er schroff, denn der Blick, mit dem sie seine in Schlingen ruhenden 45er musterte, machte ihn abwehrbereit.

Ihr Lächeln blieb. Es verschwand nicht, sondern verstärkte sich sogar.

„Man spricht über dich, Hay!“

„So?“

„Die Art, wie du in die Stadt reitest, wie du die Menschen ansiehst ... Mit dir stimmt etwas nicht, Hay!“ Sie hielt seinem Blick stand, beugte sich über das Sattelhorn, sah ihn jetzt offen, forschend an. „Es gibt Männer, die zu stolz sind, einzugestehen, dass sie Kummer haben, Hay“, sagte sie weich. „Du gehörst dazu.“

„Jeder Mann trägt hier Eisen.“

„Oh, yeah, du aber hast sie eine Zeit lang abgelegt. Seit dem Winter trägst du sie wieder. Das tust du nicht ohne Grund.“

„Erwartest du, dass ich mein Herz vor dir ausschütte?“, fragte er sie bitter, „oder hat dich dein Vater geschickt?“

Auch jetzt zuckte sie mit keiner Wimper.

„Du magst meinen Dad nicht? Ihr könnt euch nicht ausstehen, warum?“

„Es beruht auf Gegenseitigkeit.“

„Du hast dich nie bemüht, mit ihm ins Einvernehmen zu kommen. Hay, manchmal sollte ein Mann seinen Stolz beiseite stellen, in diesem Falle besonders. Ich wünsche es mir ...“

Er hob überrascht den Kopf, atmete schwer, konnte seinen Ohren nicht trauen. Es kam zu überraschend, zu unvorbereitet. Er fühlte sich wie gelähmt, war unfähig, in diesem entscheidenden Moment sich richtig einzustellen, das verbindende Wort zu finden. Es ging ihm wie vielen anderen Männern auch, dass die Situation über ihn hinauswuchs und er etwas sagte, was sie verletzte.

„Wünscht es dein Vater ebenfalls?“

Mit Befremden sah sie ihn an. Ihre Augen wurden dunkel wie die Nacht. Ihre Lippen zuckten. Der Zorn verdunkelte ihr Gesicht. Heftig zerrte sie an den Zügeln, nagte an der Unterlippe. Ihr explosives Temperament riss sie zu der Äußerung hin:

„Du bist ein Narr, Hay!“

Dabei gab sie ihrem Rappen die Sporen, so dass das Tier auf die Hinterhand steilte und mit einem mächtigen Satz an Hays Reittier vorbeifegte.

Zu spät für ihn, sie zurückzuhalten. Zu spät, um das Gesagte durch ein gutes Wort in die richtigen Bahnen zu lenken. Wahrhaftig, er war ein Narr! Er begriff es erst, als sie um die Wegecke herum seinen Augen entschwunden war. Im ersten Impuls wollte er ihr nachreiten, doch dann führte er diese Absicht nicht aus.

Düster saß er im Sattel.

Ah, damny, seine Chance, von der er Tag und Nacht geträumt hatte, war dahin, durch ihn selbst zerstört. Seltsam, dass sie gerade jetzt sich ihm gegenüber aufgeschlossener zeigte, sich ihm näherte und ihm deutlich machte, was er sich immer ersehnte, was er geträumt hatte.

Misstrauen nagte an ihm. Er blickte lange Zeit zur Wegecke, als ob der heimliche Gedanke, sie könnte zurückkommen, ihn nicht loslassen wollte, dann aber, als der Hufschlag ihres Pferdes verebbte, zog er sein Reittier herum und ritt los, als ob der Teufel selbst hinter ihm her wäre.

Es war Abend, als er die Ranch erreichte. Jim Earp nahm ihm das Pferd ab, führte es in die Box und rieb es trocken. Später kam Earp, als Hay gerade seinen Hunger stillte.

Er wartete, bis Hay gegessen hatte, und sagte dann:

„Ich wollte dir deinen Appetit nicht nehmen Boss, darum habe ich gewartet, aber jetzt muss es heraus!“

Hay legte Messer und Gabel beiseite, blickte in die braunen, verengten Augen seines Cowboys, der unruhig seinen Colt hin und her schob.

„Schieß los, Jim, heraus mit dem Song!“

Jims Lippen wurden schmal und blutleer, pressten sich fest aufeinander. Er lehnte sich schwer atmend gegen die zweistöckigen Feldbetten, schob sich den Stetson aus der Stirn, nahm die Reckte vom Kolben und schob sie in das Innenfutter seiner Weste. Als er sie herausnahm, hielt er einen zerknitterten, vergilbten Bogen vor sich hin, den er langsam auseinanderfaltete.

Dabei zuckten seine Kinnmuskeln, und die Adern unter seiner Schläfenhaut pulsierten deutlich sichtbar.

Hay brauchte nicht hinzusehen, brauchte die Buchstaben nicht zu entziffern. Was sein Cowboy in der Hand hielt, war sein alter Steckbrief.

„Gesucht wird wegen Mordes an Grand Seltran der Cowboy Hay Callag.“

Er kannte ihn auswendig. Mit dem Steckbrief schien etwas Bösartiges in den Raum gekommen zu sein, etwas, was den Atem schwer machte, die Schläfen spannte, den Herzschlag hemmte.

Hay starrte über das Papier hinweg in das Gesicht seines Cowboys. Es war gespannt, aber nicht hart und abweisend. Es war das Gesicht eines Mannes, der eine Überraschung verbergen konnte. Earp erwiderte seinen Blick und lachte dann rasselnd vor sich hin.

„Eine hohe Belohnung, Boss!“

„Die Sache ist noch nicht zu den Akten gelegt, jeder kann sie sich verdienen.“

„Die Boys auf der Weide wissen noch nichts davon, Boss“, klang es rau zurück. „Ich werde ihn vernichten.“

Er wollte den Steckbrief zerreißen, aber Hay hielt ihn davon zurück.

„Lass das, man wird dafür sorgen, dass es alle erfahren“, grollte es bitter über seine Lippen. „Es ist besser, wenn es die Boys von uns zu hören bekommen.“

Einen Moment überlegte Jim Earp.

„Sie werden es verdauen“, murmelte er, „und ihre Entscheidung treffen.“

„Ich werde keinem in den Weg treten, wenn er die Absicht hat, die Ranch zu verlassen. Bald werden es alle Menschen um und in Raton wissen, dass ich ein Mörder bin.“

„Zur Hölle, Boss! Du bist kein Mörder! Das hier ist ein Trick, um dich hereinzulegen. Langsam beginne ich zu begreifen, weshalb du deine Colts angelegt hast. Jeder von uns weiß, wie man einen zum Mörder stempelt. Man drückt hinterher dem Toten einen geladenen Revolver in die Hand, nimmt Zeugen, die beschwören können, dass kein Schuss aus der Waffe des Toten abgefeuert wurde. So wird ein Mann ausgeschaltet, den man aus irgendwelchen Gründen nicht im Lande haben will. So schickt man ihn auf den Trail der Gezeichneten. Deinen Steckbrief hat man behalten und will dich nun in eine Corralecke drücken. Teufel, das ist alles so klar und einfach.“ Er sprach nicht weiter. schwieg betroffen, als er die gelben Funken in Hays Augen aufleuchten sah.

So hatte er seinen Boss noch nicht gesehen. Hays Gesicht wurde grau, war wie von Müdigkeit verfallen. Er nahm Earp den Steckbrief aus den Händen, nahm Hammer und Nägel, ging zur Tür und nagelte den Steckbrief daran fest.

Details

Seiten
190
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939064
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541088
Schlagworte
dunkle pfade colts

Autor

Zurück

Titel: Dunkle Pfade und rauchende Colts