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Der alte Cowboy

2020 184 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der alte Cowboy

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Der alte Cowboy

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 184 Taschenbuchseiten.

 

Tim Garden, der alte Cowboy, ist ein Satteltramp geworden. Nirgends findet er mehr Arbeit, keiner will einen verbrauchten alten Mann einstellen. Als er auf eine Revolvermannschaft stößt, ordnet er sich den Raureitern willig unter. Schon bald muss er feststellen, dass die harten Gesellen auf ihren Boss warten, einen gewissen John Ireland, dem ein schlimmer Ruf vorausgeht, den aber niemand kennt. Als ein rauer Mann in die Stadt geritten kommt, ist es für alle selbstverständlich: das ist der Boss, das ist John Ireland! Doch dieser Mann ist nicht der erwartete Boss. Dieser Mann hat andere Pläne. Ohne dass sie es wissen, spannt er die Revolvergarde für seine Ziele ein. Und Tim Garden, der alte Cowboy, ist es, der durch sein Beispiel und durch die Kunst geschickter Überredung aus den wilden Burschen gefügige Männer macht, die für das Gesetz reiten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Meinhard Dixon

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Der Wind hatte ein wenig nachgelassen. Es war nicht mehr so kalt. Jetzt schneite es heftiger. Das weiße Schneegewölk wirbelte umher, dass man glauben konnte, es ströme von allen Seiten und Richtungen heran. Die weiße Last senkte sich herab und bedeckte die Tannen, dass sie schier unter der Last zusammenzubrechen drohten. Höher wurde die Schneedecke, die wie ein Leichentuch alles Leben unter sich zu begraben schien.

Die drei Männer, die im Dickicht Schutz gesucht hatten, rückten näher zusammen. Sie hockten in warme Decken eingehüllt ganz nahe am Feuer. Jeder von ihnen suchte Wärme und war so nahe an die Flamme herangerückt, dass sie manchmal nach den dunklen Gestalten zu greifen drohte. Hin und wieder legte einer der Männer Holz nach.

Dann stoben die Funken auf, und der dicker werdende Rauch hüllte die Männer ein.

Der Rauch belästigte auch die drei ein wenig abseits stehenden Pferde, die mit Decken bedeckt waren. Sie waren an den Zweigen angebunden und standen mit hängenden Köpfen da. Wie die Menschen, so standen auch die Tiere eng aneinandergerückt, als wollten sie sich gegenseitig schützen. Auf den übergeworfenen Decken und Fellen lag Schnee. Längst hatten sie es aufgegeben, den Schnee abzuschütteln. Sie standen ruhig da, als hätten sie sich mit dem Unvermeidlichen abgefunden.

„Wenn sie morgen nicht gekommen sind, werden wir ohne sie weiterreiten“, sagte einer der Männer.

Der Mann, der diese Worte in das dumpfe Schweigen hineinsprach, war groß und breitschultrig. Obwohl auch er wie seine beiden Begleiter auf dem Sattel hockte, konnte man das deutlich erkennen. Er hatte seine, wie Säulen wirkenden Beine, lang ausgestreckt, so dass die Stiefelsohlen fast das Feuer erreichten. Mit seinen riesigen Fingern hielt er eine Stummelpfeife umspannt, die ausgegangen war. Trotzdem saugte er kräftig an ihr. Er sah in die Runde. Seine Kameraden neben ihm schwiegen. Sie blickten nicht in sein von Linien durchfurchtes, hart gezeichnetes Gesicht von bräunlicher Färbung, das mit Pockennarben übersät war.

Die beiden anderen Männer kannten dieses harte Gesicht, das Louis Hyward gehörte. Jeder kannte den anderen, so wie man auch die Leute kannte, die man noch erwartete. Man duldete es,

dass sich Louis Hyward als Anführer betrachtete. Ja, sie duldeten es, weil sich keiner von ihnen einem anderen jemals wirklich unterstellte. Solange Hyward sich zum Wortführer aufwarf, hatte man nichts dagegen einzuwenden. Sollte er nur reden! Solange seine Meinung sich mit der ihren deckte, war alles in Ordnung. Man hatte keinen Grund, sich mit ihm zu überwerfen. Seit Wochen war man auf dem Ritt mit einem ganz bestimmten Ziel nun schon zusammen. Das raue Wetter und das harte Reiten hatte diesen Männern bisher wenig ausgemacht. Sie waren an solche Dinge gewöhnt, und keine noch so widerliche Jahreszeit konnte sie erschrecken, weder Kälte noch Regen, weder Eis noch Schnee.

„Wenn sie kommen, ist es als sicher anzunehmen, dass sie den Rauch unseres Lagerfeuers riechen“, meldete sich der zweite Mann nach langer Pause, wobei er mit einem Ast in der Feuerung stocherte. „Sie haben keinen Grund, um sich abseits der Hauptstraße zu halten. In diesem Land kennt sie wohl kaum jemand von Angesicht zu Angesicht. Sie brauchen also weder nachts noch auf einsamen Wegen zu reiten. Es ist sicher, dass sie bequem auf der Hauptstraße dahergeritten kommen.“

„Wenn man bei diesem Wetter überhaupt von einem bequemen Reiten sprechen kann“, meldete sich der dritte Mann am Lagerfeuer mit einer eigenartig krächzenden Stimme. „Wir haben unser Camp auf einem Hügel, dem einzigen Hügel weit und breit in der Runde errichtet. Noch vor zehn Jahren wäre so etwas unmöglich gewesen, Gents. Kein vernünftiger Mensch hätte das in dieser Gegend gewagt, es sei denn, er hätte Selbstmord verüben wollen. Vor zehn Jahren war ich schon einmal in dieser Gegend. Ich erinnere mich noch daran, denn einige Erlebnisse im Leben eines Mannes sind so einprägsam, dass man sie bis zum letzten Atemzug nicht vergisst.“

„Was damals vor zehn Jahren geschah, Dan, hast du uns oft genug erzählt. Verschone uns mit den alten Geschichten“, unterbrach ihn der dunkeläugige, schlanke Hugh Beaumont. „Dass du damals deinen Skalp verloren hast und nicht deinen Kopf, genügt doch. Du lebst und kannst dir im Sommer jederzeit Kühlung verschaffen, wenn du deine Perücke lüftest. So spannend deine Story auch ist, Dan Holde, wir haben sie zu oft gehört. Jeder kennt sie auswendig. Die Vergangenheit dieses Landes interessiert uns nur wenig, um so mehr allerdings die Gegenwart. Die Gegenwart soll für uns alle recht verheißungsvoll werden. Nicht mehr lange, dann sind wir am Ziel.“

Hugh Beaumonts dunkle Glutaugen bekamen einen hellen Glanz. Wenn man diesem Mann ins Gesicht schaute, fiel einem als erstes auf, dass die Augen etwas zu eng beieinander standen. Das ausgeprägte Kinn dieses Mannes verriet einen starken Willen, und mehr noch, es deutete an, dass sein Besitzer einen starken Drang zur Brutalität hatte.

„Der Mann, der uns alle bestellt hat, wird sicherlich ungeduldig werden“, fuhr Beaumont nach einer Weile des Schweigens fort.

„Sicher, doch wer kennt diesen Ireland schon persönlich, wer von uns hat ihm schon unter die Stetsonkrempe geschaut? Was wissen wir wirklich von ihm? Doch nur, dass er uns hergebeten bat, dass er uns Versprechungen machte, dass er uns für unsere Mithilfe das Paradies auf Erden versprach. Wir werden diesen Ireland aber auf Herz und Nieren prüfen und können nur hoffen, dass er dieser Prüfung gewachsen ist.“ Es war der riesige Hyward, der diese Worte gesprochen hatte. „Im anderen Falle ...“ Er sprach nicht aus, was er dachte, doch sein faltiges Gesicht verzog sich zu einer schrecklichen Grimasse. Jetzt wäre jedem scharfen Beobachter klar geworden, was für drei

Männer er hier vor sich hatte, Männer einer harten Sorte. Es waren drei Männer jener Art, die ihre Revolver verkauften, Kerle, die für Geld den Tod schickten. Noch hatten sie Decken um sich herumgeschlungen, doch unter den Decken trugen sie gekerbte Revolver, 45er Colts mit langen Läufen, Revolver ohne Kimme und Korn, in offenen Holstern.

„Man sagt, dass dieser Ireland zwei Eisen trägt und dass von diesen Eisen die Bügel entfernt sind, dass er die Kanonen nur mit den Hämmern bedient. Ich glaube, ein besseres Erkennungszeichen können wir uns nicht wünschen", sagte der perückentragende Dan Holde. Ein tiefer Atemzug hob seine flache Brust. In seinem bleichen, verstört aussehenden Gesicht lag ein Ausdruck von Schauer und Bewunderung.

Die Tatsache, dass ein Mann zwei Revolver nur mit den Hämmern bediente, schien dieses Kleeblatt in der Tat zu beeindrucken. Sicherlich konnten sie gerade am besten beurteilen, was es hieß, mit derartig zurechtgemachten Waffen zu schießen, denn sie waren alle keine unbeschriebenen Blätter und jeder in der Schießkunst erfahren, jeder ein besonderer Revolvermann, jeder von ihnen sehr schnell im Ziehen und Feuern. Auf ihre Treffsicherheit bildeten sie sich nicht wenig ein. Gerade darum, weil sie ausgezeichnete Schützen waren, konnten sie beurteilen, was es hieß, ein Beidhandmann zu sein.

„Nun gut, erkennen können wir ihn an seinen Revolvern, ob er damit auch umzugehen versteht, ist eine andere Sache“, sagte der Riese Hyward.

„Was soll das heißen, Louis?“, fragte Holde, der sich sofort herumdrehte. Auch Beaumont war sogleich interessiert. Beide blickten Hyward an, der in sich hineingrinste.

„Ich habe Kerle gekannt, die mit zwei Revolvern aufkreuzten, um damit anzugeben. Als man sie stellte, erfuhr man, dass der zweite Revolver nur zum Gewichtsausgleich diente. Es gibt genügend Möchtegerne und windige Saloonhelden, die zu ihrem Schrecken und Entsetzen plötzlich feststellen, dass man nicht ungestraft mit zwei Eisen am Gurt renommieren kann. Sie hatten geglaubt, dass es vollständig genüge, wenn man so tat als ob. Sie waren dann doch sehr überrascht, als diese Herausforderung angenommen wurde. — Es ist schon ein gesegnetes Land, der goldene Westen, Gents.“

Dunkel klang Hywards Lachen. Seine Rechte zauberte die langläufige 45er Waffe unter dem

Deckenumhang hervor. Er ließ sie um den Zeigefinger kreisen, um sie im nächsten Augenblick unheimlich schnell wieder unter dem Deckenumhang verschwinden zu lassen. Beaumont und Holde kannten diesen Trick. Sie fragten sich, ob der unbekannte Ireland sich von einem solchen Trick beeinflussen lassen würde.

„Ich glaube nicht, Louis, dass Ireland uns mit einem faulen Zauber einfangen will“, wandte sich Beaumont an den Riesen. „Nur ein kompletter Narr würde sich in diesem Falle die schnellsten Schützen des ganzen so gesegneten Kontinents kommen lassen. Er muss schon ganz große Klasse sein.“

„Wir werden schon sehen“, antwortete Hyward. „Ich werde mich auf keinen Fall bluffen lassen.“

Mit seinem breiten Rücken lehnte sich der Riese gegen den Baumstamm zurück. Seine Augen, die klein und winzig unter den buschigen Augenbrauen hervorlugten, bewegten sich. Sein Blick glitt unruhig hin und her. Misstrauen und eine stete Unruhe waren in diesen Augen. Er schien jederzeit bereit zu sein zu explodieren. Nur der Himmel mochte wissen, welche Gedanken sich hinter seiner Stirn bewegten, was diesen Mann so unruhig machte und ihn so angespannt hielt. Es schien so, als suchten seine Augen ständig nach Verfolgern und Aufgeboten. Seine Begleiter wussten von ihm, dass er in Kentucky gesucht wurde. Man hatte ihn nicht gefragt, warum und wieso. Das spielte auch keine Rolle für diese Männer, denn jeder von ihnen hatte eine Menge zu verbergen. Sie alle waren nicht neugierig, denn die Vergangenheit war tot für sie. Man versuchte die Vergangenheit in sich zu töten, ob es jedem allerdings gelang, war eine andere Sache.

„Harren wir noch aus bis morgen früh. Wenn unsere Freunde dann noch nicht da sind, brechen wir ohne sie auf“, erklärte Hyward. „Niemand weiß, was einen Mann in diesem Lande aufhalten kann. Das Wetter spielt dazu eine entscheidende Rolle.“

„Das schon, aber wie ich sie kenne, werden sie noch kommen“, entgegnete Holde. „Warum sollen wir es verschweigen? Es ist Winter, also die schlechteste Zeit für Männer unseres Schlages, die über die Kämme reiten müssen. Vor einem Monat versuchte ich mich noch als ehrlicher Arbeiter. Es war ein vergebliches Beginnen. Ich habe schon zu lange nicht mehr als Cowboy gearbeitet. Der Rancher und seine Crew fanden das nur zu schnell heraus. Fünf Tage war ich auf der Ranch, dann ließ mich der Rancher kommen und legte mir nahe, mein Pferd zu besteigen und zu verschwinden. Freunde, ich weiß heute noch nicht, warum ich diesem Kerl nicht zeigte, dass ich besser mit dem Revolver umgehen kann als mit dem Lasso. Ich weiß auch nicht, warum ich nicht zu dieser Ranch zurückkehrte, um den Kerlen auf meine Art zu zeigen, dass man Dan Holde nicht so ohne weiteres von der Lohnliste streichen kann. Ich muss meine weiche Stunde gehabt haben. Ich verzichtete also darauf, die Ranch einzuäschern und mir meinen Lohn in Form einiger fortgetriebener Zuchtrinder selbst zu nehmen. Vielleicht ist mir auch die Ranch zu klein und zu ärmlich gewesen, ich weiß selbst nicht woran es lag.“

Holde ließ ein dünnes Kichern hören. Plötzlich jedoch verstummte er. Die drei Männer richteten sich höher auf. Im nächsten Augenblick erhoben sie sich und spähten durch die Büsche nach Norden. Nicht einer von ihnen hatte den Hufschlag überhört, der sich stetig näherte. Der Schnee knirschte unter den Huftritten der Pferde.

„Das können sie sein“, sagte Hyward erregt. „Nun hat das Warten ein Ende. Wir werden unseren Ritt noch heute fortsetzen können.“

Der große Mann teilte die Zweige, so dass der Schnee auf ihn herabrieselte. Drei Männer blickten durch die Deckung hindurch mit schmalgezogenen Augen nach Norden. Im Schneetreiben wurde am Fuße des Hügels die Gestalt eines Mannes sichtbar, der mit seinem Pferd die Richtung auf die drei Männer zuritt.

„Es muss in der Tat etwas geschehen sein, dass nur ein Reiter kommt“, sagte Beaumont, um im nächsten Augenblick hinzuzufügen: „aber das ist doch...“

„Auf keinen Fall einer der Männer, die wir erwarten“, ergänzte Hyward den angefangenen Satz mit rauer Stimme. Er stand geduckt, wie zum Sprung bereit da. Leise sagte Holde:

„Wer es auch ist, in diesem Lande kann uns niemand gefährlich werden. Hier ist ein Menschenleben das wert, was eine Kugel kostet. Das Gesetz blieb am Pecos zurück. Schauen wir uns den Reiter näher an.“

Niemand entgegnete etwas darauf. Der Reiter kam näher. Er hockte in sich gesunken, wie entkräftet im Sattel. Sein klapperdürrer Gaul war alt und struppig. Die Knochen standen vor. Fast hätte man einen Stetson daran aufhängen können. Alt, graubärtig und verfroren sah der Mann aus,

der seinen Gaul langsam hügelan lenkte. Seine graublauen Augen weiteten sich nicht einmal, als er die Männer zwischen den Büschen sah. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt hielt er sein Reittier an und richtete sich etwas im Sattel auf. Seine behandschuhte Rechte legte sich fest auf das Sattelhorn, seine Augen wanderten von einem zum anderen.

„Es riecht nach Wärme, Gents“, sagte der alte, hagere Reiter vom Sattel her. „Ein wenig Wärme könnte ich gut gebrauchen und wenn noch etwas heißer Kaffee hinzukäme, würden meine Lebensgeister wieder aufflammen.“

Die drei Männer betrachteten den Alten, und alle mochten ihn als einen Mann eingeschätzt haben, von dem man keine Feindseligkeiten zu erwarten hatte.

„Du kommst aus dem Norden, Oldman?“

„Genau aus dem Norden, Gents“, erwiderte der Alte, der wie ein Cowboy gekleidet war.

„Hinter Rindern her?“

„Die Zeit ist vorbei“, erwiderte der alte Reiter Dan Holde, der die Frage gestellt hatte. Ein scharfes Lachen kam über seine Lippen, das jäh abbrach. Nur der Himmel mochte wissen, was in diesem Manne vorging, in dessen Augen dunkle Schatten sich jagten. „Ja, die Zeit ist vorbei“, wiederholte er mit einem Blick nach jener Richtung, wo weit in der Ferne der Pecos fließen musste. Es war, als suchten seine Augen die Guadelupe Mountains, doch die himmelanstürmenden Gebirgsmassive waren im dichten Schneetreiben nicht sichtbar. „Seit zwei Monaten gibt es keine Ranch mehr, die meinen Namen in der Lohnliste führt, und es wird auch keine Ranch mehr geben, die mich alten Mann einstellen wird. Ich bin ein treibendes Blatt im Winde geworden, Gents. Ich überschritt vergeblich den Pecos, um in diesem Lande Arbeit zu finden.“

„Arbeit, jetzt, in dieser Jahreszeit?“, fragte Hyward ihn ungläubig unterbrechend. „Freund, schau uns drei an. Wir hatten einmal ähnliche Probleme. Alte Männer und Ausgestoßene bekommen die Tür immer wieder vor der Nase zugeschlagen. Niemand will weder die einen noch die anderen. Steig ab und komm ans Feuer, der Kaffee in unserem Camp ist nicht so schlecht, dass man ihn ausschlagen sollte.“

Der alte Mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hob sich recht steifbeinig aus dem Sattel seines Pferdes, nahm es am Zügel und brachte es ins Camp, wo er es in der Nähe der dort bereits harrenden Pferde anband.

Zu viert saßen sie wenig später wieder am Lagerfeuer. Es wurde neues Holz aufgelegt und der Kessel über der Feuerung aufgehängt. Hyward fragte den Ankömmling geschickt aus, und der gab bereitwillig Auskunft, ohne sich gegen diese Aufdringlichkeit zu wehren.

„Ich habe nichts zu verschweigen“, sagte der Alte, der sich Tim Garden nannte. „Es ist schnell erzählt. Der alte Rancher auf der B1 starb, und irgendein Neffe aus der Verwandtschaft kam, um das Erbe zu übernehmen. Der Neffe brachte gleich eine neue Crew mit. Das ist alles, weiter nichts Aufregendes. Es ist etwas, was immer wieder geschieht. Die gute alte Zeit war zu Ende, die Crew löste sich auf. Jeder versuchte seine eigenen Pfade zu reiten. Die anderen waren jung und fanden sicherlich bald Arbeit, mich wollte jedoch niemand haben. Wo ich auch anklopfte und meine Arbeit anbot, man schickte mich immer weiter. Hin und wieder bekam ich an Küchenwagen zu essen, aber auch das änderte sich, als meine Kleidung immer schlechter wurde.“ Die Schatten in den Augen des Mannes vertieften sich. „Ich habe gelernt, dass ein Mann, der einmal in Not gerät, immer tiefer

abgleitet. Niemand ist da, der einem die Hand bietet. Ich habe begriffen, wie wenig ein Mensch etwas um den anderen gibt, ich habe die Gleichgültigkeit der Menschen zu ihren Mitmenschen am eigenen Leibe deutlich zu spüren bekommen.“

„Und du dachtest, das würde sich in einem Lande hinter dem Pecos ändern, Oldman?“, fragte Holde mit einem eigentümlichen Kichern.

„Ich hatte in der Tat diese Hoffnung“, erwiderte der alte Mann ohne zu zögern, wobei er zur Kaffeetasse griff, die ihm Beaumont hinhielt. „Ich musste aber noch mehr hinzulernen und feststellen, dass die Menschen hier auch nicht anders sind. Die Begüterten klammern sich hier wie dort an ihre Reichtümer. Je mehr sie haben, desto weniger sind sie bereit, etwas abzugeben. Nur die Armen, die Entwurzelten, die Wild-Bunch-Reiter und wer es auch sonst sein mag, fordern einen zum Mittagessen auf und bieten ein Nachtlager an. Sie geben einem auch ein wenig Proviant zum Weiterreiten. Es waren immer die Menschen, die sozusagen von der Hand in den Mund lebten und selbst nichts zu beißen hatten, die mir weiterhalfen. Was ist das nur für eine Welt, Gents?“

Er sah sie fragend an, hob die Tasse an die Lippen und trank in kleinen Schlucken. Der

warme Kaffee tat ihm sichtlich gut. Die Schatten verschwanden aus seinen Augen. Niemand sprach. Im Schweigen versunken saßen die Männer da, die ihn an ihrem Campfeuer aufgenommen hatten. Nach einer Weile sagte Holde:

„Freund, du bist unter Gleichgesinnten. Schau uns an. Wir wissen, dass die Güter dieser Welt verteufelt ungleichmäßig verteilt sind. Weil wir das wissen, wollen wir es auf unsere Art abändern.“

„Ich verstehe, mit Gewalt, mit den Colts, Gents. Ich weiß nicht recht, ob das die richtige Art ist“, erwiderte der alte Mann, wobei er die Kaffeetasse absetzte. Seine Antwort zeigte deutlich, dass seinen alten Augen nichts verborgen blieb, dass er genau herausgefunden hatte, in welcher Gesellschaft er war. „Gewalt sät Gewalt und löst eine Kettenreaktion von Übeln aus, die sich einem anhängen und die man dann kaum wieder los wird. Ich weiß nicht recht, ob das der Weg ist, den man einschlagen soll, um sich Vorteile im Leben zu verschaffen.“

„Garden, bist du immer nur den geraden Weg geritten?“, fragte Beaumont.

Der alte Mann nahm den Kopf herum und blickte Beaumont scharf an.

„Nein“, sagte er ruhig. „Es gab eine Reihe von Jahren in meinem Leben, derer ich mich schäme. Ich fand aber den Weg in die menschliche Gesellschaft zurück, und ich weiß, dass es für niemanden zu spät ist, sollten die Umstände noch so sehr gegen ihn sein, noch so stark gegen ihn sprechen. Wenn einer den rechten Weg reiten will, wird er es eines Tages auch tun, und keine Macht der Welt wird das verhindern. Ich gebe zu, dass es schwer ist, doch jeder sollte es versuchen.“

Drei Männer sahen den alten Cowboy erstaunt an. Hyward rieb sich seine Fäuste und nahm dann einen Holzkloben, um ihn in die Feuerung zu werfen.

„Das sind Sprüche, nichts als Sprüche, Oldman! Von uns Männern hier wird es keiner tun. Jeder von uns hat einen besonderen Grund dafür, denn jeder von uns ist vogelfrei. Jeder wird in irgendeinem Staat gesucht. Jeder kennt seinen Steckbrief genau und trägt ihn als Empfehlung für gewisse Leute mit sich herum. Die Erfolge mit dem Eisen sprechen eine besondere Sprache, Oldman. Uns kann man nicht einfach abweisen, vor die Tür setzen und demütigen. Mit dem Colt setzen wir uns durch, mit dem Colt öffnen wir uns die verschlossenen Wege.“

„Bis zu dem Tag, an dem ihr durch einen Colt umgebracht werdet“, unterbrach der Alte in so eisiger Ruhe, dass Hyward ihn verdutzt ansah.

Holde und Beaumont sahen sich rasch an, dann lachte Holde kichernd in sich hinein, als hätte er einen feinen Witz gehört.

„Was macht das schon aus, Garden! Ich will dir einmal etwas sagen: Lieber kurze Zeit gut und in Fülle gelebt, als ein langes Leben in Armut verbringen. Du weißt selbst, was dabei herauskommt, nämlich nichts als Demütigungen und Verzweiflung, nichts als das Wissen, dass am Ende die erbarmungslose Armut steht. Was hat dir dein gerader Pfad eingebracht, Garden?“

„Die Gewissheit, dass ich keine Last mit mir herumzuschleppen habe“, erwiderte der alte Mann ruhig, indem er über das Camp hinwegblickte und feststellte, dass das Schneetreiben völlig nachgelassen hatte. „Für mich ist das wichtig, denn am Ende meiner Tage soll keine Schuld auf mir lasten. Meine Tage sind gezählt. Ihr aber seid jung, ihr könnt immer noch wählen. So frei dieses Land jetzt zu sein scheint, eines Tages kommt das Gesetz. Der Raum wird für euch immer kleiner werden, und bald findet ihr keine Zufluchtsstätte mehr. Ihr werdet gejagt und gehetzt werden, und das Leben wird euch immer mehr zur Qual werden. Ich will euch aber keineswegs Moral predigen, ich bin dankbar für die Gastfreundschaft, die ihr mir gewährt habt. Jetzt möchte ich weiterreiten!“

„Wohin?“

„Nach Carrizozo“, erwiderte Garden auf die Frage Hywards. „Ich habe mich etwas aufgewärmt und kann jetzt meinen Ritt fortsetzen.“

„Nicht ohne uns!“, erwiderte ihm Hyward mit sanfter Stimme, wobei er das Erstaunen Gardens völlig übersah. „Du bleibst in unserer Gesellschaft, Oldman. Es wäre sehr unhöflich von uns, wenn wir dich allein weiterreiten lassen würden.“

„Soll das heißen, dass ich mich von nun an als Gefangener zu betrachten habe?", fragte Garden.

„Wer denkt an so etwas, Oldman! Nein, wir sind ganz einfach höfliche Menschen. Wir haben einfach dasselbe Ziel, die schöne Stadt Carrizozo. Wir nehmen an, dass es sich in Gesellschaft besser reitet. Du hast doch nichts dagegen einzuwenden, Garden?“

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich und saugten sich aneinander fest. Beaumont und

Holde betrachteten den alten Mann ebenfalls, der mit keiner Wimper zuckte und doch genau zu wissen schien, dass die Höflichkeit des Riesen nur Schein war, dass hinter dieser Höflichkeit ein eiserner Wille steckte. Es blieb ihm nichts anderes übrig als zu sagen:

„Ich bin schon zu lange allein geritten, Gents. Ich freue mich, dass ich nun wieder in Gesellschaft bin.“

„Um so besser! Bei uns wird es dir gutgehen, Oldman. Bei einigem guten Willen findest du bald heraus, dass auch eine Gesellschaft wie die unsrige einem alten Mann allerlei Vorteile verschaffen kann. Es täte mir sehr leid, wenn es dir bei uns nicht gefallen würde.“

„Hyward, ich habe nie große Ansprüche in meinem Leben gestellt“, erklärte der Alte in seiner ruhigen bescheidenen Art. „Nur zu oft habe ich mir meine Partner nicht aussuchen können.“

„Dann hast du sicherlich auch gelernt, dich anzupassen, Garden. Ich denke, dass du das unter Beweis stellen wirst?“

„Sicherlich, Hyward“, erwiderte der alte Mann, wobei er seine Kaffeetasse wieder aufnahm und sich von Beaumont aus der Kanne neuen Kaffee einschütten ließ. „Ich bin viel zu alt, um Schwierigkeiten zu machen und auch zu müde dazu. Aber das weißt du genau, Hyward!“

„Ja, das ist als sicher anzunehmen“, erwiderte der Riese sanft.

 

 

2.

Gegen Abend wurden den Pferden die Futtersäcke umgebunden. Man befreite die Decken und das Fell der Tiere vom Schnee und tat alles, um sie warmzuhalten. Nach der Fütterung wurden sie bewegt, bis die Dämmerung hereinbrach.

Es schneite nicht mehr. Nach der strengen Kälte war es wieder wärmer geworden, wie es in diesen Breiten oft der Fall war. Der Schnee hielt sich nicht lange. Zum Glück blieb das Camp trocken, denn es lag direkt auf der Hügelkuppe, und die rinnenden Schmelzwasser flossen hügelabwärts. Bald waren auch die letzten Schneeverwehungen hinweggeschmolzen. Wasserlachen bedeckten das Land. Es war erstaunlich, dass ein warmer Föhnwind genügte, um die trutzig gegen den Himmel sich reckenden Wälder so schnell vom Schnee zu befreien. Überall rann und gluckerte es. Das Wasser suchte sich in vielen Rinnsalen Wege zu Tal. Die Sonne drang durch die Wolkendecke. Ihre letzten blutroten Strahlen fielen auf das gewaltige Land, das von Schluchten, Tälern und Canyons durchzogen war. Es war ein gewaltiges Land. Die mächtigen Gebirgsterrassen waren bewaldet. Sie zogen sich bis zu den Ebenen von Westtexas hin. Das Land war gut geeignet für Farmer, Siedler und Rancher. Deshalb war es kein Wunder, dass immer mehr Menschen in dieses Gebiet einströmten. Schon damals, als der Spanier Coronado mit einer Meute verwegener Männer in dieses Land kam, auf der Suche nach den sieben Städten von Cibola, gepackt vom Goldfieber, hatte man erkannt, dass es ein herrliches Land war. Seit dieser Zeit waren immer wieder weiße Männer ins Land gekommen. Im Laufe vieler Jahre war der Kampf gegen die einheimische Bevölkerung zugunsten der Weißen entschieden worden. Der Zustrom weißer Siedler und Abenteurer war nicht mehr abgerissen. Es gab schon viele Ranchen, Farmen und Siedlungen, doch das Gesetz ließ immer noch auf sich warten. In diesem Lande gärte es, wie man es nur selten im Westen erlebt hatte. Es war daher kein Wunder, dass Garden sich seine drei Gastgeber noch einmal unauffällig ansah.

By Gosh, er fand nur das bestätigt, was er von Anfang an vermutet hatte. Er hatte drei Männer vom schnellen Eisen vor sich, denn jetzt, als sie ihre Decken abgestreift hatten, konnte er ihre Bewaffnung deutlich erkennen. Jeder trug tief an der Hüfte zwei 45er Colts, dazu weit nach vorn gerückt, in der Weise, wie nur Revolvermänner sie zu tragen pflegten. Im Laufe des Abends war es leicht festzustellen, dass sie noch auf weitere Verstärkung warteten. Sie hatten vor dem alten Cowboy alle Hemmungen abgelegt. Sie hielten ihn für harmlos und töricht, wie nur ein alter Mann sein konnte, der weltfern in irgendeinem Distrikt Jahr für Jahr nichts weiter getan hatte, als hinter Rindern herzureiten.

Sie hatten in der Tat recht, denn Garden hatte nicht einmal aufgehorcht, als er die Namen der drei Männer zu hören bekam. Die Namen dieser Männer waren überall bekannt im Lande. Für Garden bedeuteten sie nicht mehr als irgendwelche andere Namen. Bisher hatte Garden einen Mann nur nach seinen Taten beurteilt, nicht nach seinem Ruf. Es genügte ihm, dass sie ihn gastlich aufgenommen hatten, dass sie ihm zu essen gaben und dass er sich an ihrem Lagerfeuer aufwärmen konnte. Er war schon seit Tagen unterwegs und hatte keine rechte Unterkunft gefunden. Sein Lager war die nackte Erde gewesen und der Himmel über ihm das Dach. Er musste sich ehrlich gestehen, dass die Gastfreundschaft dieser Männer ihn tief beeindruckte. Mochten sie sein, wer sie wollten, sie demütigten ihn nicht, sondern behandelten ihn im Gegenteil wie einen alten Bekannten. Nur der Himmel mochte wissen, was diese Männer auf die schiefe Bahn gebracht hatte. Sie benahmen sich ihm gegenüber durchaus anständig.

Nach der Abendmahlzeit drehte Beaumont für alle Zigaretten. Er warf jedem eine Zigarette zu und wartete, bis die Männer sie aufgefangen und in den Mund gesteckt hatten. Dann nahm er einen glühenden Ast aus dem Feuer und reichte ihn rundum, damit jeder sich seine Zigarette anzünden konnte.

„Ich bin wirklich neugierig auf John Ireland“, sagte er, nachdem er den aromatischen Rauch seiner Zigarette eingesogen hatte. „Er wird uns alle zu reichen Männern machen!“

„Er hat sich einiges vorgenommen“, kicherte Holde und verdrehte die Augen dabei. „Ich sage euch, Gents, mit dem Wohlhabendwerden hat es einiges auf sich. Bisher ist es mir nicht gelungen. Die Dollars zerrannen mir allzu leicht zwischen den Fingern. Ehe ich mich versah, war ich bis auf den letzten Cent blank und stand mit leeren Händen da. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich und meine Colts zu verkaufen. Was leicht zu verdienen ist, fliegt auch allzuschnell wieder zum Fenster hinaus“, fuhr er fort. „Die großen Zeiten, wo unsereiner noch eine Menge verdienen konnte, scheinen endgültig vorbei zu sein. Eines Tages werden wir uns um eine Postkutsche oder um eine Bank bemühen müssen. Dann kehre ich zu meiner alten Beschäftigung zurück. Es wiederholt sich wohl alles im Leben. Mit einer Postkutsche fing es an, damals, vor fünfzehn Jahren. Ich wusste mir keinen anderen Rat mehr, als meine Ranch verschuldet war und meine Frau krank danieder lag. Der Überfall hat weder meiner Frau noch meiner kleinen Ranch etwas genützt. Meine Frau starb in der gleichen Nacht, als ich den Überfall ausführte und den Kutscher vom Bock schoss. Man hatte mich erkannt und erwartete mich bereits bei der Heimkehr. Ich schoss mir einen Weg frei. Zwei Männer von dem Aufgebot blieben bei der Schießerei auf der Strecke. Ich konnte entkommen. Nun, sie haben mich nicht erwischt, und ich denke auch in Zukunft nicht daran, mich erwischen zu lassen.“

Wieder war Holdes Kichern zu hören. Mit der flachen Hand schlug er auf den Revolverkolben. Seine Augen blitzten.

„Wenn dieser Ireland einen einträglichen Job hat, dann bin ich sein Mann“, fügte er nach einer Weile hinzu. Er wollte weitersprechen, doch in diesem Moment erklang Hufschlag. Diesmal war deutlich zu hören, dass es der Hufschlag einer kleinen Kavalkade sein musste. Die Hufe der Tiere platschten durch die Wasserlachen hindurch.

„Das sind sie“, sagte Hyward sich erhebend. „Garden, jetzt wirst du einige berühmte Männer kennenlernen. Wenn es stimmt, was Ireland uns brieflich mitteilte, dann hat er sich in der Tat die stärkste Crew angeworben, die jemals für einen Mann in den Sattel stieg. Ich bin sicher, dass John Ireland etwas ganz Besonderes geplant hat. Erhebt euch Männer, wir wollen die Freunde begrüßen!“

Die Aufforderung war nicht nötig. Alle erhoben sich und traten aus dem Lichtkreis des Lagerfeuers heraus. Diese Vorsichtsmaßnahme war ihnen allen in Fleisch und Blut übergegangen. Im Lichtschein hob sich eine Gestalt für einen etwaigen Feind nur zu deutlich ab, andererseits musste man sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Lautlos, katzenhaft waren die Bewegungen dieser Männer. Sie glitten in die Büsche hinein, als wären sie Schatten, die sich mit der Nacht vermählten.

Beaumont verschwand in Richtung der Pferde, sicher nur, um sie am Schnauben zu hindern, falls sie die Witterung ihrer Artgenossen bekamen und Lust verspürten, sich durch Schnauben mit ihnen zu verständigen. Solange nicht eindeutig feststand, wer sich dem Camp näherte, war jede Vorsichtsmaßnahme begründet.

Tim Garden verspürte zum ersten mal den Hauch der Gefahr, der von seinen Gastgebern ausging. Zwar war er wie sie in die Büsche hineingeglitten und stand geduckt in der Deckung, doch er hatte seine Hände nicht auf den Kolben seiner Waffe fallen lassen. Der Hufschlag der Pferde kam näher.

„Da stimmt etwas nicht“, hörte Tim Garden den Riesen Louis Hyward sagen. „Es sind vier Reiter, wir aber erwarten nur drei. Aufgepasst, Gents! Beaumont, gib auf die Pferde acht!“

„All right, Louis“, tönte Beaumonts Stimme von den Pferden her. „Nehmt sie in die Zange. Man kann nie wissen, mit wem man es zu tun hat.

Vielleicht lohnt sich das Anhalten. Manche Leute pflegen ihren Reichtum spazieren zu führen.“

Beaumont schien jede Gelegenheit recht zu sein, um Schafe zu scheren und sich der Wolle zu bemächtigen. Er machte kein Hehl daraus. Sicherlich hoffte er einen reichen Rancher um sein Bargeld erleichtern zu können, hoffte, dass die nächtlichen Reiter genug bei sich hatten, um die Kassen aller aufzufüllen. Damit gab er freimütig seinen Beruf als ausgemachter Wegelagerer zu erkennen. Später sollte Garden noch erfahren, dass der dunkle Beaumont als Schrecken der großen Trailstraßen bekannt war und so manchen Nachzügler der großen Trecks ausgeplündert hatte. Seine Kameraden standen ihm allerdings in nichts nach, denn diese günstige Gelegenheit wollten alle ausnützen.

Garden erlebte jetzt, wie schnell diese Männer ihre Position zu wechseln verstanden und mit beinahe nachtwandlerischer Sicherheit die besten Plätze als Deckung bezogen. Dan Holde verschwand durch die Büsche hangabwärts. Man konnte sich ausmalen, was er vorhatte. Sicherlich würde er die nächtlichen Reiter passieren lassen, um im geeigneten Augenblick hinter ihnen aufzutauchen. Hyward hatte einen Platz gewählt, der ihn genau vor das in der Nacht anreitende Rudel bringen musste.

„Garden, jetzt kannst du etwas für die dir erwiesene Gastfreundschaft tun“, hörte dieser Hyward sagen. „Geh zum Feuer zurück!“

Garden antwortete nicht. Er wandte sich um und ging zum Feuer zurück. Es machte ihm wenig aus, dass seine Gastgeber ihn zum Lockvogel bestimmt hatten. Jeden Augenblick mussten die hügelanwärts reitenden Männer den Lichtschein des Feuers wahrnehmen und selbst ins Blickfeld kommen. Was konnte Garden tun? Es war viel zu spät, die Unbekannten zu warnen. Dan Holde hatte sicherlich seine Position bezogen und die Reiter passieren lassen. Es hatte auch keinen Sinn, den Revolver aus dem Holster zu nehmen und einen Schuss abzufeuern, denn Beaumont war in der Nähe. Wenn er auch mit den Pferden in Deckung stand, so war es doch sicher, dass der schwarzhaarige Mann ihn nicht aus den Augen ließ. Bei einem Warnschuss würde er keine Sekunde zögern, sein heißes Blei aus dem Lauf zu jagen. Nein, lebensmüde war Tim Garden trotz seines hohen Alters noch nicht. Er hockte sich auf die Hacken nieder und nahm einen starken Ast vom Boden auf, um damit in der Glut herumzustochern. Im Notfall konnte Garden mit einer einzigen Bewegung das Feuer auseinanderreißen und sich durch einen schnellen Sprung in Sicherheit bringen.

Da bin ich in eine feine Gesellschaft geraten, dachte Tim Garden. Ein kalter Schauer rann ihm über den Rücken. Man muss wohl für jede im Leben erhaltene Gefälligkeit zahlen. Mir hat man die undankbarste Aufgabe eingeräumt. Wenn jene Fremden vom gleichen Schlage sind wie meine Gastgeber, was dann? Tim Garden überlief abermals ein kalter Schauer. Es würde sehr unangenehm sein, mit einer Kugel im Rücken aus der Welt zu gehen. Nach einem Abschiednehmen von dieser Welt stand ihm aber keineswegs der Sinn, Wenn man auch alt war, wenn es auch schwer war, sich in dem neuen Leben zurechtzufinden, so hatte das Dasein dennoch seine guten Seiten. Es würde ihm gelingen, in seinen alten Tagen dennoch eine Beschäftigung zu finden, um den Rest der Tage zufrieden zu verbringen. Der Mensch war immer so alt, wie er sich fühlte, und Garden zählte sich, obwohl hochbetagt, keineswegs zum alten Eisen gehörig. Vielleicht fühlte er erst in diesen erregenden Sekunden, wie wert ihm das Leben noch war, dass er damit in keiner Weise abgeschlossen hatte. Eine Erregung ohnegleichen hielt seinen Körper in Spannung. Er war ganz Ohr und lauschte zum Hang hin, wo sich jetzt in das Hufgetrappel das schwer gehende Schnaufen der angestrengt durch den aufgeweichten Boden gehenden Pferde mischte.

Tiefer duckte sich der alte Mann. Fest spannten sich seine Hände um den Ast, mit dem er im Feuer herumstocherte. Genau an der Stelle, von der aus man ins Camp einsehen konnte, brach der Hufschlag ab. Eine dunkle Bassstimme tönte hart und fordernd in seinem Rücken:

„Dreh dich ganz langsam um!“

Garden spielte seine Rolle sehr gut. Er tat, als hätte ihn der Anruf mitten aus einer schläfrigen Betätigung gerissen. Er duckte sich tiefer, bereit, sein Vorhaben auszuführen und das Feuer auseinanderzureißen. Bevor er das aber noch ausführte, meldete sich Hyward.

„Nur keine Sorge! Wenn hier jemand einem anderen unter die Stetsonkrempe blicken will, dann sind wir es. Wir haben euch in der Zange, Gents! Haltet die Hände ganz still. So ist es recht, Freunde! Keine freundliche Begrüßung, was? Ich warne euch noch einmal!“

Statt einer Antwort tönte ein helles Lachen von einem der Pferderücken herunter. Als es abbrach, sagte eine volltönende, schwingende Frauenstimme:

„Habt ihr unseren alten Freund Louis Hyward noch immer nicht an der Stimme erkannt? Ihr Narren, in der tiefsten Nacht und der schwärzesten Dunkelheit würde ich Louis an der Stimme erkennen!“

Was jetzt folgte, war ein Durcheinander von zusammenklingenden Stimmen, Lachen, Fluchen und Verwünschungen. Holdes Stimme übertönte den Lärm.

„Beim Himmel, Freunde! Wir hatten euch so schön in die Zange genommen. Beaumont und Hyward wollten euch um einiges erleichtern, doch bei euch ist wohl nichts zu holen. Schade drum, es wäre ein zu schöner Spaß geworden!“

Holdes Kreischen machte dem Lärm ein Ende. Die drei Männer und das Mädchen schwangen sich vom Pferderücken. Beaumont und Hyward verließen ihre Deckung. Der alte Garden hörte Hyward sagen:

„Wer zum Teufel kam auf die Idee, die blonde Sheila Randolph für diesen Spazierritt nach Carrizozo zu überreden? Wer war der Narr, der ihr einredete, dass man sich auf einem solchen Ritt erholen könnte?“

„Du wirst es nicht glauben, Louis“, entgegnete Sheila Randolph, „diese Idee hatte ich selbst! Ich fand es scheußlich, untätig in Amarillo zu bleiben. Die Stadt ist zu zahm geworden und der Boden dort zu heiß, seitdem ein gewisser Marshal James Earp dort auftauchte. Er war vorher in Abilene und Dodge, und man sagt, dass er die Absicht habe, nach der Silberstadt Tombstone zu gehen. Ich ziehe es vor, in eine Gegend zu reiten, wo dieser Mister Earp sich noch nicht durchsetzen konnte. Ein solcher Ort ist Carrizozo. Außerdem habe ich den verlockenden Brief dieses großsprecherischen John Ireland gelesen, und das ließ mir dann keine Ruhe mehr. Ich musste einfach mit!“

„Es ist so, wie sie es sagt“, meldete sich eine Männerstimme. „Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann führt sie es auch durch. Sie hat ihren Saloon in Amarillo verkauft. Ihr Geld hat sie gut angelegt. Sie fürchtete wohl, dass wir sie um ein kleines Darlehen bitten würden.“

Gelächter erklang. Die fremden Reiter kamen näher, und wenig später sah Garden die Frau in den Lichtschein des Feuers treten. Garden war ein alter Mann und längst über die Zeit hinaus, wo der reizvolle Anblick einer Frau sein Herz hätte höher schlagen lassen können, doch die Nähe dieser Frau verschlug ihm schier den Atem. Es war keine vierschrötige Frau mit männlichen Zügen und robustem Körperbau, die da in den Flammenschein des Feuers trat, nein, der alte Garden musste zweimal hinsehen und machte dann trotzdem den Eindruck, als traue er seinen alten Augen nicht. Aber seine Augen trogen ihn nicht. Sie war bezaubernd, schlank und hochgewachsen, mit einem Körperbau, der nur zu deutlich die weiblichen Formen offenbarte, obgleich sie in Männerkleidung steckte. Sie hatte ein schmal geschnittenes Gesicht, dazu einen Teint, der ihre Haut samtweich erscheinen ließ. Große, mandelförmige Augen standen unter hochgeschwungenen Augenbrauen, umrahmt von langen seidigen Wimpern. Ihre Nase war kurz und gerade, ihr Mund voll und weich, von einem wunderbar leuchtenden Rot. Das goldgelbe Haar schmückte sie wie eine Haube aus purem Golde. Sie trug es frei, nur mit einer Spange im Rücken gehalten. Es floss bis auf ihre gerundeten Schultern nieder.

So alt Garden auch geworden war, eine solche Schönheit hatte er in seinen langen Lebensjahren

noch nicht zu sehen bekommen. Gleich einem Schlafwandler war er näher getreten, verbeugte sich vor ihr und sagte: „Ich bin um zwanzig Jahre zu früh geboren worden, Madam. Wenn ich geahnt hätte, wer durch die Nacht daherkam, hätte ich Ihnen mit einem Span den Weg erleuchtet.“

Ihre unergründlich tief wirkenden Augen hatten einen violetten Schimmer. Sie richteten sich fest auf den alten Mann.

„Manchmal habe ich nichts gegen Komplimente“, sagte sie. „In Ihrem Alter, Freund, sollte man sie sich aber ersparen. — Louis, wo hast du diesen Greis aufgebracht?“, wandte sie sich fragend an Hyward, der ihr nicht von der Seite gewichen war.

Garden spürte deutlich, dass diese Frau eine große Macht auf das Rudel der Männer ausübte. Diese Macht hielt auch Hyward im Bann. Er wurde verlegen und erklärte ihr, wie Garden zu ihnen gestoßen war.

„Eine Belastung mehr“, sagte sie, als Hyward seinen Bericht beendet hatte. „Warum hast du ihn nicht sofort davongejagt?“

„Ich kann es nachholen, Darling, auf der Stelle. Du weißt doch, dass ich dir keinen Wunsch abschlagen kann.“

Ihr helles Lachen klang aufreizend spöttisch. „Jetzt ist es zu spät, er weiß bereits zuviel, Louis. Du schaltest immer ein wenig zu langsam. Wenn es mir in den Sinn gekommen wäre, von derartigen Männern hätte ich eine Hundertschaft in die Sättel bekommen und auf den Weg nach Carrizozo bringen können.“

„Sheila, ich werde dafür sorgen, dass er uns nicht gefährlich werden kann. Ich werde ihn unter meine persönliche Obhut nehmen“, mischte sich jetzt Beaumont ein. „Holde und ich sind mitschuldig. Sicherlich hattest du recht, man hätte den Kerl nicht erst ans Campfeuer lassen sollen.“

„Madam, ich werde nicht stören“, sagte Garden sanft, der mit Erstaunen erkannte, dass das so süß anzuschauende Frauenzimmer eine eiskalte Natur haben musste. „Ich bin ein Langreiter ohne Ziel!“

„Das, Oldman, sind wir alle!“

„Sei nicht zu hart zu ihm“, mischte sich jetzt Holde ein. „Es gab nichts zu verraten. Niemand von uns weiß etwas Bestimmtes, nur dieser John Ireland, und dem begegnen wir erst in der Stadt. Und was ihn betrifft, Sheila, setze dich nicht vorher für einen Mann ein, den du noch nicht kennst. Das ist doch sonst nicht deine Art.“

„Ich habe genug von John Ireland gehört, Freunde“, wandte sie sich an die Männer, die sie umringten. „Wenn nur zur Hälfte zutrifft, was ich über ihn gehört habe, kann ihm keiner von euch das Wasser reichen.“

 

 

3.

Dem riesigen Hyward schwollen die Zornesadern an. Man sah deutlich, wie es in ihm arbeitete, wie er sich zurückgesetzt fühlte. Er war gekränkt und beleidigt.

„Nimm es nicht so tragisch“, sagte Beaumont zu ihm, als das Mädchen an ihnen vorbei zum Campfeuer getreten war. „Sie hat eine Schwäche für überragende Männer, man muss ihr das verzeihen, Louis.“

„Sie hätte nicht hierherkommen dürfen!“

„Nur du scheinst dieser Meinung zu sein“, entgegnete Beaumont. „Schau dir die anderen Jungen an, keiner hat etwas gegen sie einzuwenden.

Die Gute ist nicht auf den Mund gefallen, sie steht ihren Mann, und was das Schießen anbelangt, glaube ich kaum, dass sie sich hinter einem von uns zu verstecken braucht. Sie sagt ihre Meinung frei heraus, gleichgültig, ob sie damit einen schockiert oder nicht. Es ist nicht abzuleugnen, dass sie schon ein ganz besonders ausgesuchtes Exemplar der weiblichen Gattung ist. Ich habe sonst entschieden etwas gegen weibliche Mitglieder in einem harten Männerverein, doch Sheila kann man sich gefallen lassen. Sie bildet die berühmte Ausnahme. Einen Rat von mir: versuche nicht deiner gekränkten Eitelkeit Luft zu machen, das käme bei den anderen Begleitern schlecht an. Bedenke, dass sie alle mehr oder weniger Sheila hörig sind. Bügele deine krause Stirn glatt, Louis, und setze dein bestes Lächeln auf. Vielleicht spielt sie den unbekannten und berühmten Ireland nur gegen dich aus, um deine Gefühle zu erproben.“

„Glaubst du das wirklich?“

„Warum nicht? Wer kennt schon die Seele der Frauen, wer ihre für uns manchmal verworrenen Gedankengänge?“

Er brach ab, denn erst jetzt bemerkte er den alten Garden, der dem Gespräch aufmerksam gefolgt war. Scharf wandte er sich an den alten Cowboy:

„Sie mag dich nicht sehr, Garden. Ich würde dir dringend raten, ihr aus den Augen zu bleiben!“

Der alte Mann lächelte, so dass sein faltiges Gesicht sich zu einer Grimasse verzog. Leise entgegnete er:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem solchen wunderbaren Körper keine Güte, keine Milde, überhaupt nichts Frauliches sein soll. Ich vermag es nicht zu glauben, dass diese Frau innerlich ein Eisberg ist.“

„Nach deiner Meinung, Oldman, wurde nicht gefragt!“, herrschte ihn Beaumont wütend an. „Vielleicht kennst du ihre Vergangenheit nicht. Sie war niemals eine wohlbehütete Tochter, hat niemals ein Elternhaus gehabt. Nie hat sie die leitende Hand von Eltern gespürt. Sie wurde in einem Waisenhaus erzogen, und als sie volljährig war, fand sie bald heraus, dass das Leben nur lebenswert ist, wenn man auf der Sonnenseite des Lebens steht.“

„Sie muss sehr einsam sein und sehr viel durchgemacht haben“, erwiderte der alte Cowboy nachdenklich. „Sie weiß vielleicht nicht einmal, dass sie sich auf dem falschen Wege befindet und in keiner gerade guten Gesellschaft ist.“

Beide, Beaumont und Hyward, sahen den alten Mann verblüfft und zornig an. Kein Wunder, dass Hyward ihm scharf erwiderte:

„Sie ist in der besten Gesellschaft! Aber ich würde dir dringend raten, deine Worte, bevor sie über deine Lippen kommen, genau abzuwägen!“

„Hyward, ich bin ein alter Mann. Du kannst deine geballte Faust sinken lassen, oder würde es dir etwa Freude bereiten, einen Wehrlosen niedergeschlagen zu haben? Würde dir das die geringste Ehre einbringen?“

In der Tat, die geballte Rechte des Riesen sackte herunter. Er tat einen tiefen Atemzug und drehte sich dann schroff um.

„Du tust alles, Oldman, um dich in unserem Kreis unbeliebt zu machen“, sagte Beaumont. „Vertraue nicht zu sehr auf dein hohes Alter und deine Harmlosigkeit! Alle Geduld hat einmal ein Ende. Gib nur gut acht, dass du es rechtzeitig erkennst.“

Mit diesen Worten ließ er den Alten stehen. Garden hob beide Schultern, schüttelte den Kopf und wischte sich über die faltige Stirn.

„Sie machen sich alle etwas vor“, murmelten seine blutleeren Lippen. „Einer hält sich für größer als der andere. Nichts hat sich gegen früher bei solchen Burschen geändert. Die Menschen lernen nicht viel dazu. Es ist jammerschade.“

Er verstummte und schaute sich die drei Neuankömmlinge an, jene Männer, auf die man im Camp gewartet hatte. Sie waren noch weniger vertrauenerweckend anzusehen als Beaumont, Holde und Hyward. Der Mann, der sich Bob Kesner nannte, war groß und hager. In seinem schmalen Gesicht standen wasserblaue Augen. Die Bewegungen dieses Mannes wirkten schlacksig. Im Gegensatz zu ihm war der zweite Mann klein und gedrungen, ein Mann von kräftiger Statur und einem Stiernacken. Sein schwarzer, struppiger Bart bedeckte fast das ganze Gesicht. Dort, wo man die Haut sehen konnte, war sie puterrot wie bei einem frisch gekochten Krebs. Er war immerzu in Bewegung, sein gedrungener Körper schien in ständiger Spannung zu sein. Wenn man diesen Mann eine Zeitlang beobachtete, hatte man das Gefühl, dass er jeden Augenblick auf einen losgehen würde.

Garden war froh, als Hyward, der sich zum Anführer aufwarf, vorschlug, das Camp noch jetzt

in der Nacht zu verlassen und weiterzureiten. Die anderen stimmten bis auf einen zu.

„Wenn du glaubst, dass ich nur in einem Hotelbett übernachten kann, irrst du dich sehr“, hörte Garden Sheila zu Hyward sagen. „Mir zuliebe brauchst du nicht zum Nachtritt aufzufordern. Ich bin nicht zimperlich und habe meine Nächte mehr als einmal im Freien verbracht.“

Hyward biss sich auf die Unterlippe, gab ihr aber keine Antwort.

„Er will dir sicherlich keinen Brei um den Mund schmieren, Sheila“, sagte Beaumont. „Du bist etwas zu sehr versessen darauf, deine Selbständigkeit zu zeigen. Fordere ihn nicht immerzu heraus, Sheila.“

„Vergesst lieber, dass ich eine Frau bin!“, erwiderte sie gereizt.

Die Männer, die sich bereits ihren Pferden zugewandt hatten, blieben stehen und wandten sich um. Der kleine Fowley, einer der Neuankömmlinge, ließ sein breites Lachen zuerst hören, die anderen stimmten mit ein. Der letzte, Tom Doyle, ein Mann, der eher einem Saloonhelden als einem Revolvermann glich und sicherlich noch nie in seinem Leben richtig gearbeitet hatte, sagte laut: „Dann müssten wir uns alle Scheuklappen aufsetzen, und auch das würde nicht genügen. Wir müssten blind sein, Sheila. Mit einer Horde Blinder aber könntest du wohl kaum durch die Gegend reiten. Du warst doch sonst nicht so empfindlich.“

Das Gelächter verstärkte sich, und man spürte, dass sie alle ihren Spaß hatten, nur Sheila Randolph nicht. Ihre blitzenden Augen verrieten nur zu deutlich, dass der Zorn in ihr entbrannt war.

„Lacht nur!“, sagte sie, indem sie sich auf ihr Pferd schwang. „Lacht nur immerzu, doch wer zuletzt lacht, das wird sich noch zeigen!“

Einer nach dem anderen verstummte. Garden hörte den bleichgesichtigen, hageren Kesner zu Fowley sagen:

„Ein Rasseweib, Freund, doch gefährlicher als wir alle zusammen. Ich war nur einmal verheiratet, aber das genügte mir fürs Leben. Frauen sollten daheim bleiben.“

Die Männer hatten das Camp jetzt abgebrochen. Holde löschte das Feuer. Er war der letzte, der sich in den Sattel seines Pferdes hob. Er holte bald auf und trieb sein Pferd neben den klapprigen Gaul, den der alte Garden unter seinem Sattel hatte.

„Versuche es nicht, dich abzuhängen“, sagte er zu Garden.

„Wir haben denselben Weg, Holde.“

„Schon, du könntest aber trotzdem auf dumme Gedanken kommen.“

„Keine Sorge, Freund, mit meinem Wallach würde ich kein Rennen aufnehmen können. Ich denke, dass so harten Männern wie euch eine solche übertriebene Vorsicht schlecht ansteht.“

Überrascht weiteten sich Holdes Augen, dann zuckten seine Mundwinkel, und einen Augenblick wurde sein vom Leben gezeichnetes Gesicht weich.

„Wir hätten uns Jahre früher kennenlernen müssen, Oldman“, sagte Holde nach einer kleinen Pause. „Ich habe das Gefühl, dass wir recht gute Freunde geworden wären.“

„Das ist nicht ausgeschlossen“, entgegnete der alte Cowboy. „Es gab eine Zeit, da ritt ich am Rio Grande River in einer harten Mannschaft. Drüben in Mexiko konnte man auf schnelle und glatte Weise zu Rindern kommen. Den Großgrundbesitzern machte es nicht viel aus, wenn einige hundert Rinder aus ihren Herden geholt und über die Grenze getrieben wurden. Jene Großgrundbesitzer waren so reich, dass sie nicht einmal wussten, wieviele Rinder sie hatten. Die Bevölkerung war

dafür aber um so ärmer. Es waren geradezu arme Teufel, die in Leibeigenschaft lebten und froh waren, wenn wir ihnen einige geschlachtete Rinder am Treibweg zurückließen. Sie gaben uns dafür manchen wertvollen Wink. Die Grenzrindergeschäfte waren damals ein lohnendes Geschäft. Hätte ich damals den richtigen Partner gefunden, gäbe es keine Alterssorgen für mich. Ich denke, wir wären als Freunde gut ausgekommen.“

„Allem Anschein nach hast du damals den falschen Partner gehabt.“

„So ist es. Es war einer, der mit dem Geld, das uns die Rinder einbrachten und das zum Aufbau einer großen Ranch in Kansas bestimmt war, durchging. Als ich ihn nach Jahren stellte, war das Geld verbraucht. Er war nicht so schnell wie ich. Man hängte es mir an, denn ich hatte keinen Zeugen, der aussagen konnte, dass der angesehenste Mann in der kleinen Stadt zuerst gezogen hatte. Ich musste fliehen und hatte die Aufgebote und Kopfgeldjäger lange Zeit dicht auf den Fersen.“

„Erstaunlich!“, unterbrach ihn Holde. „Ich hatte angenommen, du seist ein unbeschriebenes Blatt. Nach allem, was du da schilderst, erscheinst du mir für unseren Verein wie geschaffen.“

„Mit dem Unterschied, dass ich inzwischen vom Gesetz nicht mehr gesucht werde, dass sich herausstellte, wer der Mann, den ich niederschoss, wirklich war. Man zog meine Steckbriefe ein und vernichtete sie. Es tut mir leid, Holde, dass du in mir kein vollwertiges Mitglied sehen kannst, nicht nur wegen meines Alters.“

„Garden, ich weiß jetzt genau, dass wir Partner geworden wären. Nur hätte die Partnerschaft damals vor der Zeit sein müssen, bevor Mary krank wurde. Mein Leben wäre ganz anders verlaufen.“

„Unser Fehler ist, dass wir die Worte ,wenn‘ und ,aber‘, .hätte' und ,wäre' immer wieder in unsere Gedankenzüge einflechten. Es bringt nichts ein und kann Geschehenes nicht ändern, so sehr wir es uns auch wünschen. Es ist eine menschliche Schwäche, die nur zu sehr belastet. Jeder muss wohl seinen Weg gegen, es bleibt einem nichts erspart. Ich bin der Meinung, dass es eine falsche Vorstellung ist, wenn man von einem Mitmenschen glaubt, dass er weniger in diesem Leben zu leiden hat. Jeder bekommt das, was ihm zugedacht ist.“

Holde antwortete nicht. Er dachte über die Worte des Mannes nach, der neben ihm Bügel an Bügel durch die Nacht ritt. Verstohlen beobachtete er seinen Begleiter von der Seite her. Der alte

Mann ritt vornübergebeugt. Seine Schultern hingen herab, als trügen sie zu schwere Lasten. Er ertrug wie die anderen den kalten Wind, der gegen die Reiter und Pferde schlug. Hin und wieder sah er zu seinen Vorreitern hin, die ständig die Positionen wechselten. Einmal ritten sie um Sheila Randolph, dass der Reitertrupp einer Traube glich, ein andermal ritten sie weit auseinandergezogen.

Niemand hörte auf Hyward, der vergebens versuchte, einige Ordnung in den Trupp zu bringen. Deutlicher konnte wohl nicht gezeigt werden, dass sie ihn wohl als ihren Sprecher, nicht aber als ihren Boss anerkannten. Sie würden keine Befehle von ihm annehmen. Jeder dieser Männer pochte auf seine traurige Berühmtheit und hielt es unter seiner Würde, einem Befehl zu gehorchen. Garden fragte sich unwillkürlich, wie diese Raureiter sich wohl verhalten würden, wenn es jemand ernsthaft versuchen sollte, das Kommando an sich zu reißen.

„Einer nach dem anderen würde sich dagegen auflehnen“, sagte er im Selbstgespräch, doch laut genug, dass Holde ihn hören konnte. Dieser schien sofort zu begreifen, was der Reiter an seiner Seite damit sagen wollte.

„Gewiss, sie würden es tun. Dieser Ireland muss schon ein verteufelter Bursche sein, dass er so etwas an sich herankommen lässt. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hätte es nicht gewagt. Schon jetzt misstrauen sie ihm, schon jetzt ist jeder bereit, erst einmal herauszufinden, wie stark er wirklich ist. Bedenke, Oldman, dass jeder ein Einzelgänger war, dass er sozusagen sein eigenes Revier hatte. Man kannte sich untereinander und vermied es, sich ins Gehege zu kommen. dass jetzt alle unter einem Kommando arbeiten sollen, das ist wohl ein Unterfangen besonderer Art.“

„Dieser John Ireland hat sicherlich Mut“, warf Garden ein.

„Mut?“, echote Holde und lachte kichernd. „Mut, Oldman, ist wohl nicht der passende Ausdruck. Er ist verwegen, mehr noch, er ist waghalsig, vielleicht ein Angeber, vielleicht aber wirklich ein Kerl, wie er bis jetzt im Westen noch nicht vorkam. Aber wir werden ja sehen. Ich war in meinem Leben nie besonders neugierig, jetzt aber bin ich es. Ich bin nicht nur gespannt auf Ireland, sondern auch auf das, was er vorhat.“

Niemand von den Vorreitern störte sich um die Nachzügler, die Bügel an Bügel durch die Nacht ritten. Die Pferdehufe platschten in Wasserlachen. In kleinen Rinnsalen floss das Schmelzwasser zu

Tal. Der Wind trieb riesige Wolkenfetzen vor sich her. Es war eine unheimliche Nacht. Hin und wieder erblickte man durch die Wolkendecke Mond und Sterne. Dann erhellte das Licht der Nachtgestirne die Gebirgslandschaft, so dass man forscher reiten konnte. Wenn sich aber wieder Wolkenfetzen vor die Gestirne schoben, mussten die Reiter sich wieder auf ihre Pferde verlassen, die mit ihren Hufen den Weg ertasteten.

Acht Reiter stark war der Trupp, der sich manchmal schnell, dann wieder langsam bewegte. Um Mitternacht wurde eine kurze Pause eingelegt. Die ersten Ausläufer der Sacramento Mountains erhoben sich vor ihnen mit ihren stark bewaldeten Kuppen. Weiter im Süden lag die Höhle von Carlsbad und die Kalksteingrotten. Alte, ausgebrannte Prärieschoner verrotteten an der Nordseite des mitternächtlichen Lagerplatzes. Es waren die Zeugen der Vergangenheit, die hier zurückgeblieben waren. Nur der Himmel mochte wissen, was für ein erbitterter Kampf hier ausgefochten worden war, bis die drei Prärieschoner niedergesunken waren.

Ob wohl einer dieser Reiter an die Vergänglichkeit dachte im Angesicht dieses Zeugnisses aus der Vergangenheit? Das war kaum anzunehmen. Die Whiskyflasche kreiste. Auch Garden bekam einen Schluck des wärmenden Whiskys.

Man ritt weiter und entdeckte wenig später eine Hütte. Hyward schlug vor, die Bewohner zu wecken.

„Wozu?“, sagte Beaumont. „Es sind arme Teufel. Warum sollen wir uns mit kleinen Fischen aufhalten, wenn wir ausgewachsene Hechte bekommen können? Es wäre nur unnütze Zeitverschwendung. Hyward, enttäusche mich nicht mehr, ich dachte du hättest..."

„Schon gut“, schnitt Hyward Beaumont das Wort ab. „Ich habe eigentlich nur an einen Pferdewechsel gedacht. Frische Pferde würden uns rascher vorwärtsbringen.“

„Die Leute dort haben sicherlich nur Schafe“, sagte Beaumont nach eingehender Betrachtung der Hütte. „Mit den kleinen Leuten sollte es unsereiner nicht verderben. Wenn man sie sich zur Dankbarkeit verpflichtet, wird man die besten Helfer haben, die man sich nur wünschen kann. Je ärmer sie sind, um so dankbarer sind sie. Ich habe immer nur profitieren können, wenn ich diesem Grundsatz treu blieb.“

„Wenn sie dich nur richtig durchschauten, würden sie nichts von dir annehmen“, sagte Sheila

spöttisch. „Als ich jung war, habe ich zu solchen Kerlen wie du einer bist, wie zu Helden aufgeschaut, bis eines Tages die bittere Wahrheit das Bild der Helden erheblich trübte. Ich wollte wissen, wie diese Burschen, die so prahlerisch schenken, in Wirklichkeit sind. Nun, ich habe meine Lektionen bekommen und kann nur noch lachen. Es ist leicht, zu rauben und ein wenig davon zu verschenken. Die armen Leute ahnten kaum, was sie annehmen, ich hatte es aber schnell heraus. Ich lache über dich, Beaumont. Lass dir von mir gesagt sein, gerade die Armen sind besonders empfindlich, und wenn sie erst heraushaben, woher die Geschenke stammen, kannst du nicht schnell genug reiten. So dankbar und friedlich sie sind, so schnell können sie sich zu den schlimmsten Feinden, zu reißenden Wölfen verwandeln.“

 

4.

Meile um Meile ließen sie hinter sich. Man überanstrengte die Pferde nicht. Mal ließ man sie im Schritt, dann wieder im Trab gehen. Der alte Gaul unter Gardens Sattel hatte so keine Mühe, das Tempo zu halten. Die zweite Rastpause wurde vor Morgengrauen eingelegt. Es stellte sich heraus, dass der hagere Bob Kesner sich völlig betrunken hatte. Als man anhielt, fiel er aus dem Sattel und lallte ein Lied vor sich hin. Hyward packte ihn bei den Schultern und riss ihn hoch, stellte ihn auf die Beine und schüttelte ihn.

„Zum Teufel, Kesner, wer hat dir das erlaubt?“

„Ich, zu meinem eigenen Vergnügen“, sagte Kesner merklich nüchtern geworden. „Wer will mir verbieten, einen Schluck zu nehmen, wann es mir passt? Etwa du, Hyward?“

Es war erstaunlich, mit welcher Kraft und Gewandtheit er sich aus den Pranken Hywards befreite; noch erstaunlicher, dass er katzenhaft geschmeidig zurückwich und dann stehenblieb, so als hätte er nicht das mindeste getrunken.

„Ich trinke so viel und so oft ich will, ich lasse mir von niemand etwas vorschreiben!“

Mit schmalgezogenen Augenlidern stand er in bedrohlicher Haltung Hyward gegenüber. Alle anderen Männer waren zur Seite gewichen. Man sah deutlich, dass ihnen solche Auftritte nichts Neues waren, dass Zweikämpfe sie nicht sonderlich aufregten.

„Wenn ihr jetzt schon anfangt, euch Löcher in die Haut zu schießen, wird Ireland wohl kaum die komplette Mannschaft zusammenbekommen“, sagte zu aller Erstaunen der alte Cowboy Tim Garden mit sanfter und ruhiger Stimme.

Jetzt erst erkannten alle, dass Garden nicht aus der Feuerlinie gewichen war. Holde trieb sein Pferd vorwärts und drängte Garden mit seinem Gaul aus der Feuerlinie heraus.

„Wenn je einem alten Mann etwas Kluges einfiel, dann war es jetzt Garden“, sagte Sheila Randolph in diesem Augenblick. Vom Sattel her sah sie die beiden Kampfhähne fest an. „Ich wundere mich immer mehr darüber, warum ihr so gefürchtet seid. In Wirklichkeit seid ihr nur Raufbolde ohne einen Funken Überlegung und Verstand. Muss ein alter Mann euch erst sagen, wie ihr euch zu verhalten habt? Wenn euch nach einer Auseinandersetzung zumute ist, dann tragt es ohne Revolver aus.“

„Sicher, Sheila, sicher“, sagte Hyward grinsend. „Ich befürchte nur, dass Kesner deinen Vorschlag nicht annehmen wird. Er soll wissen, dass nur einer zu bestimmen hat, und dass ich nicht dulde, dass er sich betrinkt, nicht auf einem Ritt! Das könnte uns alle behindern. Der Himmel mag wissen, was man in einem trunkenen Zustande alles anrichten kann.“

„Du redest mir zu geschwollen, Hyward“, sagte Kesner mit einem so kalten Grinsen, dass einem ein Schauer über den Rücken rann. „Wir haben dich weder zum Anführer gewählt noch wirst du jemals eine solche Vorrangstellung bekommen. Es könnte dir so passen, mit den Fäusten über mich herzufallen. Ich liebe keine Faustkämpfe und trage meine Meinungsverschiedenheiten nur mit dem Revolver aus. Damit wir uns klar verstehen: nur mit dem Eisen! — Und jetzt los, Hyward!“

Es gab keinen Zweifel, die Flasche Whisky, die Kesner unterwegs von allen unbemerkt geleert hatte, hatte sein klares Denken getrübt. Sicherlich gehörte er zu jener Art von Männern, auf die der Alkohol eine nicht nur enthemmende Wirkung hatte, bei denen er auch einen gewissen Trotz heraufbeschwor. Dieser Trotz endete dann in bösen Gemeinheiten und Kämpfen. Solche Männer fanden eine Genugtuung darin, einen Kampf anzuzetteln. Jeder noch so gut gemeinte und vernünftige Einspruch würde abgewiesen, jede Mahnung in den Wind geschlagen werden. Nur das Böse war in diesem Mann wie eine verzehrende Flamme im Augenblick wach.

Böse wollte Kesner erscheinen, alle seine Kumpane sollten es sehen, es war eine Zurschaustellung, die besagen sollte, seht her, so bin ich, in mir ist nichts Weiches, nichts was nachgibt und Angst heraufbeschwört.

Jetzt zeigte es sich, wie unterschiedlich die Zuschauer reagierten. Die blonde Sheila schüttelte ihren Kopf so sehr, dass die Haare hin und her wirbelten. Ihr Temperament schien mit ihr durchzugehen. Scharf hörte man sie sagen:

„Die Narren sterben nie aus! Der verteufelte Whisky kann doch den besten Mann hirnlos machen!“

Fowley biss ruhig ein Stück Kautabak ab und begann seelenruhig zu kauen, als wäre die Sache bereits entschieden. Der Salonlöwe Doyle fingerte erregt an den blanken Knöpfen seiner geblümten Weste und zog so sehr daran, dass er plötzlich einen Knopf in der Hand hatte. Er stieß einen Fluch aus und ließ den Knopf in der Westentasche verschwinden. Genauso erregt wie Doyle war Beaumont, der sich das Halstuch von der Kehle zerrte, als bekäme er zu wenig Luft und litte an einem Erstickungsanfall. Zur gleichen Zeit wischte Holde sich den kalten Schweiß von der Stirn.

Hyward stand seinem Gegner geduckt gegenüber. Seine Rechte spreizte sich, schwebte dicht über dem Coltkolben mit dem geriffelten Griff. Der Riese machte keinen Versuch, Kesner von seinem Vorhaben abzubringen. Das hätte er niemals über sich gebracht. Die ganze Situation war verfahren.

Niemand achtete auf Garden. Man wurde erst auf ihn aufmerksam, als ein dumpfer Schlag erfolgte und Kesner vornüber ins nasse, abgestorbene Wintergras fiel, wo er besinnungslos liegenblieb.

„Das wäre also erledigt“, hörte man den alten Mann sagen. „Wenn er wieder zu sich kommt, wird er sicherlich im Sattel festgebunden sein und über sich nachdenken können.“

Fast zärtlich betrachtete er seinen Colt, mit dem er Kesner niedergeschlagen hatte. Alle schauten Garden an. Hyward erholte sich als erster von seinem Erstaunen.

„Dieser Kesner hat dir sein Leben zu verdanken, Oldman. Ich glaube aber kaum, dass er dir das jemals danken wird. Die Beule am Hinterkopf wird ihn vielmehr eher dazu verleiten dir einigen Kummer zu bereiten.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, bückte sich Hyward, ergriff den am Boden liegenden Kesner und trug ihn zum Dickicht, wo er ihn ein wenig später mit einem Strick fesselte. Hyward hatte kein Dankeswort für den alten Garden. Er war im Gegenteil fest davon überzeugt, dass er der Schnellere gewesen wäre. Es kam ihm einfach nicht in den Sinn, dem alten Mann, der die mörderische Auseinandersetzung verhindert hatte, zu danken.

Dank erwartete Garden jedoch auch nicht. Was er getan hatte, war selbstverständlich für ihn. Für ihn war es die einfachste Sache, die gefährliche Situation zu lösen.

Jetzt erst wurde die zweite Rastpause eingelegt. Nicht alle benutzten sie, um den Hunger zu stillen. Doyle kramte aus der Satteltasche Nadel und Zwirn und nähte seinen Westenknopf wieder an. Es machte ihm nichts aus, dass man ihn wegen dieser Tätigkeit verspottete.

„Ich lebe von meinem Aussehen“, sagte er. „Ich bin ein Berufsspieler. Nur ein gut angezogener Mann ist bei großen Hechten in der Lage, Vertrauen zu erwecken. Ein Rancher zum Beispiel würde sich nie mit einem abgerissenen Tramp zum Pokern an einen Tisch setzen. Man muss so aussehen, als verfüge man über eine große Börse.“

„Der Schein allein ist somit ausschlaggebend, wie?“, fragte Holde.

Doyle nickte und erwiderte:

„Genauso ist es. Das Aussehen allein entscheidet. Bei einem abgerissen aussehenden Kerl erwartet niemand einen größeren Geldbetrag. Ich halte meine Berufskleidung also in tadellosem Zustand, denn wer weiß, ob der große Job, von dem wir alle träumen, Wirklichkeit wird.“ Beaumont zog sich sein Halstuch zurecht, und Fowley spuckte einen Strahl braunen Tabaksaftes zu Boden. Als man nach der Rastpause wieder in die Sättel stieg, war Kesner noch immer ohnmächtig. Man hob ihn in den Sattel seines Pferdes und band ihn an Händen und Beinen an, so dass er nicht vom Pferd fallen konnte.

„Ich würde gern die Zügel seines Pferdes übernehmen“, sagte Garden zu den Männern, die sichtlich zögerten, die Zügel des Pferdes des Ohnmächtigen zu übernehmen. Allen war gewiss das Erwachen des Revolvermannes gleichermaßen unangenehm.

„Freund“, wandte sich Holde an Garden, „es zahlt sich nicht aus. Kesner ist so schnell nicht nüchtern. Du wirst schreckliche Flüche zu hören bekommen.“

„Die prallen von mir ab, Holde“, versicherte Garden. „Flüche haben noch keinem Mann die Haut geritzt.“

„Ich finde, dass das in Ordnung geht“, meldete sich Beaumont. „Schließlich hat er Kesner die Beule beigebracht. Es ist jetzt seine Sache, mit ihm fertig zu werden. Reiten wir also!“

Man schwang sich in die Sättel. Tim Garden übernahm die Zügel von Kesners Pferd, die er an sein Sattelhorn knotete. Wieder blieb Holde in der Gesellschaft des Alten. Während die anderen schon ein Stück vorausgeritten waren, beobachteten Garden und Holde Kesner, der jeden Augenblick erwachen konnte.

„Der Kopf muss ihm ganz fürchterlich brummen“, sagte Holde. „Du hast nicht gerade sachte zugeschlagen, Oldman!“

„Es gibt Situationen, in denen ich einfach über mich selbst hinauswachse, Holde“, erwiderte sein Begleiter leichthin. „Ich dachte mir, dass etwa die Kraft eines ausschlagenden Eselshufes die richtige Dosis für Kesner sein würde, und gab meinem Schlag die entsprechende Stärke. Ich habe mich nicht getäuscht, sein Schädel kann einiges vertragen.“

Details

Seiten
184
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939057
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541087
Schlagworte
cowboy

Autor

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Titel: Der alte Cowboy