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Ein Texaner kommt geritten

2020 185 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Texaner kommt geritten

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Ein Texaner kommt geritten

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 185 Taschenbuchseiten.

 

Kid Lewis hat das Land jenseits des Pecos, wenn auch schweren Herzens, verlassen. Er will nicht mehr einem Mann dienen, den er für einen Verbrecher halten muss. Er fürchtet sich vor sich selbst, vor seiner schnellen Revolverhand und möchte jedem Streit aus dem Wege gehen. Da holt ihn eine Nachricht ein, die all seine Pläne umstößt. Helen Nau, das Mädchen, das er zurückließ und das er auch jetzt noch liebt, erwartet ein Kind von ihm. Er muss zurück. Er muss aber auch, wenn er sich behaupten will, den Colt wieder umschnallen. Das Schlimme ist nur, dass er dann auch gegen Helens Brüder vorgehen muss, die Banditen geworden sind. Wie soll er sich verhalten?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Tabakrauch schlug Bob Gentry entgegen. Hinter ihm quietschte die Schwingtür in ihren Angeln und ließ die Nacht zurück, die sturmdurchpeitscht und unfreundlich war. Sein Pferd aber stand draußen an dem Holm angebunden, klatschnass, neben anderen wartenden Reitpferden. Bob Gentry kannte die Brandzeichen hier in der Gegend nicht. Die Pferde waren ihm also unbekannt wie ihre Besitzer. Der weite Ritt steckte ihm in den Knochen. Er war nicht mehr der Jüngste. Schon einige Tage war er unterwegs und hatte nur hin und wieder Rast gemacht, um sich und sein Pferd aufzufrischen. Staksig bewegte er sich jetzt vorwärts. Der Stimmenlärm war wie eine Woge, die gegen ihn anbrandete.

Niemand kümmerte sich um Bob Gentry, der gleich neben der Schwingtür stehengeblieben war und sich gegen die Wand lehnte, um sich auszuruhen. Es roch nach Tabak und Schweiß, nach Brandy und dem für ihn undefinierbaren Geruch verschiedener Parfüms. Das alles zusammen ergab eine Mischung, die ihm nicht behagte. Mit zusammengezogenen Augenlidern betrachtete er das Treiben im Saloon. Die Männer an den Tischen und an der Mahagonitheke starrten auf die Tänzerin, die sich im Takt der Musik eines blechern klingenden Klaviers auf der Theke bewegte. Das Flitterkleid leuchtete im Lichtschein wie eine Wolke aus rotem Staub. Der falsche Schmuck der Tänzerin funkelte und glitzerte bei jeder ihrer Bewegungen. Ihre silbernen hochhackigen Schuhe stampften die Thekenplatte.

Auf diese Tänzerin blickte unentwegt ein Mann an der Theke, dem man ansah, dass er über den Durst getrunken hatte. Er überragte die anderen Männer um Kopfgröße. Er war breitschultriger als sie und schmalhüftiger. An den leicht gebogenen Beinen erkannte man den Reiter. Die Nase war ein wenig gekrümmt und der Mund schmallippig, die Augen waren überdacht von schwarzen Brauen. Auf der breiten und klaren Stirn standen jetzt Schweißperlen.

Er ist hier, dachte Bob. Ein Atemzug der Erleichterung hob und senkte seine breite Brust. Sein Blick saugte sich förmlich an dem Mann an der Theke fest. Eine Woche war er diesem Mann nun schon gefolgt. Von Meile zu Meile mehr hatte er erkennen müssen, dass der andere sich keine Ruhe gönnte. Jetzt stand dieser Mann an der Theke, ein wenig benommen von dem genossenen Alkohol, von einem weiblichen Wesen in Bann geschlagen, das gerade ihm in der großen Schar der Männer besonders gefallen wollte. Nun, auch Bob Gentry musste feststellen, dass die Tänzerin einen Mann schon faszinieren konnte. Ihre grünen und schräggestellten Augen mahnten. Es war Leidenschaftlichkeit und ungestillte Sehnsucht in ihrem Blick.

Dem Mann an der Theke sah man an den Augen an, dass er von ihr wie magisch angezogen wurde. Er sah niemanden anders mehr als die Tänzerin. Darin unterschied er sich allerdings kaum von den anderen Gents im Saloon. All die Männer waren gekommen, um Gloria Karsten, die berühmte Tänzerin, zu sehen. Sie war die Attraktion, die Glanznummer dieses Saloons und stach den Zauberer, die Artisten und die kleine Girltanzgruppe klar aus. Sie hatte in ihrem ganzen Auftreten das, was Männer sehen wollten.

Nun, Bob Gentry war alt und erfahren genug, um mit klarem Verstand und wachen Augen viele Dinge zu erkennen, die ihre Wirkung auf die Menschen hier nicht verfehlten. Es wurde ihm deutlich vor Augen geführt, dass der Mann an der Theke keine Ausnahme bildete, dass er ein Mensch wie jeder andere auch war. Er blieb gewissen Reizen gegenüber nicht stumpf.

Bob Gentry gab sich einen inneren Ruck und schüttelte die Schwäche ab, die ihn gefangenhalten wollte. Er war nicht hierher gekommen, um philosophische Betrachtungen anzustellen und die Reize bestimmter Frauen auf Männer zu studieren.

Der Mann an der Theke trug noch die grauen, fleckigen Stiefel mit den roten Ziernähten und den großen texanischen Sporen. Sein 45er Colt war tief geschnallt und steckte in einem offenen Holster. Die Waffe selbst hatte weder Kimme noch Korn oder Bügel. Es gab keinen Waffenbesitzer im Saloon, der eine ähnlich zurechtgemachte Waffe trug. Nur ein echter Könner konnte es sich leisten, eine solche Waffe zu tragen, er musste traumwandlerisch sicher mit ihr umgehen können.

Ganz langsam setzte Bob Gentry sich in Bewegung. Von der Seite her näherte er sich dem Mann an der Theke, gewollt langsam, so dass man die Absicht vermuten konnte, dass er sich einen Drink an der Theke bestellen wollte. Niemand beachtete ihn, denn die Tänzerin bannte die Blicke aller. Er kam so dicht an seinen Mann heran, dass er beinahe Tuchfühlung mit ihm hatte.

Die Tänzerin schien sich mit leidenschaftlicher Hingabe an ihren Tanz selbst berauscht zu haben. Die Blicke der Männer vermochten sich nicht von dem zauberhaften Wesen auf der Theke zu lösen.

Dies war der Augenblick, in dem Bob mit seinem Zeigefinger ein wenig hart in den Rücken des vor ihm stehenden Mannes stieß. Mehr tat er nicht, er sagte kein Wort, nannte keinen Namen und sprach auch keine Forderung aus. Die Wirkung jedoch war frappierend. Die Tänzerin hatte es gesehen, und ein schriller Schrei löste sich von ihren Lippen. Sie erstarrte in der Bewegung und stand sekundenlang hoch aufgerichtet mit weit offenen Augen da. Ihre Brust hob und senkte sich erregt.

Das Schweigen wirkte beklemmend. Eine Drohung wuchs in den Raum hinein. Finster wirkte das Schweigen der Männer, denen eine Illusion zerstört worden war, denen jetzt die harte Nüchternheit des Lebens vorgesetzt wurde.

Ganz langsam drehte der große Revolvermann sich herum. Nein, er schnellte nicht herum, versuchte nicht seine Waffe aus dem Holster zu zaubern. Fast lässig drehte er sich herum und erkannte Bob Gentry sofort.

„Kid“, sagte Bob in die Stille hinein, „du musst zurückkommen! “

„Nein, nie, Bob!“, erwiderte der Angesprochene. „Ich hatte keine Freunde dort, niemanden, der mich halten könnte. Du hättest dir einen weiten Ritt ersparen können, Bob. Es ist zwecklos, und du weißt auch, warum. Meine Körpernarben sind noch nicht richtig verheilt. Gib deinen Versuch auf und lass uns einen Drink zusammen nehmen. Wir wollen uns als Freunde trennen. Unsere Wege gehen jetzt für immer auseinander.“

Bob Gentrys Blick wanderte zu der Tänzerin hin und richtete sich dann wieder auf Kid Lewis, den Revolvermann. Rau sagte er: „Ist es das?“

„Warum nicht?“, erwiderte Kid mit einem hintergründigen Lächeln um die Mundwinkel. „Das ist Gloria Karsten“, fuhr er fort, und sein Lächeln vertiefte sich.

Die Tänzerin warf sich mit einem Sprung in Kids Arme. Diese Aktion löste ein Trommeln und Klatschen der Begeisterung aus, schlug aber in gellende Pfiffe um, als Kid die Tänzerin küsste. Sie löste sich von Kid, warf Bob einen wütenden Blick zu und war im nächsten Augenblick hinter einem Vorhang verschwunden.

„Wir sollten uns jetzt unterhalten, Kid“, sagte Bob, der beruhigt darüber war, dass die Aufmerksamkeit der Männer sich bereits von ihnen abwandte. „Komm ins Nebenzimmer, setzen wir uns dort zusammen. Du kannst dir vorstellen, dass ich den weiten Ritt hinter dir her nicht unternahm, um zu sehen, wie schnell du eine Eroberung gemacht hast.“

„Es gibt gewisse Typen von Frauen, die es geradezu abgesehen haben auf mich, Bob“, sagte Kid. „Ich brauche nicht einmal die Hände nach ihnen auszustrecken.“

„Um so schwerer ist es dir, die Frauen zu erobern, die dir wirklich imponieren. Aber das scheint wohl in der Natur der Sache selbst zu liegen. Doch warum, zum Teufel, hast du das Land so fluchtartig verlassen? Du hast keinen Abschied genommen und keine Begründung gegeben. Ich hätte dich schon früher einholen können, wenn ich das geahnt hätte. Du bist heimlich, still und leise davongeritten.“

„Wie ein Dieb in der Nacht und genauso, wie ich ins Land gekommen bin, Bob“, unterbrach ihn Kid. „Ein anderer Mann hätte nicht erst so lange gewartet. Ich hätte es schon längst tun sollen, ich habe keine Freunde dort.“

„Weil du zu stolz und unnahbar warst und dich nie um Freunde bemüht hast, Kid. Du hast einen Wall um dich herum errichtet. Außer mir brachte dir kein anderer Mann Sympathien entgegen, um so mehr aber Helen. Du weißt es.“

„Sprich nicht von Helen“, unterbrach ihn Kid. Seine Wangenmuskeln zuckten, als hätte ihn etwas Unangenehmes berührt. „Seit nahezu acht Monaten sahen wir uns nicht mehr. Sie hat mich, und ich habe sie vergessen. Acht Monate hat sie sich irgendwo verborgen und hat sich verleugnen lassen. Sie sorgte dafür, dass wir uns nicht wieder begegneten. Ist das nicht deutlich genug, Freund? Sie hasst mich, und mehr noch, sie verachtet mich. Sie wünschte mich nicht wiederzusehen, und ich war ein Narr, dass ich es trotzdem immer wieder versuchte. Wer bin ich denn schon? Bin Revolvermann, und Helen sieht, dass Blut an meinen Händen klebt. Keine Seife vermag es abzuwaschen. Ich war ein Narr, als ich damals meinen Revolver ablegte. Ich hätte ihn so tragen müssen, wie ich ihn jetzt wieder trage. Ich hätte mich nicht der Illusion hingeben dürfen, dass man die Vergangenheit ablegen und als ein neuer Mensch beginnen kann, dass man mit niemand mehr Streit bekommt, wenn man waffenlos ist. Meine Waffenlosigkeit hat nicht verhindern können, dass man mir einige Kugeln aufbrannte.“

Im Gesicht von Kid Lewis war die Enttäuschung deutlich zu sehen. Seine Augen richteten sich fest auf Bob, und seine Rechte legte sich auf dessen Schulter.

„Nun gut, gehen wir ins Nebenzimmer“, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. „Ich muss dich enttäuschen, Bob, aber wir wollen weiterhin Freunde bleiben, du, der Mann, der sich das falsche Land aussuchte, und ich, der ruhelose Langreiter, der in seinem Beruf nicht mehr Fuß fassen kann. Eines haben wir gemeinsam, wir werden beide gejagt.“

„Ich stehe unter Druck, doch ich werde mich nicht davonjagen lassen“, erwiderte der grauhaarige Bob Gentry. „Ich liebe das Land, das ich unter den Pflug genommen habe. Ich habe es ausgewählt, und es ist mir und meiner Familie Heimat geworden. Ich war da, bevor die großen Rancher kamen. Ich war der erste, der die jungfräuliche Scholle aufbrach und das Korn säte. Maine Frau hasste das Land, und meine beiden Söhne waren mit Misstrauen erfüllt. Den älteren meiner Söhne verloren wir, als die Blockhütte stand, und den zweiten, als das erste Korn eingebracht wurde. Gott schenkte mir aber fünf Kinder, und sie verwurzelten mit dem Land und der Scholle. Die Gräber unserer Jungen sind auf meinem Land. Es ist Heimatland, und wir werden nicht aufstecken und davonlaufen, wir werden bleiben, bis wir zur ewigen Ruhe kommen.“

Bob Gentry atmete schwer. Der Druck der Hand Kid Lewis‘ auf seiner Schulter verstärkte sich. Die beiden Männer hatten sich in Bewegung gesetzt und strebten einer Tür zu einem kleinen Nebenraum zu, die Kid öffnete. Eine Petroleumlampe erhellte den Raum. Auf einem alten Plüschsofa lag Kids Packen, an der Wand lehnte seine Winchester.

„Gloria Karsten hat es mir ermöglicht, dass ich das Zimmer hier bekam“, sagte Kid. „Jetzt, kurz vor dem Rodeo, ist in der Stadt alles besetzt und kaum ein Hotelzimmer frei. Auf die Bitte des Mädchens bekam ich dieses Nebenzimmer und muss froh sein, ein Dach über dem Kopf zu haben. Nimm Platz, Bob. – Ein Brandy gefällig?“

„Nein danke, Kid, mir ist nicht danach zumute“, erwiderte der Alte in Gedanken versunken. „Brandy hemmt den Gedankenfluss und lässt manches in einem rosaroten Licht erscheinen. Ich aber möchte meinen klaren Kopf behalten. Warum, zum Teufel, hast du deine Stellung als Vormann der Drei-Sterne-Ranch aufgegeben?“

Kid Lewis ließ sich in einem Sessel nieder. Er holte seinen Tabaksbeutel hervor und rollte, nur mit der linken Hand, äußerst geschickt eine Zigarette. Er warf sie dem alten Gentry zu, der sie sicher auffing. Dann drehte er sich selbst eine und rauchte schweigsam wie Bob Gentry.

„Ich war nicht ganz mit den Methoden der Drei-Sterne-Ranch einverstanden“, sagte Kid Lewis nach einer Weile. „Der Boss ist mir zu machthungrig. Ich kenne einige dieser Menschen, die sich einbilden, die ganze Welt erobern zu können, und nicht einsehen wollen, welch lächerliches Unterfangen das ist. Aber wozu spreche ich von solchen Menschen, ich bin einfach nicht der Mann dazu, der dem Boss der Drei-Sterne-Ranch den Weg öffnen wollte, wie es nur mit dem Revolver geschehen konnte.“

Gentry nickte. Er verstand das nur zu gut und begriff auch, dass Kid lieber eine gute Stellung aufgab, als gegen sein Gewissen handeln zu müssen. Er musste daran denken, wie gut es doch wäre, wenn es viele Menschen von Kids Format geben würde. Nur wenige handelten so folgerichtig. Den meisten war eine gut bezahlte Stellung wichtiger als ein reines Gewissen, und nur zu leicht ließen sie sich vor einen Karren spannen, selbst wenn er im Sumpf und Morast steckenbleiben sollte. Kid Lewis zog es vor aufzugeben und davonzureiten, um anderswo neu anzufangen. Für den Rancher der Drei-Sterne-Ranch war sein Fortritt gewiss ein großer Verlust, denn jeder hatte gewusst, dass in der Zeit des Wirkens von Kid auf der Ranch sich diese erst so recht entwickelt hatte. Jeder im Lande hatte gewusst, dass im Grunde genommen der Vormann es war, der den Aufschwung brachte, und vielleicht hatte er deshalb keine Freunde gefunden.

Aus seinen inneren Gedanken heraus sagte Kid rau: „Ich sehe keinen Grund zurückzukommen.“

„Du musst, Kid.“

„Ich sagte dir doch schon, dass mein Entschluss unumstößlich ist. Vielleicht wäre ich geblieben, wenn Helen Nau mir nicht aus dem Wege gegangen wäre.“

„Du liebst sie immer noch?“, fragte Bob Gentry, und Kid nickte. Er hatte keinen Grund die Wahrheit zu bestreiten.

„Ja“, sagte er bewegt, „ich hätte sie geheiratet, und sie wusste es auch. Dennoch lief sie mir davon, als es bekannt wurde, dass ich ein Revolvermann war.“

„Kannst du das nicht verstehen?“, erwiderte Gentry.

„Nein, ich hatte sie ganz anders eingeschätzt. Ich hatte angenommen, dass sie frei von spießbürgerlichen Vorstellungen sei. Es war mir ernst mit meinem Vorsatz, nie wieder eine Waffe mit Kimme, Korn und Bügel zu berühren.“

„Bedenke, dass sie zwei Brüder hat, Männer, die auf verborgenen Pfaden reiten. Sie machte in ihrer Kindheit bittere Erfahrungen, und das musste sich auswirken. Sie musste Vergleiche ziehen. Dass du dabei nicht gut aussehen würdest, das hättest du dir denken können, Kid. Sie schämt sich ihrer Brüder und weiß, wie es ist, wenn man gemieden wird. Sie hat erfahren müssen, dass man auch ihr die Taten ihrer Brüder anhaftete, und mehr noch, sie hat unter dem Druck ihrer Brüder gehandelt, als sie dir aus dem Wege ging.“

Das Kinn Kid Lewis‘ streckte sich vor. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und alles in ihm spannte sich. In seine Augen kam ein heller Glanz.

„Woher willst du das wissen?“, fragte er Gentry mit seltsam kehlig klingender Stimme.

Ganz schmal zogen sich seine Augenlider. Jetzt war er ein anderer, ein Mann, den man nur anzusehen brauchte, um etwas von der Dynamik zu ahnen, die sein Innerstes ausfüllte. Für Bob Gentry war es die Bestätigung dafür, dass dieser Mann Helen Nau noch immer liebte, dass seine leidenschaftliche Zuneigung zu ihr nicht als Strohfeuer anzusehen war. Gloria Karsten vermochte bestimmt nicht mit Helen Nau zu konkurrieren. Dieser Mann liebte Helen Nau mit der ganzen Kraft und Innigkeit, wie sie nur ein Mann aufbringen konnte, der lange einsam gewesen war und seine bitteren Lektionen im Leben bekommen hatte. Aus der tiefen Einsamkeit seines Ichs war eine Liebe entflammt, die Erwiderung gefunden hatte. By Gosh, es war wirklich nicht schwer zu erkennen, dass Helen noch immer für ihn die Frau war, für die er alles tun würde. Die Nachricht, dass die Brüder zwischen ihn und Helen getreten waren, musste ihn schwer erschüttern. Gentry sah deutlich die Blässe, die das Gesicht seines Gegenübers überzogen hatte. Wie schwer war es diesem Manne gefallen, die Liebe aus seinem Herzen reißen zu müssen. Nun erfuhr er, dass Helen keine Schuld am Zerbrechen ihrer Liebe hatte.

„Wie konnte man das nur wagen!“, kam es bebend über seine Lippen.

„Die Brüder hatten einen besonderen Grund, Kid“, sagte Gentry rau. „Helen erwartet ein Kind von dir.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Nebenzimmertür, und Gloria Karsten, die Tänzerin, trat ein. Sie sah so bleich aus, dass man annehmen musste, dass sie gelauscht hatte. Sie schien das für sie peinliche Gespräch nicht ertragen zu können. Ihre schräggestellten Augen waren fest auf Gentry gerichtet.

„Wer, alter Mann, hat Ihnen das aufgetischt?“, fragte sie mit kehlig klingender Stimme.

„Helen Nau“, erwiderte Gentry. „Sicherlich hätte sie es niemals gesagt, wenn sie nicht so schwer erkrankt wäre. Es tut mir leid für Sie, Madam, dass Sie nun enttäuscht werden, aber ich musste meinen Auftrag ausführen. Sie dürfen Kid Lewis nicht zurückhalten.“

„Das würde mir auch nicht einfallen, Oldman“, unterbrach sie ihn. „Ich hatte ihn zu meinem Beschützer gewählt. Jeder weiß nur zu gut, dass eine Frau in einem solch frauenarmen Lande auf sich achten muss.“

„Sie werden mit Leichtigkeit einen anderen Gentleman finden, der es sich zur Ehre anrechnen wird, Ihnen dienen zu können. Ich hatte das Vergnügen, Ihren Auftritt mitzuerleben und sehen zu können, wie sehr man Sie verehrt. Alle Herzen stehen Ihnen offen.“

„Wenn das ein Trost sein soll, Oldman, dann ist er sehr billig“, erwiderte sie. „Ich hatte nicht das Glück einer behüteten Jugend. Ich kannte nicht einmal meine Eltern und wuchs bei fremden Menschen auf. So musste ich, schon früh auf die eigenen Beine gestellt, lernen, mich zu behaupten oder unterzugehen. Ich bin nicht untergegangen und habe mich an die brennenden und verlangenden Augen gewöhnt. Vielleicht ist meine Haut dicker geworden, als sie bei einem gewöhnlichen Sterblichen zu sein pflegt, und mein Herz hat einen Panzer bekommen, aber ich bin eine Frau geblieben, Oldman.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie auf Kid nicht verzichten wollen, Madam?“, fragte er sie überrascht.

„Diese Frage ist zu direkt“, erwiderte sie ohne Zögern. „Ich bin kein Kind mehr, Oldman. Ich habe viele wilde Städte und darin Männer gesehen, die ebenfalls sehr wild waren. Ich habe mir aber einen Blick für das Wirkliche und Echte bewahrt. Ich habe mich nie treiben lassen, wenn ich mich auch zur Schau stelle.“

„Ich verstehe, Madam“, erwiderte Gentry, dem es plötzlich sehr heiß im Nacken wurde. „Sie haben sich Kid ausgesucht und sind nicht gewillt, ihn einfach wieder davonreiten zu lassen. Sie kennen ihn doch kaum!“

„Macht das wirklich etwas aus?“, fragte sie. „Eine Frau mit meinem Beruf schult ihren Blick. Ich werde mit Kid gehen, denn ich habe genug gespart, um meinen Beruf endgültig aufgeben zu können. Ich werde Kid begleiten, zurückhalten werde ich ihn nicht.“

Kid gab keine Antwort. Die beiden Männer sahen sich bedrückt an, und Bob Gentry musste daran denken, dass das Erscheinen Glorias Helen Nau in die Hölle stürzen musste. Das musste sie als Frau doch deutlich erkennen. Aber warum schwieg Kid und sagte nicht, dass er ohne sie gehen würde? War er feige?

„Es geht nicht, Gloria“, sagte Kid Lewis nach langem Nachdenken. „Ich habe mich zu entscheiden, das hast du gehört. Du wirst wohl mitbekommen haben, dass Helen ein Kind von mir erwartet. Ich bin kein Schuft, der sich vor der Verantwortung drücken will. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.“

„Ich stelle keine Ansprüche, Kid“, unterbrach sie ihn. „Ich werde dir nicht im Wege sein. Du warst wie ein großer Bruder zu mir, und in deiner Nähe habe ich gespürt, dass kein Begehren in dir steckt, sondern nur Verstehen. Du hast all die Dinge, die mir bisher im Leben fehlten, die ich immer gesucht und bei dir erst gefunden habe. Ich beanspruche nichts. Du kannst mich als Fremde behandeln, und doch will ich in deiner Nähe sein. Du wirst das nicht verhindern können. Ich werde mir einen Store kaufen und das Tanzen aufgeben. Wo du dich hinbegibst, dort wird auch für mich Platz sein.“

„Sie würden in ein Land kommen, das vor dem Aufruhr steht; denn als ich es verließ, schwelte es schon unter dem Boden“, sagte Gentry. „Niemand könnte für Ihre Sicherheit garantieren, denn drüben, jenseits des Pecos, fehlt das Gesetz.“

„Überall ist das Gesetz“, unterbrach sie ihn. „Ich meine das Gesetz, das Gott den Menschen ins Herz pflanzte, das uns sagt, was gut und was böse ist, wo wir den rechten Weg finden und wo die Schatten der Hölle beginnen. Daran glaube ich. “

Der alte Mann senkte den Kopf. Noch nie war er einer Frau begegnet, deren Anschauungen in einem so krassen Widerspruch zu ihrem Beruf standen. Sie war in der Tat eine erstaunliche Frau, die unbeirrt ihren Weg ging und trotz aller bitteren Erfahrungen den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren hatte. Sie zeigte dem alten Mann, dass man durch Leid und Kummer gehen konnte, ohne in einen bodenlosen Abgrund zu fallen. Kein Wunder, dass sie ihm imponierte, dass er bedrückt war und nicht mehr den Mut fand, seine Redegewandtheit einzusetzen, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Senne Wangenmuskeln zuckten, und seine Zähne knirschten leicht aufeinander. Kid saß schweigend da, mit verkniffenem Gesicht.

„Ich habe dich gewarnt, Gloria“, sagte er schließlich zu ihr. „Dort drüben, jenseits des Pecos, treibt sich der Abschaum der Menschheit herum. Lange Zeit entschied im Lande dort die Vernunft, doch das scheint vorbei zu sein. Wenn du diese Stadt aufgibst, wendest du dich einer unsicheren Zukunft zu.“

„Sprichst du nur deshalb so, weil du daran glaubst, dass Helen Nau Schwierigkeiten machen könnte? In diesem Falle ist ihre Liebe nicht groß, Kid, und es ändert auch nichts, dass sie ein Kind von dir erwartet.“

Kid drehte sich zu ihr um. Sein Blick richtete sich fest auf sie.

„Helen ist frei von Eifersucht und niedrigem Denken“, sagte er mit fester Stimme. „Bob Gentry und ich haben nichts gegen deine Begleitung einzuwenden.“

„Um so besser! Mir bleibt es so erspart, euch nachzureisen“, erwiderte sie offen. „Wann reiten wir?“

„Morgen früh, Gloria.“

„Genug Zeit also, um meine Vorbereitungen zu treffen“, gab sie zur Antwort. „Ein gutes Reitpferd ist sicherlich bald gekauft.“

„Es muss sehr ausdauernd sein.“

„Ich kenne mich aus“, sagte sie. „Ihr braucht auch nicht zu befürchten, dass ich euch aufhalten werde. Ich kann reiten und werde euch nicht zur Last fallen.“

Sie wandte sich ab und ging aus dem Raum, hoch aufgerichtet und stolz, mit einem fast schwebenden Gang. Ihr rotes Haar lag wie flüssiges Gold auf Schulter und Rücken.

Als sie aus dem Raum war, atmete Gentry hörbar ein und aus. Mit dem Handrücken wischte er sich die Schweißperlen von der Stirn.

„Wer hätte ihr widerstehen können?“

„Bob“, murmelte Kid, „wie wird Helen das aufnehmen? Ich bin gar nicht so sicher, wie ich es Gloria glauben machen wollte. Immerhin ist Gloria eine sehr attraktive Frau.“

„Mehr noch, sie ist eine Schönheit, die man nicht einfach übersehen kann, Kid“, wandte der Alte ein. „Sie liebt dich.“

„Sie erinnert mich an meine Schwester“, sagte Kid. „Irgend etwas an ihr mahnt mich an das Bild meiner verstorbenen Schwester.“

„Für dich ist das ein Glück, dass es so ist, nicht aber für Gloria. Was zum Teufel hast du an dir, dass bestimmte Frauen nur so auf dich fliegen? Wenn ich dich so betrachte, dann fällt mir nichts Ungewöhnliches an dir auf.“

„Mag sein, Oldman“, erwiderte Kid mit einem Lächeln, das die Blässe aus seinem Gesicht fegte. „In der Tat ist wirklich nichts an mir, was den Frauen das Herz entflammen könnte. Offen gestanden, es ist mir tatsächlich nicht wohl bei dem Gedanken, dass Gloria mit uns kommt.“

„Mir auch nicht, Freund“, gab auch Bob Gentry grinsend zu. „Es ist ein langer Weg zurück,

und ich muss es wohl auf mich nehmen, dafür zu sorgen, dass ihr euch tatsächlich nicht doch noch verliebt.“

„Zum Teufel mit dir! Helen bedeutet mir alles, und ich werde bald Vater sein. Vielleicht werden Helen und Gloria eines Tages Freundinnen, und Gloria wird einen rechten Mann bekommen.“

„Sie will dich, Kid, auch wenn sie etwas anderes sagt. Vergiss nicht, dass sie eine leidenschaftliche Frau ist. Wir Männer stehen immer wieder vor dem Rätsel einer Frauenseele und werden diese Rätsel wohl niemals lösen.“

„Ich verstehe dich nicht, Oldman“, sagte Kid. „Erkläre mir das genauer.“

„Nun, ich kann dir das auch nicht erklären, aber die Zukunft wird es enthüllen. Ich bin kein Hellseher, Freund. Wie schwer ist es schon, die Vergangenheit ins Gedächtnis zurückzurufen. Auch sie verblasst bis auf das Wenige, das sich in uns festkrallt. Manchmal sind es belanglose Dinge, die im Gedächtnis haftenbleiben, und wichtige Dinge gehen dem Gedächtnis verloren.“

Kid Lewis antwortete nicht. Er saß in Gedanken versunken da und schien es nicht einmal zu bemerken, dass Bob Gentry sich erhob und aus dem Raum ging. Erst als die Tür hinter ihm zufiel, schreckte Kid auf. Er erhob sich und folgte Bob nach draußen, wo es noch immer regnete.

„Im Stall ist eine Box gleich neben meinem Reittier frei, Bob. Schaffen wir deinen Braunen dorthin und versorgen wir ihn. Morgen muss er wieder fit sein.“

Als der Braune versorgt war und an der Futterkrippe stand, tauchte der Stallmann auf. Kid sprach mit ihm, der nichts gegen die eigenmächtige Handlung einzuwenden hatte.

„Morgen sind zwei Boxen frei“, sagte Kid zu ihm. „Du wirst also nicht in Verlegenheit kommen.“

„Das Rodeo bringt die Menschen hierher“, erwiderte der Stallmann. „Wer jetzt keine Geschäfte macht, geht mit geschlossenen Augen durchs Leben.“

 

 

2.

Das Gedröhn von Pauken und Trompeten und dumpfem Hufschlag weckte Kid. Er schlug die Augen auf und war ein wenig benommen, als er Bob Gentry rasiert, angezogen und reisefertig am Tisch sitzen sah.

„Gloria Karsten war bereits hier“, sagte der grauhaarige Mann. „Sie hielt sich nicht lange auf und bestellte uns das Frühstück. Komm nur aus den Federn, Kid, die ganze Stadt ist schon auf den Beinen. Schade, dass wir nicht bleiben und uns das Fest ansehen können. Immer wollte ich ein Rodeo erleben, aber stets kam etwas dazwischen. Überall hat man die Stadt geschmückt, und man trifft nur auf lachende Menschen. Sie betrachten die halbwilden Stiere und ungezähmten Mustangs und wollen sich jetzt schon Klarheit verschaffen, wie sie ihre Wetten anlegen sollen. Schade, dass wir uns das Rodeo nicht ansehen können.“

Man spürte deutlich das echte Bedauern des alten Mannes. Er hatte sich immer wieder das Schauspiel, das bei einem Rodeo geboten wurde, ansehen wollen. Nie war er dazu gekommen, die Arbeit hatte ihn festgenagelt.

„Ich werde weiterhin davon träumen müssen, wie die besten Cowboys in der Arena ihre Tricks und Kunststücke vorführen.“

Er brach ab, denn Kid hatte den Raum verlassen. Müde wischte er sich über die Stirn. Als das Frühstück von einem Mädchen serviert wurde, war er noch immer so in Gedanken, dass er nicht

einmal ihren Gruß erwiderte. Nein, er dachte jetzt nicht mehr an das Rodeo, er dachte jetzt an sein Land und an Helen Nau und auch an deren Brüder. Er musste auch an den Boss der Drei-Sterne-Ranch denken, der dabei war, sich ein Rinderreich zu schaffen. Er dachte an die Schwierigkeiten, die zu bewältigen er allein viel zu schwach war. By Gosh, es sah in der Tat nicht rosig aus. Auch ein Rodeo konnte die Sorgen nicht verscheuchen, die sich zu Berge türmten.

Bob Gentry trat ans Fenster und sah auf die Straße hinaus, wo die Mitglieder der Kapelle hoch zu Ross ihre alten Cowboylieder aus den Instrumenten lockten. Flaggen wehten, und grüne Zweige schmückten Hauswände und Toreinfahrten. Blumen und Tannengirlanden waren von Haus zu Haus quer über die Mainstreet gespannt. Alles sah festlich aus in dem milden Sonnenschein, der den Tag verschönerte. Alles war so recht dazu angetan, einen Menschen froh und heiter zu stammen und ihn vergessen zu lassen, dass er ständig mit den Widerwärtigkeiten des Lebens zu kämpfen hatte.

„Gloria Karsten wartet auf uns“, hörte Bob Gentry die Stimme Kid Lewis‘ hinter sich.

Bob Gentry wandte sich um und sah, dass der Jüngere bereits reisefertig war. Er trat zum Tisch, um das Frühstück einzunehmen. Auch Bob setzte sich an den Tisch, um mit Kid zusammen zu frühstücken. Sie aßen schweigend, und nach dem Frühstück half Bob dem Jüngeren, seine Packen auf den Rücken seines Packtieres zu schnallen. Wenig später hoben die Männer sich in die Sättel ihrer Reittiere. Kid Lewis befestigte die Longe seines Packpferdes am Sattelhorn seines Reittieres. In diesem Augenblick kam Gloria Karsten herangeritten. Sie ritt einen Apfelschimmel, den sie einem Mietstallbesitzer abgekauft hatte.

Gloria sah jetzt ganz anders aus, als Bob sie bei seiner Ankunft kennengelernt hatte. Ihre Lippen waren rot leuchtend auch ohne Schminke, und ihre Haut hatte wahrhaftig keinen Puder nötig. Sie hatte keinen Damensattel gewählt und ritt wie ein Cowboy. Die schlichte Cowboykleidung stand ihr besonders gut zu Gesicht. Ihre Weiblichkeit wurde darin mehr betont als verdeckt. Sie wirkte in der Tat aufregender als bei ihrem Tanz auf der Mahagonitheke.

Unwillkürlich schaute Bob seinen Begleiter an. Er sah, wie in Kids Augen dunkle Schatten standen und er die Lippen fest zusammenpresste. Vielleicht wurde ihm jetzt noch deutlicher vor

Augen geführt, dass sein Zurückkommen mit einer solchen Frau die Schwierigkeiten noch verstärken musste.

Kid fragte sich unwillkürlich, ob Helen wohl stark genug sein würde, um allen Klatschereien die Stirn zu bieten? Er kannte sie zwar, und doch nicht gut genug, um diese Frage beantworten zu können. Ich möchte Helen nicht verlieren, nicht jetzt, dachte er. Ein Kind wird bald das Licht der Welt erblicken, Helens und mein Kind, das aus unserer Liebe erwuchs. Ich hätte alles tun müssen, um Gloria daran zu hindern, mit uns zu kommen. Es würde aber wohl keinen Sinn gehabt haben, sie wäre uns trotzdem gefolgt. Wir leben in einem freien Land, und jeder hat das Recht, seinen Wohnsitz dort zu wählen, wo es ihm gefällt. Wenn sie ein neues Leben beginnen will, dann ist das ihre Sache. Wir sind Freunde, nichts weiter. Sie könnte meine Schwester sein.

Für Helen wird es untragbar sein, dachte Bob Gentry. Jetzt müsste ich Kid die volle Wahrheit sagen, dass Helens Brüder ihn nämlich für den größten Schuft der Welt halten, dass sie geschworen haben, ihn von dieser Welt zu fegen. Jetzt müsste ich ihm sagen, dass sie sich mit sehr zweifelhaften Kerlen verbündeten, und dass sie sich von Rog Schebler haben anwerben lassen, dem Boss der Drei-Sterne-Ranch. Ich kann es ihm nicht sagen, vielleicht würde er zurückschrecken und es ablehnen, in eine Welt zurückzukommen, die ihm verteufelt feindlich gesonnen ist. Ich muss vorsichtig sein.

Wenn man Gloria Karsten so betrachtete, konnte man annehmen, dass der weite Ritt ihr Freude bereite, als handele es sich um einen Spazierritt. Niemand konnte ihr ansehen, dass sie mit der Vergangenheit gebrochen hatte und in eine neue Zukunft hineinreiten wollte. Nein, man konnte es tatsächlich nicht von ihrer klaren Stirn ablesen. Sie schien innerlich erregt zu sein, wie man an der feinen Schwingung ihrer Stimme erkennen konnte.

„Dann also los, Freunde!“

„Gloria, du kommst ohne Gepäckpferd?“

„Ich brauche keins“, erwiderte sie. „Meine Kostüme habe ich verschenkt und dazu all das, was mich an meinen Beruf erinnern könnte. Mir genügt das, was ich im Packen und in den Satteltaschen habe, es ist alles zweckmäßig, auch der Revolver, den ich mir kaufte.Worauf warten wir noch?“

Kid Lewis antwortete nicht. Er nahm seinen Rappen herum, so dass das Packpferd die gleiche Bewegung ausführen musste und ritt an. Gloria Karsten setzte sich mit ihrem Apfelschimmel an seine Seite und Bob Gentry ritt hinter den beiden her.

Bob interessierte sich im Augenblick für die vielen Menschen, die sich drängten und in Gruppen zusammenstanden, die beritten und zu Fuß in die Stadt strömten. Die ganze Farbigkeit New Mexikos kam in der Kleidung der Menschen zum Ausdruck. Noch nie hatte Bob so viele leuchtende Augen und so viel Schönheit gesehen. Früher waren ihm die Mexikanerinnen als nicht besonders schön erschienen. Das kam sicherlich davon, dass er vorwiegend alte Frauen zu sehen bekommen hatte. Hier flanierten die entzückendsten Geschöpfe, schlank und biegsam, an Schönheit den so berühmten Kreolinnen von Texas in nichts nachstehend. Golden getönte Hautfarbe, fehlerloser Teint und die drei angemalten zinnoberroten Flecken auf den Wangen, die biegsame Gestalt, all das verlieh den Frauen ein zauberhaftes Aussehen. Bob konnte nicht verleugnen, dass er ein Mann war, und dass ihm der Blick für das Schöne nicht verlorengegangen war. Auch seine Frau war eine Mexikanerin. Er entsann sich noch gut daran, wie er sie kennengelernt hatte, und wie schwer es für ihn gewesen war, in eine mexikanische Familie hineinzukommen. Damals standen sich Mexikaner und Nordamerikaner sehr feindlich gegenüber. Durch seine Frau war Bob am Leben geblieben. Sie hatte ihn vor ihren Landsleuten gewarnt, als man Jagd auf ihn machen wollte. Das alles war aber schon lange her, und Texas war inzwischen längst unabhängig geworden und New Mexiko dazu. In seiner Erinnerung wurde aber die Vergangenheit wieder lebendig, als er jetzt die Mexikanerinnen sah. Fünf Kinder hatte seine Frau ihm geboren, drei waren davon noch am Leben und schon so weit, dass sie Hand mit anlegen konnten. In wenigen Jahren würden sie ihre eigenen Wege gehen.

Bob Gentry war schon ein alter Mann, wenn auch noch rüstig und stark. Mit zunehmendem Alter war er ruhiger und besonnener geworden. Es tat aber gut, sich wieder die Zeit der großen Liebe ins Gedächtnis zurückzurufen, gerade jetzt, wo nach all den Jahren so viel auf dem Spiel stand. Der Verlust dessen drohte, was man durch jahrelangen Fleiß und Sparsamkeit geschaffen hatte. Es gab nur einen Menschen, der gegen die mächtigen Feinde angehen konnte, das war Kid Lewis, der Texasmann. Es war gut so, dass man bereits unterwegs war, gut, dass Kid zurückkehrte.

Bob atmete auf, als die Stadt hinter ihnen lag. Der Zustrom der Menschen zur Stadt hielt noch immer an. Manch einer warf den drei Reitern erstaunte Blicke zu. Vielleicht fragte man sich, wer so kurz vor dem Rodeo noch die Nerven hatte, die Stadt zu verlassen. Nur einmal im Jahr veranstaltete man das Rodeo.

Am späten Nachmittag wurde die erste Rastpause eingelegt, mitten auf einer sonnendurchfluteten Lichtung, auf der Reh und Wapitihirschspuren einen starken Wildbestand verrieten. Überall war bereits das goldgelbe Herbstlaub in den Bäumen. Schon sehr früh stiegen die ersten Nebelschwaden aus den Wiesengründen auf.

Als man das Lager abgebrochen hatte und weiter ritt, sagte Gloria: „Ich liebe diese Zeit. Manch einen stimmt sie schwermütig und melancholisch. Mich erinnert sie aber an die Zeit, in der ich glücklich war und keine Sorgen kannte. Das war nur eine kurze Zeitspanne, aber sie hat meinem Leben einen besonderen Stempel gegeben. Ich habe viel gespart, um so leben zu können, wie ich es mir erträumt habe.“

Gloria schwieg, sie brauchte den Männern nichts weiter zu erklären. Nach einiger Zeit schickte die Nacht ihre Schatten ins Land. Es war Zeit, das Lager für die Nacht herzurichten. Bob schlug Holz, und Kid ging auf die Jagd. Nach einiger Zeit kam er mit einigen Wildhühnern zum Lager zurück. Das Feuer brannte nach Indianerart mit kleiner rauchloser Flamme. Gloria bereitete das Mahl zu und servierte es. Sie übernahm ohne große Worte ihren Teil der Arbeit und zeigte, dass sie nicht zimperlich war.

Am Himmel leuchteten die Sterne. Schwarz wogte das Gezweig über dem Lager, und die Pferde, die bisher ruhig gestanden hatten, hoben die Köpfe und nahmen Witterung auf. Unruhig traten sie auf der Stelle.

Kid Lewis warf seinem alten Partner einen schnellen Blick zu und nickte, als dieser die Feuerung auseinanderriss und löschte. Er wusste nur zu gut, dass Brandgeruch ein sicherer Wegweiser für Leute war, die geübt und mit der Wildnis vertraut waren. Einen Besuch wünschten aber weder er noch Kid.

Bob Gentry sprach leise auf Gloria Karsten ein. Kid machte sich lautlos davon, und Bob zog das Mädchen vom Lager weg und blieb unter Bäumen in der Nähe der Pferde mit ihr stehen.

„Ist es so schlimm?“, fragte sie den alten Mann.

„Wer soll das wissen, Madam“, gab er ihr zur Antwort. „Vorsicht ist immer geboten, besonders wenn man nicht genau weiß, ob uns aus dem Land hinter dem Pecos nicht doch jemand heimlich folgte. Rog Schebler ist mit allen Wassern gewaschen.“

„Rog Schebler, der Boss der Drei-Sterne-Ranch?“

„Genau der. Ihm kündigte Kid Lewis die Stellung als Vormann. Es muss etwas zwischen den beiden gegeben haben, was mich einiges für Kid befürchten lässt. Es wäre schlimm für uns alle, wenn jetzt schon der Kummer beginnt. Wir wollen hoffen, dass es nicht so ist, Madam, sonst wären Sie besser in der Stadt geblieben.“

„Nein“, sagte sie, „ich habe mich entschieden. Ich weiß, warum Kid von der Drei-Sterne-Ranch ging. Er hatte herausgefunden, dass Schebler selbst es war, der ihn dreimal hinterrücks überfallen ließ, als er herausfand, dass Kid dahintergekommen war, dass er selbst seine Rinder abtreiben ließ, um Sie, Bob Gentry, dieser Tat zu beschuldigen.“

„Hat Kid Ihnen das anvertraut?“

„Ja“, erwiderte sie. „Kid ist also nicht so unvorbereitet, wie Sie glauben.“ In ihren Augen leuchtete es auf. „Er wäre aber trotzdem nicht zurückgekehrt, wenn Helen Nau ihn nicht so dringend brauchte. Für sie wird er mitten durch die Hölle reiten.“

„Und Sie reiten trotzdem mit?“

„Ja“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Helen muss eine großartige Frau sein.“

„Das sagen ausgerechnet Sie, Madam?“, staunte Bob Gentry und sah sie mit schmal gezogenen Augenbrauen aufmerksam an. „Sie nimmt Ihnen eine große Hoffnung, Madam.“

„Nein“, unterbrach Gloria ihn leise. „Wenn es so wäre, hätte ich nicht die Kraft dazu gefunden, mich euch anzuschließen, mich sozusagen aufzudrängen. Vielleicht ist es eine gewisse Art Neugier, die mich dazu treibt, Helen Nau kennenzulernen. Vielleicht möchte ich aber auch einer jener Menschen sein, zu denen Kid jederzeit kommen und von denen er jederzeit Hilfe bekommen kann. Vielleicht braucht er jetzt mehr denn je Menschen, die zu ihm stehen. Nur darum ließ ich mich nicht abschütteln.“

Bob antwortete nicht. Er sah Gloria jetzt mit ganz anderen Augen an. Er spürte, dass es falsch war, einen Menschen nach seinem Beruf einzuschätzen und zu glauben, dass Beruf und Privatleben Hand in Hand gingen. Gloria war in Ordnung, so warmherzig und kameradschaftlich, wie man sich nur einen Menschen wünschen konnte.

 

 

3.

Langsam bewegte Kid Lewis sich in der Richtung fort, in die die Pferde gewittert hatten. Es zeigte sich jetzt, dass Kid eine andere Schulung als ein Cowboy hinter sich hatte. Er bewegte sich mit indianischer Lautlosigkeit und größter Sicherheit vorwärts. Er schien Nachtaugen zu besitzen. Nicht ein abgestorbenes Blatt raschelte unter seinen Stiefelsohlen. Schattenhaft weich bewegte er sich durch das Gesträuch den Hang hinunter, an einer Geröllhalde vorbei. Die auf den Schlafästen sitzenden Krähen flogen nicht einmal auf.

Jede Deckung nutzte Kid aus. Immer wieder machte er halt und orientierte sich. Plötzlich blähten sich seine Nasenflügel auf. Er hatte Pferdegeruch wahrgenommen. Dieser Geruch führte ihn ganz sicher weiter. Wenig später tauchte er bei einer Gebüschgruppe auf. Zwei Pferde waren an herabhängenden Ästen angebunden. Er kam gegen den Wind, und so witterten ihn die Tiere nicht. Die Satteltaschen hingen schwer herunter. Spitz ragten die Winchester aus den Scabbards. Trotz der spärlichen Beleuchtung waren die Brandzeichen der Drei-Sterne-Ranch auf den Flanken der Tiere zu erkennen. Fast starr bildete Kid darauf. Sein Herz schlug dumpf und schwer.

Das also war es! Bob war nicht allein gekommen. Sie hatten sich an ihn angehängt, und mehr noch, die Verfolger waren bereits in der Nähe. Kids Kinnmuskeln zuckten, und seine Augenlider schlossen sich fast ganz. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr, zwei Männer waren in der Nähe, die wie ihr Auftraggeber sicherlich nicht recht begriffen hatten, warum er waffenlos in Texas gelebt hatte. Kid hatte dadurch mehr eingesteckt, als ihm lieb war. Er hatte ein neues und besseres Leben leben wollen, das Leben eines Mannes, der nicht nach dem Revolver griff. Der Erfolg der Männer über ihn war ihnen sicherlich zu Kopf gestiegen. Das machte sie unvorsichtig.

Kid Lewis blickte nur sekundenlang auf die Pferde, dann trat er rasch heran, öffnete die Satteltaschen und fand, was er suchte. Er zog ein Klappmesser hervor und zerschnitt die Bauchgurte der Pferde, dabei redete er leise auf die Tiere ein, die sich eng aneinander drückten und ihn unruhig beäugten. Sie beruhigten sich erst völlig, als er einen indianischen Trick anwandte und ihnen seinen Atem in die Nüstern blies. Jetzt bewegten die Tiere sich nicht mehr. Ihre Nervosität konnte also ihren Reitern keine Warnung mehr sein. Kid glitt danach in die Deckung des Gestrüpps zurück und folgte den Fußspuren der beiden Männer.

Die Tatsache, dass die beiden Männer nicht direkt dem Rauchgeruch nachgegangen waren, zeigte nur zu deutlich, dass sie keineswegs in freundlicher Absicht gekommen waren. Sie wussten genau, wer vor ihnen war. Kid würgte es in der Kehle, denn deutlicher konnte es ihm nicht vor Augen geführt werden, dass diese Kerle zu dem Gesindel der Drei-Sterne-Ranch gehörten, das dem Boss bedingungslos gehorchte und keine Skrupel vor einem Überfall aus dem Hinterhalt hatte. Sie wussten sicherlich nicht, dass er seinen 45er wieder trug, dass er nicht mehr dazu bereit war, sich zu ducken und sich demütigen zu lassen. Trotz allem hätten sie sich nach seinem Fortritt sagen müssen, dass er vorsichtig und nicht bereit war, sich so leicht fertigmachen zu lassen. Schebler hätte mehr Männer aus seiner verruchten Mannschaft auf seine Fährte setzen müssen. Zwei Mann aber würden Kid nicht aufhalten können.

An einer Geländestelle, wo die Fußspuren besonders deutlich wurden, beugte er sich tief über sie. In seinen Augen verstärkte sich der stählerne Glanz. Er hatte an den Fußspuren etwas erkannt, was ihn anspornte und schneller werden ließ. Er wusste jetzt, dass er einen der gefährlichsten Kerle aus Scheblers Mannschaft vor sich hatte. Es war Amb Swift, ein Mann, von dem man nicht wusste, ob seine Düsternis echt oder nur gespielt war. Jeder wusste, dass Amb Swift grausam war, dass er ein Mensch voller niedriger Instinkte war. Man sagte, dass irgendein böses Erlebnis ihn so hatte werden lassen. Swifts Einbildungskraft war nicht stark, er lebte dem Augenblick und war jederzeit bereit, etwas Böses zu inszenieren. Diesem Mann galt der Tod nichts. Weder Ehrfurcht noch Grauen schien er davor zu haben. Der Tod einer Frau würde ihn so wenig berühren wie der Gewalttod eines alten Mannes. Es galt für Kid, sich schneller vorwärtszubewegen.

Der Weg zurück war mit Hindernissen übersät, und Kid machte sich nichts vor. Man hatte

begriffen, dass er nicht nur zurückkommen würde, um Helen zu holen, dass er, einmal zurückgekehrt, das Land nicht ein zweites Mal verlassen würde. Das hatte auch Gloria Karsten begriffen, als er sich zum Rückritt entschloss. Kids Herz schlug dumpf. Er hatte das Gefühl, dass man es müsste klopfen hören. Schneller bewegte er sich vorwärts, jetzt aber, um den Kerlen, die seitlich abgewichen waren, den Weg zur Hügelkuppe abzuschneiden. Die innere Unruhe trieb ihn vorwärts. Sie nahm zu, als er in die Nähe des eigenen Lagers kam und vom Feind nichts erblicken konnte. Mit scharfen Blicken versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen. Plötzlich stand er still, hielt den Atem an und lauschte. Nichts war zu hören, nur einige Zweige bewegte der Wind dort, wo das Lager war. Hinter den mannshohen Steinen standen die Pferde. Die Steine aber mussten eine geradezu herausfordernde Marke für die beiden unsichtbaren Männer im Gelände sein. Kid hatte aus einem inneren Impuls heraus diese Stelle angesteuert. Die beiden Feinde mussten sie passieren, so hoffte er.

Die Zeit eilte, sie verrann mit jedem Herzschlag. Nie hatte Kid es aber auch so deutlich empfunden, dass Sekunden zu Ewigkeiten werden konnten. Jetzt, als ein Laut für Kid hörbar wurde, sank seine Rechte tiefer und schwebte über dem Coltkolben. Nur ein kleiner Stein hatte ach bewegt, weiter war nichts geschehen. Das Geräusch, das aber nicht weit von Kid entfernt gewesen war, löste die Unsicherheit und bestätigte ihm, dass er seinen Gegnern zuvorgekommen war und einen guten Platz zu ihrem Empfang ausgesucht hatte. Er stand ganz still, einer aus leblosem Material geformten Statue gleich. Er wusste, dass jeden Augenblick ein Feind aus dem Erdboden vor ihm aufwachsen konnte und war bereit.

Mit einem mächtigen Satz schnellte Kid vorwärts, als er eine Gestalt vor sich auftauchen sah. Seine aus dem Holster gezogene Waffe sauste herab und traf. Mit einem Stöhnen brach unter ihm ein Mann zusammen und glitt lautlos ins Moos. Im nächsten Augenblick leuchtete es tiefer im Hang auf. Das Stöhnen war gehört und richtig gedeutet worden. Der zweite Gegner schoss, selbst auf die Gefahr hin, seinen Partner selbst zu treffen. Das böse Pfeifen der Kugel konnte Kid nicht lähmen oder aufhalten. Sein Revolver krachte. Das Mündungslicht tiefer am Hang war ein gutes Ziel. Die Kugel ging allerdings fehl.

Der Gegner hatte sich nach seinem Schuss sofort fallen lassen. Kid hörte Äste brechen und schoss die zweite Kugel in das Buschwerk hinein. Er bückte sich und kniete neben dem ohnmächtig gewordenen Gegner nieder, der keinen Laut mehr von sich gab. Wieder blitzte es auf, doch diesmal schon tiefer am Hang, wo dicke Stämme schon gute Deckungsmöglichkeiten boten. Die zweite Kugel ging weit fehl und ließ vermuten, dass der zweite Gegner bereits ein Rückzugsgefecht lieferte. Er nährte wohl die Hoffnung, seinen Gegner so lange zurückhalten zu können, bis er die Pferde erreicht hatte. Das war ein Zeichen dafür, wie wenig Rücksicht der Kerl auf seinen bereits bezwungenen Partner nahm. Nein, dieser Mann dachte nur an ein heiles Entkommen. Es musste Swift sein, denn nur er konnte so gemein handeln.

„Kid“, dröhnte Bob Gentrys Stimme, „melde dich!“

Die Angst um Kid war deutlich aus diesem Ruf herauszuhören. Gloria Karsten schwieg. Vielleicht war ihr die Kehle vor Angst zugeschnürt. Es war ihr wohl aufgegangen, wie hart die Menschen sich gegenüberstehen und bekämpfen konnten. Vielleicht stand sie zitternd und von banger Sorge erfüllt neben dem alten Mann und wagte kaum noch zu atmen.

„Kommt beide“, sagte Kid, der es nicht wagen konnte, sich von seinem ohnmächtigen Gegner zu entfernen. „Kommt, ich habe einen der Schufte erwischt. Bringe einige Riemen mit, Bob.

„Wir kommen“, erwiderte der Alte, und wenig später kam er mit dem Mädchen den Hang herunter.

Kid achtete nicht auf die tiefe Erregung Glorias. Er nahm Bob Gentry die Riemen ab und legte dem Ohnmächtigen mit schneller Hand Fuß und Handfesseln an.

„Bleibe bei ihm, ich muss mich um Swift kümmern“, sagte Kid und machte sich auch schon wieder auf den Weg. Als er die Talsohle erreichte, hörte er den Hufschlag zweier in die Nacht hineingaloppierender Pferde. Jetzt rannte er los, ohne auf Deckung zu achten. Deutlich hörte er ein schrilles Wiehern, dem ein dumpfer Fall folgte. Darauf hatte er gewartet, auf das Abwerfen des Gegners, dem die durchschnittenen Sattelgurte jetzt zum Verhängnis wurden. Nur wenn Swift noch sehr viel Glück hatte, würde er sich noch in Sicherheit bringen können. Es kam ganz darauf an, wie er gefallen war und wie schnell er wieder auf die Beine kam, ob eines der Pferde haltgemacht hatte.

Kid rannte so schnell, dass er eine Luftwurzel übersah. Er stolperte und schlug lang hin. Benommen richtete er sich auf und rang nach Luft. Ein wütendes Brüllen gellte durch die Nacht, und sich entfernender Hufschlag bewies, dass es Swift gelungen sein musste, sich eines der sattellosen Pferde zu bemächtigen.

Swift floh. Er nahm kein Wagnis auf sich und dachte nicht daran, den Kampf fortzusetzen. Die beiden Sättel mit den durchschnittenen Bauchgurten fand Kid ein wenig später. Er bückte sich und nahm den Inhalt aus den Satteltaschen heraus, die Sättel selbst legte er an einem Baumstamm nieder. Hier würden sie sicherlich bald von jemand gefunden werden, der sie brauchen konnte. Für ihn selbst waren sie bei nur einem Packpferd eine Belastung.

Kid Lewis atmete schwer. Sekundenlang stand er ruhig da und starrte in die Richtung, in der Swift davongeritten war. Der erste Überfall war abgeschlagen worden, so hart und präzise, dass Schebler bald wissen würde, dass nicht der Texaner zurückkam, der versucht hatte, ohne Waffen

und in Frieden auszukommen. Ein Texasmann kam, von eisigem Groll erfüllt.

Hindernisse würden sich von nun an größer und wuchtiger auftürmen. Man würde geheime Pfade reiten müssen, man würde nicht umhin kommen, auf Umwegen in das Land jenseits des Pecos zu gelangen. Es war Kid, als fühle er plötzlich unsichtbare Gewichte auf seinen Schultern.

„Ich komme, Helen“, sagte er leise in den Nachtwind hinein. „Ich komme zu dir, und wir werden Mann und Frau sein, bevor unser Kind das Licht der Welt erblickt. Ich lasse dich nicht im Stich, du musst es fühlen, Helen, dass ich komme.“

Kid lauschte in den Wind, als könne ihm dieser eine Antwort seiner Geliebten übermitteln. By Gosh, wie hatte er nur annehmen können, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte. Was musste sie durchgemacht haben, dass sie sich so lange nicht hatten sehen können? War sie von ihren Brüdern gedemütigt und gezwungen worden, sich nicht mehr mit ihm zu treffen? Waren Tom und Dick Nau schon damals im Land gewesen? Ja, es musste so sein, die beiden Banditen mussten heimlich ins Land gekommen sein. Sie hatten Helen in eines der Banditenverstecke mitgenommen, deren es genug im Lande gab. Helen war schwer krank, wie Bob Gentry ihm berichtet hatte.

Langsam machte Kid kehrt und ging zurück. Jetzt brauchte er nicht mehr lautlos zu sein, jetzt musste er sogar laut sein, um seinen Partner rechtzeitig auf sich aufmerksam zu machen.

Die beiden erwarteten ihn bereits. Bob stand mit der Waffe in der Hand neben dem Gefangenen, der längst wieder zu sich gekommen war. Gloria brach bei Kids Anblick in ein leises Schluchzen aus. Die beiden zurückgebliebenen Menschen schienen sehr erleichtert darüber zu sein, dass Kid wieder bei ihnen war.

 

 

4.

„Es ist John Heitman“, sagte Bob Gentry rau. „Er ist einer der Kerle, die nach deinem Verschwinden von der Drei-Sterne-Ranch von Schebler eingestellt wurden. Er ist ein übler Bursche, sieh ihn dir nur richtig an.“

Man hatte den Gefangenen ins volle Mondlicht gezogen. Er war barhäuptig, die Kopfbedeckung lag neben ihm.

John Heitman war hager. Er hatte eingefallene Wangen und tief in den Höhlen liegende Augen, die flackerten und voller Unruhe waren. Ein beinahe fanatischer Hass glomm aus seinen Augen Kid entgegen. Kid konnte sich denken, woher dieser Hass kam. Menschen seines Schlages betrachteten jeden Revolvermann, der schneller war als sie selbst, als eine Ausgeburt der Hölle. Von dieser Art Männer gab es eine Menge. Sie lebten in einer düsteren Vorstellungswelt und betrachteten sich als Herr über Tod und Leben.

Nun, Hass konnte Kid nicht empfinden. Er wusste nur zu gut, dass bei diesen Menschen etwas krankhaft war. Es waren Fanatiker, deren Wollen sich immer nur um einen Punkt drehte, von dem sie sich nicht lösen konnten. Der Hass des Gefangenen ließ ihn vor Kids Stiefelspitzen spucken. Kid duldete es, er nahm diese ohnmächtige Aufforderung nicht an, trat den anderen nicht in die Seite. Mit einem abwägenden Lächeln auf den Lippen wandte er sich an den Gefangenen.

„Wie viel von deiner Sorte hat Schebler eingestellt?“, fragte er den Gefangenen.

„Genug, um dich zur Hölle zu bringen!“, fauchte der Gefragte zurück. „Diesmal hast du dich übernommen, zu spät hast du deinen 45er wieder umgeschnallt, Lewis. Lass mich frei und verschwinde, lass Schebler seine Macht ausweiten und störe ihn nicht dabei.“

„Meine Siedlerstelle ist Schebler im Wege“, meldete sich Bob Gentry. „Einige Siedlerstellen hat Schebler schon aufkaufen können. Er hat die Siedler so unter Druck gesetzt, dass sie die Nerven verloren und weit unter dem Preis verkauften. Ich war zuerst im Lande. Wir waren damals nur wenige. Ich habe meinen Blutzoll entrichtet und werde nicht weichen!“

„Du wirst nicht mehr lange da sein, Gentry“, sagte Heitman rau. „Auch dein Freund wird daran nichts ändern können. Drei Siedlerstellen sind Schebler noch im Wege, die seine Weidegründe teilen. Schebler will eine geschlossene Weide haben, und er wird sie auch bekommen. Es wäre gut, wenn ihr euch damit abfinden und erst gar nicht damit beginnen würdet, Widerstand zu leisten …“

„… und den Mund halten, wenn er Unschuldige des Rinder und Pferdediebstahls bezichtigt, wenn er versucht, auf krummen Wegen seine Ziele zu erreichen … so ist es doch?“, unterbrach ihn Bob Gentry. „Nein, wir denken nicht daran, uns ihm zu beugen. Er ist nicht der Gott des Landes,

und auch er wird nichts mit auf den Weg nehmen, wenn es ihn erwischen sollte. Sein schlechtes Gewissen trieb ihn dazu, mich zu überwachen und Swift und dich mir nachzuschicken. Dreimal hat er Kid aus dem Hinterhalt überfallen lassen. Dafür hat Kid Lewis ihm eine Lehre erteilt, und man sollte annehmen, dass er geheilt wurde, aber nichts von dem scheint der Fall zu sein. Das Gegenteil ist wohl eingetreten.“

„Der Boss hat jetzt die richtige Mannschaft und den richtigen Vormann, wie er auf die Drei-Sterne-Ranch gehört. Zum Teufel mit euch allen!“ Wieder spuckte er aus und traf die Stiefel von Kid. Das eigentümliche Lächeln auf den Lippen Kids vertiefte sich.

„Bob“, wandte er sich an seinen Partner, „hole die Pferde, wir reiten weiter.“

Bob Gentry nickte. Er hatte begriffen, dass Kid bereits eine Entscheidung gefällt hatte. Sie würde dem Gefangenen sicherlich nicht gefallen.

Aufmerksam geworden hob Gloria den Kopf und sah Kid fragend an, doch Kid sagte nichts. Er schien in die Betrachtung der Waffen vertieft zu sein, die Bob dem Gefangenen abgenommen hatte. Jetzt bückte er sich und nahm das Messer und die Armeepistole auf. Beides steckte er in seinen Gurt, dann zog er Heitman die Stiefel aus, nachdem er die Fußfesseln gelöst hatte.

Die Augen des Gefangenen weiteten sich. Er stierte Kid mit einem Blick an, als wollte er ihn auf der Stelle töten. Kid lachte leise in sich hinein und sagte: „Es sind gute Stiefel, wie für mich angefertigt. Sie werden meine Ersatzstiefel sein, denn schließlich muss ich meine säubern. Der giftige Speichel zwingt mich zu dieser Maßnahme.“

„Soll das heißen, dass ich barfuß gehen soll?“

„Genau so habe ich es mir gedacht, Freund“, erwiderte Kid. „Ich weiß, dass das nicht angenehm ist, dass der kalte Wind, das harte Gestein und die Dornen kein Teppich sind.“

„Soll das heißen, dass ich laufen soll?“, fauchte Heitman mit Augen, die ihm aus dem Kopf zu fallen drohten.

„Warum nicht, Freund? Wir verzichten auf deine weitere Begleitung. Du wirst deinen Weg barfuß gehen müssen. Wir können nur hoffen, dass es dir nicht gelingt, ein Pferd zu stehlen. Außerdem, das weißt du aber wohl selbst, wirst du in Ranchnähe sehr vorsichtig sein müssen. Rinder nehmen Fußgänger mit einem höllischen Vergnügen auf ihre spitzen Hörner. Jeder hier im

Lande ist beritten, ein Fußgänger muss da besonders auffallen und wird mit besonderem Misstrauen beachtet. In einer Stadt wird sich ein solcher Mann gewiss keiner besonderen Sympathien erfreuen. Es kommt noch hinzu, dass du wenig von dem ausstrahlst, was einen Menschen sympathisch macht. Das alles zusammengenommen sind schwere Bleigewichte. Du wirst dich noch in einigen Jahren ihrer erinnern.“

„Lewis, nur das nicht! Lass uns kämpfen, du trägst jetzt wieder einen Colt. Gib mir eine Waffe, dann tragen wir es aus.“

„Deine greenhornhafte Vorstellung kann nur aus einem völlig verwirrten Hirn kommen, Heitman“, erwiderte Kid. „Ich denke nicht daran, mir zusätzliche Arbeit durch das Ausheben eines Grabes zu machen. Es sind mir schon zu viele Leute deiner Art begegnet, gewissenlose Schufte, die erst dann an den Großmut ihrer Gegner appellieren, wenn sie tief im Dreck stecken und nicht ein noch aus wissen. Es tut mir leid, Heitman, es würde mir aber noch mehr leid tun, wenn ich dich noch einmal auf der Weide treffen sollte. Ich gebe nur einmal eine Chance. Denke darüber nach, wenn du geruhsam deine Wanderung antrittst.“

„Lewis, deine Überheblichkeit und Arroganz seien verflucht! Dich wird man sehr schnell dort haben, wohin du gehörst, mitten in die Hölle nämlich. Nicht nur Schebler ist darauf aus.“

„Ich weiß, auch die Nau-Brüder Tom und Dick wollen mich dorthin haben. Mich kannst du damit nicht bange machen, Freund.“

Kid Lewis bückte sich und nahm dem Gefangenen die Fesselung vollständig ab. Dann trat er zurück neben Gloria Karsten, die keinen Blick von Heitman ließ. Heitman regte und rührte sich nicht. Er starrte in den Nachthimmel hinein, als könne er von dort einen Wink für sein weiteres Schicksal bekommen. Langsam richtete er sich dann in die Hocke auf und rieb sich Hand- und Fußgelenke, um das Blut wieder in Wallung zu bringen.

„Ich habe gegen die Arapahoes gekämpft, gegen Apachen und Sioux, Lewis. Ich habe als Scout in der glorreichen Armee gedient und steckte nicht auf. Eines Tages werden wir uns wiedersehen. Ich werde dann nicht so davonjagen wie Swift, ich nicht!“

„Dann ist dir nicht zu helfen, Freund, dann hast du die beste Gelegenheit deines Lebens ungenutzt gelassen. So long, trabe an und verschwinde uns aus den Augen.“

„Auch du machst Fehler, Lewis. Dein größter ist, dass du die Lady mitgenommen hast. Wir wissen, wer sie ist. Swift und ich haben es in der Stadt erfahren. Sie ist deine Geliebte.“

Weiter kam Heitman nicht. Zu spät duckte er sich. Kids Faust traf voll. Der Körper Heitmans streckte sich, seine Augen verdrehten sich, dann fiel er schräg zur Seite und blieb lang ausgestreckt auf dem Bauch liegen. Nur seine Füße bewegten sich, als wollten seine Zehenspitzen einen Halt finden.

„Ich wollte, es wäre, wie er sagte“, hörte Kid das Mädchen leise sagen. „Wie schnell die Menschen sich doch etwas zusammenreimen. Diesmal haben sie nicht so ganz unrecht.“

„Gloria, ich möchte nichts mehr dergleichen hören“, wandte Kid sich an sie. „Wir sind Freunde, weiter nichts.“

„Das glaubst du. Ich glaube nicht an eine echte Freundschaft zwischen Mann und Frau. Es ist dabei stets etwas mehr im Spiele, als man nach außen bin dokumentieren will. – Du hast den Burschen hart getroffen, Kid.“

„Nicht zu hart, denn auch diese Abfuhr wird ihn nicht besser machen“, erwiderte er ihr. „Manchen Menschen ist durch nichts zu helfen.“

Er brach ab, denn Bob brachte die Pferde. Bob Gentry starrte auf den Ohnmächtigen und lachte dunkel in sich hinein.

„Ein drittes Mal wird er für immer still liegen und sich nicht mehr erheben“, sagte Bob. „Er hat seine Chance bekommen und hat noch Zeit genug, um in Ruhe nachdenken zu können. Wenn er klug ist, wird er die Chance nutzen und für die Zukunft eine Lehre daraus ziehen. Reiten wir?“

Kid nickte. Er half Gloria in den Sattel, ergriff die Zügel und gab das Zeichen zum Anritt. Nicht einmal blickte er sich nach Heitman um, der einige Minuten nach dem Fortritt wieder zu sich kam.

Heitman erhob sich und stand schwankend auf den Beinen. Seine Faust reckte sich drohend gen Himmel.

„Wir sehen uns wieder und dann …“

Er schrie es dem davonreitenden Trupp nach. Schmerzwellen durchfluteten Heitman. Er betastete mit den Fingerspitzen seinen Kopf, der zwei kräftige Beulen aufwies. Der Kiefer schmerzte ihn so sehr, dass er kaum noch den Muskel bewegen konnte. Heiß durchflutete es ihn. Er wusste, dass es in seinem jetzigen Zustand sehr schwer für ihn sein würde, sich ein Pferd und die nötige Ausrüstung zu besorgen. Er musste so schnell wie möglich ein einsames Siedlergehöft, eine Farm oder eine Ein-Kuh-Ranch entdecken.

„Je schneller, desto besser, damit ich dir, Lewis, auf den Fersen bleiben kann. Du wirst von nun an keinen Augenblick vor mir sicher sein, ich hole dich, ich schicke dich zur Hölle!“ Es klang fast wie ein Schluchzen, als er sagte: „Ich werde schneller sein als du, einige Sekundenbruchteile schneller. Du hast zu lange nicht mehr mit dem Eisen geübt, und das wird die Entscheidung bringen.“

Heitman zögerte nicht länger und setzte sich in Bewegung. Wenig später entdeckte er die beiden Sättel. Der Anblick versetzte ihn so in Wut, dass er danach trat und laut aufschrie, als er sich fast die Zehen verstauchte. Einen Augenblick lang hatte er die fehlende Fußbekleidung vergessen. Umso schmerzhafter wurde sie ihm jetzt in Erinnerung gebracht.

Jetzt hieß es marschieren. Die Socken waren bald durchgelaufen, und die nackten Fußsohlen spürten bald den eiskalten und rauen Boden. Eine Stunde lang hielt er tapfer durch, doch dann

wurde er immer langsamer. Verzweifelt hielt er nach einem Haus Ausschau. Vor ihm lag das mondscheinüberflutete Hügelland, still und weit. Nur die nächtlichen Geräusche der Wildnis schlugen an sein Ohr. Er biss sich auf die Unterlippe, dann stampfte er an einem Bach entlang weiter nach Westen. Jeder Schritt wurde ihm zur Qual. Hin und wieder hielt er an, ließ sich niederfallen und lag schwer atmend und fluchend auf dem Rücken. Aber auch das Fluchen schaffte ihm keine Erleichterung. Es wurde ihm immer deutlicher bewusst, dass Lewis ihm tatsächlich eine harte Strafe zudiktiert hatte.

„Eines ist mir jetzt klar geworden“, sagte Heitman krächzend vor sich hin, als er wieder eine Rastpause einlegte und mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Weite blickte, „Schebler und einige andere mehr haben diesen Texasmann zu leicht genommen. Sie waren davon überzeugt, dass er leicht daran zu hindern sei, ins Land zurückzukommen. Zieht Helen Nau ihn so magisch zurück? Oder kam er, um den Siedlern beizustehen, die auf Scheblers Abschussliste stehen? Vielleicht wäre er bald mit Helen Nau verschwunden, wenn man ihn unbelästigt gelassen hätte. Aber wo ist es leichter als hinter dem Pecos, wenn man sich eine Existenz aufbauen will? Schebler hat sich bestimmt genau alles durchdacht, und die Kugel für diesen Lewis steckt schon im Lauf. Diesmal war er zwar noch besser als wir, aber das wird sich bald ändern.“

Nach diesen Worten schlug Heitman mit der Faust wie nach einem unsichtbaren Gegner durch die Luft und humpelte dann weiter. Als er sich gegen Mitternacht mit wundgelaufenen Füßen und der Erschöpfung nahe am Bachufer nieder ließ, um seine Füße im Wasser zu kühlen, alarmierte ihn schneller Hufschlag. Erschrocken duckte er sich tiefer in das Schilfdickicht. Seine heikle Lage ohne Waffen ließ ihn hoffen, dass die Gefahr schnell vorbei sein würde. Jeder Fremde war im Augenblick eine Gefahr für ihn.

Der Reiter kam auf seiner Fährte langsam näher. Er erkannte den Reiter nicht gleich, obwohl er ein sattelloses Pferd ritt. Erst als der Reiter dicht herangekommen war, wusste er, wen er vor sich hatte.

„Swift!“, schrie er und erhob sich aus der Deckung. „Das erspart mir die Kugel, die ich dir für deine kopflose Flucht zugedacht hatte. Was zum Teufel erschreckte dich so, dass du die Kontrolle über dich selbst verlorst und kopflos das Weite suchtest?“

„Die Tatsache, dass Lewis bei den Pferden war und die Bauchgurte durchschnitten hatte, John“, erwiderte Swift, „und dann noch, dass er trotzdem vor uns wieder am Lager war und uns abfangen konnte. Dieser Texasmann steht vielleicht mit dem Teufel im Bunde.“

Swift kam näher herangeritten und hielt sein Pferd an. Sein fahles Gesicht mit den wässrigen Augen machte einen krankhaften Eindruck.

„Ich habe lange gewartet, bis ich zum Kampfplatz zurückritt. Ich habe mich sehr dazu überwinden müssen, denn ich musste damit rechnen, dass man auf mich warten und mich diesmal besser empfangen würde. Lewis, Gentry und die Lady waren zum Glück fort. Ich fand deine Spur und folgte ihr.“

„Ohne die Sättel mitzunehmen!“, schnappte Heitman.

„Wir werden uns das Nötige besorgen müssen, John. Das Ausbessern würde uns viel zu lange aufhalten. Bleiben wir ihnen auf der Spur, und machen wir es besser als beim ersten Versuch. Steig auf, reiten wir!“

 

5.

Am anderen Morgen hatte der drei Reiter starke Trupp die Fährte so gut verwischt, dass selbst ein Siouxindianer sie nicht hätte finden können. Sie waren über granithartes Gestein geritten, zwischen Rinderfährten und hatten Decken hinter ihren Reittieren herschleifen lassen.

„Sie werden viel früher als wir im Pecosland sein“, sagte Bob Gentry, aus dessen Worten man deutlich die Sorge heraushören konnte. „Meine Frau ist allein mit den Jungen, und der Himmel mag wissen, wie Schebler das ausnützen wird. Ich habe Angst, Freund“, sagte er mit bebender Stimme und blickte Kid fest an. „Um mein eigenes Leben habe ich nie Angst gehabt, doch ich komme vor Sorge um, wenn ich mir ausmale, was meiner Frau und den Kindern zugestoßen sein könnte.“

„Schebler wird das nicht wagen“, sagte Gloria vom Sattel ihres Pferdes her. „In diesem Land kann selbst ein Bandit nicht gegen eine Frau oder gar gegen Kinder vorgehen.“

„Dann ist das Pecosland eine Ausnahme. Wie ich Schebler kenne, hat er vor nichts Hemmungen und auch seine verruchte Mannschaft nicht, die er sich zulegte“, antwortete ihr der alte Mann mit einem düsteren Blick. „Sie selbst, Madam, werden das vielleicht schneller in Erfahrung bringen, als es Ihnen lieb ist!“

„Ich habe keine Angst“, erwiderte sie und strich sich mit der Rechten über ihr glänzendes Haargelock. Es war erstaunlich, wie gut das Mädchen sich im Sattel hielt, wie gut sie durchhielt. Kein Wort der Klage kam über ihre Lippen. Sie schien im Gegenteil immer mehr aufzuleben und das Ganze für einen wunderschönen Spazierritt zu halten. Mit wachen Augen betrachtete sie die Naturschönheiten, an denen es keinen Mangel gab. Immer gab es etwas Neues zu sehen. Rinderherden, die in den Tälern grasten, Ranches, die einsam gelegen waren, Farmen und Siedlerhütten. Je weiter sie jedoch ritten, um so einsamer und leerer wurde das Land. Die Hügel buckelten sich, und die Wälder wurden größer. Die Wildfährten wurden zahlreicher. Buntfarbiges Herbstlaub bedeckte die Erde. Die ganze Welt sah nach Abschied aus. Es gab keinen Zweifel, dass in diesem Land trotz des jetzt schneidenden Windes kein harter Winter zu erwarten war. Wohl in keinem Territorium gab es so angenehme Sommer und so milde Winter. Wer über den Pecos kam, wurde nicht nur vom Klima, sondern auch von der Landschaft gefangengehalten. Selbst die, die nur einige Wochen zu bleiben beabsichtigten, blieben für immer. Das Gesetz würde bald nach folgen, denn dort, wo Ranches, Dörfer und Städte entstanden, ging es nicht ohne das Gesetz.

Kid Lewis fragte sich, warum er überhaupt aus diesem Lande geritten war. So viel wusste er jetzt, dass das Land ihn nun für immer gefangenhalten würde. Er kannte das ganze Land, die Ausläufer der Rockys, die es durchzogen und ihm das Gepräge gaben, im Norden die Kette der Sangre de Christ-Berge. Dort hausten in unzugänglichen Gegenden die Büßer, eine weiße Sekte besonderer Art, der man lieber aus dem Wege ritt. Wer sich ihnen nicht anschloss, zahlte drauf und musste froh sein, mit heiler Haut davonzukommen.

Ein leichtes Lächeln schwebte auf Kids Lippen. Er war so in Gedanken vertieft, dass er vor sich hinstarrte und kaum noch auf seine beiden Begleiter achtete, die sich unterhielten. Er hörte wohl die Worte, doch drangen sie nicht bis in sein Bewusstsein. Er dachte an die gewaltigen Waldzonen, die die mittleren Höhen der Rockys bedeckten. Rote Felsen und zerklüftete Canyons waren dort anzutreffen. Die Puebloindianerstämme lebten dort noch so wie ihre Ahnen, in der alten, malerischen Tracht. Sie waren genügsam und ackerbautreibend, sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Töpfer und Weber. Sie waren dem weißen Mann gegenüber sehr misstrauisch. In ihnen war das Vergangene einer längst zerschlagenen Welt noch erhalten geblieben.

„Deine Augen leuchten“, sagte Gloria. Diese Worte waren es, die ihn aus seinen Träumen und seinem Denken rissen. „Ich habe dich die ganze Zeit beobachtet, und je weiter wir reiten, je näher wir dem Pecos kommen, um so stärker habe ich das Gefühl, dass du wie ein Mann ausschaust, der heimkehrt.“

„Ich habe es ebenfalls herausgefunden, Gloria“, erwiderte er ihr. „Irgendwo bleibt das Herz hängen, und es zieht einen dorthin zurück, sei es zum Leben oder aber zum Sterben. New Mexiko hatte schon immer eine Anziehungskraft für Männer, in denen das Gefühl für das Große noch nicht erloschen ist. Es war immer schon das Land der Geheimnisse. Das war schon so, als der Spanier Coronado mit einer Bande verwegener Kerle auszog, um nach den sieben Städten von Gibola zu suchen.“

„Gab es diese Städte, Kid?“, unterbrach ihn Bob Gentry vom Sattel seines Pferdes her. „Gab es in dem Neuland bereits Städte?“

Details

Seiten
185
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939040
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v541081
Schlagworte
texaner

Autor

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Titel: Ein Texaner kommt geritten