Lade Inhalt...

Der friedliche Schein trügt - Krimi-Sonderedition

2020 884 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der friedliche Schein trügt

Noch Zweifel, Herr Verteidiger?

Montag, 15. Juli

Mittwoch, 17. Juli

Freitag, 19. Juli

Donnerstag, 25. Juli

Freitag, 26. Juli

Samstag, 27. Juli

Montag, 29. Juli

Dienstag, 30. Juli

Donnerstag, 1. August

Freitag, 2. August

Samstag, 3. August

Sonntag, 4. August

Dienstag, 6. August

Mittwoch, 7. August

Freitag, 9. August

Sonntag, 11. August

Montag, 12. August

Nachwort

Ein Killer geht in Rente

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

Die Tage und die Ewigkeit

ERSTER TEIL: DIE FLUCHT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

ZWEITER TEIL: DIE RÜCKKEHR

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

DRITTER TEIL: DIE ENTSCHEIDUNG

1. Kapitel

Im Netz des Verbrechens – Die Tote im Hafenbecken

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Das überlebst du nicht!

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Folgende Krimi-Sondereditionen, zusammengestellt von Kerstin Peschel, sind bereits erschienen:

Der friedliche Schein trügt

 

 

Krimi-Sonderedition

 

 

Fünf Romane von fünf großen deutschen Bestseller-Autoren in einem Band

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pexels und Kerstin Peschel, 2020

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

Noch Zweifel, Herr Verteidiger? – Ein Fall für Abel von Fred Breinersdorfer

Ein Killer geht in Rente von Horst Bieber

Die Tage und die Ewigkeit von Rainer Popp

Im Netz des Verbrechens – Die Tote im Hafenbecken von Wolfgang Menge

› Das überlebst du nicht von Horst Bosetzky, der als -ky schrieb

 

 

***

 

 

Noch Zweifel, Herr Verteidiger?

 

 

Ein Fall für Abel

 

 

Krimi von Fred Breinersdorfer

 

 

Klappentext

Rechtsanwalt Jean Abel vertritt den Automechaniker Andreas Böhm vor Gericht. Böhm, vorbestraft und auf Bewährung, wird fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Er soll den Bremsschlauch in Silke Weiß’ Auto nicht richtig befestigt haben, die daraufhin einen schweren Autounfall erlitt. Als Silke Weiß plötzlich im Krankenhaus stirbt, erfährt Abel von dem Arzt, dass die Patientin sich eigentlich schon auf dem Weg der Besserung befunden habe. Abel schließt einen Kunstfehler nicht aus. Doch dann meldet sich der Liebhaber von Silke Weiß und belastet ihren Ehemann schwer …

Die Romane um den Rechtsanwalt Abel wurden mit Günter Maria Halmer in der Hauptrolle für das ZDF verfilmt.

 

Fred Breinersdorfer ist einer der renommiertesten Drehbuchautoren Deutschlands, über 75 Drehbücher von ihm wurden für Kino und TV verfilmt, darunter mehr als 20 Episoden »Tatort«. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis mit Gold und den Deutschen Filmpreis. Mit seinem Film »Sophie Scholl – die letzten Tage«, war er 2006 für den Oscar nominiert.

 

 

***

 

 

Montag, 15. Juli

 

Eine dreiviertel Stunde für Andreas Böhm.

Recht vom Fließband mit genormter, vom Computer verfasster Anklageschrift, stereotypem Abhaspeln der notwendigsten Verfahrensregeln und Allgemeinplätzen in der Urteilsbegründung; Strafzumessung Pi mal Daumen: Justiz in Bagatellstrafsachen. In den Räumen mit knarrenden Fußbodenbrettern und vergilbten Wänden ist oft vom 'Namen des Volkes' die Rede. Indes, das Volk zeigt kein Interesse daran, was man in seinem Namen Tag für Tag an Recht auf diesem Fließband produziert. Selbst die Obdachlosen, von denen es in München mehr als genug auf den Straßen gibt, lassen sich sogar im schärfsten Winter nicht in den überheizten Fluren und Räumen sehen, so schäbig ist es bei den Bagatellsachen vor dem Amtsgericht. Das Volk tritt amtlich vorgeladen oder als Anzeigenerstatter auf, mit einem ziehenden Gefühl im Magen, und flieht, sobald man es wieder entlässt.

Andreas Böhm wäre auch am liebsten geflohen, abgehauen, hinaus in die flirrende Hitze der Sommersonne, über die Fahrbahn in die Anonymität der Innenstadt gerannt. Doch Böhm war geladen. Er war Angeklagter, und damit hatte er auf seinen Prozess zu warten, der in einer Viertelstunde beginnen sollte. Für Böhm war das keine Bagatelle, er war wegen einer älteren Sache noch auf Bewährung draußen. Er stand neben seinem Verteidiger im Gerichtsflur, die schwitzenden Hände in den Hosentaschen, und starrte auf den Boden.

»Wir werden’s packen. Wenn’s gut läuft, kriegen wir ’nen Freispruch. Und eine Einstellung muss immer drin sein«, sagte Rechtsanwalt Jean Abel, der Böhm zu verteidigen hatte.

Böhm nickte und sah immer noch auf den Boden. Dann kramte er in seinem Jackett und zog eine Schachtel Zigaretten heraus. Umständlich zündete er sich eine an und verstaute die Packung wieder in seiner Tasche. Abel warf sich die Robe über die Schultern und blätterte in der Akte. Es gab nichts mehr zu sagen. Der Fall war vorher eingehend besprochen worden, jede Einzelheit waren sie durchgegangen. Man warf Böhm vor, er habe als Mechaniker bei der Reparatur eines Alfa vergessen, eine Bremsleitung an den Hauptzylinder anzuschließen, er habe damit einen schweren Unfall mit fast tödlichem Ausgang verschuldet. Dass er selbst eine Probefahrt absolviert hatte und die Bremsen angeblich funktioniert haben, tat man als Schutzbehauptung ab. Beweise gab es keine dafür.

Abel beobachtete Böhm, der hastig den Rauch aus seiner Zigarette in sich einsog und in kurzen Stößen durch die Nase entweichen ließ. Abel fing einen Blick seines Mandanten auf, der jedoch gleich wieder flink hinüber zur Wand sah. Er zog an der Zigarette. Der Blick kam wieder und wich erneut zurück. Abel studierte das blasse, lange Gesicht des jungen Mannes. Es war übersät mit Leberflecken. Unter der spitzen Nase spross ein kümmerliches, schwarzes Lippenbärtchen.

»Wir kommen jetzt dran«, sagte Böhm und sah auf seine Uhr.

»Wenn sie mit der vorhergehenden Verhandlung pünktlich fertig werden«, antwortete Abel.

Böhm wandte sich ab und ging zu einem der Aschenbecher, die an der Wand eingelassen waren. Wer ihn so sah, er war lang und hager, ging leicht gebeugt, glaubte nicht, dass Böhm als Schläger einschlägig vorbestraft war. Dazu kamen noch Delikte wie unbefugter Schusswaffengebrauch, Führerscheingeschichten, zwei Kaufhausdiebstähle und schließlich die Bewährung wegen einer Einbruchssache. Allein schon deshalb war die Verhandlung nicht so einfach, wie Abel vorgab. Wenn es daneben ging, würde Böhm den Sitzungssaal mit einer deftigen Strafe verlassen. Und in Fesseln, wenn man seine Bewährung widerrief.

 

*

 

Als man Böhm eines Tages förmlich einen blauen Umschlag mit der Anklageschrift zustellte, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als wieder einen Anwalt zu suchen, der ihn herauspauken sollte. Sein alter Verteidiger war tot. Abel praktizierte in der Nachbarschaft. Für Böhm reichte das, um zu Abel zu gehen. Besser kannte er sich nicht aus. Mit einer fahrlässigen Körperverletzung macht man kurzen Prozess in den sogenannten Bagatellsachen. Die Kripo ermittelt und die Staatsanwaltschaft sieht die Sache durch. Wenn alles Routine ist, wird oft noch nicht einmal das Minimalritual des mündlich verhandelten Strafprozesses in Gang gesetzt. Hätte bei Böhm nicht die Bewährung auf dem Spiel gestanden, wäre beim Richter die Verhängung eines Strafbefehls beantragt worden: Sachverhalt, verletzte Rechtsvorschriften und das Strafmaß auf einem Formblatt recycelten Papiers. Das Ganze kommt mit der Behördenpost zum Richter, der die Akten liest und den Strafbefehl unterschreibt. Rückfragen kommen selten vor. Der Nächste bitte.

Nur weil es bei Böhm um Bewährung ging, gab es diese mündliche Verhandlung.

 

*

 

Böhm begann in dem öden Flur auf und ab zu gehen; er rauchte unablässig. Abel lehnte an der Wand und starrte aus einem von Staub grau überzogenen Fenster hinaus in den Hinterhof des Gerichts, in dem die Sonne zackige Schatten malte. Böhms Schritte quietschten leise auf dem Boden. Auf der Fensterbank lagen tote Fliegen auf dem Rücken. Die Tür zum Gerichtssaal öffnete sich. Ein Anwalt kam mit einem niedergeschlagen aussehenden Klienten heraus; sie gingen schweigend an Abel vorbei. Es folgten zwei Frauen, die vorhin als Zeuginnen aufgerufen worden waren. Abel winkte seinem Mandanten und Böhm nickte. Die Sache wurde aus einem krächzenden Lautsprecher aufgerufen. Sie traten ein.

Wie in allen deutschen Gerichten saß der Richter hinter einer breiten Barriere über dem Angeklagten und seinem Verteidiger. Er hatte einen Urkundsbeamten und den Staatsanwalt an seiner Seite. Erneut öffnete sich die Tür zum Gerichtssaal. Ein großer, dunkelhaariger Mann trat ein. Leise schloss er die Tür und setzte sich mit gemessenem Abstand auf einen der Stühle in der letzten Reihe. Er schlug die Beine übereinander. Sein Gesicht war verschlossen. Abel hatte den Mann kurz gemustert, nun galt sein Interesse wieder der Verhandlung. Der Richter am Amtsgericht, Schulz, der über die Sache des Angeklagten Böhm zu befinden hatte, war ein alter Bekannter Abels. Beide hatten sie in Tübingen studiert. Nur dass Schulz früher fertig geworden war, weil er nicht ganz so lange herumgegammelt hatte wie Abel. Abel neigte den Kopf zum Gruß mit einem leicht spöttischen Lächeln. Schulz war Korporierter gewesen. Abel hatte den stockbesoffenen Kommilitonen Schulz mit einem Kumpan öfter nach Hause ins Verbindungshaus tragen müssen, wenn sie im »Boulanger« in die Nacht hinein gewürfelt hatten. Man sah Schulz an, dass er heute ein Alkoholproblem hatte. Jeder wusste das, aber keiner unternahm etwas.

Als Abel den Richter vor der Verhandlung anrief, um die Sache zu besprechen, hatte ihn Schulz nach all den Jahren überraschend mit »Herr Rechtsanwalt« angeredet. Seine Zunge war schwer. Abel war achselzuckend auch zum Sie übergegangen.

Blond und mit notorisch rotem Gesicht saß Schulz oben hinter seiner Barriere und wartete, bis Abel sich mit seinem Mandanten an einem erbärmlich wackelnden Tisch niedergelassen hatte. Abels Gruß hatte er sich nicht zu erwidern getraut, aus Angst, man könnte ihn für befangen halten. Mit monotoner Stimme diktierte er in das Protokoll, wer erschienen war, dann erhielt der Vertreter der Staatsanwaltschaft das Wort. Es war ein Referendar, dem man das Desinteresse ansah. Ein spindeldürrer Mensch, der die viel zu kurze Leihrobe vom zusammenzog, als er aufstand, den Anklagesatz zu verlesen.

Bei »wird angeschuldigt« hob er ein wenig die Stimme, dann las er weiter, ohne den Angeklagten anzusehen, »er habe fahrlässig den Körper eines anderen Menschen verletzt, indem er am 13. April diesen Jahres an dem Kraftfahrzeug Alfa Romeo der Silke Weiß mit dem amtlichen Kennzeichen MCB 2468 den vorderen Zuführungsstutzen zum Hauptbremszylinder fahrlässig nicht ordnungsgemäß verschraubte, sodass die Verletzte Silke Weiß mit dem Fahrzeug am Nachmittag des 13. April, von Pullach aus der Werkstatt kommend, auf den Kehren hinunter zur Isar in einer engen Kurve bei einem Bremsversuch, da aus der nicht ordnungsgemäß verschraubten Zuleitung zum Hauptbremszylinder des Fahrzeugs plötzlich die Bremsflüssigkeit bestimmungswidrig austrat, die Herrschaft über das Fahrzeug verlor und von der Straße abkam, das Brückengeländer durchbrach und etwa zwölf Meter ins Flussbett auf eine Sandbank stürzte, wodurch die Silke Weiß trotz des angelegten Gurtes erheblich verletzt wurde und ein Sachschaden von mehr als achtzehntausend Euro entstand.«

Der Referendar hielt ein und schöpfte Luft, dann zitierte er die einschlägigen Gesetzesparagraphen mit leierndem Tonfall, um sich sofort danach wieder zu setzten und müde den Kopf in beide Hände zu stützen. Die Hitze lastete auch im Gerichtssaal schwer. Abel sah sich um, ob der dunkelhaarige Mann immer noch anwesend war. Ja. Er folgte dem Geschehen sehr aufmerksam. Ein Angehöriger? Aber warum trat er nicht als Nebenkläger auf?

Abel wandte sich dem Richter zu. »Herr Böhm, treten Sie bitte hier vor«, sagte Schulz und zeigte vor seine Barriere. Der Angeklagte erhob sich schlaksig. Abel hatte mit beiden Fäusten die Aufschläge seiner Robe gepackt und streckte die Füße unter dem Tisch vor. Er wollte die Verhandlung zunächst laufen lassen, so wie es sich ergeben würde, mal hier und da einhaken, wo das sein musste, wusste er.

»Name?«, fragte der Richter.

»Andreas Böhm.«

»Geboren?«

Böhm haspelte seine persönlichen Daten herunter. Richter Schulz notierte alles überflüssigerweise auf einem Schmierblatt, denn die Angaben ergaben sich schon aus den Akten. Böhm stand mit eingezogenem Kopf nahe vor der Schranke des Gerichts. Seine Stimme war leise. Abel schlug seine Akte auf und verfolgte mit den Augen die Daten.

»Und jetzt einmal zur Sache, Herr Böhm«, sagte der Richter und schlug endlich auch das vor ihm liegende Dossier auf, »Sie haben gehört, was der Herr Vertreter der Staatsanwaltschaft«, sein Arm fuhr aus der Robe und zeigte nach rechts, ohne hinzusehen, »vorgelesen hat und was man Ihnen vorwirft?«

Böhm nickte und sah sich nach Abel um, der regungslos mit weit von sich gestreckten Füßen sitzen blieb.

»Gut«, fuhr der Richter fort, »stimmt denn das?«

Wieder sah Böhm sich um. Er schwieg.

»Ja, Sie sollen das sagen, nicht Ihr Herr Verteidiger.«

»Sollen das sagen?«, fragte Abel mit sanfter Stimme, ohne seine Haltung zu verändern. Er sah vor sich, wie er den Burschenschaftler Schulz hinter sich hergezogen hatte und wie Schulz gottesjämmerlich hatte kotzen müssen. »Muss er denn überhaupt was sagen?«

Der Richter verzog das Gesicht. »Richtig, ich habe einen Fehler gemacht«, sagte er sofort, »ich habe Sie zu belehren, dass Sie vor diesem Gericht nicht aussagen müssen, wenn Sie nicht wollen.«

Böhm war zwei Schritte zurückgewichen. »Kann ich das mit meinem Rechtsanwalt besprechen?«, fragte er.

»Bitte.« Der Richter lehnte sich zurück.

Böhm kauerte sich neben Abel auf seinen Stuhl. Das Gesicht mit den Leberflecken und dem matt schimmernden Bart kam dicht an Abels Ohr. »Der will ein Geständnis?«, flüsterte er mit einem Seitenblick auf den Richter.

Abel schüttelte den Kopf. »Sagen Sie ihm ruhig, wie es war«, sagte er.

Böhm zögerte. Er stand dann doch auf, blieb aber unmittelbar neben dem Tisch seines Verteidigers stehen. Er schwieg.

»Wollen Sie aussagen?«, fragte Schulz.

»Ich war’s nicht. Ich habe das Auto nicht repariert, ich nicht.«

»Ein Kollege?«

Achselzucken. Böhms Blick huschte über das Gesicht des Referendars und blieb dann an den Händen des Richters hängen.

»Weiß ich nicht.«

»So groß ist Ihr Betrieb auch nicht. Da kommen nach den Akten doch nur drei in Frage: Sie, Mettberg oder Klotz. Wer war es denn, wer hat das Fahrzeug repariert?«

»Weiß ich nicht. Ich häng’ keinen hin«, antwortete Böhm und knetete die Hände hinter seinem Rücken.

Der Richter ließ die Unterlippe hängen und fuhr sich mit dem Ende seines Kulis über den Nasenrücken. »Sie brauchen niemanden zu beschuldigen, aber ein bisschen genauer hätte ich das schon gern gewusst, warum Sie als Täter nicht in Frage kommen. Ein paar Einzelheiten wenigstens. Sie wissen ja schon …«

»Ich weiß auch nicht«, antwortete der Angeklagte, und weil er spürte, dass dieser Richter ihm nicht freundlich gesonnen war, fügte er noch hinzu: »Wenn einer nix weiß, dann weiß er nix. Und Organisation gibt’s keine, wo ich schaff’. Das wird da eingeteilt, wie’s kommt.«

»Sie haben selbst eine Probefahrt gemacht?«, fragte Abel. »Da hat die Bremse einwandfrei funktioniert?«

»Ja«, antwortete Böhm.

»Gibt es darüber Aufzeichnungen?« Schulz mischte sich ein.

»Nein.«

»Zeugen?«

»Nein.«

»… also dann.« Richter Schulz machte ein ärgerliches Gesicht, seufzte und sah zu dem Referendar auf dem Staatsanwaltssitz und dem Verteidiger hin. »Noch Fragen?«

»Danke, keine«, sagten die beiden fast wie aus einem Munde.

Schulz unterbrach für eine Zigarettenpause. Schulz rauchte nicht. Abel vermutete, dass er ins Beratungszimmer ging und einen Schluck trank. Weder Abel und sein Mandant, noch der dunkelhaarige Mann verließen den Saal. Nach zwei Minuten war der Richter wieder da.

Er blätterte wieder in seiner Akte, dann hob er den Kopf und sagte: »Das Opfer, Frau Weiß, habe ich nicht geladen. Wir haben ja eine polizeiliche Vernehmung vorliegen.«

»Kenn ich«, sagte Abel.

»Müssen wir sie hören?«, fragte Schulz. »Ich meine, ich weiß nicht, ob das viel bringt; denn dass es den Unfall gegeben hat und den Schaden als solchen, das ist wohl klar …«

Der Referendar schüttelte den Kopf und brummte: »Verzichte.«

»Ich nicht«, sagte Abel mit Nachdruck. Warum sollte er vorschnell auf die Chance verzichten, eine wichtige Zeugin zu vernehmen?

Der Richter blickte auf die Uhr. »Wir müssen uns beeilen«, sagte er, »aber egal … Stellen wir die Entscheidung zurück. Nun kommt der Gutachter.« Er drückte auf einen Knopf unter dem Mikrofon, das auf einer kleinen Konsole vor ihm stand. »Herr Gossart, bitte in den Sitzungssaal.«

»Sie können sich setzen, Herr Böhm.«, sagte Abel zu seinem Mandanten, der immer noch neben dem Tisch stand und die Hände auf dem Rücken knetete.

Böhm flüsterte: »Was ist, wenn der Frau noch was passiert?«

»Wieso?«

»Die ist schon so lang im Krankenhaus.«

»Wir kriegen einen Freispruch, und der Frau passiert schon nichts«, flüsterte Abel zurück.

»Aber meine Bewährung!«

Der Gutachter trat ein.

Man hörte den Sachverständigen in einer freundlich kollegialen Atmosphäre an, ohne die objektive Skepsis, mit der man den Einlassungen eines Angeklagten von Seiten des Gerichtes folgt. Ein Gutachter ist ein für allemal vereidigt und als Fachmann geachtet. Manchmal hängt der Spruch eines Gerichtes sogar in erheblichem Umfang von seinen Schlussfolgerungen ab. Von den Aussagen der Angeklagten hängt bei der Justiz selten etwas ab; Angeklagte dürfen sogar lügen.

Gossart passte sich der Atmosphäre an und erläuterte die Ergebnisse seiner Erhebungen am Alfa der Verunglückten. Grell realistische Farbfotos, fein säuberlich markiert und nummeriert und auf einen Karton aufgeklebt, dokumentierten einen Unfall mit verheerenden Folgen. Die unförmig verbogenen und verklumpten Blechreste kamen auf dem nächsten Blatt im Detail zur Anschauung.

»Der Hauptbremszylinder«, erläuterte der Gutachter und fuhr mit einem Architektenbleistift im Kreis um ein Foto. »Und hier ist die Mutter der Bremsleitung.«

Abel war nach vorn gekommen und lehnte sich über die Brüstung des Richtertisches, auf dem die Kartons mit den Bildern lagen. Er hatte die Fotomappe schon vor der Sitzung in seiner Kanzlei in Augenschein nehmen können. Doch genaues Hinsehen schadet nie. »Kann der Stutzen nicht durch den Unfall herausgerissen worden sein?«, fragte er, ohne an der Reihe zu sein.

»Theoretisch schon, aber das Gewinde ist unbeschädigt«, der Bleistift des Gutachters wanderte auf einer Großaufnahme an den Gängen des Gewindes entlang. »Wenn der Stutzen abreißt, wird das Gewinde stark beschädigt, sonst ist das technisch nicht möglich.«

»Folgerung?«, fragte der Richter.

»Der Anschlussstutzen der Bremsleitung war nicht aufgeschraubt, als der Unfall passierte. Und deshalb ist der Unfall auch passiert. Ursache und Wirkung sind klar.«

»So?«, fragte Abel, der immer noch am Richtertisch stand.

»Noch Zweifel, Herr Verteidiger?«

»In der Tat.«

»Und warum?«, fragte der Gutachter, der eigentlich nichts zu fragen hatte.

»Wir wissen nur, dass zum Zeitpunkt des Unfalls die Bremsen nicht funktionierten, weil das Hydrauliköl, statt auf die Bremsbacken zu wirken, aus dem Bremssystem heraus auf die Straße spritzte.«

Der Gutachter nickte. »Ja, das haben wir festgestellt.«

»Die Kurven zur Isar kommt jeder vernünftige Fahrer auch mit der Motorbremse hinunter.«

»Richtig«, bestätigte der Gutachter.

»Die Straße ist nicht so steil. Warum hat die Frau gebremst?«

Schulz sagte dazwischen: »Dann hätte sie halt später gebremst.«

»Und wäre nicht in die Isar gestürzt, allenfalls auf ein anderes Fahrzeug aufgefahren. – Fremdverschulden?«, fuhr Abel fort. »Ist denn Fremdverschulden total auszuschließen? Ein auf der falschen Seite entgegenkommendes Auto oder ein Reh, das über die Straße springt?«

»Herr Verteidiger, es genügt, wenn der Tatbeitrag des Angeklagten mitursächlich war«, sagte der Richter.

Abel roch seinen Atem, kniff die Augen zusammen und sah dem Richter Schulz genau ins Gesicht. »Ich weiß, Hohes Gericht«, sagte er, »ich habe auch Jura studiert. Aber für das Strafmaß muss es etwas ausmachen. Böhm …« er zeigte auf den Angeklagten, ohne sich umzudrehen »Böhm hat Bewährung. Es kann happig werden. Und er steht hier nicht wegen einer schlampig ausgeführten Reparatur, sondern weil es mit katastrophalen Folgen geknallt hat. Wäre Frau Weiß mit dem Schrecken davon gekommen, weil sie vielleicht auf einen anderen Wagen gefahren wäre, dann würden wir heute nicht hier sitzen.« Abel machte einen Atemzug lang eine Pause. »Da muss die Verteidigung doch auf Mitursachen hinweisen.«

»Okay«, sagte Schulz, »aber wir haben keine Anhaltspunkte für eine Mitverursachung durch andere Faktoren.«

»Wissen wir das?«, entgegnete Abel, »es wird jetzt klar, dass wir in diesem Prozess nicht ohne die Verletzte auskommen, die uns den Unfallhergang genau schildern muss.«

»Stellen Sie einen Beweisantrag?«, fragte der Richter.

Abel antwortete, dass er augenblicklich noch auf einen förmlichen Antrag verzichten wolle, man könne vor dem Plädoyer darüber noch verhandeln.

Schulz nickte. Der Gutachter wurde entlassen und Abel kehrte auf seinen Platz an dem zu kleinen, wackeligen Tisch zurück.

»Wen haben wir jetzt?«, fragte der Richter und sah auf die Uhr. Er drückte die Taste an dem Mikrofon vor sich. »Herr Cassel, bitte in den Sitzungssaal«, hallte es draußen auf dem Flur.

Für eine knappe Minute lang ein müdes Schweigen über der Szene. Abel bemerkte, dass die Sonne die Fenster des Gerichtssaales erreicht hatte und begann, helle Flecken auf den Boden zu malen. Die Tür öffnete sich. Cassel, der Werkstattmeister und Vorgesetzte Böhms, trat ein. Gedrungen, mit einer Glatze und nach innen gebogenen Fingern stand er in respektvollem Abstand vor den Schranken des Gerichts. Auf Fragen gab er Namen, Familienstand, Alter und Adresse an, dann musste er über den Hergang der Reparatur am Unfalltag berichten.

»Ich hab hier mein Buch«, sagte er und zog aus der Jackettasche eine abgegriffene Kladde, die vom Maschinenöl speckig war. Bedächtig blätterte er in dem Heft. »Da ist alles notiert, wer welche Wagen gehabt hat«, er blätterte weiter, »Und hier steht, der Böhm hat den Wagen von der Frau Weiß gehabt. Ventile, Ölwechsel und Schaden am Bremssystem.«

»Irrtum ausgeschlossen?«, fragte der Richter automatisch.

»Da steht’s«, antwortete der Werkstattmeister und deutete mit seinem Zeigefinger, dem man die vielen Jahre Motoröl an der Haut ansah, auf seine Kladde.

Das Gericht fuhr fort, den Zeugen zu befragen. Abel hatte seine nachlässige Haltung aufgegeben. Lauernd saß er vorgebeugt, den Zeugen im Auge behaltend. Das Verhör versandete. Cassel wiederholte lediglich seine Antworten.

»Darf ich?«, fragte Abel schließlich. Der Richter nickte.

»Warum haben Sie das Buch mitgebracht?«

»Weil ich da alles reinschreibe.«

»Ohne das Buch hätten Sie das nicht mehr gewusst, wer welchen Wagen repariert hat?«

»Deswegen schreib ich’s ja auf.«

»Aha. Schreiben Sie das vorher oder nachher auf?«

»Morgens. Vorher.«

»Kommt es vor, dass dann doch ein anderer ein Fahrzeug repariert?«

Cassel sagte nichts und zuckte mit den Achseln.

»Kommt es vor?«, fragte Abel beharrlich.

Achselzucken.

»Können Sie hier vor Gericht behaupten, dass jeder Irrtum ausgeschlossen ist?«

Der Werkstattmeister zögerte.

»Zum Beispiel, wenn ein Mechaniker krank ist?«

»Kommt vor.«

»Erinnern Sie sich denn genau an den Morgen des 13. April? Wie war das Wetter?« Abel kramte in seinen Unterlagen und blätterte einen Ausdruck der Wetterkarte dieses Tages heraus, die er sich im Internet besorgt hatte.

Cassel sah aus dem Augenwinkel, dass der Verteidiger die Frage gut vorbereitet hatte, denn er erkannte die Wetterkarte. »Nein«, antwortete er schließlich.

»Sie orientieren sich bei Ihrer heutigen Aussage ausschließlich an Ihrem Werkstattbuch, das so eine Art Plan, aber kein Protokoll ist?«

»Ja.«

»Keine Frage mehr.« Abel lehnte sich zurück.

Auch der Zeuge Cassel wurde entlassen. Man verzichtete auf die Vereidigung, und Abel begann einen kurzen Vortrag, in dem er forderte, man müsse die Verletzte, aber auch die Kollegen des Angeklagten als Zeugen hören, bevor das Gericht zu einem Urteil kommen könne.

Schulz sagte: »Zigarettenpause.«

»Jetzt bitte nicht.« Abel nutzte die wachsende Ungeduld des Richters aus. Nicht ausgeschlossen, dass er sich zu einer Einstellung des Verfahrens überreden ließ, um das Verfahren abzukürzen.

Abel begann langatmige Erwägungen zur Beweissituation. Keine Frage: Die Indizien waren dürftig. Er plädierte und zerpflückte die Zeugenaussage. Schulz gab sich den Anschein, als würde er aufmerksam zuhören. Pro forma streckte er bisweilen auffällig den linken Unterarm aus, um auf die Uhr zu sehen. Als Abel den Punkt der noch zu erhebenden Aussagen der Kollegen des Angeklagten vertiefen wollte, zupfte Böhm ihn plötzlich am Talar. Abel war irritiert durch die Unterbrechung und beugte sich zu seinem Mandanten hinunter.

»Die hau’n mich doch in die Pfanne, hau’n die mich«, flüsterte Böhm. Doch Abel fuhr unbeirrt fort, die weiteren Zupfer an seiner Robe ignorierend. Er beobachtete unauffällig die Hände des Richters. »Also stellt sich die Frage«, sagte er, »ob es nicht im Interesse der Prozessökonomie ist, bei einer so unsicheren Rechtslage und in Anbetracht der noch entstehenden Kosten, das Verfahren einzustellen.« Er sah Schulz ins Gesicht.

Jetzt sollte man beginnen, über die Modalitäten der Einstellung zu sprechen, wünschte er sich. Er beobachtete das Mienenspiel des Richters, und er sah, wie Schulz schwankte. Hätte er jetzt noch einmal so demonstrativ auf die Uhr gesehen, Abel hätte gewonnen gehabt. Doch der Richter sah erneut auf den Tisch vor sich, auf dem noch die Fotos von dem zertrümmerten Fahrzeug lagen. Er hob den Blick. »Nein«, sagte er schließlich, »nein, für eine Einstellung ist es noch zu früh. Die Sache ist mir noch zu offen. Da ist alles drin, eine Verurteilung ebenso wie ein Freispruch.«

»Akzeptiert«, sagte Abel.

»Die Verhandlung wird vertagt«, diktierte der Schulz schnell in das Protokoll. Der Referendar, der die Staatsanwaltschaft zu vertreten hatte, hob den Kopf und griff nach der letzten Akte für diesen Vormittag.

Abel und Böhm verließen den Saal, während Schulz rasch hinter der Tür des Beratungszimmers verschwand.

«Freispruch …«, murmelte der Angeklagte. »Ich hab noch nie einen Freispruch bekommen.«

Abel nickte. Er wollte den dunkelhaarigen Mann ansprechen und ihn fragen, ob er was mit dem Fall zu tun habe. Doch der Mann war zu schnell gegangen.

 

 

Mittwoch, 17. Juli

 

Abel saß in seiner Kanzlei und starrte auf die seinem Schreibtisch gegenüberliegende Wand. Dort hing ein in Azurblau und Weiß gemaltes Bild, dessen abstrakte Formen bizarr ineinander ragten. Das Bild stammte von einem Freund, der genauso arm war wie der Rechtsanwalt Abel. Der Freund versuchte vom Malen zu leben. Das war härter als Abels Existenz. Für seine stets in Blau und Weiß ausgeführten Bilder mit beträchtlichen Ausmaßen hatte der Maler schon längst keinen Platz mehr in seinem Atelier. So hatte er Abel und andere Bekannte gebeten, das eine oder andere bei sich aufzuhängen. Bisweilen kam er, brachte neue Bilder und nahm ältere wieder mit sich, um damit eine Ausstellung zu beschicken. Doch für die Vernissagen in der Volkshochschule in Starnberg oder in einer Zimmergalerie in Dachau gab es weder Ruhm noch Geld.

Abel starrte auf das Bild und entzifferte einige der blauen Formen als den Umriss eines Kopfes. Vor ihm lag eine Akte mit einem Asylbewerberfall, in der er gelesen hatte, um einen Schriftsatz zu tippen. Usbeke, der den Landkreis unbefugt verlassen hatte, den man ihm zum vorläufigen Aufenthalt zugewiesen hatte. Abschiebehaft. In den Mauern hockte die Hitze. Abel hatte die Fenster zum Hof in der angrenzenden Küche weit geöffnet. Man konnte durch die Tür zur Küche die Dämmerung über den Himmel gleiten sehen. Sein Hund lag auf der Schwelle und hechelte mit weit heraushängender Zunge.

Das Telefon klingelte. Abel hob ab und meldete sich.

»Schulz«, sagte der Richter. »Herr Abel, sind Sie’s?«

»Ja.«

»Es tut mir leid …« Eine kleine Pause trat ein. Die Zunge war wieder schwer. »Aber in unserem Fall ist was passiert.« Man hörte, dass der Richter zögerte, bevor er die Nachricht herausbrachte.

Abel schwieg.

»Frau Weiß ist gestorben«, sagte Schulz schließlich.

 

 

Freitag, 19. Juli

 

Abel las die Zeitung und nippte zwischendurch an seiner Kaffeetasse. Er blätterte die Sportseite um. Sein Blick Bel auf die Todesanzeigen. Normalerweise überschlug er diese Rubrik; er war noch zu jung, als dass ihn Todesanzeigen interessierten. Es war der Name Silke Weiß, an dem seine Augen hängen blieben. Die Anzeige war groß, eine Viertelseite. Ein stilisierter Palmwedel schwebte über der Schrift.

Meine geliebte Frau hat mich für immer verlassen, lautete der Text. Darunter standen der Name in Antiqua und die Lebensdaten. Silke Weiß war erst neunundzwanzig Jahre alt gewesen. Unterschrift: In tiefer Trauer, Arnold Weiß, Heilpraktiker. Die Trauerfeier war auf den Donnerstag um vierzehn Uhr dreißig festgesetzt.

»Schon Scheiße, so was«, sagte Abel und ließ die Zeitung sinken.

»Was ist?«, fragte Jane beiläufig. Jane Münster war Abels Sekretärin. Sie hatte bei ihm Anwaltsgehilfin gelernt und war geblieben. Es gab eigentlich keinen Grund dafür, weil andere Anwälte besser zahlten und geregelte Bürozeiten anbieten konnten. Aber Jane wusste, dass sie überall anders nicht so frei arbeiten konnte. Und außerdem war ihr Abel schon immer ziemlich sympathisch gewesen. Manchmal überraschte sie sich dabei, dass sie mit ihm für ihren Geschmack zu sehr flirtete, und sie fragte sich, ob das gut war. Er nannte sie gelegentlich Babyjane. Und dann hatte seine Stimme einen besonderen Klang. Jane mochte auch seine Augen, und ihr wäre lieber gewesen, er würde sich rasieren, statt diesen Dreitagebart zu tragen. Aber Abel war um einiges älter als sie, hatte immer mal wieder Frauen, die bei ihm übernachteten und neigte dann zu schwärmerischen Ausführungen am Telefon, wenn er beispielsweise mit seinen Freunden sprach. Er hatte nie was Beständiges – außer dem dienstlichen Verhältnis zu Babyjane.

Abel starrte aus dem Fenster in den Hinterhof mit seinem wuchernden Unkraut. »Was ist?«, fragte Jane noch einmal. Sie saß ihm gegenüber am Frühstückstisch in der Küche hinter der Kanzlei. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen.

»Wenn man mit neunundzwanzig an einer schlampig reparierten Bremsleitung zugrunde geht.«

»Unser Fall Böhm?«, Jane erschrak.

»Ja. Die Frau ist gestorben, vorgestern, ganz plötzlich.«

Abel schwieg nachdenklich und betrachtete die Todesanzeige.

»Jesus!« Jane beugte sich vor und nahm das Blatt. »Protzige Anzeige«, sagte sie.

»Das hilft vielleicht ihrem Mann in seiner Trauer.« Abel begann den Tisch abzuräumen. »Aber dem Böhm hilft’s weniger. Jetzt wird’s ernst. Dieser Weiß wird einen Anwalt engagieren, der als Nebenkläger auftritt. Der Böhm wird mir durchdrehen.« Abel stapelte Teller und Tassen in der Spüle auf einen Haufen. »Und wenn er mir das Mandat entzieht und zu einem anderen Anwalt geht, dann hat er noch nicht einmal unrecht.« Abel trat aus der Küchentür ins Freie.

»Warum?«, fragte Jane.

»Im Zweifel ist immer der Anwalt Schuld, wenn was schiefgeht«, antwortete Abel, »und außerdem habe ich ihm einen Freispruch versprochen.«

»Du mit deinen Prognosen!«

»Es stand doch gut, es hing an einem Faden, und der Schulz hätte das Verfahren eingestellt. Dann läge die Akte Böhm bei dir nur noch zur Abrechnung und nicht mehr bei Gericht. Die erste Runde habe ich verloren«, er zeigte auf die Todesanzeige, »dicke verloren sogar.«

»Und weiter?«

»Kämpfen, was sonst«, sagte Abel.

Er kam wieder in die Küche zurück. Jane war gegangen, die Gerichtspost zu holen.

Abel setzte sich an den Schreibtisch und suchte nach der Akte Böhm. Nach den letzten verregneten Tagen war es wieder schön geworden. An diesem Freitagmorgen glitzerte die Sonne auf den Dächern der Fahrzeuge. Die Luft stand bewegungslos in den Straßen. Abel erhob sich und trat ans Fenster. Dort beobachtete er zwei Mauersegler, die hoch unter dem Himmel ihre verwegenen Bahnen flogen. Vor dem Haus gegenüber hatten zwei kleine Mädchen mit Kreide Felder auf die Straße gemalt und hüpften nach undurchschaubaren Spielregeln über die Linien. Ihre Schatten sprangen mit. Vom Hof her hörte er Geschirrklappern. Abel ging zurück und setzte sich, immer noch in Gedanken.

Er würde Böhm anrufen müssen. Viel hing davon ab, ob er es schaffte, Panik zu vermeiden. Bei Böhms Vorstrafen konnte eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung bei einem strengen Gericht zu einer deftigen Freiheitsstrafe führen und selbstverständlich würde man die Bewährung widerrufen.

Wenn Böhm durchdrehte und bei Abel absprang? Abel war nicht so richtig erfolgreich bei seinen Klienten, weil er sich ungern anpasste und den Leuten nach dem Mund redete. Kollegen nannten seine Art, seine Fälle anzugehen, »ziemlich unkonventionell« und lächelten dabei. Viele junge Anwälte kämpften inzwischen in München mit allen Mitteln um die Mandanten. Da verliert man ungern einen Fall, wenn man einen gewissen Lebensstil pflegt, eine billige Kanzlei am Laufen halten will und sich den Luxus einer Sekretärin leistet. Andere begnügen sich mit stets wechselnden Praktikanten und Auszubildenden. Abel hasste es, wie viele seiner Kollegen junge Menschen ausbeuteten.

»Wie sag ich’s meinem Kinde«, fragte Abel seinen Hund, eine große braunweiß gefleckte Promenadenmischung, die schwanzwedelnd von der Küche in den Kanzleiraum strich. Paul Schmitz, so hatte Abel den Hund nach seinen Vorgängern genannt, aus Bequemlichkeit. Er fand lange Namensrecherche zu ermüdend, und das war schon so, als er sein erstes Tier von Paloff übernommen hatte. Paloff war nichts Besseres als »Prinz« eingefallen. Abel hatte zur neuen Namensfindung zufällig die Geburtsanzeigen in der Zeitung aufgeschlagen und war auf den Namen gestoßen. Später liebte er das Wortspiel, dass sein Hund »verschmitzt« grinsen würde. Schmitz machte ein nachdenkliches Gesicht und trollte sich unter den Schreibtisch.

Abel wurde der Frage, ob er seinem Klienten einen Brief schreiben oder besser anrufen sollte, enthoben, denn in diesem Augenblick kam Böhm mit einer Zeitung in der Hand die drei Stufen zur Kanzlei heraufgepoltert. Er riss die Eingangstür auf, ohne vorher angeklopft zu haben, und stürmte herein.

»Die Weiß ist tot«, sagte er entsetzt und blieb vor Abel stehen. Er fetzte die Seiten der Zeitung auseinander und wies mit dem Finger auf die Todesanzeige. »Hier, da, das ist sie. Silke Weiß«, keuchte er und pochte mit dem Zeigefinger auf das Papier. Sein Leberfleckengesicht lief rot an.

»Ich hab es auch schon gelesen«, sagte Abel und stand auf.

»Ich hab’s doch gewusst, dass da noch was passiert!« Böhms Stimme überschlug sich plötzlich.

»Wieso?«

Böhm hieb mit der Faust auf den Tisch. Abel erkannte jetzt, warum dieser hagere Mann, der keinem in die Augen sehen konnte, wegen Gewalttätigkeit vorbestraft war. Mit zwei schnellen Schritten war er um den Tisch und packte seinen Mandanten mit festem Griff am Arm.

»Hinsetzen!«, befahl er und versuchte Böhms Augen mit seinem Blick festzuhalten. »Hier wird nicht rumgebrüllt.«

Böhm setzte sich. »Die hau’n mich in den Sack, hau’n die mich!« Er schrie immer noch, aber seine Wut war gebrochen. »Ich kenn das. Jedes Mal haben sie mich in den Sack gehauen, diese Schweine.« Angst stand in Böhms Gesicht.

»Diesmal nicht«, sagte Abel ruhig und ging zurück zu seinem Sessel.

»Und warum nicht? Was soll denn plötzlich anders sein?«

Böhm war schon wieder halb aufgestanden. Sein Blick wanderte weg von Abels Gesicht. »Freispruch, Freispruch, wenn ich das schon hör. Freispruch. Das gibt’s doch nicht. Nicht für mich. Für die Typen mit der dicken Kohle, die sich einen guten Verteidiger leisten …«

Abel fuhr aus seinem Sessel hoch und stützte, sich mit beiden Fäusten auf die Tischkante. »Hör mal, Freund«, sagte er mit zusammengepressten Zähnen, »noch so ein Wort und du fliegst hier raus, dann kannst du dir einen guten Verteidiger suchen, wenn es dir nicht passt, wie ich arbeite.«

Pause. Böhm sah verstört auf die Tischplatte vor sich. Abel sog tief Luft ein, dann setzte er sich langsam wieder hin. »Ich weiß, dass Sie sich fürchten«, fuhr er fort, »aber mit Durchdrehen hat sich noch keiner geholfen.«

Böhm schwieg noch immer. Er war kein Mensch, der gelernt hatte, sich zu entschuldigen. Die Augen gesenkt haltend fragte er: »Was wird’n das jetzt? Mord? Totschlag?« Abel hörte seine Stimme zittern.

»Fahrlässige Tötung, wenn es dumm läuft«, antwortete Abel.

»Und wie viel gibt s dafür?«

Abel beantwortete die Frage nicht, er insistierte: »Was hat sich denn geändert?« Er fischte die Zeitung zu sich her, die Böhm immer noch vor sich liegen hatte.

»Jetzt gibt s ’ne Leiche!«

»Unsere Lage ist doch dieselbe wie bisher: Sie sagen, dass Sie den Alfa nicht repariert haben, und wir werden das beweisen. So is’es.«

»Ich sag Ihnen doch, meine Kollegen hängen mich hin. Da will doch keiner in den Knast, bloß um mir zu helfen. Nee, nee«, Böhm schüttelte den Kopf, bitter lachend. »Sie haben doch meinen Meister im Gericht gehört!«

»Und auseinandergenommen«, sagte Abel, »Es gibt genug juristische Mittel, um die Wahrheit raus zu bekommen.«

»Juristische Mittel!«, wiederholte Böhm verächtlich.

»Ja, die gibt es«, sagte Abel, »auch wenn es nicht in Ihren Kopf hinein will.«

»Beispiel?«

»Beispiel: Aussageverweigerung. Wenn einer sich durch seine Aussage strafbar machen würde, braucht er vor Gericht nichts zu sagen.«

»Dann sagt er damit ja, dass er Dreck am Stecken hat«, Böhm blickte Abel kurz an und dann wieder weg.

»Ja, aber nicht welchen Dreck an welchem Stecken. Und wenn mehrere die Aussage verweigern, dann weiß hinterher keiner, wie es war. Im Zweifel für den Angeklagten.«

»Und das funktioniert?«

»Wenn Ihre Kollegen die Aussage verweigern, sicher.«

»Wenn …«

»Die werden schon rechtzeitig belehrt. Und verlassen Sie sich darauf, bevor die Herren vor Gericht lügen, überlegen sie sich das genau; das ist nämlich nicht so einfach. Ich passe auf.«

Böhm nickte. Richtig überzeugt war er nicht. Er stand schweigend auf und ging zur Tür. Er drehte sich herum und sagte: »Wenn’s so läuft wie in der Kündigungssache …« Dann ging er hinaus.

 

*

 

In der Kündigungssache hatte Abel für Böhm seinen ersten Erfolg gehabt. Die Werkstatt hatte ihn fristlos rauszuwerfen versucht, als der Unfall passiert und es sicher war, dass ein nicht verschraubter Stutzen am Hauptbremszylinder zu dem Unfall geführt hatte. Abel hatte die Kündigung im Gütetermin beim Arbeitsgericht schnell zu Fall bringen können. Formale Gründe sprachen für Böhm; aber auch die Tatsache, dass arbeitsrechtlich eine einmalige Nachlässigkeit auch bei schweren Folgen nicht so schwer bewertet wird, dass einer seinen Arbeitsplatz verliert, wenn er sonst ein zuverlässiger Mann ist. Und das war ausdrücklich von der Gegenseite vor dem Gericht betont worden. Auf Anraten des Richters hatte man sich schnell arrangiert: Böhm konnte weiterarbeiten. Abel bekam seine Kosten erstattet.

Er faltete die Zeitung zusammen und beobachtete den Hund, der mit eingerollter Zunge und weit offenem Maul gähnte.

»Ma schau’n«, sagte er zu Schmitz. »Vielleicht wollen die Kollegen ihn ja auch in die Pfanne hauen. Ich glaube nicht, dass er sehr beliebt ist.«

 

 

Donnerstag, 25. Juli

 

Abel hasste Beerdigungen, wie er auch Krankenhäuser hasste. Alles was an Krankheit und Tod erinnerte, verdrängte er schon so lange er denken konnte. Er erinnerte sich zwar nicht mehr unmittelbar daran, wie sich sein Vater erhängt hatte, doch seine Mutter hatte es ihm wieder und immer wieder erzählt. Den Vater in Schutz genommen. Ihn getröstet. Sie war eine heitere Frau, trotz der harten Lebensumstände damals. Witwe mit Kind und kleiner Rente. Und dann starb sie. Jung und plötzlich. Abel hasste den Tod.

Wenn er dennoch nach dem Mittagessen seinen uralten, dunklen Anzug aus dem Kleiderschrank kramte und seinen schwarzen Schlips umband, um zu dem Begräbnis von Silke Weiß zu gehen, dann in der Hoffnung, in den Abschiedsworten des Pfarrers ein paar Hinweise über das Leben von Silke Weiß zu erfahren, die nicht in die Akten kamen.

»Dafür, dass der Böhm Bremsleitungsstutzen nicht angeschraubt hat, dafür gibt die Beerdigung doch nichts her«, sagte Jane und fügte hinzu: »Du könntest dir wenigstens im Ausverkauf mal wieder einen neuen schwarzen Anzug kaufen. Den kann man auch zu anderen Anlässen tragen. Und schwarze Sachen stehen dir.«

»Da sehe ich aus wie ein Künstler oder ein Intellektueller. Das will ich nicht«, erwiderte Abel.

 

*

 

Er parkte sein Auto vor dem Tor und ging den asphaltierten Weg zwischen schmucken Gräbern hinunter zur Kapelle beim Krematorium. Der Himmel war mit dunklen Wolken überzogen. Warmer föhniger Wind fegte von Süden her über die Stadt. Staub und Sand von den Wegen zwischen den Gräbern wirbelten durch die Luft. Einige Meter vor Abel ging ein Paar in schwarzer Kleidung. Der Mann hielt den Kopf schräg gegen den Wind geneigt und umklammerte mit den Fingern den Rand seines Hutes. Die Frau trug ein prächtiges Blumenbukett aus weißen Rosen unter Cellophan im Arm. Der Wind raschelte mit der Folie. Abel hatte keine Blumen, doch das störte ihn nicht.

Hinter dem Paar betrat er die Aussegnungskapelle. Der Wind warf hinter ihm die schwere Tür ins Schloss. Der Knall fuhr mitten in das getragene Spiel eines Streichquartetts; die Menschen in den Bänken drehten sich um. Abel setzte sich und sah sich um, ohne die gefalteten Hände zu lösen. Vorn in der Mitte des Raumes stand neben einem Rednerpult der Sarg, von Kränzen und Blumen bedeckt, daneben Lorbeerbäume und wieder Blumen und Kränze. Links saßen die Streicher. Die Häupter der Trauergemeinde vor Abel waren wieder gebeugt. Es kamen immer noch neue Gottesdienstteilnehmer, sodass Abel noch mehrfach wie im Kino aufstehen musste, weil er seinen Platz am Ende der Bank behalten wollte. Einige Gesichter der Trauergemeinde kamen ihm bekannt vor. Nicht Leute, die bei ihm im Viertel wohnten. Gesichter aus der Zeitung. Lokalpolitiker. Ein berühmter Frisör. Theatermenschen. Die »A dabeis«, wie es in München heißt, bei einer Beerdigung. Wenn Abel stand, sah er jedes Mal nach vom, wo er den Ehemann und die nahen Verwandten der Toten vermutete. Frauen weinten. Die Stille nach dem Konzert wurde durch Schluchzen unterbrochen. Nur der Ehemann ganz vorne blieb beherrscht.

Endlich trat ein Pfarrer in schwarzem Talar und weißem Kragen hervor. Er sprach ein Gebet und predigte anschließend. Abel, der als Atheist seit Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht hatte, hörte den Worten des Priesters aufmerksam zu. Er spürte die Müdigkeit und Mutlosigkeit des Mannes bei dem Versuch zu erklären, dass es einen Sinn ergäbe, wenn ein junger Mensch eines Tages einen kalten, schlaffen Körper zurücklässt und sein warmer, lachender, lebender Geist unauffindbar wird. Die Worte, Bilder und Gleichnisse waren in Abels Augen Fälschungen, mit denen die maßlose Trauer betäubt werden sollte. Abel wusste, wie man sich an dergleichen klammert. Wenig konkret waren die Bemerkungen zur Biografie von Silke Weiß, mit denen die Standardpredigt durchsetzt war. Behütete Kindheit in Wolfratshausen. Studium der Kunstgeschichte. Hochzeit mit dem bekannten Heilpraktiker Weiß. Glück in der Ehe. Der noch unerfüllte Kinderwunsch. So jung. So hoffnungsvoll. In der Blüte ihrer Jahre. Bla, bla. Abel war enttäuscht. Er blickte die Reihe neben sich entlang, doch er beobachtete nur betroffene Gesichter, leise weinende Frauen. Alle waren bedrückt vom Szenarium. Die Hände umklammerten einander in den Schößen der Menschen. Die Blicke waren gesenkt.

Ein Lied wurde matt angestimmt, die Streicher begannen zu arbeiten, die Orgel fiel mit ein. Der kärgliche Gesang der Gemeinde hallte in der mit düsterem Stuck beladenen Kuppel hohl wider. Süßer Geruch von verwesenden Sommerblüten, die schon den langen Vormittag ohne Wasser über dem Sarg ausgebreitet waren, verschmolz mit der gefangenen Hitze der letzten Tage, die sich aus den Mauern stahl.

Endlich war das Lied zu Ende. Niemand sprach. Niemand hüstelte.

Oben an die Fenster der Kuppel trommelten plötzlich die Kaskaden eines herabstürzenden Sommerregens. Auf dem Dach tanzten prasselnd die Tropfen. Hinter Abel wurde vorsichtig die Tür geöffnet. Ein Schwall feuchter, frischer Luft schlug kurz herein. Ein Mann betrat die Kapelle. Die Haare klebten ihm an der Stirn. Er verharrte stehend an der nun wieder geschlossenen Tür, unter der sich eine Lache vom Regenwasser gebildet hatte. Das war der Dunkelhaarige aus der Verhandlung gegen Böhm! Abel sah, dass er, anders als im Prozess, sehr bewegt wirkte und mit den Tränen kämpfte.

Die Trauergemeinde hatte nichts bemerkt. Der Priester sprach mit lauter Stimme den Segen über den Sarg und reckte seine Arme derart hoch, dass die Ärmel seines Talars zurückfielen und die hochgekrempelten Manschetten seines weißen Hemdes sichtbar wurden. Der Mann neben Abel hatte die Hände nicht gefaltet. Seine Arme hingen an der Seite herab, die Fäuste krampfartig geballt. In der Rechten, eine lange weiße Rose. Über seine vom Regen nassen Wangen rannen jetzt Tränen. Die Zähne in die Unterlippe verbissen, starrten seine Augen nach vorne.

Die Musik setzte wieder ein. Die Klappen seitlich des Sarges taten sich auf wie die Zähne und Lippen eines Maules. Ein paar Blumen fielen schon vor dem Sarg in den gähnenden Schacht. Die Orgel schwoll an, übertönte die Streicher. In der Höhle des Krematoriums senkte sich der Sarg langsam auf ein Fließband. Der Mann neben Abel zitterte. Um das Schluchzen zu unterdrücken, hob er die linke Hand, die immer noch zur Faust geballt war zum Mund und biss in die Knöchel; doch das Schluchzen bahnte sich seinen Weg. Der Mann weinte jetzt hemmungslos.

Unterdessen glitten die Kränze und Blumen mit dem Sarg hinunter. Bevor die Klappen sich langsam zu schließen begannen, stürzte der Mann nach vorn, warf seine weiße Rose in den Schacht und rannte wieder hinaus in den herabströmenden Regen.

Abel spürte die kühle Gischt zur Tür hereinwehen.

Die Menschen in der Kapelle erhoben sich halb, um zu sehen, wer es gewagt hatte, das Ritual zu stören. Doch der Mann war verschwunden. Endlich schlossen sich die Klappen des Krematoriums, einige Blüten zwischen den Fugen zerquetschend. Die Musik verstummte. Die Streicher packten die Instrumente ein. Scharrend standen die Trauergäste auf und begaben sich nach vorn um zu kondolieren. Abel schob sich seitlich gegen den Strom, immer noch die Hände verschränkt vor sich haltend. So zogen sie vorbei, alle wie sie gekommen waren, und gaben einem Mann in tadellosem schwarzen Anzug die Hand. Offenbar der Ehemann. Der bekannte Heilpraktiker Weiß. Abel kannte ihn nicht. Er mied Heilberufler, wo immer es ging. Beim Kondolieren wurden wie immer wenige Worte gewechselt. Ein kurzer Blick in die Augen des Gegenübers, ein Nicken, ein Lächeln. Der Nächste. Wieder Worte, das Zunicken, der Händedruck. Abel erkannte aus einem Seitenblick des Ehemanns der Verstorbenen, mit dem dieser die lange Reihe der noch Wartenden abschätzte, wie viele wohl noch kommen würden. Seine Züge waren ausgeglichen und ernst, seine Augen trocken geblieben. Vielleicht hatte er ein Beruhigungsmittel genommen, um nicht öffentlich die Fassung zu verlieren.

Abel ging hinaus.

Unter dem kleinen Steinbaldachin vor der Kapelle drängten sich die Trauergäste zusammen, von denen die meisten ohne Regenschirm gekommen waren, und duckten sich vor den Peitschenhieben des Regens. Niemand ging zurück in die unangenehm süßlich riechende Wärme der Krematoriumskapelle.

»Shit, meine Haare«, sagte eine Frau neben Abel zu ihrem Begleiter, »und nicht mal ein Taxi kommt hier rein, das ist in den Staaten anders.«

Die Tür ging auf, und eine weitere Gruppe von Beerdigungsteilnehmern quoll aus dem Innenraum ins Freie. Gerade hörte Abel einen jungen Mann sagen: »Ist wirklich unmöglich, wie er sich benommen hat.«

Abel bezog diese Bemerkung auf den Mann mit der weißen Rose. »Unmöglich«, bestätigte er beiläufig, obwohl er nicht angesprochen war, und fragte dann: »Wie heißt er eigentlich mit Nachnamen?«

»Das ist doch der Ruop«, antwortete der junge Mann und wandte sich von Abel ab.

»Ja, total unmöglich«, sagte die Frau, die sich um ihre Frisur sorgte, zu Abel, »Finden Sie nicht auch?«

Abel nickte. Ihm fiel keine Frage ein, die er hätte unverfänglich stellen können, aber die Frau sprach weiter zu ihrem Begleiter hin: »Roby besitzt die Frechheit … Also was fallt dem ein, überhaupt hierherzukommen, und zieht dann noch eine Show ab. An Stelle von Arnold würde ich ihn erwürgen.«

Arnold Weiß hieß der Ehemann. Das wusste Abel aus den Akten. Nach dieser Bemerkung nahm das Gespräch eine andere Wendung. Die Frau ließ sich über die Kleidung der Trauergäste aus. Als Abel sah, dass für ihn keine weiteren Informationen abfallen würden, stellte er den Kragen seines abgewetzten Anzugs hoch, kniff die Augen zusammen und rannte in den niederrauschenden Sommerregen.

Erst im Windschatten des Torbogens am Friedhofseingang hielt er an, um sich für einen Augenblick unterzustellen. Er schleuderte mit den Händen Wassertropfen von seinem Anzug. Vorsichtig lugte er um die Ecke des Torbogens, doch er sah nichts als nur grau auf ihn zutreibende Regenwogen über einer leeren Straße, wo einige Taxis warteten. Gerade als er sich wieder ducken wollte, um endlich zu seinem Auto zu spurten, spürte er den Griff einer Hand an seinem Oberarm. Abel drehte sich um und erkannte Ruop, der ihm geradewegs ins Gesicht sah.

»Sie sind doch der Anwalt, der den Mechaniker verteidigt.«

»Ja«, antwortete Abel. Er sah Ruop prüfend an.

»Warum lässt der Richter das arme Schwein denn nicht laufen?«, fragte er.

»Sie haben es doch gehört.«

»Warum sind Sie hier?«

Achselzucken. Abel klopfte auf den Busch. »Warum sind Sie gekommen? Offenbar gehören Sie doch auch nicht zur Familie und den Freunden?«

»Ich habe Silke gekannt.«

»Gekannt? Und so betroffen?«

Der junge Mann ging auf die Anspielung nicht ein und hob beschwörend die Stimme: »Ohne Grund kommt der Verteidiger des Angeklagten doch nicht zum Begräbnis des Opfers.«

Abel fragte: »Wie war Ihr Verhältnis zu Frau Weiß?«

Ruops Blick wanderte zur Seite über die Gräber und die Bäume, die unter den brausenden Teppichen des Regens lagen. Sein Gesicht begann wieder zu zucken. Nach einer Pause, in der er um Fassung rang, schrie Ruop: »Umgebracht hat er sie! Er hat sie getötet!«

Die beiden Männer schwiegen, lauschten dem Rauschen und Trommeln des Regens.

Schließlich fragte Abel: »Wer?«

»Arnold Weiß«.

Ruop zeigte hinauf zum Asphaltweg zwischen den Gräbern, wo eine kleine Gruppe schwarz gekleideter Menschen, dicht unter wenigen Schirmen zusammengepfercht, die Körper gegen den Sturm gebeugt, herunterschritt. Voran ging der Ehemann. Sie zogen an Abel und Ruop vorbei durch das Tor, ohne anzuhalten, und stiegen draußen am Straßenrand wortlos in einige schwere Wagen und Taxis.

Während Abel die Abfahrt beobachtete, war Ruop grußlos fortgegangen, langsam und mit gesenktem Kopf durch das tobende Unwetter. Abel sah ihn am unteren Ende der Straße verschwinden, dann zog er wieder seinen Kragen hoch und rannte zu seinem Auto.

 

*

 

Abel saß rittlings auf einem Stuhl vor dem verwaisten Arbeitsplatz von Jane. Er blätterte im Telefonbuch. Den Namen Ruop gab es zweiunddreißig Mal, darunter glücklicherweise nur einen Robert Ruop. Er suchte nach einem Stift und einem Zettel.

»Was suchst du?«, fragte Jane, die gerade zur Tür herein kam.

»Ein Mann, den ich schon im Gericht bei der Verhandlung gesehen habe, behauptet, Weiß habe seine Frau umgebracht.«

Abel notierte die Nummer von Ruop.

»Doch Häuptling Spürnase«, sagte Jane und zeigte mit dem Finger auf die Nase. »Dann wäre dein Böhm aus dem Schneider. Und was ist an der Sache?«

»Mir fallt im Augenblick nichts wirklich Originelles dazu ein«, sagte er und begann von dem Ablauf der Totenfeier zu berichten, namentlich vom Auftreten des jungen Mannes mit der weißen Rose. »Die Beschuldigungen sind vielleicht nur Produkt seiner Hysterie«, schloss er.

»Was hatte er mit der Frau zu tun?«

»Das krieg ich raus, wenn ich ihn besuche«, sagte Abel.

»Sieht so aus, als habe er wirklich sehr an ihr gehangen.«

»Wie wär’s übrigens mit dem Krankenhaus? Willst du dort nicht einmal vorbeischauen? Vielleicht wissen die Genaueres über die Todesursache.«

»Begräbnisse, Krankenhäuser. Wie ich das hasse«, knurrte Abel, »Es ist nicht mein Job als Anwalt, hinter vagen Anhaltspunkten herzulaufen, anderer Leute Verbrechen aufzudecken und vielleicht sogar noch einen Täter der Justiz frei Haus zu liefern.« Er stand mit verschränkten Armen da und starrte griesgrämig vor sich hin.

»Mich interessiert’s«, sagte Jane und stand auf. »Komm, ich gehe mit. Wir sehen uns mal in dem Krankenhaus um.« Sie hakte Abel unter und zog ihn mit sich.

»Oh, Babyjane«, sagte Abel, »wie gut du dich anfühlst so neben mir. So lebendig.«

»Gabriele hat schon länger nicht mehr angerufen«, sagte Jane, »zu ihr hast du doch auch gesagt, dass sie sich gut anfühlt.

«Ich habe gesagt, sie riecht gut.«

«Ich vielleicht nicht?»

«Doch, sehr gut.« Jane hakte sich mit einem Lächeln aus.

 

*

 

Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen züngelten über die gezackten Wolkenränder, als Abel in der Nähe des Hospitals parkte, in dem Silke Weiß gestorben war.

Er war immer noch mürrisch, ein seltener Zug an ihm. Mit den Händen in den Taschen seiner Hose und hochgezogenen Schultern ging er neben Jane her. Sie betraten das Krankenhaus, ohne dass man sie an der Pforte gefragt hätte, wo sie hinwollten. Sie passierten einen Wegweiser, hielten kurz an, um wortlos Kürzel und Piktogramme zu studieren, und betraten einen breiten Aufzug mit abgeschrammten Metalltüren, der sich ruckend in Bewegung setzte und sie ins dritte Stockwerk des Gebäudes trug.

Die Intensivstation der Chirurgischen Abteilung war durch ein feuerrotes Schild gekennzeichnet. Eine schwere Tür verschloss den Gang zu den Krankenzimmern. Jane drückte mit der Hand dagegen, und die Tür schwang auf. Der hohe halbdunkle Gang war fensterlos und wurde nur von einer Notbeleuchtung schwach erhellt. Das Paar trat ein und ging leise den Flur entlang. Die Zimmer zu beiden Seiten hatten keine Türen. Abel spähte vorsichtig aus den Augenwinkeln in das erste hinein, sah dort aber nur vor einem Milchglasfenster ein frisch bezogenes, unbenutztes und mit Plastikfolie abgedecktes Bett stehen. Die Gerätschaften, Apparate und Monitore ruhten auf Rollschränken und Regalen. Standby. Im nächsten Raum konnte man im diffusen Licht einen Paravent erkennen, dann kam eine Tür, an der das Wort Stationsschwester in einem schmalen Metallrahmen auf der Glastüre selbst angebracht war, darauf folgte die Tür zum Zimmer des Stationsarztes. Abel und Jane blieben davor stehen. Es war ruhig auf dem Flur der Intensivstation. Schließlich klopfte Abel.

»Ja«, rief eine gedämpfte Stimme.

Abel öffnete vorsichtig die Tür und sah, wie sich der Arzt, noch halb auf seiner Liege ausgestreckt, aufrappelte und einen Kittel überzog, auf dem sein Name stand. Als er Jane bemerkte, fuhr er sich mit einer flüchtigen Bewegung durch die Haare und stand auf. Abel schloss die Tür hinter sich und Jane. In dem Gesicht des Arztes sah man den Ärger über die Störung aufkeimen.

»Bitte?«, fragte er.

»Ich hätte gerne eine Auskunft, Herr Deuser«, sagte Jane und lächelte mit leicht schräg gelegtem Kopf. »Es geht um Silke Weiß.«

»Silke Weiß?«, fragte der Arzt und sah mit einem flinken Blick an Jane herunter, seine Augen blieben an ihrer Bluse hängen. Sie war keine makellos schöne Frau, doch sie hatte ein reizvolles, schmales Gesicht mit heller Haut. Ihre dichten, blonden Haare trug sie mit einem Pony.

»Ja, Silke Weiß«, sagte Abel, der den Blick des Arztes bemerkt hatte.

»Wir haben sie ganz plötzlich verloren.«

»Warum so plötzlich?«, fragte Jane.

»Tja, ich kann Ihnen da leider nicht dienen«, sagte Deuser nun förmlich und sah wieder an Jane herunter.

»Warum?«, fragte Abel.

»Ich hatte keinen Dienst und kenne den Fall nicht persönlich. Außerdem: Schweigepflicht.«

»Wer hatte denn Dienst?«, fragte Jane.

»Dr. Völter«, sagte der Arzt und bückte sich, um die Decke auf seiner Bereitschaftsliege glatt zu streichen. Er richtete sich wieder auf. »Am besten wenden Sie sich an die Verwaltung oder den Chef.«

»Wie heißt der Chef?«

»Döhring.«

Ein kleines Lächeln huschte über Janes Gesicht. Ihre Augenbrauen hoben sich. »Aber dass es ein schlimmer Fall war, das wissen Sie«, sagte sie.

»Tja, schlimm«, wiederholte der Arzt. Sie standen sich immer noch gegenüber in dem schmalen, hellgelb gestrichenen Bereitschaftszimmer mit der Liege, einem weißen, schmalen Spind, einem Handwaschbecken und dem Kreuz an der Wand. Auch hier waren die Scheiben aus Milchglas, in dem sich diffus die Strahlen der tief stehenden Sonne brachen.

»Wir waren heute Mittag bei der Beerdigung, müssen Sie wissen«, sagte Abel, »wir sind erst jetzt angereist.«

»Aha«, murmelte der Arzt.

Abel sagte: »Wir wollten, nein, wir müssen Gewissheit haben, was passiert ist.«

»Das ist schwierig«, antwortete der Arzt. »Ich habe bestimmt keinen Dienst gehabt, vielleicht wenn Sie morgen wirklich mal zu Professor Döhring …«

Jane neigte den Kopf wieder auf die Seite und lächelte: »Wenn wir schon da sind, könnten Sie uns doch ein paar Anhaltspunkte geben.«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein.« Er sah auf seine Uhr. »Ich muss jetzt auf Station. Es hat keinen Zweck. Sehen Sie’s doch ein.« Er drängte sich an Abel und Jane vorbei und ging auf die Tür seines Zimmers zu, um sie zu öffnen.

»Ist schon gut«, sagte Abel und folgte dem Arzt. »Und wann treffe ich Herrn Völter auf Station?«

»Er ist nicht mehr bei uns.«

»Haben wir ihn auch verloren?«

Jane lächelte über Abels Formulierung.

»Nein, er lebt. Aber er arbeitet nicht mehr bei uns, wenn ich es richtig weiß«, antwortete der Arzt genervt.

»Völter mit F oder mit V?«, fragte Jane im Hinausgehen.

»Mit V.« Der Arzt schob die Hände flach in die Taschen seines Kittels und verschwand, ohne einen Gruß zu erwidern, in einem der Zimmer.

Als die beiden auf die Straße traten, sah Abel an der alten Backsteinfassade hinauf. »Irgendetwas ist da nicht sauber«, murmelte er. »Was ist, wenn es ein Kunstfehler war? Dann wären wir auch aus dem Schneider mit dem Böhm.«

»Dann kannst du es aufgeben«, sagte Jane und hielt ihn am Ärmel fest, damit er nicht auf der Straße in ein Auto lief.

»Warum?«

»Weil die mauern. Ich weiß das. Das Hospital hat einen schlechten Ruf. Man betet dort ein bisschen mehr und operiert dafür weniger und schlechter, heißt es.«

»Und wenn was passiert?« Abel legte den Zeigefinger über den Mund. »Das große Schweigen?«

»Das ist doch überall so.« Sie überquerten die Straße und gingen auf Abels Wagen zu.

»Vielleicht haben wir bei diesem Völter eine Chance?«

»Und wenn er es war, der die Sache verbockt hat? Meinst du, der freut sich, wenn ein Anwalt kommt und Fragen stellt? ›Bittschön‹, wird er sagen, ›treten Sie doch näher. Ich bin Ihnen gern behilflich. Also, das mit der Weiß war so und so.‹ Nee, Jean, das schlag dir mal aus dem Kopf.«

»Fragen kostet nichts«, sagte Abel und schloss die Tür seines Autos auf. »Man kann nie wissen.«

 

*

 

Zwei Adressen und eine Menge Fragen, das war die Ausbeute der ersten Schritte, die Abel an diesem Donnerstag über die Grenzen der Routine hinaus in seinem Fall tat. Immerhin. Er war zufrieden.

Nun lag er im Hof der Kanzlei in der Hängematte und starrte in den lila anlaufenden Abendhimmel hinauf.

Doktor Völter stand im Telefonbuch. Doch es hatte niemand abgenommen, als Abel vorhin angerufen hatte. Robert Ruop würde er sich morgen vornehmen. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Mit einem Fuß stieß er sich an einem Ast ab und begann zu schaukeln. Paul Schmitz lag zusammengerollt unter ihm und schnarchte leise. Der warme Wind roch nach Erde und frischem Gras.

Abels Kanzlei war in den Räumen einer früheren Papierhandlung untergebracht, das Büro befand sich im ehemaligen Laden, und dahinter lagen noch Privaträume, die Abel als Wohnung dienten. Durch die Küche konnte man hinaus in einen geschlossenen großen Hinterhof, in dem Birken und Linden über einer von spielenden Kindern zertretenen und umgegrabenen Grasnarbe wuchsen. Es störte niemanden, wenn Abel im Sommer seine Hängematte zwischen zwei Bäume spannte, um ein Stündchen zu dösen. Er gehörte nicht zu den stressgeplagten Anwälten, die von Termin zu Termin hetzten und nur auf telefonische Voranmeldung zu konsultieren waren. Nein, Abel war für jeden zu sprechen. Nicht, weil er ein gutes Herz hatte, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit. Die anderthalb Tausend, die er netto nach Abzug aller festen Kosten im Monat brauchte, waren schon mal bei einem einzigen guten, fetten Fall zu verdienen. Indes, diese Fälle waren in den ersten Jahren seiner Existenz als Freiberufler selten vorgekommen. Wer traut schon einem über Dreißigjährigen, wenn es um viel Geld geht? Zumal einem, der in einer ehemaligen Papierhandlung residiert und nicht so aussieht, als hätte er vorher schon mit Erfolg Fälle bearbeitet, die ins Geld laufen.

Es kamen hie und da Leute aus der Nachbarschaft. Nur hatten die Nachbarn in dieser Gegend nicht das große Geld. Denn Abel lebte nicht im noblen Bogenhausen, sondern im Lehel, mitten in der Stadt, in einer der vielen, noch lebendigen Häuser aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Dort wohnten zwar die höheren Angestellten, die Geschäftsführer, die Prokuristen und leitenden Regierungsbeamten. Aber die hatten ihre Anwaltsverbindungen in einer der großen Kanzleien in der Stadt. Der Habenichts Abel war, als Anwalt betrachtet, ein Außenseiter im Lehel.

Der Fall Böhm war deshalb für Abel in der Tat wichtig, denn Böhm wohnte in der Nachbarschaft und hatte schon nach der gewonnenen Arbeitsrechtssache in der Eckkneipe mit seinem und Abels Erfolg angegeben. Wenn Böhm auf Abel zu schimpfen begann, würde man vielleicht zögern, zu ihm zu kommen.

Abel pendelte in der Hängematte hin und her und starrte mit weit offenen Augen in den immer dunkler werdenden Himmel. Der Hund kratzte sich und grunzte vor Wollust. Eine Mutter rief gellend nach ihren Kindern, die daraufhin ein Geschrei anstimmten und hinter den Fahrradschuppen am andern Ende des Hofes flohen. Jetzt wurde der Vater geschickt. Aus den offenen Fenstern drangen Fernsehschüsse und Essensgeruch.

Schmitz bellte plötzlich.

»Du bist doch Anwalt?«, fragte eine junge Stimme hinter Abels Kopf. Er sah sich um, ohne aufzustehen, und sagte: »Schmitz, kusch.« Der Hund schwieg.

»Ja«, antwortete Abel schließlich. »Komm her.«

Ein untersetzter Junge mit dichten, schwarzen Haaren, noch keine zwanzig Jahre alt, stand etwa zehn Schritte von der Hängematte entfernt. Er kam zögernd näher, immer bereit, stehen zu bleiben, falls der Hund Miene machte ihn anzufallen. »Komm schon«, sagte Abel wieder. Der Junge trat an die Hängematte.

»Kostet das was, wenn ich dich was frage?«

»Nein«, Abel stieß sich wieder mit dem Fuß ab, weil seine Hängematte fast ausgependelt war. »Solange ich nicht aufstehe, kostet es nichts.« Er sah den Jungen an, der sich gerade mit dem Unterarm die Nase wischte. Seine Kiefer mahlten in trägem Rhythmus auf einem Kaugummi. »Also?«

»Gilt’n der Internationale Führerschein?«

»Haben sie dir deinen abgenommen?«

Das Gesicht des Jungen verschloss sich sofort. »Ob der Internationale Führerschein gilt?«

»Nur zusammen mit dem jeweiligen Originalführerschein.«

»Versteh ich nicht.«

»Allein gilt der Internationale Führerschein nicht, nur zusammen mit deinem Originalführerschein.«

»Und wenn man ohne Original fährt?«

»Wirste eingelocht. Und womit?«

»Womit was?«

»Mit Recht«, sagte Abel. Der Junge hörte einen Augenblick auf, mit den Kiefern zu mahlen, und fixierte den in der Hängematte pendelnden Anwalt, dessen Bartgesicht einen ironisch mitfühlenden Ausdruck annahm.

»Komm, erzähl mal, was wirklich los ist«, sagte er und setzte sich auf. Mit einem Satz sprang er auf den Boden.

»Kostet’s jetzt was?«, fragte der Junge.

»Immer noch nicht.« Abel pfiff nach dem Hund, der unter einem Baum ein Loch zu wühlen begonnen hatte, und nickte dem Jungen zu: »Komm rein, es wird langsam kalt.«

 

 

Freitag, 26. Juli

 

Abel klingelte am Freitag gegen zwölf bei Ruop, der hoch oben unter dem Dach eines früher gutbürgerlichen Hauses mit nun verfallender Prachtfassade wohnte. Abel wartete. Er setzte seinen Finger erneut auf den Klingelknopf. Nur für den Fall, dass Ruop schläft, dachte er. Gerade als er sich abwenden wollte, um die Treppe wieder hinunterzusteigen, öffnete sich die Tür einen Spalt. Das blasse Gesicht des Mannes erschien.

»Sie sind’s?«, sagte er leise und öffnete die Tür. Er ging, ohne nach Abel zu sehen, in seine Wohnung zurück.

Abel schloss hinter sich die Tür und folgte ihm. Er betrat ein geräumiges Zimmer mit hellem Teppichboden, das spärlich möbliert war. An den Wänden zogen sich prall gefüllte Bücherregale entlang, dazwischen hie und da ein kostbares Möbelstück und teures Nippes vor den Buchrücken. Die Läden vor den Fenstern waren zugeklappt. Es herrschte drückendes, stickiges Halbdunkel. Aus dem CD-Spieler drang Kammermusik. Auf dem Tisch brannten Kerzen. Ruop hatte sich in einen Sessel gesetzt und starrte in das Kerzenlicht. Die Hitze des ausgesperrten Sommertages hing schwer über dem Raum. Und dann noch die Kerzen.

»Ich habe gewusst, dass Sie kommen«, begann Ruop mit theatralischem Ton. Abel setzte sich vorsichtig auf einen Schemel an der Wand. Er betrachtete in dem zitternden Kerzenschein das Gesicht des Mannes. Er hatte seine Arme auf die Knie gestützt und hielt die Hände gefaltet.

»Sie werden sich gefragt haben, ob ich spinne«, fuhr Ruop fort. Abel nickte. »Und deshalb sind Sie zu mir gekommen. Immerhin haben Sie sich nach mir erkundigen müssen, nach meinem Namen und der Adresse.«

»Schon recht«, antwortete Abel.

»Wenn Sie diesem Böhm helfen wollen, müssen Sie rauskriegen, ob was dran ist, an dem was ich sage, nicht?«

»Ja.«

»Silke und ich, wir haben uns geliebt.« Ruop schluckte. »Und sie wollte von ihrem Mann weg. Sie wollte ihn verlassen. Deshalb hat Weiß seine Frau umgebracht.«

»Gibt es Beweise?«, fragte Abel.

»Mir genügt das Motiv.«

»Eifersucht?«

»Nein, Besitzgier.«

»Besteht da ein Unterschied?«, fragte Abel.

»Vielleicht. Ich weiß nicht. Bei Weiß vielleicht schon.« Ruop senkte den Kopf und betrachtete seine gefalteten Hände.

Abel blieb reglos sitzen und wartete darauf, dass der andere weitersprach.

»Silke war schon lange wieder aus dem Krankenhaus heraus, wissen Sie? Und auf einmal wird es ihr schlecht, sie fallt um, ganz plötzlich und ohne jeden greifbaren Grund.«

»Wo ist das passiert?«

»Bei ihm zu Hause. Sie war doch noch so jung. Und sie kommt wieder in die Klinik. Man operiert sie. Silke befindet sich wieder auf dem Wege der Besserung, wie man so schön sagt, und plötzlich ist sie tot.«

»Und zuvor hat Silke ihrem Mann erzählt, dass sie Sie liebt und dass sie ihn verlassen wird?«, fragte Abel, mit möglichst gleichgültiger Stimme.

»Nein, ich habe es ihm gesagt.« Ruop sah mit leerem Gesicht zu Abel hinüber, der fast in der Dunkelheit saß.

»Wann genau?«

»Zwei Tage zuvor.«

»Obwohl sie ihn verlassen wollte, war sie in der gemeinsamen Wohnung bei ihrem Mann?«

»Er hat ihr ziemlich zugesetzt. Sie hat aber gekämpft. Wir haben viel telefoniert.«

»Getroffen haben Sie Silke nicht in den letzten beiden Tagen?«

»Nein. Sie wollte es allein durchstehen. Sie war ziemlich sauer, dass ich ihren Mann informiert habe.«

»Ich verstehe.«

Abel verharrte weiter in seiner Stellung, um Ruop in seinen Gedanken nicht zu stören. Die Luft in dem Raum roch dumpf nach alten Möbeln und staubig nach Büchern. Abel hätte am liebsten die Fensterläden aufgestoßen, um Licht und Luft hereinzulassen.

»Sie sollten vorsichtig sein«, fuhr Ruop fort, »Weiß ist ein intelligenter Mann. Wenn Sie ihn fangen wollen, müssen Sie es schlau einfädeln. Ich glaube, es wird schwer, ihm einen Fehler zu beweisen.«

»Vage, alles sehr vage. Beweise«, sagte er, »ich brauche Fakten. Seit wann kannten Sie Silke Weiß?«

»Seit letztem Herbst.«

»Und seit wann intim, wie man so schön sagt?«

Ruop sah zu Abel hinüber, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, ich kann nicht, und ich will auch nicht.« Er verbarg sein Gesicht in den Händen.

»Sagen Sie, was Sie wollen: Mein Mandant, der Böhm, der ist Ihnen egal. Ob der in den Knast einfährt oder nicht«, Abel schnippte mit den Fingern, »das juckt Sie so viel, wie wenn in Chicago ein Sack Kohlen umfällt. Sie wollen, dass ich den Weiß vor Gericht zerre, das wollen Sie, und dafür können Sie mir auch ein paar Fakten geben.« Abel hatte am Schluss sehr laut gesprochen.

Ruop schwieg. Seine Lippen zuckten, im flackernden Licht der Kerzen schien er beinahe zu weinen. Abel wandte sich ab.

»Keiner versteht die Trauer«, flüsterte Ruop.

»Doch«, sagte Abel, »doch, ich verstehe das ganz gut, und ich kann mir denken, wie es Ihnen geht.« Er ging auf eines der Regale zu. In einem Jugendstilrahmen sah er eine Fotografie zweier junger Frauen. Beide waren modisch gekleidet und sahen hübsch aus. Sie hatten sich beieinander eingehakt. Über dem linken oberen Rand hing ein Trauerflor. Abel nahm das Bild und ging wieder zu Ruop zurück. Er hielt es ihm vor das Gesicht.

»Wer davon ist Silke Weiß?«, fragte er.

»Die Linke«, antwortete der Mann mühsam.

»Und wer ist die Rechte?«

»Ursel.«

»Ursel?«

»Sommer.«

»Adresse?«

Ruop nannte eine Straße in Haidhausen, jenseits der Isar. »Mhm«, murmelte Abel. Er streifte den Trauerflor von dem Bildrand und legte ihn auf den Tisch neben die Kerzen. »Das nehme ich mal mit. Sie kriegen’s wieder, wenn ich einen Abzug habe, und dem Rahmen passiert auch nichts.« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und nahm eine Visitenkarte heraus. »Damit Sie mich finden, wenn Ihnen noch etwas Konkretes einfällt«, sagte er so freundlich es ihm über die Lippen kam und legte seine Geschäftskarte neben den Trauerflor. Dann verließ er den Raum.

Draußen im Treppenflur atmete er tief durch. Abel ging die Treppen hinunter. Die Sonne schien in schmalen Strahlen steil von den Fenstern auf die Treppenabsätze. Staubfussel flimmerten im Licht. Abel verharrte für einige Augenblicke und hielt das Foto in die Sonne. Silke Weiß war blond gewesen, eine schöne Frau. Sie lachte fröhlich, die Zahnreihen wirkten wie weiße Striche. Alles an ihr wirkte makellos, fast wie auf einem Reklamebild. Die andere Frau war nicht so schön. Er steckte das Foto nachdenklich ein und ging weiter die Treppe hinunter.

 

*

 

Abel und Jane saßen eng aneinandergedrängt auf hölzernen Kaffeehausstühlen vor einer Café-Bar beim Gärtnerplatz und verteidigten beharrlich den dritten freien Platz an ihrem Tischchen. Es war fast neun, und sie warteten immer noch auf den Doktor Völter, der sie hierherbestellt hatte. Sie tranken Espresso und Calvados zur Beruhigung des Magens nach einem scharfen spanischen Essen. Zwischen den Stimmen und dem Gelächter der Menschen vor dem Lokal gab’s drinnen Jazz vom Band. Durch die offenen Fenster gut zu hören.

»Armstrong. Hot Five«, sagte Abel, der etwas davon verstand, und winkte vergeblich dem Kellner, um ein Glas französischen Rotwein zu bestellen.

»Frau Münster?«, fragte eine weiche Stimme hinter ihnen.

Sie drehten sich halb herum und bemerkten einen Mann in einem T-Shirt mit Reklameaufdruck, der jung aussah, fast wie ein Pennäler.

»Völter«, sagte er dann und gab Jane die Hand.

»Der Stuhl hier ist für Sie«, sie schob die Lehne ein wenig nach vorn, »Extra freigehalten.«

»Danke.« Der Arzt setzte sich. Abel spürte, wie nervös der Mann war.

»Abel«, der Anwalt deutete auf seine Brust. »Ich bin so etwas wie ihr ständiger Begleiter«, sagte er wahrheitsgemäß.

»Aha.« Kopfnicken.

»Was trinken Sie?«

»Rotwein.«

»Den Franzosen?«

»Ja.«

Abel schaffte es, im Gedränge der Café-Terrasse seine Bestellung loszuwerden.

»In medias res«, sagte Völter und sah Jane neugierig an. Abel beobachtete, wie er seine Hände knetete.

»Sie sind von der Zeitung?«

»Ja«, antwortete Jane, ohne zu zögern. Wer sie kannte, wie Abel, bemerkte dabei ihre Unsicherheit. Sie sagte: »Wir haben gehört, Silke Weiß war ein schwieriger Fall, warum?«

Die Weingläser wurden auf den Tisch gestellt. Jane nippte an ihrem Kaffee. Völter hob die Augenbrauen und blies die Luft aus vollen Backen: »Sie stellen Fragen.« Er trank einen kräftigen Schluck und sagte dann, bevor er das Glas wieder hinstellte: »Sa sdorowje.« Er überlegte und fügte hinzu: »Ich weiß sowieso nicht, warum ich mit der Zeitung rede. Aber irgendwie stinkt mir die Sache.« Er lachte. Das sah etwas verlegen aus. »Und Sie nennen keine Namen?«

»Nein«, bestätigte Jane. Abel bewunderte die Camouflage. Sie hatten sich für die »Pressenummer« entschieden, weil Abel wusste, dass Ärzte es hassen mit Anwälten zu reden.

»Schwieriger Fall«, wiederholte Jane, ihre Augen forschten das Gesicht des jungen Arztes aus.

»Oh, Mann«, Völter rieb sich die Stirn, »sie war an sich über’n Berg, aber wir haben sie dann doch verloren.«

Schon wieder dieser widerwärtige Ausdruck. »Mhm.« Abel kniff die Augen zusammen. »Ursache?«

»Schock, Kreislauf bricht zusammen, alles rennt, Reanimation, Herzmassage, bis die Rippen brechen: Sauerstoff. Und dann ex.« Völter trank wieder einen langen Zug aus dem Glas.

»Wie lange machen Sie das schon?«, fragte Jane.

»Noch nicht lange genug, um Menschen in diesen verdammten Betten abkratzen zu sehen, ohne eine persönliche Reaktion zu zeigen.«

»Ich hätte nie Arzt werden können«, sagte Abel, »und nur deshalb.«

»Nee, nee, so ist das nicht«, antwortete der Arzt, »wenn es sein muss, dann okay; aber die vielen Fälle, wo es nicht sein muss. Wie hier.«

»Ihr Krankenhaus hat einen schlechten Ruf«, sagte Jane.

»Nein, wie kommen Sie darauf?« Sarkasmus schwang in der Antwort mit, Völter trank sein Glas leer, »aber im Fall Weiß wurde nicht gepfuscht.«

»Sicher?«

»Ganz sicher«, Völter verzog bitter die Mundwinkel und sah Jane an. »Wissen Sie, ich habe die Klinik verlassen. Wir haben uns geeinigt, der christliche Trägerverein und ich. Man trennt sich in gegenseitigem Einvernehmen. Schön, nicht? Ich habe nach dem Vergleich mich jeder rufschädigenden Äußerung zu enthalten. Es ist aber nicht rufschädigend, wenn ich sage, dass bei der Patientin Weiß nichts verpfuscht wurde, als die Arie losging. Ich selber war da und habe versucht, was in der beschissenen Kraft eines Assistenten im zweiten Jahr mit agreablen Zeugnissen steht. Wir haben sie nicht mehr zurückholen können.«

»Und warum sprechen Sie dann mit der Presse?«, fragte Jane.

Völter lächelte Jane an. »Sie sind doch nicht von der Zeitung«. Zum ersten Mal sah Völter dem gegenübersitzenden Abel genau ins Gesicht. »Jetzt mal ehrlich«, fuhr er fort, »was wollen Sie denn wirklich von mir? Ich muss das nämlich wissen, denn Ärzte sind feige Leute, sie fürchten die Obrigkeit und die Rechtsverdreher, weil sie wissen, wie wenig ein Mensch ausrichten kann und welche Vorwürfe einem später trotzdem gemacht werden können.«

»Ich bin Rechtsverdreher«, sagte Abel.

»Okay, habe ich mir gedacht, und ihr wollt mich reinhängen?«

»Nein«, antwortete Abel und begann zu erklären, dass er einen möglicherweise Unschuldigen vertrat, dem er nun aus der Patsche helfen musste, nachdem das Unfallopfer so plötzlich gestorben sei. Völters Augen wurden schmal. »Wie heißt der Typ, den Sie angeblich vertreten? Ich kenne nämlich den Namen.«

»Böhm. Andreas Böhm«, antwortete Abel. Völter nickte.

»Richtig«, sagte er, »so heißt der Mann. Frau Weiß hat den Namen erwähnt.« Er schwieg.

Abel sah mit einem kurzen Blick zu Jane hinüber.

Sie beugte sich vor und legte ihre Hand auf Völters Unterarm. »Silke Weiß können Sie nicht mehr helfen.«

Völter unterbrach sie: »Dafür Ihnen und diesem Böhm?«

»Ja«, antwortete Abel.

»Und warum sollte ich? Und wer wird dann an Stelle Ihres Mandanten angeklagt? Ich etwa?«

»Warum tippen Sie nicht auf Weiß?«, fragte Abel. Seine Hände schlossen sich um leere das Glas. Seine Nervosität legte sich, seit er in etwa wusste, woran er war.

»Wie kommen Sie auf Weiß?«, fragte er schließlich.

»Nur so«, sagte Jane und versuchte den Mann mit einem Lächeln zu gewinnen.

Vergeblich. »Gebranntes Kind scheut das Feuer«, sagte Völter. »Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Fall. Ich muss den Mund halten und zwar auch als Arzt, Sie müssen das ja wohl kennen, die Schweigepflicht. Plötzlich lachte er laut auf. »Sie können ja mal Herrn Weiß fragen, ob er mich von der Schweigepflicht entbindet.« Er erhob sich. »Nichts für ungut«, sagte er zu Jane, »vielleicht kriegt Ihr den Jungen anders raus. Jedenfalls, das Krankenhaus trifft in diesem Fall keine Schuld.«

Völter schob sich zwischen den dichtgedrängten Menschen durch zum Kellner. Er zahlte und nickte den beiden noch einmal zu, bevor er das Lokal verließ.

»Ganz schön nervös, der Mann«, sagte Abel zu Jane.

»Warum ist er wirklich gegangen?«

»Keine Ahnung.«

»Und dann noch so eine Verschwiegenheitsklausel!«

»Routine. – Kann doch sein, dass er gepfuscht hat, und dass man ihn wegen eines Kunstfehlers gefeuert hat.«

Jane schüttelte den Kopf »Nein, ich glaube, wenn sie jeden Arzt wegen eines Kunstfehlers entlassen würden, dann gäbe es kaum noch Klinikdoktoren in Deutschland. Aber wenn Silke Weiß einem Kunstfehler zum Opfer gefallen wäre, dann käme Böhm doch aus der Sache raus?«

»So einfach ist das nicht«, antwortete Abel, der sich die Sache inzwischen noch einmal überlegt hatte, »da gibt’s eine Menge schlauer Theorien zu solchen Fällen, die man alle im Studium lernt, Kausalitäts- und Verschuldensprobleme. Das beurteilt man auch danach, ob nach der Lebenserfahrung ein Kunstfehler im Krankenhaus eine normale Komplikation ist, vor allem, wenn jemand wegen eines fahrlässig verursachten Verkehrsunfalls in ein Krankenhaus kommt. – Aber trotzdem könnte man den Böhm raushauen. Eine dicke Chance wär’s allemal.«

»Und wenn es eine normale Komplikation gewesen ist, dann ist der Böhm dran?«

Abel zuckte mit den Schultern. »Juristen haben für alles ein Argument, es bleibt nur die Frage, ob es überzeugt.«

»Die spinnen ja, die Juristen.« Jane schüttelte den Kopf. Abel trank noch einen Schluck und legte den Arm um ihre Schulter. Er zog sie zu sich herüber. Jane lehnte sich an ihn. Sie schaute ihm in die Augen und seufzte. Auch Abel seufzte.

»Da kommt Gabriele«, sagte Jane.

»Quatsch«, Abel lächelte intensiv. Sein Lächeln verglühte, als er Gabriele hinter sich »Hi, Jean Abel« sagen hörte.

»So ein Zufall!«

 

 

Samstag, 27. Juli

 

»Hier ist einer, der will mich hopsnehmen«, sagte Böhm mit atemloser Stimme am Telefon.

Abel saß mit vom Schlaf noch verklebten Augen auf der Kante seines Bettes und tastete nach der Uhr. »Sechs Uhr dreißig«, sagte er matt und dann: »Wo will Sie einer hopsnehmen?«

»Hier in meiner Wohnung.«

Man hörte einen Mann im Hintergrund dazwischenreden.

»Ich will mit meinem Anwalt telefonieren«, schrie Böhm plötzlich außer sich. Abel fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Wieder vernahm man im Hintergrund die Stimme eines Mannes, ohne zu verstehen, was er sprach.

»Ich komme«, sagte Abel und rieb sich die Augen, doch am anderen Ende hörte niemand zu.

»Ich telefoniere mit meinem Anwalt«, keifte Böhm wieder.

Abel runzelte die Stirn und hielt den Hörer zwanzig Zentimeter vom Ohr weg.

»Geben Sie mal her«, jetzt war die Stimme zu verstehen, »Kripo München, Klostermaier, hören Sie Herr Anwalt?«

»Ja«, antwortete Abel.

»Ich habe hier einen Haftbefehl des Landgerichtes München zu vollstrecken.«

»Wegen?«, unterbrach Abel.

»Verdacht auf fahrlässige Tötung.«

»Haftgrund?«

Der Polizist suchte. Man hörte Böhm im Hintergrund das Wort »Haftgrund?« schreien. »Verdunklungsgefahr, Fluchtgefahr«, las der Beamte schließlich vor, »das Übliche halt.«

»Augenblick, ich komme«, sagte Abel.

»Hören Sie, ich will hier keine Wurzeln …«, murrte Klostermaier.

»Fünf Minuten höchstens«, unterbrach ihn Abel und legte auf, damit der Kriminalpolizist keine Chance hatte, etwas zu entgegnen. Mit beiden Händen stützte er sich auf seine Bettkante und versuchte sich zu orientieren. Er war allein. Keine Gabriele und keine Jane teilten sein Lager. Dumm gelaufen, gestern Abend.

Dann seufzte er und ging, nur mit Unterhose bekleidet in sein großräumiges Badezimmer, um in die Jeans zu schlüpfen und ein Hemd anzuziehen. Zum Duschen blieb keine Zeit, denn niemand schreibt vor, dass die Polizei mit dem Abfuhren so lange warten muss, bis der Anwalt des Häftlings mit der Morgentoilette zu Ende ist.

Weil Klostermaier ein alter Mann war und sich in seinen vielen Dienstjahren eine durchaus gesundheitsfördernde Ruhe und Gleichgültigkeit erarbeitet hatte, blieb er bei dem unbeherrscht schimpfenden Böhm, der in fassungsloser Wut seine Siebensachen für die Haft zusammensuchte, und wartete die versprochenen fünf Minuten. Der auf lila-rotem Formularpapier geschriebene Haftbefehl lag mitten auf dem Tisch in Böhms unaufgeräumtem Zimmer. Von Zeit zu Zeit gab der Polizist Böhm ein paar Ratschläge, was er im Knast benötigte und was nicht. Böhms Mutter stand im Bademantel hinter der Tür und lugte durch einen Spalt herein, ihren fluchenden Sohn beobachtend, ohne dabei einen Finger zu rühren.

»Der Vater hat’s immer gesagt«, murmelte sie hin und wieder. »Der Vater hat gesagt, dass du im Gefängnis endest. ›So wie der ist‹, hat er immer gesagt.«

»Halts Maul«, schrie Böhm, als er verstand, was seine Mutter sagte. »Der Alte sagt viel Scheiß, wenn der Tag lang ist. Er soll nur kommen, der feine Herr, und sich blicken lassen, damit ich ihm die Fresse vollhau.« Die Frau zog ihren Bademantel vorn zusammen und wich ein paar Schritte zurück.

Endlich klingelte es. Abel stand schwer atmend vor der Tür. Er war die Treppen hinaufgerannt. Böhms Mutter öffnete die Tür und trat wortlos beiseite, ohne Abel zu fragen, wer er sei und was er wolle. Der Anwalt hörte den jungen Böhm toben und ging auf dessen Zimmer zu. Ohne zu klopfen, stieß er die Tür auf und trat ein. Er stellte sich vor.

Klostermaier hob die Augenbrauen. Abel, groß, mit Bart und schiefer Nase, offensichtlich erst vor Kurzem aus dem Tiefschlaf erwacht, verlangte knapp den Haftbefehl.

»Dort liegt er«, sagte Klostermaier und deutete auf den Tisch.

Abel nickte. Er überflog das Dokument und prüfte, ob es unterschrieben war. Böhm schwieg nun. Er hatte eine Campingtasche aus Plastik gepackt, die jetzt vor seinen Füßen stand. Als Haftgrund hatte man tatsächlich Verdunklungsgefahr und Fluchtgefahr angegeben. Das bedeutete, dass man dem mutmaßlichen Täter Böhm zutraute, er werde Spuren der Tat verwischen. Konkret war der Verdacht angeführt, Böhm könne seine Arbeitskollegen und den Werkstattmeister dazu bestimmen, die Aussage zu verweigern oder sie für sich auf andere Weise beeinflussen. Im Übrigen sei zu besorgen, dass Böhm, da er ja am mutmaßlichen Tatort arbeite, weitere Spuren vernichten könne. Der erheblich vorbestrafte Angeklagte, stand weiter in der Begründung, habe im Falle einer Verurteilung unter Umständen eine empfindliche Freiheitsstrafe zu gewärtigen. Dies könne Böhm besonders dazu bewegen, sich der Strafverfolgung durch Flucht zu entziehen.

Abel pfiff durch die Zähne. Kein Zweifel, es zogen dunkle Wolken für Böhm auf. Ein Blick auf das Aktenzeichen sagte Abel, dass der Fall nach Silkes Tod bei der unter den Verteidigern berüchtigten Kammer des Vorsitzenden Richters Adler gelandet war. Er hatte dort noch nie zu tun gehabt, umso mehr würde er sich vorsehen müssen. Abel ließ den Haftbefehl sinken. Er überlegte einen Augenblick, dann sah er den Kriminalpolizisten an und fragte: »Ermitteln Sie in der Werkstatt, wo Böhm arbeitet?«

»Ich nicht«, antwortete Klostermaier und schüttelte den Kopf. »Ich hab mit dieser Sache nichts zu tun, ich vollstrecke nur den Haftbefehl.«

»Was ist jetzt?«, fragte Böhm schließlich, und Abel musste ihm sagen, dass der Haftbefehl, soweit er das im Augenblick übersehe, formal in Ordnung sei. Er erklärte seinem Mandanten, dass ein ordentlicher Haftbefehl zwei Punkte berücksichtigen muss: Einmal den Tatverdacht – da könne man im Moment nicht viel machen – und zweitens den Haftgrund: Verdunklungsgefahr oder Fluchtgefahr. »Wie Gummi«, sagte Abel und machte eine entsprechende Geste.

Der Kriminalpolizist nickte und sagte, er habe schon stichhaltigere Begründungen gesehen.

»Komme ich nun vor den Untersuchungsrichter?«, fragte Böhm, dessen Wut in Furcht und Resignation umgeschlagen war.

»Nein, gleich nach Stadelheim«, sagte Klostermaier, »das ist schon ein richtiger Haftbefehl und keine vorläufige Festnahme, da brauchen wir leider keinen Haftrichter mehr.«

Abel faltete das Blatt zusammen und schob es in seine Gesäßtasche. »Ich beantrage so schnell wie möglich einen Haftprüfungstermin, dann wollen wir mal sehen, ob das hält.«

»Ja«, sagte Klostermaier und kramte eine Handfessel heraus, »na dann woll’n wir mal wieder.«

»Ersparen Sie’s ihm«, sagte Abel und legte seine Hand auf den Unterarm des Polizisten, »der Böhm haut nicht ab. Im Auto könnt ihr ihn dann anbinden.«

So gingen sie dann zu dritt hintereinander die kahle Treppe in dem Mietshaus hinunter, Böhm mit seiner Campingtasche über der Schulter, in der Mitte. Dann traten sie hinaus in die helle, freundliche Morgensonne. Böhm folgte zögernd in den sandfarbenen Dienstwagen, der am Straßenrand parkte. Abel beobachtete, wie Klostermaier dem Fahrer etwas zurief und dann im Wegfahren die Handfessel um das magere Gelenk Böhms schloss.

Abel ging zur Bäckerei, um frische Brötchen für das Frühstück zu besorgen und entwarf im Geist seine Argumente, um Böhm aus der Haft zu pauken.

 

 

Montag, 29. Juli

 

Ausgerechnet dann, wenn Abel tatsächlich einmal dringende Arbeit hatte, kam ein neuer Fall dazwischen.

Natürlich hatte Abel nichts gegen ein neues Mandat, aber es hätte vorgestern oder am Tag davor besser gepasst als an diesem Montag. Es war der Junge, der ihn im Hof angesprochen hatte. Man hatte ihm den frisch erworbenen Führerschein nach einem Bagatellunfall abgenommen, wie Abel angenommen hatte. Blutprobe. Ergebnis noch nicht bekannt, angeblich. Jedenfalls war der Führerschein fort. Und der neu gekaufte, altersschwache BMW sollte nun traurig am Straßenrand verrosten und statt Benzin nur Steuer und Versicherung fressen? Na, wer versteht da nicht, dass Abels Mandant geglaubt hatte, er dürfe annehmen, dass der Internationale Führerschein, gerade erst ausgestellt, vorläufig den ordentlichen ersetzten könne.

»Zeit seines Lebens wird man von den Bullen nicht kontrolliert, und gerade wenn man den Karton nicht hat«, murmelte Abel. Jane wollte an dem Tag etwas später kommen, sodass Abel die Strafprozessvollmacht selbst ausfüllte.

»Was?«

»Die Zeit des Lebens … Aber das ist was anderes«, antwortete Abel zerstreut und schob dem Jungen seine Vollmacht zum Durchlesen und Unterschreiben über den Tisch. »Das sind gleich zwei Verfahren«, sagte Abel dann und nahm die Vollmacht wieder an sich. »Trunkenheit im Straßenverkehr und Fahren ohne Fahrerlaubnis.«

»Macht zusammen?«, fragte der Junge nüchtern.

»Abwarten«, antwortete Abel und entließ ihn.

Inzwischen war auch die Post gekommen. Dabei war eine Kopie des Haftbefehls zusammen mit der Terminladung in der Strafsache gegen Andreas Böhm wegen fahrlässiger Tötung. Abel schlug seinen Kalender auf und notierte Uhrzeit und Datum der Verhandlung. Kopfschüttelnd stellte er fest, dass die Sitzung auf Montag in zwei Wochen anberaumt war.

»Die haben’s aber eilig«, brummte er und zog das Telefon herüber, um den berüchtigten Vorsitzenden Richter Adler anzurufen und etwas Licht in diese Überfallaktion mit einer Festnahme am Wochenende zu bringen. Denn selbst wenn die Argumentation im Haftbefehl zutreffen sollte und Böhm Spuren verwischen und seine Kollegen beeinflussen könnte, dann hätte er inzwischen genügend Zeit dafür gehabt. Es war kaum einsehbar, warum die Sache so eilig war, dass man Böhm noch am Samstag festgenommen hatte. Er wählte.

Am anderen Ende meldete sich eine sonore Stimme: »Adler.«

Weil Abel zuvor noch nicht mit dem Vorsitzenden Richter Adler zu tun gehabt hatte, stellte er sich zu Beginn des Gespräches vor. Adler gehörte zu den Richtern, die unter den Verteidigern einen schlechten Ruf genossen.

»Bitte, Herr Abel«, sagte der Richter freundlich, als Abel mit seiner Einleitung geendet hatte.

»Mir leuchtet bei der Haftsache das Ganze vom Timing her nicht ein«, begann Abel und erklärte knapp seine Bedenken.

»Tja, Samstag, das ist in der Tat für Ihren Mandanten misslich«, antwortete Adler, doch es war kein echtes Bedauern, das in der Antwort aufklang, »aber wir sind halt auch nur eine Bürokratie und solch ein Haftbefehl will geschrieben sein, haha, und bei unserer heutigen Personalsituation … Das wissen Sie ja fast besser als wir bei Gericht … So wird es wohl gedauert haben, bis die Formalitäten, die unser Gesetzgeber ja nun mal vorgeschrieben hat, erfüllt waren und wir an die Kriminalpolizei ein Fahndungsersuchen hinausgegeben hatten.«

»Ich kann das nicht prüfen«, sagte Abel kalt, »und nehme das für den Augenblick als gegeben hin.«

»Sie misstrauen mir?«, fragte Adler dazwischen.

»Genauso wenig wie Sie mir«, antwortete Abel, »aber auch Sie prüfen von Amts wegen Angaben, die ich mache, und ich bin meinem Mandanten gegenüber verpflichtet, die Einhaltung von Verfahrensvorschriften zu prüfen.«

Adler schwieg. Abel holte Luft und sagte: »Zweitens, der Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit bei diesem Haftbefehl.«

»Ja, eben, sehen Sie«, unterbrach Adler, »das war ein leitender Gesichtspunkt für die Entscheidung der Kammer: die Verhältnismäßigkeit.« Die Stimme klang wieder sonor und nett, »Sie haben doch unsere Terminladung erhalten, ja?«

»Ja.«

»Wie gut, dann sehen Sie ja, wie wir uns sputen in diesem Fall. Wenn sich in der Hauptsache-Entscheidung in zwei Wochen erhebliche Zweifel an der Schuld Ihres Mandanten ergeben sollten, dann verlässt er als freier Mann den Saal. Wenn nicht, war der Haftbefehl ja gerechtfertigt. Und gerade wegen des kurzen Termins konnte der Haftbefehl leichteren Herzens ausgestellt werden.«

»Wie?«, fuhr Abel dazwischen. »Weil die Kammer schnell terminiert, verhaftet sie leichter?«

»Nein!« Adler lachte. »Ich merke, Sie wollen mich ein wenig missverstehen.« Es fehlte nur noch das Wort ›Sie Schelm‹, so kokett sprach jetzt der Richter. »Nein, nein ganz und gar nicht! Sie kennen noch nicht die Praxis der Kammer, mein lieber Herr Abel. Wir sind bestrebt, stets die Verfahrensregeln zu achten.«

In Abel kroch die Wut vom Magen her hoch, er spürte, dass er seine Aggressivität nicht mehr richtig kontrollieren konnte. »Was auch Ihre verfassungsgemäße Aufgabe, die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Gerichts und keine hervorzuhebende Leistung ist!«

»Sie irren, Herr Abel.« Adlers Stimme wurde eine Spur ernster: »Denken Sie an Verhaftungen mit vervielfältigten Haftbefehlen, das kann man nicht machen. Dergleichen werden Sie bei meiner Kammer nicht finden.«

Abel konnte sich schon vorstellen, wie Adler und seine Beisitzer jeden einzelnen Haftbefehl einzeln begründen würden.

»Sagen Sie mir doch einfach nur, wo wir im Falle Ihres Herrn Mandanten die Verfahrensregeln verletzt haben?«

Abel wiederholte noch einmal beharrlich seine Argumente gegen die Begründung der Verdunklungsgefahr. Dabei erfuhr er nebenbei, dass man gar nicht beabsichtigte, in der Werkstatt oder bei Böhm zu Hause, nach Spuren zu suchen. »Sonst hätten wir das schon veranlasst, wie Sie sich sicher denken können«, sagte Adler.

Abel merkte, dass seine Stimme vor Zorn heller wurde, aber er beherrschte sich, »und welche von den Spuren, die sie nicht suchen, soll dann Böhm verwischen können, am Samstag, am Wochenende?«

»Das könnte uns erst die Hauptverhandlung zeigen.«

Abel sagte eisig: »Dann werde ich mich bemühen, bis zu eben dieser Hauptverhandlung neue Beweise vorzulegen, die meinen Mandanten entlasten.«

»Sehr gut, wir werden gespannt sein«, sagte Adler.

»Nur brauche ich Zeit, mehr Zeit, als mir Ihre Terminierung lässt.«

»Das ist bedauerlich.« Wieder dieser nur oberflächlich betrübte Ton in der Stimme des Richters. »Wir haben unsere Termine für die folgenden Wochen schon festgelegt.«

»Sie könnten um drei Wochen verlegen und den Haftbefehl gegen meinen Mandanten aussetzen«, schlug Abel vor. Er war gespannt auf die Antwort. Der Richter zögerte, so als überlege er.

»Nur ungern«, antwortete er schließlich. »Bedenken Sie, Ihr Herr Mandant ist in Haft, da vertagen wir nur sehr ungern. Und erwägen Sie doch die Frage der Verhältnismäßigkeit.«

»Seien Sie fair, Herr Adler, und geben Sie mir die fünf Wochen Zeit, die ich für die Ermittlungen brauche«, bat Abel.

»Ich fürchte, das wird nicht gehen«, sagte Adler in klagendem Ton, »Sie können in der Sitzung und natürlich auch vorher Ihre Beweisanträge stellen, Herr Abel. Die Kammer wird darüber befinden, ob Beweis zu erheben ist. Das hängt von der Validität Ihrer Aussage ab.«

Abel bekam langsam eine Ahnung davon, wie schwierig es werden würde, bei diesem Richter einen Beweisantrag durchzubringen. »Und über allem wölbt sich der blaue Himmel der Revision«, sagte Abel deshalb sarkastisch. Ein Fall wie der des Andreas Böhm hatte in der Revision keine Chance.

Zur Bestätigung sagte Adler mild: »Man hat uns seit drei Jahren nicht mehr aufgehoben.« Er verstand es gut, seine Urteile revisionssicher abzufassen.

»Es gehört zu einem fairen Prozess, dass Sie mir die Chance geben, überhaupt erst einmal ordentliche Anhaltspunkte als Basis für meine Beweisanträge zu finden«, insistierte Abel.

Adler antwortete nicht auf das Argument des Anwalts. Nach einer kurzen Pause sagte er mit freundlicher Stimme: »Sie sind jung, mein lieber Herr Abel, und Sie gestatten mir sicher einen kollegialen Rat, sozusagen von einem alten Hasen, haha«, ein feines Salonlachen. »Es steht schon bei Dahs in dessen berühmtem Verteidigerhandbuch, dass der Grat zwischen zulässiger und guter Verteidigung und strafbarer Begünstigung schmal ist. Der engagierte Verteidiger geht diesen Grat mit offenen Augen, wenn er für seinen Mandanten ermittelt.« Er pausierte.

Abel nickte vor sich hin, er hatte die Drohung verstanden, und er würde sich darauf einzustellen haben, dass er es nach diesem Gespräch nicht nur mit einem Formalisten, sondern mit einem Gegner zu tun hatte.

»Bedenken Sie das bitte«, fuhr Adler fort, »und berücksichtigen Sie dabei auch, dass wir nun leider wegen des Todesfalls das Opfer nicht werden hören können. Ihrem beachtlichen Einwand mit einem eventuell entgegenkommenden Fahrzeug wird nun nicht mehr nachgegangen werden können, nicht wahr?«

»Wenn ich Ihnen einen Zeugen vom Hörensagen bringe, einen, dem das Opfer von einem entgegenkommenden Fahrzeug erzählt hat?«

»Dann werden wir diesen Zeugen vernehmen«, antwortete der Richter freundlich. »Vierzehn Tage sind genügend Zeit, diesen Zeugen zu suchen und zu finden, wenn es ihn gibt.«

Abel scheute davor zurück, von seinem neuen Verdacht zu berichten. Weil er in der Frage des Hauptverhandlungstermins nicht weiterkommen würde, wechselte er das Thema.

»Noch eine andere Frage: Haftprüfung?«

»Haftprüfung?«

»Ja, kann ich heute noch einen Termin haben?«

Das Erstaunen war dieses Mal echt: »Sie wünschen wegen der kurzen Zeit eine Haftprüfung, Herr Abel? Und das heute noch?«

»In der Tat.«

»Die Kammer hat alles bedacht, was in den Akten steht, und auch die von Ihnen vorgebrachten Argumente erwogen. Wir sind natürlich stets in unserer Entscheidung offen, das wissen Sie, und ich will mich nicht festlegen.« Abel registrierte die umständlichen Formulierungen zur Vermeidung eines Befangenheitsgesuches, bevor Klartext kam, »aber ich befürchte, dass sich die Kammer heute möglicherweise nicht zur Außervollzugssetzung des Haftbefehls imstande sehen könnte.«

»Es gibt noch das Oberlandesgericht«, sagte Abel knapp.

»Ja, in der Tat gibt es noch eine andere Instanz«, antwortete Adler mit verbindlich klingender Stimme, »nur mit einem Termin noch heute, da wird es wohl nichts werden können.«

»Lebenszeit ist kostbar«, antwortete Abel, »insbesondere, wenn man im Knast sitzt. Die Zeit ist verloren, und keiner bringt sie zurück.«

»Ich weiß das«, sagte Adler.

Abel antwortete in heftigem Tonfall: »Nein, Sie können das nicht wissen, weil Sie noch nicht gesessen haben, weil Sie noch nicht ausprobiert haben, wie die Welt hinter Beton, Glasbausteinen, Stahltüren und Gittern aussieht. Was man denkt und fühlt, wenn man eingesperrt die Zeit an sich vorbeirinnen spürt!«

»Bedenken Sie doch, Ihr Herr Mandant bekommt eine Entschädigung für jeden Tag Haft, wenn der Haftbefehl zu Unrecht erging.« Jetzt klang die Stimme ernst.

»Ja, eine Entschädigung, die weniger als den Tageslohn ausmacht und alles abdecken soll. Alles, die Angst, die Qual des Ausgestoßenseins, den unter Umständen inzwischen verlorenen Job, den verlorenen Lohn.« Abel spuckte seine Wut in das Telefon. Er war inzwischen aufgestanden, weil er es nicht ausgehalten hatte. Mit der Faust schlug er auf seine Akten.

»Herr Abel«, sagte der Richter jetzt förmlich. Wenigstens lässt er das »lieber« weg, fuhr es Abel durch den Kopf, »wir werden heute zu keinem Ergebnis kommen können, fürchte ich. Ich erwarte Ihre Haftbeschwerde und werde einen Termin bestimmen, zu dem Sie geladen werden.«

»Natürlich.« Abels Ton wurde zynisch vor Hilflosigkeit gegenüber diesem Mann, und er verabschiedete sich.

Als er aufgelegt hatte, begann er in seinem Büro herumzulaufen. »Vierzehn Tage«, murmelte er, und sagte laut und von Herzen: »Scheiße.« Er trat an eines der beiden großen Schaufenster, die noch von der ehemaligen Papierhandlung stammten, und sah auf die Straße. In der Hitze des späten Vormittags herrschte nur wenig Verkehr. Eine Katze schlich im Schatten an der Mauer entlang. Schmitz, der neben Abel stand und auch hinaus sah, regte sich darüber auf und bellte. Die Katze kümmerte sich nicht darum. Auf den Dächern der am Straßenrand geparkten Wagen funkelte die Sonne.

»Ist schon gut, Paul Schmitz«, sagte Abel und gab dem Tier zu trinken. Dann setzte er sich versonnen zurück an seinen Schreibtisch. Er wäre gerne für den Rest des Nachmittags an die Isar oder an den Eisbach zum Schwimmen gegangen, doch der Schriftsatz für Böhm musste heute noch raus.

Der Vorsitzende Richter Adler sollte nicht warten müssen.

 

*

 

Abel war auf dem Weg zu Ursel Sommer, der Freundin des Opfers. Er hatte sich telefonisch angemeldet.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, hatte Frau Sommer höflich, aber mit sehr reserviertem Ton gefragt. Und Abel hatte erklärt, dass er Böhm verteidige und noch ein paar Anhaltspunkte brauchte, besonders um den Unfallablauf gehe es ihm. Weil Frau Sommer bestätigte, mit ihrer Freundin über den Unfallablauf gesprochen zu haben und weil sie einen Anwalt für eine Respektsperson hielt, hatte sie schließlich eingewilligt.

Abel durfte kommen. Ja, die Frau hatte einen so höflich distanzierten Ton, dass es klang, als würde sie eine Audienz gewähren, wenn sie mit jemandem sprach.

Er quälte sich nun im Montagabend-vier-Uhr-Verkehr durch die brütend heißen Straßen der Innenstadt, alle Fenster seines alten Autos geöffnet, und sah auf die Uhr. Es war knapp, und er wollte nicht zu spät kommen. Vor einer Ampel gab er schnell Gas, um gerade noch bei Gelb über die Kreuzung zu huschen, bevor von rechts und links die auf Grünlicht wartenden Fahrzeuge losbrausten. Erst auf der steil ansteigenden Straße am Friedensengel konnte er ein kurzes Stück zügig fahren. Die linke Hand hielt er pendelnd in den Fahrtwind. Ein offenes Cabrio kam ihm entgegen, voll mit übermütig lachenden und winkenden Menschen. Abel winkte zurück.

Er bereute es inzwischen, heute Mittag nicht schwimmen gegangen zu sein, dann hätte er jetzt das angenehme Gefühl, der von der Sonne heißen und gespannten Haut auf dem Körper. Seine Haare würden nach Gebirgswasser und Liegewiese riechen und seine Handflächen und Stirn wären trocken geworden. Jetzt mit einem Weinglas mit Wasser im Biergarten am Chinesischen Turm und Abel wäre entspannt und aufnahmefähig für das Gespräch gewesen, das er jetzt zu fuhren hatte. Stattdessen breiteten sich auf seinem frischen T-Shirt, das er eben noch nach einer kalten Dusche übergezogen hatte, schon wieder Schweißflecken unter den Armen und auf der Brust aus. Er hielt die Hand so aus dem Fenster, dass der Fahrtwind durch den Ärmel pustete.

Ursel Sommer musste nach dem Bild, das er in seiner Kanzlei in der Akte hatte, eine hübsche Frau sein, knapp dreißig vielleicht, so wie Silke Weiß. Ihr Gesicht kam ihm bekannt vor. Wahrscheinlich hatte er sie bei der Beerdigung ihrer Freundin flüchtig gesehen. Auch wenn er nicht übermäßig eitel war, mochte er doch nicht mit Schwitzflecken auf dem Hemd zu einer solchen Frau kommen, zudem, wenn er etwas von ihr erfahren wollte. Der warme Fahrtwind allerdings vermochte nicht viel auszurichten.

Schließlich fand Abel das Haus. Er suchte lange einen Parkplatz und sah erneut auf die Uhr. Er war zehn Minuten zu spät. Er nahm die Akte Böhm vom Beifahrersitz, ging über die Straße und lehnte sich im Schatten einer hoch wuchernden Forsythie mit dem Rücken an eine kühle Wand, bis die Schweißperlen auf seiner Stirn getrocknet waren.

Dann ging er weiter bis zum Eingangstor des Grundstückes, das in einer hohen Stützmauer eingelassen war. Das Haus war hinter Büschen und hohen Bäumen verborgen. An dem rechten der beiden Pfeiler, die einen schweren Architrav trugen, war auf einem fein gewienerten Messingblatt ein Klingelknopf angebracht. Die Hausnummer stand darüber, ebenfalls aus Messing. Abel nahm zur Sicherheit noch einmal sein Notizheft heraus und blätterte nach, ob er sich in der Hausnummer nicht vertan hatte, denn an der Klingel war kein Name angebracht. Weil die Adresse stimmte, drückte er auf den Knopf. Kurz darauf sprang das Tor automatisch auf. Abel betrat einen schmalen, gepflasterten, zunächst von Büschen gesäumten Weg in den leichten Schatten von Birken und Kiefern, die ein schwebendes Dach von Laub und Nadeln über dem Rasen hielten. Ein schwacher Wind hatte sich erhoben und kräuselte die Lichtflecken im Gras. Abel ging auf das Haus zu, das behäbig und breit am Ende des Fußweges in der Sonne stand. Die weiße Fassade mit schnörkellosen, gradlinigen Konturen, großen Fenstern und Balkonen blendete ihn. Es war eines jener kostbaren Gebäude, von Gropius oder Mies van der Rohe oder einem anderen Bauhausarchitekten entworfen, die man in München zwischen all den Gründerzeitfassaden gelegentlich findet.

Abel näherte sich und nahm die Sonnenbrille ab. An der linken Seite bog sich eine halbrunde Terrasse um das Haus, über die eine Markise gezogen war. Auf den Platten standen verlassene Gartenmöbel. Der Kaffeetisch war noch nicht abgeräumt. Der Weg führte Abel zum Eingang des Hauses. Ein Mädchen in weißen Hosen und weißer Bluse erschien. Sie konnte nicht Ursel Sommer sein. Dazu war sie zu jung. Achtzehn, vielleicht neunzehn. Das Mädchen wartete bis Abel herangekommen war.

»Sind Sie der Rechtsanwalt?«, fragte sie.

»Ja« antwortete Abel.

»Sie haben sich verspätet«, das Mädchen lachte, »aber das macht nichts. Frau Sommer ist nur für wenige Minuten weggefahren. Sie kommt gleich wieder. Wenn Sie sich so lange setzen wollen?«

Abel nickte. Ihm war es recht, noch einen Augenblick warten zu können. Er folgte dem Mädchen drei Stufen hinauf in eine kühle Halle, die im Halbdunkel lag, weil die Fensterläden auf der Sonnenseite fast ganz geschlossen waren. Der Boden aus Marmor, Wände und Decke weiß, ohne Stuck oder Leisten. Abel ließ sich in einem der beiden Sessel nieder, die neben einem kniehohen Rauchtisch standen.

Das einzige Bild im Raum, ihm gegenüber, schlug ihn in den Bann. Offenbar eine Arbeit von Oskar Schlemmer. Gesichtslose Figuren in Umbra-, Ocker- und Gelbtönen mit wenig Blau und Weiß, die in einem Flur standen und nichts miteinander zu tun hatten. In dem Halbdunkel der Vorhalle auf der weißen Wand wirkte das Gemälde gespenstisch. Abels Augen wanderten immer wieder von der Akte weg und hinüber zum Bild. In der Akte auf seinem Schoß waren die Seiten mit den Fotokopien der Aufnahmen des zertrümmerten Alfas aufgeschlagen. Er kniff die Augen zusammen und besah sich die Dokumentation eines bizarren Haufens aus Stahl, Glas, Blech und Plastik. Wenn man die Fotos lange genug anstarrte, wurden sie ebenso abstrakt wie das Bild an der Wand. Linien und Bögen, die sich zu neuem Sinn zusammensetzten.

Abel lehnte sich zurück und starrte hinauf in das schattige Weiß der Decke. Schlieren und Punkte begannen vor seinen Augen zu schweben und zu pendeln. Er schloss die Lider. Das Haus war ruhig, ohne hörbare Zeichen von Leben. Der Verkehr auf der Straße war nur als gedämpftes Rauschen zu vernehmen. Endlich hörte Abel Absätze klappern. Er hob den Kopf. Weil sich eine Wolke vor die Sonne geschoben hatte, wirkten die Farben des Bildes nun düster und grau. Ursel Sommer kam mit schnellen Schritten die drei Stufen zur Halle hinauf und ging auf ihn zu. Abel erhob sich und nahm die Akte in die linke Hand. Lächeln auf beiden Seiten. Ein Händedruck. Abel registrierte eine warme kleine Hand. Die Frau reichte ihm noch nicht einmal bis zu den Schultern. Das Foto schmeichelte ihr. Aber ihr Lächeln könnte elektrisieren, wenn es nicht um die Aufklärung eines Todesfalls ginge.

»Hat man Sie hier einfach hingesetzt?«, fragte Ursel Sommer.

»Es war kühl. Ich habe mir das Bild angesehen«, antwortete Abel und folgte ihr. Sie stieß eine Flügeltür zu einem großen Raum mit breiten Fenstern auf, die fast alle geöffnet waren, sodass der Wind in einer leichten Bewegung durch das Zimmer streichen konnte. Der Geruch nach Kiefern lag in der Luft.

In diesem Raum ein wenig Biedermeier, doch überwiegend moderne Möbel und viele schwere Brücken und Teppiche. Keine Stiche an den Wänden, drei oder vier Gemälde, die Bücher nicht im Regal, sondern in einem Bücherschrank. Der Architekt des Hauses hätte es sicher puristischer eingerichtet.

»Nehmen Sie doch Platz, Herr Abel«, sagte die Gastgeberin und deutete auf einen flachen Sessel, eher eine Liege als ein Sitzmöbel. Abel setzte sich auf den Rand und schlug die Akte auf. Ursel Sommer lehnte sich in ihrem viel höheren und bequemeren Sessel zurück und überkreuzte die Beine. Die Wolke gab die Sonne wieder frei, schräge Strahlen Fielen ein. Die braunen Haare der Frau leuchteten in einem Kranz um ihren Kopf. Weil sie sehr klein und zierlich war, wirkte sie jung. Trotz der Hitze bot sie Abel nichts zu trinken an.

»Bitte«, sagte sie dann.

Abel, der sich einen kurzen Augenblick wie ein unerbetener Versicherungsvertreter vorgekommen war, lächelte freundlich.

»Sie haben mit Ihrer Freundin Silke Weiß über den Unfallhergang gesprochen, als sie noch lebte«, begann er.

»Ja.« Reservierte Freundlichkeit.

»Was mich interessiert: Hat sie denn aus freien Stücken gebremst oder, beispielsweise, weil ihr einer entgegenkam? So was gibt’s ja.« Abel erklärte den Grund für seine Frage.

»Von Gegenverkehr hat sie nichts gesagt«, antwortete die junge Frau und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Nein, sie hat nur erzählt, dass sie ein wenig zu schnell in die Kurve gefahren sei und deswegen bremste. Und dann war die Bremswirkung einfach weg, hat sie gesagt und immer wieder beschrieben, wie die Brücke auf sie zugerast und wie sie hinuntergestürzt ist und wie sich dann plötzlich alles um sie herum gedreht hat und sie gar nichts mehr wahrnahm. Aus.«

Abel spürte Emotionen hinter der Fassade des gepflegten Gesichts aufkommen. »Waren Sie mit Frau Weiß gut befreundet?«, fragte er behutsam.

»Ja.« Sie sah Abel nicht an. »Wir haben viel zusammen angestellt.« Ein mühsames Lächeln, sie warf mit einer kurzen Bewegung ihres Kopfes eine Haarsträhne aus der Stirn. Abel schwieg. Er beobachtete die junge Frau, die ihn für Augenblicke nicht mehr wahrzunehmen schien. Jetzt sah sie zu Abel hinüber. »Ich begreife das nicht, wissen Sie? Sterben muss jeder, aber so, wegen der Schlamperei einer Werkstatt einfach so ausgelöscht zu werden? Ich will nichts gegen Ihren Mandanten sagen, Herr Abel, aber so was darf nicht passieren, nicht bei uns in Deutschland. Todesursache: nicht angeschraubte Bremsleitung. Aus.«

»Wenn’s mal so war«, sagte Abel und lehnte sich in den flachen weichen Sessel zurück. Er beobachtete die Reaktionen der Frau. Es dauerte einige Zeit, ehe sie antwortete: »Haben Sie mit Robert Ruop gesprochen?«

»Er hat mit mir gesprochen.«

»Beschuldigt er Herrn Weiß?«

»Ja. Mit Grund?«

»Ich weiß es nicht.« Sie hatte ihre Körperhaltung nicht verändert, noch nicht einmal mit den Schultern gezuckt. In der warmen, heiteren Atmosphäre dieses Zimmers wirkte sie plötzlich starr und winzig, so als friere sie. »Und es interessiert mich auch nicht«, sagte sie leise. »Silke ist tot, ihr Leichnam verbrannt, keiner kann ihr mehr helfen. Was soll das Nachdenken über die Schuld an ihrem Tod?«

»Es gibt Menschen, die professionell über den Tod anderer nachdenken müssen und über die Schuld. Ich gehöre in diesem Fall bedauerlicherweise dazu«, sagte Abel nüchtern. »Werden Sie mir dabei helfen?«

»Wenn ich Ihnen etwas sage, dann ist das meine subjektive Meinung, und die zählt nicht.«

»Alles zählt.« Abel richtete sich wieder auf. »Wie stehen Sie zu Herrn Weiß?«

»Genauso schlecht wie seine Frau zu ihm gestanden hat.«

»Womit ist er denn als Heilpraktiker so bekannt geworden.«

»Er macht diese modischen Therapien. Es hilft oft. Sogar ich bin bei ihm in Behandlung.«

»Stimmt es, dass seine Frau ein Verhältnis, so sagt man doch gewöhnlich, ein Verhältnis mit Ruop hatte?«

»Ja.«

»Ruop hat behauptet, sie habe ihn geliebt.«

»Ja, sie hat es wenigstens geglaubt.«

»Geglaubt?«

»Wissen Sie denn, was Liebe ist?«

Abel lächelte. »Ich nehme es an«, antwortete er. »Sie war also davon überzeugt?«

»Ja, sie wollte zu ihm ziehen.«

»Was macht der Ruop eigentlich? Beruflich, meine ich«, fragte Abel, dem das gerade in den Sinn kam.

»Antiquitätenhändler ist er.« Das klang ein ganz klein wenig so, als verkehre man normalerweise nicht mit Antiquitätenhändlern. »Die Weißens haben hie und da bei ihm gekauft, und so haben sie sich kennen gelernt, Silke und Robert.«

»Und dann kam prompt die Geschichte mit der geglaubten Liebe«, in Abels Stimme schwang etwas Ironie mit.

Doch Ursel Sommer ging nicht darauf ein. »Nein«, sagte sie; es habe lange gedauert, bis sich da etwas abgespielt habe zwischen den beiden. Irgendwann beim Skilaufen hätten sie sich zufällig wiedergetroffen. Der Robert habe ihrer Freundin schon vorher gut gefallen, aber erst beim Skilaufen sei es dann passiert.

»Spontan? War sie ein spontaner Mensch?«, fragte Abel.

»Nein …« Sie sann nach. »Eher ruhig und zurückhaltend, verträumt. Sehen Sie, jeder hat sie ausgenutzt, so wie sie war; jeder, allen voran Weiß. Und auch Ruop.«

»Wie wurde sie ausgenutzt?«

»Von Ruop für seine Geschäftsverbindungen zu dem, was er ›bessere Kreise‹ nennt.«

»Der Ruop war ziemlich fertig bei der Beerdigung, und hinterher auch noch«, widersprach Abel, »so sieht man nicht aus, wenn man bloß eine gute Geschäftsverbindung verloren hat.«

»Mag sein«, sagte Ursel.

»Und Weiß, wie hat er seine Frau ausgenutzt?«

»Das ist ein kompliziertes Kapitel.«

»Weshalb?«

»Besuchen Sie ihn und sprechen Sie mit ihm, sehen Sie sich an, wie dieser Mann lebt, beobachten Sie ihn genau, und dann wissen Sie, warum er eine hübsche junge Frau brauchte, nicht aufdringlich, aber sehr charmant, überall beliebt und hilfsbereit, und wie er sie ausnutzte.«

»Als Schmuckstück, Accessoire?« Abel war kurz irritiert, Emanzengedanken in dieser feinen Umgebung?

»Ja, genau so, es war wirklich ein extremer Fall«, und als hätte sie Abels Gedanken erraten, setzte sie hinzu. »Ich neige normalerweise nicht zu solchen Einschätzungen.«

»Wenn man einem Mann ein besonders kostbares Schmuckstück nimmt, dann kann er schon auf die Idee kommen, sich sein Eigentum wiederzuholen. Wird er es aber zerstören?«

Ursel beugte sich vor, die Haare fielen ihr seitlich ins Gesicht. Mit dem Finger zeichnete sie unsichtbare Muster auf den Tisch. »Und wenn er sicher weiß, dass er das Collier verloren hat, dass er es nicht wiederbekommt? Was unternimmt ein Mann wie Weiß, wenn der Schmuck unwiederbringlich einem anderen gehört?«

Abel zog die Augenbrauen hoch, er lächelte. »Beantworten Sie Ihre eigene Frage, Sie kennen Weiß, ich nicht.«

Das Gesicht der Frau war ernst und verschlossen, sie sah Abel konzentriert an. »Mir fällt gerade eine Sache ein, die vor zwei Jahren passiert ist. Silke hat sie mir erzählt.« Sie lehnte sich wieder zurück und drückte die Fingerspitzen gegeneinander.

Abel schwieg und wartete.

»Weiß ist Jäger und er hat Hunde. Früher waren es drei. Deutsch Drahthaar, alles Rüden. Sie sind etwa gleich alt, die Tiere, stammen aber aus unterschiedlichen Würfen verschiedener Zwinger. Sehr edle, teure Tiere, verstehen Sie?«

Abel nickte.

»Es schien so«, fuhr sie fort, »als hinge Weiß sehr an den Hunden. Er hat sie gepflegt und selbst abgerichtet. Sie bekamen stets rohes Fleisch zu fressen. Silke durfte sie nur füttern, wenn er nicht da war.«

»Hatte sie Angst vor den Hunden?«

»Nein, sie hatte keine Angst, mochte die Biester aber auch nicht sonderlich. Sie vertrugen sich. Trotzdem war sie erschrocken, als ihr Mann den ältesten Rüden erschoss.«

»Erschoss?«, fragte Abel aufmerksam, der selbst einen Hund hatte und ein wenig Hundehaltermentalität entwickelt hatte. »Einfach erschossen?«

»Ja, der Hund war mit auf einer Jagd, irgendwann im Herbst. Die Jagd dauerte mehrere Stunden. Der Hund war ungehorsam oder hat sein Pensum irgendwie nicht erfüllt, ich weiß es nicht genau, weil ich nichts von der Jagd verstehe. Jedenfalls hatte Weiß einen gewaltigen Zorn auf das Tier und schlug es mit der Leine mehrmals. Als der Hund dabei auf ihn, seinen eigenen Herrn, losging, da gab es noch einmal Prügel, bis das Tier gedemütigt war. Etwas später dann ist der Hund zu einem anderen Teilnehmer der Jagdgesellschaft, der neu dazu gestoßen war, gerannt und hat diesen Mann winselnd beschnuppert. Weiß hat versucht, das Tier zurück zu zerren. Ohne Erfolg. Es lief immer wieder zu dem anderen Mann. Da hat er den Rüden am Halsband gepackt, ist hinter einen Busch gegangen und hat das Tier im Jähzorn erschossen, mit der Flinte in den Kopf, obwohl sich herausstellte, dass der andere Mann eine läufige Hündin zu Hause hatte.«

»Wurde ihm das später erklärt?«

»Ja, er hat aber nur ärgerlich gesagt, das sei sein Eigentum, er könne damit machen, was er wolle«, antwortete Ursel.« Silke war erschrocken.«

»Wegen des Hundes?«

»Weniger. Es war wohl der Ausbruch von Gewalttätigkeit, der plötzliche Zorn ihres Mannes.«

»Ist Jähzorn ein auffälliger Wesenszug von Weiß?«

»Nein, sonst ist er beherrschter, glaube ich.«

»Nur, wenn es um sein Eigentum geht?«

»Ja, beispielsweise. Wissen Sie, ich kümmere mich nicht viel um Politik. Silke und mir war sein ewiges Geschimpfe auf die Sozialisten, die Steuern und die angebliche Enteignung der Mediziner durch die Gesundheitsreformen eher peinlich. Ich sage das nur, weil mir auffiel, dass er bei diesem Thema unbeherrscht war, eben anders als sonst.«

»Wie ist Weiß sonst?«, fragte Abel.

»Er ist ein nouveau riche, ein Mann, der Erfolg hat und viel Geld verdient, der gelernt hat, sich anzupassen. Er ist immer höflich und korrekt, vielleicht eine Spur zu höflich und zu korrekt. Ich kann ihn nicht leiden, das habe ich schon gesagt, aber nicht wegen seiner Ausbrüche, die passieren eher selten. Nein, er ist mir wegen seiner Angepasstheit ein Gräuel.« Ursel suchte nach einer passenden Formulierung. »Es klingt abschätzig, wissen Sie, aber er ist ein Parvenu.«

Abel sah sich bei diesen Worten wieder in dem Zimmer um, in dem er gerade mit der jungen Frau saß. Das Wort »Parvenu« für einen anderen zu gebrauchen, setzte voraus, dass man selbst nicht am Resopaltisch in der Küche seine Hausaufgaben hatte machen müssen und dass man nicht in Konfektionskleidern von Woolworth groß geworden war: Abel wechselte das Thema.

»Hat Silke Weiß ihren Mann öfter betrogen?«

»Ich glaube nicht.«

»Verzeihen Sie die Frage«, sagte Abel nachträglich. Er war überzeugt davon, dass hierzu präzisere Auskünfte möglich wären. Gute Freundinnen wissen viel voneinander. Nach einer kleinen Pause fragte er: »Seit wann wusste Weiß von der Affäre seiner Frau?«

»Es war kurz vor dem Unfall.« Sie zog ihre Stirn kraus und überlegte. »Ja«, bestätigte sie, »kurz vor dem Unfall, es gab eine Szene.«

»Schläge?«

»Nein, zwischen Silke und Weiß gab es nicht den großen Krach. Bei Ruop im Laden hat Weiß eine Szene gemacht. Er muss in der Hauptgeschäftszeit am Samstagvormittag zwischen den teuren Schränken und Jugendstillampen und was da sonst noch alles so herumsteht, herumgetobt haben.«

»Also doch wieder Jähzorn.«

»Sie haben recht, wieder Jähzorn.« Sie nickte und lächelte wieder. »Eher wie pubertierende Jungen auf dem Schulhof.«

»Ich mache auch Scheidungen, ich kenne solche Emotionsausbrüche«, sagte Abel. »Mancher fällt in solchen Situationen in die Steinzeit des eigenen Charakters zurück. Wusste Weiß, dass das Verhältnis weiter bestand oder besser: bestand es weiter?«

»Ja, sie haben sich auch nach dem Krankenhaus heimlich getroffen, und Weiß wusste das. Allein schon deshalb, weil Robert oft stundenlang bei Silke im Krankenhaus saß.«

»Romantisch«.

»Das kann ganz schön sein«, antwortete Ursel Sommer.

Abel erwiderte Ursels Lächeln. »Vorletzte Frage: Hat Weiß von den Plänen etwas geahnt?«

»Welchen Plänen?«

»Dass Frau Weiß zu ihrem Freund ziehen wollte?«

»Nein, top secret«, sie legte ihre Finger über den Mund, »sie hat es mir gesagt, noch ganz im Vertrauen, letzte Woche, kurz bevor das passiert ist.«

»Wollte sie sich definitiv von ihrem Mann trennen, oder hatte Ruop sich das nur eingeredet?«

»Wir haben das schon öfters durchgesprochen. Inzwischen war es ihr sehr ernst. Es war auch das Einzige, was ihr übrig blieb, wollte sie nicht in dem Haus ihres Mannes zur schönen Mumie degenerieren.«

»Ich habe noch nicht so ausführlich mit dem Arzt sprechen können«, Abel erhob sich, »deshalb die letzte Frage: Was war denn die Ursache für den Rückfall am Montag?«

»Akute Milzblutung, man nennt das eine zweiseitige Milzruptur, hat man mir gesagt. Lebensgefährlich, aber man hatte die Komplikation wohl mit der Operation behoben.«

»Wer hat das gesagt?«

»Die Klinik. Freunde, Bekannte, jeder, der sich um sie Sorgen machte, wusste das und Weiß selbst natürlich auch.« Sie stand ebenfalls auf und gab Abel die Hand. »Was ist, wenn Weiß etwas mit Silkes Tod zu tun hat?«, fragte sie und sah zu Abel hinauf, ohne dessen Hand loszulassen.

»Dann werde ich ihn kriegen, glauben Sie es mir«, sagte Abel.

 

 

Dienstag, 30. Juli

 

Zehn Uhr, Dienstagmorgen. Abel betrat das Landgericht, Abteilung für Strafsachen, und musste sich ausweisen. Der Polizist hinter der grünlich dunklen Panzerglasscheibe fragte mürrisch: »Wohin?«

»Öffentlichkeit«, brummte Abel. Also musste der Mann ihn wohl oder übel als angeblichen Zuschauer passieren lassen. Draußen goss es in Strömen. Schwüle Luft klebte in den Mauern. Auf den Fluren roch es nach Staub und kaltem Rauch.

»Morjen«, sagte ein Richter, der gerade hereinkam und Abels Weg kreuzte.

»Tag auch«, antwortete Abel und klopfte an die Tür der Geschäftsstelle.

»Ja«, brüllte es von drinnen.

Abel öffnete die Tür und steckte den Kopf in den Raum. »Tag auch«, sagte er noch einmal.

»Sie wünschen?«, fragte der Geschäftsstellenbeamte, ein hagerer, kleiner Mann mit einem Sommersprossengesicht. Er setzte die Brille auf und betrachtete Abel, der seinen Notizblock aus der Hosentasche kramte, aus der er blätternd das Aktenzeichen der Strafsache Böhm vorlas. Er wolle noch einmal kurz in die Gerichtsakte sehen, sagte er.

Der Geschäftsstellenbeamte nahm seine Brille wieder ab und ging zu einem Regal, wo er wortlos in Aktenbündeln stöberte. Schließlich drehte er sich wieder zu Abel herum und setzte seine Brille auf.

»Ist beim Berichterstatter«, erläuterte er und starrte Abel etwas belehrend durch dicke Gläser an.

»Könnten Sie vielleicht? Haftsache«, sagte Abel entschuldigend.

»Wenn’s sein muss«, grummelte der Beamte und ging am Anwalt vorbei und schloss hinter sich die Tür. Haftsache, das bedeutete, dass die Akte mit Priorität bearbeitet werden musste. Alle Vorgänge werden mit einem roten Stempel Haft, eilt sehr versehen. Da blieb keine Zeit, sich die Strafakte mit der Post zuschicken zu lassen, das würde zu lange dauern. Also war Abel selbst gekommen, um einen Blick in das Dossier zu werfen.

Abel erhielt die Akte und setzte sich an einen der Tische, die in der Geschäftsstelle standen. Der sommersprossige Beamte öffnete das Fenster, das zum Hinterhof hinausging. Klatschend trommelten die Regentropfen auf das Pflaster. »Scheißwetter«, schimpfte der Mann und zog sein Jackett aus, um es auf einen Bügel zu hängen.

Abel blätterte in dem Vorgang, fand den Haftbefehl und davor den Obduktionsbefund der Leiche von Silke Weiß. Er war gestern zur Akte gekommen. Abel studierte den Befund. Ein Wust medizinischer Fachausdrücke war zu überfliegen, die bei oberflächlicher und laienhafter Würdigung nicht unmittelbar mit der Frage nach der Todesursache in Verbindung standen, ehe Abel über das Wort »zweiseitige Milzruptur«, stolperte, das er von Ursel Sommer schon gehört hatte. »Zustand nach zweiseitiger Milzruptur« stand da und dann eine Beschreibung der Operationsspuren mit kurzen Angaben zur Operationstechnik. Es folgten wieder unverständliche medizinische Fachwörter, bis Abel unter dem Stichwort »Zusammenfassung« als Todesursache akutes Herz-Kreislauf-Versagen angegeben fand.

»Ich brauche eine Kopie«, sagte Abel zu dem Beamten, der gerade einen anderen Vorgang einheftete, »Ich nehme die Akte kurz mit und bringe sie in einer Stunde wieder.«

»Quittung«, sagte der Mann und kam mit einem Zettel und einem Filzstift zu Abel.

Doch der winkte ab. Er legte einen Schriftsatz, den er zusammengefaltet in der Hosentasche gehabt hatte, auf den Tisch und strich ihn glatt. Es war sein Antrag auf Haftprüfung. »Ich schreib’s gleich hier oben drauf«, sagte er und notierte, dass er die Akte zur Mitnahme in seine Kanzlei erhalten habe, Datum, Uhrzeit, Unterschrift. »Halbe Stunde«, sagte er »Und bitte den Antrag gleich mit der Akte beim Vorsitzenden vorlegen.«

»Wunder brauchen länger«, sagte der Beamte und widmete sich wieder seiner Arbeit.

 

*

 

Abel stand am Kopierer und wartete, bis ein Mädchen mit dem Ablichten einer Akte fertig war. Er schnaubte ungeduldig, als das Mädchen, ohne sich um Abel zu kümmern, den Automaten mit weiteren Eurostücken futterte. Gerade wollte er wegen seiner zwei Kopien um eine Pause bitten, da legte sich ihm einer die Hand auf die Schulter.

»Der Kommilitone Abel!«

Abel hätte sich nicht herumzudrehen brauchen, um Scheurer zu erkennen. Er drehte sich um und nahm die Hand des vor ihm stehenden großen, fetten Mannes, lachte und schlug ihm kräftig auf die Schulter.

»Gosch mit en Kaffee trinka?«, fragte Scheurer.

Abel ließ das Mädchen arbeiten und ging mit Scheurer zur Cafeteria.

»I klag übrigens dein Böhm an, negscht Woch, nix für unguet«, sagte Scheurer, der kein Hochdeutsch sprach. Er war Schwabe. Es gibt mehr Schwaben als man denkt in aller Welt. In Berlin und München stellen sie die zweitgrößte ethnische Minderheit nach den Türken.

Abel und Scheurer kamen natürlich sofort über den Fall Böhm ins Gespräch, während sie Kaffee tranken und Scheurer dabei ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit zierlich abgespreiztem kleinem Finger löffelte.

Abel kannte den Staatsanwalt schon seit Jahren. Sie hatten zusammen in Vorlesungen, Übungen und Kneipen in Schwabing gesessen. Keiner von beiden war ein besserer Student gewesen, beide hatten mit erheblicher Verspätung ihr Examen bestanden, nur dass Scheurer bessere Noten hatte. Abel war im ersten Anlauf gescheitert. Es bestanden schon von früher her keine unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den beiden, aber auch keine nähere Bindung, sodass ein offenes, ehrliches Wort unter Kollegen allemal möglich war. Abel zeigte Scheurer die Kopie des Obduktionsberichts. «Ehrlich, Scheurer, blickst du da durch?«

»Noi, wirklich net!« Der Staatsanwalt lachte breit: Er war vorher Richter in einer Zivilkammer und erst seit einem halben Jahr Staatsanwalt. Beim besten Willen könne man nicht verlangen, dass ein guter Jurist auch noch bei so einem Medizinkram durchblicke.

Abel nickte.

»Warum fragscht?«, sagte Scheurer.

»Weil mir das ein bisschen vage vorkommt, Herz-Kreislauf-Versagen.«

»Is wahr«, antwortete Scheurer, »des isch au d’Ursach, wenn einer erschossa wird, jo eigentlich immer.« Er griff mit seinen Speckhänden nach der Akte, die Abel vor sich liegen hatte. Er blätterte und fand den Befund. Er las und kratzte sich unter seinem Doppelkinn. Dann sagte er ernst und auf Hochdeutsch: »Abel, das wollt ich dir sowieso sagen: Das mit der Obduktion ist komisch gelaufen.«

»Was ist komisch gelaufen?« Abel packte den Dicken am Unterarm.

»Saukomisch, dass das Krankenhaus den Totenschein so ausgestellt hat, dass es wie ein natürlicher Tod ausgesehen hat. Also wär die Leich’ beinahe ohne Sektion beerdigt worden.«

»Verbrannt«, sagte Abel sarkastisch.

»Verbrannt?«, fragte Scheurer, wieder auf schwäbisch. »So isch’s au recht.« Er nickte.

»Wie lief das denn genau?«

»Des isch ganz oinfach: Normalerweise muss mr in de Totenschein neischreiba, dass die Frau an Spätfolgen eines Unfalls g’schtorbe ischt, denn so ein Fall muss zur Obduktion, grad wenn mir ermittelt oder sogar schon angeklagt hent.«

»Vielleicht hat das Krankenhaus kein Interesse an einer Obduktion? Wer weiß?«

»Hent die Murks baut?«

Abel zuckte die Achseln. »Ich weiß noch nicht.«

»Warum ist sie dann doch noch unter das Messer gekommen?«

»Akte läse!«, er deutete mit fetten Fingern auf das Dossier, das vor Abel lag.

Abel kniff die Augen zusammen und begann die Schriftstücke durchzublättern. Er hatte ja noch keine Zeit gehabt.

»Dort!« Scheurers Finger fuhren ungeduldig zwischen den Seiten herum. »Das isses.«

»Aha.« Abel sah ein kurzes, getipptes Schreiben des Antiquitätenhändlers Ruop, mit dem er in knappem Kanzleistil den sehr geehrten Herrn Staatsanwalt, höflich, aber nachdrücklich bat, eine von mir hiermit beantragte Obduktion der Leiche von Frau Weiß schnellstens durchführen zu lassen. Abel grinste.

»Mir hent erscht au g’lacht«, sagte Scheurer. Aber dann habe er, einfach zur Sicherheit, bei der Kripo und im Krankenhaus angerufen und dabei erfahren, dass das Opfer unangetastet in einem Sarg lag.

»Und das Ergebnis?«, fragte Abel gespannt.

»Medizinerkram«, wiederholte der Staatsanwalt.

»Über den Daumen?«

»Nix Aufregendes. Schock, Blutung.«

»Immerhin«, sagte Abel.

»Der Befund ist schlampig«, fuhr Scheurer nachdenklich fort, »sehr schlampig.«

»Trotz Medizinerkram?«

»Hör mal, i woiß wia so a Befund aussähe muss und nit was drinschtoht«, sagte der Dicke aufbrausend.

»Und warum veranlasst du nicht sofort einen richtigen Befund?«, sagte Abel wütend. »Jetzt ist die Leiche verbrannt!«

Scheurer zuckte zusammen. »Mischt … so schnell?«

»Ja, ich war bei der Beerdigung«.

Der Staatsanwalt machte ein ernstes Gesicht, »reit bloß nicht im Prozess so arg drauf rum, ich brauch wieder Pluspunkte, ich hab neulich ein anderen Murks gemacht, nix Schlimms, aber immerhin. I muaß Lebzeitbeamter werda, d’Frau und d’ Kender reiße d’ Schnäbel auf und brauchet ihr Fressa!«

Abel schwieg und starrte in seine Kaffeetasse. Dann hob er den Kopf und sah Scheurer in die Augen: »Ich kann dir nichts versprechen. Aber der Fisch stinkt«, sagte er, »wir können da eine Sache rollen. Freispruch ist drin.«

»Beim Adler? Jessas! Und wie steh ich mit einem Freispruch da?«

»Wenn er gerecht ist, besser als mit einem falschen Urteil.«

»Ob das mein Chef genauso sieht?« Scheurer kratzte die letzten Sahnespuren vom Teller und Abel ging nachschauen, ob der Kopierer jetzt frei war.

 

*

 

Es war ein verregneter Dienstagabend.

Abel stand in der Küche neben Jane und hantierte mit Forellen. Er hatte sie zum Abendessen zu sich eingeladen. Abel ließ die Forellen unter dem fließenden Wasser zwischen seinen Händen hindurchgleiten, um sie zu waschen. Jane brach Eissalat, schnitt Zwiebeln, Schnittlauch, Zitronenmelisse, Petersilie, Boretsch, Paprika, Gurken, fleischige Tomaten und Radieschen. Sie standen einträchtig beieinander und arbeiteten. Sie schwiegen. Von draußen roch es nach feuchtem Asphalt und frisch nach jungen, grünen Blättern.

Brauner Dampf stieg aus der Eisenpfanne auf, in der zerlassene Butter schwamm. Abel hatte die Forellen gesäuert und gesalzen und schließlich in Mehl gewälzt. Nun nahm er sie behutsam an Kopf und Schwanzflosse und legte sie vorsichtig in die Pfanne. Das Fett prasselte und spritzte. Sorgfältig wendete er die Fische, ohne dass er ein Wort sprach oder zu Jane hinübersah, die eine große, breit ausladende Schüssel mit dem Salat füllte und ihn anrichtete.

Beim Essen erzählte Abel von Ursel und von dem Obduktionsbericht. Scheurers Fehler erwähnte er nicht. Und als Jane fragte, ob er denn nie Feierabend machte, antwortete Abel:

»Der Kopf lässt sich nicht abschalten, der Tag sich nicht ausradieren in meinem Hirn.«

»Versuchs mal.«

Abel senkte den Blick und zerlegte die dritte Forelle, die Jane ihm überlassen hatte. Er griff nach der Zitrone und träufelte einige Tropfen über das weiße Fischfleisch. »Irgendwo muss man doch wissen, wo man steht.«

»Es gibt aber Kollegen von dir, die nicht alles so verbissen sehen und fast persönlich nehmen, wenn sie mal verlieren.« Janes Augenbrauen glitten nach oben, Ironie lag in ihrem Blick.

»Aber hallo, das meinst du doch nicht ernst«, sagte Abel verblüfft. »Es gibt siebenunddreißigtausend Anwälte in Deutschland, und Böhm sucht sich ausgerechnet Jean Abel aus, nur weil er in der Nachbarschaft wohnt. Es gibt viele in besseren Kanzleien mit langer Erfolgsstatistik. Jeder von uns kostet die gleiche Gebühr. Und trotzdem Abel. Ich bin Böhm mehr schuldig als nur Routine, oder nicht?«

Jane hatte Abel zugehört und ihn beobachtet, wie er lebhaft gestikulierte und dabei vergaß, weiterzuessen. Nachdenklich betrachtete sie auch seine Hände, die gerade wieder zu Gabel und Fischmesser griffen.

»Abel mit dem Freispruchtick.«

»Ja.«

»Wenn du dich intensiver um eine Einstellung bemüht hättest?«

Abel sah Jane aufmerksam von der Seite an.

»Hast du nicht schon einmal den Richter Schulz so lange hingehalten, bis er einer Einstellung zugestimmt hat. Wie hast du das genannt? Ihn austrocknen?«

»Da hatte er noch nicht den Trick mit der Zigarettenpause. Und wer hat bei der ersten Verhandlung wissen können, dass bei dem Opfer die Milzverletzung wieder aufreißt?«, knurrte Abel.

Jane gab nicht nach. »Für einen zweiten Milzriss genügt oft eine kurze, schroffe Bewegung …« Jane zuckte zur Seite, um es zu demonstrieren. »Ich habe mich erkundigt.«

»Ich hatte keinen Anhaltspunkt, darüber nachzudenken. Okay, ich wollte einen Freispruch und ich will es immer noch.«

»Und wenn dir Böhm das Mandat entzieht und einen Kollegen nimmt? Einen von denen, die als Geheimtipp im Knast gehandelt werden?«, fragte Jane.

»Shit happens.«

»Soll sich denn ein Anwalt mit der Sache seines Mandanten so stark identifizieren? Gehört das nicht zum Berufsethos?«

»Komm, ich scheiß doch auf dieses Berufsethos«, sagte Abel wütend und stand auf. Er räumte das Geschirr zusammen. »Ehrlich, ich scheiß auch auf das großspurige Gehabe der lieben Kollegen Wirtschaftsanwälte, Kartellgebärer, Häufigflieger, Bundesverdienstkreuzträger, Standesrechtsbewahrer.«

»Jean Abel, das Frontschwein muss es ja wissen«, sagte Jane spitz.

»Okay, ganz genau, Jean Abel muss es wissen, und zwar in diesem konkreten Fall«, sagte er und drehte sich an der Tür tun. In den Händen die Salatschüssel, die ihn davon abhielt zu gestikulieren. »Wenn Böhm die Bremsleitung wirklich anzuschrauben vergessen hat, dann packen wir ein. Verlieren muss man in meinem Beruf können. Aber wenn er es nicht war, dann hat er auch nichts im Knast zu suchen, weißt du, dann beiß ich ihn dort raus.«

»Du verrennst dich vielleicht«, sagte Jane, »du hast noch nicht die Routine, die auch zu deinem Job gehört.«

Abel polterte in der Küche herum, kam wieder ins Zimmer und trat vor den Tisch. Die Fingerspitzen von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger rieben flink aneinander. Er hatte keine schönen Hände, aber schmale, kräftige Finger, die zupacken konnten. Jane beobachtete die Bewegung.

»Es gibt einen Unterschied zwischen Routine und Fingerspitzengefühl«, sagte er. »Routine, das kommt irgendwann, wie das Alter und der Tod. Nein, Routine ist nichts. Erfahrung ist besser. Und ich gebe zu, dass ich noch nicht viel Erfahrung habe. Aber ich hab’s im Bauch, dass der Böhm einen Freispruch kriegen muss, weil er mit der Sache nichts zu tun hat.«

Abel stand immer noch vor dem abgeräumten Tisch und starrte zu Jane hinüber, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf ihrem Stuhl saß. »Wer hat denn mit der Sache in Wirklichkeit etwas zu tun?«, fragte sie und sah ihm ins Gesicht. »Wer denn? Wenn man einmal von unseren, deinen Räuber-und-Gendarm-Geschichten absieht? Bringt es denn ein betrogener Ehemann wirklich fertig, einen Menschen auszulöschen, seine Existenz wegzuradieren, ein Leben wegzuwerfen, das er kennt und das ihm nicht gehört? Muss da nicht viel passieren?«

»Wir wissen noch viel zu wenig.«

Abel stützte den Kopf auf die Fäuste und starrte an die Wand. Jane schaukelte auf dem Stuhl und betrachtete sein Profil.

»Du hast ein schönes Gesicht, wenn du zornig bist«, sagte Jane.

Abel drehte sich zu ihr und lächelte sie an. »Manchmal denke ich, ich könnte mich in dich verlieben, wenn du so bist.«

»Wie? So?«

»So halt.«

Schweigen. Blickwechsel.

Jane stand auf, trat zu Abel, lächelte ihn an und strich ihm übers Haar. »Ich geh jetzt, Meister des Freispruchs.«

 

 

Donnerstag, 1. August

 

Haftprüfung in der Sache Böhm.

Abel war mit der Robe über dem Arm erschienen, doch der Talar war nicht nötig. Als er eintrat, sah er den Vorsitzenden Richter Adler in Zivil hinter seinem Schreibtisch sitzen, die Beine übereinander, einen Bleistift in der Hand, mit dem er zu spielen pflegte.

»Abel«, stellte sich der Rechtsanwalt mit einem knappen Kopfnicken vor.

Der Richter erhob sich und reichte ihm die Hand. Der Händedruck war kurz und hart. Er sah Abel an. »Es freut mich, Sie kennenzulernen.«

Abel hielt dem Blick stand.

»Wir erwarten die Kammermitglieder und den Staatsanwalt. Herr Böhm ist schon vorgeführt.«

Sie setzten sich, und die Blicke lösten sich, ohne dass einer unterlegen wäre.

Abel schwieg. Er hatte Akte und Robe beiseitegelegt und beobachtete Adler. Ein schlanker, kleiner Mann in bemerkenswert aufrechter Haltung. Das hagere Gesicht mit der schmalen Nase lächelte stetig. Er war braun gebrannt. Seine Glatze war nur noch von einem schmalen Rand dunkler Haare mit silbrigen Einschüssen umgeben. Unter einem blauen Jackett trug er einen dünnen Rollkragenpulli. Und das mitten im Hochsommer.

Das Dienstzimmer, in dem der Termin stattfand, war ordentlich aufgeräumt. Auf dem Boden eine braunrote Brücke mit kleinen Ornamenten, ein Privatstück. An den Wänden fehlte jeder Schmuck und auf dem Fenstersims die üblichen Topfpflanzen. Nur auf dem Schreibtisch, vor Adler, war ein Bilderrahmen aus Plexiglas aufgestellt. Abel konnte nicht erkennen, wessen Bild in dem Rahmen steckte.

Endlich kamen die restlichen Beteiligten. Man machte sich förmlich miteinander bekannt. Steifes Kopfnicken, hinsetzen. Scheurer faltete die Hände über dem mächtigen Leib zusammen und lächelte zu Abel hinüber. Es klopfte, und ein Justizwachtmeister in grüner Uniform lugte herein. Ob er den Böhm bringen könne, der aus der JVA vorgeführt worden sei?

»Nur rin in die gute Stube«, sagte der Richter Adler in fast fröhlichem Ton.

Die Tür wurde aufgestoßen, und Böhm erschien. Er wirkte im Gesicht teigig und grau. Mit vorsichtigen Schritten tastete er sich in den fremden Raum mit den fremden Männern hinein. Seine Augen wanderten flink umher, Abel suchend. Und als er seinen Verteidiger entdeckt hatte, glitt sein Blick scheu nach unten auf seine Hände, die er auch ohne die stählerne Handfessel vor sich zusammenhielt. Er setze sich. Er schwieg.

»Tja, dann wollen wir mal«, sagte der Vorsitzende Richter und eröffnete den Haftprüfungstermin mit moderaten Worten. Die Kammermitglieder schmunzelten ein wenig, und der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Scheurer, nickte und sagte kommentierend auch: »Tja, dann.«

Abel hingegen schwieg weiter. Er sah auf seinen Mandanten, der mit hängendem Kopf in der Mitte auf einem Holzstuhl saß, den Blicken der Männer um sich herum schutzlos preisgegeben. Abel klopfte ihm an die Schulter und begrüßte ihn.

»Dann wollen wir mal hören, was die Verteidigung gegen den Haftbefehl der Kammer ins Feld führt.« Tock, tock, machte Adlers Bleistift auf der Schreibunterlage.

Abel begann zu sprechen. Zunächst leise, sich vorantastend, später immer sicherer und deutlicher. Er legte die Argumente dar, die er Adler schon während des Telefongesprächs unterbreitet hatte. »Verdunklungsgefahr? Immerhin heißt es Verdunklungsgefahr. Es muss also für die Zukunft etwas zu vertuschen sein. Wenn der Angeklagte nicht total beschränkt ist, dann hat er schon die Weichen gestellt, lange bevor der Haftbefehl kam.« Abel insistierte, »nein, zu verdunkeln gibt es nichts mehr für Herrn Böhm. Und wenn dem so wäre: Dummheit ist kein gesetzlicher Haftgrund.« Die Beisitzer schauten unsicher ihren Vorsitzenden an. Adler gönnte sich ein wohlwollendes Lächeln, das heißen sollte: Ein achtbarer Versuch, aber wir durchschauen dich, mein Lieber: Argument auf den Kopf gestellt. Advokatorische Schläue!

Unterdessen saß Böhm weiter regungslos auf seinem Platz und hielt den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß gefaltet. Seine Augen zuckten zur Seite, wenn Abel sprach. Keiner kümmerte sich um ihn. Die Juristen erörterten seinen Fall und die Fortdauer des Entzuges seiner Freiheit, ohne mit ihm zu sprechen – ja, ohne ihn während der Diskussion überhaupt wahrzunehmen.

Erst als Abel fragte: »Wohin soll er denn fliehen?«, wanderten die Augen aller Beteiligten in die Mitte des Raumes und musterten Böhm, der sich noch mehr zusammenkauerte. So entstand eine Pause.

»Mit dem, was einer als Mechaniker verdient, kann man keinen Sprung ins Exil machen«, sagte Abel schließlich, »das reicht nicht mal für ein Auskommen im Untergrund. Schulden, nichts als Schulden. ›Bargeld zum Mitnehmen‹«, zitierte er die Kreditvermittlerwerbung, »›jetzt kaufen, später zahlen‹. Ein bisschen für ein Motorrad, einen Fünfhunderter für die Stereoanlage und zack, das Geld ist weg.« Abel schüttelte den Kopf und hob die Stimme: »Wir können noch nicht einmal eine Kaution anbieten. Nichts, noch nicht einmal einen Tausender! Herr Böhm ist nicht der Mann im weißen Hemd und im Maßanzug, für dessen Kaution gute Bürgen auftreten, obwohl er zur selben Zeit schon ein Hotel in Rio oder sonst wo bucht, um der Justiz zu entrinnen. Unser Angeklagter hat nichts.«

»Sollen wir den Haftbefehl wegen Mittellosigkeit des Angeklagten aufheben?«, fragte Richter Adler, ohne seine Haltung zu verändern.

»Nein«, Abel hielt den Richter wieder mit dem Blick fest, »nein, aber seine finanzielle Situation muss eine Rolle spielen, wenn das Gericht den Aspekt der Fluchtgefahr in Erwägung zieht.«

»Wir verkennen nicht, dass der Angeklagte einen festen Wohnsitz hat«, antwortete Adler, »aber das Geld, die Sicherheitsleistung, ist ein gutes Argument, um den Angeklagten wirklich an seinem Wohnsitz festzuhalten, bis die Verhandlung ansteht«, ein schmales Lächeln huschte über die Lippen des Richters. »Wir wollen doch nichts Ungebührliches, Herr Verteidiger. Wir wollen nur, dass sich der Angeklagte dem von der Prozessordnung vorgesehenen Verfahren stellt, damit das Gericht erkennen kann, ob er schuldig ist oder nicht.«

»Mein Mandant hat nichts, was er als Sicherheit anbieten könnte. Auch seine Mutter ist mittellos«, sagte Abel. »Er hat nur gute, sehr gute Argumente auf seiner Seite, weshalb er die Hauptverhandlung in elf Tagen abwarten kann. Warum soll man ihm nicht das Warten in Freiheit gestatten?«

»Das Bremer-Stadtmusikanten-Syndrom«, antwortete Adler, »›Etwas Besseres als den Knast finde ich allemal‹, das kann einen Angeklagten nach unserer Erfahrung davon abhalten, in Ruhe und Kraft seinen Prozess zu erwarten. Schulden sind ein leichtes Reisegepäck, sauer erarbeitetes Geld, das der Staatskasse anheimfällt, dagegen ein schweres.«

»Wie viel verlangt die Kammer als Kaution?«, fragte Abel. Der Kuhhandel begann.

»Wie viel?« Adler streckte auffordernd die offene Hand zu Scheurer hin, der bislang friedlich auf seinem Stuhl gesessen, die Hände gefaltet und zugehört hatte.

»Wie viel?« Scheurer fuhr aus seiner dämmerigen Haltung hoch. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er direkt angesprochen würde.

»Ja, wie hoch soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft die Sicherheitsleistung sein?«

Alle blickten nun zu Scheurer hinüber. Auch Böhm hob aufmerksam den Blick.

»Tja, wie viel?«

Abel sah auf die dicken Finger des Staatsanwalts und beobachtete, wie sie sich aneinander rieben.

»Das Gericht, Herr Adler, was sagt das Gericht?«

»Die Anklagebehörde!« Adlers Hand blieb ausgestreckt. Sein Mund lächelte. Er hatte den Dicken auf dem falschen Fuß erwischt und genoss das.

»Fünfzehntausend Euro«, sagte Scheurer, der im Kopf schnell überschlagen hatte, was so ein Kfz-Mechaniker verdienen könnte, und multipliziert hatte mit einem Wert, der ihm ganz persönlich empfindlich wehgetan hätte. »Fünfzehntausend«, wiederholte er und faltete wieder die Hände.

»Fünfzehntausend Euro?« Adlers Hand schwenkte zu Abel hinüber. Das Lächeln blieb auf seinen Zügen. Der Handel war in vollem Gange.

»Nein«, sagte Böhm plötzlich mit rauer Stimme. Er räusperte sich. »Nein, keine zehntausend kann ich. Nicht einmal die Hälfte, ehrlich. Zweitausend kann ich bringen, wenn ich meine Anlage ins Pfandhaus gebe.« Und dann bettelnd: »Aber ich würd nicht abhauen, würd ich. Herr Richter, Sie müssen es mir glauben. Mein Anwalt glaubt es doch auch. Und der macht sich keine Illusionen über Leute wie mich.«

Abel sah das provozierende Lächeln im Gesicht des Vorsitzenden Richters. Er wusste, was Adler dachte: Illusionen? Der mit seinen paar Fällen. Abel spürte wieder diese Aggression, die er nicht im Griff hatte. Obwohl er sich in die Lippe biss. Obwohl er wusste, dass er seinem Mandanten und sich schadete. Obwohl er wusste, dass es nichts brachte: Er stand auf und provozierte diesen Vorsitzenden mit seiner polierten Oberfläche. Abel sagte: »Die Freiheit für Böhm. Knappe zwei Wochen Freiheit für den Angeklagten. Zweitausend zum Ersten«, er hob die flache Hand, »zweitausend sind geboten, meine Herrschaften, zweitausend zum Zweiten und zweitausend, zweitausend zum Dritten«, er klatschte in die Hände.

Man schwieg pikiert im Dienstzimmer des Richters Adler. Tock, tock. Endlich sagte ein Beisitzer der Kammer tapfer: »Die U-Haft würde ja sowieso verrechnet mit der Strafe.«

Hart am Befangenheitsantrag. Doch Abel wollte nicht mit dem Beisitzer in den Clinch. Adler war sein Gegner.

Stille im Raum.

Wiederholt fiel der Bleistift zweimal auf die Schreibunterlage. Tock, tock. Adler sah aus dem Fenster. Sein Gesicht war ernst.

»Den Aspekt der Verrechnung der Strafe wird die Kammer nicht bei ihren Überlegungen beeinflussen«, sagte Adler kalt. »Die Erwägungen des Herrn Beisitzers«, er sah den jungen Richter nicht an, »sind rein hypothetisch zu verstehen.«

»Natürlich, rein hypothetisch«, sagte Abel. »Zweitausend und nicht mehr.« Er blieb bewusst im Händlerton, weil er wusste, dass er verloren hatte. »Zweitausend gegen Wegfall der Fluchtgefahr. Unser letztes Wort.«

Adler blieb sitzen. »Die Kammer wird es unter Berücksichtigung der Vorstellung beider Seiten zu entscheiden haben« Abel nickte knapp. Er ergriff den Oberarm seines Mandanten und zog ihn vom Stuhl hoch, sah ihn an.

»Sind Sie wahnsinnig?«, flüsterte Böhm entgeistert. »Der schlachtet mich!«

»Wir schaffen’s schon«, sagte Abel, »wir packen das.«

 

*

 

Als Jane anrief, diktierte ihr der Geschäftsstellenbeamte den Tenor des Beschlusses der Strafkammer: »Haftbefehl bleibt aufrechterhalten. Der Beschwerdeführer trägt die Kosten des Verfahrens.«

Abel sagte: »Sie hätten ihn sowieso nicht laufen lassen«.

 

*

 

»Auf einem Kongress?«, fragte Abel. Er stand in der Praxis des Heilpraktikers Arnold Weiß vor einem Sideboard aus Mahagoni und sah auf ein Mädchen herunter, das im weißen Kittel mit modisch geschnittenen Hosen auf einem Drehstuhl saß, einen Terminkalender mit einer langen Kolonne von Namen vor sich.

»Ja, auf einem Kongress«, das Mädchen nickte. Abel betrachtete die Kolonne der Namen, die in dem Kalender für den heutigen Tag vorgemerkt waren.

»Wo?«, fragte er.

»Bitte haben Sie Verständnis, Herr Weiß geht häufig zu Fortbildungsveranstaltungen.«

»Das kommt den Patienten ja letztlich zugute«, räumte Abel ein, »aber kommen denn die Einladungen zu einem Kongress so überraschend, dass vorher Termine gemacht werden?« Abel zeigte auf den Kalender, den die Helferin sofort zuklappte. Sie errötete ertappt. Dabei sagte sie hastig: »Das ist anders als Sie denken. Ich gebe Ihnen gern einen Termin in drei Wochen.«

»Nein, danke«, antwortete Abel, »da komme ich lieber ein anderes Mal.« Er verließ die Praxis durch den Vorraum, in dem auf flauschigem Teppichboden ein alter Bauernschrank stand. Eine kleine gedrungene Frau mit Kopftuch schob monoton einen Staubsauger hin und her. Abel öffnete die Tür und trat hinaus in den Hausflur.

»The doctor is out«, sagte er lachend, weil er Ursel Sommer aus dem Aufzug kommen sah. Sie sah ihn an.

»Ach so?«

»Ja, wussten Sie das nicht?«

»Nein, wo ist er?«

»Kongress, ziemlich plötzlich.«

»Er wird sich zurückgezogen haben. Er lebt in Trauer.«

Abel fiel die Formelhaftigkeit dieser Bemerkung auf. »Was wollten Sie von ihm?« Er wusste, dass ihn das nichts anging.

»Gehen wir.« Ohne auf Abel zu warten, drehte sie sich um und klapperte flink auf flachen Schuhen mit winzigen spitzen Absätzen die Treppen hinunter. Abel folgte gemächlich und trat hinter ihr auf die abendliche Straße hinaus.

Die Praxis des Heilpraktikers Weiß lag in einem der historischen Häuser am Isarufer beim Glockenbachl. Abel ging wortlos neben Ursel in das belebte Viertel. Touristen, Studenten, Flaneure und ein paar Münchner wimmelten durcheinander. Wie oft im Sommer wirkte die Stadt wie ein großer Freizeitpark. Die Sonne stand immer noch über den Häusern.

Abel mochte die Gegend und fragte Ursel, ob sie Lust auf einen Aperitif habe. So landeten sie nach einem kurzen Spaziergang auf der Terrasse des Straßencafés, wo Abel und Jane den Doktor Völter getroffen hatten.

»Was wollten Sie von Weiß?» fragte Abel wieder, als er sich neben Ursel auf einen Stuhl gesetzt hatte und sein Glas in der Hand hielt. »Sie können ihn nicht besonders leiden und besuchen ihn?«

»Er behandelt mich«, sie nippte an einer Weinschorle.

Abel betrachtete ihr gepflegtes kleines Gesicht und die Augen, die in den Verkehr auf der Straße starrten, ohne etwas wahrzunehmen.

»Ich habe auch über Ihr Beispiel mit dem Collier nachgedacht: Wenn einem ein Schmuckstück unwiederbringlich verloren geht, warum soll er es zerstören, wenn es schön und kostbar ist?«

»Damit der andere es nicht bekommt, ganz einfach.«

»Weiß hätte doch eher den Liebhaber töten müssen, das läge doch näher«, sagte Ursel.

»Und warum hat er damals nicht den Mann erschossen, an dem sein Hund herumgeschnüffelt hat?«, fragte Abel.

»Sie machen sichs einfach!«

»Vielleicht wiegt für ihn der Dieb nichts im Vergleich zu dem gestohlenen Objekt.«

»Sie denken um die Ecke.« Ursel Sommer legte ihre Hand auf Abels Unterarm. Sie lächelte und trank einen Schluck.

»Exakt«, sagte Abel. »Mörder denken um die Ecke. Allein weil sie nicht gefasst werden wollen. Mal ganz abgesehen von den extremen Gefühlen, die sie antreiben. Da muss man selbst bereit sein, um die Ecke zu denken und notfalls auch um drei oder vier Ecken, damit man so einem Menschen auf die Spur kommt.«

Ursel schwieg und spielte mit ihrem goldenen Armreifen, den sie vom Handgelenk abgestreift hatte. Endlich antwortete sie, dass sie ebenfalls um die Ecke gedacht habe.

»Was wollten Sie Weiß fragen?«

»Ob er Silke umgebracht hat.«

»Was erwarten Sie? Denken Sie, er würde sagen: ›Klar, freilich, liebe Frau Sommer. Gut, dass Sie gekommen sind, sonst hätte ich das ganz vergessen. Ich wollte schon neulich bei der Polizei anrufen, aber es ist was dazwischengekommen‹?«, sagte Abel ironisch.

»Sie verstehen mich nicht!«

»Nein.«

»Er hätte lügen müssen – und so etwas merkt man.«

»Hat er schon früher gelogen?«

»Beim Begräbnis. So wie er den Freunden die Hand geschüttelt hat … die Tränen … eine einzige Lüge.«

»Ich habe keine Tränen gesehen.«

»Sie waren ja auch zu weit weg.«

Abel drehte sein Glas in den Händen und beobachtete, wie sich die Flüssigkeit kreiselnd bewegte. »Sie sollten Weiß fragen, wenn er zurückkommt. Aber nehmen Sie mich mit«, sagte er.

»Vielleicht.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Haben Sie gewusst, dass Ruop am Mittag vor Silkes Tod bei Weiß war?«

»Nein, weshalb?«

»Ich weiß es nicht, Ruop hat es erwähnt.«

»Wann?«

»Ich habe mit ihm telefoniert«, sagte Ursel Sommer.

»Sind Sie auf dem Kriegspfad?«

»Immerhin war Silke meine Freundin.«

Abel nickte. Er sah in diesem Moment, wie Völter auf das Café zukam. Neben Abel sagte Ursel Sommer: »Und Freundin sage ich nicht zu jeder, die ich ein bisschen näher kenne.« Völter musste hinter den beiden vorbei, wenn er zu einem der Tische gelangen wollte.

»Tag, Herr Völter«, Abel hielt ihn am Arm fest. »Darf ich Ihnen Herrn Dr. Völter vorstellen?«, sagte er zu Ursel Sommer.

Völter blieb stehen, »’n Abend.«

»Guten Abend«, sagte Ursel Sommer indifferent. Sie gab Völter nicht die Hand. Erst ab Abel erklärte, dass dies der diensthabende Arzt gewesen sei, als Silke Weiß hatte sterben müssen, streckte sie ihre Hand aus und sah prüfend an dem Doktor herunter. Sie lächelte.

»’ne hübsche Sammlung schöner Frauen haben Sie«, sagte Völter zu Abel.

»Ich bin halt der Typ dafür.« Abel grinste.

Ein kurzer verwirrter Blick der Frau streifte ihn. Abel zuckte mit den Schultern. »Setzen Sie sich zu uns?«

Völter nahm Platz.

»Woran ist Silke gestorben?«, fragte Ursel.

»Hab ich Herrn Abel doch alles schon erzählt, Embolie.«

»Ist das sicher, Embolie?«, fragte Abel schnell dazwischen. »Das letzte Mal haben Sie gesagt, Kreislauf und Schock.«

»Ist doch dasselbe«, antwortete der Arzt und bestellte sich ein Glas von dem roten Franzosen.

»Tatsächlich?«, hakte Abel nach.

»Sage ich doch«, knurrte Völter und wandte sich dann Ursel Sommer zu, bei der er sich in einem ironischen Ton versteckt über die Ignoranz und Neugier von Laien beklagte.

Abel starrte in sein Glas. »Im Obduktionsbericht stand auch etwas von ›Herz-Kreislauf-Syndrom‹«, sagte Abel schließlich. »Wie kommen Sie auf Embolie?« Und als der Arzt nicht antwortete, fuhr er fort: »Embolie, das ist doch, wenn ein Blutgerinnsel in die Lunge kommt?«

»Beispielsweise.«

»Und noch ein anderes Beispiel?«, fragte Ursel.

»Luft.«

»Das kommt heute doch nicht mehr vor«, wandte Abel ein.

»Sehr selten«, Völter lächelte und sah Ursel Sommer an, mit der er offensichtlich viel lieber gesprochen hätte.

»Welche Embolie hatte Silke?«, fragte Ursel.

»Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Es war nur ein medizinisches Beispiel. Ich habe nur was verwechselt, als ich von Embolie gesprochen habe.«

»Ein Mann mit agreablen Zeugnissen«, zitierte Abel, »ein solcher Arzt verwechselt keine wichtigen Befunde.«

»Zeugnisse sagen nichts heutzutage. Wir kreuzen mechanisch auf einem Testbogen unsere Antworten an. Was sagt das schon, wenn einer da gut abschneidet?«

»Zumindest, dass er gut repetieren kann«, antwortete Abel, »dass er sein Pensum nicht vergisst.«

»Richtig, System Pelikan: fressen und auf Befehl wieder herauswürgen. Davon wird einer noch kein guter Arzt.«

»Nein, aber er kann in der Praxis eine Embolie von einem Herzstillstand mit anderer Ursache unterscheiden. Und er erinnert sich daran.«

»Es gibt tausend Fälle am Tag.«

Abels Haltung war nun angespannt. Er hatte Völter erwischt. Und er setzte nach. »Einen Fall wie der von Silke Weiß vergisst man nicht so schnell.«

Der Arzt antwortete nicht. Er trank bedächtig einen Schluck und dann noch einen tiefen Zug. Abel saß immer noch angespannt auf seinem Stuhl und hoffte auf eine Antwort. Doch Völter lenkte ab.

»Wie geht’s Böhm?«, fragte Völter. Er lächelte. Abel spürte, dass er jetzt eine Chance hatte und dass er alles verderben würde, wenn er jetzt auf den ironischen Ton des Arztes einging.

»Böhm sitzt«, sagte er hart.

»Wieso?«, fragte Völter.

»Weil sie ihn nun wegen eines Tötungsdelikts anklagen. Die Beweislage bleibt zwar dieselbe, aber die Strafkammer ist für ihre Härte bekannt und hat ihn erst mal aus dem Verkehr gezogen.«

»Warum lassen Sie das zu?«

»Ich kämpfe.«

Abel studierte das Gesicht des Arztes und sah Betroffenheit. Er ließ sich Zeit mit seinem nächsten Satz: »Heute haben sie ihn vorverurteilt.«

»Vorverurteilt?«, fragte Ursel.

»Heute war Haftprüfung.« Abel berichtete mit einigen Worten über die Aussichtslosigkeit der Verteidigung in diesem Fall.

»Ich brauche Unterstützung«, fügte Abel hinzu.

»Scheißspiel«, sagte Völter. Er fragte, was denn Böhm für eine Strafe drohe.

»Die Bewährung ist futsch, und ein bis zwei Jahre für die fahrlässige Tötung, damit muss man rechnen.«

»So, ja.« Ratlosigkeit machte sich in Völters Gesicht breit. Er hätte durchaus sagen können: ›das kommt davon, wenn man Bremsleitungen nicht richtig anschraubt‹. Doch Völter schwieg.

»Sie könnten den Fall einfacher angehen, nicht?«, fragte Völter. »Sie machen alles so kompliziert.«

»Sie meinen, es reicht, ein paar belanglose Fragen an die Zeugen zu stellen, ein flüssiges Plädoyer, die Bitte um ein mildes Urteil?» Abel lächelte wieder.

»Und warum machen Sie es nicht einfach so, es ist doch auch nur ihr Job?«, fragte Völter.

»Weil Sie es auch nicht mit einer Reanimation von drei Minuten bewenden lassen, wenn ein Patient zu sterben droht, und weil ich kein Krankenhaus habe, in das die Patienten automatisch eingewiesen werden, wenn ich Klienten brauche. In dem Fall gibt es mehr als defekte Bremsleitungen.«

Völter wich Abels Blick aus.

»Was war wirklich los?» fragte der Anwalt schließlich leise.

Völter schwieg. Abel musterte das Gesicht des Arztes. Kein Ausdruck, der darauf schließen ließ, dass Völter sein Schweigen brechen würde.

»Sie wissen es so gut wie ich«, sagte Völter nach langer Zeit, in der ihnen das Stimmengewirr auf der Terrasse bewusst wurde.

»Was?«, fragte Abel.

»Der Vergleich mit dem christlichen Trägerverein, meine Schweigepflicht.« Völter schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Also gäbe es etwas zu sagen«, schloss Abel. Ursel nickte.

»Ich sage nichts.«

Abel sah, dass es zwecklos war, an diesem Abend die Spur bei dem jungen Arzt weiterzuverfolgen. Die Sache mit der Embolie war neu. Von einer Embolie war in dem Bericht über die Sektion nicht die Rede gewesen. Der Bericht war unpräzise, die Befunde schlampig. Das hatte selbst der Staatsanwalt gesagt. Ausgeschlossen, dass sich Völter irrte. Das war zu spüren. Abel trank einen Schluck und beobachtete, dass Ursel Sommer den Arzt in ein Gespräch über einen Film gezogen hatte, dem Völter zunächst nur abwesend, später dann aufgeschlossener gefolgt war. Abel beteiligte sich nur mit einsilbigen Einwürfen, wenngleich es vielleicht besser gewesen wäre, um das Vertrauen des Arztes zu kämpfen. Aber das nahm ihm offenbar Ursel Sommer ab.

Abel beobachtete Ursel von der Seite wie sie nun schnell und sicher über das Theater und besonders über die Mephisto Inszenierung von Heyme sprach, die sie in Stuttgart besucht hatte. Sie beschrieb gerade die Szene wie einer der Schauspieler auf dem Klavier, das links auf der Bühne stand, den »größten Heerführer aller Zeiten» persiflierte. Er gab unermüdlich die spießerischen, verklemmten Rednerposen dieses Herrn Schickelgruber, der später Hitler hieß, wieder.

Völter taute jetzt auf. Auch er liebte Theater und Film. Abel fiel auf, wie schnell er nun redete, wie gut er formulierte. So ein Mann sollte so einfach die Begriffe durcheinander werfen? Warum war Völter überhaupt an ihrem Tisch vorbeigekommen? Vielleicht war der angebliche Versprecher mit der Embolie eine Botschaft an Abel. Oder sah Völter nur eine Gelegenheit, mit Ursel ins Gespräch zu kommen? Wie er flirtete! Seine Hand griff manchmal, wie zufällig, nach ihrer Schulter. Ursel hielt still, lächelte, lachte, gestikulierte, dass ihr goldener Armreif klimperte. Sie hatte sich halb von Abel abgewandt. Endlich nahm er nur noch den Lärm der Menschen um sich herum wahr, Stimmen ohne Sprache.

»Tschau«, sagte Abel schließlich, zahlte und drängte sich durch die Tische.

Abel war lange durch die Straßen gelaufen und hatte sich überlegt, ob er den Fall Böhm noch unbefangen betrachten konnte. Und das alles wegen Böhm, der einen nicht richtig ansah, einem Jähzornschläger. Doch er sah Böhm dann auch vor sich, wie er jetzt in einer Zelle hockte, wie er vielleicht zusammengerollt auf dem Bett, mit der stinkenden Einheitsdecke lag und an die Wand starrte und wartete, bis das Licht der nackten Lampe verlöschen würde. Abel setzte sich in sein Auto und schaltete das Radio an. Er kramte einen Kaugummi aus dem Handschuhfach und ließ den Motor an. Langsam und besonnen parkte er aus und fuhr los. Man wird sich doch noch mal verkrampfen dürfen, dachte er und fuhr deswegen noch einmal bei Weiß vorbei. Nicht in der Praxis, sondern daheim.

Abel hatte den Kopf an die stählernen Gitter des langen Zaunes gelegt und beobachtete durch das sich behäbig im Wind bewegende Gebüsch das Haus des Heilpraktikers Weiß. Es brannte Licht. Vier Fenster waren erleuchtet, doch man sah nichts dahinter, weil dichte Vorhänge jede Bewegung verbargen. Die Lichter schimmerten matt und ockerfarben in der Dämmerung. Es roch nach Lindenblüten. Drüben auf der Antenne saß ein Amselmännchen und sang laut und fröhlich sein Abendlied. Abel löste sich von den Gitterstäben und trat auf den Eingang zu. Er klingelte.

Das Türschloss summte. Mit einem metallischen Klicken gab das Tor den Einritt frei. Abel ging auf die Haustür zu. Das Lied der Amsel erlosch. Die Tür des Hauses würde geöffnet. Er lächelte der Silhouette des großen schmalen Mannes entgegen, der im Eingang stand, seine Hände hingen neben dem Körper herab.

»Guten Abend, Herr Weiß, ich heiße Abel, bin Rechtsanwalt und habe mit dem Unfall Ihrer Frau zu tun«, sagte Abel.

»Guten Abend, Herr Abel.« Weiß trat zwei Schritte zurück.

Abel sah sich um. Er stand in einem breiten Vestibül, von dem eine geschwungene Treppe zu einer Galerie im ersten Stock führte. Schwere, alte Möbel mit gradlinigen Konturen standen breit an den Wänden. Die Bilder waren goldgerahmt und dunkel vom Alter. Weiß öffnete die Tür zu einem geräumigen Zimmer, das erleuchtet war. Abel folgte und setzte sich, durch eine Geste aufgefordert, in ein breites helles Ledersofa. Ein schmaler hochbeiniger Hund mit einem edlen langen Kopf und langen Ohren erhob sich von einer Decke und kam vorsichtig, aber ohne Furcht, auf Abel zu. Er nahm vom Boden die Witterung auf und schnüffelte an Abels Beinen. Er roch sicher Abels Promenadenmischung Schmitz. Als Abel die Hand ausstreckte, um das warme, grauschwarz gesprenkelte Fell des Tieres zu streicheln, ging der Hund zur Seite. Er blieb drei Schritte vor Abel stehen und sah den Eindringling distanziert an.

Weiß war halb im Rücken Abels stehen geblieben. Er lehnte an der Wand. »Es ist nicht leicht, mit dem Verteidiger des Mörders seiner Frau zu sprechen.«

Abel drehte im Sitzen den Kopf. Weiß wirkte gelassen. Seine Augen blickten hart und unverwandt.

»Mord«, Abel wiederholte das Wort und drehte sich wieder in Normalposition. Er ließ den Körper in die weiche Lehne zurücksinken. »Mord kann es schon sein«, fuhr er schließlich fort, »aber mein Mandant ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.«

»Juristisch ist da ein Unterschied, sicher – aber moralisch, wissen Sie …«

Abel zuckte mit den Achseln. »Moral? Ich halte mich lieber an Fakten, dann kommt hinterher meistens ein moralisch richtiges Ergebnis heraus.« Abel starrte die geschlossenen Vorhänge an. »Ich persönlich habe mit dem Tod Ihrer Frau nichts zu tun, das zumindest ist sicher. Sie können also mit mir reden«, er drehte sich wieder spöttisch lächelnd um, »und mein Mandant war’s übrigens auch nicht.«

»Sind Sie deshalb gekommen? Wegen der Schuldfrage?«

»Ja.«

Weiß stieß sich von der Wand ab und kam herüber zu Abel. Er stand nun neben dem grauschwarzen Hund. Weiße Schuhe, weiße Hose, weißes Hemd. Ein zweiter Hund erhob sich hinter einem Sessel und stellte sich abwartend vor Abel. Weiß kleidete sich offenbar wie ein Arzt, auch abends, an einem Tag, an dem er vielleicht seine Praxis überhaupt nicht betreten hatte.

»Und warum war es nicht dieser Böhm?« Sein Gesicht blieb gelassen, die Anspannung sah man nur in den Augen.

»Weil er s mir gesagt hat.«

»Machen Sie es sich da nicht ein wenig einfach?«

»Nein, die Staatsanwaltschaft muss die Täterschaft beweisen, nicht wir die Unschuld.« Abel erhob sich halb, um seinen Notizblock und einen Bleistiftstummel aus der hinteren Hosentasche seiner Jeans hervorzuholen. Er taxierte den Heilpraktiker beim Hinsetzen.

»Ich meine das anders«, sagte Weiß, »jeder Angeklagte wird in solch einer Situation leugnen. Er versucht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, der Gerechtigkeit zu entfliehen.«

Abel schlug seinen Notizblock auf. »Gerechtigkeit«, sagte er gedehnt, »wir Juristen sind da nicht so anspruchsvoll. Uns langt’s schon, wenn wir so etwas wie Recht herstellen.«

»Und was soll ich dazu sagen?«

Abel drehte immer noch an dem Bleistift. »Ich habe ja noch nichts gefragt«, antwortete er, ohne aufzusehen.

»Fragen Sie«, die Stimme des Mannes klang nicht ärgerlich, eher gespannt, vielleicht lauernd.

»Ruop«, sagte Abel. Er fixierte Weiß, dessen Kieselsteinaugen unbeweglich blieben.

»Ein Antiquitätenhändler, wir haben hie und da etwas bei ihm gekauft.«

»Und das ist alles?«

»Kommt er als Täter in Betracht?«, fragte Weiß dagegen.

»Nein, aber ein anderer«, antwortete Abel knapp.

»Wer?«

Achselzucken. »Ruop war der Liebhaber Ihrer Frau.« Abel beobachtete das Gesicht des Mannes. Es war erstaunlich, mit welch äußerlicher Ruhe Weiß den Auftritt hinnahm. Wahrscheinlich wusste er, dass er sich den Fragen nach den privaten Hintergründen spätestens im Gericht stellen musste. Dann wurde jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Abel beschloss, drastischer zu werden. »Ruop hat Ihre Frau geküsst, mit ihr geschlafen.«

»Sind Sie gekommen, um mir pornographische Vorträge zu halten, Herr Rechtsanwalt?«

»Nein, ich bin gekommen, um Sie zu fragen, wie Sie zu alldem gestanden haben, ob es Ihnen egal war oder ob sie eifersüchtig reagiert haben, ob Sie geweint, geschrien, sich gewehrt haben. Was haben Sie zu Ihrer Frau gesagt, wie sind Sie mit ihr umgegangen?«

»Was bringt Ihnen das, wenn Sie es wissen?«

Abel lächelte verbindlich: »Vielleicht ein Motiv?«

Weiß schüttelte verständnislos den Kopf und gab dem einen Hund einen Klaps auf die Flanke. »Was sagt die Fama?«

»Welche Fama?«

»In den Gerichtsakten steht wohl kaum etwas davon, dass meine Frau ein Verhältnis mit einem Antiquitätenhändler gehabt haben soll.«

»Das ist richtig, deswegen bin ich ja hier. Wie haben Sie reagiert, Herr Weiß, als dieser Ruop kam, immerhin einer, der ganz gut aussieht, jung ist, mit schönen alten Dingen zu tun hat. Nun, da kommt so einer und nimmt Ihnen die Frau weg, so als stünde es jedem frei, sich zu bedienen, als könne man bei Weiß einfach alles mitnehmen, die Gemälde hier, Schränke, das Porzellan, die Hunde …«

Weiß setzte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Er verzog verächtlich die Mundwinkel. »Was heißt mitnehmen. Hier wird nichts geboten.« Seine Hand löste sich aus der Verschränkung und machte einen knappen Kreis.

»Aber Ihre Frau hat sich angeboten, diesem Ruop angeboten, nicht?«

»Ich weiß es nicht, und ich will es auch nicht mehr wissen. Sie ist tot. Und ich habe nichts als Trauer.« Die Augen des Mannes blieben unbeteiligt. Das war die Lüge, von der Ursel gesprochen hatte.

»Wie haben Sie reagiert, als Ihnen Ruop die Frau weggenommen hat?« Abel wiederholte sich, er rutschte vor auf die Kante, um Weiß näher zu kommen.

»Das geht Sie nichts an. Niemanden geht das etwas an«, antwortete der Heilpraktiker ruhig.

»Hassten Sie ihre Frau oder Ruop?«

»Ich hasse niemanden, ich kenne dieses Gefühl nicht.« Weiß lächelte jetzt, aber ohne Überlegenheit.

»Waren Sie am Todestag im Krankenhaus?«, fragte Abel nun.

»Ja, ich habe miterlebt, wie sie gestorben ist.« Eine Antwort in ruhigem, sachlichem Ton.

»Wollten Sie keine Obduktion?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Die Ursache ist doch gleichgültig, wenn jemand schon tot ist.«

»Und das sagt ein Mediziner?«, fragte Abel.

Weiß korrigierte nicht Abels Einstufung. »Bei einem Patienten ist das etwas anderes, da besteht ein objektives und wissenschaftliches Interesse an der Ursache. Dieser Fall betraf mich persönlich, da ist die Ursache gefühlsmäßig ohne Bedeutung.«

Gefühlsmäßig! Abel schwieg und fixierte den Mann mit dem undurchdringlichen Gesicht. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Wangen von Aknenarben tief gezeichnet waren. Abel blätterte in seinem Notizblock.

»Wissen Sie, was dabei rausgekommen ist?«, fragte er.

»Wobei rausgekommen?«

»Bei der Sektion.«

»Man hat sie doch aufgeschnitten?« Weiß fuhr auf.

Abel hatte nach dem bisherigen Gesprächsverlauf eine so heftige Reaktion nicht erwartet. »Ja, man hat sie aufgeschnitten, nur zufällig, sozusagen.«

Weiß fragte schnell: »Zufällig?«

»Ja, stellen Sie sich vor, rein zufällig, auch das Krankenhaus wollte keine Obduktion, merkwürdig, nicht?« Abel stand auf. Weiß kam auf ihn zu.

Er stand nun dicht vor Abel, den er fast um einen halben Kopf überragte. »Was heißt zufällig?«

»Wenn im Totenschein, den das Krankenhaus ausfüllen muss, nichts von einer unnatürlichen Todesursache steht, kommt die Leiche ins Krematorium, verstehen Sie?«

Weiß nickte, er schwieg.

Abel wandte sich nun zum Gehen. »Ruop war’s.«

»Was?«

»Er hat eine Obduktion beantragt. Schriftlich. So steht’s in den Akten.« Abel lächelte. Im Vorbeigehen streichelte er über den Kopf des schwarzgrauen Jagdhundes, der dieses Mal nicht zuckte.

»Dazu hatte er kein Recht«, sagte Weiß feindselig.

»Nein, einen Anspruch auf Durchführung der Obduktion hat ein Dritter sicher nicht. Aber so kam der Vorgang auf den Schreibtisch des Staatsanwalts, und der hat das Recht, in einem schwebenden Verfahren das Opfer obduzieren zu lassen.« Abel stand schon an der Tür.

»Das muss den Angehörigen doch gesagt werden.« Er sprach nun wie zu sich selbst: »Da muss es doch eine Freigabe der Leiche geben, Papierkram«, er wandte sich Abel zu. »Sie lügen«, sagte er.

»Nein«, Abel schüttelte den Kopf, »nein, der Papierkram kommt in die Akten, und die Freigabe erfährt der Bestattungsunternehmer telefonisch. Fragen Sie doch dort.«

Weiß kam nun mit schnellen Schritten auf Abel zu. Er griff hart nach dem Arm des Anwalts. Abel machte sich unwillig los. »Hätten Sie etwas zu befürchten, Herr Weiß?«, fragte er.

»Ich will gefragt werden, immer«, sagte der Heilpraktiker in bellendem Ton, ohne Abels Frage zu beantworten.

»Guten Abend.« Abel ging durch das Vestibül und öffnete die Haustür. Er spürte hinter seinem Rücken, wie Weiß ihm drei oder vier Schritte folgte.

»Und das Ergebnis?«

»Der Obduktion?« Abel war schon draußen.

»Ja, was hat der Pathologe festgestellt?«

»Es war nicht der Pathologe. Es war der Gerichtsmediziner« Abel ging den Weg hinunter zum Gartentor. »Guten Abend«, rief er noch einmal, »und entschuldigen Sie die Störung.«

 

 

Freitag, 2. August

 

Jane betrat Abels Kanzlei. Sie kam von der Poststelle beim Amtsgericht. »Gehste mit?«, fragte sie.

»Wohin?«

»Spazieren.«

»Hör mal, es ist erst elf.« Abel sah auf die Uhr und machte ein vorwurfsvolles Gesicht. »Noch nicht mal Mittag. Ich muss noch einen Schriftsatz …« Er deutete auf die Akte vor sich.

»Aha, der Stress«, spottete Jane. Sie lachte. »Den Schriftsatz kannst du auch noch bequem heute Nachmittag diktieren, statt dich in die Hängematte zu legen.«

»Und was ist, wenn ein neuer Mandant kommt und keiner von uns ist da?«

»Der kommt auch noch mal.«

Abel verzog skeptisch das Gesicht. »Aber dein Gehalt willst du pünktlich, oder?«

»Dem Hund tut’s auch gut«, sagte Jane und nahm die Leine vom Kleiderschrank. Paul Schmitz, der die Szene auf der Seite liegend beobachtet hatte, erkannte das Signal, sprang auf und tobte wild um sie herum. Abel folgte. Jane schloss die Tür ab und hängte ein Schild davor: Bin gleich wieder da.

»Ich habe dir Arbeit abgenommen«, sagte Jane im Gehen.

»Hast du gespült?«, fragte Abel.

»Heute nicht.«

»Okay«, Abel lachte, »was dann?«

»Ich war bei Völters Chef.«

»Döhring? Aha, und?« Abel bückte sich, um einen Stein aufzuheben. Er wog ihn in der Hand. Paul Schmitz kam in gestrecktem Lauf herbeigesprungen. Abel holte aus und warf den Stein weit zwischen die Bäume auf der linken Seite des Weges. Schmitz hetzte mit fliegender Zunge davon, um den Stein zu suchen. Apportieren würde er ihn nicht, sondern sich niederlegen und am Stein nagen, dass die Hundezähne knirschten, bis Abel wieder einen Stein oder einen Ast aufhob.

»Was war?«, fragte Abel noch einmal, weil Jane geschwiegen hatte.

»Er hat Nerven gezeigt.«

»Was?«, fragte Abel und blieb stehen. Er griff nach Janes Arm: »Wer? Was war los? Erzähl mal von Anfang an.«

»Ich war im Krankenhaus, Chirurgie, dieselbe Station. Petra hatte einen Verkehrsunfall.«

»Deine Freundin, die beim Fundamt arbeitet?«

»Genau. Ihr ist einer gestern Nacht hinten drauf gefahren und sie hat sich am Lenkrad verletzt.«

»Schlimm?«

»Nicht sehr.«

»Hat sie einen Anwalt?«

»Ja.«

»Schade.«

»Wieso? Du bist ihr Anwalt. Ich habe sie gleich eine Vollmacht unterschreiben lassen.«

»Und da bist du gleich mal kurz zum Chefarzt?«

»Er kam auf Visite vorbei. Da habe ich ihn angesprochen. Der war am Anfang auch ganz leutselig, ein wenig von oben herab. Er hat mich beruhigt, was Petra betrifft. Das ist so ein Mann, der auf junge Frauen steht. Und da habe ich ein bisschen dideldum gemacht.«

»Dideldum?«, fragte Abel.

»Na ja so…« Jane klimperte mit den Wimpern.

»Kenn ich«, sagte Abel.

»Er hat angefangen zu erzählen, dass er Tennis spielt und angegeben, dass er mal einen Halbmarathon laufen will. Da habe ich ihn gleich nach dem Fall Silke Weiß gefragt.«

Abel bückte sich wieder nach einem Stock. Paul Schmitz kam herbei gestürmt. »War er dann immer noch so charmant, der Herr Döhring?«

»Blass ist er geworden, sag ich dir, weiß wie die Wand. Und plötzlich hat er arbeiten müssen. ›Die Zeit drängt, meine Frau.‹ Was hätte der dafür gegeben, wenn sein Piepser in der Tasche losgelegt hätte und man nach ihm gerufen hätte!«

»War’s so schlimm?«

»Ja, er ist einfach weggelaufen. Ich hinterher. Weiter gefragt. Ich habe ihm gesagt, ich arbeite für das Anwaltsbüro, das den Fall bearbeitet. Er hat sich gewunden wie eine Schlange. Schweigepflicht. Das Wort fiel ihm spontan ein, als er den Namen Silke Weiß hörte. Vorher, als er über die Verletzung von Petra sprach, da war von Schweigepflicht nicht die Rede.«

Abel nickte. »Okay, also er hat sich wie eine Schlange gewunden, und du hast ihm zugesetzt.«

»Was heißt zugesetzt? Ich hab gesagt, dass die Staatsanwaltschaft in diesem Fall ermittelt.«

»Au weia, der Scheurer und Ermittlung.« Abel schüttelte die linke Hand, als habe er sich verbrannt. Er lachte. »Aber es ist noch nicht mal falsch.«

»Ich sag dir, dieser Mann biss sich auf die Unterlippe, ging auf mich zu, als hätte ich sein Todesurteil gesprochen, und schrie mich an wie ein Irrer, was mir denn einfiele, in die Klinik zu kommen; die Staatsanwaltschaft möge nur ermitteln, er könne sie nicht daran hindern. Man solle nur zusehen, dass man den Namen dieses ehrwürdigen Hospitals in den Dreck ziehe. Man solle nur auf den Menschen herumtrampeln, die sich Tag und Nacht für die Patienten krummlegen … Und so weiter und so fort.«

»So was hörst du doch besonders gern?«

»Ich hab ihm erst einmal gesagt, dass er seine Hände von meinen Schultern nehmen soll. Richtig geschüttelt hat er mich!«

»Und dann?«

»Dann kam der Clou. Ich habe wieder meinen Block aus der Handtasche genommen und gefragt, ob man festhalten kann, dass ein Kunstfehler in dem Fall Silke Weiß nicht auszuschließen ist.«

Abel strahlte stolz. »Babyjane, du bist manchmal richtig brillant! – Und dann ging es erst richtig los?«

»Eben nicht.« Jane schüttelte den Kopf und hielt den Hund am Halsband, weil ein Mann mit einem Dackel in der Nähe vorbei ging. »Mich hat’s auch gewundert. Der Mann ist plötzlich still geworden, gefasst ist der richtige Ausdruck dafür. Er hat die Hände gefaltet und gesagt, dass er es nicht zulassen werde, dass sein Name beschmutzt wird …«

»Vorher war es doch noch das Krankenhaus?«, unterbrach Abel.

»Diesmal war es sein Name, mir ist das auch aufgefallen.«

Nachdenkliches Schweigen.

»Was meinst du?«, fragte Abel. »Kunstfehler? Ja oder nein?«

»Weiß ich’s? Aber Dreck haben die am Stecken im Krankenhaus. Allgemein – gut, das wissen viele. Aber auch im Fall Silke Weiß? So wie der Mann reagiert hat, ist da irgendetwas Furchtbares passiert.«

»Aber dieser Völter ist nicht so betroffen, rein persönlich, meine ich. Und der hat kein dickes Fell.«

Abel berichtete vom gestrigen Abend und der Begegnung mit Ursel Sommer und dem Arzt. »Es kann ja sein, dass dieser Völter nur zugesehen hat oder auf andere Weise etwas Authentisches erfahren hat«, sagte Jane. »Vielleicht war er selbst nicht beteiligt.«

»Kann sein«, antwortete Abel, »aber das wäre kaum ein Grund für die vornehme ›Lösung des Arbeitsverhältnisses im beiderseitigen Einvernehmens‹.«

»Vielleicht hat er woanders Mist gebaut.«

»Wir werden’s rauskriegen«, meinte Abel optimistisch und erzählte von dem unübersehbaren Interesse des jungen Arztes an Ursel Sommer. Vielleicht lasse sich eine Intrige spinnen. Immerhin sei diese Frau ehrlich und trauere wirklich um ihre tote Freundin. Er verschwieg dabei, dass ihm selbst diese Frau auch ganz gut gefallen hatte. Jane sah Abel von der Seite an.

Sie hob ihre Augenbrauen spöttisch, »Schlag dir das aus dem Kopf, Jean Abel, denn erstens taugst du nicht zum Intriganten, und das ist gut so, und zweitens merke: obladi oblada, life goes on, ein lebendiger Körper, der sich gut anfühlt, und ein steifer Schwanz können mehr wert sein als eine kalte tote Freundin.«

»Hey, Babyjane!« Abel war verblüfft.

»Erfahrung«, erwiderte Jane auf seinen fragenden Blick, »nicht mit einer toten Freundin, aber mit dem anderen. Übrigens, ich habe, nachdem ich mit dem Chefarzt zusammengerasselt bin, Petra ins Klinikum rechts der Isar gebracht. Schien mir sicherer.«

Der Hund kam herangestürmt. Abel warf wieder einen Stock mit einer weit ausholenden Bewegung. Das Holz stieg weit hinauf in den Himmel, der Hund hetzte los. Die Flugbahn neigte sich nach unten. Der Stock blieb in einer Kastanie hängen. Einige der unreifen, stacheligen Früchte polterten auf den Boden. Der Hund lief im Zickzack, die Nase dicht über dem Boden, unter der Kastanie herum und suchte den Stecken. Abel kam und sprang an dem dicken Ast hinauf, schüttelte und zerrte so lange, bis unter einem Regen von Blattläusen, Blättern und Kastanien der Stock zu Boden fiel. Der Hund trollte sich mit seiner Beute in eine Mulde im hohen Gras. Abel ging zum Weg zurück, sich die schmutzigen Hände reibend.

Jane war mit nachdenklich gesenktem Kopf vorausgegangen. Abel folgte ihr. Sie wirkte zierlich, fast dünn auf dem schmalen Asphaltband, das sich in dem Park durch die hochstehenden Wiesen schlängelte. Die mächtigen Rotbuchen auf der rechten Seite des Weges warfen keinen Schatten, denn der Tag war trübe. Die Wolken wirkten, als habe sich in ihnen der ganze Dreck, Qualm und Gestank der Stadt zusammengeballt. Dennoch war Abel guter Laune. Er pfiff vor sich hin und ertappte sich dabei, wie er, hinter Jane hergehend, an Ursel dachte und von einer spektakulären Wendung im Fall Böhm träumte. Kunstfehler oder sogar Mord?

Endlich blieb Jane stehen, die Hände in den Taschen. Er hob den Kopf. Sie lächelte, als sie ihn herankommen sah.

 

*

 

›Im Namen des Volkes‹ werden nur Urteile verkündet. Ein Urteil ist etwas Endgültiges, für die jeweilige Instanz unabänderlich. In einem Urteil wird im Namen des Volkes auf Strafe oder auf Freispruch erkannt. Ja, es wird erkannt. Das ist die Sprache der Juristen. So als genüge es, nur genau hinzusehen, um Recht von Unrecht unterscheiden zu können, um zu erkennen, was mit dem Bürger los ist, der vor den Schranken des Gerichts steht.

In allen Ländern dieser Welt hat die Justiz gelernt, leidlich mit diesen Krücken vorwärtszukommen – sonst würde es ja genügen, den Urteilsspruch mit der Überzeugung der Richter zu legitimieren. Das schlechte Gewissen braucht den ›Namen des Volkes‹ (manchmal auch den Namen des einen oder anderen Führers), um sich den notwendigen Glanz und die Autorität zu verschaffen.

Beschlüsse der Gerichte dagegen brauchen nicht den ›Namen des Volkes‹; sie ergehen kraft der Autorität des Gerichtes und sind genauso gut oder genauso schlecht, genauso richtig oder falsch wie die Urteile auch. Und sie sind oft von ganz erheblicher Tragweite, wie der Beschluss des Oberlandesgerichts Münchens, mit dem der zuständige Strafsenat die Haftbeschwerde des angeklagten Untersuchungshäftlings Andreas Böhm verwarf.

»Aus den zutreffenden Gründen der angefochtenen Entscheidung«, las Abel laut und knallte wütend das Schriftstück auf den Schreibtisch. Immerhin, eines muss man der Legitimation in den Urteilen durch den ›Namen des Volkes‹ zugestehen: Der Richter sieht sich vielleicht eher veranlasst, eine eingehende Begründung für sein Diktum zu schreiben. Immerhin.

»Aus den zutreffenden Gründen der angefochtenen Entscheidung«, wiederholte Abel, zu seinem Hund gewandt, und schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf. »Das diktiert jeder Laie zwischen dem ersten Kaffee im Büro und der Post in drei Minuten«, knurrte er und warf den Beschluss erneut auf den Schreibtisch. »Als ob die Freiheit nichts wäre, als ob ein Tag unschuldig hinter Gittern hocken ein Scheißdreck wäre.«

Er fluchte und schimpfte herum, bis sich Jane beschwerte, dass sie bei ihrer Arbeit durcheinander komme.

Abel hatte der Kampf um die Haftverschonung vor dem Prozess verloren. Der Beschluss des Oberlandesgerichts war formal korrekt und nicht mehr mit einem Rechtsmittel anfechtbar. Böhm musste noch eine Woche sitzen bis zu seiner Verhandlung. Da konnte kein noch so engagierter Schriftsatz, kein treffender Beweisantrag helfen, es sei denn, er erweise klar und eindeutig die Unschuld des Angeklagten – nur eine rein theoretische Chance zur Abänderung. Die große, stählerne, träge Maschinerie der Justiz ist unfähig, schnell auf Details zu reagieren. Sie stampft, mahlt und poltert vor sich hin, sie verschlingt immer neue Fakten, Menschen und Schicksale, sie wirft Strafen, Maßregeln und Anweisungen aus.

Abel zog die Rollläden in der Küche hoch, die immer noch von der Nacht geschlossen waren, und murmelte sarkastisch: »fiat justitia, fiat lux.«

Dann brach er auf, nachdem er den Hund gefüttert hatte, packte die Akte Böhm, seinen Gesetzeskommentar und einen Ausweis zusammen, um nach Stadelheim zu fahren. Jane sah ihm seufzend nach.

Es war ja durchaus nicht so, dass der Rechtsanwalt Abel keine eigenen Erfahrungen mit dem Freiheitsentzug hatte; er war selbst einmal für eine Nacht unter dem Verdacht, ein Mörder zu sein, hinter den berüchtigten Betonmauern eingesperrt gewesen. Damals eine ganz neue Erfahrung. Vielleicht hatte Abel da seinen Tick her, dass es ihm jedes Mal den Hals zuschnürte, wenn er die düsteren Gänge der Strafanstalt betreten sollte. Vielleicht war er deshalb jedes Mal wütend und aggressiv, wenn er als Verteidiger in einer unsicheren Sache eine Freiheitsstrafe für seinen Mandanten zu kassieren fürchtete.

Nun stand er im Regen unter dem Vordach vor der ersten Kontrollstation, noch weit vor der hoch und grau in den Himmel ragenden Betonmauer, die das Gefängnis umgab. Der Milchbart hinter dem Sicherheitsglas sah Abel prüfend an, so als stehe der Anwalt im Verdacht, in der Kantine für Vollzugsbeamte Löffel gestohlen zu haben. Anwälte sind für seinesgleichen nur Spitzbuben, die stets danach trachten, für gutes Geld Verbrecher vor der verdienten Strafe zu bewahren.

»Kann passieren«, schnarrte schließlich die Milchbartstimme aus einem kleinen Lautsprecher neben dem Sicherheitsglas. Abel, erstaunt über die altertümliche Formulierung, deutete einen Kratzfuß an und sagte: »Danke, Euer Hochwohlgeboren.« Als er weiterging, hörte er hinter sich den Lautsprecher empört knarren.

Es dauerte noch fünfzehn Minuten, bis er endlich in dem kargen Besprechungszimmer mit den hellblau getünchten Wänden saß und darauf wartete, dass man seinen Klienten vorführte. Dazwischen hatte er noch zwei weitere Kontrollen durchlaufen müssen, einschließlich einer Leibesvisitation, die auch vor dem Hosenladen nicht haltmachte. Keine ehrenwerte Prozedur. Sie hat nur einen Vorteil: Man fühlt sich in dem öden Besprechungszimmer wieder besser; denn beim Verlassen der Haftanstalt muss sich der Anwalt nicht noch einmal filzen lassen. Abel starrte durch die Glasscheibe, die den Raum in der Mitte trennte.

Böhm trat ein.

»Tag«, sagte Abel. Böhm setzte sich auf der anderen Seite. Er hatte keine Anstaltskleidung an, sondern ein verschwitztes, kariertes Hemd und Jeans. In der U-Haft darf man so was noch. Er zog ein Päckchen mit verbogenen Zigaretten aus der Brusttasche und zündete sich eine an. Er sah den Rauchwolken nach, die zur Decke stiegen.

»Das OLG hat die Beschwerde zurückgewiesen«, begann Abel.

»Weiß ich«, antwortete Böhm stumpf. Man hatte ihm ebenfalls eine Abschrift des Beschlusses an diesem Morgen zugestellt. »Und jetzt?«

Abel schwieg. Was sollte er auf diese Frage sagen?

»Und jetzt, was’n jetzt?«, wiederholte Böhm.

»Wir warten auf die Verhandlung.«

»Und dann warten wir auf die Berufung und dann auf den lieben Gott …«

»Nein«, sagte Abel leise, »gleich auf den lieben Gott; denn es gibt keine Berufung, nur noch die Revision, und die können wir uns schenken bei einem Vorsitzenden wie dem Adler. Der ist revisionssicher.«

»Kann ich mir ja gleich einen Strick kaufen«, sagte Böhm. Man sah sein Leberfleckengesicht rot anlaufen. »Scheiße«, schrie er, »verdammte Scheiße!« Er sprang auf und kam ganz dicht an die Scheibe heran. Er tobte, Speichel sprühte gegen das Glas, den Blick immer auf die Knie seines Anwalts auf der anderen Seite gerichtet: »Was bisher war, okay, wissen Sie, da war jedes Mal genug dran. Da hab ich immer Dreck am Stecken gehabt. Mal mehr, mal weniger. Kann man jetzt ja sagen. Aber diesmal, dieses einzige Mal, da kann ich nichts dafür. Ehrlich, ich hab diesen Alfa nie gesehen, ich habe keine Bremsleitung vergessen. Und das kann von diesen verdammten Schweinen auch keiner beweisen. Ich meine, richtig beweisen kann das keiner von denen. Und jetzt machen die mich fertig.«

»Moment«, sagte Abel. »Noch sind wir nicht so weit! Noch nicht!«

»Was bleibt’n?«

»Immerhin gibt es inzwischen jemanden, der behauptet, dass der Ehemann der Weiß seine Frau umgebracht hat. Und dieser Mann ist nicht irgendeiner. Er war der Liebhaber von dieser Frau Weiß. Und wenn, das beweisbar wäre, ist es egal, wer die Bremsleitung angeschraubt hat oder nicht.«

»Was heißt das schon?«, fragte Böhm verächtlich, »Die Sau hat einen Mäck oder zwei oder drei, was juckt’n das? Einer schiebt’s auf den anderen, und der Böhm ist dran. Im Zweifel für den Angeklagten, heißt es doch beim Gericht.« Er lachte bitter. »Nee, Herr Abel, aber nicht in meinem Fall. Da können drei oder vier von den Mackern von der Alten daran gewürfelt haben, das bringt nix, ehrlich, nix.«

Abel schwieg wieder einige Zeit, weil er die Verzweiflung seines Mandanten sah. Böhm hatte das gute Recht, ungerecht zu sein. »Kunstfehler«, sagte Abel endlich.

»Was?«

»Kunstfehler. Es könnte auch ein Kunstfehler im Krankenhaus gewesen sein.«

»Glaubt auch keiner!«, sagte Böhm verächtlich. Seine Augen wanderten über Abels Gesicht. Er sah nach oben zu den drahtverglasten Oberlichtern. »Beweise, Beweise.«

»Das ist es, was zählt«, sagte Abel und erhob sich. Er nahm seine Akte in die Hand. »Beweise. Wir werden sehen, was sich machen lässt.«

»Und wie viel krieg ich, wenn ich einfahr?«, fragte Böhm, dem man nun wieder die Angst ansah.

»Die Bewährung widerrufen, das gewiss. Und was noch dazu kommt, ist offen. Da müssen Sie unseren Freund Adler fragen.«

»Der wird’s mir grad sagen, der Hund«, murmelte Böhm.

Abel drückte den Knopf an der Wand, mit dem man den Schließer rufen konnte. Die beiden Männer schwiegen. Hinter der schweren Stahltür auf dem Flur sang jemand La Paloma. Ein Scheuereimer wurde umgestoßen, fluchen, Anweisungen. Schlüssel klapperten. Ein alter Mann in grüner Uniform steckte den Kopf herein.

»Fertig?«, fragte er.

»Fertig.« Abel winkte seinem Mandanten kurz zu. Böhm ging. Hinter ihm fiel die Stahltür hart ins Schloss.

Als Abel aus dem großen Gefängnistor ins Freie trat, fiel ihm der Regen ins Gesicht. Er bückte sich und lief zu seinem Auto. Die Luft war schwül. Das Hemd klebte ihm vor Feuchtigkeit auf der Brust, ab er sich hinter das Steuer fallen ließ. Er blieb eine ganze Weile regungslos sitzen und grübelte über diesen verfluchten Fall. Dass die Sache stank, war ihm klar. Und Abel wollte diesem Böhm helfen, egal, ob er es verdiente oder nicht, denn darum ging es nicht. Aber wie? Abel schüttelte den Kopf, als wolle er Wasser aus den Haaren schleudern.

Völter. An diesen Völter musste er rankommen. Im Krankenhaus lag der Schlüssel zu den Vorkommnissen beim Tod der Silke Weiß; davon war Abel fest überzeugt. Und auch davon, dass dieser Völter nicht mit dem Brecheisen auf die Seite der Verteidigung zu wuchten war. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er durch die regentriefenden Scheiben. Die hallenden Geräusche aus den Gefangnisfluren dröhnten ihm immer noch in den Ohren, als er sein Handy aus der Tasche holte.

Im Hause Weiß hob niemand ab. Abel versuchte es dreimal, dann fuhr er los. Im Stadtverkehr schaltete er lustlos an seinem Radio herum. Schließlich wendete er und fuhr zur Privatadresse des Heilpraktikers. Dort klingelte er, mit hochgeschlagenem Kragen im Regen stehend. Er beobachtete das Haus. Es wirkte leer. Die Rollläden waren herabgelassen.

Abel vermutete Weiß in dessen Praxis und beschloss, ihn dort aufzusuchen. Dieselbe Helferin hatte Dienst. Sie erkannte Abel sofort, lächelte und klappte den Terminkalender vor sich zu. Ihr Blick glitt flink über die nasse Kleidung des Anwalts.

»Der Chef ist noch nicht zurück.«

»Danke für die Auskunft«, entgegnete Abel, »und wann kommt er wieder? Wann ist denn dieser Kongress zu Ende?« Aus dem Augenwinkel konnte er das abgedunkelte, leere Ordinationszimmer des Heilpraktikers sehen. Die Tür war offen. Das Zimmer schien verlassen.

»Voraussichtlich nächsten Mittwoch.«

»Voraussichtlich?«

»Ja.«

»Und wo findet der Kongress statt?« Abel holte seinen schmalen Notizblock aus der hinteren Tasche seiner Jeans.

»Bedaure«, antwortete die Helferin. Sie hatte jetzt einen schnippischen Tonfall angeschlagen. »Ich kann Ihnen das wirklich nicht sagen. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür.«

»Nein«, sagte Abel stur. »Ich muss Weiß sprechen, es ist dringend.«

»Ich gebe Ihnen gern die Adresse einer Vertretung.«

»Nein.« Abel war es überdrüssig, sich von der Sprechstundenhilfe weiter mit Floskeln hinhalten zu lassen. »Ich muss Ihren Chef sozusagen dienstlich sprechen.« Das ›sozusagen‹ war zur Vermeidung eines Konfliktes mit dem Amtsanmaßungsparagraphen. Doch die verkappte Amtsanmaßung zeigte noch keine Wirkung.

»Was heißt sozusagen dienstlich, wenn Sie das mal näher begründen könnten«, erwiderte die Sprechstundenhilfe genervt.

Abel musste über die Dreistigkeit der jungen Frau lachen. »Das werde ich dir gerade auf die Nase binden.«

»Erlauben Sie«, fuhr sie auf.

»Ich erlaub’ dir alles«, sagte Abel grinsend, schon im Gehen, »Oder besser doch! Ich begründe das mal näher: Sag einfach dem Patron, dass ihn der Rechtsanwalt Abel sprechen will. A, be, e, el, Abel. Er kennt mich. Meine Nummer steht im Telefonbuch und sag ihm auch, dass es darum geht, wer seine Frau ermordet hat.« Abel blieb an der Tür stehen und drehte sich noch einmal herum. »Schreib auf«, sagte er nach einer kleinen Pause, weil er sah, dass die Helferin auf einem Arzneireklameblock notierte, »Es geht um den Mord zum Nachteil der Silke Weiß, so heißt das nämlich bei uns in der Amtssprache … quasi dienstlich.« Dann drehte er sich um und ging hinaus.

 

*

 

Als Abel endlich seine Kanzlei betrat, hatte es aufgehört zu regnen. Das Pflaster war mit dampfenden Pfützen bedeckt. Jeder Schritt verursachte Schweißausbrüche. Die Luft stand grau über der Stadt. In seinen Räumen war kaum Kühlung zu finden. Es roch nach Papier und aus der Küche nach dem abgestandenen Frühstückskaffee. Abel holte die Notizen, die Jane ihm hinterlassen hatte, und die Unterschriftenmappe von ihrem Schreibtisch. Kaum hatte er sich gesetzt, klopfte es an der Ladentür. Abel war gewohnt, dass die Leute, die ihn besuchten, ohne zu klopfen, eintraten. Er überlegte einen Augenblick, ob er »herein« rufen sollte, dann ging er zur Tür, um zu öffnen.

»Störe ich?«, fragte Ursel Sommer, die mit artig geschlossenen Fersen auf der Treppe stand. Sie lächelte und kräuselte die Nase.

»Please - bitte«, sagte Abel und winkte.

Als sie sich gesetzt hatten, fragte Abel: »Ist’s denn noch spät geworden, gestern Abend?«

Ursel sah sich unauffällig in Abels etwas einfachem Kanzleiraum um, das wäre ihr unhöflich erschienen. Sie lächelte und antwortete. »Wie man es nimmt.«

Abel interessierten zwar die Fortschritte der Beziehung zwischen Völter und Sommer, aber es ging ihn nichts an. Er entschloss sich dafür, Ursel Sommer sprechen zu lassen. »Sie haben doch wohl keinen Strafzettel bekommen, oder sonst irgendeinen Kummer, bei dem ich Ihnen als Anwalt helfen könnte.«

»Strafzettel, nein, Kummer, ja, wenn Sie so wollen.«

»Kummer? So?«

»Ja, wegen Silke.«

»Und?«

»Immer noch dasselbe. Ob es die Schuld Ihres Mandanten war oder ob jemand anders Silke umgebracht hat.«

»Aha?« Abel beschloss, einsilbig zu bleiben, um seine mögliche Verbündete nicht zu verprellen.

»Ich pfusche Ihnen da wohl ins Handwerk?«

»Ich wehre mich dann schon.«

Es entstand eine Pause. Ursel Sommer betrachtete ihre Fingernägel.

»Wissen Sie«, sagte sie endlich, »Frauen sind neugierig. Aber nicht nur deshalb interessiert es mich, was wirklich los war.«

»Sondern?«

Sie zuckte die Achseln und sah Abel an. »Mord ist für mich bisher eine völlig abstrakte Angelegenheit gewesen, etwas, das in der Zeitung stattfindet und in Romanen, im Fernsehen und im Kino, nichts, was mich direkt betrifft. Aber das, was mit Silke passiert ist …«

Wieder eine Pause. Abel beugte sich langsam vor und stützte die Ellenbogen auf, dann fragte er: »Wieso Mord?«

»Wie nennt man das juristisch denn sonst?«

»Es kommt darauf an. Bei Böhm steht fahrlässige Tötung in der Anklageschrift.«

»Und was wäre es, wenn Weiß die Hand im Spiel hätte?«

»Hat er?«

»Ich möchte Sie nicht tadeln, aber Gegenfragen machen mich immer unsicher.«

Eins zu null, dachte Abel, »Bei Weiß könnte es sich um Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, oder sogar um Mord handeln, das kommt auf die Begehungsweise oder die Motive an.«

»Wie die Tat ausgeführt wurde?«

»Ja, beispielsweise ob heimtückisch oder aber zur Befriedigung des Geschlechtstriebs oder zur Verdeckung einer Straftat, das alles macht den Totschlag zum Mord. Aber nun noch meine Frage: Hat der Weiß denn …?«

»Ich kann es nicht sagen. Wenn ich mir im Klaren darüber wäre, säße ich nicht hier.«

»Sondern?«

»Bei der Kriminalpolizei.«

»Und warum sitzen Sie hier?«

»Weil ich einen Bundesgenossen suche.«

»Ich suche auch einen.«

»Gut, aber Ihnen geht es nur darum, Ihren Mandanten herauszuboxen.« Ursel ballte die Hand zu einer kleinen Faust.

»Eine Strecke weit ist das sicherlich derselbe Weg.«

»Ja.« Sie lehnte sich zurück und betrachtete nachdenklich Abels Gesicht. »Sie sind wenigstens ehrlich.«

Abel zuckte mit den Schultern. »Gut. Wir gehen das Stück zusammen. Hat Völter gestern Abend was zu Ihnen gesagt?«

»Nichts, oder fast nichts. Er hat nur angedeutet, dass im Krankenhaus etwas war.«

»Genauer.«

»Nichts Genaueres. Er sagte mir das nur sozusagen aus Sympathie, weil er merkte, dass ich diese ungeheure Sinnlosigkeit nicht verstehen kann, dass jemand wegen einer falsch angeschraubten Bremsleitung umkommt. Und das war ja unbestritten die erste Ursache für das ganze Unglück.«

Abel nickte. Er konnte Ursel verstehen. »Was hat er wörtlich gesagt?«

»Dass die Bremsleitung nicht alles war.«

»Aha.«

»Sonst nichts mehr. Und ich wollte ihn nicht bedrängen.«

»Mögen Sie eigentlich diesen Doktor Völter?«, fragte Abel.

»Ja«, antwortete Ursel Sommer ehrlich, ohne Abel auf die Ungezogenheit seiner Frage hinzuweisen. Dann erhob sie sich und gab Abel über den Schreibtisch hinweg die Hand. »Haben Sie morgen Zeit?«

Abel nahm pro forma seinen Kalender und blätterte darin. »Ja«, antwortete er schließlich. »Wozu?«

»Ich habe mich mit Klaus Völter verabredet. Am Abend, beim Bismarckturm am Starnberger See. Kennen Sie die Stelle?«

Abel nickte.

»Völters Verbindung feiert dort ein Spießbratenfest. Ich werde Herrn Völter überreden, dass er Sie mitnimmt. Ich hoffe, dass er bei diesem Fest Vertrauen fasst.«

Sie ging und Abel bedauerte, dass er sich nicht mehr um Ursel gekümmert hatte.

 

 

Samstag, 3. August

 

Als Abel am nächsten Morgen Jane sah, die er zum Frühstück eingeladen hatte, berichtete er von seiner neuen Bundesgenossin. Bei der Beschreibung der Figur dieser Bundesgenossin lächelte Jane. Dann erzählte sie schnell, dass sie sich über den Chef der Chirurgie bei ihrer Freundin Biggi ein wenig erkundigt habe, die bei der Zeitung arbeitet. Im Archiv habe die Freundin ihr eine Meldung herausgekramt, wonach der Chefarzt früher schon einmal wegen eines groben Kunstfehlers eines Assistenten mit vor Gericht gestanden habe, allerdings damals freigesprochen worden sei. »Der Mann wird ganz schön sensibel sein, wenn es um neue Kunstfehler geht.«

»Richtig«, sagte Abel. »Wie geht es Petra?«

»Sie hat noch Schmerzen, aber sie kommt bald raus. Dann machen wir einen Termin. Und Biggi interessiert sich für den Fall.«

»Dein Netzwerk!« Abel wusste nicht, ob das eine gute oder schlechte Nachricht war. Nicht nur Ärzte fürchten die Presse.

 

*

 

Am Montag in einer Woche würde Abel die Robe über den Arm nehmen, Akte und Gesetz einpacken und zur Strafkammer des Vorsitzenden Richters Adler gehen, wo sein Mandant Böhm abgeurteilt werden sollte. Er würde, so wie es im Augenblick stand, mit dem sicheren Gefühl in die Verhandlung gehen, dass dieser Andreas Böhm zu Unrecht wegen fahrlässiger Tötung vor dem Gericht stand, aber er würde außer Spekulationen und kühnen Schlüssen nichts in der Hand haben, was geeignet wäre, das Gericht von der Unschuld seines Klienten zu überzeugen, wenn nicht dieser Samstagabend eine Wendung bringen würde.

 

*

 

Am Abend stieg Abel auf einem Wanderparkplatz aus seinem Wagen, pfiff nach dem Hund, schloss das Auto ab und ging hinauf zum Bismarckturm. Ähnliche Monster haben die Deutschen ihrem ersten Kanzler an den verschiedensten Punkten im Land errichtet, meist in landschaftlich reizvoller Umgebung. Der Kontrast zu der düsteren imperialistischen Architektur dieser Gebäude war im Sommer umso schärfer. Paul Schmitz rannte schweifwedelnd durch die hochstehenden Blumenwiesen, die jetzt vor der Mahd in prächtiger Blüte ausgebreitet lagen wie ein verwirrend bunt geflochtener Teppich. Das Gras schlug in Wellen über dem Rücken des Hundes zusammen. Die Sonne stand schon schräg, besaß aber noch Kraft. Der warme, volle Wind griff in die Wiesenblumen und strich in sanften Schwingungen über die Halme. Der Buchenwald dagegen auf den Kuppen der sanft zum See hin ansteigenden Hügel verharrte still wie ein grüner, ferner Wall.

Erst wenn man oben beim Denkmal war, konnte man durch die Bäume den Starnberger See sehen. Wer schwimmen wollte, musste eine steile, lange Böschung hinunter.

Die feiernde Studentenverbindung lagerte um ein Feuer auf der zum See hin geneigten Wiese. Etwa dreißig Personen. Paul Schmitz war schon vorausgefegt und beschnüffelte sich mit zwei anderen Hunden. Ein Aluminiumfass mit Bier glänzte unter einem Eisblock, den man darüber gelegt hatte. Unter einem langen Spieß mit einem mächtigen Braten züngelten die Flammen vor sich hin.

Abel erkannte Ursel und den Doktor, die am Rande der Gruppe auf einer Decke saßen. Er ging zu ihnen, wurde begrüßt und gab zwei Flaschen Rotwein ab, die er zum Fest beisteuerte. Völter verhielt sich distanziert, aber nicht kühl. Ursel dagegen küsste Abel auf die Wangen. Sie roch gut, fühlte sich bei der kurzen Berührung herrlich an. Und die kurze Berührung dauerte eine Winzigkeit länger, als Abel es sich gewünscht hatte. Ursel schenkte ihm noch ein strahlendes Lächeln. Völter blieb indifferent und gab Abel einen Krug Helles. Abel trank durstig einen tiefen Schluck, setzte ab, um sich den Schaum aus dem Gesicht zu wischen. Ursel begann mit Konversation. Abel ließ den Blick über den See schweifen und dann sah er Ursel an. Sie wirkte im Abendlicht hübscher als sie war, etwa so wie auf dem Foto.

Eine Hand legte sich ihm auf die Schulter. »Jean«, sagte hinter ihm sein Freund Paloff.

»Ernie?« Abel stand auf und nahm den langen, dünnen Paloff in den Arm und küsste ihn auf die Wangen. Sie hatten sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen, seit Paloff eine Assistentenstelle für Althochdeutsch in Frankfurt angenommen hatte. Paloff hatte den Ausbruch von Herzlichkeit über sich ergehen lassen und sich sogleich entschuldigend umgesehen, obwohl er selbst vor Freude ganz rot geworden war. Er hatte es nicht erwartet, Abel bei diesem Fest zu treffen. Die beiden Männer setzten sich ein Stück weiter und tranken jeder einen Humpen Bier. Sie redeten angeregt über die letzten Jahre, was jeder so macht … was die anderen machen, wie es denn so geht. Abel verlor darüber fast Völter aus dem Blick.

Einige Zeit später kam Abel mit seinem inzwischen wieder frisch aufgefüllten Krug in der Hand zu Völter und der jungen Frau. Die beiden hatten intensiv miteinander gesprochen. Abel versuchte durch einen Blickwechsel mit Ursel zu erkunden, wie die Dinge standen. Sie gab ihm kein Zeichen. Abel setzte sich. Er blickte in die Runde. Die Korporierten plauderten miteinander. Sie trugen keine Farben und waren offenbar nicht von der militanten Sorte, mit denen Abel schon zu Studentenzeiten in Schwierigkeiten geraten war. Abel spürte, dass er das Gespräch zwischen Ursel und Völter unterbrochen hatte.

»Tja«, sagte Völter, »Gutes Wetter für ein solches Fest.«

Abel nickte. »Prima.«

Abel dachte, es wäre besser, die beiden allein zu lassen, obwohl ihm Ursel heute Abend besonders gut gefiel. Er ging trotzdem und half beim Einreiben des Bratens. Ein Mann, der wie Abel Erfahrung in der Küche und beim Picknick hatte, war gut zu gebrauchen.

Sie hatten beim Schäfer von Leoni einen Hammel gekauft und zum Braten fertig gemacht. Ein Fuchs von der Verbindung hatte die Aufgabe bekommen, den Braten regelmäßig mit Öl zu bestreichen. Abel kramte in dem Korb herum, der die Gewürze enthielt, und suchte Paprika, Salz, Oregano und Thymian und, was für einen solchen Braten das Wichtigste ist, eine ganze Knolle Knoblauch. Er nahm alles zusammen mit zu einem Brett, das zum Tranchieren des fertigen Bratens bereitstand, begann mit einem Messer den Knoblauch fein zu hacken, streute die anderen Gewürze darüber und knetete alles, bis der Saft des Knoblauchs den Paprika und das Salz aufgezogen hatte. Diese Masse kratzte er sorgfältig von dem Brett, gab sie in ein Glas und begann, sie mit Bier aus einem Krug zu mischen. Ursel gesellte sich dazu, kniete sich neben Abel und beobachtete, wie er arbeitete.

»Geht’s voran?«, fragte Abel mit einem Kopfnicken in Richtung Völter.

Sie zuckte mit den Achseln. »Ich will nicht mit der Tür ins Haus fallen.«

Abel nahm einen Fleischpinsel aus dem Korb, suchte sich einen Stock und band den Pinsel am Ende fest, damit er über der Glut den Braten mit seiner Gewürztränke einstreichen konnte. Jetzt trat auch Völter zu den beiden.

»Der Chefkoch im Walde«, sagte er und lachte.

»Ich habe das immer schon gemacht, das ist mein Job bei solchen Festen«, antwortete Abel. Völter blieb bei ihnen stehen, eine Hand in der Tasche, in der anderen den Bierkrug.

Bald war die Sonne hinter den Bäumen im Westen versunken. Der warme Wind hatte sich gelegt und mit ihm die Gespräche am Feuer. Es wurde leiser. Hie und da ein plötzliches Lachen. Abel kniete am Boden und starrte in das glosende Feuer, über dem man langsam den Hammel drehte. Der Himmel verfärbte sich von Violett in Dunkelblau. Die Blätter und Äste der Bäume am Rande der Lichtung begannen jetzt den schwach rötlichen Schimmer des Feuers zu reflektieren.

Abel hörte wieder Völters Stimme: »Was ist jetzt mit Ihrem Mandanten?«

»Preisfrage«, antwortete Abel, ohne seine Augen vom Feuer abzuwenden.

»War die Verhandlung schon?«

»Nein, am Montag in einer Woche.«

»Wie viel wird er bekommen, wenn man ihn verurteilt?«

»Das gibt schon ein paar Jahre zusammen mit den alten Geschichten, die er auf dem Kerbholz hat. Er ist kein Gentleman, mein Mandant. Wer einmal stiehlt, dem glaubt man nicht …«, sagte Abel nüchtern.

Ein Gitarrist war gekommen. Er nahm sein Instrument von der Schulter und begann leise zu klimpern und zu summen, kleine Melodien, keine Lieder zum Mitsingen und zum Glück keine Verbindungsgesänge.

Am Feuer entstand Bewegung. Man hob den Bratenspieß aus der Gabel und legte den Hammel auf das Brett. Taschenlampen wurden angeknipst. Der Strahl fingerte um die dampfende Kruste. Ursel half beim Verteilen des Bratens und der Salate.

Während des Essens sprach Abel lange mit Paloff. Der berichtete mit Überschwang von seiner neuen Stelle und von dem Thema für eine Habilitationsschrift, das ihm sein neuer Chef in Aussicht gestellt hatte. Abel hörte schweigend zu und behielt dabei Völter im Auge, der nicht weit von den beiden am Feuer saß und mit seiner Gabel auf dem Teller herumstocherte. Er redete leise mit Ursel. Abel konnte nichts verstehen. Er hörte nur am Ton der Stimme, dass Völter ärgerlich war. Der Arzt goss sich wieder einen Roten aus einer Flasche, die an seinem Fuß stand, in ein Wasserglas und nippte mit kleinen Schlucken. Später sah Abel im fahlen Schein der Glut, wie Völter mit einer vertraulichen Geste die Hand der jungen Frau streichelte; sie entzog sie ihm nicht.

Als sie weit nach Mitternacht zum letzten Mal das fast fleischlose Skelett vom Feuer hoben, um die letzten Bratenreste abzulösen, waren kaum als mehr zehn Personen übrig geblieben. In den Salatschüsseln standen fade Pfützen aus Tunke, welken Blättern, Tomaten und Gurkenscheiben. Abel stellte sie angewidert zur Seite und kramte im Brotkorb nach Resten. Als er sich erhob, schwankte er vom vielen Bier. Er tastete sich in der Dunkelheit zu dem Holzhaufen, den man am Nachmittag zusammengetragen hatte, nahm ein paar Hände voll Reisig und warf sie auf die Glut. Er musste eine ganze Weile mit einer Zeitung fächeln, ehe die Funken, auf die trockenen Äste übersprangen und das Feuer sich prasselnd an den Zweigen hochfraß. Hell flackerte der Schein über die Reste des Festes, die umherliegenden Bierkrüge und Pappteller, das abgegessene Hammelgerippe, an dem die Hunde leise knurrend nagten, und die Menschen, die um das Feuer lagerten.

Abel legte stärkere Äste nach und fachte die Glut an. Ein Wirbel heißer Luft stieg über dem Feuer in den schwarzen Himmel, eine lange rote Fahne voller Funken mitreißend, die flimmernd zwischen den hohen Bäumen verloschen. Die Hitze der frischen Flammen durchdrang die Körper. Es roch nach Fett und Rauch. Abel ging wieder zu dem Holzhaufen und trug schwankend große Scheite herbei, die er sorgfältig in die Flammen schichtete. Er setzte sich und aß ein Brotende, weil der Alkohol seinen Kopf drehte. Da fiel ihm ein, dass er schon lange nichts mehr von Völter und Ursel gesehen hatte.

Er entdeckte sie jenseits des Feuers. Völter hatte sich auf der Seite liegend zusammengerollt, den Kopf im Schoß der Frau, die seine Haare streichelte wie bei einem Kind. Die Flammen zerrten und rüttelten an den Konturen der beiden Gestalten. Abel konnte nicht erkennen, ob Völter wachte oder schlief. Der Gitarrist saß ein paar Meter entfernt mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Die Flammen spiegelten sich auf dem braunen, glänzenden Bauch des Instruments. Er begann wieder zu spielen. Orpheo negro und Desafinado. Er spielte diese traurigen Melodien für sich selbst.

Neben dem Hammelskelett und Paul Schmitz lag wie tot mit ausgestreckten Armen der Fuchs, der traumlos einen dumpfen Rausch ausschlief. Paloff kauerte in der Nähe und schürte hie und da mit einem krummen Ast das Feuer. Langsam sanken die Flammen über den großen Scheiten zusammen. Die anderen Hunde waren mit ihren Herren verschwunden. Schmitz mahlte mit seinen Zähnen unermüdlich schmatzend und knackend in den Skelettknochen. Abel starrte in die rot flackernde Glut.

 

*

 

Abel erwachte auf dem Bauch liegend. Er rührte sich nicht. Er spürte eine Wolldecke unter sich. Sie war klamm und feucht und wärmte nicht. Die Amseln zwitscherten hoch oben in den Bäumen. Spatzen balgten sich auf der Wiese um die Krümel des Mahls. Tau war gefallen. Vom See strich ein kühler Wind nach oben. Der Himmel über der Lichtung lag grau im fahlen Licht der noch fernen Sonne. Der Rauch des sterbenden Feuers wehte in Schleiern über das zertretene Gras. Paul Schmitz lag wie ein Knäuel zusammengerollt neben seinem Herren und spendete ein wenig Wärme. Abel genoss die kühle Morgenstimmung nach dem Fest. Der Fuchs schlief noch genauso wie er schon vor Stunden gelegen hatte. Paloff und der Gitarrist waren fort. Andere Vögel fielen immer lauter in den Gesang der ersten ein. Der Himmel färbte sich zunehmend in ein helles Blau. Die Konturen der Bäume und Äste wurden klarer. Abel erhob sich nun ächzend und ging zum Bierfass. Er nahm einen Krug vom Boden auf und ließ aus dem Fass ein gelbes Rinnsal laufen. Als der Krug zur Hälfte gefüllt war, trank er einen tiefen Schluck. Er musste sich an dem Bierfass festhalten, bis er spürte, wie der Alkohol erneut warm und samtig in seinen Kopf aufstieg. Er füllte noch einmal den Krug und setzte sich an den Baum, an dem der Gitarrist gehockt hatte. Er verschränkte die Arme und entdeckte Völter und Ursel, die eng umschlungen am Feuer lagen. Sie bewegten sich wie im Zeitlupentempo. Es dauerte lange, ehe Abel ihre Bewegungen erkannte. Sie küssten sich, bedächtig die Köpfe hin und her drehend. Sie waren in ihrer Welt.

Abel verharrte still und beobachtete das Paar, ohne dass er sich wie ein Voyeur fühlte, sondern aus naivem, neugierigen Interesse, verborgen hinter dem Schleier des Alkohols. Die Sonne stieg funkelnd über den Horizont. Ihre Strahlen blitzten zwischen den Ästen der Bäume und malten lange bizarre Schatten in die Wiese. Das Feuer war zu weißer Asche zusammengefallen. Der Qualm erhob sich nur noch in dünnen Fäden und spielte um das Paar, das sich nun heftiger bewegte. Schmitz schnarchte leise. Völter hatte sich über die Frau geschoben. Abel beobachtete, wie er ihre Brüste streichelte und dann mit der Hand unter ihren Pullover fuhr. Ihre Finger umspannten seinen Kopf. Sie küssten sich unentwegt.

Abel trankt das schale Bier und spürte wie sein Kopf schwankte. Völter hatte nun Ursels Hose geöffnet. Ihre Hände wanderten seinen Rücken hinab. Mit einer kurzen, entschlossenen Bewegung streifte sie ihre Hose ab. Sie öffnete die Beine und zog sie sogleich an. Ihre Hand suchte seinen Penis, den Abel im aufhellenden Morgenlicht für einen Augenblick weiß in die Luft ragen sah, bevor Ursel den Mann umklammerte, der nun in sie eindrang. Ihre Beine schlossen sich hinter seinem Körper. Lautlos bewegten sich die beiden auf einer dünnen Decke. Dann fielen sie langsam zur Seite, ohne die Verklammerung zu lösen. Etwas später zog Völter eine zweite Decke herbei, um die Frau und sich zuzudecken.

Abel hatte die ganze Zeit zugeschaut. Unbeweglich. Frustriert.

Die Sonne hatte inzwischen den Flecken am Fuße des Baumes erreicht, unter dem Abel saß. Er schloss die Augen und legte den Kopf zurück, um die wärmenden Strahlen zu genießen. Er stellte fest, dass er ohne jede Erregung die stumme Vereinigung der beiden verfolgt hatte. Er verscheuchte den Gedanken, sich der Hose der Frau zu bemächtigen und sie ein Stück weiter an einem Baum säuberlich aufzuhängen. Der Fuchs begann zu schnarchen. Wenigstens ein Lebenszeichen. Aber man hatte ja einen in Reanimation geübten Arzt vor Ort, falls der Junge klinisch auffällig werden würde. Die Vögel waren an die Arbeit gegangen und suchten im Laub nach Würmern. Das Paar jenseits des Feuers schlief offenbar. Paul Schmitz war wieder auf den Beinen, wedelte mit dem Schweif und zog Kreise um das Feuer. Hinter Abels geschlossenen Augenlidern wurde es von den Strahlen der Sonne hell und warm. Er spürte, wie er wieder in den Schlaf hinüberglitt.

 

 

Sonntag, 4. August

 

»Hey« und »Hallo« riefen die Ersten, die, kaum ausgeschlafen, wieder auf der Wiese beim Bismarckturm anlangten. Es war zwischen 8 und 9 Uhr morgens. Sonntag. Ein heller Sommertag kündete sich an. Unten auf dem See blähten sich die Segel im Wind. Abel erwachte, blinzelte und spürte schmerzhaft seinen in Embryohaltung gekrümmten Rücken, Wurzeln und Baumrinde auf der Haut. Er atmete tief und öffnete die Augen.

»Aufwachen!« Gelächter und ein Tritt an das Fußgelenk. Abel stemmte sich hoch. Er streckte sich, zerschlagen und müde. Die Sonne brannte auf seiner Haut. Er schüttelte den Kopf, unfähig, zu antworten. Er sank zurück an seinen Baumstamm. Er beobachtete, wie sie auch den Fuchs aufscheuchten und dem armen Kerl eiskalten Wodka einflößten, obwohl er kaum auf den Füßen stehen konnte nach diesem Rausch, und ein Königreich für eine Flasche Selters gegeben hätte.

Auch das Paar war an dem Lärm erwacht. Völter hielt die Decke fest, denn Ursel strampelte sich in die Hosen zurück. Abel sah das mit Schmunzeln und ein wenig Eifersucht. Er bückte sich, um das Feuer anzublasen. Paul Schmitz bellte drüben an der Brücke. Die Neuankömmlinge hatten Würstchen zum Grillen und Sekt mitgebracht. Jemand hatte an diesem Sonntag Geburtstag. Abel kannte ihn nicht. Man sang ein erstes Happy Birthday. Ein paar Frauen kamen und umarmten das Geburtstagskind. Paloff erschien ebenfalls und begann sofort wieder von seiner neuen Stelle zu sprechen, und Abel hörte zu. Er beobachtete mit einem Seitenblick, wie Völter sich von seiner neuen Freundin löste und auf ihn zutrat.

»Abel«, sagte er.

Der Anwalt hob den Kopf.

»Ich bringe Ihnen was vorbei, heute Nachmittag.«

»Für unseren Fall?«, fragte Abel.

Völter nickte.

»Um sechs?«

»Gut, um sechs.« Völter drehte sich um und ging zu Ursel. Er nahm sie behutsam in den Arm und ging mit ihr zum Parkplatz hinunter. Ursel sah sich kurz zu Abel um. Sie lächelte, winkte aber nicht. Paloff setzte seinen Bericht fort.

»Meinst du, dass du die Habilschrift in den Griff kriegst?«, fragte Abel seinen Freund etwas desinteressiert.

»Skepsis ist angebracht«, antwortete Paloff, »Und dann bleibt immer noch das Problem, einen Ruf von der Universität zu bekommen.« Er seufzte leise.

 

*

 

Nachdem er gegen sechs von seinem rasselnden Wecker geweckt worden war, hatte sich Abel einen starken Kaffee gebraut. Der Hund hatte in seinem Bett geschlafen. Abel warf ihn hinaus. Paul Schmitz strich nun unter dem Tisch entlang, seine übliche Zeit zum Fressen war lange vorüber. Er winselte aus Gewohnheit. Gefressen hatte er in der vergangenen Nacht weiß Gott genug. Abel hielt ihm das ebenso wortreich wie vergeblich vor. Er füllte die Futterschüssel nur halb. Der Kaffee roch stark und frisch. Abel nahm die Tasse in beide Hände und begann mit spitzen Lippen zu schlürfen und zu pusten. Draußen brütete die Hitze. Nur wenige Fahrzeuge passierten die Straße, deren gegenüberliegende Seite im Schatten lag. Vom Hof her hörte man das Geschrei von Kindern.

Völter drückte vorsichtig die Klinke hinunter, fast als käme er ungelegen, jederzeit bereit, sich wieder zurückzuziehen.

Abel pustete in seine Tasse und blickte dann Völter an. Der Duft des Kaffees drang in seine Nase. Er hielt die Tasse immer noch mit beiden Händen an den Lippen. Völter ließ hinter sich die Tür ins Schloss gleiten. In der Hand hielt er eine Plastiktüte mit dem Werbeaufdruck eines Kaufhauses.

»’n Abend.« Abel blieb sitzen. Völter legte die Plastiktüte auf den Schreibtisch.

»Danke«, Abel pustete wieder. »Kaffee?«

»Wenn’s keine Umstände macht.«

Abel erhob sich und kehrte mit einer Tasse auf einem kleinen Tablett wieder aus der Küche zurück. »Zucker und Milch?«

»Zucker«, antwortete Völter und streute sich drei Löffel in die schwarze Flüssigkeit. Abel nahm behutsam die Plastiktüte in die Hand und öffnete sie. Er zog zwei durchsichtige Plastiksäckchen heraus und hielt sie gegen das Licht. In dem einen sah er einen Schlauch mit einem Ansatzstück, das sich am Ende verzweigte, im anderen befand sich ein Spritzenzylinder, ohne Nadel und ohne Inhalt. Er ließ die Hände sinken und schaute Völter an, der an seinem Kaffee schlürfte.

»Das eine ist der Schlauch zum Zentralkatheter der Patientin Silke Weiß, der letzte, und das Anschlussstück sowie das Spritzenbesteck habe ich im Bett der Toten nach der erfolglosen Reanimation gefunden. Diese Marke verwenden wir nicht im Hospital.«

»Gibt es mehrere Fabrikate?«

»Meines Wissens nach nur zwei unterschiedliche.«

»Passen die aufeinander?«

»Nein. Wir verwenden nur den anderen Typ.«

»Und wie kommt die Spritze in das Bett der Patientin?«, fragte Abel.

»Ich nichts wissen«, antwortete Völter und hob die Schultern. »Du müssen fragen andere Person.«

»Wen?«

Achselzucken, ein kurzes, flüchtiges Grinsen. »Sie wissen, dass wir Ärzte feige Menschen sind, ich habe das schon einmal gesagt«, antwortete Völter. »Ich will aber auch nicht, dass der Falsche an den Galgen kommt.«

»Und wer sein andere Person?«, fragte er, auf die Sprechweise des Arztes eingehend.

»Andere Person haben Spritze und Schlauch in der Hand gehalten.«

»Chefarzt?«

Völter trank den letzten Schluck aus der Tasse. Er sah Abel in die Augen, ohne sich zu rühren.

»Weiß?«

Wieder keine Antwort und keine Regung.

»Was soll das?«

Völter erhob sich. »Ich muss nichts sagen, gar nichts. Es ist schon mehr als genug, was Sie da in der Hand halten«, antwortete er in gleichmütigem Ton und kniff die Augen zusammen, »und ich werde in Ihrem Prozess nicht aussagen, weil ich nicht darf. Das wissen Sie so gut wie ich.«

Abel stand ebenfalls auf. »Abwarten«, das klang entschlossen. Die Männer starrten sich an. Langsam zog Abel die beiden Plastiksäckchen zu sich hin. Völter senkte den Blick und drehte sich um. »Danke für den Kaffee«, sagte er und ging auf die Tür zu.

Abel sah ihm nach, immer noch die beiden Plastiksäckchen in den Fingern haltend. »Danke auch«, antwortete er, und dann sagte er »Tschau«.

Mit einem leichten Klicken zog Völter die Tür hinter sich ins Schloss.

 

 

Dienstag, 6. August

 

Abel war am Montagabend bei Jane zu Hause zum Essen gewesen und war dort hängen geblieben. Sie hatte gekocht. Kaiserschmarren mit Tee. Abel war in melancholischer Stimmung, dachte an Ursel und blieb beim Essen einsilbig. Er gestand Jane, nachdem sie gebohrt hatte, dass er schon ziemlich eifersüchtig auf Völter war. Er schwärmte mit ein paar Worten von Ursels zartem Wangenkuss und dem Geruch ihrer Haut. Jane verfrachtete ihn nach der fünften Tasse Tee auf eine Matratze in ihrem Wohnzimmer und telefonierte noch mit einer Freundin, während Abel in einen Blitzschlaf fiel und Schmitz sich noch einmal die Küche ansah und herumschnüffelte, ob nicht doch etwas Vertilgbares auf den Boden gefallen sei.

Beim Frühstück auf dem engen Balkon hatte Jane gesagt, dass Ruop seinen Laden wieder geöffnet habe. Sie sei Samstags zufällig vorbeigegangen. Er bediene selbst und wirke ganz normal. »Vielleicht kann man jetzt mehr von ihm erfahren?«

»Eine gute Idee«, hatte Abel geantwortet. Er verabschiedete sich von seiner Sekretärin mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange, pfiff nach seinem Hund, der immer noch in der Küche herumlungerte, und ging los, Ruop in dessen Geschäft aufzusuchen, während Jane zum Büro aufbrach. Der Laden war nur ein paar Ecken weiter, man konnte gut zu Fuß gehen.

Alte Möbel und Gegenstände stand in schnörkeliger Schrift an der Ladentür und darunter der Name Robert Ruop. Eine schmale Treppe führte zum Eingang hinauf. Die drei Schaufenster waren von kleinen, gusseisernen Säulen flankiert.

Abel trat ein und nahm Schmitz an der Leine etwas kürzer. Eine Glocke bimmelte. Er schloss die Ladentür. Die Hundekrallen kratzten auf dem blanken Parkettboden. Es war schattig und kühl in dem kleinen Verkaufsraum. Ein leichter Geruch nach Möbelpolitur und Staub lag in der Luft. Abel wartete. Er sah sich um. Die Geschäftseinrichtung war ähnlich wie die Wohnung des Antiquitätenhändlers. Wenige, freilich kostbar aussehende Möbel standen in dem Raum. Einige kleine Skulpturen, ein Regal mit Porzellan und Glasvasen, eine Vitrine mit Trinkgläsern und Schmuck. Nirgends eine Preisauszeichnung.

»Hallo?«, rief Abel.

Ruop erschien aus einem Durchgang kommend, der halb hinter einem eichenen Schrank verborgen lag. Er trug trotz der morgendlichen Hitze ein gut geschnittenes Jackett mit schmalem Revers und eine Seidenkrawatte zur dunklen Hose. »Guten Tag, Herr Abel«, sagte er. Seine Augen blieben an Paul Schmitz hängen, der sich an der Seite des Anwalts niedergesetzt hatte und hechelte. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte er dann förmlich.

Abel war verblüfft über die Wandlung vom haltlos Trauernden zum verbindlichen Geschäftsmann.

»Immer noch dieselbe Sache: Der Fall Silke Weiß«, begann er. Nach einer kleinen Pause setzte er sarkastisch hinzu: »Wenn Sie sich erinnern.«

Ruop zog die Augenbrauen hoch, erwiderte aber nichts.

»Wann haben Sie Ihre Freundin zum letzten Mal gesehen?«

»An dem Nachmittag, an dem sie gestorben ist.«

»Wann genau?«

»Nach dem Essen, etwa gegen zwei.«

»Worüber haben Sie gesprochen?«

Ruop zögerte. Er stand immer noch aufrecht mitten in seinem Geschäft vor Abel, der mit dem hechelnden Hund an der Seite wie ein Streifenpolizist in Zivil wirkte. Man sah, dass sich Ruop zu einer Antwort überwinden musste: »Über was man im Krankenhaus so spricht, wissen Sie.«

»Nein, ich weiß es nicht«, antwortete Abel. Woher plötzlich die Distanz?, fragte er sich. Er sagte: »Fast scheint es so, als hätten Sie jedes Interesse an dem Fall verloren?«

»Weder das Interesse, noch die Trauer habe ich verloren.« Abel beobachtete, wie das Kinn des Mannes plötzlich zucke. »Aber es kommt nichts heraus. Was soll’s? Sie ist tot und das Leben geht für alle anderen weiter.«

»Für meinen Mandanten hat es sich gewaltig geändert.«

»Sie haben nichts erreicht, Herr Abel. Geben Sie es doch zu. Ihr Mandant sitzt. Sie haben verloren, wie ich höre. Und Sie werden weiter verlieren. Ich bewundere Ihr Engagement. Aber mich schmerzt es nur, wenn man weiter in der Sache herumwühlt, ohne Perspektive.«

Abel nahm die Ohrfeige und steckte sie weg, weil er wusste, dass alleine das Ergebnis zählt. Eine Pause. Die Männer standen sich gespannt gegenüber. Abel blieb stur. »Über was haben Sie an diesem Mittag mit Silke Weiß in der Klinik gesprochen?«

»Wir haben über die Zukunft gesprochen.«

»Die gemeinsame?«

»Ja.«

»Gab es Zeugen?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Ruop hatte seine Fassung wiedergewonnen.

»War die Trennung von ihrem Marin ihr eigener Wunsch, oder haben Sie ihr zugeredet?«

»Was gab es da noch zuzureden? Nach diesem angeblichen Rückfall … Das war doch mindestens eine unverhüllte Drohung.«

»Zweiseitige Milzruptur, das kann vorkommen«, sagte Abel, »eine mögliche Komplikation nach einem schweren Unfall. Wie soll man so etwas manipulieren? Hat Ihnen Ihre Freundin etwas anvertraut?«

»Nein, aber dieser Mann ist in seinem Beruf erfolgreich. Ein guter Heilpraktiker. Dem fällt schon etwas ein.«

»Sie wissen aber nicht, was ihm einfiel?«

»Hören Sie«, Ruop hob die Hand, »dieser Mann ist auf dem Gebiet der Medizin ungemein fähig, er kann mehr als mancher studierte Arzt. Er kommt aus kleinen, ganz bescheidenen Verhältnissen, und er hat sich hochgekämpft. Bis zum Heilpraktiker hat es gereicht, nicht aber zum Doktor. Ich meine, nicht wegen mangelnder geistiger Fähigkeiten, sondern weil die Verhältnisse nicht so waren.«

Abel nickte.

»Der fehlende Doktor, der steckt dem Weiß lebenslang in den Knochen. Dafür liest er Tag und Nacht, dafür abonniert er alles, was es an Fachzeitschriften gibt, dafür lernt er Englisch, damit er die Medical Tribune im Original lesen kann, verstehen Sie? Und dabei fallt einem schon was in die Hände, was für eine zweiseitige Milzruptur, oder wie das immer heißt, ausreichend ist.« Ruop lachte bitter.

Der Hund an Abels Seite knurrte. Abel nahm die Leine kürzer und sagte: »Kusch!« Dann wandte er sich wieder Ruop zu: »Noch einmal zurück: Wollte Silke Weiß ihren Mann freiwillig verlassen?«

»Ja.«

»Kein Wenn und Aber?«

»Im Krankenhaus nicht mehr.«

»Gut.« Abel überlegte einen Augenblick. »Es sind theoretisch zwei Gründe für eine Trennung denkbar. Einerseits der Liebhaber, mit dem faszinierenden Reiz des Neuen, und andererseits das Ekel von Ehemann zu Hause, vor dem man flieht, nach dem Motto: ›Etwas Besseres als den Tod finde ich allemal.‹ Wie war das bei Silke Weiß?«

Ruop lächelte. »Wenn’s nur so einfach gewesen wäre. Zu Ihrer These Nummer eins kann ich nur so viel sagen, dass ich Silke Weiß geliebt habe wie niemanden je zuvor.«

Abel nickte.

»Und zur These Nummer zwei«, fuhr er fort, »wissen Sie, es gibt Männer, die ihre Frau schlagen, prügeln, vergewaltigen. Da ist Emotion, meinethalben nennen Sie es Hass, mit dabei. Wenigstens das. Weiß hat seine Frau niemals geschlagen, geprügelt, vergewaltigt. Silke konnte sich nicht beschweren. Sie hatte alles, was sie wollte. Geld, Kleider, Auto, Schmuck …«

»Die Frau im goldenen Käfig?«

»Ja.«

»Aber keine Zuneigung oder Liebe?«

»Ich glaube, er liebt seine Jagdhunde mehr als seine Frau.«

»Mhm«, machte Abel nachdenklich, »eine Frage bleibt noch offen: Warum hat Silke dann überhaupt diesen Mann geheiratet?«

»Sie hat ihn geliebt – und dabei übersehen, dass die Liebe nicht erwidert wurde.«

»Einfach so übersehen?«, fragte Abel skeptisch.

»Liebe macht blind, so heißt es doch?«

Abel bewunderte, wie leicht diesem Mann Phrasen vom Mund gingen. »Was machte früher denn den Reiz des Heilpraktikers für Silke Weiß aus? Hat sie davon gesprochen?«, fragte er.

»Nein, analysiert hat die das nicht. Ich glaube aber, dass es sein gesellschaftlicher Status war.«

»Hat ein Heilpraktiker so ein hohes Ansehen?«

»Normalerweise nicht, da haben Sie recht. Aber Weiß ist kein Normalfall. Waren Sie einmal bei ihm?«

»Ja.«

»Sieht gut und solide aus, die Praxis, nicht wahr?«

»Ja.«

»Weiß ist tüchtig und erfolgreich, das habe ich schon gesagt, und er verdient sehr viel Geld in seinem Beruf. Und er hat einen großen Kreis prominenter Patienten, für die er immer da ist. Daraus ist ein interessanter Freundeskreis geworden.«

»Wegen des Geldes allein ist man noch nicht gut angesehen.«

»Nein, es ist ja nicht nur das Geld bei Weiß. Er hat sich angepasst an die Gesellschaft. Er kann mitreden, man nimmt ihn ernst.«

Abel erinnerte sich an die Einschätzung von Ursel und die prominenten Gesichter in der Aussegnungskapelle. »Imponiert Ihnen das?«, fragte er.

»In gewisser Weise ja, das gebe ich zu.«

Abel drehte den Kopf und sah noch einmal flüchtig über die wertvollen Möbel und die kostbaren Kunstgegenstände. Ruops Schuhe waren tadellos geputzt. Er sah dem Mann wieder ins Gesicht. »Und Silke Weiß hat das auch imponiert?«

»Ja, denn der Mann hat Stil. Er hat viel gelesen.«

»Angelesen?«, fragte Abel dazwischen.

»Da besteht kein Unterschied. Weiß kann bestechen. Deshalb ist er auch so erfolgreich. Man muss das anerkennen, wenn man objektiv ist – auch bei einem Mörder.«

Abel verzog das Gesicht. »Wirkt Weiß auch auf Frauen?«

»Vermutlich.«

»Hatte er eine Geliebte?«

»Wahrscheinlich, aber er ließ sich nichts anmerken. Auch da war er geschickt.«

»Wegen der fehlenden Nestwärme kam Silke Weiß also zu Ihnen?«, fragte Abel.

»Nein, es geht nicht um Nestwärme. Für Weiß war seine Frau ein Gegenstand – wie ein teures Auto.« Ruop sah sich um. »Ein schönes Möbelstück. Und er behandelte sie auch so. Vorsichtig und korrekt, mit Achtung vor dem Wert des Gegenstandes, aber ohne Liebe, echtes Gefühl.«

»Warum ist sie nicht schon früher gegangen?«

»Weil er erst in den letzten Wochen begonnen hatte, sie zu demütigen, sie zu quälen.«

»Wusste er von Ihrer Beziehung?«

»Er ahnte es. Und damit begann alles. Er stellte sie nie vor Freunden bloß, aber er beleidigte sie in einem fort, wenn sie allein waren.«

»Beispiel?«

»Er legte ihr Kondome auf den Nachttisch, er kaufte Karten für ein Pornokino und legte sie neben das Frühstücksgeschirr.«

»Waren es stets Andeutungen mit sexuellen Bezügen?«, fragte Abel.

»Ich glaube, ja.«

Abel grinste. »Da sind Deutungsversuche sicher nicht sehr schwer, oder?«

»Sie meinen, dass er ihr sagen wollte, was für ein billiges Flittchen sie ist?«

»Ja.«

»Ich weiß es nicht. Sexualität spielte in der Ehe keine große Rolle. Er wollte das nicht.«

»Vielleicht empfindet unser Heilpraktiker die Sexualität als etwas, na, sagen wir – Schmutziges, und er wollte seine Frau, den teuren Gegenstand, davor zurückhalten. Ist doch möglich?« Abel schüttelte den Kopf. Ihm fiel auf, dass sie sich immer noch auf derselben Stelle förmlich gegenüberstanden. Abel wechselte das Thema, er musste die Erzählfreude Ruops ausnutzen. »Also«, fuhr er fort, »gegen zwei am Nachmittag haben Silke Weiß und Sie beschlossen endgültig zusammenzuziehen?«

»Ja.«

»Sofort, nachdem sie das Krankenhaus verlassen würde, oder später?«

»Sofort«, antwortete Ruop sicher, »ohne noch einmal nach Haus zurückzukehren.«

»Mhm, Sie hätten den Umzug dann erledigt?«

»Ja, ich habe vor Weiß keine Angst, wenn Sie das meinen.«

»Nein, nein.« Abel winkte ab, der Hund legte sich nun vor seine Füße. »Sie sind ja auch gleich vom Krankenhaus zu Weiß gegangen und haben ihm den Entschluss verkündet.«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Ruop erstaunt, aber ohne schlechtes Gewissen.

Abel zuckte mit den Achseln. »Stimmt’s?«, sagte er.

»Ja, es stimmt.«

»Und wie hat Weiß diese Nachricht aufgefasst? Gelassen?«, fragte Abel zur Präzisierung. »Oder emotional?«

»Nein, keinesfalls gelassen, eher angestrengt beherrscht, ruhig nach außen. Man merkte ihm an, dass es in ihm kochte.«

»Ein anderer hätte Ihnen eine runtergehauen oder hätte Sie rausgeschmissen, Ihnen in den Hintern getreten oder was weiß ich. Sie sind wohl ziemlich glimpflich dabei weggekommen.«

Ruop zuckte kurz bei dem Wort ›Hintern‹.

»Ich glaube, es ging nicht um mich. Für ihn war nicht wichtig, dass ich es gerade war, der ihm seine Frau weggenommen hat, nein, er hat sich das, was ich ihm zu sagen hatte, schweigend angehört, wie man einen Boten anhört. Dann hat er mich sogar beauftragt, ihr etwas auszurichten.«

»Erinnern Sie sich noch an den Wortlaut?«

Ruop kniff die Augen zusammen und sah an Abel vorbei. Er strengte sein Gedächtnis an: »Ich weiß, dass er von seiner Frau gesprochen hat. ›Sagen Sie meiner Frau.‹ Er hat das ausdrücklich betont, dass er sie behalten werde. Ja, und dass er es nicht zulassen werde, dass sie sich selbstständig macht oder so ähnlich.«

Abel nickte. »Weiß hat Ihnen aber ein paar Tage vorher in Ihrem Geschäft, hier«, er umschrieb mit einer Geste den Laden, »hier hat er Ihnen eine Szene gemacht.«

»Eine Szene, ja, das stimmt, aber nicht, weil er mich im Verdacht hatte, mit seiner Frau ein Verhältnis zu haben, sondern weil er wissen wollte, wo sie sich aufhält, und weil ich es ihm nicht gesagt habe.«

»Es drehte sich alles um seine Frau?«

»Ja.«

»Ist es da auszuschließen gewesen, dass es nicht doch so etwas Ähnliches ist wie Liebe?« Abel lächelte. Wie kam Ruop eigentlich dazu, Weiß jedes Gefühl außer Besitzerstolz für seine Frau abzusprechen? Doch Ruop blieb bei seiner Meinung.

»Etwas Ähnliches, so wie man Gegenstände schätzt und hütet, wie ein Sammler an einem Gemälde oder einer Briefmarke hängt, aber es war nicht die Zuneigung zu einem Menschen.«

Abel nickte nachdenklich. Vielleicht konnte ein Mensch wie er, der nicht viel an seinem Besitz hing, eine solche Gefühlslage nicht richtig nachvollziehen. Ruop schon eher. Ein Mann der mit schönen Gegenständen handelte. Abel zog an der Leine. Paul Schmitz rappelte sich auf. »Dauerte Ihr Besuch bei Weiß lange?«

»Nein«, Ruop trat einen Schritt zurück, »drei oder vier Minuten. Ich bin sofort wieder gegangen.«

»Hat Weiß Ihnen gesagt, ob er noch einmal mit seiner Frau sprechen wollte oder dass er sie besuchen wollte?«

»Nein, davon sagte er kein Wort«, Ruop lachte böse, »ich sah nur, wie es hinter seiner Stirn kreiste und rotierte.«

»Sind Sie immer noch sicher, dass Weiß seine Frau getötet hat?« Abel drehte sich zum Gehen um.

»Ich fühle es, aber ich kann es nicht beweisen.«

»Vielleicht waren es die Ärzte, die ihre Freundin auf dem Gewissen haben«, antwortete Abel. Ruop schwieg. Er begleitete Abel zur Tür. Er sagte: »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Abel und möchte mich für meine Bemerkungen über Ihren Misserfolg entschuldigen. Wenn ich mal einen Anwalt brauche, werde ich Sie anrufen.«

Abel sah Ruop in die Augen und antwortete nicht. Sie verabschiedeten sich, ohne einander die Hand zu geben. Abel verließ das Geschäft. Er ließ Schmitz von der Leine, der an der Häuserwand entlanglief und nach Duftmarken schnupperte.

 

*

 

»Eigentlich wollt i in d’ Kantine ganga.« Staatsanwalt Scheurer stand unschlüssig hinter seinem Schreibtisch und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß unter dem breiten Doppelkinn weg. Mit spitzen Fingern zupfte er an den beiden Plastiksäckchen, die vor ihm lagen. Abel stand breitbeinig da und sah auf die Uhr.

»Halb zwölf erst, Scheurer«, sagte Abel, »noch eine halbe Stunde Zeit zum Pluspunktesammeln.«

»Die Sache Böhm vom nägschte Montag?«

Abel nickte und setzte sich. Die Sonne brannte auf die geschlossenen Scheiben. Die dahinter zugezogenen Vorhänge vermochten nicht, die Last der Hitze zu mindern. Scheurer ächzte und hob den Plastikbeutel mit dem Spritzbesteck vor sein Gesicht. »A Spritz«, sagte er und legte ihn wieder hin.

»Ja.«

»Und was ischt los damit?«

»Ich weiß es noch nicht.«

Scheurer sah Abel an und schüttelte den Kopf.

»Du sollst mir helfen«, fuhr Abel fort, »die Spritzen und der Schlauch mit Anschlussstück hier«, er deutete auf das zweite Säckchen, »müssen kriminaltechnisch untersucht werden.«

»Worauf?«

»Drogenrückstände, Fingerabdrücke, jede Form von Spuren.«

»Jede Form Spuren? Wo hascht das Zeug her?«, fragte Scheurer und setzte sich wieder. Er spitzte die Lippen und schnalzte mit der Zunge. Man sah ihm an, dass er angespannt war.

»Sagen wir mal, aus dem Krankenhaus«, antwortete Abel.

»Und was willscht damit beweisa?«

»Hör zu, Scheurer. Du brauchst Pluspunkte, ich will einen Freispruch …«

Scheurer unterbrach den Anwalt: »Bei Freispruch gibt’s bei uns selten Pluspunkte«, sagte er sarkastisch.

»Im Allgemeinen, ja. Aber wenn es eine glasklare Sache wird? Im Namen des Volkes Gerechtigkeit?«

Der Dicke winkte ab. »Du willscht mir die Sach nur schmackhaft machen. Wie neulich. Mein Chef denkt da anders.« Er wiegte den Kopf hin und her. Wieder griff er nach den Plastiksäckchen. »Und des soll e klare Sach werden?«

Abel zuckte mit den Schultern. »Erstmal brauche ich von dir nur den Auftrag für die Kriminaltechnik.«

»Plötzlich taucht ein neuer Beweis auf? Da ischt doch was net koscher!«

Abel stemmte sich aus seinem Sessel hoch und ging um den Schreibtisch herum. Mit einer schnellen Bewegung packte er den fleischigen Oberarm des Staatsanwalts: »Scheurer, pass auf und hör mir gut zu: Ich fälsche keine Beweismittel, wenn du das meinst«, der Dicke schüttelte halbherzig den Kopf. Abel fuhr fort: »Wenn wir in diesem Fall zusammenarbeiten, dann mach ich die Arbeit, und du kassierst die Lorbeeren. Und erzähle mir bloß nicht, dass dein Chef wie ein amerikanischer District Attorney denkt und nur Verurteilungen will. Ich kenne ihn. Er will saubere Ergebnisse. Da läuft das nicht, dass du in allem, was ein Anwalt macht, einen Ganovenstreich siehst.«

»Ha, so doch net.« Scheurer winkte ab. Er wurde freilich ein wenig rot, weil Abel seine Gedanken richtig getroffen hatte. Die beiden schwiegen einen Augenblick. Abel ließ Scheurers Oberarm wieder los.

»Ich muss wissen was los ist«, polterte der Staatsanwalt.

»Ich vielleicht nicht?«, polterte Abel zurück. »Und sag keinem was, vor allen Dingen nicht dem Adler oder einem anderen Richter aus der Kammer, bevor wir das Ergebnis haben!«

Scheurer schüttelte den Kopf.

»Und ermittle nicht selbst. Keinen Schritt.«

Scheurer lachte schon wieder. »Bin ich blöd?«

Abel konnte aufatmen. Er setzte sich auf die Tischkante, nahm eines der Plastiksäckchen zum Spielen in die Hand und begann dem Staatsanwalt zu berichten, wie weit seine Nachforschungen in dem Fall Böhm gediehen waren. Scheurer saß regungslos in seinem Sessel und wischte sich nur von Zeit zu Zeit den Schweiß aus dem Gesicht. »Entweder der Weiß oder das Krankenhaus«, schloss Abel.

»Oder keiner von beiden, dann bleibt’s am Böhm hängen«, sagte Scheurer nachdenklich. »Aber ich glaube auch, dass der Fisch stinkt, weil mir schon die beinahe unterdrückte Obduktion aufgefallen war.« Er zog sein Telefon her, wählte und ließ sich verbinden. Der Kommissar war schon zum Mittagessen. Scheurer schüttelte unwillig den Kopf und ließ ausrichten, dass er etwas für die Kriminaltechnik habe. »Eilig«, antwortete er auf die Frage seines Gesprächspartners, »brandeilig. Noch gestern.« Dann horchte er aufmerksam in das Telefon. Beim Auflegen sagte er zu Abel: »Freitagmittag wissen wir mehr. Ich ruf dich an.«

»Gut«, sagte Abel, »und das Vergleichsstück bring’ ich dir auch noch.«

Scheurer hatte sich erhoben, nun blieb er mitten im Raum stehen. »Was für a Vergleichsstück?«

»Unser Täter steht nicht im Fahndungsbuch und nicht in der Kripo-Kartei. Da müssen wir uns erst um die Fingerabdrücke zum Vergleichen kümmern.«

Scheurer schob Abel zur Tür hinaus und schloss hinter sich ab. Er sah dabei den kahlen Flur hinauf und hinunter, so als dürfe ihn keiner mit einem Anwalt sehen. »Mach, eil’ dich«, sagte er.

 

*

 

Abel war in wenigen Minuten in seiner Kanzlei. Jane saß an ihrem Schreibtisch und telefonierte in geschäftlichem Ton.

»Ich weiß nicht, wann er wiederkommt. Er ist bei Gericht«, sagte sie gerade und wippte auf dem Stuhl. Abel ging hinter ihr vorbei und fuhr ihr mit der Hand leicht über die Haare. Sie hielt mit der Hand die Sprechmuschel zu. »Es ist was Neues, glaube ich, Jean«, sagte sie und zwinkerte ihm optimistisch zu. Sie vereinbarte einen Termin für den Nachmittag und legte auf. »’ne Kriegsdienstverweigerer-Sache, mal sehen, was drin ist«, sagte sie und notierte die Besprechung. »Wird nicht viel sein mit ’nem Vorschuss. Hast du schon gegessen?«, fragte Jane.

»Kein Geld.«

»Ich lad dich ein.«

»Nein danke«, antwortete Abel.

»Doch«, sagte sie, »weil ich mit dir zu reden habe.«

»Was Wichtiges?«

»Ja.«

»Hast’n neuen Lover?«, fragte Abel.

»Drei, und ich kann mich nicht entscheiden«, antwortete Jane. Sie nahm ihre Handtasche und ging hinaus.

»Spannende Sache.« Abel griff nach der Hundeleine und folgte seiner Sekretärin. Paul Schmitz rannte mit wehender Zunge noch vor Abel aus der Tür.

 

*

 

Schmitz legte sich umständlich unter den Tisch auf den Boden. Er schnüffelte vor sich hin, weil es gut nach Essen roch. Plock, plock, machten die Tennisschläger auf dem Platz. Der Ball flog hin und her, blieb im Netz hängen. Sie saßen im Schatten auf der Terrasse eines kleinen Tennisclubs mit fünf Plätzen in der Nähe des Englischen Gartens.

»Man muss schon nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, wenn man in der Sonne …« Abel schüttelte den Kopf und sah mit zusammengekniffenen Augen zu, wie zwei Männer auf dem roten Platz nebenan mehr schlecht als recht mit dem Ball kämpften. Die heiße Luft flimmerte über der Anlage. »Vierzig zu null«, sagte einer der beiden Spieler und ging, den Ball mit dem Schläger auf den Boden tippend, zur Grundlinie zurück. Abel kannte den Mann flüchtig vom Sehen. Ein Kollege, Anwalt wie er. Plock, plock, plock. »Vierzig zu fünfzehn«, zählte der Mann auf dem Platz. Jane kam mit zwei Gläsern Weizenbier aus dem Clubhaus.

»Essen kommt gleich«, sagte sie. Sie tranken einen tiefen Zug. Abel wischte sich den Schaum von den Lippen und sagte: »Ah«, während er das Glas absetzte. Die Terrasse war leer. Nur drinnen saßen zwei Männer, schweigend über ein Backgammonspiel gebeugt. Würfel klapperten. In der Küche hörte man jemanden hantieren. Schmitz erhob sich, um zwei Langhaardackel zu beschnüffeln, die sich in einem Durchgang herumtrieben.

»Da, lies mal«, sagte Jane und schob Abel einen Bogen betipptes Manuskriptpapier hinüber. »Das könnte morgen so in die Zeitung kommen. So wie s ist. Vielleicht noch mit einem Foto vom Hospital.«

Wieder tödlicher Kunstfehler lautete die Überschrift. Abel sah Jane an. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen. Eine ihrer schmalen, lila Sandalen pendelte an der Fußspitze. Ihre Zunge strich langsam den Bierschaum von den Lippen. Abel konnte hinter ihrer Sonnenbrille die Augen nicht erkennen.

»Wie kommt denn das zustande? Deine Freundin Biggi?«

»Lies«, sagte Jane.

»Das Margarethen-Hospital«, las Abel laut, »schon seit geraumer Zeit im Verdacht, dass dort mehr Kunstfehler vorkommen als anderenorts, gerät möglicherweise wieder ins Zwielicht: Kürzlich starb auf der Intensivstation der Chirurgie eine junge Frau, angeblich an den Spätfolgen eines Unfalls. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Zwar steht am Montag ein junger Mann vor Gericht, dem man vorwirft, den Unfall verschuldet zu haben, doch der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Jean Abel, erklärte auf Anfrage, dass sein Mandant mit dem Tod der Frau nichts zu tun habe. Ein Kunstfehler des Margarethen-Hospitals sei nicht auszuschließen. Der Chefarzt der betroffenen Abteilung hat jede Auskunft verweigert.«.

»Kleine Notiz, Lokalteil.«

»Sauber«, sagte Abel und ließ das Blatt sinken.

Jane lächelte jetzt. »Sauregurkenzeit«, sagte sie knapp, »Biggi schreibt für Zeilenhonorar, da ist alles interessant was eine Story werden kann.«

Abel überflog noch einmal den Entwurf. »Ganz schön clever ausformuliert, natürlich ermittelt die Staatsanwaltschaft, ha, und ein Kunstfehler ist nie auszuschließen«, er lachte, »Wie’n Advokat. Ist das nicht von dir?«

»Gemeinschaftswerk«, antwortete Jane. Es wurde aufgetragen. Abel begann schweigend zu essen. Die beiden Männer auf dem Tennisplatz gingen nun aufeinander zu und gaben sich die Hand. Abel beobachtete sie und überlegte dabei, ob der Artikel in dieser Situation nützlich sei. Jane sprach kurz darauf dieses Problem an. Abel zuckte unschlüssig mit den Achseln. »Adler wird das lesen und Völter, der Chefarzt und Weiß. Vielleicht dreht einer durch?«

»Man weiß nicht, ob’s für die Sache gut ist«, antwortete Jane.

»Eben.«

»Deshalb zeig ich’s dir ja.«

Abel lehnte sich zurück und starrte hinauf in den Himmel. »Ich denke mir, dass man einen besser packen kann, wenn er Nerven zeigt.« Er sah wieder zu Jane hinüber, die Messer und Gabel auf dem Teller zusammenlegte. Er beobachtete sein verzerrtes Spiegelbild in den beiden Gläsern ihrer Sonnenbrille. »Was meinst du?«, fragte er schließlich.

»Hätte ich den Artikel sonst angeregt? Da gibt es noch etwas Neues.«

Abel nickte dem Tennisspieler-Anwalt zu, der mit dem Schläger unter dem Arm und einer Büchse Bällen in der Hand vorbeikam. Er hatte einen kurzen roten Bart und zerzauste Locken.

»Tag«, sagte Abel, dann bemerkte er, dass ihn der andere nicht erkannte.

»Guten Tag«, antwortete der Rotbart mit einem unverbindlichen Lächeln, weil er sich nicht erinnerte, woher er Abel kannte.

Fast gleichzeitig hörte Abel seine Freundin freundlich sagen: »Guten Tag, Herr Professor.« Wenn Jane Leute mit ihren Titeln anredete, musste man vorsichtig sein. Der zweite Tennisspieler war älter, etwa Mitte vierzig. Er blieb stehen: »Guten Tag.« Ein unverbindliches, starres Lächeln. Man sah, dass er Jane sofort erkannt hatte. Der Professor fingerte verlegen in der Tasche seiner Tennisschorts herum. Sie ließ sich an die Lehnen des weißen Sessels zurückgleiten. »Heiß heute, und Sie spielen Tennis?«, fragte sie. »Gute Kondition.«

»Ja, ja«, antwortete der Mann, immer noch vor dem Tisch stehend. Er hielt den Tennisschläger wie eine Waffe in der Hand. Paul Schmitz näherte sich neugierig. Er legte sich neben die Füße von Abel. Jane deutete auf den Mann und dann auf Abel: »Professor Döhring, Margarethen-Hospital, und das ist Herr Abel. Er verteidigt den Mechaniker, der mutmaßlich Frau Weiß auf dem Gewissen hat, Sie erinnern sich?«

Natürlich erinnerte sich Döhring. Er war nun hellwach. Abel gab ihm nicht die Hand. Er stand auch nicht auf. Seine Augen musterten das verschwitzte Gesicht mit dem Stirnband, das klebende Hemd und die von der Anstrengung unter der Sonne roten Beine des Mannes. »Bitte, setzen Sie sich doch«, sagte Abel.

»Danke, sehr freundlich«, antwortete der Arzt, »aber ich habe sehr viel zu tun.«

»Schade«, sagte Jane. Döhring nickte, packte seinen Schläger unter den Arm und drehte sich um. Dann stockte er noch einmal in der Bewegung. »Sind Sie hier Mitglied?«, fragte er Abel.

»Nein«, sagte Jane, und Abel fügte hinzu: »Bedauerlicherweise nicht.«

»So, ja.« Das klang zerstreut. Ein freundliches Lächeln: »Auf Wiedersehen.«

»Gern – morgen«, sagte Abel schnell, »morgen in der Klinik, wenn es Ihnen passt?«

Döhring hatte sich nun schon einige Schritte entfernt. Er drehte sich wieder um und kam zurück. Abel stand jetzt auf.

»Worum geht s denn?«

»Immer noch um dieselbe Geschichte.«

»Sprechen wir jetzt darüber«, sagte Döhring, der mit einem Blick aus den Augenwinkeln kontrolliert hatte, dass die Terrasse im Übrigen leer war.

»Nein«, Abel schüttelte den Kopf, »ich möchte Sie nicht von der Arbeit abhalten, wissen Sie, und ich erwarte zudem Ergebnisse einer kriminaltechnischen Untersuchung. Vielleicht erübrigt sich dann das Gespräch.«

Döhring hielt den Atem an. Seine Augen hafteten an Abels Gesicht. Endlich lächelte er. »Wenn ich Ihnen helfen kann … Rufen Sie bei Bedarf meine Sekretärin vorher an.«

»Danke«, sagte Abel. Döhring entfernte sich zu den Umkleidekabinen, ohne zurückzusehen. Als er die Tür öffnete, hörte man den anderen Anwalt unter der Dusche singen.

»Du hättest mir ruhig vorher sagen können, dass das Döhring ist«, sagte Abel zu Jane.

»Ich habe ihn vorher selbst nicht erkannt, aber es ist ja nichts passiert, ganz im Gegenteil. Stimmt es, dass du schon morgen die Ergebnisse der Untersuchung bekommst?« Abel hatte ihr auf dem Weg von seinem Besuch bei Scheurer nichts erzählt. »Nein«, antwortete Abel, »aber das mit dem Artikel habe ich ihm ja schlecht sagen können.«

»Das wird er sich spätestens morgen früh zusammenreimen können«, sagte Jane mit einem Lächeln.

»Was gibt s denn Neues? Du hast vorhin davon angefangen, gerade als der Döhring gekommen ist.«

»Ich habe gestern mal wieder Privatdetektiv gespielt, weißt du, und ich habe die Krankenschwester aufgetrieben, die mit Völter Dienst hatte, als es passiert ist.«

Abel bestellte Kaffee. »Alle Achtung«, sagte er. »Und wie?«

»Ganz einfach. Ich bin auf die Station und habe nach dem Dienstplan gefragt.«

»Vorwand?«

»Keiner, nur so. Das ist oft viel besser als komplizierte Ausreden. Na ja, und ich habe gerade die Richtige gefragt, nämlich die, die Dienst hatte. Da brauchte ich den Dienstplan gar nicht.«

»Wenn’s nur immer so laufen würde«, seufzte Abel.

»Und es lief weiter gut«, fuhr Jane fort, »Schwester Uta ist sehr zugänglich gewesen. Wir haben uns für nach dem Dienst verabredet und sind in ein Café gegangen. Schwester Uta ist jung, natürlich, weißt du, so der Typ aus der Tampon-Reklame, bloß nicht ganz so hübsch. Modern und praktisch, mit der man über alles reden kann.«

»So von Frau zu Frau«, sagte Abel und schwenkte die linke hin und her. Diese Gespräche waren Janes Stärke.

»Neugierig ist die, wie zehn junge Katzen. Sie kannte sich ganz gut aus in den Verhältnissen bei der Familie Weiß, weil sie Silke beim ersten Mal schon gepflegt hatte.«

»Kranke sind so was von hilflos ausgeliefert«, sagte Abel dazwischen. Über den glühenden Plätzen erhoben sich plötzlich Wasserfontänen, die über der roten Asche hin und her pendelten und für einen angenehmen kühlen Luftstrom sorgten.

»Sie war deshalb«, Jane imitierte eine helle, durchdringende Stimme, »höllisch daran interessiert, wie es so weitergeht.«

»Kann ich mir denken.« Abel grinste.

»Nach ihrer Erinnerung lief die Sache so ab: Montag, 15. Juli wird Silke Weiß mit der Milzruptur eingeliefert. Es war knapp, aber der Döhring selbst hat sofort operiert. Es gab keine Fehler. Im Gegenteil, Döhring hat gekämpft und konnte sie retten. Ruop war ständig auf der Intensivstation. Sobald Silke Weiß wieder ansprechbar war, haben die beiden geredet, getuschelt und geturtelt. Zuletzt war Ruop am Mittwoch gegen zwei auf der Station. Später ist dann Weiß erschienen, der nur einmal vorher seine Frau besucht hatte.«

»Also doch nicht die große Liebe«, sagte Abel dazwischen.

»Aber er hat immerhin riesige Blumenbuketts geschickt«, antwortete Jane. »Auch das ist registriert worden.«

»Passt ins Bild«, brummte Abel. Die Fontänen auf dem Platz fielen wieder in sich zusammen.

»Okay, also Weiß kommt, spricht kurz mit Völter und geht dann zu seiner Frau. Schwester Uta muss sich leider um einen anderen Patienten kümmern, hört aber noch, dass Weiß und seine Frau in heftigem Ton miteinander sprechen. So gerade das Stadium vor einem Streit.«

»Weiß hatte da ja gerade von Ruop erfahren, dass Silke nicht mehr zu ihm zurückkommen wollte.« Abel nahm ein Streichholz und schob es zwischen die Zähne. Er beugte sich gespannt vor und folgte der Erzählung seiner Sekretärin.

»Kurz darauf ist dann der Alarm losgegangen. Da ging gleich das Gerenne los, weißt du, Völter kam, dann Schwester Uta. Völter hat den Weiß dann sofort rausgeschmissen, obwohl der zuerst nicht gehen wollte. Sie haben die Reanimation nach ihren Einschätzungen weit über eine halbe Stunde lang versucht. Ohne Erfolg.«

»Und?«, fragte Abel.

»Döhring ist auch noch dazu gekommen. Er sei gerade im Haus gewesen, um Briefe zu diktieren, sagt die Schwester.«

»Hat er was verbockt?«

»Sicher nicht, denn als er kam, war Silke schon klinisch tot, nein, aber der Katheter, ein Zentralkatheter, soll der Auslöser gewesen sein«, Jane zeigte auf ihr Schlüsselbein, »der sei abgetrennt gewesen am Anfang, als der Alarm losging. Völter hätte ihn sofort wieder angeschlossen, sagt sie.«

»Völter also?«, fragte Abel.

»Er hat den Katheder ja wieder angeschlossen«, antwortete Jane, »Schwester Uta meint, dass vielleicht jemand anders beim Anschließen Fehler gemacht hat. Und Döhring ist dafür verantwortlich. Das ist doch klar.«

»Schwester Uta vielleicht?«

»Sie sagt nein.«

»Aha.«

»Ich glaube ihr.«

»Okay, aber irgendwas ist schiefgelaufen, medizinisch, meine ich?«

»Ich kenne mich nicht aus«, Jane blieb gelassen, »aber auch als Laie ist einem klar, dass so ein Katheter nicht falsch angeschlossen werden darf.«

»Fragen wir doch den Professor«, Abel stand auf und wollte zur Umkleidekabine gehen.

»Der ist schon weg, vor zwei Minuten«, sagte Jane. »Also ein Kunstfehler in der Klinik«, stellte sie fest.

»Vorsicht, Jane, Weiß war auch da.«

»Richtig.«

»Er versteht etwas von Medizin.« Abel starrte wieder in den Himmel hinauf. Weiße Wolkenschlieren zogen von Westen her auf. Wind kam auf. Die Sonne bekam einen Hof. Doch die Hitze lastete weiter über den Tennisplätzen.

»Wenn wir die Auswertung der Fingerabdrücke haben, sind wir weiter«, sagte Abel.

Jane zuckte mit den Schultern. »Die tragen doch normalerweise Latexhandschuhe.«

»Vielleicht nicht, wenn eine Reanimation dringend ist, dann geht es um jede Sekunde.«

»Selbst wenn du Abdrücke von den Ärzten findest. Die mussten doch den Katheter berühren, oder denke an die Schwestern.«

»Den Katheter, ja, aber nicht den Spritzkolben; denn der gehört nicht ins Margarethen-Hospital …«

»Übrigens«, unterbrach ihn Jane, »woher hast du die Vergleichsstücke für die Fingerabdrücke? Ohne stichhaltige Verdachtsmomente kannst du doch nicht die ganze Belegschaft einer Station zur erkennungsdienstlichen Behandlung schleppen und dein Richter Adler lässt einen solchen Beweisantrag nie und nimmer zu.«

»Ich werde bei Weiß anfangen«, antwortete Abel, »mit einem guten alten Trick, auf den jeder reinfallt. Das ist mein Erkennungsdienst, weißt du?«

»Wir müssen warten«, sagte Jane, »und Schwester Uta hat übrigens noch gesehen, wie Völter, schon kurz nachdem sie an dem Krankenbett aufgegeben haben, die Geräte abgebaut hat.«

»Daher hat er die Spritze und den Schlauch.«

»Ja, bloß ist das nicht der Job eines Arztes auf der Station. Er wollte also bewusst die Gegenstände sichern. Erst später hat er Weiß zur Leiche gelassen.«

Abel streckte sich in seinem Sessel, er hatte die Hände im Nacken verschränkt. Endlich sagte er: »Böhm ist theoretisch aus dem Schneider, so seh ich’s.«

»Und der Artikel kommt richtig, nach dem, was wir jetzt wissen. Also bekommt Biggi grünes Licht?«

»Wenn der Artikel erscheint, sind sie gewarnt«, grübelte Abel. Erst jetzt begann er seinen Kaffee zu trinken, der inzwischen nur noch lauwarm war.

Jane sah ihn erwartungsvoll an. »Wir wollten doch, dass sie Nerven bekommen.«

 

 

Mittwoch, 7. August

 

In der Nacht war ein Gewitter über die Stadt gezogen. Es hatte die Menschen aus den Biergärten und von den Straßen vertrieben. Sturmböen hatten zwischen den Häusern gewütet und an den Drähten der Fernleitungen gezerrt. Unterführungen waren mit Wasser vollgelaufen, Hagelkörner in Häuserecken zu kleinen Haufen zusammengeweht. Die Sirenen der Feuerwehr waren durch die Stadt gehallt. Überall waren Keller auszupumpen, während sich das Unwetter grollend nach Osten verzog.

Abel hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Der Morgen verging mit einer endlosen Beweisaufnahme in einer Verkehrsunfallsache vor dem Amtsgericht. Die Sonnenhitze vom Vortag saß immer noch in seinem Kopf. Er ertappte sich beim Träumen und musste sich innerlich hochrappeln, um den Zeugen die notwendigen Fragen zu stellen. Er verließ das Gericht spät und musste sich beeilen, um noch vor der Mittagszeit zu Döhring in das Margarethen-Hospital zu kommen. Er war angemeldet.

»Guten Tag, Herr Abel.« Der Professor streckte Abel die Hand hin. Ohne das Stirnband sah der Mann anders aus, immer noch ein rundes Allerweltsgesicht, aber nun auffälliger mit wachen Augen und einem dünnlippigen Mund.

»Tag.« Abel drückte die Hand des Arztes.

»Bitte.« Döhring zeigte auf einen Stuhl. Sie setzten sich.

Eine kurze Pause entstand. Abel fiel auf, dass Döhring einen dünnen, blauen Pullover über der weißen Anstaltskluft trug. Er beobachtete, wie Döhring sich ein Zigarillo anzündete und stellte fest, dass der Arzt nicht so nervös war wie er erwartet hatte, aber gespannt, beherrscht. ›Gefasst‹, hätte Jane gesagt. Es war eine gute Beschreibung. Ein Chefarzt kennt aus seiner beruflichen Laufbahn schwierige Situationen. Er hat es gelernt, abwartend zu reagieren. Und Abel war jung. Döhring konnte ihn kommen lassen.

»Es geht um den Fall Weiß.«

Döhring nickte.

»Sie ist auf Ihrer Station, genauer gesagt auf der Intensivstation, unter mysteriösen Umständen gestorben.«

»Mysteriöse Umstände?« Eine in ruhigem Ton gestellte Frage.

»Sie waren doch anwesend, Herr Döhring.« Abel schien es, als zögere sein Gegenüber für eine Sekunde.

»Ja«, antwortete Döhring, »deshalb frage ich Sie, was Sie für mysteriös halten.«

Abel antwortete nach kurzer Pause: »Die Sache mit dem Katheter.«

Döhring zeigte Wirkung. Abel sah seinen Augen an, dass er auf dem richtigen Weg war. Nach außen wirkte Döhring immer noch ruhig. Er war klug genug zu schweigen.

Abel war am Zuge. Er musste einen Trumpf ausspielen: »Ich besitze den Katheter und den Schlauch dazu.«

»Es gibt Millionen Exemplare davon«, sagte Döhring.

»Sie missverstehen mich. Ich besitze den bei Frau Weiß angelegten Schlauch zum Katheter. Dieses spezielle Einzelstück. Es ist sichergestellt worden.«

»Von wem?« Döhring wirkte jetzt noch gespannter.

»Vorerst egal, gehen Sie davon aus, dass ich den konkreten Schlauch mit dem Anschlussstück besitze.« Abel machte eine Pause und sah dem Arzt ins Gesicht: »Die Gegenstände befinden sich auf meine Veranlassung hin bei der kriminaltechnischen Untersuchung.«

Döhring schwieg. Er zog an seinem Zigarillo und paffte den hellblauen Rauch vor sich in die Luft. Abel wartete lauernd. Der Arzt reagierte weder aufgebracht noch hysterisch. Er öffnete eine Schublade und zog ein Exemplar der Zeitung heraus, die er wortlos auf den Tisch warf. Endlich begann er zu sprechen: »Haben Sie das auch veranlasst?«

Abel antwortete nicht.

»Sehen Sie, Herr Abel, ich will versuchen Ihnen zu erklären, wie ich die Sache sehe. Ich bin der leitende Arzt einer großen Station, mit vielen Patienten, oft schwere und manchmal hoffnungslose Fälle, das meiste aber ist Routine. Viel Personal und nicht immer das Beste. Verantwortung ist da nicht nur eine leere Phrase, eine Floskel für Sonntagsreden, sondern tägliche harte Praxis. Das nur voraus in Stichworten zur Situation.«

»Und da kann es schon einmal passieren … wollen Sie sagen?«

Eine knappe Bewegung mit der Hand: »Nichts kann passieren und es darf auch nichts passieren«, sagte Döhring.

»Wozu dann die Rede von der Verantwortung?«

»Damit Sie sehen, wie ernst wir das nehmen.«

»Und trotzdem gibt es hier immer wieder Zwischenfalle, trotzdem bleibt immer wieder ein Patient auf der Strecke! Gerade hier im Margarethen-Hospital. Oder nicht?«

Döhring beugte sich vor. Er atmete flach und sah Abel in die Augen. »Rufmord!«, sagte er. Seine Hand fiel schwer auf die Zeitung. »So einfach ist das für die Journaille … und die, die dahinterstecken. Die ihre Interessen rücksichtslos verfolgen.«

»Lassen wir das Wort ›Ruf‹ einfach mal weg«, unterbrach Abel, »und wenden uns dem wirklich interessanten Punkt zu.«

»Ich lasse mich nicht provozieren, nicht von Ihnen und auch nicht von dieser Frau Münster und schon gar nicht von der Journaille«, bellte Döhring. »Ich kenne den Chef vom Dienst von der Zeitung und habe mich über die Schreiberin von diesem Pamphlet erkundigt. Na ja, die Freunde haben auch ihre Personalsorgen. Okay! – Weisen Sie mir etwas nach, wenn Sie können, wenn nicht, schweigen Sie! Ich hätte mehr von Ihnen erwartet. Sie sind Akademiker, habe ich gedacht.«

»Warum wollte das Krankenhaus eine Obduktion verhindern?«, fragte Abel zurück.

Döhring schwieg. Endlich sagte er wieder in normalem Ton: »Eine Obduktion ist Routine in solchen Fällen.«

»Umso erstaunlicher.«

»Was?«

»Dass man versuchte, eine Obduktion zu vereiteln.«

»Sie lügen doch«, schrie Döhring plötzlich und stemmte sich in seinem Sitz hoch.

»Ich lüge?« Abel lachte. »Wir haben einen Totenschein in den Akten, in dem nichts von einem unnatürlichen Tod steht.«

»Der Ehemann wollte keine Sektion«, antwortete der Arzt.

»Aha, aber ich lüge«, sagte Abel. »Und bloß weil der Witwer etwas gegen die Obduktion hat, fälscht das Margarethen-Hospital einen Totenschein.« Abel nickt demonstrativ. »Sauber!«, sagte er.

»Völter.« Der Chefarzt sprach den Namen mit Verachtung aus.

Abel zuckte mit den Achseln: »Zu Ihrer Verantwortung – Sie haben vorhin davon angefangen – Völter gehörte zu Ihrem Verantwortungsbereich. Auch für ihn waren Sie, Sie persönlich, verantwortlich.« Abel zeigte auf den Arzt. »Ich meine das ganz ohne Pathos.«

»Nein, nein«, Döhrings Stimme bekam einen bitteren Ton, »Ihnen geht es nicht um die Verantwortung eines Arztes. Davon verstehen Sie nichts. Sie wollen uns fertigmachen, mein Haus und mich.« Döhring blätterte in der Zeitung und schlug den Regionalteil auf, um den Artikel Abel anklagend entgegen zu halten. »Was glauben Sie, wie mein Trägerverein reagiert? Der Beirat, die Kassen, die Spender?«

»Herrgott!» Abel fuhr auf. »Kommen Sie doch mal zur Sache. Die Stichworte habe ich Ihnen gegeben: ein plötzlicher, medizinisch höchst unwahrscheinlicher Todesfall, die Vereitelung der Obduktion, der sichergestellte Schlauch zum Katheter.«

Döhring lachte böse und beugte sich vor. »Von mir hören Sie nichts mehr. Ihr sauberer Mandant – dieser dahergelaufene Mechaniker – der darf schweigen, der hat alle Rechte. Nein. Ich schweige jetzt auch.«

Abel faltete die Hände vor dem Bauch und sah unbewegt zu Döhring hinüber, der hinter seinem Schreibtisch aufgestanden war. »Wenn Sie Angeklagter sind, haben Sie dieselben Rechte, um die Sie den ›dahergelaufenen Mechaniker‹ beneiden. Noch ist es aber nicht so weit.«

»Ich bin Arzt. Ich habe schon alleine deshalb zu schweigen«, antwortete Döhring und hob verächtlich den Kopf.

»Sie werden reden. Wenn nicht hier, so vor Gericht.«

»Nein! Ich habe ein Zeugnisverweigerungsrecht! Ich brauche also auch nicht vor Ihrem Gericht zu erscheinen, ich bin Arzt.« Die Wiederholung der Berufsbezeichnung glich einem Schutzschild, hinter dem er sich zu verstecken suchte.

Abel erhob sich nun ebenfalls. »Ich werde Sie laden und Sie werden kommen«, sagte Abel kalt.

»Sie mich laden?« Döhring versuchte zu lachen.

»Ja, das steht mir als Verteidiger zu. Und versuchen Sie mal, nicht pünktlich zu sein, dann lasse ich Sie durch die Polizei vorführen.«

»Was soll diese primitive Demonstration der Macht, die Ihnen Ihr Gesetz verleiht? Ich brauche nicht auszusagen, ärztliche Verschwiegenheitspflicht.« Döhring klammerte sich an diese Hoffnung.

»Dann schauen wir mal.«

»Gehen Sie«, sagte Döhring.

»Ja«, antwortete Abel in nüchternem Ton, »kommen Sie am Montag um zehn Uhr. Urbanstraße 6, Saal III, Ausweis mitbringen. Zu Ihrer Sicherheit: Näheres über die Todesursache erfahren wir vom Gerichtsmediziner, Sie wird man dazu nicht fragen.«

»Man hat die Patientin obduziert?«, fragte Döhring, sein Gesicht war gespannt und weiß.

»Ja«, antwortete Abel und ging hinaus.

 

*

 

Abel hatte das Krankenhaus verlassen und war in seine Kanzlei zurückgefahren. Obwohl er den Chefarzt in die Enge getrieben hatte, hatte er kein Wort zur Sache zu hören bekommen und sich nur unnötigerweise mit dem Arzt gestritten. Er war sich keineswegs sicher, ob Döhring am Montag pünktlich vor Gericht erscheinen würde. Abel ärgerte sich, denn es konnte ein schwerer taktischer Fehler sein, wenn man einen wichtigen Zeugen zu früh informierte. Er hatte sich durch die Arroganz des Arztes provozieren lassen und zu viel gesagt. Das Geplänkel um die Obduktion hätte nicht sein müssen. Nun hatte Döhring vier Tage Zeit, sich eine Aussage zurechtzulegen, vielleicht sogar Beweise zu vertuschen, um den Ruf seiner Klinik nicht noch weiter zu verschlechtern.

Abel räumte lustlos auf seinem Schreibtisch herum. Weil er die Durchwahlnummer des Staatsanwalts brauchte, suchte er die Akte Böhm. Das Telefon klingelte. Eine Frau meldete sich und schnorrte eine Auskunft am Telefon in einer Unterhaltssache. Als Abel nach einer zehnminütigen Beratung einen Termin vereinbaren wollte, antwortete die Frau, sie werde es sich noch einmal überlegen und dann wieder anrufen. Abel warf wütend den Hörer auf die Gabel.

Jane war bei einer Freundin, denn es gab momentan nichts zu tun. Bestenfalls spielte sie wieder Privatdetektiv.

Bei Scheurer war besetzt. Als Abel endlich durchkam, hatte der Staatsanwalt gerade eine Besprechung.

»Nur kurz«, bat Abel, »was ist bei der Kriminaltechnik herausgekommen?«

»Einige Fingerabdrücke sind identisch. Auf dem Schlauch sind noch andere. An der Spritze gibt es nur Abdrücke von einer Person.«

»Und die von der Spritze kommen auch auf dem Schlauch vor?«, fragte Abel.

»Ja«, antwortete Scheurer; denjenigen, zu dem die Fingerspuren passten, habe man freilich nicht in den einschlägigen Karteien gefunden.

»Na, das ist doch was«, brummte Abel.

»Ond no was«, sagte Scheurer schnell, »kenscht du dr Rechtsanwalt Bertin?«

»Bertin? Nein.«

»Dein Weiß hat’n sich g’nomma, er vertritt die Nebenklage.

»So plötzlich?«

»Ja.«

»Bekannt?«, fragte Abel.

»Strafverteidiger«, das klang ein wenig verächtlich, »noch nicht allererste Garnitur, aber im Komme. Er hat sich d’ Akte g’holt.«

»Ist er fair?«, fragte Abel ratlos.

»Dein Problem, Abel. Bertin ist ein guter Partner für jeden Staatsanwalt«, antwortete Scheurer und legte auf.

»Mein Problem«, knurrte der Anwalt hinterher. Paul Schmitz sdeß mit der Nase die Küchentür auf und kam gähnend in die Kanzlei.

»Mein Problem«, wiederholte Abel. Der Hund hob den Kopf und sah zu seinem Herrn hinauf. »Weißt du, was ich jetzt mache? Ich gehe zu Weiß und sage, ›mein lieber Herr Weiß, wissen Sie, ich brauche da ein paar Fingerabdrücke von Ihnen, nur so zu Vergleichszwecken.‹ Und dann hole ich ein Stempelkissen aus der Tasche und ein Stück Papier – und schwuppdiwupp, drückt er mir alle zehn Finger auf das Papier. Eine Formalität, sonst nichts.« Er grinste und ging in die Küche. Dort nahm er die Hundeleine vom Haken. Abel brauchte nicht das Zauberwort »Promenade» zu sagen. Schwanzwedelnd rannte Schmitz zur Tür und bellte aufgeregt.

»Da werden wir es mit besagtem Trick probieren müssen«, sagte Abel zu seinem Hund und verschloss die Tür zu seinem Büro, nachdem er sich einen alten Tintenfüller eingesteckt hatte. »Vielleicht ist Weiß wieder im Land.«

Er drehte das Schild an der Tür um, damit jeder Besucher sehen konnte, dass er bald wiederkommen würde.

 

*

 

Weiß praktizierte sogar wieder. Als Abel eintrat, reagierte die Helferin am Empfang, ohne nach seinem Namen zu fragen. Sie führte ihn trotz des Hundes, den Abel bei sich hatte, nach einer kurzen Pause zu ihrem Chef. Weiß erwartete ihn in feindseliger Haltung.

»Ich will nicht gestört werden«, sagte er barsch zu dem Mädchen, das Abel in das Ordinationszimmer geführt hatte.

Abel blieb stehen. Er hielt die Leine straff. Der Hund setzte sich.

»Tag«, sagte er.

Weiß biss die Kiefer zusammen und starrte auf Paul Schmitz. Paul Schmitz war kein Rassehund. Nur groß und gefräßig.

»Ich habe Sie nicht gebeten, erneut zu mir zu kommen, Herr Abel.«

Abel nickte. »Aber Sie empfangen mich.«

»Nur um Ihnen ein für alle Mal klar zu sagen: Ich habe jetzt einen Anwalt, den Dr. Bertin. Wenden Sie sich an ihn, wenn Sie Fragen oder Anregungen haben.«

Abel griff in die Innentasche seiner Lederjacke. Er zog ein Foto in einem Transparentpapierumschlag heraus und reichte es dem Heilpraktiker, der in weißer Kleidung und Schuhen mitten in seiner elegant eingerichteten Praxis stand. Gedämpftes Licht, blitzendes Chrom und Glas, Teppiche, wissenschaftliche Bücher in den Regalen. Weiß starrte auf Abels Hand.

»Wer ist das?«, fragte Abel und streckte die Hand weiter vor. Das Foto im Transparentpapier raschelte. »Sie sollen mir nur sagen, wer die Dame neben Ihrer Frau ist, wie sie heißt.«

Weiß griff nicht nach dem Umschlag. Abel zog das Foto heraus. »Verschwinden Sie jetzt.«

»Sagen Sie mir bitte, wer die Frau neben Ihrer verstorbenen Gattin ist?«

»Geben Sie Bertin das Foto und hauen Sie endlich ab.«

Abel musste einsehen, dass Weiß nicht auf den alten Trick herein fiel. Aber er registrierte auch, dass Weiß offenbar Grund dazu hatte, das Foto nicht zu berühren.

»Wie heißt der Kollege?«

»Dr. Bertin.«

Abel zückte umständlich seinen alten Tintenfüller und seinen Notizblock. »Bertin«, murmelte er, »Rechtsanwalt Dr. Bertin.« Mit der Hundeleine am Arm ließ es sich schlecht schreiben. Abel kratzte mit der Feder in seinem Block herum, so als schreibe der Füller nicht. Er öffnete ihn und zerrte an der Tintenmine.

»Hoppla«, sagte er, als ihm der Füller mit der Mine auf den Boden vor seine Füße fiel. Die Tintenkleckse trafen den beigen Teppichboden. Paul Schmitz machte einen langen Hals und schnüffelte an dem Füller. Abel sagte noch einmal »Hoppla«, dann bückte er sich.

In dieser Bewegung packte Weiß zu. Sein Griff umspannte hart Abels Handgelenk und riss es heftig hoch.

»Raus hier«, fauchte er. Abel sah, dass Weiß vor Zorn bleich war. Er hatte die Lippen geöffnet und die Zähne hart zusammengebissen. Der Hund riss seinen Fang auf und knurrte. Mit gesträubtem Fell kam er hoch. Abel befreite sich mit einer kurzen Bewegung. Der Tintenfleck auf dem Teppich breitete sich aus wie auf einem Löschblatt. Abel machte keine Anstalten, den Füller aufzuheben. Weiß bückte sich und hob den Füller samt defekter Mine auf, und legte beides angewidert auf einen weiß lackierten Beistelltisch.

Abel trat zurück. Der Hund hörte auf zu knurren.

Weiß kniete mit seinen makellosen, weißen Hosen auf dem Teppich, ohne sich um den Anwalt und seinen Hund zu kümmern, und wischte behutsam mit kaltem Wasser und Papiertupfern die Tinte aus seinem kostbaren Teppichboden. Er eilte zwischen dem Wasserbecken und dem Teppich hin und her und bekämpfte wie besessen die träge sickernden Flecken.

Abel nahm mit einer umgestülpten Gefriertüte aus Plastik Füller und Tintenpatrone, um die Fingerabdrücke nicht zu beschädigen, und steckte seine Beweisstücke ein. »Komm«, sagte er zu Paul Schmitz, nahm die Leine kürzer und ging hinaus, ohne dass Weiß ihn und den Hund beachtet hätte.

 

 

Freitag, 9. August

 

Freitagmorgen. Abel hievte die Beine auf Scheurers Schreibtisch und schnitt eine Grimasse. »Bäh«, sagte er, weil Scheurer ein Gesicht machte, als gehe die Welt unter. Der Staatsanwalt hielt den Hörer seines Telefonapparates zu. »Adler«, flüsterte er.

Abel zeigte den Mittelfinger.

»Ja, habe ich gelesen«, sagte Scheurer auf hochdeutsch, und machte einen kleinen Diener.

Abel hörte den Vorsitzenden Richter Adler sprechen, ohne dass er etwas verstanden hätte. Scheurer nickte noch einmal.

»Ich glaube nicht, dass die Verteidigung …«

Abel feixte und schüttelte den Kopf.

»Nein, ein junger Anwalt, der kann diese Verbindungen noch nicht haben, keinesfalls.« Scheurer zwinkerte Abel zu. Wieder quäkte die Stimme des Vorsitzenden Richters am Telefon.

»Nein, nicht völlig aus der Luft gegriffen«, sagte Scheurer energisch. Er stand auf, den Telefonhörer in der Hand, und sah an Abel vorbei. »Ich ermittle noch«, sagte er dann. Und nach einer Pause: »Die Verteidigung hat Anregungen gegeben. Ich ermittle.«

Abel hielt die Hand über die Augen wie ein Indianer und spähte herum.

»Ich werde die Kammer selbstverständlich unterrichten. Ja. Keine Frage.« Scheurer nickte wieder. »Aber im Moment ist da noch nichts Greifbares.« Mit einigen Höflichkeitsfloskeln verabschiedete er sich. Seufzend legte er den Hörer auf.

»Was sagt die KTU?«

»Die Kriminaltechnik? Rat mal.« Scheurer lachte über sein breites, fettes, gutmütiges Gesicht. Er platschte mit der Hand auf seinen Schreibtisch.

»Zweimal Weiß? Identisch?«

»So ischs, grad.«

»Hast du meine Ladung an Weiß zustellen lassen?«

»Nein, an seinen Anwalt, das geht einfacher.«

»Hat er reagiert?«

»Er hat angekündigt, dass Weiß die Aussage verweigert.«

»Punkte sammeln«, sagte Abel und nahm die Füße vom Tisch des Staatsanwalts.

»Schaffe, schaffe …«, antwortete Scheurer und kramte die Essensmarken für die Kantine aus seinem Schreibtisch.

»Hund verkaufen, selber bellen«, sagte Abel. Die beiden gingen zum Essen. Scheurer in die Kantine, Abel in ein Café, wo der Kuchen gut und billig war.

 

 

Sonntag, 11. August

 

»Herrgottsakrament«, fluchte Abel und legte den Hörer auf die Gabel. »Weiß der Henker, warum er immer noch nicht zu Hause ist.«

Damit meinte er seinen Kronzeugen Dr. Völter, den er seit Freitag vergeblich zu erreichen versucht hatte. Auch Ursel Sommer war verschollen. Abel hatte ihr schon fünf Nachrichten auf den Anrufbeantworter gesprochen.

»Erwachsene Menschen«, sagte Jane von der Küche herüber. Abel hatte sie zum Essen eingeladen. »Und nicht jeder hat müden Böhm und deinen Fall im Kopf, Jean.«

»Weiß ich«, knurrte er.

»Wenn er morgen nicht zur Verhandlung kommt, dann wirst du deinen Beweisantrag stellen. Man wird Völter laden, und er wird aussagen. Glaub mir, Silkes Freundin Ursel sorgt schon dafür. Frauen sind so.«

»Beweisantrag stellen! Sag mal, lebst du auf einem anderen Stern? Adler will die Sache an einem einzigen Tag durchziehen, durchprügeln, sonst nichts. Ein Fall mehr in der Erledigungsstatistik der Kammer. Der Beweisantrag ist schneller abgelehnt, als ich ihn stellen kann.«

»Dann setz dich durch, zeig ihm die Zähne.«

»Meine Milchzähne?« Abel fletschte sein Gebiss.

»Gerade die sind scharf geschliffen und spitz. Sonst neigst du doch auch nicht zum Understatement.«

»Auch wieder richtig.« Abel stand auf und ging zu Jane in die Küche. Er starrte auf die abstrakten Bilder an der Wand. Plötzlich lachte er. »Übrigens, auch bei Adler hat der Artikel gewirkt.«

»Ja? Wieso?«

»Er hat sich bei Scheurer erkundigt, was dahintersteckt.«

»Bei dir nicht?«

»Sicher nicht, wenn man den Adler kennt, weiß man das. Hat die Mischpoke um Weiß deiner Freundin Biggi Schwierigkeiten gemacht?«

»Natürlich.«

»Melden!«

»Es hat nur nichts geholfen. Der Chef vom Dienst hat gesagt: getroffener Hund bellt – und Biggi morgen für die Verhandlung eingeteilt.«

»Hoffentlich gibt es was Positives zu berichten«, sagte Abel.

Jane schnitt ein Stück Rindfleisch in kleine Streifen, um es anzubraten. Das Öl brutzelte und spritzte. Das Gemüse roch nach Kräutern und Knoblauch. Die Hitze vom Herd erfüllte den kleinen Küchenraum.

Im Hof bellte der Hund.

Abel wischte sich die Finger am Küchenhandtuch ab und ging Paul Schmitz einfangen, damit er nicht wieder Ärger mit den Nachbarn bekam. Die Luft war schwer und schwül. In den Fenstern rundherum glommen bläulich bunt die Reflexe der Fernseher. Sie waberten synchron, und die Musik eines Westerns schwebte träge in der Luft. Der Hund hob das Bein und pinkelte an die Wäschestange. Mit einem schnellen Griff bekam Abel das Halsband in die Hand.

»Komm, Paule«, sagte er, zerrte das sich sträubende Tier zur Küchentür hinein und machte ihm Vorwürfe.

Nach dem Essen stocherte Abel mit der Messerspitze noch auf dem Teller herum und aß die letzten paar Bröckchen auf. Jane saß ihm gegenüber unter der hellen Lampe am Küchentisch. Paul Schmitz schnarchte zwischen Abels Füßen. Auf dem alten schäbigen Plattenspieler lief eine Nummer von Wes Montgommery, Night Train, Abel summte.

»Es hängt von der Tagesform ab«, sagte Jane.

Abel schnitt eine Grimasse. »Alles Komödie«, sagte er. »Die Herren in den schwarzen Talaren. Alles Komödianten. Die Formalitäten, die Anreden, die Beweiserhebungen, die Sprache. Für den Angeklagten ist das alles wie ein Stück von Molière in Paloffs althochdeutscher Fassung. Er versteht die Hälfte nicht und ist der Leidtragende. – Tagesform! Du hast recht. Man sollte das trainieren, wie andere Hochsprung oder Kajak fahren trainieren.« Er stand auf, holte seine Robe, die drei Schritte neben dem Küchentisch an einem Haken an der Wand hing, und warf sie sich über die Schulter.

»Herr Vorsitzender«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. Er lächelte.

»Grundfalsch«, sagte Jane. »Ja nicht lächeln. Bloß nicht! Pathos ja, aber nicht zu dicke. Der Ernst eines Pädagogikstudenten bei seinem Seminarvortrag. Aber Respekt vor dem Gericht.«

»Herr Vorsitzender.« Abel nickte, ohne zu lächeln.

Jane klatschte in die Hand und sagte: »Plädoyer, Abel – die Erste!«

»Hohes Gericht«, fuhr er fort.

»Aus, gestorben!« Jane winkte ab. Abel, der sich mit der linken Faust zwischen den Resten des Mahls auf dem Küchentisch aufgestützt hatte, sah hoch.

»Du musst deine Rolle spielen: nicht zu zaghaft, selbstsicher, so als seist du allein im Besitz der Wahrheit; so als wüsstest nur du, wie die Sache ausgeht.«

»Gott geb’s!« Abel lachte. Er breitete die Arme aus. Die Ärmel seines Talars fielen zurück und entblößten seine kräftigen Arme. Sein T-Shirt war durchgeschwitzt.

»Plädoyer, Abel – die Zweite! Stell dir vor, Schmitz ist der Richter Adler.«

»Hohes Gericht«, begann Abel wieder und nickte gemessen zu seinem Hund hinüber, der vor der Unruhe geflohen war, an der Wand saß, verwirrt seinem Herrn zusah und wegen der Hitze hechelte. »Hohes Gericht«, wiederholte er nach einer Pause, und der Hund spitzte die Ohren. »Da sind wir nun endlich alle zusammen. Das gute alte Triumvirat: Verteidiger, Richter, Staatsanwalt. Und alle lieben wir das Recht, kämpfen für eine bessere Welt. Prima.« Abel nickte und fasste die Aufschläge der Robe.

»Stopp, nein«, rief Jane.

»Nee, lass mal«, antwortete Abel und fuhr fort: »Und vor uns sitzt der Angeklagte Böhm, dieser vorbestrafte Schläger. Aber weil wir gerade beim Recht waren: Ehrlich, wir brauchen den Angeklagten und all die anderen, damit der Staatsanwalt Scheurer etwas anzuklagen hat, damit er dafür sein Gehalt der Besoldungsstufe A 13 kriegt und eine Chance hat, dass es auch noch A 14 und A 15 werden. Das hohe Gericht braucht diesen Angeklagten, damit es was zum Verurteilen hat für das Salär und die Altersversorgung aus der Staatskasse, und der Rechtsanwalt Abel braucht den Mandanten Böhm, damit er was zum Verteidigen hat und sein Honorar bekommt.«

Jane klatschte in die Hände, weil sich Abel verbeugte wie ein Schauspieler nach dem Auftritt.

»Also«, sagte er in nüchternem Ton, »man muss dem Böhm nicht gerade dankbar sein dafür, dass er in Verdacht geraten ist, das Leben eines Menschen ausgelöscht zu haben. Aber ein wenig Vorsicht wär schon recht und die notwendige Sorgfalt beim Verurteilen und Skepsis beim Einsperren. Denn darauf hat jeder einen gesetzmäßigen Anspruch, wenn er in die Maschinerie der Justiz gerät.«

»Sag das morgen. Biggi schreibt das Wort für Wort. Ehrlich.« Ironie zog sich über ihr Gesicht, weil sie wusste, dass Abel sein Plädoyer nie und nimmer mit diesen Worten beginnen würde.

»Ich werd nicht so anfangen«, sagte Abel prompt, »und nicht weil ich ein Feigling bin, sondern weil ich zu gute Karten in dieser Sache habe. Dieses Plädoyer halte ich ein anderes Mal, wenn es um einen echten Desperado geht.«

»Vergiss es. Die Karten sind für die eigenartigen Optimisten jedes Mal gut, Abel.«

»Morgen bin ich der ernste Komödiant in seiner vorgefertigten Rolle. Geschminkt, präpariert, lachend, weinend, bittend, schmetternd – ganz wie’s das Rollenbuch verlangt.« Abel drehte sich im Kreis. Der schwarze Talar wehte um seinen Körper wie ein Rock. Er drehte eine erneute Pirouette und sprang dann mit beiden Füßen auf einen Küchenstuhl. Er schnappte sein Weinglas, hob es an die Lippen und trank es in einem Zug aus. Er schwenkte das Glas und stieß an die Lampe, die in weiten Schwüngen pendelte. Die harte schwarze Kante des Schattens vom Lampenschirm zuckte an den Wänden und Möbeln auf und ab.

»Morgen pack ich ihn«, schrie er, »ich pack den Adler an seinen Krallen. Ich muss gewinnen!« Der Stuhl kippte, Abel stürzte krachend in der Robe auf den Küchenboden.

»Ob das ein gutes Omen ist, Jean Abel?«, fragte Jane.

 

 

Montag, 12. August

 

Ein ebenso klarer und heißer Tag wie bei der ersten Verhandlung gegen Böhm.

Nur tagte diesmal das Gericht in größerer Besetzung. Statt in den schäbigen Räumen des Amtsgerichts, wo am Fließband verurteilt wurde, schickte man sich an, das Recht im Fall Silke Weiß hinter panzerglasgesicherten Eingangstüren zu finden.

Vor der breiten, zweiflügeligen Tür des Saales stand Abel mit den Händen in den Taschen, die Robe vorn offen, in weißem Hemd und modischer Krawatte. Er starrte den kurzen Flur hinunter zum Aufzug. Die Tür öffnete sich gemächlich. Böhm trat heraus, hinter sich einen Wachtmeister, der mit dem Zusammenlegen der Handschellen beschäftigt war. Böhm rieb sich die Handgelenke.

»Da vorn«, sagte der Wachtmeister und schob den Angeklagten vor sich her. Böhm trug einen dunklen Anzug mit großem Revers, braune ausgetretene Schuhe und ein hellblaues Hemd mit buntem Schlips.

»Guten Tag, Herr Böhm«, sagte Abel und gab seinem Mandanten die Hand. Böhm starrte auf die roten Druckstellen an seinen Handgelenken und nickte. Seine Finger glitten hinunter zur Hosentasche, dort zuckten sie zurück, dann verschränkte Böhm seine Arme. Er sah an Abel vorbei in den Verhandlungsraum. Hinter einer abweisenden, dunkel gebeizten Barriere standen, ordentlich aufgerichtet, die fünf gepolsterten Sessel der Richter. Auf dem Tisch die Akten und einige abgegriffene Gesetzeskommentare. Die weiße Wand dahinter, leer. Kein Kruzifix, kein Staatswappen.

»Vor so einem Gericht war ich noch nie«, sagte Böhm leise, als sei er in einer Kirche.

»Lampenfieber?«, fragte Abel. Er spürte selbst ein Ziehen im Magen.

Böhms Augen strichen kurz über Abels Gesicht. »Wie viel krieg ich heute?«

»Freispruch.«

Böhm schüttelte den Kopf. An Freispruch dachte er nicht.

»Und Entschädigung gibt’s.«

»Was?«

»Entschädigung für die zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft, so heißt das amtlich«, sagte Abel, und als er Böhms fragendes Gesicht sah, fuhr er fort: »Es ist nicht viel, was es da gibt, aber immerhin. Eine Prämie für den Freispruch.«

»Den kriegen immer nur die anderen«, sagte Böhm bitter. Man spürte, dass er seinen Verteidiger für einen Fantasten hielt. Abel zuckte mit den Schultern und blickte den kurzen Flur hinunter, weil der Aufzug erneut hielt. Scheurer kam. Wie freitags noch am Telefon abgesprochen, begrüßten sie sich nur kurz mit einem kollegialen Kopfnicken. Der Staatsanwalt nahm hinter seinem auf der Höhe des Gerichts stehenden Tisch Platz und breitete Akten, Schreibzeug und Gesetze aus. Der Aufzug senkte sich wieder zischend, kam zurück, wurde erneut gerufen und hielt. Zusammen mit dem Werkstattmeister Cassel und dem Kfz-Sachverständigen trat Döhring aus dem Lift. Er hatte einen teuren Anzug an. Sein wacher Blick traf auf Abel. Für einen winzigen Augenblick blickten sich die beiden Männer an, dann wandte Abel sich seinem Mandanten zu.

Erneut öffnete sich die Tür des Aufzuges. Drei Personen traten heraus: der Gerichtsmediziner und zwei junge Männer, vermutlich die Kollegen Böhms.

Keine Spur von Völter oder von Ursel Sommer.

Pünktlich, als eine schnarrende Glocke die am Verfahren Beteiligten zusammenrief, so als sei man im Theater, erschien Weiß mit seinem Anwalt, der noch auf dem Flur in seine Robe schlüpfte und Abel im Vorbeieilen die Hand gab. Der Heilpraktiker sah über Abel hinweg und ging in den Saal.

Als Adler an der Spitze des Gerichts erschien, erhob man sich. Die Augen des Vorsitzenden Richters kontrollierten die Situation. »Ach, behalten Sie doch Platz«, sagte er lächelnd und nickte in den Saal.

Dann eröffnete er förmlich, aber mit geschulter Stimme die Verhandlung und bat Scheurer, die Anklageschrift zu verlesen. Als er die Worte ›fahrlässige Tötung‹ ohne jede besondere Betonung zitierte, flüsterte Böhm: »Mein Gott!«

»Freispruch«, raunte Abel dem vor ihm sitzenden Angeklagten zu und drückte mit der Hand dessen Schulter.

Böhms Leberfleckengesicht fuhr zu Abel herum. Die Angst konnte man jetzt deutlich in den Augen flackern sehen. »Ich krieg ’ne Packung wie noch nie«, sagte er tonlos. »Im Knast sagen sie das alle. Die kennen den Richter.«

Abel ging nicht darauf ein.

Scheurer trug das Ermittlungsergebnis vor. Eine knappe Zusammenfassung der allseits bekannten Tatsachen freilich ohne die Früchte der Nachforschungen der Verteidigung zu erwähnen. Adler ließ seinen Bleistift zwischen den Fingern hindurchfallen. Tock.

»Danke, Herr Staatsanwalt«, sagte er.

Scheurer blieb stehen. »Erlauben Sie, Herr Vorsitzender«, sagte er, »dass ich noch eine Erklärung abgebe?«

»Neuigkeiten?« Das Lächeln erlosch auf Adlers Gesicht.

Die Tür des Saales öffnete sich, und Jane Münster trat ein. Mit ihr kam eine mollige junge Frau mit schönen Haaren und hübschem Gesicht. In Journalistenmanier trug sie Notizblock und Kuli sichtbar in der Hand. Biggi. Ein Schatten des Unwillens huschte über das Gesicht des Richters. Biggi ging selbstsicher zur ersten Reihe und setzte sich auf einen der für die Presse reservierten Plätze, die Beine übereinanderschlagend. Jane platzierte sich in Abels Nähe. Sie roch gut nach gutem Parfüm.

»Neuigkeiten?«, fragte Adler noch einmal.

Mit seinem mächtigen Bauch, der sich breit unter der Robe wölbte, wirkte Scheurer stark, als würde ihn nichts aus der Ruhe bringen können. »Ich werde Zeugen in die Sitzung stellen, Herr Vorsitzender«, sagte er.

»Neue Zeugen?« Man merkte, dass der Vorsitzende Richter Überraschungen nicht liebte.

»Ja, es hat sich so ergeben«, antwortete Scheurer, »kurzfristig«, und setzte sich. In der Akte blätternd, entzog er sich dem strengen Blick des Richters Adler. Dafür stand Abel auf und sagte genauso ruhig und sachlich, aber mit respektvollem Gesichtsausdruck, ganz der geübte Komödiant: »Ich habe auch eine Erklärung abzugeben, Herr Vorsitzender.«

Adlers Kopf flog herum. »Bitte.«

»Ich werde ebenfalls versuchen, einen oder zwei Zeugen in die Sitzung zu stellen.« Falls Völter noch kommt, dachte Abel.

»Was heißt versuchen?« Adler legte den Kopf auf die Seite und schaute Abel lange an. Tock, tock, machte sein Bleistift.

Abel biss die Zähne aufeinander. Er hatte Völter immer noch nicht gesehen. »Der Zeuge wird erst noch erwartet«, sagte er vage. Aus dem Augenwinkel sah er Jane eine kurze Geste machen. Er blickte zu ihr hinüber. Sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter.

»Geht es etwas genauer, Herr Verteidiger?«, fragte Adler. Ein kühles, überlegenes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, weil er die Unsicherheit des Anwalts hinter der Fassade spürte.

Abel, der sich schon wieder gesetzt hatte, erhob sich erneut.

»Behalten Sie doch Platz«, sagte Adler.

Abel blieb dennoch stehen. »Ich sage Bescheid, wenn ich den Zeugen benenne. Außerdem liegt noch eine Ladung der Verteidigung vor.«

»Ich kenne die Akten.« Adler lächelte wieder. Er verwies die Zeugen ›in den Abstand‹ sie mussten den Saal verlassen, damit sie später von den vorhergehenden Einlassungen der anderen Zeugen unbeeinflusst aussagen konnten. Darauf folgte ein kurzes Geplänkel, das Abel anzettelte: »Herr Weiß kommt ebenfalls als Zeuge in Frage. Ich habe ihn geladen. Er muss ebenfalls in den Abstand verwiesen werden«, sagte er.

»Nebenkläger«, sagte Bertin und lächelte überlegen, »wir sind Nebenkläger. Der Nebenkläger darf dem Prozess auch dann beiwohnen, wenn er als Zeuge in Frage kommt, im Übrigen wissen wir nicht, wieso das Zeugnis von Herrn Weiß …«

»Eben«, sagte Adler mit sonorer Stimme.

»Eben nicht«, antwortete Abel fest.

»Anderer Ansicht: das Gesetz!« Adler lächelte wieder.

Scheurer erhob sich und erklärte, dass die Staatsanwaltschaft ausnahmsweise der Verteidigung beipflichten müsse, aber das gebiete das Gesetz. Adler packte seinen Bleistift mit hartem Griff und starrte den Staatsanwalt mit strafendem Blick an. Scheurer stand breit und schwer hinter seinem Tisch. Seine schwäbische Sturheit setzte sich durch. »Es ischt no koi Beschluss des Gerichts erganga über die Zulassung der Nebenklage«, sagte er mit tiefer und fester Stimme.

Adlers Augen schlossen sich zu einem Schlitz. Biggi schrieb deutlich sichtbar mit. Der Vorsitzende tuschelte mit seinen Beisitzern. Dann wieder: Lächeln.

»Ich danke für den Hinweis«, sagte er in freundlichem Ton.

»Bitte«, antwortete Scheurer treuherzig und setzte sich. Dann erging schnell der Beschluss über die Zulassung der Nebenklage. Weiß durfte im Saal bleiben. Ein schweres Handicap für Abel und die geplanten Schachzüge. Doch diese gesetzlichen Vorschriften waren nun zu respektieren. Abel und Scheurer hatten das eingeplant auch die Verunsicherung des sonst in Formalien so sicheren Vorsitzenden.

Das Ritual nahm seinen Fortgang. Das Gericht begann mit der Vernehmung des unglücklichen Böhm, der zu Beginn vor Aufregung kaum ein Wort herausbrachte und dann viel zu leise sprach. Abel saß unterdessen gespannt in seinem Sessel hinter seinem vor Furcht zitternden Mandanten. Scheurer schob sich verstohlen ein Eukalyptusbonbon in den Mund und lutschte es unauffällig. Endlich hatte Adler die Vernehmung beendet.

»Weitere Fragen?« Scheurer hielt seine Lippen geschlossen und schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte Abel fast gleichzeitig. Nun fiel Bertin pflichtgemäß über Böhm her, fragte nach Vorstrafen und Lebenswandel, nach technischen Details der Bremsanlage und dem zu verwendenden Spezialwerkzeug. Alle Achtung, dachte Abel, gut präpariert. Als Bertin begann, sich zu wiederholen, stand Abel auf, hob die Hand und sagte: »Einspruch!«

Es gab eine längere Auseinandersetzung um die Zulassung einer an technischen Problemen orientierten zweiten Frage. Abel zwang das Gericht zu einem förmlichen Beschluss. Abels Einspruch wurde abgewiesen. Er hatte ohnehin nur dazu gedient, Böhm eine Verschnaufpause zu ermöglichen.

Bertin setzte umso wütender sein Trommelfeuer fort. Abel hätte es an Stelle des Kollegen ganz genauso gemacht. Er wehrte sich tapfer gegen suggestiv gestellte Fragen, Wiederholungen und Unterstellungen in Frageform.

»Sie haben doch schon eine Abmahnung erhalten, weil Ihnen Fehler unterlaufen sind?«

»Einspruch«, fuhr er wieder dazwischen. Diesmal mit Erfolg. Unzulässiger Ausforschungsbeweis. Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis Böhm aus den Zangen des fragenden Nebenklagevertreters entlassen werden konnte. Freilich war bei der ganzen Aktion nichts weiter herausgekommen, als dass der Angeklagte im Stress gespannter Furcht umfangreich und richtig über die technischen Probleme Auskunft erteilt hatte. Auch ohne Sachverständigen spürte man das. Böhm war erschöpft und außerdem den Tränen nahe.

Nun war es Zeit, den Werkstattmeister Cassel aufzurufen. Durch die Erfahrung im ersten Prozess gewarnt, verhielt sich Cassel vorsichtig und schwächte jede Aussage mit einem ›soviel ich weiß, oder ›soweit ich mich erinnere‹ ab. Seine Kladde mit den Eintragungen der Arbeitsverteilung legte er dem Gericht vor. Abel und Scheurer verzichteten wieder auf Fragen. Und wie schon bei der Vernehmung des Angeklagten, fiel Bertin für den Nebenkläger über den Zeugen Cassel her aber auch hier ohne greifbares Ergebnis.

Adler machte sich seine Notizen, dann rief er den Gerichtssachverständigen Gossart auf. Auch hier dasselbe Bild: die Verteidigung und die Staatsanwaltschaft eher zurückhaltend, mit Akzenten von Desinteresse, und eine langsam ermattende Nebenklage, von Abel hie und da in Scharmützel um die Zulassung von Fragen verwickelt.

Bis zu diesem Zeitpunkt stand es günstigenfalls unentschieden. Das würde Freispruch bedeuten. Aber Cassels Einlassung blieb belastend. Trotz allem Wenn und Aber. Wenn die Richter wollten, konnten sie bei freier Beweisführung, der gesetzlich vorgegebenen Methode, doch zu einem Schuldspruch kommen. Böhms Kollegen standen noch draußen. Es war offen, ob Abel sie vor Adlers Augen so einschüchtern konnte, dass sie die Aussage verweigerten. Aber Abel hatte noch andere Pläne.

»Ich bitte um eine kurze Unterbrechung«, sagte Abel, »fünf Minuten.«

Adler sah auf die Uhr und nickte. »Gut, die Verhandlung wird unterbrochen.«

Abel ging hinaus. Böhm folgte. Er zündete sich mit fahrigen Händen eine Zigarette an. Er roch nach Schweiß. Die Zeugen standen in kleinen Grüppchen auf dem Flur und flüsterten.

»Jetzt geht’s endlich los«, sagte Abel zu seinem Mandanten. Denn er sah Völter, der mit den Händen in der Tasche in der Nähe des Aufzugs an der Wand lehnte und kurz nickte. Abel vermisste Ursel Sommer.

»Da kommt Schwester Uta.« Jane nickte in Richtung Aufzug, aus dem eine hagere Frau mittleren Alters stieg. Ein erster Blickwechsel mit Völter. Die beiden gaben sich die Hand, sprachen aber nicht miteinander.

Böhm rauchte hastig. »Wenn es nur nicht nach hinten los geht.«

Abel lachte und Böhm grinste.

Die Theaterklingel schnarrte.

»Ring frei«, sagte Abel und zwinkerte Scheurer zu, der dicht an ihm vorbei in den Saal ging und so tat, als habe er nichts gehört. Er schmunzelte ein wenig.

Das Gericht trat ein, und alle erhoben sich, obgleich Adler wiederholte, man solle doch Platz behalten.

»Nach unserer Vorstellung«, sagte der Vorsitzende und zog mit seinem Bleistift in der Luft einen kleinen Kreis, der die Richter und Beisitzer umfassen sollte, »nach unserer Vorstellung kämen jetzt die Plädoyers an die Reihe«, es folgte ein kühles Lächeln, »aber die Herren haben noch Zeugen angekündigt …« Sein Blick ging zwischen Abel und Scheurer hin und her.

Scheurer stand auf und rief den Professor Döhring in den Zeugenstand. Der Arzt erschien stocksteif. Seine ersten Worte waren: »Ich verweigere die Aussage. Als Arzt habe ich ein Schweigerecht.«

»Irrtum.« Abel stand auf und sprach zum Gericht: »Uns interessieren die Begleitumstände, nicht die Krankheit von Frau Weiß. Wir wollen wissen, wieso es dazu kam, dass ein Schlauch am Zentralkatheter der Patientin abgelöst war. Blutdruck und Fieberkurve der Patientin interessieren uns nicht, über die Krankheitssymptome dürfen Sie schweigen.«

Ein Blickwechsel zwischen dem Zeugen und der Bank, wo Weiß mit seinem Anwalt saß, entging Abel nicht. Döhring sagte, und es klang wie auswendig gelernt: »Das lässt sich nicht voneinander trennen. Ich muss über Krankheitssymptome und Behandlungsmethoden sprechen, wenn ich Erklärungen zu dem Katheter abgeben soll. In so einem Fall sagt die Rechtsprechung, dass ich nicht zur Aussage gezwungen werden kann.«

Es war klar, von wem das Argument stammte. Abel wehrte sich. »Es kommt auf den Einzelfall an.« Er unterbrach sich, weil Adler mit seinen Beisitzern tuschelte. Dann wandte er sich an Bertin: »Ihr Mandant kann als Erbe seiner verstorbenen Frau den Zeugen von der Schweigepflicht entbinden.«

»Bedaure«, sagte Bertin.

Adler lehnte ab und gab nach kurzer Beratung Döhring recht. Er brauchte nicht auszusagen. Abel fing einen triumphierenden Blick von Döhring auf, der sich sofort höflich beim Gericht bedankte und verabschiedete. Scheurer sah fragend zu Abel hinüber. Der nickte dem Staatsanwalt zu und bat ums Wort.

»Bitte«, sagte Adler.

Abel erhob sich gemessen und fasste seine Robe an den Aufschlägen zusammen. »Ich beantrage die Vernehmung des Herrn Nebenklägers«, sagte er.

»Einen förmlichen Beweisantrag sollten wir schon haben«, sagte Adler, »Herr Verteidiger.« Tock, machte der Bleistift. Adler lächelte in der Gewissheit eines Mannes, der schon tausende von Beweisanträgen von Verteidigern abgelehnt hatte.

»Bitte«, Abel nahm ein Blatt in die linke Hand. Er las aus seinem schriftlich vorbereiteten Antrag: »Zum Beweis der Tatsache, dass der Heilpraktiker Weiß die Tötung seiner Ehefrau, der Silke Weiß, schuldhaft verursacht hat, beantrage ich die Vernehmung des Heilpraktikers Weiß. Er war zum Zeitpunkt des Todes des Mordopfers am Krankenbett.«

Stille im Saal. Adlers Lächeln verdarb. So eine Frechheit war ihm noch nicht untergekommen. Weiß grinste indifferent. Bertin schüttelte den Kopf. Adler drehte den Bleistift zwischen den Fingern, sah Weiß an und registrierte sein Grinsen. Bertin besann sich. Er schnellte hoch und rief: »Einspruch!» Und dann entrüstet: »Das ist doch absurd!» Er begründete seine Auffassung damit, dass der Beweisantrag viel zu unbestimmt sei, um ein klar umrissenes Thema für die Befragung seines Mandanten herzugeben.

Weiß hielt den Blick des Richters nicht aus. Er sah zu Abel hinüber, der immer noch stehend verharrte und mit ernstem Gesicht dem Blick des Heilpraktikers begegnete.

»Ein ehrliches Wort bringt den Prozess voran«, sagte Adler. »Ich weiß nicht, zu welcher Auffassung die Kammer neigt, aber der Vorwurf an die Adresse des Ehemannes des Opfers ist ungewöhnlich und wird durch den bisherigen Verlauf der Hauptverhandlung gegen den Angeklagten Böhm nicht gestützt.«

»Butter bei die Fische«, sagte Abel dazwischen.

»Andererseits«, Adler lächelte in Richtung des Nebenklägers, »könnte es sein, dass sich das Gericht aus rein formalen Gründen daran gehindert sieht, den Beweisantrag der Verteidigung abzulehnen, wenn es zutrifft, dass der Herr Nebenkläger zum Todeszeitpunkt bei seiner Gattin war. Und auf seine Schweigepflicht wird er sich ja kaum berufen können, weil er nicht der behandelnde Arzt war. Sie sind doch nur Heilpraktiker?«, fragte Adler und traf damit unbewusst den Stolz von Weiß.

Man schwieg im Gerichtssaal. Abel stand unerschütterlich und aufrecht hinter seinem Mandanten. Langsam sammelten sich die Blicke auf ihm.

»Vorerst keine weitere Erklärung«, sagte er. Bertin begann mit Weiß zu tuscheln.

»Die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft?«, fragte Adler.

»Ich erwarte eine Entscheidung des Gerichts«, sagte Scheurer gespannt.

»Herr Weiß«, sagte Adler, »stellen Sie sich den Fragen des Gerichts?«

Weiß erhob sich langsam. Bertin nickte ihm aufmunternd zu. Weiß musste sich räuspern, bevor er sagte: »Bitte, ich stehe selbstverständlich zur Verfügung«.

Mit kleiner Geste winkte der Vorsitzende den Heilpraktiker nach vorn. Lakonisch fragte er ihn nach dem Namen, der Adresse, dem Alter, dem Beruf und danach, ob er wegen Eidesverletzung vorbestraft sei. Weiß räusperte sich erneut und beantwortete die Fragen mit gefestigter Stimme.

Adler schwieg. Sein Bleistift fiel zweimal herunter. Böhm schluckte und sah sich irritiert zu seinem Verteidiger um.

»Herr Weiß«, sagte der Richter, »die Verteidigung hat eine schwere Beschuldigung gegen Sie erhoben. Man kann darüber streiten, ob das geschmackvoll ist oder nicht. Nach unserem Recht hat die Verteidigung die Pflicht, unangenehme Fragen zu stellen. Bevor Sie antworten, habe ich Sie darauf hinzuweisen, dass Sie schweigen können und nicht auszusagen brauchen, wenn Sie sich selbst durch Ihre Antwort strafbar machen sollten.«

Wieder eine gemessene Pause. Weiß nickte. Er hatte verstanden. Abel beugte sich vor. Er fixierte den Mann, der mit durchgedrücktem Rücken auf dem Holzstuhl vor. dem Gericht saß und wiederum den Vorsitzenden Richter anstarrte. »Werden Sie aussagen?«, fragte Adler.

»Ja.«

»Nach dem Beweisantrag habe ich Sie zuerst zu fragen, ob Sie am Bett Ihrer Gattin waren, als die Komplikation auftrat.«

»Ja.«

»Wann?«

»Gegen zwei Uhr, ich habe sie sterben sehen.« Das Gesicht des Zeugen Weiß blieb regungslos. »Ich kann das immer noch nicht richtig verarbeiten.«

Weiß sammelte mit dieser leise vorgetragenen Bemerkung Sympathien.

»Und weiter muss ich Sie fragen, ob Sie Ihre Frau … ja, mhm … umgebracht haben, Herr Weiß?« Wieder fiel der Bleistift hinunter.

»Nein.«

»Noch Fragen?«

Abel, der nun an der Reihe war, erhob sich. »Welches Fabrikat benutzen Sie bei Einwegspritzen?«

Pause.

»Sie wollten doch aussagen«, drängte Abel.

Weiß nannte die Marke: »Record.«

»Wissen Sie, welches Fabrikat in der Klinik verwendet wird?«, fragte Abel weiter.

»Nein.«

»Lüer«, sagte Abel. »Es gibt nur zwei Fabrikate auf dem Markt, das wissen Sie?«

Der Blick des Heilpraktikers traf sich mit Abels, ohne dass er antwortete.

»Zwei Marken«, fuhr Abel fort, »Record und Lüer. Ist das richtig?«

Der Rechtsanwalt Bertin stand auf und erhob Einspruch, weil nicht ersichtlich sei, was die Frage soll und was sie mit dem Beweisthema zu tun habe.

Bevor Adler etwas darauf erwidern konnte, zog Abel einen Plastikbeutel aus der Tasche seiner Robe. Er hielt ihn hoch, streckte ihn dem Gericht entgegen. »Ich bleibe die Antwort auf die Frage der Nebenklage nicht schuldig«, sagte er mit ernster Stimme, »diese Einwegspritze hier«, er deutete mit der linken Hand auf den Plastikbeutel, »hat ein Zeuge auf dem Totenbett des Opfers gefunden.«

»Es gibt Millionen Exemplare davon«, sagte Weiß. Er wirkte gefasst.

»Richtig«, sagte Abel mit ruhiger Stimme, »Millionen, doch dieses Exemplar hier unterscheidet sich von allen anderen durch ein winziges Detail.«

»Kein Plädoyer«, ermahnte Adler, dem man nun die Spannung ansah, »stellen Sie Ihre Fragen, Herr Rechtsanwalt.«

»Gut«, Abel nickte. »Hatten Sie vor dem Tod Ihrer Frau eine Auseinandersetzung mit ihr?«

»Nein.«

»Sicher nicht?«

»Nein!«

»Sie haben sich nicht gestritten wegen des Plans Ihrer Frau, Sie zu verlassen und zu einem anderen Mann zu ziehen?«

»Wir haben darüber gesprochen.«

»Ohne Emotionen?« Abel lauerte.

»Mit Emotionen, aber ohne Streit.«

»Aber der Plan Ihrer Frau war Ihnen bekannt?«

»Ja.«

»Seit wann?«

Bertin erhob sich seufzend von seinem Platz und gab seiner Besorgnis Ausdruck, dass hier vonseiten der Verteidigung grundlos im Privatleben des Nebenklägers herumgewühlt würde, dass die Verteidigung bei allem Respekt nichts im Sinn habe, als den Prozess zu verschleppen und von der Schuld des Angeklagten abzulenken.

Abel entgegnete, er forsche nach einem Mordmotiv. Und das sei zulässig. Adler war ungeduldig, aber auch gespannt. Wenn Abel nicht schnell weiterkam, riskierte er, unterbrochen zu werden.

»Herr Weiß«, Abel fuhr fort. Er zwang sich zu äußerer Ruhe, weil er bemerkte, dass der Vorsitzende ihn lauernd beobachtete, »haben Sie sich während der, ja, der Unterhaltung mit Ihrer Frau an dem Katheter in Ihrer Brust zu schaffen gemacht?«

Der laut vorgetragene Einspruch des Rechtsanwalts Bertin gab Weiß Gelegenheit, sich zu sammeln; denn bei Abels Frage war die Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Er streifte mit einem Blick kurz den Verteidiger, der immer noch demonstrativ dastand und den Plastikbeutel mit der Einwegspritze in der Hand hielt.

Adler schnitt mit einer kurzen Handbewegung den Einwurf des Nebenklägers ab. »Herr Abel«, sagte er, »Sie sollten uns die Zusammenhänge nicht vorenthalten. Wir sind nicht in Amerika.«

Abel lächelte. »Gut«, sagte er, »Frau Weiß hat nach meiner Auffassung keinen natürlichen Tod erlitten. Die Todesursache ist zwar korrekt mit ›Herz-Kreislauf-Syndrom‹ umschrieben nicht aber hinreichend präzise. Der Obduktionsbericht ist in diesem Punkt schlampig. Mit einem Wort: Ohne Manipulation an dem Zentralkatheter«, Abel zeigte auf sein linkes Schlüsselbein, »der bei der schwer verletzten Patientin unmittelbar in die Herzarterie verlegt war, um die Versorgung mit Medikamenten und Nährstoffen sicherzustellen, würde Frau Weiß heute noch leben.« Abel machte eine Pause, dann sagte er: »Weiß hat daran gedreht, um es mal leger auszudrücken. Mithin ist der Angeklagte vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freizusprechen.«

Der Nebenkläger schmetterte nur ein Wort: »Beweise?« Er lachte theatralisch.

Tock. Adler sagte: »Herr Weiß, noch einmal: Sie können Ihre Aussage verweigern, wenn Sie meinen, sich strafbar zu machen. Wenn Sie nicht dieser Auffassung sind, dann haben Sie nach unserem Verfahrensrecht zu antworten. Und zwar wahrheitsgemäß.«

»Ich möchte mich mit meinem Anwalt beraten«, sagte Weiß, und Bertin beantragte eine Pause, die gewährt wurde.

Alle standen auf dem Flur. Böhm rauchte nervös. Man unterhielt sich flüsternd. Weiß stand mit seinem Anwalt in der Nähe der Aufzugtür und sprach mit leiser Stimme auf ihn ein. Bertin nickte und antwortete knapp. Dann schnarrte die Klingel.

Weiß nahm seinen Platz vor dem Gericht wieder ein.

»Natürlich habe ich an dem Katheter keine Manipulation vorgenommen«, sagte er dann mit fester Stimme. »Ich bin sozusagen vom Fach, und da weiß man …«

Alles sah nun Abel an, der erneut aufstand. Er zwängte sich hinter seinem Tisch vor und schritt auf den Zeugen zu. Er gab ihm den Plastikbeutel mit der Spritze.

»Kennen Sie diese Spritze?«, fragte er.

Lächelnd antwortete Weiß, dies sei keine normale Spritze, sondern ein Spritzenkolben ohne Nadel. Weil einer dieser Kolben wie der andere aussehe, könne er die Frage nicht beantworten; denn er benutze diese Bestecke zu Hunderten in seiner Praxis.

Abel griff wieder in die Tasche. Er holte den zusammengelegten Katheterschlauch mit dem Ansatzstück heraus, der ebenfalls in einem durchsichtigen Plastiksäckchen steckte.

»Und das?«, fragte er. »Kennen Sie das?«

Weiß sah sich zu seinem Anwalt um. Dann schüttelte er den Kopf. Er warf einen hilfesuchenden Blick zu dem Gericht, doch Adler ließ ihn im Stich.

»Kennen Sie diesen Katheterschlauch, Herr Weiß?«, fragte Abel, immer noch vor dem Zeugen stehend.

Als der Zeuge schwieg, sagte Abel: »Ich will Ihnen helfen. Dies ist der Katheterschlauch, an dem die besagten Manipulationen vorgenommen wurden. Er wurde bei der Leiche Ihrer Frau sichergestellt. Und nun kommt er frisch aus der kriminaltechnischen Untersuchung. Letzte Frage: Haben Sie diesen Katheter berührt?«

Abel ging zum Richtertisch und legte wortlos die beiden Plastiksäckchen vor Adler auf die offene Akte, dann ging er zu seinem Platz und setzte sich. Sein Blick sprang zwischen Weiß und Adler hin und her.

Weiß schwieg immer noch. Seine Lippen hatten sich zu einem farblosen Strich geschlossen.

»Muss ich antworten?«, fragte er schließlich.

»Ja, es sei denn, Sie würden sich strafbar machen«, antwortete Abel an Stelle des Richters in gleichgültigem Ton.

»Meine Frau ist gestorben«, sagte Weiß, »sie war nicht alt, jünger als die meisten hier im Saal, sie ist tot, und ich muss mich all diesen Unsinn fragen lassen?«

»Haben Sie den Katheter berührt?«, fragte Abel beharrlich.

»Nein«, antwortete Weiß schließlich leise.

»Haben Sie einen Ihrer Spritzenkolben in das Krankenhaus mitgenommen?«

»Nein.«

»Und auch keinen solchen Spritzenkolben berührt?«

»Nein.«

»Keine Fragen mehr«, sagte Abel und setzte sich. Er schlug die Beine übereinander und sah Adler herausfordernd an.

»Die Staatsanwaltschaft?«, fragte der Richter ohne Emotion und ließ seinen Bleistift wieder auf den Tisch hinunterfallen.

Scheurer erhob sich und strich die Robe über dem Bauch glatt; dann sagte er mit bedächtiger Stimme, dass er keine Fragen an den Zeugen habe, dass er aber eine Stellungnahme abgeben wolle. Es folgte eine Pause, in der er sich zu seinem Tisch hinunterbeugte und in seiner Akte blätterte so, als habe er den Zettel für ein vorbereitetes Plädoyer verlegt. Schließlich hob er den Kopf und begann: »Hohes Gericht, ich habe festzustellen, dass der Zeuge Weiß ausgesagt hat, dass er den Zentralkatheter, der bei seiner Frau angelegt war, nicht berührt hat, dass er den Spritzenkolben nicht in das Krankenhaus gebracht hat und auch einen solchen nicht berührt hat, und weiter, dass er sich mit seiner Frau kurz vor deren Tod nicht gestritten habe.«

Adler nickte.

»Die Staatsanwaltschaft«, fuhr Scheurer fort, »hat auf Anregung der Verteidigung«, Abel nickte vor sich hin, »weiter ermittelt, wie ich dem Herrn Vorsitzenden bei einem kurzen Telefongespräch mitteilen konnte, weil mir zunächst aufgefallen war, dass sowohl vonseiten des Krankenhauses, aber auch vonseiten des Herrn Weiß eine Obduktion der Leiche des Opfers nicht veranlasst worden war. Wir haben das sozusagen in letzter Minute nachholen können.«

»Punkte sammeln«, dachte Abel und lächelte vor sich hin. Er beobachtete, wie Böhm, der vorher noch zusammengesunken mit gefalteten Händen auf der Anklagebank gesessen hatte, sich nun aufrichtete und aufmerksam lauschte. Biggi schrieb eifrig. Jane hielt ihre Handtasche auf dem Schoß mit beiden Händen, als drohte sie herunterzufallen.

»Und das Ergebnis?«, fragte Adler, der seine Akten kannte. »Das Ergebnis, wie wir es schriftlich haben, heißt doch, wenn ich es richtig sehe: Kreislaufversagen?«

Jetzt lächelte Scheurer und sagte: »Scho recht, aber mr hot nachgreifa missa.« Dann fuhr er wieder in der Amtssprache fort, dass er nun als Zeuge den Obduzenten zum Beweis der Tatsache benennen müsse, dass Silke Weiß einer Luftembolie zum Opfer gefallen sei.

Schweigen. Es dauerte eine Weile, bis der Bleistift des Vorsitzenden Richters wieder auf dem Tisch klopfte.

Da fuhr Rechtsanwalt Bertin dazwischen. »Auf diesen Beweisantritt kommt es nicht an, Hohes Gericht, denn selbst wenn sich als unmittelbare Todesursache eine Luftembolie ergäbe, wäre der Angeklagte für den Tod der Silke Weiß verantwortlich, denn er hat die Ursache für das Leiden des Opfers gesetzt, indem er die Bremsleitung fehlerhaft verschraubte. Ob das Opfer schließlich an einem Sturz aus dem Krankenbett um es flapsig zu sagen stirbt oder an einem Kunstfehler, ist gleichgültig. Dies bedeutet keine wesentliche Abweichung vom Kausalverlauf. Sogar wenn der Klinik ein Kunstfehler unterlaufen wäre.«

Abel nickte. Das juristische Argument von der unmaßgeblichen Abweichung vom Kausalverlauf hatte er kommen sehen.

Abel konterte. »Wer spricht hier von Kunstfehler?«, fragte er, ohne seine Haltung mit den übergeschlagenen Beinen zu verändern. »Ich rede von heimtückischem Mord! Damit hat mein Mandant nichts zu tun. Er war nicht in der Klinik.«

»Herr Verteidiger!«, ermahnte Adler. Dann fuhr er fort, an Bertin gerichtet: »Hören wir den Sachverständigen!«

Der Obduzent kam herein, vom Lautsprecher aufgerufen. Er hatte Gerichtserfahrung und spulte seine Daten stramm herunter, ohne dabei zu überlegen. Adler machte ihn mit dem Beweisthema vertraut, und der Sachverständige begann zu berichten, dass man die Obduktion bedauerlicherweise unter Zeitdruck habe ausführen müssen und das nun der Staatsanwalt habe mit ihm bereits ausführlich darüber gesprochen Bedenken aufgekommen seien.

»Berichten Sie uns doch bitte, Herr Professor«, sagte Abel mit boshafter Freundlichkeit, »das Gericht sollte sich auch ein Bild von der Sache machen.«

»Aber bitte doch«, kurzes, freundliches dienern, »wir mussten ein Kreislaufversagen feststellen.«

»Ah, ja, genauer?«, fragte der Richter.

»Oh, wissen Sie, das ist beileibe kein so eindeutiger Begriff, wie man es von den exakten Naturwissenschaften kennt. Da fallen eine ganze Menge Syndrome drunter, und man benutzt den Begriff wissenschaftlich eher, na, sagen wir generalisierend … Man will oft keine Unsicherheiten stiften, verstehen Sie?«

»Nein«, sagte Abel dazwischen, der gar nicht an der Reihe war.

»Das ist Medizinerrotwelsch, wenn Sie mich fragen, haha«, der Gutachter nickte Abel kollegial zu.

»Ich möchte die genaue Diagnose hören«, sagte Adler mit klarer Stimme.

»Nun, auch das ist oft schwierig, selbst bei einer Obduktion. Wir haben ein wenig schaumiges Blut in den Herzkammern festgestellt, das ist richtig, und daran erinnere ich mich noch.«

»Das bedeutet?«

»An sich eine Luftembolie.«

»An sich?«

»Ja, das ist heute so selten, dass man es fast ausschließen kann. Und es waren ja vonseiten des Krankenhauses keine Verdachtsmomente mitgeteilt worden, auch nicht von der Staatsanwaltschaft. Sonst hätte man die Leiche unter Wasser geöffnet …«

»Wozu?«

»Dann hätte man definitiv die Luftbläschen feststellen können, die dann aus dem Herzen aufgestiegen wären.« Der Gutachter sah sich um, so, als suche er nach beifälligen Mienen. Er fuhr fort: »So meinten wir es vernachlässigen zu können, bei der klaren Sachlage in diesem Fall …«

»Sie können also zumindest nicht ausschließen, dass eine Luftembolie zum Tode führte?«, fragte Abel. Er erhielt sofort einen Verweis des Gerichts, denn jetzt war er noch nicht zur Frage berechtigt.

»Ausschließen kann man das sicherlich nicht, es ist sogar durchaus möglich …« Der Mediziner dienerte wieder zu dem Gericht hin. »Wegen des schaumigen Bluts im Herzmuskel.«

»Was ist möglich?«, frage Adler streng.

»Nun, dass der Tod durch eine Luftembolie bewirkt wurde.«

Scheurer und Abel verzichteten auf ihr Fragerecht. Bertin bohrte dagegen weiter, musste sich aber belehren lassen.

»Wir verhandeln hier nicht gegen Herrn Weiß«, sagte Adler, »folglich brauchen wir keine definitive Sicherheit. Der Verteidigung reichen Zweifel, wenn ich das richtig sehe.«

Abel nickte.

Der Obduzent wurde entlassen. Man sah ihm an, dass er froh war, den Gerichtssaal verlassen zu dürfen. Von der Tür her nickte er aber allen Beteiligten noch einmal zu.

Scheurer erhob sich.

»Wieder eine Erklärung?«, fragte Adler.

»Ja«, Scheurer nickte. Er griff wieder nach seiner Akte. »Wir sind in der Lage zu beweisen, dass die Einlassungen des Nebenklägers«, er zeigte nun mit dem Finger auf Weiß, der an den Lippen nagend auf seinem Platz saß, »falsch sind …«

Adler schwieg. Tock, tock.

»Und zwar in drei Punkten: Erstens hat Weiß den Spritzenkolben, den der Verteidiger dem Gericht übergeben hat, berührt. Zweitens hat er den Katheterschlauch berührt und zwar am Anschluss zum Körper hin. Diese beiden Punkte werde ich durch das Sachverständigengutachten des wissenschaftlichen Angestellten Mauer vom Landeskriminalamt beweisen. Drittens hat er sich entgegen seiner Aussage am Krankenbett sehr heftig mit seiner Frau gestritten. Hierzu kommt das Zeugnis der Krankenschwester Uta Rammert. Den Sachverständigen und die Zeugin stellt die Staatsanwaltschaft in die Sitzung.«

Der Vorsitzende Richter Adler rollte lächelnd den Bleistift zwischen den Handflächen, dann fragte er: »Und vorher war keine Zeit für eine Ankündigung? Sie wissen, dass das Gericht Überraschungen nicht liebt. Wir sind nicht in den USA, um das zu wiederholen.«

Abel stand auf. Er spürte, wie sich die Augen des Richters auf ihn richteten. »Ich war es, der um Vertagung des Termins gebeten hat«, Abel zeigte auf seine Brust, »ich habe Ermittlungen angekündigt. Wir wollen hier nicht vertiefen, dass und warum das Gericht nicht von seinem Junktim zwischen kurzfristigen Terminen und Untersuchungshaft herunterwollte.« Dann dachte er an die Punkte, die der Staatsanwalt Scheurer brauchte. »Wir haben es der Staatsanwaltschaft zu verdanken, dass sie aufgeschlossen die Anregungen der Verteidigung aufnahm und ermittelte, nachdem das Gericht nicht erreichbar war. Nur so kam es zu den ›Überraschungen‹, die die Kammer nicht liebt.«

Der Vorsitzende Richter Adler war nicht der Mann, der sich unvorbereitet und vehement in einen Streit verbiss. Es gab bessere Gelegenheiten, diesen Strauß auszufechten. Gelassen rief er den LKA-Sachverständigen vor die Schranken des Gerichts, der seine Aufzeichnungen mitbrachte und in kurzen Worten darstellte, dass die Fingerabdrücke von Weiß auf dem Spritzenkolben und auf dem Plastikschlauch des Katheters zweifelsfrei zu identifizieren waren, wenn es zutreffe, dass die Abdrücke auf einem ihm zu Vergleichszwecken übergebenen Füller mit Tintenpatrone von Weiß stammten.

Der Vorsitzende Richter entließ den Sachverständigen, nachdem die anderen Beteiligten ihre Fragen gestellt hatten.

Bemerkenswert war, dass die Nebenklage es nach kurzer Beratung unterließ, anzuzweifeln, dass Weiß den Füller berührt habe. Adler sah auf die Uhr. Er sah wie ein Patriarch über die Anwesenden hinweg. »Es ist nun elf Uhr fünfunddreißig. Wir sollten die Mittagspause auch einkalkulieren, meine Herren.« Die Damen im Saal gingen ihn nichts an.

Abel stand auf. »Es bleibt nicht mehr viel zu tun bis Mittag«, sagte er, »mein Plädoyer wird kurz werden, vielleicht kommen wir noch durch.« Abel lächelte süffisant. »Ich möchte nur noch einen Zeugen hören, auf dessen Aussage ich ebenso gespannt bin wie die Staatsanwaltschaft und das Gericht: Den ehemaligen Stationsarzt Dr. Völter, der uns aus unmittelbarer Kenntnis über die Vorgänge vor und nach dem Todeskampf der Silke Weiß berichten wird.« Abel stellte nun förmlich seinen Beweisantrag, dem das Gericht mit einem entsprechenden Beweisbeschluss folgte. Völter wurde aufgerufen.

Er trat ein. Im Saal war inzwischen die Luft stickig geworden. Die Sonne schien in weiten Lichtbahnen zwischen die Zuschauerbänke.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte Adler und wies auf den Stuhl vor sich.

Völter setzte sich mit geradem Rücken hin. Der Richter belehrte ihn über seine Wahrheitspflicht und über Inhalt und Grenzen seines Aussageverweigerungsrechts als Arzt. Völter nickte und verschränkte die Arme.

»Der Herr Nebenkläger kann den Zeugen generell von seiner Verschwiegenheitspflicht entbinden«, sagte Adler.

Bertin fuhr herum und redete mit wispernden Sätzen auf seinen Mandanten ein. Weiß schüttelte den Kopf.

»Nein, es ist alles so sinnlos!«, sagte Weiß schließlich.

»Sie entbinden nicht?« Bertin war verblüfft.

»Er kann aussagen, was soll’s?« Weiß lächelte müde und stützte den Kopf in die Hände.

»Gut.« Adler sah zu dem Protokollführer hinüber, so als müsse er sich vergewissern, dass auch alles notiert sei, dann erklärte er dem Arzt, worum es hier ging. Völter nickte. Die Tür zum Saal öffnete sich einen Spalt. Ursel Sommer trat ein.

»Ich war im Margarethen-Hospital Stationsarzt, zuletzt auf der Intensivstation«, begann Völter mit ruhiger und fester Stimme, »Frau Weiß wurde mit einer Milzruptur eingeliefert, die operiert und versorgt wurde. Danach kam sie zu mir auf die Station. Wir haben den Krankheitsverlauf medizinisch im Griff gehabt. Frau Weiß war auf dem Wege der Besserung. Sie erhielt oft Besuch von einem jungen Mann, Ruop hieß er, glaube ich, der zärtlich zu ihr hielt. Ihr Mann kam nur zweimal, zuletzt praktisch während sie starb. Es gab eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten.«

»Heftig, sind Sie sich sicher?«, fragte Adler dazwischen.

»Ich bin extra hinein und habe Herrn Weiß gebeten, seine Frau zu schonen und zu gehen.«

»Ist er gegangen?«

»Nein. Er ist ja sozusagen Kollege. Ich habe ihm gestattet zu bleiben, nachdem er versprach, sich zu beherrschen.«

»Setzte er den Streit fort?«

»Nein, an sich nicht. Frau Weiß rief nur noch einmal etwas, und dann gab es Alarm. Wissen Sie, wir haben die Intensivpflegefälle an Monitoren hängen, die sofort Alarm geben, wenn beispielsweise der Kreislauf außer Kontrolle gerät, der Blutdruck abfällt oder etwas Ähnliches. Und das war bei Frau Weiß der Fall.«

»Einfach so der Kreislauf?«, fragte Abel dazwischen.

»Da rennt man zunächst wie ein Wilder, wenn Alarm kommt, da interessiert nicht, warum, bevor man den Patienten und die Instrumente vor sich hat.«

»Was haben Sie bei Frau Weiß festgestellt?«, fragte Adler. Er beugte sich vor, um dem Zeugen ins Gesicht zu sehen.

»Kreislauf auf den ersten Blick. Aber dann habe ich sofort gesehen, das der Anschluss zu dem Zentralkatheter offen war. Hier«, er zeigte auf sein linkes Schlüsselbein, »wird ein zentraler Katheter gelegt, an den man oft sogar mehrere Versorger anlegt. Ein Tropf für die Ernährung, ein anderer für die Medikamentierung. Und nun war die Verbindung zwischen dem Katheter und dem Schlauch unterbrochen.«

»Das bedeutet?«, fragte Adler.

»Das heißt, dass das Herz nun durch die eigene Pumptätigkeit Luft zieht, wenn der Patient, wie Frau Weiß, mit dem Kopf erhöht liegt.«

»Im Klartext?« Scheurer redete nun dazwischen. Ihn ermahnte der Richter nur mit einem Blick von der Seite.

»Im Klartext? Luftembolie! Eine gefährliche Komplikation, die schnell zum Tode führt.« Völter hielt inne, weil er bemerkte, welche Betroffenheit seine Aussage in dem Saal hervorrief.

Weiß beugte sich vor. Er hatte die Fäuste vor dem Mund zusammengepresst. Sein Anwalt schwieg.

»Weiter«, sagte Adler endlich.

»Wir haben dann sofort die Reanimation eingeleitet.« Völter hob die Schultern und sah sich um. »Wir haben verloren«, sagte er dann.

»Wer ist ›wir‹?«

»Zunächst kam eine Schwester, es war Schwester Uta, dann Professor Döhring. Wir haben eine halbe Stunde gekämpft.«

»Und der Anschluss des Katheters?«

»Ich habe ihn sofort verschlossen«, sagte Völter.

»Weitere Fragen?« Adler blickte sich um.

»Mein Zeuge«, sagte Abel nun, der nach der Prozessordnung erst seine Fragen stellen durfte, wenn das Gericht, dem die Verhandlungsleitung im Prozess obliegt, fertig war.

Adler nickte und sagte: »Es sei Ihr Zeuge, Herr Verteidiger.«

»Die Gretchenfrage.« Abel erhob sich wieder umständlich und lächelte Völter an: »Warum war der Katheter ab? Sie wissen, dass Sie die Wahrheit sagen müssen.«

»Nur dann, wenn Sie sich strafbar machen würden, dürfen Sie schweigen«, unterbrach der Vorsitzende. Er nahm die gesetzliche Pflicht zur Belehrung der Zeugen sehr ernst.

Völter schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »ich mache mich nicht strafbar; nun zu Ihrer Gretchenfrage«, er wandte sich Abel zu, »ich weiß nicht, wer die Verbindung zwischen Schlauch und Katheter gelöst hat. Nur eines weiß ich: Sie war vor dem Besuch von Herrn Weiß intakt. Ich habe das kontrolliert, als ich bei Frau Weiß vorbeischaute. Die Schwester, wenn Sie die meinen, die trifft keine Schuld.«

»Bleibt Weiß«, sagte Abel.

Achselzucken. »Ich habe nicht gesehen, dass Herr Weiß die Verbindung gelöst hätte.«

»Aber?« Abel sah den Zeugen unverwandt an. »Aber?«, wiederholte er.

»Was aber?«

»Was haben Sie nach Abbruch der Reanimation beobachtet?«

»Herr Weiß …« Völter deutete über die Schulter zum hinter ihm sitzenden Nebenkläger. »Weiß war sehr blass und wirkte förmlich in sich zusammengefallen. Er saß schwer atmend auf seinem Stuhl. Plötzlich sprang er auf und wollte sich einmischen, helfen. Da habe ich ihn mit Nachdruck bitten müssen, den Raum zu verlassen. Herr Weiß blieb auf dem Flur. Er hatte sicherlich alles mitbekommen. Zu den einzelnen Zimmern gibt es bei uns auf der Intensivstation keine Türen, nur Paravents. Ich habe ihm dann kondoliert. Er hat kurz darauf mit dem Chef noch zwei Worte gewechselt und ging dann an das Totenbett. Ich habe ihn beobachtet, ohne dass er mich sah.«

»Warum?«, fragte Abel.

»Es war einerseits so ein Gefühl. Ja, und andererseits war da noch die Sache mit dem Spritzenkolben, den ich gefunden habe.«

»Wo?«

»Im Bett des Opfers – genauer gesagt, unter der Decke, die ich zurückwarf, als ich mit der Wiederbelebung begann. Da fiel mir dieser Spritzenkolben auf, der unter der Decke gelegen hatte.«

»Sie haben dann den Spritzenkolben sichergestellt?«

»Ja, weil er aus einer anderen Fabrikation stammt als unsere, die wir in diesem Krankenhaus verwenden.«

»Sind beide Systeme nicht miteinander vereinbar?«

»Nur umständlich, mit einem Adapter.«

»Und einen Adapter haben Sie nicht gefunden?«

»Nein.«

»Werden solche Adapter bei Ihnen benutzt?«

»Nein.«

»Und was geschah mit den restlichen Teilen?«

»Die habe ich auch mal vorsichtshalber in Plastikfolie eingepackt, beim Abbauen.«

»Herr Verteidiger, gestatten Sie mir eine Frage«, sagte Adler und ließ seinen Bleistift fallen. Welch ein neuer Ton! »Was die Kammer interessiert, ist: Was haben Sie gesehen, als Herr Weiß zu seiner toten Frau ging und Sie ihn beobachteten?«

Völter wartete einen Augenblick, bevor er antwortete. »Dass er der Toten noch nicht einmal ins Gesicht gesehen hat. Ich habe ihre Augen erst später geschlossen. Er hat das Bett abgesucht. Fieberhaft das Bett abgesucht, so als vermisse er etwas kolossal Wichtiges.«

»Den Spritzenkolben?«

»Vermutlich.«

»Da schien es Ihnen angebracht, die Beweismittel sicherzustellen. Fühlen Sie sich als Detektiv?« Adler lächelte dünn.

»Nein, es ging nur darum, dass mir später keiner mit einem Kunstfehler kommt. Aber ich habe dann sowieso den Dienst quittiert in dieser Klinik.«

»Aha? Daher die Zurückhaltung bei der Obduktion?«

Völter hob die Schultern. Man sah ihm an, dass es ihm egal war, was man über das Krankenhaus dachte. »Wissen Sie, ich habe mir in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht, bevor ich hierhergekommen bin. Ich steige in diesem Fall nicht durch. Ich kenne auch die Beteiligten nicht so genau. Vielleicht ist der Herr Weiß gekommen und hat seinen Spritzenkolben mitgebracht und irgendein Medikament, das er durch den Zentralkatheter seiner Frau hat spritzen wollen. Da gibt’s viel, homöopathisches Zeugs, Naturheilmittel oder Insulin für einen hypoglykämischen Schock oder Adrenalin, andere körpereigene Substanzen. Ich weiß nicht, ob er seiner Frau helfen oder ob er sie töten wollte. Es geht mich nichts an. Und als er die Verbindung gelöst hatte, bemerkte er vielleicht erst, dass das ein anderes System war, und in diesem Moment hat das Herz schon Luft gezogen, der Alarm fing an, das dauert ja keine zwanzig Sekunden, und ich bin gerannt gekommen. Ich meine sogar, dass ich mich daran erinnere, dass Weiß in diesem Moment etwas unter die Bettdecke geschmuggelt hat, als ich hereinstürzte. Vielleicht bin ich nur deshalb stutzig geworden«, Völter hob wieder die Schultern und lächelte. »Es ist nicht meine Sache, das herauszufinden.«

Der Vorsitzende Richter sagte zu Abel: »Ihre Fragen.«

Abel schüttelte den Kopf, und auch Scheurer verneinte.

»Nebenkläger?«, fragte Adler.

Bertin drehte sich zu seinem Mandanten um, der mit leerem Blick auf seiner Bank kauerte. Weiß schüttelte schwach den Kopf.

»Nein«, antwortete der Anwalt.

Adler entließ den Zeugen Völter, der mit schnellen Schritten zu seiner Freundin ging und sich neben sie setzte.

»Tja, neue Gesichtspunkte in Hülle und Fülle«, sagte Adler schließlich und sah auf seine Uhr. »Mittag«, fügte er hinzu und blickte in die Runde. »Ich fürchte, wir werden jetzt unterbrechen müssen.«

Doch Abel wollte das Eisen schmieden, solange es heiß war. Er klopfte Böhm auf die Schulter und schnellte hoch. »Ich beantrage nun«, sagte er, »dass wir die Beweisaufnahme schließen und zu den Schlussvorträgen kommen. Das geht bei dieser klaren Sachlage noch vor dem Essen. Mein Plädoyer wird kurz sein. Ich beschränke mich auf den Antrag: Freispruch!«

»Wir könnten zumindest Herrn Weiß noch einmal fragen, bevor wir eine Entscheidung herbeiführen«, sagte Adler.

Der Heilpraktiker schwieg, er schüttelte wieder stumm den Kopf.

»Ich wiederhole mich, weil das Gesetz es mir vorschreibt«, sagte Adler, »Sie brauchen keine Aussage zu machen, wenn Sie befürchten, sich selbst strafbar zu machen …«

Weiß schüttelte erneut den Kopf. »Ich will nicht, und es ist auch sinnlos«, sagte er dann.

»Gut, es wird nicht über Herrn Weiß verhandelt. Das bleibt einer anderen Kammer, so hoffen wir, vorbehalten«, sagte Adler, »wir behandeln den Fall Böhm.« Adler ließ den Bleistift wieder auf den Tisch klopfen. »Freispruch? Freispruch fordert die Verteidigung?«

»Ja, Freispruch«, antwortete Abel mit fester Stimme. Er spürte, dass er zu schwitzen begann. So kurz vor Schluss flatterten ihm plötzlich doch die Nerven. Er sah zu Jane hinüber.

»Einstellung?« Die Frage des Gerichts war an die Staatsanwaltschaft gerichtet. »Wie wäre es mit einer Einstellung des Verfahrens nach § 153 a StPO?«

Jetzt kommt das dicke Ende, fuhr es Abel durch den Kopf. Adler begann, ihn unter Druck zu setzen.

Scheurer erhob sich. Ein Blickwechsel mit Abel. Scheurer musste erst Luft holen, bevor er begann. »Einstellung, da stimme ich zu, so wie das Verfahren im Augenblick steht, und ich fordere nur eine geringe Buße von hundert Euro für den Angeklagten als Auflage und rege an, dass das Gericht seine notwendigen Auslagen der Staatskasse auferlegt sowie die Gerichtskosten.«

»Nein!« Abel fuhr auf. »Nein, nach alldem verlange ich einen Freispruch«, rief er in den Saal. Da spürte er, wie sich der Böhm an den Ärmel seiner Robe klammerte und ihm zum ersten Mal voll ins Gesicht sah.

»Nur keinen Freispruch, Mensch, nur keinen Freispruch«, bettelte er, »ja nicht diese Einstellung ausschlagen, bei einer Einstellung des Verfahrens weiß man, woran man ist.«

»Keinen Cent Entschädigung gibt’s für die U-Haft«, zischte er seinem Mandanten zu, »keinen Cent, wenn die einstellen. Und einen Hunderter kostet es.«

»Ich will nur raus, nix wie raus«, flüsterte Böhm mit flehendem Ton.

Eine lange Pause. Abel wusste, dass das Gericht im Grunde keine andere Wahl hatte, als Böhm in allen Ehren vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freizusprechen. – Doch vor Gericht und auf offener See ist man in Gottes Hand, sagen die Leute. Abel schloss die Augen. Es war schwer für ihn, diese Kröte zu schlucken. Dann sagte er: »Einverstanden. Einstellung gegen hundert Euro an eine wohltätige Organisation in zwei Raten und die Gerichts- und Verteidigerkosten übernimmt die Staatskasse.« Scheurer nickte Abel aufmunternd zu, bevor er seinen Kuli ergriff, um den Einstellungsbeschluss zu notieren, den Adler kurz darauf verkündete: Kosten trägt der Staat. Abel war sein Honorar sicher. Aber darum war es ihm schon lange nicht mehr gegangen. Er sah hinüber zu Weiß, der seinen Blick nicht hob.

Der Haftbefehl gegen Böhm wurde sofort aufgehoben. »Hätte man das Gericht frühzeitig informiert«, sagte Adler mit verkniffenem Mund, »hätte der Angeklagte schon früher in Freiheit gesetzt werden können.« Abel schüttelte den Kopf. Weiß klopfte Bertin auf die Schulter, stand auf und ging zur Tür.

»Halt«, rief Scheurer mit lauter Stimme, »Wachtmeister!«

Der alte Mann in der grünen Uniform des bayrischen Justizdienstes, der Böhm von Stadelheim hierhergeschafft hatte, erhob sich von seinem Stuhl nahe der Tür. Er kam heran und fragte: »Herr Staatsanwalt?«

»Nehmen Sie diesen Mann dort fest«, Scheurers Zeigefinger deutete auf Weiß. »Verdacht auf Mord und frische uneidliche Aussage. Zum Haftrichter. Ich komme nach dem Essen.«

Punkte sammeln, dachte Abel. Erleichtert räumte er seine Akten zusammen.

Jane trat mit Biggi zu ihm.

»Danke, ihr zwei«, sagte Abel. »Ich habe Lust, einen auszugeben.«

 

 

ENDE

 

 

 

Nachwort

 

»Noch Zweifel, Herr Verteidiger« ist der vierte Abel-Roman. Vorläufig sind ihm noch drei weitere Krimis gefolgt: »Der Dienstagmann«, »Notwehr« und »Der Richter und das Biest«, sowie der Erzählungsband »Das Netz hat manchmal weite Maschen«. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung der Abel-Reihe. Wer weiß?

Für die Neuauflagen meiner Romane, die nicht in der ursprünglichen Reihenfolge erscheinen, habe ich jeden Text eingehend überarbeitet und wesentliche Änderungen vorgenommen.

In jedem meiner künftig erscheinenden Abel Romane werde ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Hintergründe über Abel, seine Freunde, seine Fälle, die Filme, die Schauspieler und Regisseure und vieles mehr. Erwarten Sie keine systematische Darstellung, nur eben eine Plauderei.

 

 

Heute: Wie Abel auf die Welt kam

 

Eigentlich habe ich nie Autor werden wollen. Aber geschrieben habe ich schon früh. Das ganze artete dann nach der Pubertät in Liebesgedichten aus. Der Höhepunkt an Peinlichkeit war der Zyklus »Elegien für ein Mädchen«, geschrieben für eine niedliche Schülerin des Nachbargymnasiums. Sie hatte einen guten Geschmack und zerriss mein Oeuvre in der Luft. Wir ›gingen‹ dennoch ein paar Monate miteinander. Ich dichtete heimlich weiter. Wechselte die Themen. Gedichte über Natur und Politik waren das Resultat.

Ein kleiner Verleger erhielt eines Tages völlig unvorbereitet von mir die Gedichte zugeschickt. Der Schock saß so tief, dass er mehr als ein halbes Jahr brauchte, bis er mir in einem langen Brief die Aussichtslosigkeit meines Ansinnens erklärte – ja Sie lesen richtig, damals gab es Verleger, die Manuskripte nicht mit dem Hinweis zurückschickten, das Werk passe nicht ins Programm. Am Schluss des sehr ehrlich gehaltenen Schreibens riet er mir, etwas Vernünftiges aus meinem Leben zu machen, bloß nicht Autor zu werden, mindestens aber eine schöpferische Pause einzulegen und vielleicht später mal wieder zur Feder zu greifen. Ich war derartig wütend, dass ich den Brief sofort zerriss. Schade. Soweit ich mich erinnere, war er wirklich sehr offen gehalten.

Ich schrieb fortan Aufsätze für die Schule und an der Uni Klausuren und eine Doktorarbeit, aber nie mehr Gedichte. Es gibt nur eine Ausnahme, nämlich ein gefaltetes Poem, das ich Aleksander Blok zuschreibe – in einem Drehbuch, in dem ich für die Story ein gefaketes und kein echtes Gedicht brauchte. Weil ich es nicht übers Herz bringe, meine Postpubertätsgedichte zu vernichten, habe ich sie sorgfältig versteckt.

Ich studierte zwischen 1968 und 1972. Da las man Marx und Markuse, Engels und Adorno, weniger lyrische Autoren. Erst nach dem Studium fing ich wieder an, heimlich Prosa zu schreiben; nun, sagen wir vielleicht besser: Schreibübungen zu machen. Diesmal in einem anderen Genre.

Ich las gerne Krimis. Die Amerikaner, Schweden und natürlich Simenon. Bloß bei Agatha Christie habe ich es nie über die Dreißig-Seiten-Marke gebracht. Aber in den anderen Krimis entdeckte ich einen direkten Zugang zu Menschen, Tätern, Opfern, bei den Schweden auf ihr soziales Umfeld, und eine schnörkellose Sprache ohne die Gespreiztheit der langsam abgenutzten Avantgarde.

Und noch was. Krimis waren beim Establishment verpönt. Und wenn jemand sich gerne mit dem Establishment in die Haare bekam, egal auf welchem Gebiet, dann waren es die Ex-68er. Krimis waren damals in Deutschland geliebt und verpönt. Geliebt von einer zunehmenden Zahl von Lesern und Fernsehguckern, verpönt beim Bildungsbürgertum, besonders aber deren literarischem Sprachrohr, der Kritik. Marcel Reich-Ranicki ist immer noch stolz darauf, dass er Krimis nicht zur Kenntnis nimmt. Die einflussreichen Blätter sahen damals einfach über das Genre hinweg. Gerade deswegen hat mich der Krimi interessiert. Die Bildungsbürger haben nämlich schon häufiger über interessante Literatur hinweggesehen.

Und dann kommt noch hinzu, dass gute Krimis immer davon erzählen, wie Menschen eine ungeheuerliche Grenze überschreiten, nämlich das Tötungsverbot. Egal wie die Krimis geschrieben sind, ob als Whodunit oder als Whydunit oder als Thriller, sie erzählen extreme Geschichten, mitten im Alltag, berichten über Menschen in extremen Situationen, die diese Geschichten durchmachen – bis zum tödlichen Ende. Deswegen finde ich, von Ausnahmen wie »Schweigen der Lämmer» abgesehen, Storys über durchgeknallte Massenkiller langweilig. Meine Lieblingstäter sind die Bürger, die zu Brandstiftern werden.

Und dann muss man noch wissen, dass Krimis nicht nur ein düsteres und extremes Genre, sondern auch ein, milde gesagt, konservatives, früher hätte man sogar gesagt reaktionäres, bilden. Denn am Anfang steht die ungeheuerliche Gewalttat, der Mord, die Welt gerät in Unordnung, die Staatsgewalt tritt sodann, meist in Gestalt eines Polizisten, in Erscheinung, ermittelt clever und manchmal schrullig, und am Schluss wird der Fall gelöst. Die Ordnung ist wieder hergestellt. Weil das im richtigen Leben nicht so oft passiert, ist der Leser oder die Leserin zufrieden, schließt das Buch und legt sich beruhigt schlafen. Insoweit haben Krimis am Ende auch einen psychologischen Verdrängungseffekt.

Also Krimi. Ich begann mit Kurzgeschichten. Trainingsrunden. Nie veröffentlicht.

Inzwischen gab es den »NDK«, den »Neuen Deutschen Kriminalroman«. Deutsche Krimis spielten plötzlich nicht mehr im nebligen London oder den Häuserschluchten von Manhattan. Das Genre war hierzulande angekommen. Und es erzählte deutsche Geschichten. Die Neuen wurden wegen ihrer sozialkritischen Sicht auf die Dinge von den einen gefeiert, von anderen wurden die Krimis als »soziale Sauce« geschmäht. Ich persönlich mochte ganz besonders Autoren wie –ky, dessen Pseudonym damals noch geheimnisumwittert war, Friedhelm Werremeier, Michael Molsner oder Hans Jörg Martin. Unter den ganz jungen war ein gewisser Felix Huby, der noch eine wichtige Rolle bei der Geburt von Abel spielen sollte.

Die Sprache dieser Autoren, ihre Themen, die Sicht auf die Dinge und die Geschichten gefielen mir und passten zu der Zeit und nach Deutschland. Sie spielten plötzlich nicht nur in München, sondern auch in anderen Städten, nahmen sich die Milieus realistisch vor. Ein Erfolgskonzept, wie der Tatort. Einige dieser Autoren prägten das wohl bislang erfolgreichste Krimi-Format im deutschen Fernsehen mit denselben Prinzipien: Realismus statt Kulisse, sozial und psychologisch stimmige Geschichten, spannende, oft unkonventionelle Erzählformen. Dieses neue Krimi-Klima inspirierte mich bei meiner Suche nach dem Stoff, aus dem ein erster längerer Text werden sollte. Dass ich es nach Gedichten mit Krimis probieren würde, war mir schon lange klar.

Als ich in Tübingen, wo ich studiert hatte, als Referendar mein Praktikum bei der Kripo absolvierte, nahm ein Kommissar von »Mord und Totschlag« eines Abends eine Lufthansa Bordtasche vom Schrank, um mir etwas zu zeigen. Er öffnete die Tasche und legte Knochen und Teile eines Schädels auf den Schreibtisch. Zunächst hatte man die bei der Abtei Bebenhausen gefundenen Reste für Tierknochen gehalten, dann für ein Kriegsopfer. Doch die Rechtsmediziner fanden nicht nur heraus, dass es sich um eine junge Frau handeln musste, die schon ein Kind geboren hatte. Die Mediziner konnten sogar den Todeszeitpunkt auf einige Jahre eingrenzen. Lange nach Kriegsende. Bei der Identifikation half dann ein BH-Verschluss weiter, den man beim Durchsieben der Erde am Fundort entdeckt hatte. Er gehörte zu einem Modell, das nur über einen kurzen Zeitraum im Handel war. Die Kripo fand schließlich heraus, es waren die Gebeine einer jungen Krankenschwester, die zurückgezogen in Tübingen lebte, ihr Kind zur Adoption freigegeben hatte. Sie war in einer denkwürdigen Nacht verschwunden. In der Nacht als der Weltmeisterschaftskampf zwischen Muhamed Ali, damals noch Cassius Clay, und Joe Fazier in Kinshasa stattfand. Eine Nacht, an die sich damals viele Menschen erinnerten, denn der Kampf lief live im Fernsehen und hatte sehr viele Zuschauer. Indes, die Spur der jungen Frau verlor sich im Nichts. Bis heute ist noch nicht einmal geklärt, ob sie Opfer eines Verbrechens wurde oder eines natürlichen Todes gestorben war, was angesichts ihres Alters und Gesundheitszustandes eher unwahrscheinlich ist.

Nachdem mein Kommissar die Knochen wieder in der Tasche verstaut hatte, ging ich sehr nachdenklich heim. Ich hatte meinen ersten Stoff gefunden. Eine Geschichte, die auf Tatsachen basierte, inspiriert durch einen realen Fall. Nebenbei bemerkt habe ich diese Methode der Stoffsuche immer wieder angewendet. Bei Büchern und Filmen. Von »Der Hammermörder« über »Die Hoffnung stirbt zuletzt« bis kürzlich zu »Sophie Scholl – die letzten Tage«.

Ich machte mich damals an die Arbeit und erfand einen Kommissar, dem ich den Namen Ott gab. Der Anfang lief gut. Ich kam schnell in die Geschichte rein. Aber in diesen Jahren hatte ich viel zu tun. Examensvorbereitungen für das zweite Staatsexamen, Arbeit beim Anwalt, weil von irgendetwas ja der Schornstein rauchen musste. Das Manuskript blieb immer wieder liegen. Je weiter ich schrieb, umso mehr verhakte ich mich in der Story. Ich hatte vorher nichts geplottet, nur geschrieben wie es mir gefiel. Das Ganze war damals ja nichts als ein Hobby. Und schließlich hatte ich mich in meinem Stoff derart verheddert, dass ich nicht mehr weiterkam. Ein Krimi kommt ohne Logik und Glaubwürdigkeit einfach nicht aus. Der Roman blieb ohne Titel und ohne Schluss. Kurzgeschichten mussten wieder herhalten.

Autoren

Zurück

Titel: Der friedliche Schein trügt - Krimi-Sonderedition