Lade Inhalt...

Die Höllensklaven - Sechs Horror-Romane in einem Band

2020 694 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

AL Frederic: DIE HÖLLENSKLAVEN

Klappentext

1. DAS MENSCHENMONSTER

2. DER GIGANT VON SIZILIEN

3. SKLAVEN DER HÖLLE

4. DAS MÖRDER-AUGE

5. DAS SCHWEINEMONSTER

6. IRRFAHRT DER GEISTER

AL Frederic: DIE HÖLLENSKLAVEN

Sechs Horror-Romane in einem Band

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author.

Cover by Christian Dörge/Pixabay.

Korrektorat: Christian Dörge.

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – das sind die Spezialgebiete von Bestseller-Autor AL FREDERIC, dem Meister der Monster-Action!

Dieser Band enthält die sechs Horror-Romane Das Menschenmonster, Der Gigant von Sizilien, Sklaven der Hölle, Das Mörder-Auge, Das Schweinemonster und Irrfahrt der Geister.

 

 

 

 

1. DAS MENSCHENMONSTER

 

 

Karg und trostlos lagen die abgeflachten Kuppen der Berge unter der erbarmungslosen Sonne, die nahezu jede Art vegetativen Lebens vernichtete. Das Gras und das struppige Getreide an den Hängen oberhalb des Dorfes waren längst verdorrt. Fünfzehn Stunden am Tag glühte die Sonne mit fast gleichbleibender Kraft vom Himmel. Den Menschen und den Hunden und den Katzen fiel jede Bewegung schwer, und selbst die an Mühsal und Entbehrung gewöhnten Esel und Maultiere schleppten sich nur träge dahin. Ein Dorf lag in Lethargie: El Turbio, Kolumbien.

Männer, Frauen und Kinder hatten sich dicht unterhalb der Kuppe der höchsten Erhebung von El Turbio versammelt. Sie beobachteten mit verschlossenen und doch faszinierten Mienen den Mann, der ganz oben auf dem Gipfel Kräuter auslegte und Flüssigkeit aus irdenen Krügen auf dem Untergrund verteilte. Er trug ein rotes bodenlanges Gewand, und seine weißen Haare stellten sich unter dem heißen kraftlosen Wind auf, der über die Kordilleren strich.

Ein paar Männer nahmen Knüppel zur Hand und klopften mit schlaffen Bewegungen den Boden rings um die Menschengruppe ab, um Vipern zu verscheuchen. Dann hockten sie sich wieder zu den anderen. Auf ein Zeichen des Weißhaarigen hin bediente ein Knabe eine Knarre. Ein anderer begann, auf seiner Hirtenflöte eine leiernde Weise zu spielen. Ein dritter drehte eine Gebetsmühle und stieß unablässig leise unverständliche Laute aus.

Der Weißhaarige in dem roten Gewand richtete sich auf, breitete die Arme aus und stimmte einen zu der Flötenmelodie dissonanten Singsang an, in den die anderen summend einfielen. Eine Frau mit schwarzen lockigen Haaren sprang plötzlich auf und ließ einen spitzen Schrei vernehmen. Keuchend wankte sie zwischen den Menschenleibern hindurch – eine untersetzte und dralle Person, deren Augen fiebrig flackerten. Sie strebte auf die Bergkuppe zu. Oben angelangt, riss sie sich das Kleid in Fetzen, bis der gesamte Oberkörper entblößt war, und warf sich ehrerbietig vor dem immer noch singenden Weißhaarigen auf den heißen Felsboden. Er bückte sich wie in Trance und las ein blitzendes Messer auf, dessen Klinge beidseitig geschliffen war.

Die nächste größere Ansammlung von Häusern hieß Cali, eine Stadt im flachen Vorland der Kordilleren, deren Bewohner in zweifacher Hinsicht stolz auf ihre Heimat waren. Erstens hatte Cali eine lange bedeutsame Geschichte: Es war eines der frühen Handelszentren in Kolumbien. Zum anderen war über die Jahrhunderte erhalten geblieben, was einst die spanischen Conquistadores die Einheimischen gelehrt hatten: Fleiß, Gewandtheit und Einfallsreichtum. Cali bot das Bild einer modernen Stadt, die, wenn auch um etliches kleiner, sich durchaus mit Bogota messen konnte.

Jo Carmichael war schon vor seinem Eintreffen in diesem Land klar gewesen, dass er hier nicht die gleichen Maßstäbe wie in den Vereinigten Staaten anlegen konnte. Er hatte sich vorurteilslos und gleichsam unbedarft gefühlt, und doch war er vom plötzlichen Ende jeglicher Zivilisation überrascht worden, als er sich nur zehn Kilometer von Cali entfernt hatte. Die asphaltierte Straße hatte mitten im Bergvorland aufgehört.

Jo hatte seinen gemieteten Landrover zurücklassen müssen, denn auch für ein solches Fahrzeug war das Gelände unwegsam geworden.

Zum Glück hatte er ein paar Männer in zerlumpter Kleidung getroffen, die sich grinsend und gestikulierend dazu bereit erklärt hatten, sein Gepäck bis hinauf nach El Turbio zu tragen. Er hatte die Entfernung nicht messen können, aber seiner Meinung nach hatten sie mehr als zwanzig Meilen zu Fuß zurückgelegt, als sie jetzt auf einer trostlosen Anhöhe haltmachten und auf drei bis vier Dutzend Gebäude hinabblickten.

Jo Carmichaels Miene war angespannt, fast verzerrt. Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht und über den ganzen Körper. Die einst helle Kleidung klebte wie eine zweite Haut auf seinem Leib.

Er wandte sich um und ließ seinen Blick über die Gesichter der Lastträger gleiten. Sie grinsten nicht mehr. Ein schlechtes Geschäft hatten sie aber trotzdem nicht gemacht, denn er hatte für jeden zehn gute US-Dollar springen lassen. Damit halten sie sich mindestens den nächsten Monat über Wasser, dachte er. Sie waren zu dritt, hatten eine bräunliche Hautfarbe und dunkle ungewaschene Hälse und schwitzten genauso heftig wie er.

Jo betrachtete wieder die Bauten dort unten und stellte fest, dass es sich ausnahmslos um Lehmhütten handelte, die zum größten Teil mit Stroh bedeckt waren. Nur zwei oder drei trugen stark gekrümmte Dachpfannen aus hellem Material. Vielleicht eine Art von Privileg oder Statussymbol, ging es ihm durch den Kopf. Wie er so dastand und die ärmlichen Behausungen ins Auge fasste, war es mit seiner Unvoreingenommenheit vorbei.

Er verfluchte den Tag, an dem er beschlossen hatte, seinen Urlaub ausgerechnet in El Turbio zu verbringen. Er hatte sich durch Beschreibungen dazu verleiten lassen, die geradezu kriminell übertrieben gewesen waren. Denn das, was er da vor sich sah, entsprach keineswegs seinen Erwartungen.

Er hatte die Abgeschiedenheit eines kühlen und gepflegten Bergdörfchens gesucht. Er wollte sich erholen, um sich für seine Arbeit inspirieren zu lassen. Stattdessen war er an einem mörderisch heißen und verkommenen Platz gelandet. Ihm wurde schwindlig bei dem Gedanken, wie wohl die Menschen aussehen mochten, die in jenen Häusern lebten. In der glühenden Hitze vermehrten sich Krankheitserreger jeder Art. Jo Carmichael stammte aus Ochos Puertos in Florida, lebte jedoch seit Jahren in Miami Beach. Er war ein hagerer, hochgewachsener und nicht übel aussehender Mann über dreißig. Außer seinem Beruf hatte er eigentlich nur eine Leidenschaft, und das waren Frauen.

»Das ist El Turbio, Señor«, bemerkte einer der Träger überflüssigerweise.

»Macht einen sehr verwahrlosten Eindruck. Sind Sie sicher, dass es bewohnt ist? Ich meine, die Bewohner könnten die Hütten verlassen haben oder durch eine Epidemie dahingerafft worden sein.« Jo sprach ausgezeichnet spanisch, wenn auch mit leichtem nordamerikanischem Akzent.

Der Mann zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht. Glaube ich nicht. Gehen wir runter, dann werden wir ja sehen, was los ist.«

Sie schritten weiter über die Anhöhe, die in einer Art Kamm auslief und bald den Blick auf die höchste Erhebung in der Umgebung des Dorfes freigab. Jetzt bemerkte Jo die vielen Menschen unterhalb der sonnendurchglänzten Kuppe, und er sah auch den Weißhaarigen in dem roten Gewand, der die Arme ausbreitete. Als die Frau nach oben lief und sich das Kleid vom Leib zerrte, drehte sich Jo entrüstet zu den drei Trägern um.

»Du lieber Gott, was hat denn das zu bedeuten? Ich habe den Eindruck, denen bekommt die Hitze nicht. Was machen die Leute auf dem Berg?«

Die drei Männer blickten zu der Gruppe hinauf und machten einige symbolische Gesten, die Jo nicht zu deuten wusste. Erst dann antwortete einer von ihnen: »Es ist der Wunderheiler Ludovigo, der dort oben zelebriert. Er ist ein großartiger Mann. Er wird es schaffen.«

»Was wird er schaffen?«

»Dass der Regen kommt, natürlich. Seit Monaten warten die Menschen aus den Bergen auf Wasser. Die Quellen sind versiegt. Auf den Boden der Brunnen liegt Staub.«

»Ich schätze, man wird auch in diesem Land etwas von künstlicher Bewässerung gehört haben. Die dürfte wirksamer sein als eine Beschwörung.« Jo verzog das Gesicht. Aberglauben hasste er fast ebenso wie Schmutz und Bakterienherde.

»Künstliche Bewässerung kostet Geld«, sagte ein anderer Träger. »Und Geld haben die Leute von El Turbio nicht. Bis Hilfe aus der Provinzhauptstadt eintrifft, kann es bereits zu spät sein.«

»Zu spät? Warum gehen diese Menschen nicht nach Cali, um wenigstens in den Sommermonaten zu arbeiten?«

»Sie würden das Dorf niemals verlassen.«

»Auch nicht, wenn es um ihr Leben ginge?«

»Vielleicht nicht. Aber das verstehen Sie nicht, Señor. Die Menschen in dieser Gegend denken anders als Leute wie Sie. Sie hängen an ihrer Erde und ihren Tieren und würden sich in einer anderen Welt überhaupt nicht zurechtfinden.«

Jo Carmichael wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick stieß die schwarzhaarige Frau oben auf dem Berg wieder einen spitzen Schrei aus. Jo sah sie zu Boden fallen und beobachtete entsetzt, dass das Messer in der Hand des Wunderheilers aufblitzte.

»Himmel, er sticht sie tot«, rief er. Er konnte nicht genau verfolgen, was vor sich ging. Jo hob die Hand schützend über die Augen, doch immer noch wurde er geblendet.

»Es ist ein Blutopfer«, erklärte einer der Träger. »Nicht umsonst heißt dieser Berg der Bluthügel.«

»Also bringt er sie wirklich um!« Jo schrie es. »Warum unternehmen wir nichts? Man muss hinaufrennen und ihm das Messer entreißen, bevor es dazu kommt.«

»Sie wird nicht sterben.«

»Wie können Sie da so sicher sein, Mann?«

»Sie verliert nur ein wenig Blut. Das ist alles.«

Jo stand mit geballten Händen da. Erschütterung und Abscheu spiegelten sich in seinem Gesicht. Er vernahm die eigentümliche Musik, die von Flöte, Knarren und Menschenstimmen erzeugt wurde. Ihre Atonalität beleidigte sein geschultes Ohr. Wütend verfolgte er, wie das Zeremoniell beendet wurde und die Menschengruppe sich zu einer Art Prozession formierte. Jemand führte zwei Maultiere herbei, zwischen deren Leibern eine Trage schwankte. Eine Gestalt, höchstwahrscheinlich die schwarzhaarige Frau, wurde daraufgehoben. Nun schritten die Männer, Frauen und Kinder talwärts, dem V-förmigen Einschnitt entgegen, in den sich das Dorf duckte. Allen voran marschierte Ludovigo, der Wunderheiler. Jo musterte die Träger aus zusammengekniffenen Augen. Er griff in die Tasche und holte ein paar Dollarnoten hervor.

»Ich bleibe auf keinen Fall hier. Wenn Sie mich zurück zum Landrover begleiten, Señores, zahle ich noch mal das gleiche.«

Sie hatten die Gepäckstücke abgesetzt. Einer von ihnen trat vor und fragte: »Wann? Etwa heute?«

»Natürlich.«

»Das wäre reiner Selbstmord«, erklärte der erste Träger. »Die Hitze würde uns alle umbringen. Sie wissen ja nicht, wie tückisch die Sonne ist. Nein, für keinen Preis der Welt gehen wir heute noch wieder zurück.«

»Und was wollen Sie tun?«

»Wir bleiben die Nacht über hier in El Turbio«, meinte der dritte Träger. »Die Leute sind sehr gastfreundlich. Einen Platz zum Schlafen finden wir bestimmt und etwas zu essen auch. Und eine Flasche Schnaps treiben wir auch auf, wenn wir mit Dollar bezahlen.« Er lachte und nahm seine Bürde wieder auf.

Alle drei gingen nun über einen flachen ausgedörrten Hang dem Dorf entgegen, und Jo Carmichael blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Er war äußerst ungehalten über das dreiste Verhalten der Männer, aber er wusste, dass er sie nicht umstimmen konnte. Die Vorstellung, in El Turbio nächtigen zu müssen, war für ihn alles andere als reizvoll. Aber auch der Gedanke, mit den drei Trägern zu streiten und schließlich irgendwo mit einem Messer im Kreuz liegenzubleiben, schreckte ihn ab.

Vor dem Dorf begegneten sie der Prozession. Die Träger blieben stehen und verbeugten sich devot. Niemand sprach ein Wort, doch die Menge summte ihre wirre Melodie, und die Musikanten spielten auf ihren simplen Instrumenten. Voran ging der Wunderheiler Ludovigo. Sein Kopf war stolz erhoben und seine effekthascherischen Bewegungen waren gut einstudiert. Jo studierte seine Züge. Ludovigo hatte eine sonnengegerbte lederne Gesichtshaut. Ein Jüngling war er nicht mehr. Das zeigten die Falten und Krähenfüße unter den Augen. Sein weißes Haar bildete einen auffälligen Kontrast zu der dunklen Haut. Unter dem roten Gewand zeichnete sich ein Spitzbauch ab.

Hinter ihm ging ein Mädchen, dessen Äußeres Jo sofort fesselte. Sie trug ein buntes, altmodisches Kleid in der Art, wie sie Jo einmal während eines Europaurlaubs bei spanischen Zigeunerinnen gesehen hatte. Das Mädchen ging barfuß. Sie hatte zierliche Fußknöchel und hübsche gerade Gazellenbeine. Ihr Körper musste verführerisch schön sein, und ihr Gesicht wirkte wie gemalt. Ihre ebenmäßigen Züge waren fein und zerbrechlich, und die großen Augen hatten einen sehnsüchtigen Ausdruck. Groß war auch ihr Mund, doch er harmonierte mit ihren Gesichtszügen. Ihre glatten schwarzen Haare fielen bis auf die Schultern hinab. Die Prozession zog vorüber. Jo entdeckte nun auch die Frau auf der Trage zwischen den beiden Maultieren. Sie regte sich nicht. Ihre Kleidung war blutbesudelt. Wieder fühlte Jo Zorn und Ekel.

Die Menschen wanderten durch das Dorf. In einigem Abstand folgten die Träger, zuletzt Jo, der die Hände auf dem Rücken gekreuzt hatte. Einer der Träger drehte sich kurz um.

»Wohin?«, sagte er nur.

»Ich suche einen gewissen Celo«, gab Jo zurück. »Ein Mann, bei dem ich gern länger geblieben wäre, wenn dieser Ort meinen Vorstellungen entsprochen hätte.«

Wenig später standen sie vor einer flachen Hütte mit Strohdach und glaslosen Fensteröffnungen, die wie Geisteraugen glotzten. Im Eingang baumelten Schnüre, in die Glasperlen eingeflochten waren. Daneben hockte ein Mann auf einem winzigen Schemel. Er war mager und hatte eine schlechte Körperhaltung. Sein Alter ließ sich nicht bestimmen. Ob er bei der Prozession dabeigewesen war, vermochte Jo nicht zu sagen. An sein Gesicht konnte er sich nicht erinnern.

»Wir haben bei einigen Leuten nach Celo gefragt, und man hat uns hierher geschickt«, sagte einer der Träger.

»Man hat euch gut beraten. Ich bin Celo.« Der Mann auf dem Schemel kicherte und legte den Kopf schief. »Was wollt ihr?«

Jo machte zwei Schritte auf ihn zu. »Ich suche ein Zimmer für die Nacht.«

»Ich kenne dich nicht.«

Jo beobachtete, wie sich der Mund des Mannes beim Sprechen öffnete und schloss. Er hatte höchstens noch ein halbes Dutzend Zähne – kariesbefallene Zähne. Jo bemühte sich, seine Abneigung zu verbergen, was ihm nicht ganz gelang.

»Ich komme aus Miami Beach...«, sagte er.

»Was, von so weit her? Wo liegt das? In Mexiko, oder?«

»In Florida. In meiner Combo war ein Trommler namens Paco Pegolo. Er erzählte mir immer wieder von seinem Heimatort El Turbio und gab Sie, Señor als seinen Onkel an. Ich komme auf seine Empfehlung.«

Celo hatte plötzlich Tränen in den Augen.

»Der gute Paco! Ja, er ist mein Neffe. Wo steckt er jetzt? Warum ist er nicht mitgekommen?«

Weil er wusste, wie ich ihm den Marsch geblasen hätte, dachte Jo. Laut erwiderte er: »Ich weiß es nicht. Ich habe auch keine Ahnung, wo er sich zur Zeit aufhält, denn in meiner Gruppe spielt er bereits seit einem Vierteljahr nicht mehr. Damals verließ er Miami Beach mit unbekanntem Ziel. Wie ist es, bekomme ich nun das Zimmer?«

Celo stand schwerfällig auf und reichte Jo die Hand. Jo übersah das geflissentlich. Er dachte an eine Liste von ansteckenden Krankheiten, deren Erreger sich auf der Handfläche des Mannes tummeln konnten.

»Pacos Freunde sind auch meine Freunde«, versicherte Celo mit krächzender Stimme. »Kommen Sie, Señor. Ich kann Ihnen nicht viel bieten, doch was ich habe, das gebe ich gern.«

»Dann wäre ja alles klar«, sagte einer der Lastträger. Er setzte Jos Gepäck vor der Hausmauer ab, und die anderen beiden folgten seinem Beispiel. Kopfnickend verabschiedeten sie sich. Kaum waren sie hinter der nächsten Ecke verschwunden, konnte Jo ihr hämisches Lachen vernehmen.

Celo richtete seinen Blick auf Jo Carmichaels Ausrüstung.

»Santa Maria, was Sie alles bei sich haben! Sie sind reich, Señor.«

»Ich bin Musiker. Die meisten Stücke sind Instrumente.«

»Bleiben Sie länger?«

»Ich hatte die Absicht. Inzwischen habe ich meine Pläne geändert. Ich kehre morgen früh nach Cali zurück«, entgegnete Jo.

Celo nickte träge.

»Sie tun gut daran. Das ist ein verfluchtes Dorf. Wenn nicht bald etwas geschieht, stirbt auch das letzte Vieh. Und wenn die Schafe eingehen, verenden auch die Menschen. Hitze und Trockenheit bringen uns um.«

 

Das von Celo als Zimmer bezeichnete Quartier entpuppte sich als düsteres, stickiges Loch an der Rückseite der Hütte. Nur durch ein kleines Fensterloch drang Sonnenlicht herein. Jo schluckte seinen Abscheu hinunter und machte sich daran, ein Gepäckstück nach dem anderen hereinzutragen. Celo konnte er es nicht zumuten, ihm zu helfen. Der Mann sah aus, als würde er jeden Augenblick entkräftet zusammenbrechen.

Jo kramte schwitzend in seinen Sachen herum und fand schließlich die Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel. Während er es in dem dunklen Raum verteilte, glaubte er, die Kehle würde ihm zugeschnürt, so heiß und sauerstoffarm war die Luft. Er musste schleunigst wieder hinaus. Schwer atmend durchquerte er den Hauptraum, in dem seine empfindliche Nase Gerüche von Schweiß, kalter Asche, Knoblauch, Olivenöl und Schnapsdunst wahrnahm. Durch den Perlschnürenvorhang trat er ins Freie. Neben Celo hockte er sich in den Schatten der Mauer.

»Drinnen hält man’s nicht aus, wie?« Celo blickte ihn aus feuchten, trüben Augen an. Jo las darin und verspürte zum erstenmal seit seinem Eintreffen so etwas wie Mitleid mit den Dorfbewohnern. Er nickte abwesend und dachte voller Verachtung an den Wunderheiler Ludovigo. Spontan fragte er: »Diesen Ludovigo – wo finde ich ihn?«

»Es gibt drei Häuser mit Ziegeldach in El Turbio. Das letzte am Ende des Dorfes gehört Ludovigo. Bist du krank? Brauchst du Hilfe?«

»Nicht direkt. Vielleicht einen Ratschlag.« Jo richtete sich wieder auf und wandte sich zum Gehen. Plötzlich beugte er sich jedoch noch einmal zu dem ausgemergelten Mann hinab und steckte ihm eine Zehndollarnote zu. »Als Anzahlung für Übernachtung und Essen«, murmelte er. Celo erhob zwar schwachen Einwand, doch Jo ging seines Weges.

Die Hitze wirkte lähmend, obwohl es bereits Nachmittag war. Jo schritt schwerfällig aus. Er gab sich Mühe, nicht darüber nachzusinnen, wie hoch wohl die Temperatur sein mochte, denn das verstärkte noch das beklemmende, der Klaustrophobie vergleichbare Gefühl. Vor den Hütten saßen oder lagen die Menschen, und ihre Blicke verfolgten Jo Carmichael mit geringem Interesse. Kinder mit Blähbäuchen und dürren Gliedmaßen malten Zeichen in den Staub oder kauten auf irgendetwas – wahrscheinlich Getreideschrot – herum. Ihre Köpfe waren groß, und die Gesichter hatten einen senilen und trübsinnigen Ausdruck.

Das Gebäude, in dem der Wunderheiler hauste, war größer als alle anderen Hütten und konnte fast schon als stattlich bezeichnet werden. Eine Treppe führte zum Eingang hinauf, der aus einer richtigen Holztür bestand. Das Dach aus gekrümmten roten Ziegeln reichte weit bis über die Mauerkanten hinaus und spendete Schatten.

Ein paar verkrüppelte Bäume umstanden das Gebäude. Sie trugen längst keine Blätter mehr – die waren vertrocknet und zerbröselt. Vielleicht handelte es sich um Akazien.

Ein paar Männer und Frauen kamen aus dem Haus. Sie hielten die Köpfe gesenkt. Jo beachteten sie überhaupt nicht. Er strich an ihnen vorüber und trat in das Innere des Lehmbaus.

Im Gegensatz zu Celos Hütte oder den anderen Unterkünften in El Turbio hatte das Haus des Wunderheilers viele Fenster. Jo wusste nicht warum. Doch im Flur regte sich eine Art Wind, so dass der Aufenthalt hier erträglich war. Es roch angenehm nach Gewürzkräutern. Die Zimmer, an denen Jo vorüberging und in die er hineinsehen konnte, machten einen sauberen Eindruck.

Jo hörte Stimmen, aber sie kamen nicht aus dem Haus. Der Flur führte durch den gesamten Bau hindurch, und als er ihn durch eine schmale Tür verließ, fand er sich auf einer Terrasse wieder, über der sich an einer krummen Stangenkonstruktion ausgedörrtes Gesträuch emporrankte. An der Wand standen ein paar einfache Stühle. Ludovigo hockte auf einem davon, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ließ sich von dem schönen Mädchen, das Jo in der Prozession beobachtet hatte, mit einem Fächer Luft zuwedeln. Ludovigos schneeweiße Haare standen wirr von seinem Haupt ab. Sein Gesicht wirkte verlebt. Soeben sagte er zu ein paar Männern und Frauen, die vor ihm standen: »Geht jetzt. Heute kann ich mich nur noch mit denen befassen, die sich bereits angemeldet hatten.«

Die Leute – hagere Gestalten in sackähnlichen und farblosen Kleidern – blickten ihn flehend an und rangen die Hände. Aber das nützte ihnen nichts.

Ungerührt wiederholte Ludovigo: »Genug. Geht jetzt.«

Sie stahlen sich wie geprügelte Hunde davon Jo blieb unter der Türöffnung stehen und sah zu, wie Ludovigo sich einem Mann und einer Frau zuwandte, die links von ihm saßen. Sie richteten sich auf und wollten sich verneigen, aber er winkte ihnen knapp zu. Da blieben sie hocken. Zuerst schien es Jo, als habe ihn niemand bemerkt. Dann stellte er fest, dass das schöne schwarzhaarige Mädchen seinen Blick auf ihn gerichtet hielt. Er lächelte ihr zu. Sie verzog keine Miene, betrachtete ihn aber weiterhin. Unentwegt hob und senkte sie den Fächer.

»Also gut«, sagte der Wunderheiler zu der Frau. Er trug noch sein rotes Gewand, hatte jedoch den Saum hochgeschlagen, so dass man seine nackten behaarten Beine sehen konnte. »Was plagt dich? Fasse dich kurz, ich habe heute nicht viel Zeit.«

Sie erwiderte etwas, das Jo nicht verstand. Noch beim Sprechen zog sie unaufgefordert ein unscheinbares Bündel unter dem Stuhl hervor. Ludovigo nahm es an sich, warf einen Blick hinein und nickte gnädig. Mit lässiger Bewegung reichte er es an das Mädchen weiter. Darauf rückte er näher an die Frau heran, betastete ihren Körper und stellte allerhand Fragen, die sie leise beantwortete. Unterdessen hatte das schöne Mädchen den Fächer aus der Hand gelegt und kam über die Terrasse auf Jo zu. Er spielte mit dem Gedanken, sich davonzumachen, verwarf ihn aber rasch wieder. Warum sollte er nicht ein paar Worte mit ihr wechseln?

Stumm schlüpfte sie an ihm vorüber. Er spürte die Wärme und Weichheit ihres Körpers und fühlte unwillkürlich Hitze in sich aufsteigen. In ihm wuchs das Verlangen, sie näher kennenzulernen. Sie kehrte zu ihm zurück.

»Wer bist du?«, fragte er.

»Ich heiße Manola. Manola Dominguin.« Der Klang ihrer Stimme hatte die Sanftheit eines Mezzosoprans und zugleich den leicht heiseren Beiklang einer Altstimme. »Du bist ein guter Mann. Ich spüre, dass du nicht schlecht bist.«

»Hast du mich deswegen nicht dem Wunderheiler gemeldet?«

»So ist es. Ich kann ihn nicht gut leiden, aber ich muss bei ihm bleiben, denn er ist der einzige Mensch, der sich um mich kümmert.«

»Du bist seine – Dienerin?«

»Seine Stieftochter.« Sie lachte verhalten auf. »Meine Erzeuger haben mich in den Bergen ausgesetzt, Americano, und Ludovigo hat mich aufgelesen. Ich bin von klein auf bei ihm. Er gibt mir zu essen und zu trinken.«

»Und sonst?«

»Sonst nichts. Ich wehre mich dagegen.«

»Wann sehe ich dich wieder, Manola?«

»Wann du willst.« Ihre Stimme wurde drängender, verlangend.

»Heute Abend?«

»Sobald ich hier fortkann. Du heißt Jo Carmichael, nicht wahr? Ich habe deinen Namen von den drei Männern erfahren, die dein Gepäck heraufgetragen haben. In El Turbio spricht sich alles schnell herum.«

»Ich erwarte dich vor dem Dorf, Manola.«

»Gut.«

»Manola«, ertönte die Stimme des Wunderheilers. »Manola, wo bleibst du?«

»Ich muss fort«, flüsterte sie Jo zu.

»Moment noch – was ist eigentlich in dem Bündel, das er der Frau abgenommen hat?«

»Brot, Kaffeebohnen und Schnaps als Bezahlung für die Behandlung.«

Sie sagte es und entzog sich seinen Händen, die sich inzwischen sanft auf ihre Unterarme gelegt hatten. Jo blickte ihr fast träumerisch nach. Er hatte viele Frauen gehabt, aber einem so phantastischen, zärtlichen, unverfälschten Wesen war er im Dickicht der Städte nie begegnet. Die Frau und der Mann erhoben sich gemeinsam, grüßten den Wunderheiler unterwürfig und machten sich davon. Ludovigo blieb auf seinem Stuhl sitzen, streckte die Beine aus und fixierte über den Rand der Terrasse hinweg irgendeinen Punkt in der sonnendurchglänzten Landschaft. Manola bewegte wieder den Fächer über seinem Kopf.

Jo ging zielstrebig auf ihn zu. Ärgerlich wandte Ludovigo den Kopf. Zum erstenmal hatte Jo Gelegenheit, Ludovigos Augen aus der Nähe zu sehen. Sie waren klein und gerötet und ließen auf einen ungesunden Lebenswandel schließen. Er machte einen ungepflegten Eindruck. Jo setzte sich einfach dem Wunderheiler gegenüber und blickte ihn mit unverhohlenem Argwohn an.

»Sie werden erfahren haben, wer ich bin«, begann er.

»Was hat Sie in diese gottverlassene Gegend verschlagen? Kummer?«

»Nein, die Suche nach Inspiration. Ich bin Combomusiker und Arrangeur und außerdem noch Komponist und reise durch die ganze Welt, um geeignete Plätze zu finden. Es ist nicht einfach, das kann ich Ihnen versichern – und El Turbio scheint mir auch nicht der richtige Ort zu sein.« Jo hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden und beschloss, seinen Unmut über die Entwicklung der Dinge in einem Streitgespräch mit diesem Mann zu kompensieren. »Ich bin schlecht beraten worden«, fügte er noch hinzu.

»Haben Sie mich aufgesucht, um mir das zu erzählen?«

»Nein. Ich möchte Sie in Ihrer Eigenschaft als Wunderheiler befragen.«

Ludovigo verzog den dünnlippigen Mund.

»Tut mir leid, Señor Carmichael, aber die Sprechstunde ist heute beendet. Die letzten beiden Patienten habe ich soeben entlassen. Sie hatten sich übrigens vorher angemeldet.«

»Mit so fortschrittlichen Methoden arbeiten Sie?« Jo gab sich keine Mühe, den Hohn in seiner Stimme zu verbergen. Rasch griff er in die Tasche seiner verschmutzten Jacke und holte ein paar Dollarnoten hervor. »Bedenken Sie, dass ich ein zahlungsfähiger Privatpatient bin, Ludovigo. Bei mir könnten Sie schon mal eine Ausnahme machen.«

Ludovigo seufzte und machte eine entsagungsvolle Miene.

»Also gut, ich bin dazu bereit. Was tut man nicht alles für seine Mitmenschen.«

»Das habe ich mir gedacht«, entgegnete Jo und steckte die Scheine wieder zu sich, was der Wunderheiler mit einem Hochziehen der Augenbrauen quittierte. Jo wich seinem Blick nicht aus. Er sah keinen Moment zu Manola hinüber, wusste aber, dass sie der Unterhaltung gespannt folgte und insgeheim guthieß, wie er sich ihrem Stiefvater gegenüber verhielt. »Sie nutzen die Gutgläubigkeit Ihrer Mitmenschen skrupellos aus. Der Nährboden für Ihr unverantwortliches Treiben ist die Rückständigkeit dieser Leute, denn wenn hier ein Arzt auch nur einmal im Jahr eine Reihenuntersuchung vornehmen würde, wäre es vorbei mit Ihrem Erfolg. Ich möchte nicht wissen, was Sie den armen Teufeln aufgeschwatzt haben, die vor mir an der Reihe waren.« Ludovigo machte schmale Augen. Seine Stimme senkte sich fast zu einem Flüstern.

»Das Paar möchte ein Kind. Ich habe den Leib der Frau besprochen und ihr Mut gemacht. Sie wird es bekommen.«

»Beschwörung, Handauflegen, Kräutermixturen! Damit kurieren Sie hier alles, wie? Und Sie machen den Leuten in so schlimmen Zeiten wie jetzt auch noch Hoffnung! Und Sie geben den Rat, sich fleißig zu vermehren! Ich habe ausgehungerte Erwachsene gesehen, Señor, aber was mich in El Turbio am meisten berührt, ist der erbärmliche Zustand der Kinder. Sie sind samt und sonders rachitisch. Können Sie das verantworten?«

»Wollen Sie mich beleidigen?«

»Ich sage Ihnen auf den Kopf zu, dass Sie ein Scharlatan sind.«

»Die Leute verehren und lieben mich.«

»Weil sie ahnungslos sind! Es ist Ihr Glück, dass es in diesem Dorf nie ernstzunehmende Infektionskrankheiten gegeben hat. Eine Epidemie hätte wahrscheinlich allen den Garaus gemacht, weil Sie eine Massenimpfung verhindert hätten. Nur sich selbst hätten Sie wahrscheinlich rechtzeitig in Sicherheit gebracht.« Ludovigo war am Siedepunkt angelangt. Er sprang auf und schrie Jo an: »Was wollen Sie? Warum kümmern Sie sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten? Verlassen Sie mein Haus und wagen Sie nicht, es jemals wieder zu betreten!«

»Gern. Trotzdem sprechen wir uns wieder.«

»Was haben Sie vor, Sie Narr?«

»Ich werde Sie in Cali denunzieren.«

»Sie riskieren viel, Amigo.«

»Sie wollen mir drohen?«

Ludovigo ließ die Arme hängen, atmete tief durch und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn, um den Schweiß abzuwischen.

»Es ist nicht gut, sich in der Hitze zu erzürnen. Warum versuchen wir nicht, uns in aller Ruhe zu verständigen, Carmichael? Sie sprechen hervorragend spanisch und scheinen ein intelligenter Mann zu sein. Ist es denn möglich, dass Sie sich nicht in meine Lage versetzen können? Sehen Sie die Dinge doch einmal von einer anderen Warte aus.«

»Mich lullen Sie nicht ein«, gab Jo verächtlich zurück. »Ich finde es kriminell, dass Sie den armen Schafhirten und Bauern einreden, durch den Mummenschanz, den Sie oben auf dem Bluthügel veranstaltet haben, würde die Trockenperiode beendet werden.«

»Der Regen wird kommen.«

»Glauben Sie am Ende selbst daran?«

»Die magische Konstellation der ausgelegen Kräuter war günstig.«

»Magie? Dass ich nicht lache!«

»Was verstehen Sie schon von den okkulten Geheimwissenschaften?«

Ludovigo machte eine vieldeutige Geste mit den Händen. »Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen. Sie werden Augen machen.«

Er führte Jo ins Haus, und Manola folgte ihnen mit leisen Schritten. Im Flur drehte sich Jo zu ihr um und zwinkerte ihr zu. Sie lächelte zaghaft. In einer düsteren Kammer blieb Ludovigo neben einem einfachen Lager stehen, auf dem die untersetzte, dralle Frau ruhte, die das Blutopfer dargebracht hatte. Er berührte ihre Schulter. Da schlug sie die Augen auf und ließ ein gutturales Lachen vernehmen.

»Sie sprachen von halb verhungerten Menschen, Carmichael.« Der Wunderheiler fixierte Jo herablassend. »Diese Frau straft Ihre Anschuldigungen Lügen. Sehen Sie sie an! Ich habe sie in langwierigen Sitzungen trotz Nahrungs- und Wassermangels dank geheimer Rezepte hochgepäppelt. Sie ist reich an Blut, und das, was sie oben auf dem Bluthügel gelassen hat, hat sie bereits wieder regeneriert.« Er wies mit dem Finger auf mehrere Narben an Oberarm und Schultern der Frau. »Da! Die Wunden sind auch schon wieder verheilt. Was sagen Sie jetzt?«

»Alles Bauernfängerei. Leben Sie wohl, Ludovigo, so lange Ihnen noch Zeit dazu bleibt.«

Jo betrat mit angewidertem Gesichtsausdruck den Flur und steuerte auf die vordere Tür zu, durch die er das Haus betreten hatte. Der Wunderheiler hastete hinter ihm her.

»Sie haben Ihre Absichten also nicht geändert?«

»Keineswegs. Morgen früh kehre ich nach Cali zurück.«

»Sie werden es bereuen, wenn Sie mir am Zeug flicken, Amigo. Das schwöre ich Ihnen!«

»Mir machen Sie keine Angst«, erwiderte Jo seelenruhig. Er verließ das ziegelbedeckte Gebäude und wanderte zurück ins Dorf.

 

Es war eine halbe Stunde vergangen, nachdem die Sonne untergegangen war. Der Nachthimmel, von silbrig glänzenden Sterntupfern durchsetzt, spannte sich über El Turbio. Ein erfrischender Wind wehte, und das Dorf erwachte zu reger Tätigkeit. Vor vielen Hütten brannten kleine Feuer, und Jo Carmichael konnte die menschlichen Gestalten erkennen, die sich zwischen den Mauern bewegten. Schnaubende Esel und Maultiere wurden versorgt. Mütter liefen hinter greinenden Kindern her. Männer zogen schwatzend vorüber. Mit der Sonne waren auch Lethargie und Mutlosigkeit verschwunden.

Jo sah sich vor der armseligen Hütte nach Celo um, sah ihn aber nirgends. Er zuckte die Achseln und ging in das Innere des Baus. In seinem Zimmerloch ließ es sich aushalten. Das Desinfektionsmittel hatte den Mief vertrieben, und er konnte sich nun daranmachen, seine Kleidung zu wechseln und die Instrumente auszupacken. Dabei dachte er an die Szene in Ludovigos Haus. Es überraschte ihn selbst, dass er so viel Mut gehabt und dem Kerl klipp und klar die Meinung gesagt hatte. Hatte er den Mund zu voll genommen? Würde Ludovigo Mörder ausschicken, die ihn erdolchten und seinen Leichnam in den nächsten Abgrund warfen?

Jo gab sich den grausigsten Vorstellungen hin. Fast bereute er es, sich so herausfordernd verhalten zu haben. Natürlich musste er zugeben, dass er sich vor Manola Dominguin hatte aufspielen wollen. Vielleicht, so redete er sich ein, hält sie ihn davon ab, eine Torheit zu begehen und mich aus dem Weg zu räumen. Jo holte ein paar Dosen aus seinem Gepäck. Sie enthielten Rindfleisch, weiße Bohnen in Tomatensoße und Thunfisch. Er ging damit in den Hauptraum der Hütte und öffnete sie mit einem Patentgerät, das er ebenfalls mitgebracht hatte. Nachdem er eine Zeitung, die er am Morgen in Cali erstanden hatte, auf dem wackligen Holztisch ausgebreitet hatte, holte er auch sein Essbesteck und begann, eine kalte, aber wohlschmeckende Mahlzeit einzunehmen. Die ganze Zeit über war er peinlich darauf bedacht, nicht die Tischplatte zu berühren.

Für Celo ließ er die Hälfte des Thunfisches, eine Portion Bohnen und eine weitere Dose Rindfleisch auf dem Tisch zurück. Es war fast neun Uhr, aber der Mann ließ sich immer noch nicht blicken. Jo machte sich daran, in seinem Zimmerloch die Instrumente einzustimmen. Er hatte nur das Allernötigste auf die lange Reise von Miami Beach hierher mitgenommen: eine Trompete, ein Paar Bongo- Trommeln, eine spanische Gitarre und eine B-Klarinette. Jo war ein agiler und vielseitiger Musiker, dessen Schaffensdrang ihm nie Ruhe ließ. In den Staaten hatte er vor kurzem die erste Langspielplatte herausgebracht, und das renommierte Fachmagazin »Downbeat« hatte ihm einen mehrseitigen Artikel gewidmet, der positiv, ja am Ende sogar überschwenglich ausgefallen war. In der Tat sagte man Jo Carmichael und seiner Combo eine steile Karriere voraus, weil Jo einen neuen, einzigartigen Sound geschaffen hatte, in dem sich Jazz-Elemente mit mittel- und lateinamerikanischen sowie südeuropäischen Einflüssen vermischten.

Jo war überzeugt, dass er dieses Erfolgsrezept zu einem großen Teil den auf seinen Reisen gewonnenen Eindrücken verdankte. Die Aura einer urwüchsigen Umgebung stimulierte in seinem Inneren Tongebilde und rhythmische Impulse. Er wusste, dass er kreativ sein würde, solange er suchend durch die Welt streifte. Probeweise setzte er die Klarinette an und versuchte, eine zusammenhängende Tonfolge zu finden. Aber in der Enge des Raumes wollte dies einfach nicht gelingen. Jo nahm seine Instrumente und begab sich damit vor das Haus und setzte sich auf den Hocker.

Mit der Klarinette hatte er keinen Erfolg. Auch auf den Bongo-Trommeln brachte er nichts zustande. Ein wenig verdrossen nahm er die Trompete in die Hände, drückte die Lippen in das Mundstück und improvisierte ein Thema, das in der Phrasierung sehr südländisch anmutete. Die Melodie war verschlungen und melancholisch. Zufrieden spielte Jo weiter und wiederholte das Stück in einer höheren Tonlage. Er beschloss, die Noten später aus dem Gedächtnis aufzuschreiben.

In einiger Entfernung zogen die drei Lastträger vorüber. Jo bemerkte ihre hämischen Mienen, ärgerte sich aber nicht darüber. Ein paar Kinder kamen zaghaft näher. In ihren ernsten Augen war Neugier, vielleicht auch Verwunderung. Einige Männer gesellten sich zu ihnen und starrten den Trompete spielenden Mann verständnislos an. Nur einer zeigte Begeisterung – in ihm erkannte Jo den Flötenspieler aus der absonderlichen Prozession vom Nachmittag wieder.

Etwas später gewahrte Jo vor einer der Lehmhütten Manolas Gestalt. Sie gab ihm ein Zeichen und verschwand dann zwischen zwei Bauten. Offenbar wagte sie es nicht, sich direkt mit ihm in Verbindung zu setzen. Unter den Zuhörern befand sich gewiss jemand, der ihre Zusammenkunft Ludovigo gemeldet hätte. Der Wunderheiler hatte seine Stieftochter dann zur Rechenschaft gezogen. Jo beendete seinen Vortrag, und der Flötenspieler klatschte Beifall. Als Jo die Instrumente außer der Gitarre in das Zimmerloch zurückgetragen hatte und wieder ins Freie trat, erschien auch Celo. Jo bat ihn, auf seine Sachen aufzupassen. Dann entfernte er sich mit seiner spanischen Gitarre.

Ungefähr einen halben Kilometer von El Turbio entfernt traf er das schöne Mädchen. Sie hockte auf einem flachen Felsblock an einem Hang, von dem aus man vom Dorf nur noch einen schwachen Lichtschein erkennen konnte. Jo setzte sich neben sie, als gerade eine Fledermaus vorüberflatterte.

»Hier sind wir ungestört«, sagte Manola mit ihrer weichen, schmeichelnden Stimme. »Niemand ist dir gefolgt. Wir können Sprechen, Americano.«

»Ich heiße Jo.«

»Jo«, wiederholte sie lächelnd. Dann wies sie auf die Gitarre. »Du kannst darauf spielen?«

Er stellte das Instrument mit der Zarge auf sein linkes Knie, griff in die Saiten und ließ ein sauber einstudiertes Tremolo vernehmen. Er wusste, wie es auf Frauen wirkte, und tatsächlich schien es auch bei Manola Erfolg zu haben. Während er verhalten weiterspielte, sprach er.

»Hat Ludovigo noch auf meinen Besuch reagiert? Hat er seine Wut doch etwa an dir ausgelassen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das würde er niemals tun. Ich halte von seinen angeblichen Wunderkräften dasselbe wie du, aber ich muss dir doch sagen, dass er nicht die Bestie ist, für die du ihn hältst. Nie würde er mich schlagen. Und nie würde er irgendeinen anderen angreifen. Er liebt die Menschen auf seine Art.«

»Trotzdem ist er ein Gangster.«

Jo musterte sie scharf, als er es sagte. Aber sie verzog keine Miene. Sicherlich hatte sie Respekt vor Ludovigo, aber der würde sie wohl kaum davon abhalten, bei der ersten Gelegenheit El Turbio zu verlassen und sich davon zu überzeugen, dass die Welt noch mehr zu bieten hatte. Sie brauchte jemanden, der ihr Mut machte. Ihn.

»Im Dorf hast du keine Chance«, fuhr er fort. »Ein Mädchen wie du muss hier verkümmern. Noch ist es nicht zu spät. Wie alt bist du?«

»Zwanzig.«

So unumwunden hätte das ein denkender Teenager aus Miami Beach niemals zugegeben.

»Hast du eine Schule besucht?«

»In El Turbio gibt es keine Schule.«

»Du sprichst aber im Gegensatz zu den Bauern perfektes Spanisch.«

»Ludovigo hat es mir beigebracht. Er hat mich auch in Schreiben und Lesen unterrichtet. Ich kann rechnen, kenne mich ziemlich gut in Geschichte und Geographie aus und beherrsche einigermaßen die englische Sprache.«

»Donnerwetter! Du könntest weitermachen, einen Schulabschluss erlangen und ein College besuchen. Warum nimmst du deine Zukunft nicht in deine eigenen Hände?«

So leidenschaftlich hatte er sich noch nie für ein Mädchen eingesetzt.

»Hast du die beiden anderen Ziegelhäuser gesehen?«, fragte sie. »Beide gehören Ludovigo. Er hat sie an Bauern vermietet – sie zahlen natürlich in Naturalien. Eines Tages wird er mir eines vermachen, vielleicht auch beide.«

»Das bedeutet nichts gegenüber dem, was dir die Städte zu bieten haben.« Er setzte die Gitarre ab, legte sie fort und legte seine rechte Hand um ihre Hüfte. Plötzlich waren seine Lippen dicht neben ihrem entzückenden Ohr. »Tanz und Vergnügen, viele herrliche Kleider und die bewundernden Blicke der Männer, deren Frauen vor Neid erblassen. Eine mondäne Villa, in der du lebst und, statt dich abzuplagen wie eine Leibeigene, zum erstenmal in deinem Leben bedient wirst. Bäder im Swimmingpool, im Meer. Cocktail-Partys. Hast du nie davon geträumt?«

»Schon. Aber ein armes Mädchen wie ich wird so etwas nie bekommen. Das hat mir Ludovigo oft erklärt.«

»Schicke Ludovigo zum Teufel und gehe mit mir«, bedrängte er sie. »Du wirst es nicht bereuen.«

Er fühlte ihre unendlich weichen Lippen auf seinem Mund. Dann sanken sie auf den Hang zurück und ließen sich vom Strom ihrer Leidenschaften mitreißen. Jo hatte es bis zu diesen unvergesslichen Minuten nicht geglaubt, aber es bestätigte sich, dass weder der Wunderheiler noch sonst irgendein Mann sie jemals ausgiebig berührt hatte. Für Jo Carmichael, den abgebrühten Casanova aus Miami Beach, kam dies einem Wunder gleich.

 

Jo schreckte aus seinen Träumen auf und blickte auf die Armbanduhr. Es war kurz vor vier Uhr. Jos Gaumen war wie ausgedörrt, und er fühlte sich ausgelaugt und schlaff. Verwirrt nahm er zur Kenntnis, dass die Schatten der Nacht sich bereits verzogen und das Morgengrauen durch einen matten Schimmer über den Bergkuppen im Osten ankündigte. Er ließ seinen Blick umherschweifen und gewahrte zunächst die spanische Gitarre und dann Manolas nackten Körper. Sie lag auf dem Bauch und sah überwältigend aus.

Sie hatten sich immer weiter vom Dorf entfernt und waren dabei wohl im Kreis gegangen. Manola war ziemlich sorglos gewesen. Sie hatte Ludovigo erzählt, sie würde befreundete Bauern besuchen und dort auch schlafen, und das hatte er ihr wohl abgekauft. Was hatte ihn aufgeweckt? Jo sah sich um und bemerkte nichts, was sein Misstrauen erregte. Er kroch auf Manola zu und wollte gerade beginnen, sie zu necken, als das Geräusch ertönte. Unwillkürlich zuckte er zusammen.

Irgendwie klang es drohend und unheimlich, dieses Rauschen und Pfeifen. Jo blickte auf und zog die Augenbrauen zusammen. Er vermochte nichts zu erkennen. Im nächsten Augenblick presste er seinen Körper jedoch schützend gegen Manola, denn fernes Dröhnen erscholl und verstärkte sich zu Donnergrollen. Und dann begann der Untergrund zu vibrieren. Ja, die Erde bebte! Jo spürte Ratlosigkeit und Angst. Manola wachte auf, richtete sich auf und stieß eine Reihe kleiner spitzer Schreie aus. Furchtsam klammerte sie sich an ihn.

»Was ist das, Jo? Was geht hier vor?«

»Himmel, wenn ich das wüßte!«

»Müssen wir sterben, Jo?«

»Übertreibe doch nicht. Es wird sich schon wieder beruhigen.« Mehr brachte er an beruhigenden Worten nicht heraus. Mit geweiteten Augen verfolgte er, dass sich die Gitarre selbständig zu machen schien und den sanft ansteigenden Hang hinabschlidderte.

Er ließ Manola für einen Moment los, um das Instrument festzuhalten. Es rutschte jedoch unter seinen zupackenden Fingern durch und verschwand in der Finsternis. Jo zog Manola zu sich heran. Sie zitterte und wies in die Höhe. Jo hob den Kopf. Fast hätte er vor Entsetzen aufgeschrien, als er sah, dass der Himmel glühte. Rot und grün leuchtete es über ihnen, und das Rauschen und Schrillen hatte noch zugenommen. Immer noch regte sich das Erdreich – entfesselte Naturgewalten trieben ihr grausiges Spiel. Der Untergang stand unmittelbar bevor – jedenfalls malte sich Jo Carmichael dies in seiner regen Phantasie aus.

Manola wimmerte, als etwas Großes, Düsteres durch die Luft schwebte und über sie hinwegglitt. Es ließ sich beim besten Willen nicht ersehen, was da durch den Himmel schwirrte. Aber soweit Jo es sehen konnte, handelte es sich weder um einen großen Adler noch um einen Kondor, sondern um etwas viel Stattlicheres. Es entzog sich ihren Blicken, indem es hinter einer Bergkuppe verschwand.

»Das ist ein Werk der Hölle!«, stieß Manola hervor und keuchte entsetzt.

Der Untergrund beruhigte sich wieder, und auch die rätselhaften Laute in der Luft verstummten. Jo fand halbwegs zu sich selbst zurück.

»Unsinn, so etwas kann es nicht geben«, versetzte er. »Ich bin überzeugt, Ludovigo hat irgendetwas bemerkt und wendet nun einige von seinen verdammten Tricks an, um uns Angst zu machen.« Er versuchte, grimmig zu lachen, doch das missglückte.

Sie sah ihn aus ihren großen dunklen Augen an.

»Nein, Jo. Er vermag nicht die Erde beben zu lassen und kann auch nicht den Himmel zum Glühen bringen. Es steckt etwas anderes hinter dem, was wir gesehen haben.«

»Wer? Luzifer? Beelzebub?«

»Tu nicht so verächtlich. Denke an die Beschwörung auf dem Bluthügel.«

Jo musterte sie eine Weile. Eine scharfe Erwiderung lag ihm auf der Zunge, aber er schluckte sie hinunter. Immerhin, so sagte er sich, ist sie ein etwas naives Mädchen, und man muss sie schrittweise zur Einsicht führen.

»Bitte zieh dich an«, sagte er. »Wir wollen mal sehen, wohin das mysteriöse Wesen geflogen ist. Ich wette, es wird sich für alles eine simple Erklärung finden lassen.«

Sie zögerte ein bisschen, doch er redete beschwichtigend auf sie ein, und schließlich streifte sie sich ihr Kleid über, strich sich ein paarmal mit den Händen durch das volle schwarze Haar und folgte ihm. Ihre nackten Fußsohlen verursachten patschende Geräusche auf dem Felsboden.

Sie erreichten die Bergkuppe, die das fliegende Wesen passiert hatte. Jo blieb stehen. Er war ein wenig außer Atem geraten. Während er tief die Luft einsog, ließ er den Blick kreisen.

»Da«, sagte er plötzlich. »da ist er ja.« Er wies mit dem Zeigefinger nach unten, und in der Tat bewegte sich ungefähr hundert Meter von ihnen entfernt etwas Großes über den Boden. Seine Umrisse hoben sich nur schemenhaft von der finsteren Umgebung ab.

»Er kriecht«, flüsterte Manola.

»Er geht aufrecht«, behauptete Jo.

»Was ist es? Ein Vogel?«

»Unmöglich.«

»Was dann?«

»Wir werden es schon herauskriegen«, antwortete er entschlossen. Er wollte sein unschlüssiges Verhalten durch einen couragierten Einsatz vergessen machen. Mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung und wollte sich von ihr lösen. Doch sie hielt ihn an der Hand zurück.

»Liebster – geh nicht! Er – es steuert geradewegs auf den Bluthügel zu. Jenseits des Gipfels, den du dort drüben siehst, liegt El Turbio.«

»Na und? Ich will diesem Spuk auf den Grund gehen.«

»Ein Fremder sollte den Bluthügel nicht betreten.«

Er lachte auf. »Nun mach mal einen Punkt, Kleines. Ludovigo hat dich doch ganz hübsch am Wickel, wenn du es auch nicht wahrhaben willst. Ich aber stehe mit beiden Beinen auf dem realen Boden der Tatsachen. Vielleicht ist es gut, wenn ich dir einen Beweis dafür liefere, wie blödsinnig die Theorien des großen Wunderheilers sind.«

Sie erhob erneut einen schwachen Einwand.

»Jo, das weiß ich selbst. Aber der Bluthügel hat schon existiert, bevor Ludovigo geboren worden ist. Es ist ratsam, die Dämonen und Geister nicht zu reizen.«

Jo wurde es zu bunt. Er riss sich los und lief den Hang hinab und strebte direkt auf die große dunkle Gestalt zu. Er hatte geglaubt, sie in wenigen Sekunden erreichen und festhalten zu können, doch das stellte sich nun als Täuschung heraus. In der Dunkelheit hatte er wohl die Distanz oder die Geschwindigkeit, mit der sich das Wesen bewegte, schlecht eingeschätzt. Jedenfalls schaffte er es einfach nicht, den Unheimlichen einzuholen.

Bald ging es wieder bergan. Jo keuchte und kroch, ohne sich eine Pause zu gönnen. Über ihm kletterte die Gestalt, mit merkwürdigen eckigen Gesten. Jo sah sich um und stellte fest, dass er sich weit von Manola entfernt hatte. Sie folgte ihm nur zögernd.

Der Himmel schimmerte immer noch rötlich. Wind strich über den Hang. Jo bemerkte, dass die Steigung zunahm. Seine Schuhsohlen waren glatt, und einmal rutschte er aus und glitt ein Stück zurück. Leise fluchend setzte er den beschwerlichen Weg fort.

Täuschte er sich, oder tönte ihm verhaltenes Kichern entgegen? Machte sich der oder das dort oben über ihn lustig? Der Gedanke stimmte ihn zornig, doch zur selben Zeit machte er sich klar, dass er nun zumindest einen Hinweis auf die Beschaffenheit dieser absonderlichen Erscheinung hatte. Sie schien von menschlicher Gestalt zu sein.

Jo stellte keine weiteren Überlegungen an. Er musste sich nun ganz auf den Anstieg konzentrieren, denn die Steigung betrug nahezu neunzig Grad. Er schwitzte und gab sich Mühe, nicht nach unten zu sehen, um seiner aufkeimenden Angst Herr zu werden. Er befand sich an dem dem Dorf abgewandten Hang des Bluthügels, und nur noch wenige Meter trennten ihn von dem Gipfel und dem Platz, auf dem Ludovigo die Beschwörung zelebriert hatte.

Plötzlich kam es wieder auf, das Brausen und Pfeifen in der Luft. Neue häßliche Farben leuchteten am Himmel auf. Jo fühlte zu seinem Entsetzen, wie der Grund unter seinen Händen und Füßen zu vibrieren begann. Das Donnergrollen klang wie das vernichtende Schmettern eines apokalyptischen Konzertes. Jo sagte sich noch: Jetzt ist es aus.

Über ihm, auf der Kuppe des Berges, richtete sich die Gestalt des Unheimlichen auf. Ein Blitz zuckte heran, und es sah aus, als teilte er den rot und grün und häßlich-gelb leuchtenden Himmel in zwei Stücke. In der jähen Helligkeit erkannte Jo ein Wesen, das aus Stein gemeißelt zu sein schien und doch beweglich war. Es hob die Arme und legte den Kopf zurück. Ein satanisches Lachen drang aus seiner Fratze. Nur für einen Moment, wie eingeblendet, war seine grauenvolle Physiognomie zu sehen. Und sie blieb unauslöschlich in Jo Carmichaels Erinnerung haften.

Der Bluthügel erzitterte. Ob Jo wollte oder nicht, er musste seine Finger lösen. Der Boden war mit einemmal siedend heiß. Jo brüllte auf und fühlte, dass er nach hinten gerissen wurde. Das Gelächter begleitete ihn auf seinem Sturz in die Tiefe. Ich breche mir das Genick, und Manola wird über meinem zerschmetterten Leib in Tränen ausbrechen – das war seine letzte, schaurige Vision.

Dann sah, hörte und fühlte er nichts mehr. Erst als er die Augen wieder aufschlug, kam er zu der Überzeugung, dass er sich noch im Diesseits befand. Denn Manola kauerte neben ihm und streichelte seine Wangen. Wenige Schritte vor ihm hatten sich die Leute aus dem Dorf versammelt, allen voran Ludovigo. Sie hielten ihm ihre Rücken zugewandt. Wie gebannt blickten sie zur Kuppe des Bluthügels empor, wo sich immer noch die Umrisse jener furchtbaren Gestalt abzeichneten. Der Himmel war nun mit blassem Morgenlicht gefüllt. Aber da war noch etwas, das Jo zu seinem Erstaunen bemerkte. Überrascht setzte er sich auf.

»Ruhig, Liebster«, sagte Manola besorgt und versuchte ihn sanft, aber bestimmt zurück auf den staubigen Boden zu drücken. Er wehrte sich dagegen, schob ihre Hände von seinen Schultern und drehte sich verwundert um. Hinter ihm lagen die Hütten von El Turbio.

»Ist das die Möglichkeit? Hast du mich bis hierher getragen?«

»Nein.«

»Also hast du Hilfe geholt?«

»Ich – auch das nicht.«

»Dann erkläre mir, wieso ich nicht dort liege, wo ich hätte hinabstürzen müssen, hinter dem Bluthügel.«

»Ich weiß nicht, was geschehen ist«, versicherte sie. »Plötzlich krachte und blitzte es, und ich fühlte mich – irgendwie federleicht, schwerelos. Dann schwanden mir die Sinne. Ich kam zu mir und fand mich hier wieder. Neben dir. Mehr weiß ich nicht.«

»Wie lange war ich ohnmächtig?«

»Auch das weiß ich nicht.«

Er blickte auf die Armbanduhr. Sie war stehengeblieben.

»Es ist alles wie verhext«, sagte er leise, obwohl sich sein Verstand gegen eine so unsachliche Feststellung auflehnte. Verdrossen rappelte er sich vom Boden auf und stolperte auf die Menschen zu, die dicht gedrängt standen und sich nicht vom Fleck rührten.

Jo wankte an ihnen vorüber. Ihm war elend zumute. Er fühlte sich schwach, schmutzig, erniedrigt. Der schwarze Geselle dort oben auf dem Bluthügel hatte ihn verhöhnt und an der Nase herumgeführt, und das war etwas, was Jo nicht verwinden konnte. Er war entschlossen, sich zu revanchieren. Unter den Leuten aus dem Dorf erkannte er Celo, den Flötenspieler und die dralle Frau, die das Blutopfer gebracht hatte. Die Lastträger waren nirgends zu sehen, doch Jo war sicher, dass sich sämtliche Bewohner von El Turbio hier zusammengeschart hatten. Auch die rachitischen, wasserbäuchigen Kinder fehlten nicht. Niemand schenkte ihm Beachtung, niemand sah ihn auch nur an. Alle hielten den Blick unverwandt auf die Erscheinung gerichtet. Blasse Lippen murmelten unverständliche Laute. Ludovigo trug wieder sein rotes Gewand. Er hielt die Arme ausgebreitet und stand stocksteif wie eine Statue.

»Nicht weitergehen«, sagte er, als Jo sich auf seiner Höhe befand. »Der Regenmacher duldet es nicht.« Jo blieb stehen und sah ihn verdutzt an.

»Der was?«

»Der Regenmacher ist gekommen, um dieses Land zu benetzen. Die Beschwörung hat Erfolg gehabt. Mein Werk ist vollbracht. Ich bin stolz darauf.«

»Hören Sie, Ludovigo. Bevor Sie ganz den Verstand verlieren, will ich Sie darauf hinweisen, dass der schwarze Kerl dort oben versucht hat, mich umzubringen. Ich sollte mir das Genick brechen.«

»Sie leben doch, Carmichael.«

»Ja, ich habe verdammtes Glück gehabt.«

»Sie irren sich. Der Regenmacher wollte Ihnen nur einen Denkzettel verpassen.«

»Ach, denken Sie doch, was Sie wollen«, stieß Jo hervor und lief los. Ludovigo wollte ihn zurückhalten, doch Jo stieß ihn zurück, so dass er taumelte und fast zu Boden stürzte.

»Stehenbleiben!«, schrie der Wunderheiler, aber Jo hörte nicht darauf. Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge. Niemand schien zu billigen, was Jo unternahm, doch niemand verfolgte ihn.

Jo rannte, so schnell er konnte, den Hang des Bluthügels hinauf. Bald konnte er das Antlitz der unheimlichen Gestalt erkennen. Aber das war nicht mehr die Teufelsfratze, die er vor seinem Absturz gesehen hatte. Ein bleiches menschliches Gesicht mit hohlen und unsäglich kalten Augen blickte auf ihn herab. Ein dünnlippiger Mund öffnete sich, und Jo glaubte, schwarze Zähne zu sehen. Plötzlich war es wieder da, das leise hämische Auflachen. Eine neue Zerreißprobe stand bevor. Aber er hatte sich vorgenommen, sich diesmal nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Er wollte es zur direkten Konfrontation kommen lassen.

Ein Schlag traf ihn vor die Brust. Die Macht, die aus dem Nichts kam, warf ihn um, und plötzlich sah er sich auf dem Boden sitzen. Ärgerlich versuchte er aufzustehen. Doch er konnte sich nicht mehr rühren. Gelähmt hockte er da und musste ohnmächtig mit ansehen, wie er sich immer weiter von dem Regenmacher entfernte. Entweder glitt er über den Hang davon, oder der Bluthügel hatte sich in Bewegung gesetzt. Er war nicht in der Lage, dies festzustellen, denn auch sein Gehirn war wie paralysiert.

Jo Carmichael sah nur noch den Regenmacher, dessen Körper von wilden Zuckungen geschüttelt wurde. Er führte eine Art Tanz auf, und wieder wurde das Erdreich in Vibrationen versetzt. Der Himmel verdunkelte sich. Graue und schwarze Wolken ballten sich über der kümmerlichen Ansammlung von Lehmhütten, die El Turbio hieß. Donnergrollen hallte von den Bergwänden wider – und dann tröpfelte es zu Boden, leise, spärlich, jedoch stetig und allmählich anschwellend.

Jo konnte die Stimmen der Menschen aus dem Dorf vernehmen, aber er sah sie nicht. Sie mussten hinter ihm stehen, unmittelbar hinter ihm, doch er konnte den Kopf nicht wenden.

»Regen«, sagte jemand. »endlich Regen!«

»Es ist zu schön, um wahr zu sein!«, rief ein anderer.

»Endlich hat unser Leiden ein Ende!«

»Die Erde wird blühen, und das Vieh wird fett und unsere Kinder haben wieder zu essen und zu trinken!«

»Das ist kein Wasser«, sagte Celo. »Das ist rot.«

»Blut?«

»Es ist Blutwasser«, stellte Ludovigo mit bebender Stimme fest. »Wir müssen es als Omen auffassen, Brüder und Schwestern.«

»Ein gutes oder ein böses Omen?«

Diese Frage einer Frau blieb in der Luft schweben, denn im nächsten Moment hörte der rätselhafte Niederschlag auf. Ein enttäuschtes Murren ging durch die Menge. Jo beobachtete den schwarzen Gesellen auf der Kuppe des Bluthügels. Plötzlich ertönte ein Knall, ein Blitz flammte auf, und er verschwand. Es roch nach Feuer und Schwefel, nach Unheil und Verdammnis. Die Wolken waren immer noch da, verdichteten sich noch über dem Dorf, wogten auf und ab. Jo konnte immerhin die Augen verdrehen und verfolgen, wie sie sich tiefer über den V-förmigen Einschnitt senkten. Als ihre untersten Schichten den Gipfel des Bluthügels und einige benachbarte Kuppen berührten, bemerkte er, dass sie immer stärker in Bewegung gerieten, dass es keine Regendünste oder sonstige vaporisierte Substanzen waren, die auf die Menschen zugeflogen kamen, sondern etwas Lebendes. Jo sah, wie die Wesen kamen, und Grauen stieg in ihm auf. Es mussten Millionen und Abermillionen von Insekten sein, die sich auf sie senkten und an ihnen vorbeischwirrten. Jo war sicher, eine solche Spezies nie in seinem Leben gesehen zu haben. Es handelte sich weder um Mücken noch um Fliegen oder Wespen oder Heuschrecken oder Käfer, und doch schienen sie eine Kreuzung aus alledem zu sein.

Plötzlich konnte er sich wieder regen. Er stemmte sich hoch, fuhr herum und lief Manola nach, die gemeinsam mit den anderen in panischer Flucht dem Dorf entgegenhetzte. Die Menge schrie. Frauen und Kinder weinten. Jo holte Manola ein, packte sie am Arm und riss sie mit sich zu Boden. Schluchzend presste sie ihr Gesicht gegen seine Brust. Die gewaltigen Insektenschwärme zogen über sie hinweg. Sie nahmen ihnen die Atemluft. Fast schien es, als müssten sie ersticken. Jo glaubte, die Kreaturen würden sie angreifen, fressen, stechen, vernichten, doch das war eine Täuschung.

Nachdem der letzte Schwarm über sie hinweggezogen war, richteten sie sich keuchend auf. Fassungslos sahen sie zu, wie die wirbelnden, zitternden Wolken die Menschen in ihre Hütten hineintrieben. Als letzter war Ludovigo zu sehen, der – ein fast grotesker Anblick – mit wehendem rotem Gewand zu seiner Behausung hinüberstolperte. Endlich verschwand auch er hinter den schützenden Mauern. Die gewaltigen Insektenschwärme, die eben noch den Himmel verdunkelt hatten, drangen auf die Hütten ein und senkten sich auf die Dächer nieder. Nur wenige Sekunden verstrichen, dann waren sie nicht mehr zu sehen. Blassrot ging im Osten die Sonne auf. Die plötzliche Ruhe wirkte beängstigend. Es war die Stille des Todes.

»Los, wir müssen in die Hütten und retten, was noch zu retten ist«, sagte Jo Carmichael. Er nahm Manola bei der Hand und zog sie hinter sich her.

 

Fast instinktiv steuerte Jo auf Celos Hütte zu. Manola löste sich von ihm und kauerte sich zitternd und leise weinend neben der Vorderfront auf den Boden. Er ließ sie gewähren. Er schob den Perlschnürenvorhang auseinander und betrat den dunklen Hauptraum in der Erwartung, grausigem Gewimmel zu begegnen, mit den scheußlichen Insekten kämpfen zu müssen. Er wurde jedoch recht angenehm überrascht. Celo hockte grinsend in einer Ecke. In der Linken hielt er eine Flasche mit Pulque oder Tequila oder irgendeinem anderen schrecklich scharfen Getränk.

»Wo sind die Insekten?«, fragte Jo.

Celo zuckte nur die Schultern. Jo sah überall nach, aber er konnte nirgendwo auch nur einen winzigen Kadaver entdecken – oder ein Loch, in das sie hineingekrabbelt waren. Merkwürdig, dachte er. Ich habe sie auch in dieser Hütte verschwinden sehen. Er ging in sein Zimmerloch, und hier fand er die Bestätigung dafür, dass er sich tatsächlich nicht getäuscht hatte. Die Bongo-Trommeln existierten nicht mehr. Ihr Holz und ihre Felle lagen zerfasert in zwei kläglichen Häufchen Staub auf dem groben Boden. Die Klarinette war gleichfalls zersetzt worden, und für Jo gab es keinen Zweifel, dass die unheimlichen Insekten dies angerichtet hatten. Er hatte keine Ahnung, warum dies geschehen war. Missmutig begab er sich nach draußen, berichtete Manola kurz und zeigte ihr die Klappen aus verchromtem Metall, die von der B-Klarinette übriggeblieben waren.

»Santa Maria, das tut mir leid«, sagte sie. »Und deine Trompete, Liebster?«

»Die ist noch ganz.«

»Ich verstehe das nicht. Es ist alles zu schrecklich, zu unerklärlich.«

Er legte den Arm um ihre Hüfte. »Beschränken wir uns zunächst auf die Feststellung, dass die Biester die Trompete nicht verzehrt haben, weil sie aus Metall besteht. Was Holz war, haben sie zerfressen. Die Gitarre kann ich natürlich auch abschreiben.« Er zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Langsam ging er mit dem schönen Mädchen zu einer der nächsten Hütten hinüber.

In ihrem Inneren bot sich ein ähnliches Bild. Zwei Männer, eine Frau und mehrere Kinder saßen auf einer Bank und machten einen recht verwirrten Eindruck. Von den seltsamen Insekten war nichts zu sehen. Nachdem Jo sich davon überzeugt hatte, dass der Spuk vorüber war, wandte er sich Manola zu und sagte: »Suchen wir die Lastträger. Ich will zurück nach Cali und alles Nötige veranlassen. Diese Menschen müssen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden.«

»Ich gehe mit dir, Liebster«, sagte sie.

Er küsste sie und strich ihr mit einer Hand sanft über die Wange. Dann suchten sie die Hütte auf, in der die drei Träger für die Nacht Quartier bezogen hatten. Der Schafbauer, der dort wohnte, wartete jedoch mit einer weiteren Überraschung auf: Die Männer hatten El Turbio verlassen. Noch in der Nacht. Sie hatten sich abgesetzt, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

»Ich bin sicher, Ludovigo steckt dahinter«, versetzte Jo grimmig. »Aber mit einem solchen Streich hält er mich nicht von meinem Vorhaben ab. Es werden sich schon andere finden lassen, die meine Sachen gegen harte Dollar nach unten transportieren.«

Sie schüttelte den Kopf. »Die Männer sind schwach. Sie würden unterwegs vor Ermattung sterben.«

»Dann gehen wir allein. Die Instrumente belasten uns nicht mehr. Außerdem könnte ich einiges zurücklassen.«

»Ich helfe dir.«

»Danke.« Jo blickte zwischen den Häusern hindurch zum Bluthügel hinauf. Aber dort regte sich nichts. Er wandte den Kopf und blickte aus schmalen Augen auf das Haus des Wunderheilers. »Bevor wir uns auf den Weg machen, möchte ich mich aber noch bei Ludovigo für den Zirkus bedanken.«

Manola machte Anstalten, ihn zurückzuhalten, doch er ließ sich nicht beeinflussen. Unbeirrt schritt er auf das Ziegelgebäude zu. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ihm anzuschließen.

 

Ludovigo hatte das Lehmhaus betreten, war durch den dunklen Flur gerannt und hatte sich in dem Zimmer, das er als seinen Arbeitsraum bezeichnete, auf ein besticktes Polstergestühl fallen lassen. Er hatte einen Angriff der grausigen Insekten erwartet und war bereit gewesen, sich mit Kräutern und verschiedenem Gerät zu verteidigen.

Herber Duft erfüllte den Raum. Salbei, Myrrhe, Rosmarin und andere trockene Gewächse sorgten für den intensiven Duft. Seltsame Flüssigkeiten in irdenen Töpfen sonderten unangenehme Gerüche aus. Geschnitzte Figuren, kreuzähnliche Gebilde, Masken, Messer und bunte Ketten waren in so großer Zahl vorhanden, dass es den Anschein hatte, als seien sie auf den großen Tisch niedergehagelt. Als er sicher war, dass sich seine Befürchtungen nicht bewahrheiten würden, stand Ludovigo auf, hustete und legte sein rotes Gewand ab. Er warf es über die Rückenlehne des Gestühls und rief: »Manola! Manolaaaaa!«

Sie kam nicht. Er blickte ärgerlich in den Flur hinaus, betrat ihre Kammer, aber traf sie auch hier nicht an.

Er blickte durch das Fenster hinaus. Der Himmel hatte bereits einen messingfarbenen Glanz. Die Hitze setzte wieder ein. Ludovigo stieß eine Reihe von Verwünschungen aus und ging in seinen Schlafraum hinüber, um sich ein Hemd und eine Hose überzuziehen. Seine Gedanken kreisten um das, was sich ereignet hatte, aber er konnte zu keinem Schluss kommen. Er hörte ein Geräusch und blieb stehen. Vorsichtig drückte er die Tür zum Schlafraum auf, immer noch befürchtend, die Insekten könnten wieder auftauchen. Hatten sie sich irgendwo versteckt, um ihn aus dem Hinterhalt anzufallen und ihm dann den Garaus zu machen? Durch den Türspalt erkannte er die dralle Frau. Sie musste das Haus über die Terrasse betreten haben. Sie stand neben seinem Bett und hatte sich bereits bis auf den letzten Fetzen entkleidet. Als sie ihn bemerkte, lachte sie guttural und vollführte ein paar lockende Gesten.

»Der Regen ist ausgeblieben, aber die Gefahr ist vorüber«, sagte sie mit tiefer Stimme. »Wir leben. Das sollten wir feiern, mein großer Freund und Gebieter. So komm doch! Worauf wartest du?«

Er trat auf sie zu, griff nach ihren Kleidern und warf sie ihr zu.

»Mach, dass du fortkommst. Ich bin jetzt nicht in der richtigen Stimmung. Ich muss nachdenken, verstehst du?«

»Nein.«

»Verschwinde trotzdem.«

Sie wollte aufbegehren, bemerkte jedoch seinen kühlen, abweisenden Blick und begriff, dass Widerrede keinen Sinn hatte. Mit verdrießlicher Miene stahl sie sich davon. Dabei wiegte sie sich dreist und vulgär in den breiten Hüften. Ludovigo zog sich eine Leinenhose und ein Hemd über, das er bis zum Bauch offenstehen ließ. In Gedanken versunken ging er auf die Terrasse hinaus. Er setzte sich, nahm den Fächer und wedelte sich selbst Luft zu. Erst jetzt sah er den Mann, der in gebückter Haltung auf den Steinstufen der Treppe stand, die zur Terrasse hinaufführte. Es war Miguel. Miguel, der Flötenspieler, einer der fanatischsten Anhänger des Wunderheilers.

Ludovigo sah ihn abwartend an. »Nun, Miguel? Wir werden eine neue Beschwörung vorbereiten müssen. Der Americano ist an allem schuld. Er hat den Regenmacher verärgert.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber deswegen komme ich nicht, großer Meister.«

»Was ist dein Anliegen?« Ludovigo lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und streckte die Beine aus. »Brauchst du einen Ratschlag? Du musst dich nicht grämen. Es wird alles gut werden. Man muss Vertrauen haben.«

Miguel kam näher, und Ludovigo schien es plötzlich, als sei dieser Mann nicht mehr so ausgemergelt, wie er ihn in den vergangenen Tagen gesehen hatte. Irgendwie war er verändert.

»Ich sagte schon: das ist nicht der Grund meines Kommens«, wiederholte er. »Was schert mich der Regen? Ich habe ein persönliches Problem. Sieh her, großer Meister.« Er öffnete sein Hemd, bückte sich und krempelte die Beine seiner verschlissenen, geflickten Hose hoch. Ludovigo stand unwillkürlich auf und ließ den Fächer fallen.

Miguels Körper zeigte außergewöhnlich dichten Haarwuchs. Praktisch gab es überhaupt keine Stelle, an der noch blanke Haut zu sehen war. Erstaunt betastete Ludovigo die Haare und stellte fest, dass sie ziemlich lang und stark waren.

»Die reinsten Affenhaare«, bemerkte er überrascht. »Wann sind sie dir gewachsen, Amigo?«

»Nach dem Überfall durch die – die Mücken. Es waren doch Mücken? Oder Wespen?«

»Noch wissen wir es nicht«, erwiderte der Wunderheiler ausweichend. »Übrigens scheint es mir, als sei deine Stirn flacher und deine Nase breiter geworden. Was hast du mit dir gemacht?«

»Nichts, großer Meister. Aber ich fühle mich sehr schlecht.«

Ludovigo untersuchte Miguel eingehend. Er gab sich große Mühe, seinem Entsetzen keinen Ausdruck zu geben, um den Mann nicht noch mehr zu verunsichern. Zwischendurch stellte er nur Fragen wie: »Und du willst mir wirklich weismachen, diese Affenhaare seien in ein paar Minuten gesprossen?«

Der unglücklich dreinschauende Flötenspieler antwortete jedes Mal mit einem lakonischen »Ja«.

Ludovigo besprenkelte Miguel mit Kräuterextrakt und sagte dabei Beschwörungsformeln auf. Der Mann hockte ehrfürchtig vor ihm und rührte sich nicht. Aber in seinem Pelz regte sich etwas. Ludovigo fuhr der Schreck in die Knochen, als er zwei, drei der rätselhaften Insekten emporsteigen und auf sich zuflattern sah.

 

 

 

Jo Carmichael und Manola Dominguin standen in der Türöffnung, die zur Terrasse führte, als der Wunderheiler sich schimpfend aufrichtete und mit beiden Händen nach den punktgroßen Kreaturen hieb. Sie schwirrten davon, und er sank seufzend auf seinen Stuhl zurück.

Jo stürmte auf dem mit einfachen Platten belegten Platz unter der vertrockneten Pergola hinaus und blieb zwischen Ludovigo und Miguel stehen. Manola blickte so entgeistert wie Jo auf den kauenden, über und über behaarten Flötenspieler.

»Was hat das zu bedeuten?« Jo blickte Ludovigo feindselig in die Augen. »Was haben Sie mit dem Mann gemacht, Sie erbärmlicher Hochstapler?«

Miguel wich vor ihm zurück. Voller Scham versuchte er, seine Blößen mit seinen Kleidungsstücken zu bedecken. Der Wunderheiler saß, aber man sah ihm an, dass es ihm schwerfiel, ruhig zu bleiben.

»Es ist deine Schuld, Americano. Du hast den Regenmacher verärgert. Dir haben wir es zu verdanken, was nun an Schmach und Schande über uns kommt. Die Mächte, die aus dem Dunkel kommen, reizt man nicht ungestraft.«

Jetzt schaltete sich das Mädchen ein.

»Du weißt, dass es eine Lüge ist! Warum gestehst du nicht endlich ein, dass du einen Fehler gemacht hast?«

»Du wagst es, mich anzuklagen?« Sie trat vor ihn hin und stemmte empört die Fäuste in die Seiten.

»Ich habe lange genug geschwiegen. Die Tatsache, dass du mich großgezogen hast, kann mich nicht mehr zwingen, ruhig zuzusehen, wie du die Dorfbewohner verhöhnst. Als du die Beschwörung auf dem Bluthügel vorgenommen hast, bist du zu weit gegangen. Du hättest die Finger von der Schwarzen Magie lassen sollen!«

»Sei still, sei still.« Seine Stimme klang zischend.

»Du hast Dämonen und Geister angelockt, indem du ihnen die Seelen der Menschen von El Turbio versprochen hast«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »und du hast gedacht, du könntest die Schwarzen Mächte foppen und ihnen später das Versprochene vorenthalten. Jetzt hast du dein Fett: Der Regenmacher hat dein Spiel durchschaut und dich über den Löffel barbiert.«

Ludovigo sprang auf, fuhr Jo an den Kragen und schlug wie von Sinnen auf ihn ein.

»Er hat dir das alles in den Kopf gesetzt!«, schrie er. »Dieser Bastard!« Es gelang ihm, den hochgewachsenen Jo zu Boden zu werfen. Manola schrie auf. Miguel senkte wie zum Angriff den Schädel, zog sich aber bis an die Umrandung der Terrasse zurück.

Jo handelte. Er hatte keinerlei Kampfsportausbildung genossen, aber er kannte einige Tricks, die er während seiner Schul- und Studienzeit gelernt hatte. Mit einem Hieb in die Nierengegend blockte er die nächste Attacke des Wunderheilers ab. Dann warf er ihn ab, hockte sich auf ihn und rammte ihm die Fäuste gegen die Brust. Ludovigo ächzte und krümmte sich. Er war unfähig, sich noch weiter zur Wehr zu setzen.

»Und du hast gesagt, er würde niemals jemanden angreifen, dieser alte Pazifist«, meinte Jo sarkastisch und stand auf.

Manola wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick gab Miguel einen dumpfen Laut von sich und rannte über die Terrasse auf die Treppe zu. Seine Bewegungen waren plump und er hatte überaus lange Arme, die er beim Laufen einfach baumeln ließ – eine ungeschlachte, haarige Gestalt, die sich nun grunzend absetzte. Ludovigo kam hoch. Seine Miene drückte Verzweiflung aus.

»Insekten sind in seinen Leib eingedrungen. Sie bewirken die Verwandlung. Miguel wird zu einem Ungeheuer.«

»Oh gütiger Himmel«, sagte Manola.

Jo setzte sich in Bewegung, um dem davonhumpelnden Wesen zu folgen.

»Los, kommt, wir müssen ihn einfangen und nach Cali bringen, damit er sofort ärztlich behandelt werden kann!«

 

Manola eilte ihm sofort leichtfüßig nach, und auch Ludovigo schloss sich ihnen an. Er rannte, so schnell er konnte, und sein Spitzbauch wackelte beängstigend. Unter der glühenden Morgensonne her hetzten sie dem Flötenspieler nach, der sich dem Dorf näherte. Noch bevor sie El Turbio erreicht hatten, lief ihnen der Schweiß über die Gesichter.

»In dem dichten Pelz wird er vor Hitze sterben«, rief Manola.

Jo meinte: »Ich verstehe nicht, warum wir ihn nicht einholen. Seht ihr nicht, dass er allmählich größer wird?«

»Americano«, erwiderte Ludovigo mit verzerrtem Gesicht. »das liegt nicht daran, dass sich die Distanz verringert. Miguel wächst. Ich weiß nicht, wie lange das so weitergehen wird, aber eines scheint mir klar: Bald wird er nicht mehr vor uns fliehen, sondern uns angreifen.«

»Wir müssen ihn fassen!«

Ein paar Frauen brachten sich kreischend vor dem behaarten Wesen in Sicherheit. Nackte blähbäuchige Kinder versteckten sich hinter Gebäudeecken. Miguel blieb kurze Zeit stehen, wandte sich zu den Verfolgern um und zeigte ihnen die Krallen an seinen erhobenen Händen. Wütend bleckte er die Zähne. Sein Haupthaar hatte sich bis zu den Augenbrauen zu einer filzigen Matte ausgebreitet. Die Augen waren winzig, lagen tief und funkelten tückisch. Unter seiner knorpeligen Nase stülpten sich wulstige Lippen, die immer wieder auseinanderklafften, um ein gefährliches Gebiss freizulegen.

»Ein Monster«, sagte Jo erschüttert. »mein Gott, er ist zu einem richtigen Monster geworden!«

Miguel drehte sich um und rannte auf eine der geduckten Lehmhütten zu. Er musste sich bücken, um ins Innere schlüpfen zu können. Aus dem Bau ertönten dumpfe Geräusche. Schleifende, tastende Schritte vermischten sich mit verhaltenem Knurren.

Manola schluckte entsetzt. Sie blieben vor der Hütte stehen. Jo legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »Hör zu, Kleines. Es ist besser, wenn du hier draußen auf uns wartest.«

»Ich habe Angst, Liebster.«

»Im Freien bist du sicher. Wir Männer gehen jetzt rein und stellen das Monster. Noch können wir es überwältigen und nach Cali transportieren. Ich schätze, durch die Fenster kann es nicht mehr entweichen. Dazu ist es bereits zu dick.«

Ohne zu zögern drang er in die Hütte ein. Ludovigo schloss auf. Er atmete heftig und konnte nicht verheimlichen, dass er Furcht empfand. Er bemühte sich jedoch, seiner Gefühle Herr zu werden, um sich vor dem hageren Musiker keine Blöße zu geben. So trat er neben Jo und versuchte, irgendetwas im Dunkel der Lehmhütte zu erkennen.

Böses Knurren ertönte aus einer Ecke.

»Da ist es«, raunte Jo. Er schlich auf die Stelle zu, wo die kleinen roten Augen des Monsters funkelten. »Wir müssen es einkreisen, Ludovigo. Paß auf, dass es dir nicht entwischt.«

Er hatte die Entfernung zwischen sich und dem lauernden Wesen auf einen bis anderthalb Meter verringert. Da ertönte plötzlich ein Knall und ein Blitz zuckte auf. Geblendet hielt Jo die Hände vor die Augen. Er wurde von einem mächtigen Schlag zu Boden gerissen und hörte hinter sich den Wunderheiler stöhnen und lamentieren.

In der rückwärtigen Mauer der Hütte klaffte eine große Öffnung auf, hinter der es bläulich schimmerte. Hämisches Lachen ertönte – es schien geradewegs aus der Hölle zu kommen. Das Monster huschte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu der Öffnung und kletterte hindurch. Gegen das blaue Licht hoben sich die Konturen seiner unförmigen Gestalt ab. Mit einem Grunzen stieß es sich ab und verschwand, und das Fluchtloch schnappte zu wie der Zentralverschluss eines Fotoapparats.

»Americano«, sagte Ludovigo. »wo steckst du?«

»Hier. Alles in Ordnung?«

»Bis auf einen kleinen Schmerz im linken Bein. Wo ist das Monster?«

»Wenn ich das wüßte!« Jo begab sich zu dem Fensterloch, das sich ungefähr dort befand, wo zuvor die blaue Öffnung erschienen war. Mattes Licht drang ein. Er steckte den Kopf ins Freie, konnte das Monster jedoch nirgends sehen. Aber etwas anderes bemerkte er, und er fuhr erschrocken zu dem Wunderheiler herum. »Komm her und halte deine Nase zum Fenster hinaus. Das gibt es doch nicht!«

Ludovigo kam seiner Aufforderung nach. Dann sah er Jo an und fuhr sich verlegen und unschlüssig mit der Hand durch die schneeweißen Haare.

»Draußen ist es kalt geworden. Die Sonne hat winterlichen Glanz.«

»Was hat das zu bedeuten?«

»Ich glaube, für das Monster soll eine geeignete Atmosphäre geschaffen werden. Wir haben doch selbst festgestellt, dass es sich hier totschwitzen würde.«

»Verrückt.« Jo schüttelte den Kopf und schnitt eine abfällige Grimasse.

»Ein Unheimlicher auf dem Bluthügel, vom Himmel regnende Insektenschwärme – ein Monster! Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass ich all diese Absurditäten mit eigenen Augen gesehen habe. Vielleicht liegt die Ursache woanders. Möglich, dass man mich berauscht oder vergiftet hat. Was sind das für Kräuter, die du in deinem Haus aufbewahrst? Marihuana? Drogen?«

»So ein Quatsch. Es sind Heilpflanzen. Du leidest nicht unter Halluzinationen, Americano. Alles ist Wirklichkeit. Haben Manola und ich nicht das gleiche beobachtet wie du?«

»Vielleicht seid ihr hier alle unter Drogen.«

Ludovigo ließ ihn einfach stehen und ging hinaus. Draußen empfing ihn empfindliche Kälte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Er begann, auf der Stelle zu treten und mit den Armen zu schlagen, um sich zu wärmen. Jo trat neben ihn und stieß einen verblüfften Laut aus.

»Wo ist Manola?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Jo griff mit den Händen in Ludovigos Hemd und zog ihn zu sich heran.

»Ich vergesse mich, falls das wieder ein neuer Trick von dir ist. Wohin ist sie verschwunden? Rede!«

»Ich weiß es nicht. Ich schwöre!« Wütend lief Jo auf die nächste Hütte zu. Nun zeigten sich keine Menschen mehr im Freien. Jo führte das auf die plötzliche Abkühlung zurück. Irgendwo schien sich etwas zu bewegen, aber als er den Kopf wandte und genauer hinblickte, sah er nur noch einen Schatten hinter einem Gebäudevorsprung verschwinden. Unruhig schaute er sich nach Manola um, konnte sie jedoch nirgends entdecken.

Er blickte in die nächste Lehmhütte. Misstrauisch blieb er in der Tür stehen. Da hörte er ein unheimliches Schnaufen und Grunzen vor ihm in der Finsternis. Ludovigo erreichte ihn, verharrte und lauschte.

»Das ist ja schrecklich«, sagte er mit leiser, versagender Stimme.

Etwas schlich auf sie zu, und sie wichen unwillkürlich zurück. Kaum hatten sie sich ein paar Schritte von dem Einlass entfernt, tauchte die Gestalt auf. Sie hatte die gleiche Statur wie der unglückliche Miguel, doch an der Physiognomie erkannten sie, dass es sich nicht um ihn handeln konnte. Es war ein anderes haariges Monster. Die untere Partie seines Gesichts wurde von einem gewaltigen Bart überwuchert, dessen Spitzen bis auf die mächtige Brust hinabreichten. Mehr als zwei Meter Körpergröße maß das Schreckenswesen.

Es stieß tiefe drohende Laute aus, doch als es herauskommen wollte, kollidierten seine Leibesmassen mit der Türfüllung. Es blieb stecken. Zornig heulte es auf. Jo und der Wunderheiler liefen durch das Dorf. Sie entdeckten Miguel, das erste Monster, der inzwischen weiter in die Höhe geschossen und in die Breite gegangen war und bei ihrem Anblick kampfeslustig mit den Fäusten gegen seine Brust schlug. Verwirrt hetzten die Männer zwischen zwei Hütten hindurch – und erstarrten.

Betroffen blickten sie auf den Platz hinter den primitiven Bauten: Mehrere Monster hatten sich zusammengeschart und tauschten eigentümliche Laute miteinander aus. Einige hatten Brüste. Sie verständigten sich in einer Sprache, die nichts mit dem Spanisch Kolumbiens oder der Ausdrucksweise irgendeines anderen Volkes gemein zu haben schien. Zwei besonders große Exemplare hatten eines der ausgemergelten Schafe von El Turbio gerissen und zerteilten es ohne jegliche Hilfsmittel. Gierig stopften sie sich rohe Fleischbrocken in die Mäuler. Die anderen gesellten sich zu ihnen und nahmen an dem Mahl teil.

»Alle«, sagte Ludovigo. »Der Regenmacher hat sie alle verzaubert. Sie sprechen fremde Worte, besitzen ungeheure Kraft, wachsen ständig. Ich glaube, sie sind zu einer Art Urmenschen geworden.«

Jo lehnte sich erschüttert gegen eine Mauer.

»Monster oder Urmenschen, das ist doch völlig gleichgültig. Wir sind mit von der Partie, Ludovigo. Uns wird es auch treffen. Warum haben wir uns noch nicht verändert?« Er blickte an sich hinunter und suchte nach Anzeichen für eine Mutation. Doch er bemerkte kein einziges.

»Unser innerer Widerstand ist größer«, sagte der Wunderheiler. »Aber es ist eine Frage der Zeit, dann wird auch er gebrochen.«

»Heißt das...«

»Ja. Auch wir werden wie sie.« Zur Bekräftigung seiner Worte wies Ludovigo noch einmal auf die grauenvoll schmatzenden Monster.

Jo Carmichael trat ein paar Schritte zurück und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Ein trockener Laut entrang sich seiner Kehle. Er, der Ästhet und Sauberkeitsfanatiker, sollte zu einem Greuelwesen, einer Ausgeburt der Hölle werden. Fassungslos drehte er sich um, blickte zum Bluthügel hinauf und murmelte eine Verwünschung. In diesem Augenblick entdeckte er Manola. Sie befand sich in der Gewalt des Regenmachers. Er, der schreckliche schwarze Geselle, hatte sie am Arm gepackt und zerrte sie mit hohnvollem Lachen über die Kuppe auf die andere Seite.

Der Wunderheiler rief ihm irgendetwas nach, aber Jo verstand es nicht. In ohnmächtigem Zorn rannte er aus dem Dorf hinaus und hielt auf den Bluthügel zu. Er wusste, dass der Gegner mächtiger war, dass er ihn zweimal zurückgeworfen hatte und es nun ein drittes Mal versuchen würde. Aber das verzweifelte Gebaren von Manola, ihr Weinen und Schreien ließen ihn jede vernünftige Überlegung vergessen. Der Regenmacher zog das Mädchen mit sich fort. Als Jo den halben Weg zum Gipfel zurückgelegt hatte, entschwanden beide Gestalten seinem Blickfeld.

»Sei ein Mann!«, rief er. »Stelle dich und nimm den Kampf mit mir auf!«

Kichern und Lachen waren die Antwort, doch der schaurige Bursche zeigte sich nicht. Jo hastete weiter. Es war kalt. Die Hitze behinderte ihn nicht mehr, er konnte die Erhebung hinaufspurten. Doch bis auf die Kuppe gelangte er nicht. Felsbrocken tauchten aus dem Nichts auf, lösten sich von oben und polterten herunter – direkt auf ihn zu. Es waren mannshohe Quader, und jeder hätte ihn zermalmt. Die Erde erzitterte. Jo änderte die Richtung. Er lief nun nach links hinüber, um sich vor den mörderischen Felsbrocken in Sicherheit zu bringen. Es schien, als übe er eine magnetische Anziehungskraft auf sie aus, denn sie reagierten auf den Richtungswechsel und rollten nun dorthin, wo er seine Rettung suchte.

Verzweifelt ließ Jo sich zu Boden sinken. Er legte sich flach auf den Bauch und deckte den Kopf schützend mit den Händen ab. Er schloss bereits mit dem Leben ab. Er zwang sich, nur noch an Manola zu denken, denn er wollte mit einem schönen Bild vor Augen sterben. Ein Felsblock donnerte direkt auf ihn zu. Jo sah nicht hin. Er hörte nur, dass der Quader sich näherte und das unterirdische Dröhnen anschwoll. Es ertönte ein eigentümlicher, scharfer Laut, und etwas schwebte über ihn hinweg. Jo ahnte, dass es der Block war, obwohl er es immer noch nicht wagte aufzublicken. Instinktiv winkelte er jedoch die Beine an. Die Last krachte hinter ihm zu Boden und rollte weiter. Links und rechts holperten weitere Quader vorüber, doch keiner streifte ihn.

Er drehte sich auf den Rücken und setzte sich auf.

Kaum wollte er es glauben: Der mächtige Block, der ihn hatte zerquetschen sollen, bewegte sich auf El Turbio zu. Die übrigen Quader begleiteten ihn. Die Gefahr war vorüber. Er drehte sich um und bemerkte nun, was ihn gerettet hatte. Vielleicht einen Meter von der Stelle entfernt, wo sich sein Kopf befunden hatte, erhob sich ein flacher Steinbuckel. Der Quader musste mit seinem vollen Gewicht auf die Erhöhung geraten sein und hatte dabei so viel Schwung bekommen, dass er über Jo hinweggeflogen war. Jo stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er begriff nicht, warum der Regenmacher, falls er tatsächlich ein Abgesandter der Hölle war, ihn verschont hatte. Hatte er sich verkalkuliert? Besaß er weniger Macht, als es den Anschein hatte? Jo hatte keine Gelegenheit, darüber nachzusinnen, denn unten im Dorf erklang jetzt Lärm.

Die großen Felsblöcke hatten ein paar Hütten niedergewalzt. Hinter den Trümmerhaufen stand eine Gruppe von Monstern, die sich neugierig und aufgeregt brabbelnd zusammengefunden hatten. Jo stellte fest, dass ihre Anzahl größer war als die der Horde, die Ludovigo und er wenige Minuten zuvor beobachtet hatten. Die Meute des Schreckens wuchs, und die Kreaturen wurden immer größer. Jo sträubten sich die Nackenhaare, als er sah, wie sie die Quader abfingen. Sie bückten sich einfach nur, streckten die Hände aus und hielten die tonnenschweren Gesteinsmassen wie harmlose Glasmurmeln fest. Ein Monster stemmte einen Klotz hoch und ließ ein fragendes Grunzen vernehmen.

Das größte aller Ungeheuer – es war Miguel, der Flötenspieler – wankte heran und gab einen Befehl. Mit einem Schrei schleuderte das andere Monster den Brocken von sich. Er flog durch die Luft und fiel auf eines der Gebäude nieder – Celos Hütte. Sie zerbarst in tausend Stücke, und Jo dachte wehmütig an sein Gepäck. Celo war nirgends zu sehen. Jo nahm nicht an, dass er sich noch in seinem Heim befunden hatte. Er glaubte vielmehr, dass Celo ebenfalls zu einem Monster geworden war. Durch den aufwirbelnden Staub erblickte Jo nun eine Gestalt, die sich in panischer Flucht davonmachte. Es war der Wunderheiler. Er hatte sich mit wärmender Kleidung versorgt, und zwar in Celos Hütte, denn Jo erkannte seine hellbraune Lederjacke und seine Schirmmütze. Ludovigo hatte gerade noch entwischen können.

Jetzt aber stürmten die Monster brüllend hinter ihm her. Ludovigo gestikulierte mit einem blinkenden Gegenstand, den Jo nicht zu identifizieren vermochte. Er sah nur, dass es sich um etwas Metallisches handelte. Jo lief den Hang des Bluthügels hinab. Als die Monster Ludovigo umzingelten und dieser in einer Lehmhütte Schutz suchte, gab Jo den Plan auf, dem Wunderheiler zu Hilfe zu eilen. Es war sinnlos. Mindestens ein Dutzend Monster umstanden die Hütte, und andere nahten. Miguel, das größte Monster, war mittlerweile etwa vier Meter groß.

Ungeduldig brummend hielt er einen Felsblock über seinem Kopf. Die übrigen schienen ihn mit Rufen anfeuern zu wollen. Jo schlug einen Bogen und pirschte sich im Schutz der Hütten an ihnen vorüber. Mit Grauen sah Jo, dass winzige Geschöpfe um die Häupter der Monster wirbelten – ohne Zweifel handele es sich um die mysteriösen Insekten.

Das größte Monster brüllte, dann ließ es den Stein zu Boden plumpsen – direkt auf das Dach der Hütte, in der Ludovigo sich versteckt hatte.

 

Ein Erdstoß ließ die noch unzerstörten Behausungen erbeben, als der Brocken die Lehmhütte zermalmte. Jo hatte Ludowigos Haus erreicht. Er beschloss, sich zunächst dort zu verbergen. Noch hatten die Monster ihn nicht entdeckt. Vielleicht zogen sie sich wieder ans andere Ende des Dorfes zurück, und er konnte ungesehen entweichen.

Über die Terrasse drang er in das Haus ein. Dass Ludovigo keine Chance mehr gehabt hatte, stand für ihn fest. Sicher war er zerschmettert worden. Jo wunderte sich, dass er Mitleid mit dem Mann empfand – hatte er ihn doch nicht ausstehen können. Die Ereignisse von El Turbio hatten in ihm eine Sinneswandlung bewirkt, deren er sich erst jetzt bewusst wurde. Im Flur blickte er durch ein Fenster. Die Monster stapften schwerfällig zwischen den zerstörten und den noch stehenden Hütten hin und her.

Es gibt übersinnliche Erscheinungen, sagte er sich. Du kannst es jetzt nicht mehr abstreiten!

Suchend streifte er in dem Gebäude umher. In einem Zimmer überkamen ihn Mutlosigkeit und Traurigkeit, denn er stellte fest, dass es Manolas Raum war. Wo war sie? Hatte der Regenmacher sie umgebracht? Hass verdrängte die Niedergeschlagenheit, und Jo beschloss, noch nicht aufzugeben.

»Ich muss den Regenmacher finden«, sagte er laut, als er wieder auf den düsteren Korridor hinaustrat. Gab es Waffen im Haus? Magisches Gerät, dessen er sich bemächtigen und das auch er benutzen konnte? Jo ging dem Geruch von Kräutern nach.

Er betrat das Arbeitszimmer des Wunderheilers – und prallte überrascht zurück. Ludovigo saß auf seinem bestickten Polstergestühl und sah ihn spöttisch an.

»Enttäuscht, Americano?«

»Rede doch keinen Unsinn! Ich wünsche auch meinem ärgsten Feind nicht den Tod an den Hals. Wie hast du es bloß fertiggebracht, den Bestien da draußen zu entkommen?«

»Unterirdischer Gang.«

»Weiß sonst niemand davon?«

»Ich selbst habe den Tunnel entdeckt, jedoch im Dorf niemals ein Wort darüber fallenlassen. Nur Manola war eingeweiht.« Er grinste. »Muss wohl geahnt haben, dass mir so ein Geheimnis eines Tages nützlich sein könnte.« Er griff unter den ausladenden Tisch und holte einen Gegenstand hervor. Jo erkannte nun, was Ludovigo aus Celos Hütte mitgenommen hatte.

»Meine Trompete! Was, in aller Welt, hat dich veranlasst, ausgerechnet die zu retten?«

Der Wunderheiler lehnte sich zurück. Seine Finger spielten mit den drei Drucktasten der Ventile.

»Americano! Im Freien traben die Monster umher, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie uns entdecken. Nur wenn wir uns verbünden und Zusammenhalten, haben wir eine kleine Chance, lebend rauszukommen und nach Cali zu fliehen.«

»Ich sehe keinen Grund, in einer solchen Lage gegen dich zu arbeiten.«

»Du denunzierst mich nicht?«

»Vergessen.«

»Wirst du auch für dich behalten, was ich dir anvertraue?«

»Ich verspreche es.«

»Schwöre!«

Jo blickte zum wiederholten Male unruhig zum Fenster hinaus, wandte sich wieder Ludovigo zu und entgegnete: »Also schön. Auch das. Ich schwöre es.«

Sein Zeigefinger deutete in Richtung auf das Dorf. »Wir müssen uns sputen. Miguel ist jetzt zu einem Fünfmetermonster ausgewachsen, und die anderen sind drauf und dran, auch zu solchen Riesen zu werden. Wenn man sie nicht bändigen kann, muss man sie vernichten.«

»Hast du jemals etwas über die Ahnen des Homo sapiens gelesen, zum Beispiel über den Sinanthropus pekinesis, der vor über einer halben Million Jahren in Asien gelebt hat? Oder über den Java-Menschen, der eine ähnliche Statur, einen affenartigen Schädel und einen dichten Haarpelz gehabt haben soll?«

»Nein.«

»In dieser Gegend sollen in derselben Ära ähnliche Kreaturen gelebt haben. Vorfahren des europäischen Neandertalers.« Ludovigo stand auf und schwang die Trompete. »Vielleicht will der Regenmacher die Welt in ein Urstadium zurückversetzen, in dem nur primitive Geschöpfe leben, die ihm nicht gefährlich werden können, die keine Gegenbeschwörung zustande bringen.«

»Was hat es für einen Sinn, jetzt darüber zu spekulieren.« Jo wurde immer nervöser. »Hör zu. Ich will den Regenmacher suchen und Manola aus seinen Klauen befreien. Außerdem will ich ihn für diesen Spuk zur Verantwortung ziehen. Du wirst also allein nach Cali fliehen und dich dort nach Hilfe umsehen.«

»Ich kenne einen Facharzt für Hautkrankheiten, einen Dermatologen von Format.«

Jo sah Ludovigo zweifelnd an. »Ob der etwas gegen die Monster ausrichten kann? Kann man sie in Menschen zurückverwandeln?«

»Dr. Urbano hat auf jeden Fall die nötigen Verbindungen, um auf dem schnellsten Weg eine Aktion zu organisieren. Wenn ich es schaffe, nach Cali zu gelangen, wird bald eine Expedition hierher unterwegs sein. Ich habe an Miguel gesehen, wie wirkungslos die Kräutermixturen gegen die Kräfte in seinem Inneren sind. Die furchtbaren Insekten haben sich in Fleisch und Knochen eingenistet und rufen eine Art von Krankheit hervor, die man medizinisch sicher nicht erklären kann. Ich hoffe aber, dass man durch moderne Therapiemethoden der Mutation doch irgendwie Herr werden kann.«

Jo sah erneut aus dem Fenster und beobachtete, dass sich die Monster in der Mitte des Dorfes zusammenscharten. Die Fünfmeterkreatur überragte alle, aber es zeigten sich bereits einige, darunter auch drei oder vier mit Brüsten, die auf dem besten Weg waren, seine Größe zu erreichen. Die kleinsten Monster waren unzweifelhaft verwandelte Kinder. Die Horde, die sich da zusammenrottete, zählte mehr Köpfe als zuvor.

»Es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen«, sagte Jo. »Die Lage spitzt sich zu. Einige glotzen schon herüber.«

Ludovigo raffte Kräuter zusammen und suchte nach bestimmten Ingredienzien, die offensichtlich noch fehlten.

»Schön, ich bin mit deinem Vorschlag einverstanden«, sagte er. »Du suchst den Regenmacher und Manola. Ich werde dir den unterirdischen Gang zeigen, der dich in die Nähe des Bluthügels führt. Möglich, dass gerade du den Regenmacher bannen kannst. Du hast nur eine winzige Chance, das zu schaffen, aber ich will dir sagen, warum ich das glaube: Die Teufelsinsekten haben deine Musikinstrumente zerstört. Es waren Fremdkörper in diesem Dorf, Objekte, die der Regenmacher nicht einkalkuliert hatte. Sie stören ihn. Dass er die Trompete, die aus hartem Metall besteht, nicht vernichten konnte, müssen wir uns zunutze machen. Ich kann nicht darauf spielen – aber du, Americano!«

»Warum sollte ich dann nicht auch die Monster bändigen können? Vielleicht haben sie auch Angst vor dem Klang der Trompete.«

»Angst vielleicht. Aber um den Zauber aufzulösen, muss man die Wurzel des Übels finden und ausreißen.« Ludovigo hatte nun offenbar genügend Kräuter zusammengepackt. Mit einem Bindfaden zurrte er sie fest und befestigte den Packen an der Trompete. »Verstehst du mich, Americano? Kannst du mir folgen?« »Natürlich. Man muss den Regenmacher zwingen, mit dem scheußlichen Spuk aufzuhören – sonst wird Manola auch zu einer Neandertalerin, und wir verwandeln uns ebenfalls in Urmenschen. Sind wir erst einmal Monster, gibt es keine Chance mehr, aus dem Satanskreis herauszukommen.«

»So ist es. Ich wusste, dass du ein intelligenter Mensch bist.« Ludovigo hob nun die Trompete und fuhr bedeutungsvoll mit der freien Hand über das Kräuterbündel. »Ich habe frische Blätter gewählt. Die haben mehr Kraft. Sie werden dir helfen, wenn du dem Regenmacher gegenübertrittst.«

»Hoffen wir’s. Was sind das für Pflanzen?«

»Rosmarin, Basilikum, Senape selvatica, zarte Knoblauch- und Zwiebelschößlinge, Salbei und Myrrhe und ein wenig Belladonna. Und, nicht zu vergessen, ein Trieb Schierlingskraut sowie der letzte Rest Mandragora, den ich besitze. Vielleicht ist dir dieses Gewächs eher unter dem Namen Alraune bekannt. Ich verlasse mich auf seine Wirkung.« Er reichte Jo die Trompete, und dieser sagte: »Danke.«

Aus dem Dorf tönte aufgebrachtes Knurren herüber. Beide Männer beobachteten jetzt durch das Fenster, dass die Monster ungeschickt in den Trümmerhaufen und den noch unversehrten Hütten herumstöberten.

»Sie haben eine große Hirnmasse, denn sie sind Riesen«, erklärte der Wunderheiler. »Und doch ist die Kapazität dieses Organs gering, wenn man an die übrigen Körperteile denkt. Ihre Unbeholfenheit müssen wir ausnützen.«

Die Monster traten Mauern ein, als wären es Pappwände. Sie hoben Felsblöcke und schmetterten sie auf Hütten, so dass die Erde erbebte. Dürre Schafe und entsetzt schreiende Esel und Maultiere versuchten, ihren gewaltigen Pranken zu entkommen, doch die Monster erwischten fast alle. Einige hockten sich hin und verschlangen gierig ihre Beute.

»Es wird ein Mörderspiel, Ludovigo«, sagte Jo Carmichael.

Jo hätte sich unter anderen Umständen wohl kaum in einen so engen und stickigen Stollen gezwängt. Doch der Gang war der einzige sichere Fluchtweg. Unterwegs beflügelte ihn die Aussicht, Manola und den Regenmacher zu finden, so dass er sich weder vom Schmutz noch von der Enge abschrecken ließ. Mit zusammengepressten Lippen kroch er weiter und näherte sich dem matt in der Ferne schimmernden Auslass. Der Wunderheiler hatte sich in der entgegengesetzten Richtung davongemacht. Er benutzte einen Gang, der unter dem Platz hindurchführte, auf dem die Monster sich versammelt hatten. Wie er versichert hatte, würde er an einer Stelle ans Licht des Tages zurückkommen, wo man El Turbio nicht mehr sehen konnte.

Jo kroch aus dem Stollen, atmete tief durch und klopfte seine Kleidung ab. Staub wirbelte auf. Die Trompete, die er vor sich her durch die Finsternis geschoben hatte, hob er wieder auf. Dann setzte er seinen Weg in nordöstlicher Richtung fort. Er befand sich an dem El Turbio abgewandten Hang des Bluthügels. Nur die Temperatur erinnerte noch an die Gegenwart der Mächte des Bösen. Doch hier war es etwas wärmer als im Dorf. Jo brauchte nicht mehr zu frösteln und mit den Zähnen zu klappern. Allerdings hatte die Sonne immer noch einen matten, fast grauen Glanz.

Einmal drehte er sich um und blickte zurück. Der Einlass zum unterirdischen Gang wurde durch ein krüppliges Dornengerank nahezu vollständig verdeckt.

Jo wanderte über eine Bergkuppe in ein ödes Tal hinab. Jetzt nahm die Wärme zu. Sie verstärkte sich praktisch von Schritt zu Schritt. Er begann zu schwitzen. Angestrengt hielt er nach Spuren Ausschau. Er glaubte schon, die falsche Richtung eingeschlagen zu haben, als er auf sandigem Untergrund die Abdrücke nackter Fußsohlen bemerkte. Sie waren viel kleiner als seine eigenen. Sie konnten nur von Manola stammen. Etwas später stieß er auf einen Ring, den er an ihrer Hand gesehen hatte. Voller Zuversicht schritt er schneller aus. Er hörte dumpfe Geräusche. Sie kamen von einer Stelle hinter einem flachen Grat, der sich über ihm befand. Jo kroch hinauf und riskierte einen vorsichtigen Blick über den Grat.

Schräg unter ihm hockten zwei Monster, die ein entlaufenes Schaf gerissen hatten und sich nun daran gütlich taten. Das Schmatzen und Grunzen sowie das Knacken und Reißen, das ertönte, wenn sie ein neues Stück aus dem Tierkadaver rupften – diese Geräusche jagten Jo einen kalten Schauer über den Rücken. Er wollte sich zurückziehen, doch da hoben die Monster die Schädel und entdeckten ihn. Knurrend ließen sie von dem toten Schaf ab und eilten hinter ihm her. Der Wunderheiler mochte recht haben, was ihre Intelligenz betraf – doch ihre Witterung musste um ein Vielfaches besser entwickelt sein als die der Menschen der Jetztzeit.

Sie hasteten über den Grat hinweg. Dumpf tönten ihre Schritte. Jo bückte über die Schulter zurück und sah, dass kleine Insektenschwärme vor ihren Gesichtern tanzten. Die Tiere lebten in ihnen, hatten die furchtbare Verwandlung eingeleitet und begleiteten jede ihrer Bewegungen – wie Standarten, die den mächtigen Schädeln voranflatterten. Jo lief, was das Zeug hielt, und der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen den Körper hinab. Aber er hatte keine Aussicht, den Monstern zu entkommen. Immerhin waren sie mittlerweile über drei Meter groß geworden. Lange muskulöse behaarte Beine trugen sie in geradezu unheimlichem Tempo immer näher an den flüchtenden Mann heran.

Sie brüllten und warfen mit Staub und Steinen nach ihm. Darüber, was ihm blühte, wenn sie ihn ergriffen, brauchte er sich keine Illusionen zu machen. Sie wollten rohe Kost. Ihre verzerrten Fratzen waren von widerlicher Gier gezeichnet. Fast im letzten Augenblick besann sich Jo Carmichael auf seine Trompete. Im Laufen hob er sie hoch und presste das Mundstück gegen die Lippen. Das Kräuterbündel wippte heftig hin und her und verbreitete einen penetranten Geruch. Es war nicht leicht, unter diesen Bedingungen zu spielen. Aber Jo brachte immerhin eine einfache Melodie hervor.

Erbostes Schreien und Grunzen hinter ihm. Die Monster verringerten ihre Laufgeschwindigkeit. Am Dröhnen ihrer gewaltigen Schritte hörte er, dass sich die Distanz vergrößerte. Als er sich schließlich umwandte, sah er, dass sie zögernd und unschlüssig stehenblieben. Jo hielt ebenfalls inne. Schwitzend bearbeitete er seine Trompete und bemühte sich, immer höhere und schneidendere Töne zu erzeugen. Die Monster fuhren herum und machten sich schnaubend davon. Jo blickte ihnen nach, bis sie hinter der nächsten Erhebung verschwanden. Er überlegte, ob er nach El Turbio zurückkehren und sämtliche Monster mit dem Instrument verscheuchen sollte. Dann aber sagte er sich, dass dies sinnlos war. Er hätte auf diese Weise den unheilvollen Zauber nicht auflösen können, und außerdem hätte er nicht beobachten können, wohin die Monster flohen. Er hätte sie aus den Augen verloren, und sie wären irgendwo wieder aufgetaucht. Vielleicht in bewohnten Gegenden.

Jo setzte seinen Weg fort.

Das Bewusstsein, dass die Trompete mit dem Kräuterbündel wirklich eine gewisse Abschreckungskraft besaß, verlieh ihm neuen Mut.

 

 

 

Ludovigo hatte seinen Fluchttunnel verlassen und sich aus der unmittelbaren Umgebung El Turbios entfernt, ohne sich auch nur noch einmal umzublicken. Er hatte befürchtet, dass der unterirdische Gang einstürzen würde, wenn eines der Monster absichtlich oder zufällig mit einem seiner dicken Füße hineintrat. Nun entfernte er sich aus der Gefahrenzone mit dem Gefühl, dem Tod wieder einmal knapp entkommen zu sein. Ungefähr einen Kilometer vom Dorf entfernt entledigte er sich der Kopfbedeckung und der Lederjacke, versteckte sie unter einem flachen Stein und wanderte weiter. Die Temperatur nahm ständig zu. Bald hatte er Mühe, in stetem Rhythmus auszuschreiten. Sein Bauch wippte und Hemd und Hose klebten an seinem Leib. Er beneidete Jo Carmichael, der nicht unter Übergewicht litt. Der Wunderheiler erklomm Steigungen und marschierte über Pässe und Felsenkämme. Er balancierte an Abgründen vorüber und passierte niedrige Schluchten. Keuchend gelangte er in eine Zone, die um einiges tiefer als El Turbio lag. Dichter standen nun die Krüppelgewächse, Dornenranken und genügsame Kakteen standen nun dichter.

Zum erstenmal in seinem Leben bedauerte er es, dass es in El Turbio kein Telefon gab. Früher war es für ihn ein Vorteil gewesen. Die armen Bauern und Schafhirten hatten keinerlei Verbindung zur Außenwelt gehabt, abgesehen von den gelegentlichen Besuchen in anderen verwahrlosten Dörfern. Nichts hatte Ludovigos Monopolstellung als Wunderheiler, Seelendoktor und Gemeindevorsteher erschüttern können.

Wie schnell hätte man mit Hilfe eines Fernsprechers Hilfe herbeirufen können! Stattdessen musste er den beschwerlichen Abstieg auf sich nehmen. Zunächst hatte er gehofft, auf die drei Träger zu stoßen. Er hatte ihnen Geld gegeben und sie nach Cali zurück geschickt, um auf diese Art Jos Abreise zu vereiteln. Sein Selbstvertrauen war erschüttert. Die Zeiten, in denen er selbst seiner zweifelhaften Kunst vertraut hatte, waren vorüber. Er wusste auch nicht, ob Jo Carmichaels Trompete und das Kräuterbündel ein wirksames Mittel im Kampf gegen den Regenmacher darstellten. Seiner Ansicht nach gab es nur einen Weg, den fürchterlichen Bann von den Dorfbewohnern zu nehmen: Ärzte, hochqualifizierte Wissenschaftler mussten auf den Plan – Koryphäen, die von Einheiten der Armee und der Luftwaffe geschützt wurden. Man muss sie mit Hubschraubern einfliegen, dachte er.

Er dachte an Dr. Urbano, den einzigen Arzt, den er in Cali kannte. Vor vielen Jahren hatte er ihn auf einem Kongreß in Bogota kennengelernt, auf dem sich Heilpraktiker, Homöopathen, Medizinmänner und Gurus aus vielen Ländern versammelt hatten. Dr. Urbano hatte alle Geheimwissenschaften in Grund und Boden verdonnert und gegen den Aberglauben Stellung bezogen. In einer Podiumsdiskussion waren seine Ideen angegriffen worden, und fast wäre es zu einem Aufstand im Saal gekommen.

Würde Dr. Urbano ihm überhaupt glauben?

Würde er helfen?

Während Ludovigo über seine Erfolgsaussichten nachdachte, bemerkte er über einem sonnendurchglänzten Hang flirrendes Gewimmel. Er blieb stehen und hielt Ausschau. Augenscheinlich handelte es sich um Insekten.

»Harmlose Mücken«, sagte er im Selbstgespräch. Er schalt sich einen Narren, weil er sofort an die Teufelsinsekten gedacht hatte.

Er stieg weiter hinab. Plötzlich hörte er ein Geräusch und blieb verblüfft stehen. Irgendwo dort unten befand sich ein Esel oder ein Maultier. Deutlich erklang sein »Ia-Ia«, typisch waren die röchelnden, beleidigten Laute.

Der Wunderheiler beschleunigte seine Schritte. Nach wenigen Minuten stieß er auf ein ausgemergeltes Tier, dessen Ohren nicht keck in die Höhe ragten, sondern traurig nach unten hingen. Verdrossen scharrte es auf der Suche nach Nahrung mit den Vorderhufen, hielt die Nase über den ausgedörrten Boden, schnüffelte und stieß die häßlichen Schreie aus. Es war ein Esel, und zwar einer von denen aus El Turbio geflohenen, wie Ludovigo feststellte. Er brachte es fertig, den Vierbeiner anzulocken. Kaum hatte dieser sich zutraulich genähert, hielt er ihn fest und schwang sich auf seinen Rücken. Doch er rutschte ab und fiel zu Boden. Schimpfend saß er erneut auf und hielt sich mit den Händen an der struppigen Mähne des Tieres fest. Es benahm sich störrisch, gab aber schließlich nach und bewegte sich mürrisch den Hang hinab.

Kurze Zeit später gewahrte Ludovigo wieder den Schwarm. Er tanzte über einer kahlen Kuppe. Verdammte Mücken, dachte der beleibte Mann. Er wollte sich abwenden, als die wild wirbelnde Schar höher stieg. Darunter tauchte etwas Entsetzliches auf. Ludovigos Herz krampfte sich zusammen, als er einen Schopf dichter, filziger Haare sah, unter deren Ansatz eine gewaltige Stirn glänzte. Ein Haupt schob sich hinter der Kuppe empor. Finstere Augen glotzten auf den Mann und sein ächzendes Reittier herab. Sie verkündeten Bosheit und Verderben.

Der Wunderheiler stieß einen Schrei aus, als der ganze Kopf sichtbar wurde, als gewaltige Pranken sich über den Grat des Berges schoben und über den felsigen Boden kratzten. Schultern erhoben sich, Schultern, die so breit wie der Berg selbst zu sein schienen. Das Monster formte eine Pranke zur Faust, hob sie und ließ sie auf den Hang krachen. Die Erde zitterte. Über seinem Haupt schwirrten triumphierend die Teufelsinsekten, und das Monster stieß ein Brüllen aus, das schaurig von den Bergen widerhallte. Trotz der Hitze überlief es Ludovigo eiskalt.

»Er ist dem Esel vom Dorf aus gefolgt«, flüsterte er. »Seine Nase ist vorzüglich. Ich hätte es ahnen müssen.«

Der ganze gigantische Leib des Monsters erschien nun auf dem Bergrücken. Ludovigo erkannte, dass sich ausgerechnet das fünf Meter messende Ungeheuer an seine Fersen geheftet hatte – die Satanskreatur, die einst Miguel, der Flötenspieler gewesen war, ein gutmütiger und folgsamer Mann, der für ihn durchs Feuer gegangen wäre. Mit dröhnenden Schritten kam das Monster den Hang herab. Ludovigo hieb dem Esel mit der flachen Rechten auf die Hinterhand. Der Vierbeiner schnaubte furchtsam, krümmte sich unter der Last seines Reiters eigenartig zusammen und fiel dann in Trab. Er spürte nun die Nähe des Riesengeschöpfes, und seine Furcht steigerte sich zur Panik.

Der Esel galoppierte dem Tal entgegen, und Ludovigo auf seinem Rücken hatte Mühe, sich festzuklammern. Er fluchte, schrie und stieß eine Menge Beschwörungsformeln aus. Aber die fruchteten nichts. Grunzend eilte das Monster ihnen nach.

Die grässlichen Insekten wirbelten vor seinem Maul.

Der Wunderheiler riss das Kräuterbündel hervor, das er vorsichtshalber eingesteckt hatte. Mit ausgestreckter Hand hielt er es empor und rief: »Miguel! Miguel, besinne dich doch! Kehre um und lass die Finger von deinem Meister!«

Knurrend setzte das Monster seinen Weg fort. In seiner grauenvollen Physiognomie gab es kein Anzeichen dafür, dass er verstanden hatte, dass sich auch nur ein winziger Funken des Erkennens in seinem armseligen Gehirn regte. Der Esel lief, so schnell er konnte. Schaum stand vor seinem Maul, und er stieß schrille Laute des Entsetzens aus. Ludovigo fühlte, dass es rundum kälter wurde. Ein eisiger Hauch umfing sie. Das Monster lebte in einer Art unsichtbarer Kältekammer, die ihm inmitten der Hitze der Kordilleren das Überleben ermöglichte.

Schwierigkeiten schien ihm nur die Nahrungsbeschaffung zu bereiten. Es brauchte rohes, frisches Fleisch, das es sich in den Rachen stopfen konnte. Unter Fauchen und Grunzen klaubte es Staub und Gesteinsbrocken auf und schleuderte sie nach den Flüchtenden. Und mit den gewaltigen Füßen stieß es so hart auf den Boden, dass große Dreckfontänen dem Wunderheiler und seinem Tier nachstoben.

»Miguel!« gellte Ludovigos Stimme. »Miguel, komm zu dir!«

Das Monster dachte nicht daran, innezuhalten. Plötzlich sprang es hoch. Ludovigo, der den Kopf halb nach hinten gewandt hielt, sah aus den Augenwinkeln, wie es durch die Luft schwebte und die Sonne verdeckte. Der Sog kalter Luft wurde stärker und brauste in den Ohren des Wunderheilers. Der Esel schrie wieder. Es klang fast wie ein menschliches Lamento.

Ludovigo duckte sich, weil er glaubte, der gewaltige Körper würde sie im nächsten Moment zerquetschen. Doch es kam anders. Das Monster hatte seinen Sprung falsch berechnet. Es krachte hinter dem Steiß des Esels zu Boden, und diesmal bebte die Erde so, dass das Tier samt Reiter einen großen Satz durch die Luft vollführte.

Das Monster brüllte und packte wütend mit den Pranken zu. Es bekam den Esel an beiden Hinterbeinen zu fassen. Ludovigo wurde nach vorn katapultiert. Instinktiv zog er den Kopf ein. Er traf mit dem Rücken und mit den Beinen auf und fühlte eine Woge des Schmerzes durch seinen Körper branden. Er kollerte den Hang hinab, und sein Kopf prallte gegen etwas Hartes. Ludovigo war es, als würde der Kopf vom Leib getrennt, als rollte er weiter nach unten, während der Rumpf sich eine andere Richtung suchte. Das letzte, was der Wunderheiler vernahm, waren ein Grunzen des Monsters und der Todesschrei des Esels.

 

 

 

Jo blieb verdutzt stehen. Er befand sich am Rand einer heißen öden Geröllhalde und blickte auf bewaldetes Gebiet hinab. Die Baumwipfel lagen als graue Einheit unter ihm. Sie schienen völlig eingestaubt zu sein. Kein Windhauch regte sich. Kein Tier bekundete seine Gegenwart durch verhaltenes Schreien oder Rascheln im Unterholz.

Jo fragte sich, wie in dieser Höhe ein Wald entstehen und überleben konnte. Dann kletterte er hinab und näherte sich ihm. Unterwegs hatte er wieder Fußspuren entdeckt, die nur von Manola stammen konnten. Der Regenmacher hatte sich mit dem entführten Mädchen auf geradem Weg von El Turbio entfernt, ohne die Richtung zu ändern. Der Weg führte durch den Wald. Jo hielt vorsichtshalber die Trompete dicht vor die Lippen, denn falls der Regenmacher irgendwo lauerte, konnte er ihn nur auf diese Weise bekämpfen. Ein Gehölz lag vor ihm. Einen Augengenblick hatte es den Anschein, als würde nicht Jo sich ihm nähern, sondern als rückte es auf ihn zu. Ärgerlich schüttelte Jo den Kopf. Die Vision verschwand.

Er betrat den Wald. Er strich mit einer Hand prüfend über einen Baumstamm und zog sie verblüfft zurück. Kein Staub befand sich auf dem grauen Stamm. Sonst hätten winzige Partikel auf der Haut haften bleiben müssen. Außerdem fühlte sich der Stamm hart, trocken und tot an. Jo blieb wieder stehen und sah sich argwöhnisch um. Er hatte einen völlig grauen Wald betreten. Die Bäume ragten wie stumme Götzen auf. Nirgends ertönte ein knarrendes oder ächzendes Geräusch, wie man es selbst im ruhigsten Gehölz hin und wieder hören konnte. Jo kannte die Flora von Florida, und auch die Mittelamerikas war ihm nicht unbekannt. Dass die Pflanzenwelt Kolumbiens sich wesentlich davon unterschied, konnte er sich nicht vorstellen.

Er hob ein abgefallenes Blatt auf und betrachtete es. Zunächst erschien es ihm vertraut und weich, wenn ihn auch die graue Farbe irritierte. Allmählich wurde es jedoch härter. Jo ließ es zu Boden gleiten. Ein klirrender Laut ertönte. Jo stieß mit der Schuhspitze dagegen, und jetzt hörte er ein scharrendes, scharfes Geräusch.

»Stein«, sagte er leise. »Der Wald besteht aus Felsen oder ist dabei, allmählich zu versteinern.«

Trotz dieser beunruhigenden Feststellung drang er tiefer in den versteinernden Wald ein. Seine Schritte hallten wider. Je weiter er vorstieß, desto kühler wurde es. Es war ihm, als befände er sich auf dem Grund einer schattenreichen Schlucht. Plötzlich knackte es über ihm. Jo blickte auf, bemerkte eine rasche Bewegung und machte geistesgegenwärtig einen Satz nach vorn. Im selben Moment donnerte hinter seinem Rücken etwas zu Boden. Jo wurde von einem heftigen Luftdruck nach vorn gestoßen. Er stolperte und schlug der Länge lang hin. Die Trompete entglitt seinen Händen. Doch sofort kroch er ihr nach und ergriff sie wieder. Er erhob sich und blickte zurück.

Auf dem Pfad, der mitten durch den Steinwald führte, lag ein Ast. Er war zweimal gebrochen, und an den Trennstellen konnte Jo deutlich die poröse Beschaffenheit des Materials erkennen: Es musste so schwer wie Marmor sein. Der Ast hätte ihm zweifellos den Schädel zertrümmert oder das Genick gebrochen, falls er ihn getroffen hätte.

Jo horchte und registrierte ein neues Geräusch: höhnisches Lachen. Es war fern und nah zugleich und ging schließlich in ein sattes Knurren über. Der Regenmacher, dachte Jo. Eine Woge kalter Wut durchfuhr ihn, wie vor wenigen Stunden, als der unheimliche Schwarze mit Manola über den Bluthügel entwichen war. Jo setzte die Trompete an und blies einige beißende, grelle Läufe. Täuschte er sich, oder kam irgendwo in der labyrinthischen Steinlandschaft ein Wimmern auf, in dem Verzweiflung und Klage mitschwangen? Er nahm das Mundstück von den Lippen und horchte, aber nun blieb alles still.

Unbeirrt strebte er weiter. Natürlich war er auf der Hut. Der Regenmacher wollte ihn in magische Fallen locken und töten. Er hatte das graue tote Scheingehölz erschaffen, um ihn darin gefangenzusetzen und nie wieder entkommen zu lassen. Plötzlich regte sich links und rechts etwas. Er konnte jedoch nicht feststellen, um was es sich handelte, denn steinerne Büsche versperrten ihm die Sicht. Jo beschloss, ihnen weiter keine Beachtung zu schenken. Beherzt drang er immer tiefer in den Wald der Ungewissheit und des Grauens ein. Dann glaubte er, hinter sich am Boden etwas wispern zu hören. Er blickte sich um.

Zwei Schlangen mit blaugeäderten Leibern, dreieckigen Köpfen und flinken dünnen Zungen waren ihm auf den Fersen. Ihre knopfgroßen roten Augen glühten. Mit merkwürdigen, eckigen Bewegungen näherten sie sich seinen Beinen. Jo wollte fliehen, aber sie holten ihn im letzten Augenblick ein und ringelten sich um seine Fußknöchel. Er hieb mit dem Schalltrichter der Trompete gegen ihre häßlichen Schädel. Das klang, als schlage er mit dem Instrument gegen ein Treppengeländer. Der Trichter verbog sich, doch die Schlangen schienen nicht verletzt zu sein.

Jo fürchtete sich vor ihrem Gift. Hinzu kam sein Ekel vor jeder Art von Gewürm und Kaltblütern. Übelkeit stieg in ihm auf. Eine Spezies wie diese hatte er noch nie gesehen, doch er nahm an, dass sie mehr als harmlose Nattern waren. Würde er sich bald mit Lähmungserscheinungen am Boden wälzen und einen qualvollen Tod erleiden?

Doch die Schlangen schlugen ihre winzigen Zähne nicht in seine Waden, sondern wanden sich nur um seine Beine und erstarrten. Plötzlich hatte Jo schwere Gewichte an den Gliedmaßen. Die Schlangen waren vollends zu Stein geworden und hemmten nun jeden weiteren Schritt. Jo keuchte und blieb stehen. Es war ihm unmöglich, weiterzugehen. Die steinernen Wesen zerrten an seinen Beinen. Außerdem schnürten sie die Waden derart fest ein, dass die Durchblutung gestört wurde. Jo wankte, knickte in den Kniekehlen ein und fiel unglücklich zu Boden. Und wieder ertönte das ferne verächtliche Lachen und lief in einem befriedigten, satten Knurren aus.

Jo setzte mit zitternden Fingern die Trompete an. Die zunächst unsicheren Töne verbanden sich zu einer orientalisch anmutenden Melodie, wie er sie einmal von einem Inder vernommen hatte, der Fakirweisen auf seiner Sitar intoniert hatte. Jo improvisierte leidenschaftlich, denn er wusste, was auf dem Spiel stand. Entweder er hatte Erfolg oder er war dazu verdammt, in dem versteinerten Wald liegenzubleiben. Vielleicht verdurstete er jämmerlich.

Die Trugbilder, die ihm die Phantasie vorgaukelte, schwanden, sobald sich die Umklammerung der Schlangen lockerte. Die Fakirmelodie und die beschwörende Kraft des Kräuterbündels befreiten ihn aus seiner schrecklichen Lage. Plötzlich ertönte ein heftiger Laut, als zerplatze etwas. Er blickte hinab und sah, dass die grau gewordenen Steinleiber der Schlangen sich lösten und zerbröckelten. Auf den Teilstücken zeichneten sich Risse ab, deren Verästelung immer feiner wurde. Bald zerbröselten die Fragmente zu Staub.

Jo erhob sich und ging weiter. Schon nach kurzer Zeit sah er die Sonne. Aufatmend verließ er den versteinerten Wald. Als er sich nach einigen Schritten umdrehte, erblickte er nichts als eine lichtdurchglänzte Plateaulandschaft, die mit niedrigen Kakteen und Dornenbüschen bewachsen war. Er musterte seine Arme und stöhnte auf. Der Haarwuchs hatte sich verdichtet. Dass er keiner Täuschung erlag, bestätigte sich, nachdem er auch seine Brust und seine Beine untersucht hatte. Überall sprossen neue Haare hervor. Bald würde sein Körper von einem Pelz bedeckt sein. Er befühlte seine Nase und hatte den Eindruck, dass sie breiter und flacher geworden war.

Wieder ergriff ein Gefühl des Ekels Besitz von ihm. Ihn wurde schwindlig, und nur taumelnd vermochte er seinen Weg fortzusetzen.

 

Ludovigo hatte sich das zerrissene Hemd ausgezogen und achtlos fortgeworfen. Trotzdem schwitzte er. Er war schmutzig und sein Rücken schmerzte, als habe man ihn mit Nadeln gespickt. Doch er maß dem keine Bedeutung bei. Er war nur darauf bedacht voranzukommen. Nachdem er in einer staubigen Senke zu sich gekommen war und festgestellt hatte, dass sein Kopf sehr wohl noch fest auf dem Rumpf saß, hatte er sich aufgerappelt und in Bewegung gesetzt. Das Fünfmetermonster hatte er nicht wiedergesehen.

Der Wunderheiler kämpfte sich durch struppiges Gebüsch, gelangte auf einen Pfad und erreichte das Vorland der Berge. Als er die Fahrstraße nach Cali erreichte, wurde eine Hoffnung in ihm zerstört. Der Landrover, den Jo Carmichael hier zurückgelassen hatte, war nirgends zu sehen. Nur die drei Lastträger konnten ihn entwendet haben. Nur sie konnten Jo heimlich den Zündschlüssel gestohlen haben.

»Schurken!«, stieß Ludovigo voller Zorn hervor. »Strauchdiebe!«

Keuchend hastete er die Straße entlang. Nach einiger Zeit war sie nicht mehr unbefestigt und er ging auf weichem Asphalt. Ein paar Wagen überholten ihn. Jedes Mal gestikulierte er aufgeregt, doch niemand hielt an. Ein Fahrer starrte ihn aus schmalen schwarzen Augen an, die Lippen zu einem verächtlichen Grinsen verzogen. Bedeutungsvoll tippte er gegen die Stirn. Ludovigo wünschte ihm den Tod und die Hölle. Die Sonne stand fast im Zenit, als er Cali erreichte. Unter der flirrenden Luft zeichneten sich die Konturen der hellen Häuser ab. An der Peripherie standen flache, im Zentrum größere Gebäude. Am Stadtrand betrat er eine kleine saubere Bodega. Der Mann hinter der Theke stützte sich mit den Ellbogen auf und musterte ihn mit unverhohlenem Misstrauen. Auf Regalen hinter ihm standen Flaschen, und hinter diesen waren Spiegel angebracht, die das Angebot optisch verdoppelten und jedem Gast gestatteten, sich selbst ins Angesicht zu sehen.

Ludovigo sah sich und schrak zusammen. Er hatte sich verändert. Brutal stülpte sich seine Unterlippe nach vorn und die Nase wirkte deformiert. Saß der Haaransatz tiefer oder wurde seine Stirn flacher? Wann hatte er jemals so lange zottige Haare gehabt? Er entsetzte sich vor seiner eigenen Gestalt. Die Teufelsinsekten waren auch in seinen Leib eingedrungen, wie er es geahnt hatte, und jetzt hatten sie seinen inneren Widerstand gebrochen.

»Ich möchte telefonieren«, sagte er mit trockener, belegter Stimme. »Bitte suchen Sie mir die Nummer von Dr. Urbano aus dem Register. Es ist dringend. Wirklich.«

Der Mann hinter der Theke zeigte sich unbeeindruckt.

»Schon möglich. Aber ich muss wissen, ob du bezahlen kannst.«

Der Wunderheiler griff wütend in die Hosentaschen – und zog die Hände wieder heraus. In der Aufregung hatte er versäumt, Geld aus El Turbio mitzunehmen.

»Tut mir leid. Du musst mir schon Kredit gewähren, Muchacho. Ich bitte dich, lass mich telefonieren. Ich komme aus den Bergen, und dort gehen riesige Monster um. Wenn nicht bald etwas geschieht, kommen sie auch nach Cali herunter und...«

»Die Hitze bekommt dir nicht«, entgegnete der Wirt. »Verschwinde jetzt.« Er richtete sich auf, verließ seinen Platz und kam hinter der Theke hervor, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen.

Ludovigo fluchte und kehrte freiwillig auf die Straße zurück. Mit herablassender Miene folgte ihm der Wirt. Er verschränkte die Arme und baute sich vor dem Eingang seiner Bodega auf. Etwas entsetzlich Kaltes, Lähmendes stieg in dem Wunderheiler auf, als er sich umdrehte und in die Richtung blickte, aus der er gekommen war. Er streckte die Hand aus und wies auf ein einstöckiges Gebäude mit weißem Arkadenvorbau, der die Aufschrift »Frutta y Verdura« trug.

»Da hast du es!«, rief er dem Wirt zu. »Das Monster naht!«

Der Mann lachte spöttisch auf. »Du bist krank. Ich habe es ja gesagt. Ich sehe nichts als einen Schwarm Mücken oder Fliegen.«

Ludovigo erwiderte nichts mehr. Er warf sich herum und begann zu laufen. Im nächsten Moment rannte auch der Wirt los, denn hinter dem arkadengeschmückten Haus richtete sich die Gestalt auf. Das Monster war der Spur des Wunderheilers gefolgt. Jetzt glotzte es aus böse funkelnden Augen auf den Vorort herab, hob eine Pranke und drohte mit der Faust. Während es sich zu seiner vollen Größe erhob, stieß es unentwegt unverständliche Laute hervor, Worte einer primitiven Sprache.

Eine dicke Frau trat aus dem Haus, hinter dem das gigantische Wesen lauerte. Sie sah es, stieß einen spitzen Schrei aus und ließ die Tüten fallen, die sie in beiden Händen gehalten hatte. Obst und frische Tomaten rollten über das Straßenpflaster. Auf das Brüllen des Monsters hin erschienen weitere Menschen im Freien und ergriffen die Flucht. Das Monster trottete durch die Straße. Die Häuser zu seinen Füßen wirkten im Verhältnis zu seinen Ausmaßen wie Puppengebäude. Ab und zu versuchte es, mit seinen Pranken Menschen zu fassen. Aber es gelang ihm nicht, Beute zu machen. Mit vor Grauen verzerrten Gesichtern zogen sich Männer und Frauen in Häuser zurück, hasteten schreiend durch Korridore und Treppenflure und alarmierten weitere Bewohner.

Erzürnt hieb das Monster mit einer Faust gegen ein zweigeschossiges Haus. Der hellgrüne Außenanstrich bröckelte mit dem Verputz ab. Dann brachen ganze Mauerteile heraus und zerplatzten auf Gehsteig und Straße. Türen, Fenster und hölzerne Läden lösten sich aus den Verankerungen. Dachziegel fielen auf die Straße.

»Dios, oh dios santo!«, rief der Wirt neben Ludovigo. Dann verschwand er in einer Seitenstraße.

Der Wunderheiler schenkte ihm keine Beachtung mehr. Mit langen Sätzen überquerte er die Straße. Er schaffte es gerade noch, sich neben einem zu Tode erschrockenen schnauzbärtigen Mann in einen offenen Personenwagen zu setzen, bevor dieser durchstartete und losfuhr. Der Mann blickte ihn aus hervorquellenden Augen an. Er trat auf das Gaspedal und ließ die Kupplung kommen, so dass das Fahrzeug einen Satz machte und davonschoss. Erst dann brachte er einen Satz hervor: »Wir werden alle sterben – die Hölle hat ihre Pforten geöffnet und entlässt Satans schaurige Geschöpfe!« »Fahren Sie schneller!«

»Ich habe gewusst, dass es soweit kommen würde«, fügte der Mann mit schriller Stimme hinzu. Der Wagen wurde bedrohlich hin und her geschleudert. »Wohlstand, Völlerei und Zügellosigkeit haben überhandgenommen. Das ist der Preis. Das Ende steht bevor!«

Ludovigo packte ihn an der Schulter.

»Halten Sie den Wagen auf der Spur und bringen Sie mich zu Dr. Urbano, dem Dermatologen. Ich muss ihn finden, verstehen Sie?«

Er hatte Glück. Der Schnauzbart wusste, wo der Facharzt zu finden war. Mit kalkweißem Gesicht steuerte er den Wagen in eine enge Straße, trat das Gaspedal noch tiefer und jagte zwischen älteren, hoch auf ragenden Mietshäusern dahin.

»Dr. Urbano hat seine Praxis in einem Hochhaus«, erklärte er mit versagender Stimme. »Falls Sie es noch schaffen, werden Sie ihn dort um diese Zeit antreffen.«

Ludovigo antwortete nicht. Er hatte sich umgewandt und beobachtete nun, dass auch das Monster in die Straße eindrang. Es gab keinen Zweifel. Es war hinter ihm her, wollte ihm das Genick brechen und ihn verschlingen. Brüllend rannte es, und der Boden erbebte unter seinen gewaltigen Füßen.

Einmal blieb es stecken. Es war zwischen den engstehenden Häusern eingeklemmt. Erbost knurrte und fauchte es und bewegte den Kopf pendelnd hin und her. Dann riss es sich mit einem mächtigen Ruck frei. Menschen schrien und flüchteten kopflos. Automotoren heulten auf. Hupen quäkten. Die Panik wuchs von Minute zu Minute.

Das Monster grapschte nach dem offenen Wagen, in dem Ludovigo neben dem Schnauzbärtigen saß. Doch der Mann am Steuer rettete sich durch ein Lenkmanöver. Wieder bogen sie ab, und wieder setzte ihnen die fünf Meter große Schreckenskreatur nach. Der Wunderheiler sah, dass der Gigant mit Leichtigkeit ein kleines Fahrzeug von der Straße aufhob. Zum Glück war es leer.

Die Augen des Monsters waren Schlitze, in denen es tückisch glomm. Dichte Brauen zogen sich darüber zusammen. Die Fratze nahm einen Ausdruck äußerster Konzentration an. Ludovigo ahnte, was kam, und rief dem Schnauzbärtigen zu: »Nichts wie weg – in die nächste Gasse hinein!«

Das Monster warf das leere Fahrzeug, und im selben Moment riss der Schnauzbärtige das Steuer herum. Die Reifen quietschten. Die offene Limousine jagte auf einen Torbogen zwischen zwei Häusern zu. Hinter ihnen krachte und klirrte es. Der als Geschoss dienende Wagen prallte auf das Pflaster und zerschellte. Die Scheiben zerfielen. Blech knüllte sich blätterteigartig zusammen und eine Tür und eine Stoßstange wirbelten durch die Luft. Die Stoßstange hätte einen etwa zehn Jahre alten Jungen erschlagen, wäre dieser nicht von einem Erwachsenen hinter einen schützenden Mauervorsprung gezogen worden.

Der schnauzbärtige Fahrer verlor die Gewalt über sein Fahrzeug. Die Kühlerhaube stieß gegen die rechte Seite des steinernen Torbogens. Die Hinterräder hoben sich kurz vom Boden ab und setzten wieder auf. Ludovigos Kopf prallte gegen die Windschutzscheibe. Er krümmte sich zusammen und rutschte vom Beifahrersitz. Fluchend fuhr er mit den Fingern durch sein inzwischen noch dichter gewordenes Haar. Er blickte auf seine Hand und sah Blut. Verstört schob er den Schlag auf und sah nach hinten.

Auf der Straße lag das Wrack des kleinen leeren Wagens. Das Monster zerquetschte den Haufen Blech, indem es mit einem seiner großen platten Füße darauf trat. Teufelsinsekten wirbelten durch die Luft, und ein Hauch von Kälte und Verderben erreichte den Wunderheiler. Den Schnauzbärtigen sah Ludovigo nirgendwo. Deshalb kroch er aus dem Wagen und zog sich in den Hof zurück, der sich hinter dem Tor ausbreitete. Vor der Gebäudefront parkten mehrere Lastwagen und Anhänger, die alle den Namen einer Speditionsfirma trugen.

Ludovigo hetzte Deckung suchend über das Betonpflaster des Hofes. Die Kälte des Monsters war nach wie vor in seinem Rücken, und er wagte nicht zu hoffen, dass die Bestie seine Witterung verlieren würde. Er hörte einen leisen Ruf und wandte sich nach rechts. Die Hand des Schnauzbärtigen winkte aus einer dunklen Türöffnung.

»Verletzt?«, fragte der Mann.

»Nein. Es ist noch einmal gutgegangen. Der Wagen ist allerdings hin.«

»Meine Gesundheit ist mir lieber. Möchten Sie immer noch zu Dr. Urbano?«

»Ganz gewiss will ich das.«

Der Schnauzbärtige hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.

»Sie müssen es ja wissen. Also: Wenn Sie das Speditionsgebäude auf der Vorderseite verlassen, brauchen Sie bloß noch die Straße zu überqueren und stoßen auf das INA-Hochhaus, in dem Dr. Urbano seine Praxis hat. Viel Glück, Kamerad!« Nach den letzten Worten drehte er sich um und verschwand mit hallenden Schritten in dem finsteren Flur.

Der Wunderheiler folgte ihm, so schnell er konnte, ohne ihn noch einzuholen. Einmal schlug er der Länge lang hin. Er fluchte, tastete mit den Fingern über den zerschundenen Körper, atmete erleichtert auf und setzte seinen Weg fort. Vor der Front des Speditionshauses war es sommerlich warm. Ludovigos Blick glitt über eine breite, vierspurige Allee, großzügig angelegte Grünflächen, neue Häuser mit glitzernden Glasfassaden, Schaufenster und viele Menschen, die geschäftig an ihm vorübergingen. Schräg gegenüber erhob sich ein vielstöckiger Bau, neben dessen breiter Eingangstreppe ein dunkelblaues Metallschild mit der Aufschrift »INA« blinkte.

Dann erscholl Lärm hinter Ludovigo. Menschen wandten die Köpfe und schrien. Ludovigo blickte zurück und sah über dem Dach des Speditionsgebäudes einen Lastwagen in die Höhe fliegen. Donnernd ging er auf dem Hof nieder. Dann erhob sich die grauenvolle Gestalt des Monsters, und mehrere Menschen begannen zu kreischen.

 

Jo Carmichael hielt auf einer Anhöhe inne und ließ den Blick umherschweifen. Seine Zähne waren zusammengepresst, Schweiß stand auf seiner Stirn. Er spürte ein Zerren und Gären in seinem Innern, und ein Ziehen an der Haut. Die furchtbare Verwandlung nahm ihren Fortgang. Er wagte kaum daran zu denken, wie er wohl aussehen mochte. Das Gefühl der Übelkeit verstärkte sich ebenfalls. Jo wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Sein Tatendrang und sein Hass waren bereits geschwächt. Auch hatte er kaum noch eine Vorstellung davon, wie der Regenmacher eigentlich aussah. Schrumpfte sein Gehirn? Verlor er sein Gedächtnis?

Bläuliches Licht schimmerte im Tal. Jo ging darauf zu. Der eigentümliche Schein wurde intensiver und schien sich mehr und mehr auszuweiten. Die Luft war kalt. Ein Summen war zu hören, und Jo ahnte, dass er dem entscheidenden Augenblick nicht mehr fern war. In dem blauen, unwirklichen Licht durchquerte er eine Art Felsenbresche und gewahrte an ihrem Ausgang eine Ansammlung von Häusern – nein, Hütten aus getrockneten Lehmziegeln wie die von El Turbio. Er näherte sich ihnen, um sie näher in Augenschein zu nehmen.

Die erste Hütte begann in ihren Grundfesten zu erzittern, als er sie fast erreicht hatte. Jo wich zurück. Plötzlich zeigten sich Risse im Mauerwerk, und die Hütte wackelte, zerbarst und fiel in sich zusammen. Grüner Staub stieg auf. Von irgendwoher ertönte erneut jenes hämische Lachen. Er ging weiter. Zwei weitere Hütten stürzten unvermittelt und ohne sichtbaren Anlass ein. Jo begriff, dass es sich um Fallen des Regenmachers handelte, die er eigens für ihn aufgebaut hatte.

Jetzt empfand er wieder Hass und kalte Wut. Er stieg eine Böschung hinauf. Oben auf der Kuppe zeichnete sich das gähnende Loch einer Höhlenöffnung ab. Jo war überzeugt, auf der richtigen Fährte zu sein. Im Boden regte sich etwas und wölbte sich empor. Jo trat vorsichtig zur Seite. Im bläulichen Halbdunkel erschien ein Felsblock, der eine sonderbare, bedrohliche Form hatte. Er wuchs immer weiter aus dem Boden. Bald war er dreieinhalb Meter groß.

Zur selben Zeit bildeten sich feine Linien und Konturen auf dem Gestein. Nun erkannte Jo, was dort entstand. Ein Monster von der Art der Ungeheuer aus El Turbio, ein Ungetüm, das bereits die Fäuste geballt hielt und ihn aus leeren Augen anstarrte. Wann würde es zum Leben erwachen?

Jo spielte auf der Trompete. Da zerbröselte der gewaltige Felsbrocken, und übrig blieb nichts als ein Haufen Staub. Jo ging daran vorbei und stieg weiter hinauf.

Plötzlich schoss ein Schwarm Teufelsinsekten aus dem Grottenmaul hervor. Wütend schwirrten sie heran und machten Anstalten, ihn anzufallen. Jo ließ wieder die Trompete erklingen. Das Kräuterbündel wippte unter dem Schalltrichter hin und her.

Die winzigen Leiber der Insekten standen in der Luft still. Das Summen brach mit einem Schlag ab. Ein widerliches Geräusch ertönte, und viele hundert Tropfen blauer Flüssigkeit rieselten zu Boden.

Jo gelangte unbehelligt in die Höhle. Dicht hinter dem Einlass blieb er stehen und intonierte eine harte, peitschende Melodie. Gemeines Lachen mischte sich in den Klang, aber es ging sehr schnell in ein beleidigtes Knurren über. Unverdrossen Spielte Jo weiter. Da flackerte tief in der Höhle grünblaues Licht auf. Er steuerte darauf zu, ohne die Trompete abzusetzen. Der Regenmacher hockte wie ein sprungbereites Tier auf dem Grund der Grotte. Neben ihm saß Manola Dominguin. Sie streckte flehend die Arme aus und sagte etwas, dass Jo nicht verstand. Erst als ihn nur noch ein paar Schritte von den beiden trennten, stellte Jo fest, dass Manola mit Ketten gefesselt war. Ihr Gesicht war verändert. Es wirkte aufgedunsen und krank. Irgendetwas in Jo sträubte sich dagegen, das zur Kenntnis zu nehmen. Doch es war nicht zu übersehen: Auch Manola begann sich zu verwandeln.

Der Regenmacher – eine hagere Gestalt mit einem schwarzen Umhang über den Schultern, bleichem, durchsichtig wirkendem Antlitz und tödlich kalten Augen – der Regenmacher bewegte sich plötzlich auf das Mädchen zu. Seine strichdünnen Lippen öffneten sich und gaben den Blick auf zwei schwarze Zahnreihen frei. Dann hatte er einen Dolch in der Faust, dessen Klinge mindestens so lang wie ein menschlicher Unterarm war.

»Sie stirbt«, gellte es aus seinem schwarzen Maul. »Ich steche sie ab und vernichte dich durch ihr warmes klebriges Blut!«

Jo dachte nicht daran, stehenzubleiben oder gar die Trompete abzusetzen. Ohne Pause blies er weiter. Dabei ging er in gebeugter Haltung auf den Regenmacher zu. Dieser warf sich mit einem Schrei auf das Mädchen und stach zu. Manola stieß spitze Laute aus, die Jo bis ins Mark erschütterten. Doch das Messer bog sich auf Manolas Haut, floss förmlich aus den grauen Fingern des Regenmachers hervor und löste sich in weißen Qualm auf. Der Unheimliche heulte furchterregend. Er wälzte sich auf dem Boden und zeigte die Krallen. Aber das nützte ihm nichts. Drohend beugte sich Jo über ihn und stieß die grellen Töne der Trompete direkt in seine Fratze.

»Tu das weg!« Der Regenmacher zappelte und rang verzweifelt die Hände. »Was ist das? Ich will es nicht sehen. Habe doch Erbarmen! Ich tue alles, was du willst, wenn du endlich auf hörst, mich zu quälen!«

Jo Carmichael nahm das Instrument wirklich von den Lippen. Stille lastete nun im Raum, unterbrochen nur von dem trockenen Schluchzen des Mädchens.

»Wer bist du?«, fragte Jo.

Ein höhnischer Laut entrang sich dem Maul des Schwarzen. Gleich darauf folgte ein Knurren.

»Manaro wurde ich genannt – Manaro, der Dämon. Die Menschen von El Turbio gierten nach Regen, doch sie werden keinen Regen mehr benötigen.« Blitzschnell kam er auf die Beine. Der düstere Umhang flatterte. Eine krallenbewehrte Hand zuckte vor und schlug gegen den Schalltrichter der Trompete. Sie wurde Jo aus den Händen gerissen. Er fasste zwar geistesgegenwärtig nach, behielt aber nur noch das Kräuterbündel zwischen den Fingern. Mit entsetzlichem Lachen schickte sich der Dämon an, Jo an der Kehle zu packen.

»Ich zerbreche dich und sauge dir das Leben aus!« heulte er.

Jo schleuderte ihm das Kräuterbündel mitten in die Fratze mit dem weit aufgerissenen schwarzen Maul. Manaro bekam es zwischen die Zähne. Plötzlich spuckte und hustete er fürchterlich, ging zu Boden und hielt sich den Leib.

»Satan, ich verbrenne!«

Jo kannte kein Pardon. Er trat dem grausigen Gesellen in den Nacken. Ein widerliches knackendes Geräusch ertönte, und der Dämon streckte alle viere von sich. Sodann bückte er sich nach der Trompete und dem Kräuterbündel. Das magische Bündel presste er Manaro gegen das Haupt.

»Töte ihn!«, schrie Manola und rasselte dabei mit den Ketten, die an ihren Handgelenken und Fußknöcheln festgemacht waren. Sie war wie von Sinnen.

 

Ludovigo rannte mit langen Sätzen über die Straße. Der eisige Todeshauch des Monsters jagte ihn. In der Nähe stießen zwei Personenwagen mit den Kotflügeln zusammen. Beim Anblick des Monsters hatten die Fahrer die Kontrolle über das Steuer verloren. Der Wunderheiler wollte sich in das INA-Hochhaus retten. Doch er wurde gezwungen, die Richtung zu wechseln. Teufelsinsekten wirbelten vor ihm auf und nieder. Sie schwirrten dem Monster voran, das einfach über das Dach des Speditionsgebäudes hinweggestiegen war und Ludovigo nun den Weg verstellte. Eine gewaltige Faust stieß auf ihn herab. Ludovigo entzog sich ihr durch einen tollkühnen Sprung und landete auf dem Gehsteig. Er rappelte sich auf und hetzte zwischen zwei Häusern hindurch. Verzweifelt keuchend riss er eine Tür auf und eilte durch einen erleuchteten Korridor. Plötzlich stand er in einem größeren Raum. Mädchen in beigen Kitteln blickten von ihren Schreibtischen auf und stießen Schreie aus. Ein Mann, der einen Kittel von der gleichen Farbe trug, kam mit erboster Miene auf ihn zu und hob drohend die Hand. Er rief etwas, das Ludovigo nicht verstand.

Ludovigo drängte sich durch und stieg eine Treppe hinauf. Nun befand er sich in einem saalähnlichen, mit Regalen vollgestellten Raum, in dem es angenehm roch. Frauen schoben bunte Wägelchen hin und her und blickten prüfend in die Regale. Aus versteckten Lautsprechern tönte unterschwellige Musik, vom Klingeln mehrerer Ladenkassen begleitet. Ludovigo stand in einem Supermarkt.

Er rief und fuchtelte mit den Armen. Hinter ihm näherten sich eilige Schritte. Der Mann im Kittel kam drohend und fluchend auf ihn zu. Viele Kundinnen und Kunden starrten zu dem zerzausten Wunderheiler hinüber. Ludovigo winkte ihnen zu. Er glaubte zu spüren, wie sich sein Knochenbau deformierte.

»Rette sich, wer kann! Das Monster kommt!«, rief er. Ihm war bewusst, wie unglaubwürdig er wirkte, ein schmutziger barfüßiger Mann ohne Hemd und Hut, ein Fremder mit entstelltem Gesicht. Er sprach mit schwerer Zunge und stieß guttural klingende Worte hervor. »Das Monster ist da!« Ludovigo schrie es noch einmal. Die Menschen reagierten. Frauen setzten ihre Kinder in die Transportwägelchen und drängten auf die Ausgänge zu. Jemand begann zu weinen. Männer schimpften. Als eine Brünette mit weit aufgerissenen Augen kreischend vor ihm floh, wurde Ludovigo bewusst, dass die Menschen seinetwegen in Panik gerieten.

Mehrere Männer packten den Wunderheiler und schlugen auf ihn ein. Er wehrte sich, aber die Übermacht war zu groß. Stöhnend ging er zu Boden und setzte den Schlägen und Fußtritten keinen Widerstand mehr entgegen. Er verlor jede Hoffnung. Doch plötzlich trat eine Wende ein. Ein dröhnender Schlag war zu hören, und die Menge brüllte auf. Die Menschen hasteten davon. Ludovigo lag immer noch auf dem Rücken und erblickte, was sich abspielte. Eine Tür splitterte. Dann tauchte die Fratze des Monsters auf. Blöde glotzte es in den Supermarkt hinein. Kaum hatte es den Wunderheiler entdeckt, warf es das Dach, das es aus der Verankerung gerissen hatte, achtlos fort und versuchte, in die Halle einzusteigen.

An den Kassen drängten sich die schreienden Menschen zusammen. Ein Registrierautomat wurde zu Boden gerissen, Absperrungen wurden durchbrochen. Eine dichte Menschentraube belagerte die Ausgänge, und niemand konnte mehr auf die Straße gelangen. Zwei Männer prügelten sich. Einer fiel und wurde von der hin und herwogenden Menge niedergetrampelt.

Das Monster setzte erst einen, dann den anderen gigantischen Fuß in den Supermarkt hinein. Grunzend bückte es sich. In diesem Moment erreichte Ludovigo eine Tür. Er drückte die Klinke herunter, hatte jedoch keinen Erfolg – der Riegel war vorgeschoben. Schon wollte er aufgeben, da gewahrte er, dass sich das Monster interessiert über die vollgepackten Regale beugte.

Es hatte eine neue Witterung aufgenommen. Mit gerunzelter Stirn riss es ganze Ständer um und schnupperte aufgeregt. Seine dicken Finger fuhren prüfend über Ware und Material. Es stopfte sich irgendwelche Packungen zwischen die furchterregenden Zähne, kaute darauf herum und schien Gefallen daran zu finden. Offensichtlich hatte es auch Marmeladengläser oder Ähnliches zu fassen bekommen, denn seine Kiefern mahlten knirschend. Gemächlich arbeitete das Monster sich bis zum Frischfleisch-Büfett vor – und diese Zeitspanne nutzte Ludovigo, um die Tür einzurennen und sich aus dem Supermarkt zu retten. Im Rennen hörte er noch, dass die großen Schaufensterscheiben zu Bruch gingen.

Ein paar Männer hatten sie zertrümmert. Alle, die noch laufen konnten, drängten kreischend ins Freie. Einige blieben verletzt auf dem scherbenübersäten Fußboden des Supermarkts liegen. Der Wunderheiler flüchtete sich in dunkle Räume. Er stieß gegen Schränke, Tische und Stühle. Sein Zustand hatte sich wieder verschlechtert. Seine Knochen und Muskeln schmerzten, und fast vergaß er, warum er hergekommen war.

Dann fiel sein Blick auf ein Fenster. Er drückte es auf und kletterte hinaus. Nun stand er wieder auf der Straße mit den vier Fahrspuren. In der Ferne heulte eine Polizeisirene.

Ludovigo lief auf die breite Steintreppe zu. Dies war sein Ziel. Vorbei an dem dunkelblauen Schild mit der Aufschrift »INA« stürmte er ins Foyer. Er begegnete einem verstörten Portier, der bei seinem Anblick unter sein Pult griff und einen Revolver hervorholte. »Halt, oder ich schieße!«, rief er. Der Wunderheiler hatte keine Zweifel, dass der Mann es ernst meinte und dass die Waffe geladen war, aber er blieb nicht stehen. In geduckter Haltung hetzte er an der Rezeption vorüber.

Ein Schuss krachte, doch die Kugel verfehlte ihr Ziel und steckte nun in einem der schönen metallverzierten Briefkästen neben Treppenaufgang und Lift. Der Portier schrie und drückte wieder ab. Diesmal schoss er jedoch nicht auf Ludovigo, sondern auf das Monster, das die Verfolgung wieder aufgenommen hatte und mit einem zornigen Knurrlaut den mächtigen Schädel zum Eingang hereinstreckte.

Der Portier entleerte die gesamte Revolvertrommel auf das Monster. Dieses schnaufte nur und stieß einige unverständliche Worte aus. Mit kalkweißem Gesicht flüchtete der Portier in einen Nebenraum. Als Ludovigo in den Aufzug sprang, sah er noch, dass das Monster sich der Tür des Nebenraums näherte und eine Hand hineinschob. Der Portier brülle grauenvoll. Mit zitternden Fingern drückte der Wunderheiler auf einen Knöpf im Fahrstuhl. Er hatte keine Ahnung, wo sich die Praxis von Dr. Urbano befand.

Summend glitt der Lift nach oben. Ludovigo lehnte sich schwer atmend gegen die Wand. Was ihn erschöpfte und auslaugte, war nicht der Fußmarsch, der hinter ihm lag, sondern das Treiben der Teufelsinsekten in seinem Inneren. Wieviel Zeit hatte er noch, um sein Vorhaben durchzuführen? Eine halbe Stunde? Fünfzehn Minuten? Weniger?

Plötzlich ging ein Ruck durch den Fahrkorb, gefolgt von einem dumpfen Trommeln, das das gesamte Gebäude erschütterte. Ludovigo blickte unwillkürlich auf die Leuchtzifferanzeige und stellte fest, dass er sich in der Nähe des achten Stockwerks befand. Ein neuer Stoß traf die Kabine. Ludovigo wurde von einer Wand zur anderen geschleudert. Er schlug sich die Stirn auf und schrie verzweifelt.

 

Manaro, der Dämon, wand sich wie eine Schlange unter Jos Griff. Doch er hatte keine Chance zu entwischen, denn das Kräuterbündel bannte ihn. Schaurig hallte sein Geschrei von den Höhlenwänden wider.

»Töte ihn!«, rief Manola wieder. »Worauf wartest du?«

»Gnade!« Der unheimliche Geselle nahm nun eine devote, geradezu hündische Haltung ein. »Nimm deinen Fluch von mir, und ich will mich dankbar erweisen!«

»Er lügt!«, stieß das Mädchen keuchend hervor.

Jo nahm das Kräuterbündel nicht vom Haupt des Dämonen.

»Ich will, dass du Manola, mich, Ludovigo und alle Menschen von El Turbio von den Teufelsinsekten erlöst. Erst dann gebe ich dich frei. Los, versprich, dass du alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt! Sonst nehme ich wieder die Trompete zur Hand.«

»Nein! Ich schwöre!«

»Es ist ein Satanseid«, bedrängte Manola Jo. Aufgebracht rutschte sie hin und her und rasselte mit den Ketten. »Geh nur darauf ein, dann wirst du es schon bereuen!«

Jo hielt Manaro das heftig duftende Kräuterbündel direkt unter die Nase.

»Beeile dich, du Unglückswurm! Befreie zuerst das Mädchen von den verdammten Fesseln.«

Der Dämon murmelte etwas Undeutliches. Es klirrte, und die eisernen Manschetten an Manolas Händen und Füßen zersprangen. Das Mädchen erhob sich, lachte dumpf und kam zu Jo herübergekrochen. Als sie ihren Körper an seinen presste, bemerkte er, dass sie eine unangenehme Körperausdünstung hatte. Sie blickte auf und zeigte ihm ihr häßliches Gesicht.

»O mein Gott!«, sagte Jo, und der Dämon heulte bei diesen Worten auf. »Löse den Zauber auf«, forderte Jo. »Spute dich oder ich vergesse mich!«

»Ich kann nicht...«

»Manola, gib mir die Trompete.«

Er nahm das Instrument aus den kurz und muskulös gewordenen Händen des Mädchens entgegen und begann, eine phrasenreiche Melodie zu intonieren. Manaro zuckte und schrie. Er gebärdete sich wie verrückt, und es gelang ihm, das Kräuterbündel fortzuschleudern. Manola hob es jedoch hastig auf und drückte es ihm wieder in den Nacken.

»Aufhören, aufhören!« Der Dämon drehte den Schädel um hundertachtzig Grad. Seine Augen glühten nun scharlachrot, und seine spitze Zunge fuhr unentwegt zwischen den schwarzen Zähnen herum.

Jo setzte kurz ab und fragte: »Willst du jetzt endlich gehorchen?«

»Ich kann nicht«, jammerte er. »Die Entfernung ist zu groß.«

Jo wollte wieder anheben zu spielen, doch Manola hielt ihn am Arm fest.

»Ich glaube, was er sagt, stimmt ausnahmsweise«, bemerkte sie. »Machen wir uns auf den Weg nach El Turbio.«

»Also schön. Reiche mir die Ketten.«

Sie fesselten den schrecklichen schwarzen Burschen mit Ketten und eisernen Manschetten. Jo spielte auf der Trompete, und die kiloschweren Metallfesseln schlossen sich auf wundersame Weise. Der Dämon ächzte und jammerte. Sie stellten ihn auf die Beine. Nun wirkte er zerbrechlich wie Glas, aber Jo ließ sich davon nicht beeindrucken, denn er wusste, dass dies nur einer der Tricks des Dämons war. Wenn dieser glaubte, Jos Mitleid erregen zu können, hatte er sich gründlich getäuscht. Das blaue Licht, das die Grotte und den Hang eingehüllt hatte, war verschwunden. Jo blickte gespannt nach allen Seiten und stellte fest, dass auch von den höllischen Lehmhütten und den anderen gespenstischen Erscheinungen nichts mehr zu sehen war.

Auch das Zerren und Reißen in seinem Körper hatte aufgehört. Sein Verstand schien wieder völlig klar zu sein. Dass er aber bisher nur einen Teilerfolg erzielt hatte, wurde ihm bewusst, als er Manola betrachtete. Ihr Gesicht war grob, und struppige Haare hingen ihr bis auf die Brauen und den Nacken hinab. Unter ihrem Zigeunerkleid zeichneten sich grobschlächtige Konturen ab. Die Verwandlung war zum Stillstand gekommen. Doch es musste noch viel geschehen, damit sie wieder zu normalen Menschen werden konnten.

»Du siehst grauenhaft aus«, sagte er zu Manola.

»Hast du dich im Spiegel gesehen?«

»Nein«, entgegnete er und kaute auf seiner dicken Unterlippe herum.

»Dann lass es lieber. Es wäre ein Schock für dich.«

Jo boxte dem Dämon in die Seite, so dass dieser zusammenzuckte und wie ein Wolf heulte.

»Auf jetzt! Wir laufen ins Dorf, und wehe dir, wenn du auch nur einmal stehenbleibst oder einen Fluchtversuch unternimmst!« Um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, rieb er ihm mit dem Kräuterbündel durch das Gesicht. Manaro fluchte und spuckte. Manola hielt die Trompete bereit, um sie notfalls sofort Jo reichen zu können.

Sie eilten den Hang hinab, ohne sich noch einmal umzusehen. Jo ging links neben dem Dämonen und hielt ihn mit der Linken, während seine Rechte das Kräuterbündel in Manaros Nacken presste. Manola klammerte sich rechts an dem schwarzen Gesellen fest.

Unerwartet schnell gelangten sie zu der Felsenbresche, die Jo auf seinem Weg in die Grotte durchquert hatte. Die Sonne glänzte am wolkenlosen Himmel, doch sie verspürten keine Hitze, sondern einen angenehm frischen Luftzug. Der Dämon bewegte die Arme etwas und sein schwarzer Umhang flatterte. Jo Carmichael hatte den Eindruck, sie flögen, denn seine Füße berührten den Boden nicht mehr. Rasch erreichten sie den Platz, wo sich der unheimliche versteinerte Wald ausgedehnt hatte. Jetzt war hier nur noch flaches ödes, von Krüppelsträuchern und schlaffen Kakteen bewachsenes Land. Lautlos strichen sie darüber hinweg und setzten ihren Weg in der Richtung fort, aus der Jo gekommen war.

Bald kam der Bluthügel in Sicht. Sie landeten auf seiner Kuppe und blickten auf das Dorf. Wider Erwarten regte sich dort unten nichts. Aber Jo bemerkte bald die großen ungeschlachten Gestalten, die auf Trümmerbergen oder vor den Mauern der noch stehenden Lehmhütten kauerten. Sie warteten und glotzten mit starren Mienen zu ihnen herauf. Sie schienen zur Tatenlosigkeit verdammt, wenn sie keine Befehle erhielten.

»Immerhin besser, als wenn sie uns angreifen würden«, meinte Jo leise. »Dämon, strenge dich an und verwandle sie in Menschen zurück! Beeile dich. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Manaro tanzte auf der Stelle und stieß scheußliche Laute aus. Der Himmel färbte sich rot und gelb. Donner grollte und Blitze zuckten. Über dem Dorf wirbelten die Teufelsinsekten in dichten Wolken, und für einen Moment sah es so aus, als würden sie davonschwirren. Dann aber sank Manaro erschöpft zu Boden. Der Himmel war wieder klar und messingblau, Jo und Manola beobachteten entsetzt, dass die Insekten von neuem in die Monster schlüpften. Jo nahm die Trompete und schlug den verbeulten Schalltrichter auf den Kopf des Unheimlichen.

»Was soll das? Warum machst du nicht weiter? Du hast deine letzte Chance vertan!«

»Gnade!«

»Zu spät, du Ungeheuer!«

Manaro keuchte und spuckte etwas Schleimartiges auf den Boden. Fast drehte sich Jos Magen um. Kalte Wut stieg in ihm auf. Er packte das Ungeheuer, um ihm die Knochen zu brechen.

»Es gelingt nicht!«, rief Manaro mit schriller Stimme. »Da ist etwas, was sich störend auswirkt. So glaube mir doch! Einer fehlt in der Runde, der Größte von allen...«

»Warte hier«, sagte Manola zu ihrem Freund. Ehe Jo antworten konnte, bewegte sie sich schwerfällig den Hang des Bluthügels hinab. Als er sie von hinten betrachtete, erkannte er zu seinem Schrecken, dass sie sich nur noch in der Größe von den Monstern unterschied.

Sie lief zwischen ihnen hin und her, und sie schenkten ihr keinerlei Beachtung. Ihre Blicke blieben auf den Bluthügel gerichtet.

Manola Dominguin kehrte zurück und sagte: »Das Fünfmetermonster fehlt. Das Ungetüm, in dem Miguel, der Flötenspieler, steckt. Was machen wir jetzt?«

»Auf nach Cali«, sagte Jo mit gepresster Stimme. »Ich schätze, es ist Ludovigo dorthin gefolgt.«

 

Die vornehm eingerichtete Rechtsanwaltskanzlei befand sich in der achten Etage des INA-Hochhauses. Im Vorzimmer tippte eine brünette Sekretärin lustlos auf ihrer Schreibmaschine. Im Allerheiligsten saß der Anwalt, ein hagerer und herablassend wirkender Mann, auf einem ledergepolsterten Stuhl und blickte über die spiegelblanke Platte seines gewaltigen Schreibtisches auf die beiden Eheleute, die es peinlich vermieden, sich gegenseitig in die Augen zu sehen.

»Das Gesetz«, sprach der Anwalt und wies mit einer Hand bedeutungsvoll auf die roten Folianten, unter deren Last sich die Borde einer Vitrine aus der Konquistatorenzeit bogen. »das Gesetz dieses Landes lässt in Ihrem Fall durchaus eine Trennung in beiderseitigem Einvernehmen, jedoch keine vollendete Scheidung zu, da bekanntlich auf keiner Seite ein echtes Verschulden vorliegt.«

Die Frau, eine verblühte Schönheit mit einem harten Zug um den Mund, richtete sich stocksteif auf.

»Das Gesetz«, wiederholte sie verächtlich. »ist eine Ermessensfrage. Ich habe seelische Grausamkeiten hinnehmen müssen und verlange, dass er dafür blutet, dieser Schuft! Er soll zahlen, der Schweinehund!«

»Hysterische Ziege«, sagte der Mann grinsend.

Der Anwalt hob beschwörend die Hände.

»Ich bitte Sie, meine Herrschaften! Ich lege Wert darauf, dass meine Klienten zumindest innerhalb dieser vier Wände die Form wahren. Ich...«

Er wurde unterbrochen, denn in diesem Augenblick traf ein Stoß das Gebäude, und die Wände zitterten. Irgendwo ging etwas klirrend in die Brüche, und einer der dicken Folianten fiel zu Boden. Die Frau schrie auf. Der Mann stieß einen Fluch aus.

Der Anwalt drückte verärgert auf die Taste des Sprechgerätes und sagte: »Señorita, stellen Sie sofort fest, was das für ein Lärm ist und wen man dafür zur Verantwortung ziehen kann. Es ist eine Schande!«

Es knackte zweimal in dem Lautsprecher der Anlage. Dann sagte die verschüchterte Stimme der Sekretärin: »Der Portier meldet sich nicht, aber aus dem Im- und Exportbüro im ersten Stock wird soeben gemeldet, dass ein riesiges Monster den Portier gefressen hat und sich jetzt auf dem Weg nach oben befindet. Die Polizei ist im Haus, aber sie kann es nicht finden, weil es sich anscheinend versteckt hat.«

»Señorita, fühlen Sie sich nicht gut?«

»Glauben Sie mir etwa nicht?«

Der Mann vor dem Schreibtisch lachte. »Ein Monster? Fragen Sie mal, ob es Krallenhände und glühende Augen hat.«

»Ich würde über so was nicht scherzen«, sagte die verblühte Schönheit. Sie umrundete den Schreibtisch und legte dem Anwalt eine leicht bebende Hand auf die Schulter.

Im Vorzimmer entstand Lärm. Dann folgte ein gellender Schrei, und die brünette Sekretärin kam mit verzerrtem Gesicht hereingerannt. Der Anwalt wollte sie zurechtweisen, weil sie nicht angeklopft hatte, unterließ es jedoch in Anbetracht der Verwirrung seiner Sekretärin. Sie rannte zum Fenster und hätte sich wohl hinausgestürzt, wenn der immer noch grinsende Mann sie nicht an den Hüften festgehalten und an sich gezogen hätte.

Der Anwalt hörte die Frau neben sich schreien. Im nächsten Moment klammerte sie sich an ihn und benahm sich wie von Sinnen. Alle vier brüllen auf, denn sie sahen den häßlichen gedrungenen Schädel, der sich zur Tür hereinschob. Dunkle Augen musterten sie voller Tücke und Bosheit. Grunzend wollte das Fünfmetermonster ganz eintreten, doch seine Schultern passten nicht durch die Füllung. Zornig rüttelte es am Türrahmen. Die Wand wackelte, und Verputz rieselte herab. Plötzlich hielt das Monster den gediegenen hölzernen Türrahmen in den Pranken. Es kniete auf dem Boden und schickte sich an hereinzukommen.

Der Anwalt, die verblühte Schönheit und die Sekretärin näherten sich jammernd dem Fenster. Eine zweite Tür, durch die man entweichen konnte, gab es nicht. Nur der Mann bewies Courage. Er lief zum Telefon und wählte die Nummer der Zentrale. Er schien Anschluss zu bekommen, denn plötzlich rief er: »Alarm, Alarm! Das Monster ist hier, im ach...«

Weiter kam er nicht, denn ein Fausthieb des Monsters traf ihn. Stöhnend ging er zu Boden. Die Sekretärin kam ihm zu Hilfe. Sie zerrte ihn wimmernd hoch und stolperte mit ihm zu dem Fenster, über dessen Brüstung soeben die Gestalt des Rechtsanwalts verschwand. Die Frau kauerte noch auf der Bank.

»Das Haus hat draußen einen breiten Sims, über den wir flüchten können!«, rief die Sekretärin. »Wir müssen es schaffen! Oh gütiger Himmel!«

Das Monster stieß mit seinen Schultern gegen die Türöffnung. Drohend knurrte es. Speichelblasen zerplatzten vor seinen wulstigen Lippen, und in seinen wild blickenden Augen spiegelte sich das Verderben der Hölle. Übler Geruch breitete sich in der vornehmen Kanzlei aus. Eine schwarz behaarte Hand stieß vor, riss den wertvollen Schreibtisch um und räumte die Stilvitrine aus. Dann bekam das Monster das Kabel der Schreibtischlampe und das Kabel der Rufanlage zu fassen und rupfte daran.

Funken und Qualm stieg auf. Das Monster brüllte erbost, weil es einen elektrischen Schlag erhalten hatte. Der Kurzschluss bewirkte, dass die Folianten Feuer fingen, und die Sekretärin stieß wieder einen ihrer gellenden, nervenzerfetzenden Schreie aus. Die Flammen fanden reichlich trockene Nahrung, breiteten sich rasch im Raum aus.

Der Anwalt war verschwunden, aber die verblühte Schönheit hockte noch zögernd auf der Fensterbrüstung. Der Mann sprang auf sie zu, ehe die Sekretärin ihn daran hindern konnte, und versetzte ihr einen Stoß. Schreiend stürzte die Frau in die Tiefe. Er lachte irre und rief: »So, jetzt hat sich der Fall von selbst erledigt! Komm, Süße, wir brennen zusammen durch!«

Er zog die brünette Señorita mit sich. Sie stiegen aus dem Fenster und turnten über den Sims. Die dicken krallenbewehrten Finger des Monsters fuhren aus dem Fenster, bekamen sie aber nicht mehr zu fassen. Das Monster kroch böse grunzend aus der Kanzlei und setzte sich im Vorzimmer auf den Boden, weil sein Pelz Feuer gefangen hatte. Mit den Pranken hieb es darauf ein, aber es konnte nicht alle züngelnden Flammen ersticken. Die dichten, filzigen Haare waren wie Zunder.

Das Monster kroch auf den Flur hinaus – zum Entsetzen einer Gruppe von Menschen, die sich neugierig zusammengeschart hatte. Niemand wagte sich an das heulende und schlagende Ungeheuer heran. Alle liefen fort. Dem Monster gelang es schließlich, das an ihm fressende Feuer zu ersticken, indem es sich hin und her wälzte. Unterdessen hatten sich die Flammen jedoch zu einem Meer ausgebreitet. Am heftigsten loderten sie in der Anwaltskanzlei, und mit beängstigender Geschwindigkeit breiteten sie sich über den Flur aus. Menschen verließen in Panik die mondänen Büros. Einige wollten die Treppe erreichen, aber eine Feuerbarriere versperrte ihnen den Weg.

Andere hasteten zum Lift. Sie prallten jedoch entsetzt zurück, weil der Fahrstuhl verschwunden war. Ein Abgrund gähnte ihnen entgegen. Es gab keine Möglichkeit mehr, in die unteren Stockwerke zu gelangen. Blieb nur die Flucht nach oben.

Schimpfend und schreiend rannten Männer und Frauen davon und trafen am Ende des Flurs auf den Rechtsanwalt, dessen Sekretärin sowie den Ehemann, der das Scheidungsproblem auf seine Art gelöst hatte. Die drei hatten es geschafft, vom Außensims in ein noch nicht brennendes Büro zu klettern. Jetzt schlossen sie sich der Menge an, um Zuflucht in höheren Etagen zu suchen. Das Monster wich ebenfalls vor dem Brand zurück. Feuer fürchtete es – wie alle dämonischen Kreaturen.

Unten auf der Treppe standen uniformierte Polizisten und legten ihre Schnellfeuergewehre an. Krachend entluden sich die Läufe. Ein wahrer Hagel von Geschossen traf das Monster. Doch die Projektile konnten ihm nichts anhaben. Unbeirrt und unverwundet strebte es den Flüchtenden nach. Die bewaffneten Männer mussten tatenlos zusehen, denn sie konnten die Flammenmauer nicht durchbrechen. Jemand rief nach Asbestanzügen. Das Monster schnupperte aufgebracht und suchte nach dem Wunderheiler. Die Macht des Bösen, die es geschaffen hatte, suggerierte ihm unaufhörlich, diesen gefährlichen Widersacher aufzustöbern und zu vernichten.

 

 

 

Dr. Urbano, dessen Praxis sich im neunten Stockwerk des INA-Hochhauses befand, stürzte aus dem Sprechzimmer in den Raum seiner Assistentin hinüber, als die dumpfen, klopfenden Laute durch das Gebäude tönten und Menschen zu schreien begannen. Hinter ihm richtete sich ein konsternierter Privatpatient von der Behandlungsliege auf und sagte etwas Empörtes. Doch Dr. Urbano kümmerte sich nicht darum.

Mit wehendem weißen Kittel stapfte er auf seine Assistentin – eine ehemalige Besucherin seiner Vorlesungen, blond und bebrillt, zu, um den Grund dieser Unruhe zu erfahren. Er war ein großer massiger Mann mit schütterem Haupthaar und dichtem schwarzen Vollbart. Angesichts seines bärbeißigen Gesichtsausdrucks erhob sich das Mädchen unwillkürlich von seinem Platz.

»Beenden Sie erst die Untersuchung und kümmern Sie sich dann um Ihre privaten Angelegenheiten, Herr Doktor!« wetterte der Patient, der dem Arzt nachgelaufen kam. Sein Oberkörper war unverhüllt, und die Assistentin verzog angesichts des eitrigen Ausschlags, der Brust und Bauch bedeckte, den Mund.

Draußen krachte und rumorte es. Hastige Schritte näherten sich.

»Was ist los?«, dröhnte Dr. Urbanos Bassstimme.

»Ich glaube, es handelt sich nicht um eine Privatangelegenheit«, erwiderte die bebrillte Blondine. »Ich habe gehört, dass ein Monster im Haus sein soll. Die Polizei ist bereits aufgekreuzt.«

»Und das sagen Sie mir jetzt?«

»Ich wollte nicht stören.«

»Sehr vernünftig«, warf der Patient rasch ein. »Einen namhaften Dermatologen solle man nicht stören, wenn er eine Diagnose zu stellen versucht. Das könnte seinem guten Ruf ganz empfindlich schaden.«

Dr. Urbano musterte ihn von oben bis unten.

»Himmel, Sie haben eine ansteckend seborrhoische Epidermophytie. Reicht Ihnen das?«

»Jetzt habe ich wirklich genug«, entgegnete der Patient.

Die Tür flog auf, und ein Mensch kam hereingestolpert. Keuchend zog er die Tür ins Schloss und machte eine schwer zu deutende Geste mit beiden Händen. Das Geschöpf hatte eine gedrungene, muskulöse Gestalt, lange hängende Arme und einen Kopf mit fliehender Stirn. Es trug eine Hose, die ihm zu klein war. Der gesamte Oberkörper, die Arme und der Nacken waren dicht behaart. Die Gestalt gab einen tiefen, kehligen Laut von sich. Die bebrillte Assistentin kreischte und tastete hilfesuchend nach der Hand von Dr. Urbano.

»Ist das das Monster?«, erkundigte sich der Facharzt für Hautkrankheiten.

»Es – es sieht so aus.«

»Das ist ein Neandertaler, Cro Magnon oder Aurillac-Mensch«, erklärte der Patient, der offensichtlich etwas von diesen Dingen verstand. Zugleich wich er in das Sprechzimmer zurück.

»Mein Name ist Ludovigo Dominguin«, sagte die Schreckensgestalt mit ihrer dumpfen Stimme. »Ich komme aus El Turbio, einem kleinen Kordillerendorf. Es hat mich wirklich Mühe gekostet, bis zu Ihnen vorzudringen, Doktor. Vor wenigen Minuten öffnete das Monster den Lift und riss den Fahrkorb herunter. Ich hatte Glück, dass ich gerade noch rechtzeitig ausgestiegen war. Eine Weile hing ich hilflos im Schacht, doch dann schaffte ich es, mich hochzuziehen und die Tür zum achten Stock aufzuschieben.« Er hielt inne. Das Sprechen bereitete ihm Schwierigkeiten.

»Dominguin? Der Wunderheiler?« Dr. Urbano stellte sich vor die bebrillte Assistentin und senkte kampfbereit den Kopf. »Ich kann mich an den Namen entsinnen. Waren Sie vor ein paar Jahren auf einem obskuren Kongreß in Bogota zugegen?«

»So ist es.«

»Was wollen Sie? Warum haben Sie sich so erbärmlich verändert? Damals sahen Sie wenigstens einigermaßen zivilisiert aus.«

»Das Monster jagt mich«, sagte Ludovigo, und seine Stimme kippte vor Verzweiflung um. So rasch wie möglich erklärte er, was in El Turbio vorgefallen war. Einige Male versprach er sich, stotterte und lispelte.

»Teufelsinsekten«, wiederholte der Dermatologe zum Schluss. »Und mit so einem Märchen kommen Sie zu mir?«

Draußen schrien wieder die flüchtenden Menschen. Jemand stieß gegen die Tür zur Praxis, rutschte zu Boden, fluchte, stand wieder auf und lief weiter. Dann war das Brüllen des Monsters zu hören. Ludovigo wies auf die Tür.

»Sie werden gleich sehen, dass ich Ihnen nichts vorschwindle, Doktor. Sie sind der einzige fähige Arzt, den ich kenne, die einzige Koryphäe! Sie haben ein umfassendes Fachwissen. Sie haben Beziehungen! Tun Sie um Gottes willen etwas – nicht für mich, sondern für die vielen Unschuldigen, die sterben müssen, falls nicht sofort etwas geschieht.« Er schluckte und fügte noch hinzu: »Die Polizei kann nicht herauf. Im achten Stock brennt es lichterloh. Bald steht das ganze Hochhaus in Flammen!«

Schleifende, tastende Schritte näherten sich. Sabberndes Gemurmel war zu hören, Laute, die weder Dr. Urbano noch seine Assistentin einzuordnen wussten. Plötzlich erklang ein wolfsähnliches Geheul, und nun wussten alle, dass das Monster sich der Praxis näherte.

Dr. Urbano zog die bebrillte Blondine mit sich ins Sprechzimmer. Ludovigo folgte ihm. Der Patient schlug sofort die Tür zu, drehte den Schlüssel um und stellte einen Stuhl unter die Klinke.

»Ich habe Angst«, gestand er. »wahnsinnige Angst.«

»Sie sind ein Illusionist«, sagte der Dermatologe zu dem Wunderheiler. »Wie soll ich innerhalb von Sekunden auf eine vage Beschreibung hin ein Mittel gegen das Monster finden? Vielleicht gibt es gar keines, zumindest hier nicht. Denn Sie müssen doch selbst zugeben, dass der Fall mein Fachgebiet nur streift.«

Die Tür zur Praxis gab nach. Das Monster heulte und tappte im Raum der Assistentin umher. Dr. Urbano blickte durch das Schlüsselloch und kam wieder hoch. Er war schneeweiß im Gesicht.

»Es ist vier oder fünf Meter groß und kriecht auf uns zu«, versetzte er bestürzt. »Da sehen Sie, dass Sie keine Wahl haben. Sie müssen etwas tun.« Der Patient zog sich zum Fenster zurück und kratzte aufgeregt mit den Fingern an seinem Ausschlag.

Dr. Urbano ging mit schweren Schritten an seinen Schreibtisch, riss den Hörer des Fernsprechers ans Ohr und wählte über die Direktleitung eine Nummer, die er auswendig kannte. Mit barscher Stimme verlangte er einen gewissen Andres zu sprechen und wartete. Dann ließ er einen Wortschwall auf den Teilnehmer los. Ludovigo verstand nur die Worte »Hubschrauber« und »sofort«. Denn auch mit dem Hören hatte er Schwierigkeiten.

Dr. Urbano knallte den Hörer auf die Gabel.

»So, ich habe den Standortkommandeur der in Cali stationierten Streitkräfte informiert. Ist einer meiner besten Freunde. Die Polizei hat zwar die Feuerwehr alarmiert, aber wegen Kompetenzstreitigkeiten oder sonst irgendeinem Unsinn zögerte man noch, das Heer und die Luftwaffe einzuschalten. Ich habe veranlasst, dass eine Hubschrauberstaffel abhebt und herüberkommt, damit wir nicht jämmerlich in diesem Palast verbrennen müssen.«

»Na schön«, rief der Patient mit schriller Stimme. »aber erst mal müssen wir doch hier raus!« Ungestüm wies er auf eine weitere Tür. »Wohin führt die?«

»In den Arzneimittelraum und nicht weiter«, antwortete die Assistentin. Plötzlich wimmerte sie auf, denn es wurde gegen die Verbindungstür zwischen Sprechzimmer und Vorraum gehämmert. Als sie nicht gleich nachgab, ließ das Monster ein unschlüssiges Grunzen vernehmen. Dann hieb es noch heftiger gegen die Tür und knurrte wild.

Dr. Urbano und Ludovigo schoben einen weißen Metallschrank vor die Tür, aber das nützte nicht viel. Bedrohlich begann er unter den Schlägen des Monsters zu wanken. Es war nur eine Frage von Sekunden – dann würde die Barrikade nachgeben und das Ungeheuer hereinpoltern. Dr. Urbano fluchte standeswidrig und machte sich an seinen Regalen zu schaffen. Schließlich holte er einen eimergroßen Behälter hervor und riss ihn auf. Er stürzte in den Arzneimittelraum hinüber, gefolgt von dem Wunderheiler. In rasender Hast schüttete er mehrere flüssige und pulverförmige Substanzen, die in säuberlich beschrifteten Glasbehältern aufbewahrt wurden, in den Eimer.

»Das hier ist ein Desinfektionsmittel«, erläuterte er. »Ich füge Chlorpromazin, Ameisensäure und ein Derivat des Desoxyribonukleinsäure- Moleküls hinzu. Ergibt eine verheerende Mischung. Wollen doch mal sehen, was sich damit ausrichten lässt.« Dämpfe stiegen aus der breiähnlichen Masse auf, die er mit einem Metallstab anrührte.

Im Sprechzimmer schrien die bebrillte Assistentin und der Patient gemeinsam auf. Ihre Schreie gingen in einem ohrenbetäubenden Krachen und Splittern unter. Eine der gewaltigen Fäuste des Monsters ragte aus einem in der Tür klaffenden Loch, und der Metallschrank lag umgestürzt darunter.

»Beeilen Sie sich!« drängte Ludovigo.

»Ich kann doch nicht hexen«, erwiderte der Facharzt gereizt. Er konnte kaum noch verbergen, dass auch ihn die blanke Furcht gepackt hatte.

Der Patient und die Assistentin kletterten auf die Fensterbank, und sie rief: »Versuchen wir doch, auf den Sims im achten Stock zu klettern!«

»Das schaffen wir nie!«

»Lieber springe ich in den Tod, als mich fressen zu lassen!«

»Die Feuerwehr spannt unten Sprungtücher auf«, sagte er mit schriller Stimme. »Das ist unsere Rettung.«

Die Tür wurde von einem Hieb des Monsters aus den Angeln gerissen. Brüllend schob sich die mächtige Gestalt herein. Die bebrillte Blondine und der Patient lösten sich vom Fensterbrett und ließen sich in die Tiefe fallen. Noch hatte das Monster die beiden Männer im Arzneimittelraum nicht entdeckt. Noch kroch es böse schnaufend im Sprechzimmer hin und her. Es stieß gegen einen zinkgerahmten Tisch, keuchte und warf ihn um. Witternd hob es den Schädel. Es öffnete das Maul, und Teufelsinsekten schwirrten heraus und füllten den Raum. Allmählich wurde es heißer. Brandgeruch drang ein, und draußen vor den Fenstern war gelblichroter Feuerschein zu erkennen. Das Feuer breitete sich aus.

»Machen Sie schon«, sagte Ludovigo. Seine Stimme hatte einen tiefen, würgenden Klang. »Es ist unsere letzte Chance.«

Dr. Urbano war mit den Vorbereitungen fertig. Beherzt lief er ins Sprechzimmer, hob den Eimer und kippte dem Monster den Brei entgegen, den er zubereitet hatte. Es war eine klebrige, übelriechende Masse. Das Monster bekam sie mitten in die Satansfratze. Sofort heulte es los und rieb sich mit den dicken Fingern die Augen. Es setzte sich auf und begann zu greinen.

»Nichts wie an ihm vorbei und raus aus der Praxis!«, rief Dr. Urbano. Gleichzeitig rannten sie los. Der Facharzt für Hautkrankheiten gelangte ungehindert bis an die zerschmetterte Tür und stürmte in den Vorraum. Ludovigo hatte gerade die Flanke des Ungeheuers erreicht, als dieses planlos und voller Wut mit einer Pranke durch die Luft schlug.

Der Wunderheiler fühlte sich hochgehoben und spürte ein paar Teufelsinsekten auf seiner Gesichtshaut. Er überschlug sich zweimal. Doch er blieb nicht auf dem Fußboden liegen, sondern erhob sich unter Aufbietung aller Kräfte und stürzte dem Doktor nach.

 

Vor dem INA-Hochhaus drängten sich die Streifenwagen der Stadtpolizei, die Ambulanzfahrzeuge und die Löschwagen der Feuerwehr. Blaulichter zuckten und Sirenen heulten. Es schien, als behinderten sich die Wagen und die vielen uniformierten Männer gegenseitig, und doch sorgte ein erprobtes Einsatzsystem für Disziplin und Ordnung. Leitern waren hochgefahren worden, auf denen Männer in Asbestanzügen mit Schaumlöschern gegen die Feuersbrunst im achten und neunten Stockwerk kämpften. Hochdekorierte Polizeioffiziere gaben Befehle per Megaphon durch. Eine riesige Traube neugieriger Menschen wurde von einer Absperrkette daran gehindert, sich dem Schauplatz des Grauens weiter zu nähern. Eingeschlossene warfen sich aus den oberen Etagen schreiend ins Ungewisse, doch die meisten wurden von den geschickt mit Sprungtüchern jonglierenden Feuerwehrmännern aufgefangen.

Jo Carmichael und Manola Dominguin hätten niemals die Absperrung durchbrochen, wenn der Dämon mit ihnen nicht bis dicht vor das Gebäude geflogen wäre. Neben einem Ambulanzwagen landeten sie. Die entgeisterten Blicke der Mitglieder der Einsatzkommandos empfingen sie. Ein Polizeioffizier kam herübergelaufen.

»Sie müssen hier weg!«, sagte er keuchend. »Sie haben hier nichts verloren!«

Jo stieß Manaro, den Dämon, nach vorn. Das Kräuterbündel hatte er ihm auf den Nacken gebunden, und den Schalltrichter der Trompete hielt er gegen seinen Rücken gepresst. Manaro stöhnte und rasselte mit den Ketten.

»Dies ist der Verantwortliche«, erklärte Jo. »Das Monster ist sein Geschöpf.«

Der Polizeioffizier blickte Manaro an und entgegnete: »Ich lasse Sie sofort abführen, Mann. Ob die Anschuldigung der Wahrheit entspricht, wird sich bald herausstellen.«

Jo schüttelte den Kopf. »Warten Sie. Er soll den Fluch von uns nehmen. Sehen Sie uns an. Wir werden allmählich auch zu Monstern, falls der Spuk nicht aufhört.« Er hustete, denn das Sprechen fiel ihm schwer. Der Polizeioffizier blickte in sein häßliches Gesicht und in das von Manola und wollte den Sprecher zurechtweisen. Doch in diesem Augenblick brach eine brennende Wand aus dem Hochhaus und stürzte herab. Schreiend wichen die Menschen zurück.

Ein Streifenwagen fing Feuer. Nach wenigen Sekunden barst der Benzintank mit einem dumpfen Laut. Das Feuer breitete sich nach allen Seiten aus und berührte den Straßenasphalt. Eine zerschmetterte Gestalt auf dem Gehsteig – die Rettungsmannschaften hatten sie nicht auffangen können – wurde von den Flammen erfasst und verwandelte sich in ein schwarzes, versengtes Bündel.

Voll ohnmächtiger Wut sah Jo, dass oben auf dem Dach Menschen erschienen. Manola stieß einen Ruf der Begeisterung aus, denn Hubschrauber tauchten am Himmel auf und schwebten mit knatternden Rotorblättern über dem Dach. Strickleitern wurden herabgelassen. Die Hubschrauber stiegen wieder auf. An einigen Strickleitern hingen noch Menschen, die die Kletterpartie in die Kanzeln nicht mehr geschafft hatten. Verzweifelt klammerten sie sich fest. Jo erkannte die ungeschlachte Gestalt eines Urwesens, eine kleinere Ausgabe des Fünf-Meter-Monsters, und er wusste, dass dies nur Ludovigo, der Wunderheiler, sein konnte.

Sechs Maschinen landeten auf der vierspurigen Allee. Im selben Augenblick zeigte sich auf dem Dach des INA-Hochhauses das Monster. Drohend reckte es sich und schüttelte die Fäuste gegen die Menge. Irgendetwas schien mit seinem Kopf nicht zu stimmen, denn es strich sich immer wieder mit einer Pranke über Augen und Mund. Flammen züngelten nun auch über das Dach und wanderten auf die Schreckensgestalt zu.

»Hole es herunter«, befahl Jo dem Dämon. Als Manaro nur knurrte und wenig Bereitschaft zeigte, hob er die Trompete, führte das Mundstück an die Lippen und blies ein paar Noten direkt in das rechte, spitz nach oben hin zulaufende Ohr. Manaro heulte.

»Erbarmen!«, rief er mit einer Stimme, die die Umstehenden erschauern ließ. »Satan, ich tue es ja, wenn du nur aufhörst!« Beschwörend hob er die dürren Arme. Sein Mantel, schwarz und unheimlich, breitete sich aus, und die Ketten klirrten leise. Gespenstisch begann er zu hüpfen und ließ mit seinem absonderlichen Tanz den Himmel verdunkeln und Donner grollen.

Das Monster heulte. Hoch über seinem Haupt schwirrten die Teufelsinsekten – es wurden immer mehr. Dann ging ein Aufschrei durch die Menge. Das Monster stürzte sich in die Tiefe, ein brennendes, brüllendes Bündel. Es landete neben dem Streifenwagenwrack im aufgeweichten Asphalt der Straße. Mit schwerfälligen, hilflosen Bewegungen versuchte es, sich zu befreien, doch die schwarze Masse klebte an ihm und zog ihn immer wieder nach unten. Seine Fratze war zerstört. Der Brei des Dr. Urbano hatte seine Wirkung getan. Es blutete und schrie. Die Menschen stöhnten auf. Neben Jo Carmichael und Manola wand sich der Dämon unter unsäglichen Schmerzen. Er litt mit der Kreatur, die er geschaffen hatte, und jammerte um Hilfe. Über dem Pandämonium schwebten die Teufelsinsekten. Sie schienen herabstoßen zu wollen, wagten es aber nicht.

Jo sah, dass Ludovigo in Gesellschaft eines schwarzbärtigen untersetzten Mannes herübergeeilt kam. Zu seiner Verwunderung nahm die Physiognomie des Wunderheilers wieder menschliche Züge an. Jo guckte zu Manola hinüber und stellte fest, dass auch ihre Verunstaltung dahinschwand. Er befühlte seine Nase – sie war im Begriff, wieder schlank und aristokratisch zu werden. Da wusste er, dass die Macht des

Bösen endgültig besiegt war und er sein Ziel erreicht hatte.

»Rette mich!«, schrie Manaro, der Dämon.

»Ich rette dich«, erwiderte Jo und versetzte ihm einen Stoß in den Rücken. Manaro wurde an dem Streifenwagenwrack vorüber in den kochenden Asphalt geschleudert und landete neben dem Monster. Das Monster schrumpfte, aber es gab keine Möglichkeit mehr, es in die Welt der Lebenden zurückzuholen. Miguel, der Flötenspieler, opferte sich für die Leute von El Turbio.

Jo intonierte eine wehmütige Melodie auf der Trompete. Neben ihm stand Ludovigo und murmelte Beschwörungsformeln. Plötzlich ertönte ein Knall. Rauch stieg auf, und die vielen tausend Teufelsinsekten fielen mitten hinein. Unter Donnern und Blitzen verging der Spuk. Die Zuschauer blickten erschüttert auf die verkohlten Körper im Asphalt.

Plötzlich setzte Regen ein. Eine wahre Sturzflut ging auf Cali nieder. Jo fühlte, dass mit dem Wasser, das über seinen Körper lief, Grauen und Verzweiflung fortgespült wurden. Überglücklich nahm er die triefendnasse Manola in die Arme, das schöne schwarzhaarige Mädchen, das sie wieder geworden war.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

2. DER GIGANT VON SIZILIEN

 

 

Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht, beherrschte den azurblauen Himmel, ein gewaltiger weißer Feuerball, der erbarmungslos seine Strahlen aussandte. Die Erde war trocken und ausgedörrt. Über den Höhen karstiger Hügelgruppen flirrte die Luft. Träge kroch die Zeit dahin, wie gelähmt von der Hitze und der Trostlosigkeit der Landschaft. Auf dem dunklen Band der Asphaltstraße kam ein Auto näher. Ein spinatgrüner Mirafiori, dessen Motor auffallend laut brummte. Sämtliche Seitenfester waren heruntergekurbelt worden. Am Steuer saß ein feister Mann mit graumelierten Haaren. Sein Hemd klaffte weit auf, auf seiner Brust baumelte ein glitzernder Talisman. Im Fond schwitzte ein junges Paar. Er – schlank, dunkelhaarig, bärtig, bebrillt – hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt.

Der Fahrer sah manchmal in den Rückspiegel und erfreute sich an dem Anblick des Mädchens. Blondinen waren auf Sizilien sehr gefragt, und wenn eine so hübsch war wie diese, verrenkte man sich gern einmal den Hals, zumal sie einen berückenden Körper besaß, dessen vollendete Formen sie ohne Stützen unter einem simplen T– Shirt zur Schau trug. So würde sich keine Einheimische auf die Straße wagen, nicht einmal in den großen Städten.

»Bedauerlich«, murmelte der Graumelierte. »wirklich bedauerlich.«

Der junge Mann beugte sich vor und schaute ihn von der Seite an.

»Was meinten Sie, Signor de Lorenzo? Schimpfen Sie etwa über die Hitze? Ich finde sie herrlich. Ihr Sizilianer seid durch das schöne Wetter verwöhnt, aber wer wie unsereins aus dem Betondschungel von Boston geflüchtet ist, weiß die Sonne zu schätzen.«

Lindon McGhee war gebürtiger Amerikaner, sprach jedoch auffallend gut italienisch. Er studierte Naturwissenschaften an der Universität Boston. Jennifer Lane, seine Freundin, arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin in einem großen Industriebetrieb.

Das Mädchen fuhr sich mit der Zungenspitze über die ausgetrockneten Lippen. »Ich möchte wissen, wann und wo dieses Feriendorf endlich aus der Einöde auftaucht. Existiert es überhaupt?«

»Sie werden staunen«, entgegnete Rosario de Lorenzo lachend.

»Für meine Begriffe ist das eine Gegend, in der man höchstens Westernfilme drehen kann – aber Fremdenverkehr? Dafür ist die Landschaft zu unterentwickelt, bietet zu wenig Reize. Marina di Palma liegt nun schon eine Ewigkeit hinter uns und wir sind immer noch nicht am Ziel.«

»Hab doch Geduld, Jennifer«, sagte Lindon. »Es wird sich ja bald herausstellen, ob die Leute vom Reisebüro, bei dem wir gebucht haben, uns richtig informiert haben.«

»Ich kann mir schon denken, was uns erwartet. Trostlose weiße Klötze, in denen außer uns vielleicht noch ein paar Dumme wohnen, die sich ebenfalls eine Reise nach Sizilien haben aufschwatzen lassen. Es wäre sicherlich besser gewesen, an die Adria oder ans Tyrrhenische Meer zu fahren...«

»Signorina«, unterbrach de Lorenzo ihre unmutigen Äußerungen. Für einen Moment ließ er das Lenkrad los und breitete die Arme aus.

»Denken Sie doch an das Meer – an das herrliche Wasser, die Luft, die Sonne, das Firmament! Hier in Südsizilien besitzt das Leben noch Ursprünglichkeit, Romantik...«

Jennifer lachte silberhell. »An Ihnen ist wirklich ein Poet verlorengegangen. Nun, ich lasse mich gern überraschen.«

Hinter einer kahlen Hügelkuppe tauchte endlich das Meer auf. Und vor der mit Büschelgras bestandenen Uferböschung, die auf den Strand hinabführte, duckten sich schneeweiß gestrichene Würfelbauten gegen den Hang. Es waren zwölf Bungalows, die erst vor einem Jahr errichtet und ihrer Bestimmung als Feriendorf für ausländische Urlauber übergeben worden waren.

Rosario de Lorenzo stoppte den Wagen auf dem betonierten Platz mitten zwischen den flachen Bungalows. Sie machten einen adretten und komfortablen Eindruck.

De Lorenzo stieg aus und rief »Signor Higginbotham!«

Keine Antwort. Lindon McGhee und Jennifer Lane, die ebenfalls das Auto verlassen hatten, kamen zu ihm herüber.

Lindon meinte: »Higginbotham? Wer ist das?«

»Ein Gast, den ich bereits heute Morgen hierher gebracht habe.«

»Und die anderen?«, fragte Jennifer.

Der Italiener blickte sie treuherzig an. »Sie werden sich am Strand befinden und ihre Sonnenschirme weiter nordwärts aufgeschlagen haben. Deshalb konnten wir sie von der Straße aus nicht sehen.«

Er zeigte ihnen den für sie bestimmten Bungalow, der aus Wohnraum, Schlafzimmer, Küche und Bad bestand. Er war vollständig eingerichtet und sogar mit Klimaanlage versehen. Im Kühlschrank lagerte ein beachtlicher Lebensmittelvorrat.

»Donnerwetter, hier ist aber an alles gedacht worden«, meinte Lindon.

»Ich bin erstaunt«, gab Jennifer zu. »Das hätte ich nicht erwartet. Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Signor de Lorenzo. Meine Befürchtungen waren wohl doch übertrieben. Hier können wir’s drei Wochen aushalten, und am Ende werden wir uns so gut eingewöhnt haben, dass wir nicht mehr fort wollen.«

De Lorenzo erwiderte nichts, sondern schaute nur nachdenklich aus einem der Fenster aufs Meer hinaus.

Dann riss er seinen Blick los und sah auf die Armbanduhr. »Mio Dio! Es ist schon spät. Entschuldigen Sie mich, ich muss sofort nach Marina di Palma zurück. Weitere Gäste treffen ein und brauchen meine Betreuung.«

Er ging hinaus, klappte den Kofferraum des Mirafiori auf und händigte ihnen ihr Gepäck aus, half, es ins Haus zu tragen.

»Ich komme – regelmäßig vorbei und besorge Ihnen, was Sie brauchen«, erklärte er. »Ja, in ganz dringenden Fällen rufen Sie mich am besten an. Die Nummer steht auf dem Merkblatt neben dem Telefonapparat.«

Er verabschiedete sich und stieg in sein Auto. Er schien es tatsächlich eilig zu haben. Brummend rollte der Wagen mit ihm davon.

 

»Komm, lass uns erst mal an den Strand gehen und das Meer begrüßen«, sagte Lindon zu Jennifer. Er küsste sie, dann zog er sie an der Hand hinter sich her. Die Tür des Bungalows schloss er sorgfältig ab und steckte den von de Lorenzo übernommenen Schlüssel in die Hosentasche. Sie schlenderten an den Würfelhäusern vorüber.

Das Mädchen blieb plötzlich stehen. »Darling, findest du nicht auch, dass es hier merkwürdig still ist?«

»Verständlich. Die Häuser sind leer, die Gäste am Strand...«

»Das meine ich nicht. Man hört keinen Wind, der das Ufergras rascheln lässt, weder das Rauschen der Brandung noch den Schrei eines Vogels. Es ist, als halte die Natur den Atem an.«

Lindon McGhee holte ein Tuch hervor, nahm die Brille ab und trocknete sich die Stirn. »Das kommt dir nur so vor, weil unsere Nerven durch die Geräusche der Großstadt abgestumpft und überreizt sind. Du wirst dich noch wundern, wie laut das Meer sein kann – besonders nachts!«

Jennifer sah den Freund ungläubig an. »Vielleicht hast du recht«, sagte sie.

Die beiden liefen die Böschung hinab, tollten über den Strand. Und dann sah Jennifer die leichte Brandung und konnte nun doch ihrem Rauschen und Plätschern lauschen. Verträumt standen sie da und schauten auf die vorn kristallfarbene, weiter hinten türkisblaue Wasserfläche hinaus.

Als Lindon sich umdrehte, sah er den Mann. Er trug einen weißen Tropenanzug, aber statt des Helmes saß ein beigefarbener Sonnenhut auf seinem Kopf. Er beschattete das magere, blasse und melancholische Gesicht, das seine Fortsetzung in einem dürren Hals und einem gleichsam ausgemergelt wirkenden Körper fand. Der Mann sagte kein Wort, sah sie nur an.

»Himmel, haben Sie mir einen Schrecken eingejagt«, meinte Lindon ein bisschen verstimmt. »Stehen Sie schon lange da? Wer sind Sie denn?« Der Mann trat auf sie zu und zog den Hut. Höflich verbeugte er sich. Seine Bewegungen waren linkisch. »Gestatten – Peter Higginbotham, britischer Staatsbürger. Die Reisegesellschaft, für die ich arbeite, hat mich mit einem Sonderauftrag hierhergeschickt. Ich soll ausfindig machen, ob sizilianische Bungalowdörfer für unser Ausflugsprogramm geeignet sind.«

Lindon stellte Jennifer vor und machte sich selbst bekannt, dann sagte er: »Sie sind also Mr. Higginbotham, von dem de Lorenzo sprach. Er hat Sie gesucht. Wo stecken denn die anderen?«

»Welche anderen?«

»Na, die Gäste aus den übrigen Häusern.«

Der Engländer lachte schallend. »Da hat Ihnen de Lorenzo einen Bären aufgebunden – einen ganz dicken sogar!« Sein Gesichtsausdruck änderte sich ganz plötzlich. Er wirkte jetzt verärgert. »Tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie und ich die einzigen Bewohner des Feriendorfes sind. De Lorenzo kann froh sein, dass ich nicht oben war, als er mit Ihnen ankam. Dem hätte ich nämlich etwas erzählt...«

»Moment mal, der Mann machte aber einen seriösen Eindruck«, entgegnete Lindon. »schließlich ist er der für diese Gegend zuständige Agent des Touristikamtes und der Gesellschaft, die in Zusammenarbeit mit Fremdenverkehrsunternehmen in aller Welt Urlauber nach Sizilien vermittelt, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Stimmt.« Higginbotham hatte plötzlich einen Schreibblock in der Hand und zückte einen Kugelschreiber. »Das hindert ihn aber nicht daran, die Vorzüge der Siedlung maßlos hochzuspielen und all das zu vertuschen, was an Mängeln aufzuweisen ist. Zum Beispiel die Sache mit den fehlenden Gästen! Er täuschte vor, Sie in ein voll ausgebuchtes, vor Leben sprühendes Bungalowdorf zu bringen, nicht wahr?«

Er machte eine Eintragung auf seinen Block.

»Das gibt einen weiteren Minuspunkt«, fuhr er fort. »In Wahrheit handelt es sich um ein gottverlassenes Nest. Jeder Kontakt mit der Außenwelt fehlt – abgesehen vom Telefon, das erstaunlicherweise funktioniert. Man ist völlig auf sich selbst angewiesen. De Lorenzo kommt seltener als vorgesehen. Das heißt, man muss sich mit den vorhandenen Lebensmitteln einrichten, wenn man keine unliebsamen Überraschungen erleben will. Seit heute früh sitze ich wie ein Eremit hier herum und schlage die Zeit tot! Übrigens: Manchmal fehlen Wasser oder Strom – ein Zustand wie im Mittelalter! Ich bin schon nach dieser kurzen Zeit davon überzeugt, dass ein solcher Platz für unser Programm nicht geeignet ist und werde bei nächster Gelegenheit wieder abreisen.«

Lindon, der dem Engländer aufmerksam zugehört hatte, blickte plötzlich verdutzt in den Sand. »Täusche ich mich oder vibriert der Boden unter uns?«

»Es ist durchaus keine Halluzination, Mr. McGhee«, erwiderte Higginbotham. »Bereits am Morgen habe ich zwei Erdstöße verzeichnet. Oben, jenseits der Uferböschung, spürt man sie allerdings deutlicher.«

»Erdstöße?«, wiederholte Jennifer ungläubig.

Der Engländer nickte. »Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass der Süden Italiens, und besonders Sizilien, zu den Gebieten der Erde gehören, die sehr häufig von Erdbeben heimgesucht werden«, sagte Higginbotham in schulmeisterlichem Tonfall.

»Mein Gott, Lindon – worauf haben wir uns da bloß eingelassen!«

 

Das graue Taxi sah traurig aus, wie es etwas schräg am Straßenrand stand und sich trotz aller Versuche des Fahrers, den Wagen wieder in Gang zu bringen, nicht vom Fleck bewegte. Der Mann stieg ein, betätigte probeweise den Anlasser, kam wieder heraus und beugte sich unter die offene Motorhaube, um erneut an der Maschine herumzubosseln. Es nützte nichts. Der Fiat 124 hatte mitten auf der Strecke zwischen Agrigent und Marina di Palma seinen Geist aufgegeben.

»Parbleu«, sagte der Franzose, der mit seiner Frau unweit des Chauffeurs stand und dessen Anstrengungen argwöhnisch verfolgte. »ich könnte diesen Rosario de Lorenzo auf den Mond schießen! Warum hat er nicht am Bahnhof auf uns gewartet, wie es vereinbart war? Jetzt stehen wir hier mit dieser Bruchmühle und kommen nicht weiter!«

George Malvenu, Lieutenant der französischen Armee, wollte seinen Urlaub in Sizilien verleben. Er war ein hochgewachsener, gutaussehender Mann, hinter dessen kantigen Zügen sich ein weicherer Charakter verbarg, als man auf den ersten Blick vermuten mochte. Vivien Malvenu hatte ein etwas maliziöses Lächeln aufgesetzt. Ihr schien die Panne keinen Ärger zu bereiten. Sie betrachtete sie eher als Abwechslung. Sie lehnte den Kopf leicht zurück und spürte die Sonnenstrahlen auf der Haut. Die Frau hatte die Dreißig bereits überschritten, wirkte aber dennoch attraktiv und sexy in ihrem jeansblauen Hosenanzug. Ihre Haare waren schwarz gefärbt, die kirschrot geschminkten Lippen dominierten in dem ebenmäßigen Gesicht und machten sie zu einer erotischen, vielleicht zu lasziv wirkenden Erscheinung.

»Liebling, vergiss nicht – der Zug hatte eine Stunde Verspätung«, wandte sie ein.

»Doppelter Grund für de Lorenzo, zur Stelle zu sein.«

»Vielleicht dachte er, wir würden nie mehr kommen.«

Er blickte sie aus schmalen Augen an. »Es gibt Momente, in denen habe ich nichts für deinen makabren Humor übrig. Was machen wir jetzt, hast du einen Vorschlag?«

»Ganz einfach. Wir warten.«

»Und beten, dass ein Auto vorüberkommt«, spottete Malvenu. »Der Fahrer kriegt den Wagen nicht wieder flott.«

»Muss er in eine Werkstatt?«, fragte sie.

»Ja«, sagte der Chauffeur und richtete sich verdrossen auf. »er braucht mindestens einen Satz frischer Zündkerzen, Signora. Tut mir mächtig leid, aber ich habe alles versucht, um ihn in Gang zu bringen.«

»Das macht doch nichts. Ich finde es aufregend. Und im übrigen habe ich noch nie eine echte sizilianische Autowerkstatt von innen gesehen.« Sie lachte und genoß die bewundernden Blicke des Mannes.

George Malvenu ging erregt auf und ab. »Ein Taxi, das keiner regelmäßigen Inspektion unterzogen wird! So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wo bleibt denn da der Service, die Sicherheit für die Fahrgäste?« Er fixierte den Fahrer.

»In diesem Land nimmt man es wohl nicht so genau?« Der Sizilianer wischte sich die Hände an einem öligen, schwarzen Lappen ab. »Hören Sie, Signore. Ich bin mir meiner Schuld bewusst. Aber Sie haben kein Recht, in dieser Tonart mit mir zu reden und über mein Land herzufallen! Jedes Volk hat seine Gewohnheiten. Ich komme ja auch nicht nach Frankreich und...«

»Vergessen Sie nicht, dass Touristen Devisen bringen«, entgegnete Malvenu drohend.

»Hört doch auf«, rief Vivien. »Da kommt ein Wagen, George. Vielleicht nimmt er uns mit.«

Sie trat auf die Fahrbahn und streckte die Hand aus. Das Auto stoppte tatsächlich. Es war ein blauer Lancia Beta. Der Schlag wurde geöffnet, ein junger Mann stieg aus. Auf dem Beifahrersitz hockte ein Mädchen mit krausem Haar.

»Hallo«, sagte der Deutsche. »können wir irgendwie helfen? Brauchen Sie Benzin?« Er war ein hagerer, aber sportlich gestählter Typ mit dünnem Schnauzbart und wachen blauen Augen.

Malvenu verstand nicht. Er umrundete den Autokühler. »Do you speak english? Sprechen Sie Englisch?«

»Ja«, antwortete er. »ein bisschen holprig zwar, aber wir werden uns schon verständigen. Sind Sie Brite?«

»Nein, Franzose.«

»Französisch können wir beide nicht. Übrigens, ich bin Wolfgang Löhr. Das«, er deutete in den Wagen. »ist meine Frau Diana. Sie liegen fest, wie ich sehe. Ich glaube, es ist am besten, wir nehmen Sie mit nach Marina di Palma.«

Malvenu und seine Frau waren hocherfreut. Nachdem sie sich alle bekanntgemacht hatten, stiegen sie ein. Auch der Fahrer, der inzwischen das Gepäck des französischen Ehepaares umgeladen hatte und sich nun überschwenglich für die Hilfe bedankte.

In Marina di Palma setzten sie ihn ab.

»Fahren Sie weiter?«, erkundigte sich George Malvenu. »Wir sind noch nicht am Ziel. Der hiesige Agent der ENIT-Gesellschaft hat uns im Stich gelassen. Wir müssen in das Feriendorf...«

»So ein Zufall«, sagte Diana Löhr. Sie hatte eine rauchige, angenehme Stimme; eine wenig deutsch wirkende, dunkelhaarige Frau mit braunen Augen, einem hübschen Gesicht und einer ein bisschen stämmigen, aber noch nicht zu üppigen Figur. »Das Bungalowdorf ist auch unser Ziel. Wir machen dort Urlaub. Bleiben Sie ebenfalls länger?«

»Ja, drei Wochen«, antwortete Vivien.

»Großartig. Da können wir gemeinsam etwas unternehmen. Was meinen Sie?«

»Gern«, erwiderte George Malvenu. »Es freut mich, dass wir durch diesen dummen Zufall mit der Autopanne so nette Bekannte gefunden haben. Nachher müssen wir das begießen.«

Wolfgang Löhr fuhr wieder an. Häuser, die wie zufällig ineinander geschachtelt wirkten, huschten vorüber. Schwarz gekleidete Frauen saßen vor schiefen Hauseingängen. Marina di Palma war ein kleiner Ort.

»Ich habe gesehen, dass Sie Gewehre dabeihaben«, sagte Löhr. »glauben Sie, dass Sie hier jagdbares Wild finden?«

»Im Reisebüro wurde es mir jedenfalls versichert.«

»Die schwindeln manchmal.«

»Allerdings. Man kann nur hoffen, dass alles den Beschreibungen entspricht. Gehen Sie auch zur Jagd?«

»Nein«, sagte Löhr. »meine Frau und ich tauchen. Wir haben drei Aqualungen und komplette Ausrüstungen mitgebracht, um das Mittelmeer ein bisschen zu erforschen.« »Warum drei?«, wollte Vivien wissen.

»Eine Ausrüstung als Ersatz, falls mal was kaputtgeht«, erklärte Diana Löhr. Sie drehte sich um und lächelte. »Es war nicht einfach, die Sachen durch den Zoll zu bekommen. Bis Catania sind wir mit dem Jet der Alitalia geflogen. Wir hatten einige Schwierigkeiten, den Leuten klarzumachen, dass wir keine Bomben schmuggeln wollen. Kurzum, wir mussten unser gesamtes Gepäck aus- und wieder einpacken.«

»Wenn Sie mit dem Mietwagen aus Catania kommen, haben Sie doch glatt einen Umweg gemacht«, meinte George Malvenu.

»Ja, wir haben uns vertan«, erwiderte Löhr. »Autofahren ist eigentlich nicht meine Stärke. Wir reisen sonst durch die ganze Bundesrepublik, aber immer mit der Bahn oder dem Flugzeug.«

»Falls ich richtig verstanden habe, sind Sie also Berufstaucher?« Vivien richtete sich interessiert auf.

»Nein, wir sind Artisten und treten als Seiltänzer und Schlangenmenschen in Varietes und Nachtclubs auf.«

»Huch, wie aufregend! Ist das nicht sehr gefährlich?«

»Man gewöhnt sich daran«, meinte Löhr.

Der Lancia rollte mit heruntergelassenen Seitenfenstern durch die öde, wüstenähnliche Landschaft. Im Wagen war es still geworden – die Hitze machte müde. Doch dann kamen die kleine Siedlung und das Meer in Sicht.

»Wunderbar«, meinte Diana Löhr. »der Prospekt scheint wirklich nicht übertrieben zu haben! Das Dorf wirkt wie eine Oase in der Wüste. Ich glaube, wir werden uns wie im Paradies fühlen.«

George Malvenu spähte durch die Windschutzscheibe. »Ihr Wort in Gottes Ohr!«

 

Als sie aus dem Wagen stiegen, wurden sie von Lindon McGhee und seiner Freundin Jennifer Lane lebhaft begrüßt. Die Blondine war froh, endlich mehr Menschen um sich zu haben. Lediglich Peter Higginbotham verhielt sich höflich, aber distanziert, wie es von Haus aus seine Art zu sein schien.

Alle sieben einigten sich auf die englische Sprache. So gab es keine Verständigungsschwierigkeiten.

Jennifer Lane berichtete über die wechselhaften Eindrücke, die sie von dem Feriendorf erhalten hatte.

»Erdstöße?«, erkundigte sich George Malvenu am Ende ihrer Erzählung. »Wie stark waren die denn?«

»Na, der Boden vibrierte ganz schön«, entgegnete Lindon.

»Ich glaube, wir brauchen uns trotzdem keine Sorgen zu machen. Solange keine Gebäude einstürzen und die Erde aufklafft, ist es nicht weiter gefährlich. Ich bin schon öfter in südlichen Ländern gewesen. Außerdem befinden wir uns am Meer. Sandiger Untergrund fängt selbst heftige Beben im Landesinnern stets ab und dämpft deren Wirkung, reduziert sie auf ein Minimum.«

»Möglich, aber es ist fraglich, ob ich es unter diesen Umständen ganze drei Wochen aushalte«, sagte Jennifer und warf Lindon einen Seitenblick zu. »man scheint hier vor Überraschungen nicht sicher zu sein. Es ist furchtbar einsam. Das Dorf scheint in aller Eile aus dem Boden gestampft worden zu sein. Es fehlt an einigen wichtigen Dingen. Nicht mal einen Kiosk gibt es, an dem man Postkarten, Briefmarken und Sonnenöl kaufen kann.«

Lindon legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Liebling, wir sollten zunächst einmal ein paar Tage ausruhen und prüfen, wie wir hier zurechtkommen. Ich glaube, wenn wir nicht zu hohe Ansprüche stellen und alles von der heiteren Seite betrachten, wird es doch noch ein prima Urlaub.«

»Monsieur McGhee hat recht, man sollte sich keine unnötigen Gedanken machen«, sagte Vivien Malvenu und schaute dabei zu dem Amerikaner hinüber.

»Ladys und Gentlemen«, versetzte nun Higginbotham. »ich wünsche Ihnen viel Glück zu diesem Abenteuer. Auf meine Anwesenheit werden Sie jedoch in Kürze verzichten müssen, da ich abreise. Ich habe bereits zu viele Minuspunkte gesammelt.«

»Sie wollen uns doch nicht etwa verlassen?« Lindon betrachtete den kauzigen Engländer; irgendwie fand er ihn sympathisch. »Mr. Higginbotham, leisten Sie uns noch ein wenig Gesellschaft. Wir könnten ein Lagerfeuer am Strand entfachen, ein paar Lieder singen und mitgebrachtes Dosenbier trinken.«

Der dürre Engländer schmunzelte, fühlte sich geschmeichelt. »Nun, eigentlich hatte ich ohnehin geplant, mich erst morgen früh abholen zu lassen. Ich habe bereits mit Marina di Palma telefoniert. Aber de Lorenzo ist nicht in der Agentur. Möchte wissen, wo der steckt. Zum Glück hat er mir die Schlüssel einiger Häuser übergeben...«

»Wahrscheinlich sucht er uns«, erwiderte Vivien und kicherte.

Etwas später trennte man sich. Die Neuankömmlinge suchten ihre Bungalows auf.

Diana Löhr bereitete in erstaunlich kurzer Zeit ein Reisgericht, zu dem sich alle im Löhrschen Bungalow einfanden. Es wurde gescherzt und gelacht. Kontaktschwierigkeiten gab es nicht.

Den Nachmittag verbrachten sie damit, sich die Bungalows häuslich einzurichten. Nur Peter Higginbotham, der ja schon länger hier war, streifte am Strand umher und machte weitere Eintragungen auf seinem Notizblock. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte Lindon McGhee genügend trockenes Holz aus seinem Bungalow herangetragen, um am Strand ein Lagerfeuer entzünden zu können. Für den Kamin blieb noch genug, den man bei Nacht, wenn es überraschend kühl wurde, in Betrieb setzen konnte.

Bald zuckten die Flammen empor. Ihr Knistern und Prasseln mischte sich mit dem Rauschen der Brandung. Lindon holte seine Gitarre und bald versammelte sich die ganze Gruppe bei Bier und Zigaretten um das Feuer. Eine eigenartige, romantische Stimmung kam auf. McGhee spielte gut und erhielt Unterstützung von Higginbotham, der sämtliche englischen Seemanns- und Volkslieder kannte. George Malvenu trug mit lauter Stimme ein paar Chansons vor.

Zum Schluss war die kleine Gesellschaft ziemlich angeheitert. Als Vivien Malvenu zum Bungalow lief und mit zwei Flaschen Rotwein zurückkehrte, wurde die Stimmung noch ausgelassener. Sogar der Engländer hatte etwas von seiner Steifheit verloren.

Lindon legte die Gitarre weg und sagte: »Was haltet ihr von einem Bad? Ich für meinen Teil habe schon lange davon geträumt, bei Mondschein ins Mittelmeer zu steigen.« Er deutete nach oben; fahl glänzte die Scheibe des Himmelstrabanten. »Das Wasser ist bestimmt herrlich warm. Es nimmt bei Dunkelheit einen großen Teil der Hitze auf, die die abkühlende Luft abgibt – eine Art natürlicher Speicher, falls euch das nicht bekannt sein sollte.«

»Lindon, du bist ein wandelndes Lexikon«, erwiderte Wolfgang Löhr grinsend. »Los, worauf warten wir? Diana und ich, wir sind dabei.«

»Ich auch«, sagte Vivien und stand auf. »am liebsten ohne Bikini.« Das trug ihr einen tadelnden Blick ihres Mannes ein.

Übermütig liefen alle der Brandung entgegen. Sie sprangen über die Schaumkronen hinweg und stürmten durch das flache Uferwasser – wer sich nicht traute, wurde einfach mitgezerrt. Unter Kreischen und Lachen tauchten sie ein.

Lindon schwamm neben Wolfgang Löhr und meinte: »Meine Güte, ist das schön. Ich fange jetzt erst richtig an, die Landschaft zu genießen. Ich finde, wir könnten es nicht besser haben.«

»Ja, hier ist es wie auf einer einsamen, paradiesischen Insel.«

Diana schrie plötzlich auf und rief: »Was ist denn das? Die Wellen steigen ja immer höher!«

»Hier ist alles ruhig«, sagte Lindon. »ich verstehe nicht, wie die See an einer Stelle spiegelglatt und ein paar Meter weiter stürmisch bewegt sein kann.«

»Sieh dir das an!« Wolfgang Löhr schwamm im Crawlstil los, auf seine Frau zu, denn die Fluten wühlten tatsächlich immer höher auf. Alle sahen, wie Diana von den Wellen hochgehoben und weiter hinausgetragen wurde, und sie spürten den Sog, der ihre Beine packte, sie ebenfalls hinausreißen wollte...

»Verdammt«, sagte Malvenu. Er schwamm hinter den anderen her, um die junge Deutsche zurückzuholen. Das Meer war trügerisch und hinterhältig. Wenn sie sich nicht mächtig beeilten, wurde die Frau noch weiter fortgetragen.

Klugerweise tauchte Diana Löhr. Sie war eine erfahrene Schwimmerin und ließ sich deshalb nicht in Panik versetzen. Mit kräftigen Zügen hielt sie unter der Oberfläche auf das Ufer zu. Dann fühlte sie die Hände ihres Mannes. Erleichtert zog er sie an sich. Sie kehrten zu den anderen zurück, die sich noch gut halten konnten, weil sie Grund unter den Füßen hatten. Lindon McGhee und George Malvenu packten zu und halfen dem Artistenpaar, während Higginbotham sie seinerseits an den Armen hielt und mit in den Grund gestemmten Hacken den Rückzug sicherte. Keuchend erreichten sie das Ufer.

»Das verstehe ich nicht«, sagte Lindon. »seht doch, das Wasser hat sich ja wieder beruhigt. Wie ist das möglich?«

Die See wiegte sich in sanften Wellen, die Brandung verursachte nur ein feines, spülendes Geräusch auf dem Strand. Mondlicht spiegelte sich in dem ruhigen Wasser.

»Es gibt manchmal seltsame Strömungen«, wusste Higginbotham zu erklären. »aber etwas Derartiges habe ich auch noch nicht erlebt.«

»Wo stecken eigentlich Vivien und Jennifer?«, sagte Diana plötzlich.

»Ja, sind sie denn nicht zum Feuer gelaufen?«

Lindon riss entsetzt die Augen auf. »Ihr wollt doch wohl nicht sagen, dass die beiden das Land nicht erreicht haben, sondern im Meer...«

»Unsinn, sie werden zu den Bungalows gelaufen sein.« Malvenu drehte sich abrupt um und rannte zu den Häusern hinauf.

Lindon McGhee folgte ihm. Der Franzose hatte gerade die Eingangstür erreicht, da begann der Boden zu vibrieren. Die beiden Männer schauten sich verdutzt an. Das Beben wurde stärker, nahm immer mehr zu. Sie hörten, wie drin Gläser und Flaschen zu Boden fielen und klirrend zerbrachen.

»Erdstöße!«, rief Lindon. »Wir müssen hier weg, George. Kümmere dich um deine Frau!”

Die Tür wurde auf gerissen. Jennifer stürzte heraus und rannte an den Männern vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Namenlose Angst stand in ihren Augen. Es krachte und knackte im Bungalow. Plötzlich klaffte ein langer Riss in der Decke, und zwei der Wände begannen sich regelrecht zu teilen. Putz rieselte zu Boden. Ein Schrank fiel mit Getöse um. Unterschwelliges Donnergrollen näherte sich drohend. George sah entsetzt auf Vivien, die regungslos auf der Erde lag.

»George!« Lindons Schrei riss ihn aus seiner Erstarrung. Gleich darauf war er neben dem Franzosen, bückte sich und packte die Frau. Er lud sie sich auf die Schulter und stürzte ins Freie. George Malvenu stolperte hinter ihm her.

Sie waren knapp zehn Meter von dem Bungalow entfernt, da geschah es. Es krachte und dröhnte – das Gebäude stürzte ein. Mauerbrocken und Holzteile flogen bis zu der siebenköpfigen Gruppe herüber, die entsetzt verfolgte, wie das schmucke weiße Haus in sich zusammenfiel.

Peter Higginbotham schrieb mit verbissener Miene auf seinen Block. »Konstruktionsfehler«, murmelte er dabei. »Zum Himmel schreiende Schluderwirtschaft!«

»Moment«, sagte Lindon und wandte sich verblüfft um. »Das Unglück wurde durch Erdstöße ausgelöst.«

»Es gab keine Erdstöße«, widersprach Diana Löhr.

»Um das Haus bebte und wackelte der Boden. Das kann etich doch nicht entgangen sein.«

»Mag sein«, entgegnete nun Wolfgang Löhr. »aber hier draußen war es völlig ruhig. Der Beweis: Die anderen Häuser stehen noch. Sonst hätten sie doch auch kaputtgehen müssen.«

Lindon schluckte. »Allmählich begreife ich nicht mehr, was hier vorgeht. Erst der plötzliche Wellengang im Meer, dann der Hauseinsturz.«

»Mir reicht es«, knurrte Higginbotham und klappte den Block zu, dass es knallte. Er straffte seine magere Gestalt. »Ich gehe in meinen Bungalow und telefoniere mit de Lorenzo. Der Mann ist uns einige Erklärungen schuldig. Ich werde außerdem dafür sorgen, dass dieses Dorf auf die schwarze Liste sämtlicher Touristenveranstalter gesetzt wird.« Sprach’s, machte kehrt und marschierte davon.

Vivien, die von Lindon auf den weichen Boden gelegt worden war, drehte sich auf den Rücken und schlug die Augen auf.

»Was... was ist geschehen? George, bitte, hilf mir doch!«

Malvenu schien aus einer Art Trance zu erwachen. Verdattert ging er zu ihr, beugte sich hinab und stellte seine Frau behutsam auf die Beine.

George erklärte ihr, was sich abgespielt hatte.

»Mon Dieu«, sagte sie leise. »unsere Sachen! Was sollen wir jetzt noch unternehmen – ohne Kleidung, ohne jegliches Gepäck, ohne Unterkunft?«

»Meine Jagdausrüstung ist auch verloren.«

George Malvenu starrte zu den Trümmern des Bungalows hinüber.

»Versuchen wir doch wenigstens, ein paar Sachen zu bergen«, schlug Lindon vor. Mit Wolfgang Löhr und dem Franzosen ging er zu den Trümmern hinüber.

 

 

 

Innerhalb einer halben Stunde hatten sie Malvenus Gewehre und fast die komplette Jagdausrüstung hervorgeholt und mehrere Koffer mit den wichtigsten Utensilien geborgen. Die meisten Sachen waren nahezu unversehrt.

»Bitte gebt mir alle eure Hausschlüssel«, sagte Lindon. »es muss doch möglich sein, einen der leerstehenden Bungalows aufzukriegen. Schließlich brauchen die Malvenus ein Dach über dem Kopf. Notfalls schlagen wir ein Fenster ein oder brechen eine Tür auf.«

Aber er hatte Glück. Löhrs Schlüssel passte zu einem der unbewohnten Häuser. Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Sie trugen die Gepäckstücke der Franzosen in das Gebäude. Jennifer und Diana sorgten dafür, dass bald ein Feuer im Kamin knisterte und eine behagliche, wohnliche Atmosphäre entstand. Die Nacht wurde doch kühler, als sie angenommen hatten. Vivien hatte sich ins Bad zurückgezogen.

Peter Higginbotham kehrte zurück und berichtete: »De Lorenzo ist nicht aufzutreiben, er scheint vom Erdboden verschluckt zu sein. Ich habe mehrere Nummern angewählt, umsonst. Er steckt weder in seiner Agentur, noch zu Hause oder in seiner Stammkneipe.«

»Warum rufen wir nicht einfach bei der Polizei an und melden den Vorfall? Die soll sich gefälligst darum kümmern, eine Untersuchung durchführen und ein ordentliches Protokoll aufnehmen.«

Wolfgang Löhr ging zum Telefon, hob den Hörer ab und wählte den Notruf, der auf der Wählscheibe verzeichnet stand.

Higginbotham winkte ab und meinte mit verdrießlicher Miene: »Zwecklos. Ich habe es versucht, die Carabinieri-Station von Marina di Palma zu erreichen. Aber da ist laufend besetzt.«

Löhr probierte es dennoch. Nachdem er die Nummer gewählt hatte, tönte ihm aus der Muschel des Hörers ein rasches, rhythmisches Tuten entgegen. »Tatsächlich«, sagte er. »Haben die denn nur eine Amtsleitung, die dauernd belegt ist? Das kann ich mir nicht vorstellen!«

»Es ist alles wie verhext«, bemerkte Jennifer düster.

 

Die Frauen hatten Angst gehabt, in den Häusern zu bleiben, weil sie erneute Erdstöße befürchteten. So wachten sie über eine Stunde lang unten am Strand, am Lagerfeuer, das von den Männern wieder angefacht worden war. Als sich bis gegen Mitternacht nichts von dem Unheimlichen, Unfassbaren wiederholt hatte, wagten sie es, sich schlafen zu legen.

Wie eine dicke schwarze Spinne kroch die Nacht aus den Räumen. Langsam wurde es hell. Die Sonne schob sich über den Horizont und stand bald als glühender roter Feuerball über dem Meer und hüllte das Land in einen Mantel von Licht und Wärme.

Higginbotham klopfte bei den Artisten an, die gerade am Frühstückstisch saßen. So bekam er eine Tasse heißen Kaffees serviert. Er bedankte sich außerordentlich höflich, nippte an dem schwarzen Wachmacher.

»Ich habe erneut zu telefonieren versucht, Wolfgang. Aber de Lorenzo ist nicht aufzustöbern. Seine Gattin behauptet, er sei schon früh fortgegangen.«

»Er wird doch nicht ausgekniffen sein?«, fragte Diana Löhr.

»Glaube ich nicht«, sagte ihr Mann. »Er versucht bloß, uns auszuweichen, denn er weiß bestimmt, was hier faul ist und dass wir allerhand zu bemängeln haben. Ich habe mir die Dinge einmal genau durch den Kopf gehen lassen und bin zu der Überzeugung gekommen, dass wir die ersten Gäste in diesem Bungalowdorf sind. Es steht zwar schon seit einem Jahr oder länger, aber aus irgendeinem Grund hat vor uns noch niemand seinen Urlaub hier verbracht – sonst hätte sich bestimmt herumgesprochen, welch merkwürdige Dinge sich ereignen.«

»Hm«, machte der magere Engländer. Dann zückte er seinen Schreibblock und notierte eifrig. »Mein Auftraggeber wird nicht gerade begeistert über meinen Bericht sein. Übrigens, ich möchte euch um einen großen Gefallen bitten. De Lorenzo kommt nicht, das steht für mich fest. Und ihr seid die einzigen, die über einen Wagen verfügen. Ich...«

Löhr lächelte und stand auf. »Natürlich bringe ich dich nach Marina di Palma. Wenn du willst, brechen wir gleich auf.«

»Großartig. Mein Gepäck steht fix und fertig bereit.«

Kurz darauf verabschiedete sich Higginbotham von den übrigen Feriengästen. Löhr, die Malvenus, Jennifer Lane und Lindon McGhee standen auf dem großen betonierten Platz zwischen den Würfelhäusern und blickten dem Lancia Beta mit gemischten Gefühlen nach, der schnell hinter der nächsten Hügelkuppe verschwand.

 

»Diesem de Lorenzo werde ich gehörig meine Meinung sagen«, drohte Wolfgang Löhr. »Man muss dem Burschen Feuer unter den Hintern machen! Dann wird er uns schon erklären, was es mit dem eigenartigen Wellengang und dem Erdbeben auf sich hat. Den Ausfall von Strom und Wasser werde ich auch nicht so einfach hinnehmen!«

»Darauf wies ich bereits mehrfach hin...«

»Vielleicht ist der Mann ein Gauner, ein Mafioso.« Löhr sah, dass der Engländer wieder den Notizblock zücken wollte. Er legte ihm die Hand auf den Arm und bat: »Schreib das nicht auf, es ist nur eine Vermutung.«

Plötzlich wurde der Wagen langsamer. Löhr legte den dritten Gang ein und trat das Gaspedal bis auf den Boden durch, aber es nützte nichts. Die Tachonadel näherte sich bedrohlich der O-Marke. Mit einem jämmerlichen Blubbern erstarb das Motorengeräusch. Der junge Artist versuchte, ihn wieder anzulassen. Aber auch nach dem fünften Mal hatte er keinen Erfolg.

»Warten wir einen Augenblick«, riet Higginbotham. »es stinkt entsetzlich nach Benzin.«

»Möchte bloß wissen, warum die Maschine plötzlich abgesoffen ist.«

»Sehen wir uns den Motor an!«

»In Ordnung.« Er zog den Hebel zum Öffnen der Motorhaube. Dann stiegen beide Männer aus.

Higginbotham blieb stehen und guckte verdutzt auf den Asphalt. »Du liebe Güte, ich klebe fest. Hier scheint alles total aufgeweicht zu sein.«

»Mir geht es nicht besser«, gab Löhr wütend zurück. »So heiß ist es doch nicht, dass die Straßendecke breiig werden kann...«

»Hilfe!«, schrie der Engländer plötzlich. Ihm wurde heiß in den Schuhen, unerträglich heiß. Er drohte sich die Füße zu verbrennen. Vor Angst schlüpfte er aus seinen Schuhen, vollführte einen mächtigen Satz und rettete sich an den Fahrbahnsaum.

Wolfgang Löhr verhielt sich ähnlich. Zwei staksige Schritte schaffte er noch in der schwarzen Masse, dann musste auch er sein Schuhwerk aufgeben. Er sprang. Drehte sich zu Higginbotham um und winkte ihm aufgeregt zu.

»Mein Gott, die ganze Straße kocht«, rief dieser. »bleib drüben!« Der Asphalt wurde immer flüssiger. Dunst stieg aus der tückischen schwarzen Masse auf. Bald begann sie Blasen zu schlagen und zu glucksen. Löhr glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Der Wagen bewegte sich!

»He, Peter das Auto sinkt!«

»Können wir denn gar nichts tun?«

»Wie denn? Ein Schritt über das heiße Zeug und wir versengen uns beide jämmerlich die Fußsohlen. Lieber gebe ich das Fahrzeug auf.«

»Aber...«

»Es hat keinen Zweck, Peter!«

Voll ohnmächtiger Wut mussten sie mit ansehen, wie der Lancia Beta allmählich in den brodelnden Asphalt hinabsackte. Große schwarze Schlammkrater taten sich rund um die Karosserie auf, schmatzten, schlugen mit häßlichem Geräusch wieder zu. Der dem Himmel entgegensteigende Dunst war dichter geworden. Wie durch einen Schleier starrten sie auf das Auto, das jetzt bis zu den unteren Fensterleisten im klebrigen, übelriechenden Brei steckte.

Fassungslos verfolgten sie den Vorgang. Der Wagen glitt rascher in die Tiefe. Wie ein gieriges Maul schwappte der Asphaltschlund über seiner Motorhaube und dem Heck zusammen, hatte rasch auch das Dach erreicht. Schlürfend breitete sich die schwarze Masse über ihm aus und ließ auch das letzte bisschen Blech verschwinden.

»Das darf es nicht geben«, schrie Higginbotham.

Löhr stand wie erstarrt und murmelte immer wieder: »Das ist das Zeichen des Bösen, das Zeichen des Bösen.«

Dann war er es, der als erster wieder einen klaren Gedanken fasste.

»Los, Peter, wir müssen ins Dorf zurück. Zu Fuß schaffen wir es nicht nach Marina di Palma.«

»Einverstanden. Wir rufen die Polizei an, und wenn wir bis nach Agrigent telefonieren müssen.«

Sie wandten sich ab und liefen in die Richtung, aus der sie soeben gekommen waren. Erstaunt verfolgte Löhr, wie sich der Dunst nach und nach verzog, wie der Asphalt wieder fest wurde. Probeweise lief er über die Bankette hinweg – man konnte die Straße wieder benutzen. Dicht nebeneinander hetzten sie auf dem dunklen Band der Fahrbahn entlang. Die Sonne stand schon hoch. Schweiß brach ihnen aus. Der korrekte Engländer hatte den Hut abgenommen, er war ihm lästig geworden.

»Das glaubt uns keiner«, sagte er. »wenn wir das der Polizei erzählen, erklären uns die Beamten glatt für verrückt.«

»Abwarten«, entgegnete der junge Artist verdrossen.

Ganz unvermittelt vernahmen sie das Donnergrollen. Es kam näher und war bald so laut, dass ihnen vor Furcht kalte Schauer über die Haut liefen.

»Wolfgang – sieh doch!« versetzte Higginbotham atemlos.

Löhr wandte den Kopf und schaute zu dem mageren Engländer hinüber, der mit bleichem Gesicht auf seinen Tropenanzug deutete. Grüne Flecken hatten sich darauf gebildet. Immer neue kamen hinzu, denn die Flüssigkeit fiel vom Himmel, der keine einzige Wolke aufwies. Zähflüssig tropfte es auf die beiden Männer nieder, färbte ihre Kleidung. Es roch nach Schwefel und Fäulnis. Löhr, der ohnehin einen leichten Hang zum Mystischen hatte, fühlte sich von dumpfen Ahnungen und Visionen befallen. Als sie keuchend und durchgeschwitzt das Feriendorf erreichten, war der Spuk plötzlich vorbei.

Der junge Artist und Higginbotham hasteten auf den Bungalow der Deutschen zu.

Diana kam ihnen entgegen. »Mein Gott, Wolfgang!«, rief sie. »Du bist ja kreidebleich! Was ist denn passiert?« Der Engländer war inzwischen in den Wohnraum geeilt und hatte den Telefonhörer von der Gabel genommen. Mit zittrigen Fingern wählte er die Nummer des Polizeireviers. Gespannt lauschte er in die Muschel, probierte es Sekunden später noch einmal – wieder ohne Erfolg.

Löhr berichtete, was geschehen war. Dann hörte er hinter sich sagen: »Die Leitung ist tot!«

Sekunden vergingen, ehe sie die Tragweite dieser Mitteilung begriffen. Jeglicher Kontakt zur Umwelt war ihnen genommen. Die Gäste des Feriendorfes waren sich selbst überlassen, konnten nicht mit Hilfe von außen rechnen!

 

Die Diskussion drohte zu versanden, da meldete sich Higginbotham zu Wort. Er versuchte, seiner Stimme einen möglichst festen Klang zu geben. »Ladys und Gentlemen. Ich bin bereit, zu Fuß nach Marina di Palma zu gehen. Meine Gemütsverfassung ist zwar nicht die beste, aber meine körperliche Kondition ist ausgezeichnet. Ich schaffe es bestimmt. Schließlich sind es nur 10 Kilometer.«

»Du willst allein los? Ist das nicht zu gefährlich?«

Vivien Malvenu schaute den Engländer fassungslos an.

»Ich begleite dich selbstverständlich, Peter«, erbot sich Löhr.

»Nein, nein, das will ich nicht. Ihr seid verheiratet und habt die Pflicht, eure Frauen zu beschützen.«

»Ich schlage vor, wir gehen alle gemeinsam«, meldete sich Lindon McGhee. »vielleicht sind wir in der Gruppe langsamer, aber immerhin entrinnen wir diesem verdammten Dorf und schweben nicht mehr in Gefahr.«

Higginbotham räusperte sich. »Das würde in nicht sagen, Lindon. An uns hast du das beste Beispiel. Fast wäre es uns übel ergangen, wenn wir nicht rechtzeitig aus dem Wagen ausgestiegen wären. Außerdem können wir nicht alles Gepäck mitschleppen.«

»Das wäre doch das geringste Übel!«

Malvenu schaute den bärtigen Studenten an. »Wie man’s nimmt. Meine Jagdgewehre waren nicht gerade billig, und ich glaube, auch die beiden Löhrs legen auf ihre Froschmannausrüstungen einigen Wert. Nein, es ist besser, wir bleiben hier und warten, bis Peter mit der Polizei zurückkehrt.«

Sie stimmten rasch ab. Die Mehrzahl war dafür, zu bleiben. Nur Lindon und Jennifer hatten Higginbotham begleiten wollen. Sie fügten sich jetzt aber dem demokratischen Entscheid. Der magere Engländer machte sich ohne viel Worte auf den Weg. Er folgte dem Verlauf der Straße. Auf der Hügelkuppe wandte er sich noch einmal um und winkte den anderen zu. Komisch, dachte er, ich komme mir vor wie ein Forscher, der den letzten Vorposten menschlicher Zivilisation verlässt und sich anschickt, den Dschungel zu durchqueren. Dabei sind es doch nur zehn Kilometer...

Je weiter er sich von dem Feriendorf entfernte, desto sicherer fühlte er sich. Er kam an dem Platz vorüber, an dem Löhrs Leihwagen in dem kochenden Asphalt versunken war. Nichts erinnerte mehr an das Drama. Higgonbotham schüttelte sich und strebte eilig voran. Es war noch nicht zehn Uhr, und doch brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Higginbotham hatte seinen Hut wieder aufgesetzt, denn die breite Krempe spendete ihm ein wenig Schatten. Schweiß lief ihm in Bächen über das hagere Gesicht, sickerte am Hals entlang und rann über seine magere Brust. Er dachte an die im Feriendorf zurückgebliebenen und kam zu der Überzeugung, richtig gehandelt zu haben. Ein einzelner Mann konnte ausschreiten, wie er wollte, konnte sein Tempo steigern, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Die Frauen hätten das sicherlich nicht durchgehalten. Es schien ihm nötig, möglichst rasch zu gehen. Die Dinge spitzen sich zu, dachte er unaufhörlich.

Er wusste nicht, weshalb ihm dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf ging, aber irgendwie hatte er das ungute Gefühl, dass sich ein Unheil über ihrem Kopf zusammenbraute. Die unheimlichen und unerklärlichen Vorkommnisse schienen erst der Anfang zu sein. Im Gehen zog er den Notizblock hervor. Auch die jüngsten Ereignisse fanden ihren Platz zwischen langen, bedeutend aussehenden Eintragungen, wurden in krakeligen Buchstaben festgehalten. Peter Higginbotham vergaß weder Datum noch Uhrzeit.

Kräftig schritt er aus. Vielleicht, so überlegte er noch, ist es besser, nicht die Straße zu benutzen, sondern querfeldein zu gehen – nach Südost. Er war sicher, dass er auch auf diese Art Marina di Palma erreichen würde. Higginbotham versuchte, sich zu orientieren. Dabei sah er etwas durch die Luft schweben, ziemlich flach über die Hügelkuppen hinweg. Der Gedanke an ein Flugzeug oder einen Hubschrauber schied aus. So dicht konnte keine Maschine über dem Boden fliegen. Der Punkt wurde größer, glich jetzt einem dunklen Fleck, der durch die flirrende Luft jagte. Er hielt genau auf Higginbotham zu.

Der Engländer blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Zuerst hatte er an eine Hitzespiegelung oder eine optische Täuschung gedacht, aber dann hatte er den Gedanken rasch wieder verworfen. Der undefinierbare Gegenstand näherte sich ihm mit beängstigender Geschwindigkeit. Er schaute sich um, suchte nach einer Deckungsmöglichkeit. Nach allem, was geschehen war, hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass das Flugobjekt auf ihn herabsausen würde. Er wandte sich um und lief. Das fliegende Objekt war heran. Higginbotham rannte von der Straße fort. Er schrie und fuchtelte vor Aufregung mit den Armen. Einmal wandte er kurz den Kopf – da sah er das Ding dicht hinter sich!

Geistesgegenwärtig ließ er sich fallen. Es schien ihm die einzige Chance, sich noch zu retten. Wie von Sinnen wälzte er sich auf dem Boden und versuchte auf diese Weise, sich dem Wirkungsbereich des schwebenden Gegenstandes zu entziehen. Dicht neben ihm donnerte es zu Boden. Es knackte und splitterte. Die Erschütterung war groß, für Sekunden vibrierte der dürre, karstige Untergrund. Higginbotham stand auf und trat verwirrt näher. Es handelte sich um ein Boot aus Holz, gut acht Meter lang und ausgezeichnet in Schuss. Ein Boot, das fliegen konnte? Woher kam es? Er starrte fasziniert auf den hölzernen Rumpf, als könne er dadurch das Geheimnis seiner Herkunft lüften. Es lag kieloben und sah aus, wie alle anderen Boote auch.

Er berührte es leicht mit einer Hand. Da knackte und prasselte es im Holz. Die Bretter fielen auseinander, zerbröckelten in winzige Stückchen, die sich in kleinen Haufen auf dem Boden verteilten. Der Mann aus England wich entsetzt zurück.

 

George Malvenu hatte seine beiden Jagdgewehre aus dem Bungalow geholt. »So, und jetzt hört mir mal alle zu«, sagte er. »ich bin der Meinung, hinter all diesen seltsamen, unheimlichen Ereignissen stecken irgendwelche Ganoven, die uns das Leben hier zur Hölle machen wollen, wer weiß, aus welchem Anlass...«

»Sabotage«, vermutete Lindon McGhee. »es ist nicht ausgeschlossen, dass die Mafia die Hand im Spiel hat.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, wir sind ja schließlich auf Sizilien«, entgegnete Wolfgang Löhr. »Aber letzten Endes kann ich mir keinen Reim darauf machen. Und dann: Wie sollten Menschen wohl das Meer zum Wogen, die Erde zum Beben und den Straßenasphalt zum Kochen bringen?«

Der Franzose kräuselte die Lippen. »Gerade du musst das sagen. Ihr seid doch Artisten und wisst, dass es heutzutage, im Zeitalter der Elektronik, tausend Tricks gibt, um die verblüffendsten Dinge zu vollbringen.«

»Irrtum«, erwiderte Diana. »wir arbeiten nicht mit Tricks.«

»Ich finde, du bist auf dem Holzweg, George«, meinte Vivien, die sich frisch geschminkt hatte und bereits wieder einen unternehmungslustigen Eindruck machte. »Wolfgangs Version scheint mir glaubhafter zu sein. Möglicherweise sind wir auf verbotenem Land und stoßen mit den Mächten der Finsternis zusammen...«

»So ein Quatsch«, meinte George. »das ist doch einfach an den Haaren herbeigezogen.«

»Geisterglaube, Schwarze Magie. Die Parapsychologie ist eine ernsthafte Wissenschaft geworden«, dozierte Lindon. »Aber bitte, machen wir uns doch nicht gegenseitig mit ausgefallenen Deutungen verrückt. Ich bin überzeugt, es wird sich für alles eine logische Erklärung finden lassen.«

Malvenu nickte. »Na schön. Trotzdem möchte ich jetzt den Gebrauch und die Funktion dieses Gewehres vorführen. Es ist eine automatische Jagdbüchse der Marke Benelli; eine Patrone kommt in den Lauf und vier ins Röhrenmagazin. Das Ausstoßen der leeren Hülsen und das Nachladen erfolgt durch kinetische Kraft. Die Bedienung ist höchst einfach, aber bitte Vorsicht, der Abzug reagiert schon, wenn man ihn nur antickt. Reichweite der einzelnen Schrotladungen: fünfunddreißig bis vierzig Meter. Also, wer möchte die Waffe übernehmen? Wir müssen uns selbst schützen können, falls es hart auf hart kommt.«

»Ich«, meldete sich Wolfgang Löhr. »Lindon«, sagte das blonde Mädchen leise. »Lindon, lass uns weggehen, einen Spaziergang machen. Ich kann das nicht mehr hören! Meine Nerven sind derart strapaziert, ich brauche ein bisschen Ruhe und Entspannung.«

Er nahm sie bei der Hand und führte sie mit sich fort.

»He«, rief Malvenu ihnen nach. »wohin so plötzlich?«

»An den Strand«, gab Lindon zurück.

»Davon rate ich ab.«

»Ach, Unsinn, es passiert schon nichts. Nicht am hellichten Tag! Ich habe auch nicht die Absicht, mich in ein Mauseloch zu verkriechen und zitternd zu warten, bis Hilfe eintrifft.«

 

Am Strand lehnte sich Jennifer gegen ihn und streichelte seine Schulter. »Wie sicher du bist, Liebling. Und wie stark. Ich habe Vertrauen zu dir. Du hast Vivien aus dem einstürzenden Bungalow geholt und dich in allen Situationen überlegen und männlich verhalten.«

»Du übertreibst. Ich bin nur der Ansicht, dass Angst und Panik gefährlicher sind, als zu handeln.«

Eng umschlungen wanderten sie über den Strand. Einmal blieben sie stehen, weil Jennifer ein Geräusch gehört zu haben meinte.

»Es war«, sagte sie. »als sei etwas Schweres auf den Boden gefallen.«

»Aber die Erde bebt nicht und die See ist ruhig.« Er grinste und zog sie mit sich fort. »Es besteht also kein Grund zur Beunruhigung. In dieser Gegend soll es etwa zwanzig Kilometer weiter landeinwärts Bergwerke und Marmorbrüche geben, in denen sicherlich auch gesprengt wird. Und schließlich befinden sich hier Truppenübungsplätze der US-Army, auf denen ab und zu schon mal gebombt wird, wie ich mir habe sagen lassen.«

Sie gelangten an eine Stelle, an welcher der Strand etwas schmaler war. Sie liefen die Böschung hinauf, gingen durch das kniehohe Büschelgras und blieben endlich schwer atmend stehen.

Lachend fielen sie sich in die Arme, küssten sich. Vergessen waren das Feriendorf und seine Gäste, vergessen für kurze Zeit auch alle Widerwärtigkeiten und die Angst.

»Es ist schön hier – trotz allem. Vielleicht können wir doch noch bleiben oder in einen anderen Ort ziehen, der einen ähnlich schönen Strand hat.«

Lindon umarmte sie heftig. Sie verlor das Gleichgewicht und glitt mit ihm zu Boden. Jennifer rollte an den Rand der Böschung.

Da vernahm er ihren Schrei. Es war ein grässlicher, von Grauen erfüllter Laut, der ihn förmlich hochriss und zu ihr laufen ließ.

»Liebling, was ist?«

»Schauderhaft! Sieh nicht hinunter, Lindon«, gab sie zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Das Mädchen schluchzte haltlos.

Lindon McGhee sah die beiden Gestalten und erstarrte. Sie lagen zwei bis drei Meter von der Brandung entfernt auf dem weißen Strand. Blut hatte den Sand gefärbt, das unter ihren verstümmelten Leibern hervortrat. Er lief hin.

Es war ein grausiger Anblick. Lindon, der sich vorwiegend mit Biochemie beschäftigte, hatte auch zwei Semester Anatomie belegt. Aber selbst bei Sezierungen hatte er nie so Abscheuliches gesehen wie hier. Die beiden Männer schienen erst kurz Vorher auf den Strand geschleudert worden zu sein, denn Lindon und Jennifer hatten sie nicht bemerkt. Lindon erinnerte sich plötzlich an das zunehmende Rauschen der Brandung, das ihm trotz seiner zärtlichen Verliebtheit aufgefallen war. Sollte da ein Zusammenhang bestehen? Noch einmal sah er auf die leblosen Körper hinunter. Ein Würgen stieg in seiner Kehle hoch.

Er wandte sich ab und rannte zu dem fassungslosen Mädchen zurück. Jennifer kauerte noch immer auf dem Boden. Sie zitterte.

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte ernst: »Komm, lass uns fortgehen. Das ist kein Anblick für dich!«

»O Gott, Lindon, die armen Teufel!«

»Sie müssen bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sein. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.«

Sie blickte ihn aus angstgeweiteten Augen an. »Aber ich. Hast du es nicht gesehen?«

»Was?«

»Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Als du nach unten gelaufen bist, habe ich eine Bewegung in der See ausgemacht. Etwas Großes, nein, Riesiges, kam aus dem Meer hoch.«

»Ein Tier?«

»Ja, vielleicht...«

»Könnte es sich um einen Wal gehandelt haben?«

Sie stand auf und klammerte sich an ihn, vermied es aber, auf den Strand zu sehen. »Ich habe keine Ahnung. Es tauchte nur kurz auf und ich war viel zu verstört, um es genau beobachten zu können. Möglich auch, dass mir der Schreck etwas vorgegaukelt hat. Bring mich fort von hier, Lindon – bitte.«

Sie gingen zunächst ein Stückchen landeinwärts und steuerten dann auf das Bungalowdorf zu. Als sie eintrafen, stießen sie sofort auf die Gruppe. Peter Higginbotham war wieder da. Er machte einen nervösen, gehetzten Eindruck.

»Wir haben zwei tote Männer gefunden, weiter oberhalb, am Strand«, berichtet Lindon atemlos. »Sie sehen fürchterlich aus. Ich würde euch den Anblick gern ersparen, aber wir müssen hin und sie wenigstens bis auf die Böschung bringen, damit die Brandung sie nicht wegreißt.«

»Ist die Polizei inzwischen eingetroffen?«, fragte Jennifer, die immer noch total aufgelöst war. »Und wieso bist du so schnell wieder zurück, Peter?«

»Meine Mission ist geplatzt.«

»Wie bitte?«, sagte Lindon.

»Ich hatte ein merkwürdiges Erlebnis. Ein Boot kam durch die Luft geflogen und ich kann von Glück reden, dass ich noch lebe, denn fast zerquetschte es mich. Als ich es anfasste, zerbröckelte das Holz.«

»Vielleicht gehörte es den Toten«, meinte McGhee leise.

Wolfgang Löhr trat vor. Er hielt den Lauf des Benelli-Gewehrs gegen den Boden gerichtet. »Es könnte immerhin so sein: Fischer haben einen Unfall auf See und werden tot an Land gespült. Aber welche Kraft hebt ein Boot aus dem Wasser und schleudert es landeinwärts? Kilometerweit! Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen!«

»Hör auf«, sagte Higginbotham. »verängstige die Frauen nicht noch mehr. Siehst du nicht, wie Jennifer zittert?«

George Malvenu nahm sein Gewehr, eine teure Waffe mit raffiniert gearbeitetem Schloss und Gravuren auf dem Schaft. »Wir marschieren jetzt an den Strand und sehen, was zu tun ist, wir vier, Lindon, Wolfgang, Peter und ich. Worauf warten wir?«

Vivien hielt ihn fest. »Nein, nein! Wir bleiben nicht allein zurück. Keine Macht hält mich hier! Ich habe Angst, George...«

»Die haben wir alle.«

»Vivien hat recht«, sagte Diana Löhr sehr bestimmt. »es ist ein Unding, uns schutzlos zurückzulassen. Am besten gehen wir alle zusammen.«

»Nein... nicht wieder dorthin«, schrie Jennifer Lane auf.

Lindon strich ihr die blonden Haare aus der Stirn. »Liebling, reiß dich bitte zusammen. Wir müssen es tun!«

»Ich will fort...«

»Sobald wir die Leichen geborgen haben, brechen wir nach Marina di Palma auf. Alle. Nicht wahr, George?«

»Einverstanden. Alles andere bringt sowieso nichts ein. Wir werden das Dorf gemeinsam verlassen.« Er schaute in die Runde, ganz disziplinierter Lieutenant, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen. »Folgt mir, es ist unsere Pflicht, die Männer zu beerdigen.«

Sie steuerten in die Richtung, die Lindon McGhee ihnen bedeutete. Der Amerikaner ging mit Malvenu an der Spitze der Gruppe. Kein Wort wurde mehr gewechselt.

Die Luft war heiß und stickig. Lähmendes Schweigen hatte sich ausgebreitet, lastete drückend über ihnen. Endlich erreichten sie den Platz. McGhee sorgte sofort dafür, dass die Frauen hinter der Böschung blieben. Higginbotham wurde als Wachtposten bei ihnen zurückgelassen. Die anderen drei Männer hasteten die Böschung hinab, Löhr und Malvenu mit den Jagdgewehren voran. Die Männer lagen noch so da, wie McGhee und seine Freundin sie zuvor entdeckt hatten. Löhr blieb unwillkürlich etwas zurück, senkte den Blick und fasste sich entsetzt an den Hals, als schnüre ihm jemand die Luft ab.

»Du hast nicht übertrieben, Lindon«, versetzte Malvenu heiser. »Auch ich habe noch nie etwas so Schreckliches gesehen, obwohl ich in Algerien war und die letzten Kriegsjahre mitgemacht habe. Aber das hier ist fürchterlicher, weil... weil man sieht, dass die beiden armen Kerle eines unnatürlichen Todes gestorben sein müssen.«

»Und zwar?«

Der Franzose schaute Lindon McGhee an. Dann zuckte er die Schultern. »Ich weiß es nicht. Nehmen wir an, ihr Boot schlug um oder lief auf ein Riff, eine Sandbank – weder durch einen Unfall noch durch die Kraft der Meeresfluten können Menschen so zugerichtet werden. Vielleicht waren es Haie...«

»Die hätten ganze Arbeit geleistet«, wandte Löhr ein.

»Und das Boot? Wieso flog es durch die Luft und ging weit landeinwärts nieder?« Lindons Stimme klang aufgebracht. Er vermutete eine Macht hinter diesen schrecklichen Ereignissen, die durch die reine Logik nicht zu ergründen war. Furcht befiel den Amerikaner.

»So kommen wir nicht weiter«, stellte Malvenu fest. »Los, heben wir die Toten auf und tragen sie hoch. Wenn wir wenigstens ein paar Tücher hätten...«

»Moment, Diana hat daran gedacht, glaube ich«, sagte Löhr. Er drehte sich um und lief die Böschung hinauf. Fast schien er froh zu sein, den schaurigen Ort wenigstens für einen Moment verlassen zu dürfen.

Er kehrte mit zwei Bettlaken zurück, die seine Frau in aller Eile aus dem Bungalow geholt hatte, bevor sie losgegangen waren. Vorsichtig breitete er sie auf dem Strand aus.

»Nehmt euch zusammen, Männer«, sagte Malvenu. »je schneller wir es hinter uns bringen, desto besser.« Wolfgang Löhr zögerte, er ekelte sich.

»Komm, lass es mich machen«, erbot sich McGhee. »Ich habe ein bisschen mehr Erfahrung in solchen Dingen.« Mit zusammengebissenen Zähnen wickelten die Männer die beiden Unglücklichen in die Tücher.

Vivien stöhnte laut auf, als sie die Bündel sah.

»Dreh dich um und geh voraus!«, sagte ihr Mann hart. »Geh endlich, verdammt noch mal!«

Die Frau stand wie angewurzelt.

»George.« Vivien Malvenu sagte es mit eigenartig tiefer, kippender Stimme. Sie hatte die Augen plötzlich weit aufgerissen und schaute an George und Lindon vorüber aufs Meer.

»Sieh doch, die See bewegt sich! Da ist etwas. Ein... Lebewesen!«

»Das bildest du dir ein...«

»Nein«, sagte McGhee, der sich ebenfalls umgewandt hatte. »es stimmt, eine Gestalt ist im Wasser. Los, alle in Deckung. Versteckt euch hinter den Sandbuckeln und dem Gras. Erst müssen wir genau wissen, was da auf uns zukommt.«

Sie kauerten sich hin. Die Männer ließen ihre Lasten sinken, eine rutschte ein Stück nach. Der Knoten löste sich, das Tuch öffnete sich ein wenig und gab den Blick auf einen Teil der Leiche frei.

Higginbotham ächzte entsetzt. Jennifer Lane hockte neben Lindon, lehnte sich gegen ihn und barg das Gesicht in den Händen. Sie war die einzige, die in den nächsten Sekunden nicht wie gebannt auf das Meer starrte.

»Hölle und Teufel«, sagte Löhr leise. »das ist ja...«

»Still.«

Lindon McGhee spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten, aber er versuchte, seine Angst zu verbergen. Jennifer durfte nicht noch mehr aufgeregt werden.

Malvenu war totenbleich. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

»Was ist, George?« Lindon warf ihm einen Seitenblick zu.

»Da – sieh doch!«

Die See, zuvor noch ruhig und weiter draußen spiegelglatt, war in Aufruhr geraten. Genauso wie in der Nacht, als Diana Löhr abgetrieben wurde. Wellen schlugen hoch, bildeten Gischtkronen, fielen wieder zusammen und machten neuen, größeren Platz. Die Brandung rauschte immer heftiger. Jetzt schäumte das Wasser schon über den Platz hinweg, an dem sie die beiden Männer gefunden hatten. Aus den aufgewühlten Fluten schob sich allmählich ein riesiger Leib. Grüngrau war er, das ließ sich schon jetzt erkennen. Die Schuppen des gepanzerten Körpers waren von der Uferböschung aus mit bloßem Auge zu sehen. Je weiter das unförmige Wesen aus dem Wasser glitt, desto gewaltiger wirkte es. Jetzt hatten die sieben Beobachter die Gewissheit, dass es sich um etwas Reales und nicht um ein Trugbild, eine Luftspiegelung oder ein von der Angst erzeugtes Phantasiegebilde handelte.

»Mein Gott«, flüsterte Higginbotham immer wieder. »Wir sind verloren!«

Das Wasser toste und bildete Strudel. Als das Riesenwesen den Schädel heraushob, konnte Löhr kaum noch an sich halten. »Das stehe ich nicht durch!«, flüsterte er.

»Gleich schreie ich«, sagte Vivien mit zittriger Stimme, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.

»Still!« schnauzte Lindon wütend.

Was da behäbig aus dem Meer stieg, grunzte und sich lauernd nach allen Seiten umblickte, schien einer längst vergangenen Epoche anzugehören. Eine graugrüne Riesenechse mit dickem, häßlichem Schädel und großem Maul, in dem viele Reißzähne blitzten. Ihre Augen glühten. Krallenbewehrte Pranken schoben sich jetzt aus dem Wasser und der mächtige, mindestens sechs bis sieben Meter lange Schwanz wurde sichtbar. Das Tier schnaufte und keuchte unter seiner Körpermasse, glotzte böse und stampfte auf den Meeresboden, ehe es sich in voller Größe aus den Wellen hob und dem Strand entgegentrottete.

»Das kann nicht wahr sein«, meinte Malvenu mit versagender Stimme. »es ist achtzehn, nein – zwanzig Meter hoch.«

»Vielleicht noch mehr«, flüsterte Lohr.

Lindon duckte sich flach auf den Boden. »Dass ja keiner wagt, den Kopf zu heben! Noch hat es uns nicht entdeckt. Ich denke, es handelt sich um eine Art Tyrannosaurus, und wenn ich nicht gänzlich irre, waren das relativ kurzsichtige Reptilien.«

»Tyrannosaurus?«, wiederholte Diana Löhr ungläubig.

»Zumindest etwas Ähnliches.«

»Es ist die Ausgeburt der Hölle.«

Wolfgang Löhr stöhnte und hielt die bebenden Hände ineinandergefaltet. »Ich habe gewusst, dass hinter all den Vorkommnissen etwas Derartiges stecken muss.«

Malvenu stieß einen warnenden Laut aus. »Das Tier kommt näher. Es ist an der Stelle, an der wir die Leichen geborgen haben.«

Das Ungeheuer hielt den Kopf auf den Sandstrand gesenkt, schnupperte, schien etwas zu suchen. Seine gewaltige Nase erschnüffelte das Menschenblut. Der riesige Schwanz peitschte auf den Untergrund, dass die Erde erzitterte. Ein fürchterliches Grollen kam aus dem Maul der Bestie. Die von Furcht geschüttelten Menschen, die sich hinter den Dünen versteckt hielten, starrten entsetzt auf den gigantischen Koloß, dessen Kopf jetzt wieder hochkam. Eine abstoßend borkige Zunge pendelte aufgeregt zwischen den Reißzähnen.

»Es sucht die Toten – will sie fressen.« Lindon McGhee erschauerte. Denn er stellte sich vor, was geschehen würde, wenn die Bestie sie fand.

»Ich schieße«, meinte Malvenu und hob das Cosmi-Gewehr.

»Himmel, nein«, sagte Lindon und schob den Lauf energisch mit einer Hand nach unten. »Die Schrotladung würde das Biest höchstens auf seiner Panzerhaut kitzeln.«

»Ich habe Sauposten geladen...«

»Und wenn schon.«

»Man müsste auf eines der Augen zielen.«

»Selbst wenn der Treffer tödlich wäre, das Ungeheuer würde noch die Zeit finden, uns zu vernichten, George, denke daran.«

Lindon packte seine Freundin fester. »Es gibt nur eine Möglichkeit: warten und hoffen, dass es verschwindet. Dann fliehen!«

Das Ungeheuer stampfte hierhin und dorthin, folgte einer Spur. Einmal kam es der Böschung gefährlich nahe; sein Grunzen klang wie das Dröhnen eines Schiffstyphons. Vivien Malvenu krallte die Finger in den sandigen Boden. Ich verliere den Verstand, dachte sie, einer Ohnmacht nahe. Die Riesenechse schien die Fährte verloren zu haben. Schaurig brummend wandte sie sich wieder ab. Ihr heißer, übelriechender Atem, der über die reglos ausharrende Menschengruppe strich, verflüchtigte sich wieder.

Es wandte ihnen den gewaltigen Rücken zu und stampfte ins flache Uferwasser. Der Schwanz peitschte die glitzernden Wellen und ließ ganze Wasserfontänen hochsprühen.

»Es verschwindet«, sagte Löhr.

»Freue dich nicht zu früh«, dämpfte Lindon seine Begeisterung.

Aber der Artist sollte recht behalten. Das riesige Monster glitt in die Fluten zurück, bewegte sich träge und ließ das Wasser hochschäumen. Als es den Kopf hineintauchte und mit peitschenden Schwanzbewegungen dorthin schwamm, woher es gekommen war, vibrierte der Untergrund.

Malvenu sah immer noch käsig aus. »Sagt mir, dass es nicht wahr ist! Das kann nur ein verrückter Traum gewesen sein.«

»Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht blicken«, entgegnete Lindon McGhee, der von allen am beherrschtesten wirkte. »es hat keinen Zweck, die Tatsachen zu leugnen. Das Monster ist da. Und es wird zurückkommen, denn es will die beiden toten Fischer.«

»Legen wir sie zurück auf den Strand!« Vivien schrie es, aber niemand nahm ihren Vorschlag ernst.

»Man muss die Bestie töten«, sagte Peter Higginbotham. »Dieses Ungeheuer stellt eine Gefahr für die Allgemeinheit dar!«

Lindon McGhee half Jennifer auf die Beine. »Kehren wir ins Dorf zurück, bevor das Monster wieder auftaucht«, sagte er.

Die Toten mit sich schleppend, hasteten sie voran, die Furcht und das Grauen wie eine unsichtbare Faust im Nacken. Als sie den großen Platz zwischen den Häusern erreicht hatten, blieben sie stehen und blickten sich wortlos an. Die meisten von ihnen brauchten Zeit, den Schock zu überwinden, den ihnen der Anblick des urweltlichen Ungeheuers verursacht hatte.

»Wir sollten sie beerdigen«, sagte Higginbotham, auf die Bündel am Boden deutend.

Malvenu schüttelte den Kopf. »Kein guter Gedanke. Am besten wäre, sie in einen der Bungalows zu tragen und im kühlsten Zimmer zu plazieren. Zum Glück haben die meisten Räume ja Klimaanlagen. Die Polizei wird die Leichen untersuchen wollen.«

»Glauben Sie immer noch, dass sich auch nur ein Beamter hier sehen lässt?« spottete Diana Löhr.

Der bärtige Student schaute auf. »Der Streit führt zu nichts. Ich möchte euch einen Vorschlag machen. Verfahren wir mit den Toten, wie George meint. Dann gehen Jennifer, Peter und die beiden Malvenus nach Marina di Palma. Ihr schafft es. Im Augenblick wird es keine weiteren Überraschungen geben, denn das Monster ist vorerst in seinen Schlupfwinkel zurückgekehrt, falls es so etwas überhaupt gibt. Ich spüre irgendwie, dass wir Erfolg haben, wenn wir sofort handeln.«

»Einverstanden«, entgegnete der Engländer. »Aber was ist mit euch. Wolfgang und Diana? Ihr wollt doch wohl nicht im Dorf bleiben?«

Lindon sah das Artistenehepaar an. »Unsere vier Freunde werden die Polizei alarmieren und eine schnelle, radikale Aktion anstreben. Vielleicht wird man sogar die Armee hinzuziehen, um das Monster zu vernichten. Dazu ist es notwendig, den Aufenthaltsort der Bestie zu kennen. Habt ihr den nötigen Mut, es mit mir zusammen zu versuchen?«

»Du meinst, wir wollen dem Reptil nachtauchen?«, fragte Löhr.

»Ja.«

»Wir haben drei einwandfreie Ausrüstungen«, stellte Diana Löhr sachlich fest. »In dieser Beziehung gibt es keine Probleme.«

»Aber das ist doch heller Wahnsinn«, mischte sich Jennifer Lane ein. »Lindon, das Monster wird euch entdecken und töten. Wie lästige Fliegen wird es euch zerquetschen...«

»Wenn wir raffiniert vorgehen, erwischt es uns nicht. Seine Bewegungen sind langsam, und das Wasser bremst sie sogar noch ab.«

»Aber...«

»Lindon hat recht«, stimmte Wolfgang Löhr nach einer Pause intensiven Nachdenkens zu. »Ich gebe zu, ich habe Angst. Aber um der Sache willen müssen wir es riskieren. Erstens einmal ist es gut, den Aufenthaltsort, das Nest der Bestie zu kennen, um einen gezielten Angriff von Wasser und Luft aus starten zu können. Zweitens habe ich mir eben überlegt, dass unser Einsatz eine ablenkende Funktion haben könnte. Solange das Monster uns in seiner Nähe spürt, wird es eure Flucht kaum bemerken. Diese Tatsache erhöht eure Chance, unbehelligt durchzukommen.«

»Lindon, du darfst es nicht tun«, klagte Jennifer.

»Dann trete ich an deine Stelle«, sagte Malvenu.

McGhee schüttelte den Kopf. »Nein, es bleibt dabei. Ich habe auch ein fachliches Interesse an dem Monster. Vielleicht kann ich nach einer Beobachtung wertvolle Hinweise liefern, wie man es am besten vernichtet.«

Sie diskutierten noch eine Weile, aber Lindon und schließlich auch Löhr bestanden so energisch auf dem Unternehmen, dass die anderen nachgaben. Sie brachten die Leichen in einem unbewohnten Bungalow unter. Anschließend trennten sie sich. Zwischen dem amerikanischen Studenten und der Blondine gab es eine bewegende Abschiedsszene.

»Lindon, ich möchte dich nicht verlieren«, sagte sie und fiel ihm schluchzend um den Hals.

»Ich bin vorsichtig. Ich verspreche es.«

»Wenn du stirbst, töte ich mich auch.«

»Sag so etwas nicht. Du wirst sehen es wendet sich alles zum Guten Denke daran dass ihr in Marina di Palma alles Menschenmögliche tun müsst, um den Behörden glaubhaft von der Existenz des Ungeheuers zu berichten und endlich Hilfe zu holen.«

Ein letzter Kuß, dann wandte sie sich ab und ging mit den anderen davon.

»Wir sollten die Straße meiden«, meinte Peter Higginbotham. »wir haben schon zweimal Ärger gehabt, wenn wir sie benutzten. Ich schlage daher vor, querfeldein zu gehen.«

Er zog etwas aus der Jackentasche seines Tropenanzuges hervor. »Ich habe einen Kompass. Der ist absolut unbestechlich und zeigt uns die Richtung an, die wir einschlagen müssen.«

 

Wolfgang und Diana Löhr hatten alle Ausrüstungsgegenstände auf dem freien Platz zwischen den Häusern ausgebreitet. Die schwarzen Froschmannanzüge mit den gelben Streifen glänzten matt in der Sonne. Lindon betrachtete die modernen Mischluftgeräte und vor allem die Fiberglashelme, die statt der sonst üblichen Schnorchelmasken zu jedem Dreß getragen wurden.

»Alle Achtung«, sagte er fachmännisch. »das ist wirklich eine Superausrüstung. Mit den Aqualungen kann man mehr riskieren als mit den meisten herkömmlichen Anlagen.«

»Du hast also Erfahrung als Taucher?«, erkundigte sich Löhr.

»Ein bisschen. Mein Vater leitete ein Seewasser-Aquarium und eine Forschungsstation auf Nantucket Island – das liegt vor der Küste von Massachusetts. Ich habe eine richtige Schule mitgemacht, nur an der nötigen Routine mangelt es ein...«

Diana lächelte. »Das spielt keine Rolle. Hauptsache, wir müssen dir nicht noch die Grundbegriffe beibringen. Also dann, worauf warten wir noch?«

Lindon musterte sie. »Ich bewundere deinen Mut.«

»Vergiss nicht, dass wir als Schlangenmenschen und Seiltänzer auf treten. Wir bauen auf unsere Gewandtheit, die uns schon aus den gefährlichsten Situationen geholfen hat.« »Sobald wir unter Wasser sind, denke nur an deine eigene Sicherheit«, sagte Wolfgang. »Um uns brauchst du dich nicht zu kümmern, Lindon. Falls es gefährlich wird, schlagen wir uns schon irgendwie durch, verstehst du?«

»Gut. Hoffen wir, dass uns das Monster nicht entdeckt und angreift, denn ich bezweifle, dass wir es töten könnten.« Er blickte auf das Meer hinaus. »Ich schätze jedoch, es ist so kurzsichtig, dass es uns nicht ausmachen kann.«

»Bedenke, das Ungeheuer steht mit den Mächten der Finsternis im Bunde«, wandte der junge Deutsche ein. »Man sollte es nicht unterschätzen!«»

Du glaubst, es kann hellsehen, Gedanken lesen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wir werden es herauskriegen. Vielleicht hat es im Wasser auch andere Verhaltensweisen als an Land. Diana, wenn du es dir noch überlegen willst...«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich gehöre an Wolfgangs Seite. Wir gehen gemeinsam oder keiner von uns macht mit!«

Etwas später tapsten sie über den Strand; drei mit vielerlei Gerätschaften behangene Gestalten, denen die Schwimmflossen einen grotesken Gang auf nötigten. Sie gingen zu der Stelle, an der sie die beiden Fischer gefunden hatten. Der Platz war von der Flut reingespült worden. Nebeneinander liefen sie durch die Brandung, bis ihnen das Wasser an die Brust reichte. Sie klappten die Visiere an den Taucherhelmen herunter, schraubten sie zu. Von jetzt an verständigten sie sich nur noch durch Handzeichen. Die Löhrs hatten Lindon erklärt, welche Gesten sie gebrauchen würden und was sie bedeuteten.

Schnell tauchten sie in das klare Wasser ein, das sich türkisblau bis zum Horizont hinzog, und drangen in jene Regionen ein, in denen die tödliche Gefahr lauerte. Ihre Bewegungen waren ruhig und kräftig. Allmählich schien der Grund unter ihnen fortzusinken, doch sie orientierten sich noch an der Wasseroberfläche, hielten sich stets zwei bis zweieinhalb Meter darunter. Etwa eine halbe Stunde verging, ohne dass sie etwas sahen, was für sie von Bedeutung gewesen wäre. Bunte Fischschwärme zogen vorüber. Einmal tauchte eine Gruppe großer, gemütlich wirkender Umberfische auf, sah sie, huschte ängstlich davon. Quallen und Tintenfische trieben vorüber.

Lindon machte eine fragende Bewegung zu Wolf gang Löhr hin. Aber der beruhigte ihn mit einer Geste. Die Mischluft in den Behältern auf ihren Rücken reichte noch für Stunden. Sie brauchten sich hierüber keine Sorgen zu machen. Sie schwammen weiter und weiter, und Lindon McGhee befürchtete bereits, sie hätten die falsche Richtung eingeschlagen.

Diana Löhr sah das Ungetüm zuerst und winkte den Männern aufgeregt zu. Ihr Mann und der bärtige Student wandten die Blicke in die Richtung, in die sie wies. Da entdeckten auch sie den riesigen dunklen Fleck; rechter Hand, weit unter ihnen – ein milchig verschwommenes Etwas.

Es bewegte sich.

McGhee spürte ein feines Kribbeln in der Nackengegend. Sein Atem ging schneller. Da war es wieder, dieses nicht zu bezwingende Gefühl der Furcht. Was dort träge unter ihnen dahinpaddelte, konnte nur das Untier sein. Allein die Farbe bürgte dafür. Ein Wal, einziger Meeresbewohner dieser Größe, war grau. Auch an den Gliedmaßen konnte man das Ungeheuer erkennen. Zwar wirkten sie noch schemenhaft wie die ganze Gestalt, doch die Umrisse zeichneten sich bereits ab. Längst hatten sie die Harpunen schussbereit in den Fäusten. Lindon gab das Zeichen, sich noch zurückzuhalten. Es hatte keinen Sinn, jetzt tiefer zu tauchen und sich dem Reptil zu nähern. So blieben sie auf Distanz und beobachteten angstvoll und gespannt zugleich, was es tat.

Ein zweiter Riesenfleck tauchte auf. Allerdings einer, der eine andere Färbung besaß und still in der Tiefe des Meeres ruhte. Wolfgang Löhr gestikulierte und gab zu verstehen, dass es sich nur um ein Riff handeln konnte. Ein Korallenriff, wie Lindon der Farben wegen vermutete. Der Leib des riesigen Tieres verschmolz mit dem Riff. Plötzlich war es verschwunden. Der graugrüne Körper schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Sie warteten – fünf quälende Minuten lang – dann hob Lindon McGhee die Hand und stieß sie nach unten. Die Löhrs verstanden sofort. Gemeinsam tauchten sie. Der Tiefenmesser zeigte zehn Meter, bald fünfzehn, dann zwanzig. Bei dreißig bemerkte Lindon, dass seine Bewegungen schleppender wurden. Der Anzug verfügte zwar über Druckausgleich, doch machte sich der wachsende Wasserdruck bemerkbar.

Fünfunddreißig Meter.

Abenteuerlich bizarre Formationen wuchsen vor ihnen hoch – eine Farbsymphonie in Rot, Grün, Gelb und Braun. Hunderte hauchdünner Fasern wogten unter der sanften Bewegung des Wassers – Algen, die wie Gras an den Korallenfelsen wucherten. Zum Glück konnten die drei Taucher das alles mit bloßen Augen erkennen, denn die Sonne stand um diese Tageszeit hoch und hatte genügend Macht, in Tiefen bis zu vierzig Metern zu leuchten. So brauchten sie keinen ihrer Scheinwerfer einzuschalten; Geräte, deren starker Lichtstrahl sie leicht hätte verraten können.

Das Korallenriff fiel ungefähr fünf Meter nach unten hin ab. Darunter breitete sich das seichte Bett des Meeresgrundes aus. Sand, auf dem es nur noch vereinzelte Felsgruppen in kleineren Ausmaßen gab. Ein Rochen lag platt und kaum erkennbar auf dem Boden und glotzte bösartig herauf. Eilig schlängelte sich eine Muräne davon.

Lindon fand den Höhleneingang. Eine Grotte, die ins Innere des Riffs führte. Von weitem nahm sich das gähnende schwarze Loch wie ein Maul aus. Kein Zweifel, es hatte das Monster verschluckt, denn weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.

Lindon beriet sich durch Gesten mit den Freunden. Wolfgang Löhr zauderte. Er konnte sich nicht entscheiden. Erst nachdem ihn seine Frau angestupst und gedrängt hatte, willigte auch er ein, nachzusehen. Sie wagten sich in die Grotte. Dunkelheit nahm sie gefangen. Um die Scheinwerfer nicht anknipsen zu müssen, tasteten sie sich an rauhen Wänden entlang. Sie arbeiteten sich nur langsam voran, denn ihnen bangte vor dem, was sich am Ende des Unterwasserstollens ihren Augen bieten mochte. Der Weg schien unvorstellbar lang...

Endlich nahmen sie das Licht wahr. Lindon glaubte zuerst an eine Einbildung und klappte schnell die Augenlider auf und zu. Doch das blaue Leuchten blieb hell und konstant. Das Ziel schien nicht mehr weit entfernt zu sein. Er hielt die beiden Löhrs an den Armen zurück. Sie begriffen. Noch behutsamer mussten sie sich bewegen, noch peinlicher darauf achten, kein Geräusch und keine übertriebenen, hastigen Gesten zu verursachen.

Zu ihrem Glück bildete die Mischluft im Gegensatz zu den Sauerstoffgeräten herkömmlicher Art keine Blasen. Dadurch fielen die gurgelnden Geräusche weg, die ihre Anwesenheit hätten verraten können. Weiter. Das Licht wurde intensiver.

Urplötzlich gab es einen starken Auftrieb. Sie wurden mitgerissen; mussten buchstäblich kämpfen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Lindon klopfte das Herz bis zum Hals hinauf. Das Monster, dachte er nur noch, das Monster...

Die drei Taucher steckten die Köpfe aus dem Wasser und stellten fest, dass sie sich unter einem breiten, simsartigen Felsvorsprung befanden, der sie nach oben hin völlig verdeckte. Der Zufall hatte sie ausgerechnet an diese Stelle gespült. Besser hätte es nicht kommen können, denn über ihnen tapste das Ungeheuer umher und grunzte dumpf. Sie konnten seine gewaltigen, mit Krallen bewehrten Zehen sehen. Lindon riskierte noch einen Blick mehr. Da sah er, dass sie sich in einer hoch aufsteigenden Höhle befanden. Stalagmiten in eigentümlich glitzernden Farben ragten empor; spitzkeglige Felsgebilde wuchsen auf, und überall war das unheimliche blaue Licht.

Lindon klappte den Helm auf. Er beugte sich zu Löhr hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Wolfgang und Diana Löhr hatten ebenfalls die Visiere hochgeschoben.

»Eine tempelartige Grotte«, stellte Lindon McGhee fest. »ich möchte bloß wissen, wie Luft hier hereinkommt!

Fünfunddreißig Meter unter dem Meeresspiegel. Wissenschaftlich gesehen, ist das schier unmöglich!« Löhr bemühte sich, so leise wie möglich zu sprechen. »Ginge man von der Schulweisheit aus, dürfte auch der Saurier nicht existieren. Aber er ist da, und wenn er weiter so herumschleicht, werden wir noch Stunden hier festgenagelt sein.«

Voll Grauen verharrten sie und lauschten dem Grollen und Schnüffeln des gewaltigen Ungeheuers.

 

Rosario de Lorenzo war ins Vorzimmer des Agentenbüros hinübergegangen. Er diktierte seiner Sekretärin einen Brief und stellte sich dabei so neben sie, dass er in ihren Ausschnitt sehen konnte. Interessiert beobachtete er, was da bei jeder Schreibbewegung der hübschen, dunkelhäutigen Signorina vergnügt wackelte...

»Capo«, sagte sie ungeduldig. »geht der Satz jetzt weiter oder soll ich den Rest selbst dazureimen?«

»...und erwarte gern Ihre Antwort. Mit vorzüglicher Hochachtung«, brachte er den Brief zu Ende. »Ich bin heute etwas zerstreut, meine Liebe.«

»Wenn Sie die Position wechseln, legt sich das.«

»Sie meinen...«

»Stellen Sie sich vor meinen Schreibtisch«, sagte sie anzüglich.

Er grinste und kam ihrer Aufforderung nach. Rein zufällig sah er durchs Fenster und erschrak. Zwei Frauen und zwei Männer hielten direkt auf die Agentur zu, staubbedeckte Gestalten mit verdrossenen Mienen.

»Signorina, vorerst muss das genügen. Ich habe einen wichtigen Termin, den ich keinesfalls versäumen darf. Wie ich sehe, ist es später, als ich dachte...«

»Arrivederci, Signor de Lorenzo.«

»Arrivederci.«

Er kehrte in sein Büro zurück, nahm die kleine Herrenhandtasche an sich und wandte sich der Hintertür zu. Es ist gut, ihren Zorn erst einmal abkühlen zu lassen, dachte er.

Er hatte die Rückfront des weißgetünchten Agenturgebäudes passiert, als ein Mann hinter der Hausecke hervortrat. Peter Higginbotham. Er machte einen erschöpften, aber trotzdem aufgebrachten Eindruck.

»Ich sehe«, sagte er. »Sie wollten sich soeben auf englisch verabschieden, nicht wahr, werter Signor de Lorenzo?«

Jetzt zeigte der Sizilianer, wie man peinliche Situationen spielend meisterte. »Sie hier, mein Bester?«, sagte er und lachte erfreut auf. Sein Schulterklopfen kam so überzeugend, dass der splinige Engländer sich irritiert fühlte.

»Kommen Sie, Signor Higginbotham, kommen Sie mit in die Cafeteria und nehmen Sie ein Gläschen mit mir. Sie haben Sorgen, das sieht man Ihnen an, aber bei einem ordentlichen Grappa lässt sich alles viel leichter besprechen.«

Er wollte ihn mit sich fortziehen, aber Higginbotham wehrte sich und erwiderte: »Hören Sie, vorn auf der Straße warten meine Freunde aus dem Feriendorf. Wir sind ohne Pause marschiert.«

»Bei dieser Hitze? Entsetzlich. Warum haben Sie nicht angerufen?«

»Darüber später. Folgen Sie mir jetzt.«

De Lorenzo musste mit ihm gehen, ob er wollte oder nicht. Verschiedene Einwohner von Marina di Palma waren stehengeblieben und betrachteten neugierig die Touristen. Jennifer Lane und Vivien Malvenu sahen zum Umfallen müde aus. George Malvenu aber packte den graumelierten Sizilianer und zog ihn an den Jacken auf Schlägen zu sich heran.

»Sie haben’s gewusst«, sagte er. »ich schwöre mein Jahreseinkommen gegen ein Paar alter Socken, dass Sie es gewusst haben, Sie Lump!«

»Was erlauben Sie sich denn, Signor...«

»Mann, geben Sie doch zu, dass Sie absichtlich nichts mehr von sich hören ließen, weil Sie sich vor dem Ort fürchteten. Sie ahnten die Ereignisse voraus, hatten aber trotzdem keine Skrupel, uns in die Bungalows einzuweisen.«

Malvenu kochte vor Wut. Er war drauf und dran, handgreiflich zu werden.

De Lorenzo keuchte. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

»Von dem Ungeheuer!«

»Dem...«

»Dem Riesentier, das die Erde und das Meer beben lässt und Häuser zum Einstürzen bringt. Es hat zwei Fischer umgebracht; Sie sollten mal sehen, wie die ausschauen! Wir haben Sie in einen Bungalow gelegt.«

Der Agent riss sich los, taumelte zurück. »Nein!«

Die alten Frauen und die zahnlosen Männer, die Mädchen und die eben noch grinsenden jungen Burschen, die die Gruppe umstanden, rückten plötzlich zusammen wie verschreckte Tiere. Ein Polizist mit weißem Helm kam herüber. Aber auch der erstarrte, als er die Menschen murmeln und zischeln hörte: »Er ist wieder da!«

»Es wird neue Opfer geben...«

»Man muss fort, weit weg von hier!«

»Zalibu«, rief ein altes Weib. »Zalibu ist zurückgekehrt und macht uns das Leben zur Hölle, wie damals, vor dreißig Jahren, unseren armen Müttern und Vätern!«

»Zalibu!«, schrien einige im Chor. »Was ist das für ein Name, Zalibu?«, wollte George Malvenu wissen. »Antworten Sie, de Lorenzo!«

»So nennen sie das Ungeheuer«, gab der Mann stammelnd zurück.

»Es war also bekannt«, sagte der Franzose, bleich vor Zorn. »ihr Dreckskerle wolltet uns in den Tod jagen, nur, um ein paar lausige Devisen zu kassieren.«

Higginbotham hatte schon wieder seinen Notizblock in der Hand.

»Steck das Ding weg!«, schrie Malvenu.

Der magere Engländer schien beleidigt. Malvenu schritt mit ausgebreiteten Armen auf de Lorenzo zu.

»Nein«, stammelte dieser angsterfüllt. »nein, ich wusste es nicht. Ich schwöre es bei... bei meiner Mutter und allem, was mir heilig ist! Seit dreißig Jahren kursieren die Gerüchte über Zalibu, der damals ein Dutzend Fischer umgebracht haben soll, aber die meisten hier glaubten an eine Legende, vor allem die Behörden. Ich selbst habe auch nie richtig an Zalibu geglaubt. Sonst hätte ich doch nicht gewagt, die Bungalows zu vermitteln...«

Jennifer sah ihn kalt und böse an.

»Aber warum sind Sie dann nicht gekommen? Wir haben auf Sie gewartet; Sie ahnen nicht, wie sehr!«

Er rang die Hände. »Ich befürchtete, Sie würden mich schelten, weil das Dorf noch ein Provisorium ist – wegen der mangelnden Gäste, der nicht vorhandenen Läden.«

»Genug!« Malvenu bekam ihn wieder an den Aufschlägen zu fassen.

De Lorenzo zappelte und jammerte. Der Polizist trat vor, blies in seine Trillerpfeife.

Der lange Franzose hielt de Lorenzo noch immer fest, schaute aber den Uniformierten an und lachte plötzlich. »Keine Angst, ich schlage nicht zu. Aber dieser Mann bietet uns die Garantie dafür, dass wir zum Bürgermeister und zu dem Kommandanten der Carabinieri vorgelassen werden, verstanden? Man muss schleunigst eine kleine Streitmacht aufstellen und mit schweren Geschützen gegen diesen sagenhaften Zalibu vorgehen!«

»Zalibu«, wiederholte der Polizist erschüttert.

Der Name ging wieder reihum. Die Menschen von Marina di Palma stießen ihn gepresst, fast ehrfürchtig hervor. Die Nachricht vom Auftauchen des Ungeheuers schien sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten, denn schon schallte es durch alle Gassen des Ortes:

»Zalibu treibt sein Unwesen!«

»Ja, kommen Sie nur«, versetzte der Polizist. Schweiß lief über sein Gesicht, Angstschweiß. »Kommen Sie, Signori, ich führe Sie zum Hauptquartier der Carabinieri!«

Sie durchquerten den kleinen Ort. Rosario de Lorenzo musste neben George Malvenu herschreiten; er wirkte wie ein geprügelter Hund.

Viele Frauen hatten sich vor die Eingänge ihrer schiefen Lehmbauten gehockt und Kerzen angezündet. Sie stimmten einen monotonen Singsang an, um den Spuk zu vertreiben. Ganze Familien mit ihren Kindern jagten durch die Gassen. Es wurde geschrien, geflucht und geweint. Koffer, in aller Hast gepackt, wurden aus Fenstern nach draußen gereicht. Schon rollten die ersten Autos – mit Menschen vollgestopft – davon. Wer keinen Wagen hatte, nahm einen Esel oder Maulesel, um sein Gepäck zu transportieren.

»Mein Gott, denen ist der Schreck mächtig in die Knochen gefahren«, sagte Vivien abfällig. »Was sollen wir denn sagen? Wir haben diesen Zalibu schließlich ganz aus der Nähe gesehen!«

Der Polizist zuckte bei dem Namen zusammen. »Dass ich heute Dienst haben muss«, jammerte er. »ausgerechnet heute!«

Eine Gruppe Kinder stürmte kreischend an ihnen vorüber, und Malvenu meinte: »Hier geht es ja zu wie im Affenhaus!«

»Das ist erst der Anfang«, entgegnete de Lorenzo. »es wird noch viel schlimmer kommen.«

 

Über eine halbe Stunde war vergangen. McGhee, Löhr und Diana standen noch immer auf dem metertief unter Wasser liegenden Felsvorsprung. Langsam wurde ihre Lage unerträglich, denn jeder malte sich aus, was geschehen würde, wenn das Monster unerwartet den Schädel senkte und sie unter dem Gesteinssims entdeckte.

Das Grunzen und Schnaufen war verstummt.

»Ich halte das für ein gutes Zeichen«, sagte Lindon so leise wie möglich. Trotzdem hatte er den Eindruck, seine Stimme würde hallen, so klar klang auch der geringste Laut in dieser natürlichen, tempelartigen Grotte. »Seit einer Viertelstunde ist da drinnen alles ruhig. Was schließt ihr daraus?«

»Vielleicht wartet das Vieh nur darauf, dass sich einer von uns zeigt«, flüsterte Diana Löhr. »Es ist schlau genug, geduldig zu lauern, nachdem es unsere Witterung aufgenommen hat.«

»Glaube ich nicht. Was meinst du, Wolfgang?«

»Es gibt noch eine Möglichkeit: Das Biest schläft.«

»Genau das denke ich auch.« Lindon McGhee lächelte grimmig. »Ich schwimme jetzt also ein Stück in den Teich hinaus und peile die Lage. Kommt das Monster hervor, müssen wir blitzschnell tauchen und das Weite suchen.«

»Und wenn nicht?« Diana starrte ihn an.

»Gesetzt den Fall, es schläft, nutze ich die Gelegenheit.«

»Um es zu töten?«

»Um Himmels willen, nein! Wir könnten ihm kaum etwas anhaben. Wir müssen auf die Geschütze warten. Ich habe etwas anderes vor. Ich will mich dem Ungeheuer nähern, um wissenschaftlichen Aufschluss zu finden.«

»Du bist verrückt«, wandte Wolfgang Löhr ein.

»Du wirst noch einsehen, dass mein Handeln richtig ist.«

Lindon stieß sich ab und schwamm los. Er hielt die Augen nach oben gerichtet, dorthin, wo zuvor die riesigen Pranken des Monsters zu sehen gewesen waren. Jetzt dehnte sich dort nur der felsige Rand des Teiches aus...

Lindon glitt immer weiter. Als er sich in der Mitte der Grotte befand, sah er den gewaltigen Leib des Ungeheuers hinter Stalagmiten und Gesteinskegeln lagern. Es befand sich augenscheinlich in seinem Nest, denn außer ihm war da noch etwas, etwas weißlich Schimmerndes. Aufgeregt winkte er den Löhrs zu. Der riesigen Saurier schlief tief und fest. Diana und Wolfgang Löhr folgten McGhee.

»Ich steige aus dem Wasser«, sagte Lindon entschlossen. »sichert mir bitte den Rückzug für den Fall, dass die Bestie erwachen sollte.«

»Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?« Der hagere junge Artist schaute ihm zweifelnd in die Augen.

»Ja. Macht euch keine Sorgen.«

Er stieß bis zum Rand vor, klammerte sich fest. Ein kräftiger Ruck, und er war bereits halb aus den Fluten, brauchte nur noch nachzufassen, um sich ganz herauszuziehen.

Die Lohrs waren hinter ihm und legten ihre Harpunen an. Lindon drehte sich um, grinste und hob die Hand. Dann schlich er durch die Grotte. Eigentlich war ihm nicht zum Lächeln zumute, aber auf diese Weise versuchte er, seine Furcht und Aufregung niederzukämpfen.

Er blickte nach oben. Vergebens trachtete er danach, die Herkunft des eigenartigen blauen Lichtes zu ergründen. War es das Meereswasser, dessen Farbe sich unter dem Licht der Sonne in irgendwelchen durchsichtigen Korallen brach? Es erschien ihm abwegig. Lindon dachte nicht weiter darüber nach, sondern konzentrierte sich auf das Ungeheuer.

Er hatte den halben Weg zurückgelegt. In enormer Größe ragte es vor ihm auf. Es saß und hatte die Hinterläufe ausgestreckt. Ein grotesker Anblick. Der Amerikaner hatte Gelegenheit, alle Einzelheiten dieses monströsen Leibes und des Schädels zu studieren. Ein paar fürchterliche Reißzähne sahen aus dem Maul hervor. Was diese Bestie zu fassen bekam, wurde vernichtet. Diese graugrüne Schuppenechse stimmte keineswegs mit den Vorstellungen überein, die man sich bisher von prähistorischen Sauriern gemacht hatte. Irgendwie war sie anders.

Wie atmete das Tier? Lindon ließ den Blick über den gigantischen Hals gleiten. Es gab Öffnungen, eine Art Hautlappen. Waren das funktionslose Wülste oder Kiemen? Hatte es Lungen, oder vielleicht eine Kombination aus beiden Organen?

Er zog das Tauchermesser aus der Scheide. Der weißliche Gegenstand hatte sich seinem Sichtbereich ein wenig entzogen, aber jetzt war er wieder da. Lindon McGhee verharrte direkt vor dem Monster und hätte dessen Pranken berühren können. Im Moment stand er jedoch wie verwurzelt, denn die Erkenntnis kam zu überraschend.

Hinter dem Gesäß des Ungeheuers ruhte ein Riesenei auf dem Höhlenboden. Es wirkte wie ein überdimensionales Hühnerprodukt und war schätzungsweise drei Meter hoch. Es würde also bald ein weiteres, menschenmordendes Untier geben, das wiederum für Nachwuchs sorgen würde...

Lindon fragte sich, ob das Monster von einem anderen Ungeheuer dieser Größenordnung befruchtet worden sein mochte. Er verdrängte den schrecklichen Gedanken. Vielleicht, so sagte er sich, gehört es zu der seltenen Gattung von Zwitterwesen, die keinen männlichen Partner zur Fortpflanzung benötigen. In der Tat konnte er an dem riesigen Leib keine ausgeprägten Geschlechtsteile ausmachen.

Plötzlich bewegte sich die unförmige Masse, ruckte mit dem Schädel. Lindon spürte, wie es ihn heiß und kalt durchlief. Wie hypnotisiert starrte er auf die Bestie. Er war ein Zwerg gegenüber ihren Ausmaßen, und falls sie jetzt die Augen aufmachte, musste sie ihn entdecken. Dann hatte er kaum noch eine Chance, sich zu retten.

Das Monster grunzte im Schlaf. Es schien wirklich zu träumen, denn es öffnete weder die Augen noch fuhr es aus seinem Schlummer hoch. Der amerikanische Student atmete auf. Vorsichtig pirschte er sich an das Ei heran. Sein Herz klopfte immer schneller. Er gab sich einen innerlichen Ruck und setzte das Messer an. Das Kratzen kam ihm ungeheuer laut vor. Er presste die Lippen zusammen, machte weiter. Das, was er von dem Ei losschabte, verstaute er in einem kleinen wasserdichten Behälter, der an dem Gürtel seiner Ausrüstung hing. Einmal war ihm, als kämen Laute aus dem Inneren des Eies, aber er ließ sich dadurch nicht aufhalten. Er wandte sich ab und ging zu dem Monster zurück. Jetzt kam das Aufregendste. Er brauchte ein Hautfragment der Bestie. Die Vorstellung, es könne schon bei der leisesten Berührung aufschrecken, machte ihn fast verrückt. Er zögerte.

Drüben, am Rand des Grottenteiches, machte Löhr eine ungeduldige Handbewegung, die ihn zur Eile antrieb. Dann wagte Lindon es. Er schnitt ein fingerdickes Stück aus der trockenen Haut des Ungeheuers. Es kostete ihn große Selbstbeherrschung, nichts zu überhasten und ruhig zu bleiben bis ein Schuppenteil abgelöst war. Mit bebenden Fingern steckte er es ein. Dann kehrte McGhee zu den Löhrs zurück. Auch jetzt versuchte er, keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Er setzte sich auf den Felsrand des Teiches. Er spürte wie ihm die Knie zitterten.

»Hast du Nerven!«, sagte Diana leise. »Komm jetzt endlich; sehen wir zu, dass wir durch den Stollen wieder in die offene See und an Land gelangen.«

»Ich lechze richtig nach frischer Luft«, versetzte ihr Mann schaudernd. »merkst du nicht, wie es hier nach Schwefel und Ausscheidungen stinkt?«

»Es ist das reinste Höllenloch«, erwiderte Lindon. Er klappte den Helm zu, ließ sich ins Wasser gleiten. Vorsichtig drehte er sich noch einmal nach dem Monster um. Es schlief noch immer.

 

»Diesen Einsatz hätte ich mir und meinen Männern gern erspart«, sagte der Mann mit den großen braunen Augen und den etwas wulstigen Lippen zu den Malvenus und Jennifer Lane, die im Fond des Wagens saßen. Peter Higginbotham saß auf dem Beifahrersitz des Jeeps. Der Mann am Steuer trug Uniform. Breite Schultern spannten den Stoff. Er war Marschall der Carabinieri von Marina di Palma und damit Kommandant im Hauptquartier. Sein Name lautete Giuseppe Mangano.

»Jahrelang kamen Leute mit wilden Berichten über Zalibu«, fuhr er fort. »und wir lachten darüber, schlugen die Gerüchte in den Wind. Hätte es nicht dabei bleiben können? Musste diese Bestie kommen, ausgerechnet jetzt, Ende August?«

»Ein anderer Zeitpunkt wäre auch uns lieber gewesen«, entgegnete Higginbotham trocken. »Man muss die Dinge nehmen, wie sie sind, Marschall. Haben Sie eigentlich auch die Küstenwacht alarmiert?«

»Ja. Und die Marine sowie den Luftwaffenstützpunkt Agrigent. Innerhalb der nächsten halben Stunde wird es im und vor dem Bungalowdorf von Menschen wimmeln.«

Der Jeep rollte über die Asphaltstraße. Es war ein dunkelblau gespritztes Fahrzeug, ein Auto, das für Einsätze in dieser Gegend geradezu ideal schien. Hinter Manganos Jeep fuhren noch drei Geländewagen, dann vier Mannschaftsfahrzeuge, in denen die komplette Bereitschaft des Hauptquartiers von Marina di Palma hockte. Die Männer waren mit Maschinenpistolen und Granatwerfern ausgerüstet. Die Luft flimmerte über den trostlosen Hügeln. Sand und Felsen schienen unsagbar heiß zu sein. Vivien Malvenu guckte träge in die Landschaft und überlegte, ob man auf einem der Steine wohl einen Topf Wasser zum Kochen bringen könne. Sie schwitzte. Den anderen ging es nicht besser.

Das Dorf mit den zwölf weißen Bungalows tauchte auf. Die Autos hielten in der Mitte der Siedlung. Uniformierte sprangen von den Mannschaftswagen, nahmen Aufstellung. Mangano und seine Kollegen von der Einsatzleitung erteilten mit heiseren Stimmen Kommandos. Waffen wurden zusammengesetzt, Schlösser knackten metallisch. Ferngläser wurden auf das Meer gerichtet; ein großes Funkgerät piepte und rauschte.

Malvenu lief erregt durch alle Häuser. Bald kehrte er enttäuscht zurück. »Von den anderen ist nichts zu sehen. Hoffentlich ist alles gut gegangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass...«

»Ihr wisst, was ich tue, wenn Lindon nicht zurückkommt«, sagte Jennifer und blickte stumpf auf die Wasserfläche hinaus.

Die Malvenus und der Engländer schwiegen betreten. Dann kam Mangano und zog den Franzosen mit sich fort. Sie betraten den Bungalow der beiden Amerikaner. Als sie wieder herauskamen, war der Marschall grün im Gesicht.

»Die Kreuzer!«, rief jemand.

Alle blickten aufs Wasser. Bald waren die mächtigen Schiffe mit bloßen Augen zu erkennen: Kreuzer der italienischen Marine, mit großen Geschützen bestückt, die Zalibu den Garaus machen sollten. Sie kamen auf ungefähr vier Meilen heran.

Etwas später folgten drei Kutter der Küstenwacht. Dann brummten ein Aufklärer und ein Mittelstreckenbomber über die Feriensiedlung hinweg. Schließlich heulten drei Mirage-Jäger in dichtem Verband heran und zogen eine Schleife über der Siedlung.

Mangano nickte zufrieden. »So, wir sind gerüstet. Jetzt fehlt uns nur noch das verdammte Vieh.« Er lachte, aber niemand fiel ein.

Mit verdrossenen Mienen schauten einige Carabinieri durch ihre Ferngläser. Einer von ihnen machte plötzlich etwas aus, winkte. »Ich sehe Menschen«, teilte er mit. »drei Froschmänner kommen aus dem Wasser.«

Higginbotham sprang hoch und schwenkte seinen Sonnenhut. »Hurra! Sie haben es geschafft. Keiner hat richtig daran geglaubt, aber sie leben!«

Jennifer hatte Tränen in den Augen, als sie zur Böschung hinabging und Lindon auf sich zulaufen sah. Sie warf sich ihm entgegen und weinte hemmungslos, dieses Mal vor Freude. Malvenu übernahm es, den Marschall vorzustellen.

Lindon schaute zu den kreisenden Flugzeugen hoch, dann sagte er: »Wir wollen euch nicht auf die Folter spannen, Freunde. Marschall, Sie können Ihren Leuten die genaue Position des Monsters durchgeben, denn wir haben seinen Schlupfwinkel ausfindig gemacht. Es ist eine Grotte in einem Korallenriff, fünfunddreißig Meter unter der Wasseroberfläche.«

»Gut. Wir werfen eine Bombe«, erwiderte Mangano. »damit dürfte der Spuk vorbei sein. Denn bald wird Zalibu seinen letzten Seufzer tun.«

»Zalibu?«

Jennifer berichtete ihrem Freund, was sie in Marina di Palma erfahren hatten. »Fast alle haben den Ort verlassen«, schloss sie. »keiner will sein Haus verteidigen, denn die meisten erinnern sich an das, was hier vor dreißig Jahren passiert sein muss. Es gab zwölf Tote. Niemand weiß, warum sich das Untier nur damals gezeigt hat und dann nicht wieder.«

Lindon nahm den Taucherhelm ab. »Wahrscheinlich brauchte Zalibu dreißig Jahre, um das Ei zu legen und zu brüten. Jetzt steht die Geburt bevor. Die Riesenechse muss Nahrung beschaffen.« Er erzählte, was sie in der Grotte gesehen und getan hatten.

»Das ist ungeheuerlich«, sagte George Malvenu.

»Ich habe ein ziemlich dummes Gefühl«, versetzte Wolf gang Löhr ernst. »seitdem wir in der Grotte waren, habe ich noch mehr Angst als vorher. Ich glaube nicht, dass dieses Aufgebot an Kanonen, Bomben und Gewehren etwas nützt...«

»Welcher Unsinn!« entrüstete sich die Französin. »Du bist ja ein chronischer Schwarzmaler. Ich freue mich schon darauf, das verdammte Biest krepieren zu sehen.«

Mangano war zum Befehlsstand zurückgelaufen. Die Funknachricht an alle beteiligten Einsatzkommandos wurde durchgegeben. Gespannt verfolgten die sieben Touristen, wie der Mittelstreckenbomber einschwenkte und dröhnend im Tiefflug über das Meer hinwegbrauste. Er zog eine weite Schleife und kehrte zurück, offenbar, um einen neuen Kurs einzuschlagen. Noch einmal schwebte er über die Siedlung hinweg. Kurze Zeit später hatte der Pilot die Maschine wieder schräggestellt. Die Nase nach unten, schoss sie auf die Wasseroberfläche zu und näherte sich der von den drei Amateurtauchern angegebenen Position, die viereinhalb bis fünf Meilen in südwestlicher Richtung vor der Küste entfernt lag.

Die Bomben wurden ausgeklinkt. Eine dichte Wasserfontäne stob hoch. Niemand konnte es sehen, aber alle malten sich in diesen Sekunden aus, wie die Bomben durch das Wasser sanken, sich dem Korallenriff näherten, Berührung damit bekamen...

Mangano kam herübergerannt, blass, schwitzend, ein Wechselsprechgerät mit langer Antenne in der Faust. »Die Ladung muss das Ziel verfehlt haben«, sagte er. »wir müssen es noch einmal versuchen.«

Die Maschine hielt auf das Feriendorf zu. Mangano schrie etwas in das Mikrophon seines Apparates. Lindon McGhee duckte sich unwillkürlich, denn er hatte etwas unter dem dicken Rumpf des Bombers entdeckt. Er winkte dem Marschall zu, und dieser ließ entsetzt das Sprechgerät sinken. Dann starrten alle auf die See hinaus und sahen es. Die Fluten gerieten in Wallung, und unter Grollen und Brüllen hob sich Zalibu aus den Wellen, unversehrt, gigantisch in seiner Wut. Die Echse steuerte auf die Brandung zu. Wütend richtete sie sich empor und machte eine Prankenbewegung zu dem Bomber hin, konnte ihn jedoch nicht erreichen. Ihr gewaltiger Schwanz peitschte das flache Uferwasser.

»Zalibu kommt hierher«, sagte Lindon tonlos. »Vielleicht, weil er etwas zu fressen braucht, vielleicht aber auch, weil er bemerkt hat, dass wir in der Grotte waren. Was immer der Grund sein mag – jetzt wird es gefährlich für uns...«

»Attacke«, rief Mangano ins Mikrophon der Anlage. »lasst sofort einen Bombenteppich auf die Bestie nieder, verstanden?«

Der Befehl wurde an die Flugzeugbesatzung weitergegeben. Während die Maschine auf den richtigen Kurs einpendelte, traten Mangano und die Touristen den Rückzug ins Dorf an. In fieberhafter Eile wurden Waffen und Geräte auf die Ladeflächen der Fahrzeuge gepackt, die Siedlung musste umgehend geräumt werden. Das Monster hatte den Strand erreicht und riss bösartig das unglaublich große Maul auf, klappte es heftig zu und wieder auf. Der Bomber war fast über Zalibu, als Mangano, seine Kollegen und die sieben Touristen in die Wagen kletterten und losrollten. Der Marschall wandte sich kurz um.

»Jetzt laden sie ab«, stieß er triumphierend hervor. »Jetzt geht es dem Biest an den Kragen!«

Lindon saß neben ihm; hinten im Fond kauerten Jennifer und das Artistenehepaar. Im Jeep hinter ihnen hatten Higginbotham und die Malvenus Platz gefunden. Die Erde begann zu vibrieren, als die Bomben dicht neben Zalibu auf den Strand schlugen. Sie rissen kraterähnliche Löcher. Sand, Wasser und Böschungsgras wirbelten hoch. Das Ungeheuer richtete sich zu seiner vollen Größe auf und hieb mit den Vorderläufen wild um sich. Aber der Bomber flog hoch genug, um nicht von den Tatzenschlägen erwischt zu werden. Die Besatzung klinkte den gesamten Bombenvorrat aus. Eine traf Zalibus gigantischen Schädel. Das Tier brüllte. Rauch stieg aus seiner Stirn auf, und man konnte das Loch sehen, das die Bombe geschaffen hatte. Doch die Wirkung blieb aus. Zalibu heulte und grunzte nur noch wilder und setzte unbeirrt seinen Weg fort. Das Untier strebte landeinwärts.

»Das ist unmöglich!« Mangano war außer sich. Er hatte das Mikrophon der im Wagen installierten Funkanlage in der Faust und gab pausenlos Befehle an seine Leute weiter.

Granatwerfer wurden eingesetzt. Die Carabinieri feuerten sie von den Mannschaftsfahrzeugen aus ab. Zischend jagten die Geschosse zu dem Monster hinüber. Fast alle drangen in seine borkige Schuppenhaut ein. Zalibu schüttelte sich und kratzte mit den Krallen über den Leib. Ein markerschütternder Laut drang aus seinem Rachen. Aber es war nicht der Schmerz, der das unförmige Tier aufschreien ließ. In ohnmächtiger Wut senkte es den Schädel und lief nur noch schneller hinter seinen Feinden her, die seine Ruhe gestört hatten.

»Er bringt uns um! Lindon, er holt uns ein!« Jennifer Lane klammerte sich verzweifelt an ihrem Freund fest, der durch den Taucheranzug behindert war. Da rasten die Miragejäger heran. Bordmaschinengewehre hämmerten los. Zalibu krümmte sich widerwillig unter dem heftigen Beschuss. Lindon hatte vorübergehend Manganos Fernglas übernommen und konnte beobachten, wie mehrere Projektile in die Augen des Monsters eindrangen. Doch auch das schien ihm nichts auszumachen.

Die Maschinen setzten zu einem neuen Angriff an. Diesmal luden sie die Bomben ab, die unter ihren Tragflächen befestigt gewesen waren. Sie hagelten vor dem Ungeheuer nieder und verbreiteten dichten weißen Nebel.

»Was ist das?«, rief Wolfgang Löhr.

»Betäubungsbomben«, gab der Marschall zurück. »wollen doch mal sehen, ob das Vieh dagegen auch immun ist.«

Mangano staunte nicht schlecht, als Zalibu durch den Gasnebel trottete. Unverändert träge waren seine Bewegungen, seine Augen glühten, Speichel troff aus seinem gierig aufgerissenen Maul. Giuseppe Mangano hatte sich gesetzt, stieß das Gaspedal bis auf den Wagenboden hinunter. Die anderen Fahrzeuge zogen nach – sie mussten vor dem zürnenden Monster flüchten. In rasendem Tempo ging es über die Asphaltstraße.

Zalibu war nun am Feriendorf angelangt. Fauchend holte er mit den Vorderläufen aus. Das erste Haus brach unter der Wucht seines Hiebes zusammen. Zalibu grunzte und schlug erneut zu. Diesmal fegte er gleich fünf Bauten in einem Zug fort. Zwei eigenartige dunkle Klumpen segelten unter den Trümmern durch die Luft.

»O Himmel, die Leichen«, stieß Lindon entsetzt hervor. Die Frauen schlugen die Hände vor die Gesichter.

Zalibu verharrte kurz und beugte sich hinab. Sekunden später war die Stelle leer.

Details

Seiten
694
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939026
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v540598
Schlagworte
höllensklaven sechs horror-romane band

Autor

Zurück

Titel: Die Höllensklaven - Sechs Horror-Romane in einem Band