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Geh zum Teufel, Rotschopf

©2020 205 Seiten

Zusammenfassung


Dies ist der nüchterne, sachliche, ungeschminkte Bericht über ein ebenso ungewöhnliches wie tapferes Leben. „Rotschopf“ Sean Corkery alias Patrick Finn hat viel gesündigt; ihm wird viel vergeben werden.
Er hat die Höhen und Tiefen irdischen Lebens durchmessen.
Er hat gefehlt.
Er hat bitter gebüßt.
Ihm ist nichts erspart geblieben.
Aber er ist sich nie selbst untreu geworden.
Nie hat er zu denen gehört, die den Schwachen misshandeln und ihr Mütchen an dem Wehrlosen kühlen.
Er stand von Anfang an auf der Schattenseite des Lebens.
Und doch blieb er Mensch!
Dieser packende, hinreißende Bericht beginnt 1936 in Nordafrika.
Er beschwört den Kampf um Narvik, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.
Er berichtet von den Panzerschlachten in Afrika, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.
Er streift die Kämpfe in Unteritalien, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.
Ein Legionärsroman
Er endet in Indochina. Auf den verborgenen Schlachtfeldern des Dschungels. Er endet tragisch – und zugleich versöhnlich.

Leseprobe

Table of Contents

Geh zum Teufel, Rotschopf

Copyright

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Geh zum Teufel, Rotschopf

Roman von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 205 Taschenbuchseiten.

 

Dies ist der nüchterne, sachliche, ungeschminkte Bericht über ein ebenso ungewöhnliches wie tapferes Leben. „Rotschopf“ Sean Corkery alias Patrick Finn hat viel gesündigt; ihm wird viel vergeben werden.

Er hat die Höhen und Tiefen irdischen Lebens durchmessen.

Er hat gefehlt.

Er hat bitter gebüßt.

Ihm ist nichts erspart geblieben.

Aber er ist sich nie selbst untreu geworden.

Nie hat er zu denen gehört, die den Schwachen misshandeln und ihr Mütchen an dem Wehrlosen kühlen.

Er stand von Anfang an auf der Schattenseite des Lebens.

Und doch blieb er Mensch!

Dieser packende, hinreißende Bericht beginnt 1936 in Nordafrika.

Er beschwört den Kampf um Narvik, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.

Er berichtet von den Panzerschlachten in Afrika, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.

Er streift die Kämpfe in Unteritalien, wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten.

Ein Legionärsroman

Er endet in Indochina. Auf den verborgenen Schlachtfeldern des Dschungels. Er endet tragisch – und zugleich versöhnlich.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Man kann wohl die tieferen Gründe, die den jungen Sean Corkery auf den Weg zur Legion brachten, nicht als typisch bezeichnen, man kann ebenso wenig behaupten, dass die Art, wie er der neuen Lage begegnete, sich auf die fremde Umwelt einstellte und auf äußere Einflüsse reagierte, typisch gewesen sei, dass man sein Schicksal als Bewertungs- und Vergleichsstab für alle anderen nehmen könne, aber es war immerhin denkwürdig und tragisch genug. Deshalb erscheint es der Mühe wert, sein Leben, das sich innerhalb der Epoche politischer und kriegerischer Konflikte von höchster Dramatik vollendete, aufzuzeichnen und den Motiven seiner allmählichen Wandlung und Verwandlung vom unfertigen Jüngling zum seelisch vereinsamten, innerlich erstarrten und äußerlich gnadenlosen Mann nachzuspüren.

Sean war 1936 18 Jahre alt, über Durchschnittsmaß groß und hatte einen gestählten, kraftvollen Körper mit schmalen Hüften und breiten Schultern. Äußerlich glich er mehr einem Nordiren als einem Mann von der Atlantikküste mit seinem schmalen Mund, den wachen Augen, dem raschen Spiel des Kopfes und der Hände. Zäher Fleiß war in ihm, der feste Wille, es im Leben zu etwas zu bringen, aber auch tiefes Misstrauen gegen Übermut und Tändelei, gegen Lachen und Frohsinn, kurzum gegen die Lust am Leben um ihrer selbst willen. Wenn in ihm ein Tropfen südländischen Blutes lebendig war, das die Menschen seines Stammes trotz acht Jahrhunderten britischer Herrschaft nicht verleugnen können, hatte sich dieser nicht im Äußerlichen manifestiert, sondern als ein Schuss Romantik in der letzten Kammer seines Herzens erhalten, besaß er etwas von der reinen Torheit eines Don Quichotte, ohne freilich zu ahnen, dass er hinsichtlich dieser Anlagen einige hundert Jahre zu spät auf die Welt gekommen war. Letzten Endes wurden sie ihm nur zu bald zum Verderben.

Sean Corkery war in einem jener kleinen Fischerdörfer an der westirischen Küste geboren und groß geworden, in denen Englisch eine nur von wenigen verstandene Fremdsprache ist, wo noch heute weder Hotelpaläste stehen, noch eilige Pauschalreisende mit dem Baedeker in der Hand die arkadische Ruhe einer Landschaft stören, gegen deren wilde, unberührte Schönheit selbst die berühmten Gestade von Cornwall zur Bedeutungslosigkeit verblassen.

Seine Eltern hatten ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen lassen und ihn neben Irisch auch die Grundbegriffe der englischen und französischen Sprache gelehrt – was sich später als sehr wichtig erweisen sollte. Sein Vater war Lehrer gewesen, aber schon 1934 gestorben, seine Mutter hatte den Tod des geliebten Mannes nicht verwunden, war dahingewelkt und ihm nur zu bald ins Grab gefolgt. Seither stand der junge Sean allein auf der Welt und war von einem verständnislosen Vormund aus seinem Bildungslehrgang herausgerissen und zu einem Makrelenfischer in die Lehre gegeben worden. Damals hatte sich zum ersten Mal etwas in seinem Herzen verhärtet, damals hatte er wegen seiner brandroten Haare, die wie eine wabernde Lohe über seiner hohen Stirn thronten, den Spitznamen „Rotschopf“ erhalten, welcher ihn fortan das ganze Leben begleiten sollte.

 

 

2

Es war Sonntag.

Tagelang hatte der Regensturm die Bewohner von Dunquinil zu Gefangenen ihrer Häuser gemacht, hatte die Flut phantastische Gräser, ruppige Zweige und ölige Bänder gegen den Strand geschleudert, und gegen die Felsen und die Fuchsienhecken, hinter denen Esel und Ziegen Deckung gesucht hatten.

Am Mittag hatte das Toben der entfesselten Elemente aufgehört, gegen Abend war milde Wärme über das feuchte Land gerieselt und hatte die Menschen aus ihren Häusern und Hütten gelockt.

Sean Corkery verließ die nackte Armut seiner weißgekalkten Schlafkammer und trat auf die Dorfstraße hinaus, über der ein zarter Dunst verdampfender Feuchtigkeit lag. Auf dem Weg zum Friedhof begegnete ihm kaum ein Mensch; die Fischer hatten anderes zu tun, als die Toten in ihrer Ruhe zu stören – wie sie sagten – und sich einiger karger Stunden zu berauben, die man besser auf vernünftige Dinge verwendete – was die Wahrheit war.

Was er dachte und fühlte, als er lange bei den beiden schlichten Grabhügeln verharrte, hätte ein zufälliger Beobachter nicht enträtseln können, denn der junge Sean hatte sich längst angewöhnt, sein Mienenspiel zu beherrschen, und behielt diese Gewohnheit auch dann bei, wenn er mit sich allein war.

Später ging er über die felsige Küstenstraße in die sinkende Nacht hinein zu seinem Lieblingsplatz Beehive Hut, einer verfallenen Rundhütte von jener Art, wie sie irische Mönche vor über tausend Jahren für sich erbaut hatten. Zu spät merkte er, dass er dort nicht allein war; ein großes Mädchen von rustikalem Charme, auf halb städtische Manier gekleidet, wandte sich rasch um und stieß einen kleinen empörten Schrei aus. Eine Glutwelle schoss über Seans Gesicht. Er blieb stehen und grüßte befangen.

„Dia is Muire duit!“ (Gott und Maria mit dir!)

„Dia is Muire dis Padraig!“ (Gott, Maria und St. Patrick mit dir) klang es trotzig zurück. „Was suchst du hier, Sean?“

Diese Kühnheit hatte Sean beinahe die Sprache verschlagen.

„Vermutlich hast du Beehive Hut gemietet, Peg?“, sagte er eisig. „Freilich – seitdem du mit Liam gehst, hast du vermutlich Geld genug in der Tasche!“

Peg O'Flaherty war vor Kurzem noch Seans Mädchen gewesen, hatte aber dann doch Liam O'Faolain den Vorzug gegeben, der ihr als Sohn des bedeutendsten Fischers von Dunquinil freilich viel mehr bieten konnte als Sean. Auf diese Weise waren aus den unzertrennlichen Freunden Liam O'Faolain und Sean Corkery erbitterte Feinde geworden.

„Geh zum Teufel, Rotschopf!“, zischte Peg und sah sich hilfeflehend um. „Wage es nicht, mich anzurühren!“

„Keine Sorge!“ Sean lächelte verächtlich. „Ich denke nicht daran, mir an dir die Hände schmutzig zu machen, denn ein Mädchen ohne Treue ist wie ein Baum ohne Früchte.“ Der Hang zu Metaphern war in Sean schon immer lebendig gewesen.

„Wer bezeichnet hier mein Mädchen als schmutzig?“, fragte eine dritte Stimme zornig. Von beiden unbemerkt hatte sich Liam aus der Dunkelheit genähert. Er maß Sean mit hasserfüllten Blicken.

„Niemand!“, gab Sean verächtlich zur Antwort. „Ich wünsche euch beiden viel Vergnügen!“

Er wandte sich ab, bereit, das Feld zu räumen, als ihn ein wütender Zuruf seines früheren Freundes anderen Sinnes werden ließ. „Stell dich, Scheißkerl, oder ich muss dich wie ein Schulkind züchtigen!“

Sean wandte stich langsam tun. „Dazu gehören zwei, und du wärst mir gerade der Richtige – Prahlhans!“

„Wer ist hier ein Prahlhans, he?“

„Recht so, Liam, gib‘s ihm; gib‘s dem verdammten Hungerleider!“, hetzte Peg, während ihr ein wollüstiger Schauer über den Rücken lief.

Sean hätte später nicht angeben können, wer zuerst zugeschlagen hatte; aber das spielte später ohnehin keine Rolle mehr.

Obwohl Liam O'Faolain älter und kräftiger als Sean war, ließ sich dieser nicht unterkriegen und teilte im gleichen Maße aus, wie er einstecken musste. Lange wogte das erbitterte Ringen unentschieden hin und her. Nur das Keuchen und das Klatschen der Schläge waren zu hören und hernach das hysterische Aufschreien Pegs, als Liams Kräfte zu erlahmen begannen.

Ein Fachmann hätte den Kampf als Catch as catch can bezeichnet. Jeder Griff war erlaubt und wurde angewendet. Sean Corkery verzichtete allerdings darauf, gegen besonders empfindliche Körperteile seines Gegners zu schlagen, aber diese Fairness wurde übel belohnt. Als Liam kaum mehr Kraft in den Gliedern spürte, wurde er tückisch und führte, sich duckend, zwei harte Tiefschläge. Ein nachgesetzter Schwinger beförderte Sean auf den felsigen Boden, wo er mit

dem Kopf aufschlug und durch wütende Schmerzen gehandicapt wurde. Ein letztes Mal gelang es ihm, sich eisern an der Kandare nehmend, den Gegner abzuschütteln, der ihm auf der Brust kniete und in sinnloser Wut wie ein Berserker auf ihn einschlug.

Sean wollte gerade taumelnd aufstehen, musste aber erneut einen fürchterlichen Schlag auf das Schädeldach einstecken.

Peg hatte mit Mühe einen großen Stein aufgehoben, sich hinter ihren ehemaligen Freund geschlichen und ihm den Stein auf den Kopf geschlagen. Hernach zog sie sich feig zurück und lief heulend davon.

Sean meinte, auf seinem Schädel sei eine Bombe explodiert, und Liam hoffte, nun leichtes Spiel zu haben. Ein harter Faustschlag streckte Sean erneut zu Boden. Er lag jetzt auf dem Rücken und war wehrlos der sadistischen Gemeinheit seines tückischen Gegners ausgeliefert. Dieser hielt ihn fest und sagte langsam: „So, jetzt ward ich dir‘s geben, du Hungerleider! Zuerst schlag ich dir die Zähne ein, dann schlag ich dich zwischen die …“

Sean hörte gar nicht hin. Er war fest davon überzeugt, dass Liam der Drohung die Tat folgen lassen werde. Alles in ihm empörte sich gegen diese Gemeinheit. Vor Schmerz und Angst ohnehin seiner Besinnung beraubt, rollte er sich, Liam erneut schüttelnd, instinktiv zur Seite. Alles andere war Werk von Sekundenbruchteilen. Ehe Liam weder auf den Beinen war und sich erneut auf seinen Feind gestürzt hatte, hatte Sean bereits das geöffnete Klappmesser in der Hand und hielt es schützend vor sich hin.

Zu allem Unglück stolperte Liam in der Dunkelheit über einen Felsbrocken. Er schlug hilflos auf Sean, und der Zufall wollte es, dass ihn Seans Messer dabei geradewegs ins Herz traf.

Sekundenbruchteile zuvor hatte sich Sean zur Seite geschnellt. Liam O'Faolain stieß ein dumpfes Röcheln aus. Er wälzte sich schwerfällig auf den Rücken, sein Körper zuckte spasmisch. Sein Röcheln ging in ein klagendes Wimmern über und verendete mit einem pfeifenden winselnden Ton. Liam streckte sich; sein Kopf fiel haltlos nach hinten.

Außer sich vor Furcht und Entsetzen stand Sean Corkery einer Situation gegenüber, aus der es praktisch keinen Ausweg gab. Er besaß Wissen und Klugheit genug, den juristischen Begriff Notwehr zu kennen, aber zugleich die nötige Einsicht, dass er damit nicht durchkommen werde. Auf der einen Seite stand er, der bitterarme Leichtmatrose, dem man noch dazu seine bessere Herkunft übel ankreidete, und auf der anderen Liam O'Faolain, der Sohn des reichsten und mächtigsten Mannes im Dorf. Selbstverständlich würde die allgemeine Meinung auf der Seite O'Faolains sein; selbstverständlich würde ihn, Sean, Peg O'Flahertys Aussage zusätzlich belasten. Er hatte den wahren Charakter Pegs längst durchschaut. Er wusste nur zu gut, dass Peg keine Lüge zu gemein und zu niederträchtig sein würde, um ihre eigene bedenkliche Handlungsweise zu bemänteln und selbst straffrei auszugehen.

Bei nüchterner Betrachtung der Sachlage zeigte sich Corkery nur ein Weg – und er beschloss diesen Weg zu gehen.

Nun die Entscheidung einmal gefallen war, handelte Sean Corkery nüchtern und folgerichtig. Er zog das Messer aus der Wunde des Toten, wischte es sorgfältig im Gras ab, klappte es zusammen und steckte es in die Tasche. Hernach machte er sich in halbem Laufschritt auf den Weg. Er gab sich bestenfalls eine Stunde Vorsprung, und diese Spanne war außerordentlich knapp.

Wenn einer ihm helfen konnte, dann vielleicht Daniel Casey!

Daniel Casey war der zweitmächtigste Mann im Dorf, aber niemand brachte ihm auch nur einen Funken Achtung entgegen. Casey war Makrelenfischer wie die anderen Selbständigen auch und übte sein Gewerbe mit Hilfe seiner beiden Söhne aus. Gleichzeitig war es ein offenes Geheimnis, dass er schmuggelte; aber so oft die Behörden gegen ihn vorgehen wollten, rannten sie gegen eine Mauer an. Wenn sich auch die Fischer von Dunquinil innerlich von dem dunklen Treiben Caseys distanzierten, schrieb ihnen doch der überkommene Ehrenkodex vor, Casey im Falle eines Falles zu decken. Das Bewusstsein, beide Außenseiter der Gesellschaft zu sein, auf der niedersten Stufe der sozialen Rangordnung zu stehen, hatte die beiden ungleichen Männer zu Freunden gemacht: den achtzehnjährigen Sean Corkery und den massigen, zwielichtigen Daniel Casey, der sein Vater hätte sein können.

Zwanzig Minuten nach der unseligen Bluttat erreichte Sean die etwas außerhalb des Dorfes in Strandnähe gelegene Hütte Daniels, die in völliger Finsternis vor ihm lag. Er klopfte dreimal in einem ganz bestimmten Rhythmus an die Tür.

Sofort erklangen Schritte im Raum; die Tür wurde aufgezogen, eine weibliche Stimme fragte, wer draußen sei.

„Sean Corkery“, murmelte Rotschopf verzweifelt. „Ist dein Mann zu Hause, Ann? Es geht um Tod und Leben …“

Ann fragte nichts weiter. Sie öffnete die Tür vollends, ergriff Sean am Arm und zog ihn herein.

„Was ist los, Sean?“, fragte die verdrossene Stimme Daniels. „Du störst mich! Tom und Stephen sind eben dabei, die Muire klarzumachen …“

„Wohin fährst du, Dan?“, fragte Sean eilig.

„Das kannst du dir doch selbst denken.“

„Nach Honfleur?“

„Keine Antwort ist auch eine Antwort.“

„Du musst mich mitnehmen, Dan, hörst du, du musst! Ich muss fliehen! Ich habe soeben Liam O'Faolain erstochen!“

Casey stöhnte gequält auf. „Heilige Mutter Gottes! Ich bin ein Schmuggler, aber ich halte das nicht für ein Unrecht. Mit Mördern will ich nichts zu tun haben! Und das kannst du mir nicht verdenken. Das einzige, was ich für dich tun kann, ist, deinen Besuch bei mir zu verschweigen.“

„Ich bin kein Mörder, Dan; es war Notwehr, vielleicht sogar nur ein dummer Zufall! Glaub mir, Dan!“ Sean rang verzweifelt die Hände.

„Dann erzähle!“

Sean schilderte in gedrängter Kürze, wie es zu dem verhängnisvollen Zusammentreffen gekommen und was geschehen war.

„Sag – das ist die Wahrheit? Die reine Wahrheit?“, fragte Dan.

„Ich schwöre es!“, bestätigte Sean dumpf.

„Bei der heiligen Mutter Maria?“

„Bei der heiligen Mutter Maria!“

„Das ändert freilich einiges“, murmelte Ann. „In zehn Minuten kann es schon zu spät sein. Du musst sofort losfahren, wenn du überhaupt losfahren willst, Dan.“ Ihre Stimme nahm einen besorgten Klang an. „Dabei kannst du gar nicht mit gutem Gewissen auslaufen, Dan. Der Sturm wird wiederkommen, und dem ist die Muire nicht gewachsen. Ich weiß nicht, was du jetzt tun sollst.“

„Red nicht, die Entscheidung ist bereits gefallen!“, wehrte Dan dumpf ab. „Bete für mich.“ Er erhob sich. „Kein Licht! Stephen und Tom werden jetzt soweit sein – komm schon mit, Sean, wir wollen es versuchen.“

 

 

3

Das Brausen des Meeres übertönte das eintönige Tuckern des Dieselmotors. Casey saß am Rand, flankiert von seinen Söhnen, die sich am Deck festgebunden hatten, während sich Sean Corkery verzweifelt am Ruderradgehäuse festklammerte.

„Go raib mait agat! (Dass dir Gutes sein möge, Vater)“, flüsterte Tom scheu. „Wenn wir jetzt nicht gleich die Bucht verlassen – in fünf Minuten ist es zu spät.“

Schon in der Bucht zausten und zerrten Wind und Wellen an dem Kutter. In der letzten halben Stunde hatte der Wind mächtig aufgefrischt. Man konnte bereits von einem Sturm sprechen.

Zwei Klippen, die wie natürliche Wellenbrecher wirkten, waren noch zu passieren, und hernach ging es hinaus in die Meeresstraße zwischen Westküste und Blasket-Insel. Bis dorthin ging auch alles gut. Eine Riesenfaust schien aber dann plötzlich die „Muire“ zu packen, und wirbelte sie um ihre Achse. Fast schien es, als habe sie sich in ein Unterseeboot verwandelt. Kurze, harte Brecher kamen über Bug, versuchten den Kutter unter See zu drücken, liefen lang über die Planken aus, drohten den Männern die Knochen einzudrücken und verliefen sich achterlich über Heck. Daniel Casey hielt eisern Kurs und glotzte aus hervorquellenden Augen die Kompassrose an, die im Widerschein der Notbeleuchtung grünlich flimmerte.

Ein Stunden währender Kampf hatte begonnen. Aber noch hielt sich der Kutter über Wasser.

 

 

4

Eigentlich war es ein Wunder, dass die „Muire“ heil durchkam. Anderthalb Tage später, gegen Mittag tauchte die Küste der Normandie über Kimm auf.

Daniel Casey drehte bei und stoppte den Dieselmotor.

„Hier bleiben wir bis zur Nacht“, erklärte er Sean. „Ich könnte zwar unbesorgt bis an die Drei-Meilen-Zone heranfahren, aber dann würden mich unter Umständen die französischen Zollboote sichten und sich für die Nacht auf die Lauer legen. Nein, so ist es schon besser.“

Im Verlauf der letzten 36 Stunden hatten Daniel Casey und seine Söhne Tom und Stephen sowie Sean Corkery im wahren Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun gehabt und dabei selbstverständlich keine Gelegenheit gefunden, über Seans weiteres Schicksal zu sprechen.

Deshalb sagte der alte Casey jetzt: „Du musst dir natürlich darüber klar sein, Sean, dass ich dich in ein fremdes Land, nämlich nach Frankreich, einschmuggle, wo du zunächst einmal ohne Papiere und noch dazu mit einem Totschlag belastet sitzt.“

Tom, der ältere Sohn, der Daniel sehr ähnlich war, also groß und massig, lachte trocken auf. „Totschlag ist gut! Wie ich die gemeine O'Faolain-Bande und die O'Flahertys kenne, werden sie die Geschichte mit Liam als Mord hindrehen. Wenn dich die Behörden zu fassen kriegen, Sean, dann Gnade dir Gott!“

„Das ist mir alles klar“, gab Sean finster zu. Er fixierte Daniel bittend. „Du kennst dich in Honfleur einigermaßen aus. Sag du mir, was ich tun soll! Ich bin völlig ratlos!“

„Eine üble Geschichte“, murmelte Casey scheu.

„Selbstverständlich werde ich dir etwas Geld zustecken, bevor du an Land gehst – aber das ist auch alles, was ich für dich tun kann.“

„Vielleicht weiß Gaston Delouvier Rat?“, wandte Stephen, der jüngere Sohn ein.

„Wer ist Monsieur Delouvier?“, fragte Sean prompt.

„Unser französischer – hm! – Geschäftsfreund“, wurde ihm bedeutet. „Wir arbeiten gut und reibungslos mit ihm zusammen, das darf dich aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein verdammtes Schlitzohr ist und für guten Gewinn sogar seine eigene Mutter verkaufen würde.“

Sean machte eine Geste des Erschreckens. „Da komme ich ja in eine reizende Gesellschaft.“

Casey seufzte. „Man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen, Sean. Ja – so wird es gehen, Delouvier ist mir sehr verpflichtet; allein deswegen wird er dir gefälschte Papiere verschaffen, aber dann musst du selbst zusehen, wie du weiterkommst. Später, wenn Gras über die Geschichte gewachsen ist … “

„Nichts da!“, fiel ihm Tom nüchtern ins Wort. „Über eine solche Bluttat wächst so schnell kein Gras, das weißt du selbst am allerbesten, Vater. Sean wird sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, die nächsten Jahrzehnte in Frankreich oder sonstwo in der Welt zu bleiben. Das wäre alles, denke ich.“

Er sah seinen Vater fest an, ließ seinen Blick zu Stephen schweifen, hernach zu Sean und am Ende wieder zu seinem Vater zurück.

Jeder nickte schweigend.

Damit war das Schicksal Sean Corkerys, dem der Zufall einen so üblen Streich gespielt hatte, entschieden.

 

 

5

Bei Nacht und Nebel nahm die „Muire“ mit gelöschten Positionslaternen Kurs auf eine Totwasserbucht, die weit seitwärts des eigentlichen Hafens von Honfleur gelegen war, und wurde dort durch geheimnisvolle Lichtsignale eingewiesen.

Wenig später ging die Besatzung an Land; Sean Corkery lernte Gaston Delouvier kennen, der für ihn zunächst nur aus vagen Konturen und einer Stimme bestand.

Die Unterhaltung wurde in holperigem Englisch geführt, da Delouvier kein Irisch verstand und die Iren wiederum der französischen Sprache nicht mächtig waren.

„Ich gebe dir eine Stunde zum Ausladen, Dan“, sagte Delouvier. „Inzwischen habe ich dann das Rückgut hierher schaffen lassen. Eine weitere Stunde muss zum Verstauen genügen. Du hast noch vor Tagesanbruch die Bucht zu verlassen.“

Daniel Casey fragte nicht nach Warum und Wieso, sondern fügte sich schweigend. Delouvier war hier zu Hause; er musste wissen, was zu geschehen hatte; eine nutzlose Diskussion war nur Zeitvergeudung.

Während Sean, Tom, Stephen und einige junge Franzosen, die Delouvier mitgebracht hatte, ans Ausladen des Schmuggelgutes gingen und dieses auf einen uralten LKW luden, setzte Daniel Casey seine Unterredung mit Delouvier fort.

„Da wäre noch etwas, Gaston“, sagte er. „Der junge Mann, den ich mitgebracht habe – er muss untertauchen.“

Delouvier hob schnüffelnd die Nase. „Verbrecher?“

„Ganz gewiss nicht, Gaston.“ Casey legte beteuernd die Hand aufs Herz. „Einen Verbrecher würde ich niemals unterstützen.“

Delouvier kicherte verhalten. „Schmuggelei ist kein Verbrechen, wie?“

„Nein!“, versetzte Casey im Brustton der Überzeugung.

„Oui, ist schon gut. Aber was ist mit dem jungen Mann?“

„Ich will dir die ganze üble Geschichte erzählen …“

Als Delouvier alles wusste, war er alles andere als entzückt. Das konnte ihm Casey billigerweise auch nicht verdenken.

Eine kurze unbehagliche Pause entstand, ehe der Ire wieder das Wort ergriff und beschwörend sagte: „Gaston, wir arbeiten nun schon so viele Jahre reibungslos zusammen. Ich habe dir viel zu verdanken – du hast mir viel zu verdanken. Ich bitte dich herzlich, Sean zu helfen. Er ist weder ein Mörder noch ein Messerheld, er ist ohne eigenes Zutun in eine scheußliche Geschichte verwickelt worden, er hat in Notwehr gehandelt …“

„Was ihm niemand glauben wird, mon cher“, warf Delouvier beißend ein. „Sonst hättest du ihn nicht mitgebracht.“

Casey riss der Geduldsfaden, der – wie bei fast allen Iren – ohnehin nur sehr dünn war.

„Wirst du mir den Gefallen tun oder nicht?“, herrschte er Delouvier an. „Antwort! Ja oder nein?“

„Also Ja“, gestand der Franzose widerwillig zu. „Aber nur, weil du es bist. Sehr wohl ist mir bei der Geschichte nicht. Du bist dir doch hoffentlich darüber im Klaren, dass wir beide geliefert sind, wenn die Geschichte aufkommt?“

„Sie darf nicht aufkommen – und sie wird nicht aufkommen!“

Delouvier zuckte die Achseln. „Dunquinil ist ein kleines Nest, in dem jeder alles vom andern weiß.“

„Stimmt.“

„Es wird nicht lange verborgen bleiben, auf welchem Weg Corkery das Land verlassen hat.“

„Das ist anzunehmen.“

„Dann ist bereits der Ofen aus.“

„O nein.“

„Wie meinst du das?“

„Zwischen Wissen und Beweisen ist ein großer Unterschied“, meinte Casey überlegen. „Aus mir und meinen Söhnen bringt niemand etwas heraus.“

„Aber da ist noch deine Frau …“

Casey lachte herzlich. „Hast du eine Ahnung von Ann!“

„Dann – auf deine Verantwortung, Dan.“

„Jawohl, auf meine Verantwortung“, sagte der Ire mit schwerer Betonung. „Ich riskiere nicht weniger als du.“

Als der LKW beladen war, erschien ein zweiter mit der Rückfracht, die auf die „Muire“ umgeladen und auf ihr nach Irland gebracht werden sollte.

„Sean, ist es soweit“, sagte Casey bewegt.

 

 

6

Sean Corkery saß nun bereits volle vierundzwanzig Stunden im Keller eines Hauses, dessen Lage er nicht kannte. Delouvier war mit ihm nach dem herzlichen Abschied von den Caseys in die Hafenstadt hineingefahren und hatte erst in einer finsteren Garage unter einem hohen Steinhaus Halt gemacht. Danach war Sean in ein fensterloses Kellergemach geführt worden, das karg als Fremdenzimmer hergerichtet war. Ein Kokosteppich milderte die Kälte des Zementfußbodens, an Einrichtungsgegenständen gab es ein bunt bezogenes Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen Stuhl. An einer elektrischen Leitung hing eine nackte Glühbirne von der Decke. Das war alles gewesen, und doch hatte sich Sean des Eindrucks nicht erwehren können, dass Delouvier hier schon des öfteren Gäste beherbergt habe. Auch alles folgende war recht geheimnisvoll gewesen. Eine mürrische alte Vettel hatte ihm dreimal etwas zu essen gebracht, allerdings in jedem Fall etwas Gutes, Schmackhaftes, und später war ein junges Mädchen in langen Hosen mit einer Kamera erschienen, hatte Sean barsch an die Wand dirigiert und einige Aufnahmen von ihm gemacht. Da die junge Dame nicht weniger reizvoll als arrogant gewesen war, hatte Sean ein freundliches Gespräch mit ihr in Gang zu bringen versucht, war aber mit dem Hinweis barsch abgewiesen worden, sie spreche nicht mit Gesindel.

„Nicht nur der Apfel, auch Hochmut kommt vor den Fall“, hatte Sean erwidert, was aber gar nicht beachtet worden war.

Sean kauerte am Abend auf seinem Bett, rauchte eine Zigarette und überdachte sein verpfuschtes Leben. Grau in grau lag die Zukunft vor ihm. Merkwürdigerweise empfand er wegen Liam O'Faolains Tod keinerlei Gewissensbisse. Nein, ganz im Gegenteil, er hatte ein gutes Gewissen. Er hatte den Streit nicht gesucht, und als er ihm nicht mehr ausweichen konnte, hatte er ihn mit ehrlichen, fairen Mitteln austragen wollen. Der Gegner war anderer Ansicht gewesen – nun gut, also musste er die Folgen tragen. Das heißt, Liam hatte sie bereits getragen.

Hast du dir dein Leben tatsächlich verpfuscht?, fragte eine Stimme in seinem Innern. Deine Eltern sind im ungeeignetsten Augenblick gestorben und haben dich allein in einer feindlich gesinnten Umwelt zurückgelassen. Prompt wurdest du aus einem vernünftigen Bildungsgang herausgerissen und zum Kuli degradiert. Wenn das mit Liam nicht gekommen wäre – wie hätte sich dann dein Leben weiter entwickelt? Du wärst die nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Jahre weiter ein Kuli geblieben und hättest vielleicht Münze um Münze zurückgelegt, um eines Tages einen eigenen Fischkutter zu haben und vielleicht ein eigenes Haus. Und wie wäre dann alles weitergegangen? Du hättest dir natürlich eine Frau genommen – eine aus der untersten Preisklasse, denn eine andere wäre dir ja gar nicht zugestanden – und hättest viele Kinder, Not, Sorgen und ständiges Gezänk gehabt. Das also wäre deine Zukunft gewesen. Eine ähnlich glänzende kann sich dir in Frankreich bestimmt jeden Tag eröffnen.

Sich nähernde Schritte rissen Sean aus seinen Gedanken. Die Tür wurde geöffnet, Monsieur Delouvier trat ein.

Er war Ausgang der Vierzig, groß und wirkte aufgeschwemmt, ja, schwammig. Wie ein ehrenamtlicher Helfer der Heilsarmee sah er nicht aus mit seinen feisten Hängebacken, den Tränensäcken unter den Augen und dem gierigen Blick. Sein dünnes, verwaschenes Blondhaar war sorgfältig zum Hinterkopf gebürstet, darunter schimmerte schneeweiße Haut durch, die Sean amüsanterweise an die Hinterbacken eines Säuglings erinnerten.

Sean hatte sich höflich erhaben und sagte artig: „Guten Tag, Monsieur Delouvier. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und werde Ihnen Ihre Güte nie vergessen.“

„Mon dieu!“, verwunderte sich der Franzose. „Du sprichst ja meine Sprache – und sogar gut – das erleichtert vieles! Setz dich wieder, Sean; ich habe mit dir zu reden.“

Delouvier setzte sich stöhnend und fuhr fort, nachdem Sean ebenfalls wieder Platz genommen hatte: „Der Name Sean Corkery ist ab heute getilgt und ausgelöscht, hörst du? Ich habe einen Pass besorgt, du kannst ihn dir später ansehen. Fürs erste mag Folgendes genügen: Du heißt Patrick Finn und bist am 7.11.1918 in Cork gebaren. Deinen Vater hat man nicht gekannt, deine Mutter starb bei der Geburt. Du kamst in ein Waisenhaus und später zu einem Binnenschiffer in die Lehre – so, das ist alles, mehr brauchst du über dich gar nicht zu wissen.“

„Pardon, Monsieur“, wandte Sean, oder Patrick, wie Rotschopf ab sofort hieß, artig ein. „Was ist, wenn mich irgendeine Amtsperson nach Einzelheiten über das Waisenhaus fragt?“

Delouvier lachte. „Dann kannst du jede beliebige Geschichte erzählen, du musst sie dir nur gut merken und immer dabei bleiben. Das Waisenhaus Cork ist nämlich vor einigen Jahren abgebrannt, und dabei sind sämtliche Unterlagen vernichtet worden. Ich habe inzwischen für dich einen Koffer und das Allernotwendigste angeschafft; du fährst heute, nach Einbruch der Dunkelheit, nach Paris und von dort nach Marseille weiter. Dort meldest du dich bei meinem Freund Robiet, Rue Joliot 14. Der wird dir weiterhelfen.“

Ehrfürchtig sagte Rotschopf: „Sie haben sehr weitreichende Beziehungen, wie?“

Delouvier klopfte sich stolz an die Brust. „Das kann man behaupten, mon cher! Also, damit wäre alles abgemacht.“ Er erhob sich, besann sich aber anders und wandte sich noch einmal um. „Ehe ich es vergesse: Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass man dir unterwegs Schwierigkeiten macht – aber wenn du dich dämlich anstellst, kann es trotzdem passieren. In diesem Fall wirst du hoffentlich genügend Anstand besitzen, mich aus der ganzen Geschichte herauszulassen.“

„Darauf können Sie sich fest verlassen, Monsieur!“

„Dann stimmt die Richtung!“

„Einen Moment noch, Monsieur – was wird in Marseille weiter aus mir werden?“

„Das weiß ich doch nicht, mein Junge“, versetzte der Franzose im Ton eines echten Biedermannes. „Das müssen wir schon Robiet überlassen. Er hat noch in allen Fällen Rat gewusst.“

 

 

7

Der Zug fuhr durchs Rhonetal.

Der blutjunge Ire, der achtzehn Jahre lang Sean Corkery geheißen hatte, seit gestern aber für alle Ewigkeit Patrick Finn hieß, betrachtete aufmerksam die schöne Gegend. Allmählich begann das Unglück in ihm zu verblassen. Er fühlte sich in eine völlig neue Welt versetzt und nahm sich fest vor, die einmalige Chance, die man ihm geboten hatte, gut zu nützen.

Am frühen Abend kam der Zug in Marseille an. Bei sinkender Dunkelheit stand Rotschopf allein und verlassen in einer völlig fremden Stadt, betrachtete mit großen, erstaunten Augen das Leben und Treiben und hielt krampfhaft seine kleine Reisetasche um klammert, die seine wenige Habe barg

Allmählich löste er sich aus seiner Resignation. Er segnete seine französischen Sprachkenntnisse; gestatteten sie ihm doch wenigstens, sich nach der Rue Joliot durchzufragen. Am späten Abend erreichte er endlich todmüde Monsieur Robiets Haus, ein altes, schmalbrüstiges Gebäude, das aber im vagen Licht der Straßenbeleuchtung eigentlich keinen schlechten Eindruck machte.

Finn trat neugierig durch einen finsteren Torbogen; er fand eine Tür zur Linken, klinkte sie auf und tastete sich über eine knarrende Treppe in die erste Etage hinauf, wo er auf einen Klingelknopf drückte, worauf ihm eine uralte Frau öffnete. Sie schien taub zu sein, denn sie reagierte auf seine respektvolle Anrede in keiner Weise.

Doch in der mit Möbeln vollgepfropften Diele wurde schon Licht gemacht, ein schlanker, älterer Herr in Hausjoppe und Flanellhosen, der einen viel, viel besseren Eindruck machte als Monsieur Delouvier, trat heraus und musterte den Ankömmling eine Weile schweigend.

„Mon dieu“, murmelte er plötzlich. „Sie sind also doch gekommen, Monsieur Finn! Herzlich willkommen in Marseille! Dachte schon, Sie hätten es sich anders überlegt und wären nach Irland zurückgekehrt.“

„Damit hätte ich Eulen nach Athen getragen“, warf Rotschopf mokant ein – und nur er wusste, was mit seiner Bemerkung wirklich gemeint war.

„Kommen Sie herein, kommen Sie schnell herein, mein Lieber“, bat Robiet. „Wie geht es meinem Freund Delouvier? Hatten Sie eine gute Reise? Manchmal liegt um diese Zeit über dem Rhonetal Regen, aber ich hoffe, dass das heute nicht der Fall gewesen ist, denn ich wünsche nichts sehnlicher, als dass Sie einen guten Eindruck von meiner herrlichen, sonnigen Heimat empfangen.“

Der zurückhaltende Ire fühlte sich befangen unter dem Wortschwall des Empfanges und betrat verdutzt ein kleines, hübsches Wohnzimmer, wo bereits für zwei Personen gedeckt und eine kalte Platte vorbereitet war. Auch eine Flasche Rotwein und zwei Gläser fehlten nicht.

„Oui, Monsieur, machen Sie es sich bequem, und dann wollen wir zusammen essen“, rief Robiet strahlend. „Sie sind sicher schrecklich hungrig.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen für alle Ihre Güte danken soll“, stammelte der Ire, ließ sich aber nicht lange nötigen und nahm Platz.

Als er gesättigt war und die taube Haushälterin das Geschirr abgetragen hatte, fühlte er sich müde.

„Wollen gleich zum Geschäftlichen übergehen.“ Die Stimme Robiets riss ihn aus seiner Versunkenheit. Der Franzose lächelte ihn strahlend an. „Nun sagen Sie mir als erstes, mein Sohn, woher Sie kommen und was Sie gelernt haben …“

Sean sagte genau das, was ihm von Delouvier vorgeschrieben worden war, und Robiet erwies sich davon als außerordentlich befriedigt. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn in die gefalteten Hände und maß Sean wohlwollend. „Ich glaube, bei mir können Sie Ihr Glück machen, mon cher“, begann er. „Sie sind bei mir an die richtige Schmiede gekommen. Ich stehe mit einem unserer führenden Fischereiunternehmen in Verbindung, mit der Société St. Auguste, und dieses Unternehmen hat einen empfindlichen Mangel an seemännischem Personal. Sofern Sie gewillt sind, Ihren Beruf beizubehalten, kann ich Ihnen sofort eine Stelle als Vollmatrose vermitteln.“

„Ich komme mir vor wie Hans im Glück“, stammelte Rotschopf. „Nur dass es mit mir ständig aufwärts geht und nicht abwärts wie mit ihm …“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, den Arbeitsvertrag gleich zu unterschreiben?“

„Dazu bin ich selbstverständlich gern bereit, Monsieur. Was du schnell tust, ist doppelt gut getan.“

Robiet erhob sich, ging zum Schreibtisch und entnahm ihm einen Block mit vorgedruckten Formularen. Er schob ein Blaupapier zwischen das erste und zweite Blatt, kehrte zum Tisch zurück und bat um Patrick Finns Papiere. Danach füllte er in dem Vertrag einige Spalten aus und reichte, als er fertig war, Block und Tintenstift dem Iren zur Unterschrift hinüber.

Dieser las alle Paragraphen aufmerksam durch und fand an keinem etwas auszusetzen.

Du darfst nicht Sean Corkery schreiben, ermahnte er sich, sondern Patrick Finn! Dass dir ja keine Panne passiert. Du musst aufpassen – du musst jetzt sehr aufpassen!

Langsam, groß und deutlich schrieb er: „Patrick Finn“, und reichte sodann aufatmend den Block Robiet zurück.

„Wie geht nun alles weiter, Monsieur“, fragte er höflich.

„Das ist jetzt meine Sache. Ich muss morgen mit dem Vertrag zum Fischereibüro und dann zur Präfektur, um Stempelmarken und Stempel anbringen zu lassen; der Papierkrieg, Sie verstehen! Spätestens morgen Nachmittag können Sie bereits Ihren neuen Dienst aufnehmen. So, und jetzt wollen wir einen besonders guten Schluck auf den neuen Vollmatrosen der Société St. Auguste trinken.“

Er holte mit einer gewissen Feierlichkeit eine Flasche Cordial Medoc und zwei Gläser, goss ein und prostete Rotschopf zu.

Dieser tat ihm kräftig Bescheid.

„Vielleicht sagen Sie mir noch, Monsieur“, lallte er hernach, „wo ich schlafen kann. Ich bin plötzlich hundemüde. Sie werden das sicher verstehen …“

„Und ob ich das verstehe, mon cher!“, grinste Robiet faunisch. „Einen Moment; ich führe Sie selbst in Ihr Zimmer. Selbstverständlich sind Sie für heute Nacht mein Gast!“

 

 

8

Der Caporal-Chef salutierte stramm.

„Hier wäre der Rotschopf, mon Adjudant-Chef“, meldete er. „Der schaut vielleicht dumm aus der Wäsche! Scheint ein ganz kümmerliches Würstchen zu sein.“

Der Adjudant-Chef schaute gelangweilt auf. „Sie können abtreten!“

Völlig verschüchtert blickte Patrick Finn den Kompaniefeldwebel an. Er verstand überhaupt nichts mehr. Er war im Hause Monsieur Robiets zu Bett gegangen, aber am frühen Morgen in einem Raum erwacht, der verdächtige Ähnlichkeit mit einer Arrestzelle gehabt hatte. Wenig später hatte ein Uniformierter die offenbar verschlossen gewesene Türe aufgesperrt, dessen Matrosenuniform auf Sean einen reichlich sonderbaren Eindruck gemacht hatte, und dieser war barsch zur Toilette und zum Waschraum geführt worden. Und jetzt stand er, Patrick Finn, in einem als Schreibstube kenntlichen Raum vor einem massigen, finster blickenden Mann, der eine ähnliche Uniform trug, wie der Matrose, während im Hintergrund einige Schreiber verstohlen grinsten.

„Also, nun zu dir, Rotschopf“, begann der Adjudant-Chef, wurde aber von Finn höflich unterbrochen: „Pardon, Monsieur. Würden Sie mir eine Frage beantworten?“

Der Spieß äffte seinen Tonfall nach.

„Mais oui, Monsieur, fragen Sie, es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen antworten zu dürfen.“

„Sind Sie ganz sicher, dass ich hier bei der Société St. Auguste bin?“

„Ich kann Ihnen versichern, dass wir hier nicht bei der Société St. Auguste sind.“

„Dann muss ich sehr um Entschuldigung bitten“, fuhr Finn beunruhigt fort, „da muss eine Panne passiert sein! Ich habe Ihre Geduld unrechtmäßigerweise in Anspruch genommen.“

Der Uniformierte lachte schallend. „So, hast du das? Nun, ich bin anderer Meinung. Bleib nur hier bei uns, es wird dir bei uns sehr, sehr gut gefallen.“

„Aber wo bin ich hier denn eigentlich!“, protestierte Finn. „Ich habe gestern einen Anstellungsvertrag der Société St. Auguste unterschrieben, und muss spätestens heute Nachmittag meinen Dienst dort aufnehmen.“

„Was du nicht alles sagst, mein Junge!“ Der Adjudant-Chef wurde zynisch und beißend. „Du hast dich gestern zu fünf Jahren Dienst bei der Fremdenlegion verpflichtet, mon cher, und wenn du die fünf Jahre hinter dich gebracht hast, kannst du meinetwegen bei der Société St. Auguste anheuern. Eher aber nicht.“

„Fremdenlegion!“ Finn stöhnte. Ihn überlief es heiß und kalt. Selbst bis nach Irland hatte sich der Ruf der Fremdenlegion durchgesprochen, und es war kein guter Ruf, der ihr anhing. Der junge Mann wünschte nichts weniger sehnlich, als bei dieser Truppe Dienst zu tun.

„Das ist eine Lüge!“, rief er zornig.

Der massige Adjudant-Chef federte gelenkig auf. „Eines merk dir genau. Noch ein solches Wort, du blöder Hund, und du kriegst die Fresse voll. Verstanden? Ab sofort hältst du am besten dein dummes Maul und redest nur, wenn du gefragt wirst! Augenblick mal …“

Er schlug eine Akte auf und entnahm ihr ein Formular. Er hielt es dem Iren unter die Nase. „Da lies, was steht hier? Kriegsministerium. Und was steht da? Légion étrangère! Und was steht hier?“ Er deutete auf die Unterschrift.

Tatsächlich: Finn konnte es nicht leugnen – da stand in groben, deutlichen Buchstaben, unzweifelhaft in seiner eigenen Handschrift: „Patrick Finn.“

Allmählich dämmerte ihm die niederschmetternde Erkenntnis, dass ihn der freundliche Monsieur Robiet grandios betrogen hatte. Und er ahnte auch, wie.

„Das erkenne ich nicht an“, fuhr er störrisch fort. „Ich habe mit einem Tintenstift unterschrieben. Auf einem Formular der Société! Das hier“, er deutete nun seinerseits auf die Unterschrift, „ist zwar zweifellos meine Handschrift, aber die Schrift ist blau, sie ist also durchgepaust. Das gilt nicht.“

„Ich verstehe gar nicht, was du willst“, schäumte der Spieß. „Ist das hier deine Unterschrift, oder ist sie gefälscht? Na also! Wenn dir irgendwas nicht passt, kannst du dich ja beschweren. Von uns aber kannst du eine gehörige Tracht Prügel und zwei Monate Gefängnis haben – hast du endlich begriffen, du Hornochse.“

Ja, er begriff allmählich, der Hornochse! Er begriff, dass es klüger war, gar nicht erst den Versuch zu machen, sich gegen Kräfte zu wehren, die den seinen zehntausendfach überlegen waren. Ja, wenn der dumme Zufall in Dunquinil nicht gewesen wäre …

„Los, Aufnahme deiner Personalien.“ Der Adjudant-Chef winkte einen der Schreiber zu sich heran.

„Namen, Vornamen, Geburtsort, Geburtsdatum und so weiter und so fort …“

Auf diese Weise wurde der Legionär Patrick Finn aus der Taufe gehoben.

 

 

9

Die folgenden beiden Stunden verlebte Patrick Finn in einem sonderbaren Stadium zwischen wachem Entsetzen und halber Betäubung. Von einem Legionär, der ihn von Station zu Station begleitete, erfuhr er, dass er sich auf Fort St. Jean befand, dass er nun eingekleidet werde, und dass es demnächst nach Afrika hinüber gehe. Er wusste nun, dass man sich einen herrlichen Witz mit ihm geleistet hatte, den sicher alle, die davon erfuhren, einmalig und großartig fanden – bis auf einen. Der eine war er selbst.

Er empfing ein Minimum an Ausrüstungsgegenständen und eine Uniform, die allerdings nicht die der Société St. Auguste war. Am Ende wurde er in eine geradezu spartanisch eingerichtete Mannschaftsstube geführt, wo er sich zu etwa dreißig anderen Neuen gesellen musste. Dort herrschte ein geradezu babylonisches Sprachgewirr. Deutsche, englische, französische Wortfetzen drangen an seine Ohren, und auch andere, deren Ton und Modulation er noch nie gehört hatte.

Etwas hilflos und schüchtern stand er inmitten fremder Gesichter, von denen ihm kaum eines vertrauenerweckend vorkam. Der Zufall verschlug ihn in eine Ecke, wo sich drei Legionäre zusammengefunden hatten, die alle etwa in seinem Alter stehen mochten und zu deren offenen Gesichtern er schnell Zutrauen fasste. Der eine war lang und dünn, der andere untersetzt, der dritte ausgesprochen fett und machte einen gutmütigen Eindruck. Der lange Dünne musterte ihn kurz, verzog seine blassen Lippen zu einem ironischen Grinsen und sagte in englischer Sprache prompt: „Hallo, Rotschopf!“

„Hallo, Leute!“, murmelte Finn verstört.

„Ich bin John Stosh“, sagte der Dünne. „Merke dir den Iren schon auf zehn Meilen gegen den Wind an. Das hier“, er deutete nacheinander auf den Dicken und den Untersetzten, „sind Hans Freund und Willi Richter, zwei Deutsche. Sei in unserem feudalen Club herzlich willkommen, blödes Rindvieh! Denn ein Rindvieh bist du, genau wie wir auch. Schade, dass wir das zu spät erkannt haben.“

„Ich heiße … ich heiße Patrick Finn …“, stammelte Rotschopf kläglich.

„Hm – verstehst du außer Irisch und Englisch auch noch eine andere Sprache?“, erkundigte sich Stosh.

„Französisch.“

„Helau!“, murmelte Freund. „Jetzt sind wir vier, die sich wenigstens in einer Sprache unterhalten können.“

Patrick Finn war heilfroh, dass er endlich auf Menschen gestoßen war, mit denen er sich unterhalten kannte. Auch für sie war er sofort der Rotschopf – damit hatte er sich bereits abgefunden. Freund und Richter erwiesen sich als neugierig. Sie berichteten unaufgefordert, dass sie sich beide in der Heimat wegen verschiedener Unregelmäßigkeiten nicht mehr hätten halten können und deswegen den auf der Hand liegenden Entschluss gefasst hätten, zur Légion étrangère zu gehen, welchen Übereifer sie in diesem Augenblick schon bitter bereuten.

Rotschopf hatte ganz und gar nicht die Absicht, seine Geschichte zum Besten zu geben, und fand darin das volle Verständnis und die Unterstützung John Stoshs, der seinerseits ganz und gar nicht gesprächig schien und schon gar nicht die Absicht hatte, sein Innenleben vor den anderen auszuschütten.

 

 

10

It‘s a long way to Tipperary

Ende April war es schon verflucht heiß. Rotschopf war immer noch mit Stosh, Freund und Richter beisammen, aber die vier absolvierten ihre Ausbildungszeit nicht in Sidi-bel-Abbes – was eigentlich zu erwarten gewesen war –, sondern waren von dort aus gleich nach Meknes in Marokko gekommen, zur C.P.1, Compagnie Passago No. 1. Wenn man es recht bedachte, hatten die vier, die sich einander im Laufe der Zeit immer enger anschlossen, einen guten Start gehabt, weil eben jeder von ihnen einigermaßen passabel Französisch sprach und dadurch schneller in der Lage gewesen war, die in der französischen Armee eingeführten Kommando- und Befehlsworte zu erlernen und zu behalten. Die ersten Wochen gnadenlos harter Ausbildung waren bereits vorüber. Rotschopfs gestählter Körper ertrug die Strapazen wenn auch nicht spielend, so doch ohne jegliche gesundheitliche Störung. Bei Stosh und Freund war es nicht anders. Richter hingegen hatte bereits 20 Pfund abgenommen und sah aschgrau und verfallen aus. Der Legionsarzt, der ihn bei der Einstellung untersucht hatte, mochte in diesem Augenblick mit seinen Gedanken weit, weit weg gewesen sein.

Den Kameraden in der Gruppe und in der Section stand das vierblättrige Kleeblatt reserviert gegenüber, denn noch hatte man nicht die Böcke von den Schafen getrennt. Mit den Vorgesetzten war man allerdings besser gefahren, als man gehofft hatte. Capitaine Fabian, der Kompaniechef, schien ein feiner Kerl zu sein, machte aber einen leberkranken und dementsprechend gereizten Eindruck. Er überließ den Dienst im Wesentlichen Lieutenant Chartrain, dem Chef der ersten Section.

Spieß war Adjudant-Chef Smirnoff, ein Russe unbestimmbaren Alters, der sich seinen Legionären 24 Stunden am Tag betrunken präsentierte, ohne deswegen eine übertrieben schlechte Figur zu machen. Hineingefallen war man lediglich mit dem Gruppenführer, Sergent-Chef Pierre Legrand, den alle Kompanieangehörigen aus tiefstem Herzen dorthin wünschten, wo der Pfeffer wächst. Das blieb leider ein frommer Wunsch. Legrand dachte gar nicht daran, Anstalten zu seiner Abreise zu treffen.

Äußerlich war der Sergent-Chef ein schlanker, eleganter Mensch von männlicher Schönheit. Er besaß außerdem gewinnende Manieren und den Widerschein einer gewissen Kultur. Er gehörte nicht zu den Brüllern und hysterischen Schreiern, sondern machte die Mannschaft kalt fertig, auf eine eisige Tour, auf der ihm nicht beizukommen war. Ganz besonderen Wert legte er auf Knöpfe – nicht einmal so sehr auf gut geputzte, als vielmehr auf bestens angenähte Knöpfe. Sie seinen Untergebenen spielerisch abzureißen, hernach zu behaupten, sie seien in unvollständiger Uniform angetreten, und sie zur Bestrafung zu melden, schien er als eine Art Gesellschaftsspiel zu betrachten. Auch dem Haarschnitt widmete er seine ganz besondere Aufmerksamkeit, ebenso dem Waffenreinigen.

Die Kompanie Fabian stand zum Morgenappell und wartete auf das Erscheinen des Capitaine. Aber auch heute erschien der Capitaine nicht selbst, sondern schickte Lieutenant Chartrain. Auch Chartrain hatte seinerseits keine Lust, mit der Kompanie auszurücken, und änderte kurzentschlossen eigenmächtig den Dienstplan dahingehend, dass die Sectionen einzeln ins Gelände marschieren sollten. Als die erste Section endlich den Exerzierplatz erreicht hatte, hieß es Gruppenexerzieren, und der stellvertretende Sectionschef schlug sich somit seitwärts in die Büsche.

„Sei sehr vorsichtig, Rotschopf“, flüsterte Stosh seinem Kameraden Finn leise zu. „Ich fürchte, Legrand hat dich heute auf dem Kieker!“

„Was mich wenig stören soll“, erwiderte Finn achselzuckend. „Ich fühle mich dem Burschen voll gewachsen. Eines glaube mir: Der Mann hat gehörig Butter am Kopf – genau wie ich.“ Beide lachten sekundenlang. Träumerisch fuhr Rotschopf fort: „Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht Trompete blasen.“

Der Sergent-Chef stand in versammelter Haltung – die er insgeheim gern als napoleonisch bezeichnete – vor der Gruppenfront und erging sich in Tiraden. Er hatte eine angenehme, wohlmodulierte Stimme.

„Dem Formalexerzieren kommt, taktisch gesehen, eine größere Bedeutung bei, als der Legionär normalerweise glaubt. Wenn wir es bis zur Vergasung üben, ist das also keine Schikane, sondern gehört zum Gefechtsdrill, dem wir unter Umständen eines Tages noch unser Leben verdanken werden … Vergesst das gefälligst nie, dann wird euch der Dienst sogar Spaß machen.“

Legrand unterbrach sich und kam langsam näher. Vor Finn blieb er stehen und fragte sarkastisch:

„Warum hast du eben gelacht, Rotschopf?“

„Ich bitte melden zu dürfen, dass ich eben nicht gelacht habe, mon Sergent-Chef“, erwiderte Finn in strammer Haltung.

„So, so – ich mache dich darauf aufmerksam, dass du mich soeben vor versammelter Mannschaft der Lüge geziehen hast“, ging das Wortspiel weiter.

„Ich bitte melden zu dürfen, mon Sergent-Chef, dass mir das fern lag. Vielleicht habe ich gelacht, ohne es selbst zu merken: in diesem Falle hätten wir beide recht.“

Nun konnten sich die anderen nicht mehr halten, eine unterdrückte Bewegung ging durch die Gruppe.

„Möchtest du vielleicht erreichen, dass man deinetwegen eine Kriegsgerichtsverhandlung abhält?“, erkundigte sich Legrand verdächtig freundlich.

„Non, das möchte ich ganz und gar nicht, mon Sergent-Chef!“ Finn blieb gleichmäßig ruhig.

Legrand wandte sich ab und deutete mit der Rechten auf einen winzigen Punkt in der Ferne. „Vor uns Straße nach Agourai …“

„Ziel erkannt, mon Sergent-Chef.“

„Hinter dieser alleinstehender Ölbaum. Zehnmal hin und Zurück, Rotschopf! Allez-hopp!“

Stosh erblasste. Gegen einen solchen Befehl gab es kein Wehren. Aber er war unter der glühenden Sonne eine fürchterliche Schinderei – nein, mehr: fast ein Mordversuch.

Patrick Finn rannte los. Nicht, dass ihm die Strafe nichts ausgemacht hätte – so war das nicht. Aber er fühlte sich ihr andererseits gewachsen. Die Natur des Landes, dem er entstammte, hatte es mit sich gebracht, dass er in seinem Elternhaus nie verzärtelt worden war. Als man ihn nach dem Tod seiner Eltern zu den Fischern in die Lehre gegeben hatte, war das eine gute Vorschule für die Légion étrangère gewesen. All die Achtung, die die einfachen Leute von Dunquinil seinem Vater entgegengebracht hatten, hatte der wehrlose Sohn doppelt und dreifach büßen müssen. Nein, wesentlich besser war es Rotschopf bei seinem Lehrherrn zu Hause auch nicht ergangen als hier bei der Legion. Sein Körper war weiter nichts als ein Paket stählerner Muskeln ohne ein Gramm überflüssiges Fett, denn er hatte eine Vorschule hinter sich wie wohl kaum ein zweiter, der neu zur Legion stieß.

Er sprach immer noch gern in Metaphern – wenngleich er diesen Ausdruck bestimmt nicht kannte –, nur waren diese bissiger geworden.

Dreimal lief Rotschopf hin und zurück, viermal, fünfmal … Die wenigen Wochen in Afrika bei der Fremdenlegion hatten bereits genügt, ihn manches Vergangene anders betrachten zu lassen als vorher. Nicht selten erwachte er des Nachts und glaubte die gebrochenen Augen seines früheren Freundes Liam O'Faolain anklagend auf sich gerichtet zu sehen.

Es war doch Notwehr!, dachte er verzweifelt. Aber habe ich nicht das Meine dazugetan, die Auseinandersetzung herauszufordern? War ich nicht geistig der Überlegene? Wäre es nicht meine Pflicht gewesen, dem Zwischenfall die Spitze abzubiegen und es gar nicht erst zur Schlägerei kommen zu lassen?

Er wusste auf diese Fragen keine zufriedenstellende Antwort. Oft quälten und bedrückten sie ihn. Wie gerne hätte er mit einem guten Freund darüber gesprochen, aber das verbot sich von selbst. Seine puritanische Denkweise eröffnete ihm endlich einen Ausweg, der vielleicht kein echter war, in seiner Perspektive aber als solcher erschien: Er wurde geschunden wie alle anderen, aber er nahm die Fron als Vergeltung hin, als Strafarbeit, die er verdient hatte und abdienen musste, wenn er sich von der Schuld befreien, erlösen wollte.

An diesem glühend heißen Apriltag erging es ihm nicht anders. Das Bewusstsein, wieder einen winzigen Bruchteil seiner Schuld loszuwerden, machte ihn immun gegen alle Strapazen.

Die Kameraden verfolgten ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge; mit einem lachenden, weil sie durch diese Einlage eine Viertelstunde Ruhepause hatten, und mit einem weinenden, weil sie ernstlich für Rotschopfs Gesundheit fürchteten.

Pierre Legrand, Sergent-Chef der Légion étrangère, stand unbeweglich und bot den Anblick eines erzenen Standbildes. Zumindest bildete er sich dergleichen ein. Aus weit aufgerissenen Augen stierte er fassungslos Rotschopf an, der mit der Präzision einer gut funktionierenden Maschine das eine um das andere Mal von der Gruppe zum Ölbaum und vom Ölbaum zur Gruppe rannte. Als Finn die zehnte Runde beendet hatte, war er schweißgebadet und seine Brust hob sich mächtig unter dem Keuchen seiner Lungen, aber er war noch imstande, stillzustehen und sich beim Sergent-Chef in tadelloser Haltung zurückzumelden.

Dieser hätte ihm zwar am liebsten den Kopf abgerissen, aber das ging denn doch nicht. Leider …

„Fünf Minuten Pause“, befahl Legrand. Er hatte etwas ganz anderes befehlen wollen, aber in seiner namenlosen Verblüffung war es ihm nicht eingefallen.

„Sei überaus vorsichtig Rotschopf“, warnte Stosh seinen irischen Freund. „Du hast ab heute einen Todfeind mehr – vergiss das nie!“

In den nun folgenden drei Tagen behandelte Sergent-Chef Legrand seine Gruppe um vieles besser als je zuvor. Beinahe menschlich. In Wirklichkeit aber war es nur, dass er urplötzlich keinen Spaß mehr daran empfand, die Mannschaft in ihrer Gesamtheit zu reizen, weil er emsig und immerzu drüber nachsann, wie er dem verfluchten bärenstarken Rotschopf beikommen könne. An John Stosh wagte er sich merkwürdigerweise nie heran.

Stosh besaß zweifellos einige Bildung und ein gut fundiertes Wissen. Legrand fühlte sich von dem stets wortkargen, überlegenen Engländer durchschaut und hütete sich, sich vor ihm eine Blöße zu geben. Das konnte Stoshs Besorgnisse freilich nicht zerstreuen, er merkte nur zu deutlich, wie der Sergent-Chef seine Freunde und insbesondere Rotschopf mit geradezu wissenschaftlicher Akribie studierte und nach einer schwachen Stelle bei ihm suchte.

Und Legrand hatte Glück; er fand die schwache Stelle, und dies nur zu bald.

 

11

Am vierten Tag nach dem Duell zwischen dem Sergent-Chef und dem Iren sah Willi Richter schon beim Wecken wie eine wandelnde Leiche aus. Rotschopf, der sich zu dem Deutschen besonders hingezogen fühlte, versuchte diesen davon zu überzeugen, dass er sich unter allen Umständen krank melden müsse.

„Du bist ein guter, braver Kerl“, wehrte Richter matt ab. „Aber wem wäre damit geholfen? Mir am allerwenigsten. Der Bataillonsarzt bezeichnet doch jeden Legionär, der sich neu als krank meldet, zunächst einmal als Simulanten, und was dann folgt, weißt du zur Genüge: Strafexerzieren. Hält es der Mann aus, war er tatsächlich ein Simulant, bricht er zusammen, kann er auch dann noch ärztlich versorgt werden.“

„Das ist doch barer Unsinn“, fuhr der Ire auf.

„Das ist gar kein Unsinn!“, musste er sich von John Stosh sagen lassen. „Willi hat schon recht. Es wäre bedeutend besser, er würde während des Dienstes zusammenbrechen – so grausam das auch klingen mag. Unangenehme Tatsachen lassen sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man sie ignoriert.“

„Einmal“, sagte Finn träumerisch, „werden die Pfeile, die ich in die Luft werfe, ein Glasdach treffen; einmal wird das Wasser, das ich ins Meer schütte, vergiftet sein; einmal werden die Eulen, die ich nach Athen trage, kräftig das eigene Nest bekacken …“

Der Zufall wohl fügte es, dass an jenem Apriltag Gefechtsexerzieren im Dienstplan stand, und dass dieses wieder gruppenweise durchgeführt wurde. Sergent-Chef Legrand war voll in seinem Element. Er maß mit seinem unbestechlichen Adlerauge – das waren seine eigene Worte – eine Strecke von etwa zwei Kilometern aus, und hielt eine kleine Ansprache.

„Vor uns ebene Fläche von etwa 2000 Metern Länge. Gruppe Legrand hat diese unter Feindeinsicht zu überwinden. Artilleriefeuer aus sieben schweren Rohren und das Feuer einer verstärkten MG-Gruppe liegt auf dem Gelände. Mehr sage ich nicht …“

Er brauchte auch nichts mehr zu sagen, denn es war klar, dass das Gelände angesichts der geschilderten Umstände nur robbend überwunden werden konnte. Klarerweise hätte es im Ernstfall überhaupt nicht überwunden werden können, weil nach wenigen Minuten weder der Gruppenführer noch einer seiner zwölf Kameraden noch am Leben gewesen wäre.

Die Männer der Gruppe Legrand robbten los – feldmarschmäßig mit Stahlhelm, Karabiner und Tornister. John Stosh und Patrick Finn hielten sich auf einer Höhe, Freund kam auch einigermaßen mit, aber für den maladen Willi Richter war diese Anstrengung zu viel. Während das Gros der Gruppe Meter um Meter der Strecke zurücklegte, fielen zwei Mann mehr und mehr zurück – von denen es einem gelang, wieder allmählich aufzuholen, während Willi Richter nach knapp fünfhundert Metern stöhnend und ausgepumpt liegen blieb.

Unglücklicherweise hatte an diesem Tag der Sergent-Chef seine besondere Aufmerksamkeit auf den Deutschen konzentriert. Er trat zu Richter, der bewegungslos liegengeblieben war, und fragte ihn freundlich, ob er ein paar kräftige Fußtritte haben wolle, oder ob es ihm nicht lieber sei, doch weiterzumachen.

Richter biss die Zähne zusammen, robbte noch weitere zweihundert Meter und blieb dann endgültig liegen. Legrand setzte sofort seine Drohung in die Tat um, doch seine Fußtritte trafen einen Ohnmächtigen. Am Ende ließ der Sergent-Chef die Übung einstellen, pfiff die anderen zurück, und befahl vier Mann, unter denen sich Rotschopf, Stosh und Freund befanden, Richter zur Kaserne zu tragen und im Revier abzuliefern.

Rotschopf kümmerte sich wie eine Mutter um den Ohnmächtigen. Er öffnete ihm Uniformrock und Hemd, trug ihn selbst zur Trage und gab sich alle Mühe, ihm jede Erleichterung zu verschaffen.

Legrand beobachtete das alles aufmerksam und machte dabei eine sehr nachdenkliche Miene.

Stosh sagte zu Finn sehr besorgt: „Wenn du nur einen einzigen Blick in die Räubervisage dieses Hundes geworfen hättest, hättest du seine Gedanken gelesen. Der Kerl weiß jetzt, womit er dich zur Verzweiflung treiben kann – und er wird dich dazu treiben, pass nur auf!“

Richter blieb drei Tage im Revier und wurde hernach wieder dienstfähig geschrieben. Doch von diesem Tage an hatte er bei Legrand die potenzierte Hölle auf Erden. Die Hölle hatte jeder einzelne Angehörige der ersten Gruppe, aber mit Richter trieb es der Sergent-Chef zehnmal schlimmer und dies alles nur, um den bärenstarken Rotschopf klein zu bekommen.

In den Augen Finns flammte oft nackte Mordlust auf, aber er wusste sich zu beherrschen. Er hatte erkannt, dass er in das Getriebe einer gnadenlosen Maschinerie geraten war, in der es nur zwei Wege gab: den einen, sich zu behaupten, oder den anderen, unterzugehen.

 

 

12

„Übermorgen“, eröffnete Lieutenant Chartrain den Blauen bei der Instruktionsstunde, „ist der höchste Feiertag der Legion. Ich sage nur das eine Wort: CAMERON! “

Jeder Legionär wusste Bescheid.

Welche Bedeutung besaßen CAMERON und der 30. April?

Während der ersten Präsidentschaft des Zapoteken Benito Juarez in Mexico – 1861 bis 1867 – hatte Napoleon III. den Versuch gemacht, unter dem Protektorat Frankreichs ein mexikanisches Kaiserreich zu errichten, und den unglücklichen österreichischen Erzherzog Maximilian dazu bewogen, die Kaiserkrone anzunehmen. Diese größenwahnsinnige Eskapade war unglücklich ausgegangen, 1867 war Kaiser Maximilian durch ein mexikanisches Kriegsgericht zum Tode verurteilt und in Queratero hingerichtet worden. Die reichlich fragwürdige Macht Maximilians in den dramatischen fünf Jahren seiner Regentschaft hatte sich im Wesentlichen auf französische Truppen gestützt, unter denen sich Einheiten der Légion étrangère befunden hatten.

Am 30. April 1867 verschanzten sich 60 Legionäre unter Führung eines einarmigen Hauptmanns und zweier Lieutenants in einem Farmhaus auf der Hochfläche von Cameron und wurden von 2000 Mexikanern angegriffen. Als die drei Offiziere gefallen waren, übernahm ein Sergeant das Kommando und wies jede Aufforderung zur Übergabe höhnisch ab. Erst nach vielen Stunden machten die Mexikaner den Vorschlag, die Legionseinheit möge sich ergeben, sie dürfe mit allen Waffen abziehen. – Dieser Vorschlag wurde angenommen. Als sich die Türe des zur Festung gewordenen Farmhauses öffnete, marschierten insgesamt drei Mann, die alle drei verwundet waren, in die Freiheit, während die Mexikaner vor ihnen spontan das Gewehr präsentierten.

Der 30. April übertraf alle Erwartungen. Eine Stunde später als gewöhnlich wurde geweckt, aber nicht durch das Kläffen der Clairons, sondern durch die gesamte Regimentsmusik. Schon das Frühstück war fürstlich: Kaffee mit Milch, Schnaps, Butter, Konserven, Kuchen. Gegen neun begann die Parade, die mit der Verlesung des Originalberichtes über das Gefecht bei CAMERON und die Kranzniederlegung beim Ehrenmal endete. Damit war der Dienst dieses Tages abgeschlossen. Ein fürstliches Mittagessen schloss sich an. Die Tische bogen sich förmlich. Wein und Schnaps flössen in Strömen.

Rotschopf, Stosh, Freund und Richter blieben auch dann noch in ihrem Zimmer, als die übrige Mannschaft sich zum Ausgehen fertigmachte oder in die Kantine hinüberging.

Details

Seiten
205
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938968
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
teufel rotschopf
Zurück

Titel: Geh zum Teufel, Rotschopf