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Der Todesreiter von Sonoita

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Todesreiter von Sonoita

Copyright

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Der Todesreiter von Sonoita

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Gus Bangs und Nep Carlton hatten aufseiten der Nordstaaten tapfer gekämpft und nach Kriegsende wurden sie in Creston wie Helden gefeiert. Kurz darauf müssen die beiden kampferprobten Männer nach einem unglücklichen Geschehnis ihrem Heimatort verlassen, und sie schließen sich in Mexiko den Juaristas im Krieg gegen die kaiserlichen Truppen an. Als Manuela, die Tochter von Don Felipe Calmarra, entführt wird, legen die beiden Freunde ihre Uniform der Guardia Rurales ab, um das Mädchen aus der Hand der Rinderdiebe zu befreien ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Sie kommen!“, schrie eine helle Jungenstimme vom Stadtende her. „Sie kommen!“

An die zweihundert Menschen auf der Straße verstummten in ihren Gesprächen und eine Sekunde später brach der Jubel los. Ein alter Mann stand mitten auf der Straße, im verwaschenblauen Rock der Kavallerie, und blies ein Reitersignal auf einer auf Hochglanz polierten Trompete.

Da tauchten die Reiter auf. Zwölf Männer auf zottigen, abgemagerten Pferden. Zwölf Reiter in nicht mehr ganz sauberen und zum Teil geflickten Uniformen der Union. Allen voran ritt Captain Bangs, braungebrannt vom Leben im Freien, breit in den Schultern, aber abgemagert im Gesicht und mit müden Augen. Doch er lachte. Alle lachten hinter ihm, strahlten vor Freude, denn es war der 15. Mai 1865. Der Krieg war seit über einem Monat zu Ende. Die Auflösung der Kriegstruppen hatte begonnen. Die Heimat hatte ihre Männer wieder, und für die Menschen, die auf der Straße in Creston warteten, waren diese zwölf Männer Helden. Zwölf von über achtzig, die ins Feld gezogen waren. Die Überlebenden des mörderischen Krieges.

Gus Bangs wandte sich um. Da waren seine Männer, mit denen er Siege und Niederlagen überstanden hatte. Alles Reiter von der 2. Iowa-Kavallerie. Harte, oft narbige Gesichter. Gezeichnet von Entbehrungen, von Not und vielen erbitterten Kämpfen. Aber nun war es vorbei.

Es ist vorbei, dachte Bangs. Wir haben Glück, dass wir zum Norden gehören, dass wir die Sieger sind. Verdammt, das Leben fängt heute erst an. Nach vier verfluchten Jahren Dreck, Blut, Hunger und Angst. Vorbei!

Sein Blick suchte die Reihen der Menschen ab. Irgendwo musste doch Alice sein! Alice, die ihm immer geschrieben hatte, die immer in jedem Brief beteuerte, dass sie auf ihn, und nur auf ihn, warten werde. Vier Jahre lang hatte sie geschrieben, und er glaubte, dass sie auch vier Jahre gewartet hatte.

Da sah er sie! Blond, schlank wie eine Gerte und mit großen blauen Augen, die in der Sonne strahlten, stand sie in der ersten Reihe der Menschen, die vor der Post warteten. Der Jubel brandete in die Ohren der zwölf Reiter. Die Blasmusik vor dem Kirchenportal schmetterte „Stars for ever“, und mitten auf dem Platz vor der Kirche standen die weißgekleideten Kinder mit Blumensträußen, von denen sich Bangs fragte, wo sie um diese Jahreszeit herkommen mochten, auch die Männer in Frack und Zylinder standen bereit. Der ergraute, weißbärtige Bürgermeister Hobson, Alices Vater, daneben alte Männer vom Gemeinderat, die wie Hobson ihre Festtagskleidung angelegt hatten.

Und Fahnen, überall Fahnen. Zweihundert Augenpaare waren auf die Ankömmlinge gerichtet, der Jubel überschlug sich fast, und die Musik ging darin unter.

Kinder warfen Blumen auf die Pferde und Reiter. Bangs’ müder Brauner warf nervös den Kopf herum. Auch die anderen Tiere reagierten unruhig. Kanonendonner, Schüsse, das Geschrei von Verletzten oder das Brüllen angreifender Gegner, all das waren sie gewohnt. Aber Musik, Jubel und herumfliegende Blumensträuße aus Papierblumen machten sie nervös.

Halbwüchsige Jungen rannten herbei, nahmen die Pferde an den Trensen und führten sie, Mädchen mit lachenden Gesichtern und Tränen der Freude in den Augen, stürzten auf die heimkehrenden Soldaten zu. Alte Frauen taumelten ihren Söhnen entgegen, und da gab Bangs das Kommando zum Absitzen. Alle waren sie nun von Menschen umringt. Bangs saß ab. Neben ihm rutschte Nep Carlton, der drahtige kleine Sergeant mit dem blonden Struwwelhaar, aus dem Sattel direkt in die Arme seiner alten Mutter. Auch die anderen Männer wurden umarmt, gedrückt, geküsst und mit Beschlag belegt.

Bangs stand einen Augenblick völlig allein, bis Alice sich eine Gasse durch die Menschen bahnte und auf ihn zustürzte. Ihr blondes Haar wehte wie eine Fahne, und ihr Gesicht war tiefrot vor Freude.

Einen Augenblick sah Bangs über sie hinweg und entdeckte Alices Vater, den Bürgermeister, dessen Programm hier mitten auf dem Platz zusammengebrochen war, weil er die Begrüßungsrede nicht hatte halten können. Niemand in seiner Stadt wollte sich noch gedulden. Aufgeregt versuchte sich Hobson Geltung zu verschaffen, aber niemand beachtete ihn.

Alice war jetzt endlich vor Gus Bangs, und er umfing sie mit seinen muskulösen Armen, zog sie an sich heran, und sie hauchte nur: „Gus, endlich!“ Dann verschloss er ihren kirschroten Mund mit einem Kuss.

Beide sahen aus, als umgäbe sie ein Ring von Leidenschaft und Liebe, aber Gus Bangs spürte, dass ihm Alice etwas widerstrebte, dass ihr Kuss nicht voller Hingabe war, wie er es von ihr erwartet hatte. Schon bald machte sie sich frei und vermied es ihn anzusehen. Noch umnebelt von Wiedersehensfreude, sagte er:

„Alice, endlich können wir unser gegenseitiges Versprechen einlösen. Ich will, dass wir heiraten, so schnell wie möglich.“

Sie sah ihn an, und in ihren blauen Augen zeigte sich Widerspruch. Sie lächelte aber und fasste ihn am Arm. „Komm, du großer Held und Sieger, du sollst erst einmal ausruhen!“

Er wartete noch auf eine Antwort auf seinen Beschluss, doch sie zog ihn mit auf ihren Vater zu, der es mittlerweile aufgegeben hatte, seine Festrede zu halten und mit seiner Frau Alice entgegenkam.

Der alte Hobson lachte, als er vor Gus stand, klopfte ihm auf die Schultern und brüllte über den Lärm hinweg, der sie umgab: „Willkommen in Creston! Willkommen daheim, Captain!“

Andere Männer schüttelten Gus die Hand. Frauen begrüßten ihn, ein paar junge Mädchen kamen und küssten ihn auf die stoppeligen Wangen. Alles ging wie im Traum zu. Gus kam nicht mehr dazu, mit seinen Kameraden zu sprechen. Er war umringt von Leuten, die ihn feierten, die auf ihn einredeten, und er hatte Mühe, ihre Fragen so zu beantworten, dass niemand gekränkt sein konnte.

Immer wieder schrie ihm der alte Hobson ins Ohr: „Ihre Stadt, Captain, wird nie vergessen, dass Sie für den Norden gekämpft haben. Für uns sind Sie ein Held! Ja, ein Held! Keine falsche Bescheidenheit! Creston ist stolz auf Sie und Ihre Männer! Creston wird immer für Sie da sein, Captain!“

Jemand stimmte die Nationalhymne an, dann sang die ganze Stadt ... und im Anschluss erklangen Hochrufe auf Captain Bangs und seine Männer.

Als Gus Bangs endlich dem Begeisterungssturm entfliehen konnte, hatte ihn Hobson zwischen sich und seine Frau genommen und steuerte sein würdiges Haus gegenüber der Episkopalkirche an. Von Alice war plötzlich nichts mehr zu sehen, und der Jubel war noch immer so laut, dass Bangs’ Frage nach Alice von Hobson beim besten Willen nicht verstanden wurde.

Drinnen im Haus erklang der Jubel von draußen nur gedämpft. Als Bangs im langen, mit Teppichen bedeckten Flur stehenblieb, wandte er sich an Hobson und sagte: „Ich muss mich um mein Pferd kümmern ... und wo ist denn nur Alice?“

„Sehr gut“, lachte der bärtige Bürgermeister. „Erst denkt der Kavallerist an sein Pferd, dann an sein Mädchen! Hahaha! Nun, Captain, Alice ist noch etwas besorgen, und Ihr Pferd ... ah, darum werden sich die Jungs der Stadt reißen, es versorgen zu dürfen! Wir alle werden sonst was tun, wenn Sie nur den geringsten Wunsch äußern.“

Mrs. Hobson war mit einem höflichen Lächeln davongegangen und in die Küche verschwunden. So standen die beiden Männer allein im dämmrigen Flur.

„Ich habe einen solchen Wunsch, Sir. Alice und ich wollen heiraten, und zwar so bald wie möglich.“

Hobson wurde ernst. „Lieber junger Freund, mein bester Captain Bangs. Ich bin dafür, bin sehr dafür, aber so etwas besprechen wir drinnen.“ Er führte Bangs in den Salon, schenkte echt schottischen Whisky ein, bot eine Zigarre an, die zu den jetzigen Preisen ein kleines Vermögen wert war und ließ sich dann in einem der prächtigen Ledersessel nieder.

Als seine Zigarre und die von Bangs brannte, sagte er: „Man darf nichts übereilen, lieber Freund. Schon gar nicht eine Ehe. Ich möchte, dass Sie Alice bekommen, und meine Frau ist da meiner Meinung. Aber ihr kennt euch doch nur aus der Jugend, da wart ihr zu jung, um zu wissen, ob ihr zueinander passt. Und dann, im Krieg, da habt ihr euch doch nur gesehen, wenn Sie die wenigen Male kurz auf Urlaub gewesen sind. — Ich meine, Captain, wir sollten uns in einer Woche wieder darüber unterhalten. Nicht jetzt im Taumel der Freude. Eine Ehe ist ernst, bitter ernst. Denn bis jetzt wissen Sie doch sicher noch nicht, was Sie machen, wenn Sie Ihre Uniform ausgezogen haben ...“

 

 

2

Ein paar Wochen später ...

Nep Carlton, der drahtige Blondschopf, hockte in der hintersten Ecke des Old Miner Saloons und stierte in sein leeres Glas, als Bangs das Lokal betrat. Außer Carlton war nur der Barkeeper da, der müde und lässig mit einem schmierigen Tuch in den gewaschenen Gläsern herumwischte.

Als Bangs eintrat, nickte ihm der Keeper mit öligem Grinsen zu, ließ das Tuch los und stellte die Gläser weg. „Whisky?“, fragte er. Nep Carlton hob den Kopf, sah Bangs und strahlte plötzlich. All seine Trübsal schien vergessen.

„Einen? Zwei, Mr. Stone“, sagte Bangs, nahm die gefüllten Gläser und ging damit zu Nep an den Tisch.

„Hallo, Captain!“, rief ihm Carlton entgegen.

„Hallo, du verlaustes Frontschwein! Wieso bist du nicht bei Mary?“

Neps Freude schien wie weggeblasen. „Mary? Hör auf, von Weibern zu reden, Captain! Ich war so verdammt froh, dass dieser mistige Krieg vorbei ist. Aber jetzt, Häuptling, jetzt wollte ich, er ginge weiter.“

„Bist du verrückt, Nep?“

Der blonde Corporal mit dem kantigen Gesicht schüttelte den Kopf. „Nein. Was bin ich denn jetzt noch? Ein Dreck. Geld ist alle. Der liebe Staat hat uns zwar vier Jahre lang in den Dreck geschickt, aber mehr als zweihundert Dollar hatte er für unsereins nicht übrig, als alles vorbei war. Und nun? Keine Arbeit zu finden. Absolut keine. Vor dem Krieg hatte ich den Job bei Ferrymasters. Und was meinst du, wer das jetzt macht?“

„Keine Ahnung.“

„Ein Schwarzer aus dem Süden! Überall sind Farbige aus dem Süden. Ehemalige Sklaven, von uns befreit. Und weißt du auch, dass sie für weniger als die Hälfte von dem arbeiten, was wir früher bekommen haben? Verdammt, Captain, wenn ich gewusst hätte, was nach diesem verfluchten Kriege ist, hätte ich den Süden unterstützt. Noch nie habe ich Schwarze gehasst, aber jetzt, verdammt, jetzt hasse ich sie mehr als Schmeißfliegen.“

„Quatsch, die können doch nichts dafür.“

„Ist mir egal. Einer von denen hat meinen Job als Telegrafenreiter bei Ferrymasters. Für weniger als die Hälfte. Und ich? Hah, nicht mal ’nen Drink bekommt man in dieser Stadt umsonst. Helden! Ehrenbürger! Jeder Wunsch wird erfüllt! Wenn ich nur daran denke! Aber die haben nicht mal Arbeit für uns, Arbeit, denn ich will nichts geschenkt. Ich will arbeiten, wie jeder normale Mensch in diesem Land arbeiten und mein Geld verdienen.“ Er kippte den Inhalt seines Glases mit einem Zug und wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab.

„Wie viel hast du heute schon getrunken, Nep?“, fragte Bangs und sah Nep aus schmalen Augen prüfend an.

„Frag nicht danach. Ich finde diese Welt zum Kotzen ungerecht.“

Nep sah Gus Bangs an. „Und du, Captain? Was wirst du tun, Sir?“ Er grinste, als er Sir sagte! denn seit Chattanooga waren die Formen gefallen. Im harten Fronteinsatz war nur mehr der Respekt vor dem Tüchtigeren geblieben, sonst zählte nichts. Bangs hatte zu jenen gehört, die selbst in Unterhosen einen Befehl geben konnten, der sofort befolgt worden wäre. Die Männer seiner Abteilung waren ihm blindlings gefolgt. Aber wer fragte jetzt noch danach?

„Ich? Hmm“, murmelte Bangs. Und er fragte sich, was sein Leben von dem Neps überhaupt unterschied. Im Grunde hatte Nep sogar im Zivilleben wenigstens einen Beruf. Er war Kurierreiter einer Frachtgesellschaft gewesen. Aber er selbst? Kadett, West Point, der Krieg, die Offizierslaufbahn ... alles gut und schön, wenn die Sache in Dunker Church nicht passiert wäre. Damals, als die Texas Brigade von Südstaaten-General Hood angriff, als Major Layton von der 2. Iowa-Kavallerie die Nerven verlor und voreilig mit seinem Stab davonritt, dabei der kämpfenden und von Hood hart bedrängten Truppe den Befehl zum überstürzten Rückzug gab. Bangs missachtete den Befehl, griff erneut an, und aus einer drohenden Niederlage wurde wenigstens ein halber Sieg. Bangs bekam einen Orden und einen Makel in seiner Offiziersconduite. Den Orden, um die über den geflüchteten Major erbosten Soldaten zu beruhigen, den Tadel in der Beurteilung, um den Vorschriften der Armee gerecht zu werden. Für Bangs war damit die Weiterverwendung als Offizier nach dem Kriege ausgeschlossen.

„Ja, was tust du?“, fragte Nep wieder und schnupperte an seinem leeren Glas.

„Tja, im Prinzip nichts.“ Jetzt war es heraus, und Bangs musste lächeln, so ernst seine Lage auch war. Zwar besaß er noch etwas Geld, denn als Captain war er mit tausend Dollar verabschiedet worden. Doch sonst ...

„Was ist mit Mary?“, fragte Bangs.

„Was soll sein? Sie hat es jetzt mit einem Kerl von der Mine. Der verdient jede Woche dreißig Dollar. Sie ist fürs Reelle, verstehst du?“

„Aha.“

„Und Miss Hobson?“, fragte Nep gespannt.

„Die ist auch für Realitäten. Wie Mary.“ Bangs wandte sich dem Keeper zu, der in einer vergilbten Zeitung las. „Noch zwei!“

Sie warteten, bis die Gläser wieder gefüllt waren und der Keeper sich entfernt hatte. Dann sagte Nep: „Hobson will es nicht, was?“

„Er sagt, dass er es will, aber der Drückeberger ist ihm lieber als Schwiegersohn. Ich meine Jensons Sohn.“

„Ja, ein Warenhausbesitzer ist reicher als du, Captain“, meinte Nep. „Will Jenson ist zwar eine Saftnase und ein Schwächling, aber er wird den ganzen Laden einmal erben. Daran wird der alte Hobson denken.“

„Genau. Ich habe mir überlegt, in den Süden zu gehen“, sagte Bangs.

„Zu den Rebellen? Da unten herrscht Hungersnot.“

„Nein, nach Mexiko!“

„Da ist Krieg. Franzosen, Belgier und Österreicher gegen die Juaristas. Hör auf mit Krieg! Davon reicht es mir bis ans Lebensende.“

„Und vorhin hast du gesagt ...“

Nep nickte. „Habe ich, trotzdem würde ich nicht mehr, wenn es geht. Nicht mehr an die Front, Captain. Hinten, mit dem warmen Hintern beim Tross. Das ist gut. Aber vorn? Nein.“

„Noch eine Woche, und du denkst anders. Sie sollen gut bezahlen.“

„Die Franzosen?“

„Die Juaristas. Ich habe vorhin gelesen, dass unser neuer Präsident Johnson die Juaristas unterstützt. Er mag die Europäer nicht.“

„Politiker mögen immer irgendwas nicht. Und wir Idioten werden von ihnen verheizt. Hör auf! Was gehen mich die Greaser an?“

Er trank sein Glas und sah Bangs fragend an. „Habe ich nicht recht?“ Bangs stand auf. „Komm, Nep, hier drinnen bekomme ich keine Luft“, sagte er, und blickte auf den feisten Keeper, dessen öliges Grinsen ihm auf die Nerven ging. Sie alle hier in dieser Stadt taten freundlich, aber keiner war bereit, auch nur einen Finger zu rühren für jene Männer, die vier Jahre lang an der Front gewesen waren.

In diesem Augenblick betrat Andrew Ferrymasters den Saloon. Ein großer, dickbäuchiger Mann von etwa fünfzig Jahren, an dessen Händen die Ringe glitzerten und über dessen weit gewölbten Bauch sich eine dicke goldene Uhrkette spannte. Alles an diesem Mann strahlte Wohlstand aus.

Er blieb an der Theke stehen, legte seinen Knotenstock darauf und sagte schroff: „Wie immer, Stone.“ Jetzt schien er auch Bangs und Nep zu bemerken, runzelte bei Neps Anblick die buschigen Brauen und nickte Bangs dann jovial zu. „Hallo, Captain! — Übrigens möchte ich mit Ihnen reden, Mr. Bangs. Ich suche einen tüchtigen Mann für mein Lager.“

„Nep sucht so etwas“, erwiderte Gus sofort.

„Ich spreche mit Ihnen, nicht mit Nep. Der ist Kurierreiter gewesen, aber das macht jetzt ein Schwarzer. Die schwarzen Jungs aus dem Süden sind billig. Wir haben zwar den Krieg gewonnen, aber es gilt scharf zu kalkulieren. Geld ist knapp, Gentleman. Sehr knapp. Bei dem Posten in meinem Lager dachte ich an einen vertrauenswürdigen Mann, wie Sie das sind.“

Gus wusste, was Ferrymasters meinte. Dieser Posten eines Lageristen erforderte außer Vertrauenswürdigkeit das Hirn eines Spatzen. Selbst Nep wäre dafür zu schade gewesen. Viel zu schade, wie sich Gus sagte.

„Das bieten Sie einem Offizier an?“, fragte Gus mit eisigem Lächeln.

„Offizier? Der Krieg ist aus, Sir. Das Leben geht weiter. In meinem Geschäft zählt nur das Geld. Nicht irgendein Krieg, nicht irgendein Rang, nicht irgendein Orden.“

„Mr. Ferrymasters“, mischte sich Nep ein. „Ich habe früher schon oft daran gedacht, wie Sie sich an einem Spieß über einem schönen Feuer ausnehmen würden. Der Gedanke ist im Augenblick besonders stark in mir. Ohne Captain Bangs wären die Rebellen auch nach Iowa gekommen und hätten Ihren fetten Wanst aufgeschlitzt, Ihr verdammtes Geld weggenommen, Ihr dreimal verfluchtes Lager angebrannt und Ihnen die Pferde Ihrer Postlinie requiriert.“ Ferrymasters bekam einen dunkelroten Kopf. Der Keeper blickte nervös von einem zum anderen, und Gus Bangs lächelte dazu.

„Es hat wohl außer Mr. Bangs noch ein paar mehr Soldaten gegeben“, krächzte Ferrymasters, dem vor Wut die Luft ausging.

„Hat es, Sir, hat es“, sagte Nep. „Aber ich meine ja auch nicht nur ihn. Ich meine uns alle. Als wir hier in die Stadt kamen, habt ihr geschrien, dass wir Ehrenbürger sind, dass ihr uns die Füße küssen würdet. Und jetzt? Jetzt habt ihr nicht einmal eine anständige Arbeit für uns. Ich sagte: eine anständige Arbeit. Der Captain hat eine gute Schule besucht, und Sie bieten ihm Ihr vergammeltes Lager an. Ferrymasters, Sie sind ein Drecksack, der sich im Kriege auf unsere und anderer Kosten gemästet hat. Ich möchte Ihnen in Ihr fettes Gesicht spucken. Das täte mir direkt wohl.“

„Mr. Bangs, dieser Mann ist ein Verleumder!“, schrie Ferrymasters mit überschnappender Stimme. „Geben Sie ihm Befehl, sich zu entschuldigen!“

„Der Krieg ist aus“, sagte Bangs lächelnd, „das hatten Sie vorhin schon so treffend bemerkt. Und deshalb gebe ich auch keine Befehle mehr. Ich finde nur, dass Nep selten im Leben mir so sehr aus der Seele gesprochen hat wie eben!“

In diesem Augenblick verlor Ferrymasters jede Beherrschung. Gus’ Worte lösten in ihm etwas aus, das er nicht mehr bremsen konnte. Plötzlich sprang er vor, den Knotenstock in der erhobenen Rechten, und damit schlug er zu. Er traf Nep auf die Schulter und wollte noch einmal zuschlagen.

Aber da hatte Gus schon zugepackt, riss Ferrymasters’ Arm herunter und stieß den Mann zurück. Ferrymasters flog bis an die Theke, prallte an, dass alle Gläser klirrten und stand dann mit hängenden Armen, ließ den Stock fallen, wurde plötzlich blaurot im Gesicht und wollte etwas schreien. Aber er schien keine Luft zu bekommen. Seine Augen wurden groß, sein Mund war weit geöffnet. Dann sank er zu Boden.

Entsetzt beugte sich der Keeper über den Tresen, und Nep — noch im Banne der Züchtigung — knurrte: „Verreck nur, du Bastard!“

Gus trat zu dem reglos Liegenden, kniete sich neben ihn und drehte ihn auf den Rücken. „Er ist tot.“

Da kreischte der Keeper mit schriller Stimme: „Sie haben ihn ermordet, Mr. Bangs! Sie haben ihn umgebracht!“ Und schon wieselte er zur Tür, lief auf die Straße und kreischte: „Mord! Totschlag! Mr. Ferrymasters ist umgebracht worden!“

Nach zwanzig Minuten kamen Sheriff Ferguson und zwei seiner Deputies. Der bärtige, weißhaarige Sheriff sah Gus aus glänzenden Bernhardineraugen an, als er sich die Geschichte angehört hatte.

„Gut“, erwiderte er auf Gus’ Erklärung, „ich prüfe die Sache nach. Solange bleiben Sie in der Stadt, Mr. Bangs.“ Er wandte sich an seinen einen Deputy, auch ein alter Mann: „Du holst mir den Doc und den Coroner.“

Der Keeper stand mit hochrotem Kopf neben ihm. „Aber er hat ihn an die Theke geschmissen. Es war Mord!“

„Stone, seien Sie still, ich werde das untersuchen. Carlton, Sie kommen noch in mein Büro und wiederholen Ihre Aussage schriftlich. Sie auch, Stone“, sagte er zu Nep und dem Keeper.

Später gingen Nep und Gus die Straße entlang. Gus wollte zum Hotel, wo er ein kleines Zimmer gemietet hatte. Das Haus seiner Eltern, die beide während des Krieges gestorben waren, befand sich in einem Zustand, dass Gus erst einmal alles instandsetzen musste, um es bewohnbar zu machen. Niemand hatte sich in den letzten zwei Jahren darum gekümmert.

Die Nachricht von dem Tod Ferrymasters eilte den beiden Männern voraus. Wem sie auch begegneten, alle versuchten ihnen auszuweichen. Eine Welle eisiger Ablehnung empfing Gus auch im Hotel. Nep Carlton begleitete Gus, und als sie später zu zweit das Hotel verließen, trat Hobson auf sie zu. Der Bürgermeister schien vor dem Hotel gewartet zu haben.

Er war blaurot im Gesicht vor Zorn und schrie Gus an: „Der Krieg ist vorbei! Das Töten hat ein Ende. Sie sollten zuerst begreifen, dass man Probleme und Widersprüche nicht mit Gewalt lösen kann! Ich erkenne Ihnen die Ehrenbürgerwürde ab, Bangs! Ich habe mich in Ihnen getäuscht! Und ich verbiete Ihnen fortan mein Haus!“

Gus sah ihn bestürzt an. „Es war kein Mord!“, beteuerte er, aber Hobson wollte gar nichts mehr hören, zu allerletzt die Wahrheit. Er hatte sich festgerannt in seinem Vorurteil, das, wie Gus spürte, gut in seine Pläne passte.

„Sie sollten die Stadt verlassen! Sie und dieser Bursche da, der vergessen hat, was Mr. Ferrymasters vor dem Kriege für ihn getan hat. Wir sind hier nicht im Indianerland. Creston ist eine zivilisierte Stadt!“ Dann drehte er sich brüsk um und stampfte davon.

„Idiot!“, brummte Nep Carlton und lachte wild auf. „Vollgefressener Geldsack.“

Hobson blieb stehen, als er das hörte, schüttelte in wildem Grimm die Arme, drehte sich aber nicht um und ging schließlich weiter.

Aber die Wirkung auf das, was er gesagt hatte, spürte Gus sehr rasch. Am Abend wurde ihm das Zimmer gekündigt. Nep, der einen Schnaps trinken wollte, bekam nirgendwo ausgeschenkt, und wenn er es mit purem Gold bezahlt hätte. Niemand wollte an Gus und Nep etwas verkaufen. Nur die einstigen Kameraden, jene anderen zehn Männer, die mit dem Captain zurückgekommen waren, unterstützten ihre Freunde.

Doch diese Hilfe stand in keinem Verhältnis zu der geschlossenen Ablehnung aller Übrigen. Hobson tat, was er konnte, um den Hass zu schüren. Selbst als zwei Tage später feststand, dass nach dem Gutachten des Arztes ein Schlaganfall das Leben Ferrymasters beendet hatte, und als sogar der Richter bekanntgab, dass Gus Bangs lediglich in einer Art Notwehr Ferrymasters zurückgeschoben hatte, um einen zweiten Schlag auf Carlton zu verhindern, gab sich niemand zufrieden — es blieb bei der Ablehnung.

Was vor drei Wochen gejubelt und sich in überschwänglichen Beteuerungen ergangen hatte, tat nun so, als hätten Gus Bangs und Nep Carlton die Pest am Hals. Von allen waren Hobson und schließlich auch Alice die Schlimmsten.

Alice sagte es Gus ins Gesicht, was sie dachte. Er traf sie drei Tage nach Ferrymasters Tod vor dem Haus eines Kriegskameraden, bei dem er jetzt wohnte.

Sie wollte erst grußlos weitergehen. Doch dann blieb sie stehen, sah ihn mit flammendem Blick an und sagte scharf: „Ich will Ihnen etwas sagen, damit es für alle Zeiten geregelt ist, Mr. Bangs: Sie sind sowieso nicht der, für den ich Sie hielt. Und jetzt noch die Sache mit Mr. Ferrymasters. Ich wünsche mit Ihnen keine Bekanntschaft mehr, Mr. Bangs. Gar keine!“

Er konnte es nicht fassen. Völlig entsetzt starrte er sie an. „Alice, wir haben uns doch geliebt! Hast du alles vergessen, all die schönen Stunden?“

„Es war ein Irrtum“, entgegnete sie kalt.

Sie war schön, immer war sie begehrenswert schön gewesen, und ihr Haar schien auch jetzt wie flüssiges Gold über ihre Schultern zu fließen. Aber in ihren Augen und um ihren Mund war etwas, das er an ihr vorher noch nie bemerkt hatte. Eine Gefühlskälte und Härte, die sie in ihrem Zorn nicht zu verbergen wusste.

Das öffnete ihm die Augen. Plötzlich hätte er lachen können, hell auflachen vor Freude, es jetzt bemerkt zu haben. Im Grunde musste er ihr ja dankbar sein.

Mein Gott, dachte er, wenn ich sie geheiratet hätte ...

Sie sah ihn verblüfft an, als er sie mit einem Male anlächelte. Verwirrt versuchte sie zu ergründen, was in ihm vorging, aber er wandte sich einfach ab und ging ins Haus zurück. Nep, der auch hier wohnte, saß mit trübem Blick am Tisch. „Nep“, sagte Gus, als er eingetreten war, „Nep, ein Glück, dass du dein Pferd nicht verkauft hast. Pack deinen Kram und sattle! Wir reiten noch diese Nacht. Den Pferden tut die Bewegung sowieso gut. Also?“

Nep sah auf. „Weißt du auch, wohin wir reiten?“

„Das sagte ich dir schon vor Tagen. In den Süden.“

Aber der Zufall ritt mit ihnen. Der Zufall, der bewies, wie klein die Welt sein konnte ...

 

 

3

Es war drei Jahre später, im Mai 1868. Weit weg von Iowa, tief im Süden ...

Glühende Sonne brannte auf das geduckt liegende Städtchen Sonoita herab. Eher war der Ort eine Siedlung, und seine Armut wurde nur verdeckt von der strahlend weißen Missionskirche, deren beide Türme wie riesige Finger mahnend zum Himmel ragten. Direkt hinter dem Ort, dessen Grün die Quelle verriet, begann die Wüste. Schroff, gefährlich, unendlich, wie es schien.

Männer in weißen Baumwollanzügen hatten sich vor der Kirche versammelt. Frauen in bunten Kleidern, Mädchen in ihren besten Festtagsgewändern umringten die Plaza. Mitten darauf vor dem eben errichteten Denkmal des Präsidenten Juarez stand die große Blaskapelle und spielte „Arriba los compañeros“ mit so viel Inbrunst und Musikalität, wie es außer den Zigeunern nur die Mexikaner fertigbringen.

Die ganze Siedlung war ein Fahnenmeer. Im steifen Wüstenwind wehten sie grün, weiß und rot, verziert mit bunten Bändern aller Farben.

Die Krüge mit dem selbstgebrannten Pulque machten die Runde unter den Männern. Einige der Männer zeigten schon erste Anzeichen von Trunkenheit. Ein paar junge Mädchen tanzten zur Musik mit jungen Burschen, deren Tun von alten Matronen sehr genau beobachtet wurde.

In der Kirchentür, im Schatten des weiten Vordaches stand der Missionspater, hielt die Hände vor seinem umfangreichen Bauch gefaltet und blickte väterlich auf das Treiben auf der Plaza herab. Zu seinen Füßen auf den Stufen der Treppe hockten ein paar ältere Männer in den zusammengestückelten Uniformen, wie sie die Juaristas zu Beginn ihres Kampfes gegen die kaiserlichen Truppen getragen hatten.

Manuela sah das alles von ihrem Platz an der Ecke jenes kleinen Gässchens und der Plaza aus, wo sie im Schatten stand. Neben ihr saß Doña Elisa, ihre Mutter, auf einem Polsterstuhl, den ihr einer der Peones aus dem Haus getragen hatte.

Don Felipe, den sie hier den Herrn von Sonoita nannten, verließ gerade seinen Platz neben seiner Frau und ging mit gravitätischen Schritten quer über die Plaza auf die Kirche zu. Der Rauch seiner Zigarre wehte hinter ihm in alle Winde wie bei einer Lokomotive.

Felipe Calmarra war nicht weiß gekleidet wie alle übrigen Männer — vom Padre abgesehen. Felipe Calmarra trug vielmehr trotz der mörderischen Hitze einen schwarzen Anzug, hohen Kragen und eine kostbare Tuchkrawatte, die ihn schon Schweiß beim Binden gekostet hatte. Aber Würde verlangte Opfer.

Doña Elisa war das, was man eine schöne, eine Frau in den besten Jahren nannte, trotz ihrer Neigung zur Korpulenz.

Manuela hingegen war schlank wie eine Gerte, schlank und noch viel hübscher als die schon verblühende Mutter. Denn Manuela war erst dreiundzwanzig Jahre alt. Hierzulande jedoch meinte man, es sei höchste Zeit, dass sie einen Mann bekäme. Die meisten Mädchen heirateten mit sechzehn oder siebzehn.

Aber Manuela war das einzige Kind des Hazienderos Calmarra. Und Don Felipe hatte sie in den USA und in Paris auf gute Schulen gehen lassen. Deshalb fand Manuela hier keinen Mann. Die meisten konnten nicht einmal schreiben und lesen. Manuela Calmarra hingegen sprach Englisch und Französisch, Letzteres sehr zum Leidwesen ihres Vaters, der die Franzosen hasste, seit sie sich in die mexikanische Politik eingemischt hatten.

Sie stand beherrscht neben ihrer Mutter und wartete, wie sie alle hier warteten. Die Vorausreiter waren schon vor zehn Minuten gekommen und hatten den Konvoi der Kutschen und Reiter bereits gemeldet. Bald mussten sie hier sein.

Da ertönte schon Jubelgeschrei. Irgendwer hatte die Staubwolken der Kutschen in der Ferne entdeckt.

Die Musik spielte jetzt mit größter Hingabe den Lieblingsmarsch der Juaristas „Primavera, Señorita!“ Alles sang begeistert mit.

„Siehst du sie?“, fragte Doña Elisa, und Manuela musste sich herabbeugen, um zu verstehen, was die Mutter sagte.

„Nichts, nur die Staubfahne im Süden“, erwiderte Manuela.

„Ich zittere vor Erregung. Wo ist der Patron?“

„Vor der Kirche. Er spricht mit dem Padre“, entgegnete Manuela. Komisch, dachte sie, sie spricht immer nur vom Patron, wenn sie Vater meint. Für sie ist er wie ein Gott. Wie anders sind da die amerikanischen Frauen.

Sie sah, dass die Kutschen näher kamen. Eine ganze Kavalkade junger Burschen war ihnen entgegengeritten und begleiteten den Konvoi mit periodischen Viva-Rufen.

An die dreihundert Menschen brachen in frenetisches Gebrüll aus, als die erste Kutsche, von Reitern umschwärmt, in die Straße der Stadt einbog. Die Kapelle spielte abermals „Primavera, Señorita!“, wieder vom vielstimmigen Gesang der Menge begleitet.

Mitten auf der Plaza, ein Stück entfernt von Denkmal und Kapelle, stand jetzt Don Felipe. Respektvoll ließ man ihm Platz, denn er, und nur er, würde den Gouverneur begrüßen.

Etwas verloren stand der große, hagere Mann in seinem schwarzen Anzug in der grellen Sonne. Der riesige Sombrero, den er trug, hüllte sein Gesicht in tiefen Schatten. Die Goldborten des Hutes gleißten in der Sonne wie Feuer.

Eine Gasse hatte sich gebildet, durch die der erste Wagen rollte. Nun sah Manuela auch die Soldaten, die den Gouverneur begleitet hatten und nun mit ihren Pferden zurückblieben. Hier brauchten sie keine Sorge um das Leben des Gouverneurs haben. Sonoita war eine hundertprozentige juaristatreue Stadt.

Zwei Reiter aber wichen nicht von der Kutsche. Zwei Männer in den schwarzen Uniformen der Guardia rurales, und das Verblüffende für Manuela war: beide sahen aus wie Nordamerikaner, wie Americanos — oder Gringos, wie manche hier sagten. Zu den beiden dort hätte sie es aber bestimmt nicht gesagt.

Manuela betrachtete diese zwei Männer so gebannt, dass sie darüber den Gouverneur völlig vergaß, der jetzt von Don Felipe begrüßt wurde.

Während der Haziendero und einstige Offizier dem kleinen dicken, an Napoleon den Ersten erinnernden Gouverneur die Hand schüttelte, saßen die beiden schwarzen Reiter lässig im Sattel, und ihre Blicke wanderten wachsam über die Menge. Einen Augenblick lang traf der Blick des größeren der beiden den Manuelas, und sie sah ein Paar leuchtend blauer Augen.

Bevor sie mehr von dem Manne sehen konnte, saß der plötzlich ab und wurde zu Manuelas Überraschung von Don Felipe wie ein alter Freund begrüßt und sogar umarmt. Dasselbe machte Manuelas Vater dann mit dem zweiten Reiter, der nun auch abgesessen war.

Zu Fuß kamen der Gouverneur — der eben noch den Padre begrüßt hatte — Don Felipe und jene beiden Amerikaner in ihren schwarzen Uniformen quer über den Platz auf Doña Elisa und Manuela zu. Während der Gouverneur langsam und mit Trippelschritten ging, winkte er der Menge, die immer wieder Hochrufe auf ihn und Präsident Juarez und schließlich auf Mexiko ausbrachte.

Kurze Zeit später stand der Gouverneur vor ihnen. Manuela wusste, dass er ein reinblütiger Indianer war und wie ein Löwe gegen die Kaiserlichen gekämpft hatte. Jetzt, wo er ihre Mutter mit Handkuss begrüßte, wirkte er direkt klein, besonders da der große Amerikaner hinter ihm stand, der ihn mindestens um zwei Köpfe oder mehr überragte.

Manuela wurde von Don Felipe vorgestellt, und der Gouverneur betrachtete sie — nach Manuelas Empfinden — wie ein Vaquero ein Pferd, das ihm sehr gefällt, das er aber nicht kaufen kann, weil es einem andern gehört.

„Und das“, sagte Don Felipe nun, und wies auf den großen, blonden Amerikaner, „ist Capitan Bangs, ohne den unser hoher Gast, der Gouverneur, nicht mehr am Leben wäre. Capitan Bangs hat ihm — und übrigens auch mir — das Leben im Kampf gegen die Kaiserlichen gerettet. Und er hat die Armee von Sonora so stark gemacht, dass wir die Kaiserlichen bei Hermosillo schlagen konnten, obgleich sie in elffacher Übermacht waren. Ich hätte den Capitan längst zum General gemacht, unser hoher Gast sicher auch, aber der Capitan will das nicht. Er ist ein bescheidener Mann. Und das hier ...“, er zeigte auf den etwas kleineren Begleiter des Capitans, „... das ist Teniente Carlton, der beste Rekrutenausbilder, den die mexikanische revolutionäre Armee jemals gesehen hat. Señores, das ist meine Frau und das ist meine Tochter!“

Der große Capitan sah Manuela an, nachdem er ihre Mutter begrüßt hatte und nun vor das Mädchen trat. Er war so groß, dass sie zu ihm aufsehen musste. Und ein paar Sekunden standen sie voreinander, ohne sich zu rühren, ohne ein Wort zu sagen.

„Gibst du ihm nicht die Hand, Tochter?“, fragte Don Felipe unwirsch.

Da fuhr Manuela verwirrt zusammen, streckte dem Capitan die Hand hin, die der höflich ergriff und gewollt sanft drückte. Aber Manuela war es, als führe glühende Lava aus seiner Hand in die ihre. Dann ging er schon mit ihrem Vater und dem Gouverneur weiter. Sie begrüßte den Teniente, den Leutnant. Um den breiten Mund des Mannes stand ein Lächeln, als er Manuela ansah. Das lederne, fast zerknittert wirkende Gesicht des Mannes war von obskurer Hässlichkeit, aber Manuela spürte, dass dieser Carlton ein zuverlässiger Freund sein konnte, dessen Härte nicht vom Herzen kam. —

In der nachfolgenden Nacht aber braute sich das Unglück über dem Stadthaus der Calmarras zusammen. Und ein tückischer Zufall hatte die Hand im Spiel.

 

 

4

Sie waren elf Reiter und blickten von den Hügeln in der Wüste auf die Lichter der Stadt, die in der sanften Mulde lag. Ein zwölfter Reiter näherte sich von dort. Jetzt hatte er die Gruppe erreicht. Sein Pferd schnaubte und blies den Sand aus den Nüstern.

„Also, Pablo, was ist in Sonoita?“, fragte einer der Männer den Ankömmling.

Die elf Reiter waren groß, hager und breitschultrig. Männer in Cowboykleidung, deren Pferde mit Proviantschläuchen bepackt waren.

Der angekommene Reiter war ein Mestize. Im Mondschein wirkte sein Gesicht wie aus Bronze. Aber auch er trug Cowboykleidung.

„Der Gouverneur ist da. Er ist im Haus von Felipe Calmarra. Es sind aber zwei Amerikaner bei ihm. Die tragen Rurales-Uniform, sind schwer bewaffnet und lassen den Gouverneur keine Sekunde aus den Augen.“

„Du glaubst, dass es zu schwer sein wird, an ihn heranzukommen?“, fragte der Anführer der Cowboys, ein Mann mit einem Falkengesicht, das gerade jetzt bei Mondschein wie gestochen scharf und kantig wirkte.

„Ja, es wird sehr schwer sein, Boss. Ich weiß nicht, ob wir das riskieren sollen. Es sind aber Frauen im Haus.“

Der große Amerikaner schüttelte den Kopf. „Wir sind Texaner und rauben keine Frauen.“

„Es soll ihr ja nichts geschehen, hat Señor Jenson gesagt. Auch dem Gouverneur würde ja nichts geschehen. Warum also nicht das Mädchen oder die Frau nehmen?“, meinte der Mestize Pablo.

Der große Reiter überlegte. „Also gut. Ist das Fest noch im Gang?“

„In vollem Gang“, erklärte Pablo. „Der Gouverneur, Felipe Calmarra, zwei Offiziere der Begleitung und die beiden Americanos sitzen unten zusammen. Die Frauen sind vorhin nach oben gegangen.“

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938777
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539458
Schlagworte
todesreiter sonoita

Autor

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Titel: Der Todesreiter von Sonoita