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Redlight Street #133: Zum Tee bei der Edeldirne Natascha

2020 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zum Tee bei der Edeldirne Natascha

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Zum Tee bei der Edeldirne Natascha

Redlight Street #133

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Natascha, einst eine russische Balletttänzerin, die jetzt als Hure arbeitet, wird von ihrem Zuhälter Boris als Spielschuld an Erich Blong weitergegeben – so gelangt sie in dessen Bordell. Nach kurzer Zeit wird Natascha mit ihrem Samowar die gefragteste Tülle weit und breit. Sie hat nur noch Stammkunden, verdient eine Menge Geld. Dass ihr die Männer zu Füßen liegen, liegt an ihrer russischen Seele. Jeder Mann fühlt sich von dieser schönen, stolzen und feinfühligen Frau geliebt. Doch Nataschas Herz ist niemals dabei – denn sie sehnt sich nach einem Heim und Kindern …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Natascha - hat russische Vorfahren und eine besondere Masche, an die Freier zu kommen.

Erich Blong, ihr Zuhälter, - hat sie beim Pokern gewonnen und verliert sie wieder.

Werner Wensen - sucht eine Haushälterin und erlebt eine Überraschung.

 

 

1

Die Mädchen auf der Rampe wollen sich ausschütten vor Lachen, als Natascha, die Neue, erscheint. Doch bald vergeht ihnen das Lachen, denn sie gewinnt alle Stammkunden, und daran ist sicher nicht der Samowar schuld, der in ihrem Zimmer summt.

Sie war eine echte Russin wie aus einem Bilderbuch. Erich, der Zuhälter, hatte es sofort gewusst, ihn konnte man nicht täuschen, obgleich einige andere annahmen, sie hätte sich den Namen nur zugelegt, um interessant zu wirken.

Aber so war Natascha wirklich nicht. Ja, man muss sogar sagen, sie war ein ziemlich seltsames Mädchen. Aber die russischen Mädchen haben nun einmal eine ganz andere Seele als zum Beispiel die deutschen oder französischen Mädchen oder vielleicht die Schwedinnen. Andere Mädchen hatte er noch nicht besessen. Es war also nicht nur ihr Name, sondern auch ihr Aussehen, das ihre Herkunft verriet. Daran erkannte man, dass einer ihrer Vorväter wahrscheinlich aus der Mongolei stammte. Die blasse Stirn, die dunklen, fast feurigen Augen, die aber meistens träge blickten, vervollkommneten dieses Bild. Gleichgültigkeit, ja, das war das richtige Wort. Natascha benahm sich so, als wäre ihr alles vollkommen gleichgültig, egal, was man mit ihr machte, was geschah.

Sie ist eine Puppe, dachte der Zuhälter, nur mit Leben. Für mich ist das ja ganz bequem, aber manchmal ist sie mir richtig unheimlich. Wenn sie mich so ansieht, dann läuft mir wahrhaftig ein Schauer über den Rücken. Ich glaube, wenn sie wirklich mal etwas will, dann kann ich sie nicht mehr aufhalten. Sie ist wie ein Vulkan, der nur schlummert. Warum?

Und dann war da der ewig summende Samowar in ihrem Zimmer. Zuerst hatten sich die Kunden darüber amüsiert, dass sie ihnen vor jedem Freudenstündchen ein Tässchen Tee anbot. Aber bald kamen sie in Scharen. Der Tee war wirklich vorzüglich. Erich, der Zuhälter, hatte noch nie so guten Tee getrunken. Das war auch ihr kleines Geheimnis. Sie mischte ihn selbst.

Aber es war nicht nur der Tee, sondern die ganze Art und Weise der Zubereitung, der Darreichung, die bei Natascha zur Zeremonie wurde. Bestimmt machte man das jetzt nicht mehr in Russland. Dafür hatte man doch gar keine Zeit mehr in diesem straff organisierten, durch Planwirtschaft gelenkten Land.

Einmal hatte sie nur kurz von ihrer Heimat, ihren Eltern gesprochen. Die Großeltern mussten reich gewesen sein, ja, er vermutete sogar, dass sie adlig gewesen waren. Vielleicht hatte ihre Mutter unter dem Stand geheiratet, wahrscheinlich aber hatte die Familie während der Revolution ihren Besitz verloren.

Natascha, mit ihrer Samtstimme, konnte wunderbar erzählen. An die Großmutter musste sie sehr oft denken, und von ihr hatte sie auch das Teerezept.

Die übrigen Mädchen in der Absteige hielten sie für verrückt. Vielleicht war sie auch verrückt. Erich war sich manchmal nicht mehr so sicher.

Natascha war Tänzerin gewesen. Keine Solotänzerin, aber eine gute Tänzerin. Als das Ballett einmal in Paris gastierte, hatte sie sich abgesetzt. Sie wollte nicht mehr nach Russland zurück. Frankreich nahm sie zuerst auf. Natascha, die nur tanzen konnte, musste sehr schnell feststellen, dass das in Frankreich sehr viele1 Mädchen konnten. Außerdem war sie schon neunundzwanzig. Mit anderen Worten, sie war arbeitslos. Völlig verarmt, verwahrlost, so fand Boris sie eines Tages. Mitleid war es ganz bestimmt nicht, was ihn bewegte, sie mitzunehmen. Boris war ein Zuhälter. Er ließ sie in Paris für sich arbeiten. Aber sie verstand kein Wort Französisch, und die Mädchen betrogen sie, wo sie nur konnten. Sie war zu gleichgültig, Boris sagte, zu faul, um sich dagegen zu wehren. Er schlug sie oft, aber sie nahm das mit einer Gleichgültigkeit hin, als wäre ihre Haut aus Eisen.

Dann brachte er sie nach Deutschland, und sie ging als Bordsteinschwalbe. Das hieß, sie wurde eine Autodirne. Er nahm ihr fast jeden Pfennig ab, so dass sie kaum genug zum Essen hatte. Natascha sagte nichts. Die anderen Mädchen regten sich schrecklich darüber auf, aber sie zuckte nur die Achseln. Vielleicht wollte sie damals sterben. Erich wusste es nicht.

Er und Boris machten viele Geschäfte miteinander. Natürlich dunkle Geschäfte, die in einer Bar oder Kneipe abgewickelt wurden, für die man auch nie Steuern bezahlte.

Beim Pokern gewann Erich dann Natascha. Boris hatte kein Geld bei sich, und da setzte er einfach die Russin als Kapital ein. Erich kannte Natascha und zog erst ein langes Gesicht. Schlampen konnte man überall bekommen. Aber als er sie dann gewonnen hatte, stand er auf, ging zur Strichstraße, holte sich Natascha und nahm sie erst einmal mit nach Hause.

Er kannte Boris zur Genüge. Ein paar Tage musste er auf sie aufpassen. Boris würde sie sonst mitnehmen, und sein Gewinn war flöten. In seiner Wohnung angekommen, sagte Erich:

»Du gehörst jetzt mir, verstanden?«

Natascha sah ihn mit ihren dunklen Augen eine Weile stumm an. Dann fiel ihm ein, dass sie Russin war.

»Kannst du mich verstehen?«

Und zu seiner höchsten Verwunderung sagte sie: »Ja, ich spreche Deutsch. Mein Vater war ein deutscher Soldat.«

Erich pfiff durch die Zähne. Schau mal an, dachte er fröhlich, das hat noch nicht mal Boris gewusst. Er wird sich vor Wut ein Monogramm in den Bauch beißen, wenn ich ihm das sage. Bei ihm war sie stumm wie ein Fisch gewesen.

»Gut«, sagte er, »das macht die Sache leichter. Ich habe dich beim Pokern gewonnen, hast du verstanden?«

»Ja!«

Himmel, dachte er, die anderen Mädchen würden jetzt kreischen und zu toben anfangen. Und sie? Wenn sie unerträglich wird, werde ich sie wieder verkaufen, dachte er bei sich.

»Du bleibst erst mal ein paar Tage hier in der Wohnung, klar? Du gehst mir nicht auf die Straße.«

»Ja«, sagte sie träge.

»Willst du was?«

»Ich möchte Tee trinken.«

Erich sah sie sprachlos an. Vielleicht war sie verrückt! Donnerwetter, das musste er unbedingt herausbekommen. Sonst würde sie ihn womöglich noch umbringen.

»Ich habe kein Dienstmädchen, du musst ihn dir schon selbst machen.«

Natascha ließ sich die Küche zeigen, sah sich den Tee an und schüttelte den Kopf. »Der ist ungenießbar«, murmelte sie.

»Du trinkst das, was da ist«, fauchte er sie an.

»Nein!«

Dieses Nein stand wie ein Schwert im Raum, und der Mann schluckte wieder.

»Wenn ich für dich arbeiten soll, brauche ich einen Samowar und Tee. Ich werde ihn mir selbst kaufen.«

»Du miese Hure!« Er lachte schallend. »Willst du vielleicht noch ein goldenes Bett?«

»Nein, Tee und meinen Samowar.«

»Deinen?«

»Ja, ich habe ihn aus Russland mitgebracht.«

»Wo ist er jetzt?«

»Im Leihhaus«, sagte sie traurig, und ihre Augen wechselten zum ersten Mal den Ausdruck. »Ich hatte Hunger und musste essen, da musste ich ihn versetzen.«

Erich wusste selbst nicht, wie ihm war, aber er nickte und sagte: »Gut, ich hole ihn.«

Natascha schrieb ihm ein paar Teesorten auf und gab ihm auch den Pfandschein. Der Zuhälter hatte noch nie einen Samowar gesehen. Komisches Ding, dachte er kopfschüttelnd. Für zwanzig Mark hat sie ihn verscherbelt.

Zwei Stunden später war er wieder in seiner Wohnung. Nataschas Augen leuchteten auf. Sie riss ihm den Samowar förmlich aus der Hand, drückte ihn ans Herz und streichelte ihn ununterbrochen. Dann verschwand sie in der Küche und machte Tee.

Erich war völlig verblüfft.

»Ich glaube, die Auslage hat sich gelohnt«, sagte er und feixte sie an.

Natascha sah ihn über die Teetasse hinweg an.

»Wenn du anständig bist und mir meine Mucken lässt, sollst du es nicht bereuen.«

Er schluckte.

»Du gehörst mir, und ich kann mit dir tun und lassen, was ich will!«

»Ja«, sagte sie träge. »Das hat Boris auch gesagt, und er behandelte mich wie eine Hure und verdiente nichts mit mir, fast nichts. Ich sage dir, wenn du mich gewähren lässt, wirst du es nicht bereuen.«

»Und wie sind deine Bedingungen?«

»Ich will ein eigenes Zimmer. Dort will ich auch die übrige Zeit wohnen. Du sorgst für Tee, für Essen und Kleidung. Und für das andere sorge ich dann.«

Sie starrten sich über den Tisch hinweg an.

Diese kleine, miese, magere Hure wollte wie eine Startülle residieren? Erich hätte fast aufgelacht. Die war doch die Zimmermiete nicht wert.

»Ich schlage dir einen Monat Probezeit vor«, sagte Natascha und goss sich die fünfte Tasse Tee ein.

Erich dachte nach. Hilde, das Luder, hatte ihn vor wenigen Tagen verlassen. Er hatte noch keinen Ersatz für ihr Zimmer gefunden, musste aber jeden Tag die Miete bezahlen. Nun denn, dachte er, soll sie es versuchen. Mädchen, die im Bunker arbeiten, haben schließlich höhere Preise als die auf der Straße.

»Ich bin einverstanden. Einen Monat und keinen Tag länger. Dein Soll ist auf fünfhundert festgesetzt. Du siehst, ich bin kein Schwein.«

Sie lächelte, das hieß, sie verzog nur die Mundwinkel. Natascha löste ihr pechschwarzes Haar, das sie tagsüber als Knoten trug. Weich fiel es ihren Rücken herunter.

Das war also der Beginn ihrer Freundschaft. Am nächsten Tag brachte Erich Natascha in das Bordell. Den Samowar nahm sie natürlich mit. Das Zimmer war mittelgroß und gut eingerichtet. Sie war damit zufrieden.

»In Ordnung«, sagte sie und öffnete das Fenster. Sie blickte auf die Rampe hinunter, wo die Mädchen auf Männerfang standen. Natascha runzelte die Stirn.

»Ich werde nicht lange unten stehen!«

»Was soll das heißen?«, fauchte er sie an.

»Dass ich bald genügend Stammkunden haben werde.«

»Du bist wohl gar nicht eingebildet, wie? Das können noch nicht mal die Superpferdchen von sich behaupten. Auch die müssen ihre Runde draußen drehen.«

Natascha sah ihn träge wie eine Katze an.

»Es sollte dir doch egal sein, wie ich mein Geld verdiene. Hauptsache, ich verdiene es.«

»Von mir aus«, brummte er. »Aber ich will keinen Ärger und keinen Stunk, verstanden? Lass die Mädchen in Frieden. Ich glaube, du hast etwas an dir, was viel Wirbel verursacht.«

Sie zuckte nur die Schultern und drehte sich um. »Lass mich jetzt allein.«

Missmutig und wütend auf sich selbst, weil er ihr nicht die Meinung gesagt hatte, trottete er davon. Bei sich dachte er: Die kann ruhig glauben, ich sei ein Schlappschwanz. Sie wird schnell genug merken, dass ich keinen Spaß verstehe.

 

 

2

Natascha hatte nur einen kleinen Koffer mit wenigen Kleidern. Boris hatte ihr alles abgenommen, was sie verdiente. Seltsamerweise fühlte sie sich bei dem neuen Zuhälter zufrieden. Vielleicht kam das daher, dass er kein Russe wie Boris war. Sie hatte sich die ganze Zeit erniedrigt gefühlt, denn sie konnte es einfach nicht begreifen, dass ein Landsmann so gemein sein konnte. Sagte man nicht in Russland, es würde einem geholfen, wenn man nicht mehr zurückwollte? Von den Landsleuten würde man unterstützt, so dass der Anfang nicht zu schwer war. Und wenn es einem selbst gutging, musste man dann wieder anderen helfen. Es kamen ja immer wieder welche und blieben dann im Westen.

Im goldenen Westen, wie es hieß! Sie selbst jedoch hatte nichts davon zu spüren bekommen. Dass sie jetzt das Leben einer Dirne führen musste, nun denn, die russische Seele kann viel verkraften. Hauptsache, sie war endlich sesshaft geworden.

Mit schrägen Blicken maß sie das Zimmer. Auf den kleinen Schrank stellte sie die Bilder der Eltern, Großeltern und des toten Bruders. Über das Bett hängte sie die Ikone. Sie hatte einst der Großmutter gehört und war überaus wertvoll. Es war ein echtes Stück, und wenn Natascha sich dazu entschlossen hätte, sie zu verkaufen, hätte sie bestimmt von dem Erlös ein paar Jahre leben können. Aber lieber wollte sie sterben als das tun. Das war der letzte Besitz, die einzige Erinnerung.

Das Mädchen wusste ganz genau, die Ikone war hier vollkommen sicher. Niemand würde glauben, dass sie einen echten Kunstgegenstand besaß.

»Ich werde mir Kissen und Decken häkeln und mir einen kleinen Teppich machen«, murmelte sie leise vor sich hin. »Und dann brauche ich noch einen kleinen besonderen Tisch für meinen Samowar. Am besten stelle ich ihn vor das Fensterchen. Und dazu zwei kleine Sessel. Und Gardinen aus Samt werde ich mir kaufen. Alles wird ein wenig an Russland erinnern.«

Sie sprach oft mit sich selbst, wenn sie allein war. Und damit sie keiner belauschen konnte, sprach sie in ihrer Muttersprache.

»Ja«, nickte sie noch einmal zur Bekräftigung, »ich werde es tun.«

Erich war ein wenig unruhig. Wollte sie ihm vielleicht stiften gehen? Er musste unbedingt einen Aufpasser hinstellen oder noch besser, den ersten Abend wollte er sie selbst im Auge behalten.

Die Dunkelheit brach an. Erich machte sich auf den Weg, was seine Stimmung auch nicht besonders hob. Sonst war das eine Arbeit für die Laufburschen.

Natascha hatte am Fenster gesessen und so lange ihr Haar bearbeitet, bis es wie Lack glänzte. Dann hatte sie die Flut zusammengesteckt und zu einem Knoten geschlungen. Die vollen Lippen wurden nur ganz leicht mit einem glutroten Stift nachgezeichnet. Als Kleidung wählte sie einen schwarzen Rock und eine feuerrote Bluse mit vielen Rüschen. Sie war weder ausgeschnitten, noch zeigte sie in irgendeiner Weise die Reize des Mädchens.

Nun war sie fertig und konnte zur Arbeit gehen. Natürlich hatte man im Bordell ihre Ankunft bemerkt. Die übrigen Dirnen waren ziemlich nervös und böse auf Erich. Aber sie muckten nicht auf. Sie kannten seine Gefährlichkeit.

Je mehr Dirnen standen, umso mehr mussten sich alle anstrengen, umso weniger Geld fiel auf die einzelnen.

Draußen war milde Sommerluft. Der Regen hatte endlich aufgehört. Es würde eine gute Nacht werden.

Aufgetakelt, mit allen Wassern gewaschen, so standen sie da und warteten darauf, dass die Männer durch den Torbogen hereingeschlendert kamen. Von unten herauf wurde die Rampe angestrahlt. Jede Dirne kam also gut zur Geltung.

Natascha erschien auf der Rampe, groß, schlank, hochmütig. Das war sie nicht, doch ihre stolze Haltung ließ diesen Eindruck entstehen. Im Grunde genommen war sie im Augenblick sehr unsicher. Wie musste sie sich verhalten? Niemand kam, um ihr zu sagen, wo sie stehen durfte. Sie ständen nur da und starrten sie an.

Dann platzte eine los, und alle lachten mit.

»He, willst du als Vogelscheuche gehen? Mann, so kriegste keinen Freier mit, das brauchste dir gar nicht einzubilden.«

Natascha zog die Augenbrauen hoch und fragte: »Warum nicht?«

»Du siehst aus wie deine eigene Großmutter.«

Ein blasses Rot färbte ihre Wangen. Aber die Mädchen konnten es wegen des künstlichen Lichts nicht sehen.

»Mann, warum kommste nicht gleich im Abendkleid, dann kannste als Kleiderständer gehen.« Und sie lachten im Chor.

Verdammt, dachte auch Erich. Ich hätte ein paar Blaue springen lassen müssen. So kriegt sie nie einen Freier.

Aber sie sollten sich alle gründlich täuschen. Als die ersten Freier durch die Einfahrt geschlendert kamen viele kannten die Gegend schon, waren also alte Hasen , blieben sie unwillkürlich stehen und starrten die Fremde unverhohlen an.

»Wer ist denn die?«

Yvonne, die Französin, hob die Schultern und sagte: »Eine Russin, ganz neu im Laden.«

»Donnerwetter«, sagte der Mann und strich sich über seinen Bart. »Das ist ja ein klasse Püppchen.«

»Wie? Haste Tomaten auf den Augen?«

Er hörte aber gar nicht hin, sondern ging zu Natascha, stellte sich vor das Mädchen und hob sein Gesicht empor. Natascha neigte ein wenig den Kopf. Mit vollendeter Grazie stand sie da, weder ordinär noch schlaksig oder müde. Diese Anmut war ein Überbleibsel aus der Zeit, in der sie als Tänzerin gearbeitet hatte.

Sie hob die schweren Augenlider nur ganz wenig. Der Mann zitterte und steckte seine Hände in die Taschen.

»Hallo«, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme. Unverkennbar hörte man, dass sie Ausländerin war.

»Wie heißt du?«

»Natascha!«

»Du gefällst mir, Natascha, wirklich.«

»Ja?«

Die Mädchen hielten die Luft an. Der erste Freier, und es war einer, der gern etwas springen ließ, ging sofort zu der Neuen hinüber. Das konnte ja heiter werden.

»Wie ist dein Preis?«

»Wenn du es wirklich genießen willst, dann frag nicht nach dem Preis«, sagte sie ganz gelassen.

Der Mann schluckte.

»Du bist wohl eine ganz Raffinierte, was? Du glaubst, du hast einen Anfänger vor dir? Da täuschst du dich gewaltig.«

Natascha zog hochmütig die Schultern in die Höhe und beachtete ihn überhaupt nicht mehr. Wütend stapfte er davon.

Yvonne hob ihr Röckchen noch ein wenig höher und setzte das schönste Lächeln auf. Diese dumme Gans, dachte sie. Glaubt wohl, sie braucht nur zu kommen, und schon spielen die Kerle verrückt. Erich, der alles mit angesehen hatte, war so wütend, dass er sich beherrschen musste, um ihr nicht die Meinung zu sagen.

Der Freier stand nun vor Yvonne und blickte auf ihren prallen Busen. Er hatte sie schon einmal besessen. Sie war nicht übel, wirklich nicht. Aber eben wie alle anderen Mädchen. Mürrisch blickte er zu der stolzen Russin hinüber. Verdammt, sie lag ihm im Blut. Und dass sie ihm eine Abfuhr gegeben hatte, sich nicht erniedrigt, ihn nicht angebettelt hatte, machte ihn wütend. Sonst gurrten sie doch wie Täubchen, bloß damit man mit ihnen ins Bett stieg. Warum diese nicht?

»Was ist jetzt?«

Er blickte die Dirne an.

»Meinst du mich?«

»Na klar, Süßer. Mit dir rede ich schon die ganze Zeit. Gehen wir jetzt nach oben? Du wirst es nicht bereuen.«

»Lass mich in Ruhe«, sagte er böse aufgrollend und ging davon. In der Toreinfahrt prallte er mit dem Zuhälter zusammen. Erich schluckte. Es juckte ihn in den Fingern, den Kerl zu nehmen und ihn zu den Mädchen zurückzuschleifen. Aber natürlich tat er das nicht. Und jetzt ging er in den nächsten Liebesbunker und verprasste dort sein Geld mit den Dirnen.

Der Russin würde er die Leviten lesen, darauf konnte sie sich verlassen.

Aber dann geschah ein Wunder. Der Mann drehte sich um und ging zu Natascha zurück. Er wusste, wenn er sie nicht ausprobieren würde, dann würde sein heißes Blut keine Ruhe finden.

»Komm«, sagte er heiser.

Natascha nickte feierlich. Er sprang auf die Rampe und ging ihr nach ins Haus.

Yvonne zischte: »Hast du das gesehen, Biggi? Ich glaube, ich spinne, der geht doch mit ihr! Ohne nach dem Preis zu fragen.«

Der Zuhälter ging zurück und wartete ab.

Graziös, sehr elegant stieg Natascha vor dem Freier die Treppe hoch. Er sah die schmalen Fesseln, schluckte. Das war ein Prachtweib, und seine Sinne berauschten sich an ihrem Anblick. Wenn sie jetzt schon so schön war, wie schön war sie dann erst, wenn sie nackt vor ihm stand?

Sie betraten das Zimmer. In der Ecke summte der Samowar. Er sah es mit Verwunderung.

»Ich, ich heiße Hans«, stotterte er verlegen.

»Schön, Hans«, sagte sie und nickte, als wäre sie die Gastgeberin und er ein Gast, auf den sie gewartet hatte. »Sie trinken doch ein Tässchen mit mir?«

Er schüttelte sich wie ein nasser Pudel.

»Ich habe mich wohl in der Haustür geirrt«, murrte er und starrte sie entgeistert an.

»Nein«, sagte sie ruhig. »Ich trinke immer vor der Arbeit ein Tässchen. Kommen Sie, so lange müssen Sie schon warten. So können Sie gleich eine Tasse mittrinken.«

Sonst war er wirklich nicht auf den Kopf gefallen, doch nun war der Mann so verwirrt, dass er einfach tat, was sie ihm sagte. Wenig später saßen sie in trauter Zweisamkeit, und er trank Tee, wie er ihn noch nie genossen hatte.

»Es ist russischer Tee«, sagte die Dirne.

»Ausgezeichnet«, murmelte er.

Und Natascha sagte: »Erzählen Sie mir ein wenig von sich. Ich habe es gern, wenn ich ein wenig über die Männer weiß, mit denen ich zusammentreffe.«

Sie ist verrückt, dachte er. Total verrückt. Aber wenn sie das alles gleich bezahlt haben will, dann irrt sie sich. Ich sehe genau auf die Uhr, aber erst, wenn der richtige Teil losgeht.

Sie goss ihm nach. Er nahm das Tässchen, blickte in das schöne Gesicht, und seltsam, Hans wusste selbst nicht, wie es kam, aber plötzlich war er mitten im Erzählen. Er hatte Ärger im Geschäft und mit dem Finanzamt.

Natascha besaß die seltene Gabe, zuhören zu können. Und so vollendet, dass der, der sich aussprach, nachher das Gefühl hatte, irgendwie getröstet zu sein, obwohl sie kein Wort sagte.

Und dann stand sie plötzlich auf, ging hinter den Wandschirm und zog sich aus. Hans pfiff durch die Zähne. Sie war wirklich vollkommen. Und wie sie jetzt auf ihn zukam, ihn mit schmalen, rassigen Händen entkleidete, es war alles so ... er musste lange nach einem Wort suchen, aber nur eines blieb übrig, es war: so schön. Noch nie hatte er sich in einer Umarmung so glücklich gefühlt. Geliebte und Mutter zugleich, ja, das war die Russin. Sie fragte ihn mit leiser Stimme, ob ihm es so angenehm sei oder ob sie etwas anders machen solle.

»Nein«, sagte er, denn er war bei ihr so glücklich wie nie zuvor. Sie war so zärtlich, so natürlich, er versank vollkommen, vergaß alles, hörte einfach auf zu denken, fühlte ihre schlanken, biegsamen Arme, ihren Körper.

Es war die vollkommene Vereinigung. Und auch als alles vorbei war, sie sich ein Handtuch vor die Blöße legte und dann hinter dem Vorhang verschwand, erschien Hans alles noch immer wie ein zauberhafter Traum.

Sie kam zurück. Ihr langes Haar umschwebte den zierlichen Kopf.

»Du musst dich jetzt waschen«, sagte sie mit zärtlicher Stimme.

Er lag noch auf dem Bett, sah sie von unten herauf an.

»Du warst bezaubernd«, sagte er spontan.

Eine winzige Röte überzog ihr Gesicht.

»Danke«, sagte sie leise.

Während sie sich anzog, musste er an Geschichten über die Frauen in Japan denken. Dort sollte es sie geben, diese absolut hingebungsvollen Geschöpfe. Und jetzt hatte er eines gefunden, hier!

Noch nie hatte er sich so vollkommen zufrieden und erfrischt gefühlt, auch nicht am Anfang seiner jungen Ehe. Da war es genau das Gegenteil gewesen.

Als er sich die Jacke anzog, fiel ihm ein, dass er sie noch gar nicht bezahlt hatte. Sonst verlangten die Mädchen immer vorher das Geld.

Fast verschämt fragte er sie: »Was bin ich dir schuldig?«

»Das musst du selbst wissen«, sagte sie ruhig und blickte aus dem Fenster.

Der Mann überlegte einen kurzen Augenblick, dann legte er zweihundert Mark auf den Tisch. Natascha brachte ihn nach unten. Und als sie sich verabschiedeten, sagte sie mit ihrer klingenden Stimme:

»Ich danke dir!«

Er blickte in ihre Augen, die so tief wie ein Bergsee waren.

»Ich werde wiederkommen.«

»Ich werde auf dich warten«, erwiderte Natascha und beugte ihren Kopf.

Als der Mann durch den Torbogen schritt, blickte er auf die Uhr. Es war genau eine Stunde vergangen. Ein fürstlicher Preis für eine Dirne, aber er bereute es keinen Augenblick. Ja, er wusste, er würde jetzt sehr oft wiederkommen. Und nicht nur dieser Mann machte Reklame für Natascha. Alle, die zu ihr kamen, waren so erfüllt von ihrem Wesen, dass sie mit den Freunden darüber sprechen mussten. Natürlich wurden diese dann so neugierig, dass sie auch kamen, und so vergrößerte sich der Kundenkreis sprunghaft.

In der ersten Nacht verdiente Natascha 1000 Mark. Sie hatte aber nur fünf Kunden bedient. Erich hatte sie genau gezählt. Für gewöhnlich zahlten die Freier etwa 120 Mark, wenn sie eine Stunde bei einer Dirne blieben. Das hieß also nach seiner Rechnung, sie musste jetzt 600 Mark haben. Hundert werde ich ihr lassen, damit soll sie sich die Dinge kaufen, die man nun eben, für diesen Beruf braucht, dachte er.

Gegen Morgen, als der letzte Kunde endlich das Zimmer verlassen hatte, kam er zu ihr. Natascha stand am Fenster und bürstete sich das Haar. Sie drehte sich um und sah ihn an.

»Ich werde jetzt schlafen.«

»Das sollst du auch«, sagte der Zuhälter aufgeräumt. »Sag mal, wie hast du das geschafft, dass du gleich in der ersten Nacht nur Dauerkunden hattest? Und ich dachte schon, du würdest die ganze Sache vermiesen.«

»Ich habe dir doch gesagt, du wirst es nicht bereuen, dass du mir geholfen hast.«

Ziemlich verblüfft sah er sie an. »Wo ist das Geld? Du musst an die 600 Piepen haben. Ich habe genau nachgezählt. Hundert kannst du behalten. Fünfhundert war abgemacht.«

»Ja«, sagte sie und nickte ernsthaft. »So war es abgemacht. Es sind aber nicht 600 Mark ...«

Er ließ sie gar nicht ausreden.

»Was? Hast du dich übers Ohr hauen lassen? Ich habe dir doch die Preise genannt. Viertelstunde 30 Bundesmücken und so weiter. Komm mir jetzt nicht mit faulen Ausreden. Ich kriege die fünfhundert, und ich kenne kein Pardon.«

Natascha sah ihn etwas eigentümlich an. Ihm war nicht sehr wohl in seiner Haut. Erich fragte sich doch tatsächlich, was er tun sollte, wenn sie das Geld nicht hatte. Verprügeln? Verdammt, sie sollte ihn nicht so anstarren, das konnte er nicht ertragen.

Das Mädchen ging zum Schrank, holte ein kleines Kästchen hervor und legte die tausend Mark auf den Tisch. Dann zählte sie gewissenhaft fünfhundert ab und gab sie dem Zuhälter. Diesem fielen bald die Augen aus dem Kopf.

»Heee«, krächzte er langgezogen. »Was soll das heißen?«

»Das ist meine Einnahme.«

Er schluckte.

»Fünf Kerle waren bei dir. Das ist unmöglich. Du hast sie bestohlen, verdammte Hure! Du hast lange Finger gemacht. Dies hier ist ein anständiges Haus!«, kreischte er los.

»Ich habe es verdient. Sie haben es mir einfach gegeben. Und jetzt nimm dein Geld und geh, ich möchte schlafen. Ich bin sehr müde, Erich.«

Sie nahm ihr Geld und brachte es in den Schrank zurück. »Das brauche ich für die Einrichtung. Später kannst du noch mehr von mir bekommen. Aber im Augenblick habe ich Auslagen, und du hast deine fünfhundert erhalten, wie versprochen.«

Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Sollte er ihr wirklich das schöne Geld lassen? Ja, war er denn von allen Geistern verlassen? Nur mit der Hälfte sollte er sich zufriedengeben?

Das Mädchen schien seine Gedanken zu lesen. »Im Augenblick kriegst du nicht mehr. Später wirst du noch genug an mir verdienen.«

»Soll das heißen, dass du immer so viel einnehmen wirst?«

»Ja, noch mehr. Es wird sich herumsprechen.«

»Du bist eine Hexe, Natascha, so viel verdienen ja nicht mal die Luxustüllen, und die müssen sich Gott weiß wie lange in der Nacht abstrampeln, wenn sie so viel verdienen wollen. Fünf Kunden, da schlag einer lang hin. Du hast sie wirklich nicht gefilzt?«

»Sie fragen mich, was ich haben muss, und ich sage, das ist mir gleich. Und dann legen sie das Geld auf den Tisch.«

Dem Zuhälter kam die Sache langsam unheimlich vor. Er schüttelte immer wieder den Kopf. Dass sie in der ersten Nacht überhaupt ihr Soll verdient hatte, war ein Meisterstück. Andere fingen mit ein paar Scheinehen an. Nein, sie war vielleicht eine Hexe.

Ganz benommen machte er sich auf den Weg.

 

 

3

Den anderen Mädchen blieb es nicht verborgen, dass sie das Geld nur so scheffelte. Und der Neid und der Hass brandeten gegen sie auf. Die Dirnen redeten sich die Köpfe heiß, sie fluchten, wollten sie aus dem Bordell werfen, ihr eine Stinkbombe ins Zimmer schmuggeln und vieles mehr. Aber wenn dann Natascha das Frühstückszimmer betrat, verstummten sie auf der Stelle.

Freundlich, nett, zu jedermann sehr höflich, nahm sie ihnen allen Wind aus den Segeln. Und als die Mädchen dann noch merkten, wie großzügig sie war, dass sie nicht einmal das Geld zurückverlangte, das sie ihnen lieh, da hielten sie sie für nicht ganz zurechnungsfähig.

»Ihr könnt mir sagen, was ihr wollt«, rief Yvonne. »Die hat nicht alle Tassen im Schrank. Das Weib ist doch unmöglich!«

»Solange sie keinen Stunk macht ...«, meinte Grete träge.

»Ja, du pumpst sie ja alle Augenblicke an. Eine Gemeinheit ist das«, fuhr die Französin sie wütend an.

»Was? Jetzt nimmst du sie auf einmal in Schutz? Da lachen ja die Hühner. Wenn dein Soll nicht voll ist, gehst du doch auch zu ihr. Meinst wohl, wir haben keine Augen im Kopf, was?«

Yvonne war wirklich wütend. Diesen Stinktieren das gute Geld vor die Füße zu werfen, das war wirklich zu dumm.

Natascha kam in den Frühstücksraum.

»Guten Morgen miteinander«, sagte sie höflich, setzte sich an den Tisch und bediente sich mit dem Rest, der übrig geblieben war. Und das war wirklich nicht mehr sehr viel.

Die anderen Mädchen trollten sich. Sie fühlten sich alle unsicher in ihrer Nähe. Nur Yvonne blieb.

»Sag mal«, begann sie das Gespräch, »stinkt es bei dir nicht? Die nutzen dich doch nach Strich und Faden aus. Und sieh dir mal den Frühstückstisch an, eine Affenschande ist das. Es ist immer genug da, aber sie fressen wie die Schweine und gönnen dem anderen nicht das Schwarze unter dem Fingernagel.«

Natascha blickte sie lächelnd an. »Ach, da hättest du mal bei uns in Russland sein müssen. Du liebe Güte ...« Und sie begann zu essen, ohne sich um die keifende Yvonne zu kümmern.

»Verflucht, noch mal, begreifst du denn nicht? Wir sind hier nicht in deinem verdammten Russland, sondern in Deutschland, und du kannst mehr erwarten, kapier das doch endlich. Hau doch mal mit der Faust auf den Tisch.«

»Mir genügt es vollkommen. Ich habe auch in Deutschland schon schlechtere Zeiten erlebt. Was regst du dich nur so auf?«

Nein, die war wirklich nicht normal. Die Französin raufte sich die Haare. Es war eine unmögliche Person. Alles prallte einfach an ihr ab. Aber das schlimmste war vielleicht, dass man sie unwillkürlich als Dame behandelte, obgleich sie wie sie alle hier im Bordell lebte. Sie strahlte etwas aus, man konnte es nicht definieren. Aber jeder, auch der Bordellwirt, jeder war höflich zu ihr.

Herrgott, dachte Yvonne, warum kann ich nicht so sein? Was ist das überhaupt? Ihre Kleidung? Verflucht, ich habe mich auch mal so kostümiert, die Weiber haben sich totlachen wollen, und ich habe die ganze Nacht keinen Freier mit auf die Bude schleppen können. Oder ist etwas mit ihrem Schlabbertee? Aber die Kerle wissen ja im Hof noch gar nicht, dass sie oben wie ein Tantchen zur Verdauung Tee trinken müssen.

Natascha hatte zu Ende gefrühstückt und stand auf. »Ich gehe jetzt in die Stadt. Soll ich dir etwas mitbringen?«

»Nein, ich habe noch alles«, knurrte Yvonne.

»Warum bist du mir böse?«, fragte die Russin mit ihrer weichen Stimme.

»Das bin ich gar nicht«, sagte Yvonne wütend.

»Nein? Dann bin ich aber froh. Was hältst du davon, wenn ich dich einlade? Zum Essen? In eines der schönsten Hotels in der Innenstadt? Komm, ich meine es wirklich ernst.«

»Du bist verrückt«, entgegnete Yvonne. »Die lassen uns doch nie hinein, die schmeißen uns doch achtkantig wieder hinaus.«

»O nein, aber natürlich musst du dich ein wenig anders kleiden«, entgegnete die Russin.

»Ich habe nur diese Klamotten, sie sind alle gleich.«

»Warte mal«, sagte Natascha, »ich komme mit dir. Wollen wir doch mal sehen, wie wir das hinbiegen. Umsonst war ich nicht beim Theater, da kann man aus nichts ein ganzes Kostüm machen.«

»Ehrlich?«

»Das ist nur ein Sprichwort, aber es hat vieles für sich«, lachte die Russin.

Die beiden Dirnen verließen den Aufenthaltsraum und begaben sich in Yvonnes Zimmer. Diese schämte sich nun, dass es so unaufgeräumt war, aber Natascha tat so, als sehe sie es nicht.

Yvonne staunte. Sie musste wirklich eine Zauberin sein. In wenigen Minuten verwandelte sie die ordinäre Dirne in eine nette junge Frau. Die Frisur hatte sie ein wenig verändert, kaum geschminkt, ein nettes Blüschen, der weite Ausschnitt wurde mit Modeschmuck zugedeckt, das Röckchen etwas zurechtgezupft, dazu ein paar schlichte Schuhe und eine ganz einfache Tasche.

»Himmel, ich sehe ja wie eine Pensionstunte aus«, meinte Yvonne entgeistert.

»Du siehst wirklich nett aus«, sagte Natascha, »du solltest dich immer so kleiden.«

»Glaubst du, die Kerle kommen hierher, um Vogelscheuchen zu betrachten? Die wollen was Verkommenes, Ordinäres sehen. Wir sind deshalb verschrien, und dann müssen wir unserem Beruf auch Ehre machen«, sagte die kleine Dirne.

»Muss man wirklich? Die Zeiten ändern sich, Yvonne«, sagte Natascha ruhig. »Vergiss das nicht. Aber komm jetzt, ich hole mir nur noch mein Jäckchen und meine Tasche.«

Auf etwas wackeligen Beinen verließ Yvonne das Bordell, und sie kam sich nackt vor, da sie fast nicht geschminkt war. Ganz selten, ging sie in die Stadt. Sie hasste es, wenn sie außer ihrer Arbeitszeit von den Männern angestarrt wurde, unflätige Ausdrücke zu hören bekam.

Aber das alles blieb aus. Ja, sie spürte wohl die Blicke, aber es waren besondere Blicke. Selbstverständlich blieben sie erst an Natascha haften, aber sie bewegte sich in ihrem Windschatten und spürte etwas von dieser Anbetung, die man dieser schönen Frau entgegenbrachte.

Yvonne verstand die Welt nicht mehr. Und als sie dann vor dem Hotel standen, wollte sie Reißaus nehmen. Aber Natascha lächelte ihr aufmunternd zu.

»Komm nur!«

Sie wurden mit vollendeter Höflichkeit empfangen. Ja sie bekamen sogar den schönsten Fensterplatz. Der Chef persönlich kümmerte sich um alles und fragte Natascha immer wieder, ob sie noch Wünsche habe.

Und sie lächelte ihn bezaubernd an und sagte: »Vielleicht ein Tässchen Tee.«

»Aber ich habe keinen so guten Tee«, sagte der Mann.

»Er wird mir schmecken«, entgegnete sie höflich.

Der Inhaber entfernte sich.

»Sag mal«, zischte Yvonne, »ich habe so das verdammte Gefühl, du kennst den Kerl. Jetzt sag bloß nicht, dass er zu dir kommt.«

»Ja, natürlich«, entgegnete die Dirne. »Er war verdammt verklemmt, hatte es wirklich nicht einfach in seinen Nöten.«

»Ein Abartiger? Mensch, gibst du dich damit ab? Jetzt verstehe ich auch, wieso du so viele Kohlen machst.«

»Jetzt ist er wieder normal«, sagte Natascha. »Er kommt jede Woche zu mir. Ich habe ihn geheilt, und er ist mir sehr dankbar.«

Yvonne dachte: Ich träume das alles bloß.

»Aber Natascha, der muss doch Angst haben, dass du ihn bloßstellst! Und das hier in der Stadt! Es ist doch ein Leichtes für dich. Wenn ich mal einen Freier zufällig in der Stadt treffe und seine Alte ist dabei, dann schwitzt er Blut und Wasser.«

Natascha richtete sich auf und sagte nur: »Ich werde wie eine Dame behandelt und benehme mich auch wie eine Dame.«

Da wurde die Dirne ganz winzig und sprach lange Zeit nichts mehr. Das Essen wurde serviert. Yvonne hatte schon eine Ewigkeit nicht mehr so gut gegessen. Verzweifelt suchte sie sich an die guten Tischsitten zu erinnern. Aber dann blickte sie nur auf die Russin und tat alles, wie diese es ihr vormachte.

Nach dem Mokka kam der Besitzer wieder, und Natascha fragte: »Was bin ich Ihnen schuldig?«

Und er lächelte sie an und sagte: »Was Sie für richtig halten. Wenn Ihnen irgendetwas nicht gefallen hat, brauchen Sie selbstverständlich nicht zu bezahlen.«

Natascha lächelte weich zurück, nahm ihr kleines Täschchen und holte einen Hundertmarkschein hervor, legte ihn auf den Tisch und erhob sich.

Draußen sagte Yvonne entsetzt: »Du, wenn ich gewusst hätte, dass der Stall so teuer ist, hätte ich selbstverständlich nicht so viel gegessen.«

Natascha ging ruhig weiter und sagte: »Ich bezahle immer, wenn mir etwas gefällt, sehr gut. So, wie man mich auch sehr gut bezahlt, wenn man zufrieden mit mir war.«

Danach machten sie noch kleine Einkäufe. Yvonne ging ziemlich still neben der Russin. Sie war richtig verwirrt. Überall wurde sie wie eine Dame aufgenommen und vorzüglich behandelt. Und dabei tat sie gar nichts. Sie kam nur herein, man sah sie dort, und schon kam man ihr eilfertig entgegen. Aber wie nett sie auch zu der kleinsten Verkäuferin war, darüber staunte die Französin. Und wenn sie mit jemandem sprach, dann nicht oberflächlich, sondern sie schien viele zu kennen, und man erzählte ihr von seinen Sorgen, und sie hörte zu, nicht aus Höflichkeit, nein, voller Anteilnahme und Freundlichkeit. Sie war wirklich ein unheimliches Geschöpf.

Später im Bordell lud Natascha sie zu ihrer berühmten Tasse Tee ein, und das war wirklich für Yvonne eine Auszeichnung. Zum ersten Mal betrat sie das Zimmer der Russin. Es wirkte fremdartig, aber doch so gemütlich. Nach dem ersten Augenblick hatte sie nur noch den Wunsch, sich hinzusetzen, Tee zu trinken und einfach zu reden und glücklich zu sein.

Das war eigentlich die erste Freundschaft im Bordell. Yvonne betete Natascha an. Niemand durfte mehr in ihrer Gegenwart abfällig über die Russin sprechen. Dann wurde sie furchtbar wütend. Und die anderen amüsierten sich darüber.

 

 

4

»Ich brauche ein Telefon«, sagte Natascha und blickte Erich Blong groß an.

»Was? Auf dem Flur hängt doch eins«, gab er grob zurück.

»Das genügt mir nicht. Außerdem beschweren sich die Mädchen, dass sie mich andauernd rufen müssen. Und das bei der Arbeit. Das hätte ich auch nicht gern.«

»Wieso brauchst du ein Telefon? Wenn du unten stehst, hörste es nicht, und wenn du einen Kerl bei dir oben hast, kannste auch nicht rangehen.« Er hielt sich für sehr klug.

»Ich stehe nicht mehr unten«, gab sie mit ruhiger Stimme zurück.

»Nicht?«, echote er.

»Nein, ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht lange unten im Hof stehen muss. Ich habe jetzt Stammkundschaft genug. Und sie fragen mich jetzt immer, ob ich mir kein Telefon anschaffen könnte, dann könnten sie sich voranmelden und müssten nicht erst wieder weggehen, wenn ich einen Kunden habe. Ich könnte mir einen richtigen Kalender anlegen.«

»Und was machste, wenn es klingelt und du ...« Er kicherte laut los. »Das müssen die Kunden ja köstlich finden. Nutte rauf, klingel, Nutte runter und so weiter. Wohl ein neuer Sport, was?«

»Natürlich muss es ein Telefon mit Tonband sein. Wenn ich Besuch habe, stelle ich es ein, und wenn dann einer anruft, meldet sich meine Stimme, und die gibt Auskunft, dass man in einer halben Stunde bitte noch einmal anrufen möchte, oder man kann auch seine Wünsche auf Band sprechen.«

»Donnerwetter«, staunte der Zuhälter. »Du bist wohl dann die erste technisierte Nutte!«

»Du wirst dich also darum kümmern!«

Er machte ein missmutiges Gesicht. Aber dann dachte er nach. Eigentlich war das nicht schlecht. In der Tat, sie würde dann noch mehr Kunden haben, und es würde nie Leerlauf geben. Jetzt arbeitete sie schon viel am Tage.

Nach einer Woche Eingewöhnung hatte sie, ohne dass er etwas gesagt hatte, die fünfhundert Mark aufgestockt. Jeden Morgen gab sie ihm zwei Drittel ihres Einkommens. Sie war ehrlich wie keine der anderen Dirnen. Er hatte noch nie ein so gutes Mädchen gehabt. Die Startüllen im Bezirk waren schon mächtig sauer. Und am wütendsten war Boris selbst. Zu ihm war auch die Kunde von der rätselhaften Dirne gelangt, und als er sich eines Tages aufmachte, um sie zu besichtigen, sah er Natascha und wurde grün vor Neid. Und er hatte sie für ein Butterbrot verspielt. Natürlich hatte er versucht, sie zurückzukaufen, und hatte sich an Erich herangemacht. Aber es war nichts zu machen.

»Sie legt mir jeden Tag eine Menge goldene Eier, und die soll ich dir verkaufen? Bin ich blöd? Sehe ich wirklich so doof aus? Nee, du hast sie ja selbst gehabt.«

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938708
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539089
Schlagworte
redlight street edeldirne natascha

Autor

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Titel: Redlight Street #133: Zum Tee bei der Edeldirne Natascha