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Sturm über Dakota

2020 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sturm über Dakota

Copyright

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Sturm über Dakota

Roman von Frank Rehfeld

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

Im Konvoi sollen die Trucker Jim Sherman und Bob Washburn dringend benötigte chemische Substanzen zu einem vom Durchbruch gefährdeten Damm bringen. Doch ein Unwetter bricht los, sie kommen kaum noch voran, und der Damm wird immer instabiler. Als der Konvoi eine Brücke nicht überqueren kann, greifen die Trucker zu einer verzweifelten Maßnahme.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Mit sorgenvoller Miene betrachtete Phil Larkin den Himmel. Der Wind wehte gleichmäßig und nicht besonders stark aus nördlicher Richtung, trieb die schweren grauen Wolken langsam vor sich her und kräuselte die Oberfläche des Lake Sakakawea.

Anders als in den vergangenen drei Tagen regnete es im Augenblick gerade nicht, doch dem Wetterbericht zufolge würde diese Pause nicht lange anhalten. Die Meteorologen hatten ein mehrtägiges Sturmtief mit heftigen Unwettern angekündigt.

Larkin ließ seinen Blick über den Garrison-Staudamm wandern. Er war nicht sicher, ob der Damm den Belastungen gewachsen sein würde.

Der Lake Sakakawea liegt in North Dakota, eine natürlich entstandene Seenplatte, die durch den Missouri gespeist wird. Durch den Garrison-Damm wird das Wasser in dem tief liegenden Gebiet zusätzlich gestaut.

Der Wind zerzauste Larkins angegrautes Haar. Er war ein schlanker, fast hagerer Mann mit knochigen Gesichtszügen und eisgrauen Augen. Dreißig von seinen insgesamt neunundvierzig Jahren arbeitete er bereits für das Umweltministerium von North Dakota, doch mit einem Fall wie diesem hatte er es noch nicht zu tun gehabt.

Der Staudamm war Anfang der sechziger Jahre entstanden. Natürlich war es kein Bauwerk gewesen, das für die Ewigkeit geplant worden war, jedenfalls nicht ohne ständige Ausbesserungen, doch schien es eine Menge Leute zu geben, die über die Jahre hinweg offenbar genau dieser Ansicht gewesen waren.

Aus purer Geldgier waren nur unregelmäßige und sehr oberflächliche Kontrollen durchgeführt worden. Wartungsarbeiten hatte es kaum gegeben, höchstens gelegentliche kleine Reparaturen, kaum mehr als ein oberflächliches Flickwerk.

Dabei stellte nicht einmal das Geld für die Reparaturen das größte Problem dar. An den Damm angeschlossen war ein Kraftwerk. Das Wasser, das durch Schleusen in das Innere des Dammes eindrang und dort hinunterstürzte, trieb gewaltige Turbinen an, die auf diese Weise elektrischen Strom erzeugten. Jeder Tag, an dem das Kraftwerk nicht mit Höchstleistung arbeitete, kostete ein kleines Vermögen. Verglichen damit waren die Kosten für Reparaturen eine Kleinigkeit, doch wenn diese durchgeführt wurden, konnte es – wenn überhaupt – nur mit verminderter Leistung betrieben werden, denn um den Damm wirklich von Grund auf gründlich zu warten, musste der Wasserspiegel des Sees beträchtlich abgesenkt werden.

Phil Larkin ließ seinen Blick noch einmal umherschweifen, dann stieg er wieder in den Pick-up.

»Also los«, sagte er an den Fahrer gewandt.

Der Mann auf dem Fahrersitz löste die Handbremse und gab Gas. Sie fuhren auf den an der Oberseite gut acht Yards breiten Damm hinaus, rollten langsam an den Arbeitern vorbei, die überall damit beschäftigt waren, Messungen anzustellen oder Gerüste anzubringen, die wie Rankpflanzen auf der dem Wasser abgewandten Seite weiter und weiter von der Krone der Staumauer in die Tiefe wucherten.

Larkin verzog das Gesicht. Es war ein seltsamer Vergleich, doch angesichts der Größe des Bauwerks sahen die Gerüst und die Menschen geradezu winzig aus, kamen ihm tatsächlich wie herabrankende Pflanzen vor.

Nachdem man die unangenehme Aufgabe jahrelang nur vor sich hergeschoben hatte, waren die Reparaturmaßnahmen nun unvermeidlich geworden.

Aus diesem Grund war Phil Larkin hergeschickt worden. Er hatte die Aufgabe, die aufgetretenen Schäden, die sich nun nicht länger vertuschen ließen, zu überprüfen und ihre korrekte Beseitigung zu überwachen.

Was er hier vorgefunden hatte, hatte Larkin regelrecht erschüttert. Der Damm befand sich in einem mehr als nur bedenklichen Zustand. Es erschien ihm sogar fraglich, ob das Bauwerk das bevorstehende Unwetter, das sehr heftige Regenfälle mit sich bringen würde, unbeschadet überstehen würde. Damit wollte er nicht gerade einen Zusammenbruch einschließen, das kam ihm doch etwas weit hergeholt vor, aber das Unwetter würde mit Sicherheit weitere Schäden verursachen, und dann wurde es allmählich kritisch.

»Halten Sie hier«, wies er den Fahrer an, als sie etwa ein Drittel der Strecke über den Damm zurückgelegt hatten. Er stieg aus.

Auf der Ladefläche des Pick-ups befand sich ein wuchtiges, neuartiges Messgerät, mit dem man Spannungen im Mauerwerk überprüfen konnte. In erster Linie war es dafür konzipiert worden, um die Statik von Hochhäusern zu kontrollieren, doch war es auch hier einsetzbar. Larkin hatte selbst keine Ahnung, nach welchem Prinzip es genau funktionierte, er wusste lediglich, wie man es bediente.

In diesem Fall konnte es wichtige Aufschlüsse über die Qualität und Belastbarkeit des Dammes liefern, und darauf kam es in erster Linie an.

Larkin gab den beiden Männern, die neben dem Gerät saßen, einen Wink. Mit einer Seilwinde und einem kleinen Kran ließen sie die Apparatur von der Ladefläche herab. Einige kleine Löcher mussten in den Boden gebohrt werden, um Messsonden darin zu befestigen. Ein paar stählerne Dioden wurden direkt in den Beton des Dammes getrieben.

Larkin blickte auf, als er hörte, wie sich ein Auto näherte. Ein offener Jeep brauste heran und hielt ein Stück hinter dem Pick-up.

Ein übergewichtiger, etwa fünfzigjähriger Mann stieg aus. Er überragte Larkin um mehr als einen halben Kopf. Stuart Jefferson, leitender Mitarbeiter von Mercator Inc., einer großen Firmengruppe, die über Beteiligungen an anderen Gesellschaften in nahezu allen Wirtschaftsbereichen engagiert war.

Unter anderem war sie auch mehrheitlich an dem Firmenkonsortium beteiligt, das den Garrison-Damm und das Wasserkraftwerk betrieb. Jefferson war der Leiter des Projekts hier vor Ort und somit verantwortlich für alles, was mit dem Staudamm und dem Kraftwerk zu tun hatte.

Sein dunkles Haar war korrekt gescheitelt, seine buschigen Augenbrauen verliehen seinem Blick etwas Zwingendes. Selbst wenn Jefferson lachte, schien sein Blick jeden Gesprächspartner regelrecht zu durchbohren, und im Augenblick war er weit von einem Lachen oder auch nur einem Lächeln entfernt. Es war unverkennbar, dass er vor Wut innerlich kochte.

Phil Larkin war von Anfang an bewusst gewesen, dass sein eigenmächtiges Vorgehen Schwierigkeiten verursachen würde. Schon der erste Blick in Jeffersons Gesicht aber zeigte ihm, dass ihm weit größerer Ärger als bislang angenommen bevorstand.

 

2

»Das ist toll«, sagte Jim Sherman mit einem freudigen, optimistischen Lächeln. »Diese Tour wird einfach super. Eine gemütliche Spazierfahrt. Das bisschen Regen und Sturm werden ein Kinderspiel, und auch wenn das Lösungsmittel ein bisschen gefährlich ist, so ist doch alles so abgesichert, dass überhaupt nichts passieren kann. Dafür gibt es aber eine absolut grandiose Zulage, die unser Konto richtig schön aufstocken wird. Genau das, was wir gebraucht haben. O Mann, ich kann kaum erwarten, dass es losgeht. Das dürfte eine spitzenmäßige Fahrt werden.«

»Hätte?« Bob warf dem blonden Texaner auf dem Shotgunsitz einen verständnislosen Blick zu und legte die Stirn in Falten.

»Ach, von dir lasse ich mir meine Superlaune und meine Vorfreude nicht verderben.«

Bob Washburn schüttelte den Kopf. »Was ist denn mit dir los? Ist das nur vorübergehend, oder soll ich in der nächsten Klapsmühle Hilfe anfordern? Ich hoffe nur, es handelt sich um nichts Ansteckendes?«

Jims strahlendes Lächeln erlosch, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Seine Miene wirkte nun verdrossen.

»So etwas nennt man positive Selbstmotivation, du Knalltüte«, erklärte er. »Leider scheint es irgendwie nicht richtig zu klappen. Aber wenn ich realistisch über diesen Wahnsinn nachdenke, ist das dem Redakteur wieder viel zu pessimistisch, und der Autor bekommt eins auf den Deckel. Wir müssen verrückt sein, dass wir uns nur wegen der nicht gerade üppigen Zulage mit einer so gefährlichen Ladung mitten in ein Sturmgebiet hinein trauen.«

»Moment mal, eigentlich bin ich hier als Berufspessimist angestellt«, protestierte Bob. Der farbige Ex-Boxer schaffte es, tatsächlich gekränkt auszusehen. »Du bist derjenige, der mir immer vorwirft, ich würde zu oft schwarzsehen.«

»Schwarz passt ja auch gut zu dir«, flachste Jim. »Übrigens nennt man so etwas Rollentausch. Normalerweise bin ich ja auch schön, und du bist nur blöd, aber als wir diesen Auftrag angenommen haben, haben wir wohl auch die Rollen gewechselt und sind beide schön blöd gewesen.«

Bob verzog das Gesicht.

»Über den Kalauer konnte schon mein Großvater nicht mehr lachen«, behauptete er. »Aber mal ganz im Ernst. Glücklich bin ich über den Auftrag auch nicht gerade, doch wir haben ihn nun mal angenommen. Vielleicht ist diese positive Selbstmotivation, oder wie die Krankheit heißt, gar nicht mal so schlecht. Immerhin fahren nicht wir das Lösungsmittel. Dieses Pulverzeug in unserem Auflieger ist völlig harmlos.«

Sie befanden sich bei einer Firma in Pittsburgh, Pennsylvania. Ihr Fahrziel war der Garrison-Staudamm in North Dakota, doch würden sie nicht allein fahren, sondern in einem Konvoi mit drei anderen Trucks. Zu transportieren hatten sie Solfyrocyll, ein vor einigen Jahren entwickeltes Baumaterial, das aus zwei Komponenten bestand. Zum einen eine pulvrige Grundsubstanz, die in ganz normalen Säcken verpackt war und nicht gefährlicher oder sonstwie problematischer als schlichter Trockenzement oder auch Mehl war.

Um daraus Solfyrocyll zu gewinnen, musste es mit einem speziellen Lösungsmittel vermischt werden. Dieses Lösungsmittel konnte bei unsachgemäßer Anwendung nicht nur zu schlimmen Verätzungen führen, sondern es war auch leicht entflammbar. Somit stellte es den wesentlich gefährlicheren Teil der Fracht dar und wurde in einem speziell gesicherten Tankauflieger transportiert.

Das Solfyrocyll, das aus der chemischen Reaktion der beiden Komponenten entstand, stellte je nach Mischungsverhältnis eine mehr oder weniger zähflüssige Masse dar, die nach kurzer Trockenzeit härter als Stahlbeton wurde. Insofern war sie ideal für Ausbesserungen an großen Bauwerken wie dem Staudamm geeignet. Im normalen Handel konnte man es allerdings nicht kaufen, da große und teure Maschinen nötig waren, um die Komponenten richtig zu mischen. Diese Maschinen wurden von der Herstellerfirma Scarfax Enterprises gegen eine entsprechend hohe Gebühr verliehen.

Jim und Bob würden mit ihrem Kenworth W 900 Conventional einen Auflieger transportieren, der mit Kunststoffsäcken des pulvrigen Rohmaterials gefüllt war, ebenso wie Steven Sharp und Jack Colvay mit ihrem grünen Peterbilt. Die beiden fuhren schon seit fast zwei Jahrzehnten zusammen und waren die besten Freunde, zwei kräftige, etwa vierzigjährige Männer mit wild wuchernden Vollbärten. Sie waren beide in Truckerkreisen bestens bekannt und beliebt.

Der Auflieger mit dem Lösungsmittel wurde gerade an den blauen Freightliner von Cole Webster und Bill Harding angekoppelt. Die beiden bildeten in vielerlei Hinsicht einen deutlichen Kontrast zu Steven und Jack. Sie waren höchstens Ende Zwanzig, klein und eher schmächtig und tummelten sich erst seit relativ kurzer Zeit in diesem Geschäft.

Am Steuer des vierten Trucks schließlich saß ein rein weibliches Team. Audrey und Anna Willow waren eineiige Zwillingsschwestern, was schon an ihrem Aussehen deutlich zu erkennen war, denn sie sahen sich so ähnlich, dass sie sich praktisch kaum unterscheiden ließen. Da sie mit ihrer schlanken Figur, dem gelockten blonden Haar und dem von ausdrucksvollen blauen Augen beherrschten Gesicht auch noch äußerst hübsch waren, boten sie gleich eine doppelte Augenweide.

Wer die Willow-Zwillinge jedoch nur als blonde Dummchen betrachtete, der lag gründlich schief. Zwar gab es inzwischen zahlreiche Truckerinnen, doch im Großen und Ganzen handelte es sich um ein noch immer weitgehend von Männern dominiertes Gewerbe, gerade weil es auf den Highways manchmal recht rau zuging und des öfteren körperliche Kraft vonnöten war. Frauen, die es schafften, sich hier durchzusetzen, waren alles andere als dumm und unselbständig.

Andererseits waren Audrey und Anna aber auch keine männerfressenden Emanzen, sondern Typen, mit denen man die sprichwörtlichen Pferde stehlen konnte. Sie waren zweiunddreißig Jahre alt und machten mit ihrem – passenderweise schneeweiß lackierten – White seit rund zehn Jahren die Highways unsicher. In dieser Zeit hatten sie sich den Ruf erworben, äußerst zuverlässig zu sein. Jim und Bob kannten sie schon seit Längerem flüchtig und mochten sie recht gern, auch wenn es sie immer wieder ärgerte, dass sie die beiden kaum auseinanderhalten konnten und deshalb nie sicher wussten, mit wem sie gerade sprachen.

Im Auflieger der Zwillinge befanden sich die Maschinen, die zum Mischen und der fachgerechten Anwendung des Solfyrocylls benötigt wurden.

»Diese Sicherheitsheinis rauben einem den letzten Nerv«, ertönte eine weibliche Stimme neben Jim. Er wandte den Kopf zum heruntergekurbelten Fenster. Eine der beiden Willows war neben den »Thunder« getreten, wie die Trucker den Kenworth aufgrund der beiderseits der Motorhaube aufgemalten Blitze genannt hatten. »Wir könnten schon längst unterwegs sein, wenn die sich nicht so bürokratisch anstellen würden.«

Jim musterte sie und kam zu dem Schluss, dass es sich vermutlich um Anna handelte.

»Besser, sie kontrollieren jetzt alles drei- und vierfach, als dass uns das Zeug hinterher um die Ohren fliegt, nur weil irgendeine Kleinigkeit übersehen wurde«, kommentierte er.

»Trotzdem nervt diese Warterei.« Sie schwang sich auf das Trittbrett und stützte die Arme auf den Fensterrahmen.

»Warum so ungeduldig, Anna? Ist zwar eine Terminfracht, aber die Zeit ist großzügig bemessen.«

»Das schon, aber ihr wisst ja, time is money. Uns erwartet eine Anschlussfracht in Bismarck, und die ist ebenfalls terminlich gebunden. Je eher wir da sind, um so besser.« Ein spöttisches Funkeln erschien in ihren Augen. »Übrigens, ich bin Audrey. Anna steht da drüben bei unserem White.«

»Oh«, machte Jim verlegen.

»Wie wäre es denn, wenn ihr euch mal Namensschilder anstecken würdet?«, mischte sich Bob ein. »Oder euch wenigstens unterschiedlich frisieren würdet, oder sonst irgend etwas, wodurch man euch leichter auseinanderhalten kann.«

»Abgelehnt, Champ«, erwiderte Audrey grinsend. »Dafür macht es viel zu viel Spaß, wenn die Leute uns ständig verwechseln.«

»Den sogenannten Leuten macht es dafür weniger Spaß«, brummte der frühere Champion im Schwergewicht, der seine Boxerkarriere vor Jahren aufgegeben hatte, weil die Mafia versucht hatte, die Kämpfe zu manipulieren, um durch Wetten auf den im Voraus abgesprochenen Sieger ein Vermögen zu kassieren. Mit seinem ersparten Geld war er anschließend bei Jim als Partner eingestiegen. »Wie macht ihr das eigentlich, wenn sich mal jemand in eine von euch verliebt? Macht ihr euch dann auch den Spaß, euch abwechselnd mit ihm zu treffen, um ihn an der Nase herumzuführen?«

»Vielleicht. Wer weiß?«, gab Audrey zurück, zwinkerte ihm zu und drohte gleichzeitig scherzhaft mit dem Zeigefinger. »Aber wer wird denn gleich so indiskrete Fragen stellen? Ich erkundige mich ja auch nicht nach eurem Liebesleben.«

»Ich fürchte, es würde schnell auffallen, wenn Bob und ich die Verabredungen tauschen würden«, antwortete Jim.

»Klar«, fügte Bob feixend hinzu. »Stell dir nur mal die arme Frau vor, die einen Adonis wie mich erwartet und sich plötzlich einem hässlichen Vogel wie dem da gegenübersähe. Die Ärmste würde ja einen Schock fürs Leben erleiden.«

»Unverbesserlich, der Typ«, sagte Audrey kopfschüttelnd. »Du hast wohl schon lange nicht mehr in den Spiegel gesehen, Champ, wie?« Sie blickte sich um. »He, sieht so aus, als ginge es endlich los. Wir sehen uns später.«

Sie sprang vom Trittbrett herunter und kehrte zu dem White zurück.

Ein Mitarbeiter der Scarfax Enterprises kam noch einmal an den »Thunder« getreten, um die beiden Trucker völlig überflüssigerweise ein letztes Mal mit Instruktionen zu versehen, die sie längst auswendig kannten.

Bob drehte den Zündschlüssel des Kenworth. Mit urgewaltigem Brüllen sprang der 450 PS starke Caterpillar-Motor an.

Langsam rollte der »Thunder« als erster Truck des Konvois vom Firmenhof hinunter.

 

 

3

Mit drohend in die Hüften gestemmten Fäusten baute sich Jefferson vor Phil Larkin auf.

»Was hat das zu bedeuten?«, fuhr er ihn in scharfem Tonfall an. »Ich habe keine Genehmigung für solche Messungen erteilt, habe sie sogar ausdrücklich untersagt. Was also machen Sie hier?«

Es fiel Larkin schwer, dem Blick des Managers standzuhalten, doch er zwang sich dazu, den Kopf nicht zu senken. Jefferson war es gewohnt, die meisten Widersacher einzuschüchtern, sie allein mit der Kraft seiner Persönlichkeit niederzuringen. Larkin hatte jedoch nicht vor, einfach klein beizugeben.

»Ich halte diese Messungen für sehr wichtig, weil nur sie genaue Aufschlüsse über eventuelle verborgene Schäden liefern können«, entgegnete er. »Und deshalb führe ich sie durch.«

»Wir haben Gutachten unabhängiger Experten, die ich Ihnen bereits ausgehändigt habe. Weitere Untersuchungen sind also völlig überflüssig. Aus den Gutachten gehen alle nötigen Informationen hervor, und auf dieser Basis haben wir mit der Sanierung begonnen. Es gibt also absolut keinen Grund, warum Sie hier zusätzlich herumschnüffeln sollten. Ihre Aufgabe besteht darin, die Unterlagen durchzusehen, Ihre Unterschrift und einen Stempel darunterzusetzen und damit alles abzusegnen.«

»Sie täuschen sich.« Phil Larkin zwang sich, möglichst ruhig zu wirken. »Ich habe die Gutachten gründlich studiert, und meines Erachtens sind sie kaum mehr wert als das Papier, auf dem sie geschrieben wurden. Ich fürchte, dass das Ausmaß der Schäden wesentlich größer ist, und ich werde dafür sorgen, dass hier so gründlich gearbeitet wird, dass der Damm bis ins kleinste Detail den gültigen Verordnungen gerecht wird.«

»Sie behindern hier nur die Arbeiten«, blaffte Jefferson. »Also packen Sie Ihren Krempel zusammen, und verschwinden Sie. Der Affenzirkus, den Sie hier veranstalten, geht weit über Ihre Kompetenzen hinaus. Glauben Sie mir, ich habe einflussreiche Freunde. Ein paar Anrufe dürften genügen, und Sie können von Glück sagen, wenn Sie in Zukunft noch in irgendwelchen Bächen Wasserproben entnehmen und untersuchen dürfen.«

»Soll das eine Drohung sein?« Auch Larkins Tonfall war schärfer geworden.

»Nehmen Sie es als einen guten Rat. Ihre Aufgabe hier besteht nicht darin, Stunk zu machen, sondern Sie sollen den ordnungsgemäßen Verlauf der Ausbesserungsarbeiten überprüfen. Mehr nicht. Und wenn Sie glauben, sich hier aufspielen zu müssen, kann das sehr schnell ins Auge gehen.«

Larkin antwortete nicht sofort. Schweigend musterte er den Manager stattdessen einige Sekunden nachdenklich.

»Wissen Sie, ich frage mich, warum Sie unter allen Umständen gründliche Messungen verhindern wollen«, sagte er schließlich. »Sie haben nicht zufällig etwas zu verheimlichen und versuchen, es zu vertuschen?«

»Das sind bodenlose Unterstellungen!«, tobte Jefferson. »Ich werde mich über Sie beschweren, darauf können Sie sich verlassen. Und wenn Sie jetzt nicht augenblicklich von hier verschwinden, werde ich …«

»O nein, Sie werden gar nichts«, fiel ihm Larkin ins Wort. Er ließ sich nicht mehr länger einschüchtern. Seine unterschwellige Furcht war kaltem Zorn gewichen, der von Jeffersons Versuchen, ihm alle möglichen Steine in den Weg zu rollen und ihm nun sogar offen zu drohen, genährt wurde. »Ich werde Ihnen jetzt sagen, was passiert, wenn Sie mich nicht augenblicklich diese Messungen anstellen lassen, die ich für dringend erforderlich halte.«

»Was erlauben Sie sich?«, polterte Jefferson. »Was glauben Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?«

»Jemanden, der offenbar bereit ist, über Menschenleben zu gehen, um weiterhin eine vermutlich saftige Provision zu kassieren«, gab Phil Larkin kühl zurück. »Wenn Sie mich die Messungen nicht durchführen lassen, werde ich im Ministerium anrufen, werde darum bitten, unverzüglich mit dem Gouverneur sprechen zu dürfen, und werde ihm mitteilen, dass der Damm in meinen Augen ein unverantwortliches Sicherheitsrisiko darstellt. Demnächst sind wieder Wahlen, und der Gouverneur dürfte keinerlei Interesse daran haben, dann mit einer Überschwemmungskatastrophe in Verbindung gebracht zu werden.«

»Sie … Sie übertreiben!«, stieß Jefferson hervor, doch er war eine Spur blasser geworden. »Dafür gibt es keinerlei Grundlagen, das ist blinde Panikmache.«

»Trotzdem wird der Gouverneur mit Sicherheit sofort eine wesentlich gründlichere Untersuchung anordnen. Er wird eine Expertenkommission schicken, die wesentlich umfangreichere Befugnisse als ich hat, und die können Sie nicht mehr daran hindern, alles über den wahren Zustand des Dammes herauszufinden. Und falls ich den Gouverneur nicht erreichen oder er nicht schnell genug handeln sollte, werde ich mich an die Medien wenden. Die dürften sich auf ein solches Thema geradezu stürzen.« Er räusperte sich. »Also, was ist nun?«

Stuart Jefferson überlegte einige Sekunden lang. Mit unverhohlener Wut musterte er den Beamten des Umweltministeriums. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt.

»In Ordnung, Mister Neunmalklug«, zischte er schließlich. »Führen Sie Ihre Messungen durch. Unsere Experten irren sich nicht, ich habe volles Vertrauen in ihre Gutachten. Und falls sich herausstellt, dass Sie hier für nichts und wieder nichts so einen Aufstand gemacht haben, dann sind Sie erledigt.«

Larkin spürte die mühsam unterdrückte Nervosität und Unsicherheit, die sich hinter den Worten des Managers verbargen.

»Es ist schon seltsam«, sagte er mit einem flüchtigen ironischen Lächeln. »Eigentlich sollten Sie sich wünschen, dass ich mich täusche und nichts finde, was zu weiterer Besorgnis Anlass gibt. Sollten meine Befürchtungen sich nämlich bewahrheiten, könnte es gut sein, dass Sie erledigt sind.«

Stuart Jefferson warf ihm noch einen vernichtenden Blick zu, dann stapfte er zu seinem Jeep zurück.

Larkin drehte sich um. Er war nicht stolz darauf, seinen Willen durchgesetzt und Jefferson in seine Schranken verwiesen zu haben. Was er fühlte, war lediglich eine grimmige Zufriedenheit, dass er seine Arbeit jetzt so gründlich erledigen konnte, wie er es für nötig hielt.

»Worauf wartet ihr noch?«, fragte er. »Schließt das Gerät schon an, damit wir endlich die Messungen durchführen können.«

 

 

4

Douglas Benson sah das Unheil kommen, doch es war zu spät, um noch zu reagieren. Alles schien sich wie in Zeitlupe um ihn herum abzuspielen.

Mit seinen achtundfünfzig Jahren war Benson schon fast ein Trucker-Veteran. Er war einer der ersten Fahrer bei der Ryland Trucking Company gewesen und dem Trucker-King, wie Luke Ryland viele Jahre später achtungsvoll genannt werden sollte, seit dieser Zeit treu geblieben.

Die Highways waren sein Zuhause; er fühlte sich nicht wohl, wenn er keine starke Maschine unter sich spürte und ihm nicht der Geruch von Diesel und Freiheit um die Nase wehte. Dafür war er auch bereit gewesen, mit einer gescheiterten Ehe zu bezahlen. Er hatte Mary geliebt, und immerhin waren sie fast vier Jahre lang verheiratet gewesen, bevor sie beide erkannt hatten, dass es wie bisher nicht mehr weitergehen konnte.

Das aber lag nun schon mehr als zwanzig Jahre zurück, und seither hatte er erst gar nicht mehr versucht, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Ein harmonisches Familienleben ließ sich nur schwer aufbauen, wenn man die meiste Zeit on the road war.

Benson hatte die Konsequenzen daraus gezogen, und trotz gelegentlicher Anflüge von Einsamkeit und Melancholie hatte er seine Entscheidung bislang nie bedauert.

Er war ein hochgewachsener, schlanker Mann, in dessen von grauem Haar umrahmtes Gesicht das raue Highway-Leben markante Falten gegraben hatte. Früher war er eher bullig und etwas übergewichtig gewesen, doch eine nun schon rund ein Jahrzehnt zurückliegende Erkrankung der Schilddrüse hatte ihn abmagern lassen, was ihn ein wenig ausgezehrt erscheinen ließ.

Bei den meisten anderen Truckern war er beliebt und geachtet, und das galt bei Weitem nicht nur für die Kollegen bei der RTC.

Oft genug hatte man ihm bereits das Angebot gemacht, auf einen ruhigeren und besser bezahlten Posten in der Verwaltung zu wechseln, wo man sich von seiner langjährigen Erfahrung viel versprach, doch er hatte stets abgelehnt. Das galt auch für die diversen Angebote, die der King ihm höchstpersönlich unterbreitet hatte.

Ein Douglas Benson gehört nicht hinter einen Schreibtisch, sondern auf die Straße, hatte er sinngemäß stets geantwortet, und man hatte diese Entscheidung respektiert. Gerade Luke Ryland, der selbst quasi hinter dem Lenkrad aufgewachsen und in seinem Herzen selber stets mehr Trucker als Unternehmer geblieben war, konnte diese Einstellung gut nachvollziehen.

Erst in zwei einigermaßen schwere Unfälle war Douglas Benson während all dieser Jahre verwickelt worden, in beiden Fällen unverschuldet. Dies würde nun der dritte sein, und auch diesmal traf ihn keinerlei Schuld.

Das Verhängnis war unausweichlich.

Benson war mit seinem Mack in South Dakota auf der Interstate 90 in östlicher Richtung unterwegs. Gegenwärtig befand er sich einige Dutzend Meilen vor Sioux Falls. Dort wollte er auf die Interstate 29 nach Norden wechseln. Sein Ziel war eine Firma in Brookings, für die er Maschinenteile in seinem Auflieger transportierte.

Er war bereits spät dran; das Unwetter, in dessen Ausläufer er geraten war, hatte ihn viel Zeit gekostet. Eigentlich hätte er seine Ladung um diese Zeit bereits abgeliefert haben und sich auf dem Weg nach Watertown befinden müssen, wo seine Anschlussfracht auf ihn wartete, ein Terminauftrag. Lieber jedoch würde er sich etwas verspäten, als ein zu großes Risiko einzugehen.

Der Regen fiel so dicht, dass sich die Interstate in eine Rutschbahn verwandelt hatte. Diesen Verhältnissen war eine Geschwindigkeit von höchstens vierzig Meilen in der Stunde angemessen. Benson fuhr sicherheitshalber sogar nur knapp fünfunddreißig. Der rote Pontiac, der ihn gerade überholt hatte und sich nun vor ihm befand, hatte jedoch mindestens siebzig Sachen drauf.

Am Ende des Überholmanövers versuchte der Fahrer des Sportwagens, sich wieder rechts einzuordnen, doch ganz offensichtlich hatte er das Aquaplaning unterschätzt. Ein Rad blieb in einer der Spurrillen, in denen sich das Wasser staute, hängen. Plötzlich war der Wagen nicht mehr richtig zu manövrieren. Der Fahrer war so unerfahren, dass er mit dieser Situation nicht fertig wurde und vollends die Kontrolle über das Fahrzeug verlor.

Der Pontiac brach aus, drehte sich mehrfach um die eigene Achse, streifte die Leitplanke zwischen den Fahrbahnen und wirbelte dann auf den RTC-Truck zu.

Unaufhaltsam.

 

 

5

Ein Stück nördlich von Pittsburgh fuhr der von Jim und Bob angeführte Konvoi auf den Interstate-Highway 76 in nordwestlicher Richtung und gelangte eine knappe Stunde später nach Ohio. Glücklicherweise herrschte relativ wenig Verkehr auf dem gut ausgebauten Highway.

Vor den Truckern lagen insgesamt gut tausendfünfhundert Meilen. Wenn sie weiterhin so gut wie bisher vorankamen, bedeutete das eine reine Fahrtzeit von rund dreißig Stunden. Zwar war in den meisten Staaten schon vor einigen Jahren die zulässige Höchstgeschwindigkeit um zehn Meilen auf insgesamt fünfundsechzig Meilen in der Stunde hochgesetzt worden, doch ließ sich der Straßenverkehr nicht nach einfacher mathematischer Statistik berechnen.

Zum einen hatten sie angesichts der gefährlichen Ladung in dem Tankauflieger nicht vor, ununterbrochen mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren, zudem warf jedes kleine Bremsmanöver die Statistik über den Haufen und kostete mitsamt der nachfolgenden Beschleunigungsphase mehr Zeit, als es auf den ersten Blick schien.

So gesehen waren die dreißig Stunden noch optimistisch geschätzt. Hinzu kamen noch Pausen, die unausweichlich waren, selbst wenn die Fahrer sich am Steuer abwechselten.

All diese Berechnungen waren jedoch rein theoretischer Natur. Niemand von ihnen rechnete ernsthaft damit, dass alles reibungslos verlaufen würde. Die Meteorologen hatten für South und North Dakota heftige Unwetter prophezeit. Unter ungünstigen Wetterbedingungen sah alles schon wieder ganz anders aus. Bei Sturm und starkem Regen würden sie ihr Tempo auf die Hälfte, möglicherweise bis auf Schrittgeschwindigkeit reduzieren müssen.

»Woran denkst du?«, erkundigte sich Bob. Seine Stimme riss Jim aus seinen Grübeleien.

»An das, was uns alles noch während dieser Fahrt bevorstehen könnte«, antwortete er. »Ich glaube immer mehr, dass es ein Fehler war, diese Tour zu übernehmen.«

»Etwas anderes war aber nicht aufzutreiben«, erinnerte Bob. »Wir hätten leer fahren müssen, und das können wir uns momentan nicht leisten. Außerdem wird doch ganz ordentlich bezahlt. Die Gefahrenzulage ist für uns zwar nicht sehr üppig, aber dafür ist unsere Ladung ja auch harmlos.«

»Ich denke in erster Linie an das Wetter. In Minnesota und South Dakota weht der Sturm schon ganz schön heftig, und da müssen wir durch. Dazu dann die Sturmfront, die sich von Kanada aus auf North Dakota zuschiebt …«

»Sie dürften etwa in unserem Zielgebiet zusammentreffen«, führte Bob den Gedanken zu Ende. »Ich weiß, was du meinst. Wenn verschiedene Unwetterfronten aufeinanderprallen, ist das die klassische Grundlage für Wirbelstürme und Hurrikans. Es kann aber auch sein, dass es nur ein paar kleine Turbulenzen gibt, nach denen dann alles vorbei ist.«

Jim nickte.

»Wir werden ja sehen. Jedenfalls sind es beschissene Bedingungen, um einen Gefahrentransport durchzuführen. Ich möchte wirklich nicht in Coles und Bills Haut stecken.«

Der blaue Freightliner fuhr direkt hinter ihnen an zweiter Position innerhalb des Konvois.

»Was hältst du eigentlich von den beiden?«, wollte Bob wissen.

»Cole und Bill?« Jim zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Um ganz ehrlich zu sein, wäre ich an der Stelle der Verantwortlichen gewesen, hätte ich nicht gerade ihnen den Auflieger mit dem Lösungsmittel anvertraut. Die beiden prahlen und protzen mir ein bisschen zu viel ‘rum. Auf mich machen sie keinen allzu zuverlässigen Eindruck.«

»Ganz meine Meinung«, stimmte Bob zu. Soweit er wusste, waren Harding und Webster um ein paar Ecken herum miteinander verwandt. Von geerbtem Geld hatten sie vor einigen Monaten ihren Freightliner gekauft. »Sie sind noch nicht lange in dem Geschäft, das heißt, sie haben auch kaum Erfahrung. Wahrscheinlich verliefen ihre bisherigen Touren so glatt, dass sie alles etwas auf die leichte Schulter nehmen.« Er schaltete in einen höheren Gang. »Aber wir sollten ihnen gegenüber keine Vorurteile entwickeln, sondern erst einmal abwarten, was in ihnen steckt«, fügte er nach kurzer Pause hinzu.

»Stimmt schon«, meinte Jim zögernd. »Dennoch glaube ich kaum, dass ich mich mit den beiden noch sonderlich innig anfreunden werde. Sie haben irgend etwas an sich, das mir nicht so richtig gefällt.«

»Ganz im Gegensatz zu Audrey und Anne, wie?« Bob grinste breit über das ganze Gesicht. »Die gefallen dir dafür um so besser.«

»Hübsch, intelligent und äußerst patent.« Jim seufzte. »Was will man mehr?«

»Das darfst du nicht mich fragen. Wenn du das selbst nicht weißt … Übrigens glaube ich, dass du zumindest bei Audrey auch einen Stein im Brett hast.«

Jim runzelte die Stirn.

»So? Den Eindruck hatte ich eigentlich nicht. Freundschaftlich verstehen wir uns, aber sonst ist mir bislang nichts aufgefallen.«

»Weil du eben nichts von Frauen verstehst.«

»Oder vielleicht nur deshalb, weil ich die beiden dauernd verwechsle. Es ist nicht leicht, sich über jemanden Klarheit zu verschaffen, wenn man nicht mal sicher weiß, wen man gerade vor sich hat.«

»Tja, das ist ein Problem.« Bobs Grinsen wurde noch breiter. »Allerdings nur deines. Mir gelingt es recht einfach, sie auseinanderzuhalten.«

»Ach ja? Und wie?«

»Das bleibt mein Geheimnis.«

»Und so was nennt sich nun Freund.«

»Vielleicht kommst du ja noch von selbst drauf. Die Lösung ist viel einfacher, als du wahrscheinlich denkst.«

»Sadist.«

Wie auf Bestellung ertönte in diesem Moment die Stimme einer der Schwestern aus dem Lautsprecher des CB-Funkgerätes.

»Hier ist der Twin-White auf Kanal 19. Ich rufe den Thunder.«

Bob griff nach dem Mikrophon.

»Hier. Thunder. Was ist los?«

»Genau das fragen wir uns, Champ. Du kriechst da vorne so langsam, dass am rechten Fahrbahnrand gerade eine Schnecke zum Überholen ansetzt.«

»Immer diese Übertreibungen.« Bob sah auf den Tachometer. Er fuhr mit einer Geschwindigkeit von exakt sechzig Meilen in der Stunde, wie sie es abgesprochen hatten. »Ich drehe nur deshalb nicht weiter auf, damit ihr mit eurem Klapperkasten da hinten noch mitkommt.«

»Hier ist Cole Webster«, mischte sich der Fahrer des blauen Freightliners ein. »Bob hat völlig recht. Maximal sechzig Meilen waren abgemacht. Mehr wäre mit dem gefährlichen Zeug in unserem Auflieger zu riskant. Wenn uns irgendein Idiot in einen Unfall verwickelt, kann es brenzlig werden. Also zügelt eure Ungeduld, Ladies.«

»Wie ihr meint«, erwiderte Anna oder Audrey.

»Mit wem sprechen wir überhaupt?«, erkundigte sich Bob. »Ihr seht nicht nur gleich aus, sondern hört euch auch gleich an.«

»Hier ist Anna. Und falls ihr gleich jemanden aussteigen seht, der neben euch herschlendert, um sich ein bisschen die Beine zu vertreten, dann bin ich das ebenfalls. Audrey fährt nämlich. Over.«

»Ganz so unfehlbar scheinst du sie doch nicht auseinanderhalten zu können«, sagte Jim feixend.

Bob zuckte die Achseln. »Über Funk nicht. Ich muss ihnen schon persönlich gegenüberstehen.«

Jim ging nicht weiter auf das Thema ein, um seinem Partner nicht noch mehr Gelegenheit zum Triumph zu bieten. Er schaltete das Radio an. Es war drei Uhr mittags, die Nachrichten begannen. Ohne sonderliches Interesse lauschte er der Sendung. Erst beim Wetterbericht drehte er etwas lauter.

Vor dem Unwetter über Minnesota und Teilen von South Dakota und Wisconsin wurde ausdrücklich gewarnt. Von starken Regenfällen und Sturmböen wurde gesprochen, die in den nächsten Tagen an Heftigkeit noch zunehmen würden.

»Keine besonders vielversprechenden Aussichten«, stellte Bob fest. »Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie ich befürchte.«

 

 

6

Douglas Benson bremste, so gut es ging, doch der schwere Auflieger mit den Maschinenteilen drückte von hinten. Ein noch stärkeres Bremsen hätte höchstens bewirkt, dass der Truck genau wie der Sportwagen ebenfalls außer Kontrolle geriet.

Auch ein Ausweichen war unmöglich. Der Pontiac schlingerte unberechenbar von einer Seite zur anderen, so dass es fast ein Wunder war, dass er noch nicht von der Straße abgekommen war, was die einzige Möglichkeit gewesen wäre, einen Unfall zu vermeiden.

Stattdessen prallte der Wagen mit immer noch beträchtlicher Geschwindigkeit breitseits gegen die linke vordere Seite des Trucks.

Metall kreischte.

Obwohl Douglas Benson schon kaum noch zwanzig Meilen fuhr, war die Aufprallwucht immer noch groß genug, den RTC-Truck zur Seite ausbrechen zu lassen. Die Zugmaschine sackte ein bisschen nach vorne links weg. Offenbar war der Reifen geplatzt. Behutsam lenkte Benson gegen und brachte seinen grauen Mack zum Stehen. Nicht weit von ihm entfernt kam nun endlich auch der Pontiac zum Stillstand.

Benson stieß die Tür auf und stieg aus. Der Sturm peitschte ihm Regenschwaden entgegen, so dass er binnen weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässt war, doch der Trucker bemerkte es kaum.

Er eilte zu dem Pontiac hinüber, um sich erst einmal um den Fahrer zu kümmern. Der teure Sportwagen war durch den Zusammenprall mit der Leitplanke und dem Mack schlimm zugerichtet worden. Der vordere Teil des Fahrzeugs stellte kaum mehr als einen verformten, zusammengestauchten Haufen Schrott dar. Die rechte Seite war in ihrer ganzen Länge eingedrückt, doch hatte glücklicherweise kein Beifahrer in dem Wagen gesessen.

Für den Fahrer selbst schien der Unfall noch einigermaßen glimpflich verlaufen zu sein. Er öffnete bereits selbständig die Tür. Sie hatte sich verzogen und ließ sich nur ein Stück weit aufdrücken, gerade weit genug, dass der Mann unbeholfen ins Freie klettern konnte.

Es handelte sich um einen stämmigen Jugendlichen, der vermutlich noch nicht einmal achtzehn Jahre alt war. Über dem linken Ohr hatte er eine Platzwunde, anscheinend war er mit dem Kopf gegen das Seitenfenster geprallt. Sonst schien er wie durch ein Wunder unverletzt geblieben zu sein, allerdings hatte er einen Schock davongetragen. Seine wässrigen blauen Augen waren geweitet, sein Blick unnatürlich starr.

Benommen strich der junge Mann mit den Fingerspitzen über die Wunde und verteilte Blut über seine kurzgeschnittenen blonden Haare. Fassungslos betrachtete er den zerstörten Sportwagen.

»Nein«, stammelte er. »Das … das kann doch unmöglich sein!«

»Sind Sie schwer verletzt?«, erkundigte sich Benson. »Soll ich einen Arzt rufen?«

Der junge Mann beachtete ihn gar nicht.

»Der … der Wagen … er war noch fast neu. Mein Vater wird mich umbringen!« Erst jetzt fiel sein Blick auf Benson. Hass verzerrte sein Gesicht. »Sie!« stieß er hervor. »Sie sind an allem schuld!«

»Mal ganz langsam«, sagte Benson und hob abwehrend die Hände. »Ich bin schließlich nicht trotz des Regens wie ein Wahnsinniger gerast, sondern Sie. Den Unfall haben Sie sich ganz allein zuzuschreiben. Seien Sie lieber froh, dass Sie überhaupt noch am Leben sind. Sie hätten genauso gut sterben können.«

Der Junge schien seine Worte nicht einmal zu hören. Durch den erlittenen Schock war er völlig unzurechnungsfähig geworden, sofern er es nicht schon vorher gewesen war, was sich angesichts seines selbstmörderischen Fahrstils durchaus bezweifeln ließ.

»Sie!«, zischte er noch einmal. Drohend kam er auf Benson zu. »Sie und Ihr Scheißtruck. Diese verdammten Scheißdinger halten überall den Verkehr auf und verursachen dadurch Unfälle. Ich werde Sie verklagen, verlassen Sie sich darauf! Mein Vater wird Ihnen die besten Anwälte auf den Hals hetzen!«

Er merkte nicht einmal, was für einen Unsinn er redete. Als der Junge ihn erreichte, konnte Benson Alkohol in seinem Atem riechen. Zu allem Überfluss war der Kerl auch noch angetrunken.

Fälle wie diesen gab es immer wieder. Viel zu oft machten verantwortungslose Jugendliche, die gerade erst den Führerschein erhalten hatten und sich unter Alkoholeinfluss für unbesiegbar hielten, die Straßen unsicher. Besonders schlimm wurde es, wenn sie aus reicher Familie stammten und von den Eltern einen Sportwagen geschenkt oder ausgeliehen bekamen, ohne mit so einem PS-starken Geschoss richtig umgehen zu können. Sie besaßen kaum praktische Fahrerfahrung, schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Kam dann auch noch Alkohol ins Spiel, waren Unfälle wie dieser fast schon vorprogrammiert, und allzu häufig brachten die jugendlichen Raser dabei nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen in Lebensgefahr.

»Sie sind an allem schuld!«, keuchte der Jugendliche ein weiteres Mal, als könnte er durch ständige Wiederholung seine Wahnvorstellungen zur Realität umwandeln. »Aber noch bevor die Polizei Sie festnimmt, mache ich Sie fertig!«

Früher hätte es Benson ohne Bedenken mit einem solchen Großmaul aufgenommen, doch in den letzten Jahren hatte er nicht nur an Körpergewicht, sondern auch an Muskelmasse verloren. Er war kein Schwächling, aber dem Alter für Raufereien war er längst entwachsen.

Außerdem wollte er nicht zuschlagen. Es war möglich, dass sein Gegenüber eine Gehirnerschütterung oder sonstige innere Verletzungen erlitten hatte, die sich bei einer Schlägerei verschlimmerten.

Zum Glück stellte sich der angetrunkene Jugendliche nicht besonders geschickt an. Benson sah den Schlag schon im Ansatz kommen und wich der heransausenden Faust mit einem raschen Schritt zur Seite aus.

Mehrere andere Fahrzeuge waren inzwischen an der Unfallstelle zum Stehen gekommen. Ein anderer Trucker stieg aus und kam auf die beiden Männer zugeeilt.

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938692
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539088
Schlagworte
sturm dakota

Autor

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Titel: Sturm über Dakota