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TEXAS WOLF #46: Er ritt in den Tod

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Er ritt in den Tod

Copyright

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Er ritt in den Tod

TEXAS WOLF Band 46

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Sheriff Hank Burlington glaubt immer noch an das Gute in seinem Sohn Jim. Der ist mit zwei Mördern aus Yuma geflohen und hat sich dem berüchtigten Banditen Nevada Scott angeschlossen.

Texas Ranger Tim Cadburn macht sich mit seinem Halbwolf Sam und dem Sheriff auf, die Banditen aufzuspüren und Jim von ihnen wegzuholen. Aber ist das auch im Sinne des Jungen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Werner Oeckl

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Tom Cadburn wurde als der Texas Ranger mit der Dienstnummer 41 berühmt. Ein erstklassiger Mann. Aber seine Berühmtheit verdankte er Sam, dem Sohn einer schwarzen Wölfin und eines verwilderten riesigen Schäferhundes, den Tom Cadburn als elternlosen Welpen auffand und versorgte, aufzog und zu einem Partner ausbildete, wie es ihn im Westen nicht noch einmal gab. Ein Weiteres hatte auch Tom Cadburns Vater getan, von dem Sam Tricks lernte, die ihm und Tom oft genug halfen. So wurde der Halbwolf Sam zur besten Waffe des Texas Rangers, zum Schrecken der Banditen und zum Freund der Bedrängten im Westen. Einen besseren Freund als ihn konnte sich Tom Cadburn nicht wünschen.

Die Luft flimmerte in der Hitze. Die Konturen wurden unscharf, und Myriaden von Staubpartikelchen reflektierten das grelle Licht. Das Pferd schlurfte mit hängendem Kopf durch den Staub der Straße. Der Reiter hockte zusammengesunken im Sattel und hob erst den Kopf, als er an den ersten Häusern der Stadt vorbei war.

Die Straße wirkte wie ausgestorben. Nicht einmal ein Huhn irgendwo im Schatten. Nur das Ockergelb der Häuser, die wabernde Luft, die Hitze, die grelle Helligkeit. Der Reiter sah alles wie durch einen Schleier. Seine Kleidung und das Pferd waren staubbedeckt. Aber an einer Stelle, an der linken Schulter des Mannes, war ein dunkler Fleck, der feucht schimmerte.

Vor dem Sheriff Office blieb das Pferd von selbst stehen. Der Mann gab sich einen Ruck, zog das rechte Bein nach oben und glitt aus dem Sattel. Eine Weile brauchte er, um sich zu fangen. Er schloss vor Schwäche die Augen und stützte sich an das Pferd.

Da wurde die Tür vom Sheriff Office knarrend geöffnet.

„Hast du Pech gehabt?“, fragte eine Stimme, die dem Mann neben dem Pferd bekannt vorkam. Er drehte sich langsam um und sah im Halbdunkel des im Schatten liegenden Einganges einen Mann, der eine schwarze Kleidung trug und dessen Gesicht unwirklich hell aus diesem Dämmerlicht heraus leuchtete, aber er erkannte das Gesicht sofort. Mit spröder, kaum verständlicher Stimme fragte er: „Du bist es, Tom? Wie kommst du hierher?“

Der Mann in der Tür trat heraus. Sein blondes Haar leuchtete in der Sonne wie reifer Weizen. Er packte den Ankömmling, stützte ihn und sagte: „Du bist ja völlig am Ende, Hank. Komm, lass dir helfen! Um das Pferd kümmere ich mich gleich.“

Er stützte den Mann, den er Hank genannte hatte und führte ihn ins Haus. Die angenehme Kühle, die dem völlig Erschöpften entgegenschlug, schien ihn zu beleben. Sein Tritt wurde fester, er hielt sich gerader und steuerte genau, unter der Hilfe von Tom, auf den klobigen Stuhl zu, der neben dem mächtigen Tisch stand. Weiter hinten befand sich ein riesiges Regal und daran anschließend waren die beiden Zellen, die nur durch ein gewaltiges Gitter vom übrigen Raum getrennt waren. Doch im Augenblick hatten diese Zellen keine Insassen.

Der Mann ließ sich in den Stuhl sinken, streckte apathisch die Beine aus und schloss wiederum die Augen, um etwas Kraft zu schöpfen. Jetzt, als seine Weste zurückglitt, zeigte sich der mattblinkende Stern auf seiner linken Hemdseite.

„Dich hat’s wirklich ganz hübsch gepackt. Aber ich muss erst nach dem Pferd sehen“, sagte der große Blonde in der schwarzen Lederkleidung.

Er ging hinaus, und Hank hörte ihn draußen hantieren, mit dem Pferd sprechen, hörte dann das Plätschern von Wasser, und das erinnerte ihn selbst an seinen eigenen Durst. Die Zunge klebte ihm wie ein Kloß im Mund. Das Schlucken tat ihm weh. Doch er fühlte sich einfach zu schlapp, um aufzustehen und hinüber zum Steinbecken zu gehen, in dem sich eine Handpumpe befand. Wiederum übermannte ihn die Schwäche, sein Kopf sank zur Seite und er wäre eingeschlafen, hätte nicht wiederum Tom den Raum betreten und versehentlich zu geräuschvoll die Tür geschlossen. Davon schreckte Hank auf. Er blinzelte zu Tom und krächzte: „Etwas zu trinken, Tom!“

Tom nickte nur, ging hinüber zum Steinbecken und kam mit einem gefüllten Blechbecher zurück. Als Hank getrunken hatte, schien er sichtlich neue Energien gewonnen zu haben. Er richtete sich auf, sah Tom jetzt schon viel klarer an und fragte: „Was führt dich hierher, Tom? Haben wir einen Texas Ranger nötig? Und wo ist überhaupt Sam?“

„Sam ist bei Old Joe, und der sitzt im Saloon und spielt schon den ganzen Tag Karten mit einem Kerl, der sich Andy Blue nennt.“

„Da sind die beiden Richtigen zusammen“, meinte Hank. „Dieser Blue hat einen großen Besitz, er hat Geld wie Heu. Und das meiste hat er sich im Kartenspiel verdient. Das ist ein Spieler, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er spielt nicht nur gut, sondern er legt auch sein Geld gut an. Die meisten hauen es wieder raus, so wie dein Freund Old Joe.“

„Zeig mir mal die Wunde! Steckt das Ding noch?“

„Es ist ein Streifschuss. Das ist eine lange Geschichte. Und eigentlich sollte ich froh sein, dass du da bist. Die Sache ist zu groß geworden für mich.“

Während Tom ihm das Hemd vom Oberkörper zog und dann auch die schwärende Wunde sah, schloss Hank wiederum vor Schmerzen die Augen.

„Hast du Whisky im Haus?“, fragte Tom.

„Drüben im Schrank. Wie sieht es aus? Ist der Brand schon drin?“

„Nein. Es eitert. Wann ist es passiert?“

„Vorgestern.“

„Ich kümmere mich darum. Es wird unheimlich brennen. Und die Wunde ist ziemlich lang und tief. Aber du wirst es überleben“, sagte Tom, zog mit den Zähnen den Korken aus der Flasche und goss Whisky über die Wunde.

Hank ächzte nur, er biss die Zähne zusammen, dann packte Tom schon weißen Mull auf die Verletzung und legte mit einem sauberen Halstuch, das er vom Regal geholt hatte, einen Verband an.

„Es wäre nicht schlecht, wenn der Doc einmal nach der Wunde sehen würde. Und wie ist es dazu gekommen?“

„Ich sagte doch, es ist eine lange Geschichte. Und warum bist du hier?“

„Das ist auch eine lange Geschichte“, erwiderte Tom. „Ich bin der Spur bis hierher gefolgt. Sie endet in dieser Stadt. Vielleicht führt sie noch weiter. Aber zunächst endete sie hier. Es ist die Spur eines Mannes, den du sehr gut kennst.“

„Also seinetwegen bist du hier“, meinte Hank. „Ich konnte mir ja denken, dass ein Texas Ranger wie du nicht so zum Spaß herumreitet. Seit wann weißt du es? Ich meine, seit wann weißt du, dass er es ist?“

„Er hat sich auf einer Farm, etwa neunzig Meilen südlich von hier, ein ziemlich gutes Pferd auf seine Weise ausgeliehen. Den Mann hatte er niedergeschlagen, der konnte sich nicht gut erinnern, aber die Frau hat mir eine so gute Beschreibung abgegeben, dass ich schon ahnte, wem ich folge. Er ist übrigens nicht allein. Mit ihm zusammen sind noch zwei ausgebrochen. Allistair Kenwood und Barry Martin, beide sind Mörder. Gegen sie ist Jim ein harmloser Narr, aber er ist dabei, sich immer tiefer in die Tinte zu reiten. Das, was er damals getan hat, war eine reine Dummheit.“

Hank Burlington nickte.

„Ja, eine Dummheit“, sagte er. „Eine Schlägerei, und es war sein Pech, dass der eine mit dem Kopf an die Tischkante stürzte und sich dabei den Schädel zertrümmerte. Aber drei Mann haben geschworen, dass es Totschlag war und dass ihn Jim gegen die Tischkante gestoßen hätte.“

„Du hast ihn verfolgt, nicht wahr?“, fragte Tom Cadburn.

Hank Burlington, der Sheriff, nickte. „Verfolgt, aber nicht gefunden.“

Tom deutete auf die Verletzung. „Wer hat das getan?“

Hank, dem es jetzt besser ging, setzte Wasser auf den Herd und begann Feuer zu machen.

„Was getan?“, fragte er.

„Den Streifschuss?“

„Er nicht. Du hast ja selbst gesagt, dass noch zwei andere bei ihm sind. Und die haben mir eine schöne, saubere Falle gestellt. Der Gedanke, dass Jim dabei war, bringt mich bald um.“

„Glaubst du, dass Jim auch auf dich geschossen hat?“

„Es hat nur einer geschossen. Und der hat auch getroffen. Dann sind sie weg, alle drei. Das Schlimme ist, sie werden bald nicht mehr allein sein. Wenn es mir gelungen wäre, Jim hier in der Stadt zu erwischen, hätte sich vielleicht alles zum Guten gewendet.“

„Er hat seine Mutter zu früh verloren. Ich glaube, daran liegt es. Du konntest dich als Sheriff nicht darum kümmern. Vor allem nicht in den ersten Jahren, wo es noch hier so wild zuging“, sagte Tom.

„Du hast recht. Als Mary gestorben ist, hatte ich nur eines im Sinn: den Jungen. Ich habe alles für ihn getan. Ich habe ihm alle Liebe gegeben, die ein Mann seinem Sohn geben kann. Wahrscheinlich habe ich ihn da schon verdorben, denn ich muss ihn verwöhnt haben. Und dann später begannen die Schwierigkeiten. Erst hier in der Stadt, wo ich jahrelang mit Banditen und Grenzvolk zu tun hatte und es einfach nicht ruhig werden wollte in dieser Stadt, die kein Geld dafür hatte, einen Deputy dafür zu bezahlen. Und jetzt, wo ich die Zeit hätte, wo ich mich um ihn kümmern könnte, jetzt will er nicht mehr, dass sich jemand um ihn kümmert. Jetzt ist er neunzehn Jahre alt und will nichts mehr von mir wissen. In den entscheidenden Jahren, als er so vierzehn, fünfzehn war, als er mich wirklich gebraucht hat, da fehlte mir die Zeit. Jetzt hat es sich gerächt.“

„Wie lange ist er in Yuma gewesen?“, wollte Tom wissen.

„Zwei Monate. Er muss die erste beste Chance genutzt haben. Und wie immer, wie es nun mal seine Art ist, scheint er nicht darüber nachgedacht zu haben, welche Folgen das hat. Er hat nie über die Folgen nachgedacht. Ich glaube, ich werde den Stern hinlegen. Aber wenn man in meinem Alter ist, findet man so leicht keinen anderen Job. Wer will denn einen Mann einstellen, der die besten Jahre hinter sich hat? Kein Schwein kümmert sich heute noch darum, dass ich zehn Jahre in dieser Stadt für Ruhe und Frieden gekämpft habe. Dass diese Stadt diese Ruhe und Frieden hat, das interessiert doch keinen mehr. Die zeigen jetzt mit den Fingern auf mich und sagen: Hier, das ist der Sheriff, sein Sohn ist ein Totschläger, ein Ausbrecher. Ich weiß nicht, was er noch alles anstellen wird, bis es uns gelingt, ihn einzufangen. Einzufangen wie einen wilden, tollwütigen Hund.“ Hank schlug die Hände vors Gesicht und fuhr gepresst fort: „Ich muss ihn einfangen. Wenn ich es nicht tue, werden andere ihn umbringen. Sie werden ihn erschießen - oder erschlagen, als wäre er wirklich ein räudiger Köter. Das ist es, davor möchte ich ihn bewahren. So schlecht kann er nicht sein. Etwas in ihm ist noch gut. Ich glaube daran.“

Tom hatte die Whiskyflasche genommen und stellte sie vor Hank auf den Tisch.

„Trink! Viel hilft es nicht, aber ein bisschen.“

Der Whisky war gut, und Hank nahm einen langen Zug. Einen so großen Schluck, wie er ihn die letzten zehn Jahre nicht mehr getrunken hatte, wenn er die Whiskyflasche einmal in der Hand hielt.

Als er die Flasche mit einem Ruck auf den Tisch stellte, dass es knallte, sah er Tom an und fragte mit bitterem Unterton in der Stimme: „Was habe ich alles falsch gemacht? Eigentlich hätten sie mich nach Yuma schicken müssen. Ich bin sein Vater. Ich werde wirklich den Stern ablegen.“

„Du wirst ihn nicht ablegen“, sagte Tom Cadburn. „Aber du wirst Urlaub nehmen. Du hast ja inzwischen einen Deputy.“

Hank nickte. „Flint ist da, der könnte es übernehmen.“

„Also wirst du Flint deine Aufgaben übertragen und wirst vorübergehend den Stern ablegen. Vorübergehend, hast du gehört?!“

Hank blickte Tom ungläubig an, dann schüttelte er den Kopf und erwiderte: „Vorübergehend! Das glaubst du selbst nicht. Mach mir nichts weis!“

„Wir beide werden ihn suchen. Wir beide, verstehst du?“, sagte Tom. „Und Sam wird uns zu ihm führen. Wir müssen zusehen, dass es uns gelingt, ihn von den anderen wegzubringen. Denn ich bin in erster Linie nicht Jims wegen gekommen, sondern weil Kenwood und Martin gefährlicher sind als ein frischgeschärftes Rasiermesser oder eine Klapperschlange.“

„Wenn es nur die beiden wären“, meinte Hank. „Vorige Woche ist hier in der Nähe eine Postkutsche überfallen worden. Vier Mann haben es getan. Der Fahrer wurde schwer verletzt, die Passagiere und die Ladung wurden ausgeraubt. Einer der Passagiere und der Fahrer haben von dem Anführer der vier eine Beschreibung abgegeben, die ist so präzise, dass sie auf einen Mann zutrifft, dessen Steckbrief dort drüben hängt. Ich habe ihn wieder rausgesucht und aufgehängt. Sieh ihn dir an, Tom!“

Tom Cadburn brauchte nur einmal hinzuschauen.

„Nevada Scott“,, sagte er. „Das ist ein Brocken. Und du glaubst, dass der hier in der Gegend ist? Dieser Bursche hat in Kansas Züge angehalten. Wie kommst du darauf, dass er hier sein soll? Und sich mit so kleinen Sachen abgibt.“

„Dafür gibt es einen Grund“, erwiderte Hank. „Ich habe mich um die Sache gekümmert und weiß vielleicht besser darüber Bescheid als du. Vor einem Jahr ist Nevada Scott in eine Falle der Eisenbahn Marshals gelaufen. Sie haben ihn regelrecht durchsiebt. Von da an war er verschwunden. Der Beschreibung nach, die der Fahrer der Kutsche und dieser eine Passagier abgegeben haben, hat dieser Nevada Scott eine schwere Schädelverletzung gehabt, jedenfalls hat er eine große Narbe, die bis über das rechte Auge hingeht. Und dieses Auge ist blind. Und wenn du jetzt diesen Bericht verfolgst - ich habe ihn übrigens drüben in der Schublade - den damals die EisenbahnMarshals in Kansas gemacht haben, da wurde Nevada Scott ins Auge getroffen. Es ist ein Wunder, dass er noch herumläuft. Nachdem ich weiß, was damals in Kansas passiert ist und was nun die Zeugen von dem Postkutschenüberfall berichtet haben, ist es für mich wie ein Mosaik, wo alles zusammenpasst. Das wusste ich bereits, bevor die Nachricht kam, dass Kenwood, Martin und mein eigener Sohn aus Yuma geflohen sind.“

„Sie sind hier in der Stadt gewesen“, fragte Tom, „und du hast sie nicht gesprochen?“

„Nein. Sie müssen bei Nacht dagewesen sein. Jim ist eingebrochen bei mir. Ich besitze praktisch keinen Cent Bargeld mehr. Er hat alles mitgenommen, was ich habe. Er allein kannte das Versteck, wo ich mein Geld hinlege.“

„Das ist bitter für einen Vater, nicht wahr?“, meinte Tom.

„Ja, das ist bitter“, bestätigte Hank. „Ich bin ja selbst schuld.“ Er stützte das Kinn auf die Hand und starrte auf die groben Dielen. „Ich wollte es nie wahrhaben, wollte es mir selbst nie eingestehen, damals, als er um dieses Mädchen herumscharwenzelt ist, als er mir auch schon einmal Geld stahl, was ich ihm sogar nachgewiesen habe. Und viele andere Dinge mehr, die ich abgetan habe wie Kleinigkeiten. Ich wollte es einfach nicht glauben, dass mein Sohn, der Sohn eines Sheriffs, so sein könnte. Ich habe ihn immer wieder in Schutz genommen, und als ich ihn dann bei Andy Blue auf der Ranch hatte, als ich hoffte, jetzt würde er etwas lernen, jetzt könnte ihm Andy auf seine grobe Art etwas beibringen, da war es wieder ein Fehler. Denn Andys Methode vom groben Keil auf den groben Klotz war bei Jim völlig falsch. Jim ist zweimal ausgerissen, weggelaufen. Das erste Mal kam er noch hierher. Und wieder habe ich einen Fehler gemacht, ich Narr. Jetzt hätte ich Verständnis zeigen müssen, hätte mir anhören sollen, was er sagt, auch wenn er unrecht hat. Ich hätte mit ihm sprechen sollen. Was habe ich getan? Angebrüllt habe ich ihn! Rausgeschmissen habe ich ihn! Und dann habe ich ihn zu Andy gebracht. Als er das zweite Mal ausriss, ist er nicht wieder zu mir gekommen. Da ist er zu einem Saufkerl gelaufen, zu einem Trunkenbold, der weiter nichts konnte, als sich prügeln und saufen, Geld verspielen. Und mit dem zusammen ist er dann herumgezogen. Ich habe ihn verprügelt, drei, viermal. Davon ist nichts besser geworden. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass er mich damals zu hassen begann. Er war siebzehn. Wenn ich mir überlege, dass er damals im Grunde nur eines gebraucht hätte: meine Hilfe und mein Verständnis. Natürlich hatte ich ein Recht, ihn auszuschimpfen, ihm Vorwürfe zu machen, er hätte auch nichts anderes erwartet. Aber danach musste ich ihm helfen. Und genau das tat ich kein einziges Mal.“

„Bleib sitzen, Hank, ich werde etwas zu essen machen. Bald wird auch Old Joe kommen, und Sam muss ich auch etwas zubereiten. Den kann ich hier in der Stadt nicht herumstreunen lassen.“

„Ich bin müde“, sagte Hank, „ich bin es einfach müde. Ich habe die ganze Zeit versucht, meine Pflicht zu tun, und jetzt muss ich erkennen, dass ich in den einfachsten Dingen versagt habe. Nicht in meinem Beruf, den ich früher für das Wichtigste auf dieser Welt hielt. Jetzt weiß ich, dass es wichtigere Dinge gibt. Damals, als Jim geboren wurde, da habe ich gejubelt, da bin ich wie ein Hirsch durch die Stadt gesprungen und habe es jedem, ob er es hören wollte oder nicht, brühwarm berichtet, dass mein Sohn geboren ist, wie lang er war, was er gewogen hat und was für ein glückliches Gesicht seine Mutter gemacht hätte. Wenn ich heute daran denke, da überkommt es mich.“

„Wir alle machen Fehler“, sagte Tom, „sicher war es nicht richtig, wie du ihn angefasst hast, aber ich glaube, diese Fehler sind gar nicht so schlimm. Du liebst ihn doch noch?“

Hank blickte auf. „Natürlich liebe ich ihn. Jeder Vater liebt seine Kinder.“

„Wenn er diese Liebe noch spürt, und er muss sie spüren“, sagte Tom, „dann ist hoch nicht alles verloren. Wir werden hinreiten und ihn holen. Gib nicht auf! Er ist dein Sohn. Er muss etwas von dir und auch von Mary haben. Und ihr wart beide nicht schlecht.“ Tom ging zur Tür und sagte: „Ich muss noch einmal zu deinem Pferd, und wenn ich wiederkomme, dann essen wir gemeinsam. Du wirst dich ausruhen, denn, auf eine Stunde kommt es jetzt nicht mehr an. Wenn es dir besser geht und du erholt bist, reiten wir los.“

Hank blickte auf, wandte sich halb um und sah auf Tom, der in der Tür stand.

„Und was ist hier? Wer tut hier meine Arbeit? Der Deputy ist ein Cowboy, der draußen auf einer Ranch arbeitet. Und sie treiben jetzt Vieh zusammen. Ich glaube nicht, dass er weggehen kann, nicht jetzt. Es ist kein Notfall, verstehst du? Sie werden Fragen stellen, viele verdammte, unangenehme Fragen. Noch weiß es niemand hier in dieser Stadt, dass es mein Sohn ist.“

„In Ordnung, dann wirst du Old Joe vereidigen.“

„Glaubst du, dass er aus dem Saloon herauskommt, solange er Andy Blue am Spieltisch hat?“

„Wenn ich ihm sage, worum es geht, dann wirst du erleben, dass Old Joe keinen Tropfen Alkohol trinkt und keine Karte anrührt, bis ich wieder zurückgekehrt bin. Mach dir keine Sorgen, ich bin gleich wieder da.“

 

 

2

Als die Sonne untergegangen war und es auf der Straße kühler wurde, zeigte diese Stadt Leben. Die ersten Lampen wurden angezündet, Menschen saßen vor den Häusern oder gingen auf der Straße. Der Saloon war mittlerweile brechend voll.

Old Joe hatte dem bulligen Rancher Andy Blue über fünfhundert Dollar im Spiel abgenommen. Aber Andy Blue, der ein Riesenvermögen besaß, trug es mit einem Lächeln. Er hatte Revanche verlangt und auch die verloren. Jetzt war er drauf und dran, mit höheren Einsätzen sein Glück doch noch zu erzwingen. Das war der Augenblick, als Tom in den brechend gefüllten Saloon eintrat, gefolgt von dem etwas erholten Burlington.

In der Stadt hatte es sich herumgesprochen, dass ihr Sheriff verwundet worden war. Nun, als sie ihn sahen, bestürmten ihn die Männer mit Fragen, wo es geschehen sei, welcher Kerl ihm das verpasst hätte.

Tom trug sein Abzeichen als Texas Ranger. Das hatten sie zuvor noch nicht bei ihm gesehen. Texas State Police 41, das war dieses Abzeichen. Und wer mehr über die Texas Ranger Bescheid wusste, der kannte auch den Wert dieser Zahl 41. Der Mann, der sie trug, war berühmt geworden. Er und sein Wolf.

Sam lag im Augenblick zu Old Joes Füßen. Nun, da er Tom gewahrte, kam er auf ihn zu. Tom streichelte ihn, und Sam rieb seine Schnauze an Toms Oberschenkel.

„Hört mal zu, Männer!“, sagte Tom. „Der Sheriff wird mich begleiten. Wir suchen entlaufene Sträflinge. Dafür bin ich schon hier in die Stadt gekommen. Ich kenne aber die Gegend nicht so genau wie der Sheriff. Er wird als eine Art Scout mit mir reiten, er wird mir den Weg zeigen. Er kennt die Schlupfwinkel. Und damit hier in der Zeit alles seine Ordnung hat, braucht er einen Ersatzmann. Der Deputy Sheriff ist draußen auf der Ranch an der Arbeit, und wir können ihn jetzt nicht wegrufen. Stattdessen wird mein Partner dieses Amt übernehmen, so lange, wie euer Sheriff unterwegs ist. Ist jemand hier, der etwas dagegen hätte?“

Die Männer blickten erst verblüfft drein, dann tuschelten sie miteinander, und als dann Old Joe aufstand und sich in seiner ganzen Pracht zeigte, dieser von Wind und Wetter zerzauste Oldtimer, und als er dann so beiläufig seine langläufige, großkalibrige Hawken Büchse packte und sie ein wenig herumschwenkte, da nickten schon die ersten. Andere gaben ihre Zustimmung bekannt. Und schließlich war keiner unter den Anwesenden, der nicht mit Old Joe einverstanden gewesen wäre. Old Joe zwirbelte sich seinen Schnauzbart, verzog sein Ledergesicht zu einem schiefen Grinsen und sagte dann mit spröder, klirrender Stimme: „Dann reißt euch aber mal unverschämt am Riemen, ihr Brüder! Wehe, wer aus der Reihe tanzt! Der lernt Old Joe kennen! Ich mache euch Beine, wenn ihr nicht spurt. Also, legt euch besser nicht mit mir an!“

Ein paar grinsten, aber es verging ihnen, als Old Joe plötzlich seinen Revolver aus dem Holster riss, unvermittelt auf ein Bild schoss, das über dem Regal mit den Flaschen hinter dem Tresen hing. Auf diesem Bild war ein Tanzpaar abgebildet. Eine Frau mit einem langen, schwingenden Rock und ein Gigolo mit einer Melone, der während des Tanzes eine Zigarette an einer langen Spitze im Mund hielt. Und auf diese Zigarette, die aus dieser Entfernung winzig wirkte, hatte Old Joe geschossen. An jener Stelle war jetzt ein Loch. Aber er schoss noch einmal. Der zweite Schuss fetzte auch die Spitze vom Mund dieses Jünglings dort auf dem Bild. Es war so ein präziser Schuss auf so ein winziges Ziel, dass die Männer, die es jetzt gesehen hatten, die Luft anhielten. Nur der Saloon Keeper fand diese Schießübungen gar nicht so witzig. Aber Tom, der am Tresen stand, schob ihm stillschweigend zwei Dollar zu. Dafür konnte der Mann das Bild flicken und es war dann so schön wie zuvor.

„Verdammt noch mal“, meinte Andy Blue, „du spielst wie ein Teufel, du schießt wie ein Teufel. Wer zum Kuckuck bist du?“

„Der Teufel“, sagte Old Joe.

Tom Cadburn gab eine Lokalrunde aus und damit war die Sache besiegelt.

Andy Blue wollte sich auch nicht lumpen lassen, gab ebenfalls eine Runde nach der anderen, dann tauchten die Tanzmädchen auf, und so nahm es kaum jemand wahr, dass Old Joe stillschweigend mit Tom und dem Sheriff verschwand. Mit ihnen verließ auch Sam den Schankraum. Als sie alle vier im Sheriff Office waren und Tom die Tür verriegelte, holte Old Joe das gewonnene Geld hervor, legte es auf den Tisch und sagte: „Das habe ich ihm abgenommen. Das hat keinen Armen getroffen. Fünfhundert Füchse! Wenn das nichts ist!“

Tom sah den Alten an und sagte: „Wir haben uns doch verstanden? Du wirst Sheriff sein. Für eine Woche, für zwei, für drei, niemand kann das voraussagen. Aber solange du der Sheriff bist, du alter Himmelhund, vergisst du diesen verdammten Whisky und das Kartenspielen. Darüber sind wir uns sicher einig.“

Das eben noch fröhliche Gesicht des Alten wurde zur säuerlichen Miene.

„Wenn du es schon sagst, dann muss es wohl so sein“, knurrte er, steckte das Geld wieder ein und ließ sich schwer auf einen der Stühle fallen.

Tom erklärte ihm, was vorgefallen war, und jetzt erst wurde Old Joe klar, was wirklich hinter dieser Verfolgung steckte.

„Und du hast die ganze Zeit gewusst, dass es Hanks Junge ist, dem wir folgten“, sagte er vorwurfsvoll zu Tom Cadburn.

„Ich habe es nicht die ganze Zeit gewusst, sondern erst von der Farm an, wo sie sich die Pferde geholt haben. Die Frau hat es so genau beschrieben.“

Old Joe blickte zu Hank.

„Das ist ja ein ganz verdammter Mist! So ein Schlamassel! Hoffentlich ist es noch nicht zu spät für den Jungen. Der sitzt ja bis zu den Ohren drin. Ein Glück, dass sie bei ihrer Flucht noch keinen umgebracht haben.“

„Was nicht ist, kann noch werden“, meinte Hank bitter.

„Und diese Sache mit der Kutsche?“, fragte Old Joe. „Dieser Kerl, dieser Nevada Scott, wie du sagst, der würde doch dann der Boss deines Jungen. Ist das richtig?“

„Ich fürchte, du hast recht. Wenn er auf sie stößt, wird er sich ihnen anschließen.“

Old Joe kraulte sich seinen Bart.

„Es ist eine eigene Sache um einen Vater und einen Sohn“, sagte er, „wenn man sich überlegt, wieviel Liebe dazu gehört, so einen Kerl aufzuziehen. Und ich wette, er liebt dich auch. Und dann kommen die Missverständnisse in der Pubertät. In der Zeit, wo sich ein Mensch zum fertigen Wesen formt, wo er reifer werden sollte, da passiert es meistens. Es ist immer dasselbe, die Väter kümmern sich um die kleinen Kinder, nachher müssen sie Geld verdienen, arbeiten, müssen schuften, wenn die Kinder größer sind und den Vater am meisten brauchen, da hat er keine Zeit für sie. Aber vielleicht kommt ihr früh genug.“

Tom sah den Alten an.

„Mach du deine Sache hier gut! Wir reiten am frühen Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht.“

 

 

3

Die Hütte stand unter dem Steilhang eines Berges. Schotter und große Steinbrocken lagen herum. Zwei verkrüppelte Sturmeichen ragten mit zum Teil kahlen Ästen in den hellen Mondhimmel. Vom Dach der verwahrlosten Hütte strichen zwei Eulen zur Felswand hinauf und verschwanden wie Schemen in einer dunklen Höhle. Das Mondlicht spiegelte sich in einem der winzigen Fenster der Hütte, warf einen fahlen Schein auf die Gestalt eines Mannes, die fast unbeweglich neben einer Sturmeiche stand und streute einen langen Schatten von Bäumen und Hütte über den Hang. Der Mann an der Eiche zündete sich in den hohlen Händen eine Zigarette an, saugte tief, so dass die Glut sein hageres schmales Gesicht beleuchtete, dann aber war alles wieder düster. Irgendwo schrie ein Höhlenkäuzchen und am Himmel zogen dünne Wolkenschleier am Mond vorbei. Die Tür der Hütte knarrte, der Mann am Baum bewegte sich etwas zur Seite, und seine Stiefel ließen den Schotter unter den Sohlen knirschen.

„Barry?“, fragte er zur Hütte hin.

„Hm, lausig schwül, was?“, erwiderte der andere, der in der Dunkelheit stand und trat jetzt ins fahle Mondlicht. „Ich kann bei dieser Affenhitze kein Auge zutun.“

„Leiste mir ein bisschen Gesellschaft! Deine Wache beginnt sowieso in einer halben Stunde.“

„In Ordnung, Al“, sagte Barry, dessen untersetzte Gestalt jetzt deutlich im Mondschein zu sehen war.

Sie setzten sich zu Füßen der Sturmeiche und rauchten. Eine ganze Weile schwiegen beide, dann aber sagte Barry: „Ich finde es blöde von Scott, dass er den Jungen auch aufgenommen hat. Und der will ihn auch noch beteiligen an unserer Beute. Der war uns ja ganz nützlich, aber hier ist er doch ein Greenhorn, ein Anfänger, eine Rotznase. Neunzehn Jahre ist er alt. Der hat doch noch das Eigelb hinter den Ohren.“

„Hör doch auf“, sagte Al, „der ist ein Mann wie du. Du ärgerst dich nur, weil du schon fünfunddreißig bist. Denk doch einmal nach, als du so alt warst wie er! Warst du da so blöd? Ich sage dir, ohne den wären wir gar nicht rausgekommen. Weißt du was? Schlau ist der auch. Es hat keinen Toten gegeben. Wir haben noch nicht einmal einen verletzt. Das hat er geschickt angefangen. Und das ärgert dich, dass er so schlau ist. Sei doch nicht so neidisch! Der Junge ist doch in Ordnung. Wir können froh sein, dass wir ihn bei uns haben. Und ich sage noch einmal, ich vergesse es ihm nie, wie er uns geholfen hat, von Yuma fortzukommen.“

„Unsinn! Du wirst schon sehen, wenn mal richtig eine harte Sache kommt, nicht eine, wo er flüchten muss, wo er Angst hat, dass es ihm noch dreckiger gehen könnte, wenn sie ihn schnappen, sondern so ein holdup (Überfall).“

„Na ja, ein bisschen recht hast du schon“, gab Al zu. „Wenn man sich überlegt: Sein Alter ist der Sheriff hier.“

„Ich wäre an seiner Stelle nicht hierher zurückgekommen, aber er hat uns bekannt gemacht mit Nevada Scott, und das ist uns jetzt sehr nützlich. Für uns ist es gleich, ob hier dieser oder jener Sheriff ist. Aber für ihn, für ihn ist das eine eigene Sache.“

Sie schwiegen eine ganze Zeit, hingen ihren Gedanken nach und dann meinte Al: „Wenn ich es mir richtig überlege, gehört wirklich eine Menge dazu, hierher zurückzukommen nur wegen des Mädchens.“

„Betty ist kein Mädchen mehr“, verbesserte ihn Barry. „Im Grunde ist sie eine verdammte Schlampe. Die zieht jedem die Nickel aus der Nase.“

„Psst!“, machte Al und lauschte. Aber was er zu hören glaubte, war nur ein Raubtier, was schnell vorbeihuschte.

„Sicher ein Puma. Wenn es nicht solchen Lärm machen würde, schösse ich dieses Vieh ab“, erklärte Barry prahlerisch und nestelte an seinem Colt.

„Lass den Blödsinn!“, mahnte Al. „Reden wir lieber von dieser Geschichte. Der Puma ist doch längst weg.“

„Was gibt es da viel zu reden?“, meinte Barry.,.Dieser Junge ist verrückt auf Betty, und diese Betty ist verrückt auf Nevada Scott. Was schert das uns? Wir kennen doch beide kaum. Das heißt, von Nevada Scott haben wir natürlich schon lange gehört, die große Nummer von einst. Und was ist geblieben? Einäugig, die Knochen zerschossen, im Grunde ein Krüppel, aber immer noch gefährlich. Wie eine Klapperschlange, der ein Stück vom Schwanz fehlt.“

„Deswegen braucht er uns ja auch“, sagte Al leise. „Ohne uns kann er keine großen Sachen mehr machen. Früher, da war er ein Einzelgänger. Jetzt braucht er eine ganze Mannschaft, die es für ihn tut. Und darin lag unsere Chance. Wir können zufrieden sein, wie er ist. Was geht uns das Mädchen an!“

„Das Mädchen?“, fragte Barry. „Die möchte ich schon mal vernaschen. Die gefällt mir. Den Jungen, den wische ich vom Stuhl, wenn ich zu ihr ginge und er mir dort im Wege säße.“

„Und. Nevada Scott?“, fragte Al skeptisch.

Barry lächelte. „Der muss doch froh sein, wenn wir ihn nicht beißen.“

„Auch Klapperschlangen mit abgehackten Schwänzen haben ihre Giftzähne noch. Vergiss das nie, Barry!“, mahnte Al.

„Sei still, da kommt einer aus der Hütte“, zische Barry.

Sie verharrten schweigend und starrten zur Hütte hinüber, wo sich ein Mann aus dem Schatten löste und langsam herüberkam.

„NevadaScott!“, flüsterte Al.

Und dann stand Nevada Scott vor ihnen. Ein sehniger, kräftiger Mann mit schiefen Schultern, dessen durch die Narbe entstelltes Gesicht im Mondschein wie gemeißelt wirkte. Über der leeren Augenhöhle trug er eine schwarze Binde. Schwarz waren auch sein Schnurr- und Kinnbart und schwarz war auch der Umhang.

„Seit wann schiebt ihr eine Wache zu zweit?“, grollte er mit tiefer Stimme. „Es scheint euch nicht ganz klar zu sein, dass man euer Gespräch bei dem Wind weit hören kann, wie?“

„Wir haben nur geflüstert“, widersprach Al, „niemand konnte etwas hören. Und was den Wind angeht, so steht er auf die Felsen zu.“

„Keine Ausrede. Aber weil ihr so schön munter seid, habe ich einen Auftrag für euch. Ihr werdet dem Sheriff eine Falle legen. Wenn ich richtig kalkuliere, wird er bald hier antanzen. Morgen, übermorgen oder noch später, länger werden wir aber nicht zu warten brauchen.“

„Was hast du vor?“, fragte Al.

„Wir starten die Sache mit der Bank. Greenplains ist der richtige Ort. Ich möchte wetten, der Texas Ranger, der euch verfolgt hat, ist inzwischen auch in Greenplains und hat mit dem Sheriff gesprochen. Burlington hat eine abbekommen, das habt ihr ja deutlich gesehen. Er weiß vermutlich, wo der Junge steckt und wird wiederkommen. Ich glaube nicht, dass er ein Aufgebot mitnimmt. Denn sicher hat er den Texas Ranger jetzt gesprochen, weiß, dass er seinen eigenen Sohn hier oben finden wird. Ich vermute, dass er deswegen niemand bei sich haben will außer dem Texas Ranger. Und wenn mich nicht alles täuscht und es stimmt, was mir der Junge gesagt hat, dann passt die Beschreibung des Texas Rangers auf Tom Cadburn. Ihr habt doch auch gesehen, dass ein zweiter Mann dabei war und ein Wolf.“

„Ja, das ist es ja. Deswegen konnten wir ja den Kerl nicht abschütteln, weil er diesen Hund oder Wolf bei sich hatte. Wir wurden ihn nie los. Und einen Fluss oder einen Creek, durch den wir reiten konnten, um keine Spur zu hinterlassen, gab es nicht auf unserem Weg. Selbst auf felsigem Untergrund fand dieser verdammte Hund immerzu unsere Spuren.“

„Dann ist das Cadburn“, sagte Nevada Scott. „Er ist blond. Ist euch aufgefallen, dass er blond ist? Und der zweite Mann, habt ihr den gesehen?“

„Der ritt immer ein ganzes Stück hinter ihm.“

„Auf einem Pferd?“

„Es sah aus wie ein Maultier“, erklärte Barry.

„Dann ist es hundertprozentig Cadburn, und der Alte auf dem Maultier ist dieser Old Joe. Der hat es auch faustdick hinter den Ohren. Von dem habe ich auch gehört. Die machen vor nichts halt. Die sind einem Kollegen von uns vor Jahren über die Grenze hinweg gefolgt, bis hinauf nach Wyoming. Die haben sich an nichts gestört. Und er hat diesen Mann tatsächlich eingeholt und irgendwo in Cheyenne erwischt und mitgeschleppt bis hinunter nach Texas. Vor Gericht haben sie dann erzählt, sie hätten ihn noch vor der texanischen Grenze eingeholt. Und alles das, was der Angeklagte sagte, sei gelogen. Ihr wisst ja, wie das ist. Ein Gericht glaubt einem Texas Ranger mehr als einem von uns.“

„Jetzt sind wir aber in Texas“, meinte Barry.

„Ihr werdet es ihnen versalzen, hier noch weiter herumzuschnüffeln“, befahl Nevada Scott. „Ihr werdet diesen Kerl unschädlich machen und den Sheriff dazu.“

„Was meint eigentlich der Junge? Weiß er, dass wir den Sheriff schnappen sollen?“, fragte Al.

Nevada Scott nickte. „Er nimmt an, dass ihr ihn gefangen nehmt. Und wenn er euch danach fragt, dann werdet ihr das bestätigen.“

„Verdammt noch mal, was ist das für ein Junge?“, meinte Al. „Er muss ja ein Teufel sein. Ich habe auch einen Vater, der hat uns oft genug verdroschen, aber irgendwie war er schon in Ordnung.“

„Kümmert euch nicht um so was!“, sagte NevadaScott. „Ihr seid jetzt schön munter und macht das, was ich euch gesagt habe. Füllt eure Patronengurte auf, vergesst das Wasser nicht und packt euch genug Proviant ein! Und dann auf die Pferde und weg!“ Nevada Scott trat zu den beiden und fuhr leise fort: „Wenn ihr den Sheriff seht und wenn gar noch der Texas Ranger dabei ist, dann keine langen Reden. Wenn sie tot sind, dann könnt ihr ihnen Fragen stellen. Dieser Cadburn ist soviel wie eine ganze Schwadron US-Kavallerie. Und wenn wir ihn auch angeschossen haben, unseren Freund, so ändert das nichts daran, dass er gefährlich ist. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Denkt daran!“

„Geht in Ordnung?“, murmelte Barry, und Al fügte treuherzig hinzu: „Hoffentlich sind die beiden nicht schneller als wir. Wie erkennen wir ihn bloß? Ich habe diesen Sheriff noch nie gesehen.“

„Ihr könnt euch darauf verlassen, dass Burlington und auch der Texas Ranger das Abzeichen schön offen und deutlich tragen. Daran erkennt ihr sie. Und jetzt macht, dass ihr voran kommt.“

 

 

4

Sie waren den Tag und die halbe Nacht geritten, hatten ein paar Stunden in den Bergen gerastet und waren wieder unterwegs. Es begann schon etwas zu dämmern, als sie den Double Mount Fork erreichten. Von der Hochfläche aus führte ein Serpentinenpfad zum Fluss hinunter. Rechts und links vom Gewässer ragten die rotbraunen Felsen auf. Dicht am Fluss war das Ufer sandig und kiesig.

Tom Cadburn ritt voran und sorgte dafür, dass ihre Spur deutlich zu sehen war. Ein gutes Stück folgte er dem Fluss abwärts, zügelte dann Thunder, den herrlichen Blauschimmelhengst und nahm seine Winchester aus dem Futteral. Er saß ab und wartete, bis Hank herangeritten war. Indessen stillte Sam am Ufer seinen Durst.

Hank Burlington nahm die Zügel von Toms Hengst und trieb dann die Pferde wieder an.

„Bleib dicht am Wasser, möglichst im Sand, Hank!“, rief ihm Tom nach.

Als sie ein Stück weg waren, kletterte Tom wieder den Pfad hinauf und vermied es tunlichst, nur die geringsten Spuren zu verursachen. Er kauerte sich dann am Rande der Hochfläche in eine Bodensenke, die mit dürren, filzigen Mesquite bestanden war. Im Osten erschien die Sonne über dem Horizont. Über den Gräsern der Prärie jubilierten die Vögel. Präriehunde huschten flink von Loch zu Loch. Und ein raubeiniger Puma strich geduckt und geschmeidig durch das kniehohe Grammagras.

Tom blickte zum Fluss hinab, spähte die Schlucht entlang, konnte aber von Hank nichts mehr sehen. Ein Stück neben ihm lag Sam, leckte sich die Vorderpfoten und sah dann mit seinem treuen Blick zu Tom empor und wartete geduldig, geduldig wie Tom auch. Ab und zu reckte er sich etwas, fiepte erwartungsvoll, und seine Ohren spielten nach allen Seiten.

Auch Tom musste sich mitunter aufrichten, um in die Runde blicken zu können. Er suchte mit seinem Blick die Prärie ab, konnte jedoch nicht sehen, was er erwartete. Er wusste nicht, ob es einen Verfolger gab, noch weniger wusste er, aus welcher Richtung ein etwaiger Verfolger kommen könnte. Aber er rechnete damit. Seine Erfahrungen, sein Gefühl und seine Schläue warnten ihn davor, einfach darauf loszureiten. Er befand sich im Gebiet von Nevada Scott, und so etwas genügte.

Kurz nach neun Uhr richtete er sich wieder auf und spähte über die im Morgenwind wogende Graslandschaft hinweg. In der Ferne, auf Greenplains zu, ragten die Spitzen von drei Felsen aus der Prärie heraus. Reste eines Vorgebirges, das von der Witterung längst zermürbt worden war.

In der Nacht waren Tom und Hank da vorbeigeritten. Und genau aus dieser Richtung näherten sich jetzt zwei Reiter.

Also doch, dachte Tom, als er sah, dass diese beiden Reiter genau auf den Spuren von seinem und Hanks Pferde ritten. Die Reiter waren noch weit. Es würden noch zwanzig Minuten vergehen, ehe sie den Serpentinenpfad erreicht haben, sagte sich Tom. Diese Zeit musste genügen. Er dachte an Hank, der etwa zwei Meilen flussabwärts auf das Signal von Tom Cadburn wartete.

Tom wickelte sein Halstuch ab, schlang einen Knoten hinein und riss einen dürren Yukastrauch aus dem Boden. Das Halstuch befestigte er an dem langen Stengel und warf das Ganze in den Fluss hinunter. Strauch und Halstuch klatschten ins Wasser und trieben sofort flussabwärts. Prüfend blickte Tom dem kleinen Floß nach und stellte fest, dass sein gelbes Tuch gut zu erkennen war.

Inzwischen kamen die Reiter näher. Sie ließen sich Zeit, und Tom konnte deutlich sehen, wie sie der Spur folgten. Dann und wann zügelten sie ihre Tiere, suchten die nähere Umgebung ab und ritten dann weiter. Tom hatte sein Armeefernglas mitgenommen, zog es jetzt auseinander und blickte zu den beiden Reitern hin. Obgleich die Entfernung groß war, sah er doch deutlich die Gesichter der beiden Männer. Den einen erkannte er schon an der dürren Gestalt, aber der knochige Kopf des Mannes bestätigte seinen Verdacht. Dieser Kerl muss Allistair Kenwood sein, ein in drei Staaten gesuchter Bandit und Mörder, sagte sich Tom. Den anderen kenne ich nicht, noch nicht. Aber halt, natürlich, die gehören ja zusammen, die beiden. Es fehlt nur noch der dritte. Der dort, dieser Blonde, ist Barry Martin, genauso ist es, sagte sich Tom. Und wo haben sie den Jungen? Ist der Junge bereits bei Nevada Scotts Bande? Das bedeutet, dass ihn ein gewissenloser und kaltblütiger Bandit in den Fingern hat.

Tom beobachtete auch die Pferde der beiden Reiter. Es waren gute Tiere. Niedrig, stramm, breitbrüstig und von jener zähen Ausdauer, der andere Pferde oft nicht gewachsen sind. Tom vermerkte diese Erkenntnisse so nebenbei, aber er wusste, dass solche Dinge oft bedeutungsvoll werden.

Die beiden Reiter waren inzwischen ziemlich nahe gekommen. Tom duckte sich tief zwischen die Sträucher und lauschte dem Hufschlag der Pferde. Und schon dröhnte es von der gegenüberliegenden Felswand wider, als die Pferde näherkamen. Als Tom sich aufrichtete, sah er die beiden nicht mehr. Er hörte aber eines der Pferde in der Schlucht schnauben und vermutete, dass sie unten angehalten hätten. Er kroch nun auf allen Vieren bis zum Rand der Hochfläche und blickte hinab. Richtig, da unten war dieser Allistair Kenwood abgesessen und ging gebückt am Ufer entlang. Der andere hingegen saß noch auf seinem Pferd, lehnte sich ans Sattelhorn, blickte aber unsicher die rotbraunen Felswände entlang.

Zweimal lebenslänglich Zuchthaus, dachte Tom. Beide gnadenlose und gewissenlose Mörder.

Er nahm seine Winchester an die Schulter und zielte dicht neben Allistair Kenwood. Als er abdrückte und der Schuss von den Felswänden widerhallte, sprang Allistair Kenwood wie von der Tarantel gebissen zur Seite, schien aber noch immer nicht zu begreifen, aus welcher Richtung der Schuss fiel. Er warf sich so zu Boden, dass er Tom den Rücken zukehrte.

Barry Martin riss die Pferde herum und brachte sie unter die Felswand, so dass Tom ihn einen Augenblick lang nicht sehen konnte.

„Kenwood! Arme hoch! Aufstehen! Und ja keine Dummheiten machen!“, rief Tom in die Schlucht hinunter.

Allistair Kenwood zuckte herum, erhob sich und streckte dann die Arme in die Höhe.

„Der andere, von der Felswand weit weg! Los, Martin, zeig dich! Rüber zum Fluss und die Hände hoch!“

Barry Martin tauchte auf, ließ die Zügel los und hob gehorsam die Arme.

„Bist du wirklich so groß, wie du tust?“, rief Allistair Kenwood. „Aha, ein Texas Ranger, wie wunderbar! Aber hast du vergessen, in welchem Reich du dich befindest? Der Mann, der hier befiehlt, ist eine Nummer zu groß für dich. Da müsstest du schon ein paar von deinen Leuten mitbringen. Und selbst die haben keine Chance. Du befindest dich im Reich von Nevada Scott. Das hast du nicht gewusst, nicht wahr?“

Tom rührte sich nicht. Sein Gewehr zielte auf Kenwood. Und der Bandit sah die Mündung auf sich gerichtet. Mehr als das Gewehr sah er aber nicht.

„Wie lange sollen wir hier so herumstehen, Ranger?“, fragte Kenwood.

Tom Cadburn gab keine Antwort. Sam knurrte leise, aber das hörten die da unten nicht.

„Verdammt noch mal, was soll der Zauber?“, rief Barry Martin nach oben. „Sollen wir ewig hier herumstehen?“

„Von mir aus eine Woche. Ich habe Zeit“, erwiderte Tom gelassen. Er sah, wie Hank zu Fuß den Fluss heraufkam. Die beiden Banditen hatten ihn noch nicht gesehen. Doch als sie ihn entdeckten, war er ihnen schon viel zu nahe.

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938678
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539085
Schlagworte
texas wolf

Autor

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Titel: TEXAS WOLF #46: Er ritt in den Tod