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Privatdetektiv Volpe: Die Jagd auf Amanda

2020 183 Seiten

Zusammenfassung

Volpe und Petrescu sitzen draußen im Café. Sergiu liest dem Freund die skurrile Geschichte des Vampirs von Venedig vor, dem Volpe das Handwerk legte. Da stürmt eine großgewachsene Frau auf den Platz und bleibt stehen. Volpe und Petrescu beäugen sie neugierig. Während sich der Doktor in die luftig Gekleidete verliebt, stellt Volpe ganz nüchtern fest, dass sie schon über Vierzig und panikartig auf der Flucht ist. Volpe wäre nicht Volpe, wenn er der Verängstigten nicht helfen wollte. Ab sofort beginnt ein dramatischer Wettlauf mit dem Tod, denn ein hochintelligenter Profikiller ist auf die Dame angesetzt und zeigt dem Meisterdetektiv immer wieder seine Grenzen auf. Es kommt nach dem gewaltsamen Tod zweiter Zeugen zu einem schaurigen Showdown …

Leseprobe

Table of Contents

Privatdetektiv Volpe: Die Jagd auf Amanda

Copyright

Personen des venezianischen Dramas

1. Teil: Vorwort des Dr. med. Sergiu Petrescu

2. Teil: Im Café südlich der Chiesa dei Santi Giovanni e Paolo

3. Teil: Volpe und der Vampir

4. Teil: Die gehetzte Frau

5. Teil: Auf dem Revier

6. Teil: Amandas Geschichte

7. Teil: Die Leiche in der Paduaner Pathologie

8. Teil: Übernachtung in der Pensione Enrico Baratti

9. Teil: In der ehemaligen Boxschule

10. Teil: Amanda und der neue Albergo

11. Teil: Amandas Bericht

12. Teil: Ein Duell am Strand

13. Teil: Die Aufführung einer Tragödie im Theater

14. Teil: Nachwort mit Überraschung

15. Teil: Ein Postskriptum

Privatdetektiv Volpe: Die Jagd auf Amanda

Ein Venedig-Krimi von Meinhard-Wilhelm Schulz

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 183 Taschenbuchseiten.

 

Volpe und Petrescu sitzen draußen im Café. Sergiu liest dem Freund die skurrile Geschichte des Vampirs von Venedig vor, dem Volpe das Handwerk legte. Da stürmt eine großgewachsene Frau auf den Platz und bleibt stehen. Volpe und Petrescu beäugen sie neugierig. Während sich der Doktor in die luftig Gekleidete verliebt, stellt Volpe ganz nüchtern fest, dass sie schon über Vierzig und panikartig auf der Flucht ist. Volpe wäre nicht Volpe, wenn er der Verängstigten nicht helfen wollte. Ab sofort beginnt ein dramatischer Wettlauf mit dem Tod, denn ein hochintelligenter Profikiller ist auf die Dame angesetzt und zeigt dem Meisterdetektiv immer wieder seine Grenzen auf. Es kommt nach dem gewaltsamen Tod zweiter Zeugen zu einem schaurigen Showdown …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Personen des venezianischen Dramas

• Giuseppe Tartini ,Volpe‘: venezianischer Privatdetektiv

• Dr. med. Sergiu Petrescu: sein rumänischer Freund; Erzähler

• Capitano Giulio Marcello: Chef der Carabinieri im Veneto

• Tenente Ambrosio di Fusco: Hauptmann der Carabinieri

 

• Amanda Amati: ehemalige Lehrerin; Amateurboxerin

• Marcantonio Amati: ihr verstorbener Vater aus Neapel

• Cornelia Amati, geb. La Ponte: ihre verstorbene Mutter

• Namenloser junger Mann (Arturo): auf sie angesetzter Killer

 

• Lucio Sporco, il Scorpione: Mann der Unterwelt von Mestre

• Angelo Orsolina: sein Kumpel; Inhaber einer Boxschule

• Orso (der Bär; Ganovenname): alternder Boxer

• Marco Arbusto: Inhaber einer Trattoria auf dem Lido

 

 

1. Teil: Vorwort des Dr. med. Sergiu Petrescu

Hippokrates ist für uns Ärzte, obwohl schon seit 2.500 Jahren im Jenseits, nach wie vor das Vorbild. Doch einer seiner Lehrmeinungen konnte ich früher nichts abgewinnen, ja, ich lehnte sie sogar ab. Im zweiten Buch seiner Schrift ,Perì tēs Psychēs‘ (Über die Seele) schreibt er nämlich folgendes; ich zitiere:

 

»Liebesleben und Paarungsverhalten der Spezies Mensch geben uns noch zahlreiche Rätsel auf. Eines der seltsamsten davon, welches man gelegentlich beobachten kann, soll hier thesenartig angerissen und zur Diskussion gestellt werden.

Allzu heftig, ja, bis zur Besinnungslosigkeit Liebende erfüllt der nicht selten beobachtete Wahn, es sei das größte Glück auf Erden, das Leben auf dem Höhepunkt der Gefühle beenden zu dürfen. Nicht wenige meiner Kollegen haben den orgiastischen Moment des Liebesaktes mit einem kurzzeitigen Sterben verglichen.

Frauen sollen von dieser Todessehnsucht bevorzugt betroffen sein, insbesondere, wenn sie sich dem Manne hemmungslos hingeben, denn nach dem betäubenden Liebesakt kommt die grausame Ernüchterung. Das vorher Begehrenswerte erscheint ihnen nun grau und fade.

Von dort her scheint mir der Wunsch liebender Frauen zu kommen, sich dem jeweiligen Partner mit solch blinder Leidenschaft und derart grenzenloser Unterwürfigkeit hinzugeben, dass sie von ihm sogar verlangen oder verlangen möchten, er möge sie im Rausche der Liebe töten. Eben das und nichts anderes sehen sie als Vollendung des irdischen Glückes an und ordnen ihm bedenkenlos all ihre anderen Gedanken unter.«

 

Ich selbst konnte dieser These, wie gesagt, nichts abgewinnen, ja, ich verabscheute sie sogar, bis mich das grausame Leben eines Besseren belehrte und zur Überzeugung brachte, dass unser Altmeister recht gehabt hat.

Wie es dazu kam, erfährst Du, mein geliebter und geduldiger Leser (m/w/d), sobald du dieses Buch gelesen hast. Es ist der Bericht einer Tragödie, die ich an der Seite von Venedigs berühmtem Detektiv, den man ,Volpe‘ nennt, erleben durfte, damals, als wir versuchten, der entzückenden Amanda das Leben zu retten.

Über meinen wunderbaren Freund Giuseppe Tartini, den man wegen seines schulterlang getragenen Rotschopfs und auch, weil er der Scharfsinn in Person ist, den Volpe nennt, also Fuchs und Schlaumeier in einer Person, möchte ich mich hier nicht weiter auslassen. Es ist bereits der siebte Band, in dem ich über unsere gemeinsamen Abenteuer berichte. Daher möchte ich mich an den wunderschönen griechischen Spruch halten: »Mē fere glaúkās eis Athénās – trage keine Eulen nach Athen.«

 

 

2. Teil: Im Café südlich der Chiesa dei Santi Giovanni e Paolo

Zufällig saß ich neulich im Café, das südlich der Chiesa dei Santi Giovanni e Paolo liegt und entspannte mich bei einem Cappuccino con Panna unter einem im warmen Wind sich sanft bewegendem Sonnenschirm, als mein Freund aus seinem westlich des Campo dei Santi Giovanni e Paolo gelegenen Palazzo hervorbrach und mit langen Schritten lässig zu mir herüber geschlendert kam.

Er war vom Kampfsporttraining, das er zweimal wöchentlich, um in Form zu blieben, im eigens dafür eingerichteten Raum des Hauses mit seinem japanischen Partner ausübte und soeben hinter sich gebracht hatte, noch ganz erhitzt.

So will ich dir, mein lieber guter Leser (m/w/d), unseren Giuseppe Tartini, genannt Volpe, beschreiben:

Ein großer hagerer Mann von athletischer Gestalt eilte mit feuerrot wehendem, schulterlangem Haar daher, kam federnd auf mich zu und zwinkerte mir aus eindrucksvoll dunkelblauen Augen zu. Er steckte in einem weiten weißen ärmellosen T-Shirt, das ihm bis zur Hüfte reichte, darunter hellgrüne Bermudas, die Füße in dunkelgrünen Trekking-Sandalen.

Unter dem Hemd trug er, wie außer mir freilich kaum jemand wusste, ein hauchfeines maßgeschneidertes Unterhemd, das seine Brust vor Angriffen schützen sollte und eine kleine feines Pistole im Schulterhalfter sowie einen Dolch am Gürtel, denn er besaß das Privileg, in Waffen zu sein, ohne sie offen zur Schau zu stellen, denn er hatte im Laufe der Zeit schon etliche Mordanschläge rachsüchtiger Gegner überstanden.

Ein breites Grinsen huschte über das kantige Gesicht, wobei er sein Pferdegebiss entblößte, als er mich erblickte.

»Schön, dass du rechtzeitig gekommen bist, lieber Sergiu«, sagte er noch ganz außer Atem, ließ sich auf den Korbstuhl neben mir fallen und rieb sich die Schweißperlen mit einem flauschigen Tuch von der Stirn.

»Salve, Amico«, entgegnete ich schläfrig und gab mir keine Mühe, mich zu erheben; er sagte:

»Ich habe mich gerade mit Signore Fudschimori Suzuki, dem ersten Karatemeister des Veneto, geprügelt, dass die Fetzen flogen und ihm Paroli geboten. Wäre ich einer von den Profis, könnte ich es zu Ehren bringen, zumindest in Italien. Aber ein jeder hat so seinen eigenen Beruf. Du setzt deinen Patienten mit bitterer Medizin zu oder verdirbst ihnen mit strengen Vorschriften den Genuss an ihrem Lieblingsgericht, caro Dottore, und ich mache den Ganoven das Leben sauer; suum cuique (jedem das Seine), wie der Lateiner dazu sagt.

Leider ist zurzeit nichts los in diesem venezianischen Backofen. Die Verbrecher machen Sommerpause oder verprassen ihren Gewinn an den Stränden Italiens. Wenn sie genug Moos ergaunert haben, sind sie zurzeit in Jesolo oder Rimini zu finden und liegen faul auf der Bärenhaut. Es zum wahnsinnig werden, immer diese Langeweile.

Und du hast, caro Sergiu, wie ich sehe, deine Patienten im Stich gelassen, und bist wieder einmal in die unvergleichliche Serenissima gekommen … und ich habe glatt vergessen, was für einen Tag wir heute haben.«

Volpe gähnte herzhaft, während ihm der Kellner auf meinen Wink hin einen Cappuccino vorsetzte. Ich nahm das Wort.

»Bei dieser Hitze vergisst man alles, aber auch alles. Ich weiß kaum noch, wer ich bin, und selbst wenn ich lange genug nachdenke, komme ich kaum drauf, welches Datum wir haben.

Ich glaube, ich denke, ich vermute, den 14. Augustus im Jahre des Herrn 2021«, sagte ich müde, »und weißt du was, Giuseppe, es ist Sommer, und alles, was Rang und Namen in dieser Stadt hat, ist in die Berge geflüchtet, um dem venezianischen Backofen zu entrinnen und in den Dolomiten wandern zu gehen.

Um dir bei jeder Gelegenheit zur Seite zu stehen, damit du keinen Blödsinn anstellst, habe ich die Zulassung als Kassenarzt zurückgegeben und betreibe nur noch eine Privatpraxis. Die paar betuchten Patienten, die noch in Jesolo geblieben sind, hat mein Kollege übernommen, während ich den Vaporetto von der Punta Sabbioni nach Venedig bestieg.

Ich habe dich von unterwegs aus angerufen und dann hier auf dich gewartet, denn ich möchte dir die Aufzeichnungen unseres letzten Abenteuers vortragen und zur Publikation genehmigen lassen. Die Edizione Artiglio di Orso & Cassiopea (Verlag Klaue des Bären & Kassiopeia) wartet schon auf das Manuskript, und mit ihm mein allergnädigstes Lesepublikum.«

Volpe kümmerte sich zunächst nicht um den aufgetischten Cappuccino, sondern schnippte mit den Fingern, und der schwarze Ober stellte ihm breit grinsend einen gläsernen Humpen auf den Tisch, einen stark mit Wasser verdünnten gelblichen Wein aus der Valpollicella, den mein Kumpel liebte, weil seine ebenfalls rothaarigen Vorfahren, echte Kelten, wie er oft genug behauptete, von dort nach Venedig ausgewandert waren.

Er nahm einen tiefen Zug, setzte das Literglas ab und seufzte. Dann sagte er scheinbar gelangweilt, in Wirklichkeit, wie ich ihn kannte, gespannt wie ein Flitzbogen: »Na, dann wollen wir uns, bevor wir an die Arbeit gehen, erst einmal das Produkt deines literarischen Genies zu Gemüte führen. Warum du allerdings ausgerechnet den Fall des Vampirs der Publikation wert hältst, ist mir ein Rätsel.«

»Ich finde«, sagte ich, »die Angelegenheit zeigt auf eine schlichte und dennoch beeindruckende Weise die Art deines methodischen Vorgehens. Lass mich daher beginnen. Hier ist mein Tablet, in dem alles gespeichert ist«, fügte ich hinzu und zauberte das Gerät aus meiner Umhängetasche hervor.

»Wenn‘s denn sein muss«, murmelte er gelangweilt und nahm die Bruschetta, das mit sauer eingelegtem Gemüse garnierte geröstete Stück Brot und den löchrigen Käse in Angriff, welches ihm der freundliche schwarze Mann neben den Trinkstiefel gestellt hatte und ließ es sich munden.

Ich aber fuhr das Tablet hoch und begann zu lesen.

 

 

3. Teil: Volpe und der Vampir

Eines Tages hockte ich bei Volpe in seinem gut gesicherten Palazzo am westlichen Rand des Campo dei Santi Giovanni e Paolo. Butler Giovanni ließ niemanden ein, dem mein Freund keinen Zutritt gewähren wollte. Er kehrte mir den Rücken zu und war am Schreibtisch mit einem Fetzen Papier beschäftigt.

Das von außen betrachtet unscheinbare Haus war zur Calle di Cavallo (Pferdegasse) und dem Campo hin so gut wie fensterlos, um sich auf der rückwärtigen Seite zu einem mauerumstandenen bunten Garten samt Brunnen zu öffnen. In der feinen Säulenhalle, die den hinteren Teil des Gartens einrahmte, gingen wir oft auf und ab, um einen aktuellen Fall zu besprechen. Zum Calle di Cavallo hin besaß der Palazzo eine Pforte aus Stahl. Vorne, dem Campo zugewandt, öffnete sich das Haus für den Besucher mit einem eisenbeschlagenen Portal.

Links und rechts daneben hat Volpe zwei 40 Zentimeter große Kacheln angebracht. Jede ziert ein Pulcinella (it. Kasperle), mit dem sich Volpe gerne identifiziert. Sein Gesicht ist unter der typischen Maske verborgen. Er hält die Mandoline im Arm.

 

Auf der linken steht:

La invidia vostra è la mia forza – Euer Neid ist meine Stärke.

Rechts ist zu lesen:

Quando entrate, salutate! Quando uscite, fatevi i cazzi vostri! – Wenn ihr eintretet, grüßt! Wenn ihr hinaus geht, packt eure Sachen (gemeint: macht euch aus dem Staub!)

 

Volpe hockte, wie gesagt, verdrossen am Schreibtisch, schenkte mir keine Beachtung, und las einen Brief, der sich, wie er vorhin gesagt hatte, vor wenigen Minuten aus dem Faxgerät gequält hatte. Schließlich schob er mir das zerknitterte Blatt mit einem trockenen Kichern zu und murmelte:

»Einen größeren Blödsinn kann ich mir kaum vorstellen. Man sollte glauben, wir lebten noch in den sagenumwobenen Tagen des rumänischen Grafen Dracula, die du als Eingeborener gewiss über die Maßen liebst. Lies, und sag mir, was du davon hältst!«

Ich nahm mir das Schreiben vor und nahm zunehmend belustigt das Folgende zur Kenntnis:

 

»Die Anwaltskanzlei der Gebrüder Lupo & Lupo (Wolf) aus Treviso sendet ihrem sehr geschätzten Signore Giuseppe Tartini die besten Grüße und Wünsche, seine Gesundheit betreffend.

Unser Klient, Signore Senatore Marco Diavolo, Vorstand des privaten Bankhauses Diavolo & Cavolo (Teufel & Kohl), in der Via Veneta gelegen, trat mit der Bitte an uns heran, einen nicht staatlichen Detektiv zu finden, der ihm behilflich sein könnte, Licht in die Angelegenheit Vampirismus zu bringen. Aus diesem Grunde haben wir Signore Diavolo geraten, Sie, Signore Tartini, aufzusuchen. Ihr erfolgreiches, ja, segensreiches Wirken im Falle des gefürchteten Betrügers Cesare Cornelio Sporcizia (Schmutz) ist uns noch in guter Erinnerung.

Wir verbleiben mit den besten Grüßen und Wünschen, die Ihnen sehr ergebenen Fratelli Lupo (Gebrüder Wolf).«

 

»Ach ja, der gute alte Cesare Cornelio«, sagte Volpe und streckte sich gähnend zur Decke, »ein raffinierter Gauner, der es auf seine Weise zu Wohlstand und Reichtum brachte, indem er älteren Herrschaften das Eingemachte abknöpfte, bis wir dem Ärmsten das Handwerk legten. Wenn ich mich nicht irre, ist er zu 20 Jahre Bau verurteilt, weil er eine Oma hops gehen ließ, und wird das Licht der Freiheit auf absehbare Zeit nicht mehr sehen. Aber nun zu unserem aktuellen Fall. Was hältst du von Vampiren?«

»Ach, du lieber Gott! Was soll die Frage? Es sind sagenhafte Unholde, sogenannte Untote, die immer dann zu frischem Leben erwachen, wenn sie jemandem das Blut aus den Adern gesaugt haben. Über fließendes Wasser können sie nicht gehen, haben die Kraft von fünf Männern, und wenn man sie gestellt hat, muss man ihnen einen Holzpflock durchs Herz rammen, um sie für alle Zeiten zu erledigen. Sie zerfallen dann zu Staub. Mein Landsmann, der Conte Dracula, ist übrigens eine historische Gestalt und war ein grausamer Mensch. Dass er ein blutsaugender Vampir gewesen wäre, das hat, glaube ich, erst der Schriftsteller Bram Stoker mit seinem berühmten Roman erfunden, seinem einzigen Werk von Bedeutung übrigens.

Das ist alles, was ich weiß. Wer heutzutage noch an solchen Unsinn glaubt, ist selber dran schuld.«

»Du hast recht, Sergiu. Quatsch, alles nur Quatsch! Der Dracula-Roman ist ganz nett zu lesen, wie ich gerne zugebe, aber was gehen uns diese blutsaugende Grafen aus deinem Rumänien an? Bei den alten Römern, hihihi, da gab‘s die Harpyien, blutsaugende Riesenfliegen mit Weibsgesicht, aber mir sind schon die Moskitos zuwider, wenn sie mir mit ihrem hellen Singsang den Schlaf rauben. Giovanni hat darum für die Sommerzeit alle Fenster des Hauses mit einem hauchfeinen durchsichtigen Stoff gesichert, damit die Biester nicht eindringen können.«

»Aber«, entgegnete ich, »es soll solche Horrorgestalten wirklich geben haben. Neulich vernahm ich in meiner Praxis, dass ein alter Mann drauf aus war, Kindern das Blut auszusaugen, um dadurch wieder jung zu werden, völlig vergebens übrigens, und jetzt hockt er im Knast.«

»Schön und gut, caro Dottore«, sagte Volpe, »aber müssen wir, ausgerechnet wir!, uns damit beschäftigen? Ich fürchte, wir können das Anliegen des Signore Diavolo nicht ernst nehmen. Vielleicht ist er ja verrückt. Das fiele dann eher in dein als in mein Metier, oder? Und doch! Seltsam! Der Chef des Bankhauses, bei dem auch Signore Gaio Urbano sein Konto hatte (s. Volpe und die Blüten des Todes), glaubt daran?!«

Volpes fuchsiges Gesicht wies das amüsierte Lächeln auf, das ihn auszeichnet, diesmal jedoch einem Ausdruck von Interesse und Konzentration wich. Er nahm das Schreiben wieder zur Hand und drehte es hin und her. Eine Weile saß er noch in Gedanken versunken da. Dann riss er sich mit einem Ruck aus dem Reich der Träume, denn Giovanni war mit einem weiteren Brief eingetreten.

Volpe überlas ihn, reichte ihn mir und sagte: »Hier ist noch ein zweiter Wisch, einer von Signore Senatore Diavolo selbst. Er beruft sich auf dich, mein lieber Sergiu. Lies, und du bist im Bilde!«

Ich nahm das frisch ausgedruckte Blatt und las:

 

»Marco Diavolo wünscht Signore Giuseppe Tartini beste Gesundheit und lang anhaltendes Wohlergehen.

Da mir Ihr geschätzter Mitarbeiter, Dottore Medico S. Petrescu, vor Jahr und Tag in schwerer Krankheit beigestanden hat, wage ich es, mich in einer ganz besonderen Angelegenheit an Sie zu wenden, nachdem man sich bei meinen Anwälten für nicht zuständig erklärte und mir Ihren geschätzten Namen nannte.

Wie mir die Kanzlei Lupo & Lupo mitteilte, wurde Ihnen die heikle Angelegenheit, mit der ich mich bei den Carabinieri lächerlich machen würde, bereits vorgelegt. Sie ist so delikat, dass es mir schwer fällt, sie überhaupt zu schildern. Es geht dabei um einen Freund, dessen Namen ich Ihnen nicht nennen darf.

Vor sieben Jahren verlor er seine Gattin, die ihn samt dem kleinen Sohn zurückließ. Doch schon ein Jahr nach ihrem Tode lernte er auf einer Reise durch Sizilien die Tochter eines aus Marokko stammenden Kaufmanns kennen. Sie könnte als Schönheit gelten, wenn man sich an ihrer leicht braunen Hautfarbe und den krausen Haaren nicht störte.

Er nahm sie mit ins Veneto und heiratete sie. Kein Mann der Welt hat jemals eine bessere Frau gehabt, und übers Jahr schenkte sie ihn ein Kind, einen kleinen Jungen von ebenmäßigen Zügen und nur sanft getönter Haut. Das Glück des Hauses schien alle Grenzen zu überspringen.

Mit seinem ersten und einst einzigen Sohn schien sich die Stiefmutter nicht gut zu verstehen, obwohl er ein liebes, hübsches, intelligentes Kind ist. Seit einem Sturz vom Pony ist er gehbehindert und schleift das linke Bein ein wenig nach.

Nachdem ihr eigenes Kind das Licht der Welt erblickt hat, ist das Verhältnis der beiden unerträglich geworden. Zweimal hat man die Frau dabei beobachtet, wie sie den Stiefsohn ohne erkennbaren Grund schlug, das erste Mal vor einem Monat. Beim zweiten Mal fiel sie sogar mit einem Stock über ihn her, was einen breiten roten Striemen auf seinem Oberschenkel hinterließ.

Doch das alles war noch gar nichts, vergleichen mit dem, was sie dann dem eigenen Kind antat, dem Jungen von gerade einmal einem halben Jahr. Vor wenigen Tagen war er von der Kinderfrau für ein paar Minuten alleine gelassen worden. Lautes Kreischen rief sie zurück. Als sie ins Zimmer stürzte, sah sie ihre Chefin über das Baby gebeugt und ihm in den Hals beißen. Nachdem sich die Mutter bei ihrem Tun entdeckt sah, verließ sie das Zimmer fluchtartig, mit blutbesudeltem Mund.

Die Angestellte sah nach dem Hals des schreienden Kleinen und entdeckte eine kleine Wunde, aus der noch immer das Blut heraus floss. Das Bettchen war voller Blut, ein Anblick, der jeden Betrachter mit Grauen erfüllt hätte.

Sie war darüber so entsetzt, dass sie den Vater des Winzlings herbeirufen wollte, aber die zurückgekehrte Herrin flehte sie an, es nicht zu tun und reichte ihr fürs Schweigen fünfzig Euro. Eine Erklärung gab sie nicht ab, und die Angelegenheit schien fürs Erste erledigt, denn die Verletzung des Babys stellte sich als unbedeutend heraus.

Trotzdem traute die Frau dem Frieden nicht und ließ die Chefin nicht mehr aus den Augen. Insbesondere wachte sie über dem kleinen Schreihals und lag Tag und Nacht auf der Lauer, vor allem, wenn sich die seltsame Mutter dem Baby näherte.

Lieber Signore Tartini, das oben Geschilderte mag für Ihre Ohren seltsam klingen, aber dennoch bitte ich Sie im Namen meines Freundes, die Angelegenheit ernst zu nehmen, denn das Leben des Kindes und der Verstand meines geschätzten Kameraden könnten davon abhängen. Zudem darf ich mich auf unseren gemeinsamen Freund, den Dottore Medico Anselmu Tigurinu, berufen, dem Sie im Falle der Todesblüten so wunderbar zur Seite standen. Er meint, Sie wären der richtige Mann für mich.

wenige Tage nur hielt die gute Kinderfrau dicht. Dann konnte sie es nicht mehr aushalten und ging zu meinem Freund, um ihm alles zu verraten. Noch redete sie auf ihn ein, weil er es nicht glauben konnte, da ertönten aus dem Kinderzimmer grässliche Schreie. Beide stürmten hinein, und was sahen sie?

Der ältere Sohn verließ den Raum fluchtartig. Sein Gesicht war von den Schlägen gezeichnet, die ihm doch wohl die Stiefmutter verabreicht hatte. Blut strömte ihm aus Mund und Nase.

Die junge Frau war über das Baby gebeugt und saugte an seinem Hals. Dann spie sie das Blut mit einem wüsten Aufschrei über das Bett, so dass sich das gesamte Laken rot färbte. Während sie sich mühsam erhob, das Gesicht voller Blut, brüllte mein Freund sie schon an und fragte, was das zu bedeuten habe?

Sie aber ging unsicheren Schrittes hinaus, die Treppe hinauf, um sich in ihren Räumlichkeiten einzuschließen. Eine Erklärung für ihr grausiges Verhalten gab sie nicht und lässt seitdem nur ihre persönliche Bedienstete hinein, sonst niemanden.

Um weiteres Unheil abzuwenden, habe ich mich an die Kanzlei der Gebrüder Lupo & Lupo gewendet, die mich an Sie, verehrter Signore Tartini, verwiesen haben.

Erlauben Sie mir, dem Schreiben sozusagen auf dem Fuße zu folgen und Sie unter der mir von den genannten Anwälten angegebenen Adresse aufzusuchen.

Bis dahin alles Gute! Es wäre schön, wenn Ihr Freund Petrescu dabei wäre. Er war mir ein guter Arzt und ist ein verständnisvoller Mann: M. C. Diavolo, Treviso.«

 

»Nun, so weit, so gut«, sagte Volpe und gähnte herzhaft, »mein Lieber, du hast dir sicherlich schon eine Meinung gebildet. In meinen Augen ist es ein einfacher Fall; ein kleiner Fall; nichts Übernatürliches; eher was für Freund Ambrosio und seine Carabinieri. Doch da ich zurzeit nichts zu tun habe …«

Ich schüttelte den Kopf, ganz von der grausigen Szene überwältigt. Er aber legte Fingerspitzen auf Fingerspitzen und sagte: »Kannst Du dich noch an den Patienten Diavolo erinnern? Was weißt du über das genannte Bankhaus?«

»Jetzt erinnere ich mich wieder lebhaft an ihn. Er begab sich vor etwa acht Jahren in meine Obhut und ist dank meiner Hilfe wieder gesundet. Rein zufällig ist mir die Gegend samt dem Geldinstitut bekannt. Ich habe nämlich seitdem dort mein Konto, ein bevorzugtes Konto, und kenne auch sein privates Haus. Gesehen habe ich Diavolo in den letzten Jahren nicht mehr, denn er lässt sämtliche Bankgeschäfte von seinen Adjutanten ausführen und lebt ziemlich zurückgezogen im genannten Palazzo außerhalb von Treviso in bevorzugter Lage.«

»Schön, dann wirst du mir ein guter Begleiter sein, wenn wir in Kürze samt dem Unglücklichen dorthin fahren, um ihm in Fragen Vampirismus beizustehen. Ich sage noch rasch Giovanni Bescheid, dass er Signore Diavolo einlässt und ins Arbeitszimmer geleitet, denn er muss jeden Augenblick da sein. Dann werden wir ja sehen, was wir für ihn tun können.«

» …a-aber«, stotterte ich, »er hat sich doch nur für einen alten Freund eingesetzt.«

»Hihihi«, kicherte Volpe, rieb sich vergnügt die Hände und sah mir belustigt ins Gesicht.

»Was du nicht sagst, Dottore! Natürlich ist es sein Fall, und weil er kein Hohlkopf ist, ziert er sich, diesen Blödsinn mit seinem blutsaugenden Weib auf die eigene Kappe zu nehmen und schiebt lieber einen nicht vorhandenen Dritten vor … doch ich höre ihn schon an die Pforte klopfen. Er hat einen Stock dabei, wie ich vernehme, und zieht das eine Bein ein wenig nach. Ja, jetzt ist er im Korridor angekommen. Er sollte sich mehr Bewegung verschaffen. Trug er schon als dein Patient solch schwere Stiefel, der edle Signore Senatore?«

Ehe ich noch antworten konnte, und während mir einfiel, dass Marco sich als junger Sportler durch einen Sturz vom Pferd eine Knieverletzung zugezogen hatte, die er zwar weitgehend, aber nicht vollständig auskurieren konnte, war er schon zu uns ins Zimmer gelangt, erkannte mich und rief noch ganz außer Atem: »Salve, caro Signore Petrescu; salve, Signore Tartini!«

Ich sprang auf und schüttelte ihm die Hand. Volpe erhob sich, nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Lieber Signore Senatore, ich begrüße Sie, in der Hoffnung, Ihre Gesundheit möge gut sein und erkläre mich bereit, diesen Ihren seltsamen Fall zu übernehmen, den Fall Ihrer Frau. Ich denke, das Problem ist leicht zu lösen; eine simple Sache.«

Diavolo zuckte zusammen und lief feuerrot an, als ihm Volpe auf den Kopf zugesagte, dass es sich um seine ureigenste Angelegenheit handelte. Er erwiderte nichts, wo er doch vorgegeben hatte, sich nur für einen Freund einzusetzen.

Ich hatte ihn als sportlichen Mann in Erinnerung, einen schmucken Offizier und Reiter. Es war für mich ernüchternd, jetzt dieses Wrack vor mir zu sehen, in das er sich verwandelt hatte: Seine Schultern waren herabgesunken, der Haarschopf gelichtet und von weißen Fäden durchzogen; die Stirn voller Falten; dürre Arme; leicht vorstehender Bauch.

Er muss mich auf der Stelle durchschaut haben, denn er sagte kichernd und wenigstens mit seiner alten Stimme: »Mein lieber guter Doktor Petrescu, wie der Mann, der mir damals wieder zur Gesundheit verholfen hat, sehen Sie auch nicht mehr aus. Es ist der Zahn der Zeit, der an uns allen nagt.«

Dann wandte er sich Volpe zu.

»Wie ich Ihrer Antwort entnehmen kann, bin ich durchschaut, und es hat keinen Sinn mehr zu behaupten, ich verträte die Sache eines anderen. Gewiss können Sie es sich vorstellen, wie schwer es mir fällt, mit einem Dritten über meine Frau zu verhandeln, ihn zu bitten, gegen sie zu ermitteln, oder sollte ich den Fall den Carabinieri vortragen? Ich kenne diese Leute. Man wird mich auslachen und an einen Psychiater verweisen.

Und dennoch: Meine beiden Kinder müssen vor dieser Furie gerettet werden. Darum geht es mir. Ihre Mutter war eine Weiße, aber ihr Vater ein Marokkaner, und ich denke, es kocht das ganze Afrika in ihrem Blut.«

Er rang die Hände. Volpe hingegen blieb die Ruhe in Person, legte ihm den Arm über die zuckenden Schultern und sagte:

»Ihr Zustand, caro Signore Diavolo, ist verständlich. Lassen Sie uns hier in der lieblichen Kühle des Hauses über die Angelegenheit beraten. Seien Sie versichert, dass ich einer Lösung ganz nahe bin, falls ich den Fall nicht längst gelöst habe. Gewiss ist Ihre Frau kein Vampir. Alles hat seine natürliche Ursache. Zunächst muss ich wissen, was Sie unternommen haben. Ist Ihre Frau immer noch in der Nähe des Babys?«

»Nein, natürlich nicht! Wir hatten eine wahnsinnige Szene. Ich habe sie angebrüllt, und sie war erschüttert darüber, dass ich ihrem Geheimnis auf die Spur gekommen war. Aber auf keine meiner Fragen, keinen meiner Vorwürfe gab sie eine Antwort, sondern starrte mich nur mit verzweifelten Blicken an. Dann stürzte sie auf ihre Räumlichkeiten und schloss sich ein. Nur ihre Zofe lässt sie ein, die sie aus Sizilien mitgebracht hat. Sie ist eher ihre Freundin denn ihre Bedienstete. Sie versorgt sie mit Speis und Trank und allem sonst noch Nötigen.«

»Und das Baby, Ihr kleiner Sohn? Ist er jetzt außer Gefahr?«

»Ich denke, nein! Die Kinderfrau hat zwar geschworen, ihn nicht aus den Augen zu lassen, bis alles aufgeklärt ist, aber man kann ja nie wissen, was im Hirn meiner Frau vorgeht. Große Sorgen macht mir hingegen mein älterer Sohn, mein Mario. Seit sie ihn zum zweiten Mal geschlagen hat, ist er ganz verstört.«

»Natürlich! Was sonst; das dachte ich mir, und ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich über ihn her machte. Hat er denn nennenswerte Blessuren davongetragen?«

»Nein! Aber sie schlug ihm heftig ins Gesicht. Das ist in meinen Augen umso schändlicher, weil er ja ein gehbehindertes Kind ist. Aber in seinem Herzen ist er gesund geblieben. Kein Vater kann sich größerer Kindesliebe erfreuen als ich.«

Ein Strahlen ging über das Gesicht des Senatore. Doch dann verfinsterte sich seine Miene wieder rasch, während Volpe den obigen Brief noch einmal überflog.

»Ich muss vermuten, dass Sie Ihre Frau vom Fleck weg geheiratet haben, ohne sie lange genug zu kennen.«

»Das ist richtig. Ich kannte sie nur ein paar Tage, da war es auch schon um mich geschehen.«

»Und wie lange ist die Zofe schon um sie bemüht?«

»Einige Jahre; sie war schon ihr Kindermädchen.«

»Dann wird sie Ihre Frau besser kennen als Sie, Signore.«

Diavolo nickte stumm, und Volpe sagte: »Wir sollten zu Ihnen nach Treviso fahren, um den Dingen an Ort und Stelle ins Auge zu sehen. Ich denke, wir haben hier einen Fall, der aus bestimmten Gründen besser am Ort des Geschehens einer Lösung zugeführt werden sollte.

Unser gemeinsamer Freund hat mir die Pracht Ihres Palazzo beschrieben. Ich denke, Sie können uns vorübergehend im Gästetrakt unterbringen, wenn sich unser Aufenthalt in die Länge ziehen sollte. So wollen wir denn zur Vaporetto-Station Ospedale gehen, um von dort aus den Bahnhof zu erreichen.«

»Darauf hatte ich gehofft«, sagte Diavolo erleichtert und erhob sich schwerfällig. Wir alle gingen gemeinsam zur bekanntlich nächsten Haltestelle, um uns wieder einmal auf die Reise nach Treviso zu begeben.

»Ihre Frau hat, wenn ich es richtig verstanden habe, beide Kinder misshandelt, wenn auch auf verschiedene Weise«, sagte Volpe, kurz bevor der Vaporetto anlegte.

»Ja, das hat sie«, antwortete Diavolo.

»Nun, wenn sie den Stiefsohn schlägt, ist das leicht zu erklären. Es ist nachträgliche Eifersucht! Gemeint wäre dann Ihre verstorbene Frau. Bei Stiefmüttern kommt das vor. Neigt Ihre Frau zur Eifersucht?«

»O ja! Sehr sogar! Kaum erträgt sie es, wenn wir durch Treviso oder Venedig schlendern und sich meine Blicke zu einer luftig bekleideten Passantin verirren. Sie ist in ihrer Eifersucht genau so heißblütig wie in ihrer Liebe.«

»Und Mario? Er dürfte schon über zehn Jahre alt sein. Wie ich höre, ist er geistig auf der Höhe. Manche Kinder wie er sind sogar weiter entwickelt als die nicht behinderten Spielkameraden. Hat er Ihnen nicht verraten, warum ihn die Stiefmutter misshandelte, einmal mit dem Stock, einmal mit der bloßen Hand?«

»Er schweigt wie das Grab.«

»Wie standen Stiefmutter und Stiefsohn zueinander, bevor es zu den genannten Ereignissen kam?«

»Schlecht, Signore Tartini, sehr schlecht, von Anfang an.«

»Und dennoch sagten Sie, er sei ein besonders liebes Kind?«

»Er hängt mit einer Zärtlichkeit an mir, die sich niemand vorstellen kann, der es nicht persönlich erlebt hat. Mein Glück ist sein Glück; mein Leben ist sein Leben.«

Volpe nickte versonnen. Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein scharfkantiges Gesicht. Er war jetzt Ende Dreißig und hatte nie geheiratet. Warum er nie geheiratet hatte, verriet er mir erst, als der Fall Amanda (s. hier in Die gehetzte Frau) abgeschlossen war. Es sollte ihm ein bleibender Schmerz sein, keinen Sohn zu haben. Ich konnte das gut verstehen, denn mir ging es ähnlich, mir, dem zweimal verheirateten und nach kurzer Zeit wieder geschiedenen ewigen Junggesellen.

Volpe sah mir meine Gedanken an und sagte: »Bitte, bitte, jetzt nicht diese trübsinnigen Gedanken, Sergiu! Darüber sprechen wir ein anderes Mal.«

Und dann zu Senator Diavolo: »Ganz gewiss waren Sie, Signore, nachdem Ihre erste Frau gestorben war, mit dem Jungen ein Herz und eine Seele. Sie waren sein Spielkamerad. Er war Ihre Freude.«

»Ja, so war es«, sagte er.

»Mario kann seine Mutter nicht vergessen. Nicht wahr, er hängt immer noch an ihr?«

»In seinem Zimmer steht eine Büste aus Keramik von ihr. Er betet sie an.«

»Eine letzte Frage, denn schon nähern wir uns dem Bahnhof: Fielen die Schläge, die ihm die Stiefmutter erteilte, zeitlich mit ihrem, äh, Vampir-Unwesen zusammen?«

»Das erste und dritte Mal schon. Ich muss ergänzen, dass Mario noch ein weiteres Mal von ihr misshandelt wurde. Leider vergaß ich, es Ihnen zu schreiben.«

»Nun«, sagte Volpe, »das macht die Sache für uns nicht eben leichter, aber wir werden sehen.«

»Das verstehe ich nicht, Giuseppe«, sagte ich. Er kicherte:

»Mein lieber Sergiu! Du kennst mich doch! Ich hatte schon eine Theorie beisammen und bin jetzt drauf und dran, sie wieder fallen zu lassen. Das ist eine alte Gewohnheit von mir. Immerhin sehe ich so etwas wie den Silberstreif am Horizont. Es könnte nämlich so gewesen sein …«

Wir stiegen in den IC Richtung Belluno und belegten ein gemeinsames Abteil. Volpe legte die Fingerspitzen aufeinander und schwieg, denn schon fuhren wir über die Brücke nach Mestre, von wo aus es geradewegs nach Norden ging.

Wir sagten jetzt nichts mehr und genossen die Fahrt durch den Veneto. Vor dem Bahnhof von Treviso wartete bereits der Chauffeur mit einer Luxuskarosse auf uns, und wenige Minuten später erreichten wir den oben genannten Palazzo. Vor uns sahen wir eine in Marmor schimmernde Treppe, die an einem von zwei Säulen flankierten Tor endete.

Fragend sah Volpe unseren Klienten an. Dieser schüttelte den Kopf und dirigierte den Wagen auf einem gekiesten Privatweg um den gesamten Koloss herum und ließ uns auf der Rückseite durch ein Bogentor in einen überkuppelten Raum einfahren.

Wir ließen den Fahrer wo er war und gelangten aus der geräumigen Remise heraus über ein Atrium, dessen Dach von vier Säulen getragen wurde, hinaus in den von einer antik anmutenden Säulenhalle eingefriedeten Garten, einen Ort der Stille und Ruhe. Er stellte mit seinen Blumen und Büschen so etwas wie eine blühende Oase inmitten der steinernen Insel dar. Behaglich plätscherte in seiner Mitte ein Brunnen.

Diavolo führte uns in den rückwärtigen Teil der Säulenhalle, wo wir in einer bequemen Sitzecke Platz nahmen. Hinter uns an der Wand hing eine bunte Sammlung von Waffen, wie sie nur Eingeborene noch herstellen: lange Spieße mit winziger Eisenspitze; bemalte Bögen nebst nadelspitzen Pfeilen; verschiedene Arten von Messern; farbenfroh bekleckerte Schilde; dazu hier und da ein bunter Lendenschurz.

Volpe erhob sich, um die Geräte aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Dazu holte er einen Pfeil herunter, scheinbar, um die Spitze zu prüfen, ohne sie ganz zu berühren.

Diavolo schrie: »Vorsicht! Sie könnte vergiftet sein. Es handelt sich um Geschenke des Dottore Anselmu Tigurinu. Er hat das Zeug den Indios im Amazonasbecken abgekauft.«

Volpe schmunzelte über seine heftige Reaktion, ganz so, als hätte er gar nichts anderes erwartet, befestigte den Pfeil an seinem Platz und setzte sich wieder hin.

Kaum saß er, als jämmerliches Winseln ertönte. Erstaunt drehten wir uns um und sahen ein geflecktes Hündchen zum Vorschein kommen, eine Art Rehpinscher. Mühsam humpelte das Tierchen heran und zog die Hinterbeine nach. Sein Schweif schleifte schlapp auf der Erde. Die Knopfaugen waren triefend. Diavolo nahm das Dingelchen auf den Schoß, streichelte ihm übers Köpfchen und beruhigte es; dann sagte er:

»Das ist Sissi, mein kleiner Liebling. Sie ist schon zwölf Jahre alt und macht es wohl nicht mehr lange. Vielleicht sollte ich sie einschläfern lassen.«

»Schon oder erst zwölf Jahre«, murmelte Volpe.

»Was meinen Sie damit?«, fragte der Senator.

»Ach, nichts! Es hat nichts zu bedeuten; war nur so eine vage Idee«, sagte Volpe.

»Was hat sie denn, die süße kleine Maus?«, fragte ich und sah mich als Arzt gefordert.

»Irgendeine Art von Lähmung.«

Ich nahm mir das Tierchen vor, horchte es ab, untersuchte seinen Bewegungsmechanismus und setzte es dann wieder zu Boden. Jaulend schlich er zu seinem Herrchen zurück.

»Ich bin zwar kein Veterinär, aber mir scheint, sie ist gesund, bis auf die lahmen Hinterbeinchen«, sagte ich, »und sie wird noch lange leben, ja, ich denke, sie könnte bei guter Pflege sogar wieder ganz gesund werden.«

»Auch ich denke, das Lahmen wird sich geben, obwohl ich kein Arzt bin«, fügte Volpe schmunzelnd hinzu und legte die Fingerspitzen aufeinander, während Sissi vorsichtig mit dem Schwanz zu wedeln versuchte und mit feuchten Augen zu uns aufschaute. Sie war wirklich ein allerliebstes Kerlchen. Volpe fragte: »Ist die Lähmung allmählich oder plötzlich eingetreten?«

»Plötzlich, über Nacht.«

»Und wann?«

»Vor einem Monat.«

»Das ist aufschlussreich.«

»Was wollen Sie damit sagen, Signore Tartini?«

»Nun, es ist nur eine Bestätigung dessen, was ich von Anfang an vermutet hatte. Der Fall ist so gut wie gelöst.«

»Um Gottes willen, Signore Tartini, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter! Mein Sohn wurde mehrfach misshandelt. Das Baby ist in Lebensgefahr, und Sie reden so undeutlich daher, dass ich gar nicht weiß, was ich davon halten soll.«

Der Senator war erregt aufgesprungen, stand mit rotem Kopf vor uns und zitterte am ganzen Leib. Ich erhob mich, um ihn zu beruhigen. Schließlich kannte ich die Methoden meines Freundes, der nun ebenfalls aufstand, um Diavolo besänftigend die Hand auf die Schulter zu legen:

»Lieber Signore Senatore«, sagte er, »in meinen Augen ist der Fall tatsächlich abgeschlossen. Einige Unstimmigkeiten bleiben aber noch. Leider wird Ihnen die Lösung Kummer bereiten, ganz gleich, wie die Sache ausgeht. Ich muss Sie daher bitten, dem Unglück tapfer ins Auge zu sehen.«

»Wie auch immer, ich muss erfahren, was sich ereignet hat. Daher bitte ich jetzt um Urlaub. Ich möchte zu meiner Frau hinaufgehen, um sie persönlich zu fragen, ob sie sich nicht endlich zu den Vorfällen äußern will«, erwiderte der Senator.

Er blieb nur kurze Zeit fort. Inzwischen besichtigte Volpe die Waffensammlung. Und schon war Diavolo wieder da. An seiner Miene konnte man erkennen, dass er keinen Erfolg gehabt hatte. In seiner Begleitung war übrigens eine mollige Schwarze erschienen, die Zofe der Hausherrin.

Diavolo herrschte sie an: »Unser Koch sagt, das Essen für meine Frau sei fertig. Könntest du es ihr hinaufbringen?«

»Sie will nichts essen«, sagte sie, »sie will, dass ein Doktor kommt. Sonst werde sie bald sterben.«

Senator Diavolo sah mich fragend an. Ich begriff sofort, was er meinte und sagte:

»Ja, ich bin Arzt und will zu ihr gehen, falls sie bereit ist, mich zu empfangen; was meinen Sie, äh, Signorina?«

»Ich werde sie gar nicht erst fragen. Kommen Sie mit!«

Ich ging mit der vor Aufregung zitternden Frau die Wendeltreppe hinauf. Über einen gewölbten Korridor gelangten wir zu einer mit Eisen beschlagenen Pforte. Die Zofe klopfte an und rief: »Ich bin‘s, deine Mummy!«

»Bist du auch alleine? Oder ist mein Mann dabei?«, tönte eine dünne Stimme durch das Holz hindurch.

»Dein Mann ist unten geblieben, aber ich habe einen Doktor mitgebracht. Er wird dir helfen. Der Dottore Medico Sergiu Petrescu ist ein erfahrener Arzt.«

Von innen wurde der Riegel beiseite geschoben. Die Tür öffnet sich. Ich trat ein. Die Zofe schloss die Pforte hinter mir und schob den Riegel wieder vor.

Im Unterschied zu Volpe, der sich, wie ich in meiner Ahnungslosigkeit dachte, kaum etwas aus Frauen macht, betrachtete ich mich seit eh und je als Kenner des Weiblichen und war schon zweimal verheiratet, ohne eine treue Frau zu finden, die sich mit mir alleine begnügt hätte, bis ich den Schwur leistete, mich auf keine mehr einzulassen, komme da, was da wolle.

Der Anblick aber, der sich meinen Augen hier und heute bot, ließ mir den Atem stoßweise aus der Lunge entweichen: Eine Frau nämlich, schön wie die aufgehende Sonne, lag rücklings auf dem lang gestreckten Polster mit einer hohen Lehne, eine Frau, wie mir noch keine vor Augen gekommen war.

Aufgrund der sommerlichen Hitze, die sogar durch die dicken Mauern des Palastes eingedrungen war, hatte sie sich nicht zugedeckt und steckte nur in einem feuerroten seidenen Nachtkleid, das die linke Schulter frei ließ und schon in der Mitte der prächtigen Oberschenkel endete.

Ihre Figur war üppig und makellos; die Haut von sanftestem feinen Hellbraun; das schwarze Kraushaar ringelte sich weit und breit um ihr feines Gesicht herum, aus dem heraus mir zwei braune Augen fragend entgegen blickten, während sich die aufgeworfenen, afrikanisch anmutenden Lippen zur Andeutung eines Lächelns kräuselten.

Ich näherte mich mit beschwichtigenden Worten. Sie blieb still liegen, während ich ihren Puls fühlte, um ihr dann die Hand auf die Stirn zu legen. Ganz gewiss hatte sie Fieber, was aber nur von einer nervösen Erregung verursacht und nicht die Folge einer Erkrankung war. Die Zofe flüsterte: »So liegt sie jetzt schon den zweiten Tag; sie stirbt!«

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

»Wo ist mein Mann«, fragte sie plötzlich.

»Er ist unten und möchte Sie sprechen.«

»Aber ich will ihn nicht sehen! Wie konnte er nur so hässlich von mir denken, denken, dass ich … wie konnte er nur! Mir kann niemand helfen. Es ist aus«, schrie sie mit schriller Stimme.

»Aber, aber, meine gute liebe Signora Diavolo«, sagte ich, »Ihr Mann liebt Sie von Herzen.«

»Wenn er mich liebte, wie konnte er dann von mir denken, ich hätte … und liebe ich ihn vielleicht nicht, indem ich verhindere, dass er in Verzweiflung gestürzt wird, wenn er von mir erfährt, was vorgefallen ist?!«

»Aber er macht sich doch nur Sorgen. Er kann, was geschehen ist, nicht verstehen.«

»Natürlich nicht, denn das alles ist nicht zu verstehen. Er hat kein Vertrauen zu mir gehabt.«

»Wollen Sie ihn nicht trotzdem sehen?«

»Nein, auf keinen Fall! Sagen Sie ihm, er soll mir das Kind überlassen. Ich habe ein Recht auf mein Kind, und hier in meinem Zimmer ist es sicher vor … vor …«

Sie schwieg, drehte sich um und kehrte mir den Rücken zu. Ich verließ den Raum und stieg zu Diavolo und Volpe hinab, um ihnen Bericht zu erstatten.

Der Senator sagte: »Ich kann ihr das Baby nicht anvertrauen, nach all dem, was sie getan hat. Der Anblick, den sie mir bot, als sie das Blut über das Bettchen spie, bleibt unvergesslich. Mein Kleiner ist bei der Kinderfrau in Sicherheit; dort muss er bleiben.«

Ein fein gekleideter Butler hatte inzwischen einem jeden von uns einen Becher Wein vorgesetzt, und einen Krug Wasser zum Verdünnen daneben gestellt. Während wir einander zuprosteten, kam ein Junge zu uns hereingehinkt, ein seltsamer Bursche, ziemlich blass, dunkelblond und mit hellwachen blauen Augen, die nur so aufleuchteten, als er seinen Vater erblickte.

Mit ungleichen Schritten eilte er auf ihn zu, schlang ihm die dünnen Ärmchen um den Hals und rief mit einer Stimme, die eine Mischung von Liebe und Begeisterung war: »Wie schön, Vater, dass du zurück bist! Wie freue ich mich, wie glücklich bin ich! Ich habe stundenlang auf dich gewartet.«

»Mein lieber kleiner Federico«, sagte Diavolo und streichelte ihm übers Köpfchen, »ich bin heute etwas früher als sonst dran, weil mich meine Freunde begleiten, Signore Tartini und Dottore Medico Petrescu.«

»Ist das nicht der Detektiv, den man den Volpe nennt?«, fragte der Junge und blickte misstrauisch auf den feuerroten Haarwust meines Kameraden.

»Ja, er ist es«, sagte Diavolo.

Der Junge warf uns einige weitere stechende Blicke zu, die alles andere als freundlich zu nennen waren. Volpe aber lächelte ihm verschmitzt zu, zwinkerte fröhlich mit den Augen und schnitt dann ein paar tolle Grimassen, um sich anschließend wieder dem Senator zuzuwenden:

»Mein lieber Signore Diavolo, dürfen wir jetzt Ihren anderen Jungen kennenlernen?«

»Gewiss, Signore Tartini, sofort.«

Dann wandte er sich der schwarzen Zofe zu: »Camilla, hole uns mein Goldstück, dass Signore Tartini und der Dottore es einmal anschauen können!«

Die Hausangestellte huschte davon, um mit einem Baby auf dem Arm wieder zu erscheinen. Es war ein Junge mit leicht getönter Haut, dem Vater aber sonst wie aus dem Gesicht geschnitten. Er plärrte, da man ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

Diavolo nahm den Kleinen auf den Arm, küsste ihm auf die Wangen und streichelte ihm zärtlich über das Köpfchen, bis er aufhörte zu schreien.

»Wenn ich mir vorstelle, jemand könnte diesem Wesen das Blut aus den Adern saugen, dann …«, murmelte er und schaute auf den Hals des Babys.

Ich folgte seinen Blicken und sah dort einen kleinen feinen roten Punkt neben einer winzigen Narbe. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich, dass Volpe zur selben Zeit geradezu geistesabwesend wirkte und offenbar jedes Interesse am Kleinen verloren hatte. Was er tat, war mir unverständlich.

Ohne sich um die Wunde des Winzlings zu kümmern, holte er aus der Innentasche seiner Jacke einen runden Spiegel hervor und blickte konzentriert hinein, ganz so, als wolle er sich selber bewundern. Dann lächelte er triumphierend, steckte das Ding wieder weg und wandte sich dem Kerlchen zu, um die vernarbte ältere Stelle sowie die frische Wunde zu untersuchen.

Als er das getan hatte, schmunzelte er, nahm eines der Fäustchen, mit denen der kleine Schreihals fuchtelte, in seine großen breiten Hände und sagte: »Na, du bist mir ja einer! So klein noch, und hast schon ein bemerkenswertes Leben hinter dir!«

Dann wandte er sich mit einem Ruck zu seinem stumm und starr dabei stehenden Halb-Brüderchen um und zischte: »Und du da? Magst du eure Camilla leiden?«

Der kleine Diavolo knirschte mit den Zähnen und schüttelte den Kopf, um sich dann ruckartig wegzudrehen und den Raum mit leicht torkelnden Schritten zu verlassen.

»Mein Sohn ist, wie er ist«, sagte der Senator, »wen er mag, den mag er, wen er nicht mag, den mag er nicht. Zum Glück gehöre ich zur Gruppe der Ersteren.«

Diavolo schwieg eine Zeitlang. Er war er von den mageren Ergebnissen der Untersuchung enttäuscht und meinte schließlich:

»Lieber Signore Tartini, wie ich sehe, liegt die Lösung des Problems jenseits Ihrer Möglichkeiten. Die Sache gehört gewiss in den Bereich der Parapsychologie. Ich werde mich an unseren Priester wenden müssen, damit er einen Exorzismus ausübt und meine Frau von den ihr innewohnenden Geistern befreit.«

»Bitte keine Geistlichen! Die könnten Ihnen keine Hilfe zuteil werden lassen«, sagte mein Freund, »doch jetzt nur noch eine ganz und gar kleine Frage: Fällt Ihnen bei den Verletzungen des Babys denn gar nichts auf?«

»Ja, doch: Sie sind klein und irgendwie rund. Aber was soll ich mit dieser Erkenntnis anfangen?«

»Nun, jemand wie ich weiß, was er davon zu halten hat. Ansonsten ist der Fall sonnenklar.«

»Um des Lieben Gottes willen, Signore Tartini, sagen Sie mir, was Sie wissen, und sei es noch so furchtbar.«

»Auch wenn ich Ihnen damit weh tun muss?«

»Selbst dann! Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich!«

»Gut! Aber lassen Sie mich den Fall nach meinen eigenen Methoden behandeln! Lieber Sergiu, ist die Signora in der Lage, uns alle drei auf einmal zu empfangen?«

»Gewiss! Körperlich fehlt ihr nichts.«

»Aber sie will mich doch nicht sehen«, sagte der Senator.

»Geben Sie mir einen Stift und ein Blatt Papier! Wenn sie gelesen hat, was ich geschrieben habe, wird sie nichts mehr gegen Ihre Anwesenheit haben.«

Auf einen Wink des Bankiers hin brachte der Butler die gewünschten Gegenstände. Volpe kritzelte ein paar Zeilen, faltete das Blatt zusammen und sagte dann: »Lieber Sergiu, bekanntlich hast du Zutritt zu unserer Donna. Könntest du ihr diesen Schrieb überbringen?«

Ich nahm das Schreiben an mich, eilte mit Camilla die Stiege hinauf, die dann samt dem Blatt in den Räumlichkeiten der Kranken verschwand. Kurz darauf ertönte ein Aufschrei der Freude. Camilla kam wieder heraus.

»Die Signora will euch alle sehen. Bitte, kommt herein!«

Ich stapfte hinunter, es mitzuteilen. Wir eilten die Treppe hinauf. Diavolo stürzte als erster ins Zimmer und wollte seine Frau umarmen, aber sie streckte abwehrend die Hände aus. Enttäuscht ließ er sich in einen Sessel fallen und rang die Hände. Volpe nahm das Wort.

»Mein lieber Signore Diavolo, lassen Sie mich zuerst folgendes betonen: Kein Mann der Welt hat jemals eine liebenswertere Frau gehabt als Sie. Doch keine Donna wurde jemals das Opfer eines schlimmeren Missverständnisses!«

»Wenn Sie das beweisen könnten, Signore Tartini, dann werde ich den Rest meines Lebens in Ihrer Schuld stehen.«

»Bitte, bitte, immer mit der Ruhe«, sagte Volpe grinsend, »wir sind nur des Berufes wegen hier und nehmen das übliche Honorar, im Internet zu finden unter www.giuseppevolpe@tartini.it. Der Gebührensatz gilt für alle Klienten, aber …«

»Mir ist nichts zu teuer, wenn nur meine Frau von den Vorwürfen rein gewaschen wird. Ich biete das Dreifache«, rief Diavolo.

»Gut, gerne angenommen«, sagte Volpe lachend, »aber habe ich Sie nicht schon auf die beiden Wunden hingewiesen?«

»Gewiss«, sagte der Senator, »zwei winzige Pünktchen nur.«

»Könnten sie vom Zubeißen eines menschlichen Gebisses stammen? Glauben Sie das wirklich?«

»Nein! Oh, mein Gott! Jetzt erkenne ich es auch. Es kann sich nur um einen feinen Piecks handeln, wie mit einer Nadel.«

»Und Ihre Frau wurde beides Mal sozusagen auf frischer Tat ertappt. Hatte sie eine Waffe, spitz wie eine Nadel zur Hand?«

»Nein, natürlich nicht. Aber das ist ja schon längst besprochen worden. Sie hatte gar nichts bei sich und benutzt auch keine Haarnadeln. Bei ihrem krausen Haar hätte das keinen Sinn.«

»Gut, schön«, sagte Volpe, »dann wollen wir uns dem nächsten Schritt der Untersuchung widmen: Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, Ihre Frau wollte dem Baby nur eine Portion Gift aus der Wunde saugen, um ihm das Leben zu retten? Wenn ich mich recht erinnere, hat sie das Blut gar nicht getrunken sondern auf die Bettdecke gespien, doch wohl, um dabei nicht selbst zu Schaden zu kommen.«

»…aber … aber, woher sollte der Täter solches Gift haben?«

»Haben Sie mich vorhin nicht selber gewarnt, die Pfeilspitze mit der Hand zu prüfen? Wenn das Kind nun mit diesem Pfeil in den Hals gestochen wurde, dürfte es an einer Lähmung erkranken, die vielleicht zum Tode führte. Allerdings musste der Täter seine Wirkung zuvor einem Experiment unterwerfen: Ihr Hündchen Sissi, dessen Zustand alles klar machte, hatte ich allerdings nicht in meine Vorüberlegung mit eingeplant.«

»Und wer war das abscheuliche Ungeheuer, das solche Taten vollbringen konnte? Wer war der Schuft, der lebenslang ins Gefängnis gesperrt gehört?«

»Ihre Frau kannte ihn. Sie rechnete mit einem Anschlag und war auf der Hut, ohne ihn daran hindern zu können. Aber auch als es zum zweiten Mal geschehen war, brachte sie es nicht über sich, Ihnen die Wahrheit zu sagen, denn sie wusste, wie abgöttisch Sie … Ihren älteren Sohn liebten.«

»Mein Federico!?«

Details

Seiten
183
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938654
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
privatdetektiv volpe jagd amanda

Autor

Zurück

Titel: Privatdetektiv Volpe: Die Jagd auf Amanda