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Die Rückführung

2020 329 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Rückführung

PROLOG

1.

2.

3.

Expergisci

1.

2.

3.

4.

Augusta Treverorum

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Der lange Marsch

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

COMPLETIONEM

Phönix

1.

2.

Glossar

Die Rückführung

 

- überarbeitete Neuauflage -

 

 

von Rainer Keip

 

 

Historischer Fantasy-Roman

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Rainer Keip

© Cover: Nach Motiven von Rawpixel mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Diana Lenz ist eine überaus erfolgreiche Agentin des Militärischen Abwehrdienstes (MAD). Während einer Rückführung, einer routinemäßigen psychologischen Sitzung, kommt es zu einem nicht nachvollziehbaren Zwischenfall, der sie Raum und Zeit überwinden lässt.

Wenig später erwacht sie in der Nähe eines Dorfes und muss feststellen, dass sie sich im Jahre 312 n. Chr., der Herrschaftszeit Constantin des Grossen, befindet. Bald darauf wird sie in die Intrigen am Hof des Kaisers verwickelt und gerät zwischen die Fronten eines erbarmungslosen Krieges.

 

 

***

 

 

Hauptprotagonisten

 

Diana Lenz, fünfundvierzig Jahre alt, einen Meter achtzig groß, schlank, hat blondes, kurzes Haar, blaue Augen und ein scharfgeschnittenes Profil

Diana Lenz ist Agentin des MAD, ledig und hat, bis auf ihren Bruder Georg, keine Verwandten und, aufgrund ihres Wesens, auch keine Freunde. Sie ist leicht soziopathisch und hat wenig Skrupel, ist aber mit einem großen Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Liebt klassische Musik und Kunst. Beherrscht Kampfsportarten und ist Nahkampfexperte.

 

Constantin der Grosse, Imperator Roms von 312 bis 336 n.Chr.

Hier streitet sich die Geschichte über seine Persönlichkeit. Ich habe ihn als Machtmensch dargestellt, der jedoch auch gütig und verzeihend gegenüber seinen Widersachern auftritt.

Er hat ein Faible für Diana.

 

Flavia Julia Helena, Kaisermutter.

Meine Helena ist gütig und mit großer Weisheit beschlagen. Diana wird zu ihrer engsten Vertrauten und ihr zur mütterlichen Freundin.

 

Weitere Erklärungen finden Sie im Glossar am Ende dieses Buches.

 

 

***

 

 

PROLOG

 

 

1.

 

Afghanistan, Provinz Blach, Gegenwart

 

Aufgeregt klingende arabische Wortfetzen drangen an Dianas Ohr. Offensichtlich hatte man die Leiche des Kommandanten der Taliban, Amir Bakhtari entdeckt, den Diana kurz zuvor mit zwei Kopfschüssen getötet hatte.

Hinter ihr kauerten sich zwei völlig verstörte Frauen in eine Ecke und drückten sich an die Wand der Höhle. Ihre Heckler & Koch im Anschlag schaute sie vorsichtig um die Ecke und sah zwei, mit Sturmgewehren bewaffnete Mudschaheddin in ihre Richtung kommen.

„Keinen Ton!“, sagte sie leise zu den beiden verängstigten Frauen, deren Panik in ihren Augen nicht zu übersehen war. Geräuschlos legte sie die leichte Maschinenpistole zur Seite und zog ein Messer mit einer langen Klinge, welches in einem Futteral an ihrem Gürtel steckte. Diana nahm einen kleinen Spiegel und beobachtete, wie sich die beiden Kämpfer ihrer Position näherten. Als die Taliban sie fast erreicht hatten, schnellte sie hoch und stieß einem der Männer ihr Messer tief in den Hals. Der zweite schaute sie überrascht an und brachte sein Gewehr in Anschlag, aber Diana war schneller und durchtrennte ihm mit einem tiefen Schnitt die Kehle. Röchelnd brach der Talibankämpfer zusammen und Diana zog deren Leichen in den Seitengang.

„Vorwärts, wir müssen von hier verschwinden“, raunte sie den beiden Frauen zu, die mit entsetztem Gesichtsausdruck stocksteif dasaßen und sich nicht rührten.

Diana verpasste jeder von ihnen eine leichte Ohrfeige und sie erwachten aus ihrer Starre.

„Ich habe keine Lust, dass ihr beide mir meine Mission versaut“, sprach sie die Frauen mit scharfem Ton an und setzte sich in Bewegung. Sie waren aus ihrer Lethargie erwacht und folgten Diana auf dem Fuße.

 

*

 

Viola Steffen und Nadia Förster waren Angehörige der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“.

Als sie zusammen mit einem Afghanischen Führer und zwei bewaffneten Begleitpersonen von Masar i Scharif nach Aybak unterwegs gewesen waren, wurden sie von einer Gruppe Taliban überfallen. Mit ihren Begleitern hatten die Mudschaheddin kurzen Prozess gemacht und die beiden Frauen waren von den Taliban verschleppt worden. Die deutsche Kommandantur in Masar i Scharif befand sich in einem Dilemma. Zwar war die Bundeswehr dort stationiert, durfte aber selbstständig keinerlei Aktivitäten ausüben, die über ihre direkte Selbstverteidigung hinausgingen, obwohl der Kommandant der Truppe, Oberst Görlitz, über den genauen Aufenthaltsort der beiden entführten Frauen informiert war. Diese Information hatte er von einem Mittelsmann erhalten, den die Regierung in Kabul bei den Taliban eingeschleust hatte. Er gab diese Information an den, für die Auslandseinsätze der Bundeswehr zuständigen MAD, dem Militärischen Abwehrdienst weiter, und als er drei Tage später seine Kommandantur betrat bemerkte er eine ihm unbekannte Frau in seinem Vorzimmer, die ihn freundlich anlächelte.

„Oberst Görlitz wie ich annehme?“

„Ja. Und sie sind?“, fragte er zurück.

„Mein Name spielt zunächst keine Rolle“, entgegnete sie und warf einen kurzen Blick auf seine Sekretärin, welche die Frau über ihren Brillenrand neugierig musterte.

„Wir wollen nicht gestört werden“, sagte die Unbekannte in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und ging an dem verblüfft dreinschauenden Oberst vorbei in dessen Amtszimmer. Sofort eilte Görlitz hinter ihr her und wollte sie zur Rede stellen. Doch sie bedeutete ihm lediglich, dass er die Türe schließen sollte.

„Mein Name ist Diana Lenz und ich soll Ihnen bei der Beseitigung eines Problems behilflich sein“, sagte sie in ruhigem Ton und reichte Görlitz ihren Ausweis über den Tisch.

Er sah ihn sich an und machte ein verblüfftes Gesicht.

„Sie sind für den MAD tätig? Und bei welchem Problem wollen Sie mir helfen?“

„Sie vermissen zwei Ärztinnen, die von den Mudschaheddin entführt worden sind, wenn ich recht unterrichtet wurde.“

„Und man schickt mir eine, verzeihen Sie, Frau, die das Problem lösen soll?“

Görlitz betrachtete Diana nun genauer. Er schätzte ihr Alter auf Mitte vierzig. Sie war recht groß, gertenschlank und besaß blondes, kurzes Haar. Aus ihren hellen, fast wasserblauen Augen schaute sie Görlitz offen, fast sezierend an. Die Frau nahm ihren Ausweis wieder an sich und steckte ihn zurück in ihre Tasche.

„Ich benötige von Ihnen alle Informationen über den genauen Aufenthaltsort der Vermissten und, wenn es möglich ist, einen genauen Lageplan. Ich nehme an, dass Ihr Kontaktmann Ihnen diesen besorgt hat?“, fuhr Diana ungerührt fort.

„Ja. Wir wissen genau wo sich die beiden Ärztinnen befinden, aber uns sind für ihre Befreiung die Hände gebunden.“

„Dafür bin ich ja hier“, lächelte sie.

„Wie groß ist Ihr Team?“

„Welches Team? Ich arbeite immer alleine“, erklärte sie mit einem süffisanten Grinsen.

„Sie wollen alleine …?“

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Alles was ich von Ihnen verlange ist, dass Sie mich dort einschleusen und da Sie ja über einen Kontaktmann verfügen, dürfte sich dieser Umstand als nicht allzu schwierig gestalten.“

„Aber als Frau haben Sie keine Chance dorthin zu gelangen“, wandte Görlitz ein.

„Auch das ist kein Problem. Beschaffen Sie mir den Kontakt und alles Weitere überlassen Sie bitte mir.“

 

*

 

Diana schaute in den Spiegel und war von dem Ergebnis zufrieden. Ihre blauen Augen hatte sie mit ein paar dunkelbraunen Kontaktlinsen kaschiert. Nun blickte ihr ein jugendlich aussehender Araber entgegen, welcher keinerlei weibliche Züge aufwies.

In einer halben Stunde sollte sie ihren Kontaktmann treffen, der sie mit einer Gruppe von Kämpfern in das Zielgebiet bringen sollte. Sie hatte lediglich telefonischen Kontakt zu ihm aufgenommen und ein Codewort vereinbart. Diana überprüfte ein letztes Mal ihre HK MP5SD in der Kurzversion und rüstete sich zusätzlich zu ihrer Glock 17 mit einem KA Bar Kampfmesser aus, welches sie direkt an ihrem Körper trug. Dann verließ sie ihre Unterkunft in der Altstadt von Masar i Sharif, um sich mit ihrem Kontaktmann zu treffen.

Er hatte mit ihr vereinbart, dass er einen schwarzen Fleck an der rechten Seite in Hüfthöhe seiner Galabija trug und so machte sie ihn rasch ausfindig. Sie raunte ihm im Vorbeigehen das Codewort zu und bemerkte seinen überraschten Gesichtsausdruck.

„Ich wusste nicht, dass ich die Verantwortung für ein halbes Kind tragen würde“, flüsterte er mit geringschätziger Miene Diana zu.

„Und ich mag es nicht, wenn man meine Kompetenz infrage stellt“, raunte sie in fließendem Arabisch zurück. „Und das, was Sie an Ihrer Hüfte spüren, ist nicht etwa eine Nadel, sondern die Spitze meines Messers. Unterschätzen Sie nie jemanden nur aufgrund seines Äußeren. Das könnte tödlich sein“, lächelte sie den Araber nun an.

Nach einer Weile bestiegen die beiden einen Toyota Pick-up und fuhren, zusammen mit einigen weiteren Personen, auf einer staubigen Piste in Richtung Aybak.

 

 

2.

 

Etwa zwanzig Kilometer vor Aybak verließ der Pick-up die Schotterpiste und fuhr auf einem unbefestigten Weg in die Richtung eines Höhenzuges, der zirka fünf Kilometer vor ihnen aufragte. Keine Menschenseele war zu sehen, doch Diana war sich darüber im Klaren, dass jede Bewegung im Gelände von unsichtbaren Augen wahrgenommen wurde. Der Jeep verschwand in einem Gewirr von Felsschluchten und plötzlich tauchten vor ihnen ein paar bewaffnete Kämpfer der Taliban auf, die den Fahrer dazu veranlassten, sein Gefährt zu stoppen.

„Neue Kämpfer wie ich sehe“, sagte ein Mann, der sich mit der Waffe im Anschlag der Pritsche des Geländewagens näherte.

„Frisch aus Masar“, rief Dianas Begleiter und winkte dem Mann zu.

Dieser lachte und ließ den SUV passieren. Nach einem weiteren Kilometer erblickte sie den Eingang einer großen Höhle, vor dem sich zwei Wachen postiert hatten.

„Ab hier sind Sie auf sich alleine gestellt. Die beiden Frauen befinden sich im Privatquartier von Amir Bakhtari, dem Kommandanten dieser Taliban Einheit“, flüsterte ihr Begleiter.

Sie nickte ihm kurz zu und sprang von der Pritsche des Fahrzeuges. Zusammen mit den anderen Männern betrat sie das ausgedehnte Höhlensystem, das den Widerstandskämpfern Schutz und Unterschlupf bot.

In einem geeigneten Moment entfernte sie sich unauffällig von der Gruppe der Neuankömmlinge und bewegte sich tiefer in das Labyrinth hinein. Von ihrem Informanten hatte sie erfahren, dass sich momentan nicht viele Kämpfer hier aufhielten. Die meisten waren mit ein paar Kommandounternehmen unterwegs und es gab nur wenige Wachen.

Als sie sich dem Quartier des Kommandanten näherte, sah sie zwei Männer, die mit Sturmgewehren bewaffnet vor der Türe auf Posten standen. Sie zog ihr Halstuch weit nach oben, sodass ihr Gesicht von der Nase abwärts bedeckt war und näherte sich langsamen Schrittes den beiden Wachen.

„Sind die beiden Kuffar Frauen bei Bakhtari?“, fragte sie einen der beiden Wachen.

Die beiden Männer waren sich ihrer Lage so sicher, dass ihnen die fremde Person gar nicht weiter auffiel. Der von Diana angesprochene Afghane grinste sie an.

„Ja, er zeigt ihnen gerade was ein echter afghanischer Schwanz ist“, erwiderte er und quittierte seinen Spruch zusammen mit seinem Kameraden mit lautem Gelächter.

„Mehr wollte ich nicht wissen“, murmelte Diana und zog mit fließender Bewegung ihre schallgedämpfte Glock. Die beiden Männer schauten sie mit entsetzten Augen an und im nächsten Moment hatten beide ein Loch in ihrer Nasenwurzel. Dumpf fielen ihre Körper zu Boden und Diana betätigte leise die Türklinke. Als sie die Türe halb geöffnet hatte, hörte sie ein leises Wimmern, das aus dem Inneren des Raumes kam. Vorsichtig öffnete sie die Türe und sah eine männliche Person, die auf einer nackten Frau lag, von der sie das Wimmern vernommen hatte. Auf einer zweiten Pritsche lag ebenfalls eine unbekleidete Frau, die teilnahmslos und mit leeren Augen zu ihr herüberschaute. Mit zwei schnellen Schritten näherte sich Diana dem vor Lust stöhnenden Mann und jagte ihm ihr Messer in den Nacken.

„Keine Fragen! Ich bringe Sie hier raus und in Sicherheit“, sprach sie die beiden Frauen nun auf Deutsch an, die völlig konsterniert auf den Leichnam ihres Peinigers starrten.

Diana warf den beiden einen Umhang zu, den sie hektisch über ihren nackten Körper warfen und hastig schlüpften sie in ein paar Sandalen. Zusammen mit den Geiseln verließ Diana die Kommandozentrale, wobei sie genau wusste, dass sie den Mudschaheddin noch nicht entkommen waren.

 

*

 

Die beiden Ärztinnen folgten Diana auf dem Fuße. Mittlerweile hatten die beiden ihren Überlebenswillen zurückgewonnen und sie schlichen zusammen durch die Gänge der unterirdischen Höhle.

„Wer sind Sie?“, fragte eine der beiden Diana schüchtern.

„Derjenige der Sie hier herausschafft und in Sicherheit bringt. Aber das schwerste Stück steht uns noch bevor. Das ist der Teil, um von hier wegzukommen. Machen Sie sich auf einen längeren Fußmarsch gefasst.“

Dianas Informant hatte recht behalten und die kleine Gruppe traf auf keinerlei Wachen mehr. Anscheinend rechnet niemand damit, dass es jemand wagen würde, eines der Hauptquartiere der örtlichen Taliban zu infiltrieren und schon gar nicht einen Befreiungsversuch zu starten.

Als sie um eine Biegung kamen, sah Diana von Weitem den Eingang des Höhlensystems. Dort standen immer noch wie bei ihrer Ankunft die beiden Wachen und richteten ihre Blicke zu ihrem Glück in die andere Richtung.

Diana schlich mit den beiden Frauen weiter und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, dass sie sich in eine Nische der Wand kauern sollten. Sie zog ihr Messer und schlich sich geräuschlos von hinten an die beiden Posten an. Blitzschnell rammte sie einem der beiden ihr Messer in seinen Rücken und mit einer fließenden Bewegung durchschnitt sie dem anderen die Kehle. Hinter sich hörte sie einen leichten Aufschrei und sofort lief Diana zu den beiden Ärztinnen zurück, die sie mit entsetztem Blick anstarrten.

„Ich konnte sie leider nicht höflich bitten uns den Weg frei zu geben“, sagte sie mit leicht ironischem Unterton und forderte die beiden auf, ihr zu folgen.

Diana hatte sich vor ihrem Einsatz das Gelände genau eingeprägt. Ihr Ziel war die Straße nach Aybak, die ungefähr fünf Kilometer Luftlinie entfernt war. Unter Berücksichtigung des unwegsamen Geländes schätzte sie, dass sie für den Fußmarsch mindestens zwei Stunden benötigten. Zudem musste sie davon ausgehen, dass das Verschwinden der beiden Frauen nicht unbemerkt bleiben würde und daher nahm sie sofort nach Verlassen der Höhle Kontakt mit Görlitz auf.

„Die Zielpersonen sind in Sicherheit; vorerst. Aber ich brauche Luftunterstützung, da wir damit rechnen müssen, verfolgt zu werden.“

„Ich schicke Ihnen eine bewaffnete Drohne. Ihre GPS Koordinaten habe ich ja. Halten Sie durch. Und viel Glück“, meldete sich Görlitz aus Masar.

 

 

So rasch wie sie nur konnten rannten die drei durch das unwegsame Gelände, wobei Diana darauf achtete, dass sie jederzeit Deckung hatten. Das kostete zwar Zeit, war aber für ihre Sicherheit vonnöten. Schon bald hörten sie das aufgeregte Schreien einiger Männerstimmen. Ihre Flucht war bemerkt worden und die drei liefen um ihr Leben.

Derartige Missionen stellten immer ein gewisses Risiko dar. Wäre Diana alleine unterwegs gewesen, hätte sie weniger Probleme gehabt, sich von ihren Verfolgern abzusetzen.

Aber hier hatte sie die Verantwortung für zwei Geiseln zu tragen, die sich zwar alle Mühe gaben, mit ihr Schritt zu halten, jedoch durch ihren zwangsweisen Aufenthalt derart geschwächt waren, dass Diana sich ihrem Rhythmus anpassen musste.

Die ersten Kugeln, abgefeuert aus den Sturmgewehren der Rebellen, flogen ihnen um die Ohren und Dianas Blick ging sehnsüchtig gen Himmel, wo sie das Auftauchen der Drohne erwartete, die Görlitz ihr avisiert hatte. Die Verfolger kamen ihnen immer näher und die Flüchtenden verbargen sich hinter einem großen Felsen.

„Ich werde versuchen, sie auf Distanz zu halten“, raunte sie ihren Schützlingen zu, die sich in die äußerste Ecke des Felsens drückten.

Mit dem kleinen Spiegel schaute sie um die Ecke und erkannte drei Mudschaheddin, die in ihre Richtung stürmten. Als sie auf Schussweite herangekommen waren, feuert Diana eine Salve aus ihrer HK in deren Richtung und erwischte zwei der Angreifer mitten in die Brust, während der dritte sich in Deckung warf.

Wo bleibt die verdammte Drohne?, dachte Diana, als sie ein leises Summen hörte, das sich ihrem Standort näherte. Diana warf einen Blick nach oben und es knackte in ihrem Ohrlautsprecher.

„Wir haben drei Ihrer Verfolger im Visier. Insgesamt sehen wir von hier aus acht Männer, die Ihnen gefolgt sind“, drang Görlitz’ Stimme an ihr Ohr.

„Dann habe ich ja nur noch fünf Mann zu erledigen“, folgte ihre Antwort in sarkastischem Ton.

„Die sind weiter zurück. Versuchen Sie sich zur Straße durchzuschlagen. Dort erwartet Sie ein gepanzerter „Fuchs“, der Sie und die beiden Geiseln aufnehmen wird.“

Im selben Augenblick feuerte die MQ-1 Predator Drohne eine Hellfire Rakete ab, die fünfzig Meter von Dianas Standort entfernt einschlug und das Gebiet in ein Inferno verwandelte.

„Das zum Thema, die Bundeswehr hat nur Aufklärungsdrohnen in ihrer Ausrüstung“, nuschelte sie in das Mikro.

„Sie wurde uns leihweise von unseren amerikanischen Freunden zur Verfügung gestellt“, hörte sie Görlitz’ Stimme und konnte sein Grinsen am anderen Ende der Leitung förmlich spüren.

„Wir sind unterwegs“, gab sie zurück und die drei machten sich weiter auf den Weg. Niemand befand sich nun unmittelbar hinter ihnen und nach einer Stunde strammen Marsches sahen sie in der Ferne ein großes Fahrzeug, das auf der Straße nach Aybak stand und offensichtlich auf sie wartete.

„Wir haben es gleich geschafft“, rief sie den beiden Ärztinnen zu, die am Ende ihrer Kräfte waren. Sie mobilisierten ihre letzten Reserven, da ihre Verfolger sich ihnen auf Schussdistanz genähert hatten und rannten zu dem gepanzerten Fahrzeug. Eine Luke wurde geöffnet und die drei sprangen ins Innere des Fahrzeuges. Unmittelbar danach hörten sie die Kugeln, die von der Außenhülle des „Fuchses“ abprallten und der Panzerwagen startete sofort durch. Zwei Sanitäter kümmerten sich augenblicklich um die beiden Geiseln während Diana sich von ihrer Maske befreite.

„Ich komme unter dem ganzen Latex um“, stöhnte sie und entfernte die restlichen Fetzen des gummiartigen Gewebes aus ihrem Gesicht. Eine der beiden Frauen schaute mit offenem Mund zu ihr herüber als sie sich demaskierte.

„Sie sind kein Araber. Sie sind eine Frau“, flüsterte sie erstaunt.

„Das kann ich nicht leugnen“, lächelte Diana ihr zu und setzte sich neben sie auf die Pritsche. „Es tut mir leid, dass ich Ihr Martyrium nicht schon früher habe beenden können“, flüsterte sie ihr leise zu.

Diana bemerkte, wie die Tränen in die Augen der Ärztin schossen.

„Uns ist schon bewusst in welche Gefahr wir uns begeben, wenn wir hier vor Ort tätig sind, aber das verdrängt man so gut wie es geht, bis man selbst davon betroffen ist. Aber es ändert nichts an unserer Einstellung und ich denke, dass Nadia derselben Ansicht ist. Hier geschieht so viel Leid und wir werden schon darüber hinwegkommen“, sagte sie leise.

Viola lächelte ihr zu und ergriff Dianas Hand.

„Vielen Dank dafür, dass Sie Ihr Leben für uns aufs Spiel gesetzt haben.“

„Das ist mein Job, genau wie Sie den Ihren haben. Und den führe ich so professionell wie möglich aus, so wie Sie Ihre Arbeit hier machen. Dafür bewundere ich Sie.“

Mittlerweile waren sie in den Außenbezirken von Masar i Sharif angelangt und Diana bedeutete dem Fahrer, dass er sie hinauslassen sollte. Sie verabschiedete sich von den beiden Ärztinnen und begab sich in ihr Quartier. Dort packte sie rasch ihre Sachen zusammen und verließ es nach ein paar Minuten in Richtung des Flughafens, wo eine Transportmaschine der Luftwaffe auf sie wartete.

 

 

3.

 

„Saubere Arbeit, wie immer eigentlich“, lächelte Generalmajor Werner Blankenstein seine Besucherin an, die in einem beigen Chanel-Kostüm sein Büro betreten hatte.

„Es lief eigentlich einfacher ab, als ich mir das vorgestellt hatte. Nur bei unserem Rückzug hatten wir ein paar Probleme“, lächelte Diana zurück, setzte sich in einen schweren Ledersessel und steckte sich eine Davidoff an. Blankenstein war selbst starker Raucher und hier in diesem Büro galten die strengen Vorschriften über das Rauchen in Gebäuden nicht, jedenfalls nicht offiziell.

„Nun gut, im Moment liegt eigentlich nichts mehr an, sodass Sie sich ein paar Tage freinehmen können. Allerdings steht bei Ihnen noch die psychologische Betreuung an.“

Diana verzog ihr Gesicht.

„Muss das sein?“, sagte sie mit einem schiefen Grinsen.

„Zweimal haben Sie schon geschwänzt und Sie wissen genau, dass darauf großer Wert gelegt wird. Ich habe schon einen Termin mit Dr. Rech für Sie vereinbart damit ich auch sicher sein kann, dass Sie ihn wahrnehmen“, grinste er sie an.

Diana stöhnte auf.

„Sie lassen aber auch nichts unversucht, mir die gute Laune zu verderben“, entgegnete sie scheinbar ärgerlich, aber mit einem Anflug von einem Lächeln auf ihren Lippen. „Wann ist der Termin?“

„Morgen früh um zehn. Aber er wird sich noch mit Ihnen in Verbindung setzen. Dr. Rech hat von einer neuen Methode gesprochen, die er gerne mit Ihnen ausprobieren möchte.“

„Als Versuchskaninchen bin ich ja gerade die Richtige“, seufzte Diana. „Aber na schön. Wenn ich ihn damit glücklich machen kann.“

Blankenstein ließ sich von ihr noch ein paar Einzelheiten des Einsatzes schildern.

Nach ihrem Gespräch fuhr Diana in ihre Penthouse-Wohnung im Süden von München.

Als sie ihre großzügig geschnittene Wohnung betrat, deaktivierte sie die Alarmanlage, ging ins Wohnzimmer und goss sich einen Gin Fizz ein.

Ein Blick auf ihren Anrufbeantworter zeigte ihr, dass niemand während ihrer Abwesenheit angerufen hatte. Wer sollte sie auch schon kontaktieren. Diana Lenz lebte allein, hatte keine engen Freunde und auch keine Verwandten, die ihr besonders nahestanden.

Das Erstere ergab sich aus ihrem Job, den sie nun schon seit fast zwanzig Jahren ausführte und der sie überall auf der Welt hinführte. Den einzigen Verwandten, den sie hatte, war ihr Bruder Georg, aber auch zu ihm hatte sie schon lange keinen Kontakt mehr gehabt. Er wusste, dass seine Schwester oft in der Weltgeschichte unterwegs war, aber von ihrer eigentlichen Tätigkeit hatte er keinen blassen Schimmer. Er dachte, dass sie für einen großen Pharmakonzern tätig war, da Dianas Legende darauf aufgebaut war.

Im Alter von achtzehn Jahren hatte sie ein Studium für Modedesign begonnen, welches sie aber bereits nach fünf Semestern abbrach. Danach war sie in den Polizeidienst eingetreten und nach ein paar Jahren praktischer Erfahrung hatte sie die Chance, die man ihr bot genutzt, um zum MAD zu wechseln. Natürlich war sie verpflichtet gewesen, absolutes Stillschweigen darüber zu bewahren und so baute sie die Legende der Pharmareferentin auf, die sie dann später ganz in ihr Leben übernahm.

Anfangs im Innendienst beschäftigt glänzte sie durch hervorragende Ergebnisse am Schießstand und nach und nach wechselte sie in den aktiven Auslandsdienst. Selbst ihren Ausbildern jagte sie manches Mal einen Schauer über den Rücken, mit welcher Kaltblütigkeit sie ihre Eignungstests erledigte und im Nahkampf mit dem Messer erwies sie sich als nahezu unschlagbar. Diana war die ideale Besetzung für heikle Aufgaben. Keine Familie, die Existenz ihres Bruders hatte sie schlichtweg einfach unterschlagen und wenige private Bindungen prädestinierte sie für ihre zukünftige Tätigkeit innerhalb des MAD.

Mit der Zeit sprach sie mehrere Sprachen, die ihr bei ihren Einsätzen von Nutzen waren. Neben Englisch und Französisch, die sie fließend beherrschte, sprach sie Arabisch und Chinesisch und leidlich Russisch.

Im Grunde genommen war Diana fast ein klassischer Soziopath, allerdings trennte sie sehr genau das Dienstliche von ihrem Privatleben. Und gleichzeitig besaß sie trotzdem eine Emphatische Ader. Zu ihren Gegnern gnadenlos; jedoch gleichzeitig mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt ausgerüstet und mit einem großen Gerechtigkeitssinn ausgestattet.

 

 

Diana legte eine Klassik-CD in den Player und genoss auf ihrer Couch liegend die warme Musik von Bedrich Smetanas „Moldau“. Sie war eine Liebhaberin der alten klassischen Werke und wann immer ihr es möglich war, besuchte sie die großen Theater der Welt, um die Aufführung klassischer Stücke zu genießen. Zufrieden mit sich selbst schaute sie sich in ihrem Wohnzimmer um und betrachtete die antiken Stücke, die sie auf ihren Reisen rund um die Welt erstanden hatte.

Sie als übermäßig vermögend zu bezeichnen wäre übertrieben gewesen, aber es reichte, um sich einen gewissen Wohlstand zu gönnen.

Ein Grummeln in ihrem Magen erinnerte sie daran, dass sie seit dem Frühstück im Flugzeug nichts mehr gegessen hatte. Sie schnappte sich ihr Telefon, als sie im selben Moment einen Anruf bekam.

„Guten Abend Frau Lenz“, hörte sie die Stimme von Dr. Rech und sie verzog ihren Mundwinkel. „Ich störe Sie doch nicht zu dieser Stunde?“

„Guten Abend Doc. Nein, Sie stören keineswegs. Sie rufen wegen des morgigen Termins an?“

„Ja. General Blankenstein hat mich darum gebeten, Sie heute noch zu kontaktieren, und er kann sehr eindringlich sein, wie Sie wissen.“

„So kennen wir ihn“, lachte Diana. „Ich bin also um zehn Uhr bei Ihnen. Sie wollen mich als Versuchskaninchen missbrauchen?“

„Natürlich nicht. Die Methode der Rückführung existiert schon lange, und ich habe mir gedacht, dass ich ein paar Spannungen aus Ihrem Unterbewusstsein zum Vorschein bringen und lösen kann.“

„Sie sind der Fachmann, Doc. Wenn Sie davon überzeugt sind, bitte, ich habe nichts dagegen.“

„Also dann morgen in meiner Praxis um zehn.“

„Ich werde pünktlich sein“, erwiderte Diana und wünschte Dr. Rech eine gute Nacht.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, bestellte sie sich bei ihrem Stammitaliener ein Kalbsrisotto und eine Flasche Barolo. Anschließend legte sie sich wieder auf ihre Couch und genoss den Schlussakkord der Symphonie.

 

 

Am nächsten Morgen war Diana pünktlich zu ihrem Termin bei Dr. Rech erschienen.

Sie mochte die ruhige und ausgeglichene Art des großgewachsenen Arztes, der sie mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen begrüßte.

„Guten Morgen, Frau Lenz. Ich freue mich, dass Sie den Weg in meine Praxis gefunden haben“, sagte er.

„Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich am liebsten davor gedrückt, aber Sie kennen ja Blankenstein“, schmunzelte sie.

„Wie ich Ihnen bereits am Telefon gesagt habe, möchte ich gerne mit Ihnen eine Rückführung durchführen. Es handelt sich dabei nicht um eine Hypnose sondern mehr um eine Tiefenentspannung des Geistes durch Atemtechnik. Sie werden alles bewusst wahrnehmen und doch werden sich wahrscheinlich einige Schubladen in Ihrem Gedächtnis öffnen. Ich verspreche mir davon, dass diese zu Ihrer seelischen Entspannung beiträgt.“

„Ich vertraue Ihnen voll und ganz, dass wissen Sie doch Doc.“

„Dann lassen Sie uns gleich beginnen.“

Diana legte sich auf die Liege und lauschte auf Dr. Rechs beruhigende Stimme.

„Bitte versuchen Sie, sich zu entspannen und über Ihr Zwerchfell Ihre Atmung zu kontrollieren. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig aus und wieder ein, aus und wieder ein, aus und wieder ein.“

Diana spürte, wie sich ihr Körper entspannte und befolgte die Anweisungen des Arztes.

„Gehen wir fünf Jahre zurück. Was sehen Sie?“

Ein Lächeln umspielte Dianas Lippen.

„Ich liege am Strand von Miami und lasse es mir gutgehen. Herrliches Wetter und die Drinks schmecken prima“, sagte sie mit leiser Stimme.

„Gehen wir wieder fünf Jahre zurück.“

Dianas Gesichtsausdruck wurde ernster.

„Ich bin im Hafenviertel von Schanghai und verberge mich hinter einem Stapel Kisten. Wir beobachten zusammen mit den chinesischen Zollbehörden einen Waffenschmuggel der Triaden. Es kommt zum Gefecht. Wir überwältigen die Gangmitglieder. Alles ist gut.“

Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich etwas.

„Wieder fünf Jahre zurück“, hörte sie Dr. Rechs Stimme.

„Ich bin in einem großen Gebäude, einer Villa. Es ist heiß und ich bewege mich langsam durch die Räume des Hauses. Dort ist ein langer Korridor und meine Zielperson befindet sich im vorletzten Zimmer. Ich bewege mich noch langsamer und halte meine HK im Anschlag. Es ist still, zu still. Eine Tür geht auf und eine Gestalt kommt aus einem der Zimmer. Sie hat mich entdeckt. Ich muss reagieren. Ich werfe ein Messer, das sie in die Brust trifft. Die Gestalt geht zu Boden; ich schaue in ihr Gesicht … es ist noch ein Kind … mein Gott, was habe ich …“

Dr. Rech sah, wie sich Dianas Körper in konvulsivischen Zuckungen wand und griff hinter sich, um ihr ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. Gleichzeitig rief er seine Helferin, da er Mühe hatte, die tobende Diana zu fixieren.

„Was ist passiert Herr Doktor?“, fragte ihn Monika, seine Angestellte, in panischem Ton.

„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, murmelte er, während Dianas Körper langsam zur Ruhe kam, da das verabreichte Beruhigungsmittel seine Wirkung zeigte. Ihr Körper bäumte sich noch einmal auf und fiel dann erschlafft zurück. Dr. Rech legte sein Stethoskop auf ihr Herz und hörte ihre verlangsamten, aber ruhigen Herztöne.

„Wir müssen Sie sofort in ein Krankenhaus schaffen. Bitte verlassen Sie den Raum“, wandte er sich an seine Gehilfin. „Ich muss ein vertrauliches Gespräch führen.“

Monika war über das Verhalten ihres Chefs nicht besonders erstaunt. Sie war schon lange Jahre bei ihm beschäftigt und wusste über die speziellen Patienten des Arztes Bescheid.

„General Blankenstein, hier spricht Doktor Rech. Wir haben ein Problem“, meldete er sich bei Dianas Vorgesetzten und schilderte ihm die Lage. Fünf Minuten später erschien ein Krankenwagen der Bundeswehr, dessen Besatzung Dianas scheinbar lebloser Körper per Helikopter in das Bundeswehrkrankenhaus in Ulm transportieren ließ.

 

 

„Können Sie mir das erklären, Doc?“, fragte Blankenstein an die Adresse von Dr. Rech, der ziemlich ratlos am Bett von Diana stand und die medizinischen Geräte beobachtete.

„Nicht wirklich. Ausgelöst wurde der Schock wohl durch die Erinnerung an ein Ereignis, welches Frau Lenz tief in ihrem Innersten verdrängt hatte.“

Er schilderte Blankenstein von ihrer letzten Erinnerung und der General nickte.

„Ich kann mich an den Einsatz erinnern aber davon, dass sie ein Kind getötet hat, hat mir Diana nie erzählt. Allerdings war sie nach dem Einsatz ungewöhnlich einsilbig und in sich gekehrt gewesen. Den Grund dafür kennen wir jetzt. Wie lange dauert so ein Zustand an und ist er lebensbedrohlich?“

„Lebensbedrohlich wohl nicht, da es nichts Körperliches ist und wir über ihren Zustand wachen. Aber wie lange es dauert, bis sie wieder aus dem katatonischen Zustand erwacht, kann ich nicht sagen. Hier heißt es nur abwarten.“

Betroffen schaute Blankenstein noch einmal auf Dianas leblosen Körper und wandte sich leise ab, um den Raum zu verlassen.

 

 

 

Expergisci

(Erwachen)

 

 

1.

 

Diana schlug ihre Augen auf und das Erste was sie wahrnahm, war der kühle Luftzug, der über ihren Körper strich und sie leicht frösteln ließ. Langsam richtete sie sich auf und tat einen tiefen Atemzug. Fast augenblicklich bemerkte sie die ungewohnt reine Luft, die durch ihre Lungen strömte. Sie blickte an sich hinunter und stellte fest, dass sie nackt war. Ein weiterer Umstand verwunderte und erschreckte sie zugleich. Ihr Körper war nicht der einer fünfundvierzigjährigen Frau. Sie schaute auf ihren Busen, der immer noch klein aber nun fester wirkte, so wie der Rest ihres Körpers. Diana ging in die Hocke und schaute sich ihre Umgebung an. Sie befand sich auf einer Wiese, deren Bewuchs hoch genug war um sich darin zu verbergen. In unmittelbarer Entfernung sah sie einen dichten Wald, der aus lauter Eichen bestand und sie hörte das Gezwitscher der Vögel, welche die Äste der mächtigen Bäume bevölkerten.

Das muss ein surrealer Traum sein, aus dem ich sicher gleich erwachen werde, dachte sie und blieb erst einmal in ihrer Position. Aber sie wachte nicht auf; im Gegenteil.

Ihre Sinne nahmen die Umwelt, in der sie sich befand, wahr. Es herrschte absolute Stille und sie vernahm keinerlei Zivilisationsgeräusche. Die Gerüche die sie registrierte waren ihr völlig unbekannt, so rein und klar wie die Luft, die sie mit jedem Atemzug aufsaugte. Allmählich begann ihr scharfer, analytischer Verstand zu arbeiten.

Was war passiert? Was war mit ihr passiert? Diana nahm eine Yogastellung ein und ihr Geist begann sich zu entspannen. Auf diese Weise konzentriert versuchte sie, die surreale Situation zu analysieren. Ihre Gedanken schweiften zu dem zurück, was sie bewusst als Letztes wahrgenommen hatte.

Die Geschehnisse in Venedig hatte sie vollkommen aus ihrem Gedächtnis verdrängt und anscheinend in die unterste Schublade ihres Unterbewusstseins geschoben. Durch die Rückführung und die Halbtrance war sie förmlich von den Ereignissen von damals überrollt worden. Irgendetwas war mit ihr geschehen, das sie sich nicht erklären konnte. Zweifellos befand sie sich nicht in der Praxis von Dr. Rech, nein, noch nicht einmal in deren Nähe, wenn sie sich die Umgebung betrachtete in der sie aufgewacht war.

Und warum war sie nackt? Und welche Transformation hatte ihr Körper erfahren?

Sie blickte wieder ungläubig an sich hinunter und sah den Körper einer jüngeren Frau. Langsam setzte sie sich in Bewegung und schlich in der Deckung des hohen Grases in die Richtung einer Senke. Nach kurzer Zeit erblickte sie einen Fluss, dessen klares Wasser langsam dahinfloss. Vorsichtig näherte sie sich der Uferböschung und schaute auf die Oberfläche des kristallklaren Wassers, das von der hochstehenden Sonne beschienen wurde und auf dessen Oberfläche sich ihr Antlitz spiegelte.

Es traf Diana wie ein Schock, als sie ihr Gesicht betrachtete. Sie sah das Gesicht einer etwa dreißigjährigen Frau … ihr Gesicht. Diana wurde schwindelig und sie setzte sich an den Rand des von Gras umsäumten Ufers. Irritiert beugte sie sich vor und erkannte, dass sie keiner Halluzination zum Opfer gefallen war.

Plötzlich vernahm sie, nicht weit entfernt, Stimmen. Irgendwo in der Nähe waren Menschen und sie folgte der Unterhaltung, die immer deutlicher zu hören war.

Es waren hohe Frauenstimmen, die zuweilen von einem Kichern unterbrochen wurden. Die Sprache hörte sich fremdartig aber doch irgendwie bekannt an. Allerdings konnte Diana noch kein Wort von dem verstehen, was die Frauen plapperten. Vorsichtig spähte sie aus der Deckung eines Strauches und sah drei junge Frauen, die am Ufer des Flusses auf ein paar Steinen ihre Wäsche walkten und dazu bis zu ihren Waden im klaren Wasser standen. Diana schaute ihnen zu und musterte deren Äußeres.

Ihre Kleidung bestand aus einer Art Tunika, die einfarbig grau, wohl aus grober Wolle, gefertigt war. Ihr Haar trugen die Frauen offen und an keiner von ihnen konnte sie ein Schuhwerk erkennen. Diana schloss aus deren Anwesenheit, dass zumindest ein Dorf in der Nähe sein musste. Gleichzeitig wurde ihr schlagartig klar, dass sie sich nicht in ihrer Zeit befand. Niemand trug im 21. Jahrhundert solche Kleidung und diese Befürchtung hatte sie schon unmittelbar nach ihrem Aufwachen gehabt, als sie die reine Luft eingeatmet und die fehlenden Zivilisationsgeräusche vermisst hatte.

Diana wog ihr weiteres Vorgehen ab. Zunächst einmal benötigte sie dringend Kleidung und diese wollte sie sich von den Frauen besorgen. Sie glitt in das kalte Wasser des Flusses und bewegte sich in Richtung der Wäscherinnen. Dann tauchte sie unter, schwamm in deren Richtung und kam unmittelbar vor ihnen an die Wasseroberfläche. Langsam schob sie sich aus dem Wasser und schritt auf die kleine Gruppe zu. Eine der Frauen bemerkte die Bewegung an der Wasseroberfläche, hob den Kopf und ein schriller Schrei entfuhr ihrer Kehle, wobei sie mit ihrem Arm auf Diana zeigte, die nackt aus dem nassen Element stieg. Nun nahmen auch die beiden anderen Frauen ihre Erscheinung wahr und kreischend liefen sie davon.

Trotz ihrer prekären Lage konnte sich Diana ein Schmunzeln nicht verkneifen. Den Frauen musste sie wie eine Wassernymphe vorgekommen sein, die den Fluten des Flusses entstiegen war. Rasch nahm sie eine der frisch gewaschenen Tuniken auf und mit ihrer Beute schwamm sie auf die andere Seite des Flusses. Dort zog sie sich das Gewand über und verbarg sich in der Uferböschung. Mit Sicherheit würde in Kürze das gegenüberliegende Ufer von Menschen bevölkert sein, welche die seltsame Erscheinung ebenfalls betrachten wollten.

 

 

Es dauerte nicht lange und die Frauen kamen mit der Unterstützung einiger Männer zurück, die mit Äxten und Mistgabeln bewaffnet waren und auf die Fluten des Flusses starrten. Diana vernahm aufgeregte Stimmen sowie lautes Rufen und zu ihrer Überraschung konnte sie die Worte relativ gut verstehen. Es war Latein und da sie das große Latinum besaß, war ihr diese Sprache halbwegs geläufig. Jedoch unterschied sich die Aussprache der Wörter erheblich von der, wie sie ihr gelehrt wurde. Latein war eine tote Sprache und niemand in der für sie gültigen Gegenwart wusste, wie man sie richtig artikulierte.

Diana bemerkte, dass die anfänglich aufgeregte Stimmung sich langsam wandelte und hörte vereinzelt ein lautes Lachen, das ein paar der Männer ausstießen. Umso aufgeregter wurden die drei Frauen, die sich wortstark wehrten. Es hörte sich so an, als ob die Männer sich über sie lustig machten und unter eifrigem Geschnatter der Weiber kehrten sie dem Ort des Geschehens den Rücken und gingen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Diana konnte dies nur recht sein und nachdem die Dorfgemeinschaft verschwunden war, kam sie aus ihrer Deckung und schwamm wieder über den Fluss. In der Ferne sah sie die Menschen und folgte ihnen langsam. Das Aufblitzen eines kleinen Gegenstandes, der sich im Sonnenlicht spiegelte, erregte ihre Aufmerksamkeit.

Diana bückte sich und nahm eine kleine Bronzemünze auf, die wohl einer der Dorfbewohner verloren hatte. Sie blickte auf das Konterfei einer männlichen Person, dessen Kopf mit einer Art Perlenkranz umsäumt war. Sie las die Umschrift und es wurde ihr fast schwarz vor den Augen. Sie sank auf ihre Knie und schaute ungläubig auf die Schrift.

C O N S T A N T I N U S A U G

Diana schloss die Augen und hyperventilierte leicht. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Sie war in einer Zeit gestrandet, die so unendlich weit von der Ihren entfernt war wie die Sterne der Milchstraße der Erde. Im Grunde genommen befand sie sich auf einem fernen, fremden Planeten.

Diana setzte sich in den Lotossitz und meditierte. Allmählich beruhigten sich ihr Geist und ihr Körper und ihr nüchternes Kalkül setzte wieder ein. Sie war es gewohnt, mit außergewöhnlichen Umständen umzugehen, während andere Menschen in ihrer Lage Gefahr liefen, den Verstand zu verlieren.

Diana fasste ein nüchternes Fazit: So Mädchen, du bist also fast zweitausend Jahre in der Vergangenheit gelandet. Aber das ist nur eine astrale Erscheinung. Dein Körper befindet sich nach wie vor im 21. Jahrhundert. Trotzdem brauchst du einen Plan, um hier zu überleben. Du hast alle Fähigkeiten dazu und bist vielen Menschen hier grenzenlos überlegen. Es wird einen Ausweg geben und du wirst in deine Zeit zurückkehren.

Diana stand auf und sah, dass die Bauern am Horizont verschwunden waren. Unwillkürlich blickte sie auf ihr linkes Handgelenk und musste im gleichen Augenblick darüber schmunzeln. Muss ich mich eben auf den Stand der Sonne verlassen, dachte sie amüsiert. Sie schaute nach oben und schätzte die Zeit auf den frühen Nachmittag.

Du musst etwas zu essen finden, erinnerte sie ihr Magen. Diana ging in die Richtung, in der sie das Dorf vermutete und zu dem die Leute am Fluss gehörten. Bald sah sie in der Ferne ein paar Hütten auftauchen.

„Na dann, auf ins Abenteuer“, murmelte sie zu sich selbst und näherte sich den ersten Behausungen.

 

 

Es waren einfache, kleine, mit Stroh gedeckte Holzhäuser die, den Ausmaßen nach, höchstens über zwei Räume verfügen konnten. Hühner liefen gackernd über den Weg, der die Hütten miteinander verband. An einigen Häusern standen die hölzernen Fensterbeschläge offen und sie hörte Stimmen aus den dahinter liegenden Räumen.

Als sie die erste Hütte erreichte, schaute der Kopf eines Kindes aus dem Fenster und rief etwas in den Raum hinter ihm.

Sofort erschien eine Frau, die sie aus der Entfernung misstrauisch musterte. Das Kind wurde zurückgezogen und der Laden wurde hastig geschlossen. Langsam ging Diana weiter und hörte am Ende des Dorfes ein metallisches Hämmern.

Sieh an, eine Schmiede, dachte Diana und folgte dem Klang.

Als sie an den anderen Häusern vorbeikam, erfuhr sie jedes Mal dieselbe Reaktion. Anscheinend waren die Männer auf dem Feld beschäftigt und als sie die letzten Häuser der kleinen Siedlung passiert hatte, sah sie die Schmiede, wo sie einen großen, rothaarigen Mann erblickte, der mit einem Hammer ein Metallstück bearbeitete. Neugierig schaute Diana sich um. Die Schmiede war ziemlich einfach und der Mann entfachte immer wieder die Glut mit einem Blasebalg. Dabei bearbeitete er das Werkstück mit seinem Hammer und tauchte das glühende Metall regelmäßig in einen neben ihm stehenden hölzernen Wasserbottich.

Diana sah ihm eine Weile zu, bis der Mann auf sie aufmerksam wurde. Er stutzte, musterte sie von oben nach unten und sprach sie an.

„Wer bist du? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“

Er sprach, wie sie es erwartet hatte, Latein und Diana kramte ihre lateinischen Sprachkenntnisse zusammen.

„Ich bin auf dem Weg zu meinen Verwandten und schon etliche Tagesreisen unterwegs. Das ist das erste Dorf, das ich seit gestern zu Gesicht bekomme“, radebrechte sie.

„Du sprichst auch nicht wie eine, die von hier kommt. Kommst du aus Germanien von den Usipetern?“

„Ja“, antwortete sie geistesgegenwärtig, obwohl sie keine Ahnung hatte, wer oder was die Usipeter waren. Aber es musste sich um einen germanischen Stamm handeln, wie der Schmied gesagt hatte. Ergo musste sie sich im heutigen Deutschland, beziehungsweise in Gallien befinden.

„Ihr Germanen werdet auch noch richtiges Latein lernen“, lachte er und legte den Hammer zur Seite.

Er schritt auf Diana zu und reichte ihr seine schwielige Hand.

„Ich bin Tullius, der Schmied des Dorfes.“

„Hätte ich nicht vermutet“, grinste Diana ihn an und reichte ihm ebenfalls ihre Hand.

„Mein Name ist Diana“, sagte sie und biss sich fast auf die Zunge, da sie nicht wusste, ob ihr Name in dieser Zeit überhaupt geläufig war.

Der Schmied stutzte und stieß ein lautes Lachen aus.

„Du gefällst mir“, grinste er. „Wo hast du dein Bündel?“

„Das hat man mir gestohlen. Ich habe nur das, was ich am Leib trage.“

„Das ist ja nicht gerade viel“, meinte er, als sein Blick auf ihre bloße Tunika fiel.

„Hast du Hunger?“

„Und wie. Ich habe ja nichts mehr bis auf diese Münze.“

Diana zeigte Tullius die kleine Bronzemünze, welche sie auf der Wiese gefunden hatte.

„Dafür bekommst du noch nicht mal ein Ei“, grinste er. „Aber wenn du willst, kannst du heute Nacht im Stall schlafen. Und ein Teller Puls haben wir auch für dich.“

Diana bedankte sich bei Tullius für das angebotene Essen, was immer auch „Puls“ war, und für die Übernachtungsmöglichkeit.

„Meine Frau wird sich auch über etwas weibliche Gesellschaft freuen. Hier kommt selten jemand vorbei und wir sind neugierig, was sich so außerhalb des Dorfes tut.“

Dafür bin ich ja genau die Richtige, seufzte Diana innerlich aber andererseits kam sie so an nützliche Informationen heran, die sie dringend benötigte.

Sie sah in der Schmiede um und entdeckte neben geschmiedeten Arbeitsgeräten auch einige kleine Blankwaffen, die an einer Seite der Schmiede hingen.

„Schneide dich nicht“, sagte Tullius, als sie die Klinge eines Messers mit breitem Blatt wiegend in ihrer Hand hielt.

„Keine Sorge. Mit so etwas kenne ich mich ein bisschen aus“, antwortete sie gedankenverloren. Es war ein Pugio, der Dolch der römischen Legionäre.

„Du stellst auch Waffen her?“

„Natürlich nicht“, grinste Tullius sie an. „Das ist doch streng verboten und kann mich den Kopf kosten.“

„Dann benutzt du den Pugio wohl zum Schneiden von Leder“, sagte Diana mit einem Anflug von Spott in ihrer Stimme.

„Die Zeiten sind alles andere als sicher. Constantins Legionen sichern zwar so gut es geht die Grenze, aber es kommen immer wieder Barbaren über den Rhenus und plündern die Dörfer. Erst neulich haben sie ein Dorf eine Tagesreise von hier zerstört und die Einwohner auf bestialische Weise getötet.“

„Deshalb habe ich fast niemanden gesehen, als ich in dein Dorf kam.“

„Aber sie haben dich gesehen, glaube mir. Die Leute haben Angst vor jedem Fremden.“

„Du aber anscheinend nicht.“

Tullius sah sie mitleidig an.

„Wieso sollte ich vor dir Angst haben. Du bist doch nur eine Frau und dazu auch noch ziemlich mager. Was könntest du mir schon anhaben?“

„Der Schein trügt manchmal“, antwortete Diana lauernd.

„Was meinst du damit?“

„Nichts Besonderes. Aber man sollte niemanden nur nach seinem Äußeren beurteilen, das meinte ich damit.“

„Willst du etwa sagen, dass du mir gewachsen wärst?“

„So in etwa“, sagte Diana beiläufig und schaute lauernd auf den Dolch.

Tullius bemerkte ihren Blick. Er lachte laut auf.

„Dann beweise es. Wenn ich dich zu Boden werfe, hilfst du mir einen Tag in der Schmiede und wenn du es schaffst mich niederzuringen, bekommst du den Dolch, auf den du anscheinend besonders scharf bist.“

Diana hatte Tullius genau da, wo sie ihn haben wollte.

„Abgemacht. Ich werde dir zeigen, wozu eine scheinbar wehrlose Frau fähig ist“, grinste sie ihn fast hinterhältig an.

Ihr Wortgeplänkel hatte eine junge blonde Frau angelockt.

„Führt er wieder große Sprüche?“, lächelte sie und trat nun näher. „Ich bin Julia und die Frau dieses großen Kindes hier.“

Ein warmes Lächeln umspielte Tullius’ Miene und er nahm seine Frau in seine großen Arme.

„Das ist Diana und sie kommt von den Usipetern. Man hat sie bestohlen und ich habe ihr für heute Nacht den Stall angeboten.“

Julia trat zu Diana und reichte ihr die Hand.

„Das sieht ihm ähnlich, dir den Stall anzubieten. Natürlich schläfst du im Haus. Ich lasse doch keinen Reisenden im Stall schlafen, wo wir doch genug Platz haben. Aber worüber habt ihr euch gerade unterhalten?“

„Diana meint doch tatsächlich, sie könnte mich zu Boden werfen“, lachte Tullius.

Julia schaute skeptisch zu Diana und auf ihre schlanke Gestalt.

„Da haben sich ja die zwei Richtigen getroffen. Du bist aber keine von den germanischen Kriegerinnen, von denen man erzählt?“

„Sehe ich so aus? Nein, das bin ich nicht, aber ich bin nicht so wehrlos wie ich aussehe.“

„Genug erzählt“, sagte Tullius. „Kommen wir zur Sache.“

Er stellte sich Diana gegenüber und ging sofort zum Angriff über. Tullius stürmte auf Diana zu, um sie einfach zu Boden zu reißen. Mühelos wich sie dem Angriff aus, packte ihn an seiner Tunika und warf ihn mit einem Schulterwurf zu Boden. Unter dem lauten Gelächter seiner Frau rappelte er sich wieder auf und schaute Diana fassungslos an.

„Wie zum Teufel hast du das gemacht?“, fragte er und schaute sie mit großen Augen an.

„Mit Schnelligkeit und natürlich auch mit viel Übung.“

„Und das lernt man bei den Usipetern?“

„Nein“, lachte Diana. „Das lernt man in einem fernen Land.“

„Kannst du noch mehr solche Sachen?“, fragte er staunend.

„Viel mehr. Ich sagte ja, gehe niemals vom Äußeren eines Menschen aus.“

Tullius’ Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

„Den Dolch hast du dir verdient“, sagte er und übergab die Waffe an Diana.

„Kommt, lasst uns zu Abend essen“, kam es von Julia, die zu Diana ging und sich bei ihr unterhakte. Die Drei gingen zu einer Hütte, die sich neben der Schmiede befand und Julia bat Diana einzutreten.

Sie musste sich zuerst an das dämmerige Licht im Innern der kleinen Behausung gewöhnen und schaute sich neugierig um. Die Wände bestanden aus Lehm, in dem zwei kleine Öffnungen als Fenster eingelassen waren. In einer Ecke des Raumes sah sie ein paar Säcke, die wohl mit Stroh gefüllt waren. Auf dem Boden erkannte sie eine Lage frischer Binsen, die den Teppich ersetzten. Ein Tisch, eine Truhe, zwei primitive Hocker und ein Regal mit ein paar Keramik-Gefäßen vervollständigten das spärliche Inventar.

 

 

„Du kannst hier in der Ecke schlafen“, sagte Julia und wies auf eine kleine Nische.

Aus der Truhe nahm sie eine grob gewebte Decke und überreichte sie ihr.

„Hinter dem Haus ist ein Wassertrog, in dem du dich waschen kannst. Komm, lass uns den Puls kochen.“

Sie nahm Diana in den Arm und führte sie nach draußen, wo sie eine kleine Kochstelle erblickte. Etwas misstrauisch schaute Diana auf die breiige Masse, die sich in einem Kupferkessel befand, den Julia zur Feuerstelle brachte, aber was Essen betraf war sie hartgesotten.

„Ich habe sogar noch etwas Ziegenkäse übrig“, zwinkerte sie Diana mit dem Auge zu. Anscheinend stellte für diese Menschen Käse etwas ganz Besonderes dar. Julia entfachte die Glut in der Feuerstelle und bald darauf brodelte die Speise im Kessel. Tullius hatte in der Zwischenzeit den Tisch und die zwei Hocker nach draußen geschafft. Einen weiteren Hocker hatte er sich bei seinem Nachbarn geborgt, der ihm, zusammen mit seiner Frau, neugierig gefolgt war, um den seltsamen Gast zu beäugen.

Wenig später bat Julia Diana am Tisch Platz zu nehmen und füllte ihre Teller mit der merkwürdigen Mahlzeit. Zusätzlich kam ein Gefäß auf den Tisch, das mit einer rötlichen Soße gefüllt war und fürchterlich roch. Julia hielt es nicht für nötig den Inhalt zu erklären und Diana wusste sofort, was dort auf den Tisch kam: Es war Garum, dass Standardgewürz der Antike ähnlich der Sojasauce aus ihrer Zeit, dessen Grundkonsistenz aus fermentiertem Fisch bestand und zu jeder Mahlzeit serviert wurde. Sie hatte eine ähnliche Sauce bereits einmal in Vietnam probiert und war daher gewarnt. Das Puls war nichts anderes als ein Getreidegericht und schmeckte im Grunde genommen nach gar nichts, da die Gewürze völlig fehlten. Es musste aber sehr nahrhaft sein. Diana blickte sich um und sah, dass die gesamte Dorfgemeinschaft vor ihren Hütten saß und ihr Abendessen zu sich nahm. Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, kamen alle Dorfbewohner zu Tullius’ Hütte und jeder hatte eine Sitzgelegenheit bei sich.

„Alle sind neugierig auf dich“, grinste Tullius Diana an. „Ich glaube, heute ist ein kleines Fest fällig.“

Diana zählte sechsundzwanzig Personen, die sich, nachdem Julia den Tisch wieder abgeräumt hatte, mit ihren Hockern um die Hütte versammelt hatten und bald kreisten die ersten Becher, die mit Met und verdünntem Wein gefüllt waren. Als die Dämmerung hereinbrach wurde ein Feuer entfacht und natürlich war Diana der Mittelpunkt der Gespräche.

„Was ist die nächst größere Stadt in der Umgebung?“, fragte sie Tullius, der neben Julia und ihr saß und reichlich dem Wein frönte.

„Augusta Treverorum“, antwortete er und zeigt mit seinem Arm in südlicher Richtung. „Sie ist eine Tagesreise entfernt. Und du willst nach …?“

„Moguntiacum“, sagte Diana geistesgegenwärtig, da ihr der Name der Stadt, die Tullius genannt hatte, bekannt war. Es war das heutige Trier und die Residenzstadt von Constantin.

„Erzähle mir etwas. Du weißt, ich komme von der anderen Seite des Rhenus und bei uns gibt es fast gar keine Neuigkeiten zu hören. Ist der Kaiser in Augusta Treverorum?“

„Wo soll er sonst sein. Er und seine Mutter Helena residieren dort, aber man hört so einige Gerüchte, dass er bald aufbrechen will.“

„Wohin?“

„Man redet davon, dass er sich nach Italia begeben will, um dort gegen Maxentius zu Felde zu ziehen. Er hat wohl vor, der alleinige Herrscher zu werden. Aber das sind nur Gerüchte.“

Es waren keine Gerüchte, wie Diana sehr wohl wusste. Wenn das zutraf, was Tullius ihr berichtete, befand sie sich im Jahre 312. Es war das Jahr, in dem Constantin nach Rom zog, Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke schlug und dadurch seine Gesamtherrschaft über den westlichen Teil des Reiches erlangen würde. Und noch etwas anderes fiel ihr ein. Diese Schlacht war für die gesamte Christenheit von höchster Bedeutung. Einen Tag vor der Entscheidungsschlacht hatte Constantin eine Vision, die ihm ein Kreuz in Form des Labarums zeigte.

„In diesem Zeichen siegst Du“, war ihm angeblich prophezeit worden und es war der Beginn des Siegeszuges für das Christentum in Europa. Die Aussicht, an diesem Ereignis teilzuhaben, faszinierte Diana. Versonnen versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren, als sie Julias Stimme an ihrem Ohr vernahm.

„Du bist so schweigsam, Diana. Komm, feiere mit uns und lache.“

Diana sah sich um und bemerkte, dass inzwischen ein kleines Fest in vollem Gange war. Die Sonne war längst am Horizont verschwunden und Diana genoss die Atmosphäre. Jemand hatte eine Lyra angestimmt und spielte für sie völlig unbekannte Melodien, denen alle andächtig lauschten.

„Kannst du auch spielen?“, fragte Julia sie.

„Ja, aber das Instrument ist mir nicht geläufig.“

„Versuche es. Wir würden gerne die Klänge aus deiner Heimat hören.“

Um Dianas Mundwinkel schlich sich ein verschmitztes Lächeln und sie konnte nicht widerstehen. Julia gab ihr die Lyra und sie stimmte sich auf das Instrument ein, dass einer Gitarre ähnlich war.

Als sie die ersten Takte eines alten Neil Young Titels spielte wurde es totenstill.

„Old Man, look at my life, I´m a lot like you were“, schallte ihre Stimme zu den Klängen der Lyra durch die Nacht. Nachdem sie den Song beendet hatte, sah sie in die Gesichter der Menschen, die sie mit offenem Mund anstarrten.

„Solche Laute habe ich noch nie gehört“, löste sich Julia aus ihrer Starre.

„Das spielt man dort, wo ich herkomme“, antwortete Diana mit einem sanften Lächeln auf den Lippen und legte direkt „Sound of Silence“ von Simon and Garfunkel nach. Dann gab sie der verstört blickenden Julia das Instrument zurück und nahm einen großen Schluck Wein.

Bald darauf löste sich die Gesellschaft auf und die Dorfbewohner gingen in ihre Hütten zurück.

„Du bist eine merkwürdige Frau“, sagte Tullius mit schwerer Stimme, als sie Tisch und Hocker in die kleine Hütte zurückbrachten.

„Ich bin anders, ganz anders und wenn ich dir meine Geschichte erzählen würde, würdest du mir kein Wort davon glauben“, lächelte sie ihn geheimnisvoll an.

Tullius und Julia legten sich auf ihr Strohlager und Diana zog sich auf ihre Schlafstätte zurück. Es machte ihr nichts aus, auf einem Sack Stroh zu nächtigen. Während ihrer Einsätze hatte sie schon in Erdhöhlen, auf freiem Feld auf dem Boden und einmal sogar festgebunden in einer Astgabel geschlafen. Dagegen war dieses Lager fast komfortabel zu nennen und sie schlief sofort ein.

 

 

2.

 

Diana wurde durch einen unterdrückten Schrei aus ihren Träumen gerissen. Augenblicklich hatte sie ihren Pugio in der Hand und sprang von ihrem Lager auf. Sie hörte die regelmäßigen Atemzüge von Tullius und Julia und weckte die beiden.

„Hier stimmt etwas nicht“, raunte sie ihnen zu und Julia riss vor Schreck ihre Augen auf, als sie Diana mit dem Dolch über sich stehen sah. Nur einen Augenblick später hörten sie einen kurzen, schrillen Schrei, der aus einer der Hütten direkt neben der ihren kam.

„Ein Überfall“, rief Tullius und sprang auf. In diesem Moment wurde die Türe aufgerissen und ein bärtiger, vierschrötiger Mann mit einem Kurzschwert bewaffnet stand auf der Schwelle der Hütte. Diana wirbelte herum, hielt ihm ihren Dolch entgegen und ging sofort in Kampfstellung.

„Wenn ich mit ihm fertig bin nimmst du sein Schwert und folgst mir“, rief sie Tullius zu, der sie fast so entgeistert anstarrte wie ihr Kontrahent. Der Mann verzog sein Gesicht zu einem Grinsen und stürmte mit dem Kurzschwert in der Hand vor. Diana tauchte unter seinem plump ausgeführten Hieb ab und stieß ihm den Pugio mitten ins Herz. Mit brechenden Augen sank der Mann langsam in die Knie, während Diana ihm das Schwert aus seinen kraftlosen Händen nahm und es Tullius zuwarf.

„Komm mit“, rief sie ihm zu und die beiden stürmten an dem Toten vorbei aus der Hütte. Sie sahen sich kurz um und folgten den Schreien der Dorfbewohner. Diana rannte in die Hütte, die sich neben der von Tullius befand und aus der sie den Aufschrei vernommen hatte. Sie erblickte einen Mann, der auf einer sich heftig wehrenden nackten Frau lag. Ohne zu zögern jagte sie ihm ihren Dolch in den Nacken und wandte sich sofort wieder um, während die Frau unter dem leblosen Körper hervorkrabbelte und sie dankbar und voller Angst anschaute.

Tullius befand sich im Kampf mit zwei weiteren Männern, die ihn heftig attackierten. Eine der Hütten hatte Feuer gefangen und die Flammen warfen ein gespenstisches Licht auf die kämpfenden Parteien. Diana erkannt sofort, dass Tullius wenig Übung mit einem Schwert hatte und stürzte sich auf den Eindringling, der ihr stärker erschien. Der Mann war ein Hüne mit langen, schwarzen Haaren und sofort wandte er sich seinem neuen Angreifer zu. Als er Dianas Gestalt erblickte und sie zudem als Frau identifizierte kam ein dröhnendes Gelächter aus seiner Kehle.

Er war mit einem Langschwert bewaffnet und ließ es in seiner mächtigen Pranke kreisen.

„Ich werde dich nicht sofort töten. Vorher will ich noch meinen Spaß mit dir haben“, sagte er mit einem Grinsen und in gebrochenem Latein.

„Du verkennst die Lage. Ich will keinen Spaß mit dir haben, aber dafür töte ich dich gleich und schnell. Ich habe noch andere Dinge zu erledigen“, konterte Diana mit einem diabolischen Lächeln. Der Mann stutzte kurz und Diana nutzte sofort die Gelegenheit.

Mit einem Hechtsprung und einer Rolle vorwärts stand sie plötzlich vor ihm und rammte ihm von unten ihren Dolch durch sein Kinn ins Gehirn. Mit einem schmatzenden Geräusch zog sie den Dolch aus der klaffenden Wunde und rannte zu Tullius, dessen Lage immer prekärer wurde. Diana attackierte Tullius’ Gegner von hinten und durchschnitt im Fallen dessen Achillessehne. Augenblicklich sank der Mann zu Boden und Tullius stieß ihm das Kurzschwert in die Brust.

„Wie viele noch?“, fragte er Diana keuchend.

„Drei, glaube ich.“

Die beiden rannten weiter und sahen, dass zwei der Banditen in der Zwischenzeit von den Dorfbewohnern überwältigt worden waren. Einer der Banditen war noch übrig geblieben und Diana erkannt in ihm den Anführer der Bande. Er war mittelgroß, schien aber, im Gegensatz zu seinen Kumpanen, sehr gewandt zu sein. Der Mann stand mit gezogenem Schwert drei Bauern gegenüber und wehrte mühelos deren Attacken ab. Diana trat auf die Kämpfenden zu und bedeutete den Dörflern, dass sie sich zurückziehen sollten. Sie ließ sich von Tullius das Kurzschwert reichen, wog es kurz in ihrer Hand und ließ es in ihrer Handfläche kreisen.

„Du verstehst etwas von Waffen“, sagte der Mann, der ihr nun gegenüberstand, anerkennend.

„Mehr als du dir vorstellen kannst. Aber ich will dir eine Chance geben. Du lässt deine Waffe fallen und übergibst uns deine gesamte Habe. Dafür verspreche ich dir, dich am Leben zu lassen. Du kannst deiner Wege ziehen und allen erzählen, dass es hier in diesem Dorf nichts zu holen gibt. Anderenfalls endest du aufgehängt und tot an einem Baum. Du hast die Wahl.“

Der Mann antwortete mit einem spöttischen Lachen.

„Du glaubst wirklich, dass du mich töten kannst?“

„Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es. Ich habe mühelos drei deiner Leute zu ihren Ahnen geschickt und dir wird es nicht besser ergehen. Nimm mein Angebot an oder stirb.“

Der Mann ging in Kampfstellung und schlich in gebückter Haltung um Diana herum.

„Nun gut. Du willst es so“, sagte Diana gleichmütig, warf zu aller Überraschung ihr Schwert in den Staub und nahm sich den Pugio. Wieder wog sie ihn in ihrer Hand und schleuderte ihn blitzschnell aus dem Handgelenk auf ihren Gegner. Tief drang die breite Klinge in seine Brust und er sank röchelnd zu Boden. Beinahe teilnahmslos ging sie langsam auf ihn zu und beugte sich zu dem sterbenden Mann hinunter.

„Das war nicht der Kampf, den du erwartet hattest. Aber ich hatte dich gewarnt und du hättest auf mich hören sollen“, sagte sie leise zu ihm.

Als sie sich wieder aufrichtete, standen die Dorfbewohner schweigend um sie herum und schauten sie fassungslos an.

„Nehmt euch die Habe der Banditen und teilt sie unter euch auf“, sagte sie und schritt durch die Gasse, die sie bildeten, zu Tullius’ Haus zurück.

„Du bist keine Usipeterin. Du bist auch keine Germanin oder Gallierin. Wer bist du wirklich?“, fragte Julia, die ihr rasch gefolgt war. „Der Mann den du getötet hast, Festus war sein Name, war früher ein bekannter und berüchtigter Gladiator. Nach ihm und seiner Bande wurde schon lange gesucht und du hast diesen Mann praktisch im Vorbeigehen getötet. Bist du eine Nympha? Du bist doch diejenige, die unsere Frauen aus dem Fluss haben steigen sehen.“

Diana nahm sie in den Arm und sie setzten sich auf eine Bank, die vor einer der Hütten stand. In der Ferne hörten sie die aufgeregten Stimmen der anderen Bewohner, die sich um die Leiche des getöteten Bandenführers versammelt hatten.

„Ich bin eine Frau wie du und keine Nympha. Es gibt keine Götter so wie du sie dir vorstellst. Ich komme aus einem weit entfernten Land und dort haben die Menschen ein viel größeres Wissen als hier. Und ja, ich bin eine Art Kriegerin und dafür wurde ich ausgebildet. Aber ich bin nicht übernatürlich. Ich bin genauso verletzlich wie du, leide unter denselben Schmerzen, kann Liebe verspüren und genauso hassen wie jeder andere Mensch auch. Komm, lass uns zu den anderen zurückgehen, um ihnen zu helfen, wieder Ordnung zu schaffen.“

Erst jetzt brach aus Julia das soeben Erlebte heraus und ein Schluchzen kam aus ihrer Kehle.

„Wir hätten alle tot sein können“, stammelte sie unter Tränen.

„Aber wir haben überlebt und die Angreifer sind tot. Das alleine zählt. Lass uns schauen, ob jemand ernsthaft verletzt ist.“

Diana legte ihren Arm um Julias Schulter und ging mit ihr zu den anderen.

Wie sich herausstellte, hatte keiner eine ernste Verletzung davongetragen und auch die Frauen waren unversehrt. Lediglich ein Mann hatte eine klaffende Fleischwunde am Oberschenkel, die Diana ihm mit einer Naht versorgte, während ein paar der Männer des Dorfes die Leichen zusammentrugen und auf einem Scheiterhaufen außerhalb verbrannten.

Langsam kehrte wieder Ruhe ein und Tullius, Julia und Diana kehrten zu ihrer Hütte zurück.

„Danke, dass du uns geholfen hast. Ohne dich hätte das böse enden können“, sagte Tullius. „Können wir etwas für dich tun?“

Diana blickte auf ihre blutverschmierte Tunika hinunter und Tullius verstand.

„Julia gibt dir eine frische“, schmunzelte er. „Meine ist auch nicht mehr zu gebrauchen.“

Sie gingen in die Hütte wo Tullius ungeniert seine Kleidung auszog und sich eine frische Tunika überwarf. Diana tat es ihm nach und innerlich schmunzelnd nahm sie wahr, dass er ihren nackten Körper neugierig musterte. Aber hier war Scham am falschen Platz und es machte ihr auch nichts aus. Wenig später sank sie langsam auf ihr Nachtlager und gönnte sich noch ein paar Stunden Schlaf.

 

 

3.

 

Als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war sie alleine in der kleinen Behausung. Insgeheim hatte sie ja gehofft, die Wärme ihres weichen Betts in ihrem heimischen Schlafzimmer zu spüren, aber stattdessen pikte sie ein hartnäckiges Stück Stroh, das sich durch den Leinensack gebohrt hatte. Immer noch leicht verschlafen hörte sie das regelmäßige Hämmern von Tullius, der wahrscheinlich irgendein Werkstück bearbeitete.

Als sie sich von ihrem Lager erhob betrat Julia die Hütte.

„Guten Morgen, Diana“, sagte sie mit strahlender Miene und umarmte sie herzlich.

„Morgen, Julia“, knurrte Diana aber sofort wurde ihre Miene weich und sie erwiderte die Umarmung. „Schon so früh unterwegs?“

„Wir stehen immer im Morgengrauen auf. Der Tag muss genutzt werden und so traurig der Umstand ist, Tullius hat jetzt genug zu tun. Ein Haus muss neu gebaut werden. Wir haben die Toten um ihre Habe erleichtert und die Münzen, die wir bei ihnen gefunden haben, reichen aus, um Proculus’ Heim wieder aufzubauen.“

„Es ist schön, dass ihr alle zusammenhaltet.“

„Natürlich. Aber das fällt uns ja nicht schwer, weil wir alle nicht viel haben“, lachte Julia.

Diana verschwieg ihr, dass sie die Geldkatze des Anführers an sich genommen hatte.

Sie war völlig mittellos und konnte, nein, wollte sich nicht auf die Almosen anderer verlassen. Daher hatte sie die recht prall gefüllte Börse für ihre Zwecke requiriert.

„Begleitest du mich zum Fluss? Ich möchte mich gründlich waschen und mich von den restlichen Blutflecken befreien.“

„Gerne. Vorher muss ich Tullius aber noch das Lentaculum bringen.“

Die beiden Frauen verließen die Hütte und steuerten die Schmiede an, wo Tullius ein Eisenstück bearbeitete.

„Guten Morgen“, schallte ihnen seine Stimme entgegen. „Gut geschlafen?“

„Wie ein Stein“, entgegnete Diana. „Ich habe eine Bitte an dich.“

„Sprich sie aus und ich erfülle sie dir.“

„Ich möchte, dass du mir so etwas fertigst.“

Diana ging in die Hocke und malte etwas in den Sand. Tullius sah einen vierzackigen Stern, der in der Mitte ein rundes Loch besaß.

„Die Enden müssen spitz zulaufen, die Außenflächen scharf sein und er muss genau diese Größe und eine Dicke eines Viertel Digitus haben.“

„Wozu brauchst du so etwas?“

„Lass dich überraschen“, schmunzelte Diana.

Sie hakte sich bei Julia unter und die beiden ungleichen Frauen gingen in Richtung des Flusses.

„Hier bist du gestern ans Ufer gelangt“, stellte Julia fest.

„Ja. Ich bin schwimmen gewesen und als ich wieder aus dem Wasser kam, waren meine Kleidung und mein Beutel weg. Was hätte ich anderes tun können, als mir eine neue Tunika zu besorgen? Ich konnte doch nicht nackt durch die Gegend laufen“, grinste Diana.

Julia lachte und zog ihre Tunika über ihren Kopf. Diana tat es ihr gleich und Julia schaute Diana an.

„Siehst du, ich bin genauso eine Frau wie du“, lachte sie.

„Aber wo hast du die ganzen Narben her?“

„Von Kämpfen“, antwortete Diana und glitt ins Wasser, wohin Julia ihr folgte. Ausgelassen plantschten die beiden im Fluss, wobei Diana bemerkte, dass die Gallierin wohl nicht schwimmen konnte.

„Wer hätte mir das beibringen sollen? Für so etwas hatte ich keine Zeit. Ich bin hier im Ort geboren und meine Eltern waren Bauern, so wie die anderen im Dorf. Als ich vier Jahre alt war, habe ich angefangen, ihnen bei der Feldarbeit zu helfen. Mit vierzehn habe ich Tullius kennengelernt und geheiratet.“

„Deine Eltern?“

Julias Miene verdüsterte sich.

„Gestorben an einer Seuche, wie einige andere auch.“

„Das tut mir leid“, sagte Diana teilnahmsvoll. „Und wie alt bist du?“

„Ich werde im Oktober achtzehn. Und du?“

Tja, gute Frage, dachte Diana. „Ich bin dreißig Jahre alt.“

Ungläubig schaute Julia sie an. „Aber du siehst aus wie eine junge Frau.“

Gute Gene wollte Diana antworten und biss sich gerade noch auf die Zunge.

„Das liegt in unserer Familie. Meine Mutter war auch bis ins hohe Alter eine Schönheit.“

Die beiden Frauen kletterten aus dem Wasser, legten ihre Kleidung wieder an und gingen zurück ins Dorf.

Julia kochte den Puls auf und beide aßen die Mahlzeit und tranken dazu einen Becher Wasser. Danach zog sich Diana in die Hütte zurück, holte die Börse heraus und schüttete deren Inhalt auf den Strohsack. Neben einigen Bronzemünzen blitzten sie sechsundzwanzig Silbermünzen an. Auf dem Avers erkannte sie das Konterfei des Constantin. Diana hatte zwar keine Ahnung, welche Kaufkraft sie besaßen, aber naturgemäß war Silber wohl um etliches mehr wert, als Bronze. Jetzt besaß sie ein schmales Budget, mit dem sie erst einmal weiterkam und war zufrieden.

 

 

Sie verbrachte fast eine Woche in dem kleinen Dorf und hatte inzwischen Kontakt zu allen Bewohnern. Das war auch nicht weiter verwunderlich, da die Bevölkerung recht überschaubar war. Sie versorgte weiter die Verletzung des Bauern und nach einigen Tagen schloss sich die Wunde ohne weitere Komplikationen. Tullius hatte nach ihrer Zeichnung drei Werkstücke gefertigt. Sie wog das fertige Ergebnis in ihrer Hand und war zufrieden. Natürlich waren diese Wurfsterne nicht mit den Shuriken zu vergleichen, die sie ansonsten nutzte, aber sie erfüllten ihren Zweck.

„Jetzt bin ich neugierig, wozu du die Dinger brauchst“, sagte Tullius, als er ihr die Wurfsterne überreichte.

„Hast du vielleicht einen kleinen, kopfgroßen Kürbis für mich.“

„Habe ich.“

„Dann leg ihn auf das Fass dort vorne.“

Tullius ging hinter das Haus, kam mit dem Kürbis in der Hand zurück und legte ihn auf den Rand des Fasses. Diana maß zehn Schritte ab und stellte sich in Position.

„Und nun pass auf.“

Blitzschnell schleuderte sie die drei Wurfsterne aus dem Handgelenk und alle drei steckten nebeneinander im Kürbis. Tullius ging mit offenem Mund zum Fass und betrachte das Ergebnis.

„Und genau so dringen die Wurfsterne in einen menschlichen Schädel ein und dazu völlig lautlos.“

Kopfschüttelnd brachte er die Shuriken zu Diana zurück, die ein Band nahm und es durch das Loch in der Mitte zog.

Die Herstellung eines Shuriken erschien ihr gefahrlos, weil sie gleichzeitig darauf achten musste, kein Zeitparadoxon zu schaffen. Sie durfte zum Beispiel keinen Reflexbogen herstellen, da dieser erst durch die Hunnen zirka einhundert Jahre später bekannt wurde und dessen Verwendung in dieser Zeit ein gefährliches Zeitparadoxon heraufbeschwören konnte. Aber das störte sie nicht weiter, da sie ohnehin lieber mit dem Messer unterwegs war.

Jeden Abend forderten die Leute sie auf, für sie auf der Lyra zu spielen. Sie waren von der Musik der zwei Titel, die sie am ersten Abend gespielt hatte, völlig fasziniert und nach zwei Tagen kamen die Leute auch aus der Umgebung, um ihr Spiel zu hören.

„Woher kommen die Menschen?“, fragte sie Tullius.

„Aus den benachbarten Ortschaften. Sie haben von der seltsamen Frau gehört, die der Lyra Töne entlockt, die sie noch nie gehört haben. Eigentlich müsste ich langsam etwas dafür verlangen“, lachte er aus vollem Herzen.

„Dann musst du dich aber beeilen“, sagte sie leise. „Ich habe vor, morgen weiterzuziehen.“

Julia ergriff ihre Hand und Tullius schaute sie mit trauriger Miene an.

„Das verstehe ich. Du bist keine Frau, die lange an einem Ort verweilen kann.“

„Ich habe die kurze Zeit bei euch wirklich genossen und ihr beide seid mir sehr ans Herz gewachsen.“

„Werden wir uns irgendwann wiedersehen?“, fragte Julia schüchtern.

Diana schaute ihr in die Augen.

„Was soll ich dich belügen, wahrscheinlich nicht, nicht in diesem Leben. Ich muss versuchen, in meine Heimat zurückzukehren und diese ist so weit weg, dass eine Rückkehr unmöglich ist.“

„Ist die Welt so groß?“, fragte sie unschuldig.

„Tausende von Meilen. Aber ich werde euch immer in meinem Herzen behalten.“

Diana umarmte die beiden herzensguten Menschen und sie blieben eine Weile fest umschlungen stehen.

„Aber heute Abend feiern wir“, sagte Tullius und löste sich aus der Umarmung, während sich Diana und Julia auf einer Bank niederließen und die junge Gallierin sich fest an Diana klammerte.

Es wurde ein ausgelassenes Fest und der Wein floss in Strömen. Die Besucher hatten auch für Diana Geschenke mitgebracht und in der Dorfgemeinschaft machte ihr baldiger Aufbruch rasch die Runde.

Am Morgen des nächsten Tages bekam Diana von ihnen festes Schuhwerk und eine Peanula, eine Art Poncho geschenkt. Von Julia erhielt sie zudem eine Brustbinde.

„Eigentlich brauchst du sie gar nicht“, konnte sie sich kichernd einen Kommentar nicht verkneifen, als Diana die Binde um ihren Busen wickelte. Als Antwort erntete sie einen Knuff zwischen ihre Rippen und die beiden Frauen fielen in ein herzliches Gelächter ein.

„Ich habe noch eine Kleinigkeit für dich“, sagte Julia und kramte in der Kiste herum. Nachdem sie gefunden hatte, wonach sie suchte, kehrte sie zu Diana zurück und gab ihr eine kleine Fibel, die die Form eines Hasen hatte und mit kleinen, bunten Intarsien aus Glas verziert war.

„Damit du uns nicht ganz vergessen wirst.“

Diana bedanke sich herzlich für dieses schöne Kleinod und befestigte die Fibel an ihrer Tunika.

„Ich vermisse dich jetzt schon, kleine Julia. Und passe gut auf deinen Tullius auf. Er ist ein guter Mann.“

„Ja, das ist er und ich bin glücklich mit ihm.“

Die ganze Gemeinschaft begleitete Diana bis zum Rand des Dorfes und dort verabschiedete sie sich nochmals von ihren beiden Gastgebern.

 

 

4.

 

Gut gelaunt marschierte Diana in Richtung Augusta Treverorum. Den Weg dorthin hatte ihr Tullius genau beschrieben und sie musste bald auf die Via Agrippa stoßen, die nach Trier führte. Ihre Situation nahm sie inzwischen gleichmütig als gegeben hin. Was blieb ihr auch anderes übrig. Natürlich hoffte sie darauf, wieder in die für sie existierende Gegenwart zurückzukehren, aber gleichzeitig ertappte sie sich dabei, das Ganze als eine Art fantastischen Abenteuerurlaub zu sehen. Zudem war sie von allen Zwängen befreit.

Sie ging davon aus, dass sie nur astral zugegen war und alles, was sie in diesem Stadium ihrer Existenz erlebt hatte und noch erleben würde, hatte nichts mit ihrem tatsächlichen ICH zu tun. Und sie freute sich über den positiven Effekt, der ihren wieder jungen Körper betraf. Sie fühlte sich körperlich in Hochform und verfügte dabei gleichzeitig über die geistige Reife einer erfahreneren Frau. Und noch etwas hatte sich in ihren Geist eingeschlichen. Als sie den nackten Körper von Tullius betrachtet hatte, hatte sie ein leichtes Ziehen in ihren Lenden gespürt, das Verlangen nach einem Mann.

Dieser Gedanke verunsicherte sie am meisten aber gleichzeitig wusste sie auch, dass ihr realer Körper Eintausendsiebenhundert Jahre später in der Zukunft existierte. Sie redete sich ein, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen und gigantischen Realitätstraum handelte. In ihren Träumen wie viele andere Menschen wahrscheinlich auch hatte sie schon sexuelle Vorstellungen mit irgendwelchen Personen gehabt, die sie im Laufe der Zeit kennengelernt hatte. Einmal hatte sie sogar von General Blankenstein geträumt und war mit einem Grinsen im Gesicht aufgewacht. Überhaupt suchte sie sich im Allgemeinen ihre Sexualpartner aus und wenn sie es darauf anlegte, konnte ihr kaum jemand widerstehen. Dabei legte sie keinen Wert auf eine dauerhafte Beziehung und letztlich liefen ihre sexuellen Kontakte nur auf One-Night-Stands hinaus. Für einen festen Partner hatte sie keinen Platz in ihrem Leben. Egal wie es kommen sollte, genau so würde sie es auch hier halten und der Gedanke daran erregte sie leicht.

Mit diesen Überlegungen beschäftigt näherte sie sich einer Ortschaft.

Das Dorf war etwas größer als das von Tullius und auch in ihm entdeckte sie eine Schmiede. Hier sah sie auch zum ersten Mal römische Legionäre, die vor einer Herberge saßen und mit einem Becher Wein in der Hand in der Frühlingssonne dösten.

Diana zog die Kapuze ihres Ponchos über und steuerte die Schenke an. Sie ging an den drei Legionären vorbei, die sie keines Blickes würdigten und betrat einen recht dunklen Raum, in dem eine Reihe grob gezimmerte Bänke an den Wänden standen davor ein paar lange Tische.

 

 

„Didius, das ist die Bardin, von der ich dir erzählt habe“, rief eine weibliche Stimme vom Ausschank her. Eine rundliche Frau kam hinter dem mächtigen Tisch hervor, auf dem ein großes Fass und mehrere Krüge standen, und begrüßte Diana wie eine alte Freundin.

„Ich habe dich gestern Abend gehört, aber leider nicht deinen gesamten Vortrag“, sagte sie bedauernd. „Es ist ein relativ weiter Weg zurück und ich wollte nicht des Nachts unterwegs sein, obwohl die Gegend dank dir ja wieder sicherer geworden ist.“

„Dank mir?“, fragte Diana erstaunt. Der Buschfunk schien hier besonders gut zu funktionieren, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Wir wissen hier alle darüber Bescheid, dass du Festus erledigt hast. Aber deine Musik!

Ich habe hier allen davon erzählt, doch sie glauben mir nicht. Würdest du heute Abend für uns singen und aufspielen? Du bekommst auch eine warme Mahlzeit und eine eigene Kammer.“

Eigentlich hatte sie vor, direkt bis nach Trier zu marschieren, aber auf einen Tag kam es auch nicht an. Außerdem hoffte sie, an mehr Informationen zu gelangen, da das Dorf etwas größer war und sich zudem näher an der Machtmetropole befand.

Ein dicker Mann kam aus der Küche und wischte sich an seiner Schürze die Hände ab. Das musste Didius der Wirt sein.

„Meine Frau hat dich in den höchsten Tönen gelobt und wir würden uns freuen, wenn du heute Abend bei uns aufspielen würdest. Ich bin übrigens Didius, der Besitzer dieser Herberge.“

„Ich bin Diana und ich nehme dein Angebot gerne an. Allerdings besitze ich selbst keine Lyra.“

„Das ist kein Problem. Die werden wir dir besorgen. Nimm draußen Platz. Meine Frau wird dir gleich etwas zu essen bringen.“

„Aber bitte kein Puls“, lächelte Diana. „Ich habe seit einer Woche nichts anderes gegessen. Ich bezahle auch dafür.“

„Nein, beim Jupiter. Und du musst auch nichts bezahlen“, sagte Didius, als er Diana nach draußen begleitete. „Das ist diejenige, die Festus erledigt hat“, rief er den Legionären zu, als er Diana einen Tisch zuwies. „Und sie kann auch singen. Heute Abend wird sie für uns spielen.“

Die drei Legionäre wandten ihre Köpfe und schauten Diana skeptisch an.

„Du willst Festus erledigt haben?“, rief ihr ein vierschrötiger Soldat belustigt zu, dessen Helm einen roten Busch aufwies und den er neben seinem Stuhl platziert hatte.

„Ich hatte Glück“, sagte Diana bescheiden, da sie ihre wahre Identität nicht gerne offenbaren wollte.

„Von wegen“, fuhr Didius sehr zum Ärger Dianas dazwischen. „Wie mir berichtet wurde, hat sie ihn in einem Zweikampf ganz allein zur Strecke gebracht.“

Die Aussage des Wirtes hatte die Soldaten neugierig gemacht und nun schauten sie Diana mit anderen Augen an.

„Dürfen wir dir Gesellschaft leisten?“, fragte der ältere Legionär, welcher wohl der Vorgesetzte der anderen Legionäre war, in nun etwas ehrfürchtigem Ton.

„Nur zu“, antwortete Diana und bat die Männer zu sich. Einerseits war sie nicht bereit, den Soldaten die wahre Geschichte zu erzählen, andererseits hatte sie nun einen, für sie wertvollen Kontakt gewonnen, aus dem sie die politische Situation analysieren konnte. Und Menschen auszuhorchen, das war sie gewohnt.

Die Soldaten erhoben sich, kamen zu ihrem Tisch und setzten sich.

„Ich bin Optio Marco und das sind Fibius und Decimus. Wir haben von den Ereignissen gehört, die in dem Dorf passiert sind. Und du warst dabei?“

Sie kauften also Didius die Geschichte um ihre Person nicht ganz ab und das war gut so.

„Ich bin Diana“, stellte sie sich vor. „Du weißt, dass die Leute gerne übertreiben und immer etwas dazugedichtet wird. Aber ich will euch gerne von den Ereignissen berichten.“

„Du kommst nicht aus dieser Gegend?“

„Nein, ich komme aus Germanien“, nahm sie ihre alte Vita wieder auf.

„Ja, das erklärt dein fürchterliches Latein und deine blonden Haare“, lachte Marco.

„Aber in unseren eigenen Reihen gibt es viele, die gar kein richtiges Latein mehr sprechen. Die meisten der Legionäre werden von irgendwo her rekrutiert. Richtige Römer findet man kaum noch.“

„Aber du bist einer?“, fragte Diana, die genau bemerkt hatte, worauf Marco hinaus wollte.

„Und ob. Ich bin in der Subura geboren“, antwortete er voller Stolz und Diana schaute ihn scheinbar voller Ehrfurcht an, was ihm natürlich sehr schmeichelte.

„Diese beiden Tölpel zum Beispiel kommen hier aus der Gegend, aber dafür sind sie auch nur normale Legionäre“, schwadronierte er weiter und zeigte auf seine Untergebenen.

Diana dachte an einen ihrer Einsätze zurück. Der Bezirk Monti, wie die Subura in neuerer Zeit hieß, hatte sich in Hinblick auf die Antike, was deren Bewohner betraf, nicht sonderlich verändert. Man bekam dort alles, was das Männerherz begehrte. Von Frauen über Drogen bis hin zum Glücksspiel. Marco war also ein Kind der Gosse, was es ihr erleichterte, ihn auszuhorchen.

„Was macht ihr eigentlich hier? Hier ist doch keine Garnison in der Nähe stationiert.“

„Wir kommen aus Neviomagus und sollten Jagd auf Festus machen“, entgegnete der Optio.

Und die Schenke ist dafür der geeignete Ort, dachte Diana amüsiert.

„Aber dem hast du ja wohl den Garaus gemacht. Morgen werden wir wieder in unsere Garnison zurückkehren und Bericht erstatten. Es wäre schön, wenn du uns begleiten könntest. Dann hätten wir einen lebenden Zeugen. Aber erzähl doch mal. Wie habt ihr die Bande überrumpelt?“

„Sie haben eines Nachts das Dorf überfallen und einer von ihnen kam in die Hütte gestürmt, in dem ich ein Obdach hatte. Er hat mich nicht gesehen, da ich in einer Ecke des Raums schlief und ich habe ihn von hinten überwältigt. Das meiste haben die Dorfbewohner selbst erledigt und Festus, na ja, da hatte ich wohl einfach unverschämtes Glück. Er rang mit drei Dörflern und ich habe ihn mit dem Messer erwischt. Du siehst, so schnell können Legenden entstehen.“

Marco lachte. „Einen Zweikampf mit ihm hätte ich mir bei deiner Statur auch gar nicht vorstellen können. Und du singst und spielst heute Abend hier?“

„Das wird sie“, wurde Marco vom Wirt unterbrochen, der Diana das Essen und den Soldaten neuen Wein servierte. Diana schaute auf die Speise und ein verführerischer Geruch ging von der Mahlzeit aus.

„Hirschragout und frisches Brot“, grinste Didius. „Das ist etwas anderes als Puls. Lasse es dir schmecken.“

Für Diana war die recht einfache Mahlzeit nach einer Woche Getreidebrei ein lukullischer Genuss. Ihre Geschmacksnerven explodierten förmlich, als sie den ersten Bissen in den Mund nahm.

„Einfach köstlich“, strahlte sie Didius an, bei dem sich sichtlich stolz ein Grinsen in sein Gesicht stahl.

„Sag mal Marco, ich habe Gerüchte gehört, dass ihr bald nach Süden aufbrechen werdet?“, fragte Diana den Optio wie beiläufig von der Seite anschauend, als sie sich einen weiteren Löffel vom Ragout in den Mund schob.

„So ist es. In einer Woche geht es los. Wir haben schon die Befehle zum Ausrücken bekommen und dann setzen sich vierzigtausend Mann in Bewegung um Maxentius den Arsch zu versohlen“, sagte er in weinseliger Stimmung. Die beiden Legionäre stießen ihn von der Seite an, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Der Tross wird vom Kaiser in Begleitung von Helena, seiner Mutter, selbst angeführt. Das wird ein Spaß werden“, lallte er und goss sich eine weitere Schale Wein ein.

Perfekt, dachte sich Diana. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

„Ihr kommt später zu meiner Vorstellung?“

„Natürlich. Heute ist unser letzter Abend hier und das wird gefeiert“, lachte Marco.

Diana beendete ihre Mahlzeit, verabschiedete sich von den Soldaten und kehrte mit der blitzblanken Schüssel in die Schenke zurück.

Beim Eintreten bemerkte sie einen Mann, der scheinbar teilnahmslos an einem Tisch in einer Ecke saß und ebenfalls eine Schüssel mit Essbarem vor sich hatte. Er war recht klein, seine Hautfarbe war leicht gebräunt und sein Haar war schwarz und lockig.

Der Mann selbst war unscheinbar, aber seine wachen Augen verrieten Diana, dass er nicht zufällig hier saß. Wenn sie sich nicht arg täuschte, und in solchen Sachen irrte sie sich eigentlich nie, beobachtete er jede ihrer Bewegungen.

„Du scheinst ja richtig ausgehungert gewesen sein“, rief Didius ihr zu, als sie die leere Schale auf den Schanktisch stellte. „Komm mit, ich zeige dir deine Kammer.“

Sie folgte ihm zu einer Stiege, die nach oben führte und betrat einen schmalen Korridor, wo sie ein paar Türen erblickte, die rechts und links von diesem abgingen. Vor einer dieser Türen machte Didius halt und öffnete sie. Diana betrat das kleine Zimmer und sah nach einer Woche ein richtiges Bett auf dem eine mit Stroh gefüllte Matratze lag. Auf dieser befand sich eine Wolldecke.

Die Kammer war sauber und enthielt noch einen Tisch, einen Hocker sowie eine Truhe für die Aufbewahrung der Kleidungsstücke. Didius ging zu einem kleinen Fenster und öffnete die Luken.

„Das Zimmer geht nach hinten raus und ist ruhig“, erklärte er ihr. „Dort unten ist der Abort, gleich die Stiege hinunter.“

Er zeigte auf einen kleinen Holzverschlag auf der rechten Seite des kleinen Hinterhofs.

„Ich freue mich darauf, wieder einmal in einem Bett zu liegen“, dankte sie Didius.

„Aber ich möchte mich noch ein bisschen in der Gegend umschauen. Es ist ja noch genug Zeit.“

Eigentlich hatte sie vor, sich für ein Stündchen hinzulegen, aber der Mann in der Schenke hatte ihre Neugierde geweckt.

„Gibt es hier im Dorf einen Händler und wie heißt dieser Ort überhaupt?“

„Du bist in Spicarium und etwas weiter unten findest du einen kleinen Markt, auf dem du vieles kaufen kannst.“

„Ich brauche ein neues Gewand, ein paar Sandalen und noch ein paar andere Kleinigkeiten.“

„Die findest du dort bestimmt“, sagte Didius, als sie ihm hinunter in den Schankraum folgte.

Diana ließ ihren Blick schweifen, konnte den Mann aber nirgends entdecken. Sie verließ Didius’ Schenke und ging in die Richtung, die ihr der Wirt gewiesen hatte. Das Dorf war wesentlich größer als das von Tullius und auch die Hütten waren geräumiger. Man merkte, dass man sich im Dunstkreis der Residenzstadt befand und nach kurzer Zeit erreichte sie den Marktplatz.

Dort boten Händler ihre Waren feil und sie steuerte einen Stand mit Kleidungsstücken an. Sie kaufte sich ein paar Sandalen, eine zweite Tunika und erstand eine schöne Bogenfibel aus Bronze. Anschließend wanderte sie weiter an den Ständen der Händler vorbei und beäugte neugierig deren Waren. Ein Händler bot Blankwaffen aus Eisen an und Diana erwarb zwei schmale Dolche, die ihr gut in der Hand lagen.

Ein weiterer Stand bot Toilettenartikel feil. Dort erwarb sie einen Kamm aus Horn, einen, aus Holz gefertigten Pinsel, Knochenmehl für die Zahnpflege, ein kleines Besteck, das aus einem Ohrlöffel, einer Nagelfeile und einer Pinzette zum Zupfen der Augenbrauen sowie einen kleinen Spiegel aus polierter Bronze bestand. Sie entdeckte sogar eine Art von Make-up. Als Kajal diente etwas Kohlenstaub und für Rouge gab es einen kleinen, barrenförmigen Stift, den man befeuchten musste, um die Farbe aufzulegen. Als sie mit dem Händler um den Preis feilschte, erkannte sie aus den Augenwinkeln den Mann aus der Schenke wieder, der sie offensichtlich beobachtete.

Sie schlenderte scheinbar ziellos weiter über den kleinen Markt und behielt ihn im Auge. Als sie an einem der letzten Stände angekommen war, huschte Diana schnell nach links und verschwand hinter den Aufbauten. Dann schlug sie einen Haken und lief ein Stück zurück. Sie sah, dass der Mann mit schnellen Schritten auf den Stand zueilte und gleichfalls um die Ecke bog.

Dort schaute er sich verwirrt um, schüttelte leicht mit dem Kopf und betrat wieder den Markt, auf dem er sich aufmerksam umsah. Dann entfernte er sich und Diana kam aus ihrer Deckung. Sie konnte sich das Ganze nicht erklären. Wer konnte sich für ihre Person interessieren und vor allem: warum?

Es hatte sich herumgesprochen, dass sie sich in Didius’ Schenke aufhielt und dort am Abend auftrat. Warum dann die komplette Beschattung. Sie hatte das Gefühl, dass es etwas mit der Geschichte um Festus zu tun und sie irgendjemandes Aufmerksamkeit geweckt hatte. Als sie aus ihren Gedanken erwachte, hatte sie sich schon ein gutes Stück aus dem Dorf entfernt. Sie erblickte einen großen, eigenartigen, wie einen Finger geformten Felsen und aus einer Laune heraus nahm sie die Hasenfibel, die sie von Julia erhalten hatte und vergrub sie am Fuße des Felsen. Über die Fibel legte sie einen flachen Stein, der das Kleinod vollkommen abdeckte und auf dem Felsen brachte sie eine Markierung an, die wie eine Schlange aussah. Anschließend kehrte sie in die Richtung zurück aus der sie gekommen war und nach kurzer Zeit betrat sie wieder das Dorf, um zur Schenke zurückzukehren. Dort sah sie schon von Weitem ihren „Schatten“, der vor dem Gasthaus bei einem Becher Wein saß. Diana nahm an einem der anderen Tische Platz und orderte ebenfalls einen Falerner bei Didius.

„Wollen wir nicht mit dem Versteckspielen aufhören?“, fragte sie wie beiläufig in Richtung des Mannes, der überrascht seinen Kopf hob und sie erstmals direkt anschaute.

„Wie meinst du das?“, fragte er in einem eigenartig klingenden Tonfall.

„Du verfolgst mich seitdem ich hier angekommen bin. Denkst du, ich hätte das nicht bemerkt?“

Ertappt quälte er sich zu einem schiefen Grinsen.

„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte er Diana.

„Ich bitte sogar darum, weil ich ein neugieriger Mensch bin. Ich kenne hier in dieser Gegend niemanden und es interessiert mich daher schon, welches Interesse ich bei wem geweckt habe. Und bitte lüg mich nicht an. Das erkenne ich sofort.“

Der Mann kam zu ihrem Tisch und setzte sich.

„Du bist kein Römer?“

„Nein, mein Name ist Theophanos. Ich bin Grieche.“

„Ah, ein Freigelassener. Daher dein merkwürdiger Tonfall. Und nun zu deiner Mission.“

„Es geht nicht um dein Lyraspiel und deinen Gesang.“

„Das hatte ich auch nicht vermutet. Und da ich hier bisher nur noch für eine andere Sache bekannt bin, geht es wahrscheinlich darum.“

„Deine Tat hat sich herumgesprochen und zwar schneller als du es vermutet hast.

Zwei Tage nach dem Überfall auf das Dorf war man in Augusta Treverorum darüber schon im Bilde und man wurde neugierig auf die Frau, die einen ehemaligen Gladiator erledigt hat. Wir wissen auch aus zuverlässiger Quelle, dass du nicht nur Glück gehabt hast. Unser Informant hat uns erzählt, dass du außerdem drei weitere Banditen zur Strecke gebracht hast und das alles nur mit einem Pugio bewaffnet.“

„Die Lyra schien mir dazu nicht besonders geeignet“, lächelte Diana und Theophanos lachte laut auf.

„Du hast Humor“, sagte er immer noch lachend. „Aber jetzt mal im Ernst. Du hast für eine Gemeinschaft von Bauern dein Leben riskiert und das in einer Art und Weise, die uns in unserer Ansicht bestärkt hat, dass du genau wusstest was du tust.“

„Du redest in der Mehrzahl. Daher gehe ich davon aus, dass du keinesfalls alleine handelst, sondern im Auftrag von jemandem, der meine, sagen wir mal speziellen Fähigkeiten zu schätzen weiß.“

„So ist es. Meine Herrschaft wünscht dich persönlich kennenzulernen, um sich selbst ein Bild von dir zu machen. Daher wollte ich dich zunächst unauffällig beschatten, aber da habe ich gründlich versagt. Andererseits zeigt mir das, dass wir uns in deiner Person nicht getäuscht haben. Du magst ja eine Art Bardin sein, aber das ist ja wohl nur eine Tarnung.“

„Nein, da liegst du falsch. Ich habe nie vorgehabt mich zu tarnen oder andere zu täuschen. Dass ich singe und spiele ist einfach nur im Moment eine Möglichkeit, mich finanziell über Wasser zu halten.“

„Sei es drum. Ich möchte, dass du mich morgen nach Augusta Treverorum begleitest und ich dich meinem Herren vorstelle.“

Diana konnte ihr Glück kaum fassen. Die römische Geschichte war zwar nie ihr Fachgebiet gewesen, aber etwas kannte sie sich in den Hierarchien der Antike aus. Agenten von der Art von Theophanos wurden ausschließlich vom Kaiserhaus entsandt. Also musste sein Auftraggeber aus dem direkten Dunstkreis um Constantin stammen.

„Höre dir an was er von dir möchte und du kannst frei entscheiden, ob du in seine Dienste eintreten willst. Falls nicht, kannst du wieder deiner Wege ziehen.“

„Ich bin einverstanden und höre mir gerne an, was er mir zu sagen hat.“

„Gut, dann lass uns unsere Übereinkunft bei einem weiteren Becher Wein besiegeln.

Wirt, eine Amphore vom besten Wein, den du zu bieten hast. Und verschone uns mit diesem wässerigen Gesöff hier.“

Didius kam eilig heran und schenkte den beiden den Wein nach. Diana, als Kennerin, wusste diesen Tropfen sofort zu schätzen und war von dessen Qualität überrascht. Es war ein Rotwein und sie schwenkte kräftig den Becher, um das Aroma aufzunehmen. Dann schlürfte sie das Getränk in den Mund, umspülte den gesamten Mundbereich und nahm so die Note auf.

„Ein ausgezeichneter Tropfen“, sagte sie zu dem Griechen, der ihre Prozedur staunend betrachtete.

„Das ist nicht das erste Mal, dass du einen guten Wein genießt“, stellte er fest.

„Nein“, lachte Diana. „Ich habe schon ganz andere Weine genießen dürfen. Aber ich muss dich jetzt verlassen, um mich etwas auf mein Vorspiel vorzubereiten. Du kommst ebenfalls?“

„Als wenn ich mir das entgehen lassen würde. Man erzählt hier wahre Wunderdinge über dich. Du sollst der Lyra Töne entlocken, die noch nie zuvor jemand gehört hat und auch die Musik und dein Gesang soll recht eigentümlich klingen.“

„Das ist Musik aus meiner Heimat und in meiner Muttersprache. Du merkst selbst, das mein Latein nicht das Beste ist.“

„Von woher stammst du?“

„Mein Land liegt sehr weit von den Grenzen des römischen Imperiums entfernt“, wich Diana vielsagend aus.

„Damit muss ich mich wohl zufrieden geben“, sagte Theophanos ein wenig enttäuscht.

„Vielleicht erzähle ich dir später mehr von mir, aber jetzt muss ich wirklich los.“

Sie verabschiedete sich von ihm und ging nachdenklich in ihre Kammer zurück. Dort fand sie auf ihrem Bett eine Lyra vor, die ihr Didius wie versprochen besorgt hatte. Sie stimmte das Instrument so gut es ging und hing ihren Gedanken nach. Es erschien ihr schon recht merkwürdig, nach so kurzer Zeit ihres Aufenthaltes in dieser Zeit, dass sie an den Kaiserhof gelangen sollte aber sie nahm es mit einem gewissen Gleichmut hin. Und natürlich war sie ein wenig aufgeregt, nicht wegen der Aufgaben, die man wahrscheinlich von ihr verlangte. Sie war dabei, zu einem Stück Zeitgeschichte zu werden und musste höllisch aufpassen, dass sie kein Zeitparadoxon verursachte, welches fatale Folgen haben konnte.

Nachdem sie sich etwas frisch gemacht hatte, nahm sie die Lyra und verließ den Raum.

Alle Plätze in der Schenke waren besetzt und sogar draußen vor der offenen Türe standen Scharen von Menschen. Didius und seine Frau wuselten zwischen ihren Gästen hin und her und servierten Wein und Met. Als Diana den Schankraum betrat, erstarben die Stimmen und es wurde ruhig. Alle starrten sie wie gebannt auf die „Bardin“, von deren fremdartiger Musik sie gehört hatten. Diana setzte sich auf einen Hocker, stimmte noch einmal kurz ihr Spielgerät und wandte sich an die Besucher.

„Es freut mich sehr, dass so viele gekommen sind um meine Balladen zu hören. Stört euch bitte nicht an der Sprache in der ich sie präsentiere. Ich hoffe, es gefällt euch allen.“

Ganz vorne erblickte sie Theophanos und auch die drei Legionäre hatten sich eingefunden und schauten sie mit einem Becher Wein in der Hand erwartungsvoll an. Sie nickte dem Griechen und den Soldaten kurz zu und begann mit ihrer Vorstellung.

Als Erstes spielte sie wieder eine Ballade von Neil Young, aber diesmal „Heart of Gold“.

Es war mucksmäuschenstill, als sie den ersten Song beendete und ein Raunen ging durch den Raum. Im Anschluss spielte sie zwei Songs von den Beatles und von Simon and Garfunkel „Scarborough Fair“. Dann setzte sie die Lyra ab und nahm einen Schluck Falerner. Nach einigen weiteren ebenfalls umjubelten Liedern beendete sie ihre Darbietung mit „Wish you were here“ von David Gilmour. Sie bedankte sich bei ihrem Publikum und wollte sich erheben aber die Leute stürmten auf sie zu und gaben ihrer Begeisterung Ausdruck.

„Das war die eigenartigste Musik die ich je vernommen habe“, hörte sie Theophanos Stimme neben sich. Er nahm ihren Arm und die beiden setzten sich an den von ihm reservierten Tisch. Didius beachtete ihn nun mit besonderer Aufmerksamkeit, da ihm nicht entgangen war, dass er anscheinend einigen Einfluss besaß und schenkte den beiden den gleichen Wein vom Nachmittag ein.

„Das war nur sehr mittelmäßig“, räumte Diana lächelnd ein. „Die Künstler, die das Original singen, hätten mich wahrscheinlich wegen meines Vortrags gesteinigt.“

„Sieh dich um. Du hast alle begeistert. Es klingt alles so einfach aber doch so fremdartig. Woher kommst du wirklich? Möchtest du es mir verraten?“

„Aus dem Süden des Germanenlandes“, sagte sie.

„Du hast Familie?“, fragte der Grieche sie.

„Nur einen Bruder zu dem ich kaum Kontakt habe“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Ich bin eine einsame Seele auf der Wanderschaft, niemandem Rechenschaft schuldig und daher habe ich dein Angebot gerne angenommen. Außerdem bin ich neugierig, wie es am Hof des Kaisers zugeht.“

„Ich habe die Residenz Constantins mit keinem Wort erwähnt.“

„Wer sonst wenn nicht ein Mitglied des Hofstaates setzt Spione ein.“

„Du bist sehr scharfsinnig. Ich denke, dass du die Person, die ich dir vorstellen werde, mögen wirst. Sie besitzt einen ebenso wachen Verstand wie du.“

„Wir werden sehen. Ich werde mich jetzt in meine Kammer begeben. Wann ziehen wir los?“

„Nach dem Morgengrauen, wenn es dir recht ist.“

„Sehr gerne. Ich bin zwar kein Frühaufsteher aber wir haben ja noch ein ganzes Stück des Weges zu gehen.“

Diana verabschiedete sich und ging hinauf in ihr Zimmer. Der Tag war lang gewesen und hatte ihr einige Überraschungen beschert. Morgen würde sie nach Trier kommen und sie war gespannt darauf, wie die Stadt in dieser Zeit aussah. Sie hatte einmal einen Kurztrip dorthin gemacht und das Imposanteste war natürlich die „PORTA NIGRA“ gewesen. Dann hatte sie die Ruinen der Kaiserthermen besichtigt und sie war fest entschlossen, diese im intakten Zustand aufzusuchen.

 

 

 

Augusta Treverorum

(Trier)

 

1.

 

Als Diana am nächsten Morgen mit ihrem Beutel den Schankraum betrat, sah sie Theophanos bereits an einem der Tische sitzen.

„Guten Morgen“, lachte er sie an und schien sehr gute Laune zu haben.

„Salve“, knurrte Diana zurück und ließ sich noch etwas verschlafen wirkend neben ihn nieder.

Didius kam mit Brot, Käse und einem Krug Wasser und stellte alles vor den beiden auf den Tisch.

„Du warst gestern Abend großartig. Meine Frau hat recht daran getan, dich zu einem Gastspiel zu überreden und wir hätten dich gerne noch ein paar Tage länger bewirtet. Wenn ich an die Umsätze denke … So viel habe ich selten eingenommen“, sinnierte er.

„Ich muss leider weiter“, sagte sie.

„Ist recht so. Es war trotzdem ein Vergnügen“, antwortete Didius und verzog sich wieder in seine Küche.

Bald danach brachen die beiden auf, um sich nach Augusta Treverorum zu begeben. Es war ein herrlicher Tag und die Frühjahrssonne spendete schon recht viel Wärme.

„Wie ist das Leben so bei Hofe?“, erkundigte sich Diana bei ihrem Begleiter, als sie die VIA AGRIPPA zwischen langsam dahinziehenden Ochsengespannen entlangwanderten.

„Eigentlich sehr ruhig und relativ unkompliziert. Das tatsächliche Regiment schwingt die Mutter des Kaisers, Julia Helena. Sie ist auch seine Ratgeberin in allen Belangen. Zwar ist Constantin bereits zweiunddreißig Jahre alt, aber sie ist eine hervorragende Diplomatin.“

Und spätere Heilige der Römisch-katholischen Kirche, dachte Diana bei sich.

„Die ich vielleicht kennenlernen werde?“, schoss Diana einen Versuchsballon ab.

Theophanos’ Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

„Unter Umständen“, antwortete er vage.

 

 

Langsam näherten die beiden sich der Stadt und der Zustrom der Menschen wurde reger.

Dann sah sie aus der Ferne das Tor, durch das sie Eintausendsiebenhundert Jahre später geschritten war. Die PORTA NIGRA. Sie hatte das Tor schwarz in Erinnerung, daher auch der Name, aber im Original schimmerte ihr weißer Sandstein im Licht der nun hochstehenden Sonne entgegen.

„Die PORTA MARTIS“, zeigte Theophanos auf das Bauwerk. „Sie ist der nördliche Zugang nach Augusta Treverorum. Neben ihr gibt es noch drei weitere Tore zur Stadt, natürlich, wie bei allen römischen Städten, jedes in einer Himmelsrichtung.“

Schon vor der eigentlichen Stadt kamen sie an Siedlungen vorbei, die sich im Dunstkreis von Augusta Treverorum gebildet hatten. Sie bemerkte etliche Gasthäuser, vor denen grell geschminkte Huren saßen sowie kleine Handwerksbetriebe, deren Besitzer eifrig vor sich hin werkelten.

„Das Amüsierviertel für unsere Legionäre“, verzog Theophanos sein Gesicht.

„Das du natürlich nicht besuchst“, grinste Diana ihn spöttisch an.

„Wo denkst du hin, außer es ist beruflich. Mögen mich die Götter davor bewahren. Welchem Glauben hängst du an?“

„Ich bin Christin.“

Überrascht schaute er sie an.

„Du bist Anhängerin des neuen Glaubens?“

„Nun, so neu ist er ja nicht. Das Christentum gibt es auch schon seit dreihundert Jahren.“

„Ja, aber es war lange verboten, diesem Glauben anzuhängen und in einigen Teilen des Reiches ist es noch heute so. Denke zurück an Galerius, der die Christen ans Kreuz geschlagen hat und auch Maximianus war kein Anhänger eurer Religion, genau wie sein Sohn Maxentius.“

„Und wie steht es hier?“

„Constantin steht dem liberal gegenüber, obwohl er selbst wohl kein Christ ist, im Gegensatz zu seiner Mutter. Sie ist getaufte Christin aber wirkt in dieser Beziehung nicht auf ihn ein. Ich sagte ja bereits, du wirst sie mögen“, lächelte er Diana schelmisch an.

„Also sie ist dein Herr, besser gesagt deine Herrin.“

„So ist es. Nachdem was sie über dich vernommen hatte, war sie erpicht darauf, dich kennenzulernen, zumal man ihr auch von deiner musischen Ader berichtet hat. Du musst zugeben, dass passt nicht ganz zusammen.“

„Ich habe dir ja erklärt, dass ich keine richtige Musikerin bin. Das was ich vortrage, können in meiner Heimat viele, wenn sie abends an einem Lagerfeuer sitzen.“

 

 

Mittlerweile hatten sie das Stadttor passiert und Diana staunte über die Planung, wie diese Stadt praktisch auf dem Reißbrett errichtet worden war. Alles war rechteckig angeordnet und die Straßen zogen sich schnurgerade durch die Stadt. In einiger Entfernung sah sie einen großen Platz, der von Götterstatuen und imposanten Gebäuden umringt war.

„Das Forum“, erklärte Theophanos. „Dort spielt sich das politische wie auch das Geistige Leben ab. Die Palastanlagen befinden sich rechts dahinter.“

Vor dem Forum begaben sich die beiden nach rechts und Theophanos ging auf ein riesiges Gebäude zu, vor dem ein paar Wachen standen, die, als sie ihn erkannten, salutierten. Mit ihm zusammen betrat sie den Herrschersitz des Augustus und war über dessen Pracht einfach sprachlos. Für Diana waren pompöse Dekorationen in der Innenarchitektur kein ungewohnter Anblick, aber das hier stellte alles in den Schatten, was sie bisher gesehen hatte. Dabei musste man natürlich berücksichtigen, dass sie sich in der Antike befand. Alles war überdimensioniert und die ganze Auskleidung des Vestibüls bestand aus Marmor. Sie betrat einen großen Garten, der mit zahlreichen kleinen Teichen bestückt war und überall waren Gärtner mit ihren Arbeiten beschäftigt. Im hinteren Teil des Gartens erblickte sie eine hochgewachsene, ältere Frau, die sich liebevoll mit dem Beschneiden eines Rosenbuschs beschäftigte.

Der Grieche bewegte sich mit Diana langsam auf sie zu und als sie sich näherten, blickte die Frau zu den beiden auf. Theophanos machte eine tiefe Verbeugung.

„Herrin, das ist die Frau, nach der du geschickt hast.“

Auch Diana machte eine Verbeugung.

„Es ist mir eine große Ehre, edle Julia Helena“, sagte sie mit einem leichten Zittern in ihrer Stimme.

 

 

2.

 

Prüfend streifte der Blick Helenas über Dianas äußere Erscheinung.

„Du scheinst nicht sonderlich überrascht zu sein mich zu sehen“, sagte sie mit angenehmer, dunkler Stimme und ein tadelnder Blick streifte Theophanos.

„Du hast mir nicht aufgetragen deinen Namen nicht zu nennen, edle Dame“, antwortete er mit einem schelmischen Lächeln, welches Diana so deutete, dass eine gewisse Vertrautheit zwischen den beiden bestand. Helena verzog ihren Mund ebenfalls zu einem Lächeln und nickte.

„Da gebe ich dir recht. Also weißt du warum ich nach dir geschickt habe?“, wandte sie sich wieder an Diana.

„Das allerdings hat er mir verschwiegen, jedenfalls die Details. Dass es nicht nur um meine musikalischen Fähigkeiten geht ist mir schon klar.“

„Das stimmt. Lass uns nun alleine, Theophanos. Je weniger Ohren das hören, was ich mit unserem Gast zu besprechen habe, desto besser.“

„Aber Herrin“, wandte er erschrocken ein. „Du kennst sie nicht und …“

„Hast du etwa Angst um meine Gesundheit?“, schaute sie ihn mit spöttischer Miene an.

„Der Palast wimmelt von Leibwachen …“

Die dich auch nicht retten könnten, dachte Diana im Stillen bei sich.

„… und ich selbst könnte mich auch recht gut zur Wehr setzen. Vergiss nicht, was ich in meinem früheren Leben gemacht habe.“

Soweit sich Diana erinnern konnte, war Helena nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Sie stammte, wenn man den Chronisten Glauben schenken durfte, aus einer Provinz in der heutigen Türkei, die am Schwarzen Meer gelegen war. Dort soll sie die Tochter eines Schankwirtes gewesen sein, als Constantins Vater Constantius sie kennenlernte. Aus der Verbindung der beiden entstammte der heutige Kaiser, der unehelich geboren wurde, da die beiden nie geheiratet hatten.

Während des Dialogs mit dem Griechen hatte sie die Gelegenheit, Helena näher zu betrachten. Sie war größer als die Frauen in der römischen Zeit und ihr dunkler Teint wies sofort darauf hin, dass sie nicht zur römischen Adelsschicht gehörte. Auch sonst konnte man sie nicht als Schönheit bezeichnen. Sie hatte ein rundes, bäuerliches Gesicht, das von einem energisch nach vorn gerichteten Kinn verziert wurde.

Aber, gemäß Dianas Leitspruch, sollte man sich nie vom Äußeren eines Menschen täuschen lassen. Sie war gewiss hochintelligent und weitsichtig in ihren Gedanken.

Theophanos war scheinbar beruhigt und zog sich zurück.

„Folge mir bitte in den Palast. Dort können wir ungestört plaudern“, sagte Helena und schritt in Richtung des Vestibüls, von wo aus Diana die Gartenanlagen betreten hatte.

Vorhin war ihr schon ein kleines, rundes und unscheinbares Gebäude aufgefallen, das aus roten Ziegeln bestand und eigentlich nicht in diese pompöse Umgebung passte. Helena bemerkte ihren Blick.

„Meine Kapelle. Dort verrichte ich meine Gebete“, erklärte sie beiläufig.

„Darf ich sie mir von innen anschauen?“, fragte Diana. Wer hatte schon die Gelegenheit, eine intakte Kapelle aus der Frühzeit des Christentums zu bewundern.

„Sehr gerne. Wenn es dich nicht stört dass, es kein römischer Tempel ist.“

Helena öffnete die kleine Pforte und Diana folgte ihr ins Innere des kleinen Gotteshauses. Dort erspähte sie wunderschön gemalte Fresken mit christlichen Motiven und an der kuppelartigen Decke thronte ein Bildnis Jesu Christi mit einer Strahlenkrone.

Der Altar war recht schlicht gehalten und im Grunde genommen ein steinerner Tisch, auf dem sich ein bronzenes Labarum und ein tönerner Kelch befanden.

Vor dem Altar kniete Diana nieder und sprach auf Deutsch, so wie sie es gewohnt war, das Vaterunser.

Überrascht schaute sie Helena an.

„Du bist Christin?“, fragte sie Diana verblüfft.

„Als Christin geboren und getauft“, lächelte Diana, als sie ihr Gebet beendet und sich bekreuzigt hatte.

„Und die Sprache, die du benutzt hast?“

„Ist meine Muttersprache.“

Die beiden Frauen knieten eine Weile in ihrer Andacht und erhoben sich schließlich.

„Du schlägst das Zeichen des Herrn in einer Art, wie ich es noch nicht gesehen habe. Ist das in deiner Heimat so üblich?“, fragte Helena Diana.

„Das Zeichen über den Oberkörper meinst du? Ja, bei uns macht man das so. Mir ist auch aufgefallen, dass du nur einen Finger benutzt hast.“

„So ist es hier der Brauch, aber es kommt ja nur darauf an, den wahren Glauben zu besitzen. Meinen Sohn kann ich leider nicht davon überzeugen. Er hängt nach wie vor den alten Göttern an, vor allem SOL. Aber er toleriert den neuen Glauben und es gibt keine Verfolgungen wie unter Galerius, diesem Vielfraß und Taugenichts.“

Nachdem die beiden die kleine Basilika wieder verlassen hatten, kamen sie an einigen Prätorianer Wachen vorbei die sofort salutierten, als sich die Mutter des Kaisers näherte. Helena öffnete eine Türe und befahl den Wachen niemanden einzulassen.

„Das hier sind meine Privaträume und hier sind wir beide ungestört.“

„Warum hast du Theophanos weggeschickt? Ich hatte den Eindruck, dass ihr beide vertraut miteinander seid.“

„Eigentlich schon, aber ich kann hier niemanden mehr trauen.“

„Und mir traust du, obwohl du mich eben erst kennengelernt hast?“

„Du hast, soviel wie ich weiß, noch nie mit dem Hofe zu tun gehabt und bist also, wie soll ich es sagen, jungfräulich. Natürlich könntest du ein Spion von Maxentius sein, aber ich verlasse mich auf meine Menschenkenntnis und wiederum natürlich muss ich dich näher kennenlernen, um dir zu vertrauen. Das erfordert eine Aufgabe, die mir deine Loyalität versichert.“

„Das musst du auch. Alles andere wäre töricht und wider die Vernunft. Aber sei gewiss. Ich habe meine Gründe alles dafür zu tun, damit dein Sohn Gesamtherrscher des römischen Reiches wird.“

„Warum solltest du persönliche Gründe haben? Soweit ich weiß, kommst du weder aus den Grenzen des Imperiums, noch hast du Bindungen zu unserer Gens.“

„Das ist etwas kompliziert und vielleicht teile ich dir irgendwann meine Gründe dafür mit. Du weißt ja, das Vertrauen …“, lächelte Diana tiefgründig.

Helena lachte auf.

„Schlagfertig bist du, das muss man dir lassen, aber das gefällt mir. Kommen wir zur Sache. Mir wurde glaubwürdig berichtet, dass du einen berüchtigten Renegaten, den Ex-Gladiator Festus, im Zweikampf besiegt hast.“

„Im Zweikampf wäre etwas übertrieben. Ich habe ihm meinen Pugio in die Brust geworfen um die Sache abzukürzen.“

„Aber vorher hast du drei seiner Männer erledigt, die allesamt erfahrene Krieger waren.“

„Sie haben mich und meine Person einfach unterschätzt.“

„Und genau deshalb möchte ich, dass du mir und meinem Sohn zu Diensten bist. Deine Taten sind in der Region bekannt, aber außerhalb dieser Provinz bist du ein unbeschriebenes Blatt. Du hast sicher erfahren, dass mein Sohn einen Feldzug gegen Maxentius führen will. Das pfeifen ja mittlerweile die Spatzen von den Dächern.“

„Mir ist so etwas zu Ohren gekommen“, grinste Diana amüsiert.

„Daher benötigen wir Spione, welche die Lage vor unserem Heer auskundschaften. Und ich denke, dafür ist deine Person wie geschaffen. Als Bardin bist du eine relativ unauffällige Erscheinung, im politischen Sinne meine ich. Und da du ein außergewöhnliches Spiel beherrschst, werden dir auch die Tore zu den höheren Gesellschaftsschichten offen stehen.“

„Es geht euch also nur um das Kundschaften, nicht um das Eliminieren.“

„Du sprichst das auf eine Art und Weise aus, als wenn du nicht das erste Mal jemanden getötet hast.“

„Das habe ich auch nicht. Ich sagte dir doch schon, das Musizieren ist nicht meine hauptsächliche Profession.“

Als Helena in Dianas Augen blickte, lief ihr ein leichter Schauer über den Rücken. Ihr vorher warmer, herzlicher Blick war einer Eiseskälte gewichen.

„Schau mich nicht so entsetzt an“, sagte diese gleichmütig und ihr Blick entspannte sich.

„Ich werde in eure Dienste treten, da ich, wie ich bereits erwähnt habe, großes Interesse am Erfolg eures Plans habe.“

Helena fasste sich wieder.

„Nun gut, aber vorher habe ich einen ersten Auftrag für dich.“

„Die Nagelprobe“, lächelte Diana.

„Genau. Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass Sulpicius Valentinus, ein Tuchhändler hier aus Augusta Treverorum, ein Mittelsmann des Maxentius ist. Über ihn laufen viele Fäden des Agentennetzes zusammen und daher muss er, wie hast du gesagt, eliminiert werden. Morgen Abend gibt er einen festlichen Empfang, bei dem du als Bardin auftreten wirst. Theophanos wird dich begleiten. Allerdings weiß er nichts von deiner eigentlichen Mission.“

„Ich werde das erledigen“, sagte Diana. „Allerdings benötige ich noch ein paar Utensilien.“

„Du bekommst alles, was du für den Auftrag brauchst. Mein Majordomus wird dich mit allem versorgen.“

„Das mache ich lieber alleine. Du hast selbst gesagt, dass man hier niemandem trauen kann und das tue ich auch nicht. Ich benötige einen guten Schneider und einen fähigen Waffenschmied, der keine dummen Fragen stellt. Am besten jemanden, der auch die örtlichen Kriminellen versorgt. So kommt niemand darauf, dass der Kaiserpalast involviert ist. Es darf keine Spur zu euch geben, die man zurückverfolgen könnte. Ich habe vor, das Ganze wie einen Überfall aussehen zu lassen. Allerdings werde ich die Sache nicht morgen, sondern in der Nacht darauf durchführen und zwar allein. Morgen werde ich zunächst das Terrain sondieren.“

„Sulpicius hat mindestens vier Leibwächter“, gab Helena zu bedenken.

„Umso besser. Dann wird man niemals darauf kommen, dass ein Einzelner die Tat durchgeführt hat.“

Skeptisch sah Helena die Frau vor ihr an.

„Mach dir keine Gedanken. Ich habe so etwas schon mehr als einmal gemacht. In dieser Hinsicht kannst du mir vertrauen“, sagte Diana, als sie Helenas zweifelnde Miene sah.

„Aber eine Bitte habe ich noch. Ich brauche ein ruhiges Quartier wo ich mich vorbereiten kann und ich mich unbeobachtet fühle.“

„Etwas außerhalb der Stadt haben wir ein kleines Landgut, das für besondere Gäste reserviert ist. Dort kannst du dein Quartier beziehen. Du bekommst von mir die Losung für die Wachen, sodass du unbehelligt, auch nach Einbruch der Dunkelheit, in die Stadt gelangen kannst. Lydia, eine meiner Sklavinnen, wird dich dorthin begleiten und dir auch die Namen der Handwerker nennen.“

„Ich danke dir. Aber vorher würde ich sehr gerne die Thermen besuchen. Ich sehne mich nach einer ausgiebigen Reinigung.“

„Hast du schon einmal die Thermen aufgesucht?“

„Nein, ich bin das erste Mal hier.“

„Dann begleite ich dich. Du wirst dann eine meiner Hausdamen spielen.“

„Du gehst in öffentliche Therme?“, fragte Diana sie verwundert.

„Das gehört mit zum Spiel. Gelegentlich muss sich der Adel unter das gemeine Volk mischen, um sich mit ihm praktisch solidarisch zu erklären. Natürlich werden uns dort Privatsuiten zur Verfügung gestellt, aber der Schein wird gewahrt.“

Helena klatschte in die Hände und zwei Frauen betraten ihre Gemächer.

„Das ist Diana, die Bardin, von der ihr sicher schon gehört habt. Ich habe sie in meine Dienste gestellt. Das ist Melina meine Zofe und die andere ist Katherina, die Vorsteherin meines Haushaltes. Bereitet euch vor, in die Thermen zu gehen, und vergesst nicht, die Toilettenartikel für Diana mitzunehmen. Aber vorher wollen wir noch ein kleines Mahl aus Früchten zu uns nehmen“, befahl sie den beiden Frauen, die sich diskret zurückzogen.

„Sie sind Sklavinnen?“, fragte Diana, die einen eisernen Ring an ihren Hälsen bemerkt hatte.

„Ja, natürlich. Wie auch Theophanos einer war, bevor ich ihn freigelassen habe.“

„Bei uns gibt es nur freie Menschen“, bemerkte Diana

„Rom würde ohne Sklaven nicht existieren. Das ganze Staatsgefüge würde ohne sie zusammenbrechen und daher akzeptiere ich den Status, auch wenn ich zugeben muss, dass die Sklaverei eigentlich nicht mit meinem Glauben in Einklang zu bringen ist.“

„Du bist wirklich eine außergewöhnliche Frau, für diese Zeit jedenfalls“, murmelte Diana mehr zu sich selbst.

Etwas später kamen Katherina und Melina mit einem großen Korb zurück, in dem sie die Utensilien für den Thermenbesuch der Frauen verstaut hatten, sowie einem Teller voller Früchte. Es gab Kirschen und Pfirsiche, die wohl aus den südlichen Teilen des Imperiums stammten. Nach einer Weile brachen sie auf, um die Kaiserthermen zu besuchen.

 

 

Die Anlage befand sich nur einen kurzen Fußmarsch in östlicher Richtung vom Kaiserpalast entfernt und Helena verzichtete bewusst auf eine Sänfte, damit möglichst viele Menschen sie sehen konnten. In einiger Entfernung folgten ihr zwei Soldaten der Prätorianergarde, welche die Sicherheit ihrer Person garantierten. Wo immer sie vorbei schritt, verbeugten sich die Menschen, egal welchen Standes und Helena begrüßte sie mit einem kurzen Kopfnicken.

„Das ist auch eine Art von Propaganda“, stellte Diana fest.

„Natürlich“, antwortete Helena belustigt. „Das ist der Sinn der Sache. Constantin ist darin ein Meister seines Faches. Was er dem armen Maxentius schon alles angedichtet hat; aber es wirkt und dessen Loyalität schwindet bei seinen Untertanen rapide“, grinste sie.

Sie erreichten die Kaiserthermen und die kleine Gruppe betrat das Apodyterium, den Umkleideraum. Diana staunte nicht schlecht, als sie die Wandmalereien betrachtete, welche die Wände des Raumes zierten.

„Störst du dich an den erotischen Darstellungen?“, fragte Helena sie leicht amüsiert.

„Nein, nein, überhaupt nicht, aber ich hätte das nicht in einem Umkleideraum für Frauen erwartet.“

„Die gibt es hier überall“, antwortete Helena leichthin, während sie ihr Palla, ihre Stola und ihre Tunika ablegte und diese Katherina übergab.

Auch Diana entledigte sich ihrer Tunika und trug, wie auch Helena, nur noch ihr Brustband und ihr Subligaculum. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie herausgefunden hatte, wie man diese Art von Unterwäsche überhaupt trug, aber nach einigen Versuchen hatte sie den Bogen raus. Es war eine Art von Lendenschurz und im Grunde ähnelte dieses Wäschestück einer modernen Unterhose und musste, da es keinen Gummi gab, geschnürt werden. Da sie nicht wusste, ob man die Unterwäsche in den Thermen anbehielt, schaute sie auf Helena.

„Normalerweise behält man die Wäsche an, aber hier sind wir ungestört“, bemerkte diese ihren fragenden Blick. Helena entledigte sich auch dieser Wäscheteile und Diana tat es ihr nach. Dabei fiel ihr auf, dass Helena sie erstaunt musterte und zwar dort, wo sie es von einer Frau eigentlich nicht erwartet hätte, schon gar nicht von Helena.

„Man sieht sofort, dass du keine Römerin bist“, kicherte sie.

Diana errötete als sie begriff, was Helena meinte, da ihr Blick nun ebenfalls in deren Schritt wanderte.

„Ich habe mich dort noch nie rasiert“, stotterte sie verlegen.

„Das solltest du aber. Schon alleine aus hygienischen Gründen. Kleine Tierchen haben die Angewohnheit, dass sie …“ Weiter kam sie nicht, weil sie laut losprustete und Diana in ihr folgendes Gelächter einfiel.

„Ich werde deinen Ratschlag beherzigen“, keuchte Diana um Luft ringend.

 

 

Sie folgte Helena nun ins Caldarium, dem Heißbaderaum und die beiden Frauen ließen sich in einem Wannenbad nieder.

Diana stieß ein leichtes Stöhnen aus, als sie die wohlige Wärme des Wassers an ihrem Körper spürte.

„Das habe ich so sehr vermisst.“

Ihr Körper entspannte sich augenblicklich.

„Ich vermute, dass du diese Art von Annehmlichkeit schon öfter genossen hast.“

„Ja, wenn auch nicht hier. Ich bin ja noch nicht lange in den Grenzen des Imperiums. Aber dort wo ich herkomme, habe ich schon so einigen Luxus genossen.“

Wehmütig dachte sie an die exklusive Saunawelt in München, welche sie, wenn sie sich zu Hause aufhielt, gerne besuchte und schloss voller Genuss ihre Augen.

 

 

Ein dumpfes, leises Geräusch aus der Richtung des Umkleideraumes ließ sie sofort aus ihren Tagträumen erwachen. Diana wusste sofort anhand des Geräusches, was dies zu bedeuten hatte und glitt wie eine Schlange aus dem heißen Becken. Sie nahm ihr Brusttuch, ließ es leise in das Wasser gleiten und schlich hinter einen Mauervorsprung. Durch die Nebelschwaden des heißen Caldariums sah sie die Umrisse von Helena, die das heiße Bad genoss und ebenso, wie vorhin auch sie, ihre Entspannung suchte.

Sie hatte nicht bemerkt, dass Diana das Wasser verlassen hatte. Diana spähte in die Richtung, aus der sie das Bad betreten hatten, als sie eine schemenhafte Gestalt erblickte, die vorsichtig in Richtung des Beckens schlich. Sie erkannte, dass der Schemen mit einem Dolch bewaffnet war und wickelte ihr Brusttuch um beide Handgelenke. Als der Schatten an ihr vorbeischlich, schnellte sie aus ihrer Deckung, wickelte blitzschnell den Stoff um das Handgelenk des Angreifers, welche das Messer hielt, und zog seinen Arm ruckartig nach hinten. Als sie der Gestalt den Arm auskugelte, hörte sie den Aufschrei eines Mannes. Gleichzeitig trat sie ihm von hinten in die Kniekehlen und der Mann sank auf seine Knie. Dann rammte sie ihm ihr Knie in den Nacken und er ging vollends zu Boden.

Geweckt durch den Aufschrei des Attentäters war Helena ebenfalls aus dem Wasser geschreckt und sah Diana, die, nackt auf seinem Rücken hockend, ihm nun sein eigenes Messer an den Hals setzte.

„Wer hat dich beauftragt?“, hörte sie Dianas leise Stimme. Sie schaute in die Augen der blonden Frau und nichts von ihrem warmen Ausdruck war geblieben. Fast schien es ihr, als hätte sich Diana in ein zweibeiniges Raubtier verwandelt, das seine Beute zur Strecke gebracht hatte. Der Mann schüttelte unwillig den Kopf und zu ihrem Entsetzen sah sie, dass Diana ihm ohne zu zögern ein Ohr abschnitt. Der Mann brüllte auf, aber sie war noch nicht fertig mit ihm.

Details

Seiten
329
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938647
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539060
Schlagworte
rückführung

Autor

Zurück

Titel: Die Rückführung