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Der Büffelkiller

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Büffelkiller

Copyright

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Der Büffelkiller

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Carringo will seinen kleinen Sohn Jellico zu den Brüdern vom Orden der Jünger Jesu am Pease River bringen, damit die Padres sich um den Kleinen kümmern; sein Freund, das Halbblut Chaco, begleitet ihn. Unterwegs begegnen sie Sir Jonathan Darrington, einem reichen Engländer, der mit seinem Gefolge auf Abenteuersuche ist. Dass dieser bornierte Vornehmtuer für seine Trophäensammlung nicht Halt vor der Ermordung von Indianern macht, ahnten die beiden Freunde zu dem Zeitpunkt nicht, sonst hätten sie sich selbst und Sunken Wells viel Leid ersparen können ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Die Nacht war unangenehm kalt gewesen und hatte die Freunde an den nahen Winter erinnert. Es war bereits Oktober.

Carringo hatte Jellico, seinen kleinen Sohn, vor sich im Sattel. Manchmal fuhr ihnen ein Windstoß entgegen, der den Sand vom Boden aufhob und in die Luft wirbelte. Carringo verbarg Jellico, so gut es ging, unter seiner Jacke und schützte ihm das Gesicht mit der Hand, sobald der Wind zu unangenehm wurde.

Chaco, das Halbblut mit dem narbigen Gesicht, blickte immer öfter auf den Jungen. „Wie weit ist es noch zu der Mission am Pease River?“

„Ein paar Tage werden wir schon noch reiten müssen.“ Carringo ließ die schützende Hand sinken, weil der Präriewind abgeflaut war. Er dachte an die Mission vom Orden der Jünger Jesu am Pease River, in der er die erste Zeit seines Lebens verbracht hatte.

Nun wollten sie Jellico bei den Padres lassen, damit die sich um ihn kümmert und er hoffte, dass es die frommen, freundlichen Mönche ihm nicht abschlagen würden. Eine andere Lösung sah er für seinen Sohn nicht.

Sie erreichten den Schutz eines bizarr geformten Felsens, der etwa zehn Yards in den Himmel ragte.

„Ich höre Hufschlag“, sagte Chaco.

Carringo nickte, weil er es in dieser Sekunde ebenfalls vernahm. Mit dem hin und wieder aufspringenden Wind wurde das Stampfen aus dem Panhandle heruntergetragen.

Aber noch konnten sie nichts weiter als das Buschwerk, die Kakteen und die weit verstreuten Felsen in der Red-Sandstone-Region sehen, an deren Rande sie sich bereits befanden. Das Land stieg nach Norden und Nordwesten hin allmählich an und ging dann in Hügel über.

Über einen der Hügel schob sich in der Ferne auf einmal eine braune, zusammengedrängte Masse, und von einer Sekunde zur anderen war aus dem fernen Hufschlag ein Dröhnen geworden.

„Büffel“, sagte Chaco erstaunt, richtete sich in den Steigbügeln auf und spähte aus zusammengekniffenen Augen zu der sich über den Hügel wälzenden Leibermasse. Staub quoll über den zusammengedrängten Tieren in die Höhe und verdunkelte die noch im Osten stehende Sonne.

„Tatsächlich“, murmelte Carringo und schüttelte den Kopf. „Ich hatte angenommen, die Büffel wären schon seit über zehn Jahren aus diesem Gebiet verschwunden.“

Das ferne Krachen von Schüssen hallte in das Trampeln der Hufe.

Es war nur eine kleine Büffelherde, schätzungsweise vierzig bis fünfzig Tiere. Sie hatten alle die Hügelhöhe überlaufen und jagten mit zunehmendem Tempo die Flanke hinunter nach Südwesten. Carringo und Chaco schätzten, dass die Herde fast eine halbe Meile entfernt an ihnen vorbeibrausen musste.

Kaum hatten die letzten Büffel die Ebene erreicht, tauchten zwei Reiter auf dem Hügel im wehenden Staub auf und zügelten die Pferde. Gleich nach ihnen folgte ein flacher Kastenwagen, der reichlich lang war und auf dessen Bock nur ein Mann saß. In dem Augenblick, da das Gefährt hielt, sahen die Freunde noch zwei Pferde, die eine Kutsche auf den Hügelrücken zogen. Der Kutscher auf dem Bock knallte mit der Peitsche und stob an den Haltenden vorbei, und die setzten die Pferde wieder in Bewegung.

Die Kutsche war jetzt vor den Reitern und dem Kastenwagen und folgte der Büffelherde. Manchmal war der Wagen im Staub kaum noch zu erkennen, dann wieder befand er sich seitlich der ziehenden Schwaden, die von Windstößen verwirbelt wurden.

Die Kutsche holte rasch auf und gelangte in die Nähe der Herde. Ein Gewehrlauf schob sich aus dem einen Fensterausschnitt und entlud sich. Das Krachen übertönte für die Länge eines Herzschlags das Donnern der Hufe. Ein Flammenblitz stach in die kleine Büffelherde. Ein Tier stürzte. Abermals entlud sich das Gewehr, und wieder wurde ein Büffel getroffen und brach zusammen.

Der Kutscher lehnte sich zurück, zog die Zügel an und brachte die Kutsche zum Stehen. Die beiden Reiter und der Kastenwagen erreichten das Gefährt und zügelten ihre Pferde ebenfalls.

Rasch entfernte sich die kleine Büffelherde nach Südwesten.

Carringo und Chaco schauten sich an. Jellico, der halb geschlafen hatte, war wachgeworden und weinte. Carringo beruhigte ihn, was aber erst Erfolg hatte, als die Büffel vorbei waren und das Hämmern der Hufe leiser wurde.

Indessen hatte sich der Schlag der Kutsche geöffnet, und ein Mann stieg aus.

Trotz der Entfernung erkannten die Freunde eine vornehm gekleidete, mittelgroße Gestalt mit einem hohen, schwarzen Zylinder auf dem Kopf. Der Mann trug einen knielangen, karierten Mantel. Er hatte einen weißen Schal mehrmals um den Hals geschlungen und das eine Ende weit nach unten auf dem Rücken hängen.

„Was soll das denn?“, fragte Chaco, als ein zweiter Mann aus der Kutsche stieg und einen großen schwarzen Kasten aufbaute, der auf drei dürren Beinen stand.

„Ein Fotograf. Und der andere ist zumindest wie ein Engländer angezogen. Das sehen wir uns an.“ Carringo lenkte den Rappen aus dem Schutz des Felsens und ritt weiter nach Norden.

Chaco hielt sich an Carringos Seite.

Als sie von den Männern bemerkt wurden, schlugen die beiden Reiter ihre Gewehre an. Die anderen blickten nach kurzem Umwenden wieder auf den vornehm gekleideten Mann, der einen der toten Büffel erreicht hatte und in Siegerpose einen Stiefel auf das braune Fell des erlegten Tieres stellte.

Der Fotograf stand gebückt hinter seinem Kasten und hatte sich das am Fotoapparat angebrachte Tuch über den Kopf gezogen. Da seine Position offenbar ungünstig war, hob er den Kasten wieder und rückte näher an den Engländer heran. Er gab mit den Händen aufgeregte Zeichen nach rechts und links, was bewirkte, dass der andere seine Stellung jeweils geringfügig veränderte. Schließlich hob der Fotograf die Hand über den Kopf und ließ sie so ein paar Sekunden verharren. Danach kroch er unter dem Tuch hervor und klatschte in die Hände.

Mit einem überlegenen Lächeln im aristokratisch geschnittenen Gesicht trat der Mann im karierten Mantel von dem toten Büffel weg und rückte, auf die sich nähernden Reiter blickend, seinen Zylinder zurecht.

 

 

2

Carringo und Chaco hatten ihre Pferde vor den Männern gezügelt. Die beiden Reiter ließen die Gewehre sinken. Es waren insgesamt sechs Männer, die sie vor sich hatten. Die Reiter waren wie im Westen üblich gekleidet, der eine wie ein Cowboy, der andere wie ein Scout in Wildleder, und er schien auch als solcher zu fungieren. Auch an den beiden Kutschern konnten die Freunde nichts Außergewöhnliches entdecken. Seltsame Gestalten waren nur der Fotograf und der vornehme Mann mit dem Zylinder, den langen Koteletten, dem grauen Haar und den tief in den Höhlen liegenden Augen, die mit unverhüllter Neugier auf Chaco schauten.

„Guten Tag“, sagte Carringo. Er musterte die seltsame Gesellschaft genauer und blickte zuletzt auf die erschossenen Büffel. Es waren noch relativ junge Tiere. Dann sagte er seinen Namen und stellte auch Chaco vor.

„Ihr habt es mit Sir Jonathan Darrington aus London zu tun“, sagte der in Wildleder gekleidete Reiter und grinste herablassend.

Carringo schätzte den Engländer auf etwa fünfundvierzig Jahre. Der Fotograf, sicher ebenfalls aus England stammend, mochte zehn Jahre jünger sein. Er war ein unscheinbarer, kleiner Mann im hellen Anzug. Er trug einen Bowler Hut, ein blonder Spitzbart zierte sein Kinn.

„Und wer seid ihr?“, fragte Chaco die Reiter.

„Gestatten, Allan Frazier.“ Der Kerl, der wie ein Cowboy gekleidet war, zog den Stetson Hut vom Kopf und deutete grienend eine Verbeugung an. „Ich sorge dafür, dass Sir Jonathan Darrington nichts Böses widerfährt“, Frazier zeigte auf den Mann neben sich, „und das ist Sam Purchase, unser Scout. Keiner kennt sich im Westen besser aus als er.“

Der sehnige, große und weißhaarige Scout reckte sich, als wollte er wachsen. Er war mit ungefähr achtundvierzig Jahren der älteste der Reisegesellschaft, hatte stechende Augen und einen weißen Bart.

Frazier, der Leibwächter, war etwa zwanzig Jahre jünger als der Scout und die beiden Kutscher.

Der Leibwächter zeigte auf den einen Fahrer, einen untersetzten, breitschultrigen und stiernackigen Mann, und sagte: „Coyle Jones, ein ehemaliger Büffeljäger. Ihn kennen Sie sicher.“

„Wir hatten leider noch nicht das Vergnügen“, erwiderte Carringo, in dessen Gesicht sich ein ironisches Lächeln geschlichen hatte. Sie schienen alle ziemlich aufgeblasene und eingebildete Kerle zu sein, vor allem Sir Jonathan Darrington, der sie offenbar alle bezahlte. Er knallte die Büffel aus der Sicherheit einer Kutsche heraus ab. Wenn er wieder daheim in London war, konnte er seinen Freunden wunderschöne Bilder vorweisen. Er war dann ein großer Held, der den Büffel getötet hatte, ähnlich wie William Cody, der legendäre Büffeljäger der Union Pazifik Railroad.

„Gestatten, Noah Kensington“, sagte der Fotograf, den Carringo unbewusst eine Weile starr angesehen hatte. Der Mann hatte den Bowler Hut vom Kopf gezogen. „Möchten Sie, dass ich von Ihnen auch eine Aufnahme mache, Mister?“

„Ich stelle Ihnen gern meinen Büffel zur Verfügung.“ Darrington deutete mit dem Gewehr, das er noch in den Händen hatte, auf das erschossene Tier.

„Vielen Dank, wir haben dafür wohl kaum Verwendung“, erwiderte Carringo.

„Nun, wie Sie meinen, Mister Carringo.“ Sir Jonathan Darrington ging zur Kutsche und legte das Gewehr hinein. „Jones, Hopan, wir nehmen die Häute und die Hörner mit!“

Die beiden Kutscher stiegen ab. Der eine holte eine Säge von der Ladefläche des Kastenwagens, der andere ging direkt zu dem ersten toten Büffel und schnitt ihm mit einem breiten Kampfmesser den Leib auf, um ihn abzuhäuten.

„Und einen Kopf!“, rief Darrington den Fahrern der Wagen nach. „Mit den Hörnern!“

„Ja, Sir“, sagte Hopan, dessen Stimme gelangweilt klang.

Sir Jonathan Darrington trat um die Wagen herum. „Sie sind Westmänner, nicht wahr?“

„Sagen Sie diesen beiden dort lieber, dass sie die Gewehre endlich wegstecken sollen“, erwiderte Carringo und nickte zu den beiden Reitern hinüber.

Darrington warf einen Blick über die Schulter und schüttelte den Kopf.

„Aber was ist denn, Mister Frazier? Sieht man nicht, dass diese Gentlemen nichts Böses im Schilde führen? Also bitte, weg mit den Gewehren. Das muss einen Westmann doch beleidigen!“

Die Reiter schoben die Gewehre in die Scabbards und legten die Hände auf die Sattelhörner.

Sir Jonathan Darrington wandte sich zu Carringo um. „Woher treibt Sie der Wind, Mister? Erzählen Sie! Mich interessiert alles, was in diesem Lande vorgeht! Ich will in London, in meinem Club, davon berichten.“

„Wir haben es schon gesehen.“ Carringo schaute angewidert zu den Kutschern hinüber, die den einen Büffel abhäuteten. „Sie sind sozusagen auf einer Abenteuerreise.“

„So ist es, Mister Carringo.“ Darringtons Interesse wandte sich Chaco zu. „Sagen Sie, ist dieser Kerl ein Indianer?“

Carringo war plötzlich todernst und nahm die rechte Hand von Jellico, ohne es zu bemerken. Sein Arm senkte sich, und sein Handballen berührte den Colt an seiner Hüfte.

Frazier, der wachsame Revolvermann, zog den Kopf zwischen die breiten Schultern und senkte die Hand ebenfalls vom Sattelhorn an seine Hüfte.

Darrington trat zurück, weil er keine Antwort erhielt und die Spannung spürte, die auf einmal in der Luft lag.

Die Kutscher hatten innegehalten und sich aufgerichtet. Der Scout legte die Hand auf den Kolben seines Gewehres.

„Wollen Sie es nicht sagen?“, fragte Darrington irritiert. „Ich würde mich gern mit einem richtigen Indianer fotografieren lassen. Ich bezahle gut dafür! Fragen Sie meine Leute, wie gut ich bezahle, Mister Carringo!“

„Sie gehen mir mit Ihrem Geschwätz auf die Nerven, Mister“, sagte Carringo kalt.

Frazier fluchte und riss den Colt aus dem Holster.

Aber da hatten Carringo und Chaco schon gezogen. Carringo ließ Chaco den Vortritt, weil er Jellico nicht mehr als nötig erschrecken wollte, da er dicht neben ihm abdrücken musste. So schoss Chaco. Die Kugel traf Fraziers Revolver und schleuderte ihn durch die Luft. Die Pferde scheuten und wieherten. Darrington schrie erschrocken auf und sprang zurück.

„Finger von den Waffen!“, befahl Carringo.

Der Scout zog die Hand zurück, als hätte der Kolben seines Gewehres plötzlich zu glühen begonnen.

Fluchend schaute Frazier auf seine Hand, die unverletzt war.

„Los, herunter von den Pferden!“, bestimmte Carringo und winkte mit dem Colt.

Sie gehorchten.

Darrington prallte gegen das Rad des Kastenwagens. „Aber was haben Sie denn nur, Gentlemen? Es war doch nichts weiter als eine Frage! Es interessiert mich!“

Die beiden Reiter waren abgestiegen und hoben die Hände, da die Waffen auf sie gerichtet waren.

„Sie sind ein eingebildeter Idiot, Darrington“, sagte Carringo schroff. „Los, alles hinlegen! Hinlegen, steht ihr auf den Ohren!“

Der Revolvermann, der Scout und die Kutscher gehorchten sofort, da sie den Ernst der Drohung besser kannten als die beiden Engländer.

„Ihr auch“, sagte Chaco. Er schnalzte mit der Zunge und ließ sein Pferd einen Schritt nach vorn tun.

Der Fotograf stieß einen Schrei aus und warf sich in den Sand.

„Also, so etwas!“, entrüstete sich Darrington.

Chaco schoss ihm an der Wange vorbei, dass er das Pfeifen der Kugel hörte und aufschrie. Hastig ließ sich Sir Jonathan Darrington daraufhin zu Boden fallen und presste das Gesicht gegen die kalte Erde.

„Ihr bleibt so liegen, bis wir weg sind“, sagte Carringo. „Und lasst es euch nicht einfallen, uns folgen zu wollen.“

Jellico hatte erschrocken aufgeschrien, beruhigte sich nun aber rasch wieder. Carringo lenkte sein Pferd zurück, wendete es und ritt in östlicher Richtung davon.

Chaco wartete noch, damit Carringo mit dem Kind ein Stück Vorsprung gewinnen sollte.

„Kopf runter!“, befahl er barsch, als Darrington sich bewegte.

Der Engländer reagierte so heftig, dass er mit der Nase auf den harten Sand stieß und aufschrie.

Chaco riss seinen Pinto herum und jagte hinter Carringo her. Als der Revolvermann aufspringen wollte, feuerte Chaco zurück.

Die Kugel wimmerte über die Reisegesellschaft und ließ die Pferde wiehern und mit den Hufen auf den Boden trommeln. Frazier blieb liegen.

Sir Jonathan Darrington war aufgestanden und stäubte seinen feinen Mantel ab. Er nahm den Zylinder vom Kopf und wischte ihn über den Ärmel.

Eine kleine Staubwolke verhüllte die beiden Reiter, die sich fast eine halbe Meile entfernt hatten.

Frazier holte seinen Revolver und betrachtete ihn von allen Seiten.

Darrington wandte sich um. Sein schmales Gesicht, dem die Koteletten eine ganz besondere Note verliehen, war Frazier zugewandt. Die grauen Augen musterten den Leibwächter mit noch nicht dagewesener Schärfe.

„Ich kann auch nichts dafür, Sir“, maulte Frazier etwas kleinlaut. „Die haben mich überrumpelt. Wer konnte denn damit rechnen, dass die auf einmal die Colts ziehen und herumballern?“

„Das ist wahr, ich war ganz erschrocken“, gestand der Fotograf. Er klopfte sich den Sand von der Hose.

„Westmänner“, erwiderte Darrington. „Es waren echte Westmänner. Seid ihr denn nicht darauf gefasst, Westmännern zu begegnen? Mister Kensington, haben Sie die Szene fotografiert?“

„Bitte, was?“, fragte der Fotograf entsetzt.

„Ob Sie diese spannende Aktion im Bild festgehalten haben, wollte ich wissen.“

„Aber, bitte, Sir, Sie lagen auf dem Boden!“

„Ach ja, richtig“, gab Darrington zu. „Daran hatte ich soeben nicht gedacht. Sie haben also nicht?“

„Nein, Sir, ich lag auch auf dem Boden.“

„Dann ist es ja gut. Mister Jones, fahren Sie fort.“

Die beiden Fahrer häuteten den einen Büffel ab und sägten ihm den Kopf vom Leib. Die seltsamen Beweise von Sir Jonathan Darringtons Wildwest-Abenteuern wurden auf dem Kastenwagen unter der Plane verstaut. Es war ein langes Gefährt, was darauf schließen ließ, dass der spleenige Engländer viele Trophäen zu sammeln gedachte.

„Wäre ich darauf gefasst gewesen, hätte ich die beiden Halunken abgeknallt“, murmelte der Leibwächter Frazier.

„Mich hätte nur interessiert, ob er ein Indianer ist“, sagte Darrington. „Mister Purchase, was meinen Sie?“

Der alternde Scout kratzte sich im Nacken. „Ich glaube, es ist ein Halbblut, Sir.“

„Ein Halbblut? Sie meinen, halb Weißer und halb Indianer?“

„Ja, Sir.“

„Das ist ja beinahe noch interessanter. Man hätte herausfinden müssen, ob seine Mutter eine Squaw war oder eine Weiße. Das hätte sicher manchen interessanten und völlig neuen Aspekt ergeben. Sie hätten mich mit ihm fotografieren müssen, Kensington.“

„Ich muss Vorbereitungen treffen, bevor ich fotografieren kann, Sir“, sagte der Fotograf empört. Er war noch immer damit beschäftigt, sich von dem staubfeinen Sand zu befreien, der an seiner hellen Jacke und der Röhrenhose haftete.

Die beiden Fahrer wandten sich dem zweiten toten Büffel zu, um diesen abzuhäuten und ihm die Hörner abzuschneiden.

„Ein Halbblut trifft man sicher nicht alle Tage“, sagte Darrington. Er schaute in die Richtung, in welche die Reiter verschwunden waren.

„Einen Halbindianer können wir sicher noch für Sie auftreiben, Sir“, sagte der alternde Scout, der früher bei der Armee gedient hatte und Darrington größere Fähigkeiten von seiner Person vorgaukelte, als er hatte.

„So?“

„Aber sicher, Sir. Darin sehe ich kein Problem.“

„Und richtige Indianer?“

„Treiben wir auch auf.“

„Wo?“

„Wenn wir uns nordöstlich halten, müssten wir auf Kiowas stoßen, Sir“, erklärte der Scout. „Auf kleine Stämme, die sich sehr friedlich verhalten.“

„Interessant, interessant! Nun, darüber können wir später noch reden, Mister Purchase. Lasst uns zunächst alles verstauen, was wir hier an Beute finden konnten.“

„Wie Sie meinen, Sir.“ Der Scout wandte sich ab und folgte den beiden Fahrern zum zweiten erlegten Büffel.

 

 

3

Zur selben Zeit ritten vier Männer weit im Norden über die Hügel ins einsam gelegene Tal am Pease River hinunter. Dort, wo sich der North Pease River mit dem South Pease River vereinigte und beide einen sanften Bogen nach Nordosten beschrieben, überquerten die vier Reiter den Fluss in der gut sichtbaren Furt und folgten dem nördlichen Ufer.

In dem weiten Tal wuchsen außer dem Riedgras nur Kakteengruppen, vereinzelte Sagebüsche und einige schwarze Fichten am Nordrand des Beckens. Verschiedentlich standen auch skurrile Vulkanfelsen in dem weiten Tal. Im Nordosten am Fluss aber befand sich noch etwas: die Mission vom Orden der Jünger Jesu. Es war ein stattliches, von einem Zaun umgebenes Anwesen, in dem sich um die Kapelle eine Reihe von Gebäuden gruppierte. Um die Mission herum waren abgeerntete Felder zu erkennen.

Allistair Blake, der Anführer der vier Reiter, zügelte sein Pferd. Neben ihm hielten die drei anderen an. Sie waren alle gut und städtisch gekleidet, aber im Gegensatz zu dem spleenigen Engländer passten sie trotzdem in dieses raue Land. Sie waren Spieler aus Sunken Wells, einer südlich gelegenen kleinen Stadt, in der Blake einen Saloon besaß, den andere Einwohner eine Hölle nannten.

Allistair Blake suchte einen neuen Standort für seine Geschäfte, und als er auf die Mission in der weiten Einsamkeit des Tales schaute, da meinte er, dass kein Ort besser als dieser dafür geeignet sei.

In Blakes Saloon und dem dazugehörigen Bordell verkehrten Kerle, denen kein ehrlicher Mensch nachts in einer finsteren Gasse begegnen mochte. Und im Laufe der Zeit hatte sich immer mehr lichtscheues Gesindel im Norden von Texas eingefunden. Dadurch hatten sich Blakes Geschäfte zwar bestens entwickelt. Aber zugleich waren die Texas Ranger aufmerksam geworden und immer öfter plötzlich wie Heuschrecken über Sunken Wells hergefallen. Zuletzt waren sie gar mit einem Gefangenenwagen aufgetaucht, wie ihn die Parker-Marshals aus Fort Smith schon seit Jahren verwendeten. Und als die Texas Ranger dann die Stadt verließen, war der Wagen voll mit verhafteten Halunken gewesen.

Blake musste befürchten, dass seine Geschäfte schlagartig nachließen, wenn sich das erst bis Kansas hinauf herumsprach.

„Na, wie gefällt euch dieser Ort?“, fragte der sechs Fuß große Mann, stützte die Hände auf das Sattelhorn und grinste genüsslich. Blake war ein schlanker Mann, vierzig Jahre alt, schwarz, breitschultrig und mit einer Adlernase im markanten Gesicht. Er trug eine doppelreihige schwarze Jacke, gestreifte Röhrenhosen, und dazu ein weißes Rüschenhemd sowie eine schwarze Samtschleife.

„Hier ist es schön still“, sagte der Mann links von ihm, der erst wenig über dreißig war und einen Prince-Albert-Mantel trug.

„So ist es, Stan“, bestätigte Blake. „Bis die Texas Ranger darauf stoßen, dürfte eine Menge Zeit vergehen. Außerdem gibt es hier keine neugierigen Bürger wie in Sunken Wells. Leute, die alles gleich weiterklatschen und in der Regel noch eine Menge dazu erfinden.“

„Aber wie willst du an die Mission kommen, Allistair?“, fragte einer der beiden auf Blakes anderer Seite.

„Habe ich es dir noch nicht gesagt, Adam?“

„Nein.“ Der große, schmale Adam Mattlock schüttelte den Kopf und blickte aus seinen kalten Augen gespannt auf Blake.

„Nun, wir werden den Mönchen erklären, dass sie diesen Platz verlassen müssen. Beschluss der Regierung.“

Jules Rotman, der vierte im Bunde der Spieler, lachte lauthals und schlug sich auf den Oberschenkel. „Das ist ja großartig, Allistair! Ich lache mir einen Ast, wenn das klappt!“

„Das klappt. Ihr werdet es sehen.“ Blake schnalzte mit der Zunge und ritt weiter.

Die Mission war völlig aus Holz erbaut und erweckte einen durch und durch wehrfähigen Eindruck, was Blake mit größter Genugtuung registrierte.

„Es hängt sogar eine Glocke im Turm der Kapelle!“, rief Rotman. „Allistair, da kann man die Banditen mit den Mädchen verheiraten, bevor sie auf’s Zimmer gehen. Nur so zum Schein natürlich!“

„Ich spiele den Padre“, sagte Mattlock.

Rotmans rosiges Gesicht begann zu glühen. Der mittelgroße, dicke Mann, der ständig kurzatmig schnaufte, lachte so laut, dass er alle anderen damit ansteckte. Nur Blake blieb gleichmütig und beschränkte sich darauf, die Mission scharf zu beobachten.

Mattlock wurde als Erster wieder ernst und sagte: „Wenn ich das richtig verstehe, hast du diese Mönchsburg schon im Auge gehabt, was, Allistair?“

„Du verstehst es richtig“, erwiderte Blake.

,Aber woher weißt du von ihr?“

„Man hat mir von dieser Mission erzählt“, erwiderte Blake. „Als wir losritten, um einen besseren Ort als Sunken Wells zu finden, da dachte ich selbstverständlich daran, auch hierher zu reiten.“

„Ich finde das ganz großartig“, sagte Stan Cubric, der Spieler im Prince-Albert-Mantel. „Das ist doch mal was ganz anderes. Eine völlig neue Idee.“

„Es wird sich unter den Banditen herumsprechen und immer mehr werden aufkreuzen, um diese Festung der Glückseligkeit zu sehen und ihren Zaster hier unter das Volk zu bringen.“ Mattlock lachte polternd. „Hier werden wir in kurzer Zeit steinreich. Allistair, du bist ein Genie!“

Blake lächelte geschmeichelt vor sich hin, den Blick nach wie vor auf die Mission gerichtet, der sie näherrückten.

Stan Cubric blickte nach Norden, Osten und Westen. „Hier geht keine Straße durch, was Allistair?“

„Es ist nichts zu sehen. Und die nächste Farm soll acht Meilen entfernt sein. Niemand würde uns hier stören.“

Sie waren noch nicht am Tor der Mission, als es geöffnet wurde und alte, ehrwürdige Padres heraustraten. Zwei der drei alten Geistlichen hatten weißgraues Haar und waren weit über siebzig Jahre alt. Der dritte wirkte wenig jünger, war klein und schmächtiger als die anderen und hatte eine in der Sonne schimmernde Glatze. Die Padres trugen erdbraune Kutten und hatten die Hände jeweils in den anderen, weiten Ärmel geschoben.

„Was ist denn das dahinten?“, flüsterte Mattlock und zeigte zu einem Hügel, dessen Flanke grün bewachsen war.

„Wein.“

„Was für Zeug?“

„Wein.“ Blake blickte auf die Padres zwischen den massigen Pfosten des Tores.

„Wein?“, fragte Mattlock. „Ist das etwa dieses süße Zeug, von dem man sich im Laufe der Zeit wie mit Whisky vollsaufen kann?“

„Du sagst es, Adam.“

„Und den stellen die aus dem Zeug da drüben her?“

„Ja. Es ist nicht sehr schwer. Wir könnten es selbst, und die Halunken werden sicher gut dafür bezahlen, wenn sie erst einmal richtig probiert haben. Ruhe jetzt! Und dass mir keiner grinst!“

Es war, als würden die Gesichter der Spieler von einer Sekunde zur anderen versteinern. Mattlock räusperte sich würdevoll und rückte an seinem Kragen. Cubric zog sich den Hut tiefer in die Stirn, um sein brutales Gesicht etwas zu verstecken. Er war ein gerissener Kerl, ein Sadist. Seine abstehenden Ohren ließen ihn alles andere als anziehend aussehen.

Sechs Yards von den Padres entfernt zügelten die Spieler nebeneinander die Pferde. Blake deutete eine Verbeugung an und griff an seinen Hut.

Die Padres bewegten nur die Köpfe.

Padre Emanuel, der älteste mit seinen fünfundsiebzig Jahren und der Leiter der Mission, zog die Hände aus den Ärmeln und trat einen Schritt vor. „Wir begrüßen Sie, Señor, und hoffen, dass Sie sich in unserer Mission wohlfühlen werden.“

Blake stieg ab. „Sie sind sehr freundlich, Padre. Leider bringen wir keine angenehmen Nachrichten für Sie.“

Die Gesichter der drei Padres verfinsterten sich. Der Zweitälteste, dessen Gesicht ein bis auf die Brust reichender, grauer Bart zierte, trat ebenfalls vor.

„Was sind das für Nachrichten, Señor?“, fragte Padre Emanuel mit der gleichen Milde und Freundlichkeit wie zuvor, nur ein wenig unsicher, was seine Augen verrieten.

„Wir sind Beauftragte des General-Landamtes aus Fort Worth, Padre.“

„Also Vertreter der amerikanischen Regierung?“

„Ja, so ist es.“ Blake nickte.

„Aber treten Sie doch erst einmal näher, und bitten Sie auch Ihre Begleiter herein. Sie werden sicher durstig sein vom langen Ritt. Auch die Pferde müssen versorgt werden.“

Blake winkte den anderen, und die stiegen von den Pferden.

„Ich bin Padre Emanuel und leite die Mission.“ Der weißhaarige Mann ging neben Blake hinein, während die beiden anderen Padres zur Seite traten.

Als alle Spieler innerhalb der Mission waren, wurde das Tor geschlossen.

Blake sah eine Reihe weiterer Padres. Zwei standen vor der Kapelle, ein paar andere vor einem langen Schuppen. Sie hatten die Ärmel der Soutanen aufgekrempelt und scheuerten Wäsche in einem großen Bottich. Drei andere standen mit nackten Füßen und hochgehaltenen Kutten in einem großen Kessel und traten die Trauben zusammen, deren Saft unten aus Schlitzen in eine Wanne floss.

Blake führte sein Pferd an die Tränke und lockerte den Sattelgurt. Seine Kumpane traten zu ihm und grinsten verstohlen, wenn sie sicher waren, dass es die Padres nicht sehen konnten.

„Wollen Sie mich allein sprechen?“, fragte Padre Emanuel, dem die spanische Abstammung anzusehen war, und bei dem selbst die kleinste Geste vollendet wirkte.

„Nein, das ist nicht nötig.“

„Dann gehen wir doch ins Haus und nehmen eine Stärkung zu uns.“

„Ja, gute Idee.“ Blake schnallte die Tasche vom Sattel los und folgte dem Padre, der sich bereits abgewandt hatte.

Padre Emanuel führte die vermeintlichen Vertreter der amerikanischen Regierung ins Haupthaus und durch einen langen, dunklen Flur, an dessen Ende er eine hohe Tür öffnete.

 

 

4

Allistair Blake hatte verschiedene Dokumente auf dem großen Tisch vor Padre Emanuel ausgebreitet, und die drei Padres starrten entgeistert darauf. Blake hingegen bescheinigte sich selbst, ein weitsichtiger Mann zu sein, der wieder einmal an alles gedacht hatte. Es waren selbstverständlich gefälschte Dokumente, vielleicht sogar etwas primitiv gefälscht. Aber die weltfremden Mönche waren unfähig, das zu erkennen.

„Was bedeutet das alles?“, fragte Padre Ambrosius, der Mann mit dem langen Bart. „Heißt das, wir sollen die Mission aufgeben, Bruder Emanuel?“

„Das heißt es in der Tat“, erklärte Blake und nickte Ambrosius zu. „Tut mir wirklich leid.“

„Aber das ganze Pease-River-Valley ist eine spanische Schenkung!“, protestierte Padre Emanuel. „Wissen das denn die amerikanischen Behörden nicht?“

„Das Land ist seit über vierzig Jahren nicht mehr spanisch“, entgegnete Blake freundlich.

„Man hat es aber immer anerkannt!“ Padre Ambrosius hob den Kopf. Zorn funkelte auf einmal in den Augen des alten Mannes.

Padre Emanuel hob beschwichtigend die Hand. „So eine Mission war immer ein Segen für die Reiter und Fahrensleute, die durch das oft trostlose Land müssen, Señor. Wir haben nie ...“

„Aber das wissen wir doch, Padre Emanuel“, versicherte Blake, den Padre unterbrechend. „Und das ist auch gar keine Frage. Kein Mensch würde wagen, es zu bezweifeln.“

„Dann verstehe ich nicht ...“ Padre Emanuel brach ab und schüttelte den Kopf.

„Das ist in der Tat nur schwer zu verstehen“, mischte sich Jules Rotman ein. „Aber es ist nun mal so an geordnet, dass hier am Fluss eine neue Stadt entstehen soll. Man will damit verhindern, dass die Städte wie bisher wild irgendwo aus dem Boden schießen und alsbald wieder von den Bewohnern verlassen werden, weil die Lebensbedingungen zu schlecht sind, weil nichts wächst und die Bäche austrocknen. Wertvolles Volksvermögen geht jedes Mal verloren, wenn die Leute eine Stadt aufgeben. Das soll durch Planung vermieden werden. Und so wurde hier eine Stadt geplant.“

Die Padres schauten sich gegenseitig ratsuchend an, und Padre Elfego, der Mönch mit der Glatze, der in der Mission der Koch war, vergaß den Mund zu schließen.

„Sie können die Mission irgendwo weiter im Westen neu aufbauen“, erklärte Cubric. „Drüben, in New Mexico zum Beispiel. Oder in Arizona. Dort leben bedeutend weniger Menschen, als sich heute hier niederlassen wollen.“

Padre Emanuel blickte auf die Dokumente, die samt und sonders englisch geschrieben waren, was er mit Mühe lesen konnte, da sie die spanische Tradition hochgehalten hatten und alle ihre Schriften in dieser Sprache geschrieben waren. Sie sprachen auch selbst nur spanisch, wenn sie untereinander waren.

„Ich würde etwas trinken, wenn es keine zu große Mühe bereitet“, sagte Mattlock, bemüht, kratzig zu husten. Die Padres schraken auf.

Elfego, der kleine, schmächtig wirkende Mann mit der schimmernden Glatze sprang in die Höhe.

„Der Himmel sei mir gnädig“, murmelte er. „Wie konnte ich es nur vergessen!“

Er lief hinaus und brachte Gläser, Wein. Brot, Käse und Ziegenbutter. Padre Emanuel schenkte den Wein ein und schob das Tablett mit den Esswaren zwischen die drei Kerle, die sich bedienten und auch dem Wein zusprachen, den sie sehr lobten.

„Ich begreife es nicht“, sagte Padre Ambrosius ein über das andere Mal. „Ich kann es nicht fassen, Bruder Emanuel. Was haben wir getan, dass uns diese Strafe trifft?“

Als Blake gegessen und sein Glas leer hatte, sammelte er die Dokumente zusammen und schob sie in seine Satteltasche. „Ein Vorteil hat meistens auch einen Nachteil, Padre Emanuel. Das Brot des einen ist der Hunger des anderen.“

„Man kann das Brot teilen“, erwiderte Bruder Elfego mit strenger Miene und schroffer Stimme.

„Ein Beschluss der Regierung.“ Blake stand auf. Sein Stuhl schabte hart über den Boden. „Tut mir leid, dass ich ihn überbringen musste.“

„Sie können nichts dafür, das wissen wir, Señor.“ Padre Emanuel und alle übrigen erhoben sich ebenfalls.

„Und wenn wir der Regierung der USA nicht gehorchen?“, fragte Padre Elfego.

„Aber bitte!“, sagte Padre Emanuel.

„Ich möchte es wissen“, beharrte Elfego. „Was geschieht, wenn wir den Beschluss der amerikanischen Regierung ignorieren?“

„Dann werden bald Soldaten hier sein“, erklärte Blake. „Darauf würde ich es aber nicht ankommen lassen.“

„Die sind nämlich nicht sehr pingelig, unsere Soldaten“, sagte Mattlock. „Die holen die Wagen heraus und laden auf. Alles. Wie es gerade in ihre Hände fällt.“ Er blickte bezeichnend auf die Madonnenfigur und grinste.

„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte Padre Emanuel.

„Fünf bis sechs Tage.“ Blake trat zurück. „Je schneller Sie aufbrechen, desto mehr werden Sie mitnehmen können.“

„Fünf bis sechs Tage?“ Padre Ambrosius vergaß den Mund zu schließen.

„Und keinen länger. Tut mir wirklich sehr leid. Wenn es nach mir ginge, würde die Stadt weiter nach Nordosten gebaut. Dort ist noch reichlich Platz im Tal. Aber ich habe darüber nun mal nicht zu verfügen, Gentleman. Ich danke Ihnen für die Bewirtung. Der Wein ist wirklich ausgezeichnet.“

Allistair Blake verließ vor seinen Kumpanen den Saal und ging durch den dunklen Flur hinaus in den Hof der Mission.

Die anderen Padres arbeiteten wie vor einer halben Stunde, als die Reiter anlangten, und noch ahnte keiner von ihnen, welche Hiobsbotschaft sie erwartete.

Die Spieler zogen die Sattelgurte an und stiegen auf.

Mit gesenkten Köpfen waren die drei führenden Padres der Mission gefolgt, gingen zum Tor und öffneten es.

Blake ritt vor den anderen auf die Männer zu und hielt zwischen ihnen noch einmal an. „Ich hätte Ihnen gern eine bessere Nachricht gebracht. Das können Sie mir glauben, Señor.“ Er tippte an seinen Hut und ritt aus der Mission.

 

 

5

Sam Purchase, der frühere Scout, sprengte auf seinem Pferd durch ein Dickicht und erreichte die Wagen, die angehalten hatten. Der Leibwächter hatte sein Pferd neben der Kutsche gezügelt und ließ das Gewehr sinken, als er den Scout erkannte.

Sir Jonathan Darrington und der englische Fotograf schauten aus dem Gefährt.

Staub wirbelte über die Kutsche, und der pochende Hufschlag verklang. Ein fernes Trommeln wurde hörbar.

„Ich habe Gabelantilopen gesichtet“, sagte der Scout. „Gar nicht weit westlich, Sir.“

Darrington blickte in den Staub, der über den Büschen trieb, aber vom Scout stammte.

„Ich wollte Indianer“, sagte er, obwohl in seinen Augen Jagdfieber aufglomm.

„Die kriegen wir immer noch, Sir“, erklärte der Leibwächter.

„Was sind Gabelantilopen?“, fragte Sir Jonathan Darrington. „So was Ähnliches wie Büffel?“

„Nein, Sir.“ Der Scout schüttelte den Kopf und gab sich Mühe, sein überlegenes Grinsen nicht zu zeigen. „Es sind Antilopen. Vielleicht wilden Ziegen ähnlich.“

„Er meint, den Gemsen ähnlich, Sir“, mischte sich der Fotograf ein.

„Und so etwas gibt es hier?“, fragte Sir Jonathan Darrington.

„Ja, Sir.“ Sam Purchase nahm den Hut ab und schlug ihn über das Knie. Eine neue Staubwolke wehte in die Luft.

Darrington griff nach seinem Gewehr, das neben ihm in der Kutsche lag. „Dann los, so eine Gabelantilope nehme ich mit nach London. Kutscher, fahren Sie!“

Der Mann auf dem Bock knallte mit der Peitsche.

Purchase riss sein Pferd herum. „Achten Sie darauf, dass es ein Bock ist, Sir! Man erkennt ihn an den geschwungenen Hörnern!“

Der Wagen setzte sich in Bewegung und wurde an den Büschen entlang rasch schneller. Das Gefährt rumpelte durch Löcher und über Sandbuckel hinweg. Sir Jonathan Darrington flog mehrmals bis fast an die Decke. Der Fotograf hielt sich mit einer Hand am Fenster fest und versuchte mit der anderen, seinen großen Fotokasten vor dem Sturz vom Sitz zu bewahren.

Neben dem Gefährt sprengten die beiden Reiter her. Der Kastenwagen folgte mit größer werdendem Abstand.

Das Gelände stieg an, und bald konnten die Männer trotz der stampfenden und mahlenden Geräusche die Herde hören, die sich hinter der Erhöhung nach Westen bewegte.

Auf der Kuppe des Hügels sah Sir Jonathan Darrington dann die Tiere. Die etwa drei Fuß hohen und fünf Fuß langen Gabelantilopen liefen so dicht beieinander, dass die geschwungenen Hörner der Böcke ein ständiges Klappern beim Gegeneinanderschlagen verursachten.

Darrington schob den Gewehrlauf aus dem Fenster und feuerte. Das Krachen ließ die Pferde wiehern. Rauch zerstob hinter der Kutsche. Die mitten in die Herde gezielte Kugel warf einen Bock um. Darrington lachte und schoss wieder und wieder, bis der Kutscher das Gefährt auf der Hügelflanke zum Stehen brachte.

„Warum halten wir an?“, rief Darrington hinaus.

„Sir, Sie haben fünf Antilopen erschossen“, erwiderte der Fahrer. „Sie wollen doch sicher noch etwas anderes auf den Kastenwagen laden.“

„Ja, gut.“ Darrington öffnete den Schlag, legte das Gewehr hinter sich und stieg aus.

„Ein Foto?“, fragte Noah Kensington.

„Aber doch nicht mit einer Antilope!“, entrüstete sich der Edelmann aus London. „Vielleicht können Sie die Herde auf der Flucht fotografieren. Wie ich sie in die Flucht schlug!“

Der Fotograf zerrte seine Gerätschaften hastig aus dem Gefährt und baute sie auf.

Allmählich wurden die von der Herde überrannten Tiere sichtbar, die der Engländer getötet hatte. Die Herde entfernte sich und verschwand im Gelände. Kensington steckte unter dem schwarzen Tuch hinter seinem Kasten.

Der Wagen mit der Ladefläche rollte zu den toten Tieren hinüber.

„Aus dem Bild, aus dem Bild!“, schrie Kensington und winkte aufgeregt nach der Seite, was der Fahrer des Kastenwagens aber nicht zur Kenntnis nahm.

Der Leibwächter und der Scout waren von den Pferden gestiegen und gingen mit dem Engländer den Rest der Hügelflanke hinunter und auf den Weg zu, den die Herde genommen hatte.

„Sie versuchen, vor dem Winter in wärmere Gegenden zu fliehen“, erklärte der Scout, als sie beim ersten toten Tier stehenblieben.

Der Gabelbock war von den Hufen seiner Artgenossen so sehr zermalmt worden, dass sein Fell für Sir Jonathan Darrington keinerlei Wert mehr hatte und der Engländer sich angewidert von so viel Blut abwandte.

Indessen stand der Kastenwagen, und der Kutscher stieg ab, um die Felle und Hörner, die besser erhalten waren, für Sir Darrington mitzunehmen.

Darrington blieb wieder stehen. „Letztes Jahr brachte einer meiner Clubfreunde einen Schrumpfkopf von einer Safari durch Afrika mit. Das ist eine Trophäe, nicht wahr?“

Der Scout grinste pflichtschuldig und sagte: „Wir werden ein Kiowadorf finden, das verspreche ich Ihnen.“

„Aber wann?“

„Bald, Sir.“

„Das hier sind keine Trophäen gegen einen Schrumpfkopf“, erklärte Darrington erbost. „Von einem Wildwest-Abenteuer erwarten meine Freunde mehr. Und das mit Recht!“

Der Leibwächter war zurückgegangen und half dem Fahrer des Kastenwagens. Inzwischen packte der Fotograf auf der Hügelflanke seine Geräte zusammen und verstaute sie in der noch auf ihn wartenden Kutsche.

„Wann werden wir die Indianer finden?“, fragte Darrington den Scout gespannt.

Purchase blickte in die Ferne. „Das ist so genau nicht zu sagen. Man muss sie erst aufspüren.“

„Purchase, ich verspreche Ihnen eine fürstliche Belohnung, wenn Sie einen kleinen Stamm finden. Sie wissen, ich halte mein Wort. Ich bin ein englischer Edelmann.“

„Ich weiß, Sir, ich weiß.“

„Sie erhalten zweihundert Dollar extra.“

„Zweihundert?“

„Mein Wort!“

Purchase nickte und gab sich Mühe, gelassen zu erscheinen. In Wahrheit erregte ihn die fantastische Summe natürlich sehr. „Sie werden Ihren kleinen Indianerstamm kriegen, Sir.“

„Mit einem richtigen Häuptling?“

„Mit Häuptling, Friedenspfeife und richtigen Squaws.“

„Und mit einem Marterpfahl“, verlangte Darrington in einem kindisch wirkenden Eifer.

„Mit allem, was dazu gehört“, versprach der Scout.

„Dann reiten Sie jetzt sofort los und spüren Sie einen Stamm auf, wie wir ihn brauchen.“

„In Ordnung, Sir. Wo treffe ich Sie?“

„Wir warten hier.“

Sam Purchase nickte, ging zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und ritt nach Nordwesten. Er hielt aber noch einmal an und rief zurück: „Sir, das kann unter Umständen ein paar Tage dauern!“

„Wir warten trotzdem hier. Und beeilen Sie sich!“

Purchase winkte, dass er verstanden hatte, dann ritt er weiter.

 

 

6

Es war bereits Nacht, als der Scout Lichtschein vor sich sah und sein Pferd langsamer gehen ließ. Rasch nahm die Kühle wieder zu und vertrieb das bisschen Wärme, das sich vom Sonnenlicht im Boden hatte sammeln können.

Es schien ein kleiner Rancho zu sein, den der ausgediente Armeescout ansteuerte. Das Licht erlosch plötzlich, als Purchase noch gut hundert Yards von ihm entfernt war. Er zügelte das Pferd, hörte ein leises Knarren und das scharfe Schnappen eines Repetierverschlusses.

„Hallo, Sir“, sagte Sam Purchase. „Ich bin allein und als Scout für die Armee unterwegs.“

„Reiten Sie langsam näher heran“, befahl eine Männerstimme.

Purchase trieb das Pferd wieder an und erkannte vor dem Haus das helle Gesicht eines Mannes. Auf der Türschwelle schien noch jemand zu stehen, denn schräg hinter dem Gesicht war ein weiterer heller Fleck zu erkennen.

Sam Purchase zügelte das Pferd erneut.

„Sie sind Armeescout?“

„Ja, Mister.“

„Es ist gut, dass Sie nicht wieder ,Sir‘ sagen. Ich bin kein Herr, sondern wie jeder andere. Was wollen Sie?“

„Ich suche nach einem kleinen Indianerstamm. Wahrscheinlich Kiowas. Die haben in Fort Worth Felle eingetauscht und eine Kiste mit Presspulver geklaut. Einfach so mitgehen lassen im Zivilstore.“

„Mein Gott, was wollen die denn damit?“, fragte die Frau, die schräg hinter dem Mann stand.

„Wer weiß, Madam. Jedenfalls muss ich die Halunken finden, bevor sie mit dem Pulver was anstellen. Wissen Sie, wo ich suchen könnte?“

„Haben Sie denn keine Spuren finden können?“, fragte der Besitzer des kleinen Ranchos.

„Die hab ich verloren. Letzte Nacht schon. Ich weiß nur, dass sie nach Westen geritten sind.“

„Sie kamen aber gerade von Süden“, sagte die Frau misstrauisch.

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938623
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539008
Schlagworte
büffelkiller

Autor

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Titel: Der Büffelkiller