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Im Reich der Dämonen - Fünf unheimliche Romane von Franc Helgath

2020 591 Seiten

Zusammenfassung

Diese Fratze! Verdammt! Wo hatte er nur diese Fratze schon einmal gesehen? Sie schwebte oben im Weiß der Zimmerdecke und grinste herunter.
Gelbe Fänge hingen einen halben Arm lang über eine weiche, formlose Unterlippe. Augen, groß wie Teller, Pupillen darin, die sich wie eine schwarzweiße Spirale drehten. Dem Mann auf dem Krankenbett wurde schwindelig. Er schloss die Augen wieder, die er nur für Sekunden geöffnet hatte. Doch das Bild blieb. Es wollte nicht mehr weichen. Diese seltsamen Augen – sie machten ihn willenlos und schläferten ihn ein.
Ein Zucken lief durch seinen den Körper des Mannes. Die Infusionsschläuche, aus denen Lösungen in seine Venen tropften, zuckten mit. Er lag allein in einem Zimmer. Über dem weißlackierten Stahlrohrgestell des Bettes hing eine Tafel. Die Fieberkurve wies leicht nach unten. Seit zwei Tagen hatte sich der Zustand des Patienten endlich etwas gebessert. Der Mann stöhnte. Die wirbelnden Augen trieben ihn zurück in eine gespenstische Traumwelt, der er schon entronnen zu sein glaubte. Sie jagten ihn nochmals hinein in einen höllischen Abgrund …

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:
› Die Dämonenfalle
› Das Kind des mordenden Götzen
› Der Atem der Verwesung
› Im Tempel der Verdammnis
› Der Mondlicht-Mörder

Leseprobe

Table of Contents

Im Reich der Dämonen

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

Die Dämonenfalle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Das Kind des mordenden Götzen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Der Atem der Verwesung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Im Tempel der Verdammnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Der Mondlicht-Mörder

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Im Reich der Dämonen

 

 

Fünf unheimliche Romane von Franc Helgath

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Franc Helgath

© Cover: Christian Dörge/Pixabay.

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Die Dämonenfalle

› Das Kind des mordenden Götzen

› Der Atem der Verwesung

› Im Tempel der Verdammnis

› Der Mondlicht-Mörder

 

 

***

 

 

Die Dämonenfalle

 

 

 

Klappentext:

 

Diese Fratze! Verdammt! Wo hatte er nur diese Fratze schon einmal gesehen? Sie schwebte oben im Weiß der Zimmerdecke und grinste herunter.

Gelbe Fänge hingen einen halben Arm lang über eine weiche, formlose Unterlippe. Augen, groß wie Teller, Pupillen darin, die sich wie eine schwarzweiße Spirale drehten. Dem Mann auf dem Krankenbett wurde schwindelig. Er schloss die Augen wieder, die er nur für Sekunden geöffnet hatte. Doch das Bild blieb. Es wollte nicht mehr weichen. Diese seltsamen Augen – sie machten ihn willenlos und schläferten ihn ein.

Ein Zucken lief durch seinen den Körper des Mannes. Die Infusionsschläuche, aus denen Lösungen in seine Venen tropften, zuckten mit. Er lag allein in einem Zimmer. Über dem weißlackierten Stahlrohrgestell des Bettes hing eine Tafel. Die Fieberkurve wies leicht nach unten. Seit zwei Tagen hatte sich der Zustand des Patienten endlich etwas gebessert. Der Mann stöhnte. Die wirbelnden Augen trieben ihn zurück in eine gespenstische Traumwelt, der er schon entronnen zu sein glaubte. Sie jagten ihn nochmals hinein in einen höllischen Abgrund …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Dr. Gerald Morrison fühlte den Puls des Kranken. Er schlug rasend schnell. Neben dem Arzt stand eine Schwester. Sie hatte ein hübsches, aber nichtssagendes Gesicht. Die makellosen Zähne benagten einen Kaugummi.

»Viel zu schnell«, konstatierte Dr. Morrison. »Wir müssen ihm nochmals ein Beruhigungsmittel geben. Der Mann hat Furchtbares durchgestanden.«

Die Schwester zog die Spritze auf.

 

 

2. Kapitel

 

Die Avenida del Sol machte ihrem Namen alle Ehre, aber in Key West scheint fast immer die Sonne. Es war heiß und schwül an diesem Tag. Nur die ständige, frische Brise, die vom Golf herauf wehte, machte das Leben einigermaßen erträglich. Das Städtchen am Südkap Floridas lag träge in der flirrenden Mittagshitze. Auf dem Asphalt hatten sich schwarz glänzende Pfützen gebildet, die nach Teer stanken und über denen die Luft flimmerte. Rick Landrey wich den Pfützen aus, als er seinen alten VW zum Hafen hinuntersteuerte.

Das Hemd klebte ihm am Körper, und Babs, seiner Freundin, ging es nicht viel besser. Sie hatte es aufgegeben, wegen der Hitze zu stöhnen. Unter den Achselhöhlen hatten sich dunkle Schweißflecken an der Bluse gebildet.

»Bin ich froh«, sagte sie, »wenn wir endlich am Ziel sind. Das ist ja nicht auszuhalten.«

»Nur ein paar Minuten noch«, antwortete der junge Mann und fuhr sich mit den Fingern der linken Hand durch sein struppiges, blondes Haar, das die Sonne, im Sommer noch mehr ausbleichte und es fast weiß erscheinen ließ. »Wir müssen jeden Augenblick da sein. Wenn wir erst auf See sind, sind alle Strapazen vergessen. Das wird ein wunderbarer Urlaub. Du wirst sehen.« Sie schwiegen wieder, während die Häuserzeilen am Rande der Straße sich verdichteten. Sie hatten die Randzone von Key West schon hinter sich gelassen.

Rick Landrey hatte vor knapp zwei Wochen seinen siebenundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. An der Universität von Houston, Texas, studierte er Biologie. Jetzt waren Semesterferien. Er wollte sie zusammen mit seiner Freundin und Kommilitonin Babs Brower nutzen, um in den Golf hinaus zu segeln. So konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, denn er hatte vor, sich später auf Meeresbiologie zu konzentrieren. Babs war wie er eine vorzügliche Taucherin. Sie schwamm wie ein Fisch. Es würden tatsächlich wunderbare Tage werden, Tage voller Sonnenschein und Muße. Sie freuten sich beide schon auf diese zwei Wochen auf See.

Der dunkelblaue VW rollte auf den Parkplatz am kleinen, geschützten Hafen mit dem gemauerten Kai. Unter Palmen stellte Rick den Wagen ab. Gepäck hatten sie nicht viel. Er holte die beiden Seesäcke aus dem Fond des Wagens und lud sie sich auf die breiten, muskulösen Schultern. Sie waren die ganze Nacht und den halben Tag durchgefahren. Müdigkeit steckte in seinen Gliedern. Sie würde vergehen, wenn er erst wieder ein wenig Bewegung hatte.

»Schließ du ab!«, sagte er zu seiner Freundin.

»Soll ich dir nicht tragen helfen?«, fragte sie dagegen. »Das wird dir doch zu schwer.«

»Zerbrech dir nicht meinen Kopf. Ich schaff das schon.«

Babs Brower schloss den Wagen ab und steckte die Schlüssel in die Tasche ihrer verwaschenen, blauen Jeans. Sie sah Rick nach und bewunderte wieder einmal mehr seine schlanken Hüften und seinen kräftigen Gang. Sie konnte wirklich zufrieden mit »ihrem« Rick sein. Die Kolleginnen beneideten sie um diesen Freund. Es war mehr als ein Verliebtsein zwischen ihnen. Schon jetzt wussten sie, dass sie auch nach dem Studium zusammenbleiben würden. Als ein Ehepaar.

Boats for Rent stand auf einem Schild, dessen Farbe schon halb abgeblättert war. Boote zu vermieten. Rick hatte sich bereits telefonisch angemeldet. Er ließ die beiden Seesäcke von den Schultern gleiten, als er einen Mann in der Sonne dösen sah.

Er saß mit dem Rücken gegen einen Berg zusammengerollter Taue gelehnt und hatte die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Die Füße steckten in bequemen Mokassins. An der Seite waren sie aufgerissen. Die kleinen Zehen lugten hervor.

Rick Landrey räusperte sich.

»Sind Sie Mister Deary?«

Langsam kam eine Hand hoch und schob die Mütze aus dem Gesicht. Es war sonnengebräunt und sympathisch. Es gehörte einem Mann, der seine Tage draußen unter freiem Himmel verbringen konnte. Wache, blaue Augen blinzelten herauf. Der Mann machte Anstalten, sich zu erheben.

»Dann sind Sie wohl Mister Landrey.« Rick nickte. »Ich habe Sie schon erwartet. Babette Brower?«

Auch Babs nickte. Der Mann war aufgestanden und reichte ihr die Hand. Der Druck war herzlich und kräftig. »Ich bin Deary, stimmt. Aber Sie können mich William nennen. Oder Will. Das ist noch besser. Alle Welt nennt mich nur Will.«

»Okay, Will«, sagte Rick. »Sie haben also ein Boot für uns?«

»Aber ja doch. Ich hab’s Ihnen doch schon am Telefon versprochen. Es ist die Yellow Bird. Ein sehr schönes Schiffchen. Und sehr, sehr gutmütig. Sie werden Ihren Spaß daran haben. Kommen Sie mit. Ich zeig sie Ihnen.«

Er schüttelte auch Ricks Hand und ging dann voraus.

»Die hier ist es«, meinte er nach wenigen Yards, und er wies dabei auf einen knallgelben Kajütenkreuzer, den Gelben Vogel. »Sie werden keine Schwierigkeiten mit ihr haben. Ein gemütliches Schiffchen. Kann ich Ihre Segellizenz sehen?«

»Aber ja doch«, antwortete Rick und ließ die Seesäcke sinken. Aus der Brieftasche pulte er einen in Plastik eingegossenen Ausweis. Er reichte ihn dem Jachtvermieter.

Der Pfiff durch die Zähne.

»Wow. Das ist ja ein feines Scheinchen. Damit sind Sie ja berechtigt, auch einen Dreimastschoner zu führen. Wie kommt ein Student zu so etwas? Entschuldigen Sie, wenn ich so neugierig bin. Sie müssen die Frage natürlich nicht beantworten.«

Rick grinste schmal, während Babs ihn mit einem bewundernden Blick bedachte.

»Das ist kein Geheimnis«, antwortete Rick. »Ich habe das Kapitänspatent bereits als Einundzwanzigjähriger gemacht. Ich stamme aus Milwaukee, wissen Sie. Vom Michigansee. Mein Vater hat eine Fabrik dort. Und natürlich auch ein Boot. – Ein ziemlich großes Boot.«

»Dann werden Sie mit der Yellow Bird bestimmt blendend zurechtkommen. Ich sagte es schon: sie ist ein sehr braves Schiffchen. Man muss sie einfach gern haben. Sie wollen in den Golf hinaus?«

»Ja und nein. Wir haben kein festes Ziel. Wahrscheinlich werden wir an den Keys entlangtörnen. Zwei Taucherausrüstungen sind an Bord?«

»Wie Sie es gewünscht haben. Dazu auch noch ein Kompressor, damit Sie die Flaschen auch wieder nachfüllen können.«

»Prima. Würden Sie mir jetzt das Boot zeigen?«

Nach einer halben Stunde hatte Rick Landrey nicht nur das Boot kennengelernt, sondern es auch für sehr geeignet empfunden. Will Deary hatte nicht übertrieben, die Yellow Bird war wirklich ein ausgezeichnetes Boot. Man konnte sich in das Schiffchen verlieben. Proviant war so reichhaltig vorhanden, dass sie während der nächsten zwei Wochen keinen Hafen anzulaufen brauchten. Rick hatte das auch nicht vor. Er war froh, der Hektik des Alltags für ein paar Tage entrinnen zu können.

»Gedanken«, sagte Rick, nachdem er die Yellow Bird genau inspiziert hatte. »Haben Sie den Chartervertrag schon vorbereitet?«

»Er liegt bereits in der Kajüte. Auch der Tank ist schon voll. Aber Sie werden den Motor kaum brauchen. Außer, Sie wollen beim Tauchen rangieren.« Rick folgte dem Mann in die Kajüte. Sie war eng, aber bei aller Zweckmäßigkeit urgemütlich eingerichtet. Sogar eine abgetrennte Kombüse gab es da. Und Doppelbettkojen …

Der junge Mann war wirklich rundherum zufrieden.

Die vorbereiteten Verträge lagen in einer Schublade. Nur die Unterschriften fehlten noch. Rick Landrey überflog kurz den Vertragstext. Keine Fußangeln, keine Fallen. Der übliche Wort laut. Er unterschrieb. Dann zog er wieder seine Brieftasche, legte tausend Dollar auf den Tisch und ließ sich den Betrag quittieren.

»Die Versicherungsprämie ist darin enthalten?«, fragte er.

»Und die Kaution. Die Charter wird darauf verrechnet, wenn Sie wieder zurück sind. Kommen Sie mit dem Funkgerät klar?«

»Ich denke doch. Auf welchem Band werden die Wetterberichte durchgegeben?«

»Im Zwanzig-Meter-Band. Sie empfangen die Nachrichten überall im Golf sehr gut. Außerdem gibt es noch eine Relaisstation unten in Yucatan. Aber soweit wollen Sie ja gar nicht kommen.«

»Nein. Will ich nicht. Wie sahen die Meldungen der letzten Tage aus?«

»Erfreulich. Recht erfreulich. Schönes Wetter, ein guter Wind. Aber vor Hurrikans sind Sie in diesen Breiten natürlich nie sicher. Wenn Sturmwarnung gegeben wird, sind Sie verpflichtet, den nächsten Hafen anzulaufen. Das steht auch im Chartervertrag.«

»Ich hab’s gelesen. Und ich habe auch nicht vor, Kuba anzulaufen. Dass das verboten ist, habe ich ebenfalls gelesen. Ich bringe Ihnen die Yellow Bird wohlbehalten zurück.«

»Glaube ich gerne. Ich würde Ihnen wahrscheinlich auch einen Schoner anvertrauen. Wann wollen Sie aufbrechen?«

»So bald wie möglich. Muss ich noch zum Zoll?«

»Wenn Sie nicht Vorhaben, außer in Notfällen einen ausländischen Hafen anzulaufen, erübrigt sich das. Außerdem kann es sehr leicht sein, dass Sie von einem Zollkutter aufgefordert werden, beizudrehen. Die Schiffspapiere und eine Durchschrift des Chartervertrages finden Sie in der Dokumentenmappe.«

»Dann ist ja alles in bester Ordnung. Ich denke, dass Sie uns in wenigen Minuten los sind.«

»Mit Ihnen ein Geschäft zu machen, war mir ein Vergnügen. Was glauben Sie, was ich hier manchmal erlebe.«

Rick winkte ab. Er war nicht scharf darauf, das zu erfahren. Er konnte sich denken, was Deary zum Besten zu geben hatte. Er hatte sich auch schon häufig genug über die Greenhorns unter den Freizeitschippern geärgert. Jetzt wollte er nur noch hinaus auf das offene Meer. Er sehnte sich nach der Weite des Ozeans und nach dem Alleinsein mit Babs. Das zurückliegende Semester und seine Examen waren nicht einfach gewesen. Er wollte ausspannen und faulenzen. Bei der Inspektion der Yellow Bird war er auch auf Angelgerät gestoßen. Sie würden ihren Speisezettel um frischen Fisch bereichern können. Rick war sich sicher, mit diesem Boot eine gute Wahl getroffen zu haben. Zwanzig Minuten später liefen sie aus.

 

 

3. Kapitel

 

»Schau mal, was ich hier gefunden habe!«, rief Babs von der Kajüte aus hinauf aufs Deck. Rick hatte eine Angel in der Hand. Ein Fisch hatte eben gebissen. Ein mächtig großer Fisch. Die Kunststoffgerte bog sich bedenklich durch.

»Augenblick!«, schrie er zurück. »Im Augenblick kann ich nicht. Ich habe unser Abendessen an der Leine. Du wirst einen großen Topf brauchen. Eben ist er gesprungen.«

»Wer ist gesprungen?«

»Unser Fisch. Ein junger Schwertfisch, wenn ich mich nicht irre. Fast einen Meter lang. Herrliches, weißes Fleisch.«

Rick gab Schnur. Der Fisch sollte sich zu Tode hetzen. Den letzten Teil des Kampfes sah sich auch Babs an. Sie war aus der Kabine heraufgekommen.

»Tatsächlich«, sagte sie dann beinahe andächtig, als Rick den silbrig glitzernden Körper mit dem verknöcherten langen Unterkiefer aus dem Wasser zog. »Ein Prachtexemplar.«

»Nicht wahr?«

Ricks Gesicht war vor Aufregung gerötet. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Er spulte den Silk zurück auf die Rolle. Der Fisch zuckte nur noch. Er würde ihn nicht einmal mehr auf den Kopf schlagen müssen, wenn er ihn erst einmal an Bord hatte. Die Widerhaken waren ihm vermutlich bis ins flache Gehirn gedrungen, das bei dieser Makrelenart schon knapp über dem zähne-bewehrten Gaumen liegt.

Mit einem Enterhaken zog Rick den Fischleib über die Reling. Der Schwertfisch lag still. Er blutete aus dem Rachen.

»Ich kann das nicht sehen«, sagte Babs und schauderte.

»Musst du auch nicht. Ich werde ihn ausnehmen und dir die zartesten Filets, die du je gesehen hast, in die Kombüse bringen. Den Rest werfe ich über Bord, Zufrieden?«

Babs schaute auf den Fischleib hinunter.

»Muss ich wohl«, meinte sie. »Was bleibt mir schon anderes übrig.«

»Eben.«

Rick löste den daumennagelgroßen Angelhaken aus dem Kiefer. »Wenn du nicht Zusehen kannst, dann geh doch wieder nach unten«, meinte er und zog das Messer aus der Scheide, die an seinem Gürtel hing.

»Moment noch«, sagte Babs schnell. »Ich wollte dir doch etwas zeigen.« Ihr Blick pendelte zwischen dem Fisch und Rick hin und her. Ihre rechte Hand war zur Faust geballt, als wolle sie damit etwas fest umschließen.

Rick steckte das Messer wieder zurück und stand auf. »Du willst mir etwas zeigen?« Er lächelte spöttisch.

»Schau mich nicht so an«, sagte sie. »Ich habe eben die Schubladen in der Kombüse sauber gemacht, und da fand ich das da.« Sie streckte die Hand mit der Faust aus und öffnete sie. »Hast du so etwas schon jemals gesehen?«

»Himmel«, sagte Rick verblüfft, »das sieht ja aus wie ein Smaragd.«

»Das dachte ich im ersten Augenblick auch. Ist aber keiner. Für einen Edelstein ist er zu leicht. Wenn ich ehrlich sein soll, ich kann diesen Stein überhaupt nicht einordnen. Zweifellos ein Kristall. Aber was für einer?«

Rick hatte jedes Interesse an seinem Fang verloren. Nur noch der Stein faszinierte ihn. Er nahm ihn aus der geöffneten Handfläche des Mädchens. Der Größe nach musste er mindestens zwanzig Karat wiegen. Wog er aber nicht. Rick bemerkte das sofort. Der grünschillernde Stein war federleicht.

»Ich wette, der schwimmt auf Wasser«, murmelte er.

»Genau das habe ich ausprobiert«, sagte Babs. »Er schwimmt tatsächlich. Als Edelstein dürfte er das nicht.«

»Dann ist es auch kein Smaragd.«

»Er sieht nur aufs Haar genauso aus. Ich blicke da nicht mehr durch. Dabei war Mineralogie immer mein Lieblingsfach. Danach dürfte es diesen Stein überhaupt nicht geben. Er spottet den Naturgesetzen.«

»Kunststoff ist es auch nicht«, meinte Rick. Er hatte den Stein genommen und mit ihm über das Deckglas seiner Armbanduhr gekratzt. Der Kratzer war unübersehbar. Also kein Kunststoff. Das Material war härter als Quarz. Doch ein Edelstein. Aber warum war er so verdammt leicht, dass sogar das Wasser ihn trug?

»Ich werde ihn analysieren lassen«, sagte Rick nach einer Pause. »Wäre doch gelacht, wenn die nicht herausfinden, was das ist. Komisch bleibt es trotzdem. Wo sagtest du, hast du ihn gefunden?«

»In einer Schublade in der Kombüse. Oberstes Fach. Er war ganz nach hinten gerollt. Deshalb habe ich ihn nicht schon früher entdeckt. Er muss von Anfang an dort gelegen haben. Ob der Stein Leuten gehört, die das Boot vor uns gechartert haben?«

»Wir werden es erfahren«, brummte Rick und schob den grünschillernden Stein in die Hosentasche. Hey, der ist ja heiß!, dachte er noch. Dann kümmerte er sich wieder um den Fisch. »Du kannst schon mal das Öl in der Pfanne heiß machen. Um den Stein kümmern wir uns später. Schwertfischfilet! Bekommst du nicht einen tollen Mann zum Ehegefährten?«

»Ich bin ganz zufrieden mit dir. Nur das Deck musst du selber säubern. Ich kann kein Blut sehen.«

»Alles klar. Geh nur schon mal hinunter. Haben wir noch Dill?«

»Alles da. Ich werde dir eine prächtige Dillsoße zaubern. Das hast du doch gemeint, oder?«

»Du bist ein Goldschatz.«

Rick drückte seiner Freundin einen Kuss auf die Wange. Dann zog er sein Messer wieder hervor. Wenige Minuten später war der Fisch ausgeweidet und zerlegt. Kopf und Schwanz warf Rick über Bord. Zurück blieben die herrlich duftenden, weißen Seitenstücke. Rick nahm sie und stieg damit zur Kabine hinab. Er musste den Kopf einziehen, um sich nicht zu stoßen, als er den schmalen Eingang mit der engen Treppe passierte. Wie eine Spielzeugtreppe waren die paar Stufen. Nicht für die Füße eines ausgewachsenen Mannes gebaut. Rick fiel das in diesem Augenblick auf. Alles war auf diesem Schiff ein wenig klein geraten. Auf allen Schiffen ist das so.

Der junge Mann lieferte das Fleisch in der Kombüse ab und wusch sich die Hände. Anschließend mixte er sich einen eisgekühlten Gin Tonic und für Babs einen Martini Dry mit reichlich Whisky und viel Eis. So mochte sie den Drink am liebsten. Aus der engen Kochkabine duftete es verlockend. Das Fett brutzelte in der Pfanne.

Rick ließ sich auf die Couch fallen, nachdem er Babs den Drink gegeben hatte. Drei Tage waren sie jetzt unterwegs. Vom ersten Tag an hatten sie getaucht, und es war herrlich gewesen. Aber nun wollte er weiter hinaus in den Golf. Die letzten Inseln des Keys lagen schon hinter ihnen. Linker Hand lagen die Großen Antillen. Aber weiter draußen gab es auch noch einige Inseln. Wenige Atolle mit Korallenbänken darum herum. Dorthin wollte Rick.

Dorthin hatte er von Anfang an gewollt. Es gab dort eine seltene Algenart, und die wollte er unter die Lupe nehmen. Diese Algenart war sehr reich an Nährstoffen. Rick wollte überprüfen, ob sie sich nicht auch kultivieren ließ. Ihm schwebten weite Unterwasserfelder vor, die dem Menschen ein unerschöpfliches Nahrungsreservoir bieten würden. Er dachte nicht mehr an diesen seltsamen, grünen Stein, als er an seinem Gin Tonic nippte und seine Gedanken zu den kommenden Tagen wanderten.

Er hätte auch nicht mehr an diesen Stein gedacht, wenn er nicht fast von einer Sekunde auf die andere furchtbar heiß geworden wäre. Rick schnellte von der Couch hoch, als hätte eine Viper ihn gebissen. Diese plötzliche Hitzeentwicklung schmerzte.

»Was ist denn in dich gefahren?«, fragte Babs aus der Küche, doch Rick hörte sie schon nicht mehr. Er war an Deck gestürmt. Der Schmerz wurde immer heftiger und rasender. Rick konnte sich nicht mehr anders helfen: er schlüpfte aus den Jeans, so schnell wie es ihm möglich war. In einem hohen Bogen warf er die Hose über Bord. Das Wasser zischte auf, als die Hose darin versank. Blasen brodelten.

Rick sah an seinem Oberschenkel hinunter. Eine Brandblase, groß wie ein Silberdollar, breitete sich rasch aus. Die Hose versank so schnell, als wären ihre Taschen mit Steinen gefüllt gewesen. Rick sah ihr nach.

Das konnte es doch nicht geben!

Es war wie ein Sog gewesen, der die Jeans hinuntergestrudelt hatte. – Wie ein Sog.

Rick starrte noch in die sprudelnde Gischt, als Babs ihn schon bei den Schultern rüttelte.

»Was los ist, möchte ich wissen!«

Der junge Mann schüttelte die Hände des Mädchens mit einer unwilligen Gebärde ab.

»Sieh doch selbst!«, schrie er übermäßig laut. »Schau doch hinunter! Der Teufel ist hier los!«

Das Mädchen trat neben ihn an die niedrige Reling. Ihr Blick folgte dem ausgestreckten Zeigefinger des jungen Mannes.

Tatsächlich! Da war etwas! Etwas, das absolut nicht hierher passte. Eher schon in einen Horrorfilm. Beide standen wie erstarrt, als die Wogen sich teilten.

Das blaue Wasser färbte sich rot, wie die Sonne, die eben untergehen wollte. In blutiges Rot getaucht lag die See, kochte und dampfte. Eine gallertige Masse hob sich aus den Wassern. Wie eine überdimensionierte Quelle. Viele Arme wie bei einem Kraken schlängelten umher.

Rick kannte seine Lehrbücher. Über ein Wesen dieser Art hatte er noch in keinem gelesen. Blutrot schob sich ein schleimiger Hügel aus dem Wasser. Ein Schlund wurde sichtbar. Ein riesiger Schlund, der schwarz wie eine Höhle aus der roten Masse gähnte. Keine Zähne darin, nur rabenschwarze Leere.

Das Wesen hob sich weit aus dem Wasser. Rick sah ganz kurz nochmals seine Hose, die auf den Schlund zu wirbelte und dort verschwand. Auch die Yellow Bird setzte sich in Bewegung, wie magnetisch angezogen. Noch höher, noch weiter wurde das Riesenmaul in dieser Masse. Höher als der Mast des Kajütenkreuzers.

Babs Brower klammerte sich an den Schultern ihres Freundes fest, doch hier konnte ihnen niemand helfen. Sie schrie auf, und ihr Schrei ging auf, im Brüllen Rick Landreys. Dann raste das Maul förmlich auf sie zu und sog sie auf.

Der Abendhimmel verschwand, das Boot unter ihren Füßen verschwand, und da war nichts mehr als ein Wirbeln des Vakuums, das sie mit sich fortriss. Es gab kein unten und kein oben mehr. Alles war Leere, unsagbare Leere.

Rick erwartete seinen Tod. Doch der Tod kam nicht. Es kam überhaupt nichts. Vorläufig. Rick fühlte sich, als wäre er in eine Waschmaschine gesteckt worden, bei der der Schleudergang eingeschaltet worden war. Seinen Magen spürte er oben im Hals. Und noch hielt dieses verrückte Kreiseln an. Einmal glaubte er ganz kurz das Mädchen zu erkennen, doch dann war es wieder weg. Weit weg. Raum und Zeit verloren ihre Bedeutung. Rick wirbelte durch das Nichts. Einem unbekannten Ufer entgegen.

Gab es überhaupt noch eine Rettung?

Die Yellow Bird gab es jedenfalls nicht mehr. Aber er lebte. Warum war plötzlich nur das Wasser so rot? Blutig rot? War es überhaupt Wasser?

Rick schwamm. Er schwamm in diesem blutroten »Wasser«. Nicht mit kräftigen Zügen. Dieses »Wasser« trug besser als das auf der Erde. Er ging nicht unter.

»Babs!«, schrie er durch die absolute Stille und hinaus in den gelben Himmel über sich. »Babs!«

»Rick!«

Ganz schwach nur kam die Antwort, aber sie kam. Rick kraulte. Die Flüssigkeit, in der er schwamm, war zäh und breiig. Nicht wie wirkliches Wasser. Mehr wie ein bis zum Extrem verdünntes Gelee. Gallert …

Bis hinüber zu Babs waren es vielleicht zwanzig Yard. Rick kämpfte sich vorwärts. Die Flüssigkeit schmatzte um seinen Körper.

»Babs!«

Er bekam ihren Arm zu fassen. Babs war eine gute Schwimmerin. Sie ging auch hier nicht unter.

»Rick!«

Er bekam etwas von der roten Brühe, in der er schwamm, in den Mund. Sie schmeckte scheußlich bitter.

Nur mit Mühe unterdrückte er das Würgen, das ihn plötzlich überfiel. Er spuckte. »Babs!«, rief er erneut.

Dann hielten sie sich an den Händen. Das Mädchen schaute verstört wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, über die roten Wellenkämme. Panik lag in ihren Augen. Unübersehbar. Das Mädchen strampelte wild. Dicke Tropfen platschten auf die Oberfläche dieser Flüssigkeit zurück.

»Nur Mut!«, hörte Rick sich sagen, und seine Worte kamen ihm selbst schal und trostlos vor. Waren sie nicht schon in der Hölle gelandet?

Sie gingen nicht unter, obwohl das Mädchen sich wie eine Klette an ihn geklammert hatte. Wie zwei Korken tanzten sie nebeneinander auf der Flüssigkeit.

»Was ist passiert?«, fragte Babs weinerlich. Ihre großen Augen waren weit aufgerissen.

»Ganz ruhig«, antwortete Rick und wusste doch, dass ihre Lage hoffnungslos war. Sie musste hoffnungslos sein. Es gab keine befriedigende Antwort auf Babs’ Frage. Die herkömmliche Wissenschaft lieferte keine Erklärungen dafür, was ihnen zugestoßen war. Er und Babs trieben in einer bitter schmeckenden, roten Flüssigkeit, die es in ihrer Welt einfach nicht gab.

Wo waren sie gelandet?

Der Horizont war wesentlich stärker gekrümmt als es hätte sein dürfen. Rick hatte das Gefühl, ganz oben auf einem roten Gummiball zu sitzen. Weit und breit war kein Land zu sehen. Ein safrangelber Himmel ohne Sterne wölbte sich über ihnen, wie eine Glocke. Kein Lüftchen regte sich. Es war warm. Sehr warm. Und sie waren alleine.

Die Flüssigkeit tränkte ihre Kleider nicht. Sie wurde nicht aufgesogen, sie perlte sogar ab, wenn man den Arm hochhielt. Rick hielt Ausschau nach der Yellow Bird, aber er sah nicht einmal Wrackteile. Nur sie beide waren hier.

Babs hatte sich etwas beruhigt. Fast zu sehr beruhigt. Halb apathisch trieb sie auf dem gallertigen Rot. Rick vermied es, seine Freundin anzusehen. Er konnte ihr jetzt nicht helfen. Er war schon froh, wenn im Augenblick keine unmittelbare Gefahr mehr für ihr beider Leben bestand. Auch Rick drehte sich auf den Rücken und schaute in den gelben, regungslosen Himmel. Nur ab und zu drehte er sich wieder zurück, um sich zu bewegen. Sie wechselten kein Wort mehr miteinander. Babs schien einen Schock davongetragen zu haben.

Es kam erst wieder Bewegung in sie, als am Horizont eine Mastspitze auftauchte. Ein tief violettes, seltsam gezacktes Segel hing daran und blähte sich in einem Wind, der überhaupt nicht wehte …

 

 

4. Kapitel

 

Gebannt starrte Rick dem Gefährt entgegen, das sich ihnen jetzt unaufhaltsam näherte. Es hielt genau auf sie zu, als würde man dort haargenau wissen, wo man zu suchen hatte. Nicht ein einziges Mal musste die Richtung korrigiert werden.

Ricks Oberkörper ragte halb aus dem »Wasser«. Er hatte es sich angewöhnt, von dieser Flüssigkeit als von Wasser zu sprechen, obwohl sie nicht die entfernteste Ähnlichkeit damit hatte und auch ganz andere physikalische Eigenschaften aufwies. Offensichtlich gab es kein Leben in diesem Fluid. Rick hatte es in keine der bekannten chemischen Verbindungen einordnen können und zerbrach sich mittlerweile nicht mehr den Kopf darüber. Er hatte andere, näherliegende Sorgen. Das Schiff zum Beispiel, wenn es überhaupt ein Schiff war. Zumindest der optische Eindruck war ein ähnlicher, wenngleich das Segel nicht die Funktion eines Segels erfüllte. Es wehte kein Hauch, und trotzdem kam das Gefährt unaufhaltsam auf sie zu. Jetzt ragten auch schon die Aufbauten über den Horizont. Die Sicht war ungewöhnlich klar wie nach einem erlösenden Gewitterregen. Nur dass es hier keine Wolken und geschweige denn ein Gewitter gab.

Das Gefährt sah aus wie aus Stahl genietet. Dicke Platten waren zusammengefügt zu einer Form, die entfernt an ein Wikingerboot erinnerte. Allerdings gab es keine Ruder. Die Wände sahen irgendwie abstoßend aus, in ihrer martialischen Panzerung. Daumennagelgroße Nietköpfe ragten über das stählerne Grau. Der Bug hinterließ keine Wellen auf dem roten Nass. Das machte das Näherkommen dieses Gefährtes noch gespenstischer.

Jetzt tauchten Figuren an der Bordwand auf. Die Wesen waren altertümlich gekleidet. Die Füße steckten in geschnürten Sandalen, wie sie einst die Gladiatoren im alten Rom getragen hatten. Auch der lederne Rock, aus lauter einzelnen Laschen zusammengefügt, erinnerte an jene Epoche ebenso wie die bunt gefiederten Helme und die bronzetönernen Brustpanzer aus demselben Material, aus dem der Rumpf des Gefährtes bestand.

Antik war auch die Bewaffnung. Aus ledernen Scheiden ragten die mit verwirrender Ornamentik verzierten Griffe von Schwertern. Einige dieser Wesen trugen zusammengerollte Peitschen am Gürtel, aber das war es nicht, was Rick zugleich faszinierte und entsetzte.

Die Wesen hatten keine Gesichter. Unter ihren Helmen bleckte es leer. Man konnte die innere Rückwand der Helme sehen. Kein Kopf …Wesen ohne Köpfe und Gesichter …

Wesen, die es auf seiner Welt nicht gab …

Neben Rick schlug die Freundin plötzlich wild um sich. Spitze Schreie ausstoßend, strampelte sie und hieb mit den Armen in das Fluid, dass es in riesigen Tropfen aufsprühte. Rick packte Babs. Einen hysterischen Anfall konnte er jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Babs schaute wild um sich und schrie. Auch sie musste erkannt haben, dass diese Wesen keine Gesichter hatten.

Rick wollte ihr schon seine Hand auf den Mund legen, wollte sie gewaltsam beruhigen, doch er wurde einer Entscheidung enthoben. Vom Rumpf des inzwischen längsseits gekommenen Gefährts schwenkte eine Art Kranarm aus. Ein Seil lief über eine Rolle. An seinem Ende war ein durchsichtiges Gespinst befestigt. Es breitete sich mit einem Male aus, und Rick sah, dass es ein engmaschiges Netz war, das über sie herabschwebte und in das Rot eintauchte. Immer enger wurde die geknüpfte Kuppel über ihnen, und Rick spürte förmlich, wie die Falle sich unter ihnen zusammenzog.

Dann lief das Seil über die Rolle zurück. Rick konnte nicht sehen, wer daran zog. Die Rumpfwand war zu hoch. Das Gefährt stand regungslos. Da fühlte er das Netz an seinen Füßen, an seinen Knien und an seinen Schenkeln. Die immer noch schreiende Babs wurde gegen ihn gedrückt. Ihre gellenden Rufe erklangen dicht an seinem Ohr. Rick holte aus, solange er noch genügend Bewegungsfreiheit hatte. Links und rechts schlug er dem Mädchen auf die Wangen. Ihre Schreie verebbten, gingen in ein haltloses Schluchzen über, dann in das Wimmern eines ausgesetzten hungernden Kindes.

Babs vergrub ihren Kopf an seinem Hals, als sie hochgezogen wurden wie Fische im Netz. Aber Rick und seine Freundin zappelten nicht einmal mehr. Sie waren gefangen, und sie wussten es. Unter ihren Beinen schloss sich die Oberfläche des Fluids mit einem schmatzenden Laut. Keine Welle, keine Kreise auf der Oberfläche. Es lag einfach glatt und unbewegt da.

Immer höher wurden sie gezogen. Der Kranarm war in Bugnähe ausgefahren worden. Jetzt schwenkte er zurück. Über dem Vorderdeck hielt er mit einem Ruck an. Das Netz mit der Beute darin pendelte noch eine Weile. Babs klammerte sich an Rick fest, als könne er ihr noch einen Halt bieten. Allmählich pendelten sie aus. Babs weinte nicht mehr. Rick schaute hinunter auf das Schiff.

Die Planken bestanden aus demselben stählern aussehenden Material, aus dem auch Rumpf und Mast bestanden. Das violette Segel versperrte ihnen die Sicht auf den hinteren Teil des Gefährtes. Aber wahrscheinlich gab es dort ebenso wenig zu sehen wie auf dem Vorderdeck. Eine glatte Fläche breitete sich unter ihnen aus. Keine Aufbauten, nichts. Keine Türen, keine Luken. Nur diese gesichtslosen Wesen unter ihnen. Sie schienen sich nach einem genau durchdachten Plan zu bewegen. Nie berührten sie sich gegenseitig. Und kein Laut drang an Ricks Ohr. Nach wie vor blieb es geisterhaft still. Keine Kommandorufe.

Und trotzdem ging plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Das Segel war nicht einen einzigen Moment schlaff geworden. Rick boten sich keine Orientierungshilfen an, und dennoch hatte er den Eindruck, dass das Schiff sich auf der Stelle drehte und sich dann vorwärtsbewegte. Kein Zeichen irgendeines Antriebs, kein Brummen irgendeines Motors. Lautlos glitt das Gefährt voran wie ein Curlingstein auf dem glatten Eis. Das Ziel war unbekannt.

Rick drückte Babs’ Kopf an sich, während sie so fünf Yard über dem Deck über die rote Flut glitten. Der Tränenstrom des Mädchens war endlich versiegt. Lethargisch schaute es auf das stereotype Treiben auf Deck hinunter. Es lag kein echtes Interesse in ihrem Blick. Sie sah nur zu, um irgendetwas zu tun. Sich Gedanken über ihre derzeitige Lage zu machen, hatte sie schon längst aufgegeben.

Auch Rick wollte nicht darüber nachdenken, dennoch fügte er sich leichter in sein Schicksal. Er wusste, zwischen dem, was schon geschehen war, und jenem, das noch geschehen würde, mussten kausale Zusammenhänge bestehen. Es musste ein Zweck dahinterstecken, wenn sie zuerst in diese unwirkliche See gebracht worden waren und jetzt einem unbekannten Ufer zusteuerten. Es musste ein Ufer geben, und war es auch noch so fremd für sie. Rick Landrey wurde von seiner Neugierde aufrecht gehalten. Sanft streichelte er seiner Freundin über das trockene Haar. Er sagte Worte voller Zärtlichkeit und kam sich dumm dabei vor. Doch das, was er sagte, verfehlte seine beruhigende Wirkung nicht. Es waren Suggestionen, die er an Babs weitergab. Das Mädchen schmiegte sich schutzsuchend an ihn, der keinen Schutz zu geben vermochte, an einen, der selbst Angst vor der nächsten Zukunft hatte. Aber Rick war das einzige Bekannte und Vertraute in dieser unwirklichen Welt mit den roten eisglatten Wogen und dem gelben Himmel darüber, an dem es keine Sterne gab.

Das Gefährt drehte sich backbords. Das violette Segel schwebte beiseite. Rick sah das Land.

Tiefblau schob es sich wie eine Zunge über den Horizont, wurde schnell größer. Er machte Türme aus, die sich schlank wie Minarette in den Himmel streckten, Kuppeln, die golden schimmerten. Dann ein kleiner Hafen mit einer Mole und einem weiteren Turm an seinem Ende, die Einfahrt.

Rick hatte seine Finger in die Maschen des Netzes gekrallt und versuchte auf dem schwankenden Grund zu stehen, um noch mehr von diesen fremdartigen Eindrücken in sich aufnehmen zu können. Es ging nicht. Rick rutschte zurück.

Das Gefährt war langsamer geworden. Rick konnte diesen Umstand an den Bezugspunkten feststellen, die sich jetzt seinen Augen boten. Immer langsamer kamen die Hafenmauern näher. Rechts davon ragten weiße Felsen aus dem Rot des Ozeans ohne Leben. Sie türmten sich steil auf und fielen schroff zum »Wasser« hin ab. Eine niedrige Brandung leckte an ihnen. Auch das geschah in vollkommener Lautlosigkeit.

Dann rutschte das Gefährt sanft auf die Kaimauer zu. Noch zwei weitere Schiffe lagen im Hafen. Sie glichen bis auf die letzte Planke jenem, auf dem sich Rick mit seiner Freundin im Moment befand. Er konnte nicht den geringsten Unterschied feststellen. Ein leichter Ruck, und das Boot stand ruhig.

Unten machten sich drei der gesichtslosen Wesen am Kranarm zu schaffen, zurrten und zerrten an Seilen, während der Arm wieder ausschwenkte; auf die Mauer zu. Das Netz senkte sich.

Unsanft kamen Babs und Rick auf. Das Netz blieb geschlossen. Sie verfingen sich in den Maschen und stürzten. Ein Arm von Babs ragte hinaus. Ihre Arme waren wesentlich dünner als die von Rick, der gerade noch vier Finger durch die Maschen stecken konnte. Rick hatte sich endlich wieder gefangen. Er stand auf unsicheren Beinen. Babs lag neben ihm. Leuchtete in ihren Augen nicht schon das erste Glitzern des beginnenden Wahnsinns? Ihre Lippen waren blutleer geworden. Sie kontrastierten kaum mehr mit der blassen Haut.

Sich schnell nähernde Schritte ließen Rick herumfahren; Schritte wie auf dem Kasernenhof. Es waren zehn »Mann«.

Rick grinste schal, als er »Mann« gedacht hat! Auch diese Wesen waren gesichtslos. Nur ihre Uniformen unterschieden sich von denen der Schiffsbesatzung. Waren deren Brustpanzer bronzefarben gewesen, so schimmerten ihre in einem bläulichen Ton. In der Mitte trugen sie ein Emblem. Rot auf gelbem Grund. Eine rote Spirale. Und die Spirale schien sich langsam zu drehen. Ihre Kleidung war noch durch einen wallenden violetten Umhang aus demselben Stoff ergänzt, aus dem auch das nutzlose Segel des Gefährts bestand.

Als hätten sie jeden Tritt schon tausendfach geübt, umkreisten die Neuankömmlinge das Netz. Das feste Knarzen ihrer Schritte verstummte. Eines dieser Wesen trat hervor und näherte sich dem Netz. Ein kurzer Griff, und – das Schwert blinkte in seiner Hand. Das Wesen holte aus und schlug zu.

Keine Hand hätte mehr zwischen Ricks Kopf und die Klinge gepasst, als sie die Maschen des Netzes sausend zerschnitt. Das Strickgewirr fiel von ihnen ab. Plötzlich standen Rick Landrey und Babs Brower im Freien.

Nicht lange, denn die Wesen kamen auf sie zu. Ihre Hände waren schwarzbraun wie knorriges Holz, und genauso fühlten sie sich auch an.

Rick sprang die erste der Gestalten an. Er wollte sie mit einem einzigen Hieb niederstrecken. All seine Kraft lag in diesem Schlag.

 

 

5. Kapitel

 

Auf der rechten Seite hatten sie das chromblitzende Gestell mit der Infusionsflasche entfernt. Dort, wo eine Kanüle in die Vene des Kranken geschoben worden war, befand sich jetzt ein Pflaster, auf dessen Oberfläche sich noch ein rostroter, eingetrockneter Blutfleck befand.

Dr. Gerald Morrison bückte sich nach dieser Hand und hob sie – die Finger am Puls – auf. Er schaute auf seine Uhr, zählte die Schläge mit und runzelte die Stirn.

»Immer noch arhythmisch«, murmelte er halblaut. »Aber der Zustand des Patienten hat sich zweifellos gebessert. Nur das Fieber macht mir noch Sorgen. Es ist wieder leicht angestiegen.«

Er ließ die Hand aufs Bett zurücksinken und betrachtete die Kurve über dem Bett.

»Ist er noch mal zu sich gekommen?« Die Frage hatte Schwester Lissy gegolten, die neben dem Bett auf einem Stuhl saß und an einem Schal häkelte. Ihr Gesicht war noch genauso hübsch und nichtssagend wie am Vortag. Nur den Kaugummi hatte sie inzwischen erneuert. Sie schüttelte den Kopf.

»Solange ich hier saß, nicht. Und auch die Nachtschwester hat nichts davon erwähnt, dass der Patient in der Zwischenzeit wieder das Bewusstsein erlangt hätte. Aber er redet andauernd wirres Zeug. Ohne Sinn. Trotzdem habe ich eine Zeitlang mitgeschrieben. Wollen Sie’s lesen?«

»Aber ja. Zeigen Sie her.«

Die Schwester legte ihre Häkelarbeit beiseite, die sie ohnehin schon beim Eintritt von Dr. Morrison hatte sinken lassen, und stand auf. Sie ging zu einem Tischchen hinüber, auf dem eine Blumenvase stand. Daneben lag ein normales Schulheft.

»Was seh’ ich da?«, fragte der Arzt. »Unser Patient hat Blumen bekommen. Weiß man jetzt endlich, wer er ist? Haben sich Verwandte gemeldet?«

Die Schwester wurde rot. Sie senkte den Blick, während sie das Heft aufnahm und es gegen ihre wohlgerundete Brust drückte, über der sich die gestärkte, weiße Tracht wölbte.

»Nein, Doktor. Es hat sich niemand gemeldet. Die Blumen …ich habe sie nur …ich meine …«

»Was ist jetzt?«, kam unmutig die Frage.

»Nun, die Blumen wurden nicht für diesen Patienten abgegeben. Es ist nur, weil sich für ihn eben überhaupt niemand interessiert hat, und da habe ich die Blumen von Zimmer 8 genommen und hier herübergestellt. Mister Crown ist ja heute Morgen entlassen worden. Er brauchte die Blumen nicht mehr.«

»Schon gut, schon gut«, wehrte Dr. Morrison ab. »Verlieren wir kein weiteres Wort darüber. Holen Sie jetzt Dr. Flamber. Er ist bei dem Mädchen, das zusammen mit diesem Mann eingeliefert wurde. Und geben Sie mir das Heft.«

Die Schwester reichte es dem Arzt und verschwand schnell durch die Tür. Diese beiden Patienten waren das Hauptgesprächsthema in der Klinik von Miami Beach, seit sie vor drei Tagen eingeliefert worden waren und Schwester Lissy hatte einige neue Zutaten für die Gerüchteküche. In den Aufzeichnungen, die sie Dr. Morrison übergeben hatte, hatten aber auch zu komische Sachen gestanden. Zumindest redete Lissy sich ein, sie wären komisch gewesen. Das ließ kein Grauen in ihr aufkommen. Ist aber ja auch zu lustig: Wesen ohne Gesichter und Helmen auf unsichtbaren Köpfen. Wirklich zum Lachen.

Auch Dr. Morrison las die Aufzeichnungen, das Protokoll eines Fiebertraumes. Noch mehr Falten runzelten seine ohnehin schon zerfurchte Stirn. Das war doch wirklich seltsam. Er schaute den Mann auf dem Krankenbett rätselnd an.

Wie kam er nur dazu, dieselben Träume zu haben wie das Mädchen ein paar Zimmer weiter? Das war zumindest äußerst ungewöhnlich, wenn nicht gar sensationell. Oder es waren keine Fieberträume, wie er anfangs angenommen hatte, sondern Reflektionen über eine gemeinsame Wahrheit, die die beiden jungen Menschen durchlebt haben. Das jedoch machte die Aussagen der Träume nicht weniger sensationell. Dr. Morrison wollte und musste sich Klarheit verschaffen. Nicht zuletzt deshalb hatte er auch Dr. Flamber als zweiten Arzt hinzugezogen. Auch die Krankheitssymptome der beiden Patienten waren ein und dieselben. Und es waren vor allem Symptome, wie sie bei Erschöpfungskranken normalerweise nicht auftraten. Dr. Morrison fragte sich vergeblich, was bei diesen beiden Krankheitsbildern überhaupt noch normal war.

Dr. Flamber trat ein. Er war etwas jünger als Dr. Morrison, doch auch seine Züge waren schon von der Verantwortung gezeichnet, die täglich auf ihm lastete. Die beiden Männer schauten sich ernst an. Morrison bedeutete der Schwester, mit einem Kopfnicken zu gehen. Den Kaugummi unwillig von einer Seite auf die andere schiebend, tat sie es. Dr. Flamber drückte die Tür ins Schloss.

Nun? fragte sein Blick.

»Wie Sie schon angenommen hatten«, sagte Dr. Morrison. »Fast aufs Haar dieselben Traumaussagen. Mit meinem Medizinerlatein bin ich jetzt am Ende. Ich gebe das offen zu.« Er reichte dem jüngeren Kollegen das Heft.

Der schob die randlose Brille auf die Stirn und las den verwirrenden Inhalt der Zeilen.

»Tatsächlich«, sagte er schließlich. »Dieselben Aussagen. Andere Worte, ja. Aber gleiche Inhalte. Ich verstehe das auch nicht. Ich fürchte, wir werden erst weiterkommen, wenn wir die Kranken dazu gebracht haben, wieder aufzuwachen. Was macht der Mann hier?«

»Puls immer noch arhythmisch, Frequenz normal, Temperatur leicht steigend.«

»Wie bei dem Mädchen«, kam es resignierend aus dem Mund Dr. Flambers. Er ließ das Heft mit den Aufzeichnungen der Schwester sinken. »Und die Lähmungserscheinungen?«

»Ebenso wie bei dem Mädchen. Ich war vorher kurz bei ihm. Spastische Krämpfe auf der rechten Körperseite. Nackensteife mit der Tendenz zur Besserung. Keine sichtbaren Zeichen von Schmerzempfindung. Auch das ist ungewöhnlich. Wir haben keine schmerzstillenden Mittel gereicht, um zu forcieren, dass der Patient von seinen eigenen Schmerzen, wenn auch nur für kurze Zeit, ins Bewusstsein zurückgestoßen wird. Bisher ist die Rechnung nicht aufgegangen. Und ich kann mir nicht helfen: Ich glaube, sie geht nie auf.«

»Wir sollten die Hoffnung noch nicht verlieren, Herr Kollege.«

»Sie reden wie ein Priester.«

»Vielleicht ist das in diesem speziellen Fall gar nicht so verkehrt.«

In diesem Augenblick bewegte sich der Kranke. Seine rechte Körperhälfte zuckte, doch die Lähmung zwang ihn auf seinem Lager nieder. Der Mund schnappte krampfhaft auf und zu. Zitternd schoben sich die Lider zurück. Die eingefallenen Wangen bebten heftig. Ein unterdrückter Aufschrei entrang sich seiner Kehle.

»Nicht! Ihr verdammten Hunde! Lasst mich los! Nein, ich will nicht!«

Doch wie von einer unsichtbaren Faust gehalten, wurde der Kranke niedergedrückt.

Die beiden Ärzte sahen sich schweigend an. Sie versuchten das Erschrecken in ihren Zügen gar nicht erst zu verbergen.

 

 

6. Kapitel

 

Rick schlug zu. Ein rasender Schmerz fuhr durch seine Faust und von da ab weiter bis hinauf in die Schulter. Es war, als hätte er gegen einen Baumstamm geschlagen.

Die Gruppe der zehn Wesen hatte sich getrennt. Fünf Händepaare griffen nach Babs, während die anderen fünf nach Rick fassten. Die Gestalt, nach der Rick geschlagen hatte, wankte nicht einmal. Finger griffen wie Wurzeln nach ihm, hielten ihn fest. Sekunden später konnte Rick sich nicht mehr bewegen. Er fühlte, dass er hochgehoben wurde. Wie in hölzernen Schraubstöcken lagen seine Arme und Beine. Nur der Körper hing noch durch. Rick drehte und wand sich wie wild. Doch vergeblich. Der Griff um seine Gliedmaßen lockerte sich nicht. Er wurde nur noch fester. Rick hörte sich keuchend schreien. Einen Augenblick lang geriet Babs in sein Gesichtsfeld. Auch das Mädchen war wie er hochgehoben worden und wurde abgeschleppt, wie ein Stück Vieh.

Die Gestalten nahmen den Weg zurück, den sie gekommen waren, die beiden Menschen in ihrer Mitte. Jeweils vier hatten die Opfer gepackt, während der fünfte der Kolonne voraus marschierte.

Am Ende der Kaimauer – sie war genauso weiß wie die Felsen am Rande der stadtähnlichen Ansiedlung – trennten sich die Kolonnen. Die mit Rick marschierte nach rechts, die mit dem Mädchen nach links.

Zwei Tore machte Rick jetzt aus. Er hatte aufgehört, sich zu sträuben, weil er einsah, wie wenig Zweck das hatte. Er verschliss so nur seine Kräfte, und er wurde das Gefühl nicht los, dass er seine Kräfte sehr bald anderweitig brauchen würde. Also schonte er sich und ließ sich durchhängen wie ein Sack.

So sah er auch noch, wie Babs durch das andere Tor abgeschleppt wurde. Es lag näher am Kai.

Um die Ansiedlung zog sich ein dreimannhoher Wulst. Anders war dieses aufgeschichtete Gebirge aus Steintafeln nicht zu beschreiben. Es ragte nicht glatt, sondern in einer geschwungenen Linie auf. Auch das Tor in diesem Wulst war nicht so, wie normale Tore waren. Es war nicht rechteckig aus der Mauer geschnitten, sondern in der Form eines anmutigen Rundbogens. Seine breiteste Stelle hatte er etwa einen Yard über der Erde.

Rick wurde hindurchgeschleppt. Er tauchte in eine stille, fremdartige Welt ein. Außer ihnen befand sich niemand auf den engen Straßen. Zwischen würfelförmigen Gebäuden hindurch wurde Rick weiter in die Stadt hineingetragen. Ornamentreliefs liefen an den Dachkanten entlang. Ihr Muster erinnerte an stilisierte Schlangenköpfe, die sich wie ein Band dahin wanden, wobei jede Schlange der nächststehenden in den Hals biss. Man konnte deutlich die spitzen Zähne mit dem Giftloch sehen.

Die Häuserkanten standen nicht im rechten Winkel zueinander, was den Gebäuden ein unwirkliches, bizarres Aussehen verlieh. Wie Gebilde aus einem Albtraum standen sie da in ihrer drohenden Schweigsamkeit. Selbst die dunkel gähnenden Höhlungen der Fenster waren scheinbar willkürlich gegeneinander versetzt. Rick konnte das System nicht erkennen, nach dem sie vom Baumeister dieser Häuser gesetzt worden waren. Es war die abstruse Welt eines surrealistischen Künstlers, in die er sich versetzt fühlte.

Die Gebäude machten jetzt höheren, mit golden glänzenden Kuppeln Platz, die Rick schon vom Schiff aus gesehen hatte. Nur stach ihr Schimmer jetzt noch intensiver in seine Augen. Ein Brummen und Rumoren drang kurz aus der Erde und ließ den Boden unter ihm vibrieren. Er sah ganz deutlich, wie der weiße Sand ins Rutschen geriet. Wie ein Zittern durchlief es ihn.

Die fünf gesichtslosen Wesen steuerten ein mächtiges Tor an, das in einen dieser Kuppelbauten mündete. Halbdunkel umfing sie, doch die Wesen verlangsamten ihren Schritt nicht. Wie Automaten liefen sie weiter in das Zwielicht hinein.

Am anderen Ende des Saales, in den sie gelangt waren, gähnte eine dunkelrot glühende Öffnung, wie ein mit Samt ausgeschlagenes Kabinett Dahin schleiften ihn die Wesen. Kurz vorher ließen sie ihn fallen. Rick klatschte auf den jadegrünen Pflasterboden. Der Boden war warm, als würde er von unten her beheizt.

Die Wesen hatten ihre Schwerter gezogen. Die fünf Spitzen zeigten auf den jungen Mann. Die Wesen nahmen Front gegen ihn. Der Rückweg zum Tor war ihm versperrt. Rick konnte nur in eine Richtung weiter; in die des roten Kabinetts. Im Nähertreten sah er, dass es keinen Boden hatte.

Rick Landrey stand vor einem bodenlosen Schacht.

Gehetzt schaute er den Gestalten entgegen, die drohend näherkamen. Unerbittlich. Die Schwertspitzen leuchteten im Widerschein des rotglühenden Kabinetts. Doch vom Schacht ging keine Hitze aus. Langsam wich der junge Mann zurück.

Alles war so unwahrscheinlich, so fürchterlich verrückt. Sie hatten ihn doch nicht hierhergebracht, ihn zuerst aus diesem Fluid gefischt, um ihn jetzt einen Schacht hinabzustoßen, in dem er sich unweigerlich das Genick brechen musste!

Rick Landrey wagte einen Blick hinunter. Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getrogen. Da war tatsächlich kein Boden.

Und die Schwertspitzen kamen näher.

Rick war vor die Wahl gestellt, sich aufspießen zu lassen oder zu springen. Tödlich war beides. Rick entschied sich für den Schacht, als das erste Schwert schon seine Brust fitzte. Sein Hemd klaffte auseinander.

Er sprang.

Der junge Mann fiel schnell. Im Fallen schaute er nach oben. Ein schwarzes Gebilde, das er vorher nicht bemerkt hatte, hing über dem Schacht an seinem oberen Ende. Silbrige Fäden spritzten aus unzähligen Düsen eines gewaltigen behaarten Leibes. Die Fäden rasten ihm nach, waren schneller als er, holten ihn ein.

Rick fühlte, wie sich eine klebrige Masse um seine Gelenke und um seinen Rumpf schloss. Er fühlte, wie sein Fall sanft abgebremst wurde. Und immer mehr Fäden schossen ihm nach und hüllten ihn ein, wie ein schützender Kokon. Aus der Schachtöffnung war ein winziges, rotes Licht geworden, das sich oben in der Ferne verlor. Der junge Mann sank jetzt langsam wie in einem Fahrstuhl. Er war über und über mit klebrigen Fäden besudelt. Aber an diesen Fäden hing sein Leben.

Eine gewaltige Spinne?

Rick konnte sie nicht mehr sehen. Die Entfernung zum Schachteingang war zu groß geworden. Und immer noch sank er tiefer.

Dann dämmerte ein Lichtschein von unten herauf. Ein trüber Lichtschein wie von Grubenlampen, deren Batterien es nicht mehr lange machen würden. Plötzlich Boden unter seinen Füßen, eine Öffnung seitwärts aus dem Schacht, eine schemenhafte Gestalt. Auch sie hatte kein Gesicht. Ihr Emblem auf dem Panzer war dasselbe wie bei den Wesen, die ihn hierher gebracht hatten, aber die Farben waren anders, der Grund, auf dem das Spiralzeichen stand, grün. Auch bei ihm drehte sich die Spirale langsam um ihren Mittelpunkt. Der Kreismittelpunkt schien seinen Radius aufzusaugen.

Und in noch einem weiteren Punkt unterschied sich diese Gestalt von denen dort oben: Ihr Schwert war kein Zweischneider, sondern gekrümmt wie bei den Mauren des europäischen Mittelalters. Die Gestalt hatte es aus der Scheide gezogen.

Unwillkürlich nahm Rick das Kinn an die Brust, als das Krummschwert über ihn hinwegzischte. Doch der Schlag hatte nicht seinem Kopf gegolten, sondern den silbrigen Fäden, die ihn sicher heruntergebracht hatten. Mit einem pfeifenden Hieb wurde das armdicke, zusammengedrehte Bündel durchtrennt.

Sofort veränderte sich seine Konsistenz. Die Fäden, die ihn umsponnen hatten, waren von einer Sekunde auf die andere nicht mehr klebrig. Sie fielen ab von ihm wie Staub. Dann stand er ungefesselt vor dem Wesen. Rick schaute in einen leeren Helm.

Trotzdem kam der wispernde Ton unter diesem Helm hervor. Rick brauchte eine Weile, bis er bemerkte, dass in diesem Wispern Worte versteckt waren, und dass sie sich an ihn richteten.

»Vorwärts, Menschenwurm!«, sagte diese Stimme, und wie zur Bestätigung hob das Wesen sein Krummschwert drohend an. Rick hatte bereits erfahren, wie schmerzhaft diese Klingen schneiden konnten, und er leistete deshalb keinen weiteren Widerstand. Er klopfte sich nur den Staub von Armen und Beinen, der von den Fäden geblieben war, und setzte sich dann in Bewegung. Es gab nur eine Richtung, in die er gehen konnte. Ein nur mäßig beleuchteter Gang bohrte sich in den gewachsenen Fels. Das Licht kam aus stilisierten Schlangenköpfen, bei denen die Augen düster glommen. Man konnte gerade noch seine nähere Umgebung wahrnehmen. Klickendes Schlagen scholl ihm entgegen. Wie wenn Stein auf Stein trifft.

Rick Landrey stolperte vorwärts. Mit einem Male spürte er auch die Müdigkeit in den Knochen. Er hatte sich doch etwas verausgabt, als er sich vergeblich zu wehren versuchte. Sein verzweifelter Kampf hatte ihn mehr Kraft gekostet als er angenommen hatte. Schon beim ersten kleinen Hindernis schlug Rick der Länge nach hin. Es war nur eine Unebenheit am Boden des Ganges.

Der Mann blieb schwer atmend liegen.

»Aufstehen! Aufstehen!«, piepste es hinter ihm. Rick versuchte sich hochzustemmen, doch seine Arme gaben nach, noch bevor er den Oberkörper ganz von der Erde weggebracht hatte.

Dann ein rasender Schmerz auf seinen Schultern, Blut, das aus einer Wunde trat. Der Schmerz gab dem Mann neue Kräfte. Er stand mühsam auf und sah seinen Peiniger. Das Wesen hatte das Krummschwert in die Scheide zurückgesteckt. Jetzt hielt es die Peitsche ausgerollt in der schwarzbraunen knorrigen Hand, die so fatal an eine Wurzel erinnerte.

»Weiter!«, kam es quietschend.

Rick torkelte, er stützte sich an den Wänden ab, aber da war wenigstens keine Peitsche mehr, die auf ihn herabklatschte.

Der Gang erweiterte sich, wurde zu einem domähnlichen Gewölbe. Das Klicken war lauter geworden. Die Gestalt stieß ihn brutal in den Rücken, als er stehenbleiben wollte, um das neue Bild in sich aufzunehmen. Rick sank in die Knie, doch er kam sehr schnell wieder hoch. Er wollte nicht noch einmal die Peitsche kosten.

Plötzlich sah er sich von weiteren Gestalten umringt. Sie sagten nichts mehr. Das Wesen in seinem Rücken war verschwunden, als hätte es sich in Luft aufgelöst. Aber sie sahen ja alle gleich aus. Sie unterschieden sich in nichts. Vielleicht hatte er sich nur unter die anderen gemischt.

Die Gestalten bildeten eine Gasse. Rick stolperte hindurch. Mit einem Male hatte er einen Pickel in der Hand ohne zu wissen, wie der dorthin gelangt war. Er war einfach da. Jetzt sah er auch die anderen zerlumpten Gestalten am Ende des lebenden Spaliers, Menschen wie er, und auch sie hielten Pickel in den Händen;

Aber wie sahen sie aus!

Zerlumpte Kerle, denen die Kleider in Fetzen vom Leibe hingen. Sie waren fürchterlich verdreckt und gingen gebeugt. Rick roch ihren Schweiß. Neben ihnen Wachtposten, wie er eben welchen begegnet war. Sie hieben mit Peitschen auf die Rücken der Männer ein, wenn einer versuchte, einen Augenblick Rast zu machen. Die meisten versuchten das erst gar nicht. Verzweifelt hieben sie ihre Pickel in den Fels.

Dann auf einmal ein piepsender Schrei. Irgendwie klang er aufgeregt. Eine der gesichtslosen Gestalten jagte quer durch den Felsendom auf einen der Pickelmänner zu. Der Mann hatte sein Werkzeug sinken lassen. Er bekam auch keine Prügel deswegen. Triumphierend hielt er ein winziges Etwas über den Kopf. Rick konnte aus dieser Entfernung nur erkennen, dass es grün funkelte.

Wie der Smaragd auf der Yellow Bird

Der Gesichtslose holte einen Lederbeutel Von seinem Gürtel und nahm das grüne Etwas in Empfang. Der Mann, der es gefunden hatte, strahlte immer noch. Er wurde abgeführt, verfolgt von den neiderfüllten Blicken der anderen.

»Grüne Steine sammeln!«, riss eine dieser quietschenden Stimmen Rick aus seinen Gedanken. »Dann wirst du leben. Überleben. Die Steine sind im Fels. Such. Such nur.«

Drei Gesichtslose umstanden Rick. Er wusste nicht, welcher von ihnen gesprochen hatte. Jeder konnte es gewesen sein. Unentschlossen blieb er stehen. Schon zog einer seine Peitsche aus dem Gürtel. Hier wurden Befehle wohl nicht wiederholt. Rick machte, dass er weiterkam. Er ging auf eine Gruppe von Männern zu, die unweit von ihm den Fels bearbeitete. Er wurde kaum beachtet, als er sich neben sie stellte und nach ihrem Beispiel den Fels zu bearbeiten begann. Schon nach fünf Minuten hatte er Blasen an den Händen. Er war schwere körperliche Arbeit nicht gewohnt, und die Arbeit hier war verdammt schwer. Nach weiteren fünf Minuten waren seine Hände offen. Rick ließ schwitzend den Pickel sinken. Die anderen Männer roch er nicht mehr. Er war selbst in den Dunstkreis des Elends getreten, war ein Teil von ihm geworden.

Die Männer waren von ihm abgerückt, als er zu ihnen gestoßen war. Rick verstand das nicht. Sie saßen doch ganz offensichtlich in einem Boot. Warum behandelten sie ihn dann wie einen Aussätzigen?

Die Antwort erfuhr er jetzt.

Blitzschnell war eine der Wachen herangetreten und hatte auch die Peitsche schon ausgerollt. Rick bekam sie zu spüren. Zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde.

»Weitermachen!«, keifte es hinter ihm. Dann ein zweiter Schlag. Rick fühlte, wie das Blut an ihm herabrann. Er war von ohnmächtiger, blinder Wut erfüllt. Er musste in dieses Gesicht schlagen, das er gar nicht sah. Schon holte er aus. Seine Faust schoss nach vorne. Er hatte gedacht, auf Widerstand zu stoßen, doch da war nichts in diesem Helm. Seine Knöchel krachten gegen die Rückwand, schmerzten höllisch. Ein widerliches Kreischen. Dann wieder die Peitsche. Rick zählte ihre Hiebe nicht. Er wusste nur, dass er halb tot war, als der Gesichtslose von ihm abließ.

Seine Lungen pumpten. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. Schwarze Punkte kreisten vor seinen Augen. Jeden Augenblick erwartete er, in eine Ohnmacht zu fallen, doch das Schicksal war ihm nicht gnädig genug. Es ließ ihn die Pein bis zur bitteren Neige auskosten. Die Schmerzen wurden unerträglich, der Mann schrie seine Schmerzen hinaus in den Felsendom, doch die Männer um ihn herum arbeiteten verbissen weiter, als ginge sie das alles gar nichts an.

Irgendwann hatte auch Rick seinen Pickel in der Hand. Mit seinen letzten Kräften hieb er auf den Fels ein. Er fand nichts.

 

 

7. Kapitel

 

Er wusste nicht mehr, ob Stunden oder Minuten vergangen waren, seit er hier in der Höhle angekommen war. Vielleicht waren es Tage, die inzwischen ungezählt verstrichen. Rick Landrey fühlte überhaupt nichts mehr. Er fühlte sich allenfalls tot, wenn das überhaupt möglich ist. Leer und ausgebrannt wie eine vertrocknete Larve, der der Schmetterling schon entschlüpft ist. Doch wo war das neue Wesen, das aus ihm geworden war?

Rick lallte vor sich hin. Er schüttelte sich und wälzte sich auf seinem Lager. Die Hand war kalt, die sich auf seinen Arm legte. Ganz fern nur drang die Stimme an sein Ohr. Die Stimme flüsterte.

»Nun hör schon endlich mit dieser Jammerei auf«, hörte Rick. »Willst du denn unbedingt die Wachen anlocken?«

Der Mann wälzte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Er schlug die verquollenen Augen auf. Langsam kam er zu sich. Doch er erwachte von einem Albtraum in den nächsten.

Er lag auf dem nackten Boden. Um seine Fußgelenke waren silberne Fesseln mit einer Öse daran geschlungen. Durch diese Öse lief eine Kette von einem Lager zum anderen. Wie aufgefädelt lagen sie hier in einer Reihe, von wenigen Schlangenkopflampen nur mäßig beleuchtet. Um die fünfzig Mann. Fünfzig Fronarbeiter. Sie schliefen den Schlaf der Erschöpfung. Nur Ricks Nachbar schlief nicht. Er ließ seinen Arm wieder los.

»Na endlich«, flüsterte er befreit auf. »Ich habe schon gedacht, du kratzt sang und klanglos ab. Wäre ja auch kein Wunder. Dich haben sie ganz schön zugerichtet.«

Allmählich kehrten Ricks Erinnerungen zurück. Er fühlte sich danach keinen Deut wohler. Im Gegenteil. Brechreiz saß ihm in der Kehle. Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung, dachte er. Er wollte sich aufsetzen, doch das ging nicht. Auch seine Hände waren ans Kopfende des Lagers gefesselt. »Verdammter Mist!«, entfuhr es ihm.

Sein Gegenüber lächelte leicht.

»Wenn du schon wieder fluchen kannst, dann überstehst du das auch.«

Rick Landrey fuhr sich an den schmerzenden Schädel.

»Hat wohl wenig Zweck, danach zu fragen, wo wir hier sind«, begann Landrey halblaut.

Sein Nachbar schüttelte bedauernd den Kopf.

»Überhaupt keinen. Niemand von uns weiß das. Aber wir reden hier von der Welt des Cronos. Frage mich nicht, woher dieser Name kommt. Der stammt von Leuten, die schon längst tot sind. Sie sterben überhaupt wie die Fliegen hier. Kein einziger Tag ohne Tote. Man verreckt einfach, und kein Hahn kräht danach.«

Rick schaute sich den Mann genauer an. Sein Gesicht war von einem schwarzen Bart überwuchert, aus dem nur mehr ein Augenpaar fanatisch glänzte. Und die Nase. Sonst nur undurchdringlicher Filz. Rick musste daran denken, dass er in wenigen Tagen genauso heruntergekommen aussehen würde, wenn er nicht jetzt schon so weit war. Unwillkürlich tastete er sich ins Gesicht. Der andere schien seine Gedanken erraten zu haben. Dort, wo der Mund sein musste, verzog sich der Bart. Wahrscheinlich grinste der Mann. Es musste ein müdes Grinsen gewesen sein. Ein Grinsen ohne Freude.

»Du siehst noch prächtig aus, Kamerad«, sagte er. »Aber glaube mir: das wird sich sehr bald ändern. Dann bist du auch nur mehr eine arme Kreatur, die jeden Tag aufs Neue hofft, einen Stein zu finden.«

»Einen Stein?«

»Du bist doch heute dazugekommen. Joey hat einen gefunden. Das bedeutet, dass er zwei Arbeitsperioden lang aussetzen darf. Hast du eine Ahnung, was das für uns hier bedeutet? Zwei Tage länger leben. Mindestens. Außerdem bekommen wir dann eine prima Verpflegung.«

»Prima?«

»Nun. So wörtlich darfst du das hier nicht nehmen. Man kann das Zeug eben essen und wird nicht krank davon. Aber man bekommt es nur, wenn man einen dieser verfluchten Steine gefunden hat. Und die sind eben verteufelt rar. Wir hauen höchstens zwei Stück am Tag aus dem Felsen. Es sind Leute hier, die haben noch nie einen gefunden. Verrecken bald, diese armen Luder. Sie haben keine Chance. Bei dir habe ich auch schon geglaubt, es ginge dahin. Du hast dich gerade noch gefangen, Bürschchen.«

»Scheint so«, antwortete Rick trocken. »Aber man kann sich hier wohl sehr leicht täuschen.«

»Du hast es erfasst. Der Sensenmann steht hier immer hinter uns.«

»Und hat noch keiner zu fliehen versucht?«

Der Mann schaute ihn erst erstaunt an, dann lachte er verhalten. Er spuckte Blut dabei.

»Ich glaube, mit dir haben wir einen Witzbold bekommen. Fliehen … Flucht …Vergesse diese beiden Worte recht schnell wieder, Bürschchen. Sonst würde es mich nicht wundern, dass ich sogar einen Neuling wie dich überlebe.«

»Du bist Amerikaner?«, fragte Rick unvermutet, das Thema wechselnd.

»Die meisten hier sind Amerikaner. Aber nicht alle. Genau genommen sind wir sogar ziemlich international besetzt.«

»Wie heißt du, und wo kommst du her?«

»Jetzt stellst du wirklich blöde Fragen. Als wenn ein Name hier schon etwas zu bedeuten hätte. Und frage mich auch nicht, wo ich herkomme. Nimm einfach an, ich hätte es vergessen. Ich will einfach nicht mehr daran denken! Verstehst du?«

Der andere hatte seine Finger wieder in Ricks Arm gekrallt. Seine Augen leuchteten noch fiebriger als vorher. Rick nahm sacht die Finger des Mannes von seinem Arm.

»Ich frage ja nicht mehr«, sagte er. »Wenn du das nicht willst.«

»Nein. Ich will es nicht.«

Plötzlich heulte der Mann, doch aus seinen Augen rannen keine Tränen. Das trockene Schluchzen währte nur kurz.

»Habe mich wohl gehen lassen«, sagte er nach einer Pause. Er versuchte sogar wieder ein Lächeln. Es misslang kläglich. »Weißt du, es ist nicht gut, hier an die Vergangenheit zu denken. Ich habe mir das schon lange abgewöhnt.«

»Wie lange bist du schon hier?«

Der Mann hob als Zeichen seiner Ratlosigkeit die Schultern und ließ sie wieder fallen.

»Was weiß ich? Ich hab’s vergessen. Es gibt keine Zeit hier, keine Tage. Ich glaube sogar, die Arbeitsperioden sind verschieden lang. Je nachdem, wie viele Steine gerade gebraucht werden.«

»Wozu braucht wer die Steine?«

»Auch so eine Frage, die dir niemand hier beantworten kann. Aber wertvoll müssen sie schon sein. Sonst würden diejenigen, die einen finden, nicht belohnt.«

Rick schwieg einige Sekunden. Er dachte an den Stein, den Babs auf der Yellow Bird in einer Schublade gefunden hatte.

»Ich muss noch einmal auf das zurückkommen, was du früher gesagt hast. Das über die Welt des Cronos. Weißt du wirklich nicht mehr darüber?«

Der Mann musterte ihn forschend. »Nein!«, sagte er dann knapp und eine Spur zu laut.

»Jetzt lügst du doch.«

»Was soll das? Jeder, der sich hier eine Theorie zusammengebastelt hat, lügt zwangsläufig. Keiner hier kennt die absolute Wahrheit. Jeder ist auf Spekulationen angewiesen, und jeder macht das eben, so gut oder schlecht, wie er das versteht. Ist deine Frage damit beantwortet?«

»Ich hätte gerne deine Theorie über diese Welt erfahren.«

»Wirklich?«

Der Mann grinste ihn höhnisch an. »Ich glaube nicht, dass du etwas davon hast, wenn ich sie dir erzähle. Vielleicht kriegst du sogar einen Lachkrampf und schreist dich tot. Wahrlich der angenehmste Tod in dieser Hölle.«

»Sag sie mir trotzdem, deine Theorie. Ich bitte dich darum.«

Sekundenlang schauten die beiden Männer sich in die Augen. »Du bist hartnäckig, wie?«, sagte der Mann schließlich, und in seiner Stimme klang keine. Ironie mehr mit. »Du scheinst ein intelligenter Bursche zu sein. Ich höre es an der Art, wie du sprichst.«

»Ich bin Student. Naturwissenschaften. Fachrichtung Biologie.«

»Du warst Student, Bürschchen. Das ist lange her. Du wirst nie mehr einer werden. Deine Kenntnisse sind hier nicht gefragt. Hier ist nur wichtig, was du im Bizeps hast. Nichts anderes. Außer dem Glück natürlich, einen dieser verdammten Steine zu finden.«

»Das ist nicht mehr das Thema. Ich habe dich gebeten, mir deine Theorie zu erläutern.«

»Wenn du unbedingt willst, können wir den Mist ja einmal durchgehen. Profitieren wirst du davon nicht, das sage ich dir jetzt schon.«

Rick blieb stur.

»Deine Theorie, bitte.«

Der Mann lachte lustlos.

»Langsam gefällst du mir«, sagte er. »Ich werde sie dir tatsächlich erzählen. Aber ich muss vorausschicken, dass ich auch nicht immer Fronarbeiter in einer verrückten Mine war, in der nach grünen Klunkern gegraben wird.«

»Das setze ich voraus.«

»Also dann. Vor Urzeiten, es muss in einem früheren Leben gewesen sein, war ich Psychotherapeut. Einer von jener Gilde, die Gesunden Krankheiten einredet, damit sie selbst gesund leben kann. Ich war ein richtiger Neurosemacher. Aber ich will nicht abschweifen. Ich habe dir eben etwas von der Welt des Cronos erzählt, nicht? Cronos ist ein Fabelwesen aus der antiken okkulten Literatur. Die Beschäftigung damit ist einst mein Hobby gewesen. Ich habe immer eine Unmenge gelesen. Ich habe alles geradezu gefressen, was mir an einschlägiger Literatur überhaupt in die Finger kam. Viel Unsinn war darunter, aber eben auch manches sehr wertvolle Stück Wissen. Ich habe alles aufgesaugt wie ein Schwamm.«

Der Mann räusperte sich und fuhr sich mit der Zunge über die spröde gewordenen Lippen.

»Manch Brauchbares war wirklich dabei. Bei Gott. Damals hatte ich allerdings eine Abhandlung über den Dämonen Cronos für einen fürchterlichen Dreck gehalten. Damals, als ich sie gelesen hatte. Ich hielt offen gestanden die Abhandlung für eine miserable Fälschung oder für das Hirngespinst eines verrückt gewordenen Esoterikers. Dass dem nicht so war, habe ich erst hier erfahren. Dummerweise am eigenen Leibe.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Die Frage ist, ob all das überhaupt verständlich ist. Für uns, meine ich. Für Menschen aus Fleisch und Blut. Man riecht in eine andere Dimension hinein, wenn man sich mit Okkultismus und Dämonenglaube befasst. Wusstest du, dass alle bekannten Naturreligionen aus Dämonenglauben entstanden sind? Sie fußen sogar darauf, und ich sage dir, die Naturreligionen sind nicht die schlechtesten. So haben die Wadis auf Ceylon prophetische Legenden, in denen schon vor Jahrtausenden der zweite Weltkrieg und die Atombombe vorausgesagt wurden. Die Apokalypse des Christentums liest sich dagegen wie ein hilfloses Gestammel, was die Sicherheit der gegebenen Aussagen anbelangt.«

»Kommen wir nicht vom Thema ab?«

»Nein. Ich musste das vorausschicken, damit das kommende verständlich bleibt. In den Staaten gab es einen Professor. Ich glaube, er lehrte an der Universität von Maryland. Donald Hugh oder so ähnlich hat er geheißen. Er war jedenfalls der am meisten verspottete Professor, der je einen Stuhl in einem amerikanischen College gehabt hatte. Von ihm stammte auch der Artikel, den ich eben ansprach. Der Artikel über Cronos, den Dämonen der Atlanten. Wie schon gesagt: Damals habe ich Tränen über diese Abhandlung gelacht. Zu Unrecht, wie ich inzwischen festgestellt zu haben glaube.«

»Atlanten?«

»Sag’ bloß, du hättest noch nie von diesem untergegangenen Volk gehört, das einst auf einem sechsten Kontinent zwischen Afrika und Amerika gelebt haben soll?«

»Doch. Gehört habe ich schon davon.«

»Dann unterbreche mich nicht wieder. Dieser Professor, von dem ich dir erzählte, wollte an ein uraltes Manuskript herangekommen sein, das angeblich über die Dämonologie der Atlanten Aufschluss gab. Er nahm sogar für sich in Anspruch, die alte Schrift übersetzt zu haben. Hugh war sogar Archäologe und Ethnologe. Das Forschungsgebiet fiel also durchaus, in sein Revier. Aber er hat es vermieden, die Originale an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Ich dachte damals, was alle dachten: der Professor ist ein Scharlatan. Schließlich wurde er auch geschasst. Er ist im Untergrund verschwunden, nachdem man ihm den Lehrstuhl genommen hatte. Niemals hat jemand mehr von ihm gehört. Muss ziemlich verbittert gewesen sein, der Alte. Jetzt sehe ich das ein. Denn was er veröffentlicht hatte, hatte durchaus Hand und Fuß. Leider musste ich’s am eigenen Körper erfahren.«

»Der Artikel über Cronos?«

»Genau über den rede ich. Und damit hast du auch schon meine Theorie. Es hat sowohl diese Atlanten gegeben als auch Cronos, ihren Dämonen. Wir würden heute wohl Schutzheiliger oder Götze zu ihm sagen. Aber gegeben hat es ihn zweifellos, und ich fürchte, es gibt ihn noch, wenn auch das Volk, das an ihn glaubte und ihn verehrte, untergegangen ist. Die Atlanten eben.«

»Was macht dich so sicher?«

»Die Duplizität der Aussagen und der jetzigen Wirklichkeit. Hughs Legende nach hat der Dämon der Atlanten von grünen Steinen gelebt, die die Sklaven der Atlanten in furchtbarer Fronarbeit aus dem Fels brechen mussten. Leider habe ich nicht mehr alles aus dieser Abhandlung im Gedächtnis. Wie schon gesagt: Ich habe herzlich darüber gelacht. Viel zu früh darüber gelacht.«

»Und von diesem Professor hat man nie mehr etwas gehört?«

»Nicht, dass ich wüsste. Er ist einfach verschwunden.«

»War das deine gesamte Theorie?« Rick schaute den Mann an seiner Seite an und sah, dass Schweißtropfen auf seiner Stirn perlten.

»Nein«, antwortete der Mann langgezogen und jede Silbe auf der Zunge zergehen lassend. »War sie nicht. Aber darüber sprechen wir heute nicht mehr. Ich bin müde. Wir müssen schlafen. Ich wundere mich ohnehin, dass noch keine Wachen aufgetaucht sind. Normalerweise schlagen sie einem den Schädel ein, wenn sie einen beim Sprechen ertappen. Hier herrscht nämlich absolutes Sprechverbot, mein Junge. Absolutes Sprechverbot.«

»Aber wir reden morgen weiter, ja?«

»Wenn es sich ergibt, meinetwegen. Aber jetzt halte endlich die Schnauze. Ich bin müde.«

»Ich auch. Nur eine letzte Frage hätte ich noch.«

Der Mann gähnte.

»Und die wäre?«

»Was geschieht mit den Frauen, die Cronos in die Hände fallen?«

»Ach! Du bist nicht alleine gekommen?«

»Nein.«

»Dann vergesse das Mädchen recht schnell. Ich habe eine Frau und eine kleine Tochter vergessen müssen, als ich hier ankam. Nichts zu machen, junger Freund.«

»Gibt es keine Parallelen in der Legende von Cronos?«

»Du denkst schnell und folgerichtig, Bürschchen. Es gibt tatsächlich Parallelen. Würde es dir sehr behagen, wenn du wüsstest, dass dieses gesichtslose Wesen, das dich gerade auspeitscht, deine eigene Frau ist?«

Dann drehte der Mann sich um und war eine Sekunde später eingeschlafen. Rick bekam ihn nicht mehr wach, so sehr er sich auch bemühte.

Schließlich schlief auch er.

 

 

8. Kapitel

 

Rick hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, wie lange er geschlafen hatte. So, wie er sich fühlte, zerschunden und zertreten, konnte es nicht sehr lange gewesen sein. Mühsam rappelte er sich hoch. Der Mann neben ihm schlief noch, wie er sich mit einem schnellen Seitenblick vergewisserte. Er erwachte erst durch das laute Rasseln der Ketten, als sie aus den Metallschlaufen an Arm und Beingelenken gezogen wurden. Irgendwo im Hintergrund polterten sie klirrend zu Boden. Eine piepsige Stimme forderte sie zum Aufstehen auf. Flüche und das erste Klatschen von Peitschenhieben.

Wie Vieh wurden sie aus der Schlafhöhle getrieben. In einem schmalen Durchlass standen Gesichtslose, die ihnen irdene Schalen reichten. Etwas Undefinierbares lag darin. Ein Brei, der scheußlich roch. Die anderen schoben sich mit den Fingern in den Mund, was er gerade fassen konnte. Rick konnte sich nicht dazu überwinden. Angeekelt schob er den Napf beiseite.

Fragende, gierige Augen, die ihn anblickten.

Rick Landrey nickte.

Schon hatte der ausgemergelte Mann neben ihm seine Finger im Napf und leckte gierig. Er schmatzte laut beim Essen.

Vom Gesprächspartner dieser Nacht konnte Rick nichts mehr sehen. Wahrscheinlich war er schon mit dem ersten Schub abgespeist worden. Die tönernen Näpfe wurden in einen größeren Behälter geworfen, wo sie zur Überraschung Ricks nicht zerbrachen.

In einer langen Reihe standen die Pickel. Rick griff sich einen von ihnen und schlug die Richtung ein, die die Menschenschlange nahm. Keiner widmete ihm auch nur einen neugierigen Blick. Die Menschen hier waren abgestumpft, waren vertiert. Hätten sie sonst diesen Fraß essen können?

Rick schluckte.

Wahrscheinlich war er in wenigen Stunden genauso wie diese Menschen. Dann würde auch er sich um einen Becher dieses grausamen Fraßes prügeln. Plötzlich spürte er, wie der Hunger in seinen Gedärmen wütete. Solange er den Brei noch vor Augen gehabt hatte, war ihm dieses Gefühl ferngeblieben. Umso fordernder verlangte der Körper jetzt sein Recht. Rick musste an den Schwertfisch denken, an die herrlichen Filets, die er an Bord der Yellow Bird gezogen hatte.

Wie lange war das schon her?

Er wurde weitergedrängt. Plötzlich stieg ihm auch der Geruch in die Nase, den die ihn umgebenden Menschenleiber verströmten. Alles andere als ein angenehmer Geruch, und doch wusste Rick, dass er nicht besser war als alle anderen. Auch er fühlte sich bereits verdreckt. Auch er hatte diesen penetranten Geruch angenommen. Wieder dieses Würgen in der Kehle. Stammte es immer noch von der Gehirnerschütterung?

Mit einem Mal wusste Rick, dass er es hier nicht aushalten würde. Lieber würde er krepieren, als hier Sklavendienste zu leisten. Die Menschen hier waren zu Tieren pervertiert. Vielleicht war der Mann von der letzten Nacht eine Ausnahme. Aber eben nur vielleicht. Wache Minuten ließen sich wohl nicht vermeiden. Und die Art, mit der der Mann beinahe übergangslos in tiefen Schlaf gesunken war, nachdem immer noch ein nicht durchdiskutiertes Problem quasi auf dem Tisch lag, gab Rick zu denken. Nein, er wollte nicht so werden wie jene.

Unwillkürlich kam ihm das Beispiel vom Pharisäer aus dem Neuen Testament in den Sinn.

O Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen …

Dann schämte sich Rick. Er nahm seinen Pickel und ließ sich von der Flut Leiber vorwärtstreiben. Und trotzdem stand sein Entschluss fest:

Lieber ließ er sich den Tod geben, als hier ratenweise zu verrecken. Er hielt das nicht aus.

Rick Landrey gab auf.

Tat er das wirklich?

Nein. Er hatte Hintergedanken dabei. Die Resignation hatte ihn auf eine neue Idee gebracht, und mit der Idee kam wieder eine Hoffnung. Rick hatte diese gefährliche Phase überwunden. Er gab sich nicht selbst auf.

Noch nicht.

Noch lebte er, und er wollte am Leben bleiben. Sein Selbsterhaltungstrieb hatte sich durchgesetzt.

Sie gelangten wieder in den Felsendom, in dem er schon vor der letzten Schlafperiode gearbeitet hatte. Mit Entsetzen stellte er fest, dass der Anblick der Gesichtslosen ihn nicht mehr erschreckte. Er hatte sich an sie gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an so vieles. Er gewöhnt sich auch an das Unwahrscheinliche.

Rick ließ den Pickel auf die Felsen krachen, dass die Funken davonstoben. Immer wieder. Er arbeitete verbissen und sah zu, dass er dabei immer näher an den Mann herankam, mit dem er sich in der Schlafgrotte unterhalten hatte.

Sie alle trugen Bärte hier und waren kaum zu unterscheiden. Aber der Mann aus der Grotte hatte ein Muttermal auf dem rechten Nasenflügel gehabt. Rick konnte sich noch genau darauf entsinnen. Nach fast einer Stunde war Rick bei ihm. Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm, dass die nächste Wache weit entfernt stand. Wie gut die Gesichtslosen hörten, wusste er nicht. Dieses Risiko musste er eingehen.

»Schlag mir eins über den Schädel«, flüsterte Rick zwischen zwei Hieben mit dem Pickel.

Der andere ließ sein Werkzeug sinken und schaute ihn überrascht an. Aber nur wenige Sekunden lang. Dann arbeitete er weiter.

»Warum?«, zischte er zurück. »Willst du krepieren?«

»Nein. Schlag nicht zu fest.«

»Geht trotzdem nicht. Das haben schon einige versucht. Demjenigen, der’s dann macht, geht es dreckig. Mach dein Zeugs alleine. Ich will leben. Ich habe das Gefühl, als ob ich heute so einen verdammten Stein finde.«

Der andere schlug weiter, und Rick überdachte seine Chancen. Er musste es einfach tun. Je eher, desto besser. Keine Stunde mehr in dieser Situation. Er hatte gesehen, was aus den Menschen wurde, die lebten, soweit man ihre Daseinsform überhaupt als »Leben« bezeichnen konnte. Sie vegetierten nur, und ein früher, qualvoller Tod war ihnen sicher.

Der andere schlug in einem bestimmten Rhythmus auf die Felsen ein. Rick passte genau auf und warf sich dann in den nächsten Hieb. Er sah den Pickel noch niedersausen.

Dann wurde es schwarz um ihn. Die Spitze des Pickels hatte ihn nur gestreift.

Genau, wie es vorgesehen war …

Der andere hatte den Treffer nicht mehr verhindern können. Ein kurzer Aufschrei. Ein zweiter, rasch ersterbend.

Eine der Wachen hatte mit der Peitsche zugeschlagen. Das dünne Ende wickelte sich um den Hals des Mannes. Ein kurzer Ruck. Er lag am Boden. Die Augen traten ihm aus den Höhlen.

Der Mann war tot.

Erwürgt …

Rick Landreys Rechnung war aufgegangen. Nicht so glatt, wie er es sich gewünscht hätte, doch das wusste er noch nicht. Er wusste nicht, dass sein Verhalten einem anderen den Tod gebracht hatte. Allerdings einen kurzen und fast schmerzlosen Tod.

Waren diese Wesen fähig, im Affekt zu handeln?

Was Rick nicht wusste, war die Tatsache, dass er kaum besser, dran war. Er lag auf einem Karren inmitten von mehreren Leichen. Es starben so viele in dem Bergwerk. Der Tod war ein alltäglicher Gast. Für alle war er zugleich die Erlösung aus einem Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab.

Und doch wollte Rick entrinnen. Er hatte eine wahnwitzige Rechnung aufgestellt. Er spielte va banque, und der Einsatz in diesem Spiel war sein Leben …

Der Karren mit den beiden Holzrädern an den zwei Seiten wurde von Sklaven gezogen. Ihr Handwerk war es, unter der Aufsicht von zwei Gesichtslosen die Toten zu beseitigen. Sie zogen den Karren durch ein Labyrinth von sich verästelnden Gängen. Sieben Leichen lagen darauf, zusammengesammelt in den verschiedenen Höhlen des Bergwerks. Die Wachen marschierten hinterher. Sie brauchten keine Befehle zu erteilen. Diesen Weg nahmen sie täglich.

Schließlich mündete der Gang in eine Halle. Es war heller hier als in den anderen. An den Wänden brannten nur wenige Schlangenkopflampen. Die Halle bezog ihr meistes Licht aus dem roten Fluid, das hier rosa schimmerte.

Das war auch der Augenblick, in dem Rick aus der Bewusstlosigkeit erwachte.

Sein Gesicht war blutverkrustet. Er zwang sich, sich nicht zu bewegen. Nur mühsam konnte er einen Aufschrei des Entsetzens unterdrücken, als er die Augen aufschlug. Aber das hatte er ja gewollt. Nur, so grauenvoll hatte er sich den Abtransport nicht vorgestellt. Leichen, wohin sein Auge traf. Und das Grässlichste: Ein Gesicht mit einem Muttermal am rechten Nasenflügel.

Rick Landrey hielt den Atem an. Er war keines klaren Gedankens mehr fähig, doch er wusste instinktiv, wie er sich zu verhalten hatte. Vor allem durfte er sich nicht bewegen. Er wollte für tot gehalten werden. Darauf hatte sein Plan abgezielt. Er wollte abtransportiert werden. Sein Plan war vernünftig. Tote brauchen keine Wachen.

Die Räder des Leichenkarrens blieben quietschend stehen. Der Tote über Rick wurde heruntergezerrt und weggeschleppt. Rick riskierte es, ein Auge halb zu öffnen.

Die Sklaven zerrten ihn über den Boden auf den Anfang einer Art Rutsche, deren Schräge steil in den Grottensee abfiel. Der Oberkörper des Toten lag schon darauf, als sie noch von einem Bruchsteinhaufen daneben einen Stein herabnahmen und ihn mit einer Schnur um das Fußgelenk der Leiche banden. Wie sie den Stein die Rutsche hinabwarfen, zog er die Leiche hinter sich her. Sie überschlug sich ein paarmal auf dem Weg in die Tiefe.

Rick war schon als nächster an der Reihe. Er machte seine Glieder so schlaff wie möglich. Die Sklaven merkten nichts. Auch die beiden Wachen nicht. Sie standen abseits, wie Rick vorher bemerkt hatte. Auch bei ihm dieselbe Prozedur. Die Sklaven mussten ihre Arbeit gewohnt sein. Die verschiedenen Handgriffe kamen schnell und sicher. Der Stein riss Rick hinunter. Er fühlte, wie er eintauchte. Der Stein war schwer. Er riss ihn rasch in die Tiefe.

Kurz vor dem Aufprall auf das Fluid hatte Rick noch nach Luft gejapst. Er hoffte nur, dass niemand es bemerkt hatte. Sein Körper war sportlich gestählt, und er hielt es gut zwei Minuten unter Wasser aus.

Doch wie stand es hier?

Das war kein Wasser. Es war schwerer. Er würde auftauchen wie ein Gummiball, wenn er sich erst einmal vom Stein befreit hatte.

Und er sank immer tiefer. Nahm denn das gar kein Ende?

Rick schätzte, dass er schon mindestens zwanzig Yard tief war, als er sich endlich vom Stein befreit hatte. Er presste Luft aus den Nasenlöchern, um den Auftrieb zu verringern.

Der rote See in der Grotte hatte rosa geschimmert. Das bedeutete, dass irgendwo eine Lichtquelle existierte. Gelbes Tageslicht. Es musste eine Öffnung in diesem unterirdischen See geben. Rick hatte mehr Glück gehabt, als er erhofft hatte.

Er öffnete die Augen. Die Flüssigkeit brannte. Schnell schloss er sie wieder. Das Brennen blieb. Er hätte vor Schmerz aufschreien mögen.

Mit wilden Schwimmstößen arbeitete er sich vorwärts. Unaufhaltsam stieg sein Körper auf. Er fühlte es. Aber er durfte nicht aufsteigen, solange er sich in der Grotte befand.

Verbissen kämpfte er sich in die Tiefe.

Auch wenn er die Augen nur kurz geöffnet hatte, so hatte er doch erkannt, aus welcher Richtung das Licht kam. Darauf hielt er zu. Sein Orientierungssinn war schon immer vorzüglich gewesen. Das kam ihm jetzt zugute.

Nur – in seinen Ohren rauschte es bereits. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er bald wieder Luft holen musste. In wenigen Sekunden schon.

Rick kraulte weiter.

Dann stieß er sich den Kopf. Er musste die Augen öffnen und die höllischen Schmerzen ertragen, die das Fluid ihm dort bereitete. Er musste es einfach tun.

Schemenhaft erkannte er eine schmale Röhre, in der er sich befand. An ihrem Ende leuchtete es hell. Neben ihm trieb ein Arm vorbei. Er war fast skelettiert. Rick durfte sich kein Entsetzen leisten. Dort vorne war es hell. Dort vorne war die Freiheit.

Ein Gefühl als würden die Lungen zerplatzen, bemächtigte sich seiner. Bestimmt waren noch keine zwei Minuten um, doch der Niederschlag mit dem Pickel hatte ihn geschwächt. Dann der Zusammenstoß mit der Felsenwand der Röhre. Sein Kopf dröhnte wie ein Gong.

Schnell paddelten seine Beine, doch die Kräfte ließen bereits nach. Und wieder stieß er gegen etwas Hartes. Der Auftrieb war einfach zu stark. Rick drehte sich auf den Rücken und kroch förmlich an der Felsendecke der Röhre weiter. Nur weg hier. Ganz schnell weg. Hier wartete nur der Tod auf ihn, der endgültige Tod.

Die Sinne schwanden ihm schon halb, als er endlich keinen Widerstand mehr an seinen Knien und den tastenden Händen spürte. Frei! Er war frei!

Rick ließ sich hochtreiben. Warum dauerte das nur so verteufelt lange? Er hatte doch keine Luft mehr. Ein Gefühl in seinen Lungen, als würde ein Scheiterhaufen darin brennen.

Dann endlich!

Er schoss bis zur Hüfte aus dem Fluid. Gierig sog er die Luft ein, bevor er entkräftet zurückfiel.

Er hatte es geschafft! Er lebte! Er hatte es gerade noch geschafft. Im allerletzten Augenblick.

Das Fluid trug ihn, als er auf dem Rücken lag und seine brennenden Lungen mit Sauerstoff füllte; Allmählich nur verebbte das Gefühl der panischen Angst, die mit grausigen Klauen nach seinem Herzen gegriffen hatte.

Rick paddelte auf das Ufer zu. In ruhigen Zügen und ohne Hast näherte er sich den weißen Felsen, die unweit vor ihm aus dem Rot ragten und an denen das Fluid leckte.

 

 

9. Kapitel

 

In Key West Polizist zu sein, ist eine Lust. Leider nur in der Freizeit. Doch Sergeant Brenner war an diesem Vormittag im Dienst. Es war einer jener über dreihundert Sonnentage, mit denen Südflorida Reklame machte, und Sergeant Brenner hätte wer weiß was für einen gemütlichen Job im nördlichen Seattle gegeben, wo es immer so herrlich kühl war. Selbst in den heißesten Sommermonaten.

So aber schwitzte Sergeant Brenner, und weil sein Job ruhig war und er deshalb Speck angesetzt hatte, schwitzte er sehr. Wieder warf er eines der vielen Erfrischungstücher, die er heute schon verbraucht hatte, in einen Abfalleimer, nachdem er sich vorher über die schweißglänzende Stirn gewischt hatte. Als er die Verpackung eines Schokoladeneises danebenliegen sah, grunzte er unwillig. Aber er hob es nicht auf. Dazu war der Tag zu heiß und der Nabel zu weit nach vorne gerutscht. Dann war noch einer dieser Tage, an dem er viel lieber mit seiner Frau und den beiden Kindern an den Strand gefahren wäre.

Er fluchte leise und kickte das silbrige Papier mit dem Fuß beiseite, drehte sich um und schaute, ob niemand ihn dabei beobachtet hatte. Es gab ohnehin schon Schwierigkeiten genug im Büro. Sein Chef fand, dass er nur faulenzen würde. Sergeant Brenner schniefte entrüstet bei dem Gedanken an die letzte Auseinandersetzung, die noch gar nicht so lange zurücklag. Captain Wordress, sein Chef, konnte ganz schön mies sein, wenn er es einmal darauf angelegt hatte. Und in letzter Zeit hatte er es darauf angelegt.

Sergeant Brenner seufzte.

Dann ging er zum Kiosk neben der Zapfsäule, an der die Bootsbesitzer sich mit Dieselkraftstoff versorgten und frisches Obst einkauften. Sammy stand dahinter und blickte dem Sergeant interessiert entgegen.

»Heiß heute, was?«

»Hm«, brummte Sergeant Brenner und legte das braune Kuvert, das er mit sich schleppte, auf die Glastheke. »Gib mir ’ne Coke, Sam«, sagte er und kramte eine Münze aus den Hosentaschen. »Ist tatsächlich verdammt heiß heute. Kein Wind. Gar nichts.«

Auch Sammy verzog das Gesicht und starrte auf die aufgeschnittenen Wassermelonen unter dem durchsichtigen Plastiktuch.

»Gar nicht gut für das Geschäft«, meinte er. »Ein bisschen Wind sollte nie fehlen. Kein Aas traut sich aus seinem Hotelzimmer mit Aircondition. Es schneidet dir beim Atmen die Luft vor der Schnauze weg. Am liebsten würde ich die Bude einfach zumachen.«

Er stellte die Cokeflasche auf die Theke und wischte den Wasserrand, den der kalte Flaschenboden hinterlassen hatte, sofort mit einem Fasertuch weg. Sergeant Brenner trank in hastigen Zügen. Kaum sichtbar hüpfte der Adamsapfel unter der fetten Hautschicht am Hals.

»Das tat vielleicht gut«, keuchte er dann, weil sogar das Trinken ihm noch Anstrengung bereitete. Und dann, vollkommen übergangslos: »Schau dir mal die Bilder in der Tüte an, Sammy.«

Der Verkäufer tastete zögernd danach.

»Nun mach schon. Du bist doch sonst nicht so spießig, wenn es darum geht, schnell etwas wegzunehmen. Schließlich haben wir uns auf diese Weise kennengelernt.«

»Ich bin ehrlich geworden«, erwiderte Sammy brummig.

»Bezweifelt ja niemand. Du sollst dir nur die Bilder ansehen. Na, was ist? Erkennst du die beiden?«

Sammy hielt die beiden Fotos aus dem Kuvert mit ausgestreckter Hand von sich, wie es die Art der Weitsichtigen ist. Dabei zog er die Augenbrauen zusammen und spitzte den Mund, als wolle er pfeifen.

»Nie gesehen«, sagte er dann. »Sind sie tot?«

»Du bist ’ne Blindschleiche, Sam. Nun hol mal schon deine Brille aus dem Futteral und schau dir die beiden nochmals an.«

»Ich sehe noch prächtig.«

»Das sieht man. Ich bin überzeugt, du würdest nicht einmal deine Mutter erkennen, wenn du ihr ganz nah gegenüberstehst.«

Der Verkäufer der Obstbude holte umständlich ein abgenutztes Etui aus seinem weißen Kittel und setzte sich eine Brille auf die Nase. Jetzt pfiff er wirklich aus seinem gespitzten Mund. »Du kennst sie also!«

Doch die Miene des Mannes wurde wieder verschlossen.

»Gleich anfangs, da hatte ich den Eindruck. Besonders das Mädchen hier. Aber wenn ich mir die Gesichter genauer ansehe …« Er schüttelte den Kopf. »Nein, die sind’s nicht. Wie heißen denn die beiden?«

»Wenn ich das wüsste.« Sergeant Brenner steckte die Fotos wieder ein. »Deshalb hetze ich doch schon den ganzen Tag herum. Nichts zu machen. Einfach nichts zu machen. Niemand will die beiden gesehen haben. Kein Wunder. Florida ist groß, und keiner hat natürlich eine Ahnung, wo sie herkommen, die beiden.

»Aber sie haben doch ihre Augen geschlossen auf den Bildern. Sind die wirklich nicht tot?«

»Nein. Nur bewusstlos. Und das seit einer Woche. Sie liegen im Hospital. Intensivstation. Keiner kennt sie. Sie wurden aufgefischt, draußen auf See. Halb tot. Und jetzt sagen sie immer noch nichts.«

»Hatte die Kleine blaue Jeans an? So moderne, ausgestellte mit den breiten Beinen? Ziemlich verwaschen?«

Sergeant Brenner stierte den Verkäufer überrascht an.

»Das hatte sie tatsächlich. Also kennst du sie doch.«

»Nicht direkt. War nur so eine Idee von mir. Ich bin darauf gekommen, weil der Junge so blond ist. Fast schon weiß. So ein Pärchen war vor ungefähr zwei Wochen hier. Sie sind zu Deary rübergegangen und haben sich ein Boot genommen. Ich weiß noch, dass die Kleine einen ganz schnuckeligen Hintern hatte. Der beste in der bisherigen Saison. Ich bin nicht so scharf auf Weiber mit so ’nem großen Busen. Ich sage immer, Sammy …«

Den Rest hörte sich Sergeant Brenner schon nicht mehr an. Er hatte Deary die Kaimauer herunterkommen sehen. Jeder im Hafen kannte Will Deary. Er schaute verschlossen drein. Jedenfalls nicht gut gelaunt. Das leise Lächeln, das sonst immer um seine Lippen stand – es sah aus, als gäbe es ständig etwas, über das man sich amüsieren könnte, dieses Lächeln fehlte heute.

»Tag, Will«, sagte Brenner.

»Hey? Tag, Sergeant«, antwortete der Bootsverleiher und grinste dürr. »Selten, dass man einen Polizisten trifft, wenn man gerade einen braucht. Ich war gerade unterwegs zu euch.«

»Was du nicht sagst«, meinte Brenner und zog schon die Fotos wieder aus dem Kuvert. Er hatte gar nicht richtig hingehört, als Deary gesprochen hatte. »Kennst du die beiden hier? Sammy meinte, sie wären vor zwei Wochen bei dir gewesen.«

Der Sergeant drückte ihm die Bilder in die Hand.

»Das nenne ich aber eine Überraschung!«, entfuhr es dem Bootsverleiher. »Wegen der beiden wollte ich doch zu euch. Sind sie tot? Was ist mit dem Schiff passiert? Die Yellow Bird. Ein herrliches Schiff. Mein bestes. Und auch noch unversichert.«

Will Deary atmete auf, als Sergeant Brenner ihm versichert hatte, dass sie nicht tot wären, und sein Gesicht zeigte wieder diesen bei ihm ungewohnten Zug der Verdrossenheit, als Brenner meinte, dass es noch nicht heraus sei, ob sie auch wirklich durchkämen. Aber Deary konnte ihm zumindest alle Personalien nennen, nachdem er die Durchschrift der Charterpapiere geholt hatte und mit dem Sergeant zur Hauptwache gegangen war. Im Gegensatz zu William Deary endete dieser Tag überhaupt sehr erfolgreich für Sergeant Brenner.

Sein Chef hatte ihn öffentlich gelobt.

Vor allen anderen. Man muss eben den richtigen Riecher haben, sagte Brenner sich stolz.

 

 

10. Kapitel

 

Das rote Fluid perlte von ihm ab, wie er es nun schon ein paarmal erlebt halte. Seine Kleidung, oder das, was von ihr geblieben war, war nicht durchnässt. Trocken und in Fetzen hingen die Reste seiner Hosen um die Hüften, vom Hemd keine Spur mehr. Trotzdem fror er nicht. Es war gleichbleibend warm.

Rick Landrey kletterte an Land. Er war ausgepumpt, aber frei.

Wie frei war er wirklich?

Rick schob die Beantwortung dieser Frage vor sich her. Sie bereitete ihm ein unangenehmes Gefühl, das seine Entscheidungsfreudigkeit lähmte. Und er musste etwas tun. Rick musste immerzu irgendetwas tun. Er war ein. motorischer Typ.

Früher …

Die Erinnerung daran war wie die Sonne, die sich hinter Wolkenschleiern verbirgt. Man weiß, dass sie da ist, aber man ahnt sie nur. Man kann sie nicht sehen.

Doch die Gedanken an Babs waren nah. Der sybillinische Ausspruch seines Lagernachbarn hallte in seinem Schädel nach:

Würde es dir sehr behagen, wenn du wüsstest, dass dieses gesichtslose Wesen, das dich auspeitscht, deine eigene Frau ist …?

Rick schüttelte den Kopf. Er konnte mit diesem abstrusen Spruch nichts anfangen. Wahrscheinlich war der Kerl schon verrückt geworden. Bestimmt hatte er im Wahn gesprochen. Man musste ja wahnsinnig werden, wenn man längere Zeit dort unten zu verbringen gezwungen war.

Er jedenfalls war der Hölle entronnen.

Rick fuhr sich durch sein weißes Haar. Was er hier betrieb, war nichts anderes als Selbstbetrug. In diesem Moment wurde ihm das klar. Er war der Hölle entronnen. Er befand sich nur an einem anderen Punkt ihrer schauerlichen Geographie. Er lag halb abgestorben auf einem weißen Felsen, und der Hunger wütete in seinen Gedärmen. Der Anblick der Leichen und der Arm, der an ihm vorbeigetrieben war, hatten ihm den Appetit nicht auf Dauer verjagen können. Jetzt hätte Rick den unansehnlichen Brei essen können. Jetzt wäre er sogar dankbar dafür gewesen.

Der Mann schüttelte den Kopf. Er konnte hier nicht so liegen bleiben. Hatte er das alles nur auf sich genommen, um dann wenig später auf einem Felsplateau zu verhungern?

Rick erhob sich auf alle Viere. Wenn er hier blieb, hatte er gar nichts gewonnen. Er musste weiter und zwar schleunigst. Er hatte Angst, dass er doch noch apathisch wurde.

Aber in diesen Augenblicken lebte er. Noch lebte er. Und solange er lebte, würde er die Hoffnung nicht aufgeben. Er hatte sie auch nicht aufgegeben gehabt, als er als Wehrpflichtiger im Dschungel von Vietnam von den Guerillas eingekreist gewesen war. Er hatte durchgehalten, bis ein Hubschrauber kam und den Rest des Trupps an Bord nahm. Vier Leute von acht waren zurückgeblieben …

Doch das war kein Vietnam. Dort leuchtet der Himmel nicht so widerwärtig gelb. Dort gibt es keine weiße Felsen, die sich wie Kreide anfühlen und doch hart wie Granit sind. Rick sah, dass er sich beim Hochziehen, die Finger aufgeschürft hatte. Seine Hand war ohnehin mehr einer blutigen Wunde ähnlich als einer menschlichen Gliedmaße.

Rick hatte lange genug ausgeruht. Bis auf den Hunger ging es ihm wieder einigermaßen erträglich. Er kletterte weiter.

Als er die Anhöhe erreichte, sah er die Stadt unter sich liegen und den ringförmigen Wulst mit den beiden Toren, der sie umgab. Und noch etwas sah Rick Landrey …

Aus! schoss es ihm durch den Kopf. Endgültig aus!

Die Kräfte hatten ihn von einer Sekunde auf die andere wieder verlassen. Es hatte keinen Zweck, gegen einen dieser Gesichtslosen zu kämpfen. Er hatte es schon versucht und war gescheitert.

Noch wandte ihm das Wesen, das so plötzlich vor ihm aufgetaucht war, den Rücken zu, aber Rick wusste inzwischen, dass diese Gestalten scheinbar auch nach hinten sehen konnten. Auch das hatten sie ihm schon bewiesen.

Unwillkürlich hob Rick beide Hände. Er gab auf. So sollte er also enden. Unten in einem gespenstischen Bergwerk, das angeblich einem vergangenen Dämon gehörte, und das in einer Welt, die nicht zu der der Menschen gehörte, einer versunkenen Welt, einen irrealen Ort, den es gar nicht geben durfte.

Nein – Rick wusste, warum er aufgab. In dieser Sekunde wusste er es:

Es gab kein Entrinnen von hier …

»Hallo, Figur«, sagte er, und seine Stimme dröhnte unnatürlich laut an seinen Ohren. »Ich habe Hunger. Nehmt mich fest. Verdammt noch mal, ich gebe auf!«

Der Wachtposten rührte sich nicht. Er stand da wie eine Statue. Rick konnte es nicht glauben. Warum zog. er seine Peitsche nicht vom Gürtel? Warum zückte er nicht sein Schwert?

Rick trat heran und berührte ihn.

Der Posten zuckte zusammen. Wild fuhr der Helm mit dem gesichtslosen, unsichtbaren Kopf herum, und Rick sprang geistesgegenwärtig zurück. Der Helm pendelte auf den breiten Schultern wie der Kopf einer Schlange, die ihr Opfer bannen will. Ruckartig sprang auch das Schwert in seine schwarzbraune Wurzelhand, doch das Wesen stieß nicht zu. So wie es dastand, drückte seine ganze Haltung Unsicherheit aus.

Rick erwartete den Stoß, der nicht kam. Erst langsam drang ihm die Tatsache ins Bewusstsein, dass das Wesen ihn weder hören noch sehen konnte.

Er machte die Probe aufs Exempel. Jetzt war schon alles egal. Das Wesen veränderte seine Stellung, schien entspannter.

Da trat Rick neben die Gestalt und wich dabei sorgfältig der Spitze des Schwertes aus. Er wischte ihr mit beiden Händen vor dem Helm hin und her. Dann war er sich sicher.

Das Wesen konnte ihn nicht sehen.

»Hör mal«, sagte er leise. Und dann lauter: »Hör mal!«

Keine Reaktion. Das Wesen steckte das Schwert mit einer blitzschnellen Bewegung in die Scheide zurück und drehte sich wieder weg. Wie vorher wandte er sich wieder dem roten Ozean zu.

Rick Landrey atmete auf und trat ein paar Schritte zurück. Er gewöhnte sich nur schwer an den Gedanken, dass er für die anderen plötzlich unsichtbar sein sollte.

Er klopfte seine Glieder ab und kniff sich in den Arm. Er schaute an sich herunter. Zweifellos: ihn gab es noch. Aber warum war er für dieses Wesen dann nicht sichtbar?

Ricks rasende Gedanken suchten fieberhaft nach einer Erklärung für dieses Phänomen. War es vielleicht so, dass die Gesichtslosen eine Art Massenintelligenz waren? Keine Einzelwesen? Dass sie nur von einem Gehirn und einem Gedanken gesteuert wurden? Dass sie nur Teil eines Ganzen waren?

Und für dieses Ganze schien der Mensch Rick Landrey in dieser dämonischen Welt nicht mehr zu existieren. Hatte sein »Tod« ihn ausgelöscht aus der Begriffswelt dieser Wesen? Offiziell musste er ja für sie tot sein. Das wäre eine Erklärung für dieses Phänomen gewesen.

Bei einem Computer ist es ähnlich. Er rechnet im Dual-System. Für ihn gibt es nur die Null und die Eins. Andere Zahlen kennt er nicht. Das Dezimalsystem, mit dem seine Schöpfer gemeinhin rechnen, ist ihm fremd. Wie Rick diesem Wesen offenbar fremd war. Dieses Wesen war auf den Erdenmenschen Rick Landrey, siebenundzwanzig Jahre alt, Student der Naturwissenschaften, weißblond, nicht mehr programmiert …

Noch war Rick sich nicht vollkommen sicher. Aber er würde zwangsläufig bald erfahren, ob seine Hypothese auch den Erfordernissen eines praktischen Beweises standhielt, ob zumindest die Auswirkungen seiner Theorie seiner vorgefassten Meinung entsprachen.

Diese Art zu denken war zwar unwissenschaftlich, aber – verdammt noch mal – er befand sich hier nicht in der Universität. Hier ging es ums Überleben.

Rick ging mit weiten Schritten zur Stadt hinab. Er machte gar nicht mehr erst den Versuch, sich zu verbergen.

Zur Stadt hin fielen die Felsen sanfter ab. Zwar waren sie auch hier noch zerklüftet, und Rick musste mehr als einmal springen, aber er brauchte nicht mehr zu klettern. Er schaffte die Strecke in knapp zehn Minuten, wenn seine Schätzung stimmte.

Die drei Schiffe lagen noch im Hafen. Regungslos standen Wachen auf Deck. Erstarrt. Wie Spielzeugmännchen, die nicht aufgezogen worden waren.

Rick wurde immer sicherer, ohne dabei die Vorsicht ganz außer Acht zu lassen. Seine relative Freiheit würde in jenem Moment beendet sein, in dem er auf Menschen stieß. Menschen waren keine Computer.

Er steuerte das Tor an, durch das Babs geschleppt worden war. Es lag etwas näher an der riesigen goldenen Kuppel, die das Stadtbild beherrschte. Es konnte nicht umsonst so mächtig und pompös, ja reich ausgefallen sein. Hier musste das Zentrum dieser Welt liegen.

Die Straßen waren leer und verlassen. Rick begegnete keiner Menschenseele. Wenn er auf eines oder mehrere der gesichtslosen Wesen traf, drückte er sich an eine Wand, um sie an sich vorbeizulassen, und die Wesen schenkten ihm nicht die geringste Beachtung. Er war Luft für sie, solange er nicht mit ihnen in körperlichen Kontakt geriet. Und den vermied Rick. So kam er zwar langsam aber ohne aufgehalten zu werden vorwärts. Er begegnete keinem Menschen.

Allmählich wurden die Gebäude höher und prächtiger. Nur zu gerne hätte Rick einen Blick in das Innere eines dieser Häuser geworfen, aber das hätte ihn nur aufgehalten, und sein Ziel stand fest: Irgendwo hier mussten die Frauen sein, und er wurde das Gefühl nicht los, dass er sie im größten Bauwerk dieser Stadt finden würde.

Während er sich durch die Gassen schlich, kamen ihm Illustriertenberichte in den Sinn, die er gelesen hatte. Das Stichwort »Bermuda-Dreieck« fiel ihm ein. Jenes Gebiet in der Karibik, in dem während der letzten Jahre immer wieder auf geheimnisvolle Art und Weise Schiffe, ja auch Flugzeuge verschwunden waren. Sie und ihre Insassen waren nie wieder aufgetaucht. Nicht einmal Wrackteile hatte man finden können. Bergungstrupps und Suchkommandos waren ohne Ergebnis zurückgekommen. Wenn sie überhaupt zurückgekommen waren …

Rick erinnerte sich an den Fall der Sea-Hawk ein schneller Ausflugsdampfer, der zahlungskräftige Amerikaner zu den westindischen Inseln brachte, wo es Einkaufsparadiese gibt, in denen Waren zollfrei umgeschlagen werden. Er war im August des letzten Jahres verschwunden. Nur einen einzigen May day-Ruf hatte der Funker noch in den Äther jagen können. Und konfuse Angaben, die man damals für die Auswüchse einer kranken Phantasie gehalten hatte. Aus heiterem Himmel sollte sich ein riesiger Drache materialisiert haben, groß wie Jumbo-Jet. Er hätte sich über den Dampfer gesenkt und drohe nun, sie alle samt dem Schiff zu verschlucken.

Niemand hatte diesem Funker geglaubt. Trotzdem fand man nie mehr eine Spur von der Sea-Hawk, ihrer vierzigköpfigen Crew und ihren fünfundsechzig Passagieren. Nur eines der vielen Suchflugzeuge war nicht mehr zurückgekehrt. Der Pilot hatte offenbar auch gar nicht mehr die Gelegenheit gehabt, einen Notruf loszulassen. Er war immer noch als verschollen erklärt, aber niemand nahm an, dass er noch am Leben sein würde.

Die Illustrierten waren damals davon voll gewesen. Hatte nicht der Kapitän der Sea-Hawk ein auffälliges Muttermal am Nasenflügel gehabt?

Ich phantasiere schon, sagte sich Rick. Bald werde ich wahnsinnig. Das ist doch alles sinnlos.

Dann stand er vor der Mauer des palastartigen Gebäudes in der Mitte der Stadt. Sie war noch höher, als er es sich vorgestellt hatte. Erklettern konnte er sie nicht. Das konnte kein Mensch.

Auf der anderen Seite hörte er Stimmen. Kein Piepsen und kein Pfeifen. Menschliche Stimmen. Frauenstimmen, um es ganz genau zu sagen.

 

 

11. Kapitel

 

Rick ging selbstsicher weiter. Eine Spur zu selbstsicher vielleicht. Bisher war ihm nichts geschehen, und er schloss daraus, dass ihm auch künftig kaum mehr etwas passieren würde.

Er schlug den Weg entlang der weißen Mauer ein, die zum Erklettern für einen Menschen zu hoch war, und er zweifelte daran, dass er ein so profanes Gerät, wie es eine Leiter darstellte, in der Welt des Cronos finden würde. Er versuchte das erst gar nicht. Die einzigen Gerätschaften, die ihm bisher vor die Augen gekommen waren, waren Pickel und altertümliche Waffen gewesen.

Umso erfreuter war er, als er bei seinem Erkundungsgang plötzlich etwas Schwarzes zu seinen Füßen liegen sah. Ein mattglänzender Browning lag in einer Ecke versteckt, und wenn Rick nicht ständig die Augen auf seine Umgebung gerichtet hätte, hätte er die Waffe auch nicht entdeckt.

Er bückte sich schnell und schaute dabei um sich, als würde er etwas Verbotenes tun. Aber niemand beachtete ihn. Nicht einmal Gesichtslose waren in der Nähe.

Der Stahl fühlte sich kalt und beruhigend an in seiner Hand. Er schnupperte am Lauf. Es roch nach Öl. Aus dieser Waffe war nicht geschossen worden. Mit geübten Fingern ließ er das Magazin aus dem Griff schnappen. Sechs Kugeln, eine davon schon im Lauf. Kaliber 6,35. Kein riesiges Format, doch um einen Menschen aus kürzerer Entfernung zu töten, reichte es vollkommen aus.

Doch würde er auch etwas gegen die Gesichtslosen damit ausrichten können? Immerhin: Der Posten oben auf dem Kreidefelsen hatte auf seine Berührung reagiert. Also waren sie stoffliche Wesen, und solche konnte man mit einer Kugel durchlöchern. Nur ihnen in den Kopf zu schießen hatte wenig Zweck. Rick erinnerte sich zu deutlich daran, dass seine Faust bei seinem ersten Angriff ins Leere geschossen war.

Rick schob den Browning hinter den Gürtel und stellte keine weiteren Mutmaßungen darüber an, woher die Waffe gekommen sein könnte. Er war froh, dass er sie hatte. Vielleicht war das Metall einem Mädchen oder einer Frau aus den Taschen gerutscht, als es vom Hafen her ohnmächtig auf den Palast zu geschleppt worden war. Irgendein Fuß hatte die Waffe beiseite geschleudert. Mit dieser Erklärung gab Rick sich zufrieden.

Immerhin bedeutete das, dass er sich auf dem richtigen Weg befand, wenn seine Theorie stimmte. Er schritt weiter aus, an der Mauer entlang. Er fühlte, dass er im Kreis ging. Es war unmöglich, sich zwischen diesen winkligen Mauern zu orientieren.

Dann kam er an eine Mulde in der Mauer, die im ersten Augenblick wie ein Tor aussah, doch auch sie war weiß-verkleidet und auf den ersten Blick fugenlos. Auf den zweiten allerdings nicht. Rick machte einen haarfeinen Einschnitt an der Oberfläche aus. Er zog sich von oben nach unten. Hier musste eine Öffnung durch die Mauer sein.

Er versuchte es zuerst mit den Fingernägeln, gab aber bald auf. Er hinterließ blutige Abdrücke auf dem blendenden Weiß und trat wieder zurück.

So kam er jedenfalls nicht hinein. Er musste sich auf längere Wartezeit gefasst machen. Und da rührte sich dieses gotteserbärmliche Hungergefühl wieder, das wie ein stacheliger Igel durch seine Eingeweide kroch. Rick presste beide Hände gegen den Magen, als würde das etwas helfen.

Doch wider Erwarten wurde seine Geduld auf keine harte Probe gestellt. Es waren noch keine zehn Minuten verstrichen, als sich etwa zwanzig Gesichtslose waffenklirrend näherten. Diejenigen, die am Ende gingen, unterschieden sich in ihrer Tracht deutlich von den anderen, die Rick bei sich schon als Krieger eingestuft hatte.

Die letzten trugen kunstvolle Uniformen, mit riesigen Federn auf den Helmen und einem goldschillernden Panzer. Auch das Spiralzeichen schimmerte bei ihnen schwarz auf goldenem Grund. Am Rücken trugen sie grünschillernde Umhänge, die dort, wo das Kinn hätte sein sollen verschlossen waren.

Automatisch zuckte Rick zurück. Diese Wesen machten noch mehr Eindruck auf ihn. Sie mussten etwas ganz Besonderes sein. Vielleicht waren sie sogar in der Lage, ihn zu erspähen.

Doch seine Furcht war unbegründet. Auch die mit den grünen Umhängen kümmerten sich nicht um ihn. Ihre Helme waren stur geradeaus gerichtet.

Die Krieger pflanzten sich vor dem Tor auf. Irgendeiner von ihnen stieß einen schrillen Pfiff aus, der durch Mark und Bein ging. Als dünnes, kristallen klirrendes Echo wurde er von den verwinkelten Gebäudewänden zurückgeworfen. Kurz darauf schwang das Tor geräuschlos zurück.

Rick musste jetzt alles auf eine Karte setzen. Es gab kein Zurück mehr. Eine solche Chance bot sich ihm so schnell nicht wieder. Und wenn er nicht am Hunger krepieren wollte, musste er vorwärts. Alle Vorsicht außer Acht lassend, schloss er sich einfach an die letzten der Wesen an. Als würde er zu ihnen gehören, marschierte er im Gleichschritt durch das Tor. Es schloss sich einen Fuß hinter ihm wieder. Hätte er auch nur eine Sekunde gezögert, so stünde er jetzt immer noch draußen.

 

 

12. Kapitel

 

Und hier sah Rick auch etwas, was er in der ganzen Stadt und auch außerhalb ihrer Mauern nicht gesehen hatte – Pflanzen.

Sie waren bizarr und mit nichts zu vergleichen, was es auf seiner Welt gab. Lediglich vom Wuchs her ähnelten sie Hartlaubgewächsen aus subtropischen Regionen, doch ihre Blätter – oder sollte man besser Federn sagen? – waren nicht halb so dickfleischig. Auch war keine Einzige dieser Pflanzen grün. Also konnte ihr Stoffwechsel auch nicht auf Chlorophyll aufgebaut sein, schloss Rick als Biologe und auch Botaniker daraus, um sich gleich darauf einen Narren zu schelten. Es ging nicht an, dass er irdische Maßstäbe an eine Erscheinungsform anlegte, die nicht irdisch war, nicht irdisch sein konnte.

Und doch reichten auch fassbare Gegenstände hinüber in seinen Raum, wo sie jedoch offensichtlich eine fatale Wirkung zeitigten. Rick dachte an den grünen Stein, den Babs in einer Schublade der Kombüse gefunden hatte. Er musste in einem ursächlichen Zusammenhang mit ihrem Verschwinden in der Karibik und ihrem Auftauchen hier in dieser Welt stehen.

Dazu, sich darüber in diesem Augenblick den Kopf zu zerbrechen, war es noch zu früh. Er war im Inneren der Palastmauern. Nur das zählte.

Rick scherte sofort aus der Reihe aus, als das Tor sich hinter ihm geschlossen hatte. Er wollte das Glück, das er an diesem Tage schon gehabt hatte, nicht überstrapazieren.

Er schlug einen schmalen Pfad ein, der zwischen diesen Pflanzen weiter in den Garten hineinführte, während die Gesichtslosen auf dem Hauptweg blieben, der, ebenso wie die Gassen draußen, mit weißem Kies bestreut war.

Der Pfad wurde rasch enger, und die Marschtritte der Krieger verklangen. Rick musste sich vorwärtskämpfen. Es kam ihm vor, als würden diese farbigen Pflanzenblätter nach ihm greifen. Sie schimmerten in allen Farben. Nur nicht in grün. Die Berührung mit ihnen rief in Rick das Gefühl des Ekels hervor, doch er hätte nicht zu sagen vermocht, warum das so war. Die Gewächse und Stauden waren seinem ästhetischen Gefühl nach sogar sehr schön. Paradiesisch fast. Wie auf den Bildern des Impressionisten Rousseau oder den Dschungellandschaften von Mati Klarwein, dem Wiener Surrealisten der nach-dalischen Ära.

Endlich hatte er sich durchgekämpft und freies Terrain gewonnen. Wie ein Albdruck wich es von ihm, als er auf einem violetten Rasen stand. Er hatte fast die Farbe der Segel von den Schiffen draußen im Hafen. Ein leichter Hang fiel ab, hinunter zu einer Baumgruppe mit knorrigen Ästen, ähnlich wie bei beschnittenen Weiden, nur dass bei diesen Bäumen die Äste sich breit-fächrig und flach drei Yard über der Erde streckten wie bei einem überdimensionierten Regenschirm. Die Blätter waren wie die Spitzen von Lanzen und glänzten silbrig, wobei sie den gelben Himmel leicht widerspiegelten.

Zwischen den Bäumen wand sich ein Bach hindurch, über den sich zierliche Brücken spannten. Sein Wasser war ebenfalls rot, wenn auch etwas heller als der gewölbte Ozean. Außerdem schien er nicht so träge zu fließen. Über Steinen bildeten sich winzige, von orangefarbener Gischt gekrönte Wirbel.

Und Frauen standen zwischen den Bäumen …

Sie hatten ihn noch nicht gesehen. Rick wollte auch nicht, dass er gesehen wurde. Deshalb zog er sich schnell wieder in die Deckung der Büsche zurück. Er wusste nicht, ob seine Tarnung noch von Dauer war, wen die Mädchen erst auf ihn aufmerksam geworden waren. Instinktiv ahnte er, dass sie ihn wahrnehmen konnten. Doch Komplikationen jeder Art hätten ihm im Augenblick nur geschadet.

Und Rick Landrey konnte keine Komplikationen gebrauchen. Er war heilfroh, überhaupt so weit gekommen zu sein.

Aus einem sicheren Versteck beobachtete er, was dort unten am Hang passierte. Wortfetzen drangen zu ihm herauf, doch Rick bemühte sich nicht, ihren Sinn zu deuten. Für ihn war lediglich wichtig, dass seine Babs sich nicht unter ihnen befand. Fünfzehn Frauen und Mädchen zählte er. Die Jüngste mochte etwa sechzehn Jahre alt sein; die Älteste schätzte er auf knapp über Vierzig.

Jetzt war er froh, dass er vorsichtig geblieben war und sich nicht hatte entdecken lassen, denn die Krieger, mit denen er hereingekommen war – zumindest nahm Rick an, dass es dieselben waren – stürzten auf die Gruppe zu. Die Frauen und Mädchen schrien auf; Rick schien es, dass dies mehr aus Überraschung als aus Entsetzen geschah. Der Rest rollte rasend schnell über die Bühne.

Jeder der Gesichtslosen nahm sich einen der Menschen vor. Er packte ihn an Hüften und Schultern und hob ihn hoch. Das Strampeln und ängstliche Kreischen der Opfer war vergeblich. Sie wurden über breite Schultern geworfen und in die entgegengesetzte Richtung davongetragen. Die Gesichtslosen hatten nicht einmal drei Sekunden dazu gebraucht, die Frauen und Mädchen zu überwältigen.

Rick saß geduckt. Er durfte nicht eingreifen. Automatisch hatte er den Browning aus dem Hosenbund gezogen, doch was hätte ihm jetzt ein wahnwitziger Alleingang genutzt? Oder den Frauen?

Gar nichts.

Deshalb wartete er ab, bis unten alles vorüber war.

Das Kreischen klang ihm noch in den Ohren nach, als er an den bunten Gebüschen vorbei nach unten hetzte. Die Gräser unter seinen Sohlen fühlten sich wie ein dicker, langfloriger Teppich an. Sie kitzelten ihn. Irgendwann hatte er seine Segeltuchschuhe verloren. Wahrscheinlich unten im Bergwerk, wo unbekannte Männer grüne Steine brachen.

Er hetzte den Gesichtslosen und ihrer Beute nach. Rick befand sich hinter dem Palast, wenn man die Vorderseite der Front zum Hafen zuschrieb. Dann hatte er die Bäume erreicht, unter denen die Mädchen und Frauen so überraschend verschleppt worden waren. Er war jetzt ohne Deckung. Trotzdem versuchte er, sich hinter den Stämmen zu verstecken. Sie waren zu dünn, um ihn ganz verbergen zu können, aber niemand nahm Notiz von ihm. Es war auch niemand da, der Notiz von ihm hätte nehmen können.

In einer Entfernung von etwa vierzig Yard öffnete sich ein riesiges Loch in die Rückseite des Gebäudes mit der monströsen goldenen Kuppel. Aus der Nähe bemerkte er, dass das Dach eigentlich gar keine Kuppel war; eher schon ein gigantisches Schneckenhaus.

Und auch die kreisrunde Höhlung erinnerte an die Öffnung eines Schneckenhauses, bei dem der Körper des Weichtiers verwest ist. Doch die Wände erstrahlten noch in rutschigem, schleimigem Glanz. Langsam trat Rick näher.

Alle Fasern seiner Nerven wehrten sich dagegen, dass er nähertrat; die Nackenhaare stellten sich auf. Aber Rick konnte nicht anders. Er überwand das Gefühl der Bedrohung und trieb sich selbst vorwärts. Wenn er etwas Neues über diese mysteriöse Welt in Erfahrung bringen konnte, dann nur hier. Nur hier …

Vor den Wachen hatte er keine Angst mehr. Auch nicht vor denen mit den wertvollen grünen Umhängen. Rick wollte es wissen! Er wollte endlich erkennen, was hier vorging. Sein Mut und seine Tapferkeit waren die Schlüssel zu diesem Geheimnis, und er würde sie gebrauchen. Ohne Rücksicht auf seine Person …

Als er den Eingang passiert hatte, drückte er sich sofort beiseite, damit die Frauen und Mädchen ihn nicht sahen, denn noch befanden sie sich im selben Raum.

Er ähnelte einem futuristischen Theater-Foyer, dessen Architekt bestimmt nach der Ausführung dieses Bauwerks in eine Klappsmühle gewandert war.

Alles, sowohl der Boden, als auch die Decke waren aus rauem weißen Stein. Eine Balustrade, ähnlich wie bei einer Theatergarderobe, zog sich von einer Seite des Raumes auf die andere, bildete ein natürliches Hindernis.

Hinter dieser Balustrade zogen sich scheinbar endlos lange Reihen von stumpf glänzenden Kleiderstangen dahin, die über und über mit antiken Kriegerkostümen behängt waren.

Rick schlich sich an der Wand entlang weiter. In einer eleganten Flanke setzte er darüber hinweg. Die Frauen und Mädchen waren zu weit von ihm entfernt, als dass sie ihn hätten bemerken können. Sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Gesichtslosen rissen ihnen die Kleider vom Leib und machten dabei auch von Büstenhaltern und Slips nicht Halt. Auch zwei Mieder wanderten aufgeschnürt und entknotet auf die Theke dieser seltsamen Umkleidekammer. Ein Wesen, dessen Uniform schmucklos gelb gehalten war, räumte sie mit schwarzbraunen, flinken, knorrigen Fingern weg und legte an ihre Stelle antike Kleidung von den Ständern. Die Szene war der in einem Theaterfundus nicht unähnlich.

Splitternackt standen die Frauen und Mädchen da. Zwei davon versuchten sich mit den Händen zu bedecken. Es waren ältere Damen. Doch alle schrien wie am Spieß. Bis eine der Wachen die Peitsche zog.

Von der Sekunde an war es still. Offenbar hatten sie mit dem Leder schon Bekanntschaft gemacht. Auch den Frauen ging es nicht besser hier, in der Welt des Cronos.

Rick ertappte sich dabei, wie er schief grinste.

Das war wirklich nicht der Augenblick, sich daran zu ergötzen, dass das sogenannte schwache Geschlecht auch tatsächlich einmal schwach werden konnte. Die Freuden die das Leben manchmal auch einem ironischen Geist gewährt, verboten sich hier.

Die Damen wurden angekleidet. Die Wachen verfuhren nicht sehr zuvorkommend dabei. Sie stülpten die Ledergürtel und Riemenröcke samt den Brustpanzern über. Jeweils am Schluss folgte der Helm mit den bunten, wippenden Federn darauf. Keines der Mädchen machte ein glückliches Gesicht. Die Einkleidung dauerte weniger als drei Minuten.

Dann standen sie da, die Mädchen und Frauen, angetan mit antiken Rüstungen. Zeit zum Überlegen wurde ihnen nicht gelassen. Die Krieger trieben sie vorwärts. Weiter hinein in den Kuppelsaal. Das Wehklagen verklang an seinen Ohren.

Er musste nach. Er wollte nach. Fieberhafte Unruhe hatte ihn gepackt. Rick schlug den ganzen Bogen des Gewölbes aus, obwohl er annahm, dass auch der gesichtslose Garderobier in seiner gelben Uniform ihn nicht bemerkt haben würde. Dadurch dauerte es einige Zeit, bis er die Gesichtslosen und ihre weibliche Beute wieder eingeholt hatte.

Er gelangte in einen riesigen Saal. Jetzt musste er sich unter jenem Bereich befinden, der sich nach außen zur Hafenansicht als goldener Kuppelbau präsentierte. Rick musste unwillkürlich an eine monsterhafte Kauri Muschel denken. Dieser Vergleich drängte sich ihm förmlich auf. Die Wände schimmerten wie erlesenes Perlmutt, und das Licht schien aus der Decke zu sickern. Der Boden war wie von eisglatten Marmorplatten bedeckt. Dort, wo die in sich gewundene Halle in ein wirkliches Schneckenhaus überging, führten Treppen mit einem roten Läufer nach oben. Ein riesiger, roter Plüschthron befand sich auf halber Höhe. Er war unbesetzt, doch die ganze Architektur des Gebäudes zielte darauf, dass er besetzt sein musste. Der Thron war der Mittelpunkt in einem Kreis, wenn man die Geometrie als Anleihe zur Verdeutlichung heranziehen möchte. Alle Linien schienen auf diesen Thron zuzulaufen.

Und der Thron war unbesetzt.

Noch war er unbesetzt!

Die Mädchen wehrten sich immer noch. In ihren Kostümen schlugen sie wild um sich. Das Wort des Lagernachbarn fiel ihm wieder ein:

… sehr behagen, wenn du wüsstest, dass deine Frau es ist, die dich quält …

Die Frauen und Mädchen trugen die Uniform der Gesichtslosen. Doch sie hatten ihre Gesichter, hatten Haut und Fleisch wie Menschen. Ein Mädchen keilte wild aus. Rick sah, wie einer der Gesichtslosen ihr einen Schlag versetzte und wie das Mädchen zusammenbrach. Einfach in den Knien einknickte. Es rollte noch einmal mit den Augen, bevor die Lider sich darüber schlossen.

Die Augen der anderen hatten diesen Vorfall verfolgt. Sie waren abgelenkt. Rick stürzte los. Keine der Frauen sah ihn, wie er die Treppen zum Thron erstieg. Sie waren beschäftigt. Und die Gesichtslosen konnten ihn offenbar nicht sehen.

Noch drei Yard. Dann war Rick in Sicherheit.

Unten schrie eine Frau hysterisch auf.

Rick sah noch den Zeigefinger, der in seine Richtung gestreckt war. Er hörte den Schrei der Frau, als hätte sie ihn knapp neben seinem Ohr ausgestoßen.

Doch da war Rick schon hinter dem Thron.

Eine schwarzbraune, knorrige Hand wie aus Holz schlug die milchig weiße Hand der Frau nieder. Die Frau wimmerte etwas, das Rick nicht verstehen konnte. Sie zeigte nicht mehr hoch zum Thron. Vielleicht hatte sie sich damit abgefunden, unter Halluzinationen zu leiden. Ein Wunder wäre es nicht gewesen, wenn man bedachte, wie schlecht die Frauen und Mädchen behandelt worden waren, bevor sie in diesem Saal landeten.

All das wusste Rick Landrey nicht.

Deshalb hatte ihn Panik erfasst. Er fühlte sich nicht mehr sicher in der Deckung dieses übermannhohen Throns. Er wollte weiter. Deshalb musste er hinein in diese Schnecke.

Immer wieder rutschte er ab. Warum habe ich noch keine Kugel im Rücken?, dachte er, als er sich weiterschob. Da fiel ihm ein, dass diese Wesen keine technischen Waffen gebrauchten und dass sie ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht sehen konnten. Der hinweisende Zeigefinger war mit brutaler Gewalt niedergeschlagen worden.

Rick konnte sich nach wie vor unentdeckt fühlen.

Er kletterte weiter, kletterte weiter hinein in die schimmernde Muschel. Der riesige Thron deckte ihn dabei.

Wie eine Spinne saß er schließlich in einer der letzten Windungen, von denen man gerade noch das Geschehen unten im Saal beobachten konnte.

Rick brach der Schweiß aus allen Poren seines entkräfteten Körpers. Er musste sich feststemmen wie ein Bergsteiger in einem steilaufragenden Kamin.

Doch Rick hatte eine prächtige Übersicht über das, was da unten geschah.

Und er sah auch den Spiegel.

Das Auge in die andere Welt.

In die Welt der Menschen.

Knisternde Spannung erfüllte plötzlich den Raum.

Aus diesem Spiegel schienen Funken zu sprühen. Das Bild, das er kurz vorher noch gezeigt hatte, verschwand. Die Mädchen in ihren Kriegerkostümen und die Wachen, die sie festhielten, lösten sich auf.

Die Oberfläche des Spiegels pulste opalisierend, grünlichgelb losgelöst aus der Räumlichkeit des Saals und auf eine geheimnisvolle Weise ein Eigenleben führend.

Musik klang auf, wie von entfernten Posaunen, die sich langsam näherten. Die monotone, nur aus fünf Tönen bestehende Melodie seufzte wie verweht. Trotz dieser Verwaschenheit im Ausdruck traten die Synkopen deutlich heraus. Die Melodie wurde von Takt zu Takt mehr verzögert, ging in ein hämmerndes, dissonantes Stakkato über, das in den Ohren schmerzte. Immer langanhaltender wurden die einzelnen Töne, verwoben sich zu einem schrillen misstönenden Akkord. Auch wenn diese Sphärenklänge an kein bekanntes Musikstück erinnerten, so hatten sie auf Rick doch dieselbe Wirkung wie das versickernde Adagio in Wagners Götterdämmerung. Rick erschauerte.

Dann wurde seine volle Aufmerksamkeit vom Spiegel in Anspruch genommen. Wie hypnotisiert starrte er hinunter.

Aus dem Gelb war ein satter Orangeton geworden, dessen einzelne Farbnuancen wie Nebelschleier durcheinanderwogten, bevor sie mit einem Mal verblassten und durchsichtig wurden.

Da kamen aus einer schmalen Nische die fünf Gesichtslosen mit den grünen Umhängen in den Saal. Sie traten gemessenen Schrittes ein, irgendwie machten sie einen würdevollen Eindruck. Vor sich hielt jeder eine goldene Schale, auf denen jeweils diese grünen Smaragde glitzerten, als würden sie von einem inneren Feuer verbrannt.

Vier Wesen blieben rechts und links vor dem Spiegel stehen, während das fünfte sich ehrfurchtsvoll verneigte und kurz auf ein Knie niedersank. Seine Schale mit den Steinen stellte es vor sich ab. Die Wurzelgliedmaßen griffen vorsichtig hinein und legten einen Stein nach dem anderen vor dem Spiegel aus. Rick konnte die ausgelegte Figur zwar nicht genau erkennen, aber er fand, dass es der Sternstellung des Waagezeichens ähnelte.

Die Gestalt erhob sich und trat zurück, die Hände weit über den bunten Helm erhoben. Es war totenstill geworden. Sogar die Frauen und Mädchen schwiegen.

Auch ihre Blicke wurden von dem gefangengenommen, was mit dem Spiegel geschah.

Undeutlich zeichnete sich eine Gestalt ab. Eine zweifelsfrei menschliche Gestalt. Zuerst war sie klein und wuchs dann rasend schnell heran von Embryogröße bis zur Statur eines wenn auch nicht sehr großen aber doch ausgewachsenen Mannes.

Das erste was auffiel, war seine Unauffälligkeit. Er hätte Rick auf jeder Straße begegnen können, und Rick hätte ihm nicht einen Blick gewidmet. Herausragend war der Mann nur in dieser Umgebung, weil jeder in dieser Situation etwas Besonderes erwartet hätte, nicht aber einen Mann mit einer leichtgekrümmten Hakennase und einer selbstgebogenen Nickelbrille mit mäßig starken Gläsern. Er trug einen grauen Anzug von der Stange. Die Hose saß so schlecht wie das Sakko, das ebenfalls zu groß wie um eine zu dürre Kleiderpuppe schlotterte.

Der Hals war schon faltig, wie man das oft bei alten Männern beobachtet, die sich ihre jugendliche Spannkraft nicht hatten bewahren können. Eingefallen und gelblich waren die Wangen. An der rechten Seite hatte er sich beim Rasieren geschnitten. Über der Wunde war ein winziges, beiges Papierpflaster, das sich vollgesogen hatte. Ein dünner, grauer Haarkranz wand sich um den Gelehrtenschädel.

Ja – das war es. Ein Gelehrtenschädel. Obwohl Rick Dutzende von Wissenschaftlern kannte und auch wusste, dass man von ihrer Schädelform nie auf den Wissensstandard eines Mannes schließen konnte, dachte er bei diesem Anblick zuerst an das Wort »Gelehrtenschädel«. Dann ging ihm auch auf warum.

Der Mann, der so plötzlich aus dem zweidimensionalen Spiegel trat, entsprach bis in die kleinste Hautfalte seines Halses genau jener Klischeevorstellung vom vergeistigten Professor, der immer und überall zerstreut durch die Witzblätter stolpert, von den Karikaturisten so gewollt und dargestellt.

Was nicht dieser Vorstellung entsprach, ja was ihr sogar spottete, waren seine Augen.

Sie blickten hellwach und waren von jener silbrigen Klarheit, die sauberes Wasser über einer gelben Sandbank hat, wenn man in geringer Höhe mit dem Flugzeug darüber fliegt. Die Iris war ungeheuer unfarbig. Das ist kein Widerspruch in sich. Aber es gab diese Farbe nicht. Das Beispiel vom Wasser über der Sandbank kann nur eine Andeutung von dem geben, wie diese Augen wirklich waren.

Wie klaffende Löcher wirkten darin die winzigen, schwarzen Pupillen, auch für deren Schwärze sich kein Beispiel bringen lässt. Sie waren schwärzer noch als schwarz oder wirkten nur in ihrer Umgebung so. Jedenfalls war Rick ehrlich geschockt, als er in diese Augen blickte. Neben ihnen verblasste die übrige Physiognomie des Mannes zur absoluten Bedeutungslosigkeit. Es waren fanatische Augen, fanatisch brennende Augen. Rick fröstelte mit einem Mal. Er fühlte sich in seinem Versteck nicht mehr sicher. Jeden Augenblick erwartete er, dass diese Augen ihn erblicken würden.

Doch der Mann im grauen Anzug kümmerte sich nicht um ihn. Als er vom Spiegel weg auf die Treppen zum Thron zugegangen war, bemerkte Rick, dass die Steine vor dem Spiegel sich in Nichts aufgelöst hatten. Der Platz auf dem Marmorboden davor war leer.

Der Mann erklomm die Treppen, deren einzelne Stufen viel zu hoch für ihn waren. Rick hörte sein asthmatisches Keuchen. Die Helme aller Gesichtslosen hatten sich nach ihm ausgerichtet. War dieser kleine, unscheinbare Gelehrtentyp ihr Herr? War er der Verursacher all dieser Gräuel, die sich hier ereigneten? War er Cronos?

Rick wehrte sich gegen diesen Gedanken.

Die Rückenlehne des Throns versperrte ihm die Sicht nach unten. Er hörte nur, dass die Posaunen wieder zu blasen begonnen hatten. Und noch etwas bemerkte er;

Sämtliche Gesichtslose waren auf ihre Knie gesunken. Die Frauen und Mädchen hatten sie ebenfalls niedergezwungen, indem sie ihnen einfach die Füße beiseite schlugen. Mit eisernen Griffen hielten sie sie an der Erde und drückte ihnen die Stirn auf den Marmorboden.

Die Melodien klangen diesmal gegeneinander versetzt wie bei einem Kanon, auch der Rhythmus war ein anderer, wenngleich Rick nicht zu sagen vermocht hätte, worin dieses Anderssein bestand.

Er erlebte die grässliche Metamorphose erst mit, als sie schon fast beendet war und der Körper auf dem Thron über die Rückenlehne hinauswuchs, sie überwucherte, wie der Urwald das Land. Die Verwandlung schritt immer rascher fort. Aus dem unscheinbaren Mann mit den unglaublichen Augen war innerhalb weniger Sekunden ein Monster geworden, mehr als zwölf Fuß in der Höhe und vier an seiner breitesten Stelle in der Bauchgegend.

Obwohl die Gestalt entfernt an eine Echse erinnerte, trug sie keine Schuppen. Ihre Oberfläche war mehr schleimig und schlabberig. Ein dumpfer Ton wie aus einer Grotte drang aus dem Krokodilschnabel mit den spitzen Fangzähnen. Zwei Reißzähne standen einen halben Arm lang über die formlosen Lippen hinab. Vorbei an zwei fauchenden Nüstern, die einen grünen Dampf ausstießen, züngelte eine eklig rote, gespaltene Zunge. Rick sah sie, wie die Gestalt sich aus dem Thron erhob.

Trotz ihres erschreckenden, unförmigen Äußeren hatte sie etwas Erhabenes und Ehrfurchtgebietendes an sich, als sie auf kegelförmigen Stummelbeinen aufrecht die Stufen hinabtrottete, sich für ihre Größe überraschend schnell bewegend. Die oberen Gliedmaßen waren zu Klauen deformiert, aus denen je zwei bläuliche, hornartige Gebilde wuchsen, die mit Sicherheit eine todbringende Waffe abgeben würden. Das Wesen konnte diese Klauen bewegen, wie ein Krebs seine Scheren.

Doch das Schrecklichste an ihm waren seine Augen. Ein schwarzer Punkt nur in der Mitte, und von ihm ausgehend ein spiralig verlaufendes Pupillenband, das sich ständig um die Mitte drehte.

CRONOS …

Der Dämon der Atlanten trat hinunter zu seinen Wesen, die ihre gesichtslosen Köpfe nach wie vor gesenkt hielten, als würde der Anblick ihres Gebieters sie blenden. Nur die Wesen mit den grünschillernden Umhängen hatten ihre Helme erhoben und sahen aus, als ob sie ihrem Herrn und Gebieter entgegenschauen würden, wobei es fraglich ist, ob man von »Schauen« sprechen kann, wenn Wesen keine Augen hatten.

Rick stemmte sich gegen die Wände seines Schneckenhauses. Lange hielt er es hier oben nicht mehr aus. Er fühlte, dass ihm das linke Bein eingeschlafen war. Bald würde er abrutschen und dann genau hinter den Thron kullern, wenn nicht an ihm vorbei hinunter in die Menge. Es hatte ihm halb den Magen umgedreht, als er den Dämonen in voller Größe erblickt hatte. Die menschliche Phantasie reichte nicht aus, um etwas dermaßen Grauenvolles zu schildern. Etwas Grauenvolles auch in seiner Größe. Es war, als ob ein Blinder versuchte, von Farbe zu sprechen. Rick war gebannt. Er konnte seinen Blick nicht mehr von der Szene wenden, die sich vor seinen weit aufgerissenen Augen abspielte.

Drei der Wesen mit den grünen Umhängen hatten sich erhoben. Sie hielten ihre Schalen mit den Steinen weit von sich gestreckt. Die Klauen des Dämons fuhren hinein. Mit einem Smaragd in den hornartigen Auswüchsen kamen sie wieder zurück.

Der erste der Krieger zerrte das Mädchen hoch, auf das er sich vorher geworfen hatte. Das Mädchen schrie gellend auf. Es war jenes, von dem Rick angenommen hatte, sie wäre die Jüngste unter der Frauengruppe. Ein rundes, noch etwas pummeliges Gesicht mit unreiner Haut. Babyspeck an Taille und Oberschenkeln.

Die Klaue mit dem Stein fuhr den Mädchen an die Stirn. Nur kurz wurde der Smaragd gegen das Fleisch gedrückt. Dann verröchelte der Schrei wie der Stein verschwand. Gleichermaßen löste sich das Mädchengesicht auf. Es blieb nichts, als freier Raum unter einem antiken Kriegerhelm. Wo kurz vorher noch das Weiß von menschlichen Händen war, wuchsen jetzt schwarzbraune Wurzeln.

An jede der fünfzehn Stirnen wurde ein Stein gedrückt. Dann hatte Cronos fünfzehn Adepten mehr in seiner Welt. Fünfzehn Kreaturen, die jedem seiner geringsten Befehle unwidersprochen gehorchen würden.

Fünf Steine blieben in den Schalen zurück.

Der letzte der Wesen mit den golden schimmernden Rüstungen sammelte sie auf und trat damit vor den Spiegel. Ein neues Zeichen wurde ausgelegt. Das Sternzeichen des Kleinen Bären.

Der Dämon schritt darauf zu und verharrte vor dem Zeichen.

Schon setzte sich die Verwandlung in umgekehrter Richtung in Gang. Die reptilienartige Gestalt schmolz zusammen. Das Grau des Anzuges tauchte aus dem ledrigen Grün. Dann stand der alte Mann wieder vor dem Spiegel.

Das ausgelegte Sternzeichen löste sich auf, als er zuerst den linken Fuß in den Spiegel setzte und dann den rechten. Der Spiegel sog ihn auf.

Das unwirkliche Schauspiel war vorüber.

Rick konnte sich nicht länger halten. Seine zittrigen Beine gaben nach, und er rutschte an der perlmuttglänzenden Fläche hinunter, wie er es schon die ganze Zeit über befürchtet hatte.

Die Gesichtslosen jedoch kümmerten sich nicht um ihn.

 

 

13. Kapitel

 

Die Schleier wichen nur widerwillig von seinen Augen. Er spürte eine Hand an seiner Hand. Eine angenehm warme, trockene Haut. Sein Puls, der unter diesen Fingern regelmäßig pochte. Eine sanfte Stimme, wie durch Watte.

»Mister Landrey. Wachen Sie auf, Mister Landrey.«

Wer ist Landrey?, dachte der Mann. Seine Gedanken flossen noch zäh wie eine lehmige Masse. Das Bewusstsein wehrte sich, in die Wirklichkeit zurückzukehren.

»Wo …? Wo bin ich …?«, fragte der Mann abgehackt.

»In Sicherheit, Mister Landrey. Gut, dass Sie endlich aufwachen. Wir haben schon nicht mehr richtig daran geglaubt.«

»Bin ich in einem Krankenhaus?«

Der Mann versuchte, sich hochzustemmen, doch bevor Dr. Flamber eingreifen musste, fiel er kraftlos wieder zurück.

»Sehr richtig«, meinte Dr. Morrison beschwichtigend. »Sie sind in einem Krankenhaus. Erinnern Sie sich denn an gar nichts mehr?«

Der Mann auf dem Stahlrohrbett schüttelte mühsam den Kopf.

»Nicht bewegen«, sagte der Arzt schnell. »Um Himmels willen. Wie dumm von mir. Ich werde Ihnen keine Fragen mehr stellen.«

»Es ist alles weg«, stöhnte der Mann. »Schon in Ordnung, Mister Landrey. Das Schwierigste haben Sie überstanden. Die Erinnerungen kommen schon wieder. Hauptsache, wir haben Sie über den Berg.«

Dr. Morrison lächelte sein professionelles Arztlächeln.

»Wir biegen Sie schon wieder hin. Keine Sorge. Sie müssen jetzt nur sehr viel schlafen. Dann geht es Ihnen bald wieder besser.«

Plötzlich ging es wie ein Ruck durch den Kranken. Er bäumte sich auf. Jetzt schien er die Infusionsschläuche an seinem Arm zu bemerken. Ein Griff, und er riss wütend daran. Mit einem Mal war der Mann von einer Woge unsagbaren Hasses überschwemmt.

»Ich muss sofort raus hier!«, brüllte er jämmerlich wie ein weidwund geschossenes Tier. »Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Die ganze Menschheit ist in Gefahr!«

Schaum stand vor seinem Mund. Die beiden Ärzte wechselten einen bedeutungsvollen Blick miteinander. Für den kräftigen Dr. Flamber war er das Zeichen, einzugreifen. Mit seiner Bärenkraft drückte er den Kranken auf das Lager zurück. Das Schreien war in ein ohnmächtiges Wimmern übergegangen. Bevor es wieder lauter wurde, hatte Dr. Morrison schon eine Spritze aufgezogen. Der Kranke strampelte wild. Morrison kam nicht an die Gesäßmuskulatur heran, in die er das Valium spritzen wollte. Die Flüssigkeit leuchtete rotbraun gegen das helle Quadrat des Fensters. Aber er musste dieses Beruhigungsmittel in den Körper bringen. Die ärztlichen Anstrengungen von Tagen waren gefährdet. Der Kranke würde sie zunichtemachen, wenn man ihn weiter so toben ließ.

Dr. Flamber sprang um das Bett herum. Er drückte ein Knie auf den einen Oberschenkel des Kranken. Jetzt konnte Morrison endlich tun, was er tun musste. Er schob den Kolben der Spritze durch. Fast schlagartig wurde der Kranke ruhiger. Zwanzig Milligramm Valium verteilten sich rasch in seinem Gefäßsystem. Das Beben wurde leiser und verebbte schließlich ganz. Dr. Flamber konnte den Mann loslassen.

Der Arzt atmete schwer und strich sich seinen weißen Kittel glatt.

»Donnerwetter«, meinte er. »Dafür, dass er eigentlich entkräftet sein müsste, ist er noch sehr lebendig. Ob das etwas mit den Ereignissen des Enzephalogramms zu tun hat?«

Sie hatten während der Zeit der Bewusstlosigkeit Landreys Gehirn geröntgt. Dabei wurden in der Nähe der Hypophyse, der Gehirnanhangdrüse, leichte Veränderungen von Teilen des inneren Hirns festgestellt. Darauf nahm Flamber jetzt Bezug. Man wusste nicht, was diese Veränderungen zu bedeuten hatten.

Dr. Morrison zuckte die Achseln.

»Ich weiß es so wenig wie Sie. Ich bin kein Gehirnspezialist. Im Augenblick wüsste ich auch nicht, wo wir so schnell einen herbekommen sollten. Wir sind wohl am besten beraten, wenn wir Mister Landrey erst einmal in die geschlossene Abteilung überstellen. Sie haben ja gesehen, wozu er fähig ist. Er hätte sich glatt die Schläuche aus der Vene gerissen. Wir müssen ihn vor sich selbst schützen.«

Dr. Flamber antwortete nicht sofort. Nachdenklich schaute er auf den Kranken hinunter.

»Glauben Sie wirklich, dass er schon für die geschlossene Abteilung reif ist? Er ist doch nicht verrückt.«

»Was ist ein Mann für Sie dann, wenn er ganz alleine die Welt retten will?«

»Das ist doch ein Fiebertraum, nichts weiter.«

»Ein Fiebertraum? Dann sehen Sie sich doch mal die Kurve an, werter Kollege.« Dr. Morrison streckte den Zeigefinger aus, in Richtung der Tafel über dem Bett. »Seit zwei Tagen nur noch sechsunddreißig Grad. Ganz normale Temperatur. Nein, nein. Mit Fieber hat das nichts mehr zu tun. Wenn Sie mich fragen, dann ist der Patient gehirngeschädigt. Er muss sehr lange gehungert und im Wasser gelegen haben. Das erklärt vielleicht auch die Kontraständerung auf dem Röntgenbild.«

»Aber eben nur vielleicht«, konterte Flamber. »Ich glaube eher an einen Schock. Und zwar felsenfest. Oder nehmen Sie es als selbstverständlich hin, dass ausgerechnet seine kleine Freundin sagt, sie müsse sofort zu Rick, weil nur er die Welt retten könne?«

Dr. Morrison zuckte herum.

»Was haben Sie da gesagt? Das kann doch nicht ihr Ernst sein!«

»Ist es aber. Ich kam gerade von ihr und wollte Ihnen das erzählen, als unser Patient hier zu toben anfing. Da war er natürlich wichtiger. Für den Augenblick zumindest. Aber Tatsache bleibt, was ich Ihnen eben gesagt habe. Wollen Sie das Mädchen jetzt auch in die psychiatrische Abteilung stecken?«

»Nein. Ihr erging es ähnlich, wie unserem Sorgenkind hier. Auch sie musste zur Ruhe gebracht werden. Wir konnten sie nur knapp daran hindern, dass sie sich aus dem Bett machte und auf die Suche nach ihrem Freund ging.«

»Das gibt mir allerdings zu denken«, meinte Dr. Gerald Morrison. »Das habe ich schließlich nicht wissen können. Nur fürchte ich, dass wir mit unserem neuen Wissen auch nicht viel werden anfangen können. Ich denke, das Beste wird es sein, wir bekommen die beiden so schnell wie möglich transportfähig und schaffen sie in eine Spezialklinik weiter. Haben sich schon Verwandte gemeldet?«

»Ja. Der alte Landrey hat sich für morgen Vormittag angesagt. Miss Brower dagegen ist Vollwaise. Sie hat ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Sie wird von einer alten, querschnittgelähmten Tante aus Los Angeles unterstützt. Die alte Dame kann nicht kommen, aber sie hat telegraphiert, dass wir alles nur Erdenkliche für das Kind tun sollen. Sie käme für alle Kosten auf.«

»Hm. Da scheinen wir ja zwei ausgemachte Goldfische geangelt zu haben. Nur zu dumm, dass auch Goldfische nicht das Ewige Leben haben.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Diesmal war es nicht die Kaugummi kauende Schwester, die ins Zimmer blickte. Die hier war schon älter und gesetzter, und das Häubchen sah bei ihr bei weitem nicht so adrett aus, wie bei der Kleinen.

»Dr. Morrison«, sagte sie. »Für Sie ist Besuch da.«

»Ein Mann? Hat er seinen Namen genannt?«

»Ja. Ein Mann. Ein ziemlich seltsamer Mann sogar. Er hat mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Solche Augen, Herr Doktor. Ich sage Ihnen, so etwas haben Sie noch nie gesehen. Man kann die Augen gar nicht beschreiben.«

»Wie heißt der Mann?«, fragte Dr. Morrison nochmals kurz angebunden.

»Oh? Habe ich das noch nicht gesagt? Er nannte sich Professor Dr. Donald Hugh. Ich sage Ihnen, Doc, nehmen Sie sich in Acht. Dieser Professor ist mir unheimlich.«

 

 

14. Kapitel

 

Rick hatte sich nicht getäuscht. Auch die neu verwandelten Wesen bemerkten ihn nicht, als er den Halt verlor und hinter den Thron rutschte. Sie verließen alle zusammen den Raum, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Rick atmete auf.

Kurz überdachte er noch den Vorfall, dessen Zeuge er gerade wurde. War so eine Flucht aus dieser Welt möglich?

Er sprang die Stufen hinab, durchquerte unbehelligt den Saal und auch den foyerartigen Vorraum, bevor er wieder ins Freie trat. Der Park lag ruhig wie zuvor.

Rick drückte sich an der Wand entlang, die den Palast zur Hafenseite hin begrenzte. Irgendwo musste es doch weitere Eingänge geben.

Er fand auch einen. Er war unauffällig wie eine Gartenpforte. Rick öffnete die Tür. Sie schwang lautlos auf, wie überhaupt fast alles in dieser dämonischen Welt keine Geräusche verursachte. Selbst die fiedrigen Blätter der Bäume standen unbewegt. Rick warf noch einen Blick zurück, bevor er sich dem Dunkel des Palastinneren anvertraute.

Es war düster hier, zwielichtig. Er hätte nicht zu sagen vermocht, woher der niedrige Vorraum, in dem er gelandet war, sein Licht bezog. Bisher hatte Rick sich bewegen können, als trüge er eine Tarnkappe über den Kopf gestülpt, aber jetzt fühlte er, dass er sich wieder vorsichtiger vorwärtspirschen müsste. Er fühlte die Nähe von Menschen. Er hätte nicht sagen können, warum das so war. Er fühlte sie einfach. Oder roch er sie? Lag nicht Schweiß in der Luft?

Der Vorraum, in den er gelangt war, war vollkommen leer. Nichts deutete darauf hin, dass er irgendeine Funktion gehabt hätte. Er mündete in einen mäßig breiten Gang, an dessen Ende ein Paar Treppen nach unten führten. Nicht sehr tief. Zwei Mann hoch vielleicht. Rick ging weiter und vermied dabei jedes unnötige Geräusch, das in dieser Stille umso hörbarer gewesen wäre. Weil er sich selbst so leise verhielt, entging ihm auch das Murmeln nicht, das aus der Tiefe drang. Mädchen und Frauenstimmen. Einige hell und ängstlich, andere dumpf und apathisch. Rick hielt den Atem an.

Automatisch hatte er nach dem Browning gegriffen. Mit dem Daumen schwenkte er den Sicherungsflügel herum. Es klickte. Abwartend blieb er stehen. Bald würde er wieder auf Wachen stoßen. Vor ihnen hatte er keine Angst mehr, doch wie würden die Gesichtslosen reagieren, wenn Menschen, die von ihnen überwacht wurden, ihn sahen und auf ihn deuteten? Im günstigsten Falle wurden sie verrückt, doch Rick glaubte nicht daran, dass er so ungeschoren davonkommen würde. Er musste nach einer anderen Möglichkeit suchen, sich den Frauen so unbemerkt wie nur möglich zu nähern. Was lag näher, als sich eine Uniform zu beschaffen?

Er setzte seinen Plan schon bei der ersten Gelegenheit in die Tat um. Kaum hatte er die unterste Stufe der Treppe erreicht, als sich eine Wache näherte. Wie erwartet, schritt sie stur wie ein Roboter an ihm vorbei. Rick wartete, bis er sich in ihrem Rücken befand.

Dann schlug er zu.

Weil es keinen Kopf gab, den zu treffen es sich lohnte, hatte Rick den Nackenansatz gewählt, wo noch Auswucherungen dieser holzartigen Haut zu erkennen waren. Doch er traf nicht richtig. Der Hieb schlug dort auf, wo Menschen normalerweise ihr Schlüsselbein haben. Gleichzeitig stieß Rick von hinten sein ausgestrecktes Bein in die Kniekehle des Gegners.

Ein Erfolg war trotzdem da. Der Gesichtslose stolperte und fiel um, wie vom Blitz gefällt. Sein Schwert klirrte über das Pflaster. Er hatte es noch im Fallen gezogen und lag jetzt halb darauf. Rick sprang darauf zu und zerrte es unter dem Körper hervor. Noch bevor die Gestalt sich wehren konnte, hatte Rick den Stahl hoch über seinen Kopf erhoben und ließ ihn mit aller Wucht niedersausen. Die Schneide drang durch Panzer und Körper, wobei der Rumpf zersplitterte wie morsches Holz.

Gehetzt sah Rick sich um. Er war sicher, dass der Tod, oder wie immer man die Ausschaltung dieses Wesens bezeichnen sollte, von den anderen Gesichtslosen bemerkt worden war, wenn man in Betracht zog, dass dieser »Tote« Teil einer Massenintelligenz war. Er hatte also nicht viel Zeit zu verlieren. Wahrscheinlich war er jetzt auch nicht mehr vor einer Entdeckung sicher. Die Fehlerquelle im System musste erkannt worden sein.

Schnell zerrte Rick der Gestalt die Kleidung vom Körper und schlüpfte hinein. Sie war viel zu eng für seine athletische Figur, aber zur Not musste er sich damit begnügen. Vor allem wollte der Panzer um die Brust herum nicht passen. Rick verbreitete den Spalt noch etwas, den er mit dem Schwert geschlagen hatte. Dann hielt der Panzer leidlich.

Die Schnürschuhe sparte sich Rick. Er blieb barfuß. Die ungewohnten Schuhe hätten ihn nur behindert. Zum Schluss hob er sich noch den Helm auf den Kopf. Jetzt sah er bis auf das Gesicht aus wie einer der Gesichtslosen. Er hoffte, dass man ihn wenigstens beim ersten Hinsehen für ein Wesen dieser Welt halten konnte. Dann stürmte er wieder vorwärts. Noch weiter in die Tiefe der Keller unter dem Palast. Die Frauenstimmen wurden lauter.

Schließlich landete er in einem riesigen Saal, der sich genau unter der Halle mit dem Spiegel und dem Thron befinden musste. In langen Reihen angekettet standen Frauen und Mädchen an der Wand und an Pfosten. Noch mehr Wachen bewegten sich zwischen ihnen. Sie alle hatte Unruhe erfasst. Ihre Gesten wirkten fahrig, und ein summendes Pfeifen lag in der Luft.

Rick konnte die Frauen nicht zählen. Dazu war jetzt wirklich nicht der Augenblick, doch sein Bluff hatte funktioniert: Keine der Gefangenen schrie auf, als Rick in seinem Kostüm die Halle betrat.

Der junge Mann ahmte die fahrigen Bewegungen der rund zwanzig Wachen nach, die sich fast nur noch torkelnd vorwärtsbewegten. Die Zerstörung eines dieser Wesen musste mehr Unruhe gestiftet haben, als Rick zu hoffen gewagt hatte.

Zwischen vierzig und fünfzig Frauen mussten sich hier aufhalten, doch Ricks Augen suchten nur Babs. Es war heller Wahnsinn, daran zu denken, sie alle retten zu können, wenn Rick selbst nur eine vage Ahnung davon hatte, wie er sich aus diesem Teufelsbann befreite.

Da sah er Babs.

Sie stand zwischen zwei älteren Frauen an eine lange Holzstange gekettet. Sie hatte Rick noch nicht bemerkt.

»Still!«, zischte er nur, als er das Schwert hob und es auf die Kette niederfahren ließ.

Das Mädchen schrie trotzdem auf. Ein Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, als wäre sie einem Gespenst begegnet. Irgendwie war sie das ja auch. Rick schloss ihr mit der flachen Hand den Mund und zerrte sie davon, ehe auch die in der Nähe stehenden Frauen sich von ihrem Schock erholt hatten und ihrem Schrecken mit grellem Kreischen Luft machten.

Da war Rick schon wieder in der Nähe des Eingangs.

Trotzdem waren die Wachen jetzt auf sie aufmerksam geworden. Bezeichnenderweise stürmten sie nicht auf Rick zu, sondern auf Babs. Nur das Mädchen war für sie sichtbar. Noch …

Das gab Rick den nötigen Bewegungsspielraum. Sein Schwert fuhr mitten unter die Gesichtslosen hinein und wütete wie die Sense in einem reifen Kornfeld. Die knorrigen Körper zerbarsten bei der Berührung mit der blinkenden Schneide. Dann hatte Rick sich den Weg freigekämpft. Er zog Babs hinter sich her.

Das Mädchen wehrte sich sogar noch. Rick war schon versucht, sie sich einfach über die Schulter zu laden, doch das hätte sein Vorwärtskommen nur noch stärker behindert.

»Finde dich doch endlich damit ab, dass ich dich hier heraushole, Mädchen«, rief er ihr zu. »Und mache nicht so ein erstauntes Gesicht. Ich bin es wirklich. Aber jetzt komme endlich. Sonst war alles vergeblich.«

»Und die anderen?«, fragte das Mädchen mit einem Blick zurück.

»Um die kann ich mich erst später kümmern«, antwortete Rick und wusste im gleichen Augenblick, dass das nur eine erbärmliche Lüge war. In dieser Situation kam es einzig und allein darauf an, erst einmal seine eigene Haut zu retten. Das hatte seine guten Gründe. Selbstsucht und Eigennutz waren die unmenschlichsten Eigenschaften.

Endlich ließ Babs sich williger vorwärtsziehen. Sie sträubte sich nicht mehr, bis sie den Park erreichten.

Und wieder zurück in das gigantische Schneckenhaus. Das Wesen, das vorher als Garderobier fungiert hatte, war weg. Der Thronsaal stand leer.

Rick zog das Mädchen bis zum Spiegel.

»Warte hier auf mich!«, keuchte er und drückte Babs den Browning in die zitternde Hand. »Schieße auf alles, was sich bewegt. Nur auf mich nicht natürlich.«

»Wo willst du hin?«, fragte sie ängstlich und mit bibbernder Stimme.

»Reiß dich bitte jetzt zusammen«, sagte er schnell. »Ich muss nur schnell noch etwas holen. Und zittere nicht so. Wenn du so schießt, triffst du nicht einmal ein Scheunentor. Lass unter keinen Umständen jemanden an dich heran.«

Er drückte Babs noch einen linkischen Kuss auf die verschwitzte Wange, der jedoch seine beabsichtigte Wirkung als Beruhigungsmittel total verfehlte. Rick konnte sich nicht mehr darum kümmern. Er brauchte noch etwas.

Er brauchte diese verdammten, grünen Steine.

Als die Wesen mit den goldschimmernden Panzern den Park betreten hatten, hatten sie die Schalen mit den Steinen nicht bei sich gehabt. Also mussten sie sie irgendwo im Innern dieses Gebäudes geholt haben. Rick erinnerte sich, sie aus einer Nische treten gesehen zu haben. Das musste dort drüben gewesen sein. Der junge Mann rannte darauf zu. Er rannte um sein Leben und um das von Babs. Und er rannte um das Leben all jener, die der Dämon der Atlanten in Zukunft noch zu sich in seine unwirkliche Welt holen würde, wenn niemand ihm Einhalt gebot.

Dann hatte Rick die Nische erreicht. Tatsächlich: eine enge Tür, Er zwängte sich hindurch.

Eigentlich hatte er mit einer Art Schatzkammer gerechnet. Umso enttäuschender wirkte der Raum vor ihm, wie er sich jetzt bot. Ein kahles Verließ nur, zusammengefügt aus roh behauenen Steinen. In der Mitte ein Behälter, der wie ein Taufbecken in einem Dom aussah. Und in dem wiederum glitzerten einige wenige grüne Steine. Nun wusste Rick, warum sie offenbar so ungeheuer wertvoll für Cronos waren: es gab sie nicht in der Zahl, in der der Dämon sie gerne gehabt hätte. Deshalb auch dieser Anflug von Gnade in einer erbarmungslosen Umgebung, wenn einer der Fronarbeiter einen dieser Steine aus dem Fels gebrochen hatte.

Ricks freie Hand fuhr hinein und nahm so viele der Steine, wie sie greifen konnte. Er hatte das Ritual noch in Erinnerung, als der Gelehrtentyp wieder durch den Spiegel aus dem Raum getreten war. Welches Muster war es doch gleich wieder, das eine der Gestalten mit den Steinen ausgelegt hatte?

Kampflärm klang aus der Halle. Ein peitschender Schuss, der sich im Gewölbe fortpflanzte, ein vielfaches Echo hervorrufend. Rick stürzte wieder hinaus. Das Schwert kreiste über seinem Kopf, während er die Steine mit der anderen Hand festhielt.

Wie ein Berserker stob er auf die Meute zu. Sein Schwert zog tödliche Furchen in ihre Reihen.

Einer der Gesichtslosen hatte sich Babs bis auf wenige Schritte genähert. Das Mädchen hielt die Waffe in beiden Händen, kniff die Augen in Erwartung des Knalls zusammen und drückte ab. Rick sah, wie das Wesen kurz zurückgeworfen wurde, dann aber doch weiterstürmte. Mit irdischen Waffen war ihm also nicht beizukommen. Rick stand zu weit entfernt, als dass er hätte eingreifen können. Nur zwei, drei Schritte noch, und das Wesen war bei Babs.

Rick blieb gar keine andere Wahl.

Er schleuderte sein Schwert und – hatte Glück.

Es traf mit der Spitze auf und bohrte sich in den Rücken des Wesens. Die Gestalt strauchelte und brach über die eigenen Beine zusammen. Rick war mit wenigen Sprüngen bei Babs. Das Mädchen hatte die Waffe fallenlassen und klammerte sich an den Freund. Schon stürmten die anderen Wachen wieder heran. Einige von ihnen humpelten, manche lagen am Boden. Rick blieben nur Sekunden.

Er musste sehr schnell machen. Fünf der Steine in seiner Hand ließ er fallen. Mit den Füßen ordnete er sie zu der Figur. Dabei fiel es ihm wieder ein, wie sie auszusehen hatte. Wie das Sternbild des Kleinen Bären. Dann schien die Figur ihm zu stimmen. Er setzte seinen Fuß vor zum Spiegel. Jeden Augenblick erwartete er ein berstendes Klirren, doch die Scheibe zerbrach nicht. Sein Fuß verschwand jedoch dahinter, als sei die Oberfläche eine Wand aus Wasser.

Rick packte das Mädchen, sodass es vor Schmerz aufschrie. Er kümmerte sich nicht darum. Schon tauchte Rick mit den Schultern ein, kurz darauf mit dem Kopf. Es rauschte um seine Ohren. Schemenhaft nur noch erkannte er die Umrisse der Gesichtslosen für einige Sekunden, dann waren auch die verschwunden.

Neben ihm schwebte das Mädchen in dunklem Blau. Rick wollte schon vor Freude aufschreien, als er bemerkte, dass er sich tief unter Wasser befand. Durch einen Spalt im zusammengekniffenen Mund drang etwas in den Mund. Es schmeckte bitter und salzig.

Meerwasser …

Rick und Babs wurden vom Auftrieb ihrer eigenen Körper hochgesprudelt.

 

 

15. Kapitel

 

Dr. Gerald Morrison ging verwundert auf sein Sprechzimmer zu. »Professor Dr. Donald Hugh«, murmelte er dabei wiederholt vor sich hin. Diesen Namen hatte er noch nie gehört. Er würde sich diesen Mann eben mal anschauen müssen, wenn er schon hier war. Vielleicht war er ein Patient und brauchte Hilfe. Morrison war zu sehr Arzt, als dass er sie ihm abgeschlagen hätte. Die Unruhe, die ihn plötzlich erfasste, als er sich seinem Zimmer näherte, konnte er sich selbst nicht erklären.

Übermüdung! schoss es ihm durch den Kopf. Ich glaube, ich brauche wieder einmal ein paar freie Tage. Meine Frau sagt auch schon immer, dass ich mich langsam kaputt mache. Einfach zu viel um die Ohren in der letzten Zeit. Fälle wie der von Landrey und dieser Brower konnten einem schon an die Nieren gehen. Na ja. Wenigstens waren die Lähmungserscheinungen und die Genickstarre zurückgegangen, wenngleich er nicht hätte sagen können, welchem Umstand diese rapide Verbesserung zuzuschreiben war.

Es war schon später Abend geworden, als er die Klinke zu seinem Sprechzimmer drückte.

Eigentlich war es gar kein Sprechzimmer im herkömmlichen Sinne. Man nannte die Arzträume hier nur so. Hauptsächlich verbrachte Dr. Morrison hier seine Stunden, wenn der Nachtdienst ruhig verlief. Das gab ihm die Zeit, Fachzeitschriften zu studieren, eine Zeit, die er sonst nicht mehr hätte erübrigen können. Dr. Morrison war müde, als er eintrat.

Er konnte sich genau erinnern, die Schreibtischlampe nicht eingeschaltet zu haben, als er das Zimmer verließ. Jetzt brannte sie. Auch hatte er den Schreibtisch mit Sicherheit nicht aufgeräumt gehabt. Jetzt war er aufgeräumt.

Direkt unter der Lampe lag ein blendend weißes Blatt Papier, und auf diesem Papier lag etwas Grünes. Fasziniert starrte Morrison dieses grüne Etwas an. Es funkelte im Schein der Lampe wie ein Smaragd. Hatte man nicht auch bei diesem Landrey derartige Steine gefunden, als man ihn aus dem Wasser zog?

Dr. Morrison kam nicht mehr dazu, sich diese Frage zu beantworten. Eine Stimme in seinem Rücken riss ihn aus den Gedanken.

»Guten Abend, Mr. Morrison.«

Die Stimme klang irgendwie abgenutzt und brüchig. So sprach ein Mensch, der den Umgang mit anderen Menschen schon fast verlernt hatte und nur noch selten mit seinesgleichen, verkehrte. Es gab verhältnismäßig viele Eigenbrötler hier in den Keys, die sich von der Welt zurückgezogen hatten und meist primitiv auf ihren winzigen Inselchen hausten, die wie an einer Schnur aufgereiht in den Golf von Mexiko hinausragten.

Dr. Morrison wandte sich missmutig um. Die Schwester hatte ihm nicht gesagt, dass der fremde Besucher ihn schon in seinem Zimmer erwartete. Das hier war sein Refugium. Er mochte es nicht, wenn andere Leute es betraten. Vor allem mochte er es nicht, wenn es sich auch noch um Leute handelte, die hier absolut nichts verloren hatten.

Der Mann war klein. Viel kleiner als Dr. Morrison. Er hielt die Augenlider gesenkt, als hätte er sich über irgendetwas zu schämen. Er blickte zu Boden.

»Es tut mir leid, wenn ich einfach hier hereinplatze«, begann das Männchen mit dem Gelehrtenschädel. »Aber es ist wirklich sehr dringend.«

»Jetzt sind Sie schon mal hier«, brummte der Arzt. »Also, was gibt es? Schwester Linda deutete an, Sie hätten eventuell etwas über einen unserer Patienten mitzuteilen.«

»Mister Rick Landrey. Jawohl, Sir.«

Zu seinem Tonfall hätte jetzt noch gepasst, dass er sich wie ein bösartiger Kobold hämisch die Hände gerieben hätte. Der Mann machte einen schleimigen Eindruck auf Dr. Morrison. Eine unausgesprochene, stille Drohung ging von ihm aus. Noch hatte Dr. Morrison ihm nicht in die Augen sehen können.

»Und was wäre das?«, fragte der Arzt. »Mein Dienst ist für heute zu Ende. Ich möchte gerne nach Hause gehen.«

»Das wollen Sie sehr bald nicht mehr«, sagte die brüchige Greisenstimme doppeldeutig. »Sehen Sie den Stein dort auf Ihrem Schreibtisch? Ich habe mir gestattet, ihn einstweilen dort zu deponieren. Es ist einer jener Steine, wie sie auch dieser Landrey in den Taschen hatte, als man ihn aus dem Wasser zog. Es stand etwas in der Zeitung darüber.«

»Im Artikel war allerdings etwas von grünen Murmeln die Rede. Und die waren im Bericht nur aufgeführt, weil man damals mit Hilfe der Zeitungsmeldung die Identität des Verunglückten erfahren wollte. Was haben Sie damit zu schaffen?«

Der Besucher wies auf den Schreibtisch.

»Sie sehen doch. Ich habe auch welche. Ich weiß, wo sie herkommen.«

»Aber der Mann ist doch inzwischen identifiziert! Genauso wie das Mädchen. Ich bin Arzt. Mich interessiert es nicht, was der Verunglückte in den Taschen hatte. Es interessiert mich auch nur am Rande, wo er vor seinem Schiffbruch gewesen ist. Warum gehen Sie nicht zur Polizei mit Ihrem Wissen?«

»Sie haben sich also noch nicht mit diesen Steinen beschäftigt? Wo sind sie eigentlich? Kann ich sie mal sehen?«

»Den Teufel können Sie!«, entfuhr es Morrison. Offensichtlich hatte er es hier mit einem Verrückten zu tun. Irgend so ein Wichtigtuer, der den Behörden mit seinen angeblichen Weisheiten die Arbeit erschwert. »Ich möchte nur wissen, was Sie das angeht?«, fuhr er zornig fort. »Wenn Sie nicht auf der Stelle verschwinden, werde ich nach einigen kräftigen Krankenpflegern klingeln. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«

Der Mann in der Ecke zauderte. Er stand außerhalb des Lichtkreises der Lampe und war nur schwer zu erkennen. Aber jetzt hob er seinen Greisenkopf und schlug auch die Augen auf.

Dr. Morrison fuhr sich unwillkürlich an die Kehle. So etwas hatte er wirklich noch nicht gesehen. Das, was ihn anstarrte, waren nicht die Augen eines Menschen, konnten es nicht sein. Kein Mensch hatte solche Augen. Im Halbdunkel des Raumes leuchtete nur das Weiß. Schwarz standen darin die beiden winzigen, matten Abgründe der Pupillen. Sie schienen etwas oval zu sein und sich zu drehen. Wie Schleifen zogen die Ränder kreisende Spiralarme hinter sich her, die sich über den ganzen Augapfel ausweiteten. Morrison stieß einen erstickten Schrei aus und wankte um seinen Schreibtisch herum. Plötzlich saß ihm das Grauen am Hals.

Versehentlich berührte eine seiner Hände den Stein auf dem Blatt Papier. Sofort nach dem Kontakt begann er aufzuleuchten. Aus den Augen des Professors schoss es wie ein schwarzer Strahl auf den Arzt zu. Die Strahlen lähmten Dr. Morrison. Keuchend ließ er sich in den Sessel fallen. Automatisch lockerte er sich die Krawatte über dem weißen Hemd. Er bekam kaum noch Luft. Wie ein Krampf lief es durch seine beiden ausgestreckten Beine. Er fühlte noch, wie er die Herrschaft über sie verlor, wie etwas Fremdes in ihnen hochkroch und von ihnen Besitz ergriff. Dann erging es ihm genauso mit den Armen. Der Rumpf folgte. Als das Gefühl sich dem Kopf näherte, verlor Dr. Morrison das Bewusstsein. Das Letzte, was er sah, war das bösartige Grinsen auf den Zügen des Eindringlings.

 

 

16. Kapitel

 

Rick Landrey war nicht wieder in den Schlaf hinübergeglitten. Das Valium in seinem Körper hatte ihn lediglich zur Ruhe gesetzt, wie die Ärzte sich ausdrücken. Im Klartext heißt das: er konnte sich zwar noch bewegen, aber verspürte nicht die geringste Lust dazu. Er fühlte sich so herrlich träge.

Der Mann hatte seine Augen wieder geschlossen. Als er den Namen Donald Hugh hörte, wäre er hochgefahren, wenn das starke Sedativum nicht diese Gleichgültigkeit hervorgerufen hätte. Selbst seine Denkfähigkeit war beeinflusst. Es war, als ob die Gedanken langsamer fließen würden. Als Rick endlich zu einer Reaktion fähig war, waren sowohl Dr. Morrison als auch Dr. Flamber nicht mehr im Zimmer.

Es dauerte eine Zeit, bis er die ganze Tragweite der Tatsache, dass dieser Professor sich im Haus befand, begriff. Dann jedoch konnte ihn auch das Valium nicht mehr im Bett halten.

Er befand sich im Augenblick in einem Zustand zwischen Wachen und Traum. Manche Menschen vermögen in diesem Zustand besonders scharf und folgerichtig zu denken. Rick Landrey gehörte zu ihnen. Zwar bewegte er sich wie in Zeitlupe, doch in seine Gedanken kam wieder Fluss. Das Valium machte nur noch den Körper müde und nahm ihm die Angst, die er angesichts dieser Situation mit Sicherheit empfunden hätte.

Wie Schuppen fiel es ihm jetzt von den Augen. Er erinnerte sich wieder an jede grässliche Einzelheit seines durchlittenen Abenteuers, und jetzt erkannte er auch die Zusammenhänge. Sein Kojennachbar in der Schlafgrotte war alles andere als irr gewesen. Er hatte mit seinen Vermutungen an die Wahrheit gekratzt. Schade, dass Rick selbst nicht diesen ominösen Aufsatz jenes noch ominöseren Professors gelesen hatte. Trotzdem vermeinte er, klar zu sehen.

Donald Hugh musste irgendeinen Weg gefunden haben, Cronos, den Dämon eines untergegangenen Volkes, in die Jetztzeit zu holen. Wer dabei wem in die Hände arbeitete, wagte Rick nicht festzustellen. Vermutlich würde das immer ein Rätsel bleiben. War Hugh der Herr des Dämon, oder sein Erfüllungsgehilfe?

Rick hatte sich in seinem Bett aufgesetzt. Er orientierte sich kurz.

Rechts neben seinem Lager war das Chromgestell mit einer Infusionsflasche daran. Er entzifferte die Aufschrift des auf dem Kopf stehenden Etiketts. Danach handelte es sich um eine Nährlösung, die ihm in die Blutbahn geträufelt wurde.

Rick drückte mit einer Klemme den roten Gummischlauch ab. Dann fummelte er solange am Verbindungsstück mit der Kanüle in seinem Arm, bis er es gelöst hatte. Schließlich zog er vorsichtig auch noch die Kanüle selbst heraus. Sofort winkelte er den Arm an, damit kein Blut heraustreten konnte.

Es bereitete ihm einige Mühe, die Beine aus dem Bett zu bringen. Alles fühlte sich ungeheuer schwer an. Ihm war, als wären seine Glieder aus Blei. Trotzdem schaffte er es. Mit seiner freien Hand hielt er sich am weißlackierten Stahlrahmen des Bettes fest, um nicht sofort wieder umzufallen. Er fühlte sich noch sehr schwach auf den Beinen. Schwindel drohte in ihm hochzusteigen. Er unterdrückte das Gefühl und atmete tief durch.

Versuchsweise streckte er den rechten Arm etwas aus. Die Stelle, an der die Kanüle unter seine Haut gedrungen war, blutete nicht mehr. Rick hangelte sich weiter. Mit Mühe erreichte er den Schrank. Dort hoffte er irgendetwas zu finden, mit dem er sich notfalls wehren konnte und auch etwas Kleidung, denn es hielt ihn nicht länger in der Klinik. Er fühlte die tödliche Gefahr, in der er sich befand. Die Gefahr für ihn musste tödlich sein, wenn sich dieser Hugh in der Klinik aufhielt. Auf wen sonst sollte er es abgesehen haben, wenn nicht auf ihn und Babs, die, wie er dem Gespräch der beiden Ärzte entnommen hatte, nur wenige Zimmer weiter lag.

Im Schrank suchte Rick vergeblich nach etwas Brauchbarem. Er konnte allenfalls den Kleiderbügel gebrauchen. Er hielt ihn, wie einen Schlagstock in der Hand. Es pfiff, als er ihn niedersausen ließ.

Rick hatte gehofft, wenigstens ein paar Kleidungsstücke zu finden, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Und dabei hatte er nur eines dieser Kliniknachthemden an und nichts darunter. So konnte er sich nicht aus dem Hospital wagen. Schon an der nächsten Ecke würde man ihn aufhalten.

Auch seine Kräfte hatte er bei weitem überschätzt. Es hielt ihn nicht mehr länger auf den Beinen. Er musste zurück zum Bett, um sich ein wenig zu setzen.

Bald würde etwas passieren, das ahnte er. Die Ahnung wurde ihm zur Gewissheit, als er schwere Tritte vor seinem Zimmer vernahm. An der Tür hielten sie an. Die Klinke senkte sich.

Er lag wieder im Bett, den Kleiderbügel neben seinem Körper unter der Decke. Die Schläuche hatte er so gelegt, dass man nicht sofort sehen konnte, dass sie abgeklemmt waren. In dieser Stellung wartete er. Rick glaubte, seinen Körper wieder soweit in der Gewalt zu haben, dass er einen Angriff abwehren konnte. Immerhin hatte er die Überraschung auf seiner Seite, und dieser Vorteil war nicht zu unterschätzen.

Es war Dr. Morrison, der hereinkam. Rick erinnerte sich undeutlich, dass er ihn schon an seinem Bett gesehen hatte. Er war jener Mann, dessen Finger sich so angenehm warm und trocken angefühlt hatten, als er wieder einmal aus einem seiner Fieberträume erwacht war. Überhaupt tauchte jetzt diese oder jene Erinnerung bruchstückhaft aus den Tiefen seines Unterbewusstseins, Erinnerungen, die Zeit seines Aufenthalts im Hospital betreffend. Plötzlich war auch die kaugummikauende Schwester da. Ihr Bild stand so deutlich vor ihm, als würde sie sich neben seinem Bett aufhalten.

Verdammtes Valium! fluchte Rick innerlich. Er hatte sich kurze Zeit von seinen Gedanken ablenken lassen. Und dabei musste er höllisch auf der Hut sein.

Warum eigentlich?

Ach ja. Der Doktor. Doktor Morrison. Warum hatte er nur diesen bösartigen Ausdruck in seinem Gesicht? Er sah doch sonst immer so freundlich. Warum sagte der Doktor nichts? Was war in dieser Spritze, die er wie ein Messer vor sich hielt? Er fühlte sich doch wohl. Er brauchte doch gar keine Spritze.

»Hey Doc«, krächzte Rick und konzentrierte sich. Er schaute dem Arzt in die Augen. Drehten sich die Pupillen, oder täuschte er sich? Natürlich täuschte er sich! Pupillen können sich nicht drehen. Aber die Pupillen von Cronos hatten sich gedreht.

CRONOS!

Plötzlich war Rick wieder hellwach. Zwar stand Dr. Morrison vor ihm, doch er war nicht der Mann, der ihn ins Leben zurückgeholt hatte. Der mit der Spritze war ein anderer. Dr. Morrison hatte nicht diesen grausamen Zug um den Mund.

Jetzt hielt er die Spritze gegen die Deckenlampe. Er drückte den Kolben, und etwas der Flüssigkeit spritzte heraus.

Eine blaue Flüssigkeit.

War nicht Zyankali blau?

Rick umschloss den Kleiderbügel unter seiner Bettdecke fester. Er ließ Morrison herankommen. Rick regte sich nicht. Er wollte warten, ob der Arzt es wirklich ernst meinte.

Gerald Morrison tupfte seinen Arm nicht mit Alkohol ab, wie es üblich war, bevor man einem eine Spritze gab. Er wollte den Glaskolben mit der dünnen Haarnadel gleich ansetzen.

In diesem Augenblick schlug Rick die Bettdecke zurück. So fest er konnte, hieb er auf den Doktor ein.

Der erste Schlag traf das Handgelenk. Die Spritze flog in hohem Bogen davon und zerschellte an der Wand. Ein hässlicher, blauer Fleck blieb zurück.

Schon der nächste Hieb krachte dem vollkommen überraschten Arzt gegen die Stirn. Morrison taumelte zurück. Plötzlich konnte Rick sich auch wieder ungehemmt bewegen. Sein Wille war stärker als das Valium in seinem Körper. Er hatte sich überwunden. Der Selbsterhaltungstrieb peitschte in ihn noch einmal hoch.

Immer und immer wieder hieb er auf den Angreifer ein, bis. er am Boden lag und sich nicht mehr rührte.

Morrison war bewusstlos. Irgendein Schlag hatte ihn gegen die Halsschlagader getroffen. Rick stand wankend.

Er musste raus hier. Schleunigst weg. Zusammen mit Babs.

Die rettende Idee kam ihm, als er auf den Arzt hinunterstarrte. Morrison war zwar korpulenter als er, doch zur Not musste es eben seine Kleidung tun.

Rick schaute aus dem Fenster. Es war stockfinster geworden. Er schätzte, dass es schon weit nach zweiundzwanzig Uhr war. Dann entledigte er den Bewusstlosen seines Ärztekittels und der Oberbekleidung und schlüpfte selbst hinein. Sein Nachthemd schob er unter die Bettdecke.

Ihm wurde schwindelig. Die Anstrengung war zu groß gewesen.

Rick öffnete schnell beide Fensterflügel und sog tief die kühle, feuchte Nachtluft ein und schmeckte die salzige Brise auf seinen aufgesprungenen Lippen. Dann fühlte er sich wieder etwas wohler. Er hatte noch sehr viel zu tun in dieser Nacht. Eine Bestie namens Donald Hugh war auszuschalten. Rick nahm beinahe als sicher an, dass er auch Morrison unter seine Gewalt gebracht hatte. Aber noch wichtiger war, dass Hugh sich höchstwahrscheinlich hier in der Gegend niedergelassen hatte. Er musste ihn finden und ihm das Handwerk ein für alle Mal legen. Hughs Fronarbeiter würden sonst weiter grüne Steine brechen, mit deren Hilfe wiederum der Dämonenadept neue Opfer in die Welt des Cronos holte.

Rick öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Krankenzimmer und lugte hinaus. Morrisons Schuhe waren ihm viel zu groß. Er schob sie zuerst hinaus und kam sich dabei vor wie auf Schneeschuhen.

Niemand war im Gang. An der Decke brannten in größeren Abständen Neonleuchten. Das Nachtlicht war noch nicht eingeschaltet. Weiter vorne erkannte er eine Treppe. Auf die ging er zu. Es war nur ein enges Treppenhaus. Wahrscheinlich gehörte es zu einem Nebenaufgang des Hospitals und war nicht so stark frequentiert.

Zuerst hatte er noch nach Babs suchen wollen, doch diesen Gedanken schnell wieder aufgegeben. Sie war besser aufgehoben, wenn sie in der Klinik blieb. Bei dem, was er jetzt Vorhatte, konnte er das Mädchen keinesfalls gebrauchen.

Morrison war nicht Herr seiner Sinne gewesen. Das hatte Rick klar erkannt. Also musste sein Angriff etwas mit der Anwesenheit von Professor Hugh zu tun haben, der nach den Angaben der Schwester auf den Arzt gewartet hatte. Vielleicht befand sich der Mann Cronos noch immer im Haus. Auszuschließen war es jedenfalls nicht. Deshalb nahm Rick sich vor, noch ein paar Minuten auf jenen Menschen zu warten, den er in der Dämonenwelt aus dem Spiegel hatte treten sehen.

Rick hatte Glück. Er kam auf den Parkplatz raus, der nur für Ärzte reserviert war, und in den Taschen des Doktors hatte er Autoschlüssel gefunden. Sie passten schon beim vierten Wagen. Es war ein Chevrolet Corvette neuesten Baujahrs. Rick klemmte sich hinter das Steuer und ließ den Motor an.

Auf dem Klinikgelände konnte er nicht auf den Professor warten, denn er wusste nicht, wann Dr. Morrison aufwachen würde oder seine Flucht entdeckt wurde. Er lenkte den Wagen den Hinweisschildern nach, die zum Ausgang zeigten. Ein älterer Mann in der Pförtnerloge hob grüßend die Hand, als Rick hinausfuhr. Auch Morrison war blond, wenn auch nicht so hellgetönt wie Rick.

Er kam auf eine unbelebte, von Palmen gesäumte Straße. Durch das offene Fenster hörte Rick das Meer rauschen. Er hielt an und drehte sich den Rückspiegel so zurecht, dass er die Einfahrt zur Klinik im Auge behalten konnte.

Das Rauschen des Meeres …

Es hatte eine Zeit gegeben – und sie war noch gar nicht lange her –, da hatte er das Wasser verdammt. Das war, als der Ozean fast zu seinem und von Babs’ Grab geworden wäre.

Sie waren aus den Fluten aufgetaucht, die Lungen leer und die Körper zerschunden und gequält. Was ihnen als Rettung erschienen war, entpuppte sich als noch größere Tortur als die Foltern unten in der anderen Welt. Sie waren dahingetrieben, ohne Aussicht auf Rettung und ohne zu wissen, wo sie waren. Nur sein eiserner Lebenswille hatte ihn aufrechtgehalten.

Das Mädchen hatte nach etwa vier Stunden schlappgemacht. Es hatte sich hinuntersenken wollen in das feuchte Grab. Rick hatte sie gepackt und ihr links und rechts ins Gesicht geschlagen wie schon einmal vorher, als sie im Netz der Gesichtslosen zappelten. Auch diesmal hatte diese »Schocktherapie« ihren beabsichtigten Zweck erfüllt. Babs hatte weitergekämpft, so lange sie konnte. Das waren weitere vier Stunden gewesen. Auch Rick war bis dahin am Ende seiner Kräfte. Dass er sich überhaupt noch bewegte, verdankte er nur der Motorik seines Körpers. Irgendwie war es ihm sogar gelungen, Babs über Wasser zu halten. Dann wusste er gar nichts mehr. Das Nebelhorn, das er plötzlich gehört zu haben glaubte, schrieb er schon seinen überspannten Nerven zu.

Es war auch nicht einfach gewesen, zu erkennen, dass ihre Erlebnisse nicht nur erträumt, sondern tatsächlich einer dämonischen Welt entronnen waren.

Um hier in der Welt der Irdischen zu ertrinken …

Dabei wusste Rick, dass nur er in der Lage sein würde, dem Spuk im Bermuda-Dreieck ein Ende zu bereiten. Er kannte die Gefahr, die sich mit einem Mann namens Donald Hugh verband.

Und jetzt wartete er vor der Klinik auf ihn, in die er eingeliefert worden war, nachdem aufmerksame Schiffer ihn und Babs in ihr Boot gezogen hatten. Auch das hatte Rick aus den Gesprächen an seinem Krankenbett mitbekommen. Für den menschlichen Vertreter Cronos’ konnte es nicht schwer gewesen sein, ihn aufzuspüren.

Doch jetzt wollte Rick vom Gejagten zum Jäger werden. Er hatte Donald Hugh schon im Visier, als ein grauer, unscheinbarer Lincoln aus der Toreinfahrt bog. Der Wagen fuhr in seine Richtung. Rick machte sich hinter dem Steuer klein und riskierte trotzdem einen Blick. Es war kein Zweifel möglich: der wegen seiner gewagten Behauptungen entlassene, ehemalige Professor der Ethnologie an der Maryland University fuhr vorbei. Im Schein der Armaturenbeleuchtung konnte Rick erkennen, dass die Stirn des Professors zerfurcht war.

Der Chevrolet Corvette folgte dem Lincoln mit ausgeschalteten Scheinwerfern.

Hugh schlug die Richtung zum Hafen ein. Auf dem Parkplatz ließ er seinen Wagen stehen, ohne ihn abzuschließen. Dieses alte Vehikel klaute niemand mehr. Selbst Jugendliche waren schon auf modernere Typen umgestiegen.

Rick parkte den Wagen des Arztes nicht allzu weit entfernt und folgte der Gestalt, die sich in der Dunkelheit verlieren wollte. Er blieb ihr auf den Fersen.

Der Professor stellte sich an der Anlegestelle des Fährbootes auf, das bis Mitternacht stündlich Key West mit den größeren Inseln des Keys verband. Rick hielt sich abseits. Die Verfolgung wurde für ihn einfacher, wenn Hugh kein eigenes Boot besaß.

Sie mussten nicht lange warten. Der Dampfer kam. Er war schon alt, und am Bug blätterte die Farbe ab. Ein richtiger Seelenverkäufer. Für die Springerei von Insel zu Insel taugte er gerade noch.

Hugh stieg über das Fallreep. Rick wartete, bis er sich zwischen den Decksaufbauten verloren hatte und sprang gerade dann nach, als der Steg eingezogen wurde. Mit knapper Not kam er noch auf das Schiff. Einem Mann in blauer Uniform reichte er ein paar Münzen, die er in der Außentasche von Dr. Morrisons Sakko gefunden hatte, und bekam einen Fahrschein dafür ausgehändigt. Der Diesel des Bootes tuckerte los.

Rick hielt sich in der Nähe des Bugs auf und mied die Fahrgastkabinen. Zwar glaubte er nicht, dass Hugh ihn erkennen würde, aber vielleicht war er doch in der Zeitung abgebildet gewesen, als seine Identität noch nicht bekannt war und er im Krankenhaus lag.

Trotzdem sah Rick den Mann. Er kam aus der hinteren Kabine und trat an die Reling. Seine Finger schlossen sich um das Geländer, und die Knöchel traten dabei hervor. Der Gesichtsausdruck war angespannt. Wusste Donald Hugh, dass der Anschlag auf ihn fehlgeschlagen war?

Rick nahm es an. Inzwischen traute er diesem Mann alles zu.

Dreimal legte der Dampfer an, ohne dass der Professor von Bord ging. Erst bei der vierten Insel war es soweit. Donald Hugh verließ das Boot. Auf einem Schild konnte Rick lesen, dass die Insel Freedoms Island hieß. Ein sinniger Name, wenn der Dämonologe von hier aus sein Unwesen trieb. Rick sprang ab, als der Dampfer schon wieder beim Ablegen war.

»Können Sie nicht aufpassen?«, rief ihm der Uniformierte zu, aber Rick kümmerte sich nicht um ihn. Er hatte bei Gott andere Sorgen, als dass er erpicht darauf gewesen wäre, sich mit einem Dampferschaffner herumzustreiten. Vor allem kam es darauf an, dass er den Professor nicht aus den Augen verlor.

Die Lichter des Landungssteges verloschen, sofort nachdem das Schiffchen abgelegt hatte. Ein ausgewaschener Weg führte einen sanften Hügel hinauf, der mit dürren Gräsern bestanden war. Sie mussten hier auf der Nordseite der Insel sein. Hier war das Land trocken. Kein einziger Baum wuchs. Oben auf der Kuppe machte Rick zwei Bretterbuden aus, die der nächste Tornado schon beim ersten Ansturm hinwegfegen würde. Manchmal hausten Leute in diesen Buden, die von den Besitzern, den Pächtern der Inseln, als Lakaien eingesetzt wurden.

Die Silhouette des Professors tauchte gegen den Himmel auf, scharf wie ein Scherenschnitt. Die Nacht war hell. Das Kreuz des Südens schob sich in diesen Breiten gerade noch über den Horizont und auch das nur während der Sommermonate. Danach musste es jetzt auf Mitternacht zugehen.

Der Professor verschwand, und Rick, beschleunigte seine Schritte. Er war sich sicher, dass Hugh ihn bisher nicht bemerkt hatte. Gleich hinter dem Landesteg wuchsen ein paar halbhohe Büsche und nahmen die Sicht auf die Anlegestelle. Der Professor hatte sie schon passiert, als Rick das Schiff verließ.

Die ganze Insel ließ sich in dieser sternklaren Nacht von Ricks Platz aus überblicken. Sie maß vielleicht eine knappe Meile in der Länge und eine halbe in der Breite und hatte damit die Form eines langgestreckten Ovals.

Waren ihm nicht auch die Pupillen von Morrison oval erschienen?

Rick wischte die Gedanken an diesen Zwischenfall beiseite. Es würde ihm noch genügend Ärger kosten, seine Reaktion und seine Flucht aus dem Krankenhaus zu erklären.

Die Müdigkeit, die Rick so lange verdrängt hatte, setzte jetzt wieder ein. Er wusste, dass er sich nicht mehr sehr lange auf den Beinen würde halten können. Irgendwann forderte sein ausgelaugter Körper sein Recht, das Rick ihm im Augenblick noch streitig machte. Er musste einfach durchhalten. Zu viel stand auf dem Spiel.

Donald Hugh hatte bereits gezeigt, dass er zuschlagen konnte. Er würde es bestimmt wieder versuchen. Er konnte keine Zeugen dulden, auch wenn der Zeuge ständig Gefahr lief, von anderen für verrückt gehalten zu werden. Deshalb hatte Rick auch gar nicht versucht, irgendwelche Behörden einzuschalten. Er wollte auf eigene Faust vorgehen, und er fühlte, dass eine Entscheidung kurz bevorstand.

Er hatte den Palmenhain schon fast erreicht, als er sah, wie sich dahinter ein Gebäude aus der Dunkelheit schälte. Es hob sich deutlich gegen den weißen Sandstrand ab. Erschrocken nahm Rick wahr, dass die Außenmauern nicht im rechten Winkel zueinander standen. Auch die Fenster – mal groß, mal klein – waren scheinbar willkürlich gegeneinander versetzt.

Dieses Haus sah aus, als wäre es ein Teil jener Stadt in der Dämonenwelt.

Rick Landrey verharrte. Er fühlte, wie Schwindel in ihm aufstieg und dass er sich kaum noch dagegen wehren konnte. Er stand neben den Palmen. Ein Generator summte, und Licht flammte im Haus auf. Ein trübes Licht, ähnlich dem in den Gängen des Bergwerks.

Plötzlich ein Raunen und Wispern an seiner Seite, Rüstungen, die im Sternenlicht schimmerten. Die Rüstungen von Kriegern. Helme und keine Gesichter darunter.

Ein Albtraum? Ein Trugbild, das seine überreizte Phantasie ihm vorgaukelte? Täuschten sich jetzt auch schon seine Ohren?

Nein. Das waren echte Tritte und sie klangen fest und entschlossen wie die der Krieger und Wachen in der Dämonenwelt …

Dann tauchten sie auf. Drei …, vier …, fünf.

Sie umringten ihn. Leer waren die Stellen, an denen sich ihre Gesichter hätten befinden müssen. Ein geiferndes Gelächter. Das Gelächter eines Greises, das Rick erschaudern ließ. Hohl klang es vom Haus herüber.

Eine windschiefe Tür wurde geöffnet, während die Krieger schon mit knorrigem Wurzelwerk nach Rick Landrey griffen. Der lange Schatten eines kleinen, fast kahlköpfigen Mannes züngelte über den unebenen Sandboden und leckte an seinen viel zu großen Schuhen. Rick wurde unter dem greisenhaften, wahnsinnigen Gelächter hochgehoben, wie damals auf der Kaimauer. Er konnte sich nicht wehren, war zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Er war ein Narr gewesen! Wie halte er es wagen können, den Kampf gegen diesen Mann alleine aufzunehmen? Nur die Drogen, mit denen er seit Tagen vollgepumpt worden war, konnten schuld daran sein, sagte sich Rick, doch er konnte verständlicherweise keinen Trost aus dieser Erkenntnis schöpfen.

Donald Hughs Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, was er mit Rick vorhatte.

Er würde ihn töten.

Das Messer dazu hielt er schon in der Hand.

Es war eine sehr dünne Klinge, dünner noch als bei einem Degen, aber sie war lang. Mit ihr konnte man das Herz eines Menschen bis zum Rücken durchbohren.

Der Professor senkte den Stahl, als die gesichtslosen Krieger Rick durch die Türöffnung schleppten.

»Und vor dir hätte ich beinahe Angst gehabt«, sagte Donald Hugh geringschätzig. Seine vollen Unterlippen zitterten dabei, wie die formlose Masse bei Cronos, dem Dämon, gezittert hatte. »Wie konnte das nur geschehen. Du bist ein Narr, Rick Landrey!«

Vor Ricks Augen kreisten schwarze Punkte. Nur nicht ohnmächtig werden!, befahl er sich immer wieder. Nur jetzt nicht schlapp machen! Der Mann hatte ja so recht, aber noch war er nicht tot. Er hatte noch ein paar letzte Reserven, die sich noch aktivieren ließen. Er durfte jetzt nur nicht ohnmächtig werden.

Die Nachwirkungen des Beruhigungsmittels halfen ihm schließlich über diese Krise hinweg. Er war in eine Falle gelaufen. Wieder einmal. Ja. Doch diesmal nicht so unvorbereitet, wie der Greis annahm. Diesmal kannte er die Spielregeln. Mit den Gesichtslosen konnte man fertig werden, wenn man sich ihrer eigenen Waffen bediente. Er hatte mindestens zehn von ihnen niedergestreckt, als er gegen sie gekämpft hatte.

Rick versuchte ein zaghaftes Grinsen.

»Mister Donald Hugh, wenn ich mich nicht irre«, sagte er.

Die weißen Augenbrauen des Mannes fuhren hoch.

»Sie kennen also sogar meinen Namen«, murmelte er. »Vielleicht habe ich Sie doch unterschätzt. Wissen Sie, dass Sie immenses Glück gehabt haben, aus der anderen Welt wieder freizukommen? Sie waren der Erste, der das überhaupt geschafft hat. Sie haben mich einmal dabei belauscht, wie ich hinüber und wieder zurückkam, nicht?«

»Solange Ihre Figuren mich wie einen Wäschesack halten, sage ich gar nichts«, brummte Rick und vermied es, dem Professor in die unwirklich blassen Augen zu sehen.

Donald Hugh machte eine kurze herrische Gebärde, und die Wesen ließen Rick in ihrer Mitte fallen. Er krachte schwer auf den Bretterboden.

»Wollen Sie jetzt reden, bevor ich Sie wieder hinüberschicke?«

Rick rappelte sich auf. Die Gesichtslosen hatten ihre Waffen gezogen. Wie schon einmal zeigten ihre Schwertspitzen auf ihn.

»Haben Sie keinen Stuhl für mich?«, fragte Rick. Er wollte Zeit gewinnen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Die Wesen hinderten Rick nicht daran, zu einem Stuhl hinüberzuwanken, auf den Hugh gezeigt hatte. Rick gab seinem Gang absichtlich den Ausdruck von Schwäche und des Ausgelaugtseins. Sehr musste er sich dabei nicht anstrengen. Am Stuhl angekommen, ließ er sich fallen und die Arme herunterhängen. Auf Donald Hugh musste er den Eindruck eines zu Tode Erschöpften machen.

»Aber jetzt endlich los«, sagte der Greis ungeduldig. »Wie haben Sie und das Mädchen es geschafft, zurückzukommen?«

Details

Seiten
591
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938616
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
reich dämonen fünf romane franc helgath

Autor

Zurück

Titel: Im Reich der Dämonen - Fünf unheimliche Romane von Franc Helgath