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Redlight Street #131: Kleine Wolke als Dessert

2020 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kleine Wolke als Dessert

Copyright

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Kleine Wolke als Dessert

Redlight Street #131

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Vor der großen Revolution hatte Großvater Wang mit der Familie in Peking in einem großem Haus mit Dienerschaft und einem großen Garten gelebt. Die Familie Chai war sehr reich gewesen. Nun sind sie sehr arm und leben in Hongkong. Dort erblickt das zierliche Mädchen Kleine Wolke das Licht der Welt. Bescheiden wächst sie in der Familie auf, gehasst von den Geschwistern, denn sie entwickelt sich zu einer Schönheit.

Eines Tages steht der fünfte Onkel vor der ärmlichen Hütte und erblickt das schöne Mädchen. Sofort erwacht seine Gier …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sie hatten nicht immer in solchen Drecklöchern gehaust. O nein, ganz und gar nicht. Wenn Großvater Wang guter Laune war, das hieß, wenn er mal etwas Reiswein zu trinken bekam, dann erzählte er gern von vergangenen Zeiten. Sie hockten dann um ihn herum, reglos auf ihre Fersen gestützt, und nahmen begierig jedes seiner Worte in sich auf. Sie konnten einfach nicht genug davon bekommen. Es war für sie eine Art Droge. Sie zehrten noch viele Tage davon. Und wenn dann die Worte zu verblassen begannen, kam wieder die große Traurigkeit über sie, und alles war wie früher. Aber heute war wieder so ein Tag, und sie fühlten sich emporgehoben aus der Masse. Ja, es kam dann sogar vor, dass sie sich für etwas Besseres hielten. Denn dass ihre Familie einst reich gewesen war, das konnten ihre Nachbarn von sich nicht behaupten. Sie waren immer arme, abhängige Reisbauern gewesen, die sich kümmerlich durchs Leben schlagen mussten.

Für sie war diese schreckliche Armut auch nicht so grausam. Stoisch lebten sie dahin und dachten nicht daran, ihre Lage zu verändern. Aber für die Familie Chai war das alles quälend und sehr schrecklich. Man besaß ja auch noch die alte, sehr wertvolle Lacktruhe. Von der würde man sich nie trennen, auch wenn man hungern musste, nein, sie gehörte zur Familie. Sie war das letzte Stück einer großen Vergangenheit.

Großvater Wang hatte diese Zeit ja noch erlebt. In Peking! Damals, als die Familie noch Geschäfte besaß und ein großes Haus mit Dienerschaft und einem großen Garten. Mit Bächen und Flüssen und vielem mehr. Sie waren sehr reich gewesen.

Aber dann war die große Revolution gekommen. Der Vater von Wang hatte es einfach nicht glauben wollen, dass jetzt alles aus war. Er war geblieben, und so musste er miterleben, wie drei seiner Brüder in der Revolution umkamen, wie ihm die Habe fortgenommen wurde. Dann kam die Sippe in eine Art Erziehungslager. Er hielt es nicht durch und nahm sich das Leben. Als einziges hatten sie die Kleidertruhe mit ins Lager nehmen dürfen. Weil sie von dem Reichtum das Schäbigste war, hatte man sie ihnen gelassen. Später, als man entlassen wurde, ging das trübe Leben weiter. Aber eines Tages hörte man dann ein Schlüsselwort. Hongkong! Immer wieder fiel der Name der britischen Kronkolonie. Dort war das freie Leben! Dort konnte man wieder zu Reichtum kommen, wenn man clever war. Und so flüchtete man eines Tages unter vielen Strapazen in dieses freie Stückchen Welt. Dort hoffte man auf Verwandte zu stoßen, die einem weiterhalfen. So war das nun mal in China. War man nicht eine große Familie? Hatte man früher nicht viel getan für diese seine große Familie?

Doch leider war hier alles anders. Und Großvater erzählte dann mit erstickter Stimme, wie es abwärts gegangen war. Anfangs habe man noch in einem der Wohnsilos leben dürfen. Sie waren auch auf ihre Art schrecklich. Doch man war noch nicht ganz tief gesunken. Aber es kamen täglich neue Flüchtlinge, und es gab bald übergenug Arbeitskräfte. Und wenn man krank wurde, war es ganz aus. In jeder Einraumwohnung lebte eine vielköpfige Familie, aber man musste ja die Miete bezahlen und die vielen Münder stopfen. So kam man denn eines Tages hinaus, an den Rand der Gesellschaft!

So bizarr wildwestromantisch die Slum-Siedlungen rund um Hongkong auch aussehen, in ihnen zu leben ist hart, sehr hart. Richtige Straßen gibt es nicht. Müll und Unrat zieren die ausgetretenen Pfade, und eine schiefe und schäbige Wellblechhütte hängt neben der anderen. Wer hier einmal gelandet ist, hat es schwer, je wieder nach oben zu kommen.

Hongkong selbst ist ein Traum und Alptraum zugleich. Nirgends drängen sich so viele Hochhäuser auf einem winzigen Fleck Erde wie hier. Durch die Dschungel der Straßen wälzt sich unablässig der dichteste Verkehr der Welt. Nirgends ist die Verbrechensquote so hoch wie hier. Nirgends gibt es so viel schreckliche Armut und grandiosen Reichtum wie hier.

Man musste schon harte Nerven haben, um den täglichen Überlebenskampf zu bewältigen. Da war es gut, etwas zu haben, an das man sich klammem konnte, wenn es auch nur die Erinnerung an vergangene bessere Zeiten war. Aber der zahnlose Mund des Großvaters würde auch nicht mehr lange sprechen können. Dann würde auch der letzte Zipfel Glanz verschwinden.

Der jüngste Sohn lebte mit dem Großvater zusammen. Er war es auch, der als Rikschafahrer den Lebensunterhalt für die Familie verdienen musste. Und das war eine ganze Anzahl Personen, die versorgt werden wollten: der Großvater, die Frau und die neun Kinder. Großvater hielt noch auf Tradition und versuchte ein wenig davon hinüberzuretten. So hatte er auch angeordnet, dass jedes Kind einen chinesischen Namen erhielt, obschon es jetzt große Mode war, seine Kinder John oder Mary zu taufen. Und so geschah es, als das vorletzte Kind geboren wurde. Es war ein Mädchen, worüber der Vater sehr traurig war. Denn Jungen konnten mehr zum Lebensunterhalt beitragen. Und sie waren auch viel leichter unterzubringen als ein Mädchen. Außerdem war die Kleine bei der Geburt so schwach, dass selbst die sanfte Mutter sich damit abgefunden hatte, dass das kleine Mädchen wohl nicht lange am Leben bleiben würde.

Das Kind lag in einem schmuddeligen Korb und wimmerte leise vor sich hin. Es war nur ein kleiner schwacher Hauch. Wenn Großvater Wang nicht gewesen wäre, dann hätte es wohl auch keinen Namen erhalten.

»Wie sollen wir sie nennen, wenn sie tot ist? Sie braucht einen Namen«, hatte er leise gesagt.

Die Mutter hatte sich schleppend zum Korb bewegt, sah in das fast weiße Gesichtchen und meinte: »Dann gib ihr einen Namen.«

Der Alte blickte lange auf das winzige Geschöpf und musste an die Zeiten zurückdenken, als man eine Geburt noch für etwas sehr Schönes hielt und viele Tage feierte und glücklich war. Doch das alles gab es schon lange nicht mehr. Mädchen sein in Hongkong, das war kein einfaches Los. Man ging oft einen schweren, bitteren Weg. Sie gingen ihn, weil sie die Familie retten mussten. Und seit die Touristen so zahlreich ins Land kamen, hatten sie viele Verdienstmöglichkeiten.

»Wir werden sie Kleine Wolke nennen, sie ist so leicht und hell wie ein Wölkchen an einem Sommerhimmel.«

Die Frau setzte sich und nahm das Kind auf ihren Schoß. Sie versuchte ihm die Brust zu geben und wunderte sich ein wenig, dass es sogar trank.

»Vielleicht wird es doch nicht sterben?«

Die schwarzen, unergründlichen Augen der erschöpften Frau blickten den alten Mann an.

»Es wäre besser für sie, sie täte es. Vielleicht kommt sie eines Tages zurück, wenn sich das Los gewandelt hat,«

»Du hast recht«, sagte der Alte. »Das Leben ist so sinnlos geworden. Und ich sollte auch schon längst tot sein. Dann hättet ihr mehr Platz und einen Esser weniger.«

»So sollst du nicht denken, Großvater Wang. Wir brauchen dich doch.«

Der Alte wusste, die Schwiegertochter war nur zu höflich, um ihm zuzustimmen. Ja, er konnte wirklich noch von Glück reden, dass sie gütig und still war. Er kannte ganz andere Verhältnisse. Die dünnen Wände ließen es nicht zu, dass man ein echtes Privatleben führte. Es war schon schrecklich, hier am Rande der Gesellschaft leben zu müssen. Sehen zu müssen, wie die Kinder hungerten. Und dann die wenige Kleidung, die man ihnen geben konnte; auch keine Schulbildung.

Sie würden sich nie emporarbeiten können. Nie!

Der Alte betrachtete seine Enkelschar. Die Jungen waren zäh und mager, aber sehr klein und dünn ihre Glieder. Ob sie je dem Vater würden eine Hilfe sein können? Und dann die Mädchen, sie waren so hässlich. Warum sind sie auch noch mit Hässlichkeit gestraft worden, dachte der Alte. Ist es denn noch nicht genug, dass sie hungern müssen? Ist es denn noch nicht genug, hier leben zu müssen?

Wieder fiel sein Blick auf das winzige Geschöpf. Ja, es ist besser, Kleine Wolke, wenn du stirbst. Dann wirst du deinen Frieden haben. Und bald werde ich dir folgen, und wir werden glücklich sein.

Die Frau hatte mit dem Stillen aufgehört und legte das Geschöpf wieder in den Korb. Als am Abend der Mann heimkam, sah er kurz hinein und seufzte.

»Hoffentlich ist es das letzte«, sagte er im Schlafwinkel.

Die Frau schluchzte leise vor sich hin.

Vielleicht war es der Großvater Wang, der dafür sorgte, dass Kleine Wolke doch nicht starb. Denn er saß den ganzen Tag an dem Körbchen, und nachts schob er das neben sein Lager. Dieses winzige Stück Leben, war es nicht ebenso hilflos wie er selbst?

Die Wochen gingen dahin. Kleine Wolke war mager und fast zu einem Skelett abgezehrt. Einmal kam eine Ärztin in dieses Viertel und sah das winzige Geschöpf. Sie nahm es mit. Die Mutter schenkte es ihr. Kleine Wolke blieb vier Monate fort. Dann war sie eines Tages wieder da. Die Mutter nahm sie an sich. Kleine Wolke war jetzt kräftiger und gesund.

»Sie bleibt am Leben«, sagte die Ärztin.

Der Großvater passte auf sie auf. Ein seltsames Band verband diese beiden Menschen. Kleine Wolke und Großvater! Sie hingen aneinander. Und das sollte auch so bleiben. Als Kleine Wolke laufen lernte, war der Großvater bei ihr. Über ihr Gesichtchen ging ein Leuchten, und der Alte vergaß darüber seine Gebrechlichkeit. Er sah nur dieses winzige Wesen. Und sein Herz entzückte sich an ihr. Denn das musste man ihr lassen, Kleine Wolke war wirklich eine kleine Schönheit. Der Vater wurde auch zugänglicher, als er die Schönheit der jüngsten Tochter gewahrte.

»Vielleicht ist sie ein Geschenk des Himmels?«, sagte er eines Abends.

»Was willst du damit sagen?«, wollte der Großvater wissen.

»Nun, wer schön ist, der macht seinen Weg in der Stadt. Das wissen wir alle. Vielleicht holt sie uns eines Tages hier heraus.«

Der Großvater legte schützend seine mageren Arme über das Kind.

»Ich werde es nicht zulassen. Niemals!«

»Ist schon gut«, sagte der Sohn, denn warum sollte er sich streiten. Kleine Wolke war ja erst zwei Jahre alt.

Die Mutter sagte mit ihrer leisen Stimme: »Wenn wir so sehr über ihre Schönheit reden, dann werden die Götter eifersüchtig sein und werden sie ihr fortnehmen.«

Der Vater erschrak.

»Du hast recht, wir dürfen nicht mehr davon reden. Auch du nicht, Vater. Du musst es mir versprechen. Wir werden nie mehr davon reden, wie hübsch sie ist. Wir dürfen die Götter nicht auf sie aufmerksam machen.«

So kam es, dass Kleine Wolke aufwuchs und nicht mal ahnte, wie hübsch sie war. Man besaß ja nicht mal einen Spiegel.

Die Mutter gebar noch ein Mädchen. Diesmal sollte es wirklich das letzte sein. Es starb nach vier Monaten.

Kleine Wolke war jetzt also das jüngste Kind in der Familie der Chai! Sie wuchs heran und wurde von der Mutter angehalten, mit im Haushalt zu helfen. Mit Zehn verstand sie sich schon auf das Kochen. Und sie hielt auch die kleine Behausung sauber. Denn jetzt kränkelte die Mutter sehr oft. Der alte Großvater war auch noch gebrechlicher geworden und verließ sich jetzt ganz auf die Enkeltochter.

Die älteren Brüder mussten arbeiten, das hieß, wenn sie Arbeit bekamen. Die älteren Schwestern trieben sich mit Gesindel herum. Und manchmal kamen sie mit Dingen heim, die sie nicht gekauft hatten. Dann hörte Kleine Wolke die Mutter weinen. Und die Töchter wurden dann böse und zornig, und sie schimpften auf Kleine Wolke. Sie hassten die schöne Schwester, und es machte ihnen Freude, sie zu quälen, wo sie nur konnten.

»Warte nur ab, wenn du erst mal so alt bist wie wir, dann wollen wir doch mal sehen, wie du es anstellen willst, Geld heimzubringen. Bilde dir bloß nicht ein, wir würden dann für dich mit sorgen!«

Wenn Kleine Wolke diese Worte vernahm, dann war sie immer ganz entsetzt. wusste sie doch, wie schmal und schwach sie war. Ihre Arme waren nicht so kräftig und ihre Hände nicht so rau und stark.

Solange die Mutter lebte, hatte sie in ihr noch einen Schutz. Aber wie lange würde sie noch leben? Wenn sie starb, konnte es ganz gut möglich sein, dass die Geschwister sie fortjagten. Der Vater war ja auch den ganzen Tag fort. Manchmal kam er nicht mal nachts heim. Er schlief dann irgendwo in dem Rinnstein, weil er zu erschöpft war, den langen Weg heimzugehen. Dann hatten sie auch keine Tageseinnahme, und die Familie musste sehen, wie sie zurechtkam.

Kleine Wolke war nicht nur schön, sie war auch klug. Aber sie hatte ja nie eine Schule besuchen dürfen. Die Schriftzeichen, die sie kannte, hatte ihr noch der Großvater beigebracht. Alles Wissen hatte sie von diesem alten Mann. Er hatte ihr auch gesagt, sie müsse die fremde Sprache lernen. Aber wie sollte man das, wenn man kein Geld besaß, um eine Schule zu bezahlen? Den Großvater bekümmerte das sehr. Aber je mehr er Kleine Wolke in den Vordergrund schob, umso mehr wurde sie von der Familie gehasst.

Kleine Wolke war sehr unglücklich darüber, denn sie liebte den Frieden und auch ihre Familie. Sie hatte doch nichts anderes als sie. Wohin sollte sie denn gehen?

Der Vater hatte schon Beziehungen angeknüpft und wollte sie, wenn sie alt genug war, in eine Bar geben. Dort verdiente man sehr gut. Noch ahnte die Familie nichts davon.

 

 

2

Dann sollte alles anders werden!

Es begann mit dem Tod des Vaters. Er wurde von einem Auto überfahren. Weil er unschuldig war, erhielt die Familie umgerechnet dreitausend Mark. Für den ersten Augenblick war das sehr viel Geld für die Familie. Die Geschwister zankten sich darum. Der älteste Sohn hatte jetzt das Sagen. Die stille Mutter wurde ganz in den Hintergrund gedrängt.

Als der Großvater sich meldete, wurden sie recht wütend.

»Hör du auf, Kleine Wolke bekommt auch keinen Pfennig. Sie kann froh sein, dass wir sie noch durchfüttern. Jetzt wird sie bald siebzehn und hat noch keinen Pfennig heimgebracht. Das geht jetzt nicht so weiter, Großvater.«

»Aber sie hat all die Zeit den Haushalt gemacht und gekocht. Sie ist sehr fleißig, und das wißt ihr auch.«

»Hach, das hätten wir auch selbst geschafft.«

Jetzt brach ihr Hass offen hervor, und das junge Mädchen fürchtete sich vor den starken Brüdern. Sie konnten so böse und gemein sein. Sie hatte niemanden, zu dem sie flüchten konnte. Die Mutter war darüber auch sehr bekümmert, denn Kleine Wolke war eine gute Tochter für sie. Sie wusste, dass sie bald sterben würde, und deswegen war sie so betrübt, denn dann würde sie diese eine gute Tochter schutzlos der Gefährlichkeit der Brüder und der Umwelt überlassen.

Die Mutter wusste schon gar nicht mehr, zu wie vielen Göttern sie betete, damit sie sich des Schicksals der Tochter annähmen. Und eines Tages, es war ein heller Sonnentag, da sah es so aus, als wären ihre Gebete erhört worden.

Sonst hatten sie nie Besuch erhalten. Wer sollte denn auch in diese traurige Armut kommen? Die riesige Familie war zersplittert und in alle Winde zerstreut. Es lebten Verwandte in Amerika und Australien, und natürlich waren auch sehr viele in China geblieben. An diesem bewussten Tag erhielten sie Besuch von einer imponierenden Persönlichkeit. Sie wussten nicht, was dieser gewichtige Mann bei ihnen wollte. Es war ein Chinese.

Zufällig war die ganze Familie anwesend, als er die dürftige Wellblechbude betrat. Nur Kleine Wolke befand sich hinter einem Vorhang. Dort war die kleine Küche aufgebaut.

»Ich bin euer fünfter Vetter!«

Der Großvater hob seinen Kopf, und seine wässrigen Augen starrten ihn erstaunt an. Mit zittriger Greisenstimme fragte er krächzend: »Wie ist dein Name?«

»Mein Name ist Liu Tai Sam!«

»Ja, das ist sein Name«, sagte der Alte. »Das stimmt.«

Man dienerte und verbeugte sich vor ihm, bot ihm den besten Stuhl an und drückte sich dann wieder scheu in den Hintergrund. Liu wunderte sich selbst, warum er hierhergekommen war. Aber nun war er mal in Hongkong, und da war ihm dieser Vetter Wang Chai eingefallen. Und dann hatte er ja auch einen ganz bestimmten Plan. Seine Augen glitten flink über die Mädchen und die jungen Männer. Aber was er zu sehen bekam, das entzückte ihn keineswegs. Wenn der Alte nicht gewesen wäre, wäre er gleich wieder aus dieser Armut geflüchtet. Nun hockte er auf der Stuhlkante und räusperte sich.

»Ja, ich bin nur gekommen, weil ich euch mal besuchen wollte. Mein Vater war ja oft in eurem Haus, Alter, nicht wahr?«

»O ja, das war er, und wir haben ihm auch oft geholfen, wenn er in Schwierigkeiten war.«

»Ganz recht«, murmelte er betreten. »Und deswegen habe ich mir gesagt, ich muss doch mal nach meinen Verwandten schauen. Es war gar nicht so einfach, euch ausfindig zu machen.«

»Nein, das ist es wirklich nicht.« Der Großvater reckte sich. Nach langer Zeit sprach man wieder von der Vergangenheit. Er wies den ältesten Enkel an, doch dem Gast etwas anzubieten.

»Weißt du denn nicht, was sich gehört? Geh und besorge etwas!«

»Das ist nicht nötig«, sagte der Vetter hastig, dem es fast schlecht wurde, wenn er nur daran dachte, in dieser rattendurchlöcherten Wohnung Speisen zu sich zu nehmen. Er suchte verzweifelt nach einem Vorwand, um fortzukommen. Es durfte aber nicht einer Flucht gleichkommen, denn die Armen konnten sehr zornig werden.

»Kleine Wolke«, schrie der älteste Bruder. »Komm her und bringe etwas für unseren Gast mit!«

Der schmutzige Vorhang teilte sich, und das junge Mädchen in seiner ganzen lieblichen Anmut kam zum Vorschein. Der Vetter starrte sie überrascht an.

Kleine Wolke war es schon gewöhnt, dass man sie anstarrte, und sie glaubte immer, es geschähe, weil sie so schäbig gekleidet war, denn sie wusste ja nichts von ihrer außerordentlichen Schönheit.

In dieser Sekunde vergaß der Vetter ganz, dass er ja wieder hatte gehen wollen. Er sah nur das Mädchen, und seine Augen weiteten sich zusehends.

»Das ist meine jüngste Enkelin, Kleine Wolke«, stellte der greise Großvater sie zärtlich vor.

Mein Gott, dachte der gewandte Mann, ein Diamant im Misthaufen, wer hätte das gedacht. Langsam erhob er sich und ging auf Kleine Wolke zu. Sie blickte ihn ängstlich an und drückte sich an den Großvater. Er versuchte ein Lächeln, das aber zu einem hässlichen Grinsen wurde.

»Wie alt bist du, mein Kind?«, fragte er freundlich.

»Siebzehn«, flüsterte sie und versteckte ihr Gesicht hinter dem Ärmel ihrer Jacke.

»Sie ist es nicht gewöhnt, mit fremden Männern zu reden«, sagte der Großvater.

»Wunderbar«, sagte der Vetter. »Sie ist wunderbar.«

Dann drehte er sich um und wollte noch einmal zum Vergleich die anderen Geschwister sehen. Da erblickte er den verhaltenen Hass in ihren Augen. Sie wurden immer toll, wenn Kleine Wolke wieder der Mittelpunkt war. Sie selbst waren es nie! Und das machte sie unbändig in ihrem Hass.

Der Vetter lächelte und dachte: Schau mal an, so ist das also.

»Wir haben nichts, was ich dem Gast anbieten könnte«, sagte Kleine Wolke verzweifelt zum ältesten Bruder.

Dieser wollte sie zornig anfahren, aber da mischte sich der fünfte Vetter ein und legte schnell einen Schein auf den Tisch.

»So holt etwas. Wir müssen doch ein wenig feiern, nicht wahr? Wir sind doch eine Familie.«

Jetzt hatte er es gar nicht mehr eilig. Ja, er schien sich sogar zu freuen, bei ihnen sein zu können.

Die zweite Tochter wurde losgeschickt und nahm den vierten Bruder zum Tragen mit.

Man saß zusammen und plauderte. Liu Tai Sam musste jetzt auch die Mutter begrüßen. Das fiel ihm wieder sichtlich schwer. Aber nach einer Weile schaffte er es, mit dem ältesten Enkel hinauszugehen.

Kleine Wolke war damit beschäftigt, schnell ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Mit den vielen Köstlichkeiten war es wirklich eine Freude zu wirtschaften.

Vetter Liu reichte dem ältesten Enkel eine Zigarette und plauderte recht angenehm mit dem halbstarken Burschen.

»Du bist jetzt also das Familienoberhaupt?«

»Ja!«

»Da hast du es sicher nicht einfach, all die Mäuler zu stopfen, wie?«

»Nein, du hast sie ja gesehen. Die Schwestern sind hässlich. Niemand will sie, du weißt schon. Und sicher werden sie auch keinen Ehemann finden. Es ist ein Kreuz.«

»Und sie haben auch keine Arbeit?«

»Nein, kennst du denn nicht Hongkong? Es gibt Arbeit, aber so viele Menschen, die sie wollen.«

»Ich könnte vielleicht etwas für dich tun.«

Der junge Bursche blickte ihn lauernd an.

»Warum willst du es tun?«

»Nun, einmal war deine Familie reich und mächtig, und sie hat meiner Familie geholfen. Ich will nun nicht behaupten, dass ich reich und mächtig bin. Ich muss auch für mein Geld arbeiten. Aber ich habe hier Freunde, verstehst du? Freunde sind sehr wichtig im Leben, sie können oft helfen, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.«

»Du bist sehr gütig«, spöttelte der Bruder. »Ich kann mir aber trotzdem nicht denken, dass du uns nur so helfen willst.«

Der Vetter sah ihn durchdringend an.

»Du bist ein kluges Bürschchen.«

»Mir macht man nichts vor. Mein Vater war anders, darum ist er auch gestorben. Aber ich kenne das Leben. Es ist hart und ich weiß, man muss alles bezahlen. Alles!«

»Ganz recht!«

Der Vetter starrte auf die verkommenen Hütten und zog die Schultern hoch. Er dachte: Wenn ich sie nicht nehme, dann wird es gar nicht mehr lange dauern, und ein anderer wird auftauchen und sie mir wegschnappen.

»Was müssen wir dafür tun? Und wie viele meiner Schwestern können Arbeit finden?«

»Ich schätze, zwei.«

»Und welche Arbeit?«

»In einer Wäscherei.«

Das war ein sehr harter Job in Hongkong.

Der älteste Enkel grinste und überlegte: »Ich erhalte also die zwei Stellen für lange?«

»Ja, das verspreche ich dir. Wenn sie es nicht mehr schaffen, kannst du auch deine Brüder schicken.«

»Nun, das ist wirklich nicht schlecht. Wenn zwei arbeiten, dann kann man schon leben.«

«Ich könnte auch dafür sorgen, dass deine Familie kleiner wird.«

»Meine Mutter wird bald sterben und der alte Mann auch. Dann sind schon zwei Mäuler weniger.«

»Ja!«

»Was muss ich also tun?«

Wieder bohrten sich die schwarzen Augen des jungen Burschen in die des cleveren Geschäftsmannes.

»Nun, ich könnte auch dafür sorgen, dass Kleine Wolke eine Arbeit erhält.«

Die schwarzen Augen verengten sich.

»Ist das der Preis?«

»Ich würde sie mitnehmen. Ich habe in Deutschland eine Reihe von Restaurants, verstehst du. Wir brauchen Personal. Wir nehmen kein deutsches Personal, das ist zu teuer.«

»Wenn sie fort ist, kann sie nicht für uns arbeiten.«

»Das stimmt, aber ich würde eine Art Handgeld geben«, sagte der Vetter.

»Du willst sie mir also abkaufen?«

»So ungefähr.«

Der junge Bursche überlegte einen Augenblick.

»Nein, das kann ich nicht zulassen«, murmelte er. »Nein, wir sind eine große Familie.«

Er bot ihm umgerechnet fünftausend Mark für das Mädchen. Der Bursche hielt die Luft an. Er starrte auf die Nachbarbehausungen. Das war sehr viel Geld. Damit konnte man eine Menge anfangen. Sein Gehirn arbeitete schnell und präzise. Er sagte sich, der Vetter hat die Schönheit unserer Schwester gesehen, das ist es. Er will sie unbedingt. Und sicher nicht zur Frau. Er grinste vor sich hin. Er konnte sich schon denken, dass er seine Freude mit Kleiner Wolke haben wollte. Das störte ihn nicht. Für ihn war es nur wichtig, einen möglichst hohen Preis herauszupressen.

»Nein, wir brauchen sie, du hast gesehen, was sie alles für uns macht. Das geht einfach nicht Außerdem ist sie meine kleine Schwester.«

»Siebentausend, das ist mein letztes Wort«

Ältester Enkel triumphierte. So musste man es machen.

»Ich weiß nicht, wir lieben sie alle sehr.«

Aber fünfter Vetter war auch gerissen.

»Ich will dir was sagen, wenn ich sie nicht nehme, dann wird es nicht lange dauern, und es wird einer auftauchen, wenn du nicht daheim bist, und sie einfach fortschleppen. Ich habe schon viele Geschichten in Hongkong gehört, und sie beruhen auf Tatsachen. Und ich habe auch noch nie gehört, dass man dann Geld hinterlegt, wenn man junge schöne Mädchen raubt.«

Der Bursche starrte ihn an.

»Wir sind Verwandte, sie ist mein Blut, meine Schwester.«

»Die du hasst«, sagte der Vetter kalt. »Ich habe dir einen guten Preis geboten. Die Arbeitsstellen für zwei deiner Schwestern und das Handgeld. Mehr kannst du nicht bekommen. Es gibt hier massenhaft Mädchen, verstehst du.«

Er zierte sich noch ein wenig. Dann sagte er: »Gut, ich bin einverstanden. Aber ich will erst die Stellen und das Geld, dann kannst du sie bekommen.«

»Gut, und du wirst dafür sorgen, dass ich keine Schwierigkeiten habe?«

»Ja!«

»Du wirst sie mitnehmen und Fotos von ihr machen lassen. Sie braucht einen Pass.«

»Warum?«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich sie mitnehmen will.«

»Nach diesem fernen Land? Wie heißt es noch mal?«

»Deutschland.«

»Ja, dorthin willst du sie mitnehmen?«

»Ganz recht.«

»Aber sie kann die Sprache nicht.«

»Das ist nicht schlimm. Sie lebt ja bei mir. Ich werde für sie wie ein Vater sein.«

»Das kann ich mir denken«, sagte der junge Bursche und grinste.

Doch der Vetter ließ sich nicht beirren.

»Reden wir mit der Familie!«

»Das Essen ist fertig«, meldete sich dritter Bruder.

»Na wunderbar!«

Der Gast war von der Köstlichkeit des Gerichtes sehr angetan. Die Kleine besaß ja noch mehr Qualitäten, als er gedacht hatte.

Ältester Bruder erzählte nun dem Großvater, dass zwei Enkelinnen ab jetzt regelmäßig zur Arbeit gehen würden. Sie waren sehr missmutig, als sie es vernahmen. Denn sie waren das Herumstreunen gewöhnt, und es machte ihnen zum Teil auch Spaß. Doch als ältester Bruder versprach, für sie dann neue Kleider zu kaufen, waren sie zufrieden. Dann wandte sich der Enkel an den Großvater.

»Für Kleine Wolke wird auch gesorgt werden. Fünfter Vetter will sie mitnehmen und einen Beruf erlernen lassen. Sie ist jung und wird es schnell schaffen.«

»Das willst du wirklich tun?«

»Ja!«

Niemand dachte daran, Kleine Wolke zu fragen, ob sie denn auch damit einverstanden wäre. So war das nun mal bei den Chinesen. Der Vater bestimmte, und wenn dieser nicht mehr lebte, so war der älteste Bruder das Oberhaupt der Familie. Es würde wohl noch sehr viele Generationen dauern, bis sich das ändern würde. Der Großvater war zu alt und zu schwach, um das Gute und das Böse noch zu erkennen. Und weil er selbst nie Böses getan hatte, so war es für ihn ein Unding, von seiner Familie etwas anderes zu erwarten.

»Ich habe es immer gewusst, dass aus dir etwas anderes wird, Kind. Nun wird dein Glück beginnen.«

Fünfter Vetter hatte ein unergründliches Gesicht, und man konnte nicht ablesen, wie er über die Worte des greisen Mannes dachte. Der Bruder lächelte versteckt in sich hinein.

Die ältesten Schwestern begannen zu murren.

»Immer wird Kleine Wolke vorgezogen. Haben wir nicht zuerst ein Anrecht darauf?«

Der Vetter sagte: »Ich bestimme, wen ich mitnehmen werde.«

Sie senkten die Köpfe und sagten leise: »Ja, wir wissen es, Vetter.«

Kleine Wolke blickte atemlos von einem zum anderen.

»Was soll das?«, flüsterte sie. »Ich soll weit fort?«

»Ja«, sagte der Bruder. »Du darfst mit diesen riesigen silbernen Flugzeugen fliegen, und du wirst viel Fremdes sehen. Es ist ein großes Glück für dich.«

»Werde ich nie mehr zurückkehren?«, fragte sie mit Tränen in den Augen.

Der Alte sagte leise: »Wenn ich den Weg allen Fleisches gegangen bin, dann wirst du kommen und an meinem Grabe stehen. Du wirst der Familie dann viele interessante Dinge erzählen können.«

Der Vetter stand auf und wandte sich an den ältesten Sohn: »Du wirst alles so machen, wie ich es dir gesagt habe? In drei Tagen komme ich wieder.«

»Ja!«

Man geleitete ihn nach draußen.

 

 

3

Anfangs waren die Geschwister sehr böse auf Kleine Wolke. Aber zum ersten Mal nahm der große Bruder sie in Schutz, und er nahm sie auch mit in die Stadt und ließ Fotos von ihr machen. Diese musste er dann dem Vetter bringen. Alles verwirrte Kleine Wolke über die Maßen, und sie war froh, dass ältester Bruder jetzt nicht mehr so böse mit ihr war. Sie wusste ja nicht, dass es gerade der älteste Bruder war, der alles ahnte und sie sogar auch noch gegen einen Kopfpreis verkauft hatte. Er war es dann auch, der die Geschwister anwies, sie nicht mehr zu schlagen.

»Sie geht fort und wird vielleicht auch noch Geld schicken können.«

Das hatte er der kleinen Schwester auch noch eingetrichtert. Alles, was sie in Zukunft tun würde, würde für die Familie sein. Sie musste nur immerzu an die Familie denken, das sei sehr wichtig. Kleine Wolke flüchtete sich zur Mutter, aber auch diese hatte keine Kraft, ihr beizustehen. Jetzt waren die Geschwister froh, sie endlich loszuwerden. Sie ahnten ja noch nicht, wieviel Arbeit sie ihnen abgenommen hatte, und dass, wenn Kleine Wolke erst einmal fort war, auch der Friede dahin sein würde.

Die drei Tage verstrichen wie im Fluge, und dann kam der Augenblick, da sie Abschied nehmen musste. Sie weinte, und der Großvater strich immerzu über ihre Hände.

»Denke stets daran, dass du eine Chai bist, Kleine Wolke! Wir waren einst ein großes Geschlecht. Vielleicht bist du wieder der Beginn.«

»Ja, Großvater.«

Unten auf der schmutzigen Straße umringten die Gassenkinder das elegante Auto. Fünfter Vetter wurde zornig, als sie noch immer nicht kam.

Verschüchtert kletterte sie in das Auto, und Tränen rollten über das blasse Gesicht. Sie war so jung, so zart, erst siebzehn, so schutzlos und hilfsbedürftig. Dies alles sahen aber weder ältester Bruder noch fünfter Vetter. Jeder dachte nur an seinen Gewinn.

Und dann waren sie auf dem Flughafengelände. Kleine Wolke war erschrocken und sprachlos über all das Fremde. Als sie dann in so einem Riesenvogel saß und durch die Lüfte schwebte, starrte sie aus dem Fenster. Sie sah das grandiose Häusermeer unter sich. Die Bucht zwischen den Inseln, die Häuser, die wie gierige Riesen ihre Finger in den Himmel zu strecken schienen, die winzigen Autos auf den Straßen. Sie konnte nur staunen und vergaß für eine Weile darüber ihren Abschiedsschmerz.

Wie verwirrt war sie, als die dann auch noch bedient wurde Dass man hier sogar essen konnte! Sie wunderte sich auch ein wenig, dass man sie so anstarrte. Sie ahnte ja nicht, dass sie außerordentlich schön war. Und in ihrer Schlichtheit und Bescheidenheit lag wohl der ganz besondere Reiz.

Sie mussten noch ein paarmal landen und nachtanken. Und immer nannte fünfter Vetter neue Namen von fremden Ländern und Städten. Sie war schon ganz verwirrt. Zwischendurch schlief sie auch mal ein. Und dann musste sie wieder essen, und die Sonne ging unter und wieder auf, mal blieb sie ganz lange am Himmel, und dann wieder wurde es ganz plötzlich dunkel.

Das junge Mädchen spürte nur ein seltsames Ziehen im Herzen. Sie begriff nicht, dass sie in diesem Augenblick entwurzelt wurde. Sie geriet in eine neue Welt und war nicht darauf vorbereitet.

Und dann landeten sie.

»Wir sind da!«, sagte fünfter Vetter.

Sie blickte aus dem Fenster. Auch hier war eine riesige Stadt, aber sie war nicht so bunt, so grell und auch nicht so schrecklich verwirrend.

»Das ist Frankfurt!«

Mit dem Wort konnte sie nichts anfangen.

Als man im Flughafengelände war, hörte sie viele fremde Stimmen um sich brausen, und sie schob sich ängstlich näher an den Vetter.

»Mir ist kalt«, flüsterte sie.

»Ich weiß. Hier ist alles anders. Aber du wirst bald nicht mehr frieren. Jetzt fahren wir los.«

Dann fuhr fünfter Vetter selbst, und Kleine Wolke war erstaunt darüber.

»Lege dich auf den Rücksitz und schlafe! Wir müssen noch sehr lange fahren.«

Sie gehorchte. Das war sie ja auch gewöhnt. Wenn jemand etwas sagte, dann tat sie es sofort. Die Lippen des Mannes kräuselten sich. Er war mit sich sehr zufrieden. Es hatte sich gelohnt, wenn es auch sehr teuer war, dorthin zu fliegen, wo die Wurzeln des Lebens waren, wie er es nannte. Aber es war immer besser, als wenn man schrieb. Das hatte er einmal getan und keine gute »Ware« erhalten. In Zukunft würde er es so halten.

Sie mussten viele Stunden fahren, und Kleine Wolke verschlief die meiste Zeit. Als sie dann endlich das Ziel erreicht hatten, war es stockdunkel. Kleine Wolke sah noch nicht mal, wie die Stadt aussah, in der sie jetzt leben sollte.

 

 

4

Im Hinterhof brannte nur eine schäbige Lampe. Katzen stritten sich mit einem Hund um die Reste, die man aus der Küche gebracht hatte. Es herrschte so tiefes Dunkel in den Ecken, dass man sich schon fürchten konnte.

Der Wagen hielt mit einem Ruck. Sogleich wurde die Tür aufgerissen, und eine Frau stand auf der Schwelle. Und obschon sie eine Chinesin war, trug sie europäische elegante Kleidung.

Sie kam zum Wagen.

»Du bist zurück, John!«

»Ja! Ist hier alles in Ordnung?«

»Selbstverständlich.«

Sie ging einen Schritt zurück. John, so nannte sich fünfter Vetter hier in Europa, stieg aus und sagte dann: »Komm raus, wir sind da!«

Kleine Wolke riss die Augen auf und starrte die grell geschminkte Frau an. Furchtsam kroch sie aus dem Wagen und fühlte abermals die Kälte auf ihren nackten Armen.

»Bring sie ins Haus! Ich komme gleich nach.«

»Komm!«, sagte die Frau auf chinesisch. Es klang sehr kalt und herrisch.

Sie trippelte sofort hinter ihr her. Ein warmer Schwall schlug der Kleinen entgegen. Es war schon ein merkwürdiger Gang, in den sie gelangte. Er war in Schwarz und Dunkelrot gehalten, und er erinnerte sie ganz stark an die alte Heimat, wie er Großvater sie beschrieben hatte, und sie fühlte die Verlassenheit im Herzen und dachte an den alten Mann. Ob man ihn wohl gut versorgte? Sie wusste doch nur allein, was er gerne mochte und wie er es gerne hatte.

Sie gelangten in einen großen Raum. Er war weiß gekachelt und sehr warm. Sie blieb auf der Schwelle stehen.

»Hast du Hunger?«

»Ja«, flüsterte sie.

»Setz dich an den Tisch! Lai Chi, gib ihr etwas zu essen! Aber reichlich, verstanden!«

Im Hintergrund erkannte das junge Mädchen jetzt eine sehr dicke Frau. Auch sie war eine Chinesin. Sie musste wohl die Köchin sein, denn dies war eine Küche, das erkannte Kleine Wolke.

»Ich bin Leila, und du wirst mir in Zukunft gehorchen. Hast du mich verstanden?«

»Ja«, sagte die Kleine erschrocken.

Leila sagte dann noch etwas zur Köchin und entfernte sich. Die beiden waren jetzt allein. Die dicke Chinesin kam langsam näher. Sie holte etwas aus einem dampfenden Topf und stellte es vor das junge Mädchen.

»Da!«

Es roch köstlich und war wirklich ausgezeichnet zubereitet. Gierig schlang sie das gute Essen in sich hinein.

»Möchtest du noch mehr?«

»Darf ich das denn?«

»Du kannst dich jederzeit hier satt essen.«

»Wirklich?« Ihre Augen glänzten hell auf.

»Das ist auch so ziemlich das einzige, was du hier kannst, armes Ding«, murmelte die Alte und schlurfte zum Herd zurück. Verwirrt blickte sie die Köchin an.

»Warum?«

»Woher kommst du?«

Kleine Wolke versuchte es ihr zu erklären. Kaum hatte sie angefangen, da nickte die Alte.

»Nun, du brauchst mir nichts mehr zu sagen, auch ich habe mal dort gelebt. Vor zehn Jahren. Ja, damals war ich auch noch nicht so dick und Köchin. Ich gebe dir auch zehn Jahre, mehr nicht.«

Kleine Wolke riss die Augen weit auf.

»Hast du eine Familie?«

»Aber sicher, ich bin eine Chai!«

Die Alte wiegte den Kopf und schien nachzudenken.

»Nein, kenne ich nicht.«

»Wir waren eine sehr berühmte Familie!«

»So? Dann wundert es mich, dass man dich an den Teufel verkauft hat.«

Starres Entsetzen stand in den Augen des jungen Mädchens. In diesem Augenblick hörten sie eine metallische Stimme aus dem Hintergrund.

»Lai Chi, ich habe dir verboten zu plaudern. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dann verschwindest du, hast du mich verstanden!«

Fünfter Vetter stand in der Küche. Er schien sehr böse und sehr sehr zornig zu sein. Kleine Wolke sah, wie die dicke Köchin zusammenzuckte und hastig versprach, sie würde es in Zukunft nicht mehr tun.

»Ich heiße hier John, nenne mich nicht mehr fünfter Vetter, verstanden!«

»Ja«, sagte die Kleine Wolke erschrocken.

»Komm mit, ich zeige dir jetzt dein Zimmer!«

»Ja!«

Gehorsam stand sie sofort auf und ging mit dem Mann fort. Und wieder führte er sie einen dunkelroten Gang mit schwarzen Lacklaternen entlang. Sie dachte: Dann werde ich nicht so stark unter Heimweh leiden. Hier ist alles wie in Hongkong. Ich bin sehr froh darüber.

Vetter John, wie sie ihn ja jetzt nennen musste, schloss eine Tür auf.

»Hier, das ist dein Zimmer. Ich erwarte von dir, dass du es reinlich hältst, hast du mich verstanden?«

»Ist das wirklich mein Zimmer?«

»Geh rein! Es ist deins! Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Dort hinter der Tapetentür findest du alles, was du brauchst. Morgen reden wir weiter.«

Das junge Mädchen bemerkte noch nicht mal, wie der Mann sie verließ und hinter ihr die Tür verschloss. Sie war eingesperrt.

Details

Seiten
105
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938609
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v539004
Schlagworte
redlight street kleine wolke dessert

Autor

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Titel: Redlight Street #131: Kleine Wolke als Dessert