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Wenn dich dein Gewissen mahnt

2020 99 Seiten

Leseprobe

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Wenn dich dein Gewissen mahnt

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Wenn dich dein Gewissen mahnt

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Carla van der Veen - eine international bekannte Modeschöpferin, die auf der Sonnenseite des Lebens steht. Niemand ahnt, welche Last Carla seit Jahren mit sich herumschleppt, wieviel Kummer und Leid sie tief in ihrem Herzen vergraben hat...

Peter Collmer - der Stararchitekt lernt Carla auf einer Party kennen und ist von ihr fasziniert. Sie ist eine Frau, die ihn eine große Enttäuschung vergessen lässt. Er glaubt, das Glück gefunden zu haben und ahnt nicht, dass Carlas Geheimnis auch seine Zukunft zerstören kann...

Dr. Sören Härtling - bei ihm schüttet Carla ihr Herz aus, der Klinikchef ist der einzige Mensch, der die Wahrheit über die schöne Frau erfährt. Doch wenn er ihr wirklich helfen soll, muss sie zu ihrer Vergangenheit stehen, das erklärt Sören unverblümt. Doch dazu ist Carla nicht bereit. Noch nicht. Aber dann kommt der Tag der Entscheidung - einer Entscheidung auf Leben und Tod...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Ist das wahr, Vati?“, fragte Josee, die kleine Nervensäge, mit großen Augen.

Dr. Sören Härtling, mit Rasierschaum im Gesicht, sah die Zehnjährige lächelnd an und erwiderte: „Ich weiß nicht, was du meinst, Liebes.“

„Was Tom mir erzählt hat.“ Sören Härtling setzte die Rasur fort. „Woher soll ich wissen, was dein Bruder dir erzählt?“

Josee rümpfte die Nase. „Ich traue ihm nicht mehr. Er flunkert zuviel in letzter Zeit. Fortwährend tischt er mir irgendwelche Lügengeschichten auf, und wenn ich sie ihm abkaufe, lacht er sich über mich kaputt und sagt, ich wäre strohdumm.“

„Und was will er dir diesmal weismachen?“

„Dass in der Paracelsus-Klinik ein Film gedreht wird“, erwiderte Josee.

„Da hat er dir ausnahmsweise die Wahrheit gesagt.“

Josees Augen wurden noch größer. „Ehrlich?“

Sören Härtling schmunzelte. „Ja, ehrlich.“

„Wird es ein James Bond?“, fragte Josee gespannt.

Sören schüttelte amüsiert den Kopf. „Aber nein!“

„Ein Film fürs Fernsehen?“

„Ja“, nickte Dr. Härtling, „aber kein Spielfilm.“

Josee sah ihren Vater verwirrt an. „Was denn sonst?“

„Ein Werbefilm“, erklärte Sören Härtling dem Nesthäkchen. „Es gibt zuwenig Krankenschwestern in unserem Land. Mit diesem Film will man erreichen, dass mehr junge Frauen als bisher sich für den wichtigen Pflegeberuf interessieren und den Entschluss fassen, sich zur Diplomkrankenschwester ausbilden zu lassen.“

„Darf ich mitkommen?“

„In die Klinik? Nein, das geht nicht.“

„Wieso nicht?“, fragte Josee. „Du bist doch da der Chef. Du kannst bestimmen.“

Dr. Härtling wandte sich der Kleinen mit halb rasiertem Gesicht zu. „Aber ich bin nicht Chef deiner Schule. Euer Direktor würde es bestimmt nicht gern sehen, wenn du den Unterricht schwänzt, nur weil in der Paracelsus-Klinik ein kleiner Film gedreht wird.‘‘

„Du könntest sagen, ich wäre krank. Du bist doch Arzt.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, lehnte Dr. Härtling entschieden ab.

„Bitte, Vati!“

Sören Härtling schüttelte energisch den Kopf. „Ich lüge nicht.“

„Nur dieses eine Mal“, bettelte Josee. „Ich könnte ja wirklich krank sein.“

„Wenn du wirklich krank wärst, würde Mutti dich ins Bett stecken, und du würdest von den Dreharbeiten in der Klinik erst recht nichts mitbekommen. Ich erzähle dir heute Abend, wie es gelaufen ist. Mehr kann ich leider nicht für dich tun. Und jetzt raus mit dir, sonst werde ich nie fertig.“

Josee verließ enttäuscht das Bad. Sören Härtling zog noch einmal die Doppelklinge von unten nach oben über seine Wange und schnitt sich.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm, und er war froh, dass Josee es nicht hörte, weil ein ungeschriebenes Gesetz im Hause Härtling besagte, dass nicht geflucht werden durfte. Die Wunde blutete ziemlich heftig. Sören betupfte sie mit dem Alaunstein, der für solche Notfälle gedacht war. Es brannte wie Feuer, aber der Schnitt zog sich zusammen und hörte auf zu bluten.

Als er sich kurz darauf an den Frühstückstisch setzte, fragte seine Frau prompt: „Hast du dich geschnitten?“

„Ja, leider. Immer, wenn man sich beeilen will, geht etwas schief. Der Schnürsenkel reißt, man schneidet sich beim Rasieren oder man verbrennt sich den Mund am heißen Kaffee...“

Ottilie, die betagte Wirtschafterin, brachte Speck mit Ei. „Heute müssen Sie tüchtig zulangen, Herr Doktor, damit Sie dem Trubel in der Klinik gewachsen sind. Ich kann mir vorstellen, dass es da heute drunter und drüber gehen wird. “

Dr. Härtling zog die Augenbrauen unwillig zusammen. „Das hoffe ich nicht.“

„Diese Filmleute sind doch alles Chaoten“, behauptete Ottilie.

„Wenn sie den Klinikbetrieb beeinträchtigen, fliegen sie“, grollte Sören Härtling.

„Wirst du in dem Film mitwirken, Paps?“, wollte Dana wissen.

Sören lachte. „Das fehlte mir noch! Ich bin Arzt, kein Fernsehstar.“

„Was nicht ist, kann noch werden“, prahlte Danas Zwillingsbruder Ben.

„Dann haben wir einen berühmten Vater“, strahlte Tom.

Dr. Härtling sah seine Familie gespielt streng an. „Jetzt hört mir mal zu: Entweder, ihr nehmt mich so, wie ich bin, oder ihr sucht euch einen anderen Vater.“

„Wir wollen keinen anderen Vater“, sagte Tom.

„Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren“, piepste Josee.

„Na, dann bin ich ja beruhigt“, brummte Sören und schaufelte eine große Portion Speck mit Ei aus der Pfanne auf seinen Teller. Er sah die Haushälterin an. „Zufrieden?“

„Wenn Sie’s aufessen, ja“, antwortete Ottilie und ging wieder in die Küche.

Das Telefon läutete, und Dana und Ben schossen aus den Startlöchern. Sören wusste, warum: Die Zwillinge waren zur Zeit verliebt!

Ben war schneller am Apparat. „Ben Härtling“, meldete er sich erwartungsvoll, doch am andern Ende war nicht die Dame seines Herzens, sondern der Rechtsanwalt Dr. Axel Lassow. „Guten Morgen, Onkel Axel“, sagte Ben etwas enttäuscht, aber dennoch freundlich.

Dana setzte sich wieder.

„Na, mein Junge, wie geht’s denn so?“, fragte Axel Lassow.

„Gut“, antwortete Ben.

„Ist dein Vater noch da?“

„Ja, möchtest du ihn sprechen?“

„Ja, bitte?“

„Augenblick.“ Ben ließ den Hörer sinken. „Vati, es ist für dich. Onkel Axel.“

Sören tupfte sich mit der Stoff Serviette den Mund ab, erhob sich und nahm von seinem Sohn den Hörer entgegen. „Ja, Axel, was gibt’s?“

„Guten Morgen, lieber Schwager, erst mal“, lachte Axel Lassow, der mit Sörens Schwester Trixi sehr glücklich verheiratet war. „Morgen.“

„Ich habe ein Problem, über das ich mit dir reden möchte.“

„Schieß los“, forderte Dr. Härtling den Anwalt auf.

„Nicht am Telefon. Ich möchte mich auf medizinischem Gebiet ein wenig schlau machen. Darf ich zu dir in die Klinik kommen?“

„Jederzeit.“

„Heute Vormittag? Elf Uhr?“

„Heute ist’s nicht sehr günstig“, seufzte Sören Härtling.

„Du hast jederzeit gesagt“, wandte Axel ein.

„Jederzeit, außer heute.“

„Es wäre aber sehr dringend“, betonte Dr. Lassow.

„Also gut, ich erwarte dich um elf.“

„Ist heute irgendein besonderer Tag?“, erkundigte sich Sörens Schwager nun doch.

Der Klinikchef lachte gepresst. „Das kann man wohl sagen!“

„Und weshalb?“

„Man wird in der Paracelsus-Klinik einen Film drehen“, gab Dr. Härtling Auskunft.

„Mit dir in der Hauptrolle?“

„Nein, aber wenn du möchtest, darfst du als Statist mitwirken. Das kann ich für dich arrangieren.“

„Vielen Dank“, wehrte Axel Lassow ab, „ich habe mit einer Karriere beim Film nichts am Hut. Wir sehen uns um elf. Also bis dann. Und, Sören... danke, dass du dir trotz der zu erwartenden Hektik für mich Zeit nimmst. “

 

 

2

In der Paracelsus-Klinik herrschte auf allen Stationen eine spürbare unterschwellige Unruhe.

„Sind die Filmleute schon da, Annchen?“, erkundigte sich Dr. Härtling, während er in seinen weißen Visitenmantel schlüpfte.

Schwester Annegret schüttelte den Kopf. „Nein, Chef.“

„Sie sind nicht sehr glücklich darüber, dass diese Leute ausgerechnet bei uns drehen möchten, nicht wahr?“

„Na ja, einerseits sehe ich ein, dass es wichtig ist, meinem Berufsstand qualifizierten Nachwuchs zu verschaffen, anderseits wäre es mir lieber, wenn sich die Filmfritzen für einen anderen Drehort entschieden hätten.“

Dr. Härtling lächelte schief. „Ich auch, aber Sie wissen doch, dass diese Sache über Vermittlung von Clemens Bennet zustande kam“, seufzte er. „Henrik Borström, sein Schwiegersohn, war früher mein engster Mitarbeiter. Olivia, seine Frau, ist eine von Janas besten Freundinnen, und der Plattenproduzent Clemens Bennet ist Olivias Vater. Er hat uns schon so oft geholfen, dass ich ihn mit keinem abschlägigen Bescheid vor den Kopf stoßen durfte.“

„Wir werden diesen Tag schon irgendwie hinter uns bringen.“

„Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mich so gut wie möglich abschirmen, damit ich mich in gewohnter Weise meiner Arbeit widmen kann.“

„Ich werde mir Mühe geben, Chef“, versprach die altgediente Pflegerin, und Dr. Härtling nickte zufrieden.

Auch Moni Wolfram, seine hübsche Sekretärin, wurde von ihm zum Bollwerk ernannt, hinter dem er sich verschanzen konnte, und auch sie versprach, ihr Bestes zu geben.

Die Filmcrew traf eine Stunde später ein. Sören kommandierte Dr. Peter Donat zur medizinischen Beratung des Teams ab und holte den Regisseur in sein Büro. Der Mann war mehr breit als hoch, und Sören fand, dass so ein langer, buschiger grauer Haarschwanz bei einem schon ziemlich kahlen Mittfünfziger reichlich deplaziert aussah.

„Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit“, sagte der Chefarzt der Paracelsus-Klinik einleitend.

„O ja, Herr Dr. Härtling, alles bestens, alles super“, nickte Ludwig „ Wicki“ Zellbach.

„Dann werden Sie mit den Dreharbeiten ja wohl zügig vorankommen.“

„Das hoffe ich.“

„Wie lang wird der fertige Film sein?“

„Eine halbe Stunde“, antwortete Wicki Zellbach.

„Und dafür brauchen Sie drei Tage?“

„Wir haben eine Menge Einstellungen auszuleuchten und einzurichten, müssen jede Sequenz so oft wiederholen, bis sie optimal ist. Niemandem ist damit gedient, wenn ich einen minderwertigen Husch-Pfusch Film abliefere. Man hat mich für dieses Projekt ausgewählt, weil ich als Perfektionist bekannt bin. Ich verkurble für einen Zwanzig-Sekunden Spot mehrere Kilometer Film.“

„Und was sagen Ihre Geldgeber zu dieser Materialverschwendung?“

„Denen stopfe ich den Mund mit einem Endprodukt, das niemand besser machen kann“, erwiderte Wicki Zellbach selbstbewusst.

„Ich hoffe, Sie und Ihre Leute vergessen keinen Augenblick lang, dass Sie sich in einem Haus befinden, in dem kranke Menschen sind, die zur Genesung nicht bloß Medikamente, sondern auch sehr viel Ruhe brauchen.“

Wicki Zellbach lächelte. „Keine Sorge, Herr Dr. Härtling. Wir werden uns Tarnkappen aufsetzen und für die meisten Ihrer Patienten unsichtbar sein.“

„Sollten irgendwelche Probleme auftauchen, wenden Sie sich an Dr. Donat. Er wird versuchen, Ihnen zu helfen.“

„Vielen Dank. Ich bin sicher, der Film wird Ihnen gefallen, wenn er fertig ist“, sagte Wicki Zellbach und verließ das Büro des Klinikchefs.

Kurz bevor Sören Härtling mit der Vormittagssprechstunde begann, vergewisserte er sich, dass die Filmleute ihre Arbeit nach seinen Vorstellungen erledigten. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Auf dem Gang lagen dicke schwarze Kabel. Ein leeres Krankenzimmer wurde von großen, grellen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Eine Schauspielerin in Schwesterntracht versorgte soeben eine Kollegin, die eine Patientin spielte.

Obwohl Sören Härtling keinen Fehler sah, brach Wicki Zellbach die Szene unvermittelt ab und ließ sie wiederholen. Für Dr. Härtling war auch die Wiederholung in Ordnung, doch dem Regisseur gefiel sie nicht.

„Noch mal!“, rief Zellbach. „Und bitte, Kinder, jetzt mit mehr Konzentration, ja? Jutta, du bist krank, das muss man sehen. Du erhoffst dir von Schwester Regina Hilfe und Linderung deines Leidens. Das muss man sehen. Das kommt bis jetzt noch nicht richtig rüber. Also auf ein Neues! Und, Action!“

Sören zog sich zurück, und wenige Minuten später empfing er die erste wirkliche Patientin.

 

 

3

Die sechste Patientin war Vera Sonntag, eine schlanke Frau Anfang fünfzig, die Haushälterin der bekannten Modeschöpferin Carla van der Veen.

Auch Frau van der Veen gehörte seit Jahren zu Dr. Härtlings Stammpatientinnen, und Jana hatte mehrere hübsche Kleider der Künstlerin in ihrem Schrank hängen.

„Na, Frau Sonntag, wie geht’s im Hause van der Veen?“, erkundigte sich Sören Härtling freundlich.

„Da ist alles in Ordnung, Herr Doktor.“

„Das höre ich gern. Und was führt Sie zu mir?“ Sören wusste, dass die Frau immer ein sehr sportlicher Typ gewesen war. Sie machte täglich Gymnastik, unternahm in ihrer Freizeit

ausgedehnte Wanderungen und achtete stets auf ihr Gewicht.

Vera Sonntag sah ihn ratlos an. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist, Herr Doktor...“

„Haben Sie irgendwelche Beschwerden?“

„Am Tag nicht, da geht es mir gut, aber in der Nacht...“ Die Patientin machte ein leidendes Gesicht und seufzte schwer. „In der Nacht wecken mich so gegen drei Uhr immer öfter unerträgliche Schmerzen. Das macht mir langsam angst.“

Dr. Härtling nickte. „Verständlich.“

„Zuerst dachte ich, die Matratze wäre schuld an meinen Beschwerden, doch daran lag es nicht, denn auch eine neue Matratze brachte keine Besserung.“

„Haben Sie morgens beim Aufstehen und in der ersten Stunde danach auch noch Schmerzen, Frau Sonntag?“, erkundigte sich Sören Härtling.

„Sobald ich auf bin, vergehen sie sehr schnell, aber in den ersten zwei Stunden ist meine Wirbelsäule noch ziemlich steif.“

„Können Sie sich dann bücken?“ Vera Sonntag schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Kaum.“ „Hatten Sie irgendwann mal rheumatische Beschwerden in den Gelenken?“

„Ja. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich wochenlang Schmerzen im Knie. Mein Hausarzt verschrieb mir Rheumatabletten, die Beschwerden verschwanden ziemlich rasch und kamen auch nicht wieder.“

„Litten Sie mal unter entzündeten Augen?“

Vera Sonntag überlegte. „Das muss etwa fünf Jahre zurückliegen. Brennende Schmerzen im linken Auge zwangen mich, den Augenarzt aufzusuchen.“

„Und was diagnostizierte der?“, wollte der Leiter der Paracelsus-Klinik wissen.

„Regenbogenhautentzündung“, antwortete Vera Sonntag.

„Aha!“

„Der Arzt gab mir eine Spritze ins Auge, und schon nach wenigen Tagen war alles vorbei“, erzählte die Patientin.

„Würden Sie sich bitte auf das Untersuchungsbett legen, Frau Sonntag.“

Die Patientin kam Dr. Härtlings Aufforderung unverzüglich nach. Sie legte sich auf den Rücken, und der Chefarzt untersuchte sie. Als er von vorn auf beide Darmbeinschaufeln drückte, stöhnte Vera Sonntag laut auf.

„Das, das ist derselbe Schmerz wie in der Nacht, Herr Doktor.“

„Mhm“, machte Sören Härtling. „Nun nehmen Sie bitte mal Seitenlage ein. “

Die Frau drehte sich nach links, und Dr. Härtling bewegte ihr rechtes Bein gestreckt nach hinten. Vera Sonntag ließ auch dabei wieder einen Schmerzlaut hören.

Als sie kurz darauf wieder auf dem Patientenstuhl Platz genommen hatte, sah der Chefarzt sie nachdenklich an und massierte dabei mit Daumen und Zeigefinger sein Kinn.

„Wissen Sie schon, was mir fehlt, Herr Doktor?“, erkundigte sich die Frau ängstlich.

„Alle Symptome“, meinte Sören, „sowie die rheumatischen Schmerzen im Kniegelenk und die Regenbogenhautentzündung vor fünf Jahren deuten meines Erachtens mit großer Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass Sie unter der Bechterewschen Krankheit leiden.“

„Unter der, was?“

„Bechterewschen Krankheit“, wiederholte der Klinikchef.

Vera Sonntag schüttelte den Kopf. „Nie gehört.“

„Das ist eine Rheumaart“, erklärte Dr. Härtling. „Charakteristisch hierfür ist eine Versteifung der Wirbelsäule, die im Kreuzbeinbereich beginnt und nach oben hin fortschreitet, wobei die Zwischenwirbel und die Wirbel-Rippen-Gelenke verknöchern. Typische Symptome hierfür sind Rückenschmerzen in der Nacht.“

„Liebe Güte, das hört sich ja schlimm an!“

„Keine Angst, Frau Sonntag, wir kriegen Ihre ankylosierende Spondylitis, wie der Bechterew in der Fachsprache heißt, schon in den Griff“, machte Dr. Härtling der Patientin Mut. „Ich werde Ihnen fürs erste ein entzündungshemmendes Medikament verschreiben, das Ihre nächtlichen Schmerzen entscheidend lindern wird. Für die weitere Therapie sind Massagen und spezielle Bewegungsübungen erforderlich, und Sie müssen zweimal im Jahr zur Kontrolluntersuchung bei mir erscheinen. Wichtig ist, wie bei allen Krankheiten, dass man so etwas nicht so lange anstehen lässt, bis der Arzt nichts mehr tun kann, aber das haben Sie ja glücklicherweise nicht getan.“ Erleichtert verabschiedete sich Vera Sonntag.

„Bestellen Sie Frau van der Veen einen schönen Gruß von mir“, sagte Sören Härtling, während er die Patientin zur Tür geleitete.

 

 

4

Punkt elf Uhr erschien Axel Lassow in der Paracelsus-Klinik, und er sagte grinsend: „Die wollten mich unbedingt für ihren Film haben, aber ich habe abgelehnt.“

„Warum denn das?“, fragte Sören Härtling belustigt.

„Ich nehme doch einem armen Schauspieler nicht den Job weg.“

„Welche Rolle hat man dir angeboten?“, wollte Dr. Härtling wissen.

„Ich hätte einen Chefarzt mimen sollen, aber ich habe denen gesagt, sie sollen sich lieber an dich halten, denn du spielst die Rolle auch im wirklichen Leben seit vielen Jahren recht überzeugend.“

Sören deutete eine Verneigung an. „Ich bedanke mich für das Lob.“ Dr. Lassow hob die Hand und sagte mit fester Stimme: „Was es wiegt, das hat es.“

„Kaffee?“, fragte Sören.

Axel nickte. „Ja, danke.“ Nachdem Moni Wolfram den Kaffee gebracht hatte, fragte Dr. Härtlings Schwager: „Darf ich gleich zur Sache kommen, Sören?“

„Ich bitte darum.“

„Da ist eine ganz, ganz böse Sache passiert“, begann Axel Lassow mit gefurchter Stirn. „Ich habe eine Klientin, der ziemlich übel mitgespielt wurde.“

„Von wem?“

„Von einem Arzt. Die Frau wäre fast gestorben. Nun will sie den Arzt vor Gericht bringen.“

Dr. Härtling goss Milch in seinen Kaffee und rührte um. „Was hat er getan?“, wollte er wissen.

„Meine Klientin musste sich einer Bauchspiegelung unterziehen.“

„Das ist eine verhältnismäßig harmlose Untersuchung.“

„Für meine Klientin begann damit ein unvorstellbarer Leidensweg, denn der Arzt hat ihr bei diesem Eingriff ein fünfmarkstückgroßes Loch in den Dünndarm gestochen.“ Sören Härtling nahm einen Schluck vom Kaffee. „Bei fehlerhafter Technik kann es dazu kommen“, erwiderte er.

„Dem Arzt fiel nicht auf, dass er etwas falsch gemacht hatte.“ Axel Lassow hob beide Hände und meinte tolerant: „Okay, so weit, so gut. Jedem kann mal ein Fehler unterlaufen. Wir sind alle nur Menschen und keine Roboter, und selbst bei denen kann es hin und wieder zu unerfreulichen Fehlleistungen kommen.“ Die Miene des Anwalts verdüsterte sich, als er fortfuhr: „Doch nun fängt die Sache an zu stinken: Meine Klientin klagte am nächsten Tag über Schmerzen und brach Blut, aber denkst du, das alarmierte den Doktor? Überhaupt nicht. Anstatt den Beschwerden der Frau auf den Grund zu gehen, spritzte er ihr ein Schmerzmittel, obwohl schon 1987 das Oberlandesgericht Nürnberg feststellte, dass es zu den medizinischen Grundkenntnissen gehört, bei unklaren Bauchschmerzen keine Schmerzmittel zu verabreichen.“

Sören Härtling nickte zustimmend. Das war richtig.

„ Zwanzig Stunden“, fuhr Axel Lassow anklagend fort, „zwanzig Stunden kümmerte sich der sorglose Mediziner nicht um die Beschwerden der Patientin! Also, ich finde das in höchstem Maße verantwortungslos. Oder wie siehst du das? Was hättest du an seiner Stelle getan?“

„Ich hätte die Frau gleich beim ersten Auftreten der Beschwerden untersucht“, antwortete Sören Härtling aufrichtig.

„Als der Arzt das endlich nach oftmaligem Drängen des Ehemanns der Patientin tat, arbeitete ihr Darm nicht mehr, und er musste außerdem feststellen, dass Darminhalt in den Bauchraum gedrungen war und dort zu einer lebensgefährlichen Bauchfellentzündung geführt hatte. Es musste sofort eine Notoperation durchgeführt werden.“ Axel Lassow trank seinen Kaffee, machte eine kleine Pause und fuhr fort: „Als der Mann meiner Klientin tags darauf ins Krankenhaus kam, traf ihn beinahe der Schlag. Er erzählte mir, unzählige Schläuche und Kabel wären aus ihrem Körper gekommen, der Bauch sei offen gewesen, der Darm habe frei gelegen. Der Mann dachte, seine Frau würde sterben.“

„Und wie nahm der Arzt dazu Stellung?“, wollte Sören Härtling wissen.

„Der tat so, als wäre er sich keiner Schuld bewusst “, knurrte Dr. Lassow. „Er wollte dem verstörten und natürlich nicht fachkundigen Ehemann weismachen, der Darm wäre beim Husten der Patientin geplatzt. Sieben Wochen rang meine Klientin mit dem Tod. Drei weitere Male musste sie operiert werden, erst dann war die Gefahr gebannt. Dass die bedauernswerte Frau in dieser Zeit um Jahre gealtert ist und graue Haare bekam, kannst du dir sicher vorstellen.“

Dr. Axel Lassow legte seinem Schwager die Krankenakten vor, und Sören Härtling beantwortete all jene Fragen, die sich der Anwalt aufgeschrieben hatte, um nicht nur auf rechtlichem, sondern auch auf medizinischem Gebiet sattelfest zu sein, wenn er seine Mandantin vor Gericht vertrat.

 

 

5

Carla van der Veen, eine schöne, mondäne Frau Mitte vierzig, hörte ihre Haushälterin heimkommen. Die attraktive schwarzhaarige Modeschöpferin trug ein elegantes, natürlich selbst entworfenes Kleid aus flaschengrünem Musselin.

Sie trat aus dem luxuriös ausgestatteten Salon und fragte: „Nun, wie war’s in der Paracelsus-Klinik?“

Vera Sonntag hob die Augenbrauen. „Man dreht da einen Film.“

„Was Sie nicht sagen! Mit richtigen Schauspielern?“

„Ich denke schon.“

„Was für eine Art von Film?“, wollte Carla van der Veen wissen.

„Das konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Ich soll Sie übrigens von Dr. Härtling grüßen.“

„Danke. Hat er herausgefunden, was der Grund für Ihre Beschwerden ist?“

Vera Sonntag nickte. „Ja.“

„Was?“

Die Haushälterin kratzte sich verlegen hinterm Ohr. „Die Krankheit nennt sich Be... Bech... Becherew... Tut mir leid, ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ist eine Rheumaart.“

„Und wie bekämpft man sie?“

„Mit Tabletten, Massage und gezielten Bewegungsübungen“, antwortete die Wirtschafterin. „ Sie sind bestimmt schon hungrig, Frau van der Veen. Es gibt gleich was zu essen.“

„Hat keine Eile, Vera.“ Die Modeschöpferin lächelte matt. „Ich habe noch keinen Appetit. Vielleicht sollte ich das Mittagessen ausfallen lassen.“

„Kommt überhaupt nicht in Frage“, widersprach die Haushälterin energisch. „Der Putenrollbraten ist bereits fertig. Ich brauche nur noch den Reis zu kochen.“

„Na schön, ich werde eine Kleinigkeit essen, aber nur, um Ihnen eine Freude zu machen.“ Carla van der Veen kehrte in den Salon zurück.

Sie aß wenig später „wie ein Spatz“, wie es Vera Sonntag vorwurfsvoll und enttäuscht formulierte. „Da gibt man sich die allergrößte Mühe, etwas Feines auf den Tisch zu bringen“, beklagte sich die Haushälterin, „und Sie rühren es kaum an. Das ist wirklich nicht nett von Ihnen, Frau van der Veen.“

„Tut mir leid, Vera.“

„Was haben Sie an meiner Putenrolle auszusetzen?“

„Nichts“, versicherte Carla van der Veen der tüchtigen Wirtschafterin, „gar nichts. Sie schmeckt hervorragend.“

„Und warum haben Sie dann nicht mehr davon gegessen?“

Die Modeschöpferin hob seufzend die Schultern. „Was soll ich machen, wenn ich nichts hinunterbringe?“

„Zum Arzt gehen.“

„Zum Arzt?“ Frau van der Veen lachte. „Mir fehlt doch nichts!“ Vera Sonntag musterte sie zweifelnd. „Sind Sie sicher? Diese Appetitlosigkeit häuft sich in letzter Zeit.“

„Mein Gott, hin und wieder ein Fastentag hat noch keinem geschadet!“ Doch die Wirtschafterin zog die Nase kraus. „Irgend etwas stimmt nicht mit Ihnen.“

„Hören Sie auf, Gespenster zu sehen, Vera. Ich fühle mich bestens. Ich habe in den letzten Monaten nur etwas zuviel gearbeitet, aber das tue ich ja immer, wenn eine neue Kollektion raus muss.“

Das Telefon läutete. Die Haushälterin wollte abheben, doch Carla van der Veen sagte: „Lassen Sie nur, Vera, ich geh’ schon ran.“ Sie griff nach dem Hörer. „Van der Veen.“

„Guten Tag, Frau van der Veen, hier Rebekka Leitzmann von der Zeitschrift ‘Fashion Cover’. Ich würde Sie gerne für unsere nächste Ausgabe interviewen. Wann hätten Sie denn Zeit für mich?“

„‘Fashion Cover’?“

„Wir sind neu auf dem Markt“, erklärte die Journalistin. „Unsere Nummer eins ist seit zwei Tagen raus. Wir bringen Tipps und Trends aus der Modebranche. Ein bisschen High Society Klatsch. Ein wenig Insider Tratsch aus der Haute Couture. Und, wenn möglich, als zentrales Kernstück ein interessantes Promi-Interview. Was die Leute eben gerne lesen. Wenn Sie möchten, schicke ich Ihnen ein Exemplar zu.“

„Wem gehört die Zeitschrift?“, wollte Carla van der Veen wissen. „Wer bringt sie heraus?“

„Harald Pressmann.“

„Harald Pressmann?“ Es klang wie ein erboster Rufschrei.

Rebekka Leitzmann war überrascht. „Sie kennen ihn?“

„Und ob ich den kenne“, zischte Carla kriegerisch. „Er hat vor Jahren so schlecht über mich geschrieben, dass ich mir geschworen habe, ihm nie wieder ein Interview zu geben.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht.“

„Sie werden verstehen, dass ich für jemanden, der für Harald Pressmann schreibt, bedauerlicherweise keine Zeit habe.“

„Sie verhalten sich nicht gerade sehr professionell, Frau van der Veen, wenn ich das sagen darf, und Sie verhalten sich leider mir gegenüber ganz und gar nicht fair. “

„Dafür dürfen Sie sich bei Harald Pressmann bedanken“, entgegnete Carla kühl. „Dieser unverschämte Kerl hat meinen guten Namen so sehr mit Dreck beworfen, dass ich nie mehr mit ihm, in welcher Weise auch immer, zu tun haben möchte. Tut mir leid.“

„Bitte legen Sie noch nicht auf, Frau van der Veen.“

„Ich wüsste nicht, was es noch zu sagen gäbe.“

„Bitte geben Sie mir eine Chance“, flehte Rebekka Leitzmann. „Das ist mein erster Job. Es war unheimlich schwierig, ihn zu bekommen, denn es gibt Journalisten wie Sand am Meer. Wenn ich keine guten Storys bringe, wenn ich das Geld nicht wert bin, das Herr Pressmann mir zahlt, schmeißt er mich raus.“

„Bedaure, ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Ich habe einen kleinen Sohn, Frau van der Veen, bin alleinerziehende Mutter. Ich bin auf den Job bei ‘Fashion Cover’ angewiesen.“

„Das Interview mit mir würde Pressmanns Zeitschrift aufwerten“, sagte Carla van der Veen.

„Auf jeden Fall.“

„Sehen Sie, und ich denke nicht daran, irgend etwas, das Harald Pressmann auf die Beine gestellt hat, zu unterstützen. “

Die Journalistin seufzte ratlos. Sie schien nicht mehr zu wissen, was sie noch vorbringen konnte, um Carla doch noch umzustimmen. „Wie können Sie nur so hartherzig sein?“

Details

Seiten
99
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938586
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
wenn gewissen

Autor

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Titel: Wenn dich dein Gewissen mahnt