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Sezessionskrieg 2.0 – Die Komplette Serie

2020 501 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

SEZESSIONSKRIEG 2.0 – DIE KOMPLETTE SERIE

Vorwort

1. ALS WASHINGTON BRANNTE von Stefan Hensch

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2. AUFRUHR IN DER STADT von Wilfried A. Hary

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3. MASSAKER IN GAINESVILLE von Stefan Hensch

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4. DER NEBEL DES KRIEGES von Stefan Hensch

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5. ALS REZO VOM HIMMEL FIEL von Stefan Hensch

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6. HOLLY POND – WEICHE ZIELE von Stefan Hensch

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7. ROTES GAMBIT von Stefan Hensch

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Epilog

SEZESSIONSKRIEG 2.0 – DIE KOMPLETTE SERIE

Sieben Romane in einem Band

von Stefan Hensch und Wilfried A. Hary

 

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika stehen vor der Präsidentschaftswahl. Zur Wahl stehen auf Seiten der Demokraten eine progressive Muslima und auf Seiten der Republikaner ein Rechtspopulist. Die Stimmung zwischen den beiden Lagern ist aufgeheizt, und im ganzen Land ist der Wahlkampf das dominierende Thema. Kurz bevor der Gewinner der Wahl bekanntgegeben werden kann, werden alle Massenmedien und die Kommunikationsnetze abgeschaltet, und eine Serie von Explosionen erschüttert Washington D.C....

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Romane by Stefan Hensch/Wilfried A. Hary.

© Titelbild by Christian Dörge.

Korrektorat: Christian Dörge.

Sezessionskrieg 2.0 – Die Serie nach einer Idee von Marten Munsonius, 2019

Serienausführung - Created by Wilfried A. Hary, Stefan Hensch & Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Vorwort

 

 

An einem Sonntagnachmittag klingelte das Telefon. Es war mein Verleger Jörg Munsonius, der mir von einer neuen Idee berichten wollte. Inspiriert durch die politische Situation in den USA war eine Idee in ihm gereift: »Was wäre, wenn es einen neuen Bürgerkrieg in den USA gäbe?«

Die Idee gefiel mir überaus gut, da ich die politische Situation in den USA mit Interesse verfolge und ein absoluter Fan von klassischen Dystopien bin. Also besprachen wir das weitere Vorgehen und »Sezessionskrieg 2.0» wurde geboren.

Doch manchmal interessiert sich das Leben nicht für Planungen und macht einfach mal etwas völlig anderes. So auch bei Sezessionskrieg 2.0. Ursprünglich sollte eine ganze Reihe von Autoren beteiligt werden. Also setzte ich mich hin und verfasste ein Rahmen-Exposé. Im Anschluss mussten die kleinen Episoden nur noch geschrieben werden. Eigentlich. Aber die Realität sah anders aus: Am Ende blieben einzig Wilfried A. Hary und ich über. Das ursprünglich von mir skizzierte Rahmen-Exposé habe ich dann allein umgesetzt, während Wilfried einen wunderbar kurzweiligen Band verfasst hat (Band 2: Aufruhr in der Stadt).

In Sezessionskrieg 2.0 haben wir es vermieden, real existierende Figuren allzu plakativ auftreten zu lassen. Zusätzlich haben wir das Szenario vielleicht ein oder zwei Jahre in der Zukunft angesiedelt. Der Grund dafür ist einfach: Wir wollten nicht die hohe Politik thematisieren, sondern die Herausforderungen, Sorgen und Nöte ganz normaler Menschen. Ansonsten wäre das Setting zu sehr ins Scherenschnittartige abgeglitten.

Das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump ist in der Zwischenzeit gescheitert. Dass es überhaupt stattfinden würde, war zum Start von Sezessionskrieg 2.0 noch nicht absehbar. Wenn Sie meine Meinung für die aktuelle Situation in den USA wissen möchten, gebe ich gerne eine Prognose ab: Donald Trump wird wiedergewählt werden! Einige Leser mag das schockieren, andere wird es freuen. Ich sehe das völlig wertfrei als Beobachter außerhalb der USA. Meine Meinung begründe ich mit den Gräben in den Vereinigten Staaten. Die politische Klasse hat vollständig versagt, was die Versöhnung der beiden Fronten aus Demokraten und Republikanern angeht. Ein »Wir-Gefühl» gibt es dort noch weniger, als es das in unserem Land gibt.

Es sind aber gerade diese Gräben, die überwunden werden müssen. Solange dies nicht geschieht, stehen die Zeichen auf Sturm. Werden die Gräben hingegen sogar noch tiefer, kann aus diesem Sturm ein Orkan werden. Dieser Orkan kann sich in einem völligen Auseinanderbrechen eines Landes äußern. Das Mittel dazu ist ein Bürgerkrieg. Angeblich will das niemand, aber ebenso unternimmt auch niemand etwas dagegen.

Sezessionskrieg 2.0 war ein herrliches Was-wäre-wenn-Szenario, das mir sehr viel Freude gemacht hat. Momentan ist die Reihe zu einem (vorläufigen?) Ende gekommen. Vielleicht werde ich mich eines Tages Gedanken über das weitere Schicksal der Gefährten und die Geschicke der USA machen. Das Ende der Reihe kann aber auch für sich stehen: Es ist ein Sinnbild dafür, was am Ende einer Katastrophe stehen kann, nämlich Chaos, Anarchie und Gewalt. Ich wünsche unterhaltsame Stunden mit Sezessionskrieg 2.0 – Die komplette Serie.


- Stefan Hensch

Februar 2020

 

 

 

1. ALS WASHINGTON BRANNTE von Stefan Hensch

 

 

 

Eine kurze Einführung:

 

Das Undenkbare ist passiert, die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft sind endgültig aufgebrochen und werden sich mit Blut füllen. Am Tag der amerikanischen Präsidentschaftswahlen beginnt ein Bürgerkrieg, der durch asymmetrische Fronten geprägt ist und der mit kompromissloser Härte geführt wird. Die unterschiedlichen Gruppierungen tragen ihren brutalen Kampf gegeneinander aus und stürzen die Vereinigten Staaten von Amerika ins absolute Chaos. Bruder bekämpft Bruder, um den Sieg in diesem »Sezessionskrieg 2.0» zu erlangen. Dabei scheint jedem jedes Mittel recht zu sein und mit jedem Tag versinkt das Land mehr und mehr in der Dunkelheit der Barbarei. Kein Einzelner, kein Politiker, kein selbsternannter Anführer, die sich alle »Amerikaner» nennen, scheint diese grauenvolle Entwicklung aufhalten zu können – oder es auch nur zu wollen.

Dies sind die Erlebnisse und Geschichten der Menschen, deren Leben von den Wirren des Krieges durcheinandergewirbelt werden – und viele von ihnen werden gierig von ihm verschlungen werden.

 

 

 

»Wir kämpfen so lange für die Unabhängigkeit, bis wir sie erreichen oder dabei getötet werden.«

 

- Jefferson Davis

 

 

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Das Peabody am Franklin Square platzte wie jeden Abend unter der Woche aus allen Nähten. Alle Schattierungen von klassischen Businessoutfits waren vorhanden, denn nach Feierabend trafen sich Parlamentarier, deren Angestellte und andere Schreibtischhengste hier.

Nick Collins saß an der Bar und spielte mit seinem Tumbler. Kristallklare Eiswürfel schwammen in bernsteinfarbener Flüssigkeit und der Abgeordnete des Repräsentantenhauses sah ihnen beim Schmelzen zu. Auf den unter der Decke angebrachten Fernsehern lief ein Bericht über Desmond Wallace, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Gelegentlich sah Collins von seinem Drink auf und warf einen Blick auf den Fernseher. Für ihn war Wallace das fleischgewordene falsche Pferd, denn das ausgerechnet dieser ehemalige Country-Sänger und Hardliner aus Nashville sich unter den Kandidaten seiner Partei hatte durchsetzen können, war vorher völlig unvorhersehbar gewesen. Dass es so gekommen war, stellte für Nick Collins ein ernstes Problem dar. Wie alle Experten, Politologen und Journalisten hatte Collins damit gerechnet, dass Senator Jim Clark sich als Kandidat durchsetzen würde. Clark war der Ziehsohn des scheidenden Präsidenten Baxter und Nick Collins hatte sich offen für Clark ausgesprochen. Doch dann hatte dieser verfluchte Sänger aus Tennessee einen Großteil der Stimmen der Delegierten auf sich vereinbaren können. Die Karriere von Jim Clark war ebenso vernichtet, wie das Vermögen, das er für seinen Wahlkampf mobilisiert hatte. Die Lage war nun so verfahren, dass Nick sich nicht entschieden konnte, was schlimmer war: Ein Wahlsieg des Ku-Klux-Klan-Sympathisanten Wallace oder dessen Konkurrentin Fatima Jones.

Nick trank einen Schluck des Bourbon vor sich und verzog das Gesicht, denn er hasste Bourbon. Unter normalen Umständen hätte er niemals ein so edles Getränk wie Whiskey auf so unkultivierte Art mit Eis getrunken, aber seiner Meinung nach war Bourbon auch kein richtiger Whiskey. Ein irischer Single Malt war dagegen doch eine ganz andere Klasse, aber er hatte sich ganz bewusst für den Bourbon entschieden. Was er in Kürze tun würde, war nichts anderes als eine neuzeitliche Version des Gangs nach Canossa. Aber der Republikaner hatte es sich nicht einfach gemacht und lange über diese Entscheidung nachgedacht. In gewisser Weise war das Trinken des Bourbons somit auch eine symbolische Handlung. Da vibrierte sein Smartphone in der Innentasche seiner Jacke. Der Republikaner zog es hervor und sah auf das Display, dann nahm er den Anruf an.

»Hallo große Schwester«, begrüßte er Carol.

»Hallo kleiner Bruder«, antwortete sie und kicherte.

Da fiel Nick ein, dass sie mit ein paar Freunden für ein verlängertes Wochenende zum Moss Lake nach Texas fahren wollte. Ihr neuer Freund hatte dort ein Ferienhäuschen. »Alles schon gepackt?«

»Na klar. Ich rufe eigentlich nur an, um zu fragen, ob du diese Woche mal meinen Briefkasten leermachen kannst?«

Carol hatte ebenfalls eine ganze Zeit in Washington gearbeitet und besaß hier noch eine Eigentumswohnung. Innerhalb weniger Tage sammelte sich regelmäßig jede Menge an Werbung und gelegentlich auch Briefen an. Ein überquellender Briefkasten war für potenzielle Einbrecher fast schon eine direkte Einladung. Seht her, ich bin schon seit langer Zeit verwaist.

»Konntest Du dich bei Wallace ins Spiel bringen?«, wollte Carol wissen.

»Erwischt«, antwortete Nick. »Genau deshalb bin ich gerade unterwegs. Dann alberten die Geschwister noch etwas und verabschiedeten sich anschließend. Gedankenverloren trank Nick einen Schluck Bourbon und verzog dabei das Gesicht.

In diesem Moment legte sich eine gefühlt tonnenschwere Hand auf seine rechte Schulter. »Guten Abend, Nick!«

Blitzschnell flog sein Blick zu der Digitaluhr. Er war pünktlich, natürlich. Billy Bob Vaughn kam immer pünktlich zu Terminen, besonders wenn er dabei sein widerliches Ego noch etwas mehr aufblasen konnte. Nick drehte sich zu Vaughn und reichte ihm die Rechte. Der Mann aus Baton Rouge ergriff sie und entblößte seine strahlend weißen Zähne. »Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte er schmunzelnd und setzte sich auf den Barhocker neben Nick. Als der Barkeeper sich ihm zuwandte, bestellte er ebenfalls einen Bourbon.

Als der Drink vor ihm stand, nahm er einen großen Schluck und behielt das Glas dann in seiner schwieligen Hand. Der Verleger und Herausgeber der Bluebeard News war seltener im Büro, als auf seiner Ranch um sich als Pferdezüchter zu verdingen. Deshalb war sein Gesicht auch unverkennbar von der Sonne gegerbt und er wirkte wie eine Blaupause des klassischen Südstaatlers. Doch im letzten Jahr hatte sich das Leben von Vaughn massiv verändert, denn er war zur grauen Eminenz im Schatten von Desmond Wallace geworden. Nick hatte mal als Journalist für die Bluebeard News gearbeitet. Damals war Vaughn nur der Chefredakteur gewesen und die Zeitung war noch deutlich libertärer orientiert gewesen. Irgendwann hatte Vaughn dann aber die richtigen Leute kennengelernt und die hatten an dem beinharten Südstaatler einen Narren gefressen. Diese Kontakte hatten das Gegenüber von Nick zuerst vermögend gemacht, und dann als neuen Verleger der Zeitung eingesetzt. Daraufhin hatte es eine Kurskorrektur nach rechts gegeben und die Bluebeard News waren zum Sprachrohr der Alt-Right-Bewegung geworden. Nick war schnellstens von Bord gegangen, angeblich weil er ein besseres Angebot bekommen hatte. In Wirklichkeit wollte er nicht den Stallgeruch des rechts außen positionierten Blattes annehmen.

»Jim Clark hat es nicht geschafft und dann erinnerst Du dich plötzlich wieder an deinen alten Freund Billy Bob. Wenn das mal kein Zufall ist«, sagte Vaughn leise und nippte wieder an seinem Bourbon.

Nick schwieg und beobachtete Vaughn beim Trinken.

»Ist es nicht so?«

Der Republikaner griff zu seinem Glas und trank jetzt ebenfalls. Dann setzte er das Glas eine Spur zu laut ab. »Ich will nicht, dass Fatima Jones ins höchste Amt gewählt wird!«

Vaughn lachte laut. »Wer will das schon? Aber da wir unter uns sind: Treffen wir uns gerade, weil Du Jones verhindern willst? Oder treffen wir uns, weil Du von einem alten Kumpel einen Job haben willst?«

Nick schluckte hart und merkte, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. »Du weißt ganz genau, dass ich einen verdammt guten Job gemacht habe. Für die Bluebeard News und für die Partei.« Nick ließ seine Worte sacken. »Wenn Wallace so gut aufgestellt ist, dass ihr keine guten Leute mehr braucht, kann ich euch wirklich nur beglückwünschen.«

Stumm nickte Vaughn vor sich hin. Dann drehte er sein Gesicht zu Nick. »Weißt Du, Nick, niemand spricht dir dein Können ab. Wir wollen die USA radikal erneuern, nicht weiter ihre Mängel verwalten. Dafür brauchen wir gute Leute. Die Frage ist aber, hast Du die nötigen Eier dazu?«

Nick presste die Lippen aufeinander und hielt dem Blick von Vaughn statt. »Wenn du damals nicht von Bluebeard weggegangen wärst, würde sich die Frage jetzt nicht stellen. Aber für mich sieht es so aus, als hättest Du den Schwanz eingekniffen. Wir haben den Leuten die Wahrheit gesagt, während Du beim Bugle ihnen weiter politisch korrekte Lügen aufgetischt hast.«

Vaughn setzte sein Glas an die Lippen und trank es aus. »Trotzdem bin ich bereit, dir eine weitere Chance zu geben.« Die Augen des Verlegers richteten sich lauernd auf den Mann neben sich. »Du kannst dich als Deputy Secretary beweisen. Zeig Eier und Leidenschaft, dann sehen wir weiter!«

Nick hörte die Worte von Vaughn wie aus weiter Ferne. Das war weniger, als er erhofft hatte. In der Partei gab es kaum besser qualifizierte Leute, deshalb stand ihm eigentlich endlich ein Posten als Minister zu. Aber der Stachel saß bei dem Verleger und Chefstrategen anscheinend noch tief. Außerdem gab es Gerüchte, dass Wallace zahlreiche Ministerposten mit Leuten von außerhalb besetzen wollte.

Wie in Zeitlupe nickte Nick dann. »Also gut.«

Erneut schlug der Südstaatler ihm auf die Schulter. »Na siehst Du, Nick. War doch gar nicht so schwer!«

 

 

2

 

Es war so noch so verdammt früh und Hugh Kincaid wäre gerne noch in seinem Bett geblieben. Aber dann war die Anfrage des Radiosenders WWCR gekommen und der Demokrat hatte gewusst, dass er diese Einladung besser wahrnehmen sollte. Heute war Wahltag und Fatima Jones stand in den Startlöchern, als erste Frau und zugleich als erste Muslima Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden. Hugh war zwar ebenfalls Demokrat, aber vertrat eine gänzlich andere Sozialpolitik als die Kandidatin seiner Partei. Das Interview war eine Gelegenheit, um sich selbst und seine Positionen darzustellen.

In seinem Kopfhörer verklangen langsam die letzten Töne vom Rollings Stones Klassiker Sympathy For the Devil, während Kevin Stone vor ihm noch einen extra tiefen Schluck aus seinem Kaffeebecher nahm. Gleichzeitig zählte ein Produktionsmitarbeiter mit einer Hand einen Countdown herunter. Als er bei null angekommen war, ertönte ein Jingle, und das Schild mit der Aufschrift On Air begann zu leuchten.

»Das ist die neueste Ausgabe von Think Outside, mein Name ist Kevin Stone und mein Gesprächspartner am heutigen Morgen ist der demokratische Abgeordnete Hugh Kincaid, auch bekannt als Mister Soziale Gerechtigkeit. Guten Morgen, Hugh!«

Am liebsten hätte Hugh den Radiomoderator gevierteilt, denn eigentlich war ein etwas gemäßigter Einstieg in das Radio abgesprochen gewesen. »Guten Morgen, Kevin!«

Der Radiomoderator sah auf seinen Notizblock. »Wer wird heute Abend neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika?«

»Ich gehe davon aus, dass Fatima Jones ganz klar als Siegerin hervorgehen wird. Desmond Wallace kommt aus einem anderen Jahrhundert und vertritt sogar noch ältere Ansichten. Fatima Jones hingegen ist jung, dynamisch und genießt jede Menge Sympathien in den unterschiedlichsten Wählergruppen«, antwortete Hugh ohne zu zögern.

Erneut konsultierte Stone seinen Notizblock. »Aber sie ist Muslima. Was werden dazu wohl die konservativen Wähler sagen?«

Hugh straffte sich sichtlich und sah den Moderator bei seiner Antwort in die Augen. »Gerade die konservativen Wähler finden durch diesen Umstand vielleicht sogar einige Schnittmengen.«

Der Radiomoderator runzelte die Stirn. »Was für Schnittmengen sollen das sein?«

»Nehmen Sie doch allein das Familienbild. Fatima Jones vertritt ganz klar das traditionelle Familienbild und legt auch größten Wert auf die Institution der Ehe. Beides sind Schlagworte, die immer wieder auch von Konservativen aufgegriffen werden.«

Dann sah Hugh die Geste eines Technikers und der Radiomoderator nickte. »Wir haben einen Anrufer in der Leitung der genau zu diesem Thema etwas sagen möchte. Wer ist denn dran?«

Für Momente drang ein kurzes Rauschen aus den Lautsprechern, als die Leitung durchgeschaltet wurde.

»Guten Morgen, mein Name ist Bob«, drang eine unsichere Stimme aus den Lautsprechern.

»Guten Morgen, Bob. Wie ist ihre Meinung zu Fatima Jones?«, fragte Stone freundlich.

»Das kann ich ihnen sagen Kevin. Dieses Moslemweib soll zurück in ihr Land gehen. Die USA sind christlich und werden es auch bleiben, auch wenn das Leuten wie ihrem sauberen Studiogast nicht gefällt. Dieser grässliche Kulturmarxismus widert mich an!«

Dann war die Leitung tot, der Anrufer hatte aufgelegt. Spöttisch sah Stone seinen Gast an. »Meinten Sie diese Art von konservativen Wählern, Hugh?«

Aus einer lockeren Talkshow war gerade etwas anderes geworden, deshalb wählte Hugh seine nächsten Worte mit Bedacht. »In einer Demokratie geht es immer um Kompromisse und um einen gesellschaftlichen Diskurs. Dabei wird es immer Einzelne geben, die sich mit einigen Aspekten davon nicht arrangieren wollen oder können. Dies ist die Herausforderung, der sich jeder Politiker stellen muss.«

Erneut signalisierte der Techniker hinter der Glasscheibe einen Anrufer. »Zu dem Thema haben wir gleich noch einen zweiten Anrufer. Guten Morgen, wer ist denn da?«

»Mein Name tut nichts zur Sache«, sagte eine rauchige Frauenstimme. »Die Demokraten haben doch ihre Seele verkauft. Sie wollen die USA in einen Albtraum verwandeln und das werden wir nicht mitmachen. Wenn Fatima Jones Präsidenten wird, werden die Straßen in Flammen stehen. Dagegen werden die Rassenunruhen in den 1960er Jahren ein Kinderspiel gewesen sein.«

Dann legte auch die Anruferin auf und erneut sah Stone seinen Interviewpartner wieder mit einem seltsamen Grinsen an. »Die Anruferin gerade brachte noch einen weiteren Punkt zur Sprache. Ihre Kandidatin ist nicht nur weiblich und muslimisch, sondern auch schwarz. Steckt hinter dieser Auswahl nicht auch die Agenda der demokratischen Partei?«

Langsam wurde Hugh wütend, denn er fühlte sich vom Moderator und der Auswahl der Anrufer in die Ecke gedrängt. Außerdem hatte er WWCR nicht für einen rechten Radiosender gehalten. »Fakt ist, dass Fatima Jones durch einen demokratischen Prozess innerhalb meiner Partei Präsidentschaftskandidatin geworden ist. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie die beste Antwort der Demokraten auf die Herausforderungen unserer Zeit ist!«

Stone nickte und zeichnete Kringel auf seinem Block. Dann sah er auf und legte seinen Kopf leicht schräg. »Und dennoch gelten Sie als einer der größten Kritiker eben jener Präsidentschaftskandidatin. Wo gibt es ihrer Meinung nach Defizite bei Fatima Jones?«

Hugh schwieg für einige Sekunden. Genau das war des Pudels Kern, deshalb war er in die Sendung gekommen. Aber er hatte seine Selbstdarstellung gerne weniger offensiv vorgetragen, schließlich war heute Wahltag.

»Sehen Sie, Kevin...«, begann der Abgeordnete und rieb sich die Hände. »Sie haben mich eingangs als Mister Soziale Gerechtigkeit vorgestellt. Das stimmt und ich will die Ungerechtigkeit in diesem Land bekämpfen, egal ob es sich um Rassismus, die Benachteiligung von Frauen oder aber die schwierige Lage in den Südstaaten angeht. Diese Aspekte finde ich jedoch zu wenig bei Fatima Jones repräsentiert, aber letztlich ist das lediglich eine programmatische Frage.«

Es folgten noch einige softere Themen und Fragen, dann war das Interview zu Ende. Im Großen und Ganzen hatte er sich und seine Standpunkte dem Hörer gut präsentieren können und die seltsam krawallige Stimmung vom Anfang des Gesprächs war nicht wieder aufgetaucht. Bevor Hugh das Studio verlassen konnte, hielt ihm Stone noch ein Exemplar seines neuesten Buches mit dem Titel Unfair hin und erbat eine Unterschrift. Dann endlich konnte Hugh das Studio verlassen. Als er das Gebäude verließ und auf den Bürgersteig trat, vibrierte sein Smartphone in der Hosentasche. Er zog es hervor und sah eine unbekannte Nummer auf dem Display. Achselzuckend nahm er das Gespräch an und meldete sich.

»Gutes Interview gerade«, hörte Hugh eine ihm vertraute weibliche Stimme.

»Danke, Fatima«, antwortete Hugh.

»Was würden Sie davon halten, wenn Sie das Arbeitsministerium für mich übernehmen würden?«

 

 

3

 

Nick hatte sich am Morgen im Fitnesscenter die Seele aus dem Leib trainiert. Schon seit Jahren hielt er sich mit Ausdauer- und Krafttraining fit. Auf diese Weise wurde er die Stresshormone wieder los und fühlte seinen Körper wieder besser. Danach war er mit einem Kontakt essen, den er gestern noch von Vaughn vermittelt bekommen hatte. Ein bulliger Texaner der auf den Vornamen Lee hörte und als Büroleiter für Desmond Wallace arbeitete. Nach der Hälfte seines Kaffees wusste Nick, dass Lee ein Idiot war. Die Bezeichnung Parteisoldat wäre schon ein Lobgesang auf den eitlen Affen aus Dallas gewesen. Aber Nick brauchte jeden Kontakt, den er bekommen konnte. Also war er nett gewesen und hatte auf Kumpel gemacht. Der texanische Bulle war gleich darauf angesprungen und hatte über einen Schwarzen am Nebentisch gelästert. Dann war auch dieser Termin erledigt gewesen und Nick hatte noch etwas in seinem Büro direkt neben dem Kapitol erledigt. Damit war die Pflicht des Tages erledigt gewesen. Unter normalen Umständen wäre er natürlich zur offiziellen Wahlparty gefahren, aber der heutige Wahltag war anders. Desmond Wallace war die Pest und Fatima Jones die Cholera. In diesem Fall würde die Pest zumindest einen Schritt in die richtige Richtung bedeuten, wenn es auch nur ein mikroskopisch kleiner wäre. Wenn hingegen die Cholera die Oberhand bekäme, würden die nächsten vier Jahre konsequente Fundamentalopposition bedeuten. Auch wenn Nick es sich ungern eingestand, aber eigentlich wäre ihm ein Sieg der Demokratin lieber gewesen.

Da dieser Tag sowieso für ihn gelaufen war, hatte er sich auf den Weg zu Madison gemacht. Madison Durden hatte lange blonde Haare, war fast einen Meter achtzig groß, schlank und die Kurven genau an den richtigen Stellen. Weiterhin war Madison die große Unbekannte im Leben des Abgeordneten. Sie führten nun schon eine mehrjährige Beziehung, die jedoch fast ausschließlich im Bett stattfand. Hier und dort ein gemeinsames Essen, mal eine Messenger-Nachricht dort. Richtige Kommunikation gehörte hingegen nicht so zum Programmumfang, dafür stritten sie sich auch so gut wie nie. Madison war Ärztin und hatte den ganzen Tag mit Patienten zu tun, deshalb führte Nick die Sprachlosigkeit auf diesen Umstand zurück. Wenn jemand etwas sagte, war meist er es.

Als Madison ihm die Tür ihrer Wohnung in Georgetown geöffnet hatte, war er gleich über sie hergefallen und sie hatten sich noch im Flur die Seele aus dem Leib gevögelt. Eine Fortsetzung hatte es dann im Badezimmer gegeben und nun lagen sie nebeneinander im Bett. Madison lag in seinem rechten Arm und atmete ruhig, ihre Augen starrten aber an die Decke. Nick starrte wie hypnotisiert auf den Fernseher, auf dem eine Wahlsondersendung lief. Ein unendlicher Marathon mit unglaublich wichtigen Akteuren der Politszene wurde zelebriert, bis endlich Desmond Wallace auf dem Bildschirm erschien.

»Was werden Sie machen, wenn Sie diese Wahl heute gewinnen?«, fragte ein Reporter.

Der Mann mit dem dichten grauen Haar und der Hakennase sah lächelnd in die Kamera. »Ich werde ein Glas Wein auf die Zukunft dieses Landes trinken, denn wir werden es wieder groß machen!«

Genervt ließ Nick seinen Kopf auf das Kopfkissen sacken und sah ebenso zur Decke wie Madison. Die indirekte Beleuchtung der Decke spiegelte sich teilweise auf der hochglanzpolierten Echtholzverkleidung. Das war Nick bisher nie aufgefallen.

»Wird es einen Platz für dich im Weißen Haus geben?«

Nick dachte nach. Das war wahrscheinlich der erste Satz, den einer von ihnen heute gesprochen hatte. Dabei gefiel ihm der Klang ihrer Stimme durchaus, denn es war keine aufgedrehte Mickey-Mouse-Stimme. Sinnlich, dachte Nick.

»Höchstwahrscheinlich, aber nur als besserer Wasserträger. Dafür hat Vaughn gesorgt.«

In diesem Moment hörte Nick das Schlagwort aus den überall im Schlafzimmer verteilten Lautsprechern des Fernsehers drängen, auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. Prognose. Sein Kopf fuhr wieder hoch und sein Puls beschleunigte sich. Madison hob nun auch ihren Kopf und sah zum Fernseher.

»Es deutet sich ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen an. Laut unserer ersten Prognose führt Desmond Wallace mit 51,9 Prozent, während Fatima Jones mit 48,1 Prozent geführt wird.«

»Gut für dich, Cowboy«, raunte Madison, biss ihm spielerisch in den Hals und ließ ihre Finger entlang seiner Brust nach unten wandern.

 

 

4

 

Vincent DiNozzo stand an seinem Gasgrill und blinzelte in die untergehende November-Sonne. Das Grillen gehörte für DiNozzo einfach dazu, egal ob Frühling, Sommer oder eben im Winter. Vor ihm auf dem Grill brutzelten in Aluschalen köstliche Steaks und etwas Gemüse. Die Steaks waren für seinen Sohn Toby und ihn. Ally hatte sich heute nur Gemüse und einige prächtige Champignons von ihm gewünscht.

Zufrieden stellte DiNozzo das Gas ab und belud die Teller mit dem köstlichen Grillgut, um es durch die Terrassentür ins Wohnzimmer zu bugsieren. Toby hatte auf seinen Dad schon gewartet und ließ die Glastür vor ihm aufgleiten.

»Die Steaks sehen super aus«, kommentierte der Zehnjährige und ließ die Tür wieder zugleiten, um die Kälte draußen zu lassen.

DiNozzo grinste seinen Sohn an. »Na klar, hast du was anderes erwartet?« Dann balancierte er die Teller vorbei an dem Sideboard, auf dem die Fotogalerie stand. Ally hatte sie aufgestellt, als DiNozzo in Afghanistan, Venezuela gewesen war. Auf diese Weise wusste sein Sohn wenigstens noch wie er aussah, wenn er aus dem Einsatz zurückgekommen war. Jedes Mal bei seiner Rückkehr hatte er dann ein neues Foto von sich dort stehen sehen. Er selbst mit seiner Einheit in voller Kampfausrüstung vor einem Chinook-Transporthubschrauber oder in Galauniform bei irgendeinem offiziellen Anlass. Eines der Bilder zeigte ihn während seines Zwangsaufenthalts in einem Militärkrankenhaus in Deutschland, als er sich zwei Kugeln in den Rücken eingefangen hatte. Aber all das war jetzt vorbei, seit September war er jetzt beim Nachrichtendienst der Army und hatte den Dienst bei den Rangern beendet.

Der Tisch im Esszimmer war schon gedeckt, während Ally gerade beladen mit zwei Schüsseln Salat aus der Küche kam. »Ich hoffe du hast Hunger!«

DiNozzo stellte die Teller auf den Esstisch und Toby setzte sich schon mal auf seinen Platz. »Und wie. Sieht aber aus, als wäre ich nicht der Einzige!«

Toby saß schon wieder an seiner Spielkonsole, während DiNozzo und seine Frau Ally noch am Esstisch sitzen geblieben waren. »Dich interessiert wirklich nicht, wer Präsident wird, oder?«

DiNozzo zuckte mit den Schultern. »Es sind doch sowieso alle gleich. Nach dem fünften Präsidenten habe ich aufgehört, mir ihre Namen zu merken.«

Ally lachte schnaubend. »Ich bin ja schon gespannt, ob es endlich mal eine Frau schafft.«

DiNozzo trank einen Schluck Wasser. »Mir soll es recht sein, wobei sie sicher nicht so schöne Lieder wie der Sänger aus Nashville trällern kann.«

Toby gab seinen Unmut über ein verlorenes Online-Spiel lautstark und unmissverständlich zum Besten. »Nicht so heftig, Toby«, rief DiNozzo grinsend. »Wenn es dich interessiert, schalte dir doch den Fernseher ein?«, sagte DiNozzo dann deutlich leiser zu Ally.

Doch seine Ehefrau erhob sich und begann die Teller aufeinanderzustapeln. DiNozzo stand ebenfalls auf und brachte die Salatschüsseln in die Küche. In diesem Moment durchschnitt ein lauter elektronischer Ton die Stille. Irritiert blieb DiNozzo stehen und sah sich nach der Quelle davon um. Das Signal brach ab und erklang dann nochmal. Dann war er sich sicher, es kam von der Garderobe. Also ging er hin und griff in seine Jacke. Während seine Finger durch den Stoff wühlten, fühlte er schon die Vibration. Dann fand er seinen Pager und zog das kleine Gerät heraus und sah auf dessen Display. Start Operation Titanium, las er als Meldung. Konnte das wirklich sein? War wirklich jemand ausgerechnet am Wahltag in Laune für eine Übung?

»Das ist nicht wahr, oder?«, sagte Ally hinter ihm.

DiNozzo drehte sich zu seiner Frau um und schüttelte den Kopf. »Das ist der Code für eine Übung, aber ausgerechnet heute?« Er schüttelte ungläubig den Kopf.

»Fahr schon hin, das musst du ja sowieso.«

DiNozzo war froh, dass Ally die Situation so gelassen hinnahm. Aber dies war auch der erste Alarm, seit er bei der Army Intelligence war. Da hatten sie in Vergangenheit definitiv häufigere Alarme erlebt. Alarme an Feiertagen, im Urlaub und mitten in der Nacht. Im Anschluss war er dann oft genug Wochen weg gewesen, da war die Arbeit beim Nachrichtendienst schon ein echtes Zuckerschlecken.

»Wetten, ich bin in einer Stunde zurück?«

Ally sah ihn ernst an. »Gib mal keine Versprechen, die Du hinterher nicht halten kannst!«

Stumm nickte er. Der Wahltag war natürlich wie gemacht für einen kleinen Sondereinsatz, schließlich waren heute fast alle auf die Medien fixiert. Das war eine Ausgangslage die für eine Infiltration wie gemacht war.

DiNozzo stoppte den Mondeo vor dem heruntergelassenen Schlagbaum des Stützpunkts und zeigte dem Wachhabenden seinen Ausweis. Daraufhin wurde er durchgewinkt und steuerte den Wagen zum Parkplatz. Als er um die letzte Kurve fuhr, fühlte es sich an, als hätte ihm jemand einen Strick um die Brust gelegt und zugezogen. Auf dem speziell für seine Dienststelle eingerichteten Parkplatz standen die Wagen seiner Kameraden. Das sah jetzt so gar nicht mehr nach einem Fehlalarm aus, hatte Ally also doch recht gehabt?

Schnellen Schrittes legte er den Weg zum Gebäude zurück und betrat dann den Briefingroom, nickte den Anwesenden dabei zu.

Als DiNozzo Platz genommen hatte, trat Colonel Rogers an das Pult. »Sie alle wissen, worum es geht. Die Nation starrt wie gebannt auf den Ausgang der Präsidentschaftswahl, das betrifft natürlich auch die Sicherungseinheiten der Teilstreitkräfte, aber auch die der anderen Dienste. Aus diesem Grund führen wir heute Operation Titanium durch.« Der Colonel machte eine kurze Pause. »Sie dringen wie besprochen ins Kapitol ein und platzieren an den bekannten Stellen unsere Dummy-Sprengsätze. Dann kommen sie ungesehen zurück und wir präsentieren sowohl dem FBI als auch dem Secret Service die Rechnung.«

Die Männer in dem Briefingroom begannen zu lachen. Schon lange war es ein offenes Geheimnis, dass sich die unterschiedlichen Waffengattungen, Nachrichtendienste und Polizeibehörden untereinander nicht unbedingt so grün waren. Unter dem Deckmantel eines Provokationstests versuchten die unterschiedlichen Einheiten, sich gegenseitig auszutricksen.

»Also, zeigen Sie unseren Kollegen, dass mit der Army Intelligence auch am heutigen Tag zu rechnen ist!«

Also hatte Ally recht gehabt und er würde keinesfalls schnell wieder zuhause sein. Sie hatten die Mission unzählig oft trainiert und minutiös durchgespielt, aber sie würde sich dennoch Stunden hinziehen. DiNozzo presste die Lippen zusammen und stand wie seine Kameraden von seinem Platz auf. Es gab jetzt einen Job zu erledigen, alles andere war sekundär. Immerhin fand dieser Einsatz nicht auf irgendeinem Schlachtfeld stand, sondern in Washington.

 

 

5

 

Das Finnegans war laut, überheizt und mit Demokraten und ihren Sympathisanten überfüllt. Der Wirt hatte sogar Stühle um mehrere Heizpilze vor dem Lokal aufgestellt, damit alle Gäste auch einen Platz hatten. Hugh saß mit einigen Freunden an einem Ecktisch und war auf dem besten Weg, sich mit Bier volllaufen zu lassen. Auf dem Tisch stand ein Pitcher und keiner war sich mehr so ganz sicher, der wievielte Krug es wirklich war. Hugh Kincaid war es egal. Heute Abend würde sich sein weiteres Schicksal entscheiden, das zählte für ihn. Wenn Fatima Jones ins Weiße Haus einzog, würde sie ihn mitnehmen. Das Angebot war einfach zu gut gewesen, als dass er es hätte ausschlagen können. Verlor Jones gegen Wallace, würde er so weiter machen wie bisher. Sein Standing in der Partei und unter den Wählern war gut, seiner Wiederwahl ins Repräsentantenhaus stand absolut nichts im Wege.

Erneut füllte sich Hugh sein Glas mit Bier und trank einen Schluck des eiskalten Getränks. Genau da fiel ihm jedoch etwas siedend heiß ein. Sein Vater hatte ihn heute angerufen und bisher hatte er ihn noch nicht zurückgerufen. Das wollte er unbedingt noch erledigen, bevor sein Bewusstseinszustand sich vom geschmackvollen Gerstensaft völlig verklärt hatte.

»Bin kurz mal draußen, muss noch dringend telefonieren«, sagte er in Richtung von Lewis Andrews, den er noch aus der Highschool kannte. Andrews rief irgendwas hinter ihm her, was Hugh jedoch nicht verstand. Dennoch nickte er, als er sich durch das dichte Gedränge im Schankraum des Finnegans in Richtung des Ausgangs bewegte. Als er die Tür aufdrückte, schlug ihm die kalte Luft des Novemberabends entgegen. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und die Temperatur war sofort um einige Grad abgesackt. Wehmütig dachte er an seine Jacke, aber die hatte er auf der Rückenlehne seines Stuhls hängen lassen. Er würde jetzt aber definitiv nicht zurückgehen, solange wollte er schließlich auch gar nicht telefonieren. Zur Bekanntgabe des Wahlsiegers wollte er spätestens wieder im Finnegans sein.

Bevor Hugh sein Smartphone von seinem Gürtel zog, betrachtete er das Kapitol mit seiner Kuppel, das bereits von einer ganzen Batterie von Scheinwerfern angestrahlt wurde und deshalb fast überirdisch weiß leuchtete. Unwillkürlich nickte er sich selbst zu. Es war ein Privileg, in Washington zu leben und zu arbeiten. So wie es aussah, würde er noch lange Jahre hierbleiben und es gab deutlich schlechtere Orte als diese Stadt.

Dann klippte er sein Smartphone vom Gürtel und wählte aus den Kontakten die Nummer seines Vaters aus. Er hörte das Freizeichen zwei Mal, dann wurde abgenommen. Musik und Gelächter drang ihm aus dem Hörer entgegen.

»Hört sich an, als würdest Du eine Party feiern?«, hörte sich Hugh selbst sagen.

Sein Vater lachte am anderen Ende der Leitung. »Stimmt! Wir sind am Moss Lake, etwa zwischen Dallas und Houston.«

Hugh runzelte die Stirn. Wer war wir und warum war sein Vater in Texas? Hugh stellte ihm genau diese Fragen.

»Jack Rhinehart hat ein Ferienhaus hier, wir sind zu drei Paaren hier und haben unseren Spaß!«

Hugh schluckte. Sein Vater hatte von Paaren gesprochen, das war eine Neuigkeit. Also hatte sein Dad endlich wieder jemanden gefunden. Jack Rhinehart hingegen war ebenso Professor in Berkeley, wie es auch sein Vater war und die beiden verband seit Jahren eine freundschaftliche Beziehung.

»Deshalb hatte ich Dich angerufen, als dein alter Herr wollte ich mich wenigstens bei dir abmelden!«

Hugh musste lachen, als ihm jemand auf die Schulter tippte. »Die erste Hochrechnung wurde gerade angekündigt«, flüsterte ihm dann Lewis ins Ohr.

»Alles klar Dad, wir feiern gerade in einer Kneipe den bevorstehenden Wahlsieg von Fatima Jones. Ich muss jetzt auch wieder rein!«

Sein Vater schmunzelte. »Dann mach heute Abend aber bitte nichts, was ich nicht auch tun würde!«

Dann verabschiedeten sich die beiden Männer voneinander und Hugh folgte Lewis zurück in das Finnegans. Sie schafften es in Rekordzeit zu ihrem Tisch und setzten sich, als der Wirt die Musik abstellte und den Ton der Fernseher hochdrehte.

»Sehr verehrte Damen und Herren. Uns stehen jetzt die ersten Hochrechnungen zur Verfügung.« Auf dem Bildschirm erschien ein leeres Diagramm. »Desmond Wallace konnte...«, begann der Moderator und wurde dann unfreiwillig unterbrochen. Die in der Kneipe verteilten Bildschirme wurden allesamt zeitgleich blau, so als hätten sie das Signal verloren. Sofort regte sich lauter Unmut im Lokal. Achselzuckend hielt der Wirt eine Fernbedienung in die Höhe und wollte umschalten. Doch es blieb bei dem Versuch. Die Kanalnummer in der rechten oberen Ecke des Bildschirms veränderte sich mehrfach, aber das dunkle Blau des Bildschirms blieb gleich. Erneut brandeten Buhrufe und Pfiffe auf, aber Hugh blieb still und runzelte die Stirn. Technische Pannen konnten natürlich immer passieren, aber das sie ausgerechnet jetzt und so allumfassend passierten, war schon bemerkenswert. Lewis sah Hugh an. »Seltsam!«

Da zitterte der Boden des Lokals, als sich irgendwo in der Nähe kurz hintereinander fünf Dumpfe Explosionen ereigneten. Sofort wurde es leise im Finnegans und die meisten Besucher sahen sich irritiert an. Lewis und Hugh standen jedoch auf und drängten mit ein paar anderen Besuchern nach draußen, während die Fernseher immer Bilder zeigten, die auch zu Picassos Blauer Periode hätten gehören können. Lewis drängte vor Hugh ins Freie und blieb wie angewurzelt in der kalten Abendluft stehen. »Scheiße, Mann«, keuchte er.

Hugh trat neben seinen Freund und seine Augen weiteten sich vor Unglauben. Seit er eben hier draußen mit seinem Vater telefoniert hatte, hatte sich etwas entscheidend verändert. Eben war das Kapitol noch strahlend weiß gewesen und intakt gewesen. Nun klafften große Löcher in der Fassade, aus der dichter Rauch in den Himmel emporstieg. Aus anderen Teilen des Gebäudes zuckten Flammen hervor und hatten bereits begonnen, die ehemals weiße Fassade des Kapitols zu schwärzen und bald würden sie die Bausubstanz wohl völlig verschlingen. Doch das schlimmste Detail, das die Scheinwerfer aus der Nacht rissen, war die Kuppel des Kapitols. Oder besser, die Stelle, an dem sie sich einst befunden hatte, denn sie war scheinbar durch die Wucht der Explosionen in sich selbst zusammengestürzt.

Hugh sah Lewis aus großen Augen an, dann sprach er die Wahrheit aus. »Verdammt, wir sind wieder angegriffen worden. Das ist ein neues 9/11, nur dass dieses Mal direkt unser Herz angegriffen wird!«

Ohne groß nachzudenken nahm Hugh erneut sein Smartphone zur Hand, um die apokalyptische Szene auf einem Foto festzuhalten. Als er die Kamera aktivierte, bemerkte er dass sein Telefon keinen Empfang hatte.

»Hast Du Empfang, Lewis?«

Sein Freund runzelte die Stirn, dann verstand was er wollte und zog ebenfalls sein Mobiltelefon heraus. »Nein Mann, kein Netz!«

Um sie herum brach eine Kakophonie der unterschiedlichen Sirenen aus. Polizei, Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge rückten aus und würden die Lage schnell in den Griff bekommen, da war sich Hugh sicher. Er ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, wie sehr er sich damit täuschen sollte...

 

 

6

 

Sie hatten es geschafft. Vincent DiNozzo und seine Männer beglückwünschten sich gegenseitig mit Highfives und machten Sprüche über die dummen Gesichter der Verantwortlichen, wenn ihr Coup bekanntgegeben wurde. Die Army Intelligence hatte es NSA, FBI und auch dem Secret Service so richtig gezeigt.

Genau in diesem Moment zerrissen fünf Explosionen direkt hinter ihnen die Stille der Nacht. Das Kapitol wurde durch die Wucht der Detonationen förmlich auseinandergerissen und Teile des Gebäudes stürzten ein.

Fünf Explosionen, dachte DiNozzo. Das waren genauso viele Explosionen, wie sein Team auch angebliche Dummy-Sprengsätze im Kapitol platziert hatte.

Die Gedanken im Kopf von DiNozzo überschlugen sich, dann agierte er nur noch. Durch seine Kampferfahrung hatte er eines gelernt: Die meisten Fehler konnten korrigiert werden, nur Passivität erforderte meist einen schrecklich hohen Preis. Wer sich bewegte, überlebte.

»Jemand versucht, uns hier gerade aufs Kreuz zu legen. Wir machen weiter mit dem Plan.« Dann hörte er die Polizeisirenen. Zu nah, die Streifenwagen waren viel zu nah! »Wir verwerfen die Fluchtrouten und fahren durch die Innenstadt!«

Die beiden Jeep Cherokees starteten ihre Fahrt durch das nächtliche Washington, das neben den Straßenlaternen jetzt auch von den Signallichtern der Einsatzfahrzeuge erhellt wurde.

DiNozzo steuerte den Führungswagen mit Vollgas weg vom Kapitol. Der zweite Cherokee folgte ihnen in kurzem Abstand. Die Wagen mussten zusammenbleiben und sie mussten gemeinsam aus der Stadt entkommen, sonst würde ihr mysteriöser Gegenspieler noch leichteres Spiel als ohnehin schon haben. Unter dem entsprechenden Zwang brach irgendwann jeder zusammen und gab die absurdesten Geständnisse ab. Wer auch immer für das Fiasko verantwortlich war, war ihnen noch mindestens einen Schritt voraus und ihre einzige Chance war Schnelligkeit. Aber dazu mussten sie wirklich verdammt schnell sein!

»Wir haben ein Problem, Vincent«, rief Shoemaker vom Rücksitz aus. »Die verdammten Nummernschilder!«

Die Hände von DiNozzo verkrampften sich um das Lenkrad, denn Shoemaker hatte vermutlich recht. Der Gegner im Schatten würde mit jeder Munition auf sie feuern, die ihm zur Verfügung stand. »Scannt den Polizeifunk, ob da unsere Kennzeichen durchgegeben werden!«

Der Cherokee raste mit Vollgas die New Jersey Avenue in südlicher Richtung entlang, als sich Shoemaker wieder meldete. »Die Polizei sucht nach uns, die haben unsere Kennzeichen!«

Wenn sie aus Washington raus wollten, würden sie sich vorher andere Fahrzeuge besorgen müssen. Ansonsten würde ihnen bald jeder Polizist im ganzen Staat an den Stoßfängern hängen.

»Wir haben Gesellschaft. Zwei Streifenwagen verfolgen uns«, meldete der zweite Cherokee hinter ihnen.

Mit Gewalt zwang DiNozzo den schweren SUV mit über den Asphalt radierenden Reifen in eine Linkskurve auf die North Carolina Avenue. Gegenverkehr gab es so gut wie keinen, deshalb konnten die beiden Streifenwagen unaufhaltsam Boden gut machen. Sie mussten die Polizisten so schnell wie möglich loswerden, sonst würden ihnen deren Kollegen bald einfach den Weg abschneiden.

»Sollen wir schießen?«, drang die Stimme von Weller aus dem Funkgerät. DiNozzo dachte nach und entschied sich dann dagegen. Sein Team war mit Heckler & Koch MP5 Maschinenpistolen ausgestattet. Aber sie waren nicht hier, um aufrechten Amerikanern das Licht auszuknipsen.

»Negativ, vorerst kein Schusswaffengebrauch. Rammstöße sollten reichen«, befahl der Kommandant über Funk. DiNozzo hatte einen Plan und der trug einen Namen. Folger Park. In die Parkanlage konnten die Streifenwagen nicht folgen, während die Allradfahrzeuge kein Problem haben würden.

DiNozzo sah im Rückspiegel den Cherokee mit dem anderen Team hinter ihnen ruckartig nach rechts ziehen. Kurzzeitig war neben dem Geländewagen einer der Streifenwagen zu sehen, dann krachte das Heck des SUV gegen die vordere Achse des leichteren Streifenwagens und ließ ihn schleudernd in die Fassade eines Herrenausstatters krachen. Einer weniger, dachte DiNozzo.

Dann hatten die beiden SUVs und der Streifenwagen den Folger Park erreicht und steuerten mit hoher Geschwindigkeit auf das Gelände zu, während der Fahrer des Streifenwagens das Gelände erst umrunden musste. Im Rückspiegel sah DiNozzo, dass der Fahrer sich für den Umweg über die 2nd Street entschieden hatte. Umgehend zog DiNozzo die Handbremse und ließ das Heck des Wagens ausbrechen, drehte den SUV nach rechts und machte einen neunzig Grad Turn. Der Fahrer des anderen SUV kopierte das Manöver und dicht hintereinander verließen die Jeeps den Park und beschleunigten die 3rd Street Richtung Süden. Den Streifenwagen hatten sie hinter sich gelassen.

»Jetzt besorgen wir uns andere Fahrzeuge. Egal was, es muss nur schnell gehen!«

Vor ihnen tauchte das Gebäude der St. Peters School auf. Der Parkplatz davor war mit Autos der unterschiedlichsten Fabrikate gut bestückt. Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des Fahrers.

Der Cherokee schoss an einer Seitenstraße vorbei, als DiNozzo die Schnauze eines bulligen Fahrzeugs auf der Beifahrerseite mit ausgeschalteten Scheinwerfern auftauchen sah. Dann hatten sie das Fahrzeug passiert, aber der zweite Jeep hatte keine Chance und wurde von dem schweren Pickup erfasst. Das Fahrzeug rammte den Cherokee mit Wucht in die Seite und schob ihn auf die andere Straßenseite. Reflexartig zog DiNozzo die Handbremse und stellte den Jeep quer, während er Mündungsfeuer aufblitzen sah und Männer in taktischer Ausrüstung den beschädigten Cherokee umringten. »Das sind verdammte Deltas«, zischte DiNozzo. Er hatte im Irak das Vorgehen der Delta Force gesehen und diese Taktik gerade stank förmlich nach dieser Spezialeinheit.

»Was machen die mitten in Washington?«, presste Shoemaker hervor.

»Scheiß drauf«, knurrte der bullige Dawson. »Wir hauen unsere Jungs da raus!«

DiNozzo nickte. »Dawson gibt uns mit dem M60 aus dem Kofferraum Deckung, wir kümmern uns um den Rest!«

 

 

7

 

»Das gibt es doch nicht«, entfuhr es Nick. Der Fernseher hatte im entscheidenden Moment einfach auf Bluescreen geschaltet. Nervös griff er nach der Fernbedienung und suchte ein anderes Programm, doch er fand keines.

Genervt griff er sich sein Blackberry vom Nachttisch.

»Was hast Du vor?«, fragte Madison.

»Es gibt doch garantiert einen Livestream, dann müssen wir nicht warten bis der Kabelbetreiber die Leitungen gefixt hat.« Dann tippte Nick auf dem Smartphone herum und stöhnte. »Kein Netz!«

Madison griff sich nun auch ihr Mobiltelefon. »Bei mir das das Gleiche.«

»Was ist denn heute nur los?« Stöhnend stand Nick vom Bett auf und ging nackt zur Stereoanlage, schaltete das Radio ein. Nur statisches Rauschen drang aus den Boxen.

»Jetzt mache ich mir langsam echt Sorgen«, sagte Madison und stand ebenfalls vom Bett auf.

Dann hörten sie die erste Explosion, schnell gefolgt von vier weiteren. »Scheiße«, entfuhr es Nick und er suchte sich hastig seine Kleidung zusammen. »Das kam ganz aus der Nähe!«

Auch Madison begann sich anzuziehen, während sich draußen Sirenengeheul ausbreitete. »Ob das beim Weißen Haus war?«

Nick schüttelte den Kopf. »So nah war es nicht, aber vielleicht beim Kapitol.«

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, machten sie sich fertig um die Wohnung zu verlassen und befanden sich kurze Zeit später auf der Pennsylvania Avenue, die schnurstracks von Georgetown in Richtung der Regierungsgebäude führte. Mit ihnen schien ganz Washington auf den Beinen zu sein. Zuerst hatte man die Bewohner um das Ergebnis der Präsidentenwahl gebracht, nun hatte es außerdem einige schwere Explosionen gegeben. Das reichte aus, um die Menschen auf die Straße zu treiben. Schließlich funktionierten auch die Smartphones nicht mehr und es gab keine Informationsquelle mehr außer den eigenen Augen, um sich ein Bild über die Geschehnisse zu verschaffen. Glücklicherweise ließen die Menschen größtenteils die Autos stehen und nur Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr rasten in Richtung der Regierungsgebäude über die Straßen.

Die Luft war kalt, tat aber sowohl Madison als auch Nick gut, der instinktiv seinen Arm um ihren Rücken gelegt hatte.

Keiner der beiden sagte ein Wort, während um sie herum die Menschen scheinbar ununterbrochen redeten. Nick hörte andauernd einen Begriff 9/11. Das Trauma in der Geschichte der Vereinigten Staaten, das vielleicht sogar noch den Vietnamkrieg in seiner Relevanz nach unten relativierte. Wenn der Vietnamkrieg gezeigt hatte, dass die USA keinesfalls unbesiegbar waren, dann war die Botschaft hinter 9/11, dass die USA auch definitiv nicht unangreifbar waren. Dabei war es pure Ironie, dass die Angriffe ausgerechnet unter anderem dem World Trade Center als einem der Symbole des freien Welthandels gegolten hatten. War es doch gerade der freie Welthandel, der die Globalisierung nötig gemacht und damit die Welt näher zusammenrücken gelassen hatte. Auch die Krisenherde dieser Welt waren innerhalb dieses Prozesses näher an die USA gerückt und konnten somit auch eine reale Gefahr darstellen.

In der Ferne war die Renwick Galerie des Smithsonian Museums zu sehen, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Rauschen am Nachthimmel erklang. Sekunden später rasten zwei F16 Kampfjets im Tiefflug über die Dächer der Gebäude auf beiden Seiten der Pennsylvania Avenue hinweg.

Nick hatte einen Kloß im Hals. »Was hat das zu bedeuten, Nick?«, flüsterte Madison.

 

 

8

 

Captain Richard »Blueboy» Harris steuerte seine F16 im Tiefflug entlang der Pennsylvania Avenue in Richtung des Weißen Hauses. In Washington war etwas passiert, ansonsten wären um diese Uhrzeit nicht so viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Es war nur fraglich, was passiert war.

Als Kampfpilot verfügte Harris über überdurchschnittlich gute Reflexe, dafür war es nötig, seinen eigenen Ermessensspielraum auf ein Minimum zu reduzieren. Ansonsten wäre sein Verhalten zu fehleranfällig. Im Regelfall bedeutete das, dass er einen Befehl bekam und diesen ausführte. In seiner ganzen Laufbahn hatte er bisher nicht einen einzigen dieser Befehle angezweifelt. Ansonsten wäre es wohl auch Zeit gewesen, seine Karriere zu beenden. Doch heute war die Mission fast schon absurd, so dass er sich einfach ein letztes Mal vergewissern musste.

»Hier Eagle One. Habe ich Freigabe für Mission Jarhead?«

Es dauerte einige Momente, dann drang die Stimme des Operators aus seinen Kopfhörern. »Roger, Eagle One. bestätige grünes Licht für Operation Jarhead.«

Auf seinem grün leuchtendem Head-up-Display schmolz die Distanz zu seinem Zielgebiet. Schnell warf Harris noch einen Blick auf das kleine Foto von seiner Frau und ihren Kindern, das er im Cockpit befestigt hatte. Dann war es so weit, die beiden Kampfjets hatten das Zielgebiet erreicht. Beide Jets gewannen an Höhe, dann klappte der behandschuhte Daumen von Harris die Sicherungsklappe des Auslösers nach oben und er betätigte die den Auslöser für seine zwölf Mk. 82 SE Snake-Eye-Bomben. Sein Flügelmann warf ebenfalls seine Bomben ab und es regneten insgesamt vierundzwanzig luftklappengebremste Bomben auf das Weiße Haus hinunter.

 

 

9

 

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Einige brauchen zwanghaft die Gesellschaft anderer Menschen, während andere lieber allein sind. Zur letzteren Gruppe gehörte Hugh Kincaid. Während Lewis bei den anderen im Finnegans geblieben war, wollte er nur noch in seine Wohnung am Fuß des Capitol Hill. Zuerst hatte er sich überlegt, ein Taxi zu rufen, doch dann hatte ihm der Ausfall des Mobilfunknetzes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Letztlich war er aber so ganz froh darüber, denn die klare Luft würde ihm guttun. Er spürte recht deutlich seinen Alkoholpegel, aber das kam ihm jetzt absolut unpassend vor. Aber das war nur ein Teil der Wahrheit. Neben dem Alkohol war sein Blut jetzt auch vom Adrenalin geflutet worden und seine innere Unruhe machte ihn fast schon irre. Was immer auch am Kapitol passiert war, es war eine Katastrophe und Hugh wollte wieder klar denken können. Nachdem er gut ein Drittel des Nachhausewegs geschafft hatte, hörte er weitere Explosionen. Erneut hörte es sich so an, als wäre etwas in der Nähe der Regierungsgebäude detoniert. Ihm wurde kalt, aber die Ursache dafür war nicht allein die kalte Winterluft, sondern Angst. Angst pulsierte durch seine Adern und ließ ihn frösteln. Seit 9/11 wusste sogar der selbstgefälligste Amerikaner, dass sie jederzeit angegriffen werden konnten. Eigentlich war es nur eine Frage Zeit gewesen, aber waren das wirklich die Taten von Terroristen? Oder passierte hier in Washington gerade etwas völlig anderes? Andererseits war der islamistische Terror zu einer weltweiten Gefahr geworden. Gerade die USA hatten sich die Bekämpfung des Terrors auf die Fahnen geschrieben, da war es eigentlich nur logisch, dass sich das irgendwann einmal rächen würde. Aber hatten denn die Sicherheitsbehörden aus den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon nichts gelernt? Dann dachte Hugh daran, dass es ja auch schon Anschläge von Rechtsradikalen gegeben hatte. Oklahoma City 1993, ging es ihm durch den Kopf. Da raste ein Hubschrauber mit blinkenden Lichtern dicht über ihm in Richtung Regierungsbezirk hinweg. Wenn er sich nicht täuschte, war es ein Hubschrauber des US Marine Corps.

Aber was war mit der Störung des Fernsehempfangs und des Mobilfunknetzes? Mit klammen Fingern zog er sein Handy hervor. Es hatte immer noch kein Netz!

Konnten Terroristen einen so allumfassenden Anschlag auf Regierungsgebäude und gleichzeitig auch auf die Infrastruktur der Vereinigten Staaten verüben? Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als gerade das Ergebnis der Präsidentschaftswahl verkündet werden sollte? Wenn er ehrlich war, stank die Sache für ihn zum Himmel. War es aber denkbar, dass das Militär einen der beiden Kandidaten verhindern wollte? Desmond Wallace war dort sicher gern gesehen, aber was war mit Fatima Jones? Würde das Militär zum Äußersten gehen? Aber das war nur eine mögliche Variante, denn wie sah es mit den Linksradikalen aus? Wallace war eine wunderbare Projektionsfläche für alles was Linke hassten. Aber würden sie deshalb das Kapitol und andere Gebäude in die Luft sprengen, um Wallace zu verhindern? Hugh ging weiter durch die Nacht. Dann stand er endlich vor dem Mehrfamilienhaus, in dem er wohnte.

Als er seine Wohnung betrat, sah er die LED seines Anrufbeantworters blinken. Daran hatte er gar nicht gedacht – was war mit dem Festnetz? Hugh wollte sich Klarheit verschaffen, hob den Hörer ab und wählte eine Nummer. Nichts. Da war kein Knacken und er hörte auch kein Freizeichen, die Leitung war schlicht und einfach tot. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals. Diese Nummer war zu groß für ein Terrornetzwerk, da war er sich sicher. Hinter den Anschlägen musste etwas noch mehr stecken.

Fast hätte er aber den Anrufbeantworter vergessen. Hastig rief er die Nachrichten ab. Die erste Nachricht hatte nur das Auflegen eines Anrufers nach seinem Ansagetext aufgenommen, doch bei der zweiten Aufnahme drang eine ihm unbekannte weibliche Stimme aus dem Anrufbeantworter hervor. »Guten Abend, Mister Kincaid. Der Notstand wurde ausgerufen. Begeben Sie sich in den Schutzraum 200 Wiltberger Street, in der Nähe des Howard Theaters.«

Damit wurden seine Befürchtungen bestätigt. Der Anruf musste ihn erreicht haben, bevor jemand die Telefonleitungen unterbrochen hatte. Für einige Momente dachte er über seine Optionen nach, denn schließlich konnte ihn niemand zwingen in den Schutzraum zu kommen. Aber vielleicht wäre das auch ein schwerwiegender Fehler? Seine Gedanken rasten. Erleichtert stellte er dabei fest, dass er wieder klar denken konnte. Dann traf er seine Entscheidung. Er würde sich zur Wiltberger Street begeben, dieses Mal würde er aber seinen Tesla nehmen.

Immer noch waren so gut wie keine Autos in den Straßen von Washington unterwegs. Der Tesla flog quasi lautlos durch die Straßen und er legte die Strecke in einer absoluten Rekordzeit zurück. Als er von der Rhode Island Avenue in die Wiltberger Street abbog, legte sich eine eiskalte Klaue um sein Herz und drückte zu. Dann musste er den Tesla stoppen, denn die Feuerwehr hatte die Straße abgesperrt. Der ganze Straßenzug der Wiltberger Street stand in Flammen, wenn denn noch Gebäude vorhanden waren. Hugh schaltete den Tesla aus und stieg aus dem Wagen aus. Vor einigen Jahren hatte er ganz in der Nähe gewohnt und kannte die Gegend ganz gut, war abends regelmäßig auf seiner Joggingtour vorbeigekommen. Ein Großteil der Gebäude war einfach bis auf die Grundmauern verschwunden und so wie es aussah, waren die Zerstörungen dort am größten, wo sich das Haus mit der Nummer zweihundert und damit auch der vermeintliche Schutzraum befunden hatte. Hugh bekam eine Gänsehaut. Hier war etwas Monströses am Werk, etwas geradezu Unerbittliches.

Hugh setzte sich wieder in den Wagen und schaltete ihn ein. Der Abgeordnete wusste, was zu tun war. Er musste aus der Stadt verschwinden und das so schnell wie möglich. Der Ladezustand der Batterie war Gott sei Dank tief im grünen Bereich, er würde also hoffentlich weit genug von Washington wegkommen. Bevor er losfuhr, dachte er an Lewis und die anderen seiner Leute im Finnegans. Momente kämpfte er mit sich, dann wendete er den Tesla und fuhr in Richtung der Bar.

Hugh konnte direkt vor dem Finnegans in eine Parklücke stoßen. Als er ausstieg sah er, dass das Lokal bereits deutlich leerer geworden war. Beim Reinkommen grüßte er den Wirt, doch der Tisch, an dem sie eben noch gesessen hatten, war bereits verwaist. Lewis und die anderen waren weiß Gott wohin unterwegs. Hugh hoffte, dass sie gesund dort ankamen – wo immer das auch sein mochte!

Bevor er wieder in seinen Tesla stieg, betrachtete Hugh die immer noch hell erleuchtete Ruine des Kapitols. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Scheinwerfer abzuschalten. Deshalb wirkte der Anblick gleichsam als Fanal für eine dunkle Zukunft und ein Tritt in die Eier. In diesem Moment rasten zwei Kampfjets tief über die Stadt hinweg, direkt auf das Weiße Haus zu. Hugh blieb wie angewurzelt stehen. Sekunden vergingen, dann wurde die Stadt erneut von schweren Explosionen erschüttert und in Hugh zerbrach etwas.

Wie ferngesteuert setzte sich der Demokrat in seinen Wagen und schlug eine Route ein, die ihm freie Sicht auf das Weiße Haus ermöglichte und hielt den Tesla kurz an der Renwick Gallery an. Der Anblick brannte sich in seine Seele und er würde ihn nie wieder vergessen. Minuten starrte er auf die Zerstörung, den Rauch und die Flammen. Dann trat er das Gaspedal durch. Er wollte nur noch weg aus der Stadt, in der nun der Irrsinn herrschte. Während er den Wagen durch die Straßen von Washington steuerte, entspannte sich Hugh. Doch das Nachlassen der Anspannung führte dazu, dass sein Unterbewusstsein nun unkontrolliert schalten und walten konnte. Wieder und wieder sah er die Jets in Richtung des Weißen Hauses rasen und je öfter sich die Erinnerung wiederholte, desto klarer nahm er ein Detail der Kampfflugzeuge wahr. Es waren nicht irgendwelche fremden Flugzeuge gewesen, sondern amerikanische F16 Kampfbomber...

 

 

10

 

Fahrzeuge waren nur in billigen Actionfilmen eine gute Deckung. In einem realen Schusswechsel waren Autos lediglich ein Sichtschutz, aber selbst kleinkalibrige Kugeln konnten das dünne Blech eines gewöhnlichen Fahrzeugs mühelos durchschlagen.

DiNozzo drückte die Schulterstütze der kurzläufigen MP5 fest an sich, während der Cherokee von Projektilen getroffen wurde, die beim Aufprall das hässliche Geräusch von zerreißendem Blech produzierten. Die Angreifer waren mit M4 Sturmgewehren bewaffnet und ließen das stark beschädigte Begleitfahrzeug hinter sich, während sie geduckt auf den anderen Cherokee zukamen und dabei hinter geparkten Autos Deckung suchten. Im zweiten Cherokee rührte sich nichts. Vor einigen Minuten hatte DiNozzo mit angesehen, wie die Angreifer kaltblütig das Feuer auf die wahrscheinlich verletzten Insassen darin eröffnet hatten. Das ganze Unternehmen drohte zu einem Fiasko zu werden, aber noch war es keineswegs so weit. DiNozzo und seine Leute hatten definitiv etwas dagegen und würden sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr setzen.

Auf ein Zeichen von DiNozzo tauchte der hünenhafte Dawson mit seinem M60 Maschinengewehr hinter dem Wagen auf, stützte sich auf dem Dach des Cherokees ab und eröffnete das Feuer.

Aus den Kühlöffnungen am Lauf des Maschinengewehrs stach das Mündungsfeuer seitlich hervor und es sah aus, als wäre der Lauf von einem leuchtenden Stern umgeben, während DiNozzo von denen aus nächster Nähe abgefeuerten Schüssen fast taub wurde.

Dann war es so weit. DiNozzo wagte zusammen mit Shoemaker einen Ausbruchsversuch über die rechte Seite, während Sanchez und Peters ihr Glück über die linke Seite versuchten. Doch Fortuna war dem Team der Army Intelligence heute nicht wohlgesonnen. Über dem hämmernden Feuer der M60 hörte DiNozzo einen dumpfen Knall und augenblicklich verstummte das Feuer aus dem Maschinengewehr. Gehetzt blickte sich der Kommandant um und sah, dass sich Dawson einen Kopfschuss eingefangen hatte.

»Sniper!«, brüllte DiNozzo und warf sich zu Boden. Gleichzeitig hörte er den dumpfen Knall erneut und war sich sicher, dass er von einem Dragunow-Scharfschützengewehr stammte. Die Kugel traf Shoemaker und fällte ihn wie einen Baum. DiNozzo robbte zurück hinter den Jeep. Bevor er dort ankam, hörte der einen weiteren Schuss des Scharfschützen und kurz darauf einen leisen Schrei. Sanchez warf sich wie er selbst hinter den Cherokee in Deckung.

»Sieht irgendwie so aus, als wenn unsere Mission ziemlich mies gelaufen ist«, zischte Sanchez.

DiNozzo zuckte mit den Schultern. »Hier läuft eine ziemliche Scheiße, aber ich habe nicht vor aufzugeben.« Mit diesen Worten hielt er Sanchez seine MP5 hin und nahm sich selbst das M60, das neben der Leiche von Dawson lag.

»Was haben Sie vor, Captain?«

»Ich kümmere mich um den Sniper. Das Schwein muss irgendwo auf dem Dach der Schule sein. Wenn ich ihn ausgeschaltet habe, hauen wir ab.«

Sanchez nickte. »Das ist der Plan, also los!«

Erneut wurde die Stadt von einer Explosionsserie getroffen. Die Detonationen waren für Sanchez und DiNozzo das Startsignal.

 

 

11

 

Das Bild hatte sich bei Madison und Nick wohl für alle Zeiten eingebrannt. Kampfflugzeuge hatten das Weiße Haus bombardiert und nun stand es in Flammen. Soweit Nick es beurteilen konnte, waren es amerikanische F16 Jets gewesen. Die ersten beiden Jets waren über ihre Köpfe hinweg im Tiefflug direkt auf das Weiße Haus zu gerast. Dann hatten sich weiter und weiter Luftschläge gegen das Weiße Haus und andere Ziele in der Stadt ereignet.

In der Menschenmenge war eine Panik ausgebrochen, die auch auf Madison und Nick übergegriffen hatte. Völlig kopflos waren die beiden durch die Straßen von Washington gelaufen, bis ihre Lungen von der Winterluft brannten.

»Das können doch keine terroristischen Anschläge mehr sein«, keuchte Madison.

Nick schüttelte den Kopf. »Unsere Jungs beim Militär drehen nicht einfach durch, sie müssen gute Gründe für diese Einsätze gehabt haben. Vielleicht war das Weiße Haus besetzt worden?«

Madison verzog das Gesicht. »Und dann wird die Airforce gerufen, um halb Washington in Schutt und Asche zu bomben? Das ist doch Bullshit!«

Darauf wusste Nick nichts zu antworten, konnte einfach nichts antworten. Was Madison da andeutete, war Wahnsinn. Aber alles würde sich aufklären, da war sich Nick sicher. Oder redete er sich das nur ein?

Madison blieb stirnrunzelnd stehen. »Wo zur Hölle sind wir hier eigentlich?«

Nick blickte sich suchend um. Dann entdeckte er in einiger Entfernung einen Park. »Das da hinten müsste der Folger Park sein, wenn ich nicht völlig falsch liege. Wir sind zumindest ganz grob auf dem richtigen Weg.«

Nick wollte weitergehen, doch Madison blieb wie angewurzelt stehen. »Hast Du das gehört?«

»Was?«, fragte Nick.

Madison versuchte die Nacht mit ihren Augen zu durchdringen »Waren das gerade Schüsse?«

»Ich höre nichts, würde mich aber auch nicht wundern.« Nick drehte den Kopf und lauschte erneut in die Dunkelheit. »Wir sollten von hier verschwinden. Am besten verrammeln wir die Tür und warten ab, was morgen passiert.«

Der Weg bis zur Wohnung schien sich unglaublich in die Länge zu ziehen. Dafür spürte Nick, wie sich seine Anspannung durch die Bewegung minderte. Als sie endlich in die Straße kamen, in der Madison wohnte, war der Republikaner nur todmüde und wollte nur noch ins Bett. Deshalb war er auch nicht mehr so aufmerksam, wie er es an diesem Abend besser hätte sein sollen.

Als sie an der Einfahrt eines Einfamilienhauses vorbeikamen, die nicht vom Schein der Straßenlampe erfasst wurde, ahnte Nick die Bewegung in der Dunkelheit. Aber es war zu spät, die Gestalt war zu nah. Nick konnte nicht mehr reagieren. Eine Hand klammerte sich um sein Handgelenk. Keuchend wollte sich Nick losreißen, doch der Griff war zu fest. Dann war ein lautes Stöhnen zu hören und die Gestalt vor ihm brach zusammen.

»Was zum Teufel war das?«, fluchte Nick.

Madison schaltete die Lampenfunktion ihres Smartphones ein. Im grellen Licht der Lampe erkannte Nick die rote Flüssigkeit an seinem Handgelenk. Blut!

»Hast Du dich verletzt?«, wollte Madison wissen.

Nick schüttelte den Kopf. Dann riss der Schein der Lampe den vermeintlichen Angreifer aus der Dunkelheit. Der Mann war weiß, trug Markenkleidung und war blutüberströmt. Wer auch immer das war, ein Obdachloser war es nicht.

»Der Kerl wollte Hilfe, ich dachte er will mich angreifen«, entfuhr es Nick.

Madison beugte sich zu dem Mann herunter.

»Lebt er noch?«, wollte Nick wissen.

Madison untersuchte den Mann mit geübten Handgriffen, dann nickte sie. »Noch lebt er, aber er hat wegen mehrerer Schussverletzungen jede Menge Blut verloren. Wenn ich mich nicht um ihn kümmere, stirbt er noch heute Abend.«

Wie in Zeitlupe nickte der Republikaner. Madison hatte diesen Ausdruck in der Stimme, der keinen Widerspruch duldete. »Dann lass ihn uns mal reinbringen!«

Nick packte den Oberkörper des Mannes, Madison die Beine. Gemeinsam stemmten sie den Gewaltakt und brachten ihn bis in die Wohnung. Im Flur mussten sie erst noch eine kurze Pause machen. Dann schloss Madison auf und zusammen trugen sie den Bewusstlosen zum Sofa im Wohnzimmer. Nick wollte vorher noch eine Decke holen, damit er das Leder nicht mit Blut verschmutzte, aber Madison wollte davon nichts wissen.

Madison sah Nick kurz an. »Bleib bei ihm, falls er wach wird.«

»Was hast Du vor?«

Madison zuckte mit den Schultern. »Er hat keine glatten Durchschüsse. Die Projektile müssen aus seinem Körper rausgeholt werden, sonst wird er septisch und übersteht die Nacht nicht.«

Nick sah Madison mit großen Augen an. »Du willst ihn hier operieren?«

»Hast du einen anderen Vorschlag? Wir können ja schließlich keinen Krankenwagen rufen und nochmal gehe ich heute nicht vor die Tür.«

Nick zuckte mit den Schultern. »Gut, dann spiele ich eben deine OP-Schwester.«

Madison nickte, dann wandte sie sich dem Bewusstlosen zu. »Bei der Untersuchung habe ich bemerkt, dass er die hier bei sich trägt«, sagte die Ärztin und zog eine Glock aus dem Schulterholster des Mannes und reichte sie Nick. »Pack sie irgendwohin, momentan braucht er sich nicht und ich will später keine böse Überraschung erleben!«

Er nahm die überraschend leichte Pistole an sich und ließ sie in einem Fach unter dem Wohnzimmertisch verschwinden.

 

 

12

 

Hugh hatte es aus Washington raus geschafft, zumindest fast. Sein Tesla surrte auf der Interstate 395 direkt auf die Rochambeau Bridge zu. Bisher war der Verkehr erwartungsgemäß dicht gewesen, denn wer noch klar bei Verstand war, wollte raus aus der Stadt. Als er fast den George Mason Park erreicht hatte, kam der Verkehr völlig zum Erliegen. Das war bisher noch nie der Fall gewesen, als er auf der gut ausgebauten Brücke unterwegs gewesen war.

Instinktiv schaltete er das Radio ein, um den Verkehrsfunk zu checken. Doch der Sendersuchlauf fand keine Frequenz. Das trug natürlich alles andere als zu seiner Beruhigung bei.

Dann setzte sich die Kolonne vor ihm in Bewegung, stoppte aber sofort wieder. Der Demokrat verdrehte die Augen. Wahrscheinlich hatte irgendjemand im dichten Verkehr einen Unfall gebaut, deshalb ging hier jetzt nichts mehr. Um sich etwas die Zeit zu vertreiben, spielte er Musik aus dem Speicher seines Smartphones über das Lautsprechersystem des Teslas ab. Die Dire Straits sangen über Geld fürs Nichtstun, als er vor sich die Blaulichter sah. Anscheinend hatte er recht gehabt. Momentan schien sogar noch die Polizei vor Ort zu sein. Autolänge für Autolänge näherte er sich der potenziellen Engstelle vor ihm. Dabei erwischte er sich ein paar Mal, wie er suchend zum Himmel hochblickte. Die Zerstörungen in der Wiltenberger Street hatten ganz nach dem Ergebnis eines Luftschlags ausgesehen, wie es auch beim Weißen Haus der Fall gewesen war. Ein Angriff auf die im Stau stehenden Fahrzeuge wäre fatal gewesen, aber warum sollte das auch jemand tun? Aber warum hatte die Airforce das Weiße Haus angegriffen? Dazu musste es einen verdammt guten Grund geben und Hugh hoffte, dass es sich um keinen Putsch handelte.

Als die Fahrzeuge sich wieder in Bewegung setzten, erkannte er, dass er sich getäuscht hatte. Da vorne hatte kein Unfall stattgefunden, anstelle dessen hatte die Polizei auf beiden Seiten der Interstate eine Straßensperre eingerichtet. Mehrere Fahrzeuge standen quer und blockierten die Fahrbahn, ließen dabei nur eine Fahrspur frei, durch die sich der Verkehr dann nach der Kontrolle quetschen musste. Aufgrund dieser Nadelöhre würde sich in Kürze ein kapitaler Stau aus Washington D.C. heraus und auch einer stadteinwärts bilden. Einen richtigen Reim konnte sich Hugh auf diese polizeiliche Maßnahme jedoch nicht machen, aber die Polizei hatte sicherlich mehr Informationen als er.

Erneut setzte sich die Kolonne in Bewegung und ein drei Fahrzeuge von ihm entfernter Wagen erreichte die Polizei sperre. Ein Officer in der Uniform der Metropolitan Police trat an das Fahrerfenster, während er von einem seiner Kollegen gesichert wurde, der schräg hinter ihm stand und mit einer Maschinenpistole bewaffnet war. Der Officer beugte sich zum Fahrerfenster und sagte einige Worte, dann bekam er die Papiere des Fahrers gereicht und hielt ein Lesegerät darauf. Es dauerte einige Sekunden, dann leuchtete eine grüne LED an der Oberseite des Geräts auf. Der Officer reichte dem Fahrer die Papiere, dann durfte dieser weiterfahren. Die gleiche Prozedur wiederholte sich auf den anderen Fahrstreifen, also suchten die Polizisten jemanden. Waren also tatsächlich Terroristen für die Bombenanschläge auf das Kapitol verantwortlich? Dann machte ein solches Vorgehen auch tatsächlich Sinn, wenn es auch die Mobilität der Menschen stark einschränkte. Aus den Boxen des Teslas sang Mark Knopfler nun über Private Investigations, als der nächste Wagen abgefertigt wurde. Wie gebannt sah Hugh auf die LED des Scanners, als der Polizist den Führerschein des Fahrers überprüfte. Wieder leuchtete die kleine Lampe grün auf. Was würde wohl passieren, wenn die LED rot leuchtete? Wie radikal würden die Polizisten dann vorgehen, oder würden sie cool bleiben und den Fahrer aus dem Wagen komplimentieren?

Nun war nur noch ein Fahrzeug zwischen Hugh und der Straßensperre. Der rote Ford SUV rollte langsam an und stoppte bei dem Polizisten. Erneut wiederholte sich das Prozedere. Fenster runter, kurze Ansage des Polizisten, Führerscheinkontrolle, grünes LED – gute Fahrt.

Dann war Hugh an der Reihe und hielt ebenfalls neben dem Officer. »Guten Abend, Sir, wir suchen Beteiligte an den terroristischen Anschlägen des heutigen Tages. Könnte ich bitte ihren Führerschein sehen?«

Hugh stutzte einen Moment und sah den Polizisten kurz an, ehe er zu einem Nicken zwang. Der Mann hatte einen Bürstenhaarschnitt und stahlgraue Augen. Wieso suchte die Polizei nach Attentätern, wenn zumindest das Weiße Haus definitiv von Kampfjets attackiert worden war?

Er schluckte und reichte dem Polizisten seinen Führerschein aus dem Fenster. In der Vergangenheit hatten besonders islamistische Attentäter regelmäßig ihre Ausweisdokumente am Ort eines Anschlags liegengelassen, damit später klar war, wer sich den jeweiligen Anschlag auf die Fahnen schreiben durfte. Aber diese Männer waren dann kurze Zeit später meist bei der Ausführung ihres Anschlags gestorben, anstelle zu fliehen. Wie passte das also zusammen? Wusste es die Polizei nicht besser, oder geschah hier gerade etwas völlig anderes?

Der Polizist nahm die Führerscheinkarte in die behandschuhte Rechte, drehte sie und hielt seinen Scanner darauf. Hugh wartete darauf, dass die LED grün leuchtete, doch das geschah nicht. Anstelle dessen gab der Scanner einen durchdringenden Alarmton von sich und leuchtete rot!

»Sir, behalten sie ihre Hände am Lenkrad. Haben Sie, verstanden, ich will ihre Hände sehen!«

»Natürlich, Officer«, presste Hugh hervor und seine Hände verkrampften sich um das Leder des Steuers. Nun hatte er die Bestätigung. Da er weder Attentäter war und auch keinen Jet fliegen konnte, war er definitiv nicht an den Geschehnissen dieses Abends beteiligt. Anstelle dessen wurde hier eine Hexenjagd inszeniert. Die große Frage lautete: Warum?

Der zweite Polizist hatte den Alarm des Scanners gehört und richtete seinen Lauf auf Hugh. Auch wenn sich zwischen ihm und dem Polizisten noch die Windschutzscheibe befand, würde er einen Fluchtversuch nicht überleben. Die Projektile der Maschinenpistole würden das Glas der Windschutzscheibe mühelos durchdringen und ihn dann durchsieben. Aber warum sollte er überhaupt an Flucht denken, das war doch nur ein verfluchtes Missverständnis?

»Hören Sie, ich bin Abgeordneter des Repräsentantenhauses...«, begann Hugh.

Der Polizist an der Fahrertür war einen Schritt nach hinten getreten und hatte seinen Ausweisscanner gegen seine Dienstwaffe getauscht. »Halten Sie den Mund, das können Sie alles später dem Haftrichter erzählen!« Zischte der Polizist und zielte ebenfalls mit seiner Waffe auf Hugh.

Hugh nickte, denn er wollte die Situation nicht noch weiter eskalieren lassen. Spätestens beim Haftrichter würde sich alles aufklären und er würde dafür sorgen, dass die Cops so richtig schöne Schwierigkeiten bekommen würden.

»Sie steigen jetzt aus dem Wagen aus. Langsam und halten Sie die Hände permanent so, dass wir sie sehen können!«, schrie der Officer neben dem Wagen.

»Ich müsste mich aber zuerst abschnallen, Officer«, sagte Hugh betont ruhig.

»Dann los, aber langsam!«

Wie in Zeitlupe schnallte sich Hugh vom Fahrersitz los.

»Ich komme jetzt raus«, kommentierte er seine nächsten Schritte, schließlich wollte er nicht das Opfer eines übernervösen Fingers am Abzug werden.

»Hände aufs Dach!«

Hugh befolgte die Anweisung und der Polizist trat hinter ihn, bog zuerst seine rechte, dann die linke Hand auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. Jetzt trat der Polizist neben ihn, führte ihn an seinem Oberarm zu einem der Streifenwagen. Während er zu dem SUV mit den leuchtenden Signallampen ging, spürte er die Blicke der anderen Fahrer auf sich ruhen. Die Situation war grotesk und er konnte sich nicht erklären, wie es zu dieser Verwechslung hatte kommen können. Dann hatten sie den Wagen erreicht und der Polizist öffnete die Tür und drückte ihm beim Einsteigen den Kopf routiniert nach unten. Als die schwere Tür zuschlug, herrschte plötzlich wieder Stille um ihn herum und er hörte nur noch das Hämmern seines eigenen Herzschlags. Da kam ihm ein Gedanke, den er liebend gerne wieder schnell losgeworden wäre. Aber der Gedanke blieb und nistete sich ein. Was wäre, wenn der Ausweisscanner genau deshalb reagiert hatte, weil er Abgeordneter war?

 

 

13

 

Madison blieb eine ganze Zeit verschwunden. Als sie zurückkam, brachte sie einen ganzen Karton mit, den sie in aller Eile bis zur Oberkante mit medizinischen Utensilien vollgestopft hatte.

»Woher hast Du das ganze Zeug?«, fragte Nick überrascht.

»Ich habe doch die überschüssige Ausstattung aus dem Krankenhaus, die wegen der Vorschriften bald entsorgt werden sollte. Eigentlich wollte dieser Typ die schon schon vor einer Woche abholen, damit die Sachen nach Afrika geschickt werden können.«

»Unser Gast hat echtes Glück im Unglück!«

Madison nickte. »Kannst Du bitte den Garderobenständer aus dem Flur herholen?«

Nick stutzte. »Mit den Jacken?«

»Wirf sie einfach in den Flur, ich brauche nur den Ständer!«

Als Nick mit dem Garderobenständer zurück ins Wohnzimmer kam, hatte Madison dem Bewusstlosen bereits eine Infusionsnadel in die Armbeuge gelegt. Dann schloss sie einen Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit an den Schlauch an und hängte den Beutel an den Garderobenständer. »Eigentlich bräuchte er Blutkonserven, aber Elektrolyte sind zur Substitution immerhin besser als gar nichts.« Sie zog einen grünen Kittel aus dem Karton, der vorne geschlossen war. Zusätzlich stattete sie sich mit einer Schutzbrille und Mundschutz aus. Aus dem Karton förderte sie ein Desinfektionsmittel und ein Operationsbesteck zu Tage. Jeder Handgriff wirkte wie einstudiert und Madison agierte mit traumwandlerischer Sicherheit.

»Wenn Du mir helfen willst, kannst Du seinen Oberkörper freimachen und desinfizieren!«

Nick tat wie ihm geheißen und zerschnitt die Kleidung des Verletzten mit einer Schere. Als er die Hälften des Hemdes auseinanderschob, bemerkte er in der Jacke etwas Schweres. Es war das Portemonnaie des Unbekannten und er legte es auf den Wohnzimmertisch. Nun bekam er von Madison einen in braunroter Flüssigkeit getränkten Lappen in die Hand gedrückt. »Das Desinfektionsmittel ist absichtlich gefärbt, damit du kein Hautareal zu säubern vergisst.«

Dann war der Part von Nick erledigt und er wusch sich im Badezimmer die Hände. Als er wieder ins Wohnzimmer trat, holte Madison etwas aus dem Körper des Bewusstlosen und ließ es klirrend in eine Schale fallen. »Die erste Kugel«, kommentierte sie.

Aus Neugierde nahm Nick die Geldbörse des Unbekannten und klappte sie auf. »Krass!«

Madison sah kurz zu ihm. »Was ist los?«

»Der Kerl ist wahrscheinlich ein verdammter Held. Er heißt Vincent DiNozzo und ist von der Army Intelligence!«

Madison gab einen undefinierbaren Ton von sich, während sie mit dem Skalpell einen Einschusskanal erweiterte. »Wir haben ein ernstes Problem!«

Was denn noch, dachte Nick und sah Madison an, wie sie eine weitere Kugel in die bereitgestellte Schale fallen ließ. »Ein Projektil sitzt zu nah an der Hauptschlagader. Wenn ich es heraushole, besteht die Gefahr dass ich die Aorta beschädige, die Blutung aber nicht stoppen kann. Lasse ich die Kugel drin, wird sich die Wunde massiv entzünden und ihn umbringen.«

Nick wiegte den Kopf. »Du bist die Ärztin. Was sollen wir machen?«

»Er muss ins Krankenhaus, noch heute. Wenn wir sein Leben retten wollen, musst du dein Auto holen. Ansonsten wird er die Nacht nicht überstehen.«

Die Ärztin sah Nick lange Zeit an. Dann nickte er. »Wie ich schon gesagt habe, haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem Helden zu tun. Also sind wir jetzt wohl an der Reihe, um etwas für ihn zu tun!«

Nick war allein losgezogen, während Madison ihren neuen Bekannten zusammenflickte. Dummerweise hatte Madison nie den Führerschein gemacht und er war heute mit einem Taxi zu ihr gekommen. Also musste er die Wegstrecke zu seiner zwei Blocks entfernten Wohnung wohl oder übel zu Fuß zurücklegen, es sei denn, ihm würde unterwegs ein Taxi begegnen.

Die Straßen waren jetzt wie ausgestorben. Erst als er aus der Wohnung von Madison herausgetreten war, hatte er wieder an die Angriffe auf das Weiße Haus gedacht. Vorher hatte der Verletzte seine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch nun hatte er nichts mehr, womit er seinen Geist ablenken konnte und der Zweifel nagte an ihm. War es richtig gewesen, Madison allein mit einem Unbekannten zurückzulassen? DiNozzo war bewusstlos, aber das konnte sich auch wieder ändern. Aber der Kerl war kein dahergelaufener Gangster, sondern ein Offizier des Army Nachrichtendienstes. Vielleicht würde er ihnen mehr darüber erzählen können, was sich an diesem Abend tatsächlich abgespielt hatte und vor allem, warum es passiert war. Außerdem hätte der junge Politiker zu gerne erfahren, wer da eigentlich auf den Mann geschossen hatte.

Anders als zuvor achtete Nick darauf, möglichst ungesehen zu seiner Wohnung zu kommen. Ebenso wie DiNozzo nahezu unsichtbar im Dunkeln gewesen war, konnten dies auch Kriminelle tun. Zusätzlich trödelte Nick auch nicht herum, sondern bewegte sich so schnell es ging in Richtung seines Ziels.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er das Mehrfamilienhaus, in dem er eine Wohnung gemietet hatte. Nun musste er nur noch den Autoschlüssel aus der Wohnung holen und dann konnte er mit seinem Wagen aus der Tiefgarage starten. Routiniert wollte er die Haustür aufschließen, doch die lag nur leicht angelehnt im Schloss. Er runzelte die Stirn, denn dies war sonst nie der Fall. Irritiert schaltete er die Treppenhausbeleuchtung ein und betrat den Hausflur. Als er in der ersten Etage ankam, sah er es. Seine Tür war aufgebrochen worden und ein gelbes Siegel der Polizei versperrte den Eintritt. Der Abgeordnete atmete tief ein und wieder aus. Hier lief irgendetwas extrem schief!

 

 

14

 

Hugh saß eine ganze Weile allein im SUV der Metropolitan Police. Natürlich versuchte er, die Tür zu öffnen, doch natürlich konnte er sie von innen nicht öffnen. Seufzend versuchte er sich mit seinem Schicksal abzufinden, aber es gelang ihm nicht. Es war einfach völlig absurd, was heute alles an diesem Tag in Washington passiert war und zu guter Letzt unterstellte ihm die Polizei dann auch noch eine Beteiligung an den Terroranschlägen. Wenn es denn überhaupt Anschläge gegeben hatte und nicht etwas vollkommen anderes im Gange war.

Dann wurde die Fahrertür geöffnet und ein Polizist setzte sich hinter das Steuer. »Wohin bringen Sie mich jetzt?«

»Anacostia«, antwortete der Officer ohne sich umzudrehen und ließ den Motor an. »Dort befindet sich ein Camp der FEMA, dass die Metropolitan Police im Krisenfall nutzen darf.«

Hugh bekam eine Gänsehaut, denn er musste an die Räuberpistolen aus dem Internet denken. Angeblich unterhielt die Katastrophenschutzbehörde FEMA zahlreiche Camps im ganzen Land, um unliebsame Bürger dort verschwinden lassen zu können. Außerdem kursierte im Internet eine grotesk hohe Zahl von Leichensäcken, die angeblich von der FEMA bestellt worden war. Hugh hatte nie an diese Geschichten geglaubt, aber was passierte hier gerade? Bewahrheiteten sich die urbanen Mythen hier gerade?

Der Polizist wendete den Wagen und steuerte ihn langsam auf die Gegenfahrbahn, um ihn wieder in die Stadt zu bringen. »Wissen Sie wer ich bin, Officer?«

»Sie sind ein Verdächtiger im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in dieser Nacht. Alles andere interessiert mich definitiv nicht!«

Hugh starrte das Gitter an, das den Fond vom Cockpit trennte. Wäre es nicht gewesen, hätte er sich gerne auf diesen sturen Bastard vor ihm gestürzt. Aber das Gitter verdammte ihn zum Nichtstun, also schloss er die Augen und versuchte sich zu entspannen.

 

 

15

 

Der Streifenwagen stoppte und Hugh öffnete wieder seine Augen. Er hatte tatsächlich etwas schlafen können. Der Fahrer ließ sein Fenster herunter gleiten. Ein Polizist der mit einer Schrotflinte bewaffnet war und eine Riot-Rüstung trug, trat ans Fenster. »Der Typ ist in der Kontrolle auf der Brücke aufgefallen.«

Der Wachtposten nickte. »Bring ihn in Sektor C, Max.« Dann sah der Bewaffnete nach hinten und grinste. »Volltreffer, wenn Du mich fragst. Ich kenne den Typen aus der Zeitung. Captain Brody wird seine Freude mit ihm haben!«

In Hugh zog sich etwas zusammen, denn sein Verdacht war richtig gewesen. Die Terroranschläge waren nur Kulisse, hier in Washington passierte anstelle dessen etwas völlig Ungeheuerliches!

Die Ankunft im Camp gestaltete sich dann auch ziemlich genau so, wie es Hugh erwartet hatte. Zwei Bullige Beamte rissen die Tür auf und zerrten ihn heraus, schleiften ihn dann zwischen sich her, direkt auf ein Gebäude zu. Keiner der Männer sagte ein Wort, bis sie ihn in eine Art Untersuchungszimmer gebracht hatten. Grob nahmen ihm die Männer die Handschellen ab. Sofort kehrte schmerzhaft die Blutzirkulation in seine Arme zurück und er rieb sich stöhnend mit den Händen darüber.

»Ausziehen, Arschloch!« Als Hugh zur Antwort nur die Stirn runzelte, zog der stiernackige Aufseher seinen Schlagstock und zeigte damit auf ihn. »Wenn Du diskutieren willst, prügele ich dir die Scheiße aus dem Leib!«

Darauf wollte es Hugh nicht ankommen lassen und befolgte die Ansage des Wärters.

»Die Klamotten in den Müllsack, die brauchst Du nicht mehr«, höhnte der Aufseher. Dann nahm er einen graublauen Overall hinter sich aus dem Schrank und drückte ihn Hugh in die Hände.

Im graublauen Overall wurde Hugh von den beiden Wächtern einen langen Gang entlang gestoßen. An dessen Ende war eine massive Tür, die einer der Wächter aufschloss und dann mit einem höhnischen Grinsen aufhielt. »Ihre Suite, Sire!«

Hugh trat hindurch ins Freie und hinter ihm knallte die Tür krachend ins Schloss. Vor ihm befand sich ein großes Freigelände, das von hohen Zäunen umgeben wurde. Dahinter befand sich ein Zwischenraum, in dem Polizisten mit Hunden patrouillierten. Dahinter war dann ein weiterer Zaun errichtet worden, der zusätzlich von Stacheldraht gekrönt wurde. Doch Hugh war nicht allein hier, zahlreiche andere Menschen in genau der gleichen Kleidung standen in Gruppen beisammen, oder bewegten sich auf dem Freigelände. Aber es waren keine Unbekannten, sondern Hugh kannte die meisten von ihnen. Es waren allesamt Abgeordnete, Journalisten und Regierungsbeamte. Alle teilten sie mindestens ein Merkmal, denn sie waren politisch klar dem linken Lager zuzuordnen...

 

 

16

 

Nick musste nur wenig Gewalt aufbringen, um die Tür aufzudrücken. Dann gab das Polizeisiegel mit einem schmatzenden Geräusch nach und das Plastikband zerriss. Nun war der Weg frei und er betrat seine Wohnung. Im Flur schaltete Nick das Licht ein. Der Anblick erschrak ihn, denn jemand war hier gewesen und hatte seine Wohnung kurz und klein geschlagen. Auf der ehemals weißen Wand im Flur hatte man mit roter Farbe ein Hakenkreuz gesprüht, darunter war das stilisierte A der Anarchisten gemalt worden. Wasser hatte sich vom Badezimmer aus in alle Räume ausgebreitet und nahezu jedes Möbelstück war mit einer Axt oder etwas ähnlichem zu Sperrholz verarbeitet worden. Nick war fassungslos!

Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er republikanischer Abgeordneter war. Extreme Linke empfanden die Partei gelegentlich als rechtsradikal, da auch Mitglieder mit klaren Verbindungen zum Ku-Klux-Klan zu ihr gehörten. Nick selbst vertrat hingegen den Liberalismus und hatte deshalb bisher noch niemals irgendwelche Probleme mit Linksradikalen gehabt. Desmond Wallace und sein Wahlkampf hatten die politische Landschaft der USA nachhaltig erschüttert und einiges verändert.

Auf der Badezimmertür hatte sich ebenfalls einer der Einbrecher verewigt. Verrecke, Naziabschaum!

Nick beschloss, sich das alles zu einem anderen Zeitpunkt anzusehen. Jetzt war nur wichtig, dass er seinen Autoschlüssel holte und hier verschwand. In diesem Moment musste er an die Einbrecher denken. Waren sie wirklich aus der Wohnung verschwunden, oder lauerten sie hier noch auf ihn und warteten nur noch auf die passende Gelegenheit?«

Angestrengt lauschte Nick, doch dann schüttelte er den Kopf. Das Polizeisiegel war intakt gewesen, bevor er es aufgebrochen hatte. Die Einbrecher mussten also schon lange über alle Berge verschwunden sein. Höchstwahrscheinlich hatte sich der Einbruch deutlich vor den Angriffen auf Washington ereignet, sonst hätte die Polizei ja höchstwahrscheinlich gar nicht alarmiert werden können.

Als sich Nick das Schlüsselbrett ansah, traf es ihn wie ein Stich. Der Schlüssel des Cadillacs war verschwunden. Einige Sekunden lang wurde ihm schwindelig, dann musste er lächeln und ging zur Garderobe. Während er das letzte Mal mit seinem Wagen unterwegs gewesen war, hatte er seine Lederjacke angehabt. Also begann er die Taschen der Jacke zu durchsuchen und wurde fündig. Zufrieden steckte er den Schlüssel in die Tasche seiner Jeans.

»Guten Abend!«

Nick fuhr herum und sah einen Bärtigen in der Wohnungstür stehen. Der Mann war übergewichtig und trug einen grünen Parka. Auf dem Parka waren Aufnäher und Buttons angebracht, die auf eine deutlich linksradikale Gesinnung des Mannes hinwiesen. Alarmglocken läuteten in Nick. »Guten Abend, was machen Sie hier? Und wer ist für dieses Chaos hier verantwortlich?«

Der Bärtige runzelte seine Stirn. »Sind sie ein Mitbewohner von diesem Collins?«

Da verstand Nick, dass die Sache kein gutes Ende nehmen würde und bereitete sich vor. Wie beiläufig machte er einen Schritt auf den Mann im Türrahmen zu.

Da erschien ein böses Lächeln auf dem Gesicht des Bärtigen. »Scheiße, Sie sind ja selbst dieses Nazischwein!« Gleichzeitig fuhr die Hand des Dicken in die Tasche seines Parkas.

Zu gerne hätte Nick den Mann gefragt, wie er überhaupt zu dieser Einschätzung kam. Aber vorerst musste er sich ganz klar um andere Dinge kümmern, denn wenn der Eindringling eine Waffe zog, würde es schwierig werden. Also ballte er seine Rechte zu einer Faust und schlug dem Unbekannten ansatzlos auf den Teil der Brust, der auch als Sonnengeflecht bekannt war. Endlich machte sich seine Dienstzeit beim U.S. Marine Corps einmal bezahlt!

Irritiert machte der Bärtige einen Schritt rückwärts und griff sich dann zum Brustbein, scheinbar hatte ihn der Schlag völlig aus dem Konzept gebracht und er hatte Probleme beim Atmen.

Nick packte den Unbekannten, zog ihn zu sich heran und hämmerte ihm sein Knie in die Weichteile. Daraufhin verdrehte der Mann seine Augen und brach stöhnend auf die Knie. Nick nutzte die Gelegenheit und schickte ihn mit einem Kinnhaken auf die Bretter. Dann verschwand er mit dem Autoschlüssel aus seiner Wohnung.

Minuten vergingen. Michael Talbot, der Bärtige, lag stöhnend auf dem Rücken. Dann öffnete er die Augen und starrte die Decke an. Dieses rechtsradikale Schwein hatte ihn aufs Kreuz gelegt. Mühselig wälzte er sich wie ein Walross zuerst auf die Seite, dann stemmte er sich in die Höhe. Sein Unterleib war purer Schmerz, er musste unbedingt einen Arzt aufsuchen, schließlich brauchte er seine Eier noch. Dann kramte er umständlich in seinem Parka und zog ein kleines Funkgerät heraus. »Hier Talbot. Collins war in seiner Wohnung und hat mich überwältigt, aber er muss noch irgendwo hier in der Nähe sein. Wenn ihr ihn findet, rührt ihn nicht an. Sein Arsch gehört ganz allein mir!«

 

 

17

 

Er schlug die Augen auf und wusste, dass er ziemlich in der Klemme steckte. Sein ganzes Team war bis auf ihn selbst ausgeschaltet worden. Sanchez hätte es schaffen können, hatte dann aber eine Kugel ins Bein abbekommen. Der verdammte Held hatte den Rückzug von DiNozzo gedeckt, bis er keine Munition mehr gehabt hatte.

Er selbst hatte selbst auch ein paar Treffer abbekommen, war aber irgendwie auf den Beinen geblieben und geflohen. Wohin er gelaufen war, wusste er selbst nicht so genau. Aber irgendwie war er seinen Verfolgern entkommen. Wie er das zustande gebracht hatte, wusste er jedoch selbst nicht so recht. Als er das realisierte, schlugen die Folgen seiner Verletzungen mit aller Wucht zu. Zumindest eine der Kugeln musste ein wichtiges Gefäß in ihm verletzt haben, denn er verlor zu schnell zu viel Blut. DiNozzo war oft genug verwundet worden, um seine Chancen nicht naiv zu übertreiben. Er brauchte dringend ärztliche Hilfe, ansonsten würde er die Nacht nicht überlegen. Letztlich war es simple Arithmetik: Verlor er weiterhin so viel Blut, kollabierte sein Kreislauf. Aber das nächste Krankenhaus war viel zu weit entfernt und selbst wenn es nur einen Katzensprung weit entfernt gewesen wäre – war es denn überhaupt eine clevere Idee, sich dorthin zu begeben? Oder würden ihn seine Verfolger dort nicht sogar erwarten? Nein, Vincent DiNozzo machte sich nichts vor. Das Zeitfenster für die Mission mit dem Namen Überleben schloss sich bereits. Er musste an seine Frau Ally und an seinen Sohn Toby denken. Dann hatte er das Pärchen gesehen, dass gerade im Begriff war an ihm vorbeizugehen. Es war seine letzte Chance gewesen und die Wahrscheinlichkeit, dass er gerade von diesen Menschen Hilfe erwarten konnte, war gering. Doch jetzt lag er in irgendjemandes Wohnzimmer und starrte an die Decke. Er lebte! Irritiert sah Vincent auf seinen linken Arm und verfolgte dem Schlauch aus seiner Armbeuge bis hinauf zum Garderobenständer.

»Bleiben Sie bitte ganz ruhig liegen, Mister DiNozzo. Sie haben viel Blut verloren, aber ich hatte nur Elektrolyte um den Verlust auszugleichen.«

Vincent drehte seinen Kopf nach rechts und sah eine auffallend attraktive Frau auf einem Sofa sitzen. »Wo bin ich?«

Die Frau klappte das Magazin zu, in dem sie bis gerade geblättert hatte. »Sie sind da draußen kollabiert und mein Freund Nick und ich haben Sie in meine Wohnung gebracht.« Die Blondine blickte zu dem Infusionsbeutel. »Ich bin Ärztin und habe getan, was ich konnte. Bis auf ein Projektil konnte ich alles aus ihnen herausholen und dann habe ich sie wieder zusammengeflickt.«

»Gut...«, stöhnte DiNozzo. Schweiß hatte sich in dicken Tropfen auf seiner Stirn gebildet.

»Ich kann ihnen was gegen den Schmerz geben?«

DiNozzo nickte langsam. »Aber kein Opiat. Ich will noch etwas denken und vor allem reagieren können.«

Die Frau verschwand aus dem Wohnzimmer und kam mit einem Glas Wasser zurück. Dann drückte sie ihm zwei Kapseln in die Finger. »Starkes Zeug, aber wie bestellt kein Opiat und auch kein Morphin!«

DiNozzo war ein gefügiger Patient und schluckte die Tabletten mit jeder Menge Wasser.

»Ich heiße übrigens Madison«, sagte sie und sah ihn prüfend an. »Wie ich schon gesagt habe, bin ich Ärztin. Es gibt aber ein Problem, denn ein Projektil steckt ganz in der Nähe der Aorta in ihrem Brustkorb. Um es herauszuholen, fehlt mir fachkundige Hilfe. Kommen Sie nicht innerhalb der nächsten Stunden in ein Krankenhaus, werden Sie an der Folgen einer Blutvergiftung sterben.«

DiNozzo nickte. »Sie wollen mich also in ein Krankenhaus bringen?«

Madison stumm. »Dort hätten sie zumindest eine Chance. Hier kann ich die Symptome der Sepsis nur minimal verlangsamen.«

Er presste die Lippen zusammen, dann begann er sich aufzusetzen. »Sie sollten liegenbleiben, Mister...«, begann Madison. Doch DiNozzo schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab. »Nennen Sie mich Vincent. Liegen kann ich noch genug, wenn ich tot bin. Ich muss ihnen meine Geschichte erzählen, solange ich dazu noch in der Lage bin. Meine Familie muss erfahren, was in dieser Nacht wirklich passiert ist.«

Madison nickte dem Mann zu und setzte sich wieder auf das Sofa. »Legen Sie los, ich bin ganz Ohr!«

DiNozzo sah Madison einige Momente schweigend an. Dann nickte er langsam. »Wie sie sicher schon wissen, arbeite ich für die Army Intelligence. Mein Team und ich wurden heute über unsere Pager in unseren Stützpunkt gerufen. Dort bekamen wir grünes Licht für Operation Titanium.«

DiNozzo machte eine Pause und fuhr dann fort. »Operation Titanium ist die interne Bezeichnung für eine Infiltration des Kapitols. Meine Männer und ich sollten uns dort Zutritt verschaffen und Übungssprengsätze platzieren. Der Einsatz sollte die laschen Sicherheitsvorkehrungen des Secret Service und des FBI belegen.«

Madison runzelte die Stirn, nickte dann aber. »Was ist dann passiert?«

DiNozzo zuckte mit den Schultern, war allerdings etwas zu impulsiv dabei und verzog deshalb schmerzhaft das Gesicht. »Wir waren erfolgreich und haben die Pakete im Kapitol platziert.«

Aus dem Gesicht von Madison wich das Blut und sie wurde blass, als sie die Konsequenzen des gerade Gesagten durchdachte. »Sie und ihre Leute haben die Bomben ins Kapitol gebracht?«

Er verzog das Gesicht zu einem bitteren Lächeln. »Ganz recht, Madison. Mein Team und ich haben das Kapitol in die Luft gesprengt – man hat uns von höchster Stelle reingelegt. Danach waren wir Freiwild und mein ganzes Team wurde von Spezialkräften ausradiert. Nur ich habe die ganze Sache überlebt, zumindest bis jetzt.« DiNozzo sah den erschrockenen Ausdruck im Gesicht der attraktiven Blondine. »Ich bin kein Attentäter, Madison. Das müssen Sie mir glauben!«

Doch genau das war das Problem. Konnte Madison einem Fremden vertrauen, der eine solche Geschichte erzählte? Ihre Gedanken wanderten zu der Glock im Fach unter dem Wohnzimmertisch. Doch irgendetwas sagte Madison, dass der Verletzte sie nicht anlog. Schließlich hätte er ihr ja auch eine ganz andere Geschichte auftischen können, in der er als großer Held und nicht als Attentäter wider Willen dagestanden hätte. »Also gut, Vincent. Wissen Sie denn, was mit dem Weißen Haus passiert ist?«

DiNozzo schüttelte den Kopf. Dann sagte es Madison ihm und dieses Mal war es der Mann der Army Intelligence, der aus allen Wolken fiel.

 

 

18

 

Nick hatte schon befürchtet, dass sich seine neuen Freunde ebenfalls mit seinem Cadillac Escala beschäftigt hatten. Doch der schwarze Oberklasse-Wagen stand unbeschädigt in seiner Parkbucht. Er entriegelte das Coupe und setzte sich hinein. Der Wagen gehörte zu den ersten Fahrzeugen, die Cadillac von diesem Typ in den USA ausgeliefert hatte und war ebenso groß, wie er auch schnell war. Das V8-Triebwerk startete schnurrend, dann bugsierte Nick den schweren Wagen aus der Parkbucht hinaus und steuerte ihn auf die Garagenausfahrt zu. Dort angekommen hielt er den Wagen kurz an, ließ das Fenster lautlos herunter fahren und zog an einem Seil, das von der Decke herunterbaumelte, um das Tor der Tiefgarage zu öffnen.

Als das Tor sich quietschend geöffnet hatte, beschleunigte er den Wagen sachte und steuerte ihn die Auffahrt hoch. Kurz bevor er auf die Straße lenken wollte, nahm er eine Bewegung auf der Fahrerseite wahr. Jemand hatte im Schatten auf ihn gewartet, den das Vordach der Tiefgarage erzeugte, und hielt eine silbern glänzende Pistole durch das geöffnete Fahrerfenster direkt an seinen Kopf. Nick sah in ein Gesicht mit sonnengegerbter Haut und einem verfaulten Gebiss das ihn angrinste. Der Kerl war in Lumpen gekleidet und an das Leben auf der Straße gewöhnt, was jedoch nichts an der Gefährlichkeit der Situation änderte. »Dein Auto gefällt mir, Collegeboy. Raus aus der Kiste, aber langsam!«

Nick verfluchte sich selbst dafür, dass er sich kein unauffälligeres Auto zugelegt hatte. Aber vielleicht hätte das auch keinen Unterschied gemacht.

»Na mach schon, Yuppie – beweg endlich deinen Arsch raus an die Luft! Oder soll ich das teure Leder mit deinem Gehirn besprenkeln?«

Er schluckte und gehorchte. Langsamer als nötig stieg er aus dem Wagen aus. Der Mann lachte. »Braver Junge!« Dann holte er aus und schlug Nick den Kolben der Waffe auf die Stirn. Wie ein Baum wurde er gefällt und kippte rückwärts die Einfahrt hinunter, prallte hart auf den Asphalt.

Bewegungsunfähig lag Nick in der Einfahrt, spürte eine warme Flüssigkeit sein Gesicht herunterlaufen und hörte den V8 des Escala aufheulen und die Reifen quietschen. Dann verschwand der sündhaft teure Wagen in der Dunkelheit.

Nick hingegen war nur in der Lage zu atmen. Doch dann hörte er Schreie aufgellen. »Das ist die Bonzenkarre von dem Nazischwein. Den kaufen wir uns!« Zwei Motorräder wurden angeworfen und fuhren mit kreischenden Motoren an der Tiefgaragenabfahrt vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Nun grinste Nick, denn letztlich hatte doch alles seinen Sinn. Er wäre mit dem Cadillac wahrscheinlich keinen Block weit gekommen und gerade bekam er ein Ablenkungsmanöver gratis geliefert. Er rappelte sich in Zeitlupe hoch und tauchte in die Dunkelheit der Nacht.

Nach einiger Zeit hatte die Wunde an seiner Stirn zu bluten aufgehört. Madison würde sich das ansehen müssen, wahrscheinlich musste die Platzwunde genäht werden. Das Thema Auto hatte er jedoch abgehakt, so leid es ihm tat. DiNozzo würde in dieser Nacht wahrscheinlich sterben, denn er würde in der Wohnung von Madison bleiben müssen. In seinem ganzen bisherigen Leben hatte er noch kein einziges Auto aufgebrochen oder kurzgeschlossen. Das hatte nicht zu seiner Sozialisation in Palm Springs gehört, dazu war er einfach im falschen Teil der Stadt geboren und aufgewachsen.

Den Rückweg zur Wohnung von Madison ließ Nick nun erneut vorsichtiger als schon den Hinweg angehen und verschmolz weitestgehend mit der Nacht. Wahrscheinlich war genau das es, das ihm nun das Leben rettete. Er drückte sich gerade in den Schatten einer Häuserecke, als er etwas zu hören glaubte.

Auf der Straße vor ihm tauchten zwei Scheinwerferpaare auf. Die beiden Fahrzeuge waren mit hoher Geschwindigkeit unterwegs und wechselten permanent die Fahrtspuren. Im ersten Moment erinnerte Nick das Schauspiel an die Art von illegalen Rennen, wie sie von Jugendlichen gefahren wurden. Doch dann hörte er die Schüsse und sah dass Mündungsfeuer automatischer Waffen. Aber Nick sah noch etwas. Ein Schatten bewegte sich langsam direkt vor ihm auf die Straße zu. Beim genaueren Hinsehen handelte es sich um einen alten Mann, der von den beiden heranrasenden Wagen wohl noch keine Notiz genommen hatte. Der Mann trug ordentliche und saubere Kleidung, aber bekam aus irgendwelchen Gründen nichts von der Gefahr mit. Wenn Nick nichts tat, würde der Mann genau vor die Autos rennen. Die Gedanken in seinem Kopf rasten, dann entschied sich Nick und packte den alten Mann, zerrte ihn mit purer Gewalt zurück in die dunkle Seitenstraße. »Nein, bitte... tun Sie mir nichts. Sie können mein Geld haben!«

Er hielt den Mann fest und legte sich den Zeigefinger auf den Mund. Da verstand der Mann und schwieg endlich.

Nick hörte einen Knall, dann kam ein Streifenwagen in Sicht, der schlingernd gegen ein geparktes Auto schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite krachte. Die Verfolger hatten scheinbar einen Reifen erwischt und der Fahrer hatte daraufhin die Kontrolle über das Fahrzeug verloren.

Augenblicklich wurden die Türen des Streifenwagens aufgestoßen und zwei Polizisten der Metropolitan Police sprangen heraus, zogen ihre Dienstwaffen. Augenblicklich erklang das Stakkato von Sturmgewehren und die beiden Polizisten wurden von den Treffern herumgewirbelt und starben auf der Stelle.

Der Alte im Griff von Nick keuchte. »Was passiert hier? Das darf doch alles nicht wahr sein!«

Doch Nick antwortete nicht, da er Angst vor einer Entdeckung hatte. Zwei Soldaten in voller Kampfmontur erschienen bei dem Streifenwagen und überprüften die Vitalfunktionen der Polizisten. »Gefahr ausgeschaltet«, meldete einer der beiden Männer. Dann zogen sich beide zurück. Kurze Zeit später wurde ein Dieselmotor gestartet und ein Geländefahrzeug der Army fuhr an der Seitenstraße vorbei. Als es verschwunden war, lockerte Nick endlich den Griff, mit dem er den alten Mann festgehalten hatte.

»Sie haben mir das Leben gerettet, Mister. Ich hatte mein Hörgerät nicht eingeschaltet!« Das holte der Mann jetzt nach und reichte Nick seine Hand. »Ich bin Walter Brown. Können Sie mir sagen, was um alles in der Welt hier in Washington passiert? Ich bin heute früh ins Bett gegangen, konnte aber nicht schlafen. Deshalb bin ich rausgegangen.«

Nick ergriff die Hand. »Ist mir eine Freude, Walter. Ich bin Nick Collins.« Dann berichtete Nick was er selbst über die Situation in der Stadt wusste. Walter hörte ernst zu und nickte. Dann lächelte alte Mann ein schmallippiges Lächeln. »Trotz allem haben Sie was gut bei mir, Nick. Kann ich irgendwas für Sie tun?«

Nick grinste verschmitzt, denn ihm war da gerade tatsächlich eine Idee gekommen. »Sagen Sie Walter, Sie haben nicht zufällig ein Auto?«

 

 

19

 

»So sieht man sich wieder«, hörte Hugh eine vertraute Stimme hinter sich. Sie gehörte dem jungen Anwalt Ned Walker, der als Assistent für einen von Hughs Kollegen im Repräsentantenhaus arbeitete. Die beiden Männer reichten sich die Hände. »Was zum Teufel passiert hier?«

Ein lakonisches Grinsen umspielte die Lippen von Walker. »Die Polizei hat gezielt demokratische Abgeordnete und deren Mitarbeiter selektiert, um sie in Lager wie dieses zu verfrachten. In Verbindung mit den anderen Geschehnissen in der Stadt kann man wohl mit Fug und Recht von einem Putsch sprechen.«

Die Kiefer von Hugh mahlten übereinander. »Wissen wir irgendwas darüber, wie es in anderen Teilen des Landes aussieht?«

»Alle Kommunikationsverbindungen sind zeitgleich ausgefallen: Telefon, Mobilfunk, Internet. Alles wurde abgeschaltet, wahrscheinlich von Leuten wie unseren Gastgebern.« Der Anwalt deutete mit dem Kopf auf die Polizisten in ihren martialischen Riot-Rüstungen, die bewaffnet und teilweise mit Hunden um das Lager patrouillierten. Aber Hugh wollte es nicht glauben, konnte es einfach nicht glauben.

Hugh und Walker hörten Stimmgewirr und drehten sich um. »Hey, was soll das? Warum werden wir hier gegen unseren Willen festgehalten?«, rief jemand aus einer Gruppe, die sich am nördlichen Rand des Lagers gebildet hatte. Als der Mann keine Antwort von dem Wachtposten auf der anderen Seite des Zauns bekam, schlug er mit seinen Händen gegen das Gitter. »Ich rede mit dir, Du verdammter Faschist!«

Da peitschte ein Schuss auf und zeitgleich flammten zusätzliche Scheinwerfer rund um das Lager auf. Am Eingang in das Gebäude war ein Polizist aufgetaucht, der anstelle der Riot-Ausrüstung eine auf Maß gefertigte Uniform trug und mit einer Desert Eagle in die Luft geschossen hatte. Hinter ihm hatten sich drei seiner Leute mit Schrotflinten aufgebaut. »Verhalten Sie sich passiv und bleiben sie vom Zaun weg!«

»Darf ich vorstellen, dass ist unser Herbergsvater Captain Brody«, raunte Walker.

Brody strahlte fast schon körperlich einen Nimbus der Gefährlichkeit aus und wirkte durch seine alleinige Präsenz bereits einschüchternd. Doch die kleine Gruppe aus Insassen blieb trotzig beim Zaun stehen, worauf sich Brody gefolgt von seinen Männern und den Augen der übrigen Insassen in Bewegung setzte. Die Desert Eagle baumelte in seiner Rechten nach unten. Dann hatte er die Gruppe erreicht und blieb regungslos vor dem Mann stehen, der das Wort ergriffen hatte. »Was ist Ihr Problem, Jackson?«

Der angesprochene trat mit hoch erhobenem Haupt auf den Polizisten zu und Hugh erkannte ihn in diesem Moment. Scott Jackson war Chefredakteur des Washington Examiners, einem Blatt des linken Randes. »Wir haben Rechte, Brody. Sie können uns hier nicht ohne geeignete Handhabe festhalten!«

Brody hatte Jackson zugehört, dann nickte er langsam. Doch dann hob er die rechte Hand mit der großkalibrigen Pistole darin an und setzte sie dem Journalisten auf die Stirn.

»Es mag sein, dass Sie alle Rechte haben«, rief Brody mit lauter Stimme und hielt die Pistole weiterhin auf der Stirn des Mannes vor ihm. »Aber ich habe hier das Sagen und meine Männer haben die Waffen, um alles durchzusetzen, was ich befehle.« Dann nahm er die Waffe herunter und trat nun seinerseits einen Schritt näher an Jackson heran. »Haben Sie dazu noch irgendwelche Fragen, Mister Jackson?«

Die Augen des Journalisten funkelten vor Zorn. »Lecken Sie mich, Brody. Sie sind doch nichts anderes als ein Aushilfsnazi!«

Der Captain trat einen Schritt zurück und wandte sich dann an seine Begleiter. »Ihr habt Mister Jackson gehört!«

Ein hagerer Polizist hob seine Schrotflinte und schlug Jackson den Kolben ansatzlos und hart gegen die Schläfe. Bevor der Journalist umkippen konnte, packten die beiden anderen Polizisten zu und schleiften den Bewusstlosen in Richtung des Gebäudes. »Mister Jackson wird die nächsten Tag in Isolierhaft verbringen. Möchte ihn vielleicht noch jemand begleiten?«

Nun begann sich die Gruppe am nördlichen Teil des Zauns aufzulösen. Brody nickte. »Wir haben noch genug Einzelzimmer frei!«

Kurze Zeit später war der Einschluss erfolgt. In der Mitte der Freifläche befanden sich einige Baracken, in denen Feldbetten aufgestellt waren. Die Behausungen waren überraschend sauber und boten Schutz vor der Außentemperatur. Als alle Insassen in den Baracken waren, waren sie von den Wärtern eingeschlossen worden. Dann wurde das Licht von außen ausgeschaltet.

Hugh lag auf seinem Feldbett und zog sich die einfache Wolldecke hoch bis zum Kinn. In Washington wurde gerade also tatsächlich ein Albtraum war. Irgendwelche reaktionären Kräfte hatten einen Umsturzversuch gestartet, den niemand kommen gesehen hatte. Was jetzt wohl mit den beiden Präsidentschaftskandidaten war? War Desmond Wallace etwa in das Vorhaben involviert? Hugh wusste es nicht. Fatima Jones hatte definitiv nichts mit diesem Wahnsinn zu tun, da war er sich vollkommen sicher. Aber konnte er das auch von Wallace sagen? Dem Mann aus Nashville wurden zumindest Sympathien für den Ku-Klux-Klan und die extreme Rechte nachgesagt, aber wie erklärte das die Verwicklung der Metropolitan Police?

Da hörte er in der Ferne ein Geräusch. Auch einige anderen Insassen hatten es gehört, setzten sich in den Betten auf und ein Stimmgewirr breitete sich aus. »Hubschrauber! Das sind Rotorengeräusche von Hubschraubern«, sagte jemand. »Die Army haut uns hier raus, ich habe es doch von Anfang an gesagt«, hörte Hugh einen anderen sagen. Aber war das wirklich so? Würde die Army ihnen überhaupt beistehen, oder würde sie nicht sogar die reaktionären Kräfte unterstützen?

Jetzt hörte Hugh auch Rufe außerhalb der Baracken, es mussten die Wachen sein. »Bringt die RPG raus und blast die verdammten Vögel aus der Luft«, hörte Hugh und es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Die Polizisten bereiteten sich draußen tatsächlich auf eine Auseinandersetzung mit den nahenden Hubschraubern vor!

Dann war es so weit. Der erste Raketenwerfer wurde draußen abgefeuert und spie seine explosive Ladung in die Nacht. Weitere folgten. Dann waren die Helikopter über dem Camp. Maschinenkanonen brüllten auf, Explosionen ließen den Boden erzittern. Die Männer und Frauen die mit Hugh eingeschlossen waren, hielt nichts mehr in ihren Betten. Sie zerrten und stießen an der verschlossenen Tür der Baracke, doch sie gab nicht nach. In diesem Moment wurde die Hütte von etwas getroffen und irgendjemand schrie schrill auf. Eine automatische Waffe musste die Baracke getroffen haben, denn durch die kreisrunden Einschusslöcher fiel nun das gleißendes Licht eines Scheinwerfers. Während draußen der Kampf weiter tobte und im Inneren der Baracke der Verletzte vor Schmerzen schrie, traf ein dumpfer Schlag die Eingangstür und sprengte sie aus den Angeln. Dann erschien eine Gestalt mit Stahlhelm, Körperpanzerung und Sturmgewehr in der Tür. »Ich bin Lieutenant Jocko Lawson von der 1st Cavalry Divison der US Army. Ladies und Gentlemen, wir holen Sie hier raus und bringen Sie an einen sicheren Ort!«

 

 

20

 

Hätte Madison es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte sie es nicht für möglich gehalten. Vincent hatte fast schon gierig Flüssigkeit zu sich genommen und bestand nun darauf, selbstständig zur Toilette zu gehen. Der Verletzte war so bestimmt gewesen, dass sie seinem Anliegen schließlich nachgegeben hatte. Dann hatte sie ihn vom Infusionsschlauch losgemacht und Vincent war mit langsamen Schritten zur Toilette gegangen. Es folgten bange Minuten, in denen Madison befürchtete, dass ihr unfreiwilliger Gast jede Sekunde kollabieren würde. Doch die Bedenken der jungen Frau waren umsonst gewesen. Die Tür des Badezimmers ging auf, dann stand Vincent in der Tür und grinste sie an. Wie beim Hinweg fasste sie ihn sanft am Arm und brachte ihn zurück zum Sofa. Gerade als Vincent sich setzen wollte, hielten vor dem Haus zwei Autos mit quietschenden Reifen.

»Erwarten Sie noch Gäste?«, wollte Vincent wissen.

Madison schüttelte mit ernster Miene den Kopf.

Der Blick des Verletzten richtete sich auf die blonde Frau und sie sah einen zu allem entschlossenen Mann vor sich. »Wo ist meine Pistole, Madison?«

Sich dachte angestrengt nach, doch sie konnte einfach nicht nachdenken. Sollte sie dem eigentlich fremden Mann die Waffe wirklich geben? Dann nickte sie, Vincent war Profi und konnte besser mit der Pistole umgehen als sie. Also beugte sie sich zum Wohnzimmertisch, holte die Glock aus dem Fach heraus und gab sie Vincent.

Das Gesicht des bärtigen Talbot glühte, als er aus dem Van stieg. Dieser gerissene Collins hatte sie absichtlich auf eine falsche Spur gelockt. Aber sein Strohmann mit dem Cadillac war nicht weit gekommen, dann war der Wagen mit zerschossenen Reifen liegengeblieben und sie hatten mit dem Fahrer kurzen Prozess gemacht, schließlich hatte er mit diesem Faschisten paktiert. Aber die Zelle zu der Talbot gehörte, hatte umfangreiche Recherchen über alle Menschen auf der Liste angestellt. Deshalb wusste Talbot auch von der Lebensgefährtin des Abgeordneten, die in Georgetown lebte. Collins hatte keine andere Anlaufstelle als hierherzukommen. Wenn er noch nicht bei seiner Schnalle war, würden sie der eben Gesellschaft leisten. Es konnte ja schließlich nicht mehr lange dauern, bis der Abgeordnete eintraf. Ein böses Lächeln breitete sich auf dem Gesicht von Talbot aus. Sie hätten diese Bonzen schon vor Jahren an die Schlachtbank führen müssen. Die Kapitalisten hatten dieses Land langsam ausbluten lassen und das konnte die Vereinigung nicht länger mit ansehen!

Gefolgt von seinen Kumpanen trat Talbot zur Klingelanlage und sah sich die Namen darauf an. Seine Augen blieben an dem Schild mit der Beschriftung Durden hängen und er betätigte den Knopf mit seinem dicken Zeigefinger. Dann wartete der Bärtige kurz und betätigte erneut den Kopf. Als immer noch nichts passierte, legte Talbot seine fleischige Handfläche auf sämtliche Klingelknöpfe des Tableaus und drückte sie einfach alle. Als der Türsummer erklang, grinste er. »Irgendwer ist doch immer neugierig genug!«

Dann betrat die Gruppe das Treppenhaus und ging in den ersten Stock. Dank der Recherchen der Zelle wusste Talbot genau, wo sich die Wohnung von Madison Durden befand. Wo Menschen arbeiteten, gab es auch immer Informationsflüsse nach draußen, da konnten noch so peinliche Datenschutzgesetze erlassen werden.

Talbot baute sich vor der Haustür mit dem Namen Durden auf und klopfte geräuschvoll an die Tür. »Guten Abend, Miss Durden. Wenn Sie uns nicht reinlassen, machen wir uns selbst die Tür auf und dann wird es so richtig ungemütlich. Wir mögen nämlich keine schlechten Gastgeber!«

Erneut wartete der Bärtige vergeblich. Dann drehte er sich zu seinen Leuten um. »Bitte den Universalschlüssel!«

Die Männer lachten, als Talbot eine Axt gereicht bekam. Doch die Ausgelassenheit hielt nicht lange an. So als ob jemand nur darauf gewartet hätte, Gewissheit zu bekommen, bellte von der anderen Seite der Tür eine Pistole auf. Das erste Projektil durchschlug die Tür etwa auf Höhe des Spions und traf Talbot direkt in den Hals. Irritiert sah der Bärtige sein eigenes Blut gegen die weiße Wand spritzen, dann ließ er die Axt fallen, presste seine Rechte gegen seinen Hals und taumelte einige Schritte zur Seite. Seine Beine gaben nach, dann rutschte er an der Wand herunter und brach regungslos im Flur zusammen.

Die zweite Kugel traf den Mann in die Stirn, der rechts von Talbot gestanden hatte, und tötete ihn innerhalb von Sekunden. Der Kerl links von Talbot nestelte an seinem Gürtel herum um seine Waffe zu ziehen, als die Pistole hinter der Tür zwei weitere Male abgefeuert wurde. Zwei rote Schlieren an der Wand hinter sich her ziehend sank auch er tot zu Boden.

Dann wurde die Tür von innen aufgerissen. In der offenen Tür stand ein Kerl mit zerschnittenem Hemd und Verbänden um die Brust, die bereits eine deutliche Rotfärbung angenommen hatten. Doch die Augen des Unbekannten glänzten geradezu gefährlich vital. Die drei übrigen Männer der Zelle hoben reflexartig ihre Baseballschläger, doch es sollte ihnen wenig nützen. Eiskalt hob der Verletzte seine Waffe und verpasste den Männern einen nach dem anderen einen Schuss aus nächster Nähe in den Kopf. Ruhe legte sich wie ein Leichentuch über den Hausflur.

»Sind sie alle...?«, fragte Madison mit brüchiger Stimme hinter DiNozzo aus der Wohnung heraus.

Der Offizier der Army Intelligence nicke. »Alle!« Dann stöhnte er und seine Beine gaben unter ihm nach.

 

 

21

 

Die Kampfhubschrauber hatten die Männer von Captain Brody in die Defensive gedrängt und machten kurzen Prozess mit den letzten Polizisten, die ihnen noch Gegenwehr leisteten. Um die letzten verschanzten Gegner kümmerte sich eine Einheit der Luftlandeinfanterie. Schreie und Schüsse zerrissen die Nacht. Die Zaunanlage hatte an einigen Stellen direkte Raketentreffer abbekommen und nun klafften große Lücken darin.

Mehrere Black Hawk Transporthubschrauber waren in sicherer Entfernung gelandet, und warteten mit laufenden Rotorblättern, um die Insassen des Camps abzutransportieren. Soldaten geleiteten die verwirrten und verängstigten Gefangenen zu den einzelnen Hubschraubern. Hugh stieg zusammen mit Ned und einigen anderen Personen in eine Maschine. Einer der Soldaten schob schwungvoll die Schiebetür zu, dann hob der Black Hawk auch schon sofort vom Boden ab. »Wo bringen Sie uns hin?«, schrie Hugh dem Soldaten entgegen.

»Die Gemengelage in und um Washington herum ist total chaotisch. Wir haben den Befehl, Sie nach Fort Meade zu bringen!«

Hugh nickte erleichtert, denn er wollte möglichst schnell weg aus dieser Stadt. Washington war über Nacht zu einem Pulverfass geworden.

Nach kurzer Flugzeit waren die ehemaligen Gefangenen in Fort Meade angekommen. Armeefahrzeuge hatten die Menschen schnell zu einem Verwaltungstrakt innerhalb des Stützpunktes gebracht, wo sie mit warmen Decken und Kaffee versorgt wurden. Dann nahm ein quälend langsamer Aufnahmeprozess seinen Anfang. Zwei Soldaten nahmen die Personalien und die Fingerabdrücke der Menschen in den blaugrauen Overalls auf. Irgendwann war dann auch Hugh an der Reihe. »Guten Abend, Sir«, grüßte ihn der junge Soldat an dem vor ihm Schreibtisch.

Hugh erwiderte die Begrüßung, beantwortete alle Fragen und ließ sich auch die Fingerabdrücke abnehmen.

»Das wäre dann für den Moment dann alles, Mister Kincaid.«

Doch Hugh schüttelte den Kopf. »Das sehe ich anders, Corporal. Als Abgeordneter des Repräsentantenhauses verlange ich den diensthabenden Offizier zu sprechen.«

Der Unteroffizier runzelte die Stirn. »Später können Sie...«, begann er und wurde dann von dem Abgeordneten unterbrochen. »Jetzt, Corporal – nicht später. Ich bestehe darauf!«

Hugh konnte förmlich die sich drehenden Zahnräder im Kopf des jungen Mannes sehen. Für einen Moment befürchtete er, der Corporal würde nicht nachgeben. Doch dann nickte der Soldat. »Also gut, folgen Sie mir bitte!«

An der Bürotür hatte der Name Lieutenant Reeves gestanden, als der Corporal daran geklopft hatte. Nach einer Aufforderung hatte der der junge Soldat die Tür geöffnet und Hugh war ihm gefolgt. An einem Schreibtisch saß ein breitschultriger Offizier Ende dreißig, der die Ehrenbezeugung des rangniederen Soldaten lässig erwiderte. »Wen bringen Sie mir denn da, Corporal?«

»Der Abgeordneter Kincaid hat den Wunsch geäußert, Sie unverzüglich sprechen zu dürfen.«

Die grünen Augen des Offiziers richteten sich auf Hugh. Nach einer Weile nickte Reeves. »Danke, Corporal.« Der Lieutenant stand kurz hinter dem Schreibtisch auf und bot Hugh einen der beiden Stühle davor an.

»Was verschafft mir die Ehre, Mister Kincaid?«, fragte der Offizier, als der junge Soldat das Büro verlassen hatte.

Der Abgeordnete zuckte mit den Schultern. »Ich komme gerade aus einer Stadt, die sich innerhalb von nur wenigen Stunden in einen Albtraum verwandelt hat. Was ist da eigentlich genau passiert?«

Reeves presste die Lippen zusammen. »Wir gehen momentan von einem lokalen begrenzten Problem in Washington aus. Es sieht so aus, als hätten dort extrem linke und rechte Kräfte eine Spirale der Gewalt ausgelöst. Diese Spirale ist dann vollkommen eskaliert und hat zu den Bombenanschlägen auf das Weiße Haus und das Kapitol geführt.« Der Offizier sah kurz auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch. »Es werden gerade in großem Umfang Truppen nach Washington verlegt und wir werden die Situation dort gewiss innerhalb der nächsten Stunden, ganz sicher aber innerhalb des nächsten Tages wieder unter Kontrolle haben.«

Hugh starrte den Lieutenant vor sich an und sein Herz begann zu rasen. War das wirklich möglich? Standen der Army tatsächlich nicht alle Informationen zur Verfügung?

»Stimmt etwas nicht, Mister Kincaid?«

Hugh nickte langsam. »Sie sprachen gerade von Bombenanschlägen auf das Weiße Haus.«

Reeves nickte. »Korrekt. Wir gehen von einer Spiegelung der Anschläge auf das Kapitol aus.«

Am liebsten hätte Hugh gerade laut losgelacht, aber dies war nicht der passende Moment und auch nicht der richtige Zeitpunkt für Zynismus. »Ich bin Augenzeuge von den Ereignissen, die zur vermutlichen Zerstörung des Weißen Hauses geführt haben. Es waren Kampfflugzeuge, Lieutenant!«

Reeves begann mit einem Kugelschreiber zu spielen und sein Teint wurde einige Nuancen heller. »Nehmen Sie es mir nicht krumm, Mister Kincaid – aber sind Sie sich da wirklich sicher? Woher sollten die fremden Jets denn gekommen sein?«

Nun stahl sich doch ein dünnes Lächeln auf das Gesicht des jungen Abgeordneten. »Es waren keine fremden Jets, Lieutenant. Es waren unsere eigenen F16 Jets!«

Reeves Blick begann kurz zu irrlichtern, dann legte er seine Rechte auf das Telefon vor sich. »Sie sind sich vollkommen sicher?«

»Zu einhundert Prozent!«

Reeves nickte und hob den Telefonhörer ab. »Verbinden Sie mich mit General Hill!« Dann hörte der Offizier kurz zu, was sein Gesprächspartner sagte. »Egal, und wenn morgen Weihnachten und Ostern zusammen wäre, holen Sie mir den General ans verfluchte Telefon!«

 

 

22

 

Nick hatte Walter nicht gefragt, wie alt er war. Hätte er schätzen müssen, hätte er den Mann neben sich auf Mitte siebzig geschätzt. Dennoch bewegte Walter den Toyota mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das frühmorgendliche Washington. Auf den Straßen waren jetzt kaum noch Autos unterwegs und die Menschen hatten anscheinend den Schutz ihrer Wohnungen vorgezogen. Glücklicherweise waren aber auch seit geraumer Zeit keine Explosionen mehr zu hören gewesen. Es war, als wäre dies eine gewöhnliche Nacht in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika. Doch das war wohl nur auf den Verdrängungsmechanismus des menschlichen Gehirns zurückzuführen. Um daran erinnert zu werden, was wirklich passiert war, genügte für Nick ein Blick in den Innenspiegel. Die Platzwunde auf seiner Stirn musste weiterhin behandelt werden, ebenso wie Vincent DiNozzo unverzüglich ins Krankenhaus gebracht werden musste. In diesem Moment spürte Nick einen Seitenblick von Walter auf sich ruhen. »Ich kenne Sie irgendwoher, Nick. Verraten Sie mir woher?«

Er zuckte mit den Schultern. »Interessieren Sie sich für Politik?«

Walter kicherte. »Nennen Sie mir eine Person, die in Washington D.C. lebt, und sich nicht für Politik interessiert.« Dann sah Walter wieder nach vorne. »Also Politiker. Demokrat?«

Nick lachte. »Knapp daneben. Ich bin Abgeordneter der Republikaner im Repräsentantenhaus.«

Walter stieß ihm spielerisch mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Sie spielen für mein Team, das gefällt mir!«

Dann bog der Toyota in die Straße, in der Madison wohnte. Walter musste hart abbremsen, denn ein Van und ein Kleinwagen waren direkt hinter der Straßenecke geparkt. »Verdammt«, flüsterte Walter beim Ausweichen.

»Die gehören hier eigentlich nicht hin«, hörte sich Nick sagen und er ahnte nichts Gutes.

»Oh mein Gott, dass sieht ja aus wie auf einem Schlachtfeld«, entfuhr es Walter und er hatte recht. Vor der Tür von Madison lagen mehrere Leichen. »Kann ihre Freundin so außergewöhnlich gut mit dem Schießeisen umgehen?

Nick schüttelte den Kopf, dann sah er die Löcher in der Wohnungstür. Für einen Moment glaubte er, dass jemand von außen auf die Tür geschossen hätten. Doch dann bemerkte er, dass die Kugeln scheinbar aus der Wohnung abgefeuert worden waren. »Das ist eher der Patient gewesen, den wir ins Krankenhaus bringen wollen.«

Walter sah Nick mit einem ungläubigen Ausdruck in seinen Augen an. »Das scheint aber ein seltsamer Notfall zu sein. Hört er zufällig auf den Namen John Rambo?«

»Es geht tatsächlich in die Art. Der Mann ist bei der Army Intelligence.«

Bevor Walter etwas erwidern konnte, wurde die Wohnungstür geöffnet und Madison erschien im Türrechteck. Ihr Gesicht sprach Bände. »Die Kerle dort wollten in die Wohnung. Vincent hat sie kaltblütig nacheinander ausgeschaltet. Danach ist er kollabiert. Er muss sofort ins Krankenhaus, sonst stirbt er.«

Nick stellte Walter Madison vor. »Walter wird uns helfen und uns ins Krankenhaus fahren.«

»Was ist denn mit deinem Cadillac, Nick?«

Der Abgeordnete zuckte mit den Schultern. »Darin liegt jetzt vermutlich ein Toter.«

Der Toyota hatte sich als echtes Raumwunder herausgestellt, in das der bewusstlose Vincent problemlos der Länge nach hineingelegt werden konnte. Die Fahrt ins George Washington University Hospital dauerte keine zehn Minuten. Walter steuerte seinen Toyota routiniert vor den Eingang und sah dann zu Nick. »Ich sage Ihnen, wie das jetzt hier läuft, Nick.« Dieser sah Walter an und runzelte die Stirn. »Da kommen schon zwei Pfleger angelaufen. Wir laden diesen DiNozzo gleich aus dem Wagen und Sie beide verschwinden dann mit meinem Wagen aus dieser Stadt. Ich kümmere mich danach um die Formalitäten und dass dieser Haudegen vom Nachrichtendienst der Army auch alles Nötige bekommt.«

»Vergessen Sie das mal ganz schnell, Walter. Das kann ich unmöglich annehmen!«, antwortete Nick reflexartig.

Walter sah den jüngeren Mann neben sich an. »Bullshit, Junge.« Der alte Mann zog den Zündschlüssel ab und drückte ihn Nick in die Hände. »Wenn die Sache hier gut ausgeht, kommen Sie mich besuchen, sobald Sie wieder in der Stadt sind.« Ein dünnes Lächeln umspielte sein Gesicht. »Seien Sie nett zu diesem Baby hier«, sagte der alte Mann und tätschelte sanft das Lenkrad vor sich.

Mit diesen Worten stieg Walter aus und ging auf die beiden Pfleger zu, die aus der Notaufnahme herauskamen und fast den Wagen erreicht hatten. »Multiple Schussverletzungen. Die Lady im Wagen hat den Mann so gut am Leben gehalten, wie sie konnte. Jetzt braucht er Ihre Hilfe.«

Routiniert öffnete einer der Pfleger die Heckklappe und zusammen mit Nick hievten sie den Bewusstlosen auf eine rollbare Trage. Dann nickte Walter ihnen zu und verschwand mit dem bewusstlosen DiNozzo und den Pflegern in der Notaufnahme des Krankenhauses. Nick sah ihnen noch eine Weile nach und fragte sich, ob er Walter jemals wiedersehen würde.

Der Toyota war auf der Interstate 95 in Richtung Süden unterwegs. »Wohin fahren wir eigentlich«, brach Madison das Schweigen.

»Warst Du schon mal in Texas?«

Madison sah Nick von der Seite an. »Bisher nicht. Aber das sind auch gut dreizehnhundert Meilen bis dorthin. Was willst Du da?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich will so weit weg von D.C. wie es nur irgendwie geht. Außerdem macht Carol dort am Moss Lake Urlaub.«

Madison sah nach vorne auf die Straße. Einige hundert Meter vor ihnen hatte sich scheinbar bis vor Kurzem eine Straßensperre der Polizei befunden. Ausgebrannte Streifenwagen waren wie Spielzeugautos auf Seite gerammt worden und auch ein liegengebliebenes Armeefahrzeug war zu sehen. Nick nahm den Fuß vom Gas und beide sahen die zahlreichen Einschusslöcher in den Fahrzeugen.

Dann nickte Madison langsam. Sie selbst hatte keine Familie mehr und Nick hatte nur noch Carol. Außerdem wusste wohl nur Gott, wie sich die Lage in Washington weiterhin entwickeln würde. Momentan war es wieder möglich, die Stadt zu verlassen, aber würde das auch morgen noch so sein?

»Also gut Lonestar State, wir kommen!« Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Nick und sah, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.

In der Ferne hatte sich der Horizont bereits golden verfärbt und der neue Tag brach an. »Sieh mal«, sagte Nick und deutete mit dem Zeigefinger auf die Gegenfahrbahn. Ein scheinbar unendlicher Konvoi steuerte auf Washington zu. Als die Fahrzeuge an ihnen vorbeifuhren, erkannten sie, dass es sich ausnahmslos um gepanzerte Truppentransporter handelte.

»Die Nationalgarde«, kommentierte Nick.

Madison betrachtete die Fahrzeuge des Konvois mit gemischten Gefühlen. »Hoffentlich können die wieder die Lage in Washington stabilisieren!«

Nick sagte nichts dazu, denn er wollte nur noch weg aus der Stadt. Sein Instinkt hatte in ihm die Gewissheit reifen lassen, dass diese Sache keinesfalls schnell ausgestanden sein würde. Diese Überzeugung behielt er aber für sich, denn er wollte Madison nicht noch weiter ängstigen. Vielleicht täuschte er sich ja auch, wenn da nur nicht dieses verfluchte Gefühl gewesen wäre...

 

 

 

ENDE

 

 

 

2. AUFRUHR IN DER STADT von Wilfried A. Hary

 

 

 

 

»Ich möchte sehen, ob ihr so schießen könnt, wie ihr schreit.«


- Woodrow Wilson

 

 

 

1

 

Just zur dunkelsten Stunde, die eher dürftige Straßenbeleuchtung ausnutzend, bewegten sich vier vermummte Gestalten auf das Rathaus zu.

Das altehrwürdige Gebäude, vor vielen Generationen aus überwiegend Holz gebaut, war eindeutig das beeindruckendste Gebäude überhaupt in dieser Stadt, die sich Nashville nannte. Dies hier war zwar nicht die gleichnamige Hauptstadt des US-Bundesstaats Tennessee und County Seat des Davidson County, aber die Bewohner waren sogar froh darum, nicht so berühmt zu sein. Aus gutem Grund...

»Seid ihr bereit?«, fragte der Anführer der vier Vermummten mit gedämpfter Stimme.

»Scheiße, hätte nie gedacht, dass es so leicht werden würde!«, murmelte einer der anderen anstelle einer Antwort, und der dritte fügte hinzu:

»Logisch, wenn im ganzen Land das Chaos regiert und man von Washington nur noch Gerüchte hört, aber nichts Konkretes mehr... Da fehlt es hinten und vorn. Sogar an Strom für die Straßenbeleuchtung. Die mussten umstellen auf die eigene Versorgung, weil nichts mehr von außerhalb kommt.«

»Umso besser für uns!«, knurrte der vierte im Bunde, so abgrundtief, dass es an das Knurren eines gereizten Bären erinnerte.

Sie kontrollierten ein letztes Mal die mitgebrachten Flaschenkörbe. Die Flüssigkeit in diesen Flaschen war beileibe nicht zum Trinken geeignet. Dafür waren sie sämtlich unverschlossen, und so etwas wie Dochte hingen aus den Flaschenhälsen.

Geduckt liefen sie quer über die Straße und verteilten sich sogleich. Jedem war eine Ecke des Rathauses zugewiesen.

Ihr Anführer ärgerte sich zwar, weil ihm keiner auf seine klar formulierte Frage geantwortet hatte, aber er sah ein, dass es jetzt sowieso nicht mehr nötig war: Es hatte sich sozusagen von allein erledigt.

Sobald jeder seine Position erreicht hatte, sahen sie auf ihre Armbanduhren, die natürlich präzise miteinander abgestimmt waren. Sobald der Sekundenzeiger die volle Minute anzeigte, entzündeten sie die Dochte und warfen die gefüllten und jetzt brennenden Flaschen gegen die Außenfassade.

Besonders Treffsichere durchbrachen damit auch das eine oder andere Fenster. Die Flaschen zersplitterten beim Aufprall und ließen ihren Cocktail hoch gehen.

»Molotow lässt grüßen!«, murmelte der Anführer gehässig, als er seine Flaschen warf, anspielend auf den angeblichen Erfinder dieser simplen und doch höchst effektiven Brandbomben.

Und dann mussten alle vier Fersengeld geben, ehe das aufbrausende Feuer noch auf sie übergriff.

Im Nu stand das gesamte Gebäude in hellen Flammen. Es krachte, knallte und knisterte. Der Feuerschein überbot bei weitem diese dürfte Notbeleuchtung auf den Straßen. Und dennoch dauerte es viel zu lange, bis man endlich darauf aufmerksam wurde. Bis dahin war das altehrwürdige Rathaus für alle Zeiten unrettbar verloren. Da hatte auch der seit Jahren streng eingehaltene Denkmalschutz nichts genutzt.

 

 

2

 

Deputy Smart hieß ja nicht wirklich so. Das war nur sein Spitzname. Weil er sich gern sehr smart gab, was bei den meisten Damen im Ort sehr gut ankam – und bei denjenigen, die nicht mehr darauf hereinfielen, hatte spätestens dann ein gewisser Lernprozess eingesetzt, als er ihr Herz gebrochen hatte.

In Wirklichkeit hieß Deputy Smart einfach nur Jeremy Steinschlager. Seine Vorfahren waren irgendwann aus Deutschland nach Amerika ausgewandert. Daher sein deutscher Nachname, der allerdings ursprünglich Steinschläger hieß. Daraus wurde dann im Zuge der Amerikanisierung eben Steinschlager.

Der smarte und mittlerweile mittelalte Deputy war auf Nachtschicht. Das war ihm persönlich am liebsten, denn das hieß: Endlich konnte er mal ausschlafen! Denn in diesem Nashville hier hatte die Polizei nur wenig zu tun – und wenn es wirklich einmal gravierend war, hielt sie sich sowieso heraus, weil es dann für die Stadt am besten war. Also hatte er sich hingelegt, in einer der fünf Zellen, auf die Pritsche, die gerade noch bequem genug war für ihn, und schlief den Schlaf der angeblich Gerechten.

Als das Telefon draußen in der Wachstube der Polizeistation läutete, bekam er das überhaupt nicht mit im Tiefschlaf. Erst als die Feuerwehrsirenen los heulten und den ganzen Ort in Alarm versetzten, erreichte es auch seinen schlummernden Geist.

Er schreckte hoch und brauchte Sekunden, um zu begreifen, wo er sich überhaupt befand. Aber dann rappelte er sich schleunigst auf, lief erst in die Wachstube und dann vor das Haus.

Der Feuerschein am Himmel war unübersehbar! Kein Wunder, denn die Ursache dieses Scheins befand sich nicht allzu weit von der Polizeistation entfernt: Das Rathaus brannte lichterloh.

Deputy Smart überlegte kurz. Sein Denken war immer noch ein wenig beeinträchtigt vom gerade erst überwundenen Schlaf, aber so viel war ihm klar: Zunächst einmal würde dieses Feuer nicht auf die ganze Stadt übergreifen, falls es der örtlichen Feuerwehr gelang, rechtzeitig vor Ort zu sein. Wie es aussah, konnten sie allerdings das Rathaus nicht mehr retten.

Dann hieb er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, dass es nur so klatschte.

»Shit!«, fluchte er, denn ihm war gerade eingefallen, dass Sheriff Baker schon vor Jahren verfügt hatte, sämtliche Fallakten und überhaupt sämtlichen Schriftverkehr aus der Polizeistation in das Rathaus zu verlagern. Weil dort erstens alles sowieso sicherer aufbewahrt werden konnte – angeblich wohlgemerkt! - und weil zweitens dort die Digitalisierung von den städtischen Angestellten übernommen werden konnte.

Da hatte es keinen Polizisten gegeben, der sich über die Entscheidung Bakers nicht riesig gefreut hätte. Denn das sparte ihnen allen jede Menge Arbeit, die nun im Rathaus erledigt werden musste. Was sie außerdem auch noch als gerecht empfanden, denn diese hatten ja wohl sowieso nichts anderes zu tun, nicht wahr? Zumal sie sowieso seit Jahren sämtliche Akten und Unterlagen aus dem riesigen Archiv des Rathauses bereits zu digitalisieren versuchten.

Jetzt würde alles dies den Flammen zum Opfer fallen!

Und nicht nur das: Auch der Server, auf dem alle Daten bereits doppelt und dreifach gesichert worden waren, würde dieses Flammeninferno wohl kaum überstehen.

»Alles für immer verloren!«, murmelte er erschüttert vor sich hin.

Aber wer hätte denn ein Interesse daran gehabt, dies zu tun, also das Rathaus in Brand zu stecken, um alles zu vernichten, was diese Stadt jemals gespeichert hatte?

Er schüttelte den Kopf, denn die Antwort gefiel ihm ganz und gar nicht:

»Eigentlich fast alle in Nashville!«

Denn ihr ganz persönliches Nashville hier hatte eine Besonderheit, die sie wohl von den meisten Städten der USA eindeutig unterschied: Es gab nur zwei verschiedene Sorten von Menschen hier. Die eine Sorte, das waren die Kriminellen – und das andere waren diejenigen, die von der Kriminalität indirekt lebten!

Denn dieses Nashville hier lebte von einer ganz ausgefallenen Art von Landwirtschaft: Hier wurden im großen Stil allerlei Drogen angebaut, und jeder wusste das, der hierher gehörte.

 

 

3

 

Es lag an der Umgebung, streng genommen: Es gab einen See, mit dem Nashville schon immer versucht hatte, so etwas wie funktionierenden Tourismus aufzuziehen. Wohlgemerkt: Versucht! Leider war es noch niemals wirklich gelungen, denn Touristen wurden von zwei Dingen regelmäßig in die Flucht geschlagen: Im Winter von der klirrenden Kälte und einem völlig nutzlosen Schnee. Weil es noch nicht einmal einen Idiotenhügel gab geschweige denn so etwas wie ein richtiges Skigebiet in diesem viel zu flachen Land. Und im Sommer von mehr blutrünstigen und überdurchschnittlich aggressiven Insekten pro Quadratyard als der Himmel Sterne aufwies.

Also war man auf die schmalen Zeitfenster Frühjahr und Herbst angewiesen, was noch nicht einmal reichte, die vorhandenen Hotels und Lokalitäten zu rechtfertigen.

Aus der Not hatte man hier eine Tugend gemacht: Die wenigen Touristen, die hierher kamen, konnten leicht aus allem herausgehalten werden. Sollten sie sich doch wundern, wieso es diesem Ort so offensichtlich gut ging, ohne dass man erkennen konnte, woher das Geld floss. Die Nashviller waren routiniert darin, vom Wesentlichen abzulenken. Einschließlich natürlich die involvierte Polizei.

Kein Wunder, dass es hier ansonsten so gut wie keine Kriminalität gab, denn falls doch einmal, hatten die Kriminellen nicht nur die örtliche Polizei am Hals, sondern eigentlich jeden, der mittelbar oder unmittelbar an den Drogen Geld verdiente: Erkannte Kriminalität erregte möglicherweise die Aufmerksamkeit der Bundesbehörden, und gerade Nashville konnte genau das am wenigsten gebrauchen!

Und jetzt brannte das Rathaus ab, und sämtliche Akten, Unterlagen, Geburtsnachweise, Einwohnernachweise überhaupt, einfach alles, einschließlich der über mehrere hunderte Jahre zurückreichenden Geschichte dieser Stadt, löste sich in Asche auf.

Das eigentlich Schlimme daran war: Diese Unterlagen hatten die meisten Bürger dieser Stadt gegenseitig belastet und waren daher von Polizei und Stadtpolitik dazu verwendet worden, alle im Zaum zu halten. Damit es keine Alleingänge gab. Damit die drei reichsten Drogenfarmer und somit reichsten Grundbesitzer des Ortes sich nicht gegenseitig an den Kragen gingen und nicht nur die Füße still hielten.

Alles das war jetzt vorbei! Es gab keinerlei Druckmittel mehr.

»Shit! Shit!«, schimpfte Smart vor sich hin und kehrte zurück in sein Büro, um seinen Sheriff anzurufen. Der war inzwischen sowieso schon wach. Bei diesem Sirenengeheul wurden ja sogar die Toten auf dem örtlichen Friedhof geweckt...

 

 

4

 

Die vier Vermummten trafen sich in der Parteizentrale der Republikaner von Nashville. Natürlich diesmal ohne Vermummung.

»Habt ihr die Verkleidung verbrannt?«, vergewisserte sich der Parteivorsitzende Devin Altclair, ein seriös wirkender Endfünfziger, dem man nicht ansehen konnte, was er in dieser Nacht getan hatte.

Seine drei Parteifreunde bestätigten das. Es stand ihnen immer noch der Triumph in den Augen.

Er zeigte sich zufrieden darüber.

»Es darf keine Spur in unsere Richtung führen!«

Das war sowieso jedem klar.

Tony Shelter hob die zur Faust geballte Rechte gegen die Decke und sagte feierlich:

»Dies läutet ein neues Zeitalter ein!«

Da gab es niemanden, der ihm widersprach. Schließlich waren sie in dieser Nacht ja genau deshalb ausgerückt, um ein neues Zeitalter einzuläuten. Jetzt, da sämtliche Unterlagen vernichtet waren, hatte hier niemand mehr irgendwen in der Hand.

»Es musste so sein!«, unterstrich Devin Altclair. »Diese Stadt ist völlig verkommen. Das alles haben wir diesen liberalen Demokraten zu verdanken, die diese Stadt in den Abgrund regiert haben. Es muss erst Chaos entstehen, damit der Akt der Befreiung erzeugt werden kann. Momentan sind wir nur Wenige, aber das wird sich rasch ändern, wenn die Menschen endlich erkennen, dass nur wir Republikaner, also die einzig echten Amerikaner, in der Lage sind, diese Stadt wieder groß zu machen.«

Jetzt hoben alle vier die Fäuste gegen die Decke und sagten feierlich im Chor:

»Wir werden Nashville wieder groß machen!«

Devin Altclair nickte ihnen bedeutsam zu.

»Man stelle sich vor: Eine ganze Stadt, nur Demokraten. Wir sind die einzigen vier Vernünftigen und Aufrechten in dieser Stadt. Und die wenigen Bürger, die es gewagt haben, in der Vergangenheit aus reinen Vernunftgründen uns zu wählen, müssen im Verborgenen bleiben, um von diesen scheiß Liberalen nicht verfolgt zu werden.«

Sie murmelten zustimmend, und dann machten sie erst einmal eine Runde Bier auf und prosteten sich zu. Gutes Bier natürlich, richtig amerikanisches halt, wie es sich für echte Amerikaner gehörte.

Und während sie tranken, hörten sie den Aufruhr in der Stadt. Sirenengeheul zum Beispiel. Es war ihnen ziemlich egal, denn sie hatten schließlich alles ganz genau berechnet und waren sicher, dass vom Rathaus und seinem brisanten Archiv nichts mehr übrig blieb. Egal, was die Feuerwehr noch veranstaltete. Und ob die Flammen auf die übrige Stadt übergriffen, interessierte »die einzig Aufrechten» solange nicht, wie das Feuer nicht bis zu ihnen durch kam, und damit war eigentlich nicht zu rechnen.

Fakt blieb für sie: Jetzt waren sie die größten Helden seit Entdeckung Amerikas. Bloß schade, dass niemand je erfahren durfte, dass sie vier diesen Brand gelegt hatten: Sie vier einzigen Parteimitglieder der Republikaner in der ganzen Stadt wohlgemerkt!

Man würde eher vermuten, dass einer der drei Drogenbarone dahinter steckte: Jeff Cander, Bruce Peacock oder Charlie Palino.

Die ganze Stadt wurde ja im Grunde genommen in drei Hoheitsgebiete aufgeteilt – und nicht nur die Stadt, sondern das gesamte Umland. Jedes dieser Gebiete wurde von einem der Drogenbarone regiert, und jeder Drogenbaron machte Geschäfte mit einem anderen Drogenkartell, das die Ware übernahm, um sie in den großen Städten zu verticken. Und auch die Kartelle hatten die USA für sich aufgeteilt.

Für die Drogenhändler und allen, die davon abhingen, gab es eine völlig anders aussehende Landkarte Amerikas als offiziell verbreitet. Eine völlig andere Aufteilung. Wobei ganz Amerika abgebildet war. Hauptabnehmer der Drogen waren USA und Canada.

Die größten Schwierigkeiten für die Kartelle bildeten die Grenzen. Jegliche Kontrolle störte das Geschäft, und wenn der Anbau im eigenen Land erfolgte, war das bestens für das Geschäft. Die Kartelle profitierten davon genauso wie die Drogenbarone, die für Anbau und Verarbeitung sorgten. Und jeder in Nashville, der nicht unmittelbar damit zu tun hatte, profitierte eben indirekt, weil das eingenommene Geld die Stadt reich gemacht hatte.

Etwas, was natürlich die Republikaner in keiner Weise einsehen wollten, weil sie sich dabei als die Verlierer vorkamen in einer Stadt, die eigentlich schon immer von Demokraten regiert worden war.

Sie kamen auch nicht auf die Idee, dass ein Zusammenbrechen der Ordnung in den USA kaum den Drogenhandel beeinflussen konnte, dass sie eben nicht die Einzigen waren, die davon vielleicht profitieren konnten!

Zwar ging das Gerücht, dass überall in den USA die Infrastruktur zusammengebrochen war und mehr oder weniger Chaos herrschte, seit irgendwie in Washington alles schief gegangen war, aber der Verkauf von Drogen war davon nur unwesentlich betroffen. Ganz im Gegenteil: Wenn die allgemeine Ordnung zusammenbrach, wurde es eben wesentlich einfacher, illegale Geschäfte abzuwickeln.

Die vier patriotischen Republikaner vor Ort hätten es ja auch normalerweise niemals gewagt, das Rathaus abzufackeln. Aber sie konnten sich ziemlich sicher sein, dass es keinerlei Hilfe von außerhalb geben würde. Keine Bundesbehörde würde sich vorerst in die inneren Angelegenheiten von Nashville einmischen, weil sie völlig andere Sorgen hatten. Es wurde gemunkelt, dass vielerorts regelrecht Krieg ausgebrochen war. Es gab dafür bereits einen Begriff, der sich immer weiter durchsetzte: Sezessionskrieg 2.0 nannte man es.

Ein Bürgerkrieg, der die gesamten USA zerriss?

Diesmal standen nicht Nord- und Südstaaten gegeneinander wie einst, sondern der Riss ging kreuz und quer durch das ganze Land und verschonte angeblich kaum eine Gegend oder Stadt.

Genau das galt es als Gelegenheit zu nutzen - und sie hatten es genutzt. Um Nashville die Befreiung zu bringen von all dem Unrat, wie sie meinten.

Sie tranken darauf, weil sie überzeugt waren, das Ruder an sich reißen zu können, um als die großen Befreier aufzutreten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

 

5

 

Von Charlie Palino wurde behauptet, er sei nur der Strohmann seiner eigenen Frau. Zwar trat er gern forsch und überlegen auf und griff rigoros durch, falls es einer seiner Leute an Loyalität vermissen ließ, aber bei alledem war es eigentlich seine Frau, die das alles bestimmte und entschied. Er war im Grunde genommen nicht mehr als ihr Leibeigener.

So sagte man zumindest, und keiner wusste besser als er selber, wie treffend das war.

Er litt enorm unter seiner Frau Ellen Palino, sah aber keine Möglichkeit, aus dieser internen Sklaverei, wie er es gern bei sich nannte, jemals auszubrechen. Sie hatte die alleinige Macht, und alle respektierten sie, um nicht zu sagen: Sie fürchteten sie! Denn Ellen war eine grausame, herrschsüchtige Frau, unberechenbar für Freund und Feind.

Wie oft hatte er sich vorgestellt, dass er sie einfach im Schlaf erwürgte. Er war ihr schließlich körperlich überlegen. Er, ein wahrer Bär von einem Mann, und sie eine immer noch gut aussehende, schlanke Fünfzigerin... Sie hätte nicht wirklich eine Chance gegen ihn gehabt. Außer vielleicht mit dem Messer, das sie stets unter ihrem Kopfkissen versteckt hielt. Aber da er ja wusste, dass dort ein Messer war, hätte er das ja mit berücksichtigen können.

Aber was danach? Wenn sie einmal tot war, würde schlagartig alles zusammenbrechen, wie das berüchtigte Kartenhaus. Alles stand und fiel mit Ellen Palino.

Da hatten es seine Konkurrenten, die Drogenbarone Jeff Cander und Bruce Peacock, wesentlich leichter. Sie hatten das alleinige Sagen und bereits ihre Nachfolger bestimmt in der eigenen Nachkommenschaft. So etwas war bei ihm, Charlie Palino, in keiner Weise geregelt. Zumal aus seiner Ehe mit Ellen keine Kinder hervorgegangen waren. Also musste er sich alles gefallen lassen und sich sogar bemühen, dass seiner Frau Ellen nur ja nichts widerfuhr. Weil ihr Tod auch sein eigener Tod sein würde.

In dieser Nacht jedoch wurden die Karten überraschenderweise völlig neu gemischt. In jeglicher Hinsicht. Das wurde ihm schlagartig klar, als der Anruf von Sheriff David Baker kam.

Mit David Baker verband ihn eine alte Männerfreundschaft. Das mussten sie allerdings allgemein unter dem Tisch halten, weil es sonst zu Problemen mit den Canders und den Peacocks geführt hätte. Der Sheriff, der von allen dreien kassierte, musste zumindest nach außen hin neutral bleiben. Der Frieden zwischen den drei Hoheitsgebieten war zwar dauerhaft geblieben bis heute, aber er stand im Grunde genommen auf tönernen Füßen. Es gab eigentlich nur deshalb keine Eskalation, weil sich dabei zwangsläufig eine Bundesbehörde eingeschaltet hätte – mit katastrophalen Folgen für ihre Geschäfte und letztlich für die gesamte Stadt.

Als Charlie Palino nach dem bedeutsamen Gespräch den Hörer auf die Gabel zurücklegte, war eine steile Falte auf seiner Stirn erschienen. Keine Sorgenfalte allerdings, denn er überlegte ernsthaft, wie er die Situation zu seinem eigenen Vorteil nutzen konnte.

Es dauerte Minuten, bis er sich zu einem Entschluss durchgerungen hatte. Im Grunde genommen jedoch sehr enttäuschend für ihn selber, denn er hatte einfach keine Möglichkeit gefunden, etwas aus dieser Situation zu machen. Deshalb lief er los, um endlich seine Frau Ellen in Kenntnis zu setzen. Da konnte er sicher sein, dass sie sofort wusste, was zu tun war.

Falls etwas überhaupt getan werden konnte!

 

 

6

 

Sheriff David Baker telefonierte in dieser Nacht gleich mehrfach, und das hatte gute Gründe: Keiner wusste wohl besser als er, dass die Ereignisse dieser Nacht Weichen stellen würden für die komplette Zukunft seiner Stadt. Aber diese Meinung hatte er nicht allein. Auch Bürgermeister James »Jim» Bullit erkannte das.

Der Bürgermeister war ein großer, behäbig wirkender Mann mit einem ausgeprägten Doppelkinn, das bei Aufregung wackelte wie der beispielhafte Wackelpudding, hatte schon ziemlich viele Jahre auf dem Bürgermeisterbuckel und wohnte in seinem herrschaftlichen Landhaus außerhalb der Stadt. Er hatte vor dem Anruf noch gar nichts mitbekommen von der sich anbahnenden Katastrophe.

Eigentlich entstammte er ja einer landwirtschaftlichen Familie, doch im Laufe der Zeit war viel Grundbesitz von den drei Drogenbaronen aufgekauft worden. Die wenigen, die noch übrig waren, hatten kaum mehr als eine Alibifunktion, indem sie noch Herkömmliches anpflanzten und von daher weitermachen durften, weil sie den drei Drogenbaronen nicht in die Quere kamen damit.

Die Familie des Bürgermeisters hatte damals beim Verkauf ihres Landeigentums sehr weise entschieden, alles auf die drei Drogenbarone aufzuteilen. Das hieß, jeder von ihnen hatte ein Drittel bekommen, damit von vornherein klar war, dass die ganze Familie neutral bleiben wollte und keinen der drei bevorzugen würde, auch und gerade politisch nicht.

So war es gekommen, dass er schon dermaßen viele Jahre im Amt bleiben konnte als Topkandidat der Demokraten und Bürgermeister und jedes Mal eine überwältigende Mehrheit einfuhr, bei jeder Neuwahl.

Eigentlich erschienen ihm die ortsansässigen Republikaner und deren Sympathisanten als so unbedeutend, dass er kaum jemals einen Gedanken an sie verschwendete. Daher konnte er auch keine Antwort geben auf die Frage des Sheriffs:

»Was glaubst du, Jim: Wer hat diesen Brand verursacht? Und es handelt sich eindeutig um Brandstiftung. Das ist inzwischen sozusagen amtlich.«

»Keine Ahnung«, sagte der Bürgermeister und blieb dabei einfach nur bei der Wahrheit. »Es gibt zu viele, die davon profitieren könnten.«

»Aber es gibt genauso viele, die dadurch einen Nachteil haben. Eigentlich ist das Ganze für die gesamte Stadt von Nachteil!«, wandte der Sheriff ein.

»Andererseits«, überlegte James »Jim» Bullit laut, »hat da jemand auf jeden Fall die Situation genutzt. David, wir müssen uns darüber im klaren sein, dass die USA im Chaos versinkt. Wir sind eine Nation mit Vorbildcharakter für die ganze Welt, und nun sehen sämtliche amerikafeindliche Kritiker ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nach Lage der Dinge können wir als Stadt von niemandem Hilfe erwarten. Wir müssen das selber durchstehen.«

»Glaubst du denn, die Barone nutzen es, indem sie Krieg spielen? Das wäre eine wahre Katastrophe. Wie könnten wir das verhindern?«

»Sag du es mir, David. Du bist doch der Sheriff. Ich bin nur der Bürgermeister.«

»Wir sitzen alle in einem Boot!«

»Was glaubst du denn, auf wen wir besonders achten müssen?«

»Ich habe mit Charlie Palino telefoniert.«

»Na und? Der hat doch sowieso nichts zu sagen. Er ist nur die Stimme und die Faust seiner Herrin.«

»Gut ausgedrückt, aber bei dem Gespräch ist zumindest klar geworden, dass sein Clan mit der Brandstiftung nichts zu tun hat. Er zeigte sich zumindest überrascht, um nicht zu sagen erschüttert.«

»Und wenn seine Frau an ihm vorbei gehandelt hat?«

»Ich kenne ihn schon ziemlich lange. Er ist nicht das Weichei als das er dir erscheint, glaube mir, Jim. Er ist eigentlich ein knallharter Typ, der immer gewusst hat, was er will.«

»Nur leider hat er eine Frau, die ihn ständig gängelt. Es ist ja wohl kaum zu leugnen, dass sie eine stärkere Persönlichkeit ist als er es jemals war.

Hast du denn mit Jeff Cander und Bruce Peacock schon gesprochen?«

»Nein, das will ich gleich nach unserem Gespräch hier nachholen.«

»Also gut. Ich berufe eine Notstandssitzung des Gemeinderats ein. In meinem Landhaus ist genügend Platz. Machen wir daraus unser neues Rathaus, zumindest vorübergehend.«

»Das klingt gut. Wir wissen ja, dass der Stadtrat sich ziemlich genau in Sympathisanten aller drei Barone aufteilen lässt. Nur du selber stehst im Ruf, allen neutral gegenüber zu stehen, genauso wie ich.«

»Melde dich bitte, sobald es was Neues gibt!«, bat der Bürgermeister noch. Dann legte er auf.

Nachdenklich sah Sheriff David Baker auf den Hörer in seiner Hand.

In seiner Brust pochte es, in seinem Bauch hatte sich ein äußerst unangenehmes Gefühl eingenistet. Waren das die Vorboten dessen, was die Stadt erwartete?

Und wenn es wirklich schlimm kam, war es auch schlimm für ihn selber. Daran führte kein Weg vorbei.

Prompt wusste er, wie sich ein Kandidat für die Todeszelle fühlen musste.

 

 

7

 

Charlie Palino traute seinen eigenen Augen nicht: Er hätte niemals für möglich gehalten, dass seine Frau auf die nächtlichen Vorgänge in der Stadt so gelassen reagieren würde. Er hatte eigentlich mit einem der üblichen Tobsuchtsanfälle gerechnet, bei denen es ratsam war, rechtzeitig Deckung aufzusuchen. Aber nein, sie hörte diesmal trotz der Brisanz der Situation in stoischer Ruhe bis zum Ende zu, und dann gönnte sie sich sogar noch ein flüchtiges Grinsen.

»Telefon!«, befahl sie, und Charlie brachte ihr verdattert das Mobile.

»Nein, du Volltrottel. Hast du noch immer nicht begriffen, dass die Dinger zumindest bei uns nicht mehr funktionieren? Wir sind auf Festnetz angewiesen und können damit nur innerhalb eines ziemlich engen regionalen Bereiches überhaupt jemanden erreichen.«

Er legte das Mobile beiseite und kehrte mit dem Schnurlosen zurück.

Jetzt war das Grinsen wieder da, breiter als Charlie es je bei ihr gesehen hatte. Jedenfalls konnte er sich nicht mehr an ein dermaßen breites Grinsen bei ihr erinnern. Was war los mit ihr? War sie jetzt völlig durchgedreht?

Ihre Stimme klang ganz ruhig und erschreckend normal, als sie endlich den gewünschten Teilnehmer dran bekam.

Da kein Lautsprecher eingeschaltet war, konnte Charlie weder hören, wer am anderen Ende sprach, noch was dieser sagte. Er hörte eben nur, was seine Frau zu sagen hatte:

»Ich rufe dich an, weil du der Einzige bist, dem ich vertraue!«, behauptete sie gerade.

Dann kam es noch dicker:

»Sonst gibt es sowieso niemanden in der Stadt und in der ganzen Umgebung, dem ich auch nur den Hauch von so etwas wie Vernunft zutraue.«

Wenn Charlie gemeint hatte, das sei bereits der Gipfel, kam jetzt die Steigerung:

»Natürlich weiß ich, wer dafür verantwortlich ist! Ich habe es soeben erfahren. Von einem Augenzeugen, dem ich voll und ganz vertrauen kann. Vermummte Gestalten hat er beobachtet, die mit Molotow-Cocktails gezielt das alte Rathaus beworfen haben. Da war nichts mehr zu machen gewesen für die Feuerwehr. Und jetzt kommt es eigentlich noch toller: Der Augenzeuge hat gesehen, in welche Richtung die Vermummten nach ihrer Tat geflohen sind!«

Die weit aufgerissenen Augen Charlies spiegelten das Entsetzen wider, das er empfand. Wen würde seine Frau gegenüber ihrem Gesprächsteilnehmer bezichtigen?

»Ja, eindeutig in Richtung Peacock-Gebiet!«, lautete die Antwort.

Sie bekräftigte die Aussage noch mit den Worten:

»Das waren eindeutig Leute von Bruce Peacock! Keine Ahnung, was ihn geritten hat. Anscheinend will er die Gelegenheit nutzen und... Ja, es gibt keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Beobachtung!«

Charlie Palino angelte sich einen Stuhl und ließ sich schwer darauf nieder – rechtzeitig bevor er aus den Schuhen kippte.

Was sollte das alles?

Er sah in das grinsende Gesicht seiner Frau und hatte dabei das Gefühl, sie zum ersten Mal in seinem ganzen Leben so richtig zu sehen.

»Aber wie kannst du nur?«, ächzte er, nachdem sie aufgelegt hatte.

»Oh, das war noch nicht alles, Blödmann. Logisch, dass du das nicht kapierst. Sonst wärst du ja nicht nur offiziell der Drogenbaron, sondern auch tatsächlich!«

Sie wählte eine neue Nummer, und dann hörte Charlie Palino dieselben Worte wie vorhin. Mit einem einzigen Unterschied:

»Ja, eindeutig in Richtung Cander-Gebiet!«

Da erst dämmerte ihm, was Ellen vorhatte, und er konnte es nicht verhindern, dass auf seinem Rücken eine dicke Gänsehaut gefror.

»Du – du willst die gegeneinander aufhetzen!« Ja, das war mehr eine Feststellung als eine Frage gewesen.

»Logisch, und schon mal etwas vom lachenden Dritten gehört? So, und jetzt mobilisiere unsere Leute. Jeden von ihnen. Sämtliche Arbeit muss stehen und liegen gelassen werden. Jetzt ist es wichtiger, dass wir uns auf das vorbereiten, was unweigerlich kommen wird.«

»Was denn?«, fragte er und hoffte inbrünstig, dass er sich in der zu erwartenden Antwort täuschte.

Er täuschte sich nicht, denn die Antwort lautete folgerichtig:

»Krieg!«

 

 

8

 

Deputy Smart hatte ein Geheimnis. Ein politisches Geheimnis besser gesagt. Er war nämlich heimlicher Sympathisant der Republikaner. In dieser Stadt schon etwas, was man niemanden wissen lassen sollte. Es sei denn, man konnte sicher sein, dass dieser ebenfalls ein Sympathisant der Republikaner war. Oder sogar ein Parteimitglied!

Das ging Devin Altclair durch den Kopf, als er mit einem mächtigen Brummschädel erwachte, sich mühsam aufrappelte, erst einmal feststellte, wo er sich befand – nämlich immer noch in der Parteizentrale – und zur Tür wankte, um sie aufzumachen. Um eben Deputy Smart vor dieser Tür stehen zu sehen.

Der Deputy warf einen verstohlenen Blick in die Runde, und erst als er sicher sein konnte, nicht beobachtet zu werden, huschte er wie ein Dieb in das Innere des dringend renovierungsbedürftigen Gebäudes.

Der Parteivorsitzende der Republikaner hatte es von seiner Oma geerbt und daraus die Parteizentrale gemacht. Keiner von ihnen hatte Interesse daran, das Haus wieder auf Vordermann zu bringen, was ja mit erheblichem körperlichem und finanziellem Aufwand verbunden gewesen wäre. Um sich hier zu treffen und auch mal seinen Rausch auszuschlafen, dafür war das Haus allemal noch gut genug, und falls es mal hereinregnete, stellte man halt Töpfe unter oder Eimer.

»Wo brennt es denn?«, fragte Parteivorsitzender Devon Altclair jetzt gespielt überrascht.

Deputy Smart sah gehetzt umher, als befürchtete er, von tausend unsichtbaren Augen beobachtet zu werden.

»Ja, habt ihr denn von gar nichts was mitgekriegt?«

»Wovon?«, tat Devin Altclair scheinheilig.

»Heute Nacht war die Hölle los. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Flammenhölle sogar. Die Feuerwehr konnte nichts tun: Das Rathaus wurde bis auf das Fundament komplett nieder gebrannt. Damit ist alles verloren, was die Geschichte unserer Stadt aus macht – die Geschichte und seine Bewohner.«

»Nicht wahr!«, tat Altclair zutiefst bestürzt. »Aber wie ist das möglich, dass wir das nicht mitbekommen haben?«

Er ging mit Smart in den Hauptversammlungsraum – nichts anderes als das Wohnzimmer der alten Dame, die ja nun dieses Wohnzimmer schon länger nicht mehr benötigte. Gerade wurden Theo Stanvick, Phil Durmark und Tony Schelter wach. Verständnislos sahen sie auf.

Ehe noch einer von ihnen was Falsches sagen konnte, beeilte sich ihr Vorsitzender zu erklären:

»Wir haben gestern schon früh zu feiern begonnen und müssen in unserem Rausch schließlich eingeschlafen sein. Deshalb wohl haben wir nichts mitbekommen von den Vorgängen.« Er hob die Stimme. »Ich habe es eben erst erfahren, Männer: Jemand hat doch tatsächlich das Rathaus abgefackelt!«

Zu Smart gewandt fügte er hinzu: »Weiß man denn schon, wer das war?«

»Nein, woher auch?«

»Und gibt es einen Verdacht zumindest?«

»Auch nicht«, gab Smart ein wenig kleinlaut zu.

Eigentlich hätte der Parteivorsitzende ja gern Smart aufgeklärt, aber es musste der Kreis der Eingeweihten möglichst klein gehalten werden. Zwar war Smart ein wichtiger Anhänger, vielleicht sogar der wichtigste, den sie hier in der Stadt überhaupt hatten, aber er musste selber äußerst vorsichtig sein, und es hätte keinen Vorteil gebracht, ihn auch noch zusätzlich mit der Wahrheit zu belasten.

»Also für mich war das eindeutig diese Hexe Ellen Palino! Die ist dermaßen machtgierig... Klar, sie hat ihren Mann unter der Fuchtel, aber am liebsten hätte sie uns alle darunter. Ist doch wohl klar.«

»Nun, man weiß es halt nicht!«, wandte Smart ein. »Aber gut, jetzt wisst ihr Bescheid. Ich wollte euch nur informieren und muss gleich wieder gehen.«

»Pass auf, dass dich niemand sieht!«, rief Phil Durmark mit seiner grollenden Stimme.

»Sowieso, logisch!«, versprach Deputy Smart, bevor er sich aus dem Haus schlich wie der sprichwörtliche geprügelte Hund.

Erst als er genügend Abstand zur Parteizentrale der Republikaner hatte, straffte sich seine Gestalt. Er kehrte zurück in das Sheriffbüro, die einzige Polizeiwache des Ortes.

Gerade rechtzeitig, um Sheriff Baker nicht zu verpassen.

»Hast du schon die Kollegen informiert?«, fragte dieser anstelle einer Begrüßung.

Smart nickte.

»Ja, klar, habe ich. Sie fahren Streife in der Stadt. Falls es zu Unruhen kommen sollte, müssen sie eingreifen.«

Auch Baker nickte jetzt. Es sah so aus, als wollte er noch etwas sagen, aber er kam nicht mehr dazu. In diesem Augenblick nämlich peitschte irgendwo dort draußen ein Schuss.

Das war eine Langwaffe gewesen, möglicherweise ein Jagdgewehr. Auf keinen Fall eine Pistole oder Revolver.

Baker und Smart sahen sich erschrocken an.

»Es hat früher begonnen als befürchtet!«, murmelte Baker, und dann rannten sie beide nach draußen.

 

 

9

 

Um diese Zeit hatte früher auf den Straßen von Nashville das reine Verkehrschaos geherrscht, aber seit es an den Tankstellen nur noch Notrationen an Sprit gab, hatte sich das Blatt radikal gewendet. Jetzt waren Autos auf der Straße zur Seltenheit geworden. Die Leute waren entweder mit Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs.

Die Hauptstraße jedenfalls lag leer und verlassen vor den beiden Polizisten. Nur das Menschenbündel, das weiter vorn mitten auf der Straße lag, störte das Bild.

Sie liefen hinüber.

Das Bündel bewegte sich. Also war der Getroffene noch am Leben.

Stöhnend wandte sich ihnen der Mann zu, als sie ihn erreichten.

»Scheiße«, murmelte er mit schmerzverzerrtem Gesicht und hielt sich den Bauch. Man sah das Blut unter seiner Hand hervor quellen. »Dieses Schwein hat einfach auf mich geschossen!«

»Wer denn?«

»Hat gerufen: Cander wird es euch allen zeigen!«

Smart und der Sheriff sahen, dass der Verletzte einer der Männer in Diensten von Bruce Peacock war.

»Einer der Canders?«, fragte Smart zweifelnd. »Wer denn? Hast du ihn an der Stimme erkannt?«

»Nein, habe ich nicht. Er hat seine Stimme verstellt.«

»Also doch!«, war Smart jetzt überzeugter.

Sheriff Baker schüttelte den Kopf.

»Nur nicht so voreilig!«, warnte er seinen Deputy. »Das kann jeder gewesen sein. Vielleicht will da ja einer nur den Canders alles in die Schuhe schieben?« Er wandte sich an den Verletzten: »Von wo aus hat er geschossen? Hast du das gesehen?

»Na, als er mir zurief, habe ich mich natürlich umgedreht, und da hat mich auch schon die Kugel erwischt, beim Umdrehen. Der hat da vorn an der Ecke gestanden. Ich konnte sein Gesicht aber nicht sehen.«

Schon sprintete Smart los, hin zu der besagten Häuserecke.

Klar, als er sie erreichte, war da natürlich niemand mehr, Noch nicht einmal eine Patronenhülse fand er. Der Schütze musste sie mitgenommen haben, als er sich blitzschnell zurückgezogen hatte. Da konnte sich Smart schier die Augen aus dem Kopf starren: Der Schütze hätte inzwischen überall sein können – überall und nirgendwo.

Resignierend kehrte er zurück.

»Wieso hilft mir denn niemand?«, ächzte gerade der Verletzte.

Baker wartete mit der Antwort, bis Smart wieder mit dabei war.

»Ich gehe ins Büro und rufe den Notarzt. Bleibe du hier und passe auf den Verletzten auf«, befahl er und lief zurück in Richtung Büro.

Smart ging in die Hocke.

»Immer kräftig auf die Wunde drücken, damit du nicht zu viel Blut verlierst!«, riet er.

»Tu doch endlich was!«, bettelte der Verletzte jedoch.

»Da ist nichts weiter zu machen!«, versuchte Smart ihn zu belehren.

»Dieser scheiß Cander-Typ. Wieso wollte der mich umbringen?«

»Wollte er vielleicht gar nicht? Er hat nur einen Schuss abgegeben.«

»Also, mir reicht der voll und ganz!«, stöhnte der Verletzte.

»Ja, aber wenn er dich wirklich hätte tot sehen wollen, hätte er noch einmal geschossen.«

»Aber ihr wart doch gleich da!«, gab der Verletzte zu bedenken.

Smart überlegte bereits fieberhaft. Wieso hatte der Schütze sein Opfer erst mit verstellter Stimme angerufen und danach nur diesen einen Schuss abgegeben? Seiner Meinung nach doch nur, um auf den Cander-Clan aufmerksam zu machen. Also, wenn das nicht höchst verdächtig war...

Konnte es denn sein, dass hier jemand alles tat, um Konflikte auch noch künstlich anzukurbeln?

 

 

10

 

Parteivorsitzender Devin Altclair war direkt nach Smart aus dem Haus gegangen, durch die Hintertür. Wenig später hatten seine drei Parteifreunde draußen irgendwo diesen Schuss gehört und waren selber erschrocken zusammengezuckt.

Kurz darauf kehrte Devin Altclair zurück, mit einem Gewehr in der Armbeuge.

»Was machst du denn mit dem Gewehr?«, erkundigte sich Tony Shelter dümmlich.

Phil Dormark grollte:

»Sag bloß, du warst das, der da geschossen hat, Devin!«

Ihr Parteivorsitzender nickte bedeutsam. Dann stellte er sein Gewehr wieder an den alten Platz.

»Wer sonst?« Er erzählte, dass er gezielt nach einem aus den Clans gesucht hatte – und schließlich auf einen Peacock gestoßen war, den er mit verstellter Stimme angerufen und nur verletzt hatte.

»Um den Schuss auf die Canders zu schieben?«, vergewisserte sich Theo Stanvick ungläubig.

»Logisch!«, gab Devin Altclair zu. »Das ist die zweite Phase, Männer. Die hat hiermit begonnen. Wetten, dass die Drogenbarone jetzt anfangen, sich gegenseitig die Hölle heiß zu machen? Es wird keine Bundesbehörde hier auftauchen, um den Konflikt zu lösen. Die werden noch nicht einmal etwas davon erfahren.«

»Und was ist mit den Kartellen?«, gab jetzt Phil Durmark zu bedenken.

Alle sahen ihn überrascht an.

»Was meinst du damit?«, erkundigte sich Devin.

»Na, glaubt ihr denn, die schauen seelenruhig zu, wenn ihre wichtigsten Drogenquellen versiegen? Denn darauf wird es hinauslaufen, wenn der Krieg zwischen den Clans entbrennt.«

»Ist uns doch egal!« Devin machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Und wenn sie die ganze Stadt niederbrennen?«

»Wieso sollten die das?«, blieb Devon zuversichtlich. »Sie werden sich um die Clans kümmern, aber nicht um die Stadt. Und wenn es hier nichts mehr zu holen ist, werden sie sich wieder zurückziehen.«

So zuversichtlich waren eigentlich alle, außer Phil Durmark. Aber er sagte nichts mehr zu diesem Thema. Er wusste aus Erfahrung, dass es ungesund war, anderer Meinung zu sein als ihr Parteivorsitzender.

 

 

11

 

»So«, machte Ellen Palino, »sind jetzt alle auf ihrem Posten?«

Ihr Mann bestätigte artig.

Es folgte:

»Gut!«

Dann die seltsame Anordnung:

»Stelle vier von den Männern ab, denen du besonders vertraust, Charlie!«

»Ich?«, wunderte er sich ehrlich.

»Wer denn sonst?«

»Also, ich soll jetzt extra vier Leute aussuchen?«, vergewisserte er sich. »Aber wozu?«

»Alle unsere Leute sichern die Grenze unseres Clangebietes, gegenüber den Canders und den Peacocks, nicht wahr?«

»Ja, Ellen, wie du es angeordnet hast.«

»So, und deshalb gehst du jetzt hin zu ihnen, wählst vier aus, die du dann zur Grenze zwischen den Canders und den Peacocks schickst. Die einen zwei schießen auf die Canders und die anderen zwei auf die Peacocks. Aus dem Hinterhalt natürlich. Und dann ziehen sie sich sofort wieder zurück. Kriegst du das hin?«

»Als würden die Canders und die Peacocks aufeinander das Feuer eröffnen?«, vergewisserte er sich verdattert.

»Ja, du Schnellmerker, klar! Und worauf wartest du dann noch? Hopp, hopp!«

»Aber, Ellen, das können wir doch nicht tun. Die werden sich gegenseitig zerfleischen!«

»Genau das ist schließlich der Plan. Und jetzt raus hier!«, herrschte sie ihn an.

Er zuckte zusammen, zog den Kopf zwischen die fleischigen Schultern und tat endlich, wie ihm befohlen.

Wenn er daran dachte, wie viel Blutvergießen das werden würde, und er würde das alles auf sein Gewissen laden... Wieso hatte sie nicht selbst die Befehle dazu gegeben? Nur um ihn damit noch mehr in der Hand zu haben?

Noch mehr geht sowieso nicht!, dachte er zerknirscht.

Eine halbe Stunde später schon waren die vier ausgesuchten Leute auf ihrem Posten. Jeder von ihnen kannte sich gut aus und wusste, aus welcher Position er schießen musste, um glaubwürdig zu sein.

In der Tat hatten beide Clans ihre Grenzen gesichert. Genauso wie die Palinos es auf Anordnung von Ellen Palino bereits getan hatten. Jeder lauerte auf jeden. Niemand wollte noch ein Risiko eingehen. Zumal Ellen Palino beide ja schon gegenseitig aufgehetzt hatte mit ihrer Behauptung, der jeweils andere sei verantwortlich für das Abfackeln des Rathauses.

Charlie Palino stand zwar absolut unter dem Pantoffel seiner Ehefrau, aber er war nicht wirklich dumm. Er hatte den vier Leuten eingeschärft, dass sie möglichst zur gleichen Zeit das Feuer eröffnen mussten. Und dann musste alles sehr schnell gehen.

Sie hatten einen Zeitpunkt vereinbart, nach dem Uhrenvergleich, und schossen aus allen Rohren genau zur richtigen Sekunde.

Die Leute, die für das Sichern der Clangrenzen abgestellt worden waren, gaben sich keine Mühe, verdeckt zu handeln. Sie bildeten sich ein, es sei ein Vorteil, vom Gegner gesehen zu werden. Sozusagen zur Abschreckung.

Ein böser Fehler, weil sie nicht mit der Heimtücke von Ellen Palino gerechnet hatten.

Die Schüsse waren gezielt. Zumindest die ersten. Vier Menschen starben, ehe überhaupt jemand begriffen hatte, was geschah. Weitere Schüsse verletzten nur, weil die Angegriffenen natürlich sofort Deckung gesucht hatten.

Die vier Attentäter gaben Fersengeld. Sie kehrten erst viel später auf Umwegen zurück in das Clangebiet der Palinos, um zu melden, dass der Plan gelungen war.

Weitere Schüsse krachten indessen auf beiden Seiten der Kontrahenten. Jeder von ihnen fühlte sich angegriffen und wollte zeigen, dass er sich wehren konnte. Weitere Verletzte gab es vorerst allerdings noch nicht, denn die Schützen hatten keine konkreten Ziele mehr vor Augen, nachdem alle sich in Deckung duckten.

Nur eine Person hatte offenbar allen Grund zur Freude: Ellen Palino.

Ihr Benehmen gab Charlie zu denken. Es war das erste Mal, dass er seine eigene Frau verdächtigte, hinter dem Abfackeln des Rathauses zu stecken. Und dann kam auch noch der Anruf von Sheriff Baker, der ihm erzählte, dass es auch so etwas wie ein Attentat in der Stadt gegeben hatte. Umgekehrt machte er Sheriff Baker klar, dass der Krieg zwischen den Clans der Cander und Peacocks zumindest seinen Anfang genommen hatte. Natürlich ohne ihm zu sagen, wie es dazu gekommen war.

Nach diesem Gespräch überdachte er alles noch einmal. Er kannte alle seine Leute und wusste definitiv, dass keiner von ihnen in der Stadt gewesen war. Sonst hätte er sie ja nicht hier mobilisieren können. Aber es musste ja zwangsläufig mindestens einer von Peacocks Leuten in der Stadt gewesen sein, sonst hätte man ihn ja nicht anschießen können. Und wer hatte geschossen? Bestimmt keiner von seinen Palino-Leuten. Vielleicht doch einer der Canders?

Konnte es denn sein, dass es mehr als nur eine Person gab, außer seiner Frau, die ein lebhaftes Interesse daran hatte, den Konflikt auch noch künstlich anzuschüren?

Oder steckte auch hier seine eigene Frau dahinter? Vielleicht hatte sie von außerhalb Leute kommen lassen, wie auch immer, die diese Drecksarbeit für sie erledigten? Sie war geschickt genug, um es vor ihrem eigenen Mann zu verheimlichen.

Nun, zumindest konnte er es nicht völlig ausschließen.

Er ging zu ihr zurück und berichtete ihr von dem neuerlichen Vorkommnis in der Stadt.

Sie zeigte sich erfreut darüber, was in diesem Fall zu erwarten gewesen war. Allerdings gab sie keinen Anlass dazu, sein Misstrauen zu mehren. Aber auch nicht, sein Misstrauen zu schmälern.

Charlie Palino nahm sich vor, äußerst wachsam zu bleiben. Wenn alles dies schief gehen würde, dann Gnade ihnen allen. Bei einem solchen Krieg würde es wohl kaum einen echten Sieger geben können.

Nur seine Frau schien das völlig anders zu sehen. Sie tat ganz so, als würde ihr persönlicher Sieg bereits kurz bevorstehen.

 

 

12

 

Telefonieren war nur noch möglich im Ortsnetz, aber eigentlich genügte das ja schon für den Stadtrat. Obwohl er im Landhaus des Bürgermeisters tagte, umständehalber, waren alle nach wie vor erreichbar.

Und dann erreichte ausgerechnet den Bürgermeister selber ein Anruf, der ihn die Sitzung unterbrechen ließ. Es schien dringend zu sein.

Umso überraschter war er, als er den Gesprächsteilnehmer erkannte: Der Parteivorsitzende der Republikaner Devin Altclair!

Normalerweise hätte er diesen Anruf als lästig empfunden. Angesichts der besonderen Situation, in die seine Stadt geraten war, sah James »Jim» Bullit dies derzeit jedoch anders.

»Entschuldigen bitte, Bürgermeister, dass ich dich anrufe!«, meinte der Republikaner.

Bullit räusperte sich vernehmlich, um seine Kehle frei zu bekommen.

»Was ist los, Altclair?«

»Nun, mir ist bewusst, dass wir mit nur vier Parteimitgliedern nicht grade eine funktionierende Opposition darstellen können. Wahrscheinlich hast du uns deshalb nicht zur Sitzung eingeladen?«

»Von wem hast du denn erfahren, dass überhaupt eine Sitzung stattfindet?«, wunderte sich der Bürgermeister.

»Ich wollte ja nur mit dir sprechen, um dich zu bitten, uns auf dem Laufenden zu halten. Wir haben zwar unsere politischen Differenzen, durchaus auch berechtigt, wie du mir zustimmen wirst, aber uns liegt das Wohl unserer geliebten Stadt gleichermaßen am Herzen.«

»Wenn du das sagst...«, äußerte sich der Bürgermeister ausweichend.

»Dabei habe ich erfahren, dass in deinem Landhaus der Stadtrat tagt. Und irgendwie gehören wir ja auch dazu.«

»Nicht wenn es um den Notstand geht, den ich ausgerufen habe!«, trumpfte Bürgermeister Bullit auf.

»Du hast den Notstand ausgerufen?«

»Ja, natürlich, weil wir im Notstand sind und handeln müssen!«, betonte Bullit.

»Aber doch nicht ohne die Opposition!«, entrüstete sich jetzt der Parteivorsitzende der Republikaner. »Es gehört zu einer funktionierenden Demokratie einfach mit dazu!«

»Ein Republikaner, der von Demokratie spricht?«, wunderte sich jetzt der Bürgermeister. »Das ist so als würde ein General den Pazifismus predigen. Aber gut, ich bin ja gar nicht so. Ich sehe ein, dass du zumindest informiert sein musst. Hast du schon erfahren, dass die Canders und die Peacocks begonnen haben, aufeinander zu schießen?«

»Ja, das hat mich ja dazu gebracht, dich zu kontaktieren!«

»Nun gut, ich kenne ja deine Telefonnummer. Bist du in der Parteizentrale?« Der Bürgermeister wartete die Antwort erst gar nicht ab, zumal er anhand der Rufnummernanzeige sowieso sah, dass es zutraf, und fuhr gleich fort: »Sobald wir zu einem Beschluss gekommen sind, melde ich mich persönlich bei dir. Kannst du damit leben?«

»Gut, einverstanden, kann ich.«

Bürgermeister Bullit legte einfach auf und sah nachdenklich auf den Apparat.

Da kannst du wohl lange warten, dachte er ketzerisch. Nicht weil ich mein Versprechen nicht einhalten will, sondern weil es derzeit nicht danach aussieht, als würden wir uns überhaupt auf etwas einigen können.

 

 

13

 

Deputy Smart hielt seinen Chef nicht für objektiv, was dessen Beurteilung des Palino-Clans betraf. Allein schon die jahrelange Freundschaft mit Charlie Palino war für ihn Beweis genug. Jeder wusste außerdem, was Ellen Palino für ein Kaliber war und wie sehr Charlie Palino unter ihrer Fuchtel stand. Wie eigentlich alle, die direkt oder indirekt mit Ellen Palino zu tun hatten.

Kein Wunder also, dass Smart dieser Ellen Palino wirklich alles zutraute, nur nichts Gutes.

Immer wieder gingen ihm die Worte des Verletzten durch den Kopf. Wäre das wirklich einer der Canders gewesen, der auf ihn geschossen hatte, wäre das mit Sicherheit anders abgelaufen. Das schrie förmlich nach einem Fake, nur um die Canders zu verunglimpfen. Und Schüsse waren gefallen auf beiden Seiten der Clans, also sowohl gegen die Canders als auch gegen die Peacocks, aber nicht gegen die Palinos?

Da musste man nicht wirklich die hellste Leuchte sein, um Verdacht zu schöpfen, und Deputy Smart schöpfte schon länger Verdacht. Gegen die Palinos.

Dann fragte sein Chef auch noch:

»Hast du eigentlich den Peacocks Bescheid gegeben, dass auf einen ihrer Männer geschossen worden ist?«

»Nein, noch nicht. Ich dachte mir, vielleicht sollte ich zu diesem Zweck hinaus zu ihnen fahren?«

Sheriff Baker erschrak regelrecht.

»Das wirst du schön bleiben lassen, Smart. Verdammt noch eins, wenn die auch noch von diesem Anschlag hören... Da kocht und brodelt es sowieso schon.«

Eines konnte sich Smart allerdings nicht verkneifen zu erwähnen:

»Schon seltsam, dass zwar auf die Canders und die Peacocks, aber nicht auf die Palinos geschossen worden ist.«

Das tat Baker mit einer lässigen Handbewegung ab.

»Viel mehr würde mich allerdings interessieren, was dieser Peacock-Typ hier in der Stadt zu suchen hatte!«

Smart sah seinen Chef überrascht an, sagte jedoch nichts in dieser Richtung.

Baker fuhr fort:

»Die sind alle in Alarmbereitschaft. Zumindest. Und dann läuft ausgerechnet einer von ihnen hier in der Stadt herum?«

Smart konterte sogleich:

»Aber auch einer der andere Clans, sonst hätte dieser ja nicht auf den Peacock-Mann schießen können.«

»Mit nur einem Schuss, um sofort spurlos zu verschwinden. Und dann hat er noch vorher mit verstellter Stimme seinem Opfer zugerufen. Also, mir kommt das eigentlich auch ziemlich seltsam vor.«

Smart überlegte, ob er dazu noch etwas sagen sollte, entschied sich aber erneut für das Schweigen.

Sheriff Baker schüttelte fassungslos den Kopf.

»Verdammt noch eins, wenn wir den geringsten Fehler machen, brennt die ganze Stadt. Bist du dir darüber im Klaren, Smart, dass es bei einem Krieg dieser Art keinen Gewinner geben kann?«

»Natürlich bin ich das. Aber wie wollen wir jetzt noch den Krieg zwischen den Clans verhindern?«

»Was sagtest du vorhin, Smart, dass seltsamerweise die Palinos nicht betroffen sind? Ich nehme an, du hast diese im Verdacht?«

Smart schnitt eine Grimasse und wich dem forschenden Blick seines Chefs aus.

»Ich weiß ja, wie du zu Charlie stehst, Sheriff.«

»Trotzdem kannst du deinen Verdacht äußern!«

»Noch besser ist es, wenn du selber darauf kommst!«, redete sich Smart heraus.

Baker lachte humorlos.

»Es ist derzeit wohl alles möglich. Dass da auch noch zusätzlich geschürt wird, ist glasklar, aber derjenige, der dafür verantwortlich ist, hat offensichtlich gar nicht begriffen, was es für uns alle bedeutet, wenn das Fass überläuft. Anstatt dass wir in dieser schweren Zeit alle zusammen halten, um die Krise zu überstehen, schürt da jemand auch noch zusätzlich.«

»Es muss ja kein Einzelner sein!«, gab Smart zu bedenken.

Baker nickte ihm zu.

»Das sehe ich genauso. Aber wir sollten jetzt wirklich überlegen, wie wir vielleicht doch noch das Schlimmste abwenden könnten.«

»Dazu fällt mir leider nichts ein, aber du hast recht, Sheriff, wenn du es seltsam findest, dass überhaupt einer der Peacocks hier in der Stadt war. Was wollte er hier? Wieso war er nicht auf seinem Posten?«

»Nun, vielleicht war ja hier in der Stadt sozusagen sein Posten?«, antwortete Baker kryptisch.

»Ich glaube kaum, dass er es uns verraten wird, wenn wir ihn im Krankenhaus besuchen gehen. Vielleicht wäre es halt doch besser, ich würde hinaus fahren und persönlich mit Bruce Peacock reden?«

»Nein!«, entschied Baker und deutete auf das Telefon. »Du wirst ihn anrufen und ihm das genauso erzählen, wie es abgelaufen ist, einschließlich unserem Verdacht, dass da jemand die Canders in Misskredit bringen will. Und ich rufe inzwischen mit dem zweiten Telefon die Canders an.«

»Ob das was nutzt?«, zweifelte Smart.

»Wir müssen es zumindest versuchen!«, war die lapidare Antwort.

 

 

14

 

»Das geht nicht so richtig voran!«, schimpfte Ellen Palino. »Die müssten sich längst gegenseitig umbringen, aber was machen sie stattdessen? Sie ballern in der Gegend herum, ohne jemanden noch treffen zu können.«

»Was hast du vor?«, rief Charlie alarmiert.

»Sag du es mir und beweise endlich, dass in deinem Kopf mehr ist als nur Stroh und Wasser.«

Er zog den Kopf ein und sagte gar nichts mehr.

Ellen Palino schürzte nachdenklich die Lippen und griff nach dem Schnurlosen. Sie wählte die Nummer von Jeff Cander, hielt den Hörer an ihr Ohr und legte nach kurzem Lauschen überraschenderweise wieder auf.

»Besetzt!«, beschwerte sie sich. »Wer ruft den denn an?«

Abermals nahm sie das Telefon hoch und wählte eine Nummer.

Charlie vermutete richtig, dass dies jetzt die Nummer von Bruce Peacock war.

Gleich legte sie wieder auf.

»Beide besetzt? Was geht da vor?«

Charlie hätte es ihr sagen können: Er vermutete, dass der Sheriff und sein Deputy alles versuchten, den Konflikt einzudämmen, ehe er noch weiter eskalierte. Aber er enthielt sich lieber seiner Stimme.

Ellen Palino ging ein paarmal unruhig auf und ab. Dann blieb sie abrupt vor ihrem Mann stehen.

»Es muss was geschehen. Das geht mir auf die Nerven. Ich hasse es, wenn meine Pläne sich nicht so entwickeln wie sie sollen.«

Kann ich mir denken!, dachte Charlie respektlos und bemühte sich dabei, sich nichts anmerken zu lassen.

Ellen Palino ballte die Hände zu Fäusten und schüttelte sie gegen die Wand, ungefähr in die Richtung, in der sie die beiden Clangebiete wusste.

»Eigentlich wollte ich Jeff Cander klar machen, dass Peacock uns angegriffen hat – und umgekehrt natürlich Bruce Peacock, dass Jeff Cander der Aggressor ist. Aber jetzt lassen wir das lieber. Die sind immerhin untereinander beschäftigt zurzeit. Wieso nutzen wir nicht das schon für unsere Zwecke?«

Charlie ahnte nichts Gutes, und die weiteren Worte seiner Frau bestätigten dies auch noch:

»Wir werden die Macht übernehmen in der Stadt! Was ist eigentlich mit dem Stadtrat?«

»Laut Sheriff Baker tagen die wohl im Landhaus des Bürgermeisters«, antwortete Charlie mechanisch.

»Umso besser. Dann sind die erst mal aus dem Weg. Also wirst du jetzt deine Leute zusammentrommeln und die Polizeiwache übernehmen.«

»Aber, Ellen, das ist verrückt!«, versuchte er einzuwenden. »Sheriff Baker und sein Deputy werden sich das nicht so ohne weiteres gefallen lassen.«

»Na und? Was ist denn mit der übrigen Polizeitruppe?«

»Die sind anscheinend in der ganzen Stadt unterwegs, um zumindest so zu tub, als könnten sie Recht und Ordnung noch auf Dauer aufrecht erhalten.«

»Und worauf wartest du dann noch? Das sind nur zwei Figuren. Du kannst die Polizeiwache im Handstreich übernehmen.«

»Und was dann?«

»Es liegt an dir, die Polizisten, die sich unterwegs befinden, auf Linie zu bringen. Dies ist eine Notsituation. Besondere Situationen verlangen besondere Maßnahmen. Es liegt jetzt allein an uns, die Ordnung wieder herzustellen.«

Gern hätte Charlie noch eingewendet, dass ja die Ordnung zu dieser Zeit ja noch nicht wirklich zusammengebrochen war in der Stadt, dass die Polizei das immer noch recht gut im Griff zu haben schien, aber das wagte er nicht mehr.

Also auf zur Eroberung der Polizeistation!, dachte er zerknirscht.

Von allen verrückten Einfällen, die seine Frau jemals gehabt hatte, war das wohl die verrückteste. Und ausgerechnet er sollte diesen Einfall in die Tat umsetzen? Und plötzlich waren das seine Leute und nicht mehr ihre Leute?

Es war sonnenklar, dass sie ihn ohne mit der Wimper zu zucken opfern würde, um ihre wahnsinnigen Pläne zu verwirklichen. Aber er war einfach zu schwach, sich zu widersetzen.

Dafür fiel ihm allerdings eine andere Möglichkeit ein: Klar, er würde tun, was sie von ihm verlangte, aber nicht bis zur letzten Konsequenz. Und er wusste auch schon, wie er da vorgehen musste.

 

 

15

 

Bruce Peacock hatte einen seiner Vertrauten in die Stadt geschickt, um die Lage zu sichten. Er vertraute nämlich nicht den Gerüchten, sondern wollte es konkret wissen. Eigentlich hätte der Mann sich schon längst zurückmelden müssen, was bisher nicht geschehen war. Dass sich Bruce Peacock darüber keine Sorgen machte, lag nur daran, dass ihn die Schusswechsel an der Clangrenze davon ablenkten.

Und dann kam der Anruf von Deputy Smart, der ihm berichtete, was mit dem Mann geschehen war, den Peacock los geschickt hatte.

Vor allem als Smart ihm erzählte, wie das abgelaufen war, stutzte er, und er dachte beinahe zwangsläufig an Ellen Palino. Hatte die ihn nicht auch schon kontaktiert, um gegen die Canders zu hetzen? Er hätte wetten mögen, dass sie das umgekehrt auch bei den Canders versucht hatte.

Natürlich, sie wollte die gegenwärtige Situation nutzen. War sie sich denn nicht darüber im Klaren, dass dies ein erhebliches Risiko barg für alle? Wenn die Kartelle davon Wind bekamen, würde sie sich noch wünschen, sie hätten es nur mit einer Bundesbehörde zu tun, die derzeit wohl anderweitig beschäftigt waren. Die Kartelle fackelten nicht lange. Sie würden ganz einfach bestimmen, wie es hier weitergehen würde, und dies mit Gewalt durchsetzen.

Zumindest hatte sie bis jetzt noch nicht versucht, den Drogenanbau zu sabotieren. Das hätte die Katastrophe schon perfekt gemacht.

Bruce Peacock hoffte, dass sie auch weiterhin zumindest in dieser Beziehung vernünftig blieb.

Es wurde ein längeres Gespräch zwischen ihm und Deputy Smart, den er als neutral einstufte. Auf die Frage hin, ob auch er der Meinung war, hinter alledem könnte nur die Palino stecken, gab Smart natürlich ausweichend Antwort. Was Peacock in seiner Meinung, dass die Palino auch das Rathaus hatte abfackeln lassen, nur noch bestärkte.

Nach dem Gespräch war Bruce Peacock sehr nachdenklich. Dieser Smart hatte vollkommen recht: Irgendwie musste er sich mit diesem verhassten Jeff Cander in Verbindung setzen, ehe die Situation wirklich noch weiter eskalierte. Sie mussten sich beide darüber im Klaren werden, dass sie nur gemeinsam eine Chance gegen Ellen Palino hatten. Dann konnten sie ihr weiteres Vorgehen immer noch beratschlagen.

Von Smart wusste Peacock schon, dass Sheriff Baker den Part übernommen hatte, mit Jeff Cander zu telefonieren. Jetzt nahm Bruce Peacock wieder den Hörer auf und wählte die Nummer des Kontrahenten.

Das Freizeichen ertönte. Also war das Gespräch mit Baker bereits beendet.

Und dann meldete sich Jeff Cander persönlich.

»Ich habe deinen Anruf bereits erwartet!«, sagte er anstelle einer Begrüßung.

»Hat dir Baker schon gesagt, dass Smart mich anrief?«

»Ja, hat er. Zwar gibt er nicht zu, dass er die Palino in Verdacht hat, aber eigentlich ist uns beiden das inzwischen klar. Wie auch immer sie es angestellt hat, dass unsere Leute an der Clangrenze aufeinander schießen: Ich weiß definitiv, dass ich dazu keinen Befehl gegeben habe.«

»Und ich auch nicht!«, schwor Bruce Peacock. »Ja, hat die denn wirklich geglaubt, uns beide dadurch in einen Krieg zu zwingen, den nur sie letztlich gewinnen kann?«

»So sieht es aus. Du weißt ja, Peacock, die Palino hat schon immer geglaubt, schlauer zu sein als alle Männer dieser Welt zusammen.«

»Kein Wunder bei einem solchen Trottel als Ehemann!«

»Dabei glaube ich kaum, dass dieser Charlie da aus Überzeugung mitmacht!«, gab Jeff Cander zum Besten.

»Was willst du damit sagen?«

»Nun, wenn wir nicht wirklich einen offenen Krieg wollen gegen die Palinos, was vielleicht die Kartelle auf den Plan rufen könnte, müssen wir irgendwie versuchen, über ihn gegen sie vorzugehen.«

»Das wird der nie und nimmer wagen, sonst hätte er sich längst einmal gegen seine Frau aufzulehnen versucht.«

»Bisher waren wir ja noch nicht auf seiner Seite!«

Peacock überlegte kurz. Er hasste diesen Jeff Cander, ohne Frage, andererseits war er vernünftig genug, einzusehen, dass es das Gebot der Stunde war, sich eher mit diesem zu vertragen als ihn zu bekämpfen.

»Ich habe zwar keine Ahnung, wie wir das anstellen könnten, aber ich muss dir leider rechtgeben. Vielleicht müssen wir ihn irgendwie außerhalb abpassen? Die Frage ist nur, wie wir herausfinden können, wo er sich aufhält? Ich meine, wie erfahren wir es, wenn er sein Clangebiet verlässt?«

»Da können wir eigentlich nur hoffen, dass er sich irgendwann in der Stadt zeigt!«, räumte Jeff Cander ein. »Aber dann müssen unsere Leute bereit stehen.«

»Und wenn wir uns persönlich darum kümmern?«

»Du meinst, wir sollen uns persönlich in der Stadt treffen, in der Hoffnung, ihn irgendwann dort anzutreffen, diesen Charlie Palino?«

»Ja, und bedenke: Wenn man uns zusammen sieht, wird jedem klar, dass es doch keinen alles vernichtenden Krieg geben wird. Wer weiß: Vielleicht haben die Kartelle bereits ihre Spione in der Stadt, die ihnen laufend berichten, was dort abgeht. Ich glaube, wenn auch nur eines unserer Anbaufelder attackiert wird, sind die Killer der Kartelle blitzschnell hier vor Ort. Nicht um sich gegenseitig zu bekriegen, sondern um weiteren Schaden zu verhindern. Wir sind als Lieferanten für die einfach zu wichtig. Also, nicht wirklich wir, aber unser Drogenanbau. Das wird keiner von uns überleben.«

»Die Palino am allerwenigsten! Diese Wahnsinnige glaubt wohl tatsächlich, sie könnte die Macht und somit den gesamten Profit übernehmen.«

Da waren sich beide ziemlich einig, trotz aller sonstigen Feindschaft. Etwas, womit Ellen Palino zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise rechnete.

Aber auch die Republikaner in ihrem Nest von Parteizentrale ahnten nichts davon. Sie waren nach wie vor überzeugt, alles bereits getan zu haben, um die Konflikte mächtig anzuschüren. Sie warteten nur noch darauf, dass der gesamte Drogenanbau endgültig vor die Hunde ging und somit die Stadt selbst ebenfalls, damit sie selber als die großen Retter auftreten konnten.

Obwohl sie nicht wirklich einen passenden Plan hatten, wie sie dabei im Einzelnen vorgehen wollten. Zumal sie die Kartelle als Abnehmer aller Drogen, wie sie in Nashville produziert wurden, in keiner Weise mit einkalkulierten. Damit hatten sie bisher ja noch niemals direkt zu tun gehabt. Kein Wunder, dass sie das in ihrer schieren Engstirnigkeit so sehr unterschätzten.

 

 

16

 

Charlie Palino war auf dem Weg. Er hatte genau dieselben vier ausgewählt, die auch für den Schusswechsel an der Clangrenze zwischen dem Cander-Clan und dem Peacock-Clan verantwortlich waren. Allerdings sagte er ihnen unterwegs erst, worum es diesmal ging.

»Wir sollen die Polizeistation überfallen?«, fragte einer von ihnen ungläubig.

»Nein, nicht überfallen, sondern einnehmen!«, berichtigte Charlie.

»Und wo liegt da der Unterschied?«

»Wir spazieren hinein, lassen den Sheriff und seinen Deputy in die Mündungen unserer Pistolen sehen und überreden sie dazu, ab sofort nur noch für uns zu arbeiten.«

»Aha?«, machte ein anderer dümmlich. »Und worin liegt da der Sinn?«

»Frage meine Frau. Es war ihre Idee. Wir sollen diese Idee nur in die Tat umsetzen.«

»Na dann...«, machte der dritte, und der vierte fügte hinzu:

»Hört sich an wie eine Kleinigkeit. Und was ist mit allen anderen Polizisten?«

»Wir werden wohl nur Sheriff Baker und Deputy Smart antreffen. Alle anderen sind in der Stadt unterwegs, von wegen Polizeipräsenz zu solchen Krisenzeiten und so.«

»Weißt du das definitiv?«

»Nein, natürlich nicht, aber es wird wohl so sein.«

»Und falls es schief geht?«

Charlie lachte gekünstelt.

»Was soll da denn schon groß schief gehen können?«

Die vier sahen sich stumm an. Keiner sagte mehr etwas. Immerhin war Ellen Palino als Urheberin genannt worden. Das überzeugte normalerweise jeden Beteiligten, obwohl Charlie ihnen ansehen konnte, dass keiner von ihnen so recht begeistert war von ihrem Auftrag.

Und Charlie fragte sich selber nicht zum ersten Mal, was sich seine Ehefrau Ellen dabei wohl gedacht hatte. Falls es ihnen tatsächlich gelingen sollte, die Polizisten dazu zu bringen, auf der Seite des Palino-Clans zu kämpfen, praktisch gegen alle anderen... Wie würde es dann weitergehen?

Irgendwie hegte Charlie inzwischen den Verdacht, dass der Wahnsinn seiner Ehefrau echt war. Mit anderen Worten: Die war wirklich verrückt geworden, und wenn eine Frau mit so viel Einfluss und Ehrgeiz verrückt wurde, war das an sich schon eine Katastrophe.

Allerdings sah er keine Möglichkeit, sich davor zu drücken, also jetzt einfach etwas anderes zu tun als mit seinen vier Schlägern die Polizeiwache heimzusuchen. Obwohl er abweichende Pläne hatte – abweichend von denen seiner Frau.

Und dann hielten sie mit dem großen SUV unweit der Polizeistation. Obwohl es in der Stadt kaum noch Sprit gab, hatten sie auf der Farm genügend für Notfälle wie diesen gebunkert, um den SUV benutzen zu können.

Ja, es war ein Notfall. Alles war Notfall. Ganz USA war zum Notfall geworden, genauer genommen.

Sie zogen ihre Waffen, verließen den SUV und spazierten einfach hinüber zum Haupteingang.

Als sie die Pendeltür aufstießen, sahen Sheriff Baker und sein Deputy überrascht auf.

Charlie ließ sie in die Mündungen der mitgeführten Waffen blicken, wie geplant, und eröffnete ihnen:

»Wir sind hier, um die Stadt zu retten!«

»Und dann bedroht ihr uns mit Waffen?«, wunderte sich Sheriff Baker.

»Ja, um klar zu machen, was von nun an geschehen muss. Ihr habt ja nicht wirklich etwas konkret unternommen. Deshalb sind wir jetzt hier.«

»Aha, das war wohl die Idee deiner Frau?«, vermutete Sheriff Baker.

»Natürlich!«

»Und sie will, dass ihr uns zwingt, auf der Seite des Palino-Clans gegen alle anderen zu kämpfen?«

»Erstaunlich, wie schnell du begreifst, David!«, lobte ihn Charlie und knirschte mit den Zähnen, was dem Sheriff eigentlich bewies, dass er nicht freiwillig hier war.

Sheriff Baker lachte und deutete auf die Waffe an seiner Hüfte.

»Was dagegen, wenn ich sie ablege?«

»Warum solltest du?«

»Nun, ich sehe ein, dass es keinen Sinn ergibt, gegen euch kämpfen zu wollen. Ich sehe aber auch nicht ein, dass wir uns als Polizei uns von deiner Frau instrumentalisieren lassen.«

»Das braucht ihr ja auch gar nicht«, versprach Charlie. »Also gut, legt eure Waffen ab, du und auch der Deputy. Legt sie gut sichtbar auf den Schreibtisch. Dann marschiert freiwillig zu den Zellen.«

»Und wenn nicht?«

»Dann müssen wir euch leider zwingen.«

»Weil deine Ellen das so will?«

»Genau, und du weißt, dass es nicht gesund ist, sich gegen sie zu wenden.«

»Das sehe ich vollkommen ein«, behauptete Sheriff Baker und gab seinem Deputy einen Wink. »Tun wir, was die Herrschaften von uns erwarten.«

»Aber...«, setzte Smart an.

Baker winkte ab und legte schon seine Waffe auf den Schreibtisch. Er wandte sich an Charlie Palino.

»Ich habe sonst keine Waffe am Leib.«

Zögernd nur folgte Smart seinem Beispiel. Seine Blicke gingen dabei ständig zwischen den fünf Eindringlingen hin und her. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es denen wirklich etwas bringen würde. Lieber hätte er ja gegen die fünf gekämpft, obwohl es ziemlich aussichtslos gewesen wäre. Da hätten sie die Polizeiwache doch besser absichern müssen. Aber wer hätte denn mit so etwas überhaupt rechnen können?

»Das ist einfach nur Schwachsinn!«, murmelte er vor sich hin, während er sich abwandte und selbständig in Richtung Zellen marschierte.

»Wie bitte?«, rief Charlie hinterher.

Smart winkte über die Schulter zurück.

»Gut, jetzt habt ihr die Polizeistation übernommen. Macht unseren Leuten, die sich unterwegs befinden, klar, dass ihr jetzt die neuen Sheriffs seid. Sie werden sich wahrscheinlich begeistert zeigen.«

Sheriff Baker lachte wie über einen Witz.

Charlie ließ sie beide einsperren.

Kaum waren die Gitter geschlossen, sagte er zu Sheriff Baker:

»Tut mir leid, Kumpel. Ich hatte keine Wahl.«

»Glaubst du denn wirklich, es bringt deinem Clan einen Vorteil?«, erkundigte sich Baker ernst.

»Nein, ganz und gar nicht, aber wie schon erwähnt: Es ist besser, nicht gegen Ellen zu sein.«

Details

Seiten
501
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938463
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538582
Schlagworte
sezessionskrieg komplette serie

Autoren

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Titel: Sezessionskrieg 2.0 – Die Komplette Serie