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Redlight Street #134: Das Callgirl und der Diplomat

2020 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Callgirl und der Diplomat

Copyright

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Das Callgirl und der Diplomat

Redlight Street #134

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Alice Stöckler, neunzehn Jahre jung und bildhübsch, träumt davon, ihr trostloses Heimatdorf und mit ihm auch ihren langweiligen Verlobten Hubert hinter sich zu lassen. Als sie Clemens kennenlernt, hofft sie auf ein aufregenderes neues Leben. Der Zuhälter macht sie zur bestbezahlten Edelhure; sie bewohnt in Stuttgart ein Luxusapartment und schmeißt das Geld zum Fenster raus. Es stört sie nicht, dass Clemens einige ihrer prominenten Kunden erpresst – und es lässt sie auch kalt, als Hubert plötzlich vor der Tür steht ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Mensch, da vorn scheinen nur Gipsköppe am Steuer zu sitzen. Verdammt, jetzt kriechen sie auch noch wie Schnecken, und jetzt bremsen sie. Verflucht, ich würde am liebsten aussteigen und ihnen die Meinung sagen.

Die Dirne Alice Stöckler steuerte ihren schicken Sportwagen durch die Innenstadt. Sie hatte es eilig, und nun schimpfte sie, weil der Verkehr sie daran hinderte, zügig voranzukommen. Natürlich gab sie denen die Schuld, die vor ihr fuhren.

Jetzt stand sie an einer Ampel. Es war eine Kreuzung. Da konnte man eine ganze Weile warten, bis man wieder an der Reihe war. Alice klappte den Innenspiegel an der Sonnenblende herunter. Sie musterte sich scharf.

„Die Friseuse wird auch immer langweiliger“, brummte sie vor sich hin. „Das nennt die eine aufregende Frisur. Mann, ich muss mir mal einen anderen Laden suchen. Geld wollen sie alle haben, aber wenn man sagt, dass es einem nicht gefällt, reagieren sie gleich sauer. Na, dafür habe ich ihr dann auch kein Trinkgeld gegeben. Man muss sich solche Typen erziehen.“

Und dabei sah Alice hervorragend aus. Von Natur war sie mittelblond, jetzt hatte sie sich das Haar schwarz färben lassen. Und das stand ihr ausgezeichnet.

Alice war heute nur schlechter Laune, und das ließ sie gern an anderen aus.

Neben ihr auf dem Beifahrersitz lag eine Zeitung. Gedankenlos las sie die Überschrift: Neues Erdgasabkommen mit den Holländern. In diesen Tagen soll der Vertrag in Deutschland unterzeichnet werden.

„Von mir aus“, murmelte sie träge. „Davon habe ich wirklich nichts. Aha, es geht weiter.“

Sie legte den ersten Gang ein, ließ den Motor aufheulen und fuhr im zweiten Gang mit quietschenden Reifen um die nächste Ecke. Die Passanten sprangen erschrocken zu Seite. Sie hatten das Gefühl, der Wagen würde jeden Augenblick über den Bürgersteig rasen.

Alice grinste und umklammerte das Lenkrad noch fester. Endlich hatte sie freie Fahrt. Obwohl sie die Geschwindigkeitsbegrenzung natürlich auch kannte, kümmerte sie sich nicht darum. Und dann befand sie sich auf der Reinsburgstraße. Emil stand am Eingang der Tiefgarage. Als er sie kommen sah, grinste er und lief ihr nach. Mit einem eleganten Schwung fuhr sie in ihre leere Box, würgte den Motor ab, stieg aus und knallte die Tür heftig zu.

„Das sollten Sie nicht oft machen, davon geht der Lack ab. Ehrlich!“

Fast ehrfürchtig glitten seine Hände über den Kotflügel.

Alice runzelte die Stirn.

„Wirklich?“, sagte sie träge. „Gott, dann kaufe ich mir eben einen neuen. Das ist sowieso eine verdammt lahme Ente.“

„O nein“, keuchte Emil. „Sagen Sie das nicht. Das ist der schönste Wagen, den ich in meinem Leben gesehen habe. Das ist ein Superschlitten. Von so etwas träumt unsereins nur. Und Sie gehen damit um, als wäre es eine alte Karre.“

„Tz“, machte Alice. Sie warf sich ihren Leopardenfellmantel lässig über die Schulter. „Wenn er mir nicht mehr gefällt, kriege ich einen neuen. Klar?“

„Und was machen Sie mit dem?“

„Verkaufen natürlich, was denn sonst?“

Emils Adamsapfel hüpfte auf und ab. Einen winzigen Augenblick dachte er daran, ihn zu kaufen. Alice war eine gute Menschenkennerin. Das brauchte sie schließlich für ihren Beruf. Sonst wäre sie gewiss nicht so erfolgreich gewesen.

Sie lachte heiser auf. „Kannst ruhig rechnen, Bubi. Denn du schaffst es doch nicht. Oder du musst vorher im Lotto gewinnen, klar? Dann können wir uns vielleicht unterhalten.“

„Was hat er denn gekostet?“, stammelte er.

„Ich glaube, an die sechzigtausend, ich weiß es nicht genau. Aber so ungefähr. Mit miesen kleinen Typen gebe ich mich nicht ab. So, jetzt habe ich aber keine Zeit mehr.“

Emil starrte ihr nach. Dieses Mädchen, dachte er und wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab. Verdammt, sie ist wie Sekt. Wenn ich sie sehe, perlt mein Blut. Sie macht mich rasend. Ich will es nicht, aber sie bringt mich immer wieder dazu, ihr wie ein kleines Hündchen nachzulaufen. Verflucht, ich könnte mich selbst ohrfeigen.

Traurig ging er wieder nach draußen. Seit Alice hier eingezogen war, musste er immerzu an sie denken. Er hatte vorher eine feste Freundin gehabt. Aber er hatte mit ihr Schluss gemacht.

Emil und auch die andern vornehmen Bewohner dieses Hauses wussten nicht, dass Alice ein Callgirl war. Dass man sie für Geld ein paar Stunden mieten konnte. Und außerdem musste der Freier, der zu Alice kam, etwas darstellen. Sie nahm nicht jeden. O nein, so manchen ausländischen Minister und Staatsmann hatte sie schon glücklich gemacht. Bei ihr schmolzen die härtesten Herzen wie Wachs.

Das war eine gute Einnahme, aber da war noch ein kleines lukratives Geschäft. Aber davon sprach man nicht. Schließlich wollte Alice nicht so enden wie die Nitribit. Nein, sie war schlauer, ihr würde das nicht passieren.

Alice betrat den Fahrstuhl. Er war mit rotem Samt bespannt. Die Gänge und Hausflure waren mit weißem Marmor ausgelegt. Wer hier eine Wohnung besaß, der musste mehr als zehntausend Mark im Monat verdienen.

Ja, sie war sogar so vornehm, dass sie eine kleine Zofe hatte. Bei sich nannte sie das Mädchen so. Aber es war nichts weiter als eine Dirne von der Bordellstraße. Clemens hatte sie ihr zum letzten Geburtstag geschenkt. Der hatte auch immer die tollsten Einfälle.

Jenny, wie die Kleine hieß, hatte sich nicht vorgesehen, und so war sie eines Tages erkrankt. Früher nannte man so etwas die elegante Krankheit. Aber heute war man brutaler. Nun ja, sie hatte noch Glück gehabt. Man hatte es sofort erkannt. Aber als Dirne war sie nicht mehr zu gebrauchen. Die Polizei achtete streng auf die Einhaltung der Vorschriften.

Clemens hatte sie heulend in einer Kneipe gefunden. Der Wirt hatte ihm erzählt, Jenny wisse nicht, was sie jetzt tun solle. Sie hatte nichts gelernt, war jung von zu Hause fortgelaufen und wollte die Welt erobern.

Aus Mitleid hatte Clemens sie ganz bestimmt nicht mitgenommen. Das Wort kannte er gar nicht. Aber er dachte weiter. Und meistens hatte er auch recht. Der äußere Rahmen war für sie, Alice, das Luxusweib, äußerst wichtig.

Eines musste man ihr lassen: sie behandelte Jenny gut. Im Grunde genommen war sie ja ein sehr einsames Mädchen. Auch wenn sie sich recht kaltschnäuzig gab, fühlte sie sich oft ziemlich hilflos. Freundinnen, nein, die gab es nicht. Nicht einmal einen Geliebten, gar nichts. Das war nicht so schlimm. Aus Männern machte sie sich nichts. Sie hasste sie im Grunde ihres Herzens. Und vielleicht war sie auch deshalb eine so erfolgreiche Dirne, weil sie vollendet schauspielerte.

Alice wollte gerade ihre Wohnungstür aufschließen, als Jenny ihr die Tür öffnete.

Sie trippelte in die weitläufige Diele, ließ den Pelzmantel zu Boden fallen und stellte sich vor den großen venezianischen Spiegel, in dem sie sich kritisch musterte. Sie war ein superlanges Geschöpf, rassig und elegant. O ja, sie hielt etwas auf sich.

Jenny hängte den Mantel in den Schrank und drehte sich um.

„Herr Mattes wartet schon im Salon.“

„Ja?“

Alice schlenderte über die Schwelle. Halb umgewandt sagte sie: „Bring mir Kaffee, aber tintenschwarz. Ich brauche etwas zur Aufmöbelung meiner Gefühle.“

Clemens hörte ihre Stimme und kam ihr entgegen.

„Wo warst du so lange?“

Sie runzelte die Augenbrauen. „Seit wann bin ich dir Rechenschaft schuldig, Süßer?“

Er lief rot an. „Ich habe dir gesagt, dass ich heute kommen werde.“

„Weiß ich, weiß ich. Reg dich ab! Es war nicht meine Schuld. Ich war beim Friseur.“

Erst jetzt musterte er ihre neue Frisur.

„Ich bin müde. Was willst du? Geld? Ich habe dir deinen Anteil überwiesen.“

„Behandle mich nicht wie einen Angestellten. Du weißt ganz genau, dass du ohne mich ein Nichts wärst. Aufgeschmissen wärst du. Schon morgen würdest du im Rinnstein landen“, zischte er wütend.

Alice sah ihn mit hasserfüllten Augen an. Dann zuckte sie mit den Schultern, ging zur Bar und goss sich einen Drink ein.

„Willst du auch einen?“

„Nein, ich muss gleich wieder in den Dienst“, gab er zurück.

Die Dirne wusste nicht, was Clemens von Beruf war. Er machte ein großes Geheimnis daraus. Zu gern hätte sie es in Erfahrung gebracht, denn dann hätte sie ihn in der Hand gehabt, und er hätte sie nicht so ausbeuten können. Er musste bei der Regierung beschäftigt sein, denn er führte ihr ja auch die illustren Kunden zu.

„Nein, mein Angestellter bist du nicht“, flötete sie. „Aber mein Zuhälter.“

Wieder wurde er puterrot. „Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen. Nimm dich in Acht.“

Jenny brachte den Kaffee. Alice nickte ihr zu, und Jenny verließ das Zimmer.

Sie durfte ihn nicht verärgern. Er hatte recht. Jeden Tag, wann es ihm beliebte, konnte er ihre lohnende Zusammenarbeit beenden. Genug Dirnen warteten darauf, ihren Platz einzunehmen.

„Entschuldige, ich bin heute schlechter Laune. Das lange Sitzen beim Friseur macht mich immer nervös.“

Er kam näher.

„War heute schon der Kunde da?“

„Nein. Richtig, du hast ja einen angemeldet. Woher stammt er?“

„Aus Japan.“

„O je. Na ja, den werde ich auch noch schaffen.“

„Sei nett zu ihm. Er hat schon bezahlt.“

„Hm, und wo ist mein Anteil?“

„Hier.“ Er legte ihr einen Fünfhundertmarkschein auf den Tisch.

Alice nahm ihn an sich. Sie wusste dass Clemens den gleichen Betrag für sich behielt. Ein fürstliches Entgelt dafür, dass er ihr die Kunden vermittelte. Sie musste schließlich für das Geld arbeiten.

„Gut, ich werde ihn so bedienen, dass er nur noch den Wunsch hat, ständig in Deutschland leben zu dürfen.“

„Deswegen bin ich eigentlich heute nicht gekommen. Das haben wir ja schon gestern abgesprochen.“

„Schon wieder ein neuer Macker auf der Pfanne? Hör mal, ich bin auch nur ein Mensch. Heute Nacht kommen noch die beiden Industriellen aus Hannover zu mir. Du weißt doch, die kommen jetzt regelmäßig. Und die wollen wirklich gut bedient werden. Für heute ist Schluss. Ich nehme heute keinen Kunden mehr an, klar?“

„Wer spricht denn von heute?“

Sie lachte. „Na, dann schieß los. Eine hohe Persönlichkeit?“

„Hm, es geht. Er kommt aus Holland. Du weißt doch, dieses Abkommen.“

„Darüber habe ich in der Zeitung gelesen. Den willst du also auch zu mir bringen?“

„Na klar, wir müssen den Besuchern doch was bieten. Wenn sie ohne ihre Frauen kommen, wollen sie doch so nebenbei einen kleinen Seitensprung machen. Und wir sind diskret.“

Alice lachte.

„Holländer, mal etwas anderes. Aber sag, mal, Clemens, was mich wundert, wollen die wirklich immer alle?“

„Ach Gott, dem kann doch nachgeholfen werden, Süße. Da lass dir nur keine grauen Haare wachsen. Hauptsache, sie sind mit dir zufrieden, ja?“

„Hast du schon mal Klagen gehört?“

„Nein, du scheinst große Klasse zu sein.“

„Und warum probierst du es nicht mal selbst aus?“, stichelte sie anzüglich.

Clemens lachte. „Geschäft ist Geschäft. Vergnügen, Süße, das hole ich mir woanders. Ich will nicht in deine Fänge geraten. Du könntest mir gefährlich werden. So behalte ich einen klaren Kopf, und das ist wichtig.“

Sie lachte girrend. Also hatte er Angst vor ihrer Ausstrahlung. Gut, dass sie das wusste.

„So, jetzt muss ich aber gehen. Bis später dann.“

Er ging zur Tür.

Alice rief: „Clemens, bei dem Japaner, soll ich da das Tonband laufen lassen?“

„Nein, nicht nötig. Lohnt sich nicht. Er ist Junggeselle, und außerdem ist seine Stellung in Tokio nicht so besonders, du weißt schon, was ich damit meine.“

„Ist gut!“

Dann war sie allein. Sie nahm die Kaffeetasse und ging damit auf den Balkon. Es war ein warmer und schöner Herbsttag.

„Er ist ein Satan“, murmelte sie leise vor sich hin. „Und ich bin sein Werkzeug. Ich muss die meiste Zeit das Tonband laufen lassen. Und wenn ein lukrativer Fisch ins Netz gegangen ist, ist eine kleine Erpressung fällig. Aus Angst, die Frau oder die eigene Regierung könnte etwas erfahren, oder noch schlimmer, die Öffentlichkeit, zahlen sie dann den geforderten Betrag und erhalten dafür das Tonband. Clemens ist so schlau, dass er sie nur einmal erpresst. Da sehr oft hohe Persönlichkeiten hier zu Besuch sind, ist das auch nicht so schlimm.“

Auch von diesem kleinen Geschäft bekam Alice ihren Anteil. Clemens war schlau genug, ihr Geld zu geben, denn so konnte sie nie behaupten, sie habe nichts davon gewusst.

Und Alice war tatsächlich so dumm und merkte nicht einmal, dass sie ständig mit ihrem Leben spielte. Man konnte einmal umgekehrt die Rechnung begleichen. Statt Geld könnte es ein paar Kugeln oder einen Messerstich geben. Was riskierten Ausländer schon dabei? Ehe man etwas bemerkte, waren sie schon über alle Berge.

Jenny, in ihrer adretten hübschen Uniform, einem schwarzen superkurzen Kleidchen mit riesigem weißem Kragen, betrat den Salon. Viele ihrer Kunden sahen sich auch oft nach Jenny um. Sie hatte etwas Unschuldiges an sich.

„Ich habe das Bad eingelassen, Alice“, sagte sie und räumte die Gläser fort.

„Gut, ich komme.“

„Kommt gleich Kundschaft?“

„Ja, führe ihn in den Salon. Und sollte ich noch im Bad sein, unterhalte dich mit ihm. Hoffen wir, dass er Englisch kann.“

„Was ist es denn diesmal?“, wollte Jenny wissen.

„Ein Japaner.“

„O je“, lachte sie.

Das Bad war aus schwarzem Marmor, die Hähne vergoldet. Es sah umwerfend aus. Auf einer Seite war ein riesiger Spiegel eingebaut, und sie konnte sich darin betrachten, während sie sich wohlig im Badewasser räkelte.

Plötzlich musste sie wieder an ihre Jugend auf dem Land denken, in dem kleinkarierten Elternhaus. Tippse hatte sie werden sollen. Da zog sie dieses luxuriöse Leben wirklich vor. Die Eltern waren inzwischen verstorben, und ihre einzige Schwester Reni lebte in Hamburg. Sie trafen sich nur alle Jubeljahre. Und wohlverstanden auf neutralem Boden. Alice wollte nicht, dass Reni erfuhr, was sie wirklich tat. Wenn sie zu ihrer Schwester fuhr, dann auch nur mit dem Zug. Und sie wählte möglichst schlichte, einfache Kleidung.

Reni war Krankenschwester, und in Alices Augen war sie ein naives Ding. Nun ja, jeder musste sehen, wie er selig wurde. Sie machte es sich angenehm, und auch später, würde sie ein tolles Leben führen können.

Dann konnte sie ja Reni noch immer sagen, sie hätte im Lotto gewonnen.

Warum eigentlich nicht? Und ewig wollte sie keine Luxusdirne bleiben. Wenn man an die Vierzig kam, was bei ihr, Gott sei Dank, noch ziemlich lange dauerte, sollte man aufhören. Denn dann gingen die Männer zu jüngeren Mädchen.

Eine Familie gründen, Kinder haben? Blablabla, so dumm war sie nicht. Sollte sie sich für so einen Schreihals vielleicht die Figur verderben? Nein, dafür hatte sie hübsch vorgesorgt.

Einmal, ja, da war sie doch tatsächlich nahe daran gewesen, zu heiraten. Damals, in ihrem Heimatdorf, hatte sich ein junger Mann seht für sie interessiert. Hubert, der liebe, dumme Hubert. Er hatte sie angebetet, war richtig in sie vernarrt gewesen. Zu Hause hatte er einen großen Hof gehabt. Also arm wäre sie in gewisser Beziehung nicht gewesen. Aber sie hätte den ganzen Tag für den lieben Hubert und dessen Familie schuften müssen, Hausmütterchen spielen und so.

Der Himmel hatte sie davor bewahrt. Vor gut einem halben Jahr war es gewesen, da hatte sie Clemens Mattes auf einer Party kennengelernt. Sie war schon mit Hubert verlobt gewesen, aber sie flirtete lustig weiter. Und jetzt entsann sie sich noch genau. Hubert war gar nicht dabei gewesen. Und da war da noch so ein hübscher Mensch gewesen. Richtig verliebt hatte sie sich. Ja, und die Nacht war so schön, und da waren sie nach draußen gegangen, und so war es eben passiert. Clemens hatte sie überrascht.

Sie hatte ihn nur angelacht. Und in jener Nacht war ihr auch aufgegangen, dass sie Männer brauchte. Zugleich hasste sie sie, aber sie konnte ohne sie nicht leben. Vielleicht kam daher der Hass, weil sie unersättlich war. Und der brave Hubert? Du liebe Güte! Er hielt sie für einen Engel, wollte sie vor der Hochzeit nicht unglücklich machen. Ja, das waren seine eigenen Worte gewesen.

Am nächsten Tag hatte Clemens sie im Büro der Molkerei angerufen. Dort war sie als Kontoristin angestellt gewesen. Woher er ihren Namen und den Namen ihrer Arbeitgebers wusste, war ihr schleierhaft. Das hatte sie bis jetzt noch nicht herausbekommen.

Kurz und gut, er bat sie um eine Unterredung. Zuerst hatte sie gedacht: Dieses Ekel will mich an Hubert verpfeifen. Na warte, dem werde ich die Leviten lesen.

Aber dann war alles ganz anders gekommen. Ganz anders! Er hatte ihr erzählt, er sei in einem Ministerium beschäftigt. Und es kämen alle Augenblicke ausländische Gäste. Nun ja, man müsse für ihr Vergnügen sorgen, und da wäre er auf die Idee gekommen, sie zu fragen, ob sie keine Lust habe. Natürlich könne sie blendend dabei verdienen.

Zuerst war sie so perplex gewesen, dass sie nicht einmal verstanden hatte, was er wirklich von ihr wollte. Dann hatte sich ein Kribbeln in ihren Hüften eingestellt, und mit zittriger Stimme hatte sie geantwortet:

„Hören Sie, ich bin keine Dirne, wenn Sie das meinen.“

„Aber, aber, wie können Sie nur annehmen, dass ich so etwas auch nur einen Augenblick gedacht habe. Nie im Leben, ehrlich. Mit so etwas dürfte ich gar nicht kommen. Nein, wir brauchen ein nettes, anständiges Mädchen, und vor allen Dingen eines mit Köpfchen, verstehen Sie.“

„Aber Sie haben doch eben gesagt, ich soll mit den Kerlen schlafen.“

„Hören Sie, so doch nicht. Das sind Kavaliere, verstehen Sie. Und sie zahlen einen enorm hohen Preis. Außerdem können sie es sich leisten. Aber wenn Sie nicht wollen, ich habe noch andere Mädchen, die ich fragen kann.“ Noch zögerte sie. Dann sagte sie „Aber das kann ich doch nicht. In so einem kleinen Nest. Ich komme ins Gerede, und außerdem bin ich verlobt.“

„Selbstverständlich bleiben Sie hier nicht wohnen. Sie nehmen sich eine Wohnung in Stuttgart. Die Miete können Sie spielend aufbringen, bei dem, was Sie ab jetzt im Monat verdienen werden.“

„Wie hoch ist denn die Miete?“, stotterte sie.

„Zweitausend“, sagte Clemens.

Alice Stöckler rechnete schnell nach. „Das geht ja noch, das sind ja nicht mal zweihundert im Monat.“

Der Mann lachte. „Meine Liebe, zweitausend im Monat, wohlverstanden. Nicht im Jahr.“

„Was? Gibt es denn so etwas auch?“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie morgen um zehn nach Stuttgart. Ich hole Sie vom Bahnhof ab, und dann zeige ich Ihnen die Wohnung. Sie ist gerade frei geworden. Und dann können Sie es sich ja noch überlegen. Einverstanden?“

Und Alice dachte: Das wollte ich schon immer. Stuttgart. Mensch, ich werde verrückt. Raus aus diesem gammeligen Nest. Die große Welt schnuppern. Ob ich das wirklich tun soll?

„Und was soll ich meinem Verlobten sagen?“

Clemens Mattes überlegte. In Wirklichkeit war er ein Zuhälter, aber niemand wusste davon. Er war bei der Regierung angestellt, aber er hatte nur einen kleinen Posten. Und das nutzte er aus. Er war erst nur Angestellter gewesen und war so nebenbei Zuhälter geworden. Immer wieder kam es vor, dass ausländische Diplomaten nach den Besprechungen etwas erleben wollten. — Und da er Fahrer bei der Regierung war, wurde er gefragt. So war er dazu gekommen, sich geeignete Mädchen zu suchen, die das Geschäft übernahmen. Er besaß ausgezeichnete Manieren, trat so bescheiden und freundlich auf, dass niemand ahnen konnte, wie hoch sein Bankkonto war. Und das auch erst, seit er die Erpressungen nebenbei machte.

Seine letzte Luxusdirne, denn er besaß immer nur eine, und auf die konzentrierte er sich vollkommen, hatte sich plötzlich abgesetzt. Mit dem ganzen Geld.

Nun brauchte er dringend einen Ersatz, und dieses Mädchen war wirklich nicht zu verachten. Jung, knusprig, nicht dumm, und sie sah so hübsch naiv aus, was sie aber wirklich nicht war. Naive Mädchen betrogen ihre Verlobten nicht. Und schon gar nicht, wenn diese den größten Hof der Umgebung besaßen.

„Lösen Sie einfach die Verlobung“; schlug er vor.

„Ach nee, nicht so schnell. Ich will mir ein Hintertürchen offen lassen.“

Er grinste verstohlen. Also war sie schon einverstanden.

„Dann sagen Sie ihm doch einfach, Sie würden nach Stuttgart gehen, um die Sekretärinnenschule zu besuchen. Das dauert so ungefähr ein Jahr.“

„Hm, das ist wirklich toll. Und ich kann ihm dann noch sagen, ich würde nebenbei Buchführung lernen, das ist gut für den Hof.“

Sie lachte perlend auf.

„Sie haben es faustdick hinter den Ohren, meine Liebe.“

Alice machte ein hochmütiges Gesicht. „Ich lasse mich aber nicht übers Ohr hauen, klar?“

„Klar. Also morgen am Bahnhof?“

„Wenn ich es mir bis dahin nicht anders überlegt habe, bin ich pünktlich.“

Der Mann stand auf und beglich die Rechnung. Das wäre also geschafft, dachte er bei sich. Nun kann der Rubel wieder rollen.

Alice ging nach Hause. Den ganzen Abend und die halbe Nacht grübelte sie. Schließlich war sie erst neunzehn, und so ein Schritt wollte reiflich überlegt sein.

Aber dann sagte sie sich: Pah, ansehen ist noch nicht annehmen. Ich sehe mir auf Kosten des Mannes Stuttgart an, und das Mittagessen muss er mir auch bezahlen. Ich mache mir einen vergnügten Tag, und vielleicht ist das Angebot gar nicht so schlecht!

So legte sie sich schlafen und träumte von einer Zukunft als Filmstar.

Am nächsten Morgen rief sie in der Molkerei an und sagte, sie habe Zahnschmerzen und müsse zum Arzt. Man gab ihr selbstverständlich sofort frei. Hurtig schlüpfte sie in ihre Sonntagskleidung und eilte zum Bahnhof. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Und wenn er jetzt nicht kam? Wenn alles nur ein Scherz gewesen war? Sie war noch nie allein in der Großstadt gewesen. Himmel, ob sie sich nicht verlaufen würde?

Das Vorortbähnchen trudelte ein, und Clemens stand mit Blumen auf dem Bahnsteig.

„Also doch“, murmelte er.

Er sah fabelhaft aus, und Alice freute sich, so nett abgeholt zu werden. Die Mitreisenden machten schon ganz neidische Augen, so kam es ihr jedenfalls vor.

Und als sie in den todschicken Sportwagen steigen durfte, war sie selig.

„Himmel, leben alle Leute so toll in Stuttgart?“

„Nur die intelligenten und die, die sich vornehmen, etwas zu werden“, sagte er lachend.

„Ich habe leider keinen Führerschein.“

„So etwas kann man in zwei, drei Wochen haben.“

„Wirklich?“

Sie blickte auf die Menschenmenge. „Wenn ich hier die Leute sehe, komme ich mir wie ein Trampel vom Lande vor“, seufzte sie.

„Das sind Sie aber nicht. Sie sind ein hübsches, bezauberndes Geschöpf. Passen Sie nur auf, wenn Sie erst mal hier leben, werden sich die Männer nach Ihnen umdrehen!“

Welches Mädchen in diesem Alter hört nicht gern eine solche Schmeichelei? Alice spürte gar nicht, dass Clemens sie nur günstig stimmen wollte, um ihre Zusage zu erhalten.

„So, wir sind da.“ Er lenkte den Wagen in die Tiefgarage.

Emil kam angerannt und machte eine tiefe Verbeugung vor Clemens. Dies auch nur, weil er immer ein fürstliches Trinkgeld bekam. Clemens tat alles mit Berechnung.

„Kommen Sie, meine Liebe. Darf ich Ihnen jetzt die Wohnung zeigen?“

Alice riss schon Mund und Augen auf, als sie die Marmorhallen und den Fahrstuhl sah. Ihre Knie waren weich wie Pudding.

Ich träume dies alles nur, dachte sie. Wenn ich die Augen aufmache, bin ich wieder in dem stickigen Büro mit dem Schimmelfleck in der Heizungsecke. Ich muss meine trockenen Stullen essen und dem Leiter auf die Finger klopfen, weil er mir mal wieder in den Ausschnitt greifen will.

Clemens holte die Wohnungsschlüssel aus der Tasche und öffnete. Zuerst hatte er hier sein ganzes Kapital hineingesteckt. Die Wohnung war wirklich erlesen eingerichtet. Aber mit Lolli zusammen hatte er in zwei Monaten nicht nur die Unkosten herausgeholt, sondern hatte auch noch ein hübsches Sümmchen auf die Bank bringen können.

„Dies ist also die Wohnung“, sagte er.

Alice starrte ihn an, wie ein Kaninchen die Schlange anstarrt.

Er führte sie ins Schlafzimmer, den Salon, ins Bad und in die kleinen Gästezimmer. Davon waren drei vorhanden, eines mit imitiertem Leopardenfell tapeziert, einem riesigen Spiegel unter der Decke, einem französischen Bett. Ein Gästezimmer gleich eine Höhle. Mit grünem Samt waren die Wände bezogen, der Teppich, in dem man bis zu den Knöcheln versank, leuchtete ebenfalls giftgrün. Das Bett bestand aus Zebradellen.

Alice war wie benommen. Trunken ging sie von einem Raum in den andern. Als sie im dritten Gästezimmer stand, lachte sie auf. Es war ganz hell tapeziert, und in der Mitte stand ein riesiges herzförmiges Bett. Kirschrot. Es stach direkt ins Auge, ja, es war fast wie ein Magnet.

Dann führte der Mann sie in die Küche und auf die Terrasse, die mit Pflanzen zu einem kleinen Garten umgestaltet worden war.

Er hatte wirklich nichts vergessen.

Alice stand in der Glastür und sah sich ehrfürchtig um.

„Hier wohnen Sie?“

„Ich?“ Er lachte. „Nein, mein Geschmack ist das ganz und gar nicht. Du wirst hier wohnen.“

Sie schwankte.

„Ich? Hier? In dieser Wohnung? Allein?“

„Nicht immer, meine Süße. Nicht immer.“

Sie schluckte. Wieder dachte sie an die kleine möblierte Bude, an das Büro. Sie hatte das Gefühl, plötzlich auf einem fremden Stern zu leben.

„Du willst also?“

Alice hatte ganz glänzende Augen bekommen.

„Aber das kann ich doch gar nicht bezahlen. Und schenken lasse ich mir nichts.“

„Das hatte ich auch nicht vor“, sagte er zweideutig. „Wenn du dich klug anstellst, kannst du bis zu zehntausend Mark im Monat verdienen. Natürlich erhalte ich von all deinen Einnahmen die Hälfte, verstanden. Wenn du mich betrügen willst, das könnte böse ins Auge gehen. Ich merke es sofort. Und dann ade, hübsche Wohnung. Ich kann Mädchen genug bekommen. Denke immer daran.“

Sie war so geblendet, so geschmeichelt, dass sie alle Bedenken vergaß und zusagte. Clemens machte einen regelrechten Vertrag mit ihr.

Gegen Abend brachte er sie zur Bahn zurück. Sie hatte versprochen, sofort zu kündigen. Und das mit Hubert, nun, darüber machte sie sich überhaupt keine Sorgen. Der war ja so naiv. Sie würde ihm versprechen, fleißig zu schreiben.

Zwei Tage nach ihrem Vertrag mit Clemens war sie dann nach Stuttgart gekommen. Und sie bezog die Wohnung. Für die Reinigung hatte Clemens eine Putzfrau angestellt. Ja, und dann war noch Jenny hinzugekommen. Wie eine Gräfin fühlte Alice sich nun.

Gewiss, als sie das erste Mal mit einem fremden Mann schlafen wollte, war ihr schon ein wenig komisch zumute gewesen. Aber dann kamen auch prominente Kunden, die man oft im Fernsehen sehen konnte, und sie fühlte sich natürlich sehr geschmeichelt.

Nein, Alice war nicht auf den Kopf gefallen. In vier Wochen lernte sie mehr als andere in zehn Jahren. Sie war nicht mehr das kleine naive Mädchen vom Lande. Sämtliche Register zog sie, wenn sie spürte, dass es sich lohnte. Und sie hatte sehr schnell herausgefunden, dass, wenn man ihr Sachwerte schenkte, Clemens nicht die Hälfte bekommen konnte. Verkaufen konnte man die teuren Sachen nicht. Und außerdem mussten sie vorhanden sein, wenn der reiche Freier wiederkam.

Bald hatte sie sehr viele Industrielle als Kunden. Sie zahlten einen hohen Preis, amüsierten sich eine Nacht mit dem quicklebendigen Mädchen und gingen unerkannt wieder fort. Stammfreier wurden selbstverständlich nicht erpresst. Clemens hatte sich da ein ganz raffiniertes System ausgedacht.

Ja, und dann diese Geschenke. Zum Beispiel der Sportwagen. Alice sprach oft von Dingen, die sie haben wollte, und hatte der Freier so etwas in seiner Fabrik, sagte sie selbstverständlich, sie würde dafür bezahlen. Doch im Allgemeinen war der Preis so niedrig, dass man es schon als Geschenk betrachten konnte. Manchmal erwies sie ihren Stammfreiern auch einen großen Dienst, indem sie deren Geschäftspartner so ausgiebig unterhielt, dass sie müde und erschöpft zu Verhandlungen antraten und nicht sehr erfolgreich waren. Dafür wurde sie auch sehr großzügig entlohnt.

O ja, Alice war zur perfekten Dirne geworden, ohne dass sie es bemerkte. Sie bildete sich tatsächlich ein, hoch über diesen Mädchen zu stehen. Und dabei war sie noch kälter und härter, als diese es waren.

Skrupellos und kaltherzig setzte sie ihren Körper ein, wo sie glaubte, einen Profit herausschlagen zu können. Sie dachte nur an Geld, Geld und nochmals Geld.

Seit einem guten halben Jahr lebte sie nun schon in Stuttgart. Sie war der heiße Tipp. Ihre Telefonnummer stand in vielen diskret versteckten Notizbüchern.

Als Dirne war sie hinreißend, schmelzend. Jeder musste annehmen, sie liebte ihn wirklich. Für die Männer war es ein Genuss, mit ihr zu schlafen. Wohlgemerkt, für die, die nachher nicht erpresst wurden. Die anderen mussten ihren Fehltritt teuer bezahlen. Nicht nur finanziell, sondern auch seelisch. Denn immer stand die Angst hinter ihnen, die Sache würde doch noch herauskommen.

„Alice, Alice, wo steckst du nur so lange? Ich quassle mir den Mund fusselig“, rief Jenny durch die Badezimmertür.

Himmel, da hatte sie doch tatsächlich den Kunden vergessen! Schnell sprang sie aus der Wanne.

„Hast du meinen schwarzen Anzug zurechtgelegt?“

„Wird sofort gemacht.“

Jenny wollte sich entfernen.

„Welches Zimmer hältst du für richtig?“, fragte Alice.

Jenny hatte oft einen sicheren Instinkt für die geheimen Wünsche der Freier. Wie zufällig ließ sie diese die Gastzimmer sehen und merkte sich ganz genau, bei welchem sie erregt wurden.

„Das Herzzimmer“, lachte sie leise auf.

Sieh mal an, dachte Alice. So sind die Asiaten. Hoffentlich reicht mein Englisch. Ich muss mehr üben. Aber zum Teufel, es ist verdammt schwer.

„Sag ihm, dass ich in fünf Minuten zur Stelle bin.“

„Ja!“

 

 

2

Durch eine Tapetentür betrat Alice ihr eigentliches Schlaf und Umkleidezimmer. Auf dem Bett lag der Netzanzug. Sie schlüpfte hinein. Er war wirklich atemberaubend. Hinten war er bis zu den Hüften ausgeschnitten, ganz eng anliegend. Er zeigte mehr, als er verdeckte. Vorn war er bis zum Hals geschlossen. Aber das Aufregende war, dass auch hier kaum etwas durch das große Netzmuster verhüllt wurde. Die meisten Freier brachten es nicht über sich, den Blick davon zu wenden.

Mit ihrem tiefschwarzen Haar und der blassen Haut sah sie einfach umwerfend aus. Sie ließ ihre Mähne lang herunterwallen.. Die Fußnägel hatte sie golden lackiert.

Wie ein gefährliches Raubtier wirkte sie. Schmal, lang, ein Geschöpf, das nur aus Beinen zu bestehen schien.

Alice war mit ihrem Aussehen sehr zufrieden. Lautlos betrat sie den Salon. Der Japaner sah sie nicht sofort, aber Jenny. Sie stand sofort auf und entfernte sich diskret.

Der Japaner stand an der Bar. Nun drehte er sich um und sah Alice. Er schluckte heftig. Aber auch jetzt war er ein Weltmann. Galant kam er ihr entgegen und küsste ihr die Hand.

„Gnädige Frau“, sagte er in fast akzentfreiem Deutsch.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen“, flötete Alice. „Wirklich, ich habe heute Morgen noch meinen Freunden gesagt, dieser Abend würde richtig langweilig für mich sein. Kein Besuch, nichts! Und dann ließen Sie sich anmelden. Charmant, wirklich. Ich freue mich sehr. — Aber kommen Sie doch, Ihr Glas ist leer. Wie unfreundlich von Jenny.“

„Ich wollte nicht mehr trinken“, sagte der Japaner rasch.

„Ah, ich verstehe. Die Galle spielt wohl eine große Rolle in Ihrem Innenleben, wie?“ Wieder lachte sie perlend auf.

Der Japaner lächelte diskret zurück. Seine Augen waren unnatürlich geweitet. Alice ließ sich auf das breite Sofa niederfallen. Er kam zögernd näher. Er wusste selbst nicht, was er erwartet hatte, aber ganz bestimmt nicht so eine rassige Erscheinung. Nun, man hatte sie zwar in den höchsten Tönen gelobt. Er hatte nur ja gesagt, weil er sonst zu schüchtern war. Frauen gegenüber wusste er einfach nicht, was er sagen sollte.

Alice spürte es sofort und nahm alles in die Hand. Mit leichtem Geplauder brachte sie ihn dazu, doch noch etwas zu trinken. Sie klingelte, und Jenny musste Sekt bringen. Jongo, wie er sich nennen ließ — ob das sein wirklicher Name war, war auch fraglich — musste die Flasche öffnen und tat es sehr geschickt. Sie lobte ihn, und wahrhaftig, er errötete wie ein kleiner Junge. Bald hatte er einen kleinen Schwips und wurde mutiger. Hier konnte er sich vollkommen gehenlassen, Alice sagte es ihm immer wieder. Hier war kein Regierungsmitglied, kein nobler Empfang. Hier waren nur sie und er.

Alice streifte die Sandalen von den Füßen und erhob sich. Wie ein Magnet verfolgte er das Mädchen. Und bald waren sie in dem Zimmer mit dem kirschroten herzförmigen Bett.

„Wollen wir es uns nicht gemütlich machen? Möchten Sie nicht ein wenig ablegen? Darf ich Ihnen helfen?“

Er nickte nur schwach. Und Alice reagierte auf die kleinste Regung des Mannes. Er stand da, nackt, und blickte sie an. Sein Blut raste durch die Adern.

Ganz langsam streifte nun die Dirne ihren schwarzen Anzug von den Hüften. Fast schmerzhaft brannten seine Lenden. So ein rassiges Mädchen hatte er noch nie so gesehen. Für Sekunden schloss er die Augen.

Sie lag lang ausgestreckt vor ihm. Er sah das Dreieck zwischen ihren Schenkeln. Es ist so hell, dachte er unwillkürlich. Und dann musste er auflachen. Natürlich färbten sich in Europa die Frauen die Haare. In seinem Land taten es auch schon einige Frauen. Aber ihnen stand es einfach scheußlich.

Die Liebesglut, die sie in ihm entfachte, war für den Mann unbeschreiblich, kaum zu ertragen. Er war so unerfahren in der Liebe, dass er sich auch deshalb schon schämte, zu einer Frau zu gehen.

Alice amüsierte sich köstlich. Natürlich merkte er nichts davon. Wie ein kleiner unbeholfener Schuljunge kam er ihr vor. O ja, so naiv. Aber er war ein gut zahlender Kunde. Er war das erste Mal hier, und bestimmt würde er jetzt öfter wiederkommen. Und sie spornte ihn an, lobte ihn über alles. Mit winzigen Gesten, einem Wort nur, brachte sie ihn dazu, das zu tun, was zu einem perfekten Liebesleben gehörte. Nach der Befriedigung war er vollkommen erschöpft. Fast wollte er einschlafen. Aber auch jetzt zeigte er sich als Kavalier.

Jongo stand auf und verbeugte sich vor ihr.

„Es war mir eine große Ehre“, sagte er leise. „Sie haben mich bezaubert.“

Alice spielte das schamhafte Mädchen, wickelte sich keusch in das Bettlaken. Natürlich stand es ihr vorzüglich. Sie hatte schon eine gewisse Übung darin bekommen.

„Darf ich Ihnen das Badezimmer zeigen?“, hauchte sie.

Er sah einen Bademantel an der Tür hängen, schlüpfte hinein und folgte ihr sofort. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, suchte sie die kleine Duschkammer auf.

Während das Wasser über ihren Rücken rieselte, dachte sie: Komisch, einige Leute, die man so vom Fernsehen her kennt oder aus der Zeitung, also Persönlichkeiten, bei ihnen nimmt man an, dass sie sich zu benehmen wissen. Aber sie gebärden sich oft, als wäre ich eine gemeine Dirne. Und das Schlimme ist, ich muss mich dann auch so geben. Je tiefer sie im Schmutz wühlen können, umso köstlicher finden sie es. Einer ist da ganz mies. Wenn er nicht die gemeinsten Ausdrücke benutzen kann, findet er keine Befriedigung. Aber dieser Japaner ist wirklich süß. Ich wünschte, er würde öfter wiederkommen. Mit den netten Stammkunden macht es wirklich Spaß.

In der Zwischenzeit hatte Jenny das Laken gewechselt. Es konnte ja sein, dass der Kunde noch einmal mit ihr schlafen wollte. Bei den Preisen, die sie zahlen mussten, durften sie gewöhnlich eine ganze Zeitlang bei ihr bleiben.

Alice trug jetzt einen giftgrünen Hausanzug. Hochgeschlossen, fast streng im Schnitt. Der Japaner hielt sich im Salon auf. Er stand am Panoramafenster. Als er sie kommen hörte, drehte er sich um. Das ganze Zimmer lag zwischen ihnen.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

„Gern“, sagte er liebenswürdig.

Jenny, als Zofe gekleidet, bediente sie vorzüglich. Sie stellte auch noch kleine köstliche Kuchen auf den Tisch.

„Werden Sie mich bald wieder besuchen?“

Er blickte sie über den Tassenrand hinweg an. „Möchten Sie es gern?“ Fast erstaunt klang seine Stimme.

„Haben Sie es denn nicht bemerkt?“, gab sie zurück.

Er lächelte sein weises Lächeln. Fast schleppend war seine Stimme, als er sagte: „Ich war sehr glücklich bei Ihnen. Wirklich! Sie glauben gar nicht, wie wichtig das alles für mich war. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.“ Solche Augenblicke ließen sie vergessen, was sie war. Dass ja alles nur Lüge gewesen war, sie ihm nur etwas vorgespielt hatte. Ihr Herz war kalt geblieben.

„Ich werde immer für Sie da sein“, sagte sie schlicht.

„Leider muss ich morgen früh in mein Land zurückkehren. Aber ich werde wiederkommen.“

Er stellte die Tasse ab und stand auf.

„Ich würde mich freuen“, sagte Alice und brachte ihn zur Tür.

Als er verschwunden war, kam Jenny ins Zimmer.

„Himmel, war der süß. Ich wäre bald vor Lachen geplatzt.“

„Ach, sei still“, sagte die Dirne. „Er hat seine Komplexe, und darüber sollte man wirklich nicht lachen.“

„Ich lache ihn doch gar nicht aus“, protestierte sie heftig. „Ich fand ihn wirklich nett. Solche Herren gibt es nur sehr selten. Die andere Sorte überwiegt.“

Alice lag lang ausgestreckt auf dem Sofa und sah sich eine Fernsehsendung an. Es war nach einundzwanzig Uhr. In einer Stunde würde der nächste Freier kommen. Ein ekelhafter Kerl. Aber er hatte ihr einen Pelzmantel geschenkt, und er kam sehr oft. Also musste sie ihren Ekel vor ihm herunterschlucken und so tun, als würde sie sich wahnsinnig freuen. Na ja, sie würde eben ein wenig Alkohol zu sich nehmen, dann ertrug sie auch die schlimmsten Kerle mit Anstand.

Es klingelte.

Jenny kam ins Zimmer. „Erwartest du Besuch?“

„Nee, ganz bestimmt nicht. Ich bin müde. Erst in einer Stunde.“

Es klingelte wieder.

„Vielleicht ein Vertreter?“

„Um diese Zeit?“

„Hast auch recht.“

Wieder läutete die Türglocke.

„Mensch, Jenny, geh hin und sieh nach. Egal, wer es ist, schick ihn zum Teufel.“

„Mach ich.“

Alice verfolgte den Kurzfilm mit Spannung. Nach wenigen Augenblicken ging abermals die Salontür auf. Sie war wütend über die Störung.

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Jenny sah sie eigenartig an. „Draußen ist ein Mann“, begann sie zögernd.

„Ich habe dir doch gesagt, dass niemand angemeldet ist. Schick ihn zum Teufel.“

„Er sagt, er wäre dein Verlobter. Und ich weiß nicht, ob ich ihn fortschicken soll.“

„Mein Verlobter?“, fragte sie verblüfft.

Schlagartig musste sie wieder an Hubert denken. Verflixt, vorhin in der Wanne hatte sie angefangen, an ihn zu denken. Nach so langer Zeit. Und jetzt stand er vor der Tür? Du liebe Güte, das konnte ja heiter werden.

„Soll ich ihn fortschicken?“

Alice biss sich auf die Lippen.

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Ja. Hubert Roth.“

„Er ist es“, murmelte sie.

Sie erhob sich. „Hör zu, Jenny, wenn er irgendetwas fragt, sag ihm, ich würde hier zur Untermiete wohnen. Hörst du! Sag ihm bloß nicht, was hier wirklich gespielt wird.“

Sie kicherte.

„Los, bring ihn schon rein. Himmel, dass ich auch daran nicht gedacht habe“, murmelte sie vor sich hin.

Jenny ging in die Diele und sagte ihm, er könne in den Salon gehen.

Hubert Roth war noch immer ganz verwirrt. Wie benommen starrte er das kleine Mädchen an. Hier sollte seine Verlobte wohnen? Aber das war doch unmöglich. Niemals, es musste ein Irrtum sein. Schon wollte er wieder flüchten.

Details

Seiten
112
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938449
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538497
Schlagworte
redlight street callgirl diplomat

Autor

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Titel: Redlight Street #134: Das Callgirl und der Diplomat