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Redlight Street #135: Tamara, ein Gastgeschenk für Skou

2020 115 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Tamara, ein Gastgeschenk für Skou

Copyright

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Tamara, ein Gastgeschenk für Skou

Redlight Street #135

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Als Tamara am späten Abend auf der Rückfahrt von ihren Eltern eine Abkürzung nimmt, hat sie eine Autopanne. Angst kennt die junge hübsche Frau nicht und läuft auf der Suche nach Hilfe mitten durch den Wald. Bei einer Jagdhütte wird sie Zeugin, wie ein Mädchen von zwei Männern brutal geschlagen wird. Bevor Tamara fliehen kann, wird sie jedoch entdeckt und nach Amsterdam auf eine Jacht verschleppt, wo das unerfahrene blonde junge Mädchen die Hölle erleben muss – aber der schlimmste Albtraum erwartete sie in Marokko ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sie trafen sich wie üblich im kleinen Café an der Ecke. Es hatte nur ein paar kleine Tische, war aber gut besucht. In der Hauptsache lebte das Geschäft von den Stammkunden.

Tamara Imker saß am Fenster und wühlte in den Taschen nach den Zigaretten. Eigentlich war sie keine Raucherin, sie tat nur so. Auch jetzt, wenn sie auf Jürgen wartete, wusste sie nicht wohin mit den Händen und Augen. Zündete man sich eine Zigarette an, war man fürs Erste beschäftigt und außerdem, fand sie, sah es schick aus. Dabei musste sie noch höllisch aufpassen, dass sie den Rauch nicht in die Nase oder in die Augen bekam. Ganz schlimm war es, wenn er in die falsche Kehle geriet, dann musste man furchtbar husten und alle Welt wusste, dass man angeben wollte.

Doch sie hatte sich geschickt genug angestellt. Die Zigarette brannte sogar auf Anhieb, und das wollte bei ihr etwas heißen. Da musste man die Zigarette in den Mund stecken, das Streichholz anreißen, schnell ziehen — aber nicht zu sehr, wie gesagt, sonst muss man scheußlich husten —, das Streichholz ausschlenkern, die Zigarette erst einmal aus dem Mund nehmen.

So, sie ruhte jetzt im Ascher und glimmte vor sich hin. Als Tamara den Kopf hob, sah sie, wie der Kellner sie angrinste. Der Schuft wusste also um ihr kleines Tarnmanöver. Zuerst wurde sie sehr rot, doch dann schossen ihre Augen wütende Blitze.

Er kam mit einem Kännchen Kakao angeschlendert.

„Gratuliere“, sagte er leise.

„Wenn ich Sie mal im Dunkeln treffe, kratze ich Ihnen die Augen aus“, zischte sie.

Er tat, als würde er vor Angst zittern. „Ich werde meinem großen Bruder Bescheid sagen, dass er mich von nun an immer abholt.“

„Sie sind ein Ekel“, lachte sie ihn an.

„Wirklich?“ Er rollte mit den Augen.

Im Augenblick war nicht viel los im Café, und so hatte er Zeit. Er war der Sohn des Besitzers. Natürlich kannten sie sich schon lange.

„Wo Jürgen bloß wieder so lange bleibt“, murmelte sie und blickte mit gekrauster Stirn auf die Straße.

„Bestimmt wieder im Straßenverkehr steckengeblieben“, sagte der junge Mann.

„Wahrscheinlich! Warten finde ich grässlich“, seufzte sie.

„Soll ich Ihnen so lange Gesellschaft leisten?“

Sie blickte ihn misstrauisch an. „Wenn Sie mich aufziehen wollen, dann danke!“

„Sehe ich wirklich so aus?“, lachte Willy.

Tamara musste auch lachen. „Sie sind ein Windhund. Ihre Braut bedaure ich von Herzen.“

„Brauchen Sie gar nicht, Tamara, ich habe nämlich keine. Wie wär’s, wollen Sie nicht die meine werden?“

„Pah“, sagte sie auflachend und warf ihr langes blondes Haar über die Schulter. „Sie wären so etwas wie ein Mühlstein an meinem Hals.“

Willy sagte: „Vergessen Sie Ihre Zigarette nicht. Sie ist dabei, ihr Leben auszuhauchen.“

Tamara riss sie aus dem Ascher. Mit spitzen Lippen zog sie einmal kurz daran. Zur Vorsicht hielt sie sie dann in der Hand.

„Sagen Sie mal, Goldköpfchen, warum heißen Sie eigentlich Tamara? Darüber zerbreche ich mir schon seit Monaten den Kopf. Tamara, das ist doch ein russischer Name, und darunter stelle ich mir eine schwarzhaarige glutvolle Russin vor. Mit solchen Hüften und solchem Busen!“ Er gebrauchte seine Hände, um seine Vorstellungen zu veranschaulichen.

Das junge Mädchen lachte heiter auf. „Das sind Sie nicht allein, der darüber nachdenkt. Ich weiß, wenn Eltern sich mal etwas in den Kopf setzen, besonders bei der Namen wähl ihrer Sprösslinge, leisten sie sich allerhand. Und man kann sich noch nicht mal wehren.“

„War Ihr Vater vielleicht als Soldat in Russland?“

„Nee, hören Sie, ich bin neunzehn, das geht nicht.“

„Dann also Urlaubserinnerungen?“

„Auch nicht! Großmutter war russischer Abstammung. Und ihr zu Ehren wurde das liebe Enkelkind dann Tamara genannt — sozusagen als Lockvögelchen für die Erbschaft.“

„Aber bei Ihren Haaren?“ seufzte Willy. „Also, ich als Vater hätte mich gesträubt.“

Tamara kicherte: „Ja, wissen Sie, Willy, später haben sie auch einen schönen Schreck gekriegt. Bei uns in der Familie sind alle dunkel, schwarz oder braun. Als ich geboren wurde, hatte ich eine Glatze. Und man war eben felsenfest davon überzeugt, dass ich armes Wurm aussehen würde wie wir alle. Also passt Tamara ganz hübsch.“

„Dann ist Ihr Blondhaar tatsächlich echt? Nicht gefärbt?“

„I wo.“

„Haben Sie denn das Erbe bekommen?“

Wieder kicherte das junge Mädchen. „Nee, Großmutter war schrecklich verschnupft. Und sie hat bis zu ihrem Tode geglaubt, ich sei ein Kuckucksei. In der Klinik vertauscht. Mein Vater sollte unbedingt einen Prozess anstrengen.“

„Und?“, fragte Willy gespannt. „Hat er es getan?“

Tamara lachte hell auf. „Warum denn? Er wusste ganz genau, dass damals nur noch ein Junge in der Woche geboren worden war. Und der hatte rote Haare und eine Knollennase. Vater hatte aber schon fünf Buben zu Hause und wollte mich.“

„Ja, so ist das Leben“, lachte Willy. „Eine Laune der Natur, und Sie sind um ihren Mammon gekommen.“

„Och, der ist gar nicht so bedeutend gewesen. Ich kann mir mein Geld selbst verdienen. Geld macht nicht glücklich.“

„Wenn man jung und verliebt ist, denkt man immer so“, sagte Willy weise. „Aber Sie haben recht, man soll deswegen nicht den Kopf hängen lassen. Sie sind schon in Ordnung. Und darum möchte ich Ihnen warm an Herz legen, es sich noch einmal zu überlegen.“

„Was soll ich mir überlegen?“, sagte Tamara erstaunt.

„Ob Sie nicht meine Freundin werden möchten?“

„Nee“, sagte sie. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.“

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen, und ein hochgewachsener junger Mann betrat das Café. Willy stand sofort auf. Er beugte sich aber noch einmal zu dem Mädchen und raunte ihr zu: „Jetzt brauchen Sie die Zigarette nicht mehr.“

„Jürgen“, rief Tamara, „ich wünschte, du würdest dieses Ekel fordern.“

Der junge Mann runzelte die Stirn und blickte den Kellner an. „Wieso?“

„Keine Ursache“, sagte Willy schnell. „Ich habe nur zu Ihrer Braut gesagt, wie schädlich das Rauchen sei.“

„Damit haben Sie vollkommen recht“, lachte Jürgen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Tamara, ich sage es dir doch auch immer. Hör doch endlich auf, bevor du eine Kettenraucherin wirst.“

Willy machte, dass er aus Tamaras Nähe kam.

Jürgen hatte ihr kleines Schauspiel noch nicht durchschaut. Tamara sann auf spätere Rache.

Jürgen zog sich den Mantel aus und setzte sich zu ihr an den kleinen Tisch. „Verzeih, dass ich dich habe warten lassen. Aber der Verkehr, weißt du.“

„Ach“, sagte sie lachend. „Ich flutsche mit Fiffi durch jede Lücke. Mich kann man nicht aufhalten.“

Jürgen Adams war Referendar und etwas steif in seinem Wesen. Warum Tamara ausgerechnet ihn liebte, wusste sie auch nicht so genau. Doch wahrscheinlich, weil er ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gab. Sie war wie ein buntschillernder, flatterhafter Schmetterling, immer lustig und munter, immer zu einem Streich aufgelegt. Jürgen bremste sie oft. Sie ergänzten sich also wunderbar.

Beide hatten vor, im Frühling zu heiraten. Bis dahin hatten sie genug gespart, um eine kleine Wohnung einzurichten.

„Was unternehmen wir heute?“

„Das ist es ja“, sagte Tamara, „deswegen habe ich dich ja gebeten, dich mit mir hier zu treffen. Ich möchte heute Abend meine Eltern besuchen.“

Jürgen machte ein langes Gesicht.

„Muss das sein?“, murmelte er vage.

„Ja, es muss. Ich habe es Musch versprochen. Und was ich verspreche, das halte ich auch.“

„Ja, ja, aber ausgerechnet heute passt es mir nicht gut, Tamara.“

Seit Tamara Anwaltsgehilfin war, lebte sie in der Großstadt. Sie hatte ein nettes Zimmer. Die Eltern lebten fünfundzwanzig Kilometer entfernt. Also ein kleiner Katzensprung, wenn man ein Auto besaß. Sie lebten auf dem Lande.

Und seit der letzte Bruder die Eltern verlassen hatte, fühlte sich Tamara verpflichtet, wenigstens alle vierzehn Tage die Eltern zu besuchen. Natürlich wussten die Eltern von Jürgen und von ihren Heiratsplänen.

„Ist ja nicht schlimm“, sagte Tamara. „Dann fahre ich eben allein. Du willst doch bestimmt noch arbeiten, nicht?“

„In der Tat, Tamara, ich wollte dir heute sagen, dass ich nicht viel Zeit habe. Du bist mir also wirklich nicht böse, wenn ich nicht mitkomme?“

„Aber nein“, lachte sie. „Du langweilst dich doch immer und weißt nicht, was du mit Vater reden sollst. Musch und ich haben immer so viel zu erzählen.“

„Na, da bin ich wirklich froh, Tamara, andere Mädchen würden jetzt vielleicht schmollen.“

„Nee, dazu habe ich wirklich keine Lust“, lachte sie. „Aber mein Fiffi hat mal wieder seine Mucken. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Manchmal bleibt das Biest einfach stehen und bockt wie ein Esel. Morgen bringe ich ihn wirklich in die Werkstatt.“

Jürgen Adams fuhr einen Opel und hegte ihn wie seinen Augapfel. Tamara war eine unbekümmerte Fahrerin, und mit dem Kuppeln nahm sie es manchmal nicht so genau.

Er machte ein Gesicht, als hätte er auf einen sauren Apfel gebissen. Tamara sah es und lachte: „Keine Sorge, ich will dich gar nicht um dein Prunkstück bitten, Jürgen. Ich will dir nur sagen, wenn ich liegen bleibe, rufe ich dich an. Wirst du mich dann holen?“

Erleichtert nickte er mit dem Kopf. Doch dann sagte er streng: „Warum hast du ihn noch nicht in die Werkstatt gegeben? Tamara, du bist unmöglich. Einmal wirst du wegen deiner Unbekümmertheit noch arg in der Klemme sitzen.“

„Ich brauchte ihn halt“, sagte sie. Willy kam, und Jürgen beglich die Rechnung.

„Gehen wir morgen Mittag essen?“

„Aber sicher doch“, lachte Tamara und wirbelte aus der Tür.

Jürgen sah ihr nach. Der Kellner erriet seine Gedanken. Die änderst du nicht, dachte er bei sich. Und wenn, dann wär es arg schade um sie, dann ist sie nicht mehr sie selbst. Aber soweit ich das kleine Persönchen kenne, wird sie sich gar nicht erziehen lassen.

 

 

2

Draußen war es mittlerweile sehr dunkel geworden. Es war Herbst, und der Wind fegte die Blätter vor sich her. Im Schatten der Scheinwerfer wirkte das recht lustig, manchmal aber auch unheimlich. Tamaras Fiffi schnurrte wie eine Nähmaschine über die Landstraße. Wenn sie zu ihren Eltern fuhr, nahm sie immer eine Abkürzung. Das war eine schmale Landstraße, die nur Eingeweihte kannten. Sie wurde ganz wenig befahren. Das hieß also, man kam zügig voran.

Kurz nach sieben Uhr war sie dann zu Hause. Die Eltern freuten sich herzlich.

„Wir haben schon gar nicht mehr damit gerechnet“, sagte die Mutter.

„Aber Musch, wenn ich etwas verspreche, halte ich es“, entgegnete die Tochter.

„Ja, ich weiß, ich kann mich auf dich verlassen.“ Sie blickte in die Dunkelheit hinaus. „Wo ist denn Jürgen?“

„Der ist nicht mitgekommen. Hat noch zu tun“, sagte Tamara.

„Kind, du bist ganz allein gekommen? Aber das ist wirklich nicht gut“, meinte die besorgte Mutter.

Tamara lachte hellauf. „Du liebe Güte, immer noch der Angsthase? Was soll mir denn passieren? Ich sitze doch im Auto, und dort kann mir wirklich nichts geschehen. Es wäre etwas anderes, wenn ich um diese Zeit mit dem Fahrrad fahren müsste, aber das brauche ich ja Gott sei Dank nicht.“

„Komm mit ins Haus. Hast du schon gegessen?“

„Nein, ich habe einen Riesenhunger“, lachte das Mädchen.

Die Mutter seufzte. Tamara war das Küken der Familie. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie jetzt erwachsen war und sehr wohl für sich allein sorgen konnte. Lieber hätte sie es gesehen, wenn sie brav zu Hause geblieben wäre. Früher hatten das alle junge Mädchen getan. Aber mit diesem Einwand durfte man heute der Jugend nicht mehr kommen. Entweder wurde man ausgelacht, oder es wurde einem gesagt, die Zeit würde nun mal nicht Stillstehen. Gewiss, das verstand sie auch. Aber warum war eigentlich alles, was man früher getan hatte, jetzt so unmöglich?

Die Mutter war in die Küche gegangen. Da sie wusste, dass die Tochter heute kommen wollte, hatte sie den Abendbrottisch besonders reichlich gedeckt.

Tamara sagte: „Das soll ich doch nicht etwa alles aufessen? Dann platze ich ja.“

„In der Stadt isst du bestimmt nicht regelmäßig. Du bist viel zu dünn. Iss nur tüchtig.“

„Und dann passen mir die Kleider nicht mehr und ich muss mir neue kaufen“, entgegnete sie lächelnd.

„Spotte nur“, sagte der Vater.

Tamara setzte sich auf die Eckbank, und die Mutter legte ihr vor.

„Was machst du denn alle Tage?“

„Och, so allerhand. Zuerst einmal muss ich mir meinen Lohn verdienen. Damit geht schon eine Menge Zeit drauf. Ja, dann muss ich einkaufen und meine Bude in Ordnung halten. Und natürlich muss ich mich mit Jürgen treffen. Übrigens, wir sind jetzt auf Wohnungssuche.“

Die Mutter blickte sie erschrocken an.

„Was? Jetzt schon? Aber ich denke, ihr wollt erst im Frühling heiraten!“

„Wollen wir ja auch, Muschi, aber glaubst du, in der Stadt fallen dir die Wohnungen so einfach in den Schoß? Nee, das ist eine ganz verzwickte Sache. Wenn wir eine gefunden haben, wird Jürgen sie schon bewohnen. Und immer wenn wir Geld zusammengespart haben, richten wir ein Zimmer ein. Die Preise klettern ja bald jeden Tag. Es lohnt sich heute doch nicht mehr, das Geld auf die Kasse zu bringen.“

„Du bist wirklich ein kluges Kind“, lobte der Vater. „Hätte ich von dir Sausewind gar nicht angenommen, dass du auch mal praktisch denken kannst. Oder hat Jürgen dir das gesagt?“

„Nein, die Idee ist wirklich von mir. Jürgen sträubt sich noch dagegen. Aber es hilft ihm nichts“, sagte Tamara fröhlich.

„Du willst ihn also tatsächlich heiraten?“, fragte die Mutter leise.

„Ja, das habe ich vor.“

„Ich weiß nicht“, meinte der Vater. „Hast du dir das auch gründlich überlegt? Jürgen Adams ist so anders. Ich kenne ihn ja nur wenig, aber ich weiß, dass er ein ernster Mann ist, und du bist so heiter und lustig. Bedenke, Tamara, einen Menschen muss man so nehmen, wie er ist, man kann ihn nicht umerziehen, hörst du!“

„Aber das will ich ja gar nicht“, lachte sie.

„Und es stört dich wirklich nicht?“

„Vater, Gegensätze ziehen sich nun mal an. Nee, das ist schon in Ordnung. Jürgen bremst immer ein bisschen, wenn ich zu übermütig werde. Ich liebe ihn, und wir verstehen uns wunderbar.“

„Er ist schon siebenundzwanzig, und du bist erst neunzehn. Ein großer Unterschied.“

„Vater, bitte, ich bin nicht gekommen, um mich über Jürgen zu unterhalten. Ich freue mich, dass ich hier bin. Nun erzählt doch mal, was ihr die ganze Zeit getrieben habt.“

„Wir? Bei uns passiert doch nichts!“

„Ich glaube, in hundert Jahren wird das Dorf immer noch so aussehen. Hier verändert sich kaum etwas.“

„Wo überall die Welt verändert wird, ist es gut, dass so manches Fleckchen ursprünglich erhalten bleibt“, mahnte der Vater.

Tamara räumte mit der Mutter den Tisch ab. Dann setzten sie sich ins Wohnzimmer. Die Mutter strickte ihr einen Pullover. Tamara fand ihn sehr schick.

Und so verging die Zeit mit Reden. Es war schon weit nach zweiundzwanzig Uhr, als Tamara auf die Uhr blickte und aufsprang.

„Jetzt muss ich aber wirklich abdampfen, sonst bin ich morgen nicht ausgeschlafen. Und mein Chef kann ganz schön fuchsig sein.“

„Warum schläfst du nicht hier?“

„Und morgen muss ich ganz früh aus den Federn? Nee, das ist nicht mein Fall, Muschi. Kennst mich doch. Morgens ist jede Sekunde kostbar im Bett.“ Sie schlüpfte in die Jacke und nahm die Tasche.

Fiffi stand im Schatten unter den Bäumen. Tamara schloss die Tür auf und kletterte in das kleine Auto.

„Nächste Woche komme ich wieder, ja?“

„Ruf an, ob du gut angekommen bist“, mahnte die besorgte Mütter.

„Ja, werde ich machen“, sagte sie geduldig.

Noch einmal winkte sie, dann bog sie um die Ecke, und die Nacht hatte das Gefährt verschluckt.

Das junge Mädchen dachte: Die tun immer so, als würde ich nach Alaska reisen, und nicht bis zur nächsten Stadt. Ob ich auch mal so werde, wenn ich alt bin und Kinder habe? Komisch, Jürgen als Vater, das habe ich mir noch gar nicht so richtig vorgestellt. Ich muss ihn doch wirklich morgen fragen, wie viel Kinder er überhaupt haben will. Ich möchte gern sofort eins, dann ist man später der Kumpel der Kinder. Muss richtig amüsant sein.

Wie ein schmales Band zog sich die Landstraße zwischen Wiesen und Feldern und einem kleinen Wald hin. Die Landschaft schien wie ausgestorben.

Wenn Tamara hier herfuhr, dann stellte sie sich immer vor, sie befände sich auf dem Mond und sei auf einer Expedition.

Natürlich wusste sie, dass es ringsherum Höfe gab. Aber diese lagen sehr weit auseinander und waren in der Dunkelheit nur auszumachen, wenn irgendwo in den Stuben Licht brannte.

Als Kind war sie mit ihren Brüdern hier herumgelaufen, und es war eine herrliche Zeit gewesen. Besonders die Birkenstraße, wie sie dieses Stück Landstraße getauft hatte, gefiel ihr gut. Im Frühling war es einfach zauberhaft hier.

Buck ruck ruuuuuuuck, machte Fiffi, hoppelte wie ein träger Hase weiter, machte einen kleinen Hüpfer, als müsse er über eine Stufe springen, und blieb dann stehen.

„Nanu“, sagte Tamara und erwachte aus ihren Träumen. „He, Fiffi, das kannst du mir nicht antun. Wirklich, wo ich dich so pflege und du so gefräßig bist. Alle Tage kriegst du feines Benzin. Also noch ein Viertelstündchen, und wir sind zu Hause, dann kannst du vor dich hinträumen, hörst du!“

Aber so sehr sie auch auf das Gaspedal drückte, das Auto spielte mal wieder „störrischer Esel“. Wütend kletterte sie heraus. Sie verstand von Autos gar nichts, nur, wie man sie anlassen musste und wie man dann fuhr, aber vom Innenleben? Nein! So brauchte sie auch gar nicht unter der Haube nachzusehen. Der Motor war für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Tamara blickte auf ihre kleine Armbanduhr. Himmel, Jürgen würde schön fluchen, wenn er sie jetzt abschleppen musste. Mittlerweile ging es schon auf dreiundzwanzig Uhr zu.

Tamara stand auf der stillen Landstraße und überlegte. Welcher Weg war kürzer? Der ins Dorf oder zum nächsten Bauernhaus? Ganz unten an der Landstraße befand sich ein Gasthaus. Das hatte bestimmt noch auf. Aber so weit wollte sie nun doch nicht laufen. Irgendwo war bestimmt noch jemand auf. Sie musste nur nach einem Licht Ausschau halten.

Angst kannte sie nicht. Auch nicht, als sie daran dachte, dass Sie durch den Wald gehen musste. Jetzt war sie zuerst einmal wütend auf sich selbst. Sie hatte von Fiffis Gemeinheiten gewusst. Warum war sie nicht die Bundesstraße gefahren? Da wäre jetzt schon längst jemand vorbeigekommen. Aber hier konnte man stehen und schwarz werden, bis sich um diese Zeit ein Auto zeigte.

Resolut klappte sie die Tür zu und schloss ab.

„Ich werde nie mehr ein Wort mit dir reden“, schimpfte sie wütend.

Dann stapfte sie los. Jetzt merkte sie auch, dass der Wind beträchtlich zugenommen hatte. Und als sie zum Himmel emporblickte, sah sie die düsteren Wolken. O je, wenn sie Pech hatte, kam sie noch in ein Unwetter.

Sie überlegte scharf. Wo lag hier ein Hof? So ungefähr glaubte sie die Richtung zu kennen. Hinter dem Wald musste das sein. Also, dann nichts wie los!

Tamara war noch nicht sehr lange gegangen, als sie tatsächlich ein ganz schwaches Licht bemerkte. Sie blieb stehen. Aber es kam aus einer ganz anderen Richtung, aus dem Innern des Waldes, nicht vom Ende. Ob da einer ein Haus gebaut hatte? Heute wurden ja überall neue Häuser erstellt.

„Ist mir schnurz“, sagte sie laut. „Hauptsache, sie haben ein Telefon.“

Und sie ging weiter. Der Weg wurde immer schmaler und war bewachsen. In der Ferne sah sie dann Umrisse, die wie ein Haus aussahen. Verdutzt blieb sie stehen. Verflixt, war das nicht die Jagdhütte des verrückten Baron?

Ob er wirklich verrückt war, wusste sie nicht zu sagen. Doch weil er so seltsam war, das hieß, anders als die Dorfbewohner, wurde er dafür gehalten. Die Ländereien und das halbe Dorf hatten einmal seiner Familie gehört. Aber dann war der Krieg gekommen, und um zu retten, was noch, vorhanden war, hatte er sich auf gewagte Spekulationen eingelassen. Dadurch verlor er dann den Rest. Tamara dachte, während sie jetzt durch den Wald stapfte, dass sie unter diesen Umständen bestimmt auch sonderbar geworden wäre.

Der jetzige Eigentümer hatte ein Herz und hatte ihm erlaubt, im Wald eine kleine Jagdhütte zu errichten. Von dort aus beobachtete er oft mit dem Fernglas das Wild. Das junge Mädchen dachte nach. Der Baron musste doch bestimmt schon an die siebzig sein.

Einmal war sie mit einem ihrer Brüder in der kleinen Jagdhütte gewesen. Sie waren an einem Nachmittag um sie herumgestrichen, und Werner hatte unbedingt das Hirschgeweih über der Eingangstür stibitzen wollen. Dabei hatte der Baron sie überrascht. Zuerst wollten sie die Flucht ergreifen, aber dazu war es zu spät gewesen.

Aber statt der erwarteten Prügel hatte er sie mit in die Hütte genommen, ihnen Kaffee gekocht, was sie zu Hause nie vorgesetzt bekamen, denn sie waren ja noch Kinder gewesen. Er hatte sich freundlich mit ihnen unterhalten. Tamara war damals dreizehn Jahre alt gewesen. Und plötzlich hatte sie gespürt, dass der Mann sehr einsam war. Er tat ihr furchtbar leid. Und als sie dann gegangen waren, hatte sie sich fest vorgenommen, ihn öfter zu besuchen, doch hatte sie diesen Vorsatz bald wieder vergessen.

Tamara fragte sich, ob er sie wohl wiedererkennen würde. Inzwischen waren sechs Jahre vergangen. Aber dumm war es trotzdem, denn in der einfachen Hütte war ganz bestimmt kein Telefon. Doch vielleicht besaß der Baron ein Auto und konnte sie zur Gaststätte fahren. Zumindest konnte er ihr den Weg zum nächsten Bauernhof weisen.

Endlich stand sie vor dem kleinen Holzhaus. Mit Freude sah sie seitwärts ein Auto stehen. Sie wunderte sich einen Augenblick über die Größe. Sollte er wieder zu Geld gekommen sein, dass er sich jetzt einen Mercedes leisten konnte? Na ja, Hauptsache, er würde ihr helfen. Langsam spürte sie Müdigkeit in sich hochsteigen. Und sie dachte noch: Wenn Musch mich jetzt sehen könnte, sie würde entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ein junges Mädchen um Mitternacht allein im Wald.

Waren denn früher alle Menschen Angsthasen gewesen?

Sie wollte gerade die Klinke herunterdrücken, als sie einen unterdrückten Schrei hörte, und dann erklang so etwas wie ein Wimmern. Es lief ihr eiskalt den Bücken herunter. War das vielleicht ein Käuzchen? Man erzählte sich doch, dass sie mitunter wie kleine Kinder schreien konnten.

Aber dann hörte sie Wortfetzen.

„Nein, nein, bitte nein, o nein ...“ Und wieder das verzweifelte Schluchzen.

Es kam aus der Holzhütte.

Tamara bekam eine Gänsehaut. Sollte sie fortlaufen? Aber vielleicht brauchte jemand ihre Hilfe? Vorsichtig schlich sie zum Fenster der kleinen Hütte. Man hatte zwar die Fensterläden davorgelegt, aber sie waren schon alt und morsch, und darum hatte sie auch das Licht sehen können. In der rechten Ecke war ein ziemlich großes Loch. Sie presste ihr Gesicht dagegen.

Und was sie dann sah, ließ für einen Augenblick das Blut in ihren Adern gefrieren. Da stand ein junges Mädchen in der Hütte, und zwei Männer schlugen auf sie ein. Sie taumelte hin und her, und wenn sie zu Boden gehen wollte, wurde sie wieder hochgerissen.

Sie kannte die beiden nicht. Es waren junge Männer. Nun hatten sie das Mädchen wieder hochgerissen. Es stand mit weit aufgerissenen Augen an der Hüttenwand und wimmerte: „Schlagt mich nicht tot, bitte, schlagt mich nicht tot.“

Geschah hier vielleicht ein Verbrechen? Man las ja immer so viel in den Zeitungen. Tamara war wie gelähmt und konnte sich für Sekunden nicht bewegen.

Und dann brach ein dicker Ast unter ihren Füßen, und er schlug gegen die Hüttenwand. Die Männer drehten sich um und sahen das Gesicht am Fenster.

Tamara wusste, sie musste sofort verschwinden, sie befand sich in Lebensgefahr. Und sie stolperte vorwärts und wollte sich im Unterholz verkriechen. Doch ihre Jacke verfing sich im Gestrüpp. In diesem Augenblick wurde die Hüttentür auf gestoßen, und einer der Männer stürzte heraus.

Tamara hatte sich befreit und rannte weiter. Die Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Ihre Lungenflügel waren zum Bersten mit Luft gefüllt. Um Gottes willen, sie musste sich irgendwo verstecken. Der Kerl folgte ihr durch den Wald. Und jetzt benutzte er auch noch eine Taschenlampe.

„Stehen bleiben, oder ich schieße.“

Aber Tamara rannte weiter. Doch dann war er wie ein Schatten über ihr und riss sie zu Boden. Ihr Gesicht wühlte sich tief in den weichen Waldboden. Ihr Mund war voller Nadeln und Erde.

„Du verfluchte Schlange“, zischte er und schlug ihr mitten ins Gesicht.

Der Schlag brannte fürchterlich.

„Und wenn du nur einen Ton von dir gibst, bist du eine Leiche, hast du verstanden?“

Sie zitterte an allen Gliedern. Nein, dachte sie entsetzt, das träume ich alles nur, das ist nicht wahr.

Und dann hörten sie ein seltsames Geräusch. Regen fiel auf die Blätter, immer schneller, der Wind wurde zum Sturm, und bald peitschte der Regen durch den Wald.

Der Mann riss Tamara hoch und schleppte sie zur Hütte zurück. Sie wehrte sich wie eine Tigerin, kratzte, biss und stieß mit den Beinen um sich. Doch er war stärker.

Krachend fiel die Tür wieder zu. Tamara atmete schwer.

Die beiden Männer ließen für einen Augenblick von dem anderen Mädchen ab und wandten sich Tamara zu. Diese starrte sie wie eine Erscheinung an. Dann verließen sie die Kräfte, und sie rutschte zu Boden und wimmerte vor sich hin.

 

 

3

Ich träume, ich liege im Bett und habe einen schlimmen Traum. Gleich werde ich wach und lache über meine Ängste. Verzweifelt redete sie es sich ein, nicht wirklich in dieser Situation zu stecken.

„Du verdammtes Aas, was willst du hier?“

Tamara keuchte. Einer der Männer hielt ihren rechten Arm umfasst. Es tat höllisch weh.

„Lass mich los“, schrie sie ihn an.

„Du sollst meine Frage beantworten, du Biest“, befahl er böse. „Hier reden wir, und du hast zu gehorchen.“

Tamaras Blick irrte durch die Hütte. Und dann sah sie auf dem Tisch kleine Päckchen liegen. Eines war geöffnet, und so etwas wie Puderzucker lag auf einem Leinentüchlein.

War sie hier in eine Räuberhöhle geraten? Wenn sie sich nicht täuschte, war das da auf dem Tisch Rauschgift. Du meine Güte, das musste ja ein Vermögen darstellen. In den Zeitungen stand ja oft genug geschrieben, wie viel nur ein paar Gramm kosteten.

Langsam glitt ihr Blick zu dem Mädchen, und dann wieder zu den beiden jungen Männern.

„Was hast du hier gesucht? Los, antworte endlich, oder ich breche dir sämtliche Rippen.“

„Ich ... ich dachte, der Baron wäre hier. Er sollte mich zur Gaststätte fahren.“

Sie lachten auf. „Auf den kannst du lange warten. Der ist seit Monaten schon krank, und er weiß gar nicht, dass wir seine Hütte benutzen.“

„Nein?“, stammelte sie.

„Sie ist ein prima Fleckchen, ganz einsam, und keiner kommt hierher. Und bei diesem Sauwetter schon gar nicht. Und jetzt sollen wir dir glauben, dass du den Baron suchst. Sag mal, du hältst uns wohl wirklich für sehr blöde, was?“

„Ich habe das Licht gesehen und bin ihm nachgegangen“, stammelte sie.

„Verdammter Bastard“, keuchte der eine. „Roger, ich habe dir doch gesagt, sieh nach, ob nichts nach draußen schimmert.“

Roger wurde blass und ging zum Fenster. Hastig warf er eine alte Decke über die hölzerne Gardinenstange.

„So recht, Guy?“

Dieser sah ihn wütend an. „Wenn ich mich nicht um alles kümmere, geht es schief. Ich werde es dem Boss sagen.“

„Tu’s nicht“, jammerte Roger. „Ich habe schließlich die Kleine nicht entwischen lassen.“

„Dein Glück“, sagte Guy.

„Warum hast du den Baron gesucht?“

„M...m...m...mein Auto“, stotterte sie. „Es läuft nicht mehr, und ich wollte Hilfe holen.“

„Wo steht es?“

„Unten auf der Straße. Ein kleiner Fiat. Wirklich, Sie müssen mir glauben.“

„So, müssen wir?“, höhnte er.

„Kann ich jetzt gehen?“

„Wohin? Vielleicht zu den Bullen?“ „N...n...nein, bestimmt nicht.“

„Los, Roger, sieh nach, ob die Kleine die Wahrheit gesagt hat. Und wenn ja, dann bringst du den Wagen hierher, hast du mich verstanden?“

„Aber Guy, wie kann ich das denn, wenn er kaputt ist? Und bei dem Wetter! Hör mal, wie das gießt.“

„Verfluchtes Aas, hast du denn nur Stroh in deinem Schädel? Der Wagen muss von der Bildfläche verschwinden, und zwar, bevor ihn einer findet.“

„Und wie?“

Guy nagte an der Unterlippe. Verdammter Mist, dachte er. Nun hatten wir schon Ärger mit einem Weibsstück, jetzt muss auch noch eine Fremde auftauchen und uns alles vermasseln.

„Musst schon mitkommen, Guy, ehrlich. Allein schaffe ich das nicht.“

„Warte, wir müssen erst Vorsorge treffen, dass die beiden uns nicht durch die Lappen gehen.“

„Warum lassen Sie mich denn nicht gehen?“, schrie Tamara. „Ich habe doch nichts getan. Sie müssen mich gehen lassen. Man erwartet mich doch. Ich muss doch morgen wieder zur Arbeit.“

„Halt deine Klappe! Wenn ich etwas nicht vertragen kann, dann ein flennendes Weibsstück.“

Er kam auf sie zu. Tamara wich entsetzt zurück. Sie sah seine grausamen Augen und wusste, dass sie von ihm keine Gnade erwarten konnte. Oh, in diesen Sekunden bereute sie bitter, dass sie ihr Auto nicht in die Werkstatt gebracht hatte.

Was hatten sie vor? Wollte man sie umbringen?

Guy dachte einen Augenblick daran, aber dann kroch sein Blick über das Mädchen. Teufel, Teufel, die sah verdammt gut aus. Vielleicht konnte er noch Kapital aus ihr schlagen?

Dann fiel sein Blick auf die alte Gardinenschnur. Er schnitt sie ab und drehte sich damit um. In Tamaras Blick lag nackte Angst.

„Los, Roger, halt sie zusammen.“

Dieser riss Tamara und das andere Mädchen an sich und stellte sie Rücken an Rücken. Schnell waren sie wie ein Paket verschnürt. Achtlos wurden sie zu Boden geworfen. Tamara stöhnte, die andere biss die Zähne zusammen.

„Wir sind gleich wieder zurück. Und wehe euch, wenn ihr etwas angestellt habt. Dann geht es euch dreckig.“

Sie schlugen die Jackenkragen hoch und verließen die Hütte. In Tamara stieg ein Schluchzen hoch. Die andere hinter ihrem Rücken zerrte und riss an den Fesseln.

„Verflucht noch mal“, keuchte sie. „Willst du denn überhaupt nicht mithelfen?“

„Sie wollen sich wirklich befreien?“, stammelte Tamara. „Aber sie haben doch gesagt ...“

„Na, du bist gut. Glaubst du, wenn sie zurückkommen, und wir sind noch da, fallen sie uns verzückt um den Hals? Sag mal, ich kapiere das überhaupt nicht. Wieso bist du hier? Das war doch alles Lüge, nicht wahr? Zuerst dachte ich, du wärst meinetwegen gekommen, aber ich kenne dich nicht. Hab dich nie gesehen. Wo hast du gestanden?“

„Gestanden?“, echote sie. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Bist du vielleicht kein Trittvögelchen?“

Tamara wurde es ganz schwindlig.

„Verstehste das auch nicht? Mensch, kann man wirklich so blöd sein? Bordsteinschwalbe, Autobahnschickse, Erobiene, na, merkste jetzt, was ich meine?“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie eine ...?“

Das Mädchen an ihrem Rücken lachte verächtlich. „Jetzt geht dir also ein Licht auf. Ja, ich bin ’ne Hure. Da lachste dich krank, was? Aber wenn du keine bist, dann wirst du bald eine sein.“

„O nein“, flehte Tamara. „Ich bin verlobt. Wir wollen bald heiraten. Niemals könnte ich so etwas tun. Das ist ja schrecklich.“

Die andere schwieg einen Augenblick.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Tamara Imker“, flüsterte sie.

„Ich heiße Annegret Clausen. Weißte, Tamara, ich will dir einen Rat geben. Tu, was sie sagen, sonst musst du durch die Hölle. Ich kenne sie. Es sind Schweinehunde. Mich haben sie auch dazu gezwungen, schon vor längerer Zeit. Siehst mich ja hier. Ich wollte fliehen, abhauen, weil mir das Leben da zum Hals raushing. Aber sie haben mich geschnappt und hierhergebracht. Und ich glaube, wenn du nicht dazwischen gekommen wärst, hätten sie mich schon kaltgemacht.“

„Wer sind die beiden?“, flüsterte Tamara.

„Zuhälter. Guy ist der gemeinere von beiden. Roger geht noch. Aber er steht unter dem Pantoffel des anderen und tut alles, was er sagt. Also kannst du auch keine Gnade von ihm erwarten.“

„Das dürfen sie doch nicht tun, das können sie doch nicht“, stammelte Tamara. „Ich habe doch nichts getan. Man wird mich überall suchen. Jürgen wird zur Polizei gehen.“

Die Dirne sagte: „Entweder sie nehmen dich mit oder machen dich hier kalt. Glaubst du wirklich, die lassen dich jetzt noch laufen? Jetzt, wo du so viel weißt? Da, sieh dir das Rauschgift auf dem Tisch an, und dann mich. Nee, die können dich gar nicht mehr laufen lassen. Selbst ich sehe das ein. Ja ja, wieso musst du auch so spät noch allein durch den Wald latschen?“

Und das arme Mädchen dachte: So hatte die Mutter doch recht, es hatte mit Feigheit und Angst nichts zu tun. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Wild bäumte sie sich auf. Schon längst hätte sie die Mutter angerufen, das heißt, wenn alles normal verlaufen wäre.

Und wenn die Mutter, nun Angst bekam und schon jetzt zur Polizei ging? Jetzt sofort? Oder vielleicht war sie schon gegangen. Die Polizei würde dann die Strecke abfahren, und dann ...

Ein Schwächeanfall überkam sie. Draußen regnete es noch immer in Strömen. Und die Gangster waren dabei, ihren Wagen zu verstecken. Sie war kein Kind mehr, sie war volljährig. Nein, man würde diese Nacht keine große Suchaktion starten.

Verzweifelt dachte sie darüber nach, weshalb die Halunken diese einsame Hütte ausgesucht hatten, und wieso sie so viel von dem verrückten Baron wussten. Da fiel ihr ein, dass dieser Baron einen Sohn hatte. Richtig, man hatte ihn nie zu Gesicht bekommen. Ob Guy oder Roger dieser Sohn war? Aber was hatte sie davon, wenn sie das wusste? Nichts. Es würde ihr nicht weiterhelfen.

Die Dirne versuchte noch immer verzweifelt, sich von den Fesseln zu befreien. Tamara fühlte, wie sie sich tief in ihr Fleisch gruben. Sie biss die Zähne zusammen. Wenn ich wüsste, dass man mich auch zu töten beabsichtigt, dann würde ich auch alles daransetzen, um fortzulaufen, dachte sie.

Was hatte die Dirne gesagt? Entweder töten sie dich, oder du wirst eine Hure! Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Beides war gleich schlimm. Töten ... wenn sie das wirklich wollten, hätten sie es schon getan, grübelte Tamara.

Eine Dirne? Sie schauderte zusammen. Sie war mit einer Dirne zusammen gefesselt.

Heiß liefen die Tränen über ihr Gesicht. Plötzlich musste sie an Willy und sein kleines Café denken. Die heile Welt. Sie hatten geschäkert und gelacht. Und jetzt?

Die beiden unglücklichen Menschen wussten nicht wie lange sie allein gewesen waren. Annegret hatte den Versuch, sich aus den Fesseln zu befreien, aufgegeben. Ihre ganze Gier galt jetzt einer Zigarette. Sie dachte darüber nach, was jetzt wohl die anderen machten. Die standen treu und brav und brachten am Morgen das sauer verdiente Geld den Zuhältern. Wenn sich alle auf einmal auflehnen würden, dachte sie bitter, dann wären wir stark. Dann hätten sie keine Macht mehr über uns. Wie oft habe ich es ihnen gesagt, immer wieder. Kommt, macht doch mit. Dies ist doch ein Hundeleben. Ihr jammert und beklagt euch ständig, aber ihr tut nichts. Warum nicht?

Weil wir Angst haben, hatten sie geantwortet. Du kennst sie noch nicht. Sie können warten, manchmal sogar sehr lange, und dann schlagen sie zu, grausam, brutal, gemein, dann sind das nur noch Tiere. Nein, wir sind machtlos.

Und so war sie dann allein fortgegangen. Als sie geglaubt hatte, in Sicherheit zu sein — nein, sie hatte nicht vorgehabt, zur Polizei zu gehen — da war Roger aufgetaucht. So plötzlich, so schnell, sie hatte nichts machen können.

Verfluchte Bande, warum hab ich mir keinen Schießprügel besorgt? Ich hätte sie beide über den Haufen geschossen. Im Zuchthaus zu leben kann nicht schlimmer sein, als gezwungen zu werden, das Leben einer Hure zu führen. Und jetzt haben sie schon wieder ein neues Opfer. Armes Luder, bald wird sie sich nur noch den Tod wünschen.

Die Tür wurde aufgerissen, und die beiden Männer betraten den Raum. Sie schüttelten den Regen von ihren Jacken. Die Haare klebten am Kopf.

„Verfluchte Arbeit war das“, keuchte Roger und betrachtete seine Schuhe, die völlig durchnässt waren.

Tamara blickte zu ihnen empor. Guy grinste sie böse an.

„Was habt ihr getan?“

„Wir haben deine Karre baden geschickt“, kicherte Roger.

„Ihr habt ihn in den toten Arm gestoßen?“, keuchte sie.

„Ganz recht“, sagte Guy.

Nur Eingeweihte wussten, dass nicht weit von der Landstraße ein toter Arm eines uralten Kanals lag. Und dort hinein hatte man Fiffi gestoßen. So schnell würde man ihn nicht finden. Heiß quoll es in ihr hoch. Das war zu viel für sie. Wie lange hatte sie gespart, um sich das Autochen kaufen zu können. Wie heiß geliebt hatte sie es. Die andern hatten sich schon lustig darüber gemacht und gesagt, sie würde Fiffi wie einen guten Freund behandeln. Er war ihr guter Freund gewesen. Und jetzt ...

Sie neigte den Kopf. Die beiden Männer sollten die Tränen nicht sehen.

„Boss, es wird Zeit, dass wir abdampfen. Man kann nie wissen.“

Guy sagte: „Das Wetter kommt uns sehr gelegen. Wenn wir über die Grenze fahren, sind die Zöllner zu faul, in den Regen zu gehen, und wir haben leichtes Spiel.“

„Grenze?“, fragte Annegret.

„Ich habe es mir anders überlegt“, sagte Guy. „Bevor ich dich abmurkse, presse ich dich noch wie eine Zitrone aus. Ich werde dich verkaufen. Du wirst im Hafen von Amsterdam deine Arbeit tun.“

„Nein“, sagte sie, sie schrie es fast. „Bring mich lieber um, dort will ich nicht hin.“

„Wohin du gehst, bestimme ich. So, Roger, pack die Sachen zusammen, lass nichts zurück. Ich lasse die Mühle schon mal an.“

Tamara dachte an all die vielen Kriminalfilme im Fernsehen. Sie wusste, sie würde eine winzige Chance haben, wenn sie eine Spur hinterließ. Irgendeine.

Roger packte das Rauschgift zusammen, verstaute es in einer Tasche und sah sich noch einmal gründlich um. In der Hütte war nichts zurückgeblieben. Dann wandte er sich an die beiden Mädchen.

„Los, steht auf. Meint ihr, ich bücke mich noch?“

Es war nicht so einfach. Aber dann standen sie, und Roger schnitt die Fesseln durch. Sorgsam nahm er die Schnur und steckte sie in die Hosentasche.

Dann schrie er: „Guy, ich schicke die Erste. Pass auf, dass sie nicht abhaut.“

Er gab der Dirne einen gewaltigen Stoß. Sie stürzte gegen die Tür. Bevor sie noch zur Besinnung kam, hatte Guy sie schon gepackt und in den Mercedes geworfen.

„Los, jetzt du“, sagte Roger und drehte das Licht aus.

Tamara streifte blitzschnell einen Schuh ab und ging mit. Als sie im Auto saß, warf Roger ihn ihr zu. „Glaubst du, wir sind so doof? Nee, da musste schon früher aufstehen.“

„Was gibt es“? wollte Guy wissen.

„Die Schlampe wollte eine Spur zurücklassen.“

„Du bist ja gar nicht so schlecht, wie ich dachte“, gab dieser zurück.

Roger fühlte sich geschmeichelt.

„Sag es dem Boss“, forderte er.

„Pass lieber auf, dass die beiden keinen Ärger machen.“

„Mach ich, ich habe meinen Schießprügel in der Hand. Wenn die sich mucksen, schieße ich sie über den Haufen.“

Tamara fühlte sich hilflos. Das kann er doch nicht tun, dachte sie verzweifelt. Sie suchte Trost bei der Dirne, sie war doch auch ein Mädchen und in der gleichen Lage wie sie. Aber die Dirne war genauso geschockt. Nicht darüber, dass man sie töten wollte, wenn sie sich rührte, sondern weil sie im Hafen stehen sollte. Das war der gemeinste und brutalste Strich, den es gab. Dort stand auch nur der Abschaum der Mädchen. Ein, zwei Jahre, und man würde sie nicht mehr wiedererkennen, eine alte Frau würde sie sein. Und dabei war sie doch erst achtzehn.

Als sie die Stadt erreichten, bäumte sich Tamaras Herz auf. Jetzt war sie Jürgen so nahe. Nur ein paar Straßen weiter wohnte er. Spürte er denn nicht, dass sie in großer Gefahr war? Ach, wenn sie doch hinausspringen könnte. Aber sie würde es nicht schaffen, denn Roger passte höllisch auf.

Im Schein der Straßenlaterne sah sie die Pistole aufblitzen. Jetzt war fast gar kein Verkehr, und die meisten Ampeln waren ausgeschaltet. Guy fuhr aber trotzdem genau nach Vorschrift. Schon manches Verbrechen war deshalb sehr schnell aufgedeckt worden, weil ein Verkehrspolizist den Wagen gestoppt hatte.

Dann verließen sie die Stadt und fuhren mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn weiter. Und an den Schildern erkannte Tamara, dass sie wirklich nach Holland fuhren. Sie waren höchstens eine Stunde von der Grenze entfernt. Tamara war schon oft in Holland gewesen. Ein hübsches und friedliches Land. Die Leute würden ihr helfen. Wenn nicht hier, so musste sie dort einen günstigen Augenblick abpassen und dann entwischen.

Die Dirne war ganz in sich zusammengesunken. Mit geschlossenen Augen lehnte sie in ihrer Ecke. Tamara hätte gern mehr gewusst. Sie hatte Mitleid mit dem Mädchen. Hatte sie nicht gesagt, man hätte sie dazu gezwungen? Aber sie würde es nicht tun, nie im Leben. Wenn man versuchen würde, sie auf die Straße zu schicken, würde sie fliehen. Ein kalter Schauer des Entsetzens rann über ihren Rücken, wenn sie nur daran dachte, ihren Körper preiszugeben. Sie hatte sich noch nicht einmal Jürgen hingegeben. Er verstand sie und wollte warten. Wenn auch alle sagten, sie sei prüde und altjungfernhaft, so hatte sie es doch nicht über sich gebracht. Man konnte sich nur einmal verschenken, und sie wollte es nur, wenn sie wirklich Mann und Frau waren. Nach einem kurzen Augenblick wäre der Rausch verflogen, und sie würde sich schämen und darunter leiden. Nein, sie hatte es nicht gekonnt. Und jetzt sollte sie es tun? O nein, niemals. Lieber würde sie sterben.

Details

Seiten
115
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938432
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538468
Schlagworte
redlight street tamara gastgeschenk skou

Autor

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Titel: Redlight Street #135: Tamara, ein Gastgeschenk für Skou