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Der König von Sonora

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der König von Sonora

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Der König von Sonora

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Edward Martin, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Ramon Saranto herrscht über das Gebiet zwischen dem Norden Mexikos und Arizona wie ein absolutistischer Herrscher. Seinem Willen hat jeder zu gehorchen; und wer sich ihm nicht fügt, bezahlt mit dem Leben. Doch El Toro, Sarantos einziger Widersacher und mindestens ebenso skrupellos und brutal wie der „König von Sonora“, hat Elena Gomez entführt. Saranto möchte seine Braut um jeden Preis wiederhaben und setzt Jim Malone, einen Revolverhelden und Kartenhai, der ihm einen Gefallen schuldet, auf El Toros Spur.

Malone befreit Elena aus der Gewalt ihrer Entführer, doch dann erfährt er die ganze Wahrheit um Saranto und beschließt, mit Elena zu fliehen. Die beiden haben nicht nur El Toro und seine Schergen auf den Fersen, der sich an Malone rächen will, sondern auch der „König von Sonora“ bietet seine ganze Macht auf, um Malone und Elena daran zu hindern, miteinander glücklich zu werden …

 

 

 

 

 

Roman:

Gewehrschlösser knackten. In der Senke war der Sand heiß wie frische Ofenasche.

Jim Malone lag noch am Tümpel, ausgelaugt von dem Zwanzig-Meilen-Marsch durch die flimmernde Wildnis. Mühsam hob er den Kopf. Wassertropfen perlten auf seinem unrasierten Gesicht.

Die blonden Haare waren verfilzt. Er sah die drei Männer jenseits der Wasserstelle wie durch einen Schleier.

„Das war’s, Malone“, rief Apache-Bill. „Außer der Tianja Blanca gibt’s keine Wasserstelle weit und breit. Steh auf und zieh! Wir machen keine Gefangenen, wenn’s auf dem Steckbrief tot oder lebendig heißt.“

Seit fünf Tagen ritten die Kopfgeldjäger auf Jims Fährte. Sie hatten ihn kreuz und quer

durch Arizona und den nördlichen Teil von Mexiko gehetzt. Vorige Nacht war’s fast so weit:

Sie hatten Jims Camp eingekreist, sein Pferd erschossen. Nur im Schutz der Dunkelheit war Jim ihnen nochmals entkommen. Sein einziger Besitz war seitdem der 44er-Colt, der im staubbedeckten Holster am Büffelledergurt steckte.

In Prescott gab’s nämlich einen Frachtunternehmer, der ein halbes Dutzend Zeugen bestochen und fünfhundert Dollar Belohnung auf Jims Skalp ausgesetzt hatte, nachdem er den Sohn dieses Mannes in Notwehr getötet hatte.

„Worauf wartest du, Malone? Willst du’s nicht wenigstens versuchen?“, höhnte Apache-Bill. Der stämmige Kopfgeldjäger trug speckig glänzende Ledertracht. Schmutzige Zotteln lugten unter seinem Stetson hervor. Ein dunkler Bart umrahmte das derbe Gesicht.

Rechts neben ihm lauerte John Finmore, hager, geiernasig, mit stechenden Augen und zwei Revolvern im Kreuzgurt.

Links verharrte Dan Coldfield, der Mulatte. Er trug als Kopfbedeckung ein rotes, nach Piratenart geschlungenes Tuch. Vom Gürtel hing ein breitklingiges Haumesser.

Die Kopfgeldjäger hatten beobachtet, dass Jim die letzten zehn Yards zur Wasserstelle auf dem Bauch gekrochen war. Sie trauten ihm nicht zu, dass er noch genug Energie besaß, sich aufzurichten.

Das versuchte Jim auch gar nicht. Statt dessen schnellte er nach links, prallte hart auf, stieß sich ab und rollte weiter.

Er wusste selbst nicht, wie der langläufige 44er so blitzschnell in seine Rechte kam. Es war der Reflex eines Mannes, dessen Leben aus einer Aneinanderreihung von Abenteuern und Kämpfen bestand.

Jenseits der Tinaja blitzte und krachte es. Wo Jim Malone zuletzt lag, spritzten Sandfontänen hoch. Sein Colt flammte, aber die Kugel verfehlte Apache-Bill. Im Weiterwirbeln drückte Jim erneut ab. Die Trommel klemmte, kein Schuss löste sich. Sand blockierte den Mechanismus.

Keuchend wälzte Jim sich hinter einen Felsbrocken. Sein Herz hämmerte. Er war halb taub vom Dröhnen der Schüsse.

Nun klappte er die Colttrommel ab. Schweiß lief ihm in die Augen. Seine Hände zitterten. Dann wurde ihm bewusst, dass die Waffen schwiegen.

Männer mit Gewehren und Revolvern tauchten zwischen den Felsen ringsum auf. Der Schatten breitkrempiger Stetsons und Sombreros lag auf ihren Gesichtern. Die meisten trugen Mexikanertracht, aber es waren auch Gringos darunter. Die Stahlläufe bedrohten Apache-Bill und seine Kumpane.

„Entwaffnet sie!“, befahl eine kalte Stimme hinter ihm. Die Gestalten an den Hängen bewegten sich. Steine rollten, Sporen klirrten. Irgendwo wieherten Pferde.

Apache-Bill fluchte, als die Fremden ihm Gewehr und Colt abnahmen.

„Ihr helft ’nem steckbrieflich gesuchten Mörder.“

„Über Recht und Gesetz in diesem Land bestimme ich auch, wann und wie jemand hingerichtet wird.“

Die Stimme hinter Jim klang näher. Hufe pochten.

„Mein Name ist Ramon Saranto. Man nennt mich El Rey, den König von Sonora.“

Die Kopfgeldjäger erstarrten. Auch Jim kannte den Namen. El Rey gehörte das Land am Rio Magdalena. Sein Domizil war eine Hazienda aus der Spanierzeit. Die gefährlichsten Revolverschwinger von Arizona und Nordmexiko standen auf seiner Lohnliste. Eine Hundertschaft von Vaqueros, Peones und Mozos arbeitete für ihn. Darüber hinaus kontrollierte Saranto mit seinen Pistoleros die gesamte Nordhälfte von Sonora, vom Rio de la Asuncion bis zu den Silberbergwerken in Nacozari.

Seine Statthalter, Spitzel und Anhänger waren übers ganze Land verstreut. Steuereintreiber, häufig von ihm selbst geführt, tauchten in regelmäßigen Abständen in den Städten und Dörfern, auf den Ranchos und Haziendas auf. Angeblich gab es einen Waffenstillstand zwischen ihm und dem Gouverneur, solange El Rey sich nicht mit den Rebellen in der Sierra Madre verbündete.

Jim drehte sich um. Glühende Augen musterten ihn.

Der Reiter war groß und schlank, sein schwarzer Charro-Anzug mit Silberfäden bestickt. An den Nähten glitzerten silberne Zierknöpfe. Der spitzkronige Sombrero hing an der Windschnur auf dem Rücken. Das Haar schimmerte blauschwarz. Ein schmales Oberlippenbärtchen zierte das Bronzegesicht. Die gepflegten Hände ruhten auf dem silberbeschlagenen Sattelhorn. Der Sattel war mexikanische Handarbeit und leicht zweihundert Dollar wert.

Sarantos schneeweißer Hengst mochte die fünffache Summe gekostet haben oder eine Ladung Blei.

Der Mexikaner gab sich lässig wie ein Mann, der seinen Anspruch auf Reichtum, Macht und Luxus für selbstverständlich hält.

„Wer bist du?“

„Jim Malone, Revolvermann und Spieler. Kein Mörder, wie’s auf dem Steckbrief heißt.“

„Er lügt!“, schrie Apache-Bill auf der anderen Seite der Senke. „Der verdammte Killer hat George Whitakers Sohn auf dem Gewissen. Whitaker ist der große Boss in Prescott. Er zahlt fünfhundert Dollar für Malones Skalp. Die Prämie gehört uns.“

„Ich hab’ was gegen die Art, wie ihr sie euch verdienen wollt.“

Saranto lächelte verächtlich. Dann heftete sein Blick sich wieder auf den am Boden Kauernden. „Der Steckbrief interessiert mich nicht, Malone. Doch ich möchte sehen, wie gut du mit dem Eisen umgehen kannst. Wenn du dir zutraust, es mit den drei Kerlen aufzunehmen, bekommst du ’ne Chance.“

Jim nickte bitter. „Alles, was ich dazu brauche, ist ein funktionierender Colt.“

 

*

 

Eine Stiefelspitze berührte Jim.

Er öffnete die Augen. Der Schatten eines Felsblocks lag auf ihm. Rhett Brooker, der Anführer von Sarantos Revolverschwingern, hielt ihm den 44er-Colt hin.

Es war Jims eigene Waffe. Sie war gereinigt, geölt und geladen.

„Ende der Rast. Du kannst’s dir noch überlegen, Malone. Vielleicht lässt El Rey dich trotzdem laufen.“

„Mit den Kopfgeldjägern auf der Fährte würde ich ohne Pferde keine Meile weit kommen.“

Brooker grinste. Er war ein sehniger, sichelbärtiger Mann mit kalten Augen.

„Du hast auch so keine Chance. Wir haben Wetten abgeschlossen. Ich hab’ zwanzig Dollar gesetzt gegen dich.“

„Die kannst du abschreiben.“

„Warten wir’s ab.“

Brooker spuckte aus. Es war eine Herausforderung, aber Jim reagierte nicht. Er drehte die Colttrommel. Sie surrte leise. Zufrieden holsterte er die Waffe und stand auf. Für einen Moment wurde ihm schwindlig. Er biss die Zähne zusammen. Nach einigen Kniebeugen ging’s ihm besser.

Apache-Bill, John Finmore und Dan Coldfield, die jenseits des Tümpels im Schatten saßen, belauerten ihn. Brooker nahm einem in der Nähe stehenden Mexikaner die Revolvergurte der Kopfgeldjäger ab. Sporenklirrend ging er um die Wasserstelle herum.

Die Senke glich einer staubigen, heißen Arena. Sarantos Revolverschwinger hatten sich an den Felshängen verteilt. Es waren zwanzig Mann, alle schwerbewaffnet. Einige trugen Patronengurte über den Oberkörpern. Sie hockten auf Felsklötzen und Steinterrassen wie Zuschauer auf einer Tribüne.

El Rey besaß eine Art Logenplatz unter einem überhängenden Felsen. Er ruhte in einem Klappsessel. Eine von Bambusstangen gehaltene Sonnenschutzplane wölbte sich über ihm. Die Füße lagen auf dem Rücken eines sich vor ihm buckelnden weißgekleideten Dieners. Ein anderer fächelte ihm frische Luft zu. Die Ringe an El Reys Händen glitzerten. Ein schwarzes Zigarillo steckte zwischen seinen Zähnen. Er wirkte gelangweilt.

Brooker warf den Kopfgeldjägern die Waffengurte zu. Im Nu waren sie auf den Beinen.

Jim spannte sich. Die Entfernung betrug zwanzig Yards, halbe Revolverschussweite.

„Der Kampf beginnt, wenn El Rey das Kommando gibt. Wer zuvor zum Revolver greift, wird erschossen. Malone, das gilt auch für dich!“

Jim blickte zum „Logenplatz“ des Mexikaners. Saranto thronte dort als Herr über Leben und Tod. Vielleicht war ihm das Ganze nur ein makabrer Zeitvertreib.

„He, warte!“, rief Apache-Bill, als auch Brooker die Senke verlassen wollte. „Welche Garantie haben wir, dass wir tatsächlich verschwinden können, wenn wir Malone erledigen?“

„El Reys Wort.“

Der Zottelhaarige wechselte mit seinen Kumpanen einen raschen Blick. Sie verharrten geduckt, hatten die Gurte inzwischen umgeschnallt. Die schweren Sechsschüsser hingen tief auf ihren Oberschenkeln.

„Malone ist so gut wie tot“, knurrte Apache-Bill. „Deinem Boss trau’ ich nicht, Brooker. Wir brauchen ein Faustpfand für unsere Sicherheit – dich.“

Brooker brachte seinen Colt noch halb aus dem Leder, da riss der Anführer der Kopfgeldjäger ihn herum. Sein linker Unterarm drückte auf Brookers Kehle. Gleichzeitig zog er.

„Legt ihn um!“, schrie er Finmore und Coldfield zu. Er meinte Jim.

Jim Malone ließ sich fallen. Ehe er den Boden berührte, lag der 44er in seiner Faust.

Finmores und Coldfields Waffen kamen hoch. Doch Jim konzentrierte sich auf Apache-Bill.

Mit der Linken umfasste er das rechte Handgelenk. Sein Schuss fiel mit dem Krachen von Apache-Bills Sechsschüsser zusammen. Jim spürte ein Brennen am linken Arm.

Der Kopfgeldjäger-Boss fiel. Jim sah das Loch in seiner Stirn, aus dem Blut spritzte. Jims Kugel war an Brookers Wange vorbeigepfiffen. Der Sichelbärtige warf sich nun ebenfalls zu Boden. Währenddessen verfehlten Finmores und Coldfields Schüsse Jim, denn er hatte sich längst abgerollt!

Sein Colt schmetterte.

Finmore warf die Arme hoch, drehte sich und fiel vornüber.

Die Kugel des Mulatten fauchte an Jims Schläfe vorbei. Schießend rannte Coldfield auf die Felsen zu.

Jim stützte sich auf ein Knie, zielte und traf ihn ins Bein.

Brüllend stürzte Coldfield in den Sand. Sein Revolver schlitterte davon. Keuchend wälzte er sich auf die Seite. Seine Rechte umschloss den Griff des Haumessers.

Da sprang Jim auf. Blut sickerte an seinem linken Arm herab, aber es war nur eine Streifwunde.

„Coldfield, gib auf!“

Furcht und Hass flackerten in den Augen des Kopfgeldjägers. Zögernd ließ er die Machete los. Aus den Augen winkeln sah Jim, dass Rhett Brooker sich mit dem Colt in der Rechten erhob. Die Waffe wies auf den Verwundeten. Brookers kantiges Gesicht verriet seine Wut.

„Brooker!“, schrie Jim. Doch sein Ruf versank im Dröhnen von Brookers Colt. Der Mulatte bäumte sich auf, als die Kugel in seine Brust hieb, schlug mit den Armen und rührte sich nicht mehr.

Sarantos Revolvermänner hasteten in die Senke. Ein Kolbenhieb prellte Jim die Waffe aus der Hand. Brooker wandte sich ihm mit verkniffener Miene zu. Sein Finger lag noch am Abzug. „Du verdammter Bastard hättest mich fast erwischt!“

„Kanone weg, Rhett!“, peitschte Sarantos Stimme. Er versetzte dem vor ihm kauernden Mozo einen Tritt, als dieser nicht schnell genug zur Seite kroch. Dann kam er federnd den Hang herab.

Schweigend holsterte Brooker den Revolver. Lärmend plünderten die Mexikaner die Taschen der Kopfgeldjäger. Zwei brachten die Pferde. Sarantos Wink verscheuchte die Männer, die Jim mit schussbereiten Karabinern bedrohten.

Ein trügerisches Lächeln umspielte El Reys Lippen, als er betont langsam Jims Colt aufhob und ihn zurückgab. Das Brennen in seinen dunklen Augen blieb.

Jim war ein verwegener Coltkämpfer und gewiefter Kartenspieler. Obwohl er sich innerlich dagegen wappnete, spürte er deutlich den Zwang, der von diesen Augen ausging.

„Ich wusste, dass du sie schaffen würdest, Malone. Bueno, ihre Pferde und Waffen gehören dir. Du kannst reiten. Bloß zuvor, Amigo, hab’ ich noch ’nen Job für dich.“

 

*

 

Der Mond versteckte sich hinter einer Wolkenbank. In der Ferne heulten Kojoten. Ein halbes Dutzend Feuer loderten an der Tinaja Bianca, El Reys Pistoleros rauchten, tranken, plauderten und würfelten. Zwei hielten Wache. Die Pferde standen im Seilkorral, auch die Tiere der Kopfgeldjäger.

Brookers Schatten fiel auf Jim. Die Flammen strahlten ihn von hinten an. Jim sah sein Gesicht nur als dunklen Fleck. Trotzdem spürte er die Feindseligkeit des sichelbärtigen Revolvermannes.

„El Rey will dich sprechen.“

Jim folgte ihm. Saranto hatte ein Feuer für sich. Er saß wieder im Klappstuhl. Gedankenverloren zeichnete er mit einem Stock Linien in den Sand. Sein Gesicht schimmerte kupferfarben. Kein Stäubchen lag auf seinem Charro-Anzug. Die beiden Mozos schürten abwechselnd das Feuer. Das Reisig wurde auf einem der Packpferde transportiert.

„Verschwindet!“, fuhr Brooker sie an.

Ängstlich huschten sie davon. Saranto schien Jim nicht zu bemerken. Das Stockende kratzte im Sand.

„Setz dich, Malone“, befahl Brooker.

Jim trug zwar den Colt, kam sich aber wie ein Gefangener vor. Er ließ sich auf einem Stein nieder.

Brooker blieb stehen. Beide warteten. Die Männer an den anderen Feuern sprachen unwillkürlich leiser.

Plötzlich warf El Rey den Stock ins Feuer und blickte Jim durchdringend an. „Ich muss dir nicht erklären, wer ich bin und wie weit meine Macht reicht. Wenn ich will, bring’ ich binnen vierundzwanzig Stunden zweihundert Bewaffnete in die Sättel. Nicht umsonst nennt man mich den König von Sonora.“

Er lehnte sich mit ausdrucksloser Miene zurück.

„Trotzdem gelang es einigen Banditos, meine Braut zu entführen, die einzige Frau, für die ich meine Männer in den Kampf schicken würde. In jeder Stadt und jedem Dorf zwischen Hermosillo und Nogales wartet eine hübsche Muchacha auf mich. Doch sie alle sind nur ein Zeitvertreib auf meinen langen Ritten. Keine ist so schön und begehrenswert wie Elena Gomez, die ich vor einem Jahr auf meine Hazienda holte. Keine Frau vor ihr erfuhr dieses Privileg. Ihre Entführer wollen sie töten, wenn ich sie zu befreien versuche. Meine Späher berichten, dass sie sich in Las Varas befinden. Sie haben sich in der Herberge verschanzt.“

„Was verlangen sie? Lösegeld?“

„Vielleicht. Doch ich vermute, dass es sich um El Toros Leute handelt und ihr Auftrag darin besteht, mich möglichst weit von der Hazienda fortzulocken.“

„Wer ist El Toro?“

„Der verruchteste Schurke in ganz Mexiko.“ El Reys Augen blitzten. Seine Faust wischte durch die Luft. Dann war er wieder der König, den zumindest äußerlich nichts aus dem Gleichgewicht bringen konnte. „Er befehligt eine Bande von Mördern, Totschlägern, Brandstiftern, Plünderern und Frauenschändern, die übelsten Halunken, die je Sonora unsicher machten. Er will mein Land, meine Hazienda, meine Macht, kurzum: Er will mich vernichten. Deshalb muss ich damit rechnen, dass Elenas Entführer ihre Drohung wahrmachen, wenn ich mit meinen Reitern in Las Varas auftauche. Dich aber kennen sie nicht, Malone. Außerdem hast du bewiesen, dass du mit mehr als einem Gegner zurechtkommst. Nun weißt du, weshalb ich dich mit den Kopfgeldjägern kämpfen ließ. Du kannst auch die Hundesöhne in Las Varas erledigen.“

„Hm.“ Jims Gedanken wirbelten. „Wie viele sind’s?“

„Vier. Meine Späher beobachten sie, seit sie das Tal des Rio Magdalena verließen. Es sind gefährliche Schießer. Und sie bewachen Elena wie einen kostbaren Schatz. Keiner meiner Pistoleros käme nahe genug an sie heran.“

„Ich trau’ Malone nicht“, mischte sich Brooker ein. „Er ist ein Kartenhai und Herumtreiber. Er könnte auf die Idee kommen, sich mit El Toro zu verbünden.“

„Irrtum, Rhett.“ Sarantos Mundwinkel deuteten ein Lächeln an. „Ich täusch’ mich selten in einem Mann. Wenn Malone den Job übernimmt, können wir uns auf ihn verlassen. Hab’ ich recht, Malone?“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Das wäre ein Fehler.“

„Ich verstehe. Was ist, wenn’s schiefgeht?“

Sarantos Miene vereiste. „Dann ist es besser, wenn du auch auf der Strecke bleibst, Malone. Auf keinen Fall darf Elena etwas zustoßen. Wenn eine Kugel sie trifft, bist du in jedem Fall ein toter Mann.“

„Du verstehst es großartig, mir den Job schmackhaft zu machen, Saranto.“

Jim grinste schwach.

Der schlanke Mexikaner beugte sich vor. Sein Blick bohrte sich in Jims Augen. „Meine Leute nennen mich El Rey.“

„Noch gehör’ ich nicht dazu. Wenn du mich fragst, Saranto: Es ist besser, du erkundest erst mal, was die Entführer wirklich wollen.“

„Ich frag’ dich aber nicht, Malone.“ Die Stimme des Mexikaners klirrte. „Außerdem lass ich mich nicht erpressen.“

„Dasselbe gilt für mich.“

Jim stand auf. Sofort wich Brooker zwei Schritte zurück. Seine Rechte lag am Kolben des tiefgeholsterten Colts.

El Rey schüttelte den Kopf. „Fordere ihn nicht heraus, Rhett. Wenn du ziehst, wird er dich töten.“

Wut flammte in Brookers Augen.

Jim grinste. „Du bist tatsächlich ein Menschenkenner, Saranto.“

„Deshalb weiß ich auch, dass du nach Las Varas reitest.“

„Dann weißt du mehr als ich.“

„Du vergisst, dass du mir dein Leben schuldest, Malone.“

Jim starrte ins Feuer. Nach einer Weile nickte er bedächtig. „Das ist ein Grund.“

 

*

 

Las Varas döste im Mittagsschlaf. Die Ankunft des staubbedeckten Reiters lockte nicht mal die Köter, die sonst jeden Fremden umkläfften, aus dem Schatten.

Zusammengesunken saß Jim Malone im Sattel. Schweißverklebte Strähnen hingen unter dem Stetson hervor. Ein zwei Tage alter Stoppelbart umrahmte das sonnengebräunte Gesicht.

Jims Hemd war zerschlissen, der blutdurchtränkte und verschmutzte Verband an der rechten Schulter deutlich erkennbar. Es war aber nicht Jims Blut, sondern das eines zehn Meilen südlich von Las Varas erlegten Wildkaninchens. Risse klafften auch in Jims Hose, und die hochhackigen Stiefel waren von Dornen und Kakteen zerkratzt.

Dumpf schaufelten die Hufe über die staubige Plaza. Im Schatten steinalter Platanen plätscherte ein Brunnen.

Der Braune, der Apache-Bill gehört hatte, schnaubte durstig. Zahlreiche Narben bedeckten sein Fell. Er war ein „Kriegspferd“, das im ärgsten Getümmel nicht in Panik geriet. Jim hätte ihn nicht gegen El Reys Fünfhundert-Dollar-Hengst getauscht.

Schwerfällig stieg er ab, hielt sich am Sattel fest und wankte dann zum Brunnenbecken. Er war sicher, das Las Varas nicht so ganz tot war, wie es schien. Irgendwo gab es unsichtbare Augenpaare, die ihn beobachteten.

Jim schöpfte den Eimer voll, der auf dem Brunnenrand stand, hängte den Stetson ans, Sattelhorn und wusch sich Gesicht und Kopf. Der Braune soff. Dann löschte auch Jim seinen Durst. Dabei fiel sein Blick auf das Haus gegenüber.

Das verwitterte Schild über dem Eingang verkündete, dass es sich um eine Fonda, eine Herberge, handelte. Wilder Wein umrankte die Mauerpfeiler, auf denen das ziegelgedeckte Vordach ruhte. Ein Perlenvorhang ersetzte die Tür.

Jim entdeckte eine Bewegung am mittleren Fenster des Obergeschosses. Für einen Moment erkannte er die Umrisse eines hastig zurückweichenden Mannes, ließ sich aber nichts anmerken, Als der Braune gesoffen hatte, band Jim ihn an eine Platane. Ringsum blieb alles still.

Jim ließ die Winchester im Scabbard. Mit scheinbar unsicheren Schritten überquerte er die Plaza. Die Perlenschnüre klirrten. Der Vorraum war mit billigen Möbeln ausgestattet. Eine

wacklige Holztreppe führte ins Obergeschoss. Der kleine, verrunzelte Mexikaner hinter der Rezeption war eingenickt. Erschrocken hob er den Kopf.

„Tut mir leid, Senor. Es ist nichts frei.“

Jim dachte an die Gestalt am Fenster. Es war bestimmt einer von Elena Gomez’ Entführern. Jims Stiefel hinterließen Staubabdrücke auf dem löchrigen Teppich. Schwer atmend stützte er sich aufs Pult. Alles hing davon ab, wie gut er seine Rolle spielte.

„Hör zu, Freundchen! Ich seh’ zwar aus wie der letzte Satteltramp, aber ich hab’ genug Pesos, diese verlauste Bude zu kaufen. Ich brauch’ ein Zimmer, damit ich endlich wieder mal die Beine in ’nem Bett ausstrecken kann. Es ist mir gleich, wen du dafür rausschmeißen musst. Wenn du nicht spurst, Freundchen, helf ich nach!“

„Senor, machen Sie mir keinen Ärger!“ Der kleine Mexikaner rang die Hände. „Ich kann Sie wirklich nicht …“

„Her mit dem Schlüssel!“ Jim zog den Colt.

Der Besitzer der Fonda streckte die Arme in die Höhe. „Es gibt keine Zimmerschlüssel, Senor. Dies ist ein einfaches Haus.“

„Hauptsache, ich bekomm’ ein Bett.“ Jim wandte sich der Treppe zu. „Noch was, Freundchen: Ich brauch’ ’nen Knochenflicker oder sonst jemanden, der sich darauf versteht, sechs Unzen Blei aus meiner Schulter zu pflücken.“

„Senor, ich flehe Sie an, gehen Sie! Ich kann Ihnen beim besten Willen kein Zimmer …“

„Freundchen, für wie geduldig hältst du ’nen Hombre, der vierzig Meilen mit ’ner Kugel in der Schulter ritt? Wenn du nicht endlich den Knochenflicker holst, wird’s hier laut.“

Jim, bereits auf der Treppe, wackelte drohend mit dem Colt. Seine absichtlich laute Stimme war bis nach oben zu hören.

Der Schmächtige würgte und verdrehte die Augen, dann wieselte er hinaus.

„Verdammtes Greaserpack!“, schimpfte Jim. Er hielt sich am Geländer fest. Stufe für Stufe zog er sich hinauf. Zwischendurch stöhnte und fluchte er. Ein dämmriger Korridor erstreckte sich vor ihm. Die Türen waren geschlossen.

Keuchend lehnte Jim sich an die Wand. Er schien kaum mehr den 44er halten zu können.

„He! Ist da wer?“, krächzte er. „Hölle und Verdammnis, schlaft ihr denn alle?“

Die übernächste Tür öffnete sich. Zwei Mexikaner traten mit schussbereiten Colts heraus. Sonnenlicht umflutete sie. Ihre braunen, indianisch geprägten Gesichter waren verkniffen.

„Schrei nicht so, Gringo!“, knurrte jener mit dem Goldring am linken Ohr. „Was, zum Teufel, willst du?“

„Ein Zimmer, ein Bett“, keuchte Jim. „Wenn ihr was dagegen habt, Compadres, pump’ ich euch voll Blei.“ Aber während er sprach, rutschte er an der Wand nieder. Der Colt entfiel ihm. Ächzend legte er die Hand auf den Schulterverband.

Die Mexikaner grinsten. „Du bist hier an der falschen Adresse, Gringo“, höhnte der mit dem Ohrring. „Was du brauchst, ist ein Platz auf dem Friedhof.“

„Wer ist der Bursche?“, klang es aus dem Zimmer.

„Ein Gringo. Ist angeschossen und sieht aus, als würde er gleich abkratzen. Wahrscheinlich kommt er von jenseits der Grenze. Ich wette, die Sternträger sind hinter ihm her.“

Ein dritter Mexikaner trat auf die Schwelle. Er hielt ebenfalls einen Revolver.

Hinter ihm sah Jim die Frau. Damit waren alle Zweifel beseitigt. Es waren die Entführer.

Jim blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, wo der vierte Mann steckte. Der in der Tür war offenbar der Anführer, ein stämmiger Bursche.

„Legt ihn um!“, befahl er.

Jim kauerte an der Wand. Sein Colt lag in der Mitte des Korridors. Dass Jim noch eine zweite, unter dem Schussverband verborgene Waffe trug, ahnten die Bandoleros nicht. Es war ein kurzläufiger 36er-Remington. Jim hatte ihn in Sarantos Camp ausprobiert. Den Pistoleros des „Königs von Sorona“ waren dabei fast die Augen herausgefallen wie nun den Entführern.

Eine von Blitzen durchglühte Pulverdampfwolke umhüllte plötzlich den vermeintlich Schwerverwundeten. Sein Blei traf die Mexikaner. Die Frau schrie auf.

Jim federte hoch. Eine Kugel zupfte an seinem Ärmel. Der Schuss kam von der Treppe.

Jim wirbelte herum, sah ein braunes, hassverzerrtes Gesicht unter einem breitrandigen Sombrero, schoss, warf sich gegen die Wand und erwartete das Aufblitzen des nächsten Mündungsfeuers. Doch der Mexikaner riskierte nichts mehr.

Jim hörte das Poltern seiner Stiefel auf der Treppe. Sein erster Impuls war, den Mann zu verfolgen. Doch Sarantos Braut war wichtiger.

Das Klicken eines Colthammers warnte ihn. Der Ohrring-Mann kniete. Auf seinem Hemd breitete sich ein dunkler Blutfleck aus. Mit vor Anstrengung verzerrter Miene umklammerte er beidhändig den Sechsschüsser.

Da feuerte Jim. Dann sprang er über den nach vorn Kippenden in das sonnige Zimmer.

Der Anführer der Entführer lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken. Die Frau hielt seinen Colt.

Es war eine schlanke, schwarzhaarige Schönheit, ziemlich groß für eine Mexikanerin. Die funkelnden grünen Augen, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase und der sinnliche Mund faszinierten Jim. Das zur Augenfarbe passende Kleid betonte die hinreißende Figur. Ein Silberkettchen mit einem Türkisanhänger schmückte den Hals. Die Stimme klang gefasst. „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Jim Malone. El Rey schickt mich.“

Die Augen der Frau verschleierten sich für einen Moment. Ein tiefer Atemzug hob die festen Brüste. Dann legte sie den Revolver auf den Tisch.

Hufschlag brauste heran. Jim eilte zum Fenster. Staub wallte auf. Reiter stoben an den um Las Varas verstreuten Pferchen und Korrals vorbei.

Es war Saranto mit seiner Crew.

 

*

 

Jim spürte das Zögern der Frau, als sie die Fonda verließen. Sein Blick streifte ihr rassiges Profil. Eine Ader pochte an ihrem schlanken Hals.

Sie nahm seinen Arm. Nebeneinander blieben sie unter dem Vordach stehen. Die Reiter jagten um den Brunnen. Staub verhüllte die Plaza. Schüsse krachten. Schrille Schreie ertönten.

Zehn Schritte vor der Fonda zügelte Saranto den Schimmelhengst. Mit einer Handbewegung gebot er Stille. Nur die Pferde schnaubten und prusteten. Brooker ritt zu ihm. Saranto gab ihm die Zügel und stieg ab. Er bewegte sich wie eine Raubkatze. Seine Sporen klirrten.

Brooker starrte Jim böse an. Saranto sah nur die Frau. Ihre Hand krallte sich in Jims Arm. El Rey lächelte. „Komm her!“

Die sanfte Stimme konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein Befehl war. Elena Gomez’ Hand glitt von Jims Arm. Sie trat aus dem Schatten. Langsam ging sie zu El Rey. Der Mexikaner wartete. Mit erhobenem Kopf blieb sie vor ihm stehen.

„Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lassen würdest, Ramon.“

Besitzergreifend umfasste er ihre Schultern.

„Bist du in Ordnung, mi corazon?“

„Sie haben mich gut behandelt.“

„El Toros Männer?“

„Ich kenne sie nicht. Sie sprachen nicht von ihm.“

„Ich freue mich, dass du wieder bei mir bist.“ Erst jetzt umarmte und küsste Saranto sie. Dann hob er sie empor und drehte sich lachend mit ihr.

„Wollt ihr nicht endlich eure Herrin begrüßen, ihr Nichtsnutze und Strauchdiebe?“

Johlend schwenkten die Reiter die Sombreros. Einige feuerten Schüsse in die Luft.

„Viva La Patrona! Viva El Rey!“, schallte es. Die Pferde tänzelten und wieherten.

Auch Elena lachte. Das lange Haar breitete sich wie ein Fächer über ihr erhitztes Gesicht. Das Johlen hörte auf, als El Rey sie wieder auf die Füße stellte. Er hielt sie fest.

„Gute Arbeit, Malone. Hast du sie alle erwischt?“

„Einer entkam.“

„Den kriegen wir auch noch. Er muss im Dorf sein. Wir begegneten keinem Reiter im Tal. Brooker, kümmer dich drum!“ Während der Pistolero Boss das Pferd drehte und Befehle rief, kam Saranto mit Elena zur Fonda. „Nun, Malone? Hab’ ich zu viel versprochen? Wie gefällt dir meine Querida?“

Jim wusste, wie verwildert er aussah, doch die Schwarzhaarige lächelte. Nur ihre Augen sandten Jim eine Warnung.

Er legte die Hand aufs Herz. „Ich halte Sie für die schönste Frau von Mexiko, Ma’am.“

El Rey lachte. „Er ist ein Caballero. Nimm dich vor ihm in Acht, mi corazon. Er gehört gewiss zu jener Sorte Männer, auf die alle Frauen fliegen.“

Elena lehnte den Kopf an seine Schulter. „Ich gehöre nur dir, Ramon.“

Die Zähne des Mexikaners blitzten. Er warf Jim einen prall gefüllten Lederbeutel vor die Füße. Münzen klirrten. „Für dich, Malone.“

Jim rührte sich nicht.

Sarantos funkelnde Augen, verrieten, dass er der Frau beweisen wollte, dass auch Jim nur ein käuflicher Revolverschwinger war.

„Ich hab’ nur ’ne Schuld beglichen, Saranto“, antwortete Jim.

Ihre Blicke verkrallten sich. Jims Miene blieb ausdruckslos. Brooker lenkte sein Pferd heran. Die Winchester lag schräg über dem hochbordigen Sattel.

„Heb das Geld auf, Malone!“

Langsam bückte sich Jim. Seine Hand berührte schon den Lederbeutel.

Plötzlich schnellte er vorwärts, stieß Elena zur Seite und riss El Rey um. Staub wallte.

Fluchend hob Brooker das Gewehr. Da spritzten Mörtelbrocken von einem Pfeiler. Ein peitschender Knall kam von der anderen Seite der Plaza.

Jim drehte sich, sein 44er Colt kam hoch. Er sah noch die Pulverrauchwolke vor der Schallöffnung des Glockenturms. Dahinter schimmerte ein Gewehr.

Jims Colt krachte. Ein Schrei antwortete, das Gewehr wirbelte in die Tiefe.

El Reys Pistoleros galoppierten zum Glockenturm. Kolbenhiebe brachen die Tür auf. Dann stürmten die Männer die Treppe zum Glockenstuhl.

Mit verbissener Miene ließ Brooker die auf Jim gerichtete Winchester sinken, wendete und ritt über den staubigen, heißen Platz.

Ruhig ersetzte Jim die abgeschossene Patrone.

„Nun brauchen deine Leute den vierten Entführer nicht mehr zu suchen, Saranto.“

Der Mexikaner legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Du hast mir das Leben gerettet, Malone. Zweihundert Silberpesos wären ein lächerlicher Preis dafür. Ich möchte, dass du bei mir bleibst, als der zweite Mann in meiner Pistolero-Crew. Auf meiner Hazienda bist du vor deinen Feinden sicher.“

 

*

 

Gitarrenklänge erfüllten die Nacht. Raue Stimmen grölten. Gelächter schallte. Lodernde Feuer erhellten die Mauern der Hazienda del Rey. Schwitzende Mozos säbelten Fleischstücke von den am Drehspieß garenden Ochsenhälften. Die im Freien aufgestellten Tische bogen sich unter der Last von Wein-, Pulque- und Tequilakrügen, Reis, Salat und Obstschüsseln. Es war die Feier zu El Reys Rückkehr.

Drei Tage waren seit Elena Gomez’ Befreiung verstrichen. Alle Männer, die mit El Rey nach Las Varas geritten waren, hatten eine Prämie von hundert Silberpesos erhalten. Nun lärmten und tanzten sie, spielten und tranken und versuchten, einander mit wilden und zotigen Geschichten zu übertrumpfen.

Doch Elenas Entführung hatte einen Schatten hinterlassen. Draußen in der sternklaren Sonora-Nacht lauerte Gefahr. Im Schutz der Dunkelheit durchstreiften El Toros Reiter das tagsüber von El Rey kontrollierte Land.

Die Hazienda glich einer uneinnehmbaren Festung. Schwerbewaffnete Posten patrouillierten auf den Wehrgängen innerhalb der zehn Fuß hohen Mauer. Ringsum dehnten sich fruchtbare Felder und saftige Weiden. Der Mond spiegelte sich im Rio Magdalena. Der Fluss war die Lebensader von El Reys Land, das sich südwärts bis zur schwarzen Silhouette der Sierra Morena erstreckte.

Im Norden und Westen lagen Kakteenwälder und zerklüftete Felsgebiete, die Ausläufer der Gran Desierto. Der Rio Magdalena kam von Osten. Sein Silberband schlängelte sich aus einem Labyrinth buschbedeckter Hügel, hinter denen die bewaldeten Flanken der Sierra Madre anstiegen.

Einen Steinwurf von der Hazienda entfernt duckten sich zwischen Weißeichen die strohgedeckten, ärmlichen Lehmhütten der Peones, die El Rey aus den umliegenden Dörfern rekrutierte. Ein mannshoher Stacheldrahtzaun umschloss die Ansiedlung. Auf hölzernen Wachtürmen hockten Posten mit weittragenden Gewehren.

Bei seiner Ankunft hatte Jim die Peones mit ihren Frauen und Kindern auf den Feldern gesehen, bewacht von Aufsehern, an deren Gürteln schwerkalibrige Colts und zusammengerollte Lederpeitschen hingen.

„Sklavenpack“, hatte El Rey verächtlich hingeworfen. Jim hätte am liebsten das Pferd gedreht und wäre davongeritten. Aber die lauernden Blicke der Saranto-Schießer und die Überlegung, dass Apache-Bill und seine Kumpane nicht die Einzigen waren, die auf seiner Fährte ritten, hielten ihn davon ab.

 

*

Nun saß Jim mit drei Mexikanern an einem Tisch, auf dem Münzen und Geldscheine lagen. Der Trubel ringsum steigerte sich zum Begeisterungssturm, als einige Pistoleros ein halbes Dutzend verängstigte junge Frauen aus dem Dorf der Peones brachten. Jims Mitspieler ließen sich nicht ablenken. Gebannt blickten sie auf die schwirrenden Karten zwischen Jims Händen.

Mit dem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und der schwarzen Kragenschleife wirkte Jim wie ein Berufsspieler. Die blonden Haare und blauen Augen bildeten einen Kontrast zur dunklen Gesichtsbräune. Jim gab. Die Männer machten die Einsätze. Es war die achte Runde hintereinander, die Jim gewann. Ärgerlich warf einer der Pistoleros die Karten hin.

„Genug für heute. Ich lass mich von ’ner Muchacha trösten.“

„Du bekommst jederzeit Revanche, Amigo.“ Jim mischte.

Brooker trat an den Tisch. „Was dagegen, wenn ich einspringe, Compadres?“

Er sah Jim an. Die Antwort war ein Achselzucken. Der Sichelbärtige setzte sich, rührte aber die Karten nicht an, die Jim ihm hinschob.

„Amigo“, wandte er sich an den neben ihm sitzenden Mexikaner. „Sieh erst mal nach, ob auch alle vier Asse im Spiel sind.“

Er ließ Jim nicht aus den Augen. Jim lehnte sich zurück. „Wenn du Streit suchst, Brooker, brauchst du keinen Vorwand.“

Brookers Rechte verschwand unter der Tischkante. Die anderen Spieler erhoben sich rasch.

Jim und der Anführer der Revolvermänner saßen sich reglos gegenüber. Schritte näherten sich.

„He, Malone, du sollst zu El Rey kommen.“

Es konnte ein Trick sein. Langsam stand Jim auf. Er kam sich wie unter Wölfen vor, die auf die Gelegenheit warteten, über ihn herzufallen. Da legte Brooker grinsend beide Hände auf den Tisch.

„El Rey hält dich für ’ne besondere Nummer, Malone. Aber ich werd’ ihm beweisen, dass du bisher nur Glück hattest.“

Ein Mozo brachte Jim in die Casa Grande, das doppelstöckige, in spanischem Stil erbaute Haupthaus. Ein Kristalllüster hing in der Wohnhalle. Alte Waffen, Schilde und Gemälde schmückten die Wände. In den Nischen standen Ritterrüstungen. Topfpflanzen blühten. Die schweren, dunklen Möbel verliehen dem Raum eine Atmosphäre von Gediegenheit. Dicke Mauern dämpften den Lärm der Fiesta. Die Tür zum Patio, dem Innenhof, stand offen. Ein Springbrunnen plätscherte. Blütenduft wehte herein.

Saranto saß am Klavier. Er trug eine enge, an den Seitennähten mit Silberknöpfen verzierte Chivarra-Hose, dazu ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln. Er prostete Jim mit einem Champagnerglas zu.

„Fast hätt’ ich dich mit der Aufmachung nicht erkannt, Malone. Sieht er nicht gut aus, Querida?“

Er lachte. Offenbar hatte er getrunken.

Elena räkelte sich in einem Ledersessel. Sie hielt ebenfalls ein langstieliges Glas. Das rabenschwarze Haar war zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt. Durchsichtige Seide umfloss den biegsamen Körper. Die Brüste waren fest und rund.

Jim spürte, dass El Rey ihn beobachtete. Er verbeugte sich. „Guten Abend, Ma’am.“

„Hallo.“ Elenas Lächeln war maskenhaft.

Saranto rief: „Komm her, Malone. Gieß dir ’nen Drink ein. Ich möchte, dass du mit uns feierst. Elena langweilt sich, wenn ich Klavier spiele. Aber das ist nun mal meine besondere Leidenschaft.“

Seine Finger glitten über die Tasten. Die Töne perlten wie der Champagner in dem Glas, das auf dem Klavier stand.

„Wundervoll, nicht wahr? Weißt du, von wem das ist, Malone?“

„Keine Ahnung. Ich bin nur ein Revolverschwinger. “

„Nicht so bescheiden.“ Lachend kniff Saranto ein Auge zu. Jim war überzeugt, dass er längst nicht so angesäuselt war, wie er tat.

Elena füllte ein Glas für ihn. Vergeblich suchte Jim eine Regung auf ihrem Gesicht. Etwas lag in der Luft. Sarantos Einladung war keine bloße Laune.

„Wie gefällt dir das, Malone?“ Der Mexikaner wechselte die Melodie. „Das Neueste aus Europa, ein Wiener Walzer. Ich wette, du bist ein guter Tänzer, Malone.“ Seine Zähne blinkten. „Ich möchte, dass ihr tanzt. Steht nicht da wie ein Klotz, Malone. Elena, schnapp ihn dir.“

Lachend schlug Saranto auf die Tasten. Rauschende Klänge füllten den großen Raum. Die Frau trat mit dem Champagnerglas zu Jim. Ihre Hand berührte seine Schulter.

„Kommen Sie, Malone. Es ist ein Geschenk von Ramon. Er weiß, wie gern ich tanze.“

Jim umfasste sie. Die Nähe ihres warmen, festen Körpers erfüllte ihn mit einem Prickeln. Sie bewegte sich federleicht. Schnell fanden Jims Füße den richtigen Takt. Da überließ sie ihm die Führung. Die ganze Zeit hielt sie das Glas, ohne einen Tropfen zu verschütten. Ihre Blicke tauchten ineinander. Jim spürte die Wirkung des Tequilas, den er draußen getrunken hatte. Oder waren es die Musik und die Augen der Frau, die ihn berauschten?

El Rey spielte mit der Leidenschaft des Besessenen. Jims Umgebung schien sich aufzulösen. Es gab nur mehr die Frau in seinem Arm und die Walzerklänge. Dann verstummte das Klavier.

„Bravo!“ Saranto klatschte.

Elena stellte scheinbar unbeeindruckt das Glas auf den Tisch. Aber ihr Atem ging schneller. Ihre Wangen hatten sich gerötet.

„Siehst du, Malone, du kannst mir nichts vormachen“, rief Saranto doppeldeutig. „Du warst großartig. Elena, küss ihn.“

Widerspruchslos trat die Frau zu Jim. Er spürte die flüchtige Berührung ihrer Lippen auf der Wange.

Saranto trank, dann lachte er wieder. Seine Augen glühten. „Das soll ein Kuss gewesen sein? Malone, Amigo, damit brauchst du dich nicht abspeisen zu lassen. Zeig ihr, wie man küsst!“

Jim nahm den Drink. Er sah Elena nicht an. „Besser nicht, Saranto. Ich möchte morgen, wenn du wieder nüchtern bist, nicht erschossen werden.“

Der Mexikaner starrte ihn an. Jim trank. Er hielt das Glas in der Linken. Wie zufällig war die Anzugjacke hinter den Coltgriff geglitten. Plötzlich lachte Saranto. Aber es klang anders als zuvor, härter, nicht vom Alkohol verwischt.

„Ich bin nicht betrunken, Malone. Ich wollte dich nur auf die Probe stellen.“

„Wozu?“

Saranto näherte sich Jim mit katzenhaften Schritten. Einige Sekunden musterte er ihn schweigend. „Seit der Entführung weiß ich, dass El Toro vor nichts zurückschreckt. Elena braucht einen Leibwächter. Brooker und seine rauen Gesellen sind dafür nicht geeignet, aber du.“

 

*

 

Jim schlief bis zum Mittag. Er hatte eine Extrakammer im Mannschaftsgebäude der Hazienda. Nur Brooker hatte noch einen eigenen Raum.

Ein indianischer Diener weckte Jim. „Die Patrona will ausreiten. Sie erwartet Sie in zehn Minuten, Senor.“

„Ich komme.“ Jim gähnte.

Der Mozo huschte hinaus.

Jim wusch und rasierte sich. Im Spind hingen außer dem schwarzen Anzug noch ein Cowboyhemd, eine ärmellose Lederweste und eine Levishose. Jim zog sie an. Auf dem Tisch stand das Frühstück. Der Kaffee war längst kalt. Jim ließ ihn sich trotzdem schmecken. Dazu aß er Maisbrot und kalten Braten.

Als er auf den Hof trat, saß Sarantos Braut bereits im Sattel. Das Pferd daneben war Jims Brauner, der ehemals Apache-Bill gehörte. Das Tier hatte sich inzwischen an ihn gewöhnt und begrüßte ihn mit freudigem Schnauben.

„Wenn ich zehn Minuten sage, meine ich das auch“, rügte die Frau. Sie trug ein leichtes, fransenverziertes Wildlederkostüm und halbhohe Weichlederstiefel.

„Zu Befehl, Ma’am.“ Grinsend schwang Jim sich aufs Pferd. Ein Mozo öffnete das eisenbeschlagene Tor. Elena drehte sich und winkte zur Galerie hinauf.

Jetzt erst sah Jim, dass El Rey sie beobachtete. Grüßend hob Jim die Hand an die Stetsonkrempe. Dann kitzelte er dem Braunen die Weichen, damit der den Anschluss nicht verlor.

Blauer Himmel strahlte. Es war Spätnachmittag, aber noch immer drückend heiß. Die Peones arbeiteten auf den Feldern, ein Heer zerlumpter, gebeugter Gestalten, von den Aufsehern ständig angetrieben. Das Klima ermöglichte zwei Ernten im Jahr. Jenseits des Flusses weideten langhornige Rinder. Reiter mit wagenradgroßen Sombreros und handtellergroßen Radsporen bewachten sie.

Elena ritt zum Fluss. Ein Schrei lenkte Jim ab. Auf dem Feld rechts von ihm kniete ein Peon.

Ein bulliger Aufseher schwang die Peitsche. „Wo kämen wir hin, wenn jeder von euch Faulpelzen rastet, wann’s ihm passt? An die Arbeit, Nichtsnutz!“

Schon sauste die Lederschnur auf den gekrümmten Rücken. Der Peon schrie. Zwei andere Aufseher zogen die Revolver, als Jim den Braunen zügelte.

„Malone, wo bleiben Sie?“ rief die Frau.

Sie ritt flussabwärts, nach Westen.

Fluchend folgte ihr Jim. Hatten die Jahre ihn nicht gelehrt, dass ein Mann genug damit zu tun hatte, sich um den eigenen Verdruss zu kümmern? Die Felder blieben zurück. Die Dächer der Hazienda versanken hinter Baumkronen und Bodenwellen. Eine weite Grasfläche dehnte sich in der Schleife, die der Rio Magdalena beschrieb.

„Zum Teufel, warten Sie!“, schrie Jim, als Elena die Falbstute galoppieren ließ. Sie war eine hervorragende Reiterin. Die schwarzen Haare flatterten.

„Na denn, Amigo. Zeig, was du kannst“, raunte Jim dem Braunen zu. Die Hufe wirbelten.

Lachend schaute Elena sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Aber Jim dachte an die Männer in der Fonda von Las Varas. El Toros Bande bestand gewiss nicht bloß aus jenen vier Mann. Der Braune war nicht nur kräftig und ausdauernd, sondern auch schnell. Er besaß genau die Qualitäten, die Jim in ihm vermutete. Als Jim aufholte, begann die Frau, Haken zu schlagen, um ihn zu verwirren. Doch Jim hatte bereits herausgefunden, dass eine ferne Baumgruppe am Fluss ihr Ziel war.

Jim war bereits da, als Elenas Pferd die Böschung herabschlitterte. Der Platz war idyllisch. Im Schatten der Weiden und Cottonwoods leuchteten Blumen. Libellen schwirrten über dem Schilf. Eine grüne Buschmauer säumte das gegenüberliegende Ufer. Der Fluss war nicht sehr breit, die Strömung sanft. Elenas Katzenaugen funkelten.

„Nicht schlecht, Malone. Sie verstehen Ihren Job.“

„Wahrscheinlich ist ein Sack voller Flöhe leichter zu hüten “, brummte Jim.

Sie saß ab und gab ihm die Zügel. „Versorgen Sie die Pferde, Malone!“

Das war wieder der herrische Ton.

Jim ließ die Tiere mäßig saufen, dann band er sie fest und lockerte die Sattelgurte. Als er sich umdrehte, sah er gerade noch ein Wäschestück ins Gras flattern. Elena stand nackt am Ufer. Die Sonne hauchte einen goldfarbenen Schimmer auf ihre bronzegetönte Haut. Das Silberkettchen mit dem Türkis glitzerte zwischen ihren vollen Brüsten. Jims Kehle wurde trocken.

 

*

 

„Sie haben hoffentlich nichts dagegen, dass ich bade, Malone.“

Die Frau lachte spöttisch. Ihre Augen lockten.

Jim verfluchte seinen Job. Sie spielte mit ihm. Oder wollte sie ihn ebenso wie El Rey auf die Probe stellen? Kein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht.

„Ich halt’ es für besser, wenn wir zurückreiten, bevor’s dunkelt, Ma’am.“

Sie watete ins Wasser, das ihr schnell bis unter die Achseln reichte.

„Seien Sie kein Spielverderber. Warum kühlen Sie sich nicht auch ab? Sie sehen aus, als hätten Sie’s nötig.“

Sie wirkte verändert, mädchenhaft, aber ohne Scheu, keine Spur mehr die Frau, die Befehle gab.

Jim murmelte eine Verwünschung, als sie flussaufwärts schwamm. Ihr makelloser Körper war durchtrainiert. Jim setzte sich auf einen Erdbuckel und drehte sich eine Zigarette. Seine Hände zitterten. Er wurde nicht schlau aus Sarantos Braut. Er besaß nur eine Gewissheit: Saranto würde ihn nicht „bloß“ erschießen, sondern zu Tode peitschen oder sonst wie langsam umbringen lassen, wenn er sie auch nur berührte. Das wusste auch Elena. Legte sie es auf eine Machtprobe an, oder verspottete sie ihn?

Sie ließ sich in Rückenlage vorbeitreiben. Der Fluss umschmeichelte ihre Brüste.

Jim ging ein Stück am Ufer mit. „Entfernen Sie sich nicht zu weit!“

„Sind Sie Nichtschwimmer, Malone?“ Ihr Lachen reizte ihn. Er war drauf und dran, sich auszuziehen und in den Fluss zu springen.

Da riss das Wiehern der Pferde ihn herum. Ein in zerschlissenes Baumwollzeug gehüllter Mexikaner hatte bereits einen Fuß in Jims Steigbügel. Aber der Sattel verrutschte, als er sich hinaufschwang. Er stürzte ins Gras.

Trotzdem versuchte er es wieder. In fliegender Eile zurrte er den Gurt fest. Obwohl der Braune scheute, schaffte er’s. Rasch löste er die Zügel.

Da war Jim heran, packte ihn und riss ihn herab. Es war ein kaum zwanzigjähriger Bursche, hohlwangig, abgehetzt, aber mit dem Blick eines Amokläufers. Er musste sich im Schilf versteckt haben.

„Zum Teufel, glaubst du vielleicht, ich geh’ deinetwegen zu Fuß zur Hazienda?“, schimpfte Jim. Der Mexikaner sprang auf. Er hielt plötzlich ein Messer. Mit der Wildheit eines in die Enge getriebenen Tieres stürzte er sich auf den einen Kopf größeren Gringo.

Jim drehte sich, die Klinge zuckte vorbei. Ein Fausthieb schmetterte den Jungen zu Boden.

Keuchend kam er hoch. Jim sah, dass es kein Messer war, sondern ein mit einem Holzgriff versehenes, von einer Spitzhacke abgebrochenes Metallstück. Er ließ sich von Jims gezogenem Colt nicht aufhalten, sah die Waffe vielleicht gar nicht.

„Nicht schießen, Malone!“, schrie Elena.

Jim empfing den Angreifer mit einem Fußtritt. Der Bursche krümmte sich, schnappte nach Luft, ließ aber die Waffe nicht los.

Da schlug Jim ihn mit dem Coltlauf nieder. Elena watete aus dem Fluss und kniete sich neben ihn. Das nasse schwarze Haar verdeckte ihre Brustspitzen. Ihre Stimme war atemlos. „Es ist Pablo Sanchez, ein Peon aus El Reys Dorf.“

 

*

 

Die Nacht kam mit der in diesen Breiten üblichen Schnelligkeit. Schon von Weitem sahen Jim und Elena den Lichtschein hinter den Bäumen am Dorfrand. Die Pferde gingen im Schritt. Jim hatte den Gefangenen mit dem Lasso gefesselt. Das Ende des Seils war an seinem Sattel festgebunden. Jim hatte weder mit Drohungen noch gutem Zureden ein Wort aus dem Burschen herausgekriegt.

Das Gattertor im Stacheldrahtzaun war offen. Ein Feuer erhellte den Platz zwischen den strohgedeckten Hütten. Männer mit Gewehren standen herum. Das Wehklagen der Mexikanerfrauen erfüllte das Dorf.

Jim spannte sich, als er die dunklen Bündel sah, die an den Ästen einer riesigen Weißeiche hingen.

Einer von El Reys Pistoleros warf trockenes Holz in die Flammen. Ihr zuckender Schein erfasste die verquollenen Gesichter von sechs Gehenkten.

Elena hob eine Hand an die Kehle.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938418
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538462
Schlagworte
könig sonora

Autor

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Titel: Der König von Sonora