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Aus den Tiefen der Unterwelt - Vier Romane von Klaus Tiberius Schmidt

2020 441 Seiten

Zusammenfassung

Immer wenn die geheimnisvolle Musik erklingt, nimmt der Schrecken seinen Lauf …
Bis vor Kurzem dachten fast alle; die grausamen Geschichten, die man sich in Ghestbury seit Jahrhunderten über Desmore Castle erzählt, sind eben nur das – Geschichten. Doch seit dem 16. September vergangenen Jahres weiß man es besser. Denn seit jenem Tag werden, immer wenn der unheimliche Gesang ertönt, tags darauf bis fast zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen gefunden. Die Situation spitzt sich zu, die Abstände der Morde werden immer kürzer und die Grausamkeit, mit der sie durchgeführt werden, nimmt zu.
Harry Brannon soll eine Reportage über diese Morde und den Fluch, der auf Desmore Castle liegen soll, schreiben. Er selbst glaubt diese Schauergeschichten nicht, vermutet eher einen geistesgestörten Serienkiller hinter all den Anschlägen. – Welch fataler Fehler …

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:
› Sinfonie der Unterwelt
› Im Reich der fremden Götter
› Die Nacht des Feuerfluchs
› Gefangen in der Albtraumburg

Leseprobe

Table of Contents

Aus den Tiefen der Unterwelt

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

Sinfonie der Unterwelt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Im Reich der fremden Götter

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Die Nacht des Feuerfluchs

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Gefangen in der Albtraumburg

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Aus den Tiefen der Unterwelt

 

 

Vier Romane von Klaus Tiberius Schmidt

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Klaus Tiberius Schmidt

© Cover: Christian Dörge/Pixabay.

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

Sinfonie der Unterwelt

› Im Reich der fremden Götter

› Die Nacht des Feuerfluchs

› Gefangen in der Albtraumburg

 

 

***

 

 

Sinfonie der Unterwelt

 

 

Klappentext:

 

Immer wenn die geheimnisvolle Musik erklingt, nimmt der Schrecken seinen Lauf …

Bis vor Kurzem dachten fast alle; die grausamen Geschichten, die man sich in Ghestbury seit Jahrhunderten über Desmore Castle erzählt, sind eben nur das – Geschichten. Doch seit dem 16. September vergangenen Jahres weiß man es besser. Denn seit jenem Tag werden, immer wenn der unheimliche Gesang ertönt, tags darauf bis fast zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen gefunden. Die Situation spitzt sich zu, die Abstände der Morde werden immer kürzer und die Grausamkeit, mit der sie durchgeführt werden, nimmt zu.

Harry Brannon soll eine Reportage über diese Morde und den Fluch, der auf Desmore Castle liegen soll, schreiben. Er selbst glaubt diese Schauergeschichten nicht, vermutet eher einen geistesgestörten Serienkiller hinter all den Anschlägen. – Welch fataler Fehler …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Ein Schrei gellte über das Land, als die Flammen den Körper des Todgeweihten erreichten. Gefesselt stand der Herr von Desmore Castle an einem hölzernen Pfahl, umgeben von kleinen Reisigbündeln. Vor seinen Augen züngelte der Tod. Hochgewachsene blonde Männer, im Halbkreis um den Scheiterhaufen, betrachteten ihr Opfer. Ein rothaariger Wikinger mit breiten Schultern trat mit erhobenem Haupt aus der Menge und zischte mit leiser Stimme:

»Du wirst noch tausend Tode sterben! Dein Tod wird schlimmer sein, als der meines Sohnes, der in deinem Kerker verschmachtete!«

Ein Wink mit seinem muskulösen Arm, und eine Fackel fiel auf das Reisig. Das trockene Holz entzündete sich. Beißender Qualm schlug dem Mann am Pfahl ins Gesicht. Sein Körper bäumte sich immer wieder auf, doch langsam verließ ihn die Kraft. Zuletzt rief er voller Abscheu: »Verflucht sei dein Sohn, Erik Blutaxt! Verflucht bis in alle Ewigkeit! Meine Seele soll der Sold dafür sein!«

Mit diesen Worten durchlief ein Zittern den Körper, ein letzter, grauenvoller Schrei, und der Gepeinigte starb.

Wie aus heiterem Himmel zuckten plötzlich Blitze, rot wie Feuerlanzen auf die Erde nieder. Ein tiefes, dumpfes Grollen ließ die Erde erbeben.

»Wir sind alle verflucht! Bei Odin, wir sind verloren!«, schrie voller Entsetzen einer der Nordmänner.

Panik erfasste die Leute, und wie von Furien gehetzt rannten sie in den nahen Wald. Aus den Ruinen der Burg, die von den Wikingern erobert worden war schossen hohe Feuersäulen gen Himmel. Stöhnen drang aus den unterirdischen Gewölben. Grauen und Entsetzen saß den Fliehenden im Nacken. Sie liefen um ihr Leben, um den Ort des Fluches schnellstens zu verlassen und ihn nie mehr zu betreten.

Hinter ihnen züngelten die Flammen aus den Reisigbündeln und verbrannten ihr Opfer, bis es zu Asche zerfiel. Der Wind verstreute die Überreste in alle Himmelsrichtungen.

 

 

2. Kapitel

 

Düster und unheilvoll hoben sich die Trümmer der alten Burg vom hellen Grau des Herbsthimmels ab. Die beiden Männer gingen suchend an einer zum Teil eingestürzten Mauer vorbei. Der jüngere von ihnen, ein achtzehnjähriger Blondschopf, blickte sich immer wieder ängstlich um. Ihm war die Burgruine unheimlich.

Wie mochte es hier wohl sein, wenn die Dunkelheit erst hereinbrach. Der Gedanke ließ ihn erschauern.

»Los, komm schon, Andy!«, rief der andere, ein Mann mittleren Alters.

»Ich habe keine Lust mehr, nach einem Eingang in die Gewölbe zu suchen«, meinte der Junge trotzig und schielte verstohlen nach Westen, wo die Sonne sich allmählich dem Horizont zuneigte.

Frank Miller, der ältere der beiden und besessener Amateurforscher, den alte Burgen interessierten, schimpfte verdrossen. »Angst hast Du! Das ist alles«, spottete er. »Gleich kommen die Geister der Ahnen und packen dich.« Heulend und mit weit ausgebreiteten Armen lief er auf seinen Begleiter zu, blieb vor ihm stehen und begann herzhaft zu lachen.

»Dein Gesicht müsstest du sehen!«, prustete er und schlug sich amüsiert auf die Schenkel.

»Ha, ha, ha!«, äffte der Junge beleidigt nach und ging weiter. Dir werde ich es zeigen!, dachte er bei sich, wütend, dass er sich eine Blöße gab.

Frank folgte ihm, noch immer lachend und holte ihn bald ein. Versöhnlich schlug er dem jugendlichen Freund auf die linke Schulter, doch dieser knurrte nur gekränkt.

Schweigend drangen sie in den Innenhof der Ruine vor.

»Desmore Castle muss mal eine stolze Festung gewesen sein«, staunte Andy, der den Ärger geschluckt hatte.

»Die Burg wurde gegen Ende des vorigen Jahrtausends, etwa um 950 oder später von eindringenden Wikingern belagert und zerstört.

Die Dokumente, die ich in einer Bibliothek in Glasgow las, erzählen, dass der Sohn des Wikingerfürsten in den Kerkern verhungerte. Der schottische Adelige, dem die Burg gehörte, hatte ihn Monate vorher mit vier weiteren Nordmännern gefangengenommen«, breitete der Amateurforscher sein Wissen aus.

»Schau da, eine Tür!«, unterbrach Andy ihn und zeigte zu einer hohen Mauer hinüber.

Die Männer gingen ohne zu zögern darauf zu. Die Angst des jungen Mannes war vergessen und hatte der Neugier Platz gemacht. Die Angeln quietschten in ihren verrosteten Scharnieren, als sie die nur leicht angelehnte Tür vorsichtig öffneten. Dunkel und geheimnisvoll gähnte Finsternis ihnen entgegen. Eisige Kälte kroch aus der Dunkelheit.

»Lass uns nicht hinuntergehen. Wer weiß, wie tief es ist. Vielleicht brechen die Holzstufen, wenn wir sie betreten?«, gab Andy zu bedenken. In ihm keimte wieder die Angst auf.

»Reich mir die Stablampe!«, forderte Frank, ohne auf die Warnung des Partners einzugehen.

Er schaltete die Leuchte an. Grell fraß sich der Lichtkegel in die Dunkelheit und gab den Blick auf steinerne Stufen frei die bis tief ins Innere der Kellergewölbe zu führen schienen.

»Es ist eine Steintreppe. Sie wird also nicht brechen.«, beruhigte der ältere seinen Begleiter. »Bleib kurz hinter mir!«

Eifer und Wissbegierde hatten ihn gepackt, und seine Augen glühten dunkel vor Abenteuerlust und Ungewissheit. Er liebte das Prickeln auf der Haut, das immer auftrat, wenn er in finsteren, fremden Ruinengewölben geisterte. Andy kam der Aufforderung nur zögernd nach. Die Angst stand ihm im Gesicht geschrieben.

»Stell dich nicht so an!«, herrschte Frank Miller ihn an. Seine Geduld war zu Ende. »Du benimmst dich, als kämen gleich Vampire aus ihren Särgen.«

Vorsichtig, Stufe für Stufe mit der Lampe abtastend, stiegen sie tiefer in die völlig dunklen Kellergewölbe hinunter. Die Stufen waren glitschig und mit einem Feuchtigkeitsschleier überzogen. Andy und Frank mussten achtgeben, dass sie nicht ausrutschten. Ein Sturz in dieser Finsternis konnte böse Folgen haben. Es roch immer stärker nach Moder und Fäulnis, je tiefer sie kamen. Unnatürliche Kälte, die ihnen schon an der Tür entgegengeschlagen war, ließ sie frieren, dass die Zähne klapperten.

»Woher kommt nur die entsetzliche Kälte?«, fragte Andy, die Furcht in seiner Stimme mühsam unterdrückend.

»Ich weiß nicht. Schon viele alte Burgen und Ruinen habe ich durchforscht aber noch nie habe ich solche Temperaturen in unterirdischen Gewölben gespürt. Keiner der beiden Eindringlinge ahnte, dass es die Kälte des Todes war, die sie umgab und frieren ließ. Dämonischer Hauch wehte durch die Gänge, als sollte alles Leben erstarren.

Die Lampe stach ihren grellen Finger tief in die Finsternis hinein, und plötzlich prallte Frank zurück. Andy lief hart auf ihn auf, sodass der Mann fast das Gleichgewicht verlor.

»Was ist?«, fragte der Junge schrill.

Frank zeigte nach vorn. Vor ihnen, keine fünf Meter entfernt, lag ein Skelett, eingehüllt in eine Art Mönchskutte. Im unruhigen Schein der hin und her wandernden Lampe wirkte es, als würde es sich gelegentlich bewegen.

Andy schrie erschreckt auf und wollte nicht mehr aufhören zu brüllen.

Frank fuhr ihn verärgert an. » Sei ruhig, verdammt noch mal! In vielen Burgruinen hat man schon Skelette gefunden. Das da vorn tut dir doch nichts.«

Gelassen, wieder ganz Herr über sich selbst, ging er auf den Knochenmann zu und berührte ihn mit den Fußspitzen. Klirrend fiel das Gerippe auseinander, der Schädel rollte vor Andys Füße. Entsetzt wich der junge Mann einen Schritt zurück und stolperte über die Stufen hinter sich.

Frank lachte hell auf. »Die Treppe scheint zu Ende zu sein. Hier ist ein Gang. Ihn wollen wir zuerst erforschen«, beschloss er, noch immer grinsend.

Mit sicheren Schritten trat er in den Gang hinein. Andy raffte sich wütend auf und beeilte sich, seinem Partner zu folgen um nicht in der Finsternis allein zurück zu bleiben.

Nach einigen Metern endete der Gang, und ein hohes Gewölbe tat sich vor ihnen auf. Frank leuchtete die Wände, die aus großen Steinquadern gefertigt waren, gründlich ab. »Von diesem Raum führen drei weitere Gänge. Welchen sollen wir nehmen?«, fragte Frank.

Andy zuckte die Schultern. »Was willst du hier eigentlich!? Ich sehe nichts als finstere Gänge und klobige Wände, die mit Feuchtigkeit überzogen sind.«

Frank antwortete nicht, sondern steuerte den linken Gang an. Die Finsternis verschluckte sie, und nur die Taschenlampe bot spärliches Licht.

Die Schritte der Männer hallten dumpf und hohl wider. Ihre Stimmen klangen fremdartig, und die Worte kamen oftmals als schwaches Echo zurück.

Die sonst unheimliche Stille wurde von einem seltsamen Geräusch unterbrochen. Ein helles, leises Singen drang an ihr Ohr.

Frank blieb lauschend stehen, um zu hören, woher das eigenartige Tönen kam. So sehr er sich auch anstrengte, den Ort zu lokalisieren, es gelang ihm nicht.

»Es ist, als käme das Singen aus den Wänden«, flüsterte Andy furchtsam.

Frank hob die Hand, um den Freund zum Verstummen zu bringen. Das Geräusch schwoll an. Kalte Schauer rieselten über Andys Rücken, und er begann, vor Angst zu zittern. Die Kälte um ihn herum wurde noch intensiver, doch das spürte er nicht. Die Furcht ließ ihn alles vergessen.

»Lass uns gehen, Frank!«, bat er eindringlich.

»In Ordnung! Wir gehen noch bis zum Ende des Ganges, dann kehren wir um«, gab Frank nach.

Der Junge stimmte dem Vorschlag zögernd zu und folgte.

»Was ist das?«, fragte Andy unvermittelt und riss den Freund an der Schulter zurück. Neben ihnen öffnete sich ein anderer, niedriger Seitengang. An seinem Ende flimmerte es hellgrün.

»Da fragst du mich zu viel«, antwortete der Amateurforscher resigniert. Ihm gefiel es nicht, wenn er eine Frage nicht beantworten konnte. »Vielleicht ist es phosphorhaltiges Gestein«, versuchte er eine Erklärung.

»Lass uns nachschauen, bevor wir zurückkehren«, schlug Andy vor. Alle Furcht war plötzlich aus den Augen gewichen, als Frank im Licht der Lampe suchte. Geduckt drangen sie vor. Wenig später befanden sie sich in einem kleinen Raum, der schwach erleuchtet war. Das unwirkliche Licht aber hatte, so sehr sie sich auch umblickten, keine Quelle.

»Seltsam!«, murmelte Frank und wusste keine Antwort auf das ungewöhnliche Phänomen. Verwirrt kratzte er sich am Hinterkopf und grübelte. Nach einiger Zeit gab er auf. Er kam zu keinem befriedigenden Ergebnis.

»Sieh, dort ist noch ein kleiner Raum!«, rief Andy und zeigte auf eine dunkle Öffnung.

Frank ging darauf zu und leuchtete in das Verlies hinein, das in tiefer Dunkelheit lag. Nur ein feiner, dünner Lichtstrahl kam von irgendwo aus der Decke des Gewölbes und brach sich an einem runden, hellen Gegenstand.

»Es ist nichts zu erkennen«, meinte er enttäuscht, »aber schau dir mal das Medaillon an.«

Vergessen war das helle Singen, das langsam in den Ohren schmerzte, und auch das unheimliche Licht fand keine Beachtung mehr. Der Eingang und das sich davor befindende Gestell nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Von oben nach unten und von links nach rechts versperrten breite, flach geschmiedete Eisenstangen die Öffnung. Dort, wo sich die Eisenbänder kreuzten, leuchtete ein tellergroßes Medaillon. Es strahlte golden, weil der Lichtstrahl, der von der Decke durch einen schmalen Spalt eindrang, es voll traf.

»Pures Gold!«, keuchte Andy erregt. Alle Furcht war vergessen. Gierig griff er nach dem kostbaren Goldstück, das ein Vermögen wert sein musste. Beide Hände benutzte er danach, um es von den Eisenbändern zu reißen. Alle Kraft aufbringend, zerrte er daran. Das grünliche Licht, das sie umwaberte, flackerte plötzlich unruhig und verlor an Intensität. Gleich darauf flammte es wieder auf, sodass die Augen schmerzten.

Das Singen schwoll zu einem Orkan schriller Töne an. Die Wände schienen unter einem Erdbeben leicht zu zittern.

Frank stand da wie angewurzelt. Der sonst furchtlose Mann fühlte, wie sich sein Herz verkrampfte. Eine ungewisse Ahnung erfasste ihn.

In diesem Gewölbe herrscht eine unheimliche Macht, der wir Menschen nichts entgegenzusetzen haben, durchzuckte es ihn heiß. Voller Entsetzen sprang er nach vorn und wollte Andy von dem Medaillon fortreißen.

»Lass es los!«, schrie er in Panik. » Sonst sind wir verloren.« Die letzte Silbe des Satzes ging in lautem Knirschen unter.

Andy fiel nach hinten, als sich das Medaillon plötzlich völlig unerwartet löste. Ein Donnern begleitete das Werk der Zerstörung.

Er raffte sich wieder auf und starrte verzückt auf das Gold in seiner Hand.

»Du Narr! Wir sind verloren«, brüllte Frank Miller verzweifelt. Andy sah ihn ungläubig an, dann ergriff auch ihn das Grauen. Das Medaillon entglitt seinen Händen, während er mit angstgeweiteten Augen das Licht anstarrte.

Es verdichtete sich, grauenvolles, triumphierendes Lachen hallte aus unergründlichen Tiefen und ließ die Männer zusammenfahren.

»Was ist das?«, kreischte Andy voller Entsetzen, zu keiner Bewegung fähig.

Frank vermochte nicht zu antworten. Todesangst schnürte ihm die Kehle zu, er meinte, keine Luft mehr zu bekommen. Krampfhaft schluckend stierte er auf das wallende Licht. Das helle Singen tönte immer unerträglicher und schwoll zu einer Sinfonie des Grauens an. Das Licht wurde dunkler, und Nebelschwaden tauchten auf. Aus ihnen schälten sich Gestalten, die rasch feste Formen annahmen.

Fünf Männer mit blonden Haaren und dichten Bärten standen plötzlich vor ihnen. Sie waren furchterregend anzusehen. Blutverkrustete Schwerter und Äxte in den klobigen Geisterhänden und ein grausiges Grinsen auf den Lippen deutete an, was den Eindringlingen bevorstand.

Frank starrte, am ganzen Körper zitternd, auf die geisterhaften Erscheinungen, unfähig sich zu bewegen. Hilflos sah er eine schimmernde Klinge auf sich zurasen, die eines der seltsamen Wesen führte. Dumpf fuhr das Schwert in seinen Körper. Blutüberströmt brach der Todgeweihte zusammen und starb.

In diesem Moment löste sich die Starre in Andy. Keuchend rannte er, wie von Furien gehetzt, in den dunklen Gang durch den sie in dieses Gewölbe des Grauens gelangt waren. Kein Lichtfunken erleuchtete seinen Fluchtweg. Andy stolperte mehrere Male, schlug sich Knie und Gesicht blutig, doch er spürte den brennenden Schmerz nicht. Hinter sich hörte er hohnvolles Gelächter, das sich hundertfach an den Wänden brach.

Das ist doch nicht möglich?, dachte er voller Panik, und doch wusste er, dass alles furchtbare Wirklichkeit war.

Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Schwärzeste Finsternis umhüllte ihn, doch er hetzte, so schnell er konnte, weiter. Bis tief ins Mark traf ihn der Schreck als ein grünes Wabern ihm den Weg versperrte. Wie erstarrt hielt er inne.

Aus, vorbei!, dachte er.

Das Licht wurde intensiver und verdichtete sich in Türkisblau, dann in ein helles Grün. Andys Nerven waren am Ende. Wie ein Irrer begann er zu lachen. Seine Stimme schwoll zu einem Kreischen an. Der junge Mann bekam einen flackernden, unsteten Blick, raufte sich die Haare und rannte mit dem Kopf gegen die nahe Wand des schmalen Ganges. Erst als das Blut ihm über Stirn und Wangen lief, wurde er ruhiger.

Der Irrsinn hatte den Geist des jungen Mannes erfasst. Der mächtige Hieb der Geistergestalt, die sich ihm genähert hatte, war eine Erlösung für den Gequälten.

Sein Körper schlug auf den feuchten Boden auf.

Im selben Moment verblassten die fünf Erscheinungen aus der Vergangenheit und verschwanden im Nichts. Nur ein nerventötendes Lachen aus rauen Kehlen tönte noch minutenlang in den unterirdischen Gängen und Räumen der alten Burgruine nach.

 

 

3. Kapitel

 

Ein greller Blitz zerriss für Bruchteile von Sekunden die einbrechende Dämmerung. Gleißendes Licht flutete über das Hochland von Schottland. Roger McNeal schloss geblendet die Augen und hob den linken Unterarm vor seine Augen. Fast mechanisch trat er auf die Bremse seines kleinen Wagens, eines dunkelroten Morris Cooper.

»Verflucht noch mal!«, wetterte er unbeherrscht, als er merkte, dass der Wagen ins Schleudern geriet und ruckartig zum Stillstand kam.

Der Blitz hatte McNeal für kurze Zeit geblendet. Das instinktive Betätigen der Bremse, das durch den Schreck ausgelöst worden war, war stärker ausgefallen, als beabsichtigt. Das Ergebnis: der Wagen steckte im Straßengraben.

»Zum Teufel!«, presste McNeal wütend einen neuen Fluch zwischen den Lippen hindurch.

Missmutig betrachtete er, als er ausgestiegen war, das Malheur. Die Reifen der Fahrerseite steckten tief im Morast des Grabens. Ohne fremde Hilfe würde sich der Wagen keinen Zoll bewegen lassen.

McNeal, ein großer, kräftiger Mann von sechsunddreißig Jahren fluchte ein weiteres Mal. »Weit und breit kein Haus, und ich sitze mit der Karre…!«

Krachender Donner zerriss die Stille und rollte von Nord nach Süd. Ein weiterer Blitz zuckte und erhellte die Landschaft mit gleißendem Licht.

McNeal schaute sich um. Überall trostlose Einsamkeit und am Himmel drohende Regen und Gewitterwolken. Die Dämmerung nahm immer stärker zu und verwischte allmählich die Konturen der umliegenden Hügel.

»Was nun?«, fragte sich der Schotte.

»Bis Black Village sind es mehr als zehn Meilen, und bis Ghestbury werde ich mir wohl auch noch einige Blasen laufen.«

Gleichmütig zuckte er mit den Schultern, als sei ihm alles egal. Roger McNeal war in seinem Dorf dafür bekannt, dass er sich schnell aufregte, sich aber genauso rasch einer neuen Situation anpasste. Sorgfältig schloss er die Türen seines Morris ab, schlug fast zärtlich auf das Dach seines Wagens und machte sich auf den weiten Marsch durch die Dunkelheit.

Mary wird sich Sorgen machen, wenn ich bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht zurück bin, dachte er. Er wusste, dass seine Frau sich ängstigte, wenn er nicht pünktlich ankam. Mit weitausholenden Schritten strebte er nach Norden. Ebene Flächen, düster wirkende Hügel und Felsen säumten seinen Weg.

Misstrauisch spähte der Mann zum Himmel empor. Schwarze Wolken wälzten sich immer näher. Die Blitze zuckten häufiger, und das Krachen und Rollen folgte in stets kürzeren Abständen. Das Unwetter näherte sich mit unaufhaltsamer Schnelligkeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es über das Land hereinbrach und seine entfesselten Gewalten entlud. Aus der Dämmerung entstand tiefste Finsternis, als die nachtschwarzen Gewitterwolken heran waren. Wie aus heiterem Himmel tobte ein mächtiger Sturm, der McNeal völlig unerwartet traf und ihn fast umriss.

Die Wolken ergossen ihre Wassermassen auf die Erde nieder, als wollten sie alles Leben ersäufen.

Fast schmerzhaft peitschte der Wind dem Mann den kalten Regen ins Gesicht, und der Sturm nahm dem Schotten fast den Atem.

Wäre ich nur beim Wagen geblieben, dachte er voller Grimm. Seine dichte Felljacke vermochte nur für kurze Zeit die Nässe und Kälte von ihm fernzuhalten.

 

 

4. Kapitel

 

Zwei Stunden vergingen, ohne dass das Unwetter aufhörte. Nur gelegentlich ließ es etwas nach, um wenig später mit unverminderter Kraft wieder zu toben.

McNeal, der ohne Unterlass gegen Sturm, Regen und Kälte ankämpfte, kam seinem Ziel immer näher. Erschöpft und bis auf die Haut durchnässt kämpfte er sich weiter.

Noch die nächste Wegbiegung, und die ersten Lichter von Ghestbury kommen in Sicht, dachte er erleichtert. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er nieste laut auf. Die Erkältung, die er sich bei diesem Wetter geholt hatte, meldete ihre ersten Vorboten.

Schon seit Stunden umgab ihn Dunkelheit, und kein Sternfunken drang durch die dichte Wolkendecke. Nur schlecht vermochte er den Weg zu erkennen, doch die asphaltierte Straße führte genau durch das Dorf, sodass er sich nicht verirren konnte. Den Kragen hochgeschlagen und den Kopf eingezogen, eilte der Mann fröstelnd weiter.

Ein helles, melodisches Singen ließ ihn aufhorchen. Lauschend blieb er stehen. Irritiert sah er sich um. Um ihn herum war nur Dunkelheit, doch er bemerkte, dass Sturm und Regen mit einem Schlag aufhörten.

Eine Weile blieb er noch horchend stehen, dann ging er weiter, denn das seltsame Singen war wieder verstummt.

Du beginnst schon zu phantasieren, beschimpfte er sich selbst. Gewiss hast du Fieber. Frierend schüttelte er sich während er auf die Wegbiegung zuschritt.

Mit dem Blick auf den Asphalt gerichtet, erreichte er sie, doch als er aufsah starrte er verwirrt nach Norden. Wo waren die Lichter des Dorfes?

Es war unmöglich, dass er sich irrte. Gaukelte das vermeintliche Fieber ihm etwas vor? Im gleichen Moment kam ihm die Erleuchtung. Es war schon spät, fast Mitternacht, und im Dorf ging man früh zu Bett.

Mary wird wohl auch schon in den Federn liegen und schlafen, dachte er bei sich. Ein Knacken zu seiner Linken ließ ihn herumfahren. Er versuchte, die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen, doch es gelang ihm nicht. Ein Miauen irgendwo im Gebüsch entlockte ihm ein erleichtertes Seufzen. Seit kurzem ergriff ihn eine ungewöhnliche Unruhe und Nervosität, und er wusste nicht, warum.

»Verrückter, hast schon Angst vor einer streunenden Katze«, schalt er sich. Als er seinen Blick erneut nach Norden wandte, glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Auf dem Hügel, vor dem das Dorf Ghestbury lag, flammte ein grünliches, schwaches Licht. Deutlich hoben sich die Ruinen von diesem Licht ab, das sich langsam ausdehnte und der Ebene näherte.

»Die Geister von Desmore Castle!«, zuckte es in McNeals Gehirn, und ein eiskalter Schauer lief über seinen Rücken. » Das Licht kommt von der Ruine! Mein Gott, hilf!« Mit gehetztem Blick suchte er nach einem Versteck, um dem nahenden Unheil zu entgehen.

Der Schotte zitterte am ganzen Körper, doch nicht die Kälte – Todesangst hatte ihn ergriffen.

Das Licht gleißte lautlos heran, das helle Singen erklang wieder und wurde von Minute zu Minute lauter.

Ein Entsetzensschrei entrann McNeals Kehle.

Vielstimmiges Hohngelächter, das als Echo zurückkam, trieb ihn in Panik. Er wollte zu laufen beginnen, weg von dem Furchtbaren, was ihm drohte, weg von dem geisterhaften Licht, das den Tod brachte. Keinen Zentimeter konnte er sich trotz der größten Anstrengung bewegen. Eine geheime Macht hielt ihn fest.

McNeal starrte, wie im Boden verankert, auf das nahende Verderben, das wie eine Schlange näher kroch. Oft schon hatten alte Bewohner von Ghestbury über die Legende der Geisterwesen von Desmore Castle erzählt. Nie hatte er daran geglaubt, sondern nur amüsiert gelächelt, wenn die Alten mit erhobenen Zeigefingern vor dem Fluch warnten.

Nun erlebte er selbst das nie für möglich gehaltene grausige Phänomen. Er fühlte, wie sich eisige Todesfurcht in ihm breitmachte. Seine Knie begannen zu schlottern, und kalter Schweiß brach ihm aus.

»Oh, Gott!«, flüsterte er gequält und schloss verzweifelt die Augen.

Plötzlich war das Licht heran und verdichtete sich zu einer dunkelgrünen Masse, von dichten Nebelschwaden umflossen. McNeal erkannte erste Konturen schemenhafter Gestalten, die wieder wie hinter einem Schleier zerflossen und sich neu bildeten.

Der Magen des Mannes verkrampfte sich schmerzhaft, und dicke Schweißperlen rannen ihm von der Stirn. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete er den Nebel.

Ohne sein Schicksal abwenden zu können, starrte er auf die schreckliche Verwandlung. Langsam schälten sich Gestalten aus den Schwaden. Fünf hochgewachsene Männer mit blonden Haaren, dichten Bärten und narbenübersäten Gesichtern grinsten ihn böse an. In ihren Händen hielten sie lange Schwerter, die seltsam funkelten, obwohl weder Mond noch Sterne leuchteten.

Ihre Gestalten waren in weite, tunikaartige Gewänder gehüllt, die mit ledernen Gürteln gehalten wurden. Die Füße steckten in felligen, halbhohen Stiefeln. Sie wirkten allesamt abgerissen, und viele Wunden und Schrammen auf ihren Körpern erweckten den Eindruck, als kämen sie gerade aus einer Schlacht.

Um sie herum leuchtete, nachdem ihre Gestalten vollkommen materialisiert waren, wieder zartes, grünes Licht. Die geisterhaften Wesen lachten laut und rau. Einer von ihnen erhob energisch die linke Hand, und die anderen verstummten.

»Sei gegrüßt, Erdenwurm!«, höhnte das Wesen und kam näher.

Trotz seiner Furcht, die ihm fast den Verstand raubte, erkannte McNeal, dass der Sprecher der Wikinger noch sehr jung war.

Warum fallen sie nicht über mich her und töten mich?, dachte er und schöpfte im letzten Winkel seines Gehirnes neuen Mut.

Der Wikinger schien seine Gedanken erraten zu haben. »Glaube nicht, dass du den nächsten Tag erleben wirst«, zischte er drohend. Die Stimme des Geistes klang, als käme sie aus einer tiefen Gruft.

»Was habe ich euch getan?«, fragte McNeal verzweifelt, immer noch unfähig, sich zu bewegen.

Die Antwort, die der Wikinger gab, war knapp. »Jeder, der sich uns in den Weg stellt, ist des Todes! Zwei törichte Menschen haben den Bann von dem Fluch genommen … Wir sind wieder frei und können unser Werk vollenden!«

»Nicht ich, sondern ihr habt euch in den Weg gestellt«, antwortete der Schotte trotzig.

Er bemerkte in seiner Angst nicht, dass seine Antwort der Situation Hohn sprach.

»Dein Blut wird einen Teil der Schande fortwischen. Das Land wird wieder erzittern vor der Macht des Björn Erikson. Der Fluch wird euch alle treffen. Die Schmach wird nicht eher fortgewischt sein, bis die Köpfe aller Schotten im Sand rollen. Erst dann können wir die ewige Ruhe finden.«

»Lasst mich in Frieden, ihr Satansbrut!«, schrie McNeal voller Todesqual.

Die geisterhaften Gestalten weideten sich an der Angst des Menschen. Ihr Gelächter klang rau und grauenvoll wie das Fauchen eines wilden Tieres.

»Nein, nein!«, kreischte der Schotte in schrillen Tönen. Seine Stimme überschlug sich fast, als der Sprecher der Wikinger langsam und drohend mit erhobener Waffe auf ihn zukam.

»Geh weg, du Untier! Lass mich in Ruhe!«, heulte er ein letztes Mal und riss die Arme schützend hoch, doch die Abwehrreaktion kam zu spät.

Zischend sauste die breite Klinge nieder und spaltete dem Menschen den Schädel. Einen grässlichen Schrei ausstoßend, brach der Schotte zusammen und starb noch in derselben Sekunde.

 

 

5. Kapitel

 

»Eine verdammt trostlose, öde Gegend«, sagte Harry Brannon zu sich selbst und blickte sich flüchtig um, während er seinen Wagen über die holprige Landstraße lenkte. Seit langem schon war ihm kein Mensch mehr begegnet.

»Komisches Volk, die Schotten! Benehmen sich, als versteckten sich überall Geister und Dämonen, Hexen und Werwölfe, die ihnen an den Kragen wollen.«

Harry grinste breit und schüttelte den Kopf, als er an den Vorfall vor wenigen Stunden dachte.

Im letzten Dorf hatte man sich tatsächlich benommen, als käme jeden Moment ein Geist, um sie zu vernichten. Im Gasthaus, wo er mittags gespeist hatte, wollte er Näheres über die seltsamen Ereignisse der letzten Wochen im nahen Ghestbury erfahren. Das Ergebnis war alles andere als berauschend gewesen. Man hatte ihn daraufhin behandelt, als habe er die Pest. Ihm war nichts übrig geblieben, als die Ortschaft schnellstens zu verlassen.

Die Beulen in der Karosserie seines Wagens zeigten, dass er gut daran getan hatte.

Zu guter Letzt hatte er sich noch gewaltig verfahren und fuhr nun schon seit einigen Stunden durch die Gegend. Seit Kurzem befand er sich endlich auf der Straße nach dem geheimnisvollen Ghestbury.

»Abergläubisch sind sie auch!«, schimpfte er noch im Nachhinein. »Parker hätte sich auch einen anderen für seinen Artikel über den schottischen Aberglauben suchen können.«

Schon jetzt verfluchte er seinen Redakteur, der ihn in diese gottverlassene Gegend geschickt hatte. Flüchtig schaute er wieder ab und zu durch das rechte Seitenfenster auf die grünbraunen Hügel, über die tiefliegende, schwere Regenwolken nach Osten segelten. Der Motor des Wagens surrte leise und gleichmäßig vor sich hin.

An der nächsten Wegbiegung kam das Dorf Ghestbury in Sicht. Die kleinen Häuser aus zum größten Teil rotem Backstein standen zumeist entlang der Dorfstraße. Dahinter erstreckten sich kleine, gepflegte Gärten. Ziemlich am Ende lagen ein winziger, fast rechteckiger Marktplatz und dahinter ein zweistöckiges Haus. Das Gebäude musste wohl das Rathaus sein.

Ein protziger Bau für solch ein winziges Nest, dachte Brannon. Er bog in eine der wenigen Seitenstraßen ein, trat, als er einen älteren Mann vor einem Haus sitzen sah, auf die Bremse und stieg gemächlich aus.

Der Alte betrachtete ihn missmutig und sog gelassen an seiner Pfeife.

»Guten Tag, Sir!«, begrüßte Brannon den Mann freundlich. »Können Sie mir sagen, wo ich das Gasthaus finde?«

Der Alte antwortete nicht, sondern blies genüsslich den Rauch durch die Nase. Ohne ein Wort zu sprechen, bequemte er sich schließlich, mit dem Daumen über die Schulter zu zeigen.

Brannon bedankte sich freundlich, obwohl er sich über das unhöfliche Benehmen des Mannes ärgerte.

Er stieg in seinen Wagen, wendete und fuhr die Hauptstraße wieder zurück. Einige Häuser weiter kam er an eine kleine Nebenstraße. Er bog ein und fand ziemlich am Ende das kleine Gasthaus.

Gelassen stieg er aus öffnete den Kofferraum und entnahm ihm eine Reisetasche. Mit schnellen Schritten überquerte er die schmale Straße und trat durch die geschnitzte Holztür in den Schankraum.

Er sah sich flüchtig um. In einer Ecke saßen auf einfachen Stühlen einige Männer und unterhielten sich gedämpft. Als er eintrat, verstummten sie und beäugten ihn forschend und misstrauisch.

Brannon ließ sich nicht beirren. Gelassen schweifte sein Blick durch den Raum. Er war mit Holz an Decke und Wand getäfelt und gab ihm ein Gefühl von Wärme und Gemütlichkeit, obwohl Tische, Stühle und Theke aus einfachem Material bestanden. Dass in diesem Haus Sauberkeit und Ordnung herrschten, konnte man nicht übersehen.

Der Wirt, ein schwergewichtiger Glatzkopf, nickte ihm freundlich, aber reserviert zu und fragte: »Womit kann ich Ihnen dienen, Mister?«

»Haben Sie ein Zimmer für mich?«, erkundigte sich Brannon und stellte die schwere Reisetasche ab.

»Selbstverständlich! Das Zimmer kostet mit einem guten Frühstück ein Pfund pro Nacht. Es hat sogar eine Dusche.« Der Stolz in der Stimme des Dicken war nicht zu überhören.

Brannon nickte lächelnd. »Würden Sie es mir bitte zeigen?«

Die Schweinsaugen des Wirtes blitzten freundlich. Es schien, dass er nicht viele Gäste zu dieser trostlosen Jahreszeit hatte.

Mit unbeholfenen, langsamen Bewegungen seines massigen Körpers bewegte er sich auf die Treppe zu. Sie führte vom Ende des Schankraumes zur ersten Etage, wo die Gästezimmer lagen.

Stöhnend begann er den Aufstieg, und Brannon folgte ihm. Trotz der Atemnot ließ es sich der Wirt nicht nehmen, einiges über den neuen Gast in Erfahrung zu bringen.

»Haben Sie vor, länger zu bleiben?«, fragte er keuchend.

»Ich weiß nicht«, antwortete Brannon bereitwillig. »Ich bin zwar nur auf der Durchreise, doch vielleicht bleibe ich etwas länger als geplant. So eine Art Kurzurlaub, wissen Sie! Ich komme aus London und bin auf dem Weg nach Glasgow. Da ich einige Tage in meiner Firma freigenommen habe, will ich in der Freizeit einen Freund besuchen«, log er, um die Neugierde, die vielen Dörflern zu eigen war, zu befriedigen. Den wahren Grund seiner Ankunft wollte er noch verschweigen.

Der Wirt hörte gespannt und interessiert zu und gab sich mit dem ausführlichen Bericht seines Gastes zufrieden.

Oben angelangt, steuerte der Wirt eine der gelblackierten Türen an und schloss sie mit einem großen Schlüssel auf. Anschließend öffnete er sie und trat beiseite.

»Ich hoffe, Sie sind zufrieden?«, fragte er unsicher, als habe er Angst, Brannon könne Unmutsfalten bekommen.

Das Zimmer war einfach, aber sauber, wie Brannon auf den ersten Blick erkannte.

»Ja danke!«, antwortete er gelassen und trat ein. »Wann kann ich bei Ihnen etwas essen?«, erkundigte er sich schnell, bevor der Wirt die Tür schloss.

»Um sechs Uhr, also in einer Stunde, gibt es Abendbrot«, erwiderte der Dicke.

»Okay! Dann werde ich rechtzeitig wieder unten sein.« Brannon stellte die Reisetasche auf den Boden und zog seine Lederjacke aus.

Der Wirt sah darin ein Zeichen, dass der Gast keine Frage mehr hatte, und zog die Tür von außen zu.

»Na, dann viel Spaß, Harry! Die Begrüßung in diesem Dorf war ja etwas freundlicher als im letzten Ort zur Mittagszeit. Bisher keine Aktivitäten der Bewohner und ein freundlicher Wirt. Aber was nicht ist, kann noch werden.« Bei der ersten Frage nach den Geistern konnte wieder die Hölle los sein. Der Reporter entschloss sich, vorsichtig vorzugehen, um etwas von den Dörflern zu erfahren.

Wohl war ihm trotzdem, wie er sich ehrlich eingestand, nicht in seiner Haut. Er war mit Leib und Seele Journalist doch irgendetwas beunruhigte ihn seit dem Vorfall am Mittag. Bevor er die erste Zeile des zu schreibenden Artikels zu Papier gebracht hatte, verwünschte er den Auftrag seines Redakteurs.

»Irgendetwas stimmt nicht mit den Morden, die seit vier Wochen in dieser Gegend geschehen. Irgendjemand tötet hier unter dem Mantel des Aberglaubens. Wer weiß, wo ich da hineingerate.«

Er entkleidete sich und trat in das kleine Badezimmer, das sich neben dem Schlafraum befand. Erst nach einer halben Stunde verließ er die Dusche und trat wieder ins andere Zimmer.

Nachdem er eine Hose, ein Wollhemd und die schwarze Lederjacke angezogen hatte, verließ er das Zimmer, schloss es sorgfältig ab und ging in den Schankraum hinunter.

Der Raum hatte sich etwas gefüllt. An den Tischen in der Ecke saßen mehrere Einheimische, an einem Tisch in der Nähe der Theke ein Ehepaar mit zwei Kindern – Durchreisende – wie Brannon sie einstufte. An zwei anderen Tischen spielten Einwohner des Dorfes lauthals Karten.

»Geben Sie mir einen Whisky«, bat der Reporter den Wirt hinter dem Tresen. Dieser kam der Bitte eilig nach und schüttete ein Glas fast halbvoll mit der braungoldenen Flüssigkeit.

Brannon dankte, setzte das Glas an die Lippen und ließ den Whisky durch die Kehle rinnen. Genüsslich mit der Zunge schnalzend, setzte er das Glas wieder ab und lobte: »Ein herrlicher Trunk! Etwas anderes als das, was man manchmal in London vorgesetzt bekommt.«

»Sie sind im Land des Whiskys, Sir!«, gab der Wirt stolz lächelnd zu bedenken.

Brannon sah seine Chance. Mit lässiger Geste griff er erneut nach dem Glas und meinte andächtig: »Ja, wir sind im Land des Whiskys … und der Geister.«

Die Reaktion des Wirtes auf den fast belanglos dahingesagten Satz war verblüffend. Die Flasche, die er in seiner fetten Hand hielt, fiel polternd zu Boden und zersprang in tausend Splitter. Der Inhalt ergoss sich über die Holzdielen und hinterließ einen dunklen, hässlichen Fleck.

Brannon, der sein Glas an die Lippen setzen wollte, hielt erstaunt in der Bewegung inne und musterte den Wirt interessiert. Das hatte er nicht erwartet.

Bei ihm muss ich ansetzen, dachte er insgeheim, während er überrascht fragte: »Ist Ihnen nicht gut, Mister?«

Das Gesicht des Dicken verlor seine rosige Farbe und wechselte in unnatürliches Weiß. Schweißperlen traten auf Gesicht und Glatze und perlten die Haut hinab. Der Körper wurde wie im Fieber geschüttelt. Die Einheimischen waren zum Teil aufgesprungen und kamen an die Theke.

»Was ist mit dir, John?«, fragte ein grobschlächtiger Mann mit kariertem Hemd den Wirt.

Der Dicke öffnete die wulstigen Lippen, aber kein Wort kam aus seinem Mund.

»Verdammt, gib Antwort, John! » knurrte der Grobschlächtige unwirsch und fasste den vor Angst Schlotternden an den Schultern.

»Nichts … nichts!«, stammelte der Wirt. »Nur … ein … ein … Schwächeanfall! Wahrscheinlich das Herz!« Endlich kam er wieder zu sich, wie Brannon bemerkte. Die Angst fiel allmählich von ihm ab, und er blickte den Journalisten scheu und doch irgendwie feindselig an, sprach aber kein Wort.

Die anderen Männer setzten sich wieder an ihre Tische, und auch die Durchreisenden, welche die Szene neugierig beobachtet hatten, widmeten sich wieder ihrem Essen.

»Ich wollte Sie natürlich nicht erschrecken«, entschuldigte sich Brannon, konnte die Ironie in seiner Stimme aber nur schwer unterdrücken.

Der gutmütig wirkende Wirt zischte böse: »Lassen Sie Ihre Entschuldigungen!«

Seine kleinen Augen, die von Fettpolstern fast verdeckt waren, blitzten feindselig auf.

Brannon hielt dem Blick seines Gegenübers stand und lächelte freundlich. Wütend schnaufend wandte sich der Wirt ab und verschwand hinter einer Tür, die wohl zur Küche führte.

Der Reporter nahm sein Glas und setzte sich an einen leeren Tisch direkt ans Fenster. Gedankenverloren blickte er nach draußen.

Seit einiger Zeit schon dämmerte es stark. Dunkle Wolken wälzten sich über den Abendhimmel, doch noch fiel kein Regen.

Irgendetwas stimmt hier nicht!, wiederholte sich Brannon innerhalb weniger Sekunden. Warum war der Wirt allein bei dem Wort Geister schon einem Herzanfall nahe?

So sehr er auch grübelte, ihm fiel keine passende Erklärung ein. Eins aber hatte der Vorfall endgültig bewirkt; Harrys Neugierde war geweckt. Er würde nicht eher ruhen, bis er dem Geheimnis auf der Spur war.

Was hatte noch mal in dem Artikel des ›Daily Mirror‹ gestanden? »Seit mehr als vier Wochen geschahen wie im vorigen Jahr zur gleichen Zeit rätselhafte und grausame Morde in der Nähe von Ghestbury. Ein gewisser Roger McNeal war in diesem Jahr das erste Opfer gewesen, das man mit gespaltenem Schädel nach einer Sturmnacht auf der Landstraße gefunden hatte. Seitdem waren mehr als vier Menschen getötet und verstümmelt worden.« Die Polizei stand wie bereits im letzten Jahr vor einem Rätsel. Keine Spuren, keine Anhaltspunkte. Einfach nichts. Es gab weder Zeugen noch Verdächtige und auch keine Verbindung zwischen den Opfern, die vielleicht zu einer Spur geführt hätte.

»Der Mörder muss trotzdem in diesem Dorf wohnen«, war Brannon überzeugt. Die auftauchende Gestalt, die neben ihn trat, riss ihn aus seinen Gedanken.

Der Wirt stellte ihm eine Platte mit Schinken auf den Tisch und entfernte sich wieder mit unwilligem Brummen. Brannon aß mit gesundem Appetit und vergaß für die Zeit des Mahles, warum er in dieser Ortschaft war. Als er sich das letzte Stück Schinken in den Mund geschoben hatte, griff er nach dem Glas Whisky und leerte es mit einem Zug. Anschließend entnahm er seiner Lederjacke eine Schachtel Zigaretten und zündete sich eines der Stäbchen mit seinem silbernen Feuerzeug an.

Mit sich selbst zufrieden lehnte er sich zurück und blies Rauchringe in die Luft. Draußen begann es heftig zu regnen. Dicke Tropfen prasselten gegen die Fensterscheibe.

Brannon fühlte eine wohlige Müdigkeit in sich aufsteigen und beschloss sein Zimmer aufzusuchen. Gemächlich stand er auf, drückte den Zigarettenstummel im Kristallaschenbecher aus und steuerte die Treppe an.

Er spürte stechende, bohrende Blicke in seinem Rücken, doch es kümmerte ihn nicht weiter. Für heute hatte er schon so viel erlebt, dass ihn wohl nichts mehr so leicht erschüttern konnte.

Lässig sprang er, zwei Stufen auf einmal nehmend, ins erste Stockwerk und ging auf sein Zimmer. Gewissenhaft schloss er es ab, denn er war misstrauisch geworden. Den Bewohnern dieses Landstriches traute er alles zu. Er hatte es schon mittags in der anderen Ortschaft zu spüren bekommen.

Seufzend und voll bekleidet warf er sich aufs Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Grübelnd starrte er noch einige Minuten zur Decke, dann übermannte ihn der Schlaf.

 

 

6. Kapitel

 

»Was ist das für ein komischer Vogel?«, fragte einer der Einheimischen den Wirt, als Brannon den Gastraum verließ.

»Ich weiß nicht. Er erzählte mir, er sei nur auf der Durchreise und wolle vielleicht einige Tage hier bleiben. Ich glaube ihm aber nicht. Eines ist klar. Er will herumschnüffeln, denn er fragte nach …«

Den Männern wich die Farbe aus dem Gesicht, und mancher von ihnen schluckte schwer, griff hastig nach seinem Glas und schüttete den Schnaps in sich hinein, als wolle er etwas ertränken.

»Wehe uns, die Geister von Desmore Castle werden uns strafen!«, heulte einer von ihnen, ein kleines Männchen mit Nickelbrille und grauem Haar, entsetzt.

Ein Schlag ins Gesicht ließ ihn verstummen. Der Mann, der zugeschlagen hatte sah sich ängstlich um und fauchte mit gedämpfter Stimme, als wolle er nicht, dass die Geister, vor denen er sich fürchtete, ihn verstanden: »Halt dein Maul! Willst du unser Dorf noch mehr ins Verderben stürzen?«

»Lassen wir die Wikinger die Tat vollbringen. Ist der Fremde ein Schnüffler, wird er gewiss auch die Burgruine aufsuchen. Vielleicht geben sich die Geister mit dem Opfer endgültig zufrieden und verschonen uns in Zukunft«, beruhigte einer von den Männern die anderen.

Die törichte Rederei fand bei den Einheimischen Anklang, nur der Wirt war nicht überzeugt.

»Glaubst du wirklich?«, fragte er unsicher den Mann, der den Rat gegeben hatte.

»Aber sicher«, bestätigte der andere, doch es klang alles andere als überzeugend.

Der Wirt fühlte sich elend, wenn er nur an die Ruine dachte, die im Westen des Dorfes in den Himmel ragte. In seinem Hals schien ein Kloß die Luft abzudrücken. Angst, nackte Angst durchströmte ihn bis in die letzte Faser seines fleischigen Körpers.

Als er wieder hinter die Theke trat, nachdem er eine Runde Whisky serviert hatte, schüttete er ein Glas bis zum Rand mit Alkohol voll und leerte es in einem Zug.

»Wann ist der Spuk endlich zu Ende?«, flehte er innerlich und sah zur Decke, als spräche er mit dem Unendlichen.

Tiefste Dunkelheit herrschte im Zimmer, als Brannon erwachte.

Für Sekunden, die Zeit zwischen Schlaf und Erwachen, wusste er nicht, wo er sich befand. Erst langsam kam die Erinnerung.

Gähnend blickte er auf seine Armbanduhr. Halb eins zeigten die grünleuchtenden Zeiger. Instinktiv griff er zum Nachttisch, wo sonst seine Zigaretten lagen, doch knurrend erinnerte er sich daran, dass sie sich in der Lederjacke befinden mussten. Gemächlich richtete er sich auf, knipste das Licht an und kniff geblendet die Augen zu. Es dauerte eine Weile, bis er sich an das Licht der starken 100-Watt-Birne gewöhnt hatte.

Etwas nervös fingerte er die Schachtel aus der Jackentasche, entnahm ihr eines der filterlosen Stäbchen und zündete es an. Genüsslich sog er den Rauch in seine nikotinverseuchten Lungen.

Achtlos steckte er Schachtel und Feuerzeug in die Brusttasche seines Hemdes und schritt zum Fenster. Gedankenverloren blickte er in die sternenlose Nacht. Sein Zimmer lag nach Westen und kein anderes Haus verhinderte die Sicht. In der Dunkelheit erkannte er einen Hügel, auf dem sich altes Gemäuer gegen den etwas helleren Himmel abhob.

Wird wohl Desmore Castle sein, dachte der Reporter. Bevor er sich auf den Weg nach Ghestbury gemacht hatte, hatte er sich genau über Land und Leute informiert. Unter anderem hatte er auch etwas über die Burg gelesen, doch es war mehr als spärlich gewesen. Er wusste lediglich, dass die Festung im 10. Jahrhundert von normannischen Heerscharen vernichtet worden war.

Als sein Blick ein weiteres Mal über die Ruine glitt, stutzte er. Verdutzt rieb er sich die Augen, doch das, was er sah, blieb Realität. Ein grünes Licht leuchtete schwach über dem Burgrelikt und wurde immer intensiver.

Brannon sprang zum Schalter. Das Licht erlosch. Er riss das Fenster auf und starrte verwundert auf den Hügel, wo das Licht waberte.

Was kann das nur sein?, dachte er erstaunt, fand aber keine Erklärung.

Reporterneugier machte sich in ihm breit. Entschlossen griff er nach seiner Lederjacke, drückte die Zigarette, die zwischen seinen Lippen geglüht hatte, auf dem äußeren Fensterbrett aus und schnippte sie lässig nach draußen. Leichtfüßig schwang er sich aus dem Fenster und trat vorsichtig auf das flache Dach vor seinem Zimmer. Von hier aus war es einfach, auf die Straße zu gelangen.

Mit elegantem Sprung gelangte er in die Tiefe und federte gelassen nach, als er den Asphalt unter den Sohlen fühlte.

Das Licht nicht aus den Augen lassend, lief er in Richtung Hügel.

 

 

7. Kapitel

 

Die Frau zerrte weinend und voller Verzweiflung an der Jacke ihres Mannes. »Bleib hier, Adam, bitte!«, flehte sie schluchzend. »Sie werden dich genauso wie die anderen töten.«

Der Mann, ein großgewachsener, hagerer Enddreißiger mit vollem schwarzem Haar, löste mit sanfter Gewalt die kleine Faust seiner Frau, die sich in den Stoff seiner Jacke verkrallt hatte. »Mary, ich bitte dich, sei vernünftig. Du weißt, dass ich es wagen muss. Viele Menschen mussten schon sterben. Ich aber weiß mehr über die Geister von Desmore Castle als alle Einheimischen zusammen. Vielleicht gelingt es mir, sie zu vernichten.«

Die Frau sank laut weinend in den großen Sessel am Kamin. Voller Qual schlug sie die schmalen, zartgliedrigen Hände vor das blasse Gesicht. Tränen flossen über ihre Wangen. Weinkrämpfe schüttelten ihren zarten Körper.

Der Mann strich zärtlich, aber unbeholfen über ihr blondes Haar. Es schmerzte ihn, seine Frau leiden zu sehen. Trotz allem stand sein Entschluss fest. »Mir bleibt keine andere Wahl! Es muss getan werden, oder wir sind bald alle Opfer des schrecklichen Fluches«, sprach er mit belegter Stimme.

Entschlossen wandte er sich ab und schritt zur Haustür, als die Stimme seiner Frau ihn zurückhielt.

»Wenn schon keine Macht der Erde dich davon abhalten kann, zur Ruine zu gehen, so soll wenigstens mein Talisman dich beschützen«, sagte sie, öffnete den Verschluss ihrer Kette am Nacken und hing sie um den Hals ihres Mannes.

Dieser betrachtete den Talisman, der aus Gold hergestellt war. Auf der kleinen Münze waren seltsame Zeichen, Striche und Figuren zu sehen, die in das Metall eingestanzt worden waren. McDonald wusste, wie sehr seine Frau an diesem Schmuckstück hing. Es war ein Erbstück ihrer Mutter, die in Norwegen gelebt hatte, und das seit Generationen weitergegeben wurde. Fast zärtlich und behutsam strich er mit dem Zeigefinger über die Münze.

»Ich danke dir, Mary!«, flüsterte er ergriffen und öffnete zwei der obersten Knöpfe seines Hemdes. Das kalte Metall passte sich schnell der Körpertemperatur des Menschen an.

Mit sicheren, energischen Schritten näherte sich Adam McDonald dem Fuß des Hügels. Hier blieb er das erste Mal stehen und starrte zu den Burgtrümmern hinauf. In seinen Augen flackerte es unruhig.

»Soll ich es wirklich wagen, und mein Leben aufs Spiel setzen?«, fragte er sich voller Zweifel und erschrak vor seiner eigenen Stimme.

Wochenlang hatte er sich mit den seltsamen Morden und dem rätselhaften Licht, das, bevor die Menschen starben, aufgetaucht war, beschäftigt. Mit Ausdauer und Hartnäckigkeit hatte er über den Bürgermeister, den er überlistet hatte, Einsicht in die wohlbehütete Chronik der Ortschaft erhalten und vieles darin entdeckt. Sollte er jetzt, fast am Ziel seiner Erforschungen, einen Rückzieher machen, weil ihn die Angst übermannte? Nein! Er musste das Wagnis auf sich nehmen. Zu viele Leute des Dorfes, in das er vor drei Jahren gezogen war, um sich in der Abgeschiedenheit des schottischen Hochlandes seiner Tätigkeit als Schriftsteller zu widmen, waren Opfer des höllischen Fluches geworden.

Die Ereignisse der letzten Wochen boten Stoff für ein Buch, das alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hätte, doch die Leser würden es als billigen Kitsch abtun und mitleidig über den Autor lächeln. Nur wenige wussten, dass das alles bittere Wahrheit war.

Entschlossen gab er sich einen inneren Ruck und strebte der Ruine entgegen, die unheilverkündend auf der Anhöhe in die Dunkelheit ragte. Als er den ersten Steinquader, der herumlag, erreichte, zuckte er erschrocken zurück. Im Innenhof der Ruine waberte das grüne Licht, dessen Quelle nirgends zu entdecken war.

So früh hatte er nicht mit dem Auftauchen der Geister gerechnet, doch es gab kein Zurück mehr. Neugierig, aber vorsichtig schlich McDonald näher, auf die schrecklichen Ereignisse, die ihm bevorstanden, innerlich gefasst.

Das wabernde Licht verharrte an einer Stelle, nahe der offenen Holztür.

Ein fast angenehmes Prickeln, als säße er vor einer Kinoleinwand und sehe sich einen Horrorfilm an, strömte über seine Haut. In seinem Innern sprachen zwei Stimmen. Die eine warnte ihn flehend, die andere stachelte ihn an weiterzugehen. Als er keine fünf Meter mehr von der Tür entfernt war, änderte sich zum Entsetzen des Schriftstellers das Bild.

Das Wabern intensivierte sich, ein melodisches Singen drang an sein Ohr und schwoll unheimlich schnell an.

Instinktiv spürte der Mann die nahende Todesgefahr. Fast mechanisch ging er Schritt für Schritt, die Tür immer im Auge behaltend, zurück.

Seine Nackenhaare begannen sich langsam zu sträuben. Angst schlich sich wie eine kalte Hand auf seine Haut.

Das helle Singen wurde schriller und unerträglich. Sein Trommelfell drohte zu platzen, und er presste verzweifelt die Fäuste vor die Ohren.

Der grünliche Nebel, der langsam aus der hölzernen Tür wallte, verdichtete sich und nahm Gestalt an.

»Die Geister der Wikinger!«, murmelte der Schriftsteller ungläubig und voller Entsetzen, als wolle er die Tatsache nicht wahrhaben. Er erkannte erste Konturen, die immer klarer hervortraten. Ein fremder Willen versuchte von ihm Besitz zu ergreifen. Wie ein nasser Lappen tastete etwas nach seinem Gehirn. Instinktiv dachte McDonald an seine Frau, um dem Druck auf seinen Willen zu begegnen. Das Singen wurde immer heller und schriller, und als der Schriftsteller aufblickte, fuhr er zusammen.

Wenige Meter vor ihm materialisierten sich fünf verwegene Gestalten, die aus der dunkelsten Vergangenheit stammten. Wie durch einen Schleier getrennt, kamen sie auf ihn zu. Er sah ihre dichten Bärte das blonde, schulterlange Haar und ihre grobe Kleidung.

Jeder von ihnen trug eine blutverschmierte Waffe – ein nordisches Schwert oder eine mächtige Streitaxt – in der Hand. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich hämisches Grinsen wider, das McDonald erzittern ließ.

Langsam und provozierend kamen die Gestalten näher, die blitzenden Waffen zum tödlichen Schlag erhoben.

»Alles ist nur ein Albtraum«, redete der Mensch sich ein, doch die raue Wirklichkeit riss ihn zurück. Eines der Geisterwesen sprang mit tierischer Gewandtheit vor und ließ das Schwert herabzischen.

Ein einfacher, ungewollter Reflex rettete McDonald das Leben.

Der Streich ritzte nur seine Jacke, und der Stoff zerschnitt.

Im selben Moment trat der Mond hinter der dichten Wolkendecke hervor. Der Talisman auf der Brust leuchtete hell auf.

Eine seltsame Verwandlung ging bei den Wikingern vor sich. Ein Stöhnen und Raunen, erschreckte Schreie und schmerzvolles Kreischen wie aus weiter Ferne, aber laut und deutlich, ertönten. Die Gestalten zogen sich, die Arme wie geblendet vor den Augen haltend, zurück.

Im ersten Augenblick verwirrte die veränderte Situation den Schriftsteller, doch er begriff schnell und handelte.

In Windeseile riss er die Kette vom Hals und hielt sie mit dem Anhänger den unwirklichen und doch vorhandenen Wesen entgegen. Schritt für Schritt wichen die Geister zurück, und McDonald, in dem Glauben, sie besiegt zu haben, wurde übermütig. Immer schneller näherte er sich den Gestalten, die wimmernd vor ihm her stolperten.

Plötzlich, völlig unerwartet für den Schriftsteller, verhüllte eine dunkle Nachtwolke den Mond. Voller Grauen sah der Schriftsteller, dass der Talisman seine Kraft verlor. Grölend kamen die Geister der Verstorbenen wieder auf ihn zu, fremder Wille wollte sich ihm wieder aufzwingen.

Nur mit größter Konzentration und ungeheurer Anstrengung gelang es ihm, der Hypnose zu widerstehen.

»Ihr sollt mich nicht kriegen, ihr Teufelsknechte!«, schrie er verbissen und wandte sich blitzschnell ab. Furchtbare Angst drohte sein Herz zu zerdrücken, als er nach Osten hetzte. Er vermochte die immer stärker aufkeimende Panik nicht mehr zu unterdrücken.

Fast mechanisch lief er in die Dunkelheit hinein. Seine Lungen brannten vor Luftmangel; und er meinte, zentnerweise Blei am Körper zu haben. Todesangst trieb ihn in überstürzter Flucht immer weiter von der Ruine fort, doch er wagte es nicht, sich umzublicken.

Ein kalter Hauch in seinem Nacken sagte ihm, dass die Geister ihm folgten. In seinen Ohren dröhnte grauenvolles Lachen aus vielen Kehlen. Im gleichen Augenblick meinte er, einen fürchterlichen Schlag in den Rücken zu bekommen, und brüllte gellend auf. Das Letzte, was er dachte, war: »Mein Gott, sei gnädig!« Dann schlug er hart mit dem Kopf auf und verlor das Bewusstsein.

 

 

8. Kapitel

 

Brannon sah die Gestalt, die von der Ruine nach Osten lief, und das grüne, geheimnisvolle Licht, das dem Schatten folgte. Kurz darauf drang ein grauenvoller Schrei an sein Ohr.

Das Licht verschwand so rasch, wie es aufgetaucht war, und die Gestalt stürzte zu Boden.

Mit keuchendem Atem hetzte er den Hügel hinauf. Ein Mensch war in Gefahr und brauchte Hilfe. Oben angekommen, sah er eine bewegungslose Gestalt im feuchten Gras liegen. Sie rührte sich nicht.

Die karierte Stoffjacke war wie mit einer scharfen Rasierklinge vom Gürtel bis zum Kragen aufgeschlitzt, wie der Reporter verwundert bemerkte. Über dem Rücken des Menschen lief eine blutige, lange Wunde.

Brannon sah sich suchend um, registrierte aber keinen Menschen, außer sich und dem bewusstlosen oder gar toten Mann. Nur ein seltsames, helles Singen, dessen Herkunft er sich nicht erklären konnte, schwang durch die kalte Nachtluft an sein Ohr. Langsam wurde es leiser und verstummte schließlich.

Sorgenvoll kniete sich der Reporter neben den wie leblos liegenden ins nasse Gras. Behutsam legte er die lange Wunde frei und sah mit Zufriedenheit, dass sie nicht sehr tief war und von selbst zu bluten aufhören würde. Sie glich einer Verletzung, die durch einen spitzen Gegenstand, etwa einem Messer, herrühren konnte. Es sah so aus, als habe man eine scharfe Waffe am Rücken hinuntergeführt und die Haut zerschnitten.

Die Bewusstlosigkeit konnte jedenfalls, wie Brannon meinte, nicht von der Wunde herrühren. Vorsichtig nahm er den Kopf des Ohnmächtigen in beide Hände und hob ihn etwas an.

An der rechten Schläfe erkannte er trotz der Dunkelheit einen Flecken. Der flache Stein im Gras verriet alles. Mit einem leichten Tätscheln gegen die bleichen Wangen des Mannes versuchte er ihn wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Nach einigen Minuten Mühe hatte er endlich Erfolg.

Ein lautes Stöhnen entrann der Brust des Bewusstlosen. Langsam drehte er sich zur Seite, zuckte aber mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen, als die Haut um die Wunde sich spannte.

Noch immer hielt er die Augen geschlossen, als befände er sich noch im Land der Träume. Wie in Zeitlupe öffnete er sie nach einiger Zeit. Als die Pupillen den Reporter erblickten und sein Geist Brannon wahrnahm, zuckte der Mann erschrocken zusammen. Der Journalist sah das Entsetzen und die maßlose Furcht auf McDonalds Gesicht.

»Ganz ruhig, Mister! Sie sind in Sicherheit!«, besänftigte Brannon ihn und hielt den Mann an den Schultern nieder.

Der Fremde schien voller Erleichterung zu sein, als er diese Worte vernahm. Seufzend entspannte er sich und sank ins Gras zurück. »Gott sei Dank!«, stammelte er nur und wollte sich auf den Rücken wälzen.

Er schrie vor Schmerz laut auf, als ein heißes Zucken durch seinen Leib lief.

»Sie haben eine lange, aber gottlob harmlose Wunde vom Nacken bis zur Gürtellinie«, erklärte der Reporter. »Wer hat sie Ihnen beigebracht? Sind Sie überfallen worden?«

Der Gefragte antwortete nicht, sondern erhob sich mit verzerrtem Gesicht. »Lassen Sie uns ins Dorf gehen«, sagte er knapp und stolperte unsicher und benommen den Hang hinunter.

Harry Brannon folgte ihm. Er wollte wissen, was der Mann zu dieser Nachtzeit in der Nähe der Ruine gesucht hatte. Vielleicht hatte er auch das seltsame Licht gesehen und konnte ihm eine Erklärung geben.

Mit großen Schritten holte er den Fremden, der den Fuß des Hügels und den Dorfrand erreicht hatte, ein.

»Ich wohne dort in dem kleinen Haus mit dem Vorgarten«, erklärte der Mann, griff in seine Rocktasche und fingerte nach einem Schlüssel.

Er brauchte ihn nicht, denn kaum hatten sie das niedrige Gartentor hinter sich geschlossen, als die Haustür aufgerissen wurde.

Milchiges, helles Licht flutete in breiter Bahn in die Dunkelheit hinaus. Im Türrahmen stand eine zierliche, blonde Frau, die mit erlösendem Schrei auf die Männer zustürzte.

»Adam, Adam!«, rief sie schluchzend. Dann war sie heran, umschlang den Mann und weinte hemmungslos.

Brannon sah diese seltsame Begrüßungsszene mit einiger Verwunderung. Seit er in der Ortschaft verweilte, rissen die Merkwürdigkeiten nicht mehr ab. Ein Wirt, der fast stirbt vor Entsetzen, wenn er nur das Wort Geister hört, das seltsame, unnatürliche Licht, helles, unheimliches Singen, eine Frau, die ihren Mann begrüßt, als sei er von den Toten auferstanden und zu guter Letzt die unfreundliche Verabschiedung aus dem Ort, wo er mittags zu essen gewünscht und wohl zu neugierig gefragt hatte. Der Fremde, der seine Frau sanft in den Armen hielt, riss ihn aus den Gedanken. »Verzeihen Sie, Mister! Treten Sie in mein Haus ein, und ich will versuchen, Ihnen alles zu erklären«, lud er Brannon freundlich ein.

Sein Lächeln, fand der Reporter wirkte etwas gequält. Der Mann musste Schmerzen haben, die er vor seiner Frau zu verbergen suchte.

Im Wohnraum des Hauses, ein gemütlich eingerichtetes Zimmer, angelangt, zeigte der Gastgeber auf einen schweren Sessel. » Setzen Sie sich, Sir!« Brannon folgte der Aufforderung und machte es sich darin bequem.

Im selben Moment schrie die Frau entsetzt auf. Der Mann hatte ihr unbewusst den Rücken zugewandt, und sie hatte die blutige Wunde entdeckt.

»Du blutest ja, Adam«, rief sie erschrocken.

»Nur ein harmloser Kratzer, Darling!«

Wenn Brannon geglaubt hatte, diese Frau sei nur empfindlich und ängstlich, sah er sich getäuscht. Mit fester, resoluter Stimme befahl sie ihrem Mann, sich auf den in der Ecke stehenden Stuhl zu setzen. Sie duldete keine Widerrede. Flink eilte sie in die Küche und kehrte kurz danach mit einer Schüssel heißem Wasser, weißen Tüchern und Mullbinden zurück.

Behutsam und mit der Erfahrung einer Krankenschwester betupfte sie die Außenränder der Wunde und entfernte das verkrustete Blut. Anschließend desinfizierte sie die Wunde mit einem Mittel, sodass der Mann laut aufseufzte.

»Das Zeug brennt wie Feuer!«, beklagte er sich. Brannon grinste.

Am Ende der Prozedur verband die Frau die Verletzung und brachte Schüssel und Verbandszeug wieder in die Küche.

Während der Hausherr sich vorsichtig ein neues Hemd überstreifte, kehrte sie lächelnd zurück. Nur ihre geröteten Augen verrieten noch, dass sie geweint hatte. »Wir hatten noch gar keine Zeit, uns vorzustellen«, bemerkte der Mann. »Verzeihen Sie, dass ich es versäumte. Mein Name ist Adam McDonald und das ist meine Frau Mary.«

»Harry Brannon, Journalist aus London.« Er stand auf und schüttelte die Hände seiner Gastgeber.

»Ihnen habe ich mein Leben zu verdanken, wissen Sie das? Ich stehe in Ihrer Schuld!«, sagte der Hausherr dankbar.

Brannon war verwirrt. »Ich glaube, ich verstehe nicht, was Sie meinen«, antwortete er voller Staunen. »Als ich Sie fand, waren Sie zwar bewusstlos und hatten die Wunde am Rücken, doch von Lebensrettung kann man dabei wohl nicht sprechen.«

McDonald blickte ihn verdutzt an. »Sie haben keinen in meiner Nähe gesehen?«, fragte er ungläubig.

»Nein, Mr. McDonald«, bestätigte der Reporter fest.

McDonald verfiel in einen Zustand tiefster Grübelei. »Warum haben sie mich nicht erschlagen wie die anderen?«, murmelte er vor sich hin.

»Verzeihen Sie, aber ich glaube, es ist an der Zeit, dass mich jemand aufklärt«, forderte Brannon ein wenig unwirsch. Er war es leid, immer nur halbe Sachen zu hören.

McDonald sah ihn mit durchdringendem Blick an und sprach: »Vielleicht werden Sie, wenn ich Ihnen jetzt von einer seltsamen, ja fast irren Geschichte erzähle, glauben, dass wieder mal ein Schriftsteller, wie ich einer bin, übergeschnappt ist. Aber glauben Sie mir! Mein Geist ist so klar wie Ihrer und keineswegs verwirrt.«

Tief Luft holend, begann er mit seiner Erzählung. »Vor knapp drei Jahren zogen wir von Edinburgh in diesen einsamen Ort. Ich suchte Ruhe und Abgeschiedenheit, um meine Bücher schreiben zu können. Hier im schottischen Hochland fand ich sie. Entgegen aller Erwartung kam ich gut zurecht. Die Bewohner waren freundlich und zuvorkommend. Im Herbst des vorigen Jahres es war der 22. Oktober, veränderte sich das friedliche Dorf in einen Ort des Grauens. Menschen kamen auf rätselhafte Weise ums Leben. Die Polizei tappt noch heute völlig im Dunkeln.

Die Bewohner aber schienen etwas zu wissen, doch von ihnen war trotz Strafandrohung nichts zu erfahren. Sie schwiegen ängstlich. In mühsamer Kleinarbeit versuchte ich auf eigene Faust, etwas herauszubekommen.

Ben Catlock, ein kleiner Gauner, der gern einen über den Durst trank, lüftete, als er eine Flasche Whisky in sich hineingeschüttet hatte, einen Teil des Geheimnisses. Er erzählte von mysteriösen Ereignissen, die vor Jahrhunderten auf Desmore Castle geschehen sein sollen. Sein von Alkohol vernebelter Geist sprach von mordenden Geistern und einem gotteslästernden Fluch, der damals die Wesen aus der Hölle zum Leben erweckt hat. Ich glaubte, der Trunkenbold sei nicht mehr richtig im Kopf und ließ ihn lächelnd gehen. Am nächsten Morgen fanden Kinder des Dorfes seinen verstümmelten Leichnam in einem Straßengraben außerhalb der Ortschaft. Er war das dritte Opfer seit dem Tod von Roger McNeal, den man ebenfalls vier Wochen vorher mit gespaltenem Schädel auf der Landstraße gefunden hatte. Mit seinem Tod, es war der 16. September letzten Jahres, hat überhaupt die Mordserie erst angefangen.«

»Wollen sie mir etwa erzählen, Geister und Dämonen seien am Werk?«, unterbrach Harry Brannon lächelnd und griff in seine Jackentasche, zog eine Schachtel Zigaretten heraus und hielt sie dem Erzähler schweigend hin. Dieser winkte dankend ab.

»Oh, entschuldigen Sie! Darf ich überhaupt rauchen?«, fragte Brannon.

»Selbstverständlich! Es macht mir nichts aus. Ich war selbst lange Zeit Zigarettenraucher, doch heute ziehe ab und zu eine Pfeife vor.«

Der Reporter entnahm der Packung eine Zigarette und zündete sie umständlich an. Während er den Rauch zur Decke blies, fuhr McDonald unbeirrt fort. »Im Wirtshaus hörte ich wenige Tage nach Bens Tod ein Gespräch zwischen einigen alten Einheimischen. Auch sie sprachen von Wikingern, deren Geister in den Ruinen hausten. Die Neugier packte mich, und ich ging der Sache auf den Grund.

Unter einem scheinheiligen Vorwand suchte ich den Bürgermeister auf. Mit einem kleinen Trick erhielt ich Einblick in die wohlgehütete Chronik des Dorfes und andere alte Papiere und Dokumente. Was ich dort las, schien aus einem Horrorfilm zu stammen, doch es erhärtete meine Vermutung immer mehr.

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserem Verstand und Wissen nicht zu erklären wissen. Aus diesem Grund stufen wir es als Spinnerei oder Scharlatanerie ein und verschließen unsere Augen vor der Tatsache. Sogar unsere Wissenschaftler verbannen Unerklärliches in den Bereich der sogenannten Parapsychologie. Was nicht mit der heutigen Wissenschaft zu erklären ist, existiert einfach nicht«, ereiferte sich der Schriftsteller.

Brannon lachte innerlich vor sich hin, hörte aber geduldig zu. Angsthasen sind mir ja schon genug in diesem Nest begegnet, dachte er, nun gesellt sich auch noch ein irrer Phantast und Weltverbesserer dazu.

Eine Frage brannte ihm auf der Zunge und er unterbrach daher McDonalds Redeschwall. »Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal Ihre Erzählung unterbreche. Über welche Themen schreiben Sie eigentlich in Ihren Büchern?«

McDonald grinste und antwortete ruhig: »Falls Sie glauben, ich sei Autor von Horrorromanen, muss ich Sie enttäuschen. Ich schreibe Berichte und Bücher über Biologie und Zoologie.«

Brannon sah in diesem Moment nicht gerade intelligent drein. Er hatte fest damit gerechnet, dass sein Gegenüber gruselige Sachen schrieb.

McDonald fügte noch hinzu, dass er an der Universität Oxford mehrere Semester Biologie, Botanik und Zoologie studiert hatte und für ein naturwissenschaftliches Institut viele Jahre auf Forschungsreise in Südamerika und Afrika gewesen war.

»Wie bereits erwähnt, zog ich vor gut drei Jahren in dieses Dorf, um in Ruhe schreiben zu können. Es handelt sich hierbei um die Auswertungen meiner Reisen und Entdeckungen.«

Eine Zeit lang herrschte peinliche Stille, die Mary McDonald nach einiger Zeit brach.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Mr. Brannon?«, fragte sie höflich und erhob sich von ihrem Sessel. »Ich glaube, wir können alle etwas vertragen.«

»Vielen Dank, Madam! Ein Whisky wäre nicht schlecht. Nach dem Schreck in dieser Nacht kann man ihn gut gebrauchen.«

Die blonde Frau ging zum Wohnzimmerschrank und entnahm ihm drei Gläser und eine volle Flasche.

»Hoffentlich schmeckt er Ihnen«, meinte sie freundlich lächelnd.

»Wer hat schon einen besseren Whisky zu bieten als Schottland«, lobte der Engländer und setzte sein charmantestes Lächeln auf.

»Auf den Schreck!«, prostete McDonald, der als erster ein Glas ergriff, seinem Gast und Erretter zu.

»Auf Ihre Gesundheit, Mrs. und Mr. McDonald!«, antwortete Brannon und nahm einen großen Schluck. Langsam rann der scharfe Saft durch seine Kehle und verströmte sofort eine wohlige Wärme im Körper.

An den Schriftsteller gewandt, sagte er: »Ich unterbrach Sie eben bei Ihrer Chronik. Es würde mich interessieren, die Fortsetzung zu hören.«

»Der Text«, nahm McDonald den Faden wieder auf, »war schwer zu entziffern, da er bereits um Elfhundert niedergeschrieben wurde. Die zweite Hälfte der Chronik stammt aus dem 16. oder 17. Jahrhundert und war besser lesbar. Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile, um alles einigermaßen zu verstehen, da viele Worte schwer verständlich waren. Sie existieren in unserem Wortschatz nicht mehr.«

»Heißt das, dass die Chronik über neunhundert Jahre alt ist?«, wunderte sich Brannon. Er dachte daran, wie hoch wohl der antiquarische Wert dieses Werkes sein musste.

»Die Chronik ist zum Teil viele hundert Jahre alt und wurde, soviel ich herausfinden konnte, von Mönchen eines Klosters, das um Sechzehnhundert niederbrannte, geschrieben. Im 18. Jahrhundert geriet sie auf abenteuerliche Weise in die Hände eines Mannes, der in diesem Dorf, das damals schon bestand, lebte. Seit diesem Tage hat sie den Ort nicht mehr verlassen. Bis heute wurde sie immer wieder von den Bürgermeistern oder Dorfvorstehern vervollständigt. Aus irgendeinem Grund jedoch verweigert unser jetziger Bürgermeister Thomas Lighthouse die Einsichtnahme. Er hat das Buch irgendwo sicher verschlossen.«

»Wie kamen Sie dann an die Chronik heran?«, wollte der Reporter wissen.

McDonald lächelte geheimnisvoll, dann beichtete er: »Im Rathaus gibt es einen Raum, wo alle Dokumente, seien es Personalakten oder Baugenehmigungen, aufbewahrt werden. Ich vermutete, dass dort auch Unterlagen über die sagenumwobene Burg des letzten Besitzers von Desmore Castle vorlagen.

Unter dem Vorwand, ein Grundstück für ein neues Haus zu suchen, ließ der Bürgermeister mich in diesen Raum. Da ich mich mit ihm gut verstehe, war ich längere Zeit allein. Ich hatte genügend Zeit, mich umzusehen. Ich fand Aufzeichnungen und Dokumente aus dem Mittelalter und zuletzt die Chronik. Ich frage mich noch heute, wo die alten Unterlagen herstammen. In der Chronik selbst fand ich die Anhaltspunkte für die Morde, die unser Dorf beunruhigen.«

»Soll das heißen, dass der Schlüssel für die Aufklärung der Verbrechen im Mittelalter liegt?«, fragte Brannon erstaunt, griff fast mechanisch nach dem Whiskyglas und leerte es.

Mary McDonald die der Erzählung ihres Mannes ebenfalls gespannt folgte, schüttete ihm neuen Schnaps ins Glas. »Genau«, bestätigte McDonald, »denn im Jahr 951 überfluteten nordische Heerscharen, die mit ihren flachen Drachenschiffen bis tief ins Landesinnere vordrangen, da sie jeden Fluss hochsegeln konnten, die schottische Hochebene. Mordend und plündernd zogen sie durch das friedliche Land.

Eines Tages tauchten sie auch vor Desmore Castle auf. Der Herr dieser Festung aber war gewarnt und gut vorbereitet. Tapfer wehrte er sich mit seinen Mannen gegen die Angriffe der Feinde. Am 30. Tag der Belagerung versuchte er einen Ausfall mit seinen Kriegern. Das Schicksal wollte es wohl, wie die Chronik berichtet, dass den Schotten der Sohn des Wikingerfürsten Erik Blutaxt und vier andere Wikinger in die Hände fielen. Trotz wütender Angriffe und vieler Angebote des nordischen Anführers war Ethelred, der Herr von Desmore Castle, nicht bereit, seine wertvolle Geisel freizugeben. Er misstraute den Nordmännern, aber noch mehr fürchtete er sie.

Zu guter Letzt zog Erik, der Wikingerfürst ab, mit der Drohung, wiederzukommen und seinen einzigen Sohn zu befreien. Ein ganzes Jahr zog ins Land, ohne dass etwas geschah. Der Schotte in seiner Festung fühlte sich sicher. Hass und Überheblichkeit trieben ihn zu einem folgenschweren Entschluss. Auf grausame Art ließ er die Gefangenen foltern und schließlich in den Kerkern verdursten und verhungern. Eines Tages, im Herbst des Jahres 952 – der Sohn des Erik Blutaxt und seine Leidensgefährten waren seit kurzer Zeit tot – tauchte der Vater mit einem gewaltigen Heer auf, um den Sohn zu befreien.

Am sechsten Tag fiel trotz heftiger Gegenwehr die Festung. Alle wurden ohne Erbarmen niedergemacht. Ethelred aber quälte man stundenlang, bevor er auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Der Wikinger nahm grausame Rache für den unehrenhaften Tod seines geliebten Sohnes.«

»Wo liegt hierbei der Schlüssel für die Morde in unserer Zeit? In der Geschichte sind Tausende solcher Schicksale zu verzeichnen. Denken Sie nur an die Hexenverbrennungen während der spanischen Inquisition, an die Bartholomäus-Nacht in Frankreich und Gräueltaten, die heute geschehen.«

»Sie lassen mich wieder nicht ausreden!«, meinte McDonald mit leichtem Vorwurf in der Stimme. »Bevor der Schotte in den Flammen starb, verfluchte er die Wikinger, die in seinem Kerker verschmachtet waren. Er verbündete sich, bevor er starb, mit dem Satan. Er verlangte, dass die Verhungerten bis in alle Ewigkeit keine Ruhe finden sollten und die Menschheit peinigen mussten, ohne Ruhe zu finden.«

»Demnach spuken also die Wikinger durch die Gegend und bringen, wenn sie Lust verspüren, einige Menschen um«, lachte Brannon amüsiert. Er hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört, doch nun war es des Guten zu viel.

»Ich bin Journalist, Mr. McDonald. Seit meiner Kindheit glaube ich nur das, was ich sehe. Seitdem ich die Grenze zwischen Schottland und England beschritten habe, erlebe ich nur merkwürdige Sachen. Ich habe die Nase voll und will endlich eine vernünftige Erklärung«, sagte er wütend.

»Das, was ich Ihnen erzählte, ist die Wahrheit!«, bestand McDonald auf seinem Bericht, den unfreundlichen Temperamentsausbruch seines Gastes großzügig überhörend.

»Sie wollen mir also weismachen, dass der Fluch, der angeblich im 10. Jahrhundert von irgendeinem Schotten ausgesprochen wurde, heute noch wirkt?«, fragte Harry Brannon mit unverschämtem Grinsen.

»Im Prinzip ja!«, antwortete McDonald ruhig. »Nur eines muss ich noch meiner Geschichte hinzufügen. Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch suchten die Geister der Toten die Umgegend heim. Jedes Jahr, vom 16. September – wohl der Todestag des Sohnes von Erik Blutaxt – bis zum Ende des Jahres starben Menschen unter ihren Waffen. Erst am Neujahrstag war der Fluch für zehn Monate gebannt, bevor er von Neuem begann. Viele Menschen verließen die Gegend, um dem Grauen zu entgehen. Erst 1589, so berichtet die Chronik wagte ein Mönch, die Ruinen der Burg zu betreten. Mit einem goldenen Medaillon …«

McDonald stotterte Unverständliches und schaute seine Frau ungläubig an. Die Erinnerung kam zurück. Plötzlich wusste er wieder jede Einzelheit des Geschehenen.

»Was hast du?«, fragte Mary McDonald besorgt. »Hast Du Schmerzen?«

Aufgeregt sprang sie in die Höhe doch ihr Mann hob beruhigend die rechte Hand. »Es ist alles in Ordnung mein Schatz!«, antwortete er lächelnd.

Mit fahrigen Fingern öffnete er die obersten Knöpfe seines Hemdes.

Brannon sah neugierig zu. Auf der haarigen Brust seines Gastgebers blinkte ein goldenes Amulett. »Dein Talisman hat mir das Leben gerettet«, sagte McDonald zu seiner Frau. An seinen Gast gewandt, erklärte er: »Der Mönch, von dem ich sprach bannte die Geister mit Hilfe eines Medaillons, in das seltsame Zeichen geritzt waren, in eines der Verliese. Seit dieser Zeit kam kein Mord mehr vor, und der Fluch aus der Vergangenheit geriet seitdem in Vergessenheit. Erst vor zwei Jahren, genauer am 16. September, begannen wieder die grausamen Morde, und Abend für Abend waberte grünes Licht über die Ruine.«

»Das grüne Licht habe ich auch gesehen«, meinte Brannon ungerührt und zündete sich eine weitere Zigarette an. »Sie können doch ein Licht, für das Sie keine Erklärung haben und einige ungeklärte Morde, so grausam und bestialisch sie auch waren, nicht als Geister- und Dämonenwerk hinstellen.«

Harry Brannon war langsam empört und begann wieder, am normalen Zustand seines Gastgebers zu zweifeln. Alles hörte sich zu phantastisch und unrealistisch an. »Wir leben im 20. Jahrhundert, Mr. McDonald!«

»Natürlich, das ist mir wohl bekannt, Mr. Brannon«, antwortete der Schriftsteller und diesmal war er es, der zynisch wurde. »Eines vergaß ich zu erwähnen. Ich habe die Geister gesehen. Heute Nacht bei der Burgruine.«

Ein erschreckter Schrei ließ die Männer herumfahren.

Brannon sah, wie die Frau des Schriftstellers die Augen verdrehte und die Beine unter ihr nachgaben. Mit einem Satz sprang er hoch und fing sie auf. Behutsam nahm er die Bewusstlose auf die Arme und legte sie auf die Couch.

McDonald lief aufgeregt in die Küche und kehrte mit besorgter Miene und einem Glas Wasser zurück.

»Keine Sorge, Mr. McDonald! Ihr Gerede von den Geistern hat sie wohl zu sehr aufgeregt«, beruhigte der Journalist den blass gewordenen Mann.

»Irrtum! Meine Frau weiß von allem und glaubt mir – im Gegensatz zu Ihnen! Als ich zur Ruine ging, dachte sie wohl, dass ich nicht zurückkehrte, wenn ich den Wikingern begegnen würde. Die Eröffnung, ihnen über den Weg gelaufen zu sein und trotzdem entfliehen zu können, war wohl zu viel gewesen. Es ist auch wirklich ein Wunder, dass sie mich nicht töteten. Noch nie war ich dem Tod so nahe gewesen.«

Er kümmerte sich nach diesen Worten nur noch um seine Frau. Vorsichtig flößte er ihr das kalte Wasser ein und tätschelte behutsam ihre Hand. Nach einigen Minuten schlug sie die Augen auf, sah sich verwirrt um und richtete sich erschreckt auf. Mit leiser Stimme hauchte sie ein »Verzeihung« und stöhnte: »Es ist wieder gut.«

Mit gequältem Lächeln versuchte sie, ihren besorgten Mann zu beruhigen. »Ich dachte, deine Wunde stamme von einem Sturz, doch mir scheint, es war nicht so«, meinte sie plötzlich.

McDonalds Körper spannte sich, seine Hand griff nach dem fast leeren Glas. »Die Wunde brachte mir ein Schwert bei«, sagte er mit tonloser Stimme. »Die Spitze der Klinge muss mich hauchdünn gestreift haben, denn nur die Kleidung und die obere Hautschicht sind getroffen worden.

»Warum hat der Geist nicht noch einmal zugeschlagen?«, fragte Brannon etwas provozierend.

Der Schriftsteller blickte ihn an und zuckte mit den Schultern. »Das ist der Haken bei der Sache. Eine Zeitlang konnte ich die Erscheinungen und das Tasten in meinem Gehirn abblocken. Ich glaube, der Talisman half mir dabei. Plötzlich aber schien der Bann gebrochen, und sie griffen mich an. Mir blieb nur die Flucht. Dabei ist es dann zur Verwundung gekommen. Wenig später haben Sie mich gefunden, Mr. Brannon.«

Der Reporter stutzte. Ihm kamen das erste Mal Zweifel. In der Art, wie der Schriftsteller alles berichtete, sprach kein Phantast. Irgendetwas an der Geschichte musste dran sein. Auch er hatte das grüne Licht gesehen, das kurz vor McDonalds Schrei über den Kamm geflimmert war.

Entweder hatte der Schriftsteller recht – oder er saß einem großen Schwindel auf. Verrückt war er jedenfalls nicht.

Brannon schwankte zwischen zwei Dingen. Er wusste bald selbst nicht mehr, was er glauben sollte. Er drückte die restliche Glut seiner Zigarette im Ascher aus und erhob sich. »Ich denke, ich kann noch einige Stunden Schlaf brauchen.« Müde schaute er auf die Uhr. Die Zeiger zeigten halb vier.

Die McDonalds standen ebenfalls von ihren Sesseln auf. »Ich weiß, dass es nicht einfach ist, meiner Geschichte Glauben zu schenken«, meinte der Schriftsteller, während er den Gast zur Tür begleitete »Trotzdem, nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe!«

»Nichts zu danken!«, brummte Brannon, reichte der Frau und dem Mann die Hand und verabschiedete sich höflich.

Als er das niedrige Gartentor erreicht hatte, rief der Schriftsteller: »Wenn Sie Angaben für die Horrorgeschichte brauchen, kommen Sie ruhig vorbei.«

Brannon drehte sich um und lächelte. Er wurde aus dem Mann nicht schlau. Erst erzählte er von Geistern und Flüchen, dann machte er sich darüber lustig. Oder war es nur eine Anspielung auf seine Ungläubigkeit gewesen?

 

 

9. Kapitel

 

»Hast du es auch in dieser Nacht gesehen, John?«, fragte der Alte mit schriller Stimme. Der Mann sprach mit fahrigen Gesten. Sein Gesicht wirkte wie eine zerknitterte Pergamentrolle. Viele unzählige Falten durchzogen die Haut.

Mit einer drohenden Geste seiner rechten Faust öffnete er ein weiteres Mal seinen zahnlosen, nur mit braunen Stümpfen gefüllten Mund und geiferte: »Die Geister von Desmore Castle waren diese Nacht wieder auf der Suche nach einem Opfer. Sie haben eins gefunden, wetten? Ich sage dir, das Licht war wieder auf dem Hügel. Hast du auch den furchtbaren Schrei gehört, John?«

Mit irr funkelnden Augen starrte der Alte den Wirt an, der sich bleich auf den Tresen stützte. Mit zitternden Händen griff er eine halb volle Flasche und setzte sie an die Lippen. Der scharfe Alkohol rann durch seine Kehle und vernebelte kurze Zeit später seinen Geist. Aufatmend setzte er die Flasche wieder ab und stellte sie auf die Theke. Sie war fast leer.

Die lähmende Angst, die ihn jedes Mal auf rätselhafte Weise ergriff, wenn von den Geistern die Rede war, wich dem Rausch des Alkohols.

Mit verklärten Augen glotzte er den Alten an und sagte: »Na klar habe ich das grüne Schimmern gesehen und auch den Schrei gehört.«

Mit unsicheren Bewegungen wandte er sich ab und begann, Gläser, Pokale und Kelche zu spülen, ohne seinen Gast weiter zu beachten.

Der Zahnlose aber gab nicht auf. »Wir alle werden mal unter ihren Schwertern unser Leben aushauchen. Keine Macht der Erde wird die Geister daran hindern, die Bewohner von Ghestbury zu vernichten. Der Fluch Ethelreds von Desmore wird unser aller Verderben sein!«, keifte er schrill wie ein religiöser Fanatiker.

»Halt endlich deinen Mund!«, fuhr der Wirt ihn aufgebracht an.

Er spürte, wie die Angst wieder in ihm hochkroch und seinen Hals würgte.

Und das alles nur wegen dieses dummen Geredes.

»Warum hast du eigentlich solche Angst, John?«, fragte der Panikmacher mit hässlichem Lachen. Der Irrsinn, der in seinen Augen flackerte, war nicht mehr zu übersehen.«

Im ganzen Dorf kannte man Henry, den Spinner, der überall den Weltuntergang prophezeite. Seit einem Unfall war er nicht mehr ganz klar im Kopf. Der dicke Wirt aber fühlte, dass seine Nerven schon am frühen Morgen nicht mehr standhielten. Die ständige Angst vor den Geistern machte aus ihm ein menschliches Wrack. Fast jede Nacht sah er von seinem Fenster aus das unheilvolle Leuchten über der Ruine.

»Wenn der Spuk nicht bald endet, verlasse ich Ghestbury. Wer weiß, ob nicht heute Nacht ich das Opfer der Wikinger bin«, murmelte er voller Angst vor sich hin. Er fragte sich in diesem Moment, warum er nicht schon früher den Ort verlassen hatte, wo doch die Gefahr immer größer wurde …

 

 

10. Kapitel

 

Wie gerädert fühlte sich Brannon, als er gegen acht Uhr erwachte. Mit einem Brummschädel, als habe er die Nacht durchgezecht, wälzte er sich stöhnend aus dem Bett.

Schwerfällig schlurfte er ins Bad und drehte die Dusche auf. Ein eiskalter Wasserstrahl traf seinen Körper und trieb langsam die letzte Müdigkeit aus den Gliedern.

Erst nach einer ganzen Weile drehte er den Hahn auf ›Warm‹.

Nachdem er sich abfrottiert, rasiert und angekleidet hatte, verließ er, von mächtigem Hunger getrieben, das Zimmer.

Nachdenklich ging er auf die Treppe zu. Undeutliche Stimmen, die zu streiten schienen, drangen an sein Ohr. Am frühen Morgen schon Streit?, dachte Brannon. Er setzte den rechten Fuß auf die erste Stufe, dann blieb er abrupt stehen. Die keifende Stimme unten im Raum hatte etwas von Desmore Castle geredet.

Wenn ich jetzt nach unten gehe, wird das Gespräch gewiss nicht weitergeführt, dachte der Reporter. Obwohl sein Magen knurrte, sodass er glaubte, die Leute im Gastraum müssten es hören, blieb er, wo er stand. Deutlich konnte er die schrille, fast hysterische Stimme des Fremden von der des Wirtes gut unterscheiden.

Langsam ließ sich Brannon auf der ersten Stufe der Treppe nieder und lauschte dem Gespräch. Gewiss werde ich einiges Interessantes erfahren, dachte er bei sich, die letzte Nacht noch klar vor Augen.

»Wer wird wohl der nächste sein, den sie mit abgeschlagenem Kopf finden?«, fragte die keifende Stimme mit scheinheiligem Unterton.

»Du sollst den Mund halten, Henry! Noch ein Wort davon, und ich setze dich vor die Tür!«, drohte der Wirt, und seine Stimme klang alles andere als freundlich.

»Du willst mir Gewalt antun, du Scheusal?«, schrie die andere Stimme aufgebracht. Brannon wusste bereits in diesem Augenblick, obwohl er den Mann noch nicht gesehen hatte, dass es sich um einen Irren handeln musste.

»Die Geister werden dich aufspießen, verbrennen oder in ihren Gewölben foltern, wie sie es mit Ethelred taten, du Unhold! Wage nicht, mich anzurühren!«

Nach wenigen Sekunden verriet ein Knall, dass der Irre die Gaststube voller Wut verlassen hatte. Im Schankraum wurde es ruhig. Kein Stimmengewirr, nur das Klirren einiger Gläser war zu vernehmen. Er ist also allein, dachte Brannon und erhob sich von der hölzernen Stufe. Ich will ihm mal auf den Zahn fühlen.

Eine innere Stimme sagte ihm, dass der Wirt irgendetwas über die Vorfälle der letzten Zeit wusste. Vielleicht kannte er, bewusst oder unbewusst, den Schlüssel zur Aufklärung der Morde. In einer Dorfkneipe wurde viel erzählt, und nur wenig blieb unentdeckt in solch einer kleinen Ortschaft.

Der Journalist ging laut pfeifend die Stufen hinab.

Das Holz knarrte unter seinen Füßen. Mit unschuldigem Lächeln, als habe er das Gespräch von vorhin nicht mitbekommen, trat er vor die Theke »Guten Morgen, Herr Wirt!«, grüßte er fröhlich und gutgelaunt.

»Guten Morgen, Sir! Das Frühstück ist gleich fertig«, erwiderte der Angesprochene etwas stockend, ein unruhiges Flackern in den kleinen Schweinsaugen. Die Wangenmuskeln in seinem runden, vom Schweiß gebadeten Gesicht zuckten nervös.

Harry Brannon sah, dass der Mann Angst hatte. Wovor fürchtet er sich?, dachte er, während er sich auf die Theke stützte.

Der dicke Wirt dachte krampfhaft nach und musterte ihn lauernd. Ob er das Gespräch mit dem irren Henry gehört hatte?, grübelte er.

Noch während der Kneipenbesitzer keine Antwort auf diese Frage gefunden hatte, gab ihm Brannon den zweiten Schock des Morgens.

»Ein ziemlich garstiger Vertreter der Gattung Mensch nicht wahr?«, fragte der Reporter mit noch immer unschuldigem Gesicht.

Mal sehen, ob die Schocktherapie bei diesem Burschen hilft, dachte Brannon insgeheim. Vielleicht würde der sowieso schon nervöse und verängstigte Mann die Nerven verlieren und aus der Schule plaudern, wenn man ihn in die Enge trieb.

Sein Gegenüber schien die Frage nicht verstanden zu haben. »Wie meinen Sie, Mr. Brannon?«, fragte er ungläubig.

»Übersetzt gesagt: Ihr früher Gast von vorhin, mit dem Sie sich so nett unterhalten haben, war eine komische Figur!«, wiederholte Brannon mit charmantem Lächeln.

Er sah, wie der Wirt bis ins Innerste erschrak und hart schluckte. »Sie … Sie haben alles gehört?« Panik und fürchterliche Angst blockierten fast die Stimmbänder.

»Natürlich, alles!«, log Brannon, der in Wirklichkeit nur das Ende der Unterhaltung gehört hatte. »Es war sehr lehrreich.« Er trat näher an die Theke heran und lehnte sich mit den Ellenbogen darauf. Sein Lächeln verschwand, und er fragte mit drohendem Unterton in der Stimme: »Was wissen Sie über die Ereignisse der letzten zwei Jahre und über das sogenannte Geheimnis von Desmore Castle?«

»Nichts, gar nichts!«, keuchte der Wirt erregt und wich vom Tresen zurück.

Brannon riss der Geduldsfaden. Er wollte endlich die Wahrheit wissen. Darum entschloss er sich, aufs Ganze zu gehen. Seine starken, sehnigen Hände fassten den Kragen des Wirtes und zogen ihn brutal halb auf die blankpolierte Platte der Theke. Der Wirt hing hilflos auf dem Tresen, unfähig, seinen massigen Körper aus dem Griff zu befreien. Voller Furcht blickte der Mann Brannon aus schreckgeweiteten Augen an und schnaufte. »Meine Geduld ist am Ende, Mister!« Brannon war wütend und gewillt, wenn es sein musste auch mit Gewalt, endlich die Wahrheit zu erfahren. Er ließ sich nicht gern an der Nase herumführen.

»Ich warne dich, Freundchen! Belüg mich nicht, sonst passiert was.« Um seine Drohung wirksam zu unterstreichen, fletschte er die Zähne.

Der Wirt zappelte und wollte sich befreien, doch der Reporter, dessen Hobbys in der Freizeit Judo und Kendo waren, ließ dem Mann keine Chance.

»Was ist mit den Geistern von Desmore Castle? Wer steckt hinter den Morden?«

Der Wirt japste unter dem harten Griff nach Luft. Von der hohen Stirn perlten Schweißtropfen. »Sie töten mich, wenn ich etwas verrate!«, heulte er los. »Was wird mit meiner Frau?«

»Los, raus mit der Sprache!«, forderte der Journalist unruhig. Er musste jederzeit damit rechnen, dass ein Gast den Raum betrat. Dann wäre seine etwas ungewöhnliche Unterhaltung mit dem Wirt zu Ende gewesen.

Brannon spürte mit dem Instinkt des Journalisten, dass der Wirt etwas verheimlichte. Der Gasthofbesitzer wusste etwas, und Brannon verlor langsam die Geduld. So entschloss er sich, den letzten Trumpf auszuspielen.

»Wenn du nicht endlich den Mund aufmachst, hole ich dich heute Nacht aus dem Bett und schleife dich zur Burg!«

Das Ergebnis seiner Drohung war überwältigend. Der Mann brach förmlich zusammen.

Brannon löste den Griff, und der Wirt sank zitternd und keuchend zusammen. »Bei Gott, Verschonung! Wir sind des Todes, wenn wir uns nach Sonnenuntergang der Ruine nähern«, flehte er plötzlich vor Angst. »Seit die zwei Fremden die Gewölbe betreten haben ist niemand mehr vor den Wikingern sicher.«

Brannon konnte sich eine solche Furcht nicht erklären. Er ließ den Mann los, trat hinter die Theke, griff nach einer Whiskyflasche, schüttete etwas von ihrem Inhalt in ein Glas und reichte es dem Wirt.

Der Dicke kippte den Inhalt mit zitternden Händen in sich hinein.

Brannon wusste, dass der Schock seiner Drohung die Zunge seines Gesprächspartners lösen würde. Zielstrebig ging er auf einen Stuhl zu und setzte sich rittlings darauf. »Woher kamen die Fremden?«, wollte er wissen.

»Aus Wales. Sie waren so etwas wie Hobbyforscher, wollten die Ruine besuchen und untersuchen! Ich versuchte vergeblich, sie zurückzuhalten.«

»Sie sind also in die Gewölbe hinuntergestiegen?«, fragte Brannon neugierig.

Der Wirt nickte hastig. »Der irre Henry ist ihnen bis an die Mauern gefolgt. Sie gingen die Treppe zu den Gewölben hinunter. In derselben Nacht noch leuchtete die Burg in einem grünlichen Licht, das seitdem jede Nacht zu sehen ist. Löst es sich von der Burg, findet man am anderen Morgen garantiert einen Toten.«

»Was geschah mit den zwei Fremden?«, unterbrach der Journalist den Erzähler.

Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Seit jenem Tag sind sie verschwunden.«

»Haben sie vielleicht das Dorf ohne ihr Wissen verlassen, um die Zeche zu prellen?«, fragte Brannon, um eine natürliche Erklärung zu finden.

»Noch heute verwahre ich das Gepäck der beiden. Darunter befinden sich eine Brieftasche mit fünfzig Pfund und eine teure Filmkamera mit allem Zubehör«, antwortete der Dicke, sich den vierten Whisky einschüttend. Der Alkohol hatte seine Nerven wieder beruhigt.

Brannon rieb sich das Kinn. Alles hin und her Rätseln und Überlegen brachte kein vernünftiges Resultat. Nur in der Ruine selbst lag das Geheimnis, und er entschloss sich, das Wagnis aufzunehmen und gegen Abend die Burg aufzusuchen.

Lässig griff er in die Tasche seiner Lederjacke, holte seine Schachtel Zigaretten hervor und steckte eine zwischen die Lippen. Tastend klopfte er alle anderen Taschen nach seinem silbernen Feuerzeug ab, musste aber feststellen, dass es verschwunden war.

Entweder liegt es auf dem Nachttisch oder noch bei den McDonalds, grübelte er. Wortlos stand er auf und bat den Wirt um Feuer, der ihm völlig apathisch und nicht mehr Herr seiner selbst, ein Päckchen Streichhölzer über den Tresen reichte.

Brannon lächelte spöttisch in sich hinein. »Machen Sie mir die Rechnung fertig! Ich reise ab!«, sagte er barsch, keinen Zweifel daran lassend, was er von dem Wirt hielt.

 

 

11. Kapitel

 

Harry Brannon steuerte seinen Wagen langsam in die Seitenstraße, in der das Haus der McDonalds lag. Er war entschlossen, das Dorf zu verlassen und im nächsten Ort, keine zehn Meilen entfernt, ein Zimmer zu suchen. Vorher wollte er ein letztes Mal die McDonalds aufsuchen und nach seinem verlorenen Feuerzeug fragen. In dem anderen Dorf würde er gewiss mehr über die mysteriösen Morde und Geistergeschichten erfahren.

Brannon war entschlossen, so lange, zu forschen, bis das Geheimnis um Desmore Castle gelöst war und er genug Material für seinen Bericht besaß. Vor dem niedrigen Gartenzaun stoppte er den Wagen, zog den Zündschlüssel ab und stieg aus.

Bevor er die Haustür erreichte, öffnete Mary McDonald bereits und grüßte freundlich. »So früh schon auf den Beinen, Mr. Brannon?«, fragte sie und bat ihn mit einladender Geste herein.

Ein angenehmer Duft von Kaffee und frischen Brötchen strömte ihm entgegen und erinnerte ihn daran, dass er noch nicht gefrühstückt hatte.

Der Hausherr saß in einer kleinen Essecke und erhob sich, als der Journalist eintrat. »Guten Morgen! Sie kommen gewiss wegen Ihres Feuerzeuges?«, fragte er. »Sie ließen es gestern Nacht auf dem Tisch liegen.«

Mit ausgestrecktem Arm reichte er Brannon den silbernen Gegenstand. Dieser nahm ihn dankend entgegen und ließ das Feuerzeug in der Jackentasche verschwinden.

»Sie nehmen doch gewiss eine Tasse Kaffee mit uns. Es sieht nicht so aus, als hätten Sie schon gefrühstückt«, stellte die Hausherrin mit geübtem Blick fest. »Nehmen Sie Platz und greifen Sie zu.«

Brannon lächelte etwas gequält, kam der Einladung aber gerne nach, da er einen bohrenden Hunger verspürte. »Zu einem ausgiebigen Frühstück kam es heute Morgen tatsächlich nicht«, antwortete er, und es klang wie eine Entschuldigung, »aber dafür erfuhr ich etwas Interessantes, was Licht in die Sache bringen könnte.«

McDonald sah ihn neugierig und erstaunt an. Er wollte eine Frage stellen, doch sein Gast kam ihm zuvor.

»Der Besitzer des Gasthofes wusste etwas, wovon Sie gewiss noch keine Ahnung haben. Vor zwei Jahren kamen zwei Männer in diesen Ort. Es waren Hobbyforscher, die wohl die Burgruine untersuchen wollten. Ein Mann namens Henry, den der Wirt als verrückt bezeichnete, soll gesehen haben, wie sie das Gewölbe betraten, aber nicht mehr verließen. In dieser Nacht soll zum ersten Mal das seltsame Licht über der Burg aufgetaucht sein. Tage später geschah der erste Mord.«

McDonald hörte andächtig zu, nahm einen Schluck Kaffee und sagte dann: »Ich kenne die Geschichte nicht, aber der ›Irre Henry‹, wie ihn hier jeder kennt, erzählt gerne Horrorgeschichten seitdem der erste Mord geschah. Man sollte ihn nicht immer für voll nehmen wenn er etwas erzählt. Vielleicht haben die Forscher einen anderen Ausweg aus den unterirdischen Räumen gefunden, sodass Henry vergeblich auf sie wartete, immer vorausgesetzt, dass die Geschichte nicht erfunden ist.«

Brannon winkte ab, schluckte einen Bissen hinunter und konterte: »Wären sie dann nicht in den Gasthof zurückgekehrt? Dort aber liegen noch heute die Koffer, wie der Wirt sagte.«

»Warum hat er es nicht der Polizei gemeldet?«, fragte Mrs. McDonald erstaunt.

»Wer weiß!«, antwortete der Reporter. »Bei den Sachen der Vermissten befand sich noch eine Brieftasche und eine wertvolle Fotoausrüstung. Vielleicht wollte er die Dinge für sich behalten«, vermutete er.

»Dem alten Geizkragen ist alles zuzutrauen«, mischte sich der Hausherr angewidert ein. »Um andere übers Ohr zu hauen, würde er noch ganz andere Dinge fertigbringen.«

»Wieso erzählte der Wirt Ihnen eigentlich sein großes Geheimnis?«, fragte Mary McDonald neugierig.

Brannon lächelte amüsiert. »Ich habe ein sehr überzeugendes Hobby, Mrs. McDonald.«

Die Frau sah ihn verwirrt an. » Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen«, sagte sie und sah den Reporter mit ihren blauen Augen gespannt an.

»In meiner Freizeit treibe ich Judo und Kendo«, klärte er die Gastgeberin mit charmantem Lächeln auf.

McDonald lachte laut auf und hielt sich den Bauch. »Sagen Sie bloß, Sie haben den Fettwanst behandelt wie einen Punching-Ball?«, fragte er, als sein Lachkrampf nachgelassen hatte.

»Ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht«, lenkte Brannon ein, um nicht in Verdacht zu geraten, ein Schlägertyp zu sein. Er wollte nicht, dass die Hausherrin ihn dafür hielt.

»Ich habe ihn nur am Kragen gepackt und alles Wissenswerte aus ihm herausgeschüttelt. Leider sah ich mich danach gezwungen, mein Zimmer zu räumen, um eventuellen späteren Schikanen zu entgehen.«

»Sie wollen also aufgeben und zurück nach London, ohne den wahren Sachverhalt der Morde aufgeklärt zu haben?«, fragte der Schriftsteller erstaunt, und Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.

»Nein, das Geheimnis um Desmore Castle werde ich lösen, bevor ich wieder an meinen Schreibtisch zurückkehre«, antwortete Brannon fest entschlossen.

»Wo wollen Sie unterkommen? Hier im Dorf werden Sie keine Bleibe finden, denn Ihr Schnüffeln hat sich gewiss in Windeseile herumgesprochen. Menschen, die auch noch Reporter sind, mag man hier nicht«, gab der Hausherr zu bedenken.

»Dass ich Journalist bin, habe ich nur bei Ihnen erwähnt. Weder der Wirt noch irgendein anderer weiß um meinen wirklichen Beruf. Momentan aber ist das unwichtig. Ich werde ein Dorf weiterfahren und dort ein Zimmer mieten«, klärte Brannon sein Gegenüber auf.

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, begehrte Mary McDonald auf. Sie blickte ihren Mann fragend an. »Wir haben unter dem Dach noch ein Zimmer.«

»In Ordnung, Mary. Daran habe ich gar nicht gedacht«, sagte er und nickte einverstanden.

»Sie werden unser Gast sein, Mr. Brannon«, bestimmte er und winkte energisch ab, als der Reporter etwas einwenden wollte.

 

 

12. Kapitel

 

Dunkel und düster wälzten sich tiefhängende Regenwolken über das schottische Hochland. Die Hügelketten am Horizont von Ost nach West wirkten in der Dämmerung des dahinscheidenden Tages wie die Höcker vorsintflutlicher Tiere. Ghestbury schmiegte sich mit seinen Häusern dicht an den Hügel, als wolle es sich vor dem nahenden Unwetter in Sicherheit bringen.

Harry Brannon stierte an die weißgetünchte Decke seines Zimmers, das die McDonalds ihm zur Verfügung gestellt hatten. Gedanken rasten durch seinen Kopf. Die Ereignisse der letzten Tage beschäftigten ihn immer wieder, brachten ihn aber keinen Schritt weiter.

»Ich muss diese Nacht zur Ruine«, sagte er halblaut zu sich selbst.

Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass er sich dazu entschloss. Diesmal jedoch war er fest dazu entschlossen und nicht mehr umzustimmen.

Energisch erhob er sich von dem weichen Daunenbett, griff nach seiner Lederjacke und verließ das Zimmer.

Mit verschlossener Miene trat er ins Wohnzimmer seiner Gastgeber. McDonald las in einem Buch und sah auf, als Brannon eintrat.

»Es wird langsam dunkel«, bemerkte der Schriftsteller ungerührt. »Sie sollten die Zeit vor Mitternacht wählen. Sie ist gewiss nicht so gefährlich. Sehen Sie aber zu, dass Sie zurück sind, bevor es Mitternacht von der Kirchenuhr schlägt!«

Harry Brannon schaute den Mann verdutzt an. McDonald musste Gedankenleser sein. »Woher wissen Sie, was ich vorhabe?«

McDonald grinste breit: »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre und von Zweifeln zernagt würde, handelte ich genauso.«

Mit einem Mal verschwand sein breites, fast jungenhaftes Grinsen und machte einer ernsten und besorgten Miene Platz. »Ich weiß, dass Sie mir immer noch nicht glauben. Sie werden bald merken, dass ich recht habe. Trotzdem möchte ich Sie noch mal bitten, Ihr Vorhaben aufzugeben. Es kann Ihr Tod sein! Glauben Sie mir, dass ich Ihnen nichts vorgeschwindelt habe!«

»Ich habe Sie nie einen Lügner genannt«, begehrte Brannon entrüstet auf, der wahre Freundschaft für den Mann empfand.

»Ist es nicht das Gleiche, ob man Phantast oder Lügner tituliert wird?«, erwiderte McDonald.

Brannon merkte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht schoss. Er fühlte sich ertappt und bis auf die Knochen blamiert. »Es ist halt schwer, dies alles zu glauben«, versuchte er sich zu entschuldigen und hob hilflos die Schultern.

McDonald lächelte versöhnlich und antwortete: »Heute Nacht werden Sie mit eigenen Augen sehen, dass ich die Wahrheit sagte. Ich weiß, dass Sie erst dann begreifen, in welch großer Gefahr die kleine Gemeinde schwebt. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass es Ihnen gelingt, den Wikingern zu entfliehen. Ich glaube, dann habe ich einen Mitstreiter, der bereit ist, gegen die Geister anzutreten und sie zu vernichten. Möge Gott Ihnen beistehen!«

Harry Brannon sah die Sorge und auch die Qual in den Augen des Mannes zu dem er trotz aller Horrorgeschichten Vertrauen gefasst hatte.

»Es wird schon schiefgehen«, lachte er auf, merkte aber selbst, dass die Atmosphäre gedämpft war. Eine unsichtbare, unheilvolle Glocke schwebte über ihnen, während draußen die Sonne blutrot im Westen unterging und sich die düsteren Gewitter- und Regenwolken in rasender Eile näherten.

Als McDonalds Frau den Raum betrat, reichte ihr Mann dem Gast gerade einen Whisky. »Wollen Sie noch ausgehen?«, fragte sie Brannon verwundert, als sie ihn mit der Lederjacke bekleidet sah.

»Ausgehen ist wohl das falsche Wort, Madam«, antwortete der Gefragte, »Bevor die Zweifel mich ganz zernagen, will ich den vermeintlichen Herren Geistern einen Besuch abstatten, um mich über ihr Vorhandensein zu informieren.«

Der Versuch, das Vorhaben ins Banale zu ziehen, gelang nicht.

Mary Brannon wurde blass wie eine Kalkwand und stammelte voller Furcht und Panik: »Um Gottes willen! Wollen Sie etwa zur Ruine?«

Der Frage folgte ein flehender Blick zu ihrem Mann, doch dieser ahnte die Gedanken seiner Frau und antwortete mit sanfter Stimme: »Sei ohne Sorge, Mary! Ich werde nicht mitgehen!«

Brannon sah, wie eine schwere Last von der Frau abzufallen schien, und fragte sich, was seinen Partner wirklich in den Gewölben erwarten mochte.

»Mein Großvater, der in der britischen Armee war, sagte immer: Unkraut vergeht nicht! Er wurde fast 92 Jahre alt. Auch mir wird nichts geschehen. Die Brannons sind zähe Brocken.«

Mit seinem charmantesten Lächeln versuchte er die Frau aufzuheitern, doch es gelang ihm nicht.

»Wenn Sie schon gehen wollen und keine Macht der Erde Sie zurückhalten kann, nehmen Sie wenigstens meinen Talisman. Er half schon meinem Mann, als er den schrecklichen Geistern begegnete.

Wir wissen nicht, wie viel er an Kraft gegen das Unheil besitzt, doch mehr können wir nicht für Sie tun.«

Mit flehenden Blicken sah sie ihren Mann an, als wolle sie ihn noch dazu bringen, Brannon nicht gehen zu lassen.

Mit feuchten Augen hängte sie dem Reporter die Kette mit dem Talisman um.

»Danke!«, flüsterte dieser leise und gerührt. Ein seltsames, unangenehmes Gefühl machte sich in seiner Magengrube breit. Die Art, wie die zwei Menschen ihn vor der Gefahr schützen wollten, wühlte seine Gefühle auf. Ihm kamen immer stärkere Zweifel, ob er das Richtige plante oder doch besser nicht die Ruine aufsuchen sollte. Er gab sich einen inneren Stoß. Wenn er jetzt kniff, würde er die Achtung vor sich selbst verlieren. Draußen pfiff ein kalter Wind, als er ins Freie trat. Die McDonalds folgten ihm bis an die Tür.

Als er das Gartentor erreichte, tauchte der Schriftsteller noch einmal neben ihm auf und reichte ihm eine lange Taschenlampe. »Sie werden sie gebrauchen können«, sagte er ernst und schlug ihm auf die Schulter. Brannon wusste, dass er in diesem Augenblick einen Freund gewonnen hatte. Fröstelnd schritt er in die Dunkelheit hinaus, ohne sich noch einmal umzublicken. Der kalte Wind drang durch die Kleidung bis auf die Haut, auf der sich allmählich eine Gänsehaut bildete.

Ich hätte besser die Lederjacke gegen einen Mantel getauscht, dachte er bei sich. Nun allerdings war es zu spät, noch einmal zurückzugehen. Das Dorf lag schon einige hundert Meter hinter ihm. Mit energischen Schritten näherte er sich dem Hügel, auf dem die Ruine bizarr ihre Mauern und halbverfallenen Türme gen Himmel reckte.

Am abendlichen Firmament stand kein Stern. Dichte Wolken verhüllten auch die Sichel des Mondes, der sonst friedlich über dem Dorf stand. Zu allem Verdruss begann es auch noch zu regnen. Brannon knurrte mürrisch vor sich hin: »Verdammtes Mistwetter!«

Trotz allem war er entschlossen, in dieser Nacht dem Geheimnis von Desmore Castle auf die Spur zu kommen. Mit starrem Blick auf das Gemäuer der Ruine stampfte er weiter den Hügel hinauf. Keuchend und außer Atem erreichte er endlich sein Ziel. Alles schien ruhig und friedlich, und ein Schmunzeln huschte über sein vom Regen feuchtes Gesicht. »Kein grünes Leuchten, kein Schrei oder Raunen aus irgendeiner Gruft und auch keine mordenden Geister«, witzelte er belustigt.

Brannon war wieder ganz der Meinung, dass unter dem Vorwand der angeblichen Geister ein Verbrechen vertuscht werden sollte. Die Bewohner mit ihrem Aberglauben halfen dabei unbewusst. Die Geisterauftritte waren nur Mittel zum Zweck und wurden von irgendeiner Person geschickt inszeniert. Die Morde allerdings standen auf einem anderen Blatt.

Ganz im Glauben, möglicherweise einem interessanten Kriminalfall auf der Spur zu sein, betrat er den Innenhof der Burgruine.

Mit einem Daumendruck knipste er die Taschenlampe McDonalds an. Der gelbweiße Lichtstrahl fraß sich grell durch die Dunkelheit. An den grauen, verwitterten Wänden tänzelte der Lichtkegel gespenstisch auf und ab. Regen lief an den Steinquadern hinab und überzog sie mit einer silbrig glänzenden Schicht.

Brannon horchte angestrengt in die Stille der Nacht, doch alles blieb ruhig. Nur das Rauschen und Pfeifen des Windes und das Plätschern des Regens drang an sein Ohr. Vielleicht ist dieses Getue um die Wikinger von Desmore Castle auch nur ein Werbegag, um Touristen in dieses trostlose Gebiet zu locken, dachte er. Das Ungeheuer von Loch Ness ist ein Paradebeispiel. Die Leute glaubten alles, wenn man nur geschickte Artikel darüber in die Zeitung brachte.

Während der Lichtstrahl der Taschenlampe durch die Nacht zuckte, grübelte Brannon weiter.

Ein grauenvoller Schrei ließ ihn plötzlich herumfahren.

Instinktiv sprang er zur Seite und ging in Abwehrstellung. Er riss die Taschenlampe hoch, doch im Lichtkegel war nichts zu sehen.

Er war fest überzeugt, dass der Schrei unmittelbar hinter ihm ausgestoßen worden sei, doch er sah sich getäuscht. Erstaunt und ratlos näherte er sich der Mauer, die vor ihm aufragte. Alles in ihm war gespannt. Der Regen, der fast bis auf die Haut drang und ihn frieren ließ, war vergessen. Ein Knarren und Quietschen schreckte den Journalisten erneut auf. Er riss die Taschenlampe nach links. Im Schein tauchte eine Tür aus schweren Eichenbohlen auf. Die Scharniere waren verrostet und brüchig.

»Wo kommt diese Tür her?«, fragte sich Brannon verwundert. Eben noch hatte er diesen Teil des Gemäuers abgesucht, aber die Tür nicht gesehen. »Ich glaube, ich beginne auch schon zu spinnen«, schimpfte er mit sich selbst, »wenn ich wüsste, dass es nichts Übersinnliches gibt, würde ich in dieser Umgegend auch an Geister glauben.«

Von einem seltsamen Gefühl erfasst, näherte er sich der halboffenen, altersschwachen Tür. Knisternde Spannung und bohrende Neugier erfassten ihn und ließen ihn nicht mehr los. Unaufhaltsam, wie von einer fremden Macht geleitet, stieß er mit der Fußspitze das Tor auf.

Ächzend und stöhnend schwang es auf und gab einen vagen Blick in das Innere der Ruine. Der grelle Finger der Taschenlampe bohrte sich in die Schwärze hinter der Tür. So sehr Brannon seine Augen auch anstrengte, er vermochte nichts außer einigen Stufen zu erkennen, die in die unteren Gewölbe zu führen schienen. Als er die erste Stufe der steinernen Treppe betrat, spürte er den eisigen Hauch aus der Tiefe, der seinen Körper streifte.

»Verdammt kalt«, murmelte er und leuchtete die ersten Stufen ab, »als wäre ich am Nordpol.«

Ohne sich weitere Gedanken über die unnatürliche Kälte zu machen, begann er, ohne zu zögern, die feuchte, glitschige Treppe hinabzueilen.

»Was werde ich wohl dort unten finden?«, fragte sich der Journalist erregt.

Die unheimliche Stille, die schwarze Finsternis um ihn herum und die Kälte verursachten in ihm ein seltsames Prickeln. Unwillkürlich erinnerte er sich an seine Jugendzeit. Damals hatte er als Mutprobe, um in eine Gruppe aufgenommen zu werden, von Mitternacht bis ein Uhr auf einem Friedhof verbringen müssen. Damals hatte er dasselbe Gefühl verspürt …

Das Licht der Taschenlampe reichte kaum zehn Meter weit, doch es genügte, um die Stufen sehen zu können. Das Ende der Treppe aber war noch nicht zu erkennen.

Schritt für Schritt tastete er sich in die Tiefe. Ein seltsames Geräusch ließ ihn innehalten. Instinktiv riss er die Lampe hoch. Im Lichtkegel tauchten schwarze Schatten auf und flatterten auf den Mann zu.

Brannon erschrak bis in Mark und Bein, doch dann hatte er die Lage überblickt. Die Wesen, die dort auf ihn zugeschnellt kamen, waren keine Gefahr. Geistesgegenwärtig zog er den Kopf ein und riss zum Schutz die Arme vor das Gesicht.

Mit schrillem Gekreische flatterte ein Schwarm dunkler Schatten an ihm vorbei und verschwand so rasch, wie er aufgetaucht war.

»Fledermäuse, so tief im Gewölbe?«, fragte sich der Reporter, als er den Schreck überwunden hatte. »Na ja wenn dies die einzige Überraschung ist, die die Ruine zu bieten hat, kann ja nicht mehr viel passieren.« Er atmete tief die kalte Luft ein, um die Erregung, die ihn beim plötzlichen Auftauchen der Nachttiere erfasst hatte, zu bezwingen.

Der zweite Schock kam wenig später. Als er nach endlos scheinender Zeit die letzte Stufe erreichte, tauchte ein bleiches Skelett im grellen Lichtfinger auf. Brannon, nicht auf einen solchen Fund gefasst, prallte zurück, als sei er gegen eine Mauer gelaufen. Ein erschreckter Schrei entrann seinem Mund. Erst nach wenigen Sekunden erfasste sein Gehirn, dass auch von dieser reglos sitzenden Gestalt nichts zu befürchten war.

»Das kann ja heiter werden, wenn die hier dutzendweise herumliegen«, versuchte er sich selbst Mut zu machen. Sein Herz pochte kräftig gegen den Brustkasten und wollte sich nicht beruhigen Die Erregung wich nicht mehr.

Respektvoll betrachtete der Reporter das Knochengerüst, das keinen Kopf mehr besaß und in eine halbzerfallene Kutte gehüllt war.

Während er langsam weiterging, überlegte er, wie alt das Skelett wohl sein mochte. Einen Moment nur achtete er nicht auf den Weg und stieß mit dem Fuß gegen einen rundlichen Gegenstand der hohl klang. Er leuchtete den steinernen Boden ab – vor ihm rollte ein Totenschädel, der ihn aus dunklen, leeren Augenhöhlen anstarrte und hämisch zu grinsen schien. Wie vom Blitz getroffen, zuckte Brannon zusammen und sprang instinktiv einen Schritt zurück.

Der bleiche Schädel war harmlos …

Trotzdem kostete es den Reporter einige Mühe, die eigenartigen Überraschungen dieses Gewölbes zu verkraften. Erst nach Minuten ging er, dem Totenkopf einen verächtlichen Blick zuwerfend, weiter.

Umgeben von schwärzester Finsternis, die nur vom grellen Lichtkegel der Stablampe durchbrochen wurde, tastete er sich weiter durch die Gänge. Je weiter er vordrang, desto unbehaglicher wurde ihm. Das erste Mal in dieser Nacht zog er in Erwägung, sein Vorhaben abzubrechen und die Gewölbe zu verlassen.

Während er noch darüber nachdachte lenkte ihn ein grünliches, schwaches Licht am Ende eines Seitenganges ab, den er gerade passieren wollte. Wäre nicht das Flimmern gewesen, hätte er den Gang möglicherweise gar nicht bemerkt.

Neugierig ging er hinein und tastete sich in gebückter Haltung nach vorn. Am Ende angelangt, trat er in einen kleinen Raum, in dem ein grünliches Licht waberte.

Brannons Blick huschte über Decke und Wände, doch er konnte nirgends eine Lichtquelle ausmachen. Verwundert schüttelte er den Kopf.

Als sein Blick zufällig in eine Ecke glitt, gefror ihm das Blut in den Adern. Die Farbe wich aus seinem Gesicht, und sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.

Panik drohte ihn zu ergreifen, und nur mit eiserner Verbissenheit gelang es ihm, sich zur Ruhe zu zwingen. Auf dem grauen, feuchten Steinboden lag eine fürchterlich verstümmelte, männliche Leiche.

Das Haupt war ihr bis zum Hals gespalten, die Verwesung schon stark vorangeschritten. Erst jetzt roch Brannon den süßlichen Geruch. Angewidert wandte er sich ab, doch dann entschloss er sich, einen Anhaltspunkt über den Toten herauszubekommen. Zögernd näherte er sich dem Toten. In seinem Hals würgte es, und er glaubte, jeden Augenblick würde sich sein Magen umdrehen. »Wie lange mag er wohl hier liegen?«, fragte Harry Brannon sich und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die von den Wänden widerhallte. Er wusste, dass er mit den Nerven bald am Ende war, wenn er nicht bald die Ruine verließ.

Mit dem Stiel der Lampe schlug er die linke Jackenseite des Leichnams beiseite, in der Hoffnung, irgendwelche Papiere zu finden.

Er hatte Glück. Aus der Innentasche ragte eine lederne Brieftasche. Mit spitzen Fingern zog er sie hervor und klappte sie auf. Da das grüne Licht in dem Raum zu schwach war, um zu lesen, schaltete er die Taschenlampe an. In der Brieftasche fand er Ausweis, Führerschein und die Mitgliedskarte eines Sportvereins. Neugierig öffnete der Reporter den Ausweis. Auf dem Passfoto lächelte ihm ein freundliches, sympathisches Gesicht entgegen. Es hatte mit dem der Leiche nichts mehr gemeinsam.

Der Ausweis lautete auf den Namen Frank Miller, geboren in Brighton.

Armer Kerl!, dachte Brannon, als sein Blick noch einmal auf die Leiche fiel.

Gedankenverloren betrachtete er dann noch einmal das Ausweisfoto, und mit einem Mal kam ihm ein wichtiger Gedanke.

War der Tote, den er hier gefunden hatte, vielleicht einer der vermissten Hobbyforscher, die vor zwei Jahren die Ruine aufgesucht hatten und seither verschwunden waren?

Die Vermutung lag nahe, doch wo war der zweite Mann? War er gar der Mörder? Brannon stellte sich selbst Dutzende von Fragen, doch er kam zu dem Entschluss, dass viele wahrscheinlich nie beantwortet werden konnten. In einem aber war er sich nach einiger Überlegung sicher. Dieser Tote war einer der Forscher, nach deren Verschwinden die Mordserie begonnen hatte.

Er steckte die Ausweispapiere sorgsam ein und begann, den Raum genauestens zu untersuchen. Seine besondere Aufmerksamkeit schenkte er dem Eingang zu dem angrenzenden Raum. Er war mit flach geschmiedeten Metallstangen abgesperrt. Eine der Stangen verlief horizontal, die andere vertikal und beide bildeten so ein großes Kreuz.

In dessen Mitte leuchtete es.

Brannon trat näher und sah sich um.

An der Gewölbedecke entdeckte er eine kleine, schmale Öffnung, nicht mehr als ein Riss. Dort hindurch strahlte, wenn auch nur bleistiftdünn, blasses Mondlicht, genau auf die Mitte des Kreuzes. Draußen sind Gewitter und Regen also vorüber, dachte Brannon als erstes, denn das Licht konnte nur vom Mond stammen. »Irgendetwas hat mal in der Mitte des Kreuzes gehangen, denn das Metall ist an dieser Stelle rau und uneben.

»Es sieht aus, als habe man den Teil, der dort hingehört, mit Gewalt abgerissen.«

Untersuchend befühlte er die raue Stelle. »Wenn ich nur wüsste, wie alles zusammengehört. Ich komme mir vor, als säße ich vor einem riesigen Puzzle«, knirschte er unzufrieden. Die zahllosen Gedanken hatten zwar seine Furcht verdrängt, doch das Ekelgefühl in seinem Hals war nicht zu vertreiben.

Er ließ den Schein der Lampe über den feuchten Boden huschen. Obwohl er nicht wusste, was er suchte, hoffte er doch etwas zu finden, was ihn weiterbrachte. Geduldig, die Leiche nicht beachtend, leuchtete er jeden Winkel ab. Seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. Plötzlich fiel der Lichtstrahl auf einen flachen Gegenstand, der aussah wie eine große Münze.

Im selben Moment änderte sich die Situation. Das grüne Licht begann zu wabern und unruhig zu flimmern. Es verlor zusehends an Intensität und strahlte im nächsten Augenblick wie ein greller Blitz.

Geblendet bedeckte Brannon die Augen mit seinem linken Unterarm.

Was ist das?, dachte er voller Unruhe und die Angst kroch wieder in ihm empor. Als das grüne Licht wieder etwas ruhiger waberte, bückte er sich blitzschnell und hob den entdeckten Gegenstand auf. Er betrachtete das Medaillon, und um besser sehen zu können, richtete er den Strahl der Lampe darauf.

Ein gellender Schrei, jammerndes Keuchen und Stöhnen jagten ihm eisige Schauer über den Rücken. Grauen erfasste ihn. Brannon wirbelte, in Panik geraten, herum, riss die Taschenlampe hoch und erstarrte voller Entsetzen. Mit weit aufgerissenen Augen sah er, wie im Nebel, der sich in dem grünen Licht bildete, schmerzverzerrte Gesichter unscharf hervortraten und wieder verschwammen. Die Nackenhaare sträubten sich, und der Reporter merkte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat.

Er ließ fast Lampe und Medaillon fallen, als erneut ein markerschütternder Schrei die Wände erzittern ließ, die Nebelschwaden Gestalt annahmen und die Konturen übergangslos wieder verschwanden. Sie lösten sich wie Rauch im Wind auf.

Langsam, Schritt für Schritt, versuchte Brannon zurückzuweichen. Es gelang ihm nur mühsam.

Schließlich spürte er die kalte, feuchte Wand hinter sich.

Der Nebel waberte drohend näher und die Gestalten nahmen wieder festere Konturen an.

»Mein Gott! Das darf doch alles nicht wahr sein!«, keuchte er voller Entsetzen und dachte an die letzten, warnenden Worte McDonalds. »McDonald hatte tatsächlich recht. Die Geister existieren! Hätte ich doch auf ihn gehört, ich Narr!«

Plötzlich, in höchster Not, kam ihm der rettende Gedanke. Er entsann sich des Medaillons, mit dem der Spuk begonnen hatte.

Instinktiv leuchtete er es noch einmal mit der Lampe an. Kreischend und heulend verschwanden die Geisterwesen wieder im Nebel, unfähig, ihre Gestalten zu vervollkommnen. Brannon sah es mit großer Verwunderung. Erleichtert atmete er auf. Sein Geist konnte das Gesehene und Erlebte noch nicht ganz verkraften, doch er war überzeugt. Die Wikinger waren kein Hirngespinst irgendwelcher Dörfler.

Als er durch Zufall das Licht wieder vom Medaillon nahm, tauchten sie wieder auf.

Brannon stand wie angewurzelt auf einer Stelle und bewegte sich keinen Zentimeter nach vorn. Fasziniert und gleichzeitig mit angstgeweiteten Augen starrte er auf das Schauspiel des Grauens, das wie ein Film vor ihm ablief. Teuflische Fratzen, von Schmerz und Wut entstellt, formten sich aus der nebligen Masse, begleitet von hohlen Schreien und Wimmern, peinvollem Keuchen und Stöhnen.

Ein helles Singen und Tönen marterte das Trommelfell und führte ihn in Versuchung, die Hände vor die Ohren zu pressen, um den Schmerz zu lindern. Mit eiserner Gewalt unterdrückte er den Wunsch und konzentrierte sich wieder auf das Medaillon, das er in den Strahl des Lichtfingers hielt.

Golden sprühten Kaskaden von Lichtfunken über die Oberfläche der Münze. Der Nebel wanderte nicht weiter auf ihn zu, sondern verharrte in einiger Entfernung. Die Konturen verschwanden wieder.

Allmählich löste sich die Verkrampfung in seinem Körper und die Angst, die sein Gesicht verzerrte, wich langsam.

Erkenntnis und Zuversicht machten sich auf seinem Antlitz breit.

»Das Medaillon ist der beste Schutz gegen die Geister«, beruhigte er sich und hielt das Goldstück und die Lampe fest gegeneinander gerichtet. »Solange das Licht darauf scheint, sind die Wikinger gebannt und können sich mir nicht nähern.«

Unbewusst nickte Brannon, als wolle er sich die Vermutung selbst bestätigen. Der Mönch, der die Geister im 16. Jahrhundert bannte, benutzte gewiss dieses Medaillon, um den Fluch aufzuheben, kam es ihm in den Sinn.

Langsam begannen sich Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Sollte das Skelett am Ende der Treppe die Überreste des Mönches sein? Die halbverrottete Kutte deutete daraufhin. Im selben Moment, da er sich das Medaillon im grellen Licht noch mal genauer betrachtete, machte er eine merkwürdige Feststellung. Die Zeichen des glänzenden Goldstückes ähnelten, wie er sich zu erinnern glaubte, den Zeichen auf dem Amulett, das er um den Hals trug.

Ein Zufall?

Brannon konnte nicht daran glauben. Es war aber im Moment zu gefährlich sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Keine acht Meter vor ihm lauerte der Tod, der nur auf seine Chance wartete!

Sein Leben wurde von Wesen aus dem Jenseits bedroht, und er musste sehen, wie er seinen Kopf rettete. Obwohl die Furcht vor dem geheimnisvollen, unheilbringenden Nebel, der todbringende Wesen beherbergte, nachgelassen hatte, konnte der Mann das ungute Gefühl in der Magengegend und das Zittern am ganzen Körper nicht bezwingen.

»Trotz allem muss ich sehen, dass ich schnellstens aus den Gewölben herausfinde. Wer weiß, wie lange der Bann noch hält. In der nächsten Sekunde fallen sie vielleicht schon über mich her!«, überlegte er schwitzend und setzte sich, die Wand immer schützend im Rücken, in Richtung Gang in Bewegung.

Auf Zehenspitzen, als habe er Angst, ein verdächtiges Geräusch zu verursachen, schlich er aus dem Raum. Keine Sekunde ließ er den Nebel, der grünlichblau waberte, aus den Augen und achtete darauf, dass das Medaillon im vollen Lichtschein der Taschenlampe lag.

Voller Entsetzen betrachtete er die Lampe, die seit einiger Zeit schwächer zu leuchten begann.

»Die Batterien!«, schoss es ihm durch den Kopf. Was würde geschehen, wenn sie keinen Saft mehr abgaben … Wenn ich nicht schnellstens die Ruine verlasse, bin ich verloren.« Panik ergriff ihn erneut, denn er sah, dass auch das Böse, das ihn umgab, das schwächer werdende Licht bemerkt zu haben schien. Ein Fauchen, Toben und Kreischen wie aus den Tiefen der Hölle peinigte sein Trommelfell und raubte ihm fast den Verstand. Der Nebel verdunkelte sich, brodelte und kochte. Gestalten und Gesichter diesmal mordlüstern lachend, kristallisierten sich aus den Schwaden.

Immer rascher, vom Nebel umwallt hetzte Brannon durch die dunklen Gänge und suchte verzweifelt die rettende Treppe.

Der Nebel verfolgte sein vermeintliches Opfer mit unheimlicher Hartnäckigkeit. Dem Mann kam es vor, als nähere er sich von Sekunde zu Sekunde.

Während er floh, keimte die Todesangst immer starker in ihm auf. Er schwitzte, obwohl es bitterkalt um ihn herum war. Die Kräfte verließen ihn langsam, denn das gehetzte Laufen und die Furcht im Nacken zehrten die Substanz aus seinem Körper.

Brannon war in der letzten Stunde, da er das Gewölbe betreten hatte, um Jahre gealtert. Wo ist nur die Treppe?, hämmerte es in ihm. Andächtig und voller Inbrunst sandte er ein Stoßgebet zum Himmel. Unaufhaltsam keuchte er weiter, stolperte vor Schwäche, rappelte sich wieder auf und hetzte weiter.

Endlich sah Brannon die Treppe im Dunkeln auftauchen. Erschöpft blieb er einen Moment stehen und sog gierig frische Luft in seine brennenden Lungen.

Gehetzt blickte er sich um und rannte die ersten Stufen hinauf. Neue Hoffnung gab ihm die Kraft, den kräftezehrenden Lauf durchzustehen.

Unter seinen Schuhen fühlte er den glitschigen, feuchten Belag, der auf der Treppe lag. Ein falscher, unsicherer Schritt, und die Wikinger hatten gesiegt.

Als er sich erneut flüchtig umsah, erblickte er den Nebel, der ihm hartnäckig folgte, dicht hinter sich.

Nach einer halben Ewigkeit voller Ungewissheit warf er sich mit aller Gewalt vor die Tür, durch die der Weg ins Verderben geführt hatte.

Hastig rannte er weiter, denn die Gefahr war noch nicht gebannt.

Nur weg!, dachte Brannon und mobilisierte seine allerletzten Kräfte.

Ein erneuter Blick nach hinten zeigte weder Nebel noch grünes Licht. Verdutzt verlangsamte er seinen Lauf. Er glaubte schon, alles sei nur ein böser Traum oder eine Halluzination gewesen, als das Flimmern und Wabern aus der Tür quoll. Die Geister, wahrscheinlich noch immer durch das Strahlen des Medaillons zur Untätigkeit verurteilt, begannen mit Keuchen, Stöhnen und Kreischen die Ruhe der Nacht zu zerstören.

Mit unvorstellbarer Schnelligkeit holte der Nebel wieder auf. Brannon rannte um sein Leben. Er war völlig fertig und mit den Nerven am Ende.

Die Birne der Taschenlampe flackerte schon und die Wesen aus der Vergangenheit gaben nicht auf.

Von einer dämonischen Kraft getrieben, folgten sie in geringem Abstand. Am Fuß des Hügels angekommen, sah Brannon, dass die Batterien ihren Geist aufgegeben hatten.

Jetzt ist alles aus! Aus und vorbei!, dachte er gequält und blickte sich um. Hoffnungslosigkeit stand in seinen Augen. Wie ein heißer Blitz jagte das Grauen durch seinen Körper, und er erstarrte zu einer Salzsäule.

Von dem Reporter, keine neun Meter entfernt, begann der Nebel stärker zu werden. Das grünliche Licht waberte irisierend, und dämonisches Lachen drang an Brannons Ohr. Es war ein Lachen voller Hohn und Siegesgewissheit. Es klang, als käme es tief aus der Erde. Gesichter und Gestalten wurden sichtbar, doch diesmal begleitete kein schmerzhaftes Keuchen und Schreien die Verwandlung.

Brannons Gehirn signalisierte Flucht, doch der Reporter sah sich außerstande, sich zu bewegen. Ohne sich wehren zu können, wartete er auf sein furchtbares Ende, das unter den Waffen der Wikinger stattfinden würde. Grauen schüttelte ihn, und die Augen traten ihm vor Todesfurcht fast aus den Höhlen, als mit einem Schlag der Nebel wich und fünf furchterregende Gestalten vor ihm auftauchten …

Brannon konnte den Anblick des nahenden Todes nicht lange ertragen. Er versuchte, den Kopf beiseite zu drehen, um die hässlich grinsenden Gesichter, die es gar nicht mehr gab und die doch da waren, nicht sehen zu müssen.

Vergeblich!

Eine Lähmung, die seinen ganzen Körper erfasst hatte, verhinderte es, dass er auch nur einen Muskel bewegen konnte.

Er war gezwungen, die Geister anzublicken!

 

 

13. Kapitel

 

McDonald saß, seit Brannon das Haus verlassen hatte, unentwegt am Fenster und stierte in die Nacht hinaus. Nur ab und zu kam der Mond hinter den Wolken hervor und verschwand wieder. Der Regen hatte seit einigen Minuten aufgehört, stellte er beiläufig fest.

Keine Minute ließ der Mann die Ruine, die sich vom nächtlichen Himmel etwas abhob, aus den Augen. Die Zeit rann dahin, ohne dass sich etwas auf dem Hügel ereignete.

»Brannon müsste schon längst wieder zurück sein«, meinte McDonald unruhig und blickte seine Frau, die nervös neben ihm saß, sorgenvoll an.

Sie antwortete nicht, sondern nickte nur. Die letzten Tage hatten sehr an den Nerven der Frau genagt, und sie wirkte zerfahren und innerlich aufgewühlt. Je länger die Abwesenheit des Reporters dauerte, desto unruhiger wurde McDonald, und er begann sich Vorwürfe zu machen, dass er den Mann hatte ziehen lassen.

»Ich bin schuld, wenn ihm etwas geschieht«, warf er sich vor. »Ich kannte die Gefahr, die dort oben lauert und habe ihn nicht zurückgehalten. Ich hätte ihn, notfalls mit Gewalt, daran hindern müssen.«

Mary McDonald legte ihre schmale Hand auf seine Schulter, als wolle sie ihm zeigen, dass ihn keine Schuld traf. »Du hättest ihn nicht festbinden können, Adam. Er ist ein Mensch, der sich nicht zurückhalten lässt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Selbst die größte Lebensgefahr kann einen solchen Menschen nicht abhalten, seinen Weg zu gehen.«

McDonald antwortete nicht auf die beruhigenden Worte. Quälende Gedanken wühlten in ihm, während er ununterbrochen die finstere Ruine beobachtete. Ihm wurde bewusst, wie sehr er das Gemäuer hasste. Tag für Tag hatte er darauf geblickt, seit er in Ghestbury wohnte. Er wünschte, es nie gesehen zu haben.

Etwas Helles, nicht mehr als ein Hauch von Helligkeit, riss ihn aus den Gedanken. Die Finsternis der Nacht, die weder Sterne noch Mond sah, wurde von dem grünlichen Licht durchbrochen. Wie fast jede Nacht umwaberte es die Ruine.

Wie von der Tarantel gestochen, fuhr McDonald auf und sprang zur Tür.

»Wohin willst Du, Adam?«, schrie seine Frau in höchster Verzweiflung, doch er hörte sie nicht mehr.

Zurück blieb Mary, die laut schluchzte und mit ihrer Sorge um den geliebten Mann allein war.

»Er ist in höchster Lebensgefahr!« Keuchend hetzte der Schriftsteller durch die Nacht. Er wusste nicht, wie er dem Journalisten, wenn er noch lebte, helfen sollte, doch er musste es wenigstens versuchen.

Das grüne Todeslicht floss gleichmäßig und intensiv strahlend den Hügel hinab und verharrte plötzlich.

Voller Entsetzen sah McDonald, ohne im Lauf zu stoppen, den Schatten Brannons, der wie eine Statue vor dem aufquellenden Nebel stand und sich nicht rührte. Die Silhouette seines Körpers hob sich deutlich vom Grün der gleißenden Helligkeit ab.

Ohne Übergang veränderte sich der Nebel. Gestalten wurden sichtbar und materialisierten zu Wesen, die aus dem frühesten Mittelalter stammten, die Wikinger von Desmore Castle.

Warum rennt er nicht weg?, dachte McDonald erregt und hetzte weiter.

Noch hatten die Geister ihn nicht bemerkt. Jeden Moment konnten sie allerdings seine Ausstrahlung spüren oder ihn bemerken. In diesem Fall wurde es für ihn gefährlich. Er besaß keine wirksame Waffe gegen sie.

Zur Untätigkeit verdammt, sah er, wie die Gestalten sich Brannon näherten und drohend ihre Waffen hoben. Er vernahm das grausame Lachen aus ihren Kehlen. Er ist verloren!, hämmerte es in McDonald. Er konnte dem Mann nicht helfen.

Im selben Moment – die Wikinger waren keine zwei Meter mehr von ihrem Opfer entfernt – riss die Wolkendecke auf, und silbriges Mondlicht flutete über das Land. Sein Licht gleißte auf die nächtliche Welt herab und beleuchtete sie kärglich mit seinem kalten Strahlen.

Urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, steigerte sich das Inferno des Schreckens dem Höhepunkt zu. McDonald glaubte seinen Augen nicht zu trauen Voller Erstaunen und Furcht blieb er abrupt stehen und starrte auf die erneute Verwandlung der Wesen.

Kreischen und Stöhnen drangen an sein Ohr und reizte sein Trommelfell. Keine zweihundert Meter vor ihm spielte sich eine dramatische Szene ab. Die Gestalten aus dem Jenseits begannen sich aufzulösen. Es sah aus, als würden sie langsam von innen heraus verbrannt, bis sie nur noch Rauch und Qualm waren, der in alle Windrichtungen zerstob.

Die plötzliche Verwandlung glich einem Todeskampf, gegen den die Geister keine Macht besaßen. Ohne sich wehren zu können, verschwanden sie in dem grünen Nebel, der wieder auftauchte. Aus ihm waren sie entstanden und dorthin mussten sie wieder zurückkehren.

Die Schwaden lösten sich allmählich auf, und nur das seltsame Licht blieb noch eine Weile. Dann flackerte es unruhig und erlöschend davon.

Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit, und er sah Brannon noch immer wie erstarrt in einiger Entfernung stehen. Er rührte sich keinen Millimeter.

Mit schnellen Schritten lief McDonald auf den Mann zu, der, bevor er ihn erreichen konnte, zu wanken begann und wie ein gefällter Baum umfiel. Als er die wie leblos liegende Gestalt vor sich sah, kniete er nieder und tastete nach ihrem Puls.

Erleichtert atmete er auf, als er das gleichmäßige Pochen des Blutes spürte.

 

 

14. Kapitel

 

Wie aus weiter Ferne vernahm der Reporter als erstes wieder Stimmen und Geräusche wie durch Watte. Als nächstes spürte er ein Dröhnen und Bohren im Kopf, als erwache er nach einem K.O.-Schlag.

»Er schlägt die Augen auf«, flüsterte eine sanfte Stimme, und im gleichen Augenblick wusste er, dass er wohl damit gemeint war. Sofort kam wieder die Erinnerung, und er wollte entsetzt aufspringen.

»Die Wikinger, lauft weg!«, schrie er laut, doch die sanfte Stimme sprach beruhigend auf ihn ein. Behutsam, aber energisch drückte ihn eine Hand in ein weiches Kissen. Seufzend sank Brannon wieder in tiefen Schlaf. Es dauerte Stunden, bis er erneut die Augen öffnete. Das erste, was er sah war das lächelnde Gesicht von Mrs. McDonald.

»Sie haben lange geschlafen«, sagte sie und setzte ihm ein Glas mit kaltem Tee an die Lippen.

Brannon trank mit gierigen Zügen, denn seine Kehle war trocken. Als er sich aufrichten wollte, zuckte er schmerzgepeinigt zusammen. Seine Glieder taten weh, als sei er verprügelt worden.

»Bleiben Sie ruhig liegen«, warnte die Frau besorgt. »Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen.«

»Wieso zu Kräften kommen?«, fragte er verdutzt. »Sie tun ja so, als sei ich schwer krank.«

»Sind Sie in gewisser Weise auch«, kam es aus der anderen Ecke des Zimmers.

Brannon wandte den Kopf und merkte, dass sogar das ihm Schmerzen bereitete.

McDonald saß im Sessel und rauchte seine Pfeife. Er sah übernächtigt und erschöpft aus.

»Wieso?«, fragte der Reporter erschrocken.

»Sie waren für einige Zeit gelähmt, als sie den Wikingern gegenüberstanden. Die Lähmung ist noch nicht ganz aus ihren Gliedern gewichen. In zwei Tagen aber sind Sie wieder gesund.«

»Wollen wir es hoffen.«

McDonald stand auf und trat neben ihn. »Ich hoffe, Sie sind endlich überzeugt!«

Der Reporter antwortete nicht gleich. Er nickte nur schwerfällig. »Mein Leichtsinn und meine Ungläubigkeit hätten mich fast das Leben gekostet«, gab er schließlich zu. Nun begann er jede Einzelheit seines Abenteuers zu berichten. Im Verlauf des Berichtes erinnerte er sich wieder an das Medaillon, das ihm das Leben gerettet hatte.

»Wo ist das Medaillon geblieben?«, fragte er voller Sorge und Unruhe.

McDonald ging zum Tisch hinüber wo das wertvolle Metall lag.

»Geben Sie es mir, bitte!«, forderte der Journalist.

Der Schriftsteller legte es ihm in die mühsam geöffnete Hand.

»Es hat seltsamerweise die gleichen Zeichen wie das Amulett meiner Frau.«

»Ich weiß! Schon im Gewölbe ist es mir aufgefallen.«

Mit glänzenden Augen betrachtete er das Medaillon das erste Mal bei hellem Tageslicht. Die Sonne, die durch das Fenster schien, ließ es golden erstrahlen.

»Dies ist der Schlüssel, um den Fluch der Wikinger zu bannen«, sagte er mit fester, überzeugter Stimme.

Die McDonalds starrten ihn verwundert an. »Wollen Sie sagen dass dieses Goldstück die Geister vernichtet?«

»Genau! Erinnern Sie sich an das Amulett Ihrer Frau? Als Sie den Geistern begegnet sind, rettete Sie nur das Mondlicht, das auf den Talisman fiel. Wie alles zusammenhängt, weiß ich nicht. Vielleicht wird es auch immer ein Geheimnis bleiben. Eins aber ist sicher. Der Talisman und das Medaillon in Verbindung mit Licht, sei es natürlichen oder künstlichen Ursprungs, bannt und vertreibt die Wesen aus dem Jenseits.«

Details

Seiten
441
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938401
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
tiefen unterwelt vier romane klaus tiberius schmidt

Autor

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Titel: Aus den Tiefen der Unterwelt - Vier Romane von Klaus Tiberius Schmidt