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Die Treckfalken des Llano Estacado

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

John F. Beck - Die Treckfalken des Llano Estacado

Klappentext:

Roman:

John F. Beck - Die Treckfalken des Llano Estacado

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Edward Martin, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

New Mexico nach dem Bürgerkrieg – immer wieder verschwinden Wagentrecks, die der bedürftigen Bevölkerung Nahrung und Werkzeuge bringen sollen; verantwortlich dafür sind der skrupellose Brandon Dolan und seine Bande von Treckfalken. Der junge Treckboss Jake Colder ist auf der Suche nach seinem Vater, der spurlos verschwand, als er einen Treck durch den Llano Estacado geführt hatte. Sein Scout ist der steckbrieflich gesuchte ehemalige Südstaaten-Offizier Jeff Whitlow, der mit Dolan einst Steigbügel an Steigbügel ritt und durch feigen Verrat zu einem der meistgesuchten Männer New Mexicos wurde. Obwohl Whitlow weiß, dass er sich auf ein Himmelfahrtskommando einlässt – auf den Treck wartet nicht nur die Gluthölle des Llano Estacado, sondern auch Dolan mit seinen Halsabschneidern –, begleitet er Colder. Nur so hat er eine letzte Möglichkeit, sich von seiner Vergangenheit zu befreien und mit Dolan abzurechnen …

 

 

 

 

Roman:

Die Wagen fegten nach Norden. Eine halbe Meile hinter ihnen brauste die Feuerwalze heran.

Ihr Ziel war eine felsbedeckte Anhöhe, auf der es genug Platz für die elf schwerbeladenen Prärieschoner gab.

Matt Colder, der blonde, breitschultrige Treckboss, galoppierte voran. Schaum flockte von den Nüstern der Pferde und Maultiere. Die Peitschen knallten wie Revolverschüsse.

Die Flammenwalze holte auf. Der Südwind trieb sie vor sich her. Als Colder nach vorn sah, tauchte ein Reiter aus einer Senke auf. Der große, hagere Mann war ganz in abgewetztes Leder gekleidet. Colt und Bowiemesser hingen am Gürtel. Ein Gewehr steckte im Sattelfutteral. Statt vor dem Feuer zu fliehen, ritt der Fremde den Planwagen entgegen.

„Kiowas lauern auf dem Hügel.“

„Dann kämpfen wir!“

„Es sind zu viele. Halten Sie die Wagen an!“

„Sind Sie wahnsinnig?“ Der Treckboss blickte gehetzt zurück. „Auf einigen befinden sich Schießpulver und Petroleum.“

„Dann gibt’s noch ’ne andere Chance.“ Der Hagere lenkte sein Pferd auf den ersten Wagen zu.

„Anhalten!“

Der schnurrbärtige Fahrer stemmte sich ein.

„Hast du Schießpulver geladen?“

„Ja, aber …“

„Her damit!“

Auch die nächsten Conestoga-Schoner hielten nun. Der Beifahrer beugte sich nach hinten und gab dem Reiter ein bauchiges Fässchen.

Gunpowder, stand darauf. Der Fremde preschte, die Zügel ums linke Handgelenk gewickelt, wieder an Colder vorbei. Die Fransen an den Ärmeln flatterten. Der Stetsonriemen umspannte das Kinn. Nach hundert Yard öffnete er mit dem Bowiemesser das Spundloch und streute quer vor den Planwagen eine Pulverspur.

„Wer ist der Bursche?“ fragte der Schnurrbärtige.

Zögernd ließ der Treckboss den Revolver sinken.

„Jeff Whitlow, ein ehemaliger Rebellenoffizier und Kriegsverbrecher. Ich hab ihn nicht gleich erkannt, bis ich mich erinnerte, dass ich in Fort Worth seinen Steckbrief sah. Er behauptet, dass auf dem Hügel Kiowas sind.“

„Verdammt!“

Ein Prasseln füllte die Luft. Funken wirbelten. Die Tiere prusteten und stampften aufgeregt. Plötzlich brachen Reiter zwischen den Felsen am Fuß der Anhöhe hervor, bronzehäutige, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidete Gestalten. Im Galopp fegten sie über die Ebene.

Jeff Whitlow ließ das Fässchen fallen, zündete ein zusammengeknäultes dürres Grasbüschel an und warf es auf die Pulverspur. Eine Stichflamme fauchte hoch. Der Braune scheute. Jeff zog ihn zurück. Der Wind drückte das sich blitzschnell ausbreitende Feuer von ihm weg.

„Vorwärts!“, befahl Colder.

Die Wagen rollten an, eine Feuerwand hinter sich, eine vor sich. Kriegsgeheul schrillte. Gewehre krachten, Pfeile schwirrten. Flammen und Rauch verdichteten sich, so dass die Fahrzeuge nur mehr Schatten waren. Auch Jeff schoss. Dann waren die Wagen auf gleicher Höhe.

„Wartet!“

Das Feuer zwang die Indianer zurück. Schießend jagten sie davor hin und her. Glutreste und heiße Asche bedeckten den geschwärzten Boden. Überall qualmte es. Mit dumpfem Tosen näherte sich die zweite Feuerwalze. Der Wind blies Funken auf die Wagenplanen. Schon spürten die Frachtfahrer den Gluthauch. Jeff schätzte die Entfernung: zweihundert Yards.

„Weiter!“, gellte er.

Die Peitschen knallten wieder. Die Tiere scheuten vor der noch schwelenden Fläche, aber die Feuerwoge auf ihrer Spur ließ ihnen keine Wahl. Klobige Räder zermalmten die heiße Asche. Die Hornschicht der Hufe qualmte und stank. Rauch umwehte die Conestogas. Immer mehr Funken bissen sich fest. Hustend schütteten die Beifahrer Wasser auf die Planen. Die Hitze erschwerte das Atmen, die Augen tränten. Plötzlich durchbrachen fünf Kiowas die Flammenwand.

Sie hatten sich in nasse Decken gehüllt, die sie jetzt von sich schleuderten. Gewehre flogen hoch, Tomahawks blinkten. Tödliches Blei stieß einen Conestoga-Fahrer vom Bock. Der Begleitmann schnappte die Zügel. Ein Pfeil bohrte sich in die Rückenlehne.

Da dröhnte Jeff Whitlows Sechsschüsser.

Ein Krieger stürzte. Colder traf ebenfalls. Schreiend griffen die übrigen an. Jeffs Colt war leer gefeuert. Er jagte zwischen sie. Ein Schuss verfehlte ihn knapp. Sein Coltlauf warf den Gegner herab. Dann duckte er sich unter einem sausenden Tomahawk. Die Pferde prallten zusammen. Wieder schlug Jeff mit dem Colt zu. Da landete der dritte Kiowa hinter ihm auf dem Hengst.

Ein muskulöser Arm umschlang Jeff, ein Messer blitzte. Er wollte sich mit dem Gegner fallen lassen, da krachte ein Schuss. Das Messer wirbelte weg, der Klammergriff erschlaffte.

Dann lenkte der Treckboss den Rotfuchs neben Jeff. Er hielt den Revolver. Nebeneinander folgten sie den Planwagen.

Die Flammen hinter ihnen fanden am Rand der verbrannten Fläche keine Nahrung mehr. Die Schüsse und Schreie der Kiowas waren verstummt, kein Indianer mehr zu sehen.

Die Fahrzeuge hielten. Die Prärie glich einer Totenlandschaft. Vereinzelte Buschskelette standen gespenstisch in den Ascheschleiern, die der Wind aufwirbelte.

„Hab' jeden Augenblick damit gerechnet, dass mich das Pulver auf meiner Fuhre zu den Wolken bläst“, schnaufte ein Fahrer. „Wie wär’s mit ’nem Schluck Whisky auf den Schreck, Boss?“

„Genehmigt.“

Die Männer stiegen ab. Obwohl sie dicksohlige Stiefel trugen, spürten sie die heiße Erde. Jeff und Colder blieben im Sattel. Jeff lud. „Was transportieren Sie außer Pulver und Petroleum?“

Das Misstrauen war sofort wieder in Matt Colders Augen.

„Mehl, Kaffee, Salz, Zucker, Tabak, Stoff, Werkzeug, Hausgerät alles, was Sie nach dem Krieg in New Mexico brauchen. Wir wollen in die Gegend um Santa Fe.“

„Dann sind Sie zu weit südlich – es sei denn, Sie wollen quer durch den Llano Estacado.“

„Das haben wir vor.“

„Würd’ ich lassen. Ein Frachtwagenzug, der vor ’nem halben Jahr auf derselben Route nach New Mexico wollte, kam nie dort an.“

„Was wissen Sie davon?“

„Was sie sich in den Siedlungen und Camps erzählen.“

„Der Treckboss war mein Bruder Bob. Diese Frachtwagen gehören seinem Sohn Jake. Der Junge und ich werden sie durchbringen und rausfinden, was mit Bob und seinem Treck geschah.“ Es klang wie eine Kampfansage.

Mit unbewegter Miene holsterte Jeff den Sechsschüsser.

„Sie müssen die Wüste schon sehr gut kennen …“

Ein Reiter kam. Bei jedem Hufschlag wirbelten Staub und Asche auf.

„Unser Scout“, erklärte Colder. „Wir haben ihn in Fort Worth angeheuert. Er kennt alle Wasserstellen im Llano. Jake müsste eigentlich bei ihm sein.“

Der Ankömmling trug eine Mexikanerhose mit Silberknöpfen an den Seitennähten, ein schwarzes Hemd, hochhackige Stiefel und als Kopfbedeckung ein schwarzes, nach Piratenart verknotetes Tuch. Ein Bart umrahmte das knochige Gesicht.

Er stutzte, als er Jeff Whitlow sah.

„Hallo, Pierce!“, begrüßte ihn dieser. „Ich bin also auf der richtigen Spur.“

Überrascht sah Colder ihn an. Der Bärtige drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus.

„Mein Name ist Payle, Mister. Ich kenn’ Sie nicht.“ Seine Rechte kroch zum Revolver.

Jeffs Hände ruhten auf dem Sattelhorn. Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „So ein Bart ist ’ne feine Sache, wenn man als Erkennungszeichen ’ne Narbe am Kinn trägt. Die Uniform stand dir damals auch nicht schlecht, Pierce. Ist Brandon Dolan jetzt euer Boss?“

Der Scout schien zu überlegen, ob er ziehen sollte. Dann wandte er sich an den Treckboss.

„Was, zur Hölle, will der Mann?“

„Scheint dich mit jemand zu verwechseln, Payle. Wo ist Jake?“

„Wir fanden Indianerspuren. Jake ritt zurück, um Neerland und Bliss zu warnen. Er meinte, sie würden sich mit dem Radwechsel sonst nicht beeilen. Das Feuer schnitt mich von ihnen ab.“

„Verdammt, die Rothäute werden sie erwischen!“

 

*

 

Die Gesichter der beiden Männer unter dem Conestoga waren mit Schweiß und Pulverruß verschmiert.

Jake Colders Hände zitterten, weniger vor Furcht, denn vor Anstrengung und Wut. Verbissen füllte er Pulver in die Coltkammern, propfte die Kugeln fest und befestigte Zündhütchen. Ein Pfeil hatte ihn am Hals gestreift. Blut sickerte in den Hemdkragen. Der blonde, drahtige Junge spürte den Kratzer nicht.

Bill Neerland stützte den Sharps-Karabiner auf eine Speiche. Der stämmige Frachtfahrer war bei dem plötzlichen Angriff ebenfalls mit einem leichten Streifschuss davongekommen. Das Tuch an seinem linken Arm war blutgetränkt. Dennoch kaute Neerland gleichmütig seinen Priem.

Der Wagen stand in einer Senke. Die Plane knatterte, wenn ein Windstoß sie traf. Dann liefen Wellen über die grasbewachsenen Hänge. Keine Bewegung war sonst zu erkennen. Das Krachen war verhallt. Die sechs Maultiere lagen von Pfeilen und Lanzen gespickt in den Sielen, nicht weit davon Jakes Pferd und noch ein Stück weiter John Bliss, der Beifahrer.

Sie hatten nach dem Radbruch das Fahrzeug entladen. Jake hatte geholfen, es aufzubocken und das Reserverad zu befestigen. Dann hatten sie in der Ferne den Rauch gesehen und waren ohne die Kisten und Fässer losgefahren – in den Hinterhalt. Keine Federspitze, kein Gewehrlauf war zu sehen. Aber sie wussten, dass die Indianer noch da waren, im Büffelgras verborgen und hinter den Felsbrocken. Neerland spuckte einen Tabakstrahl zwischen den Speichen hindurch.

„Zwei hab ich erwischt, einen du. Ich wette, bevor es dunkelt, riskieren sie nichts mehr.“

„Onkel Matt wird uns raushauen.“

„Wenn er nicht genug zu tun hat, den eigenen Skalp festzuhalten.“

„Du hast ein bemerkenswertes Talent, Mut zu machen.“

„Hast du doch nicht nötig, Kid.“

Neerlands Nussknackergesicht zeigte ein Grinsen.

Jake ging nicht darauf ein. Er packte Neerlands Arm. „John hat sich eben bewegt. Er lebt.“

„Wir können nichts für ihn tun.“

„Aber …“ Jake schluckte, als der Frachtfahrer ihn fest ansah. Dann zischte er: „Gib mir Feuerschutz!“

„Sie warten drauf, dass wir durchdrehen.“

Jakes Augen flackerten. Nur der Wind sang, und ein Zipfel der Wagenplane schlug. Er starrte wieder zu Bliss. Die Rechte des Verwundeten umkrallte ein Grasbüschel. Mühsam hob er den Kopf, dann verlor er wieder die Besinnung.

„Mach, was du willst ich hol ihn!“

Jake kroch unter dem Wagen hervor, sprang auf, da erwischte Neerland sein rechtes Fußgelenk. Jake stürzte. Sein Wutschrei versank im Peitschen mehrerer Gewehre. Kugeln trafen den Wagen genau da, wo er eben noch stand.

Neerland zerrte ihn unter den Conestoga. Wie von weit her vernahm der Junge gellendes Geschrei. Dann donnerte Neerlands Sharps.

„Bleib am Boden!“, keuchte der Frachtfahrer, als Jake sich bewegte. Ein Blei- und Pfeilhagel erschütterte das Fahrzeug. „Das sind mindestens zehn Mann. Rechne dir mal aus, welche Chance du hattest.“

Er war aschfahl. Schmerz verkniff die Mundwinkel.

„Bill, um Himmels willen, wo hat’s dich erwischt?“ rief Jake.

„Red nicht, verdammt, schieß!“ Neerland versuchte, das Gewehr zu laden, aber es entglitt ihm. Jakes Colt schmetterte. Die bronzefarbenen Gestalten am Hang vor ihm verschwanden. Jake drehte sich und feuerte auf die andere Seite.

Zwei Kiowas rannten geduckt auf den Conestoga zu, der eine mit einem kurzläufigen Gewehr, der andere mit Lanze und Tomahawk bewaffnet. Der Krieger mit dem Gewehr warf plötzlich die Arme hoch und fiel vornüber. Sein Gefährte blieb stehen, stieß einen wilden Schrei aus und schleuderte die Lanze. Sie bohrte sich einen halben Yard vor Jake in die Erde. Dessen zweiter Schuss riss den Indianer um. Dann schwiegen die Waffen.

John Bliss war tot. Mehrere Pfeile hatten ihn getroffen.

Jake kroch zu Neerland, der auf dem Rücken lag, beide Hände auf den Leib gepresst. „Bill … es tut mir leid …“

„Es wird dir noch mehr leid tun, wenn du versäumst, deinen Colt nachzuladen“, ächzte der Verwundete. „Sie wissen jetzt, dass sie’s nur noch mit dir zu tun haben. Das ändert alles.“

„Kann ich dir helfen, Bill?“

„Sag deinem Onkel …“ Neerlands Kopf fiel zur Seite.

Jake krümmte sich. Schweiß und Tränen vermischten sich auf seinen Wangen. Dann hörte er ein Rascheln. Als er unter dem Prärieschoner hervorlugte, sah er einen schwarzen, mit einer Adlerfeder geschmückten Haarschopf neben einem Felsbrocken.

Er zielte und schoss. Ein höhnisches Lachen antwortete. Er wollte wieder feuern, da fiel ihm ein, dass es die letzte Kugel in der Colttrommel war. Hastig lud er. Die Pulverflasche war halb leer, der Bleivorrat fast verbraucht. Jake dachte an den Rauch, den sie gesehen hatten. Stammte er von einem Präriebrand?

Dann würde er den Wagenzug nicht wiedersehen. Der Schatten verriet ihm, dass die Sonne sich zum Horizont neigte. In zwei Stunden kam die Nacht. Dann erwischten sie ihn.

Seine Faust krampfte sich um den Revolver.

Plötzlich schallte ein Schrei, Hufe trommelten. Ein Reiter galoppierte auf den Wagen zu. Jake warf sich herum. Seine Linke umfasste das rechte Handgelenk. Die ledergekleidete, tief auf das Pferd geduckte Gestalt war dreißig Schritte vor ihm. Jakes Finger krümmte sich, da hob der Heranjagende den Kopf.

Ein Weißer!

„Nicht schießen!“, verstand Jake.

Der Schrei von zuvor wiederholte sich. Indianer schnellten an den Hängen empor. Mündungsfeuer blitzten. Der Sattel des Pferdes war plötzlich leer. Der Reiter hing an der von den Gewehrschützen abgewandten Seite. Dann krachte es, als würde eine Kanone abgefeuert. Eine schwarze Rauchfahne erschien über dem westlichen Senkenrand. Der Wind riss sie fort.

Auf einen neuerlichen Donnerknall gefasst, warfen die Kiowas sich in Deckung.

Jeff Whitlow schwang sich am Heck des Frachtwagens wieder in den Sattel. „Steig auf!“

„Zu zweit kommen wir nicht weit.“

„Weit genug. Ich hab die Mustangs fortgejagt.“

Jeff duckte sich, als die Gewehre wieder blitzten. Sein Colt antwortete.

Auch Jake schoss. „Komm! Gleich geht die zweite Ladung hoch. Ich bring dich zum Wagenzug.“

 

*

 

Die elf Planwagen waren zu einem Kreis aufgefahren. Düster ragte der Felshügel aus dem verbrannten Land. Aber schon nach dem nächsten Regen würde frisches Grün aus der Asche sprießen. Der Wind war abgeflaut. Blutrot leuchtete die Sonne über dem westlichen Horizont. Bärtige Männer umringten die Ankömmlinge.

„Ed, Clay, ihr bleibt auf Wache!“, schallte Colders Stimme durch die Wagenburg. „Weiß der Teufel, ob die Rothäute es nicht doch noch mal versuchen. Tom, Brad, ihr zündet ein Feuer an!“

Steif von dem anstrengenden Ritt rutschte Jake vom Pferd. „Bin verdammt froh, euch wiederzusehen.“

Ein bärtiger Frachtfahrer gab ihm eine Flasche.

Jake trank.

„Wo stecken John und Bill?“

„Die Kiowas haben sie erwischt. Ich hätte es ohne Whitlow auch nicht geschafft.“

Der Treckboss trat mit angeschlagenem Gewehr hinter den Reiter.

„Ich schieße trotzdem, Whitlow, wenn Sie den Colt anfassen. Steigen Sie ab und heben Sie die Hände!“

Die Frachtfahrer wichen zur Seite.

Jake verschluckte sich. „Was soll das, Onkel Matt?“

Jeff wollte das Pferd drehen, da schnappte der Repetierbügel.

„Keine falsche Bewegung, Colonel!“

Jeffs Miene erstarrte. „Ich bin nicht mehr Colonel.“ Seine Stimme klang ruhig. „Der Krieg ist seit über einem Jahr zu Ende.“

„Ihr Steckbrief hängt trotzdem noch in allen Forts und Sheriff's Offices zwischen dem Sabine River und dem Rio Bravo. Tun Sie, was ich sage, sonst geht meine Knarre los!“

Jeff stieg ab. Er achtete darauf, dass seine Hand nicht in die Nähe des Sechsschüssers kam. Es war eine Armeewaffe. Der rotbraune Walnussholzkolben war abgewetzt.

„Kel, bring sein Pferd weg!“, befahl Colder.

Ein stämmiger, rothaariger Treckfahrer führte das Tier zur Seite.

„Er hat mir das Leben gerettet, Onkel Matt!“

„Hat er dir auch gesagt, weshalb? Er weiß, dass die Frachtwagen dir gehören – und ich ihm nicht traue, obwohl er uns gegen die Rothäute half.“

„Ich verstehe nicht …“

„Er war im Krieg Anführer eines Sonderkommandos der Rebellenkavallerie, darauf spezialisiert, unsere Nachschubtransporte für die Stützpunkte in New Mexico abzufangen. Ein Jahr lang blockierte er mit seinen Leuten den gesamten Santa-Fe-Trail. Kein Wagenzug, der von Nordstaatlern begleitet wurde, kam durch. Die verdammten Grauröcke schlugen immer dann zu, wenn man’s am wenigsten erwartete, blitzschnell und tödlich. Die hießen die „Treckfalken“. Zwei Blaurock-Schwadronen machten monatelang vergeblich Jagd auf sie. Alles, was dabei rauskam, war, dass Whitlow sich mit seiner Truppe nach jedem Überfall in den Llano absetzte. Die Wüste tilgte jede Spur. Patrouillen kamen nicht zurück. Im Nordstaaten-Hauptquartier wurde schon damals eine Kopfprämie für Whitlow ausgeschrieben.“

„Jetzt erinnere ich mich.“ Jeff drehte sich trotz der auf ihn zielenden Waffe langsam um. „Sie waren der Boss des Yankee-Wagenzugs, der uns im letzten Kriegsjahr an der Cimarron-Furt in die Hände fiel.“

„Zehn meiner Leute kamen dabei um, von verdammten Rebellenkugeln niedergemäht.“

„Wir schossen nie auf Zivilisten, wenn diese nicht mit der Waffe Partei für die Blauröcke ergriffen. War es nicht so, dass Sie damals den Befehl dazu gaben?“

„Ich würd’s wieder tun!“, antwortete Colder heftig. „Der Captain, der die Eskorte befehligte, war mein Freund. Ich bedaure nur, dass ich Sie nicht erwischte. Aber das lässt sich nachholen. Jake, bleib aus der Schusslinie!“

„Ich pass schon auf, Boss!“, meldete sich der Scout. Er stand mit dem Finger am Abzug seitlich von Jeff in dem sich verdichtenden Schatten. Niemand in der Wagenburg bewegte sich.

Jake keuchte: „Das ist doch Wahnsinn! Onkel Matt, du kannst Whitlow nicht vorwerfen, dass er im Krieg seine Pflicht erfüllte, so bitter das für dich gewesen sein mag.“

„Nennst du’s Pflichterfüllung, dass Whitlow mit seinen Treckfalken noch nach Kriegsende die Begleitmannschaft eines Nordstaatlertrecks niederkämpfte und mit allen Wagen im Llano Estacado verschwand? Seitdem gilt er als Kriegsverbrecher. Auf seinem Steckbrief steht der Zusatz: tot oder lebendig.“

„Whitlow, ist das wahr?“

„Nicht ganz.“ Jeffs Stimme klang rau. „Als meine Reiter damals den Treck angriffen, war für uns noch Krieg. Wir wussten nichts von General Lees Kapitulation und dem Einmarsch der Unionstruppen in Texas. Die Blauröcke eröffneten auch sofort das Feuer, und wir nahmen die Wagen mit, weil wir keinen Proviant, keine Ausrüstung und keine Munition mehr besaßen. Unser Verbindungsmann zum Stab in Austin stieß erst zu uns, als das Kesseltreiben der Blauröcke schon voll im Gang war.“ Jeff blickte den bärtigen Scout an. „Ich hab mich seither immer wieder gefragt, ob nicht Verrat dabei im Spiel war.“

„Was hab ich damit zu tun? Mister, du gehst mir allmählich auf die Nerven.“

„Kann ich mir vorstellen, Pierce.“

„Hölle und Verdammnis, mein Name ist Payle – Randolph Emmerson Payle! Wenn du mich noch einmal anders nennst …“

„Reg dich ab, Payle. Entwaffne ihn, aber sei vorsichtig. Whitlow ist gefährlich.“

„Ich auch.“ Der Scout zog Jeff von hinten den Colt aus dem Holster, dann nahm er ihm das Bowieknife ab. Ein Grinsen zuckte über sein Gesicht. „Ich würd’ ihn zu den Kiowas schicken.“

„Wir nehmen ihn mit nach Plainfield. Es gibt ’nen Sheriff dort. Er mag dafür sorgen, dass Whitlow für seine Verbrechen büßt.“

„Er ist kein Verbrecher, Onkel Matt. Du hast gehört …“

„Gehört, ja. Das heißt noch lange nicht, dass ich ihm glaube.“

 

*

 

Klirrend schloss sich die Zellentür hinter dem Gefangenen. Die Feuerrote des Sonnenuntergangs füllte die Fenster des Sheriffs Office.

„Gratuliere, Colder.“ Der bullige Sternträger hängte den Schlüsselbund an den Wandhaken. „Die Belohnung für Whitlows Festnahme wurde nach dem Verschwinden von zwei Wagenzügen auf dem Cimarron-Cutoff verdoppelt. Sie kriegen zweitausend Bucks. Nicht übel, was? Sobald alle Formalitäten erledigt sind, schick ich sie ihnen nach Santa Fe.“

„Ich will das Geld nicht.“

„Mann, niemand verzichtet freiwillig auf zweitausend Dollar.“ Der Sheriff brannte sich genüsslich paffend eine Zigarre an. Dann hob er, als Colder schwieg, die Schultern. „Well, es ist Ihre Entscheidung. Überlegen Sie es sich.“

„Was geschieht mit Whitlow?“

„Er wird hängen.“

„Nicht ohne Gerichtsverhandlung!“, stieß Jake hervor.

Payle, der ebenfalls mitgekommen war, blickte rasch zur Zelle, aber in der Dämmerung erkannte er nur Jeffs Umrisse.

Der Gesetzeshüter der kleinen Town am Rand der Wüste wandte sich Jake zu. „Die Gerichtsverhandlung hat bereits vor ’nem Jahr stattgefunden. Whitlow wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. An alle Fortkommandanten und Sheriffs erging der Befehl, das Urteil binnen vierundzwanzig Stunden nach seiner Ergreifung zu vollstrecken.“ Er stellte eine Flasche und Gläser auf den Tisch. „Ich werde die Hinrichtung auf morgen früh festsetzen. Dann können Sie, Colder, noch mit dabei sein, bevor Sie mit dem Treck weiterreiten.“

Jake erbleichte. Der Treckboss schüttelte den Kopf.

„Im Krieg hab ich genug Männer sterben gesehen.“

„Wie Sie wollen. Es bleibt trotzdem bei dem Termin. Wie wär’s mit ’nem Drink? Echter Kentucky-Bourbon, kein Südstaaten-Whisky.“

„Ein andermal. Hab noch im Camp zu tun.“ Colders Hand lag auf dem Türknauf. „Jake, was ist? Kommst du?“

Der Sheriff goss sich mit einem neuerlichen Achselzucken einen Drink ein.

Jake ging an ihm vorbei zur Zelle. Zurückgelehnt saß Jeff auf der mit Eisenketten an der Wand befestigten Pritsche. Seine ausgestreckten Beine reichten bis in die Mitte des Raums. Jake sah sein Gesicht nur als dunklen Fleck. „Whitlow, wenn Sie was über den Treck meines Vaters wissen, sagen Sie’s mir.“

Der Gefangene bewegte sich nicht. „Frag Pierce.“

Fluchend nahm der Scout die Flasche, trank und wischte mit dem Handrücken über den Mund.

„Sheriff, ich werde morgen früh rechtzeitig da sein.“ Mit harten Schritten verließ er das Office.

 

*

 

Der Himmel über dem Llano Estacado flammte. Die Wagen lagerten auf der Ebene vor der Stadt.

Plainfield bestand aus nicht viel mehr als einem Dutzend verwitterter Brettergebäude mit den dazugehörigen Anbauten, Schuppen und Korrals – ein Punkt in der Weite des größtenteils noch unbesiedelten Landes. Die Butterfield Company hatte hier einen Handelsposten und ein Frachtbüro zum Abtransport für Büffelhäute eingerichtet.

Der Krieg hatte den Planern einen blutigen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Bewohner lebten seitdem mehr schlecht als recht von Jägertrupps, Kavallerie-Patrouillen, Goldsuchern und Abenteurern, die gelegentlich Rast machten.

Payles Ziel war der Saloon, über dessen Eingang ein buntes Schild mit einem Antilopengeweih hing. Von außen glich er eher einem Pferdestall. Hinter den Fenstern brannten Petroleumlampen. Struppige Pferde standen am Zügelholm.

Zwei davon kannte Payle: den Schecken und den Rostbraunen mit dem weißen „Strumpf“ am linken Vorderbein. In den Scabbards steckten langläufige Enfield-Gewehre – Südstaatlerwaffen. Ein Lauern war in den Augen des Scouts, als er den Saloon betrat.

Stimmengewirr, Tabakqualm und Whiskydunst empfingen ihn. Colders Fahrer umlagerten die Tische. Stiefel wirbelten das Sägemehl auf, mit dem der Boden bestreut war. Gläser klirrten, Karten klatschten, Würfel rollten.

Die Besitzer des Schecken und des Rostbraunen lehnten an der aus Kistenbrettern gezimmerten Theke, beides scharfäugige Burschen. Sie trugen Cowboytracht. Die Revolver hingen tief auf den Oberschenkeln. Der glatzköpfige Keeper bediente sie. Ihre kantigen Gesichter blieben ausdruckslos, als Payle sich neben sie stellte.

„Whisky.“ Payle wartete, bis der Keeper sich den anderen Gästen zuwandte.

„Whitlow sitzt im Jail“, raunte er, über den Drink gebeugt. „Er hat mich erkannt. Der Sheriff will ihn zwar aufknüpfen, aber Whitlow könnte ihm zuvor noch allerhand erzählen. Irgendwann wird der Sternträger dann zu denken anfangen.“

Payle hob das Glas. Als er es absetzte, war es leer.

„Noch einen, Keeper!“ Die Männer neben ihm zahlten.

„Wir erledigen das schon“, verstand der Scout. Sporenklirrend gingen sie zur Tür.

Payle rauchte, trank, wartete. Die Röte auf den Dächern verblasste. Mit der hereinbrechenden Nacht schallte Kojotengeheul von der Ebene. Sterne blinkten. Die Mondsichel hob sich über den Horizont. Colders Frachtfahrer saßen für viele Tage zum letzten Mal in einem Saloon. Die Gluthölle des Llano Estacado wartete auf sie.

Eine Hand legte sich auf Payles Schulter. „Hast du Lust zu ’ner Pokerpartie, Scout?“ Es war der Rothaarige. Er hieß Kel McDowell.

Payle grinste. „Warum nicht?“

Da wurde es still im Saloon. Ein leeres Glas rollte über den Boden. Alle blickten zur Tür. Die Schwingflügel knarrten. Der Frachtfahrer rückte hastig von Payle ab. Payles Rechte streifte den Coltkolben, als er sich vorsichtig drehte. Braune Augen funkelten ihn an. Eine schwarze, ungebändigte Haarflut umrahmte das hübsche Gesicht. Die Wangen glühten.

Das Mädchen stand in der Tür, ein kurzläufiges Henry-Gewehr in der Armbeuge. Der Staub des Llano bedeckte die kurze Wildlederjacke, den Wildlederrock und die halbhohen Weichlederstiefel. Der flachkronige, ebenfalls aus Leder gefertigte Hut hing auf dem Rücken. Payles Augen weiteten sich!

„Angie, verdammt, was machst du hier?“ Er stieß sich ab.

Das jäh nach vorn ruckende Gewehr der Schwarzhaarigen bannte ihn. „Ich hab ein Pferd für dich mitgebracht, Payle. Ich möchte, dass du mich begleitest.“

„Du bist verrückt! Mein Job …“

„Vergiss ihn, Payle.“ Die helle Stimme klirrte.

Stühle scharrten, eine Flasche wurde umgestoßen, ein Fluch erklang.

Aber das Girl ließ den Scout nicht aus den Augen. „Komm jetzt! Aber leg zuvor dein Schießeisen auf die Theke. Du brauchst es nicht.“

„Angie, wenn Dolan erfährt …“

„Ich zähl bis drei, Payle, dann schieß ich. Eins …“

Der Bärtige schwitzte. Mit Daumen und Zeigefinger fischte er den Colt heraus und legte ihn auf die Theke.

„Du machst ’nen Fehler, Angie …“ Blitzschnell verschwand seine Rechte unter der Jacke und brachte einen Revolver mit verkürztem Lauf zum Vorschein. Gleichzeitig sank er auf die Knie.

Zwei Schüsse dröhnten. Payles Blei traf den Türpfosten.

Die Kugel aus dem Henry-Gewehr hieb ein tiefes Loch in seine Brust und stieß ihn gegen die Theke. Sein Revolver rutschte vor McDowells Stiefel. Der Rothaarige wagte nicht, sich zu bücken. Das Schnappen des Repetierbügels war das einzige Geräusch.

 

*

 

Im Office war es dunkel, die Tür nur angelehnt.

Jake Colder presste sich an die Bretterwand. Mondlicht fiel durchs Zellenfenster. Die Gestalt auf der Holzpritsche bewegte sich nicht. Nur die Stiefel ragten aus der Decke. Die Eisenstäbe bildeten ein schwarzes Gitter. Die Town war still.

Jake hörte nur die eigenen Atemzüge. Er hatte sich die Stelle, an der die Schlüssel hingen, gut gemerkt. Vorsichtig schob er sich an der Wand entlang, wich dem Gewehrständer aus und griff nach dem Haken. Die Schlüssel waren fort.

Der plötzliche Druck einer Coltmündung auf den Rippen ließ Jake erstarren.

„Kein Mucks, sonst geht meine Kanone los!“ Der Colthammer knackte, dann flammte ein Streichholz.

„Whitlow!“, krächzte Jake.

Jeff ließ die Waffe sinken. „Hallo, Kid. Ich nehme nicht an, dass dein Onkel weiß, wo du bist?“

„Wo ist Sheriff Blaine?“

„Er liegt gefesselt und geknebelt unterm Schreibtisch. Keine Sorge, er schläft und hört uns nicht. Ich bin nur noch hier, weil ich Besuch erwarte.“

„Payle?“

„Ich freu mich immer, wenn jemand seinen Kopf nicht bloß als Hutständer benutzt, Kid.“

„Der Name ist Jake Colder.“

„Werd’s mir merken, Kid.“

Ein Vorbaubrett knarrte. Jake hielt den Atem an. Lautlos glitt Jeff zur Tür. Sie warteten. Weit draußen auf der Ebene heulten Kojoten. Hinter den Fenstern verlöschten die Lichter. Nur im Saloon war noch Betrieb. Jake erkannte, dass der vermeintliche Schläfer in der Zelle ein Deckenbündel war.

„He, Sheriff!“, klang es leise vom Vorbau.

Jeff und der Junge bewegten sich nicht.

Die Tür schwang plötzlich auf, eine dunkle Gestalt stand auf der Schwelle.

Der ehemalige Südstaaten-Colonel hob den Colt. „Komm rein, Freundchen!“

Gleichzeitig sah Jake eine Bewegung am Zellenfenster. Etwas fiel auf den Boden. Funken sprühten.

Jakes Revolver flog hoch. „Deckung, Whitlow!“

Der Mann in der Tür sprang schießend zurück.

Jeffs Colt krachte, dann kauerte er sich an die Wand.

Die Zelle war jäh in gleißende Helligkeit getaucht. Ein Donnerschlag rüttelte am Gebäude. Die Holzpritsche wurde an die Decke geschleudert, das Bündel darauf zerfetzt. Die Gittertür sprang auf. Pulverdampf füllte das Office, Steckbriefe flatterten.

„Verdammt!“ Keuchend rappelte Jake sich auf. Jeff war schon bei der Tür. Der Junge folgte ihm. Von dem Mann mit dem Gewehr war nichts mehr zu sehen. Mondlicht glänzte auf den Dächern. Drüben ging ein Fenster auf.

Eine Männerstimme schimpfte: „Pest und Schwefel, wer schießt mitten in der Nacht mit ’ner Kanone?“

Dann hämmerten Hufe. Ein Reiter galoppierte die Straße herab, eine schlanke, tief aufs Pferd geduckte Gestalt. Die langen, schwarzen Haare wehten.

„Eine Frau!“, rief Jake überrascht.

Aus der offenen Saloontür fiel eine gelbe Lichtbahn.

„Sie hat Payle erschossen!“, schrie ein Mann. „Lasst sie nicht entkommen!“

Jake rannte auf die Fahrbahn. Sein Sechsschüsser bedrohte die Heranjagende.

„Halt!“, brüllte er. Die wirbelnden Hufe schienen den Boden nicht zu berühren. Das bleiche Gesicht über der flatternden Mähne war angespannt, die Lippen zusammengepresst. Der Mond beschien es. Die dunklen Augen glänzten.

Jake brachte es nicht fertig, abzudrücken.

„Pass auf!“, hörte er halb unbewusst Jeffs Ruf. Er reagierte benommen. Das Pferd stieß ihn um. Staub hüllte ihn ein. Beim Saloon krachten Schüsse.

Als er sich erhob, war Jeff fort. Das Trommeln der Hufe erreichte das Ende der Main Street. Gleich darauf war die Flüchtende nur mehr ein Punkt am Rand der mondbeglänzten Wüste.

 

*

 

Jake drehte sich im Sattel. Wo er vorhin noch die Dächer von Plainfield sah, dehnte sich flimmernde Weite. Die Spur der Conestogas schien aus dem Nichts zu kommen. Ein Meer von Sand und Geröll, durchsetzt mit halbverdorrten Grasbüscheln, Dornengestrüpp, Kakteen und Felsgruppen, dehnte sich ringsum. Der Horizont verschwamm im Hitzeglast. Ein Bussardschrei gellte. Die Wagen standen. Colder studierte die zerknitterte Karte, die er über dem Sattelhorn ausgebreitet hatte. Nur er und Jake besaßen Reitpferde. Jake ritt zu ihm.

„In Plainfield schließen sie Wetten ab, wie weit wir ohne wüstenkundigen Scout kommen.“

Ruckartig hob Colder den Kopf. „Wir haben die Kopie von Bobs Karte. Die Wasserstellen sind eingezeichnet, die Entfernung zwischen ihnen angegeben. Die nächste liegt am Horsehead Rock. Bis zum Abend sind wir da. Dein Vater selbst hat die Route ausgekundschaftet. Wir brauchen keinen Scout.“

„Dann hätte auch Pa es schaffen müssen.“

Colder faltete die Karte. Seine Mundwinkel waren verkniffen.

„Du vergisst Whitlow und die Treckfalken. Weshalb, glaubst du, hab ich nur Männer angeheuert, die nicht nur mit Zügel und Peitsche, sondern auch mit dem Gewehr umgehen können?“

„Ich glaub nicht, dass Whitlow was mit dem Verschwinden von Pas Treck zu tun hat.“

„Wart’s ab' Wir werden diesen Hundesöhnen auf jeden Fall das Handwerk legen. Das sind wir deinem Vater und seiner Crew schuldig. Wenn diese Hexe Whitlow nicht befreit hätte …“

„Sie war’s nicht.“

Colder, der sein Pferd antreiben wollte, nahm die Zügel kurz. „Verdammt! Ich hatte gleich ein komisches Gefühl, als ich dich nicht in der Wagenburg fand!“

„Whitlow benötigte keine Hilfe. Er …“

„Da ist sie!“, schrie McDowell. Er deutete mit der Peitsche zu einer achtzig Yards entfernten Bodenwelle.

Die schlanke, schwarzhaarige Reiterin hob sich deutlich vor dem Wüstenhimmel ab. Das kurzläufige Henry-Gewehr lag schräg über dem Sattel. Der flachkronige Lederhut beschattete das Gesicht. Reglos beobachtete sie den Treck.

„Bleibt bei den Wagen!“, befahl Colder. Dann blickte er seinen Neffen an. „Vorwärts, schnappen wir sie uns!“

Jake zögerte. Aber als der Treckboss den Rotfuchs in Bewegung setzte, blieb er neben ihm. Die Hufe schaufelten dumpf. Deckungslose Fläche lag vor den Reitern. Der Bussard schrie wieder. Die Fremde wartete ruhig. Colders Rechte umspannte den Kolbenhals des Repetiergewehrs, das am Sattel hing.

„Wir brauchen sie lebend“, raunte er. „Schieß auf das Pferd, wenn sie flieht.“

Da hob die Schwarzhaarige die Waffe. „Bleibt!“

Die Reiter hielten an. Colder duckte sich. „Was willst du?“

„Kehrt um! Bringt die Wagen nach Plainfield zurück! Die Wüste wird sonst euer Grab.“

„Verdammtes Biest!“ Der Treckboss riss das Gewehr aus dem Scabbard und stieß dem Pferd die Hacken gegen die Flanken. Die Henry peitschte. Sand spritze zwischen den Hufen. Der Rotfuchs scheute. Fluchend schoss Colder zurück. Aber nur mehr eine Staubfahne hing über der Bodenwelle. „Hinterher.“

Jakes Gewehr steckte noch im Sattelfutteral. Colder galoppierte eine halbe Pferdelänge vor ihm. Jenseits der Bodenwelle dehnten sich Sandflächen und Grasinseln.

Das Girl besaß einen Vorsprung von sechzig Yard. Ihr Brauner war kräftig und schnell. Der Abstand vergrößerte sich rasch.

„Nicht! Du könntest sie treffen, Onkel Matt!“, schrie Jake, als der Treckboss im vollen Galopp den Karabiner hob. Colder ließ die Waffe sinken. Da drehte sich die Schwarzhaarige und schoss. Colder fluchte wieder. Sie jagte auf eine Felsgruppe zu.

Colder zügelte.

„Könnte ’ne Falle sein.“ Er zielte auf das Pferd, fehlte jedoch.

Jake hielt neben ihm. Widerstreitende Empfindungen spiegelten sich auf seinem Gesicht.

„Vielleicht wollte sie uns wirklich nur warnen.“

„Dann weiß sie immerhin mehr als wir.“

Colder zielte abermals. Die Entfernung betrug hundertfünzig Yards. Er konnte nur auf einen Zufallstreffer hoffen.

Da preschten zwei Reiter zwischen den Felsen hervor. Die Flüchtende versuchte, auszuweichen, doch das Pferd des Größeren prallte gegen sie. Der Gewehrkolben traf sie an der Schulter. Sie stürzte.

„Warte!“ Colders Miene war misstrauisch. Sein Finger blieb am Abzug. Der von den Hufen aufgewirbelte Staub senkte sich. Die Schwarzhaarige lag am Boden.

Der zweite Reiter näherte sich dem Braunen, der ein Stück zur Seite getrottet war. Da sprang das Girl auf und rannte zu dem im Sand liegenden Gewehr. Der Aufpasser war schneller. Ein wuchtiger Tritt warf sie abermals um.

„Die meinen es ernst.“ Colder ritt an.

Die beiden wie Cowboys gekleideten Fremden blickten ihm und Jake entgegen. Auf halber Strecke hielt Colder wieder. „Wer seid ihr? “

„Freunde von Payle.“

Das Mädchen wälzte sich auf den Rücken. Aus dem rechten Mundwinkel sickerte Blut.

Jake galoppierte zu ihr, sprang ab und stützte sich auf ein Knie. Dann war auch Colder heran. Sein Karabiner steckte wieder im Scabbard. Grinsend hoben die beiden Reiter die Gewehre. Colder erkannte sein und Jakes Todesurteil in ihren Augen. Jake war noch über das Girl gebeugt.

Der Kleine mit den Wieselaugen höhnte: „All right, das war’s.“

„Nicht ganz.“

Die Stimme kam aus dem Schatten. Die beiden schnellten herum. Ihre Gewehre krachten. Zwei Schüsse antworteten. Die Detonationen verschmolzen zu einem Dröhnen. Die Pferde flohen mit leeren Sätteln. Reglos lagen die Banditen am Boden, während ihr Blut den Sand rot zu färben begann.

Jeff Whitlow tauchte zwischen den Felsen auf.

Jake war aufgesprungen und hielt den Colt. Sein Onkel umklammerte das Gewehr. Jeff ritt an ihnen vorbei zu der Schwarzhaarigen. Sie saß, eine Hand aufgestützt. Mit der anderen wischte sie das Blut vom Kinn.

„Bist du in Ordnung, Muchacha?“

„Hab mich nur auf die Zunge gebissen. Und nenn mich nicht Muchacha. Ich bin keine Mexikanerin. Mein Name ist Angie …“ Sie presste die Lippen zusammen, als hätte sie schon zu viel gesagt.

„Wie noch?“

Mit einem Satz war sie auf den Beinen. Der nächste brachte sie zu ihrem Pferd. Colder hielt die Zügel. Die Mündung seines Karabiners war vor Angies Gesicht. Die funkelte Jeff an.

„Sag ihm, er soll mich reiten lassen.“

„Erst, wenn ich weiß, woher du kommst.“

„Geh zum Teufel!“

Der Wieseläugige stöhnte. „Wasser!“

Jeff reichte Jake die Sattelflasche. Er blieb im Sattel, während Colders Neffe den Verwundeten stützte und ihm die Flasche an die Lippen hielt.

„Wie heißt du?“, fragte Jeff, nachdem der Bandit getrunken hatte.

„Clem Jarvis …“

„Du hast nicht mehr lange zu leben, Jarvis. Sag ihnen, bevor du dich verabschiedest, wer Payle war.“

„Sein richtiger Name war Jim Pierce. Er sollte den Treck in eine Falle führen. Alles war geplant …“

„Wer ist das Mädchen?“

Die Schwarzhaarige ballte die Fäuste.

Der Sterbende atmete mühsam.

„Angie Higgins … Sie kam mit Dolans Bruder nach …“

„Wohin?“

Der Bandit antwortete nicht mehr. Jake legte die Fingerspitzen an seine Halsschlagader, schüttelte dann den Kopf und stand auf.

Jeff blickte das Girl ausdruckslos an. „Verschwinde!“

„Sie gehört zu den Banditen, die Bobs Treck erwischten!“, rief Colder. „Wir nehmen sie mit.“

„Ihr habt nur ’ne Chance, wenn ihr umkehrt.“ Angies funkelnde Augen hefteten sich auf Jake. „Bist du Bob Colders Sohn?“

„Was weißt du?“

„Dein Vater würde nicht wollen, dass du ihm folgst.“

„Lebt er?“

Das Girl blickte zu Boden. „Sie sind alle tot.“

„Wie geschah es?“

Angie schwieg. Eine Ader pochte an ihrem Hals.

Jeff murmelte: „Ihr solltet ihre Warnung nicht abtun. Fahrt nach Plainfield zurück und umgeht auf der Cimarron-Route den Llano.“

„Wir kennen den Weg“, knurrte Colder. „Außerdem … He, was machst du?“

Jake zog die zusammengefaltete Karte aus Colders Satteltasche, ging zu Jeff und zeigte sie ihm. „Pas Trail. Wenn wir Santa Fe erreichen, werden wir ihn nach ihm benennen.“

Jeff warf nur einen Blick auf das Papier. „Wenn ihr dieser Route folgt, werdet ihr in der Hölle ankommen, aber nicht in Santa Fe!“

„Pa ist die Strecke abgeritten, bevor er mit dem Treck aufbrach.“

„Im Frühjahr.“

„Stimmt.“

„Jetzt ist’s Spätsommer. Die meisten Wasserstellen sind ausgetrocknet.“

„Daran haben wir nicht gedacht.“ Jake wirkte betroffen. „Gibt’s denn einen anderen Weg?“

„Lass uns zurückreiten.“ Colder schwang sich aufs Pferd. „Was, zum Teufel, willst du noch von ihm?“

„Dass er uns durch den Llano führt.“

„Bist du närrisch? Er ist der Boss der Treckfalken. Die Burschen, die er erschoss, sind womöglich von der Konkurrenz.“

„Ich traue ihm“, erwiderte Jake, den Blick fest auf den ledergekleideten, hageren Reiter gerichtet. Ein flüchtiger Schimmer Wärme zeigte sich in Jeff Whitlows grauen Augen. Colder schnappte: „Der Treckboss bin immer noch ich.“

„Mit meinem Einverständnis. Wagen und Fracht gehören mir. Whitlow, was verlangen Sie?

„Ich bin hinter den gleichen Halunken her wie ihr.“

 

*

 

Die Conestoga-Schoner warfen lange Schatten, aber die Sonne brannte noch immer mit mörderischer Kraft. Mühsam setzten Pferde und Maultiere die Hufe. Die Kehlen der Männer waren ausgedörrt. Staub- und Schweißkrusten bedeckten die bärtigen Gesichter.

Die Gefangene saß auf dem vordersten Wagen neben dem stämmigen, rothaarigen Kel McDowell. Sie war nicht gefesselt. Eine Flucht zu Fuß war in der glühenden Einöde aussichtslos. Die Dornbuschstreifen, Kakteenfelder und Felskämme wirkten ausgestorben. Keine Tierfährte zeichnete sich im Sand ab.

Jeff ritt zehn Yard voraus. Die Hitze schien ihm nichts auszumachen. Colder schloss zu ihm auf. „Wir müssen nach Süden, Whitlow. Die Wasserstelle am Horsehead Rock liegt hinter der Hügelkette.“

„Sie ist seit zwei Monaten ausgetrocknet. Die Männer und Tiere müssen heute mit dem Wasser auskommen, das ihr aus Plainfield mitgenommen habt.“

Colders Fäuste umkrampften die Zügel. „Wir hatten keine übrigen Fässer.“

Mit einem Ruck brachte Jeff sein Pferd zum Stehen. Sie starrten sich an.

McDowells Wagen rumpelte vorbei.

Jake ritt zu ihnen. „Was gibt’s?“

„Du hast den falschen Treckboss, Kid.“

Colders Fausthieb schleuderte Jeff vom Pferd. Colder warf sich hasserfüllt auf den am Boden Liegenden, aber Jeff rollte weg. Gleichzeitig kamen sie hoch.

„Ich krieg dich!“, knirschte Colder.

„Probier’s!“, antwortete Jeff.

Mit einem wütenden Schlagwirbel griff Colder an.

Jeff wich aus, blockte ab.

„Hört auf!“, schrie Jake.

Jeff ließ eine Gerade knapp vorbei. „Wir haben noch gar nicht richtig angefangen.“

Der eigene Schwung riss Colder gegen ihn. Jeff stemmte sich ein, setzte ihm die geballte Linke über die Gürtelschnalle, die Rechte seitlich ans Kinn. Colder prallte gegen Jeffs Hengst, starrte einen Augenblick glasig, dann stürzte er sich wieder auf den Gegner.

Die Prärieschoner hielten. Die Fahrer bildeten einen Kreis um die Kämpfenden.

„Lass sie!“ Ein graubärtiger, breitschultriger Mann hielt Jake am Arm fest. Alle spürten, dass es hier um mehr als um die Anführerschaft ging. Dann riss ein Peitschenknall die Köpfe der Treckfahrer herum.

Angie trieb die Maultiere an.

„Wirst du wohl hierbleiben!“, schrie McDowell.

Die Männer behinderten sich gegenseitig.

Jeff parierte eben Colders Schwinger, aber der Anprall warf ihn um. Der Treckboss fiel auf ihn. Sie wälzten sich im Staub.

McDowell erwischte die Zügel von Colders Rotfuchs.

„Ich bring sie zurück!“ Der Planwagen jagte nach Süden.

Angie feuerte das Gespann mit schrillen Rufen an.

Funken umsprühten die über das Geröll prasselnden Räder. Dann schleuderten sie wieder Staub empor. Der stämmige Verfolger hockte wie ein Schimpanse auf dem Pferd.

„Halt an, verdammt noch mal! Du wirst dir das Genick brechen!“

Er fluchte, als der Wagen hinter einem Hügelkamm verschwand. Gleich darauf erreichte er die Anhöhe. Staub quoll ihm entgegen. Das Fahrzeug war nur mehr fünfzig Yards vor ihm. Ein Glitzern trat in McDowells Augen. „Na warte, du Biest!“

Fünf Minuten später holte er den schwankenden Conestoga-Schoner ein. Angie wandte ihm das erhitzte Gesicht zu. Die Peitsche pfiff. McDowell stieß einen Wut- und Schmerzensschrei aus. Den nächsten Hieb fing er mit dem Gewehr ab, das er aus dem Scabbard zog. Die Lederschnur wickelte sich um den Stahllauf. Ein heftiger Ruck entriss dem Girl die Peitsche.

McDowell jagte nach vorn und brachte das Gespann zum Stehen.

Grinsend drehte er den struppigen Schädel. „Well, Honey, jetzt sind wir unter uns.“

Aber Angie saß schon nicht mehr auf dem Bock. Sie rannte auf ein Kakteenfeld zu. Wütend galoppierte der Frachtfahrer um den Wagen herum. Angie schlug einen Haken. Der Reiter brauste vorbei. Aber beim nächsten Versuch, ihm auszuweichen, warf McDowell sich auf sie.

Angie schrie. Der große, massige Bursche drückte sie auf den Rücken. Sie biss und kratzte. Keuchend hielt er sie fest.

„Ich mag Wildkatzen. Du wirst mir noch aus der Hand fressen.“

Er schob ihren Wildlederrock hoch. Da befahl eine mühsam beherrschte Stimme: „Lass sie los!“

Der Schatten eines Reiters fiel auf die beiden.

McDowells Kopf ruckte.

„Verschwinde!“, fauchte er, als er Jake erkannte.

Der Junge schwang sich vom Pferd. Da fuhr McDowell hoch. Er war einen halben Kopf größer und fast doppelt so breit.

„All right, ich werd’ dir beibringen, dass sie mir gehört.“

Jake hielt plötzlich den Revolver. Der Schuss schleuderte dem Rothaarigen Sand ins Gesicht. Er prallte zurück.

„Bist du wahnsinnig? Wegen dieser …“

„Sprich’s nicht aus! Bring den Wagen zurück! Ich werde sonst dafür sorgen, dass du deinen Job verlierst.“

McDowell ließ die Fäuste sinken.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938395
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538450
Schlagworte
treckfalken llano estacado

Autor

Zurück

Titel: Die Treckfalken des Llano Estacado