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Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 1

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 1

- Die Bruderschaft -

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Aus der Feder von Tomos Forrest sind weiterhin erhältlich:

Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 1

 

 

von Tomos Forrest

 

eine Trilogie

- Teil 1 -

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel nach einem Motiv von Klaus Dill, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

 

Kara Ben Nemsi schreibt in seinem Orient-Tagebuch:

Wie so oft in meinem bisherigen Leben überraschte mich eine Einladung eines alten Bekannten. Eigentlich war ich nicht gewillt, mich erneut auf eine Reise zu begeben. Doch da es hier ganz offenbar um ein uraltes Geheimnis ging, das auf die einstigen Herrscher im Zweistromland deutete, reizte mich doch wieder das Abenteuer. Konnte ich denn ahnen, in welche Gefahren ich mich begab? Schließlich wollten wir doch nur ein neues Ausgrabungsfeld besuchen, um endlich den Traum Sir David Lindsays zu realisieren, und einen Geflügelten Stier für ihn finden! Doch schon in Dresden stieß ich auf eine interessante Spur, wurde aber auch von einem Unbekannten verfolgt und beobachtet. Das hätte mir als Warnung dienen sollen …

 

 

***

 

 

- Die Bruderschaft -

 

 

1.

 

Obwohl ich mich über die Störung ärgerte, konnte ich mir ein Grinsen doch nicht verkneifen, als ich aufsah und die lange, hagere Gestalt sofort erkannte, die nicht gerade rücksichtvoll in den ohnehin überfüllten Saal eintrat. Der zu spät gekommene Zuhörer trug wieder einmal sein Markenzeichen, das ihn schon auf eine weite Entfernung kenntlich machte: einen Anzug aus großkariertem Stoff, dazu die ‚Angströhre‘ (Zylinder), die er erst jetzt abnahm – kurz, es war mein alter Bekannter Sir David Lindsay, der unvermutet in meinen Vortrag platzte, den ich vor der Geografischen Gesellschaft in Dresden hielt.

Und der exzentrische Engländer hielt sich nicht weiter mit Förmlichkeiten oder Entschuldigungen auf, ließ sich von einem Saaldiener einen eigenen Stuhl holen und den direkt vor mein Rednerpult bringen.

‚Ich bin ein Englishman, ich mache, was ich will‘ – sein Lebensmotto – und nun kam aber auch Unruhe unter den übrigen Zuhörern auf, die sich zum Teil lustig machten über diese Erscheinung, zum Teil aber auch böse Blicke zu ihm warfen. Nun, Sir David kümmerte das alles nicht, er schlug seine langen Beine übereinander und nickte mir wohlwollend zu, als hätte ich nur auf sein Eintreffen gewartet und erhielt nun die Einladung, fortzufahren.

„Ja, meine Damen und Herren, Sie haben es alle gerade selbst erlebt!“, fuhr ich fort und lächelte dazu freundlich. „Das Leben ist voller Überraschungen, und der Herr, der eben so bescheiden und freundlich noch eingetreten ist, ist ein alter Reisebegleiter meiner Orientreisen. Ich begrüße deshalb Sir David Lindsay und freue mich, dass er es noch rechtzeitig geschafft hat, sich meinen Vortrag anzuhören.“

Lindsay nickte mir noch einmal hoheitsvoll zu, während ich im Publikum leise Heiterkeitsausbrüche erkannte.

„Nun gut, dann will ich berichten, was ich auf meiner letzten Reise erlebt habe, zu der mich der mit mir eng befreundete Vizekönig von Ägypten, Ismail Pascha, eingeladen hatte.“

Die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer hatte ich damit wieder gewonnen, Sir David verhielt sich ruhig und lauschte ebenfalls gespannt. Als ich endete, herrschte eine gefühlte Ewigkeit lang Schweigen, aber dann brach der Beifall los. Ich hatte mehr als eine Stunde frei und ohne Manuskript gesprochen und dabei in Gedanken noch einmal alles miterlebt. Deshalb kam es mir nur so vor, als hätten meine Zuschauer lange ruhig verharrt, später berichtete mir Lindsay anderes. Doch jetzt waren zahlreiche unter ihnen aufgestanden und drängten sich zu mir. Teils wollten sie spezielle Fragen beantwortet haben, teils wollten sie einfach nur mehr von meinen Reisen erfahren.

Irgendwann reichte es mir aber, die Fragerei nahm kein Ende. Ich verwies auf meine Bücher- und Zeitschriften-Veröffentlichungen und konnte mich nur mithilfe des Präsidenten der Gesellschaft in einen Nebenraum flüchten. Zu meinem größten Erstaunen erwartete mich hier Sir David Lindsay, der dem Trubel nebenan entflohen war.

„Well, ich will es kurz machen. Wir reisen und werden diesmal Fowling Bulls finden, ganz sicher. Viele Abenteuer. Ich zahle!“

Damit war nun heraus, weshalb er mich in meiner Heimat aufgesucht hatte. Dieser spleenige Mann glaubte wirklich, dass ich nichts Besseres zu tun hatte, als meinen Koffer zu packen und mit ihm wieder irgendwelchen Ausgrabungen nachzujagen. Er lächelte mich so selbstgefällig an, dass mich die Wut packte und ich in einem ersten Impuls sagte:

„Das ist einfach lächerlich.“

Er zog kaum merklich die Augenbraue über dem rechten Auge hoch und antwortete gelassen:

„Was ist daran lächerlich?“

„Schon die Tatsache, dass Ihr stets und immer wieder erneut von Fowling Bulls redet, Sir David! Gerade ein gebildeter und weit gereister Mann wie Ihr sollte wissen, dass die Bezeichnung Winged Bull korrekt ist.“

Noch immer zuckte lediglich die Augenbraue wieder in die Höhe, ansonsten blieb der ganze, lange Mensch wie eine Statue. Schließlich verzog er doch die Mundwinkel und antwortete sehr von oben herab:

„Master, Ihr werdet unhöflich. Wenn die Welt von Winged sprechen mag, so sagt ein Sir David Lindsay trotzdem so, wie er diese geflügelten Stiere seit seiner Kindheit bezeichnet hat. Wem das nicht passt, der mag sich packen. Ich bin ein Englishman und mache, was ich will, verstanden!“

Das war so trocken und knapp herausgebracht, dass ich lachen musste.

„Gut, einverstanden. Aber ich habe weder Zeit noch verspüre ich Lust, erneut in den Orient zu reisen, um dort irgendwelchen Hirngespinsten nachzujagen. Wir werden auch diesmal keine geflügelten Stiere finden, sie ausgraben, um sie dann dem Britischen Museum zu schenken.“

„Oh, Ihr irrt. Aber das ist verständlich. Schaut einmal auf diese Karte.“

Damit griff er in die Rocktasche und zog eine zusammengefaltete Karte heraus, die er gleich darauf vor uns auf dem Tisch ausbreitete. Gerade deutete er auf eine bestimmte Stelle, als Herr Breitenbach, der freundliche Direktor der hiesigen Geografischen Gesellschaft, wieder eintrat. Auch sein Blick fiel auf die Karte, und erstaunt rief er aus:

„Oh, das alte Assyrische Reich! Wollt Ihr ins Zweistromland, Sir David, und Ausgrabungen machen? Ist ja eine vielversprechende Gegend, und auch deutsche Forscher sind sehr daran interessiert, ganz Mesopotamien zu erforschen!“

Der Engländer schenkte ihm einen finsteren Blick, den ich nicht sofort deuten konnte. Er richtete sich auf und bemerkte nur knapp:

„So? Mag sein, aber wir Briten sind da schon ein ganzes Stück weiter. Kommt, Master, ich habe Hunger und möchte hier etwas zu mir nehmen!“

Damit faltete er hastig wieder die Karte zusammen und schob sie in seine Jackentasche, drehte sich um und war an der Tür, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen. Ich bedankte mich bei Direktor Breitenbach und eilte Lindsay nach.

Der stürmte jedoch hinaus auf die Straße und blieb auch dort nicht stehen, sondern eilte im gleichen Tempo weiter.

„Sir David!“, rief ich ihm nach. „Den Zug nach Marseille werden wir heute nicht mehr bekommen!“

Das zeigte Wirkung. Abrupt blieb er stehen und sah mich mit einem seltsamen Blick an.

„Habt Ihr das bemerkt?“

„Was?“, erkundigte ich mich verwundert.

„Den Blick von diesem Mann auf die Karte? Und seine Bemerkung?“

„Dass die deutschen Gelehrten an Ausgrabungen in Mesopotamien interessiert sind? Ja, und? Das ist doch nichts Neues!“

„Der Blick war gierig, so, als wüsste er von den neuesten Funden!“

„Was für Funde, Sir David, ich verstehe überhaupt nichts …“

„Well, erst hier essen, dann mehr davon.“

Schon betrat er ein Speiselokal, der Kellner geleitete uns an einen freien Tisch und überreichte uns die Speisekarte. Lindsay warf keinen Blick darauf, sondern bestellte sich Lammkeule mit mint sauce. Als der Kellner irritiert blickte, erklärte ich ihm, dass mein englischer Freund gern ein Lammgericht mit der kalten Mintsoße haben möchte. Der Kellner, noch immer begriffsstutzig, erkundigte sich:

„Kalte Mintsoße, mein Herr? Was soll das sein?“

Sir David schaute gelangweilt im Speisesaal umher, als ginge ihn das alles gar nichts mehr an.

„Sagen Sie bitte dem Koch, er möge grüne Minze klein hacken und mit Essig, Zitronensaft und etwas braunem Zucker anmischen.“

Jetzt schien der Mann zu verstehen, denn lächelnd antwortete er:

„Ah, der Herr möchte das Fleisch mit der ‚Grünen Soße‘, wie von der Mutter unseres hochverehrten Dichterkönigs Goethe zubereitet. Selbstverständlich gern, der Koch wird das Rezept kennen, auch wenn es mehr in der Frankfurter Gegend als bei uns gebräuchlich ist.“

Mir graute schon bei dem Gedanken, was da serviert werden mochte, denn die angeblich von Goethes Mutter verwendete Grüne Soße wird mit Mehl, Butter, Milch, Salz, Pfeffer, Muskat und anderen Kräutern angedickt.

Ich bestellte mir sicherheitshalber einen Schweinebraten Thüringer Art mit Klößen und Rotkohl und war gespannt, wie Sir David auf das Essen reagieren würde. Zu meiner Überraschung verzehrte er es klaglos und ohne die Miene zu verziehen. Da es für ihn selbstverständlich war, die Rechnung zu übernehmen, gab er ein großzügiges Trinkgeld und wollte dann mit mir in ein Café wechseln, damit wir uns ungestört unterhalten konnten.

Kaum wieder auf der Straße, sagte er laut zu mir:

„Scheußliches Essen, kann mich nicht erinnern, jemals so eine Soße gegessen zu haben.“

Aber damit war die Sache für ihn auch abgeschlossen, er bemerkte mein Grinsen nicht und stiefelte wieder schweigend neben mir her, bis wir an den Brühlschen Terrassen angekommen waren, wo wir einen Fensterplatz mit Blick auf die Elbe in einem der zahlreichen Cafés fanden.

Hier nun schien mein englischer Bekannter förmlich aufzutauen. Die Karte lag wieder auf dem Tisch, wenn auch nicht aufgefaltet, dazu ein paar handschriftliche Aufzeichnungen sowie ein kleines Büchlein.

„Well, Master!“, begann er und benutzte dabei seine übliche Anrede. „Werden also wieder gemeinsam reisen. Marseille, Tunis, Bagdad. Aššur. Habe starke Partner in Tunis und in Bagdad, yes!“

Ich antwortete ihm nicht, sondern betrachtete ihn nur belustigt.

Sein hageres, aber noch immer gebräuntes Gesicht hatte ein paar scharfe Linien mehr erhalten als bei unserem letzten Treffen. Und die Narbe seiner Aleppo-Beule auf der ohnehin großen Nase fiel als besonderes Merkmal auf.

„Ich habe doch gesagt, dass ich weder Zeit noch Lust zu einer weiteren Orient-Reise habe.“

Lindsay warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Diesmal alles anders. Habe geheime Informationen. Werden prächtige Abenteuer erleben. Hadschi Halef Omar treffen. Und Fowling Bulls ausgraben, yes!“

Bei so viel Zuversicht, mich doch noch umstimmen zu können, musste ich fast schon wieder lachen, aber ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe zu tun. Meine letzten Reiseerlebnisse müssen noch einmal vor dem Druck durchgesehen werden, und dann …“

„Alles kein Problem, Master. Wir reisen, Ihr lest unterwegs. Zahle alles, well.“

Damit schien die Sache für ihn erledigt zu sein, er gab dem Kellner ein Zeichen und ließ sich die Rechnung bringen.

„Hört mal, Sir David, aber ich …“

Er musterte mich höchst erstaunt und unterbrach mich:

„Mache Vorschlag, Master. Treffen uns heute in einer Woche auf dem Hauptbahnhof. Da geht – Moment …“ Rasch kramte er in seiner Tasche, dann zog er einen weiteren Zettel hervor. „Da geht um neun Uhr dreißig unser Zug. Ich werde alles reservieren. Wir treffen uns am Zug. Bis dahin habt Ihr Eure Schreibereien fertig und wir fahren los. Diesen Umschlag nehmt an Euch und beschäftigt Euch mit dem Inhalt. Es wird interessant, Master. Viele Abenteuer!“

„Aber – ich muss den Abendzug nehmen, weil mich mein Verleger erwartet! Das ist mir von der Zeit her alles zu knapp, und ich kann nicht …“

„Well!“, antwortete Lindsay und nickte mir knapp zu. „In einer Woche auf dem Bahnhof. Neun Uhr dreißig.“

Damit griff er seinen Zylinder auf und stolzierte davon, ohne sich noch ein einziges Mal nach mir umzusehen. Fast hätte ich ihm wütend etwas nachgerufen, aber dann beruhigte ich mich wieder.

Warum sollte ich seiner Einladung nicht folgen? Natürlich, es war zeitlich etwas eng, aber ich konnte mit meinem Verleger alles in zwei Tagen klären, wäre danach wieder zurück und hätte noch Zeit genug, meine Ausrüstung zu vervollständigen und mein ohnehin nicht umfangreiches Gepäck zu packen.

Schon halb entschlossen, stand ich auf und – stieß mit einem Mann zusammen, der am Nebentisch gesessen hatte und sich ebenfalls erhob.

„Verzeihung!“, sagte der Fremde, als mir mein Umschlag aus der Hand fiel, eine Karte herausrutschte und auch noch ein Foto daneben lag. Rasch bückte sich der Mann, griff nach meinen Dingen und hob sie für mich auf. „Wie ungeschickt von mir, bitte nochmals um Verzeihung!“

Damit drückte er mir alles wieder in die Hand, nickte mir zu und war aus dem Café, noch bevor ich richtig reagiert hatte.

Seltsam, irgendwie kam mir der Mann bekannt vor!, dachte ich, während ich ebenfalls auf die Straße trat. Aber ich konnte mir nicht erklären, wo ich ihn bereits gesehen hatte. War der Zusammenstoß vielleicht absichtlich erfolgt und hatte der Fremde unser Gespräch am Nebentisch mit angehört? Irritiert sah ich mich auf der Straße nach ihm um, konnte ihn aber nirgendwo mehr entdecken. Er war groß und breitschultrig, ein dichter, schwarzer Bart bedeckte seine Züge fast vollständig, und die Augen, mit denen er mich rasch gemustert hatte, zeigten einen verschlagenen Ausdruck.

Etwas beunruhigt griff ich nach meiner Brieftasche, fand sie aber am gewohnten Ort und dachte mir nun nichts weiter. Es war meine Absicht, direkt vom Vortrag zum Bahnhof zu gehen, wo ich bereits meine Reisetasche aufgegeben hatte. Noch war genügend Zeit bis zur Abfahrt, und ich schlenderte langsam in die Richtung des Dresdner Bahnhofs. Manchmal blieb ich an einer Schaufensterauslage stehen, und einmal war es mir so, als würde mich der Unbekannte aus dem Café verfolgen. Rasch drehte ich mich nach der Gestalt um, musste aber feststellen, dass ich mich geirrt hatte.

Na, Charly, da schneit der englische Hobbyforscher unverhofft in meinen Vortrag, und schon beginnst du, überall Gespenster zu sehen. Warum sollte der Unbekannte mich überhaupt verfolgen?

Trotzdem sah ich mich jetzt häufiger mal um und beobachtete die Menschen, die mit mir in die gleiche Richtung strebten, in den Schaufensterscheiben. Doch nichts konnte meinen Verdacht bestätigen, und schließlich betrat ich den vor Menschen wimmelnden Bahnhof, ging zur Gepäckausgabe und ließ mir meine Reisetasche wieder aushändigen.

Laute Rufe, Pfiffe, dazu die ein- und auslaufenden Lokomotiven – das alles vermischte sich zu einem starken Crescendo und machte mich nahezu taub für Geräusche in meiner unmittelbaren Nähe. Gerade stand ich vor der Auslage einer Buchhandlung, als ich eine leise Stimme vernahm und zugleich am Rock gezupft wurde:

„Einen Groschen, Herr, nur einen Groschen für eine warme Mahlzeit!“

Erstaunt blickte ich den schiefen Menschen in seinen erbärmlichen Lumpen an, der vor mir stand und einen fast zahnlosen Mund zu einem seltsamen Lächeln verzerrte.

Er streckte mir eine unglaublich dreckige Hand flehend entgegen, und ich konnte nicht umhin, zog meine Geldbörse und drückte dem Bettler mehrere Münzen in die Hand.

„Danke Herr, Sie sind ein feiner Mensch! Der liebe Gott möge Sie auf Ihren Wegen beschützen und alles Böse von Ihnen fernhalten!“

Damit bewegte sich der Bettler auf eine unglaubliche Weise weiter. Seine Beine schienen so verkrüppelt zu sein, dass er nur seitwärts laufen konnte und sich wie ein Krebs zwischen der Menge bewegte, immer wieder seine klägliche Stimme erhebend und die Menschen anbettelnd.

Ich verlor ihn bald aus den Augen, kaufte mir eine Zeitung für die Reise und stieg wenig später in den bereits wartenden Zug. Glücklicherweise hatte ich das Abteil allein für mich und konnte mich entsprechend ausbreiten. Der Zug stand noch, als ich mich bereits in den Inhalt des Umschlages vertieft hatte. Da war zunächst einmal die Fotografie, die mir eine unbekannte Gegend zeigte, die von zahlreichen Trümmern übersät war. Ein paar hell gekleidete Personen waren dazwischen zu erkennen, und ich folgerte daraus, dass mir Lindsay das Foto einer Ausgrabungsstätte in den Umschlag gelegt hatte.

Die ebenfalls enthaltene Karte war identisch mit der, die er aus seiner Jackentasche gezogen hatte, und dann ärgerlich zusammenfaltete, als der Direktor der Geografischen Gesellschaft einen neugierigen Blick darauf geworfen hatte. Die Karte zeigte auf der einen Seite einen Überblick über das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, auf der anderen Seite Details um die Städte Ninive und Aššur. Bei der zweiten Stadt fand ich ein Kreuz auf der Karte und dazu winzig kleine Zahlen, mit dem bloßen Auge kaum zu entziffern. Ich hielt mir die Karte dicht vor die Augen, konnte aber bei der schlechten Abteilbeleuchtung nur erkennen, dass es sich wohl um Längen- und Breitengrade handelte sowie um ein paar Ziffern, die möglicherweise Entfernungsangaben waren.

Ich lehnte mich zurück und dachte nach.

Mesopotamien bildet zusammen mit der Levante das früheste Kulturgebiet des alten Orients. Sumerer, Babyloner, Akkader und viele andere Völker siedelten hier schon vermutlich Jahrtausende vor Christi Geburt. Die alten Städte waren längst untergegangen und der Wüstensand hatte viele Spuren verwischt. Perser, Makedonier, Parther, Sassaniden, Araber, dann die Osmanen, folgten in den nächsten Jahrhunderten und hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Hier wurde einst Bier gebraut, es entwickelten sich bestimmte Keramik-Arten, die Kulturen erreichten ungeheure Kenntnisse in Handwerk und Technik, legten Kanäle zur Feldbewässerung an, ritzten Zeichen in Tontafeln und schrieben in Keilschrift und Buchstaben, beobachteten das Firmament und verehrten zahlreiche, mächtige Götter. Große Tempelanlagen waren ihnen gewidmet und bildeten heute für die Archäologen, besonders in England und Deutschland, ein überaus interessantes Forschungsgebiet, das jedoch durch die verschiedenen Machthaber und politischen Entwicklungen nicht einfach betreten werden konnte.

Ich erinnerte mich auch an den Fund einer alten Siegelrolle, die man in das 5. Jahrtausend vor Christi Geburt einstufte, gefunden am Ufer des Tigris. Und jetzt also wollte Sir David Lindsay, der schwerreiche englische Hobby-Archäologe, seinen großen Fund machen.

Hatte er nicht die Stadt Aššur erwähnt?

Je länger ich mich mit dem Thema auseinandersetzte und dabei immer wieder einen Blick auf die Notizen Lindsays warf, die hauptsächlich aus Stichwörtern bestanden, je mehr wirbelten mir die Gedanken durch den Kopf. Die Luft im Abteil war warm und stickig, ich wollte eines der Fenster herunterlassen und musste schließlich aufgeben, weil der dünne Stoffgurt befürchten ließ, bei nochmaligem Versuch zu reißen. Dazu kam das eintönige Rattern der Schienen, und irgendwann musste ich eingeschlafen sein.

Ich schreckte hoch, als der Zug auf freier Strecke plötzlich bremste und dann hielt. Verwundert blickte ich aus dem Abteilfenster in die Dunkelheit, konnte aber nichts erkennen.

Wird wohl ein Signal sein!, dachte ich und wurde auch nicht misstrauisch, als ich plötzlich laute Stimmen hörte und ein paar Abteiltüren zugeschlagen wurden. Dann ruckte der Zug an und setzte sich wieder langsam in Bewegung. Erst jetzt fiel mein Blick auf meinen Nebensitz, auf dem ich den Inhalt des Umschlages ausgebreitet hatte. Nur der leere, braune Umschlag lag dort noch, Karte, Foto und Aufzeichnungen waren verschwunden.

Das ist ja wohl nicht möglich!, schoss es mir durch den Kopf.

Ich bückte mich, um unter den Bänken nachzusehen, aber da war überhaupt nichts.

Noch einmal untersuchte ich das Abteil gründlich, schob sogar die Hände zwischen die Polster und musste mir schließlich eingestehen, dass man mich beraubt hatte. Einfach so in einem harmlosen Zug auf dem Weg nach Süden. Wir hatten vor etwa einer Stunde Leipzig passiert und waren jetzt wohl auf dem Weg nach Frankfurt.

Ich trat auf den Gang hinaus und hielt Ausschau nach einem Schaffner.

Niemand schien sich Gedanken um den zusätzlichen Halt zu machen, die Abteile waren auch nur schwach besetzt. Also ging ich von einem Wagen in den anderen und traf schließlich in der Ersten Klasse auf einen Schaffner, der mir wohl gerade mit einer abwehrenden Bewegung den Zugang verbieten wollte, als ich ihm sofort das Wort abschnitt.

„Ich bin überfallen und beraubt worden. Warum hielt der Zug eben auf freier Strecke?“

Der Mann, ein kleiner, untersetzter und rotgesichtiger Beamter, schien buchstäblich in sich zusammenzusacken, als hätte man ihm die Luft abgelassen.

„Um Himmels willen, Raub? Aber das hatten wir ja noch nie in unseren Zügen!“

„So, dann ist es eben das erste Mal, guter Mann. Also, warum hielt der Zug?“

Ich sah den Kleinen streng an, und er schien förmlich noch weiter zusammenzusinken, als er schließlich auf ein Abteil hinter ihm verwies und kleinlaut antwortete: „Jemand in der Ersten Klasse hat die Notbremse gezogen. Bevor ich nach dem Rechten sehen konnte, war er aus dem haltenden Zug gesprungen und in der Dunkelheit verschwunden.“

„Na, das ist ja wunderbar! Da werden nichtsahnende Reisende beraubt, der Täter zieht die Notbremse, und der Zug hält mitten auf der freien Strecke, damit der Dieb entkommen kann! Schöne Zustände!“

„Aber, bester Herr, ich bitte Sie, wie sollen wir wissen, dass es kein Notfall war?“

Ich wehrte mit der Hand ab.

„Egal. Wann kommt der nächste Bahnhof?“

„Das ist Frankfurt, aber erst in einer guten halben Stunde!“

„Gut. Dann werde ich dort Anzeige erstatten müssen! Sie werden mir Gesellschaft beim Gang auf das Revier leisten!“

Der Kleine riss entsetzt die Augen auf.

„Aber – das geht auf keinen Fall, Herr, ich kann doch den Zug nicht verlassen!“

„Ist mir eigentlich egal, aber dann sorgen Sie dafür, dass in Frankfurt die Polizei unterrichtet wird. Können Sie den Mann beschreiben, der in diesem Abteil saß?“

„Nein … nur so viel – es war ein großer Herr mit einem kräftigen Bart, aber ob ich ihn wiedererkennen würde – ich weiß nicht!“

„Nun, Sie wissen, was zu tun ist. Ich erwarte Sie in Frankfurt in meinem Abteil.“

Damit drehte ich mich um und kehrte in meinen Waggon zurück.

Natürlich hatte ich gar nicht die Absicht, den Diebstahl anzuzeigen. Einmal war die Nachsuche ja ohnehin unmöglich, dann würde mich eine Aussage auf einem Polizeirevier viel zu lange aufhalten. Nein, ich wollte eigentlich nur dem Schaffner ein wenig Dampf machen, damit er sich bemühte. Alles Weitere bliebe abzuwarten.

 

 

2.

 

Ich verließ Freiburg wie geplant.

Das Gespräch mit meinem Verleger verlief wie gewünscht. Ja, er war sogar so freundlich, mir von sich aus einen Vorschuss anzubieten, wenn ich meine zu erwartenden Abenteuer nach Rückkehr sofort niederschrieb. Ich hatte ihn ja durch meine Reiseerzählung Giölgeda padishanün für mich eingenommen, die seinerzeit im Deutschen Hausschatz erschien. So reiste ich inzwischen in guter Stimmung zurück und hatte den dreisten Diebstahl im Zug eigentlich überwunden, als mich bei meiner Ankunft in Dresden ein neuerlicher Zwischenfall auf seltsame Weise daran erinnern sollte. Es wurde schon langsam dämmrig, denn die Bahnfahrt dauerte lange und ich war froh, noch vor der Dunkelheit wieder in Dresden zu sein. Gerade sah ich mich vor dem Leipziger Bahnhof nach einer Droschke um, als mir ein groß gewachsener, breitschultriger Mann mit dichtem, schwarzen Bart auffiel, der kaum zehn Meter von mir entfernt aus der Bahnhofshalle getreten war und zielstrebig auf eine wartende Kutsche zueilte. Er trug, wie ich, nur eine leichte Reisetasche, und ich beeilte mich, ihn einzuholen. Schon öffnete er den Schlag und warf seine Tasche auf die Sitzbank und wollte sich gerade an dem Haltegriff hinaufziehen, als ich ihn ansprach.

„Entschuldigung, Herr, aber sind Sie nicht Dr. Frank Großer aus Leipzig?“

Erstaunt drehte sich der Bärtige zu mir um, musterte mich aus eiskalten, blauen Augen von Kopf bis Fuß, schüttelte den Kopf und stieg ein, ohne mich einer Antwort zu würdigen. Die Kutsche ruckte an, die Pferdehufe klapperten auf dem Kopfsteinpflaster, und ich hatte buchstäblich das Nachsehen.

Doch dann entdeckte ich eine freie Droschke, aus der eben die Passagiere ausstiegen und mit ihrem Gepäck von einem Gepäckträger begleitet wurden.

Rasch war ich bei dem Kutscher und rief ihm zu, der bereits ein Stück voraus fahrenden Kutsche nachzufahren.

„Sind Sie ein Gendarm?“, erkundigte sich der Kutscher erstaunt, drehte aber die Bremse wieder los.

„Nein, ein Privater!“, antwortete ich doppeldeutig und schloss den Verschlag.

„Also ein Geheimer!“, antwortete der Kutscher etwas brummig. „Kennt man ja, dass diese Herren nur das Allernötigste bezahlen! Na, mir soll es recht sein, fahren muss ich ja, und wer will mit diesen Menschen Ärger haben!“

Damit nahm die Droschke Fahrt auf, und ich bemühte mich, aus dem schmalen Sehschlitz nach vorn etwas zu erkennen. Es ging zunächst in die Lössnitzer Straße, dann nach rechts in die Königsbrücker und Hauptstraße hinunter zur Elbe, und von dort weiter am Elbufer Richtung Winterhafen. Mir wurde rasch klar, dass die Kutsche mit dem Bärtigen einen großen Bogen fuhr, um nach eventuellen Verfolgern Ausschau zu halten. Jetzt wurde sie auch noch langsamer, und ich klopfte an das Dach, um dem Kutscher mein neues Fahrtziel mitzuteilen.

„Besten Dank, guter Mann, von hier aus bitte hinter dem Kaiser-Wilhelm-Platz in die Kaiserstraße und in der Hafenstraße halten Sie dann bitte.“

„Sehr wohl, der Herr!“, kam die Antwort, und wir rumpelten in die angegebene Richtung. Die andere Kutsche behielt ihre gerade Richtung und fuhr am Packhof entlang, dadurch mit uns parallel. Das hatte ich erhofft, ließ schließlich an einer Hofeinfahrt halten und kletterte aus der Droschke.

„Hören Sie, mein Lieber!“, sprach ich meinen Kutscher an und zog dabei die Geldbörse. Als ich mit dem Geldschein wedelte, bekam der Mann große Augen. „Sie haben noch meine Reisetasche auf der Rückbank und werden damit eine gute halbe Stunde spazieren fahren, bevor Sie mich hier wieder abholen. Dann verspreche ich Ihnen noch eine lohnende Fahrt hinaus nach Oberlößnitz. Das hier als erste Zwischenvergütung. Ich verlasse mich auf Sie und habe mir natürlich Ihre Droschkennummer gemerkt.“

„Selbstverständlich, der Herr. Nach Oberlößnitz also?“

„Ja, Villa Agnes, Nizzastr. 1d. Sollten Sie hier länger als eine halbe Stunde auf mich warten müssen, bin ich verhindert. Dann bringen Sie bitte meine Reisetasche zu der Adresse und informieren Sie meine Frau, sie wird dann die Polizei verständigen müssen. Hier ist meine Karte.“

Der Kutscher versprach, alles gewissenhaft zu erledigen, und ich war nun einigermaßen beruhigt. Als er die Hafenstraße wieder verließ, sah ich mich kurz auf dem Hof der Fabrik um, an der ich ausgestiegen war.

Da nahten sich die typischen Fahrgeräusche von Kutschenrädern auf dem groben Pflaster, und ich hatte gerade noch genügend Zeit, mich hinter die Einfahrt zurückzuziehen, als die Kutsche mit dem Bärtigen langsam vorüberrollte. Er hatte entweder einen Verdacht gefasst oder einen erneuten Umweg eingeschlagen, um mögliche Verfolger zu erkennen.

Als ich einen raschen Blick hinter der steinernen Einfahrt riskierte, sah ich das blasse, bärtige Gesicht des Fremden am herunter gelassenen Fenster seines Fahrzeugs. Er konnte mich allerdings nicht ausmachen, und ich hörte, wie die Fahrgeräusche langsam verklangen. Gleich darauf war ich an der Einfahrt und bemerkte, wie die Kutsche gerade auf einen anderen Hof abbog. Da es hier mehrere große Lagerhallen gab, war meine weitere Annäherung unproblematisch. Sollte mir jemand entgegenkommen, konnte ich jederzeit zu einer der hier ansässigen Firmen abbiegen und vorgeben, dort etwas zu erledigen zu haben. Aber alles ging glatt. Ich erreichte ungesehen die Einfahrt, hinter der die Kutsche verschwunden war. Ich konnte sie auf dem Hof warten sehen, während der Kutscher abgestiegen war und eben dem Bärtigen half, eine offenbar schwere Kiste aus einem Gebäude zu tragen und in der Kutsche abzustellen. Dann wurde die Haustür von draußen wieder verschlossen und man machte Anstalten, die Fahrt fortzusetzen. Also sah ich mich rasch nach einem Versteck um, entdeckte eine schmale Gasse zwischen zwei langgestreckten Lagerhallen, huschte dort in das Halbdunkel und presste mich an die Hauswand, als die Kutsche in raschem Tempo die Hafenstraße zurückfuhr.

Kaum war das Fuhrwerk in der Ferne verschwunden, war ich auf dem Hof und sah mir interessiert das Grundstück an. Hier gab es ein einfaches, schlichtes Steinhaus, wie man es häufig auf dem Gelände einer kleinen Fabrik hat, dazu eine größere Lagerhalle. An der Lagerhalle verkündete ein großes Schild Antiquitäten & Kunst.

Dann entdeckte ich das kleine Messingschild an der Haustür und beugte mich darüber, um das eingravierte Zeichen mit dem Sinnspruch zu entziffern.

Zunächst einmal handelte es sich um eine recht künstlerisch ausgeführte Wappenfigur, bei der ein Mann auf einem geflügelten Löwen ritt – was ich schon bemerkenswert fand. Dann entzifferte ich die lateinische Inschrift, die das ausgefallene Wappen umrandete. Amat Victoria Curam, las ich, was etwa Der Sieg liebt die Vorbereitung bedeutet und für mich etwas unpassend erschien, wenn die hier ansässige Firma mit Antiquitäten und Kunst handelte. Wozu diente einem solchen Händler eine derartige Wappeninschrift?

Leider waren die Fenster alle von innen mit dicken Vorhängen zugezogen, sodass ich nichts erkennen konnte. Ich untersuchte die Rückseite des Hauses, fand zwar eine Tür, aber auch die war verschlossen und sehr massiv. Also war als Nächstes das Lagerhaus dran, und hier hatte ich mehr Glück. Ebenfalls auf der Rückseite gab es mehrere leere Holzkisten, die man hier gestapelt hatte. In gut zwei Metern Höhe entdeckte ich ein gekipptes Fenster, turnte rasch über die Kisten hinauf und fand durch Umhertasten den Riegel. Keine zwei Minuten später ließ ich mich im Inneren des Lagerhauses auf den Boden, dabei immer gewärtig, von irgendwoher Stimmen zu hören und die Schritte von Lagerarbeitern. Aber in der Halle herrschte Dämmerlicht, weil auch hier die Fenster zur Vorderseite alle verhängt waren, und der menschenleere Eindruck des ganzen Anwesens täuschte nicht. Hier war niemand, und ich begann nun mit der Untersuchung der Halle.

Neben zahlreichen, offenen Holzkisten, Verpackungsmaterial wie Holzwolle und kleinen Pappstücken gab es hier nur eine einzige, rechteckige, verschlossene Kiste unmittelbar hinter dem Fenster, durch das ich eingedrungen war. Ich strengte meine Augen an, um die Inschrift auf einem Zettel entziffern zu können, auf dem eine sehr akkurate Handschrift eine Adresse geschrieben hatte.

Mr Habib Bey, Umm Qasr, las ich als Empfänger.

Seltsam. Warum wollte jemand eine Kiste in eine winzige Stadt am Golf von Persien senden? Habib Bey? Der Name sagte mir nichts, aber die türkische Anrede Bey bedeutete eigentlich nur Herr, in der Hierarchie der Herrscher stand der Bey unter dem Pascha. Flüchtig galt mein Gedanke dem guten alten Krüger Bey, dem Obersten der Leibgarde beim Bey von Tunis und Sohn eines Brandenburger Bierbrauers, den ich einst kennen- und schätzen lernte. Sein Herr, Mohammed es Sadok Pascha, schenkte ihm größtes Vertrauen, und ich schätzte seine Art und seine Hilfsbereitschaft.

Kurz entschlossen nahm ich mein Taschenmesser heraus und begann, die Nägel im Deckel damit zu lockern, was eine ziemlich mühsame Arbeit war. Endlich gelang es mir, die Kiste zu öffnen, und eingebettet in zahlreiche Lagen von Stroh ertastete ich einen länglichen Gegenstand, den ich herausziehen konnte. Noch ein paar Lagen Stoff entfernt, und ich hatte etwas in der Hand, das zunächst an ein Stück einer alten, dünnen Säule erinnerte. Dann aber dämmerte mir, was es tatsächlich war – ein uraltes Rollsiegel, wie es schon vor unglaublich langer Zeit von den Herrschern im Orient verwendet wurde. Im unsicheren Licht konnte ich nicht sehr viele Einzelheiten entdecken, aber schließlich doch ein paar Figuren, darunter einen Mann, der auf einem geflügelten Löwen stand und seinen gespannten Bogen zur Seite hielt.

Eine antike Kostbarkeit, da war ich mir vollkommen sicher. Rasch wickelte ich die Stoffbahnen wieder darum, schob das Rollsiegel wieder zwischen das Stroh und sah mich dann nach einem Gegenstand um, mit dem ich die Kiste leichter wieder verschließen konnte. Einige Ziegelsteine fanden sich in einer Ecke, man legte sie vermutlich unter die Kisten, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Rasch waren die Nägel wieder eingeschlagen, ich sprang zum Fenstersims und zog mich hinauf. Dort oben verharrte ich kurz und vergewisserte mich, dass mein Einbruch nicht beobachtet war. Als ich zum Treffpunkt mit meiner Droschke zurückgekehrte, empfing mich der wartende Kutscher mit einem Seufzer der Erleichterung.

„Ein Glück, Herr, dass Sie wieder rechtzeitig zurückgekommen sind. Ich hatte schon befürchtet, dass Ihnen etwas zugestoßen ist!“

„Danke für Ihre Geduld. Jetzt also bitte nach Hause, es wird Zeit für mich, meine sicher schon sehr beunruhigte Ehefrau in die Arme zu schließen!“

Kaum saß ich auf der gepolsterten Bank, als die Pferde antrabten und wir in rascher Fahrt durch die Stadt fuhren.

Noch einmal entlohnte ich meinen Kutscher großzügig, und der Mann strahlte vor Glück, als er sich verabschiedete.

„Besten Dank, der Herr. So großzügig wurde ich noch nie entlohnt, und schon gar nicht von einem Geheimen! Wenn Sie mal wieder meine Dienste benötigen, fragen Sie nach Gustav, Droschkennummer siebenundvierzig. Einen schönen Abend noch!“

Damit fuhr er davon, und während ich noch über den Geheimen lachen musste, öffnete sich hinter mir die Tür und meine liebe Frau empfing mich mit einem besorgten Gesicht.

„Eigentlich hatte ich schon das Schlimmste befürchtet, Karl! Hatte der Zug Verspätung?“

Lachend nahm ich sie in den Arm und küsste sie.

 

 

3.

 

„Karl? Karl, wach auf, da ist jemand im Haus!“

Ich fuhr aus meinen schönsten Träumen hoch und griff zur Nachttischschublade, wo ich den Colt Pocket aufbewahrte. Ich hatte mir diese handliche Waffe in den Staaten zugelegt, nachdem ich bei einem Schiffsunglück meinen Adams verloren hatte, Inzwischen war ich längst davon überzeugt, dass die Colt-Revolver wesentlich besser waren als alle anderen Produkte. Auch meine Blendlaterne entzündete ich und hielt mich nicht weiter mit dem Ankleiden auf.

Meine Frau hatte die Gasbeleuchtung aufgedreht, und ich schlich mich auf Zehenspitzen zum Treppenhaus, den gespannten Revolver in der Hand, während mir die wildesten Gedanken durch den Kopf jagten.

Ich, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, musste von meiner Ehefrau geweckt werden, weil ich den Einbrecher im eigenen Haus nicht gehört hatte! Und dabei genügte ein leises Schaben im Gras, das Schnauben eines Pferdes oder das Knirschen von Sand unter Schuhsohlen, und ich war sofort glockenwach. In der Heimat schienen meine Instinkte zu schlummern, und nun schlich ich durch das Treppenhaus der von uns gemieteten Villa Agnes, um einen Einbrecher auf frischer Tat zu schnappen!

Vollkommen lautlos erreichte ich den kalten Steinfußboden im unteren Flur und entdeckte den Schein einer Laterne im Wohnzimmer.

Ganz schön dreist – da hockt der Kerl an der Kommode mit unserem Tafelsilber und füllt seine Tasche! Was glaubt der eigentlich, wo er ist?, dachte ich, als ich die Blendlaterne öffnete und den Strahl auf die Gestalt richtete.

„Hände hoch!“, brüllte ich gleichzeitig und hob die Rechte mit dem Revolver.

Der Mann reagierte blitzschnell.

Er ließ alles stehen und liegen und war mit einem Hechtsprung am geöffneten Fenster und gleich darauf in unserem Vorgarten. Ich folgte ihm hinaus und sah noch einen schemenhaften Umriss, der gerade den niedrigen Gartenzaun überwunden hatte und die Straße hinunterlief.

Nun – ich ließ ihn laufen, was sollte ich auch anderes tun?

Wir waren in Deutschland, im lieben Oberlößnitz, und es wäre wohl wenig angebracht, wenn ich den Dieb im Schlafanzug verfolgt hätte, noch dazu ohne Schuhe. Und einen Schuss konnte ich ihm auch nicht hinterherschicken, wollte ich nicht sämtliche Polizeikräfte Dresdens alarmieren.

Also kehrte ich wieder zurück, untersuchte das aufgebrochene Fenster und begnügte mich damit, einen Schrank davor zu schieben, um den Schaden am nächsten Tag in Ordnung bringen zulassen.

„Naja, vielleicht waren wir ein wenig zu sorglos!“, erklärte ich Emma, als ich wieder im Schlafzimmer eintraf. „Jeder weiß, wo wir wohnen und dass ich häufig auf Reisen unterwegs bin. Da sollten wir so schnell wie möglich Maßnahmen ergreifen, um unser Eigentum zu sichern.“

Als das Licht wieder erlosch, hörte ich meine Frau leise kichern.

„Was ist daran so lustig, Emma?“

„Dass der große Held so unzähliger Abenteuer nicht hört, wenn ein Dieb in sein eigenes Haus einsteigt!“

„So, und das findest du also lustig?“, gab ich zurück.

Im nächsten Augenblick hatte Emma noch mehr Grund zum lauten Lachen, denn zur Strafe wurde sie von mir tüchtig gekitzelt, bis wir beide lachend, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, versuchten, noch etwas Schlaf zu finden.

Am nächsten Tag setzte ich die erforderlichen Handwerker in Bewegung, die uns nicht nur das Fenster wieder reparieren sollten, sondern noch ein zusätzliches Schloss an beiden Türen anbringen mussten, sowie schließlich einen ordentlich stabilen und hohen Bretterzaun errichteten, der eine Sicht auf das Haus unmöglich machte. Ich wusste, dass unsere Vermieter, das Ehepaar Sauerzapf, keinerlei Einwände dagegen hatte.

„So kann ich beruhigt mit Sir David Lindsay aufbrechen, ich weiß, dass unser Haus jetzt sicherer geworden ist!“, sagte ich an diesem Abend zu Emma, als wir nach dem Abendessen noch zusammensaßen und ein Glas Wein tranken.

Plötzlich wurde an der Haustür heftig geklingelt, und wir sahen uns verwundert an.

„So spät noch Besuch? Wer mag das sein?“, sagte ich mehr zu mir selbst und ging zur Haustür, denn unsere Köchin und das Mädchen hatten beide schon ihren wohlverdienten Feierabend angetreten.

„Herr May?“, sagte ein schnauzbärtiger Herr im leichten Sommermantel und verbeugte sich leicht. „Inspektor Krüger, Sie hatten eine Einbruchsanzeige gemeldet.“

„Oh ja, das trifft zu, kommen Sie doch herein, Herr Inspektor. Können wir Ihnen etwas anbieten?“

„Nein, vielen Dank, ich möchte Ihren Abend auch nicht unnötig stören, sondern Ihnen nur das hier zurückgeben. Wir haben es bei dem Dieb sicherstellen können, als er versuchte, zwei silberne Leuchter zu verkaufen.“

Verwundert starrte ich auf mein kleines Notizheft, das ich bislang noch nicht vermisst hatte.

„Herzlichen Dank – das ist ja eine Überraschung! Und die beiden Leuchter …?“

„Sind sichergestellt und werden noch als Beweismittel der Anklage benötigt. Aber ich dachte mir, dass Sie Ihre Notizen dringend benötigen und konnte sie mit Genehmigung meiner Vorgesetzten schon vorab vorbeibringen.“

„Das ist sehr freundlich, Herr Krüger. Nicht doch noch ein Gläschen Wein?“

Der Mann machte eine abwehrende Handbewegung.

„Nein, vielen Dank. Ich bin noch immer im Dienst. Aber – wenn ich einen Wunsch äußern dürfte?“

Er machte dazu ein so treuherziges Gesicht, dass ich unwillkürlich lachen musste.

„Aber natürlich, was kann ich für Sie tun, Inspektor?“

„Hätten Sie – eine Karte mit Ihrer Unterschrift? Wissen Sie, wir haben den Hausschatz daheim und mein Junge, der Fred, ist ein begeisterter Leser von Ihnen und da …“

„Kein Wort weiter, Herr Inspektor, selbstverständlich schreibe ich für Fred eine persönliche Widmung auf mein Foto. Warten Sie, ist sofort fertig!“

Damit eilte ich zu der langen Kredenz im Wohnzimmer, wo ich in einer Schale immer ein paar dieser famosen Bildkarten aufbewahrte, die mich in meiner Bekleidung als Old Shatterhand oder als Kara Ben Nemsi zeigten. Ich hob beide hoch, und sah, wie die Augen des Inspektors glänzten.

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938357
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538217
Schlagworte
mein orient-tagebuch löwe aššur

Autor

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Titel: Mein Orient-Tagebuch: Der Löwe von Aššur 1