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Der Baron #17: Den Tod per Einschreiben

2020 127 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #17: Den Tod per Einschreiben

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

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3

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5

6

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Der Baron #17: Den Tod per Einschreiben

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Die Frau von Gouverneur Healey wird durch einen vergifteten Brief getötet, und Alexander von Strehlitz, der dem Gouverneur noch einen Gefallen schuldet, nimmt sich der Sache an. Doch die Spuren führen in eine ganz andere Richtung, bei der es um chemische Stoffe geht. Nicht nur Le Beau, der vor Ort ermittelt, muss um sein Leben kämpfen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

Frau des Gouverneurs von Unbekanntem bedroht

Jacksonville/Florida (eig. Ber.), Mrs. Healey, die Gattin von Gouverneur Andrew B. Healey, erhielt gestern einen eingeschriebenen Brief, der eine Ampulle mit tödlichem Blausäuregas enthielt, die beim Öffnen des Kuverts zerstört wurde, so dass dieses Gas ausströmen konnte. Der Brief wurde von der Sekretärin Ann Jonas geöffnet, die infolge des Gases schwer vergiftet wurde und trotz schnellstens eingesetzter Rettungsmittel starb. Die Polizei hat bis jetzt keinen Hinweis auf den Absender des Briefes gefunden. Man kann sich auch das Motiv der Tat nicht erklären.

Mrs, Healey, an die der Brief adressiert war, ist nicht nur im engen Kreise sehr beliebt. Wir erinnern nur daran, dass sie seinerzeit mit dem bekannten Baron Strehlitz dieses neue Sanatorium für gelähmte Menschen durch eine großangelegte Spendenaktion möglich machte. Gouverneur Healey hat angekündigt, dass er außer den polizeilichen Ermittlungen auch mit anderen Methoden Nachforschungen anstellen werde …

1

„Das ist Miss Barley“, sagte der stämmige Andrew Healey, hakte die Daumen in die Weste, reckte das Kinn vor, was ihm so ein wenig von einem zweiten Cäsar gab, der er aber nicht war und nie sein würde. Und wäre er es gewesen, gegen Judy Barley, die er da dem Baron vorstellte, konnte er in jedem Falle einpacken. Judy, das waren hundert Pfund schönes Fleisch, alles in der richtigen Proportion, nichts zu viel, nichts zu wenig. Die Natur hatte sich da ziemlich viel Mühe gegeben. Langes dunkles Haar bis über die Schultern, feste Brüste, schlanke Taille, die richtig kurvigen Hüften und Beine … da musste auch Alexander von Strehlitz schlucken. Und Le Beau, der neben ihm stand, hatte nur noch Augen für Judy.

Sie sah nicht nur blendend aus, sie konnte sogar reden, jedenfalls kam das Le Beau bei soviel Schönheit wie ein kleines Wunder vor, dass über soviel gutem Aussehen noch mehr geliefert wurde.

„Hallo!“, sagte sie, und es klang dunkel und rauchig, wie sie das herausbrachte. „Ich habe viel von Ihnen gehört, Mr. Strehlitz. Von Ihnen auch“, fügte sie mit einem Blick auf Le Beau hinzu, aber das klang, als sei erst von einem berühmten Bauwerk und anschließend von einem anrüchigen Nachtlokal die Rede gewesen, wobei Le Beau das Nachtlokal sein sollte.

„Miss Barley“, sagte nun der Cäsar von Florida, seines Zeichens schon zum dritten Male gewählter Gouverneur, „Miss Barley habe ich ein paar wertvolle Hinweise zu verdanken. Und deshalb habe ich auch Sie hergebeten, Alexander. Es war nett von Ihnen, Ihren Freund Michel Dupont mitzubringen.“ Und dabei machte er nun ein Gesicht, als müsste er wie ein besorgter Vater mit Strenge vor den berüchtigten Avancen des Don Juan Le Beau warnen. Aber er tat es dann doch nicht, obgleich Le Beaus Ruf auch hier in dieser Stadt einiges an Gewicht besaß.

„Und was wissen Sie, Madam?“, erkundigte sich der Baron. Er lächelte auf seine gewinnende Art.

Es war wieder Healey. der antwortete, als könnte das die schöne Judy nicht selbst tun.

„Also da ist eine alte Geschichte. Meine Frau hat mir folgendes erzählt: Vor einem Jahr ist sie mit Sid Walcott zusammengetroffen. Sid Walcott genoss damals noch ziemlich viel Ansehen, bevor die Polizei auf Rauschgifthandel tippte, bei ihm einen Revolver fand und ihn einlochte. Sid Walcott wusste aus der frühen Vergangenheit meiner Frau ein paar unerfreuliche Dinge. Also hier, ganz unter uns, möchte ich darüber sprechen, aber Sie alle hier müssen versichern, nichts hinauszutragen. Das ist der Grund, warum wir die Polizei im Unklaren gelassen haben. – Also?“

„Das ist versprochen!“, erklärte der Baron, und die anderen beiden nickten dazu.

„Also“, sagte Healey, „meine Frau ist früher als Tänzerin aufgetreten.“

„Das allein bringt nichts. War sie Nackttänzerin?“, fragte der Baron.

Healey nickte. Zerknirscht fuhr er fort: „Das ist es ja! Ich habe sie damals so kennengelernt. Anfangs hielt ich sie für ein Flittchen, und sie sollte die Freude einer kurzen Zeit sein, aber sie war kein Flittchen, und ich merkte, dass sie großartig ist.“

„Als Mensch ist sie das wirklich“, bestätigte der Baron. „Und was wollte Walcott von ihr? Doch kein Geld?“

„Nein, er wollte eine bestimmte chemische Formel wissen.“

„Von Ihrer Frau?“

Healey nickte. „Sie sollte diese Formel bei mir aus dem Tresor holen. Dort lag nämlich die Geheimmappe einer DuPont-Akte. Mit der Formel, einer militärischen Sache.“

„Und?“

„Meine Frau erzählte mir alles.“

„Was wollte Walcott tun, wenn sie nicht tat, was er verlangte?“, fragte der Baron.

„Er hatte ihr fest versprochen, ihre Vergangenheit mit Fotos und Texten in die Zeitung zu bringen. Sie können sich denken, was das für mich bedeutete, hier auf diesem politischen Platz.“

„Gaben Sie ihr die Formel?“

„Nein. Und er veröffentlichte nichts, rief aber eines Tages an und drohte, sich dafür zu revanchieren. Er werde meine Frau töten, eines Tages. Den Zeitpunkt werde er bestimmen. Bis dahin könnte sie aus Angst um ihr Leben zittern. Nun, sie zitterte wirklich. Ich ließ Sid Walcott festnehmen, aber es gab keinen Beweis für die Sache. Ein Telefongespräch und alles andere stritt er ab; Beweise mussten wir haben. Man entließ ihn wieder. Ich setzte die Polizei auf ihn an. Dann hatten wir den Rauschgifthandel entdeckt. Aber wieder kein Beweis. Die Polizei aber hatte einen Glückstag. Sie fand in Walcotts Tasche einen Revolver. Damit hatten wir ihn. Er sitzt in U-Haft. Deshalb kommt er selbst als Briefabsender nicht in Frage. Aber nun geht es um Beweise. Verstehen Sie, in der Rauschgiftsache ermittelt die Polizei. Ich aber glaube, dass er auch noch mit völlig anderen Dingen gehandelt hat. Wozu sonst die DuPont-Formel? – Alexander, Sie wollten mir damals, als wir das mit dem Gelähmten-Sanatorium machten, einen Gefallen tun. Jetzt würde ich Sie gerne beim Wort nehmen. Sie haben auch einen Namen als Kriminalist. Ich unterstütze Sie mit Vollmachten, wo es nötig ist. Aber alles muss streng vertraulich behandelt werden, sonst ist meine politische Laufbahn beendet. Meine politischen Gegner warten nur auf so etwas.“

„Wir werden tun, was wir können, Andy“, sagte der Baron.

 

 

2

„Mann, wie kommst du an dieses Schätzchen?“, fragte Le Beau später, als er mit dem Baron wieder im Hotel war.

„Du meinst Judy? Sie ist eine Detektivin, privat natürlich. Ein Star von der Firma Pinkerton.“

Le Beau schnalzte mit der Zunge. „Wer hat, der hat! Mann, ich sattle um und gehe zu Pinkerton.“

„Ich glaube, lieber Freund, ich werde mich direkt um diese Formelstory kümmern. Bei DuPont und den Leuten, die sie anging. Damit wir wissen, wozu so eine Formel gut war. Und du, Michel, wirst dich um den wahren Grund unseres Hierseins bemühen, um Kapitän Higgins, der uns diesen Schoner verkaufen wollte, aus dem wir ein Schulheim bauen möchten. Und denk dran, wir haben für den Schoner nicht mehr als hunderttausend Dollar zur Verfügung. Higgins hat eine knappe Million verlangt, aber daran glaubt er selbst nicht. Hunderttausend, Le Beau, und du kannst zuschlagen. Higgins ist ein fester Trinker. Er wird versuchen, dich untern Tisch zu saufen. Zeig, dass du Franzose bist!“

„Wo ich das überall zeigen soll! Manchmal möchte ich Tibetaner oder Chilene sein, von uns Franzosen erwartet ihr alles mögliche. Dass wir scharf auf Frauen sind und eine unheimliche Menge von Schweinereien wissen, dass wir saufen können wie Löcher und zur Musik hüpfen, als hätten wir einen Eimer Wollhandkrabben in der Hose. – Also, mich willst du jedenfalls nicht in Judys Nähe haben.“

„Ich rufe dich, wenn ich dich brauche. Judy wird ihre eigenen Wege gehen.“

„Hoffentlich kommt sie nicht zu Fall dabei“, knurrte Le Beau enttäuscht.

„Immerhin ist sie ja wie ein rotes Tuch.“

„Das meinst nur du mit deinem überentwickelten Triebwesen.“

„Du kannst mich mal! – Also gut, dann werde ich mit Higgins saufen. Er hat ja eine sehr hübsche Tochter.“

„Konzentriere dich darauf und vergiss Judy!“

Aber dazu sollte es so leicht nicht kommen. Was das Vergessen anging, so dauerte das nur so lange, wie Michel Dupont bei Higgins weilte und die Zeit danach, die er brauchte, um seinen Rausch auszuschlafen. Immerhin wurde in seiner Jacke, die auf dem Fußboden seines Zimmers von einer angeschlagenen Heimkehr zeugte, ein Vertrag geknautscht, in dem ein gewisser Kapitän Higgins seinen Schoner „Prince of Wales“ für hunderttausend Dollar an einen gewissen Alexander Baron von Strehlitz und Luckenwalde verkaufte.

Le Beau hatte sich, so dachte er, einen guten Schlaf verdient. Aber da irrte er sich schon wieder.

 

 

3

Michel Dupont träumte, jemand spiele auf der Violine und dazwischen klingelte lärmend das Telefon.

Das Läuten störte ihn, und darüber wachte er auf. Es klingelte immer noch. Schlaftrunken ging er zum Nachttisch. „Hallo, wer …“

„Michel, bist du es?“ Das war unzweifelhaft Baron Strehlitz’ Stimme. So unverkennbar. Und das am Sonntagmorgen. „Ja, Häuptling, ich bin es“, meldete er sich.

„Bist du betrunken, wie?“

„Nein, nur etwas verschlafen. Es war gestern bei Higgins etwas spät …“

„Le Beau“, sagte der Baron, und es klang so verzweifelt amtlich, dass Le Beau ahnte, wie so ein Sonntag weiter verlaufen würde. „Michel, es ist ernst. Judy ist in Fairburys Landhaus gewesen. Gestern Abend war dort die Party, und sie sollte mir ein paar Auskünfte von Ed Fairbury besorgen. Bis sechs Uhr heute morgen wollte sie sich melden, hat es jedoch nicht getan. Ich habe mit unseren Freunden von der Citizen Police gesprochen. Man will sich darum kümmern, hat sich aber auch noch nicht gemeldet. Fahr hinaus zu Fairbury und sieh nach, was dort los ist! Irgendwo muss Judy stecken. Es war ein harmloser Auftrag.“

Und das alles an einem Sonntagmorgen mit Kopfschmerzen. Bestimmt von diesem abscheulichen Cocktail. Le Beau wettete, dass Higgins seinen Gin selbst im Keller braute.

„Gut, ich fahre hinaus. Geht es um die Sache Walcott?“

„Genau, Michel, und nun beeil dich ein bisschen!“

Er hatte aufgelegt, und Le Beau hörte immer noch das träumerische Geigenspiel. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er dahintergekommen war, dass diese Töne aus dem Radio kamen. Mit Widerwillen arbeitete er sich aus den Federn und gebot zuerst einmal durch einen heftigen Druck auf die Taste dem Radio energisch Ruhe. So – und jetzt kaltes Wasser! Diesen Higgins und seinen Cocktail sollte der Teufel holen.

Kaltes Wasser auf die heiße Stirn vertrieb die Alkoholgeister. Er gierte anschließend geradezu nach einer Tasse heißen Kaffee. Aber das dauerte ihm schon alles zu lange.

Während er sich im Lift die Jacke anzog, überlegte er kurz, was überhaupt los war.

Judy Barley, die schöne Privatdetektivin, war also gestern zu der Party bei Fairbury gegangen. Dort hatte sie wohl gehofft, Ed Fairbury ausfragen zu können, ob Sid Walcott auch ihm Angebote gemacht hatte. Baron Strehlitz hatte sie zu Ed Fairbury geschickt, von dem sie wussten, dass er kurz vor Sid Walcotts Verhaftung noch Kontakt mit ihm gehabt hatte.

Als Le Beau aus dem Haus trat, fächelte ihm ein frischer Seewind entgegen. Das tat gut. Wie üblich musste er zunächst mal husten, wie es sich für eine Raucherlunge gehörte, wenn sie am Abend vorher ordentlich voll Nikotin gepumpt worden war. Danach suchte er nach dem Mietwagen, den er die letzten drei Tage gefahren hatte, ein giftgrüner Le Mans Pontiac.

Ein Blick auf die Uhr, es war kurz nach neun. Und da die Sonne schon etwas länger schien, kochte im Wagen die Luft. Er ließ das Verdeck zurück, steckte sich eine schwarze Zigarette an und fuhr los.

Die Straßen waren leer. Dass hier in der Stadt Menschen lebten, bewiesen im Augenblick nur die parkenden Autos. Dabei würde es der richtige Tag sein, um einen Spaziergang zu machen. Wolkenloser, blauer Himmel, leichter Wind aus Ost, und noch etwas frisch. Mittags würde man die Luft in Stücke schneiden können.

Le Beau überquerte den St. Johns River auf der gigantischen Füller Warren Bridge und raste dann den Beach Boulevard entlang, in der stillen Hoffnung, dass die Motorradstreifen an diesem Morgen etwas Besseres zu tun hatten, als schnelle Wagen zu schnappen.

Am Big Pottsburg Creek bog er in die schmale alte Landstraße ab und fuhr noch etwa eine Meile, dann lag vor ihm auf einem künstlichen Hügel Fairburys Landhaus. Tatsächlich sah man nur das rote Dach, und selbst das nur in Bruchstücken. Ein Dutzend Zypressen verdeckten das Anwesen.

Ed Fairbury war Le Beau kein Unbekannter. Eigentlich kannte ihn hier jeder, denn er hatte ein paar sensationelle Erfindungen gemacht, die vielleicht unser aller Leben noch beeinflussen würden. Angefangen vom festen Treibstoff für Autos bis zur Imprägnierungsflüssigkeit für Holz gegen den Termitenfraß, hatte er außerdem allerhand Dinge ausgetüftelt, die überall in der chemischen Industrie Interesse hervorgerufen hatten. Einmal war Präsident Johnson in Ed Fairburys Firma, der Southern Chemical Inc. Le Beau war damals dabei, als Ed Fairbury dem Präsidenten vorgestellt worden war. Danach hatten sie sich noch unterhalten, und Fairbury hatte Le Beau eingeladen, ihn zu besuchen. Bis heute war er aber der Einladung nicht gefolgt. Der Anlass, aus dem er es heute nachholte, wollte ihm aber nicht so recht gefallen.

Zum Bungalow bog von der Landstraße in scharfem Knick ein schmaler Weg ab. Le Beau rollte langsam auf ihm entlang und verwünschte die Schlaglöcher, die ein nicht gerade armer Mann wie Ed Fairbury längst hätte ausbessern lassen können.

Dann aber, als er das Haus deutlicher sehen konnte und die Zypressen ihm nicht mehr die Sicht verdeckten, fielen ihm blitzschnell einige Dinge recht unangenehm auf.

Erstens stand im Innenhof der dunkelblaue Chevy – auch ein Leihwagen –, mit dem Judy gestern gefahren war. Daneben parkte ein roter Triumph Sportwagen. An ihm brannte noch das Licht, außerdem stand seine Tür offen, und dass der Motor noch lief, hörte Le Beau erst ein paar Sekunden später, als er anhielt.

Zweitens fiel ihm auf, dass ein Fenster des Hauses offenstand und im Durchzug herumschlug. Es knallte unüberhörbar. Unbegreiflich, wie ein Mensch das im Hause aushielt. Dass die Gardine schon bald ein Fetzen war, sei nur am Rande erwähnt.

Drittens roch es nach geschmolzenem Plastik. Ein typischer und zugleich widerlicher Geruch, durch den man sofort alarmiert wurde.

Le Beau stieg aus und sah sich um. Alles war still, bis auf das Blubbern des englischen Sportwagens. Le Beau ging hin und drehte den Zündschlüssel herum. Danach war es erschreckend ruhig. Nicht einmal ein Vogel war in der Nähe zu hören.

Ein dünner Rauchfaden stieg aus einem kleinen Klappfenster des Mittelbaus. Dadurch, dass diese Seite des Innenhofes im Schatten lag, sah er den Rauch deutlich hochziehen, bevor er oben vom Wind gepackt und mitgerissen wurde.

Gerade wollte Michel nachsehen, was es war, da knallte es heftig und erschreckte ihn so sehr, dass er seine 38er sogleich in der Hand hielt, sozusagen instinktiv. Doch es war wieder nur das Fenster. Er ging hinüber und drückte es ganz auf, klemmte einen Kiesel in den Winkel und wollte gerade ins Zimmer hineinsehen, da knallte im Haus eine Tür zu. Damit war der Durchzug beendet.

Dann aber fiel sein Blick auf zwei Beine vom Fuß bis zum Knie – nylonbestrumpfte Frauenbeine. Mehr konnte Michel beim besten Willen nicht erkennen, weil ein Schrank dazwischen stand. Und diese Beine waren lang ausgestreckt. Demzufolge musste die Frau, der sie gehörten, auch liegen. Der Fußboden allerdings war, glaubte er, nicht gerade ein Ruhelager. Und er dachte recht mitfühlend an Judy.

Mit einem Satz war er im Zimmer und fand Ed Fairbury wie schlafend über dem Rand eines Polstersessels. Nur die schreckliche Kopfwunde bewies, dass es kein Schlaf war. Als er zu ihm ging und nach dem Puls fühlte, spürte er schon bei der Berührung seiner Haut, dass hier jede ärztliche Hilfe zu spät kam.

Ed Fairbury würde keine Erfindungen mehr machen.

Es war keine Zeit zu großen Überlegungen. Erst musste er sich noch um die Frau kümmern.

Judy? War sie es? Er ging an Ed Fairbury vorbei und um den Schrank herum, der wie eine spanische Wand das Zimmer teilte.

Dann sah er sie, nur war es nicht Judy. Die Frau war blond, strohblond. Ihr Gesicht war schmal, die Augen waren blau, sogar das konnte er sehen, denn sie starrten entsetzt zur Decke. Während Michel nach dem Puls fühlte, schätzte er ihr Alter. Vielleicht achtundzwanzig, womöglich noch älter. Ihr weinrotes Kleid war befleckt von Blut, der Einschuss war etwa am Brustbein erfolgt. Kein Pulsschlag war zu fühlen.

Als Le Beau sich resigniert aufrichtete, entdeckte er die Patronenhülsen. Beide lagen unweit der Zimmertür. Er ließ sie liegen. Es war tschechische Munition, die hierzulande meist in der Luger oder in ähnlichen Pistolen verwendet wurde.

Wo war Judy? Der Gedanke, dass sie ebenso irgendwo in diesem Gebäude lag wie diese beiden hier, ließ ihn trotz aller Routine erschauern.

Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen oder zu überdecken, öffnete er mit dem Handschuh die Tür, die vorhin so lautstark zugefallen war.

Er gelangte in ein Halbdunkel. Es war ein Vorzimmer mit Anrichte. Auf dieser stand noch eine Reihe von Schüsseln und Schalen mit Speiseresten. Michel sah nur hin, fasste aber auch hier nichts an. Damit sollte sich die Homicide Guard herumplagen. Er musste Judy finden, das war zunächst am wichtigsten.

Vom Vorzimmer aus gelangte er in einen langen Korridor, von dem drei Türen abgingen. Aus einer drang wieder dieser widerliche Plastikgeruch. Er öffnete die Tür mit dem Handschuh, und war in der Küche, sah einen Brottoaster, der sicherlich seit Stunden in Betrieb war. Da außer der Kohle, die von den Weißbrotscheiben übriggeblieben war, nichts mehr zu toasten war, hatte er begonnen, sich in seine Bestandteile aufzulösen. Rätselhaft, wie die Sicherung das mitgemacht hatte.

Michel Dupont zog die Schnur heraus, trotzdem zischte die siedende Plastikverschalung noch eine Weile.

Im Übrigen, die Küche war sehr modern, sehr sauber. Aber auch hier keine Spur von Judy.

Der nächste Raum hätte einem Feinschmecker mehrstündige Genüsse geboten. Doch Michel hatte keinen Hunger. Auch hier in der Speisekammer fand er Judy nicht. Danach ging er ins Badezimmer. Und hier entdeckte er Judys Kleid!

Es lag zerknittert über der Wanne, darunter die zierlichen Schuhe. Judys Pumps hatte er gestern noch so ausgiebig betrachtet, dass er sie sofort erkannte. Ebenso verhielt es sich mit dem geblümten Kleid.

Dieser Fund hatte ihn in höchste Alarmstimmung versetzt, und der Rest der Müdigkeit war verflogen.

 

 

4

Von nun an begann Michel Dupont mit einer Intensität zu suchen, die dem Hoffnungsschimmer entsprang, er könnte Judy noch lebend finden. Zwischendurch alarmierte er die Freunde von der Polizei in Jacksonville.

Danach suchte er noch eine Viertelstunde, ehe die schwere Chrysler-Limousine der Mordkommission eintraf. Er fand nicht die geringste Spur davon, wo Judy geblieben sein konnte.

Captain Bloom, der die Gruppe leitete, war Le Beau seit seinem letzten Besuch in Jacksonville ein lieber Bekannter geworden. Dieser untersetzte Brummbär war so mürrisch und barsch, dass man sich schon daran gewöhnt hatte. Tatsächlich hatte Le Beau immer das Gefühl, Bloom sei in seinem Innern butterweich, und seine stets gezeigte grimmige Miene sei nichts als Tarnung.

„Einen am Sonntagmorgen ’rauszujagen!“, brummte er. „Wüsste bessere Dinge zu tun, Le Beau!“

Der Captain brannte die erloschene Zigarre an und ließ seinen Blick durch das Mordzimmer schweifen. Indessen war der Polizeiarzt schon an der Arbeit. Die beiden Spurensicherer fingen bereits an zu pinseln, und der Chemiker packte gerade seinen Koffer aus.

Michel erzählte Bloom, was er wusste, und wen er suchte. Währenddessen ließ Bloom die Zigarre von einem Mundwinkel zum anderen wandern, brummte zwischendurch unartikulierte Laute und machte ein Gesicht wie ein verarmter Kentucky-Farmer. Sozusagen der Griesgram vom Dienst.

Als Dupont mit seinem Bericht fertig war, sagte Bloom zunächst nichts, dann blickte er zum Fenster hinaus und meinte: „In einer Stunde fängt das Spiel an.“

„Welches Spiel?“, fragte Michel verständnislos.

Bloom sah Le Beau an. Sein bärbeißiges Antlitz entspannte sich. „Mein ältester Junge hat heute sein erstes Spiel in der Staatsmannschaft von Florida. Football natürlich. In einer Stunde werden sie die Nieten aus Arkansas vom Platz fegen, dass es eine Art hat.“

Le Beau nickte. Und weil es so aussah, als dächte Bloom noch immer an dieses Spiel, sagte er trocken: „Ich wünschte, wir wüssten wo Judy Barley ist! Immerhin …“

Bloom lächelte breit. „Ja, ja, ich weiß, Le Beau, schließlich sind Sie ein Mann und kein Stein. Also vergessen wir das Spiel. Der Teufel soll den Sonntagsdienst holen. Immer verpasse ich da die besten Spiele, und mein Junge wird sauer sein, wenn er erfährt, dass ich nicht im Rang sitze.“

Er wandte sich an einen seiner Leute.

„Puggy, vergiss nicht das Radio anzustellen, wenn das Spiel anfängt. Wir haben hier garantiert noch länger als eine Stunde zu tun.“

Captain Bloom behielt trotz allem seinen Humor. Und er hatte recht. Weil es sinnlos war, planlos nach Judy zu suchen, musste Le Beau mit ihm nach Hinweisen und Fingerzeigen forschen, die womöglich einen Anhaltspunkt gaben, wohin Judy gebracht worden war oder geflohen sein konnte. Denn dass sie nicht aus freien Stücken dieses Haus verlassen hatte, schien offenkundig. Dann nämlich hätte sie sich telefonisch oder durch eine andere Nachricht gemeldet.

Bloom hatte Le Beau eine Menge insofern voraus, als er über den Sprechfunk bei seiner Dienststelle alle kleinen Dinge erfragen konnte. So wussten sie nach zwanzig Minuten, wem der Triumph gehörte, nämlich einer gewissen Mabel King aus Jacksonville: Die Beschreibung dieser Frau traf ungefähr auf die Tote zu. Ein Beamtentrio der Citizen Police war indessen auf dem Weg zu Miss Kings Wohnung.

Die zweite Erkenntnis, zu der sie gelangten, war die Herkunft der Mordwaffe. Es war tatsächlich eine Luger, präzise gesagt eine deutsche 08-Pistole. Um das herauszufinden, hatte der Chemiker und Ballistiker eine halbe Stunde gebraucht. Er würde in weiteren Stunden ermitteln, um welche Fabrikationsserie es sich handelte. Das war Handwerk, Kleinarbeit, Erfahrung, unterstützt von Computern der EDV, die nachher bei der Rückkehr der Mordkommission ins Hauptquartier ihre Arbeit begannen.

Der dritte Hinweis kam vom Arzt. Die Schüsse waren vor etwa fünf Stunden gefallen. Da hatte höchstens noch ein wenig Zwielicht geherrscht, demnach musste das Licht am Auto schon früher angeschaltet worden sein.

Über die fremden Fingerabdrücke würde erst Näheres zu erfahren sein, wenn die Spurensicherer zur Auswertung in ihre Büros zurückgekommen waren.

Bis jetzt wussten sie genau: Die Frau, von der sie annahmen, dass es Mabel King war, hatte sich mit Ed Fairbury unterhalten, jedenfalls hatte sie zwei Schritte weit vor ihm gestanden. Sie musste den Mörder gesehen haben, als er eingetreten war. Ob ihn Fairbury gesehen hatte, war zweifelhaft. Seine Verletzung war schräg hinter dem Ohr. Ganz offensichtlich ein unerwarteter Schuss. Mabel King, oder wer sonst die Ermordete war, hatte fliehen wollen. Sie war vor ihrem Tod noch fünf Schritte gelaufen, dann traf sie der Schuss in die Brust. Sie musste noch ein paar Sekunden gelebt haben, das bewiesen die Handspuren und die Blutflecke ringsherum auf dem Fußboden.

Der Täter hatte einen Wagen gehabt. Davon waren von den Reifenspuren Gipsabdrücke gemacht worden. Die Auswertung hatte bereits begonnen. Danach konnte man feststellen: Das Fabrikat der Reifen, welche Wagen serienmäßig mit diesen Reifen bestückt wurden, und wie schwer das Fahrzeug ungefähr gewesen war. Das engte die Typenauswahl weiter ein.

Inzwischen waren noch vier Beamte der Mordkommission eingetroffen. In der Umgebung suchten sie in mühsamer Kleinarbeit nach Zeugen, die einen Wagen gesehen haben konnten, der gegen fünf Uhr morgens auf die alte Landstraße – aus dem Seitenweg des Landhauses kommend – gefahren war.

Es gab so leicht keinen Zeugen, weil auf der alten Farm, gut zwei Meilen von hier, um die betreffende Zeit niemand wach gewesen war. Das kleine Haus an der Landstraße war aber unbewohnt. Es stand seit Wochen zur Vermietung frei.

Während die Beamten noch weiter recherchierten, machte Le Beau nochmals eine Wanderung durchs Haus und entdeckte in der Vorratskammer eine Handlampe mit Gummikabel. Von diesem Kabel war das längste Stück jedoch abgeschnitten. Die Drahtzange lag auf dem Boden.

Die Spurensicherer kümmerten sich sofort darum, aber Michel konnte sich jetzt schon ausmalen, wozu das Gummikabel gedient hatte.

Bloom kam zur gleichen Überzeugung. „Das ist eine Hoffnung. Wenn sie damit gefesselt wurde, lebt sie also. Gut, warum hat sie Kleid und Schuhe ausgezogen? Am Kleiderschrank sind keine Spuren, sie hat also keine anderen Sachen anziehen müssen.“

„Wirklich? Kommen Sie mit zur Garage!“, sagte Michel. Ihm war eben eine Idee gekommen.

Sie sahen sich die Garage an. Sie war leer. Fairburys Wagen, einen beigefarbenen Buick, entdeckte Le Beau erst später hinter dem Haus.

Einer der Beamten kam ihnen nach und sagte: „Captain, eben kam die Meldung von Carpenter. Er war in Mabel Kings Wohnung. Sie ist nicht dort. Aber ihre Koffer stehen gepackt, als hätte sie abreisen wollen.“

„Okay, ich fahre nachher vorbei. Wie sieht es mit den Spuren am Triumph aus?“

„Ebenfalls die fremden Fingerabdrücke an Lenkrad und Tür.“

Le Beau fragte: „Schon einen Anhaltspunkt?“

Der junge Beamte nickte. „Ein Mann, grobe Hand, also einer, der körperlich gearbeitet hat, Hornstellen, weitere Ermittlungen werden im Labor angestellt.“

Michel wusste, was er meinte. Sie konnten nicht nur die reinen Fingerabdrücke mit denen in der Kartei mit Hilfe des Elektronenhirns vergleichen lassen. Die Chemie war weiter. Wenn auf einem Tuch, einem Stück Papier oder ähnlichem ein guter Abdruck war, konnte sogar herausgefunden werden, welche typischen Geruchsspuren dieser Hand anhafteten. Ein Schmied zum Beispiel hatte außerdem noch winzige Spuren von Eisen an den Fingern, auch das ließ sich ermitteln.

Das alles war gut und schön, aber indessen wusste Le Beau immer noch nicht, wo Judy geblieben war. Und langsam dauerte ihm die Spurensucherei zu lange. Er musste die Sache auch mit dem Wissen vorantreiben, das er bis jetzt über die Sache hatte. Und so wenig war das wiederum auch nicht. Wenn man nur bald herausfinden würde, mit welchem Wagen der Mörder unterwegs war.

Bloom hatte einen Mann ins Hauptquartier geschickt, um die Auswertung zu beschleunigen. Aber es war Sonntag, und da waren nicht alle Beamte im Dienst. Das Labor musste erst die Chemiker und Physiker alarmieren, die zu Hause waren und eigentlich dienstfrei hatten. Doch hier lagen ein Doppelmord und eine wahrscheinliche Entführung vor. Grund genug, einigen Herren die Sonntagsruhe zu nehmen!

Le Beau musste nun in den sauren Apfel beißen und den Baron benachrichtigen. Kurz gesagt, der nahm es ruhiger auf, als Le Beau gedacht hatte.

„Michel“, sagte er, und seine Stimme klang kratzend durch den Draht, „notieren Sie sich diese Adresse. Vielleicht ist alles sinnlos, und sie bringt Ihnen keinen Hinweis, aber dieser Mann hatte auch Beziehungen zu Walcott. Schreiben Sie?“

„Ich beginne … also Laurel Haming … Callahan … ja, Alexander, ich weiß, das sind zwanzig Meilen von hier auf dem Expressway nach Nordwesten. Ja, richtig, der US Highway 1 nach Waycross. Mainstreet sagst du? Okay, ich fahre hin!“

 

 

5

Callahan war ein Nest, die Mainstreet allerdings eine Rennbahn. Als Le Beau hinkam, hatte die Polizei gerade eine raffinierte Radarfalle aufgebaut. Natürlich zappelte er im Netz. Doch alles war zu etwas gut. Sie sahen seinen Ausweis vom Gouverneur, nickten bedächtig und knurrten etwas von Fahrdisziplin, die für jedermann gilt. Als sie fertig waren, fragte Le Beau sie nach Hamings Haus, und sie zeigten ihm einen Neubau gleich neben einem Drugstore. Er sagte ein paar Freundlichkeiten und fuhr weiter.

Im Haus neben dem Drugstore sollte dieser Laurel Haming also wohnen. Ein recht ansehnlicher Lincoln stand vor der Tür. Wer hat, der hat! Dieser Luxusstraßenkreuzer war stratosilber und ließ einen, der Autos liebte, verzückt die Augen verdrehen.

Le Beau fand ein Namensschild, darunter stand bescheiden: Grundstücksmakler – Börsenagentur. Wenn das nichts ist!

Michel würde wohl doch noch umsatteln, denn so ein luxuriöses Wägelchen konnte er sich nicht erlauben.

Noch bei diesen Gedanken läutete er, was sinnigerweise ein kleines Glockenspiel auslöste, das ein paar Takte aus „White Christmas“ brachte. Nun, wie ein Weihnachtsmann kam er sich in diesem Augenblick nicht gerade vor.

Es summte, Michel drückte auf, dann sah er zunächst einmal im Dunkeln gar nichts. Als es aufhellte, stand ein Hüne vor ihm, der außerdem penetrant nach Zwiebeln roch. Zwiebelgeruch am Morgen, das tat weh.

Dem Riesen weniger, denn er rief laut: „Hallo, ich habe schon seit einer Stunde auf Sie gewartet, Mister Paine. Meine Güte, wenn man so wartet … Kommen Sie nur herein! Hatten Sie eine Panne?“ Er schob Le Beau in sein Wohnzimmer, sein Gehabe war widerlich schmeichlerisch, von süßlicher Geschäftigkeit – und ein wenig Alkoholdunst umwehte ihn auch.

„Setzen Sie sich, lieber Freund, einen Whisky? Vielleicht kann es auch ein Gin sein? Meine Güte, wenn man so wartet … Ich habe schon einige intus …“

Er war mindestens einen Kopf größer als Le Beau und bestimmt auch noch einmal so breit wie er. So sehen im Wildwestfilm die Männer aus, die einen Saloon ausräumen.

Seine Hände waren schon eher Pranken.

Er strahlte Le Beau über sein breites Gesicht an. Wie alt mochte er sein? Vielleicht vierzig, eher fünfunddreißig. Das spärliche Haar täuschte. Zu allem machte ihn sein Säufergesicht auch nicht gerade sympathisch.

Er goss Michel zum Glück Whisky ein, denn Gin wäre jetzt von allem die Krönung gewesen. Daran würde Le Beau jetzt nicht riechen, geschweige denn trinken. Schon der Gedanke an den Gin bei Higgins gestern Abend …

„Mister Paine“, sagte Haming strahlend. „Sie haben kaum etwas gesagt. Ich fragte schon, ob Sie einen Unfall hatten.“

„Nein“, erwiderte Michel ruhig, denn ob es gut sein würde, ihm die Verwechslung auszureden, wer weiß? „Ich hatte keinen Unfall. Also fangen wir an, meine Zeit ist knapp. Das mit der Stunde Verspätung verstehe ich übrigens nicht. Es war doch ausgemacht …“

Haming lachte. „Trinken Sie, dann erinnern Sie sich. Ich habe zu Jewey gesagt, ab elf Uhr wäre ich zu sprechen, und da hat Jewey gesagt, dann käme sein Mann eben um elf Uhr.“

„Jewey sagte zwölf, ich weiß es genau“, erwiderte Le Beau. Mal sehen, wie lange das gut geht!, dachte er. Manchmal eine ganze Weile.

Haming trank sein Glas in einem Zug leer, kippte es wieder voll, trank wieder.

„Mister Paine, alter Freund, Sie kommen ja nicht mit leeren Händen, nicht wahr?“ Er zwinkerte Le Beau zu. „Fangen wir also mit einem reellen Preis an. Aber ich muss natürlich erst sehen, was ich kaufe. Doch Sie sollen nicht ins Wasser springen. Sagen wir zwanzig Riesen.“

Zwanzigtausend Dollar! Wofür?, fragte sich Le Beau. Wofür gab ein Mann wie dieser Bursche zwanzigtausend Dollar aus? Ein Grundstück könnte es vermutlich nicht sein, das konnte Le Beau ja nicht bei sich haben.

Le Beau lehnte sich zurück, griff in die Jackentasche, um die Hand an seiner 38er Police Special von S & W liegen zu haben, die er sich heute morgen eingesteckt hatte. Und das war gut gewesen. Es roch sehr nach Schwierigkeiten, obgleich er nicht sagen konnte, wieso er das spürte. Aber man hatte bei einem derartigen Job eine Nase dafür.

„Mister Haming“, sagte Le Beau gelassen, „ich bin nicht Paine! Und ich habe für Ihre zwanzig Riesen keine Ware. Sehen Sie, Haming, ich bin dieser Mann hier!“ Er zeigte ihm mit der Linken diesen Ausweis, auf dem sich ja auch sein mehr oder weniger geglücktes Konterfei befand und den ihm der Gouverneur beschafft hatte.

Haming starrte ihn an, dass Le Beau befürchtete, die Augen würden ihm aus dem Schädel rollen. Dann wischte er sich über die Stirn, als müsse er einen Alptraum verjagen. „Mein Gott, das ist ja … aber wieso wissen Sie, dass Jewey …“

„Ich weiß es eben. Doch ich will hier die Fragen stellen, Haming, das ist besser. Sie erwarten diesen Paine. Wen sonst noch an diesem Sonntag? Vielleicht eine Frau?“

„Nein, wieso eine Frau?“

„Kennen Sie Ed Fairbury?“, fragte Michel und beobachtete ihn scharf.

Haming nickte, ohne ein Zeichen des Erschreckens, eher erstaunt. „Klar, wer kennt ihn nicht in dieser Gegend? Das Land, auf dem sein Haus steht, ist von mir vermittelt. Ich bin noch vorige Woche bei ihm gewesen, aber er war nicht zu Hause.“

„Kennen Sie Mabel King?“

Jetzt entdeckte Le Beau in seinem Gesicht und besonders in den großen, dunklen Augen das Zeichen, auf das er vorhin vergeblich gewartet hatte. Es ging ein kaum merkliches Zucken durch seine Miene, dann fing er sich wieder und meinte scheinbar gelangweilt: „Wie viele solcher Fragen stellen Sie noch? Ich kenne sie natürlich nicht.“

„Wie spaßig, und ich beweise Ihnen, dass Sie diese Dame kennen!“ Das war ein knallharter Versuchsballon, mal sehen, wie er ankam.

Haming lehnte sich zurück. „Ich glaube, ich breche die Unterhaltung ab. Wenn Sie etwas wissen wollen, wenden Sie sich an meinen Anwalt.“

Le Beau stand auf. „Gut, wie Sie wollen, Haming, nur …“ Michel sah ihn lächelnd an, und Haming musterte ihn feindselig. „Nur müssen Sie wissen, dass Beihilfe zu einer Entführung eine recht faule Sache ist. Ich weiß nicht, ob Sie sich das leisten können. Besonders, wo Sie doch so sehr auf Paine warten, nicht wahr?“

Bluff as Bluff can! Das saß. Es ging Haming so heftig ins Gewissen, dass es ihn vom Stuhl hochriss. Er blickte Le Beau schräg an, als wollte er ihn verspeisen. Aber er sah auch Le Beaus rechte Hand in der Jackentasche, und offenbar war Haming nicht von gestern.

Er schluckte es herunter, atmete hörbar aus, dann sagte er gepresst: „Okay, Mister, okay, aber ich habe mit dieser Sache nichts zu tun. Was ich mit Paine zu tun habe, geht Sie nichts an. Natürlich werden Sie sich hinter die Kerle von der hiesigen Polizei klemmen, aber die müssen mir es erst beweisen. Ich weiß Bescheid. Das aber, was Sie wollen, das ist nicht mein Geschäft. Wenn Sie so viel wissen, müssten Sie auch das wissen. Ich habe mit Paine zu tun, nicht mit Jewey!“

„Paine wird nicht kommen, fürchte ich. Vielleicht kommt Jewey selbst?“, erwiderte Le Beau.

Er hörte ein Auto vor dem Hause halten. Sollte das der ehrenwerte Mister Paine sein?

„Sehen Sie nach, wer es ist, Haming, und denken Sie an die zehn Jahre, die es für die Beihilfe geben kann.“

Haming trat ans Fenster. „Verdammt, das ist wirklich Jewey.“

 

 

6

Le Beau trat neben Haming und blickte hinaus. Draußen parkte hinter Le Beaus Wagen ein funkelnagelneuer Chrysler, rot wie das Tuch eines Toreros. Das aber interessierte Le Beau nicht so sehr wie der Schmutz an den Weißwandreifen, der Staub an den Kotflügeln und der hinteren Stoßstange. Er hätte wetten mögen, dass es diesen weißen Staub nicht an allen Ecken gab. Aber auf dem Weg zu Fairburys Landhaus lag er. Und dort waren ja auch die vermaledeiten Schlaglöcher, die noch immer vom letzten Regen her mit Pfützen gefüllt waren. Das spritzte dann eine kalkige Brühe gegen den Wagen. Und der Chrysler war damit bespritzt. Interessant waren vor allem die Reifen. Das gleiche Profil wie auf den Gipsabdrücken.

Der Mann, der ausgestiegen war und eine Reißverschlusstasche unter den Arm klemmte, kam Le Beau sofort bekannt vor, trotz einiger Veränderungen. Damals hatte er keine grauen Haare, kein so verwittertes Gesicht und noch eine etwas altmodischere Brille gehabt. Nun damals, das war vor vier Jahren.

Er war klein, schmal, aber recht beweglich, das war Charles Withney auch vor vier Jahren schon. Charles Withney also nannte sich jetzt Jewey. Vor vier Jahren lernte ihn Le Beau kennen, als er einen Sprachkursus in Russisch absolvierte. Er und seine drei Freunde wurden von einem Dolmetscher unterrichtet. Und der Dozent hieß Charles Withney. Wie klein war doch diese Welt. Hier traf er Withney als Jewey wieder. Merkwürdig, wie der Zufall spielte.

Es läutete wieder auf so originelle Weise. „Machen Sie auf, Haming“, sagte Le Beau und folgte ihm zur Haustür.

Er brummte etwas, ging aber rasch zur Tür und öffnete sie.

„Hallo, alter Junge, ich bin diesmal selbst … Wer ist das?“ Jewey alias Withney blickte überrascht an Hamings Riesengestalt vorbei auf Michel.

„Kommen Sie herein, Jewey!“, sagte Le Beau so klar, dass ein Widerspruch die offene Kampfansage gewesen wäre.

„Aber, Haming, was soll …“

Haming sagte nichts. Er schielte nur über die Schulter zu Le Beau herab und schüttelte dann resignierend den Kopf.

„Vorwärts, Jewey, herein mit Ihnen!“, befahl Le Beau.

Jewey schien zu überlegen, ob eine Flucht Sinn hatte, doch dann kam er, Michel ließ ihn an sich vorbei und rief Haming zu: „Ins Zimmer zurück! Leisten Sie sich keine Schwachheiten, es bringt nur Ärger!“

Sie waren sich offenbar noch nicht schlüssig, was sie tun könnten. Le Beau hörte, wie Haming raunte: „Der Bursche ist von der Staatspolizei.“ Und daraufhin wurde der grauhaarige, kleine Jewey blass.

Er musterte Le Beau forschend. Sicherlich kam er ihm auch bekannt vor, er schien nur noch nicht zu wissen, wo er Le Beau schon gesehen hatte.

„Bitte hinsetzen!“, sagte Michel und blieb mit dem Rücken zur Tür stehen.

„Mister Withney, so heißen Sie doch in Wirklichkeit, nicht wahr?“

Ein Ausdruck des Erkennens ging über sein Gesicht. Er lächelte und hatte sich offenbar wieder gefangen. „Ja. Sie sind einer von denen, die bei mir Russisch gelernt haben.“

„Erraten. Aber ich glaube nicht, dass ich Sie deshalb getroffen habe, Withney.“

Withney gewann sein Selbstbewusstsein und seine Ruhe zurück. „Sicher nicht“, sagte er lächelnd. „Es ist dennoch ein toller Zufall.“ Er wollte gerade ausholen, wie toll seiner Meinung nach dieser Zufall war, aber Le Beau hatte jetzt wesentlich andere Sorgen.

„Sie waren heute morgen in Fairburys Landhaus, stimmt doch, wie?“

Withney sah Le Beau an, und auch bei ihm entdeckte er dieses Flackern in den Augen, das auch Haming schon verraten hatte. „Fairbury? Wer ist das?“

Le Beau brauchte nur Haming anzusehen, da wusste er alles. Sogar Haming war über diese plumpe Antwort erschrocken.

„Gut, wenn Sie also anders wollen, Withney, dann würde ich sagen, wir beide fahren einmal zur hiesigen Polizei. Dort spricht es sich gemütlicher, schätze ich.“

„Was, zum Teufel, soll das heißen?“

„Haben Sie heute morgen diesen Wagen gefahren, den Chrysler?“

Er sah Le Beau entrüstet an. „Nein, ich bin erst vor einer Stunde damit losgefahren.“

„Und wer fuhr ihn zuvor?“

„Paine!“ Er bemerkte zu spät, dass er etwas verraten hatte.

„Okay, beruhigen Sie sich, Withney, ich weiß bereits von Paine.“

Le Beau hatte nur einen Augenblick lang nicht auf den Makler Haming geachtet. Und das hatte der gut genutzt! Als Le Beau sich ihm wieder zuwandte, hatte er den Sessel schon in der Hand und stieß ihn mit dem Schwung eines Flugzeugkatapultes auf Michel zu. Der sprang zur Seite, da hatte auch Withney die Chance begriffen. Er fiel Le Beau an.

Während Le Beau ihn mit beiden Händen packte und über sich schleuderte, hatte Haming seinen FN-Revolver aus der Schreibtischschublade herausgeholt.

Le Beau sprang mit einem weiten Satz zur Seite, prallte an die Tür und riss seine Police Special aus der Tasche.

Haming schoss, verfehlte Michel um eine Handbreite, dann krachte die Smith & Wesson. Bewusst schoss Le Beau auf Hamings Bein. Er wollte aber gerade zur Seite ausweichen und bückte sich dabei. Der Schuss traf ihn ins Gesäß. Er schrie auf, wirbelte herum, noch immer die FN in der Hand. Bevor er schießen konnte, sprang Withney wieder Le Beau von der Seite an. Trotzdem feuerte Haming noch, er hatte es offenbar nicht mehr stoppen können. Sein Schuss schlug Withney ins Handgelenk. Der ließ sofort von Le Beau ab, ließ sich auf die Knie fallen und hielt mit der gesunden Linken das rechte Handgelenk umfasst.

Wieder feuerte Haming, aber diesmal wesentlich gefährlicher. Er fetzte Michel die Jacke am linken Ärmelansatz auf, und dann schoss Le Beau.

Es traf Haming genau am Zeigefinger, der den Abzug bediente. Haming drückte prompt ab, aber sein Schuss schlug weit von Le Beau entfernt in die Wand. Dann verlor er die Waffe, bückte sich, um sie mit der gesunden Hand aufzuheben, aber da war Le Beau schon bei ihm, schlug zu, und Haming stürzte rücklings mit der ganzen Wucht seines Schwergewichtes über den Schreibtisch. Dabei berührte er die Gesäßverletzung und brüllte furchtbar.

Details

Seiten
127
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938340
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538216
Schlagworte
baron einschreiben

Autor

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Titel: Der Baron #17: Den Tod per Einschreiben