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Der Witwenmacher

2020 109 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Witwenmacher

Copyright

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Der Witwenmacher

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Ein Fremder, der sich Jerome nennt, schießt mit seinem abgesägten Drilling skrupellos auf die Menschen, die ihm im Weg sind: Siedler, Indianer und auf einen Stationer …

Was der Gnadenlose in der Gegend von Prescott will, können das Halbblut Chaco, der als Town Marshal eingesetzt ist, und der Sicherheitsagent der Wells-Fargo-Company Carringo nur ahnen. Es geht um die unrechtmäßige Aneignung von Land. Als ein zwielichtiger Advokat in Prescott auftaucht, der Claims eintragen lassen will, scheint die Sache klar – zumal den beiden Halunken jedes Mittel recht ist ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der Reiter zog sich den alten, steifen Hut tief in die Stirn und beobachtete von der flachen Hügelkuppe aus das unwirtliche Land zu seinen Füßen. Gelbes Grammagras, dürre trockene Büsche und verstaubte, graugrüne Kakteen wuchsen auf der Einöde, die von Osten nach Westen ein wasserloser Graben durchquerte.

Er brummte etwas Unverständliches, spuckte auf den Boden und gab dem Pferd die Sporen. Ohne Eile trug ihn das Tier die sanfte Halde in die Ebene hinunter.

Es war eine seltsame Gestalt, die sich da weit unten im Südwesten von Prescott durch Arizona bewegte. Vierzig Jahre mochte der Reiter ungefähr alt sein. Gekleidet war er wie ein heruntergekommener Satteltramp: die Hose fadenscheinig und ausgebeult, das alte Baumwollhemd fast farblos geworden und zerrissen, das Halstuch unter dem offen stehenden, durchgescheuerten Kragen dreckig, die Stiefel breitgetreten und mit schiefen Absätzen.

Ein Stoppelbart bedeckte das rosige Babygesicht mit den eiskalten Augen und den dünnen blonden Haaren, die unter dem brüchigen Hut hervorquollen. Der Mann war von mittlerer Größe und setzte bereits so erheblich Speck an, dass sein Bauch über die Gürtelschnalle quoll.

Um die Hüften trug er einen schweren Gürtel, an dem zwei gewaltige Lederholster hingen. In jedem davon steckte eine eigenartige Waffe, Ölspuren an den Hähnen, Abzügen und Kippverschlüssen deuteten an, dass er ihnen mehr Wert beimaß als seiner sonstigen Erscheinung.

Es handelte sich um abgesägte Drillinge, deren Kolben ebenfalls bis auf die Halsstücke fehlten, so dass sie wie schwere Reiterpistolen gepackt und gezogen werden konnten. Die drei zusammengefassten Läufe sahen dreieckig aus und konnten von einer Hand gerade noch umschlossen werden. Zwei davon waren jeweils für das Verschießen von Schrot gedacht, der dritte für Kugeln.

Am Sattelhorn des seltsamen Reiters hing eine längere Lederschlaufe und in ihr ein halbes Dutzend dünner Holzschilder, zehn Zoll hoch und doppelt so breit, an die halbyardlange Pflöcke genagelt waren. Namen standen auf den Tafeln. Nichts weiter.

Bei einer Kakteengruppe zügelte der Mann das Pferd und zog eine amtliche Regierungskarte aus der Satteltasche. Er entfaltete sie, spähte zu den Granite Mountains weit im Westen und einem auffällig hohen Hügel im Norden. In der Karte fand er die Erhebung an einer Höhenangabe, zog einen Strich nach Süden und von den Granite Mountains einen nach Osten. Gestrichelt lag ein Raster über dem ganzen Gebiet, in dem sich die Familiennamen wiederfanden, die auf den Schildern in der Schlaufe am Sattelhorn standen,

„Roscoe“, stand in dem kleinen Quadrat, in dem sich die beiden Linien kreuzten. Der Reiter saß ab, zog die entsprechende Tafel aus der Schlaufe und steckte ihren Pfahl so tief in den Boden, dass er nicht Umfallen konnte, wenn ihn ein Windstoß traf.

Der seltsame Mann saß auf und setzte seinen Weg fort.

 

 

2

Jack Quarry war ein stämmiger, stiernackiger Mann, gerade fünfunddreißig Jahre alt und voller Tatendrang. Er hielt die Ochsen vor dem Planwagen an und schaute aus leuchtenden Augen auf seine junge Frau Pat, die hinten unter der Plane auf den alten Seegrasmatratzen saß und mit Sohn Sammy die Rechenaufgaben noch einmal durchging, die sie ihm vorher selbst gestellt hatte.

„Warum halten wir?“, fragte Pat. Sie war mittelgroß, kräftig und ein bisschen mollig. Sie hatte ein rundliches, sehr helles Gesicht und braune Locken.

Auch der neunjährige Sammy hob das Sommersprossen-Gesicht, blickte den Vater fragend an und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das wirre braune Haar.

Jack Quarry lächelte nur.

Der Präriewind strich um den Planwagen, bewegte den derben, grauen Stoff und weckte an den Reifen, Speichen, Achsen, den Bodenbrettern, Rungen und Spriegeln eine so vielfältige Melodie, dass es klang, als spiele ein ganzes Flötenorchester auf.

„Wir sind da“, sagte Sammy.

„Wirklich?“ Pats Augen begannen wie neu am Firmament erschienene Sterne zu strahlen. „Ist es wahr?“

„Ja, wir sind da.“ Jack breitete die Karte noch einmal neben sich auf dem Bock aus und verglich ihren Standort mit einigen markanten Punkten in der Nähe, vor allem mit der Krümmung des Creeks, neben dem sein Wagen stand und hinter dem der Hügel aufragte. „Es kann nur hier sein.“

Sammy jubelte, kletterte hinten aus dem Wagen, lief zum Creek, sprang zur anderen Seite hinüber und rannte den Hügel hinauf.

Jack kletterte über das Rad hinunter und hob Pat vom Wagen. „Merkst du es Pat?“

„Was?“

„Die Luft ist hier klarer als in den Städten hinter dem Mississippi. Und der Wind trägt keinen Schmutz heran.“

„Ja, man merkt es.“ Die junge Frau richtete das Gesicht gegen den lauen Wind.

Sammy stürmte die Hügelflanke hinauf und wieder hinunter.

„Dort oben ist der Boden lockerer als hier unten.“ Jack Quarry stemmte die Fäuste in die Hüften. „Dort werden wir Kartoffeln anpflanzen. Hier unten den Mais, Weizen und Hafer für das Vieh.“

Sie sahen sehr zufrieden aus. Jack krempelte die Ärmel des verwaschenen Leinenhemds auf, straffte die Hosenträger darüber, ging hinter den Prärieschoner und nahm den Vorschlaghammer und ein paar kräftige Pfähle heraus, um die vier Ecken der Parzelle zu markieren, auf der seine Farm entstehen sollte.

Einhundertsechzig Acres Land würden ihm gehören, wenn er sie bebauen und wenigstens sechs Monate lang gegen die Wildnis mit allen ihren Gefahren und Widerwärtigkeiten verteidigen konnte. Und Jack Quarry war fest entschlossen, diesen Kampf gegen die Wildnis und ihre Bewohner aufzunehmen und siegreich durchzustehen.

Er schritt am Ufer des Creeks entlang nach Norden und rammte den ersten Pfahl dort in den Boden, wo die Hügelflanke auslief. Es schien ihm, als würde die Erde unter den Schaftstiefeln federn. Karg und hart war diese Scholle, über die zehntausend Jahre lang nur die Hufe der Büffel gegangen waren. Schon morgen wollte er den Pflug abladen, die Ochsen anspannen und die ersten Furchen umlegen.

Aus den wenigen Grassoden gedachte er die Wände des künftigen Hauses zu errichten, für das er auch das von der Regierung geforderte Fenster und die Tür auf seinem Wagen mitführte. Alles sollte seine Ordnung haben, wenn in einem halben Jahr der Landabnehmer der Regierung erschien und die endgültige Eintragung ins Grundbuch vornahm.

Mit wuchtigen Schlägen trieb er den Pfahl zehn Zoll tief ins Erdreich, dann kehrte er dahin zurück, wo der Wagen am Creek stand.

Pat strahlte nicht mehr. Sie schaute nach Osten und griff nach Jacks Arm. Er wandte sich um und sah einen Reiter, der da oben hielt und sie offenbar beobachtete.

„Ist er schon lange dort?“

„Ich sah ihn eben erst. Sammy, komm her!“

Der Junge kehrte zu seinen Eltern zurück.

„Es ist völlig normal, dass mal ein Fremder hier auftaucht, Pat. Das muss dich doch nicht ängstigen.“ Der Mann schob den schweren Hammer und die Pfähle hinten in den Wagen.

„Er sieht gefährlich aus, Jack“, flüsterte die Frau, als wäre sie in Sorge, der Reiter könne ihre Worte verstehen.

„Das haben die Männer der Wildnis so an sich, Pat. Sie begegnen vielen Gefahren.“ Obwohl sich der Mann Mühe gab, die Angst der Frau zu zerstreuen, erschien ihm der Reiter mit dem steifen Hut und der zerfledderten Kleidung selbst nicht geheuer.

In diesem Augenblick trieb der Mann sein Pferd an, ritt aber nicht auf den Planwagen zu, sondern zum nördlichen Ende des Hügels, wo der Pfahl Quarrys im Boden steckte. Im Trab erreichte der Reiter das Holz, riss sein Pferd hart zurück und trat solange gegen den Pfahl, bis er abbrach und ins Gras fiel.

„Was tut er denn?“, rief Sammy.

„Sei still!“, mahnte die Frau und zog das Kind an sich, als müsse es beschützt werden.

Der Reiter näherte sich ohne Eile.

Jack zog die Frau und den Jungen mit sich am Wagen nach vorn, griff zum Bock hinauf und nahm seine Sharps 52 vom Bodenbrett.

Drüben, auf der anderen Creekseite, zügelte der verwahrloste Kerl das Pferd. Er grinste böse und stellte sich in den Steigbügeln auf, so dass Jack Quarry die schweren, beidseits abgesägten Waffen in den Holstern sehen musste.

„Was wollen Sie?“, fragte die Frau. „Warum zerbrechen Sie unseren Pfahl?“

„Ihr solltet lieber erklären, warum ihr hier Pfähle in den Boden treibt, Leute!“, gab der Reiter höhnisch zurück.

„Ich bin Jack Quarry!“ Der Siedler trat vor seine Frau und den Jungen. „Und ich stecke eine Farm ab.“

„Hier?“ Die Augen des Fremden blitzten.

„Ja, hier. Pat, zeig ihm die Karte!“

Die Frau holte die Karte und hielt sie so, dass der Reiter darauf schauen konnte. Sie deutete auf das Kreuz, das Jack schon in Omaha, bevor sie über den Fluss gingen, darauf markiert hatte.

„Ihr seid ja verrückt. Das hier gehört Jerome. Und Jerome bin ich!“ Der Mann tippte gegen seine Brust.

„Sie müssen sich irren, Mister Jerome.“ Jack bemühte sich noch um einen verbindlichen Ton. „Ich habe die Windungen des Creeks genau gezählt. Zwei Meilen östlich von hier schlägt er den großen Bogen nach Westen. Wir sind nicht falsch. Sehen Sie doch selbst.“ Er zeigte den Verlauf des Creeks auf der Karte.

Aber Jerome interessierte das nicht. „Du bist wohl taub, Strohkopf, was? Hier wird es keine kleinen Parzellen, sondern eine große Ranch geben. Hier ist kein Strohkopfland!“

„Mister, im Landbüro in Omajia wurde uns extra bestätigt, dass hier keine große Ranch vergeben wird. Es ist alles Siedlungsland. Wir wären niemals in eine Gegend gefahren, in der jemand Rinder im großen Stil züchten will. Jedes Kind weiß doch, was das für die Farmer bedeutet.“

„So, das wisst ihr.“ Jerome lachte schallend. „Na, dann ist ja alles in Ordnung. Steigt auf und haut ab!“

„Mein Gott“, flüsterte die Frau. „Vielleicht kann man das Land tatsächlich kein halbes Jahr lang gegen die Wildnis und die Menschen hier draußen verteidigen.“

Jerome stieg ab, nahm eine Tafel mit seinem Namen darauf aus der Schlinge am Sattelhorn, entfernte sich ein paar Schritte und steckte den angespitzten Stiel in den Boden.

„Nein, nein!“, stieß Quarry hervor und griff den Kerl an. Er holte mit der Sharps aus. Doch bevor er zuschlagen konnte, hielt der Fremde eine seiner mörderischen Faustfeuerwaffen in der Hand.

Quarry sah die drei zusammengefassten Mündungen auf sein Gesicht gerichtet. Kalt lief es ihm über den Rücken. Niemals zuvor war er in einer ähnlichen Situation gewesen, und er hatte es für pure Übertreibung gehalten, wenn Prärieläufer in den Städten des Ostens berichteten, wie gnadenlos es bisweilen hier draußen zuging und dass es nicht nur Indianer wären, die sich wie Wilde benahmen.

„Leg das Gewehr erst mal weg, dann reden wir weiter!“, befahl Jerome. Er winkte mit seiner fürchterlichen Waffe und zeigte ein derart gefährliches Grinsen, dass Jack zurücktrat und das Gewehr über die hintere Bordwand des Wagens schob.

„Na also.“ Jerome steckte das mörderische Schießeisen in das Holster an seinem Gürtel. „Und jetzt steigt ihr schön brav auf eure Karre und seht zu, dass ihr Land gewinnt. Nehmt euch irgendwo Land für eine Farm. Arizona ist riesig groß und zum überwiegenden Teil unbewohnt. Los, haut ab!“

„Sie müssen uns nicht verstanden haben“, erwiderte die Frau schroff. „Dieses Land ist uns zugewiesen worden! Wir müssen den Boden hier umpflügen. Diesen und keinen anderen, der irgendwo liegt!“

Drohend folgte Jerome dem Siedler. „Schwing dich auf den Bock. Ein bisschen plötzlich!“ Und bevor Quarry begriff, was geschah, knallte ihm der gewalttätige Fremde die Faust ins Gesicht.

Jack taumelte gegen den Wagen.

„He, Mister, lassen Sie meinen Vater in Ruhe!“ Sammy riss sich von der Hand seiner Mutter los und warf sich Jerome entgegen.

Der Kerl lachte scheppernd und versetzte dem Jungen einen Tritt, der ihn zu Boden schleuderte.

„Ihr habt ja Haare auf den Zähnen“, staunte Jerome mit angriffslustig blitzenden Augen.

Der Farmer griff ihn an, lief aber erneut in die Faust des anderen und flog bis unter den Wagen.

Die Frau zog den weinenden Jungen vom Boden hoch und an sich.

Jack kroch zwischen Vorder- und Hinterrad unter dem Wagen hervor, griff nach der Felge des hinteren Rades und richtete sich ächzend daran auf.

„Verschwinde!“, herrschte Jerome ihn an. „Fahrt nach Westen und versucht es dort!“

Wieder quälte sich der Siedler hoch. Jerome stieß ihn zum Wagen zurück. Er prallte hinten gegen die Bordwand, griff hinein und hielt die Sharps 52 in den Händen.

„Es ist unser Land!“ Quarry spannte den außenliegenden Hammer mit ungeübten, steifen Fingern und drehte sich langsam um. Seine Bewegungen waren eckig, so dass keine Sekunde eine Gefahr für Jerome bestand.

Der eiskalte Mann ließ ihn das Gewehr anschlagen. Dann hielt er auf einmal den rechten Drilling in der Hand und feuerte den einen Schrotlauf ab.

Der fürchterliche Knall übertönte den Angstschrei der Frau. Eine Stichflamme raste aus der mörderischen Waffe und mit ihr das gehackte Blei.

Quarry wurde aus nächster Nähe in die Brust, die Schultern und ins Gesicht getroffen. Er schrie nicht mehr, stöhnte nur noch abgerissen, verlor die Waffe und brach zusammen.

Das Krachen verklang jenseits der Hügel. Eine Schwarzpulverrauchwolke stand zwischen Jerome und dem Wagen.

Nacktes Entsetzen zeichnete das Gesicht der Frau. Sekundenlang schien sie unfähig zu einer Bewegung zu sein, dann warf sie sich über die Leiche mit dem zerfetzten Gesicht.

Der Junge brach besinnungslos zusammen.

Jerome klappte die Läufe der rauschenden Waffe ab und schob eine neue Schrotpatrone hinein.

„Lade ihn auf und hau ab!“, fuhr er die weinende Frau an. „Und vergiss den Bengel nicht.“

Pat richtete sich auf. Sie strauchelte, musste sich am Wagen festhalten und die Tränen vom Gesicht wischen. Dann bückte sie sich, wollte den toten Mann aufheben und fiel um.

„Verdammt, ihr hättet bleiben sollen, wo der Pfeffer wächst!“ Jerome schob den Drilling ins Holster, riss die wieder aufstehende Frau zurück, hob den Toten auf und warf ihn hinten in den Wagen.

Pat Quarry weinte haltlos. Jerome bugsierte sie nach vorn und schob sie auf den Bock.

Sammy kam zu sich. Jerome zerrte ihn an den braunen Haaren auf die Füße, ließ los und versetzte ihm eine Ohrfeige. „Aufsteigen, Ein bisschen dalli!“

„Steig auf, Sammy“, sagte die Frau. Tränenströme rannen über ihr Gesicht und hinterließen helle Furchen auf der Haut.

Jerome nahm die Peitsche an sich und schlug auf die Ochsen ein, bis sich die Tiere träge in Bewegung setzten. Dann warf er der Frau die Peitsche zu und blieb stehen.

Der Wagen rollte an ihm vorbei, rumpelte durch ein Loch und durchfurtete den Creek.

Jerome steckte sein Schild noch einmal fest in den Boden, dann saß er auf und ritt weiter.

 

 

3

Der Busch zwischen den Krüppelkiefern raschelte. Aus dem trockenen Geäst im Halbdunkel des Waldes schob sich der schmale Kopf seiner Antilope. Das sandfarbene Fell ließ sich im gelben Blattwerk kaum erkennen. Lediglich das geringelte Gehörn stand deutlich über dem Busch.

Jellico lag neben mir hundert Yards entfernt auf dem Moosteppich im Wald und gab aufgeregt Zeichen.

„Ich sehe sie“, flüsterte ich und schob die Winchester vor.

„Ist sie allein?“

Ich stieß ein warnendes Zischen aus und schüttelte den Kopf.

Die schlanke Antilope trat aus dem Busch. Da erschienen schon rund ein Dutzend weiterer Tiere, die auf dem Wildwechsel zur Tränke den Wald durchquerten. Das Rudel tauchte westlich unter.

„Sie sind alle männlich“, sagte Jellico.

„Was?“ Ich schaute ihn verblüfft an.

„Sie haben alle Hörner. Hast du das nicht gesehen?“

„Ach so. Nein, bei den Antilopen haben die Weibchen auch Hörner, Jellico.“

„Und warum hast du nicht geschossen?“

„Ich will dir zeigen, wie man der Fährte folgt. Komm!“

Wir standen auf und liefen zum Wildwechsel hinüber.

„Und unsere Pferde?“

„Die holen wir später, mein Junge.“ Ich zeigte die Fährte der Antilopen und überließ Jellico die Führung durch den Wald. Als der Saum der Bäume am Sonnenlicht dahinter erkennbar wurde, hielt ich den Jungen zurück.

„Langsamer jetzt, sonst hören sie uns. Der Creek liegt nicht weit hinter dem Wald.“

Jellico pirschte wie ein geborener Waldläufer weiter, schob das Dickicht mit großer Vorsicht und lautlos auseinander und näherte sich vor mir auf der Fährte dem Waldrand.

Erst von den letzten Bäumen aus sahen wir das Rudel am silbernen Band des Creeks wieder. An der Furt standen sie im drei Yards breiten Bach und soffen.

Ich ging neben Jellico in die Hocke und schlug die Winchester an. Der Junge trat aufgeregt von einem Bein aufs andere und griff mehrmals nach dem Messingschloss des Mehrladegewehrs.

„Lässt du mich schießen?“

Das Ansinnen überraschte mich wieder maßlos. Noch niemals hatte ich meinen Sohn schießen lassen.

„Lass mich schießen!“, bettelte er.

„Aber vorsichtig.“ Ich repetierte die Winchester so langsam, dass die Tiere nichts davon hören konnten, dann gab ich sie Jellico.

Ungeheurer Stolz rötete sein Wangen.

„Einmal tief durch-, dann ausatmen und abdrücken“, sagte ich.

Jellico schlug die Waffe an, tat wie geheißen und feuerte.

Das Knallen weckte im Wald ein dutzendfaches Echo. Pulverdampf zerplatzte vor der Mündung an einer Wolke. Das Rudel stob im Creek auseinander und davon. Eine Antilope schaffte es allerdings nur bis auf den Hang. Dort brach sie zusammen.

„Getroffen!“, jubelte Jellico. „Getroffen!“ Er tanzte mit dem rauchenden Gewehr herum.

Ich nahm ihm die Waffe ab, lief aus dem Wald und in die Gluthitze des Sonnenlichts.

Als ich die Antilope erreichte, war sie bereits verendet. Rasch zog ich das Messer, stach sie ab, damit sie ausbluten konnte und zog sie vom Hang hinunter.

Das Rudel jagte weit auseinandergezogen durch die karge Prärie nach Süden.

„Und jetzt?“, fragte Jellico.

„Wir holen die Pferde.“

„Aber wir müssen zur anderen Waldseite.“

„Na und? Dann reiten wir eben noch mal durch den Wald.“

Gemeinsam kehrten wir ins Halbdunkel zurück und fanden unsere Pferde da, wo wir sie mit zusammengebundenen Zügeln zurückgelassen hatten.

Jellico lief voraus und rief: „Star, ich habe eine Antilope geschossen!“ Der junge Hengst schnaubte. Jellico entknotete die Zügel und schwang sich in den Sattel. „Jetzt holen wir sie. Vorwärts!“

„Langsam, Jellico“, mahnte ich. „Immer vorsichtig bleiben. Niemals unachtsam werden!“

„Es ist doch niemand in der Nähe“, entgegnete er schlagfertig. „Oder denkst du, das Rudel wäre sonst hier durchgestreift?“

Ich musste zugeben, dass er recht hatte. Jellico ritt voraus. Wir fanden die erlegte Antilope noch am Ufer des Creeks. Ich lud sie auf Fox, stieg auf und ritt zu Jellico ans andere Ufer zurück. Manuela würde sich bestimmt freuen, wenn sie mit dem zarten Fleisch unseren Speisezettel bereichern konnte.

„Wer am schnellsten ist!“, rief Jellico in seinem Übermut noch mitten im Wald und trieb Star zum Galopp an.

Der junge Hengst wieherte und stob vorwärts. Er durchbrach das Gestrüpp und flog regelrecht in das Speerholzdickicht. Fast hatte er es schon durchquert, als sein linker Vorderhuf in den verflochtenen Dornenästen auf dem Boden hängenblieb. Schrill wieherte das Pferd, das von der eigenen Bewegung weitergeschleudert wurde.

Jellico brüllte entsetzt, flog über den Pferdehals und hinaus ins Sonnenlicht. Er konnte den Sturz mit vorgestreckten Armen abmildern, überschlug sich und lag auf dem Rücken.

Der junge Hengst stürzte ebenfalls, das Speerholzdickicht barst auseinander und gab seinen Huf frei. Sofort sprang das Pferd wieder auf, humpelte und zog das verletzte Bein an den Körper.

Ich sprengte um das dornige Dickicht herum aus dem Schutz der Krüppelkiefern und rutschte bei Jellico aus dem Sattel. Er stand aber schon selbst wieder auf und hatte sich offenbar nicht verletzt. Der Schreck stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber seine Sorge galt sofort dem kläglich schnaubenden, schwankenden Pferd, das sich nur mühsam auf drei Beinen hielt.

„Gefahren lauern überall“, sagte ich. „Nicht nur, wenn Menschen oder wilde Tiere in der Nähe sind.“

Stars Bein war dicht über dem Huf aufgerissen und blutete. Eine ganze Anzahl Dornen hatte sich tief ins Fleisch gebohrt. Die meisten davon waren abgebrochen.

Jellico weinte beim Anblick seines Pferdes so fürchterlich, dass ich weitere Vorwürfe wegen seiner Unachtsamkeit unterließ.

„Hier, halte Fox fest!“

Der Junge nahm den Zügel, wischte sich mit dem anderen Arm über die Augen und musste doch wieder schluchzen.

Star blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich ergriff das Kopfgeschirr und versuchte, ihm durch Zureden die Angst zu nehmen. Er stellte den Fuß in den Sand, zuckte zusammen und wurde von einem Beben geschüttelt, das seinen ganzen Körper durchlief.

„Ich wollte das nicht!“, jammerte Jellico.

„Na los, Star, versuchen wir es!“ Mit sanfter Gewalt zog ich den jungen Hengst, so dass er gezwungen wurde, sein Körpergewicht auf das verletzte Bein zu verlagern. Aber sofort wollte er zurück und zog das Bein wieder an den Körper.

„Können wir ihm die Stacheln nicht herausziehen?“

„Nein, Jellico.“

„Warum nicht?“

„Er würde nach uns treten. Und zwar mit aller Kraft. Das müssten mehrere kräftige Männer versuchen. Und nach Möglichkeit sollte er dazu festgeschnallt werden.“

„Aber wenn wir mit ihm reden. Vielleicht versteht er es.“

Ich musste müde lächeln.

„Star, du musst laufen“, sagte Jellico drängend zu seinem Pferd. „Wir müssen nach Prescott zurück, wo kräftige Männer sind, die dich festhalten. Aber wer zieht ihm die Dornen heraus?“

„Wenn wir Glück haben, Doc Walter.“

„Wieso, wenn wir Glück haben?“

„Er ist kein Tierarzt und muss es nicht tun, Söhnchen. Er braucht nicht zu riskieren, durch einen Huftritt mit Bein oder Rippenbruch im Bett zu landen.“

„Star, geh doch weiter“, bettelte der Junge. „Wir müssen nach Prescott und den Arzt bitten, dass er dir hilft.“ Ich verstärkte den Zug wieder, und abermals versuchte der junge Hengst, sein Gewicht auf das verletzte Bein zu verlagern. Diesmal hielt er den Schmerz aus. Aber nach ein paar Yards stand er wieder mit bockend vorgestellten Beinen und wollte den Huf an den Körper ziehen.

Ich seufzte. Und ich merkte, wie Jellico mich bange ansah. Er wusste, was mit Pferden geschah, die zum Weitergehen nicht veranlasst werden konnten. Und nun befürchtete er für seinen Star das Schlimmste. Ich erwog, es doch zu versuchen, dem Tier zu helfen. Wenigstens durch eine notdürftige Bandage, die die Blutung stoppte. Aber ich war auch in Sorge, dass er im Schmerz auskeilte und mich unglücklich traf.

Fox wurde von dem jungen Hengst allmählich angesteckt und zunehmend unruhiger. Er schnaubte ständig. Schaum stand ihm vor den Lefzen. Und seine Augen nahmen an Größe immer mehr zu.

„Führe ihn ein paar Yards zur Seite, sonst dreht er noch durch“, riet ich.

Jellico gehorchte. Tatsächlich beruhigte sich Fox durch die größere Entfernung.

Ich wollte es doch riskieren. Eine Bandage würde Star vielleicht auch das Auftreten erträglich werden lassen. In Jellicos Satteltasche fand ich ein Handtuch, das mir ganz gut geeignet erschien. Ich beruhigte den jungen Hengst wieder, ging neben ihm in die Hocke und legte das Handtuch vorsichtig um das verletzte Gelenk. Star schnaubte und zuckte mit dem Bein, ließ es aber geschehen. Erst als ich die Bandage festzog, riss er den Huf jäh gegen den Leib.

Ich warf mich sofort zurück und entging knapp der zweiten Schmerzbewegung des Tieres. Der Huf trat ins Leere. Star schnaubte und beruhigte sich.

Ich erhob mich, streichelte das Tier, redete auf ihn wie auf ein krankes Kind ein und versuchte es noch einmal. Diesmal gelang es, die Bandage soweit festzuziehen, dass sie für eine Weile halten musste. Allerdings konnte ich das Ende nur oben hinter den Verband stopfen. Jellico führte zwar auch noch ein paar Stricke in der Satteltasche mit sich, aber die würde Star sich nicht ums Bein binden lassen, das hielt ich für ausgeschlossen.

Aufatmend ergriff ich den Zügel und versuchte, das Pferd zum Gehen zu bewegen. Es blieb ein mühseliges Unterfangen, Aber immerhin, Star gehorchte. Und ganz allmählich entfernten wir uns vom Saum des Waldes.

Jellico beobachtete mich unausgesetzt. Jedes Mal, wenn ich stehenblieb, nach der Bandage sah und den jungen Hengst beruhigte, presste der Junge die Lippen fest aufeinander. Er rechnete noch immer damit, dass ich aufgab, den Revolver zog und der Sache ein Ende bereitete.

Nach einer halben Stunde wurde unverkennbar, dass Star stärker als vorher lahmte.

„Wir werden immer langsamer, Sohn.“

„Davon merke ich nichts“, widersprach er sofort.

„Du bist auch nicht der Meinung, dass Star jetzt stärker lahmt als vorher?“

„Nein.“

„Natürlich nicht. Aber beobachte ihn weiter. Vielleicht fällt es dir doch noch auf.“ Ich wollte vor allem, dass er sich über die Lage klar war, in der wir uns meilenweit von Prescott entfernt mit dem Tier befanden. Falls die Situation nur noch den Ausweg zuließ, Star zu erschießen, musste er vorher bereits begreifen, dass es unvermeidlich war. Zugleich nahm ich mir vor, Star notfalls auch mit Gewalt zu ziehen, solange es nur ging.

 

 

4

Jerome ritt über die Hügel nach Westen. Das Gestrüpp der Büsche und Kakteen vor ihm nahm zu. An der Tränke im Tal sah er ein paar Wölfe, die bei seinem Anblick die Flucht ergriffen.

Unterhalb des Hügels hielt er, zog seine Karte zu Rate, saß ab und steckte eins der Schilder in den Boden. Er faltete die Karte zusammen, schob sie in die Satteltasche, saß auf und ritt weiter.

Jenseits der Kakteen an einem Tümpel sah er sich jäh zwei Spitzzelten gegenüber. Zwei Krieger, zwei Squaws und ein paar Kinder saßen davor in der Nachmittagssonne. Die Indianer trugen weder Federn in den langen, schwarzen Haaren noch waren ihre bronzefarbenen Oberkörper irgendwie bemalt, was auf Kriegsgelüste bei ihnen hätte hinweisen können.

Jerome zügelte das Pferd neben der letzten weitästigen Saguarokaktee und blickte aus zusammengekniffenen Augen auf die Gruppe.

„Was treibt ihr denn hier?“, herrschte er die Apachen an.

Sie erhoben sich. Nacktes Misstrauen stand in ihren Gesichtern.

Jerome blickte sich um. Durch den Tümpel erschien ihm dieser Platz zur Inbesitznahme ganz besonders geeignet. So stieg er auch ab, zog sein letztes Schild aus der Schlaufe am Sattel und steckte es neben dem Wasserloch demonstrativ in den Boden.

„Wisst ihr, was das bedeutet?“, fragte er schroff.

Sie blickten auf das beschriebene Schild und wieder auf den Mann mit den unheimlichen Waffen.

„Wisst ihr es nicht?“ Jerome grinste. „Es ist gekauftes Land. Es hat einen Besitzer. Hier kann nicht jeder einfach hergehen, das Wasser trinken und sich obendrein noch häuslich einrichten. Kapiert. Los, verschwindet!“

Er merkte, dass sie immerhin seine Sprache mühelos verstanden, und atmete auf.

„Euch bringe ich schon Flötentöne bei, wenn ihr nicht wollt“, murmelte er.

„Wir sind oft hier“, sagte der eine Indianer. „Schon seit vielen Sommern kommen wir zum Wasser.“

„So, seit vielen Sommern.“ Jerome grinste verächtlich. Unauffällig schaute er sich weiter um und versuchte, in die Zelte zu blicken. Aber außer zwei Bogen mit Pfeilen und einer alten Flinte konnte er keine Waffen entdecken.

Er trat hinter das erste Zelt und stieß mit dem Fuß die Pflöcke aus dem Sandboden, die die Büffelhaut spannten.

Die Frauen schimpften in der Sprache ihres Volkes und gestikulierten empört.

„Ihr packt sofort euren Kram zusammen und verschwindet!“ Jerome tauchte neben dem Zelt wieder bei seinem Pferd auf und legte die rechte Hand auf den abgesägten Drilling. „Und lasst euch hier nie wieder sehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das Land verkauft. Ihr dürft es nicht mehr betreten.“

Die Indianer redeten erregt miteinander.

„Sprecht so, dass ich auch etwas verstehe!“, herrschte Jerome sie an.

Der eine Krieger griff nach der Flinte im Zelt.

Jerome zog den Drilling und spannte einen Hammer. „Weg mit dem Ding, Rothaut!“

„Es ist unser Land, weißer Mann. Schon immer gehört es uns!“ Unentschlossen hielt der Krieger sein Gewehr in den Händen, aber noch zeigte die Mündung in den Sand.

„Ich habe dir doch gerade gesagt, dass nicht mehr zählt, was bisher war. Es ist verkauft! Vorwärts, packt euren Krempel zusammen und haut hier ab!“

Der Indianer wich zurück. Der andere schien nicht zu wissen, ob er nach Pfeil und Bogen greifen solle.

„Ihr seid lebensmüde, wie?“ Jeromes Grinsen wurde teuflisch. „Sagt nur, wenn euch das Fell juckt. Dem lässt sich verdammt leicht abhelfen!“

„Lasst uns weggehen!“, flehte die eine Frau. „Er hat böse Augen und will töten!“

„Wir sind jeden Sommer hier“, beharrte der Indianer mit der Flinte eigensinnig. „Wir können nicht immer weglaufen, wenn es ein Weißer verlangt.“

„Idiot.“ Ungerührt hob Jerome seine mörderische Waffe an und feuerte.

In das Donnern mischten sich die entsetzten Schreie der Frauen. Die Kinder weinten. Der Krieger wurde von der Schrotladung auf drei Yards Entfernung voll getroffen und kam nicht mehr dazu, einen Schmerzens laut von sich zu geben. Er stürzte dem anderen vor die Füße und begrub die Flinte unter sich.

Das Krachen verhallte in der Wildnis.

Die eine Frau warf sich auf die leblose Gestalt.

Jerome spannte den Hammer des zweiten Schrotlaufes. „Wird’s jetzt bald?“

Aus dem Kakteendickicht erklang das Schnauben von Pferden.

Der zweite Indianer warf sich in das Zelt und raffte ein Messer auf. Jerome sah es erst, als der Krieger damit hochfuhr und sich umdrehte. Seine Waffe entlud sich abermals. Die Ladung riss dem Apachen den Arm nach hinten. Das Messer entfiel ihm. Auch das schmutzige Kattunhemd wurde an der Schulter und der Hüfte zerfetzt, aber sonst hatte er mehr Glück als der andere und konnte sich, wenn auch schwankend, auf den Füßen halten.

Jerome spannte den Hammer des Kugellaufes. „Ich zähle bis drei. Wenn ihr dann nicht dabei seid, euren Krempel zu packen, müsst ihr zwei Leichen mitnehmen!“

Die Frauen drängten den verletzten Indianer schreiend zurück.

Jerome umging die Zelte, trat gegen sämtliche Pflöcke und dann gegen die hohen Stangen, bis die Spitzzelte zusammenfielen.

Die beiden Squaws drängten den verletzten Krieger zu den Pferden.

Jerome brauchte nicht mehr zu zählen, um sie einzuschüchtern. Er kehrte zu seinem Pferd zurück, saß auf und rief: „Ich warte zehn Minuten. Wer dann noch hier ist, wird erschossen.“

Er lenkte das Pferd nach Norden und ritt zu einem Hügel. Vorsichtshalber schaute er sich mehrmals um. Aber sie dachten nicht daran, Widerstand zu leisten.

Er ritt die Hügelflanke hinauf, stieg auf der Kuppe ab, suchte Tabak in seinen Taschen, rollte sich eine Zigarette und wartete rauchend gegen den Sattel gelehnt.

Die Apachen brauchten keine zehn Minuten, um ihre wenigen Habseligkeiten zu verladen. Sie hatten fünf Pferde, genug, um alles einschließlich des Toten zu tragen. Die beiden Frauen gingen voraus und führten die Pferde. Der verletzte Apache lag auf dem Hals des zweiten Tieres.

Jerome paffte vor sich hin und grinste höhnisch.

„Wie einfach das ist“, murmelte er.

Er wartete, bis die Indianer im Osten verschwunden waren. Dann warf er die Kippe weg, saß auf und setzte seinen Weg fort.

 

 

5

Dass uns die Nacht in der Prärie überraschen würde, war meine ärgste Befürchtung. Zum Glück bewahrheitete sie sich nicht. Die ständige Bewegung schien Stars Schmerz zu mindern. Ich vermied daher, Pausen einzulegen.

Es dämmerte, als wir Prescott erkannten.

„Wir sind da!“, rief Jellico.

„Reite voraus und sieh zu, dass du Chaco findest“, sagte ich.

Der Junge stieg auf, hielt die erlegte Antilope fest und ritt auf Fox los.

Ich folgte ihm mit gleichbleibender Geschwindigkeit, obwohl es mich drängte, schneller zu gehen. Star ließ sich ganz schön ziehen. Seine Bandage war auf der vorderen Seite völlig durchblutet und der Huf rot gefärbt.

Jellico ritt zwischen die Häuser.

Ich konnte ihn bereits nicht mehr sehen. Es dauerte aber nicht lange, dann tauchten dort Menschen auf, die mir und dem jungen Hengst entgegenschauten.

Star wurde doch wieder langsamer. Vor allem, wenn er das verletzte Bein vorsetzte, wollte er ganz verweigern.

Noch dreihundert Yards trennten mich von der Stadt, als Chaco auf einem Pferd auftauchte. Ich erkannte ihn an dem Marshalstern, den er neuerdings am verstaubten Poncho trug. Es sah schon ein bisschen eigenartig aus. Aber zum Glück akzeptierten ihn die Leute der Stadt in diesem Amt, und nur das zählte. Dass er es hundertmal besser als sein schurkischer Vorgänger ausfüllen würde, daran gab es keinen ernsthaften Zweifel.

Das Halbblut mit dem zernarbten, dunklen Gesicht ritt im Galopp heran.

Ich zog Star weiter und redete immer noch auf ihn wie auf ein krankes Kind ein.

Chaco ritt einen kleinen Bogen und an meine Seite. „Jellico ist zu Manuela weiter. Vielleicht kann sie den Doc holen.“

„Fedor müsste in der Stadt sein“, erwiderte ich. „Der wüsste genau, was zu tun ist.“

Chaco blickte auf den bandagierten Fuß des jungen Hengstes, sprang aus dem Sattel und nahm mir den Zügel ab. „Gib mal her, du ziehst dir ja bald den Arm aus der Schulter.

„Nicht stehenbleiben. Der kann sich sperren wie ein Maultier.“ Ich trat zur Seite und überließ es dem Freund, den Hengst auf der Overlandstraße weiter in Richtung Stadt zu ziehen.

Und Chaco schaffte es tatsächlich. Ich konnte sogar auf sein Pferd steigen und nebenherreiten.

Am Stadtrand standen mehrere Dutzend Menschen, als wir einzogen. Von allen Seiten schwirrten Fragen auf mich ein.

„Er hat sich verletzt“, sagte ich. „In einem Speerdorndickicht.“

„Ach du meine Güte, was kann man denn da tun?“, rief eine Frau, „es ist doch ein so junges Pferd!“

Wir zogen durch ein Spalier, das bis zur Plaza reichte. Henry Duncan, der Agenturleiter der Wells Fargo, stand auch vor seiner Station und wusste offenbar bereits Bescheid. Er nickte mir zu und sagte: „Da habt ihr aber Glück gehabt, es geschafft zu haben. Wenn so ein Gaul stehenbleibt, kannst du ihn vergessen!“

Ich nickte und ritt weiter.

In unserer Straße standen noch mehr Menschen. Dicht an dicht drängten sie sich rechts und links. Wir wurden mit Ratschlägen eingedeckt, dass man ein Buch über gutgemeinte Empfehlungen darüber hätte schreiben können.

Manuela eilte mit Doc Walter über die Straße. Der Arzt trug seine Instrumententasche bei sich. Ich war sehr erleichtert über diesen Anblick und atmete tief durch.

Jellico öffnete das Hoftor, als sollte ein Wagen hineinfahren. Fox schien er bereits in unseren Stall gebracht zu haben.

Ich ritt zur Seite und ließ Chaco vorbei. Er hing am Zügel, als hätte er einen schwerbeladenen Handkarren oder einen Esel zu ziehen, der lieber die entgegengesetzte Richtung einschlagen wollte.

Doc Walter und Manuela blieben neben mir stehen. Meine Frau hatte gerötete Wangen und sagte: „Ich dachte schon, es wäre etwas noch Schlimmeres passiert, weil ihr solange ausgeblieben seid.“

„Schlimm genug“, erwiderte ich.

„Inzwischen ist mir das Essen angebrannt“, sprach Manuela weiter. „Na ja, das ist nicht so schlimm.“

Der Arzt schaute Chaco und dem jungen Hengst nach. „Sie wissen, dass ich kein Viehdoktor bin, Carringo!“

„Ja, Doc, ich weiß.“

„Die Leute haben das nicht gern. Viehärzte stehen in dem Ruf, Grobschlächter zu sein, weil sie ihre Patienten meistens mit dem Revolver von den Schmerzen befreien.“

Ich nickte.

„Ein Kranker stellt sich dann vor, ebenfalls mit Hammer und Meißel behandelt zu werden.“

„Mir wäre sehr daran gelegen, wenn Sie Jellicos Pferd erhalten könnten“, sagte ich. „Wahrscheinlich genügt es, ihm die Dornen aus dem Bein zu ziehen.“

„Das sagen Sie so hin. Bringen Sie mal einen Gaul dazu, sich was aus dem Bein ziehen zu lassen, was weh tut.“ Doc Walter ging an mir vorbei in den Hof.

Chaco hatte den Hengst inzwischen in den Stall gezerrt. Ich folgte dem Arzt. Manuela schloss das Tor. Zu unserem Glück blieben die Neugierigen auf der Straße. Da es letztlich nur um ein Pferd ging, erlahmte ihr Interesse bereits.

Im Stall näherte sich Doc Walter nur vorsichtig dem Hengst. Star war in Schweiß gebadet, der Schaum lief ihm von den Lippen und in seinen Augen stand nacktes Grauen. Den Huf hatte er ein wenig angezogen. So lehnte er zitternd an der Trennwand, hinter der sich Fox befand, der auch immer nervöser wurde.

„Sieht nicht gut aus“, sagte der Arzt, nachdem er mit weit ausgestreckten Arm meine Bandage entfernt hatte. „Gar nicht gut. Gefällt mir nicht.“

„Sie können ihm bestimmt helfen, Doc“, rief Jellico.

Ich schob ihn aus dem Stall. „Du gehst zu Manuela und bleibst bei ihr.“

Er zog ungern ab, aber ich blieb hart, drehte mich um, schloss die Tür und brannte zwei Sturmlaternen an.

„Wir müssen das Pferd festschnallen“, sagte der Arzt. „Am besten wäre, wir brächten es dazu, sich ins Stroh zu legen.“

„Aussichtslos“, erwiderte Chaco sofort. „Das käme bei ihm einer totalen Kapitulation gleich. Aufgabe des eigenen Lebens.“

„Also binden wir ihn an die Wand. Und um das Bein eine Lassoschlinge, damit wir es hochziehen können. Am besten da über den Balken.“ Doc Walter zeigte über unsere Köpfe.

Wir gingen widerspruchslos daran, die Anweisungen durchzuführen. Ich legte Star eine Schlinge unter dem Knie ums Bein, die er sich sogar straffziehen ließ, ohne auszuschlagen. Chaco band den Hengst an den Brettern der Trennwand fest. Dazu musste er auf die andere Seite gehen. Ich warf das Lassoende über den Dachbalken und zog es so weit nach unten, dass es straff gespannt war. Chaco trat herüber.

„Ich glaube, wenn Sie jetzt anziehen, kann er nichts mehr tun“, meinte der Doktor. „Oder?“

„Er könnte noch ausschlagen, Umfallen und die Wand mit umreißen“, sagte Chaco. „Wir sollten ihm hinten die Beine zusammenbinden. Dann ist er wirklich ziemlich machtlos. Wüten wird er aber trotzdem.“

„Gut.“

Chaco holte ein zweites Lasso und band dem Pferd eine große Schlinge hinten um die Beine. Er warf das Lassoende erst über den Balken, bevor er es mit einem Ruck zusammenzog und nach oben straffte. Ich zog in derselben Sekunde nach.

Das Pferd wieherte und bewegte sich so heftig, dass die Trennwand wackelte. Fox wurde wild und knallte mit den Hufen gegen die Bretter. „Fox, Schluss!“, befahl ich scharf. Beide Pferde wurden ruhiger, weil zunächst nichts weiter geschah.

Doc Walter sah ziemlich bleich und angegriffen aus. „Ich muss ihm erst mal eine gehörige Dosis Laudanum zur Beruhigung verabreichen. Man müsste es mit Zucker vermischen, damit er es auch schluckt.“

„Moment.“ Ich verließ den Stall. Jellico stand hinten am Haus und schaute herüber.

„Hol ein bisschen Zucker, Jellico!“ Ich kehrte in den Stall zurück und wartete mit den beiden anderen, bis der Junge erschien und eine Tüte Zucker brachte.

„Kann ich nicht doch hierbleiben.“

„Stell dich an die Tür und beweg dich nicht“, befahl Chaco im amtlichen Ton, der ihm als Stadtmarshal ja zustand.

Ich schüttete mir Zucker auf die Hand. Doc Walter gab Laudanum dazu, und ich hielt es dem Hengst hin.

Star zierte sich erst, schnüffelte lautstark, leckte mir das Gemisch dann jedoch von der Hand.

„So, jetzt warten wir eine Weile, bis das Zeug wirkt“, schlug Doc Walter vor.

Jellico trat an der Tür von einem Bein aufs andere, steckte die Hände in die Hosentaschen, zog sie heraus und schob sie wieder hinein.

Der Arzt ging in die Hocke und betrachtete die Verletzung. „Wenn es Gäule an den Beinen haben, ist es immer schlimm. Überhaupt müsste man einem Tier beibringen können, ein paar Wochen ganz ruhig im Stroh zu liegen. Mehr als die Hälfte aller Notschlachtungen würden dadurch unterbleiben.“

„Star wird nicht geschlachtet!“, erklärte Jellico plötzlich.

„He, Doc!“ Chaco schüttelte verweisend den Kopf.

Details

Seiten
109
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938333
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538215
Schlagworte
witwenmacher

Autor

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Titel: Der Witwenmacher