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Denn Florian ist auch mein Kind

2020 100 Seiten

Leseprobe

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Denn Florian ist auch mein Kind

Copyright

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Denn Florian ist auch mein Kind

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Erfolg, Karriere, Familie, Mutterglück - Martina Weber ist sicher, dass sie all das bestens miteinander kombinieren kann, sie muss nur richtig organisieren. Doch - kann man Kinder organisieren, Krankheiten planen? Nein, das ist einfach unmöglich, versucht ihr Dr. Härtling klarzumachen. Aber Martina will nicht auf den erfahrenen Arzt hören, sie gibt nicht auf, und ihr Karriereweg führt steil nach oben. Auf der Strecke bleiben ihre glückliche Ehe, ihr Mann Thomas und der kleine Florian. Und dann, eines Tages, ist Thomas verschwunden. Florian hat nun nicht mal mehr einen Vati, der sich um ihn kümmert ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Dana Härtling sah auf ihre moderne Armbanduhr.

„Himmel, so spät ist es schon?“, rief die Achtzehnjährige erschrocken aus. „Wenn ihr zu Besuch seid, vergeht die Zeit immer besonders schnell.“

„Das ist ein Kompliment, das wir dankend annehmen, Schätzchen“, sagte Beatrix Lassow, Dr. Sören Härtlings Schwester, lächelnd. Sie wandte sich an ihren Mann. „Nicht wahr, Liebling?“

„O ja, unbedingt“, pflichtete der Rechtsanwalt Dr. Axel Lassow seiner attraktiven Frau bei.

Dana stand auf.

„Ihr müsst mich entschuldigen. Ich würde ja gerne noch bleiben und weiter mit euch plaudern, aber ich muss leider weg.“

„Hast du eine Verabredung?“, erkundigte sich ihre Tante Trixi.

Dana errötete ein wenig. „Nein.“

„Es ist keine Schande für ein junges Mädchen, das so umwerfend aussieht wie du, ein Rendezvous zu haben“, befand Dr. Härtlings Schwester. „Als ich in deinem Alter war ...“

„Behalt’s für dich!“, unterbrach ihr Mann sie. „Sonst werde ich heute noch eifersüchtig.“

„Ich musste doch Erfahrungen sammeln“, gab Trix schmunzelnd zurück. „Wie hätte ich sonst wissen können, dass du der richtige Mann für mich, der Beste von allen, bist?“

„Das hat sie sehr klug formuliert.“ Jana Härtling sah ihren Schwager amüsiert an. „Damit nimmt sie dir den Wind aus den Segeln.“

Sören Härtling lachte.

„Das ist meine kleine Schwester - nie um eine Antwort verlegen. Ich bin stolz auf dich, Trixi.“

„Wo sind die Wagenschlüssel, Ben?“, fragte Dana ihren Zwillingsbruder. Sie teilten sich seit ihrem achtzehnten Geburtstag einen roten Kleinwagen. Bens Miene verfinsterte sich.

„Du benutzt den Wagen in dieser Woche bereits zum vierten Mal.“

„Ich hab' jetzt keine Zeit, mit dir darüber zu diskutieren.“

„Ich finde das nicht ganz fair“, beschwerte sich Ben.

„Vorige Woche hättest du die ganze Woche unserem Hüpfer fahren können.“

„Hab’ ich aber nicht getan“, brummte Ben.

„Deine Schuld. Nun rück endlich die Schlüssel raus!“

„Ich halte das Auto in Schuss, liege oft stundenlang darunter, um uns teure Servicekosten zu ersparen - und die feine Lady benutzt die schicke Karosse nur zu diversen Ausfahrten.“

„Das stimmt nicht“, widersprach Dana ungeduldig. „Ich wasche den Kleinen jede Woche innen und außen.“

„Nun gib ihr doch endlich die Schlüssel, Ben!“, schaltete sich Jana Härtling ein.

„Ich wollte heute Abend mit Claudia ...“

„Na schön“, wusste Dana eine Lösung. „Dann nehme ich ein Taxi, und du bezahlst es.“

Ben warf ihr unwillig die Fahrzeugschlüssel zu.

„Aber das war in dieser Woche das letzte Mal, dass du das Auto bekommen hast, klar?“

„Klar, Bruderherz, klar.“ Dana eilte aus dem Wohnzimmer.

„Wohin muss sie denn so dringend?“, wollte Trix Lassow wissen.

„Zu den Webers“, antwortete Jana Härtling. „Zum Babysitten. Der kleine Florian liebt sie heiß und innig.“

„Sie kann mit Kindern gut umgehen, das ist mir schon aufgefallen“, sagte Trix Lassow.

„Das hat sie von ihrer Mutter“, erklärte Dr. Härtling und warf seiner Frau einen liebevollen Blick zu.

Dana erschien noch einmal kurz, um sich zu verabschieden. Sie knuffte Ben.

„Geh mit Claudia ins Kino! Letzte Reihe. Im Dunkeln lässt sich gut munkeln. Mindestens ebenso gut wie in einem kleinen Auto.“

„Woher weißt du das denn so genau?“, feixte Ben. „Hast du etwa schon mal einen Vergleich angestellt?“

„Man hat es mir erzählt.“ Dana wandte sich an Onkel und Tante. „Schade, dass ich nicht länger bleiben kann.“

„Wir sehen uns ein andermal, Schätzchen“, sagte Trix Lassow und hielt ihrer Nichte die Wange zum Kuss hin. „Pass gut auf den kleinen Florian auf!“

„Das tu’ ich, keine Sorge. Ich mag den Knirps. Er kann manchmal unglaublich drollig sein.“ Nachdem Dana auch Onkel Axel und ihre Eltern geküsst hatte, verließ sie das Haus. Augenblicke später heulte draußen der Motor des Kleinwagens auf.

„Sie gibt beim Anfahren immer viel zu viel Gas“, grollte Ben. Er sah dabei so leidend drein, als würde Dana nicht den Motor, sondern ihn quälen. „Ich habe ihr das schon x-mal gesagt, aber sie kann es sich einfach nicht merken.“

„Zuwenig technisches Einfühlungsvermögen“ , stellte Axel Lassow lächelnd fest. „Mit dieser Schwäche haben die meisten Frauen zu kämpfen.“

„Dennoch sind wir die besseren Autofahrer“, behauptete Trix Lassow. „Wir fahren rücksichtsvoller, bauen am Gaspedal keine Aggressionen ab, sind nicht so risikofreudig und haben dadurch wesentlich weniger Unfälle - das ist statistisch erwiesen.“

Axel Lassow tätschelte die Hand seiner Frau.

„Wenn ich dir nicht widerspreche, heißt das nicht, dass ich dir damit automatisch recht gebe, Schatz. Ich möchte lediglich ein stundenlanges, fruchtloses Streitgespräch vermeiden, denn was das Autofahren angeht, scheiden sich unsere Geister, wie allgemein bekannt ist.“

„Sind nette Leute, die Webers“, leitete Jana Härtling einen Themenwechsel ein.

„Ich habe gehört, dass es in ihrer Ehe ein wenig kriselt“, sagte Axel Lassow.

Trix machte eine wegwerfende Handbewegung.

„In jeder Ehe kann mal was vorkommen.“

Jana nickte. „Jede Ehe hat ihre Höhen und Tiefen.“

„Sogar unsere“, warf Dr. Härtling grinsend ein.

„Was läuft denn bei den Webers zur Zeit verkehrt?“, wollte Trix Lassow wissen.

„Sei nicht so neugierig“, rügte Sören Härtling seine Schwester kopfschüttelnd.

Es blitzte in Trix Lassows Augen auf.

„Ich wette, es interessiert dich genauso wie mich.“

„Vielleicht“, gab Dr. Härtling zu, „aber ich hätte nie gefragt, weil ich meine Neugier nämlich besser im Zaum halten kann.“

„Marina Weber ist sehr tüchtig“, erzählte Axel Lassow. „Sie hat einen beispiellosen Aufstieg hinter sich - von der kleinen Verkäuferin zur rechten Hand der Chefeinkäuferin der gesamten Kaufhauskette. Und damit ist ihre Karriere bestimmt noch nicht zu Ende.“

„Manchen Männern fällt es schwer, sich damit abzufinden, mit einer solchen Karrierefrau verheiratet zu sein“, meinte Trix. „Wenn die Ehefrau sie beruflich übertrumpft, fühlen sie sich minderwertig und leiden unter der eigenen Erfolglosigkeit.“

„Marina Weber wäre nicht so weit, gekommen, wenn sie ihre Arbeit nicht so ernst nehmen würde“, sagte Dr. Lassow. „Sie ist sehr ehrgeizig und verlangt sich stets das Letzte ab.“

„Kommt dabei nicht ihre Familie zu kurz?“, fragte Jana Härtling.

Axel Lassow nickte.

„Manchmal schon, und genau das ist es, was Thomas Weber seiner Frau vorwirft. Die Firma nimmt sie immer mehr in Beschlag. Sie muss nicht selten auch am Wochenende arbeiten, und dabei will Weber nicht mehr zusehen.“

„Was will er tun?“, fragte Trix. „Er kann seine Frau nicht zwingen, ihren Beruf aufzugeben.“

Ihr Mann zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht, was ihm vorschwebt, aber irgendeine Regelung werden sie finden müssen, sonst laufen sie Gefahr, mit ihrer Ehe Schiffbruch zu erleiden.“

 

 

2

Endlich würden sie mal wieder einen Abend zusammen verbringen. In letzter Zeit war das kaum noch möglich gewesen, denn Marina hatte immer zu tun gehabt. Sie war eine bildschöne blonde Frau von fünfunddreißig Jahren, hatte eine gute Figur und wusste sich sehr vorteilhaft zu kleiden. Das körperbetonte mitternachtsblaue Kleid schien eigens für sie entworfen worden zu sein. Sie trug dazu eine matt schimmernde Perlenkette und große Ohrclips. Als sie aus dem Bad kam, betrachtete Thomas sie und sagte beeindruckt: „Du siehst zauberhaft aus, Liebling.“

„Danke. Ist Dana schon da?“

„Nein, noch nicht.“ Thomas trug einen anthrazitfarbenen Anzug, seine Krawatte, ein Geschenk seiner Frau, war dezent gemustert. Er hatte dichtes dunkles Haar, das wie mit dem Lineal gescheitelt war.

„Sie hat sich noch nie verspätet“, sagte Marina nervös.

„Sie hat noch fünf Minuten“, beruhigte ihr Mann sie.

„Normalerweise ist sie immer zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit da.“

„Vielleicht ist sie in einen Stau geraten“, meinte Thomas Weber, der völlig sicher war, dass Dana Härtling sich nicht verspäten würde. „In München sind ja wieder mal die Maulwürfe unterwegs.“

„Hast du die Theaterkarten?“

„In meiner Tasche.“

„Bist du sicher?“, fragte Marina Weber.

„Natürlich.“

„Darf ich sie sehen?“

Thomas Weber zeigte seiner Frau die Karten. „Zufrieden?“

Sie lächelte. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Der fünfjährige Florian kam im bunten Kinderpyjama aus seinem Zimmer. Er war ein hübscher, quirliger Junge, der sowohl dem Vater als auch der Mutter ähnlich sah.

„Ist Dana schon da?“, wollte auch er wissen.

„Sie wird gleich hier sein“, antwortete Thomas Weber, heiß geliebtes Vorbild seines Sohnes.

Wenn man Florian fragte, wen er am liebsten hatte, sagte er, ohne nachzudenken: „Vati.“ Mutti hatte er natürlich auch sehr lieb, aber Vati nannte er immer zuerst. Zu ihm blickte er auf, bei ihm lehnte er sich an, ihm vertraute er wie keinem anderen Menschen auf der Welt.

„Du bist hoffentlich artig und folgsam, wenn Dana kommt“, sagte Marina Weber.

„Ich mag Dana. Sie erzählt mir immer so tolle Geschichten.“

„Dana hat dich auch sehr gern, aber nur, wenn du brav bist und sie nicht ärgerst“, sagte Thomas Weber.

„Ich habe sie noch nie geärgert.“

„Dann ist es ja gut.“ Der Vater strich dem Jungen liebevoll übers Haar.

„Geh jetzt ins Bett, Florian!“, sagte die Mutter.

„Vati hat gesagt, ich darf noch eine halbe Stunde aufbleiben“, protestierte der kleine Junge.

„Na schön“, gab Marina Weber nach, „wenn Vati es gesagt hat, bleibst du eben noch eine halbe Stunde auf, aber nicht länger.“

Draußen hielt ein Wagen.

„Das ist sicher Dana“, sagte Thomas Weber und tippte mit dem Zeigefinger auf das Glas seiner Armbanduhr. „Pünktlich.“ Er ging, um Dana Härtling einzulassen.

„Entschuldigung“, sagte sie, während sie eintrat. „Ich bin etwas spät dran.“

„Sie sind auf die Minute genau eingetroffen“, erwiderte Thomas Weber freundlich.

„Normalerweise bemühe ich mich, zehn Minuten vor der Zeit zu kommen, aber wir hatten Besuch von Tante Trixi und Onkel Axel, und da habe ich mich ein wenig verplaudert.“

„Dana! Dana!“ Florian lief auf sie zu.

„Hallo, mein Schatz!“ Sie breitete die Arme aus, schnappte ihn und hob ihn hoch. „Geht’s dir gut?“

„Ja. Erzählst du mir wieder eine Geschichte?“

„Klar. Welche möchtest du hören?“

„Die mit den neun Zwergen“, antwortete Florian wie aus der Pistole geschossen.

Dana lächelte die Eltern des Jungen an und erklärte: „Ich habe zwei dazu gedichtet, damit die Geschichte etwas länger wird.“

„Wir müssen gehen.“ Marina Weber holte ihr silbernes Theatertäschchen. Sie wandte sich an ihren Sohn.

„Brav sein, alles tun, was Dana sagt, verstanden?“

„Wir zwei hatten noch nie Schwierigkeiten miteinander“, versicherte Dana Härtling.

„Gib Küsschen“, verlangte Marina Weber.

Der Kleine kam ihrem Wunsch nach und schmatzte dabei laut. Auch sein geliebter Vati bekam ein Bussi von ihm, ein noch viel lauteres.

„Gute Unterhaltung“, wünschte Dana den Eheleuten.

„Danke“, sagte Thomas Weber.

„Sie brauchen sich mit dem Heimkommen nicht zu beeilen“, sagte Dana. „Wenn Sie nach der Vorstellung noch etwas trinken oder eine Kleinigkeit essen möchten, geht das in Ordnung.“

Die Webers verließen ihr Haus.

„Vati hat gesagt, ich darf noch eine halbe Stunde aufbleiben“, informierte Florian seinen Babysitter.

„Wann hat er das gesagt?“, fragte Dana schmunzelnd. „Vor einer halben Stunde?“

Sie hatte keine Mühe, den Jungen ins Bett zu kriegen. Sie versprach ihm einfach zwei Geschichten, und schon schlüpfte er unter die Decke und war ganz Ohr. Den Schluss der zweiten Geschichte bekam er allerdings nicht mehr mit, denn lange davor fielen ihm die Augen zu, und er schlief tief und fest. Dana Härtling löschte das Licht und verließ das Kinderzimmer. Im Wohnzimmer machte sie es sich vor dem Fernsehapparat bequem, zappte sich durch die Stationen und blieb schließlich bei einem Kriminalfilm hängen, der eben erst angefangen hatte und recht interessant und spannend zu werden versprach.

Während der Werbeeinschaltungen sah sie nach dem Jungen, ohne dass er es merkte. Es war alles in allem ein gemütlicher Abend, der Dana auch noch ein bisschen Geld einbringen würde. Geld, das sie benötigte, um die nächste Reise, die sie mit Freunden geplant hatte, finanzieren zu können.

Nach dem spektakulären Finale des Films schaltete Dana das TV-Gerät ab und vertiefte sich in die Lektüre eines politischen Wochenmagazins.

Da alarmierte sie plötzlich ein Geräusch. Ihr Kopf ruckte hoch, und sie hielt unwillkürlich den Atem an. Was war das eben gewesen? Dana legte das aufgeschlagene Magazin beiseite und lauschte angestrengt. Sie hörte das Ticken der antiken Standuhr, das Rauschen ihres Blutes und das kräftige Schlagen ihres Herzens. Langsam schweifte ihr Blick durch den großen Raum.

Sie hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, und Eiseskälte kroch ihr in die Glieder. Drohte ihr Gefahr? Hastig tippte sie mit der Fußspitze auf den Trittschalter der Leselampe, und es war schlagartig finster.

Da war dieses Geräusch wieder - ein Schaben, Rütteln und Kratzen.

An der Hintertür. Ich werd’ verrückt!, durchfuhr es Dana. Da will jemand einbrechen. Sie stand langsam auf und schlich vorsichtig durch den Raum. Was sollte sie tun? Wie sollte sie sich verhalten? Sollte sie überall Licht machen? Ließ sich der Einbrecher damit verscheuchen? Sie trat in die Diele und sah ganz kurz die Umrisse eines Mannes, der in derselben Sekunde verschwand. Aber sie wusste nun mit Sicherheit, dass sie sich nichts eingebildet hatte.

Diesen Kerl gab es wirklich, und es war nicht vorherzusehen, ob er nicht an einer anderen Stelle versuchen würde, ins Haus zu gelangen, deshalb sagte sie sich, sie müsse unbedingt die Polizei anrufen.

Mit zitterndem Finger wählte sie den Notruf und sagte gepresst in die Sprechmuschel: „Mein Name ist Daniela Härtling, ich bin im Haus von Marina und Thomas Weber zum Babysitten. Soeben hat jemand versucht, hier einzubrechen.“ Sie nannte die Adresse, und der Beamte am anderen Ende versprach, sofort einen Wagen zu schicken.

Zwölf Minuten, die heftig an Danas Nerven zerrten, vergingen, bis der Streifenwagen eintraf. Dana ließ die Beamten ein. Sie hatte nach dem Anruf im Erdgeschoss jede Lichtquelle eingeschaltet und zeigte den Polizisten nun, wo der Einbrecher ins Haus zu gelangen versucht hatte.

Spuren einer Gewaltanwendung waren weder an dieser noch an irgendeiner anderen Tür zu entdecken. Auch sonst bestätigte nichts Dana Härtlings Aussage. Dennoch glaubten ihr die Uniformierten, weil der Unbekannte in dieser Gegend bereits zwei Einbrüche verübt hatte.

Als das Ehepaar Weber gut gelaunt nach Hause kam, war der Spuk längst vorbei. Dana wusste, dass sie ihnen ihre gute Stimmung verderben würde, wenn sie erzählte, was geschehen war, aber sie durfte es nicht für sich behalten.

Marina Weber wurde blass.

„O mein Gott ...“

„Was ist mit dem Jungen?“, fragte Thomas Weber aufgeregt. „Hat er etwas davon mitbekommen?“

Dana schüttelte den Kopf.

„Florian hat geschlafen, und er schläft auch jetzt noch tief und fest. Ich war vor zwei Minuten bei ihm.“

Thomas Weber eilte nach oben.

„Muss eine scheußliche Situation für Sie gewesen sein“, sagte Marina Weber. „Hatten Sie Angst?“

„Ein wenig“, gab Dana zu.

„Hat sich gelohnt, dass wir vor drei Jahren alle Schlösser auswechseln und die besten Fabrikate einbauen ließen.“

„Wieso glauben manche Leute, sich skrupellos am Eigentum ihrer Mitmenschen vergreifen zu dürfen?“, stieß Dana empört hervor. „Warum, zum Kuckuck, verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt nicht mit ehrlicher Arbeit?“

„Bedauerlicherweise wird diese üble Sorte niemals aussterben. Es wird immer ehrliche Menschen geben und solche, die es sich auf Kosten anderer gutgehen lassen.“

Thomas Weber kam zurück. Er war sichtlich erleichtert, dass Florian nichts mitbekommen hatte, und er bezahlte Dana hundert Mark mehr als vereinbart war - als Trostpflaster für die ausgestandene Aufregung.

 

 

3

Als Dana tags darauf beim Frühstück über ihr Erlebnis sprach, hörte ihr vor allem ihr vierzehnjähriger Bruder Tom mit leuchtenden Augen zu.

„Wenn ich im Haus der Webers gewesen wäre, würde mein Name heute in allen Zeitungen stehen“, behauptete er. „Die Medien würden mich als Held feiern, weil ich mir den Kerl nämlich geschnappt hätte.“

„Haha ...“, dehnte Dana.

„Glaubst du mir etwa nicht?“

„Du hättest die Hosen gestrichen voll gehabt“, behauptete seine große Schwester.

„Doofe Ziege“, ärgerte sich Tom.

Jana Härtling sah ihn rügend an. „Tom!“

Die zehnjährige Josee kicherte: „Du hättest dich vor Angst in der Besenkammer verkrochen.“

„Du bist genauso bescheuert wie Dana“, fuhr Tom sie an.

„Tom, ich muss dich bitten, dich etwas zu mäßigen“, sagte Jana Härtling streng.

„Was hättest du getan?“, wollte Ben von seinem jüngeren Bruder wissen.

Tom hob wichtig die Augenbrauen.

„Ich hätte zuerst die Polizei angerufen, und dann hätte ich dafür gesorgt, dass der Typ ins Haus kann. Ich hätte irgendwo einen Riegel umgelegt - oder so. Zuvor aber hätte ich mir ein großes Messer aus der Küche geholt. Dann hätte ich den Kerl damit nur noch bis zum Eintreffen der Polizei in Schach zu halten brauchen.“

„Und du glaubst, der Verbrecher hätte dich ernst genommen.“

„Das will ich meinen. Wenn ich ein Messer in der Hand habe, soll einer wagen, mich anzugreifen.“

„Hättest du den Mut, zuzustechen?“

„Na klar.“

„Themenwechsel, Freunde!“, forderte Sören Härtling laut und mit Nachdruck, ganz väterliche Autoritätsperson. „Mir gefällt eure Unterhaltung nicht!“

„Okay, reden wir übers Wetter“, schlug Ben grinsend vor. „Gestern war’s besch...eiden, heute ist es auch nicht besser, und morgen ist in ganz Bayern mit Hagelschlag zu rechnen.“

„Wen interessiert das schon?“, brummte Tom.

„Mich nicht“, sagte Josee.

„Mich auch nicht“, sagte Tom.

„Mich eigentlich auch nicht“, gab Ben feixend zu, und dann herrschte eine Weile eine seltene Stille am Tisch, die Jana und Sören als sehr angenehm empfanden.

„Sie sollten Ihr Haus mit einer guten Alarmanlage schützen“, riet Waltraud Wottitz, die Chefeinkäuferin des Warenhauskonzerns R&B, als Marina Weber erzählte, was letzte Nacht passiert war.

„Ich weiß nicht, ob sich das lohnt. Bei uns ist nicht viel zu holen. Unser Geld liegt sicher auf der Bank, mein Schmuck befindet sich im Wandtresor, die Münzensammlung meines Mannes ist in einem Bankschließfach verwahrt.“

Waltraud Wottitz, im vergangenen Monat neunundsechzig geworden, aber immer noch sehr agil und topfit, sagte: „Diese Kerle können unglaublich brutal sein. Wenn Sie dem Eindringling die Kombination Ihres Safes nicht verraten, tut er Ihrem Mann oder Ihrem Kind etwas an. Wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen? Die Polizei hat Sicherheitsberater. Die sehen sich Ihr Haus an und empfehlen Ihnen hierfür eine maßgeschneiderte Alarmanlage. Wenn Sie die Kosten scheuen ...“

„Es ist nicht das Geld.“

„Was ist es dann?“, fragte Waltraud Wottitz. Sie war drahtig, hielt sich kerzengerade, ging zweimal in der Woche turnen und zum Frisör und hatte keine einzige graue Strähne in ihrem gefärbten braunen Haar.

Marina seufzte.

„Diese Umbauten machen es erforderlich, dass jemand zu Hause ist.“

„Das kann Ihr Mann doch übernehmen! “

Marina überhörte den Einwand ihrer Vorgesetzten.

„Und dann der viele Mist, den die Arbeiter machen.“

„Die arbeiten sauber und schnell“, entgegnete Waltraud Wottitz. „Ich habe mein Haus vor sieben Jahren mit einer Alarmanlage gesichert, und ich muss Ihnen sagen, ich fühle mich seither viel wohler in meinen vier Wänden. Lassen Sie sich die Sache durch den Kopf gehen, Marina! Nicht jeder Einbrecher lässt sich von guten Schlössern abhalten. Wenn Sie eine gute Alarmanlage haben, können Sie beruhigt schlafen.“

Die hagere Frau wurde wieder dienstlich. Sie erinnerte Marina daran, dass diese sie von Freitag bis Montag nach Skandinavien begleiten musste. Marina nickte zwar, aber sie wäre lieber zu Hause geblieben, weil Thomas jedes Mal ziemlich ungenießbar wurde, wenn sie arbeiten musste.

Sie hatten vereinbart, dass Marina nach Florians Geburt drei Jahre zu Hause bleiben und sich um ihren Sohn kümmern solle. Das hatte sie getan. Danach war Florian in den Kindergarten gekommen, und Marina war ins Berufsleben zurückgekehrt. Man hatte von ihr totalen Einsatz gefordert, und sie war auch stets bereit gewesen, ihn zu erbringen, um vorwärts zu kommen. Natürlich hatte sie neben Fleiß, Ehrgeiz und Tüchtigkeit auch eine große Portion Glück gebraucht, um da hinzukommen, wo sie heute war. Sympathie war dafür ausschlaggebend gewesen, dass Waltraud Wottitz Marina allen anderen Anwärterinnen vorgezogen und sie zu ihrer Assistentin und Stellvertreterin gemacht hatte, und es war inzwischen kein Geheimnis mehr, dass die junge Frau Waltraud Wottitz’ Platz einnehmen würde, wenn diese sich eines nicht mehr allzu fernen Tages aus dem Berufsleben zurückzog.

Bemerkungen wie „Mir reicht es bald ... Nicht mehr lange, und ich habe endgültig genug ... Es macht keinen Spaß mehr, mit fairen Geschäftspartnern um einen guten Preis zu feilschen ... Früher war alles viel persönlicher ... Es ist alles so nüchtern geworden ... Jeder bringt einen Aktenkoffer voll Computerausdrucken mit ... Ich hasse das Zeitalter der elektronischen Rechner ... Jeder ist vernetzt, verkabelt, digitalisiert und weiß der Geier, was noch alles ...“ ließen immer deutlicher erkennen, dass die Chefeinkäuferin sich offenbar immer ernsthafter mit dem Gedanken trug, sich in den lange schon wohlverdienten Ruhestand zu begeben.

Und dann ... Dann hatte Marina es geschafft, dann war sie die Nummer eins im Einkauf, und ihr Wort würde Gesetz sein. Ein erhebendes Gefühl: Ein angemessener Lohn für all die Mühen und Entbehrungen, die sie auf sich genommen hatte, um dieses große Ziel zu erreichen.

Es ärgerte Marina, dass ihr Mann so wenig Verständnis dafür aufbrachte, anstatt stolz zu sein auf das, was seine Frau erreicht hatte.

Er wollte, dass sie einen Halbtagsjob annahm, um mehr Zeit für Florian zu haben. Aber, verflixt nochmal, sie war drei Jahre rund um die Uhr für Florian dagewesen! Konnte sich jetzt nicht Thomas etwas mehr um den Kleinen kümmern? Die Spannungen daheim wurden immer unerträglicher, und Marina hatte Angst, in die Zukunft zu sehen, weil sie befürchtete, dass dort recht unangenehme Dinge auf sie warteten.

 

 

4

„He, Dana“, sagte Volker Fuchs auf dem Schulhof.

Sie drehte sich um. Der Schwarm aller Mädchen kam in lässiger Haltung auf sie zu. Er trug ein weißes T-Shirt, hellblaue Jeans um die schmalen Hüften, schwarze Espandrillos an den Füßen und lächelte mit blitzweißen, regelmäßigen Zähnen.

„Ja?“, gab sie scheinbar gelassen zurück. In Wirklichkeit schlug ihr Herz bis zum Hals hinauf, denn Volker Fuchs war auch ihr Schwarm.

„Stimmt das, was ich gehört habe?“

Dana lachte ein wenig unsicher.

„Wie soll ich wissen, was du gehört hast?“

„Dass du ein schlimmes Erlebnis mit einem Einbrecher gehabt hast.“

Dana nickte. „Das stimmt.“

„Dass du ihm mutig entgegengetreten bist“, sagte Volker Fuchs voll Respekt.

„Wer hat das erzählt?“

„Jennifer“, antwortete Volker, „und die hat es von Birgit.“

„Und von wem hat es Birgit?“

„Keine Ahnung.“

„Auf jeden Fall nicht von mir. “Dana hätte beinahe gelacht. Ihre Geschichte hatte in der Schule die Runde gemacht, und anscheinend hatte jeder sie beim Weitererzählen ein bisschen mehr ausgeschmückt. So entstehen also haarsträubende Gerüchte, dachte Dana amüsiert.

„Ich bewundere deinen Mut, Dana“, sagte Volker beeindruckt. „Du hast dich nicht einschüchtern lassen, das imponiert mir ungemein. Susi, Tini oder Eva wären an deiner Stelle in Ohnmacht gefallen. Du aber stellst dich unerschrocken vor diesen Kerl hin, stemmst deine Fäuste in die Seiten und schnauzt ihn eiskalt an, er soll sich verziehen. Das soll dir erst mal einer nachmachen. Ich glaube, dazu hätte nicht einmal ich die Courage gehabt.“

Dana ließ die Unwahrheit, die ihr so viel Achtung einbrachte, unwidersprochen.

„Ach, weißt du“, sagte sie gleichmütig, „in einer solchen Situation wächst man, ohne groß nachzudenken, über sich selbst hinaus.“ Sie lächelte schalkhaft. „Es bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig.“

„Hör zu, Bobby Valerian gibt am Sonnabend eine Party. Ich würde mich riesig freuen, wenn du mit mir da hingehen würdest.“

„Am Sonnabend?“ Ihr Herz hüpfte vor Freude.

„Du hast doch nicht etwa schon was vor?“

„Lass mich mal nachdenken!“ Sie gab sich den Anschein, als hätte sie am Wochenende ein dicht gedrängtes Programm zu bewältigen, überlegte hin und her und antwortete schließlich: „Nein, nein, ich habe nichts vor, jedenfalls nichts Besonderes.“

Volker strahlte. „Dann ist es also abgemacht? Du kommst mit zur Party?“

„Ja, ich komme mit“, antwortete Dana selig, und sie war ihren Mitschülern dankbar, dass sie so dick aufgetragen hatten, denn sonst hätte Volker bestimmt ein anderes Mädchen gefragt.

 

 

5

Thomas Weber holte seinen Sohn vom Kindergarten ab. Uschi Michaelis war mitgekommen. Die aparte rothaarige Frau war seit Jahren mit Thomas befreundet. Von ihrer Seite aus war es mehr als bloße Freundschaft, die sie mit ihm verband. Sie liebte Thomas, und sie litt darunter, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte. Aber sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich das eines Tages ändern würde.

Uschi Michaelis hatte eine einjährige Ehe hinter sich. Ihrem Mann hatte es nicht genügt, die Ehe so zu vollziehen, dass sie beide ihren Spaß daran haben konnten. Er hatte ein paar merkwürdige Dinge von ihr verlangt, sie hatte sich geweigert, ihm diese Wünsche zu erfüllen und die Scheidung eingereicht. Seither war sie auf ihre Freundschaft mit Thomas Weber fixiert, und so kam es ihr auch sehr gelegen, dass Marina immer so viel zu tun hatte. Jedes Mal, wenn Thomas jemanden brauchte, der ihm zuhörte, stand sie ihm zur Verfügung, und sie hoffte, dass er ihr das eines Tages in einer ihr genehmen Form danken würde.

Florian umarmte seinen Vater zur Begrüßung und gab ihm einen dicken Kuss.

„Na, und mich begrüßt niemand?“, fragte Uschi Michaelis lächelnd.

„Guten Tag, Tante Uschi“, sagte der Kleine.

„Für einen Kuss würde ich dir glatt ein Eis spendieren“, schmunzelte Uschi Michaelis.

Florian küsste sie. Er mochte Tante Uschi, sie war immer sehr nett zu ihm, und es gefiel ihm, dass sie sich so gut mit Vati vertrug.

Auch Uschi Michaelis hatte den Jungen ehrlich in ihr Herz geschlossen - und das nicht nur, weil er der Sohn des Mannes war, den sie liebte. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, mit den beiden eine glückliche Familie zu bilden, aber davon wollte Thomas bedauerlicherweise nichts wissen.

Nicht im Entferntesten zog er einen solchen Gedanken in Erwägung, und so blieb Uschi nichts anderes übrig, als die gute Tante und die liebe Freundin zu sein - und zu warten.

Vielleicht mischte das Schicksal die Karten eines Tages ja neu, und sie kam doch noch mit Thomas zusammen. Wenn nicht, würde sie sich auch weiterhin mit seiner angenehmen Freundschaft begnügen, denn das war immer noch besser, als gar nichts mehr von ihm zu haben.

Sie löste ihr Versprechen ein und kaufte Florian ein Eis.

„Was möchtest du haben?“, fragte sie den Kleinen.

„Vanille, Schokolade“, antwortete Florian, ohne nachzudenken, denn diese beiden Sorten hatte er am liebsten. Während der Junge dann hingebungsvoll sein Eis löffelte, sprach Uschi von einer „Bajuwarischen Ausstellung“ in einem kleinen Schloss südlich von München.

„Die möchte ich mir am Wochenende ansehen“, sagte sie.

„Ist bestimmt sehr interessant“, meinte Thomas.

„Ihr könnt gerne mitkommen“, sagte Uschi sofort.

Thomas schüttelte den Kopf.

„Geht nicht. Marina, Florian und ich wollen übers Wochenende in die andere Richtung. Ein bisschen wandern, ein bisschen angeln, ein bisschen relaxen. Florian freut sich schon sehr darauf.“

„O ja“, rief der Kleine begeistert. „Wir werden riesige Fische fangen.“ Er breitete seine Arme ganz weit aus.

„Pass auf, dass du dich nicht bekleckerst“, mahnte Thomas. Trotzdem war das Malheur bereits im nächsten Moment passiert. Ein hässlicher Schokoladenfleck prangte auf Florians Hemd. „Weil du immer mit Händen und Füßen reden musst“, sagte Thomas vorwurfsvoll.

„Tut mir leid“, murmelte Florian kleinlaut.

„Das schöne Hemd - heute morgen erst frisch angezogen.“

„Sei bitte nicht böse, Vati!“

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938326
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538214
Schlagworte
denn florian kind

Autor

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Titel: Denn Florian ist auch mein Kind