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Carringo und der Betrug

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und der Betrug

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und der Betrug

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Zwei Zugüberfälle rufen Carringo, den Sicherheitsagenten von Wells Fargo, und seinen Freund, das Halbblut Chaco, auf den Plan. Aufgrund ihres Einschreitens werden die Räuber am dritten Überfall gehindert und seither von den beiden verfolgt. Die Schurken sind umso gefährlicher, weil ihr Boss Stan Uvalde alles andere als erfreut ist – denn ein Betrug in ganz großem Stil geplant war. Deshalb sind der skrupellose Satansanbeter Saint und sein ebenso kaltblütiger Kumpan Diablo nun hinter Carringo und Chaco her, um die beiden ein für alle Mal auszuschalten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo — Er hat den Erfolg greifbar in der Hand und dennoch entzieht sich ihm der unbekannte Gegner.

Chaco — Tief enttäuscht wie der Freund sieht er die Hoffnungen auf Erfolg zerrinnen.

Stan Uvalde — Hält für seinen Boss die Stellung und gerät dabei in des Teufels Küche.

Saint — Gelangt seinem Wunsch, Carringo zu töten, um keinen Schritt näher.

Merrill — Der Eisenbahnräuber stellt sich zum letzten Duell — und verliert es.

 

 

1

Das alte Medaillon lag mir schwer wie ein Klumpen Blei in der Hand. Jetzt, da der Morgen graute und die alte Geisterstadt aus der undurchdringlichen Dunkelheit emporzusteigen schien, verlor das verbogene, von Beulen deformierte Silberstück an Faszination. Das eingravierte Frauenbildnis sah zerkratzt aus, was mir während der Nacht nicht so sehr aufgefallen war.

Chaco trat aus einer der nur noch von Ratten bewohnten Hütten, die zum größeren Teil keine Fenster und Türen mehr hatten.

Ich ließ das Medaillon zusammen mit den beiden anderen an der Silberkette unter das Hemd zurückgleiten. „Hast du noch etwas gefunden?“

„Von dem toten Banditen ließen die Ratten nichts übrig“, erwiderte Chaco, wischte sich flüchtig über das narbige Gesicht und ging an der Wand des ehemaligen Saloons neben mir in die Hocke.

Ich hatte den Eindruck, als wäre es Chaco lieber gewesen, wir wären ohne Aufenthalt hinter den beiden entflohenen Banditen hergaloppiert. Eine durchaus verständliche Vorstellung. Aber die Hoffnung, hier noch weitere Spuren in meine eigene Vergangenheit zu finden, war mir im Augenblick doch wichtiger gewesen.

Leider blieb die Suche ergebnislos. Nur dieses dritte Medaillon, das den beiden anderen, die ich bereits besaß, aufs Haar glich, hatte sich hier angefunden.

„Willst du noch weitersuchen?“ Chaco schaute mich abwartend an.

Ich schüttelte den Kopf und richtete mich auf. „Das dürfte zwecklos sein.“

Das Medaillon war mir zufällig in die Hände gefallen zusammen mit wertlosen Dingen und altem Papier, aus dem nichts hervorging, das keinen Anhalt bot, woher es stammen, wer es besessen haben mochte.

„Es ist wieder keine heiße Spur in meine Vergangenheit“, murmelte ich. „Wie verhext ist das.“

Chaco richtete sich wieder auf. Ein seltsamer Pfeifton ließ uns zu der Hütte schauen, in der der verletzte Bandit vermutlich zusammengebrochen war, als seine Kumpane geflohen waren, und er selbst nicht mehr die Kraft gehabt hatte, zu den Pferden zu gelangen. Ratten zeigten sich im dunklen Türrechteck. Ich meinte, dass die schillernden Blicke auf uns gerichtet waren. Eiskalt kroch es mir über den Rücken. Das Pfeifen wiederholte sich auf der anderen Seite weiter oben.

„Das klingt, als würden sie sich verständigen“, murmelte Chaco.

Von überall strömten die ungewöhnlich großen Nagetiere zusammen und formierten sich zu einer Front, die über die ganze ausgefahrene Straße reichte.

Wir wichen zuerst unwillkürlich zurück.

Das Pfeifen nahm zu, wurde schrill und aggressiv, und die Front schob sich uns entgegen.

„Pass auf, die fallen uns an!“, warnte Chaco.

„Sie haben Blut geleckt“, entgegnete ich schaudernd und zog den Colt aus dem Holster.

Chaco folgte meinem Beispiel. Wir feuerten in die Rattenfront. Getroffene Tiere vollführten Luftsprünge. Blut spritzte auf die anderen Tiere. Sie leckten es gierig auf und fielen über die Artgenossen her, die sich nicht mehr zur Wehr setzen konnten und zerfetzt wurden. Dennoch rückten sie näher auf uns zu, so dass wir uns weiter und weiter zurückzogen. Unsere Kugeln trafen ausnahmslos. Luft verschaffte uns dies jedoch nicht. Im Gegenteil, sie schienen immer wütender auf uns zu werden. Schon schossen uns die größeren Tiere regelrecht entgegen.

Ich feuerte den letzten Schuss auf den ersten Angreifer ab. Das Blei zerschmetterte den Rattenkopf. Nachfolgende Tiere fielen über die leichte Beute her und vertilgten sie.

„Jetzt aber nichts als weg!“, rief ich. „Zum Nachladen finden wir keine Zeit!“

Wir hetzten die Straße hinunter, erreichten unsere zum Glück bereitstehenden Pferde und schwangen uns in die Sättel. Fox brauchte nicht angetrieben zu werden. In panischer Angst trug er mich aus der Geisterstadt.

Chacos Morgan befand sich in keiner besseren Verfassung und preschte wie von Furien gehetzt hinter Fox her.

Zum Glück hatten wir beizeiten die aufgefundenen Wertpapierkassetten an die Sättel geschnallt, so dass wir nichts in der Geisterstadt zurückließen.

Die pfeifenden Ratten verfolgten uns bis hinter die letzte, längst zusammengestürzte Hütte. Dort angelangt ertönte ein anderes, höchst merkwürdiges Geräusch, auf das hin alle Tiere die Jagd aufgaben. In einer Wolke aus Staub und Nebelfetzen hockten die Nagetiere auf der Straße und schauten uns aus glitzernden Augen nach.

„Hast du das gehört?“, rief ich Chaco zu. „Das war ziemlich merkwürdig!“

„Alles hier ist merkwürdig!“, rief Chaco gegen den Reitwind zurück. „Und ich bin heilfroh, dass wir da heraus sind!“

Ich schaute noch einmal zurück. Sie kamen uns jedoch tatsächlich nicht weiter nach. Der Staub, von den trommelnden Hufen aufgewirbelt, legte sich bereits wie ein Schleier vor die Stadt und ihre schauderhaften Bewohner.

 

 

2

Frank Merrill und Luck Older zügelten die Pferde und blickten über das Buschland zurück.

Im Osten stieg die Sonne über das ferne San-Francisco-Plateau und löste mit langen, rasch wärmenden Strahlen die spärlichen Nebelschwaden binnen Sekunden auf. Für eine Weile herrschte große Sichtigkeit über dem Gestrüpp, in dem selbst jedoch nicht erkannt werden konnte, was sich dreißig Yards entfernt befand.

„Die sind wir jedenfalls los.“ Older schob die an sein Handgelenk geschmiedete Kette unter dem Ärmel zurück. Er war ein mittelgroßer, geschmeidiger Mann mit breitflächigem Gesicht und einer Messernarbe am Kinn. Die Bartstoppeln und der Schmutz der letzten Tage verdeckten die dunkle Narbe zwar ziemlich, aber deswegen sah Older noch genauso gefährlich aus.

„Zum Glück“, erwiderte Frank Merrill, einst Anführer von sechs Eisenbahnräubern, aber jetzt froh, mit dem letzten Kumpan die eigene Haut gerettet zu haben. Merrill war ein hochgewachsener, schmalhüftiger und breitschultriger Mann, dem die Rücksichtslosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Sein schwarzes Haar und der Schnauzbart verstärkten diesen Zug noch. Zudem sahen die beiden Halunken ziemlich abgerissen aus. Die Flucht hinterließ ihre Spuren. Die lange Schlaflosigkeit zeichnete bereits schwarze Schatten um die nach innen gesunkenen Augen.

„Also weiter.“ Merrill schnalzte mit der Zunge, musste aber die Sporen zu Hilfe nehmen, um das abgekämpfte Pferd wieder in Bewegung zu bringen.

Older blieb an seiner Seite. „Auf der ganzen Linie versagt.“ Er spuckte ins Grammagras, das im Schatten der Büsche stellenweise Steigbügelhöhe erreichte.

„Das kann man wohl sagen. Die beiden ersten Zugüberfälle verliefen reibungslos. Aber als ihr Carringo dann in Prescott nicht wie geplant umlegen konntet, lief alles aus dem Ruder.“

„Verdammt, hast du immer noch nicht kapiert, wie schwierig das mit diesem Kerl ist? Du warst doch letzte Nacht dabei. Die waren nur zwei gegen uns. Und was konnten wir ausrichten? Nichts! Selbst die beiden Wertpapierkassetten aus den Zügen sind futsch. Wozu waren die Überfälle nun gut?“

Merrill fluchte.

„Der hat so viel Glück, dass es schon nicht mehr mit rechten Dingen zugehen kann“, fuhr Older fort. „Dieser Verdacht stieg mir das erste Mal in Prescott auf, als wir in seinem Haus saßen und seine Mexikanerin, den Sohn und das Halbblut in unserer Gewalt hatten.“

„Warum habt ihr denn diesen Indianer nicht wenigstens erledigt?“, fragte Merrill gereizt.

Older hielt an.

Merrill folgte seinem Beispiel.

„Du hast offenbar keine Ahnung, wie beschissen unsere Situation wirklich war. Kannst es dir nicht vorstellen, wie? Wir hatten drei Geiseln und steckten in einer Mausefalle. Mit jedem Toten hätten wir die Wut der Leute auf uns vergrößert und unsere Chance vermindert.“

„Schon gut, Luck. Ich meine es nicht so.“

Older fluchte verdrossen. „So einen Job übernehme ich nie wieder. Merk dir das, wenn du mal wieder einen Auftrag kriegst, Frank. Nie mehr so etwas!“

„Ist ja in Ordnung.“ Merrill blickte wieder zurück. „Warum sind die nicht weiter hinter uns her?“

„Als es dunkel war, konnten sie den Spuren bestimmt nicht folgen“, erwiderte Older. „Das kann sich jetzt aber ziemlich rasch ändern. Und weit sind wir von dem Rattennest auch noch nicht weg.“

Die beiden Halunken ritten schneller. Ihre Beine streiften Büsche und trockene Äste.

Merrill bemerkte voraus plötzlich ein Blinken im Geäst. Zu spät wollte er das Pferd zurückreißen. Es durchbrach bereits das Dickicht. Auch den Revolver kriegte der Bandenführer nicht so schnell aus dem Holster, wie es nötig geworden wäre. Doch zu ihrem Glück sahen die beiden Banditen keine Gegner vor sich, sondern Saint, den Satansanbeter, neben dem Diablo auf seinem Pferd saß.

Merrill erinnerte sich an Saint, der bei der Verhandlung über die Bahnüberfälle zugegen gewesen war und folglich zu den Eingeweihten zählte.

Merrill und Older hielten und blickten auf die beiden finsteren Typen, die ihre Gewehre senkten. Saint strahlte aber deswegen noch die gleiche tödliche Gefahr aus, gepaart mit eisiger Kälte, die die Banditen vergessen ließ, wie heiß es bereits war.

Saint schob das Gewehr in den Scabbard. Danach straffte sich seine hagere Gestalt. Das unter seinem schwarzen Hut hervorhängende, schlohweiße Haar strich über die Schulterpartie des schwarzen Umhangs.

Diablo, der junge, gerade halb so alt wie Saint gewordene Killer, wirkte nicht weniger finster als sein großer Meister, zu dem er mit Ehrfurcht aufblickte. Auch an ihm war alles schwarz, sogar das Haar und die buschigen Brauen.

„Wir kennen uns“, sagte Merrill belegt und noch erschrocken von der unvermuteten Begegnung.

„Ganz richtig. Ich deckte Mister Uvalde den Rücken, als ihr mit ihm verhandeltet.“

„Genau.“ Merrill atmete tief durch, aber er fühlte sich danach immer noch nicht behaglicher.

„Woher kommt ihr?“

„Aus der Geisterstadt Boomtown. Der dritte Zugüberfall ist leider nicht ganz so verlaufen wie geplant.“ Saint kniff die Augen zusammen, und Merrill meinte bei diesem Anblick, er schaue auf einen von der Sonne angestrahlten Gletscher.

„Es klappte nicht?“, stieß Saint hart hervor.

„Nein. Die müssen mit einem Überfall gerechnet haben. Unser Hindernis wurde von der Lok glatt überrannt.“

„Und einer unserer Freunde dabei zerfetzt“, fügte Older hinzu, der eher erleichtert war, dass sie auf Verstärkung getroffen waren. Daher bemühte er sich, das finstere Wesen der beiden zu übersehen.

„Sicherheitsbeamte fuhren im Zug mit. Zwei Mann verfolgten uns bis in die Geisterstadt. Carringo und Chaco,“ Saint duckte sich beinahe unmerklich.

„Ach so“, murmelte er.

„Was?“

„Ich hatte auf Carringo gewartet. Er sollte mit dem Zug nach Phoenix unterwegs sein.“

„Das konnte er nicht mehr, nachdem er uns auf den Fersen saß“, bestätigte Older.

„Und weiter?“

„Es ist die Hölle, was hinter uns liegt.“

„Die Hölle ist gut!“ Saints Äugen blitzten. Mit der linken Hand zog er das verkehrt an einer Silberkette hängende Kreuz unter dem Umhang hervor.

Den beiden Banditen wurde wieder unbehaglich zumute. Merrill hustete. Saint ließ das Kreuz los. Es glitt unter den Umhang zurück. Überlegenheit lag im Blick des Satansanbeters.

„Ihr konntet ihnen nur noch zu zweit entwischen?“

Merrill nickte. „Das auch.“

„Was noch?“

„Wir fanden keine Gelegenheit, die Kassetten mit den Wertpapieren aus den beiden ersten Zugüberfällen an uns zu bringen.“

„Und die beiden sind vermutlich hinter uns her.“ Older schaute zurück.

„Solltest du Carringo nicht in Prescott töten?“ Ein höhnisches Grinsen huschte einem Schatten gleichend über das Gesicht des schwarzen Mannes mit den schlohweißen Haaren.

Older zog den Kopf tief zwischen die Schultern. „Ich und zwei Freunde. Aber so einfach, wie Mister Uvalde sich das vorstellt, ist das in einer großen Stadt nicht.“

Merrill schaute nervös über die Schulter zurück.

„Euch sitzt die nackte Angst im Genick“, stellte Saint ironisch fest. Er wirkte aufgelockert, seit er erfahren hatte, dass sich Carringo in der Nähe befände, vermutlich sogar auf dem Weg zu dieser Stelle, wenn er den Spuren der beiden Banditen folgte. So ließ sich hier vielleicht nachholen, was bei dem Zug nicht gelungen war, den sie hatten entgleisen lassen. Es war deshalb nicht gelungen, weil sich Carringo nicht mehr in dem Zug nach Phoenix befunden hatte.

„Reitet weiter“, sagte Saint. „Diablo und ich werden die beiden empfangen.“

Auch der junge Kerl grinste flüchtig.

Merrill und Older atmeten sichtlich auf.

„Berichtet Mister Uvalde von dem Fehlschlag und vom Verlust der Kassetten. Er wird sich freuen.“

Der nackte Hohn ließ Merrill fluchen.

„Sagt ihm, die Sache wäre für euch ein paar Nummern zu groß gewesen“, fuhr Saint fort. „Und wartet auf uns. Wir kommen so schnell es geht nach.“

„In Ordnung, Mister.“ Merrill nickte seinem Kumpan zu und ritt an den beiden finsteren Typen vorbei.

Older folgte dem Kumpan, ohne ein Wort zu sagen.

Saint und Diablo schauten den beiden nach.

„Versager“, murmelte Diablo verächtlich.

„Die Mühe, den Zug in der Prärie entgleisen zu lassen, war umsonst“, erwiderte der Satansanbeter mürrisch.

„Wusstest Ihr nicht, dass sie es auf diesen Zug abgesehen hatten, Meister?“

„Woher denn? Mister Lancaster weihte mich in seine Pläne nicht ein. Wertpapiere gestohlen und wieder abjagen lassen!“ Saint trieb sein Pferd an und folgten den Spuren der beiden Banditen in der umgekehrten Richtung.

„Wohin wollt Ihr?“

„Wir suchen uns einen günstigeren Platz, um Carringo und das Halbblut zu erwarten, Diablo.“ Der Satansanbeter zog das Mehrladegewehr wieder aus dem Scabbard und repetierte es mit einer lässigen Bewegung.

Diablo versuchte das Gleiche, aber sein Repetierverschluss schnappte nicht mehr zu. Saint tat, als sähe er es nicht, sagte aber: „Du schlägst dich noch mit deiner Verletzung herum, was?“

„Ja.“ Diablo atmete auf, weil Saint es ihm erleichterte, die Peinlichkeit zu überspielen und gleichzeitig zu entschuldigen.

„Und das verdankst du ebenfalls Carringo!“, stieß Saint in jähem Hass hervor.

„Daran denke ich pausenlos.“

„Diesmal wird er für alles bezahlen. Und der andere ebenfalls. Wir bereiten ihnen den Garaus!“

Diablos Augen flammten, als springe Feuer in den Pupillen hoch. Er schlug das Gewehrschloss gegen das Sattelhorn. Der Repetierverschluss rastete ein.

Saint hielt an. „Warte!“

Diablo zügelte sein Pferd neben dem Meister.

Saint stellte sich in den Steigbügeln auf und spähte über die ziemlich große Lichtung hinweg, die von den beiden Banditen überquert worden war, wie die Spuren im Sand zwischen den Grammagrasinseln wiesen.

„Ist der Platz günstig, Meister?“

„Ich denke schon. Wenn sie da drüben aus den Srubbüschen reiten, müssen unsere Kugeln sitzen. Die Entfernung ist nicht groß.“

„Achtzig Yards, schätze ich.“

„So ungefähr.“ Saint stellte das Gewehr mit der Kolbenplatte auf den Oberschenkel und blickte gespannt, zugleich lauschend auf das dichte Gestrüpp der anderen Seite.

„Hört. Ihr Sie schon?“

„Noch nicht.“

Die Sonne stieg hinter den Hügeln höher. Dunst breitete sich aus und reduzierte die Sichtigkeit, dass das San-Francisco-Plateau bereits nicht mehr vom Standort der Satansanbeter aus erkannt werden konnte. Ein Flimmern herrschte über dem Buschwerk.

Trotz seiner beträchtlichen Kleidung erweckte Saint nicht den Eindruck zu schwitzen. Auch die Strapazen des Rittes und der langen Arbeit, als sie eine Schiene aus der Gleisanlage montiert hatten, um den Zug entgleisen zu lassen, waren ihm nicht anzusehen. Wie ein Falke schaute er über das Buschwerk und wartete darauf, Hufgeklapper zu hören und Staub zu sehen.

 

 

3

Wir ritten auf den leicht sichtbaren Spuren durch das dichter werdende Buschland. Meine Gedanken eilten jedoch nicht den Banditen nach. Sie verharrten immer noch bei dem aufgefundenen Medaillon. Euphorie hatte mich bei dem seltsamem Fund erfasst. Eine Stunde lang hatte mich das Gefühl beherrscht, dem Dunkel meiner Vergangenheit nun tatsächlich ein Stück näher zu sein und es lüften zu können.

Das war inzwischen verflogen. Gewiss durfte ich nur sein, dass es von diesen eigenartigen Medaillons eine ganze Reihe zu geben schien. Und natürlich, dass sie den gleichen Ursprung haben mussten. Sie konnten alle nur von ein und derselben Person hergestellt worden sein. Darüber schieden Zweifel für mich aus.

Aber wer war diese Person gewesen? Wo mochte sie gelebt haben? Wie sollte ich das je herausfinden, fragte ich mich immer wieder.

„Hier entlang!“

Ich hatte nicht mal mehr auf die Hufeindrücke geachtet und stutzte erst einmal, als Chaco mich anrief und nach links abschwenkte. Ein Glück, dass sich der Freund bei mir befand und sozusagen für mich die Augen mit offen hielt.

Gebrochene Äste an den strohtrockenen Büschen markierten zusätzlich zur Hufspur den Fluchtweg der Banditen.

Ich dachte an die Zwillinge, die Manuela geboren hatte, kurz bevor wir Prescott verließen. Ihnen und natürlich auch Jellico meinte ich es schuldig zu sein, das Dunkel meiner Herkunft aufzuhellen. Sie hatten ein Anrecht darauf, einen richtigen Namen zu tragen. Den galt es noch zu finden. Genauer genommen, ich musste die Spuren in die Vergangenheit bis zu meinen Eltern verfolgen.

Chaco hielt an.

„Was ist?“ Ich zügelte Fox und schaute in das Flimmern über den Büschen.

„Ich kann ja verstehen, dass dich das Medaillon sehr beschäftigt“, entgegnete der Freund gedehnt und sogar ein wenig lächelnd. „Aber glaubst du, dass das sehr gesund für uns ist?“

„Willst du damit sagen, die könnten noch mal versuchen, uns eine Falle zu stellen?“, fragte ich zweifelnd. „Die sind doch froh, noch mal mit heiler Haut davongekommen zu sein.“

„Hoffentlich.“ Chaco blickte schärfer als ich über das Land, wie mir endlich auffiel. Und er hatte wohl auch recht damit. Meine Versunkenheit grenzte an Leichtsinn und passte nicht zur Situation. Und doch ließen die Dinge mich nicht los.

„Es muss etwas mit diesem Titus Lancaster zu tun haben“, sagte ich.

„Anzunehmen.“

„Bestimmt. Seit Monaten verfolgt er mich. Aus diesem Grunde musste in Mexiko auch Fernando Martinez sterben. Den hat Saint in Lancasters Auftrag umgebracht.“

„Vielleicht hat Lancaster in der ganzen Sache, in der wir stecken, die Finger im Spiel.“

Überrascht blickte ich den Freund an. Der Gedanke lag eigentlich nahe, und ich wunderte mich, dass mir das nicht selbst eingefallen war.

„Merkwürdig genug ist ja, dass diese Eisenbahnräuber gezielt vorgingen. Ich meine, gezielt die kleinen Tresore der Expresswaggons ausplünderten und die großen Geldschränke verschmähten.“

„Das deutet in der Tat mehr auf einen Auftraggeber hin, denn auf eigene Initiative“, gab ich zu.

„Na also. Und warum soll der Auftraggeber nicht Titus Lancaster heißen? Vielleicht sind wir jetzt auf dem Weg zu ihm. Die Banditen reiten schnurstracks in einer Richtung. Möglicherweise wollen sie einem bestimmten Mann eine Hiobsbotschaft überbringen.“

Ich blickte auf die Kassetten an unseren Sätteln. Die intakten Schlösser verrieten, dass die Banditen nicht versucht hatten, sie gewaltsam zu öffnen. Schlüssel dafür konnten sie kaum haben. Wir gingen deswegen davon aus, dass sich der Originalinhalt noch darin befand.

„Weiter!“ Chaco schnalzte mit der Zunge.

Fox trabte neben dem Morgan wieder in das dichter werdende Gestrüpp, ohne dass ich ihn anzutreiben brauchte. Wieder kehrten meine Gedanken zu dem dritten Medaillon zurück, zu diesem unerwarteten Fund in der schon lange von ihren Bewohnern aufgegebenen Stadt. Ich grübelte über die mögliche Verbindung der drei Medaillons miteinander nach und stieß wieder auf die Frage, wo sie ihren Ursprung haben könnten.

„Wird immer unübersichtlicher“, sagte Chaco in meine Gedanken hinein.

Ich schaute höher. Ocotillos und Biberschwanzkakteen standen im Buschwerk. Selbst vom Sattel aus reichte der Blick keine zehn Yards weit.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass uns noch eine Überraschung bevorsteht“, murmelte der Freund.

Ich ritt schneller, weil die von den Banditen ins Dickicht gebrochene Gasse zu einer winzigen Schneise zusammenschmolz, die wir nicht mehr nebeneinander passieren konnten.

Saguarokakteen sperrten den geraden Weg. Lianen rankten sich an ihnen hoch.

Ich ritt den Spuren nach um die verstaubten, graugrünen Gewächse herum und sah über Scrubbüschen und Yuccas die Hügelkuppen.

Die Spur wurde breiter. Die Banditen waren wieder nebeneinander geritten. Ich lenkte Fox zur Seite.

Chaco holte auf.

„Und, was sagt dein Gefühl?“

„Es liegt etwas in der Luft“, erwiderte Chaco ohne Umschweife und sehr überzeugt.

 

 

4

„Was sind das für Verfolger, die nicht auftauchen?“, fragte Diablo leise, aber merklich ungeduldig.

Saint zeigte indessen auch nicht mehr die Ruhe und Überlegenheit, die er sonst ausstrahlte. Am meisten störte ihn die Tatsache, dass er nicht sehen konnte, was sich hinter der Lichtung verbarg, ob die erwarteten Opfer vielleicht schon dort hielten und etwas bemerkt hatten.

„Wie lange warten wir noch?“, fragte Diablo.

„Du bist zu nervös. Ein guter Satansschüler sollte nie die Ruhe verlieren.“

„Ich glaube, wir warten schon sehr lange“, beharrte Diablo. „Eine halbe Stunde sicherlich. Zurückgeritten sind wir obendrein. Wenn dieser Carringo jetzt auftaucht, beträgt Merrills Vorsprung immer noch eine ganze Stunde.“

„Ich weiß“, knurrte Saint mit fast geschlossenen Zähnen. Immer misstrauischer beäugte er die gegenüberliegende Buschwand und die beiden Seiten.

Diablo schaute zu dem Hügel in der Nähe. „Von dort oben aus reicht der Blick weiter.“

Saint blickte in die angegebene Richtung. „Und wenn du Pech hast, wirst du selbst gesehen.“

Die Blicke der beiden hartgesottenen Killer richteten sich wieder zur Buschmauer hinter der Lichtung und zu dem Flimmern darüber, in dem inzwischen so viel Dunst stand, dass dünner Staub kaum noch sichtbar werden konnte.

„Wir warten noch“, entschied der Satansanbeter.

Minuten reihten sich aneinander. Nichts geschah. Kein Tier floh durch die Wildnis, und kein Hufschlag erreichte die Ohren der ungeduldiger werdenden Killer.

„Wer weiß, ob sie wirklich vorhatten, Merrill und dem anderen zu folgen“, zweifelte Diablo. „Wenn sie von Boomtown aus eine andere Richtung einschlugen, entfernen sie sich immer weiter von uns.“

„Sie könnten auch zur Bahnlinie auf geradem Weg zurück sein“, gab Saint zu.

„Und wenn sie den entgleisten Zug finden, erkennen sie eventuell eine bestimmte Handschrift in der Arbeit.“

Saint nickte. Genau das dachte er auch gerade.

„Warte hier“, entschied er und lenkte sein Pferd entschlossen der Hügelflanke entgegen.

 

 

5

Chaco stieß ein warnendes Zischen aus. Sofort zügelte ich Fox und duckte mich im Sattel. Die Saguaros vor uns boten ein wenig Deckung. Wir selbst konnten den entfernten Reiter auf dem buschbewachsenen Hügel jedoch auch nur undeutlich in der Luftspiegelung und den Dunstschwaden sehen.

Mir war, als wäre es eine ganz in Schwarz gekleidete Gestalt, die kaum aufgetaucht war und schon wieder verschwand.

„Hast du es gesehen?“

„Ja, Amigo.“

„Das bedeutet nichts Gutes.“ Chaco schlug das Gewehr an der Hüfte an.

Ich schaute noch zu dem Hügel. Die Gestalt, so schien mir, war nach links geritten und konnte in weniger als drei Minuten direkt vor uns sein, allerdings noch dreihundert bis vierhundert Yards entfernt.

„Wir schlagen einen Bogen, am besten direkt zur Bahnlinie“, sagte ich. „Du denkst, er hat uns gesehen?“

„Gut möglich.“ Ich lenkte Fox direkt der Sonne entgegen. „Hier ist derjenige im Vorteil, der auf den anderen wartet. Du kannst ihm bis vor die Gewehrmündung reiten, ohne ihn zu bemerken.“

Chaco schloss sich an. Wir versetzten die Pferde in Trab.

„Die beiden Banditen sind das jedenfalls nicht!“, rief der Freund mir zu. „Von denen trug keiner schwarze Kleidung.“

„Schwarz sieht Saint aus.“ Ich zügelte Fox und starrte Chaco an. „Der hat auch mit Lancaster zu tun. Merkst du was?“

„Der Kreis scheint sich allmählich zu schließen“, erwiderte Chaco. „Und den Sinn der Überfälle erfahren wir bestimmt auch noch.“

Wir ritten weiter, bemüht, möglichst schnell eine gehörige Strecke zwischen uns und den Hügel zu bringen. Dabei schlugen die Hufe der Pferde härter als vorher auf den Boden, und das im Wege stehende Gestrüpp wurde prasselnd zermahlen. Eine Staubwolke markierte den Pfad, den die Tiere ins Dickicht brachen.

Bald wurde das Gelände vor uns übersichtlicher, und wir sahen den auf einen alten Büffelpfad gebauten Schienenstrang, der in der Sonne wie pures Silber glitzerte.

Im Galopp sprengten wir aus dem Buschland und über den Gleiskörper weg. Dahinter setzte sich das Gestrüpp übersichtlicher fort. Wir schwenkten nach Süden und behielten die Schienen im Auge. Falls wir uns nicht täuschten und ein Anschlag auf uns geplant war, mussten die Halunken da drüben auftauchen und versuchen, uns den Weg abzuschneiden.

 

 

6

„Die müssen mich gesehen haben“, stieß Saint durch die Zähne. „Verdammt, Satan, warum stehst du mir nicht bei, diesen Gerechtigkeitsnarren zu beseitigen?“

Saint zog das verkehrt aufgehängte Kreuz unter dem schwarzen Umhang hervor und murmelte hastig sein Satansgebet. Danach schob er den Umhang darüber, nahm das Gewehr in die rechte Hand und ritt los.

Diablo schloss sich an.

So schnell sie konnten, sprengten sie über die Lichtung, durchbrachen die Buschmauer und galoppierten dem Bahndamm entgegen. Erst als sie die Gleise sahen, erkannte Saint die Staubwolke, die sich über den Gleiskörper zog. Leise klang noch Hufschlag von Süden herauf.

„Sie sind schon da unten!“ Diablo deutete mit dem Gewehr nach Südosten. „Sie müssen Euch gesehen haben.“

„Das weiß ich selbst.“ Saint gab dem Pferd die Sporen. Das Buschwerk flog vorbei. Sandfontänen wurden von den Hufen in die Luft geschleudert.

Saint sah die beiden Reiter für einen Moment, schlug sofort das Gewehr an und feuerte. Das Donnern raste über die Schienen und hallte durchs Buschland. Ein paar Äste wurden vom Scrubgestrüpp gerissen und schienen in der Staubwolke zu tanzen.

Diablo feuerte hinter seinem Meister, obwohl die Gegner bereits in den Yuccas untertauchten.

Sie rissen die Pferde brutal zurück, repetierten die Gewehre und schossen blindlings zu der Stelle hinüber, an der sie die beiden Reiter zuletzt gesehen hatten. Dichter Pulverdampf hüllte die beiden Schurken ein. Das anhaltende Krachen ließ die Pferde wiehern und bockende Sprünge vollführen.

„Wo stecken sie jetzt?“, rief Diablo enttäuscht.

Saint fluchte lästerlich, weil der so gut aufgebaute Hinterhalt letztlich durch seine eigene Ungeduld nicht zur tödlichen Falle für die beiden gehassten Gegner geworden war.

„Wir hätten noch ein paar Minuten warten müssen“, sagte er wütend, lud das Gewehr durch und schoss wieder in das Gestrüpp, von dem er nicht wusste, ob es die Feinde wirklich noch deckte.

Diablo schoss ebenfalls.

„Die wären wie blinde Hühner in die Falle getappt, wäre ich nicht auf den Hügel geritten.“ Wieder krachte Saints Gewehr.

 

 

7

Wir galoppierten in einem großen Bogen nach Osten, dann nach Norden und schließlich nach Westen zurück. Den Bahnkörper und die beiden halb vom Buschwerk gedeckten Halunken in der Pulverrauchwolke sahen wir gleichzeitig und eröffneten das Feuer.

Eine Kugel flog so dicht an mir vorbei, dass ich das Pfeifen hörte und der Hengst mit wirbelnden Hufen schrill wiehernd auf die Hinterhand stieg.

Ich rutschte aus dem Sattel, repetierte das Gewehr und schoss, was das Zeug hielt.

Chaco ritt bis zur nächsten Saguarokaktee, sprang dort ab und jagte ebenfalls Kugel um Kugel über den verlassenen Bahnkörper hinweg zu den Kerlen.

Viel vermochten wir in Staub und Pulverrauch nicht zu erkennen, zumal sich die beiden schon zurückzogen. Aber dass es sich um Saint handelte, bedurfte keiner Frage mehr.

Das Knattern der Schüsse begann sich zu entfernen.

Ich senkte das Gewehr und schob Patronen in den Füllschlitz.

„Die hauen ab!“, rief Chaco, lief zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel.

Fox war fünfzig Yards weggetrabt. Ich erreichte ihn erst, als der Freund bereits dem Gleiskörper entgegensprang.

„Warte, Chaco!“, rief ich ihm nach.

Das Hufgetrappel verschluckte meine Worte.

Chaco feuerte in die graubraune Wand über dem Buschwerk und den Kakteen.

Ich jagte hinterher. Chaco wartete an der Schiene, schoss aber weiter. Dann galoppierten wir zur anderen Seite hinüber, erreichten die ersten Büsche und befanden uns schon wieder da, wo das Gelände keine zehn Yards zu überblicken war.

Wir hielten an und hörten, dass die anderen Pferde ihre Reiter davontrugen.

„Typisch Saint“, murmelte Chaco. „Hinterhältig bis dorthinaus. Wenn es mit einer Falle nicht klappt, zeigt er lieber die Eisen.“

Ich schob das Gewehr in den Scabbard.

„Wollen wir nicht versuchen, ihn doch noch zu schnappen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Der hofft sicher, dass wir verrückt genug sind, noch einmal da hineinzureiten.“

Der Hufschlag entfernte sich immer weiter.

„So schnell denkt er aber offenbar nicht daran, uns eine neue Falle zu stellen.“

„Trotzdem“, beharrte ich.

„Die beiden lauerten dort, wo Merrill und sein Kumpan vorbeiritten.“ Chaco sah ziemlich nachdenklich aus. „Wir könnten anhand der Spuren sicher leicht feststellen, ob sie sich wirklich begegneten.“

„Du meinst, dass Saint die Banditen weiterschickte und an ihrer Stelle auf uns lauerte?“

„Genau.“

„Wenn die wirklich alle zusammengehören, wird es vielleicht höchste Zeit, weiterzureiten. Richtung Phoenix!“

„Auch richtig“, gab Chaco zu. „Da kann noch manche Überraschung auf uns warten.“

Der Hufschlag verklang im Buschland. Wie lang die Staubfahne war, konnten wir nicht erkennen. Sicher erschien mir jedoch, dass Saint im Augenblick keinen weiteren Angriff auf uns unternehmen würde. Das entsprach ganz und gar nicht seiner Art. Schließlich sagte ich mir, dass eine Umkehr und die weitere Suche auf Merrills Spur bestenfalls bestätigen würde, was wir ohnehin annahmen. Um irgendetwas damit zu beweisen, erschien es mir in jedem Fall zu wenig, egal, was wir in dieser Sache noch alles aufdeckten.

„Los!“ Ich lenkte Fox entschlossen wieder nach Süden und ritt längs des Bahnkörpers weiter.

 

 

8

Die beiden Banditen hielten im Schutz eines alten Schuppens, an den sich ein mit Gestrüpp überwucherter Zaun anschloss.

Merrill blickte an seiner verschlissenen Kleidung hinunter. Besonders gepflegt hatten sie nie ausgesehen, weil es in ihrem Leben kaum Zeiten gegeben hatte, darauf Wert zu legen. Aber jetzt wirkten sie so heruntergekommen, dass der Halunke fürchtete, man müsse ihm den Straßenräuber auf den ersten Blick anmerken.

„Was hast du?“, maulte Older. „Wollen wir nun zu Stan Uvalde oder wollen wir nicht?“

„Hast du dich schon mal angesehen, Luck?“

„Wozu?“ Older schaute ebenfalls an sich hinunter. Knöpfe fehlten an seiner Jacke, die Hose wies am Knie einen Dreiangel auf, und auf den Stiefeln saßen Rattendreck und Staub wie eine festgebrannte Schicht. „Wir brauchen ja nicht gerade durch die Hauptstraße zu reiten, Frank.“

„Das sowieso nicht.“ Merrill lenkte sein Pferd an dem schief hängenden, überwucherten Zaun entlang und in die Gasse dahinter.

Eine Frau trat aus einer Hütte, sah die beiden, wirbelte herum, stürzte zurück und warf die Tür krachend hinter sich zu.

„Da siehst du es“, murmelte Merrill.

„Wir brauchen Geld, müssen also schon deswegen zu Uvalde.“

„Und was wird der uns erzählen, weil wir die Kassetten nicht mehr haben?“

Older fluchte, um sich selbst der Antwort zu entheben.

Am Ende der Gasse erreichten sie eine breitere, belebte Straße. Merrill stieg ab, weil er sich sagte, dass er als Fußgänger nicht so stark auffallen würde.

„Los, runter!“

Older gehorchte. Nebeneinander und die Pferde wie Schutzwälle rechts und links von sich, zogen sie weiter und erreichten so den Crystall Palace.

Ein Stallknecht trat ihnen im offenen Hoftor neben dem Prunkbau des Hotels entgegen. „Pferde einstellen, Sir?“

„Nein!“, erwiderte Merrill. „Wohnt Mister Uvalde noch im Haus?“

„Ja.“

„Ist er da?“

„Ich denke schon.“

Merrill band den Zügel an die Haltestange vor der Veranda.

Ein Wagen ratterte vorbei. In der Nähe blieben ein paar Männer stehen und blickten zu den abgerissenen Banditen.

„Los, Beeilung!“, sagte Merrill verdrossen zu seinem Kumpan.

Older schlang den Zügel um den abgewetzten Holm. Merrill schob ihn vor sich her zum Fußweg hinauf und in das feine Hotel hinein. Teppiche dämpften die Schritte der Halunken. Zu ihrer Erleichterung sahen sie in der Halle nur den Portier, der hinter dem Tresen über ein dickes Buch gebeugt stand und mit kratzender Feder etwas ein trug. Er bemerkte die beiden erst, als sie auf der anderen Seite stehenblieben, Merrill ihm den Federhalter aus der Hand nahm und ins Tintenfass steckte.

„Guten Tag.“ Older bemühte sich um ein freundliches Grinsen. „Zu Mister Uvalde.“

Der Portier starrte die beiden finsteren, verdreckten Typen entsetzt an und trat zurück.

„Ist was?“ Merrill legte den Kopf schief.

„Vielleicht steht er auf den Ohren“, meinte Older und begann böse zu grinsen.

Merrill stieß den Kumpan an, was Olders Gesicht sofort ernst werden ließ.

„Zu Mister Uvalde!“, sagte Merrill schroff.

Der Portier zuckte zusammen. „Ja, natürlich, Mister. Ich werde Sie anmelden.“

„Sie werden uns sagen, wo wir ihn finden, nichts weiter! Anmelden können wir uns selbst. Also?“

„Ich weiß nicht.“

Merrill beugte sich hinüber, als habe er die Absicht, den Portier zu packen. Der Portier wich hastig zurück und prallte gegen das Schlüsselbrett in seinem Rücken.

Merrill blickte aber nur in das Buch, fand den Namen Uvalde und die Zimmernummer dahinter.

„Sie werden Ärger kriegen, Mister!“, drohte Older. „Mister Uvalde und wir sind gute Bekannte! Er erwartet uns.“

„Erster Stock!“, hauchte der Portier. „Soll ich Sie nicht doch besser anmelden?“

„Nein!“ Merrill wandte sich ab und ging mit laut rasselnden Sporen zur Treppe.

Older grinste den Portier noch einmal boshaft an, bevor er dem Kumpan folgte.

Merrill fand das im ersten Stock gelegene Zimmer, ohne weiteren Menschen zu begegnen. Er schlug gegen das Holz, was die Tür klappern ließ.

„Wer ist da?“, ertönte drinnen eine Stimme.

„Der denkt, wir brüllen unsere Namen durchs ganze Haus“, sagte Older und tippte sich gegen die Stirn.

Merrill donnerte mit der Faust an die Tür. „Öffnen Sie, Mister Uvalde!“

„Geh doch einfach rein, verdammt!“, drängte Older. „Oder hast du etwa Angst? Mann, Angst hilft uns jetzt auch nicht mehr weiter!“

„Halt’s Maul, Luck. Und überlass die Sache mir. Ich denke und rede für dich mit.“

„Wer ist denn da?“, wurde ungeduldig gerufen.

„Öffnen Sie, es ist wichtig!“, befahl Merrill.

Die Tür schob sich einen Spalt auf, und Uvaldes Gesicht wurde dahinter sichtbar.

„Ach, Sie!“, rief der Mann entsetzt.

Merrill riss die Tür ganz auf, schob den Mann zur Seite und ging hinein. Older folgte ihm und schloss die Tür.

„Sie können doch nicht einfach hier erscheinen!“, rief Uvalde entsetzt. Er war ein mittelgroßer, breitschultriger Mann mit schwarzen, stark pomadisierten Haaren. Der Prince-Albert-Rock ließ ihn vornehmer erscheinen, als Merrill ihn in Erinnerung hatte, was ihm bestätigte, welch hohen Stellenwert Kleidung bei der Beurteilung eines anderen hatte und wie zerlumpt sie selbst aussahen.

Uvalde trat hinter den Schreibtisch in dem großen Zimmer. Man hatte es geschmackvoll mit englischen Stilmöbeln eingerichtet. Eine offenstehende Nebentür führte in den Schlafraum. Außer ihnen war niemand anwesend, was Merrill aufatmend zur Kenntnis nahm.

Uvalde setzte sich und strich sinnlos über die Schläfen.

„Die letzte Sache klappte leider nicht mehr“, sagte Merrill endlich.

Uvalde stand auf. „Was soll das heißen?“

„Es handelte sich um eine Falle. Mehrere Sicherheitsbeamte der Wells Fargo saßen im Zug und schossen auf uns, was das Zeug hielt. Wir kamen gar nicht erst heran. Außerdem hat die Lok unser Hindernis einfach durchbrochen und einen meiner Leute überfahren.“

„Das ist allein eure Schuld!“ Böse funkelte Uvalde Older an. „Sollte dieser Sicherheitsagent nicht tot sein?“

„Im Zug waren mehrere“, sagte Older.

„Aber Carringo war einer von ihnen, oder?“

„Allerdings“, gab Older mürrisch zu. „Sie stellen sich das zu einfach vor, so einen Mann in einer Stadt umzulegen. Noch dazu, wenn der offenbar das Gras wachsen hört.“

„Alle meine Leute sind tot“, erklärte Merrill schroff. „Mit knapper Not entwischten wir beiden aus Boomtown.“

„Mit Carringo und seinem Indianer auf den Fersen“, setzte Older wütend hinzu.

Merrill warf ihm einen warnenden Blick zu und trat ihm gegen das linke Bein. Und Older erinnerte sich tatsächlich, dass er nicht reden sollte. Aber das missfiel ihm. Der Kerl hinter dem Schreibtisch erschien ihm arrogant und anmaßend und wollte offenbar etwas von seinem Tisch aus beurteilen, wovon er natürlich nach Olders Meinung keine Ahnung hatte.

Er fluchte leise vor sich hin, trat aber dabei weiter zur Seite, um sich aus Merrills Reichweite zu bringen.

„Wo sind die Kassetten?“ Uvalde blickte sie schärfer an, weil er ihre leeren Hände natürlich längst bemerkt hatte.

„Es ging vieles schief“, erwiderte Merrill.

„Ihr habt sie nicht mehr?“

„Wir konnten an das Versteck in Boomtown nicht mehr heran“, wich der Bandenführer aus.

Uvaldes Gestalt sank zusammen wie ein Ballon, aus dem langsam die Luft entwich. „Mein Gott, auch das noch!“

„Und wir haben keinen Zaster mehr“, warf Older ein.

„Sind euch die Sicherheitsbeamten noch auf den Hacken?“

Merrill schüttelte den Kopf. „Die wollte Saint uns abnehmen. Den trafen wir unterwegs.“

Uvaldes Mund klappte auf. „Saint?“

„Der Mann, den ich bei Ihnen kennenlernte und der ganz gut der Satan persönlich sein könnte.“

„Aber ob die beiden das schaffen ...“ Bedenklich bewegte Older den Kopf nach links und rechts.

„Warum denn nicht?“, sagte Uvalde aufgebracht.

„Ich sagte es doch schon, Mister. Dieser Carringo hört das Gras wachsen und die Flöhe husten. Der hat den sechsten Sinn. Oder der Herrgott bewacht ihn pausenlos.“

Uvalde wischte sich den Schweiß mit einem großen, weißen Taschentuch von der Stirn. Er dachte daran, dass er allein in dieser Stadt saß. Lancaster befand sich in Pirna in relativer Sicherheit. Napoleon, sein Diener und Kutscher, war obendrein bei ihm. Saint und Diablo versuchten irgendwo, Carringo doch noch zu erledigen, wie er hoffte. Die Bande vernichtet. Und er saß hier und hielt die Stellung. Vielleicht konnte er die beiden abgerissenen Gestalten noch gebrauchen, selbst wenn es nur darum ging, Lancaster eine rasche Nachricht zu senden, die er dem Telegraphendienst nicht anvertrauen durfte.

Dabei war sein Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit notgedrungen auf ein Minimum gesunken. Aber es gab keine besseren Leute, auf die er zurückgreifen konnte. Er wusste nicht einmal, wen er hier in Phoenix anheuern könnte.

„Ich denke, Sie packen fürs Erste mal dreihundert Bucks aus“, erklärte Merrill.

„Für was eigentlich? Was habt ihr für eine Gegenleistung? Carringo lebt und die geraubten Kassetten besitzt ihr nicht mehr.“

„Für zwei Zugüberfälle und vier tote Kameraden“, sagte Older hart. „Drei Überfälle so kurz hintereinander, das musste ins Auge gehen. Und das haben wir Frank übrigens auch gesagt. Er wollte nur nicht auf uns hören.“

„Stimmt“, gab Merrill zu. „Alle meine Freunde sprachen sich gegen den dritten Überfall aus. Die beiden ersten liefen ohne Panne ab. Da ritten wir schon wieder weg, als die Leute erst begriffen, was eigentlich passiert war.“

„So ist es!“ Older trat an den Tisch heran. „Also, wie steht es mit dreihundert Bucks als Anzahlung?“

Obwohl Uvalde sich wieder sagte, dass er die Kerle noch gebrauchen konnte, sträubte sich sein Geschäftssinn, eine so horrende Summe für nichts als Ärger bezahlen zu sollen.

„Wir hätten genauso gut die ganze Zeit hier sitzen und pokern können“, sagte er. „Im Gegenteil, dann wäre es auch überflüssig gewesen, Saint zu bemühen, der nun irgendwo versucht, diesen Kerl noch auszuschalten.“

„Es war zu viel auf einmal“, sagte Merrill schroff. „Sie müssen zuhören, wenn Ihnen etwas erklärt wird, Mister Uvalde. Die Schuld trifft nicht uns!“

Uvalde stand auf. „Unsere Vereinbarung basiert auf dem Erfolg, auf nichts anderem. Ich handle nicht im eigenen Auftrag und kann demzufolge nur für entsprechende Leistungen zahlen. Tut mir leid, aber das ist nun mal so.“

Merrill blickte fragend auf seinen Kumpan, dem er eigentlich verboten hatte, mitzureden.

Older spuckte auf die gewienerten Dielen, was Uvalde beinahe die Augen aus dem Kopf fallen ließ.

„Also vierhundert Bucks, oder wir stecken dem Marshal eine Kerze an“, sagte Merrill.

Uvalde sank auf den Stuhl und wurde bleich wie eine neue Lehmwand, auf die Sonnenlicht fällt.

Fasziniert von der Idee des Kumpans grinste Older den geschniegelten Mann hinter dem Schreibtisch an. Der hatte sich vermutlich eben noch unheimlich clever gefühlt, als er sich hinter einem Auftraggeber versteckte, den der Bandit ihm ohne weiteres auch zutraute, der sicher aber nicht auf der Kasse saß. Danach sahen die hier angemieteten Räumlichkeiten nicht aus. Uvalde musste selbst genug Geld zur Verfügung haben, wenn er sich solche Pracht leisten konnte.

„Also?“, fragte Merrill.

„Uns schmiert keiner an“, setzte Older hinzu.

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938319
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538212
Schlagworte
carringo betrug

Autor

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Titel: Carringo und der Betrug