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Die Schienengeier

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Schienengeier

Copyright

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Die Schienengeier

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Drei Banditen überfallen das Haus von Carringo, um ihn zu töten. Weil er nicht zuhause ist, nehmen sie seine Familie sowie Chaco als Geiseln. Doch etwas geht schief, und der Mord an Carringo, der eigentlich längst erledigt sein sollte, kann so nicht stattfinden. Doch warum soll Carringo sterben? Diese Frage beschäftigt nicht nur das potentielle Opfer selbst.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Frank Merrill saß als einziger der sechs Banditen im Sattel und schaute aus zusammengekniffenen Augen nach Süden. In dem Flimmern der heißen Luft schienen sich die Bahnschienen aufzulösen, noch bevor sie hinter dem Kakteenfeld verschwanden, das den Horizont begrenzte.

Die fünf anderen Banditen warfen das massenhaft herumliegende Lavageröll hinter dem Reiter auf das Gleis. Graugelber Staub quoll in den Himmel.

„Ist es endlich genug?“, maulte Andy Grant, ein mittelgroßer, bulliger Halunke mit dunkelblonden Haaren.

Frank Merrill schaute über die Schulter. Der Steinhaufen hatte indessen Yardhöhe, aber der Bandenführer mochte noch nicht ausschließen, dass ein entschlussfreudiger Lokomotivführer versuchen würde, das Hindernis mit dem Schienenräumer aus dem Wege zu schaffen und vielleicht sogar Erfolg damit haben könnte.

„Nein, ihr müsst noch was draufpacken.“

„Verdammt, hab in meinem ganzen Leben nicht so schuften müssen“, schimpfte Tony Burton, ein spindeldürrer, lang aufgeschossener Bursche mit rötlichen Haaren und tückischen Augen.

„Du vergisst deine Zeit in den Steinbrüchen.“ Merrill grinste. „Ich wette, die war arbeitsreicher.“

Die abgerissenen Halunken warfen weitere Steine auf den Haufen, der das Gleis blockieren sollte. Und Frank Merrill blickte wieder nach Süden.

Bradshaw hieß die letzte Station im Süden, die der Zug zu dieser Stunde nach Merrills Berechnung bereits verlassen haben musste. Jede Minute hoffte er, Rauch über den Kakteen zu erkennen und ein Vibrieren in den Schienen zu vernehmen.

Aber noch immer klirrte nur das Lavageröll auf dem Gleiskörper und ließ den Steinberg langsam, aber sicher anwachsen.

Frank Merrill war mit seinen fünfunddreißig Jahren der älteste der Banditen, ein hochgewachsener, schmalhüftiger Mann mit schwarzem Haar und einem sichelförmigen Schnurrbart, was ihn finster und rücksichtslos wirken ließ.

„Jetzt“, sagte er plötzlich.

Die fünf Kerle hielten inne.

Luck Older, mittelgroß und athletisch, wischte sich den Schweiß mit dem Unterarm vom Gesicht.

Chap Curtis und Gerry Regan, zwei sehnige, große Männer, nahmen die Hüte ab und versuchten, sich damit einen Lufthauch zuzufächeln.

Chap Curtis war eine extrem hässliche Erscheinung mit wulstigen Lippen in einem sehr schmalen, langen Gesicht, das ein sehr spitzes Kinn nach unten und Eiform nach oben abschloss. Er hatte langes Blondhaar und eine scharf gekrümmte Nase.

Der ferne Pfiff der Lokomotive tönte aus der Ferne herauf, in den Schienen begann es zu singen, und über den Kakteen im Süden quoll etwas Schwarzes in den Himmel.

Frank Merrill lenkte sein Pferd vom Gleis und zu den anderen Pferden im Schutze der Saguaros. Er stieg ab, zog das Gewehr aus dem Scabbard und repetierte es.

Die anderen wischten den Gesteinsstaub an den ausgebeulten Hosen von den Handflächen und griffen ebenfalls nach ihren Mehrladegewehren.

Im Flimmern tauchte der Zug auf der Schiene auf, wurde von der Luftspiegelung in Raster geschnitten und schien auf einer endlosen Wasserfläche heranzudampfen.

„Tony, wenn der Postschaffner Ärger bereiten sollte, dringst du durch das Hinterfenster ein!“, befahl Merrill.

Der spindeldürre Bursche verzog das Geiergesicht zu einer grinsenden Grimasse. „Ist klar, Frank.“

„Und kein unnützes Blutvergießen. So was schadet nur.“

Die fünf Banditen um ihren Anführer repetierten die Gewehre.

Ein Pfiff schrillte über das eintönige Buschland zwischen dem San Francisco Plateau im Osten und den Granite Mountains im Westen, die sich jeweils so weit von der Bahnlinie entfernt befanden, dass die Bergspitzen fast wie die Ränder von Wolkenbänken aussahen.

Deutlicher wurde der Zug, der aus einer Baldwin-Lok, dem Tender, drei Passagierwagen und dem Expresswaggon bestand. Schwarz quoll der mit Funken untermischte Rauch aus dem großen Dreieckschornstein und zerflatterte über Kakteen und Buschwerk.

Rasch näherte sich die kleine Wagenschlange.

„Jetzt muss er den Haufen aber sehen“, sagte der hässliche Curtis.

Da pfiff die Lok wieder. Dampf strömte aus dem Überdruckventil des Kessels und löste sich in der Gluthitze augenblicklich auf. Die schwarze Wolke riss ab. Gestalten kletterten aus dem ersten Abteil, verteilten sich, sprangen von Dach zu Dach und drehten an den Bremsrädern. Laut kreischend legten sich die Bremsklötze gegen die Eisenräder der Waggons, blockierten und ließen sie auf den glatten Schienen rutschen. Die Schubkraft beförderte die Lok noch bis in den Gesteinshaufen, der sie dann jedoch anhielt.

Ruckelnd und klirrend schlugen Puffer und Kupplungen gegeneinander. Auf dem ersten Dach wurde der Bremser umgerissen. Seine haltsuchende Hand griff ins Leere. Unter lautem Geschrei stürzte der Eisenbahner vom Dach.

Heftig in die Luft feuernd, verließen die sechs Banditen den Schutz von Buschwerk und Saguaros.

In den Waggons schrien entnervte Frauen hysterisch auf. Ein Kind weinte. Der Heizer war vom Holzstoß auf die kurze Eisenplattform zwischen Tender und Lok geschleudert worden. Der Lokführer knallte mit dem Kopf gegen eine Armatur und trug eine Platzwunde an der Stirn davon.

„Alles aussteigen!“, brüllte Merrill. „Los, los, schneller, ihr lahmen Tanten!“

Fluchend griff der Lokführer nach seinem Gewehr. „Euch werde ich’s zeigen, Banditengesindel!“

Merrill repetierte und schoss auf ihn. Die Kugel riss dem Eisenbahner eine tiefe Streifwunde in den Arm, was die Finger des Mannes öffnete und seine Waffe scheppernd auf dem Boden landen ließ.

Hastig sprang er vom Zug und rief: „Tut, was die Kerle sagen, oder sie bringen euch um!“

„Hinlegen!“

Der Lokführer warf sich mit dem Gesicht nach unten neben die schwarze, schnaufende Maschine, aus der Dampf mit leisem Zischen über der Kolbenstange entwich.

Mit erhobenen Händen sprang auch der Heizer vom Fahrstand und stürzte neben seinen Boss.

Die Banditen rissen nacheinander sämtliche Türen an den Wagenenden auf. Die geschockten Reisenden sprangen heraus und mussten sich sofort auf den Boden legen.

Ein Bremser wagte den Sprung auf der abgewandten Zugseite vom Dach, verstauchte sich aber so sehr den Fuß, dass er stöhnend zu Boden ging und liegenblieb.

Zwei Frauen trugen Kleinkinder auf den Armen, was sie nicht davor bewahrte, das Schicksal der anderen zu teilen.

Nur der Waggon mit der Aufschrift „Wells Fargo Company“ blieb verschlossen.

Merrill, Grant und Burton liefen nach hinten und schossen auf die dicken Planken des Waggons, aber innen rastete nur ein Verschluss ein.

„Öffnen Sie!“, schrie Merrill.

„Der Teufel soll euch holen!“, tönte es dumpf heraus.

Merrill gab dem spindeldürren Burton ein Zeichen mit dem Kopf und eröffnete ein Schnellfeuer auf die Tür, um den Postschaffner abzulenken. Auch Grant schoss auf den Expresswaggon, während die drei anderen Halunken die Reisenden und das Zugpersonal in Schach hielten.

Burton hastete zur Rückseite des Waggons, kletterte auf die Kupplung, während er das Gewehr fallen ließ, zog den Colt und schlug die Scheibe des kleinen Fensters ein.

Zwischen vielfächrigen Regalen, einem Arbeitstisch und zwei verschieden großen Panzerschränken von schwarzer Farbe wirbelte der Postschaffner herum, hob einen großkalibrigen, alten Revolver und feuerte. Ein Flammenblitz zuckte dem Banditen entgegen, doch die Kugel streifte nur sein Ohr. Eine Pulverdampfwolke hüllte den schmalbrüstigen Schaffner mit den schwarzen Schonern über grauen Ärmeln und dem dunklen Schirm über den Augen ein.

Burton jagte eine Kugel hinein.

Der Mann stöhnte, schwankte rückwärts, verlor die rauchende Waffe und hielt sich an der Tischkante fest.

Burton zwängte sich hinein und sprang federnd auf den Boden.

Am Tisch brach der Postschaffner zusammen.

„He, Tony, wie lange dauert das noch?“, rief der Bandenführer draußen ungeduldig.

Burton hängte den Verschluss aus und schob die Rolltür nach vorn.

„Na also!“ Merrill sprang in den Wagen, schaute sich nur kurz um, und ging auf den kleineren der beiden Panzerschränke zu.

Grant folgte dem Anführer. Auch er beachtete weder die mit Briefen und Paketen vollgestopften Regale noch den größeren Panzerschrank, sondern folgte Merrill zu dem kleineren, fest eingebauten Tresor. Er wies ein relativ großes Schlüsselloch auf, das auf eine primitive, aber schwere Sperre schließen ließ.

Merrill zog eine Dynamitpatrone aus der Tasche, die dünn wie ein Zigarillo und mit einer kurzen Lunte versehen war.

Draußen wurde ein Schuss abgefeuert.

„Rübe runter, Alter, sonst erlebst du den Sonnenuntergang nicht mehr!“, brüllte Regan.

„He, hier will sich einer verdrücken!“, meldete Older auf der anderen Zugseite. „Zurück, Mister!“

Ein zweiter Warnschuss pfiff über die Dächer des kleinen Zuges.

„Die sollen mir die Leute in Schach halten!“, rief der Bandenführer.

Grant schaute durch die offenstehende Tür. „Gebt ihnen Zunder, wenn sie aufmucken.“

Merrill schob die Patrone in das Schlüsselloch, brannte sich ein Zigarillo an, blies gegen die Glut und hielt sie an die Lunte. Sofort sprühten Funken, und mit dem aufsteigenden Rauch breitete sich penetranter Gestank aus.

„Raus!“

Sie sprangen alle drei aus dem Expresswaggon und gingen unter der Rolltür in Deckung.

Die Passagiere und das Fahrpersonal lagen noch im Dreck. Ein Bremser humpelte vorn um die Lok, die Hände erhoben und eine Gewehrmündung im Nacken.

„Runter!“, befahl der Bandit.

Der humpelnde Mann gehorchte.

Im Expresswaggon explodierte die Dynamitstange und fetzte das Schloss auseinander. Die Zuhaltung fiel aus dem aufgerissenen Kasten nach innen und die Tür pendelte, nach außen.

Merrill stand als erster drinnen in den Rauchschwaden und entnahm dem Tresor eine Kassette.

„He, lass das Kleingeld nicht liegen!“, rief Grant, der hereinschaute. „So dick haben wir’s nicht, dass wir uns leisten können, es zu übersehen!“ Er sprang hinein, raffte alles im Panzerschrank herumliegende Geld zusammen und folgte dem Bandenführer, der bereits wieder draußen stand und mit der Kassette unter dem Arm zu den Pferden jenseits der Kakteen und Büsche lief.

„Fertig, Leute!“ Burton winkte den anderen, bevor er hinter Merrill und Grant herrannte.

„Alles liegenbleiben!“, befahl Older. „Keiner rührt sich von der Stelle!“

Die drei letzten Banditen zogen sich rückwärtsgehend zurück, hielten dabei die Gewehre jedoch weiterhin auf die liegenden Leute vor dem Zug angeschlagen. Als ein Mann hustete, feuerten sie alle gleichzeitig. Die Kugeln pfiffen den verschreckten Passagieren über die Köpfe und wimmerten unter den Traversen der Waggons hindurch. Eine traf ein Rad, prallte ab und heulte als Querschläger über die Menschen weg.

„Alles klar?“, fragte Older.

Merrill saß bereits im Sattel und verstaute die Kassette unter seiner abgeschabten Jacke. „Bei richtiger Planung kann nichts schiefgehen. Haben wir schlecht geplant, Andy?“

„Keineswegs!“ Grant grinste von einem Ohr zum anderen.

„Na also. Sind wir soweit?“

Sie sprangen alle in die Sättel.

Merrill trieb sein großes Pferd an und sprengte vom Zug weg nach Westen. Die Bande schloss sich an.

 

 

2

Als erster hob der Zugführer den Kopf, rollte sich auf den Arm, fiel aber fluchend zurück, weil von der Streifwunde ein jäher Schmerz durch seinen Körper stach.

Der Heizer hob nur ein paar Zoll den Kopf. „Sind sie alle weg?“

„Sieh doch selbst nach, verdammt!“ Fluchend rollte sich der Lokführer auf die andere Seite und betastete vorsichtig die heftig schmerzende Wunde. Dabei schaute er zu den Kakteen. Die Banditen waren verschwunden.

Der Eisenbahner rappelte sich auf und blickte auf die mehr als zwei Dutzend liegenden Menschen, die kaum zu atmen wagten und offenbar auch nicht hörten, wie sich der Hufschlag rasch nach Westen entfernte.

„Ihr könnt aufstehen!“

Der Heizer wagte sich als erster auf die Beine und rückte hilflos an seiner halb verbrannten Mütze herum.

„Mein Gott, ich bin durch hundert Höllen gelaufen!“ Eine Frau bekreuzigte sich, kaum dass sie stand. „Aber der Heiland war bei uns und hielt die Hand schützend über uns!“

„Amen!“ Eine andere Frau faltete die Hände und blickte in den dunstigen Himmel Arizonas.

Der Zugführer ging an den Menschen vorbei, blickte in den offenstehenden Expresswaggon und sah die Leiche neben dem Tisch. Das Gesicht des Postschaffners lag auf der Seite. Leer und glasig schauten die Augen auf den Mann draußen in der glühenden Sonne.

Der Blick des Mannes wanderte zu dem aufgesprengten Tresor. Ein paar Kupfermünzen lagen davor. Um das Schloss herum zeigte der Tresor graue Pulverdampfspuren.

„Was haben die denn geklaut?“, rief der heranhastende Heizer. Keuchend blieb er neben seinem Kollegen stehen. „Ach, du lieber Gott, die haben Cohn ja erschossen.“

Der Lokführer kletterte hinein, faltete dem Toten die Hände, legte sein Gesicht gerade und drückte ihm die Augen zu.

„Aber die Moneten sind doch im großen Schrank?“ Der Heizer staunte. „Da drin befand sich doch nur Kleingeld. Was eigentlich noch, Burt?“

„Keine Ahnung. Das ist nicht mein Problem.“ Der Lokführer schob den Toten unter den festmontierten Tisch, schaute sich noch einmal kurz um, sprang hinaus, rollte die Tür zu und hakte den Verschluss ein.

Die heraneilenden Menschen erschienen zu spät, um die jetzt erwachte Neugier noch zu befriedigen.

„Was ist denn da drin?“, fragte ein Mann.

„Der Postschaffner wurde erschossen. Steigen Sie ein, wir fahren gleich weiter.“

„Ich glaube, in dem kleinen Panzerschrank verwahrte der Postschaffner meistens Aktien, Wertpapiere und solchen Kram auf“, sagte der Heizer, während er dem Zugführer folgte.

„Los, los, einsteigen!“, rief der Lokführer.

„Und wer räumt die Steine weg?“, fragte der humpelnde Bremser neben dem Tender.

„Du meine Güte, die hab ich glatt vergessen! He, alle Männer bleiben draußen und helfen!“

Sie zogen vor die Lokomotive und begannen, das Lavageröll von der Schiene zu werfen.

„Wir können froh sein, dass die Schurken vergessen haben, uns auszuplündern“, sagte ein reisender Händler. „Wenn ich meine Kollektion eingebüßt hätte, könnte ich mir eine Kugel in den Kopf schießen.“

Niemand interessierte sich dafür. Nach ein paar Minuten lag die Schiene frei vor der Baldwin-Lok, und der Zugführer schob die paar Männer vor sich her zurück.

„Einsteigen, Herrschaften!“ Er kletterte in den Fahrstand und öffnete das Überströmventil. Ein scharfer Pfiff heulte in das Buschland hinaus.

Die Leute begannen plötzlich zu laufen, als seien sie in Sorge, der Zug könne ohne sie die Reise fortsetzen. Türen knallten zu.

Als letzter stieg der humpelnde Bremser auf und schloss das Dienstabteil.

Als der Pfiff verklang, war der Hufschlag der geflüchteten Banditen längst nicht mehr zu vernehmen.

„Das sah exakt geplant aus“, murmelte der Heizer. „Als wenn die sich nur geholt hätten, auf was sie es sowieso abgesehen hatten. Findest du das auch?“

„Wir haben nicht mehr genug Dampf“, maulte der Lokführer, während er die Klappe der Feuerung öffnete. „Du solltest dich lieber darum kümmern!“

„Ist ja schon in Ordnung. Weißt doch selbst, dass ich ziemlich neugierig bin.“ Der Heizer warf Holz ins Feuer und stieß den Gluthaufen mit einer Eisenstange zusammen.

Der Zug setzte sich ruckelnd und mit durchdrehenden Rädern der Lok in Bewegung.

 

 

3

Die sechs Banditen hielten zwischen den Kakteen und schauten zurück. Sehen konnten sie die kleine Wagenschlange nicht. Aber sie hörten die Fahrgeräusche und das Stampfen der Dampfmaschine, sahen den schwarzen Rauch und die aufstiebenden Funken.

„Die sind heilfroh, noch am Leben zu sein.“ Der bullige Grant grinste den Bandenführer an und schaute auf dessen gewölbte Jacke mit der Kassette darunter.

Merrill wandte sich Older zu. „Hast du den Stadtplan noch?“

Der mittelgroße, athletische Schurke mit dem breitflächigen Gesicht, der eine Messernarbe am Kinn hatte und dessen streichholzkurzes, blondes Haar völlig unter dem schweißdurchtränkten Hut verschwand, tastete über die Jacke, hörte das Knistern von Papier und nickte. „Alles in Ordnung.“

„Beeilt euch. Bei der nächsten Sache müssen wir wieder vollzählig sein.“

„Wir legen ihn um und verschwinden sofort wieder aus Prescott“, versicherte Older.

„Es darf nichts schiefgehen, Luck. Und seid vorsichtig. Dieser Carringo gilt als besonders gefährlich.“

Chap Curtis drängte sein Pferd neben Older. „Nichts ist einfacher, als einen Mann in seinen eigenen vier Wänden umzupusten.“ Der hässliche Halunke mit dem spitzen Kinn, der schmalen Nase und dem struppigen Backenbart unter den langen Blondhaaren grinste Older beifallheischend an.

„Du sagst es, Chap.“ Older schnalzte mit der Zunge und setzte den Ritt nach Westen fort, schwenkte hinter der nächsten Saguaro-Kaktee allerdings etwas nach Norden.

Curtis und Gerry Regan schlossen sich dem Banditen an.

Frank Merrill, der Bandenführer, Andy Grant und Tony Burton schauten den drei anderen nach, bis der letzte im unübersichtlichen Buschland verschwunden war. Dann lenkte Merrill sein Pferd nach Südwesten.

Grant und Burton schlossen sich an.

„Befanden sich eigentlich gar keine Bucks in dem Tresor?“, wollte Burton wissen.

„Doch, ein paar Dollar schon“, erwiderte Grant.

„Und was wird damit?“

„Keine Sorge. Auch wenn du Zaster genug anderweitig verdienst, kriegst du deinen Anteil.“

Burton, der Mörder des Express-Schaffners, gab sich damit zufrieden.

 

 

4

„Das ist Prescott.“ Older deutete auf die Lichter, die gar nicht sehr weit voraus die Nacht erhellten und auf eine größere Stadt in der Prärie schließen ließen.

Gerry Regan stieg ab, führte sein Pferd von der Wagenstraße ins dichte Buschgebiet, sattelte es ab, rollte seine Campdecke aus und legte sich nieder. Er durchsuchte seine Satteltasche, fand aber nur noch ein Stück Hartbrot, auf dem er trotz des Hungers nur lustlos herumkaute.

Curtis ritt um die Büsche, beugte sich aus dem Sattel und fragte: „Spielst du nicht mehr mit?“

„Willst du mitten in der Nacht in das Nest reiten?“ Regan schlug die Decke über sich und schob den Sattel unter dem Kopf zurecht.

„Selbstverständlich warten wir den Tag ab. Wir müssen wie harmlose Fremde aufkreuzen.“ Noch hinter Curtis saß Older ab, führte sein Pferd am Kumpan vorbei und sattelte es in Regans Nähe ebenfalls ab. Auch er breitete seine Decke aus und legte den Sattel ans Ende.

„Hast du noch was zu beißen, Luck?“ Regan schaute zu dem Komplicen hinüber, der sich niederlegte.

„Alles schon verschlungen.“ Older grinste. „Du weißt doch, bei mir wird nichts alt.“

„Ja, ich weiß.“

Curtis stieg nun ebenfalls aus dem Sattel. „Also, wenn ihr mich fragt, ich hätte es …“

„Wir fragen dich nicht“, unterbrach Older den Kumpan. „Und wir erledigen es nicht in der Nacht. Da landest du schnell in einem falschen Haus und schickst dann auch den falschen Mann über den Jordan.“

„Wobei es nicht um den beklagenswerten falschen Mann geht“, setzte Regan hinzu. „Sondern darum, dass der richtige Mann noch am Leben ist.“

„Du sagst es.“ Older zog sich den Hut über das Gesicht und die Campdecke bis ans Kinn.

„Frank glaubt sicher, wir erledigen es noch während der Nacht. Und ich dachte, ihr hättet es genau abgesprochen.“

„Das kommt heraus, wenn du deinen Kopf mit so was belastest“, spottete Gerry Regan.

„Pass auf, dass ich dir nicht die Rübe eintrete, verdammt!“

„Leg dich hin und gib Frieden, Chap!“ Older schob den Hut noch einmal vom Gesicht.

„Und wer passt auf?“

„Auf was denn?“

„Dass uns hier nicht plötzlich jemand auf die Pelle rückt, zur Hölle. Auf was denn sonst?“

„Die Pferde warnen uns schon, wenn sich jemand auf der Straße nähern sollte. Los, Chap, halt keine langen Reden, ich möchte ein paar Stunden schlafen. Haben wir doch wirklich mal wieder verdient.“

So sattelte auch der hässliche Curtis schließlich murrend sein Pferd ab und bereitete sein Lager vor.

„Einen Zug überfallen und dann in der Prärie pennen, als wäre nichts gewesen“, maulte er. „Das geht erheblich über meine Begriffe.“

Die beiden anderen gaben keine Antwort, und so wusste Chap Curtis nicht, ob sie bereits schliefen oder seine letzten Worte noch hörten.

 

 

5

Zur selben Zeit erreichten Frank Merrill, Andy Grant und Tony Burton eine Ansammlung von Hütten, vor denen am Rande des Karrenwegs ein Pfahl windschief im Boden steckte. Eine alte Tafel mit der verblichenen Aufschrift „Boomtown“ hing daran genagelt.

Die Halunken zügelten die Pferde und blickten auf die im fahlen Mondschein schimmernden Dächer.

Ein Wolf heulte klagend mitten in dem verlassenen Nest, tauchte aus dem Schlagschatten einer Hütte auf und wandte sich zur Flucht.

„Niemand da in der Geisterstadt“, stellte Merrill daraufhin fest, schnalzte mit der Zunge und dirigierte sein Pferd in den verlassenen Ort.

Die beiden anderen folgten ihm.

Ein leises Pfeifen ließ Tony Burton jäh den Zügel anziehen. Sein Pferd scheute und drängte rückwärts.

Kaum zu erkennen, bewegten sich wieselflinke, kleine Tiere vom Brunnen auf der Plaza nach allen Seiten und tauchten in der Dunkelheit unter.

Merrill zügelte sein Tier und schaute zurück. „Was ist los, Tony, hast du Angst?“

„Was sind das für Tiere?“

„Ratten, was denn sonst.“

Burton lief es kalt über den Rücken. „Die greifen Menschen an, wenn sie nichts mehr zu fressen finden. Und sie übertragen Krankheiten, Seuchen!“

„Angst?“ Grant, der ebenfalls anhielt, grinste durch die Dunkelheit, wobei die Lücken zwischen seinen Zähnen sichtbar wurden.

Merrill ritt weiter, hielt aber scharf nach beiden Seiten Ausschau, um möglichst sicher vor einer Überraschung zu sein, denn immerhin sagte er sich, dass so gut wie sie auch andere Banditen hier Zuflucht gesucht haben könnten.

Doch er erreichte den Brunnen, ohne etwas Verdächtiges bemerkt zu haben, hielt an, stellte den rechten Fuß auf die Brunnenmauer und blickte in den Schacht hinunter. Ein Seil verschwand von der Holztrommel in der Tiefe.

Merrill stieg ab, bewegte die Kurbel an der Trommel und hörte im Brunnen einen Eimer klirrend gegen die Wände schlagen.

Die Ratten liefen aus den verlassenen Hütten ins Mondlicht zurück und beäugten aus kleinen, glitzernden Augen die Männer.

„Seht euch die nur an!“, sagte Burton heiser. „Die denken nicht daran, sich vor uns zu verstecken!“

Merrill zog den Eimer auf den Brunnenrand und kostete das Wasser, das ihn zur Hälfte ausfüllte. „Genießbar.“ Er schüttete das Wasser in die Tränke neben dem Brunnen und ließ sein Pferd saufen.

Die Ratten wagten sich näher heran.

Burton zog den Colt und jagte zwei Schüsse in den Boden. Augenblicklich ergriffen die Tiere die Flucht.

Das Krachen der Schüsse hallte durch die Geisterstadt. Die Banditen sahen sich um.

„Wäre es nicht besser gewesen, wenn wir alle nach Prescott …“

„Nein“, unterbrach Merrill den Komplicen schroff. „Drei Männer fallen nicht weiter auf. Sechs sind gleich verdächtig.“

„Wir konnten doch auch vor der Stadt warten.“

„Wir haben uns hier verabredet“, sagte Merrill, hängte den Zinkeimer ans Seil und ließ die Trommel abrollen. „Und das ist auch besser, weil man uns so auch nicht in der Nähe von Prescott in einem größeren Haufen sieht.“

„Und alles nur wegen der Ratten.“ Grant stieg ab und führte seinen Braunen an die Tränke.

Die vorwitzigen Nager wagten sich schon wieder aus dem Schatten der Hütten und beäugten aus ihren Glitzeraugen die Eindringlinge.

„Hier kriege ich kein Auge zu“, stieß Burton hervor.

„Um so besser, dann können wir schlafen.“ Grant lachte hämisch.

Burtons Pferd trug seinen Reiter an die Tränke und soff ebenfalls.

Merrill zog den Eimer herauf und goss noch mehr Wasser in die Tränke.

Grant verließ die Kumpane, näherte sich dem ehemaligen Drugstore und trat gegen die Tür. Sie schwang jedoch nicht nach innen, sondern fiel von den durchgerosteten Angeln und schlug dumpf in den mit staubüberzogenen Gerümpel angefüllten Laden.

Eine Eule floh mit lautem Kreischen und heftigem Flügelschlag durch das geborstene Fenster, flog über die Banditen am Brunnen hinweg und tauchte im Dunkel unter.

Die Ratten huschten unter das Gerümpel, tauchten in Löcher und krochen unter die teilweise noch vorhandenen Dielen.

Das nackte Grauen befiel den eiskalten Killer bei der Vorstellung, hier eine Weile zubringen zu müssen.

„Wollen wir nachsehen, ob in der Kneipe noch Whisky zu finden ist?“, fragte Grant.

„Nachsehen kannst du, wenn du mit der Zeit doch nichts anzufangen weißt“, entgegnete Merrill. „Aber finden wirst du mit Sicherheit nichts, Andy.“

Burton zog sich zu den anderen zurück.

„Der Wolf muss hier auch noch Beute gewittert haben“, sagte Grant. „Also liegt auch noch manches herum.“

„Unsinn. Das war ein alter Geselle, der sein Rudel verloren hat und darauf angewiesen ist, den Ratten aufzulauern.“ Abermals zog Merrill den Eimer auf den Brunnenrand, legte seinen Hut daneben, trank aus zusammengelegten Händen, wusch sich das Gesicht ab und stieß den Eimer mit dem Ellenbogen in den Schacht.

Laut scheppernd von Wand zu Wand fliegend stürzte das Gefäß in die Tiefe.

„Und ich?“, maulte Grant.

„Du kannst dich gefälligst selbst bedienen.“ Merrill stülpte den Hut auf, nahm sein Pferd am Zügel und führte es zum ehemaligen Saloon. Dem Vordach fehlten ein paar Stützen, so dass es mit einem Knick mitten drin fast bis auf die Veranda hing.

„Wir könnten doch auch außerhalb von Boomtown auf die anderen warten“, schlug Burton vor.

Grant lachte darüber lauthals: Merrill hörte gar nicht zu. Von der Seite her führte der Bandenführer sein Pferd auf die Bretter der Veranda vor der Kneipe und in das Loch hinein, an dem einmal rechts und links die Schwingflügel angeschlagen gewesen waren.

Auch in dem verlassenen Saloon drangen die Geräusche der Ratten lauter als das Knarren der Dielenbretter an die Ohren des Banditen. Sie huschten über den Boden, den Tresen, die verstaubten Regale, über Trümmer, Pfosten und Wände weg und schienen den langen Raum zu Hunderten zu bevölkern.

Draußen feuerte Burton aus seinem Revolver, was die Tiere im Saloon nicht im Geringsten störte.

Merrills Pferd wieherte und schlug krachend mit einem Eisen auf die Dielen. Das Holz brach. Unsichtbar wirbelte Staub auf.

„Hör auf, Tony, du vergeudest nur deine Patronen“, sagte Grant. „Und wenn du Pech hast, werden sie auf dich besonders neugierig!“

„Wir können so gut wie hier hinter der Stadt warten.“

„Frank hat keine Lust dazu, das kann dir doch nicht entgangen sein, Tony. Und ich auch nicht. Hier sind wir sicher. Los, vielleicht finden wir doch irgendwo eine Flasche Whisky!“

Merrill sattelte in der Kneipe sein Pferd ab. Die vielen Ratten verursachten ihm selbst ein unbehagliches Gefühl. Aber jetzt erschien ihm der Rückzug aus dem Nest ohne Prestigeverlust unmöglich.

Grant polterte mit seinem Pferd über die Veranda und führte den Braunen in den Saloon.

Indessen suchte Merrill die Decke nach einer Lampe ab und fand in der Tat einen intakten Leuchter mit zwei Armen. Als er am Pfosten ein Schwefelholz anrieb, erkannte er Petroleum in den Glasbehältern. Er zündete die Dochte an, ließ das Schwefelholz fallen und stellte den Stiefel darauf.

Die Helligkeit vertrieb die Ratten aus dem Blickfeld der Banditen.

„Tony, hier sind sie abgehauen!“, rief Grant.

 

 

6

Ein Sonnenstrahl spielte an der Wand in der Kammer und vergoldete den Raum bis zur Decke hinauf.

Manuela blickte Doc Walter an. Der Arzt richtete sich neben ihr am Bett auf und lächelte zuversichtlich.

„Noch vier bis fünf Wochen, Manuela, dann werden Sie Ihr Kind haben.“ Doc Walter wandte sich ab, packte auf dem Nachttisch seine schwarze Instrumententasche zusammen und wandte sich der Tür zu.

„Kann ich wieder aufstehen, Doc?“

„Selbstverständlich. Sie gehen ganz normal Ihrer Arbeit nach. Vermeiden Sie Hast und schweres Heben und Aufregung natürlich. Ich schaue in ein paar Tagen wieder herein.“

„Danke, Doktor.“ Manuela setzte sich auf die Bettkante und griff nach ihrem Kattunkleid auf dem Stuhl.

„Schon was von Carringo gehört?“

„Nein, nichts Neues. Ich hoffe, er kehrt bald nach Prescott zurück.“

Manuela zog das Kleid über, stand auf und zupfte an sich herum.

Doc Walter schaute zurück und lächelte. „Sie können es nicht verbergen, dass Sie ein Kind erwarten, Manuela.“ Er stülpte seinen Hut auf. „Also dann.“

„Auf Wiedersehen, Doktor!“

Walter verließ das Haus und schritt die Phoenix Street zur Stadtmitte hinunter, um noch einen Patienten in der Wagon Road zu besuchen.

Beim Mietstall kurz vor der ersten Ecke standen drei Fremde mit dem Stallbesitzer, heruntergekommene, verstaubte Gestalten, die wenig vertrauenerweckend aussahen.

Die Kerle beobachteten den in der Nähe vorbeigehenden Arzt und schauten ihm nach.

„Also unter einem Dollar für alle drei Tiere geht nichts.“ Der brummige Stallbesitzer wollte sich abwenden.

„He, langsam, Mister!“ Luck Older hielt den kleinen Mann fest. „Hat doch kein Mensch gesagt, dass wir keinen Dollar bezahlen wollten. In Ordnung, wir stellen die Gäule bei Ihnen ein.“

Older drückte dem Stallmann einen Dollar in die Hand.

„Na also, warum nicht gleich so.“ Der Stallmann nahm den Banditen die Pferde ab und führte sie in den Hof.

„Unsere Gewehre!“, rief Regan.

„Die könnt ihr ruhig in den Scabbards stecken lassen. In meinem Stall wird nichts geklaut.“

„Hoffentlich nicht“, murmelte Curtis misstrauisch.

„Habt ihr es gesehen?“, flüsterte Older.

„Was?“ Regan drehte sich um.

„Der Doc verließ Carringos Haus.“ Older zog einen Lageplan der Stadt Prescott unter der Jacke hervor und deutete auf ein Haus, neben dem ein Kreuz aufs Papier gemalt war.

Die Kerle blickten auf seinen Finger und dann die Straße hinauf.

„Eins, zwei, drei“, zählte Regan. „Genau, da trat er heraus.“

„Der wird doch nicht krank sein?“, meinte Curtis.

„Ich schlage vor, wir hören uns erst mal um“, erwiderte Older.

„Genau!“ Regan nickte. „Und essen was Ordentliches in einem Saloon. Mir ist schon schlecht vor Hunger!“

Der Stallmann verschwand mit den drei Pferden im Mietstall.

„Brauchen wir die Gewehre wirklich nicht?“ Curtis sah zweifelnd aus.

„Die behindern uns doch nur.“ Older ging zur Ecke, an der Wells-Fargo-Agentur vorbei und quer über die Plaza zum Saloon.

Der dicke Keeper hantierte hinter dem Tresen. Am Geländer im Obergeschoss lehnten ein paar Barmädchen, die gelangweilt auf die verstaubten, keineswegs nach viel Geld aussehenden Fremden schauten.

Older nahm an einem Tisch nahe der Fensterreihe Platz und schob rechts und links von sich Stühle für seine Kumpane zurück.

„Whisky pur und ein Steak so groß wie meine Hand!“, rief Regan. „Für meine Freunde das gleiche, Mister!“

„Steaks, jetzt, am frühen Morgen? Ich hab noch kein Feuer im Herd, Mister.“

„Dann entfachen Sie welches.“ Regan setzte sich. „Aber bringen Sie vorher den Whisky. Am besten gleich eine größere Flasche, dann müssen Sie nicht so oft laufen.“

„Sodawasser dazu!“, rief Older. Leise setzte er hinzu: „Wer sich besäuft, kriegt von mir ’ne Unze Blei in den dummen Schädel.“

Der Keeper brachte zwei Flaschen und drei Gläser.

Eins der Mädchen bewegte sich langsam die Treppe hinunter, trällerte eine Melodie, und drehte sich unbeholfen tanzend vor dem Tresen, wobei sie den Banditen zulächelte.

„Komm her, Lady!“ Older winkte. Das Mädchen nahm ein Glas vom Tresen und näherte sich.

Regan schob den vierten Stuhl etwas vom Tisch weg, nahm dem Mädchen im schillernden, tief ausgeschnittenen Seidenkleid das Glas ab und schenkte es voll puren Whisky. „Hallo! Ich heiße Mabel.“

„Schon lange hier, Mabel?“ Older stieß mit dem nicht sehr intelligent aussehenden Mädchen an.

„Ziemlich lange.“ Mabel lachte dumm. „Was man eben lange nennt.“

„Wie lange?“

„Halbes Jahr.“

„Kennst du einen gewissen Carringo? Wells-Fargo-Specialagent.“

„Natürlich. Auf den stehen doch die Mädchen. Den kennt hier jede.“

„Wo steckt er?“

„Weiß ich nicht. Hab ihn schon wochenlang nicht mehr gesehen. Ist sicher nicht in der Stadt. Kennst du ihn?“

„Würde ich sonst nach ihm fragen?“

Mabel kicherte, setzte das Glas an und trank den Whisky auf einen Zug.

Regan schenkte ihr wieder ein.

Indessen bewegten sich noch zwei Mädchen die Treppe hinunter.

„Trink und verschwinde!“, herrschte Older Mabel mit jäh veränderter Stimme an. „Und sag den anderen, dass wir allein sein wollen. Haben was unter Männern zu bereden.“

„Mein Gott, ist das ein Ton!“ Entrüstet erhob sich Mabel, vergaß jedoch nicht, den zweiten Whisky rasch noch zu trinken, bevor sie zu den anderen Mädchen schlenderte. „Die könnt ihr vergessen!“, sagte sie. „Trockene Gesellschaft.“

„Und wenn der wirklich nicht da ist?“, fragte Regan.

„Dann wird er bald aufkreuzen“, erwiderte Older. „Sonst hätten wir doch den Auftrag nicht erhalten.“

In der Küche hinter der offenstehenden Tür stocherte der Wirt fluchend in der Herdfeuerung herum und versuchte durch Hineinblasen Glutreste unter der Asche neu zu entfachen.

Regan schenkte ein. „Also den ersten muss ich pur trinken, Luck. Aber keine Sorge, der schadet meinem Kopf nicht, sondern bringt ihn erst richtig auf Touren!“

 

 

7

Die Banditen schlenderten so harmlos wie möglich zur Phoenix Street zurück, blieben hier und da stehen, schauten sich um, gingen weiter, drückten sich in Hausnischen, warteten, setzten sich wieder in Bewegung, bis sie schließlich das anvisierte Haus erreichten.

Ungesehen schoben sie sich in den Hof, wurden plötzlich eilig, liefen zum hinten angebauten Stall und tauchten darin unter.

Jellicos junger Hengst Star schnaubte und zerrte an der klirrenden Kette, die ihn an die Stallwand fesselte.

„Ganz still, Kleiner, dir tun wir nichts.“ Regan tätschelte dem erschrockenen Junghengst den Hals und brachte ihn damit sofort wieder zur Ruhe.

„Und jetzt?“ Curtis kratzte sich im Nacken. „Wollen wir hier warten, bis sich mal jemand sehen lässt?“

„Warum nicht? Irgendwann wird irgendwer den Gaul versorgen. Eine günstige Gelegenheit, sich seiner zu bemächtigen.“

„Richtig!“, stimmte Regan zu. „Und dann erfahren wir schon, ob er zurück ist oder noch nicht.“

„Wenn nicht, taucht er bestimmt bald auf“, meinte Older. „Wir wurden schon nicht einfach ins Blaue geschickt.“

Star bewegte den Kopf zur Seite und blickte aus einem großen Auge auf die fremden Eindringlinge.

Curtis fand ein Astloch, durch das er die Rück- und Seitenfront des Haupthauses übersehen konnte. Regan beobachtete durch die einen Spalt geöffnete Tür den Eingang von der Straße.

Zunächst wurde die Geduld der Halunken auf eine beträchtliche Probe gestellt. Nach einer Stunde jedoch tauchte Jellico auf. Beide Hände in die Hosentaschen vergraben, erschien er pfeifend am Eingang, die Schulmappe lässig unter den linken Arm geklemmt. Arglos näherte er sich dem Stall, um wie üblich zuerst einmal Star aufzusuchen, bevor er ins Haus ging.

„Passt auf, der will zu dem Gaul“, sagte Older.

Regan schob sich von der Tür zurück. Auf der anderen Seite wandte sich Curtis um. Older ging neben der Futterkiste in Deckung.

Jellico zog den Stall auf, trat ein und wollte auf den jungen Hengst zu.

Regan sprang vor, packte den Jungen, presste ihn mit der einen Hand an sich und hielt ihm mit der anderen den Mund zu. Older und Curtis halfen ihm. Jellico trat nach den Schurken und wollte Regan in den Handballen beißen, aber er wurde ziemlich brutal ins Stroh geworfen, festgehalten und gefesselt. In der nächsten Minute steckte ein Knebel in seinem Mund, den sie mit einem langen Tuch um seinen ganzen Kopf sicherten.

Das Pferd schnaubte und sprang zur Seite. Ein Huf knallte gegen die Wand.

Older richtete sich auf, ging zur Tür, zog sie heran und beobachtete das Haus und das Straßenstück vor dem Anwesen.

Der Zwischenfall schien kein Aufsehen erregt zu haben.

Er kehrte zu seinen Kumpanen zurück, nickte ihnen beruhigend zu, kniete, zog Jellico das Halstuch herunter und den Knebel aus dem Mund.

Der Junge wollte schreien, kassierte eine schallende Ohrfeige und verstummte nach dem ersten Ton, der kaum bis außerhalb des Stalles gedrungen war.

„Keine Mätzchen, Kleiner, das bekäme dir schlecht.“ Drohend rollte Older mit den Augen, was den verstörten Jungen entsprechend beeindruckte.

„Wer ist alles im Haus?“, fragte Regan barsch. Als Jellico nicht gleich antwortete, zerrte der Bandit ihn an den Haaren. „Los, los, heraus mit der Sprache!“

„Nur Manuela“, sagte Jellico schluckend. Tränen standen in seinen Augen.

„Und Carringo?“

„Mein Daddy ist nicht da. Aber er kehrt bald zurück und wird euch einsperren!“

Die Halunken grinsten.

„Na also.“ Older stopfte dem Jungen den Knebel wieder in den Mund und band ihm das Tuch um den Kopf. „Sehen wir uns diese Manuela doch mal an.“

Older richtete sich auf, trat wieder an die Tür und spähte hinaus ins Sonnenlicht.

Unverändert lag der schmale Hof vor ihm. Die Fenster im Haus, soweit zu sehen, waren geschlossen.

„Bringt ihn mit!“ Older verließ den Stall und wechselte zur Hauswand hinüber.

Regan zerrte Jellico auf die Füße und schleifte ihn hinter Older her. Curtis bildete den Schluss und schloss den Stall.

Older erreichte die Haustür und drückte dagegen. Sie gab nach. Leise quietschten die Angeln.

„Jellico, bist du es?“, tönte eine helle Stimme durch das Haus.

Older trat über die Schwelle, zog den Colt und spannte den Hammer.

„Jellico, warum sagst du nichts?“ Eine hochschwangere Mexikanerin trat aus der Küche, sah den Banditen und wich entsetzt aufschreiend zurück.

„Ganz ruhig!“, mahnte der Bandit. „Wir haben das Kind. Wenn du schreist, knallen wir es ab!“

Regan und Curtis folgten Older und nahmen den geknebelten Jellico zwischen sich.

„Mein Gott!“ Manuela verlor den Rest der Farbe aus dem Gesicht, schwankte und brach zusammen.

„Verdammt!“, stieß Regan hervor. „Eine schwangere Frau, und dazu empfindlich wie eine Mimose. Das hat uns noch gefehlt!“

Older zog die Frau an die Wand in der Wohnstube, setzte sich, holte Wasser und kippte es Manuela ins Gesicht.

Sie kam zu sich, während Curtis noch dabei war, ihre Hände zu fesseln. Der Schurke trat, sich aufrichtend, zurück.

Regan stieß den Jungen neben die Mexikanerin und schaute sich um. „Er ist also wirklich noch nicht hier.“

Jellico wurde der Knebel abgenommen.

„Wenn du nur einen Schrei von dir gibst, knebeln wir dich wieder!“, drohte Older. „Und dann bleibt es dabei, und du kriegst nichts mehr zu essen!“

Verschüchtert presste Jellico sich an Manuela, der Tränen über die Wangen liefen.

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938289
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538208
Schlagworte
schienengeier

Autor

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Titel: Die Schienengeier