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Der Baron #18: Paradies der Dunkelmänner

2020 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #18: Paradies der Dunkelmänner

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

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3

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5

6

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Der Baron #18: Paradies der Dunkelmänner

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Die Entführung einer dänischen Ärztin durch einen undurchsichtigen venezolanischen Geschäftsmann ruft Baron Strehlitz auf den Plan. Da er selbst mit dem Geld etwas knapp ist, verfällt er auf eine ungewöhnliche Idee, um das Lösegeld zu bezahlen. Doch neben der Entführung gibt es noch viel mehr, was hier in Ordnung gebracht werden muss.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

Entwicklungshelferin verschwunden

Caracas (eig. Meld.) Die dänische Entwicklungshelferin und Ärztin Dr. Birgit Johannsen ist seit zwei Tagen spurlos verschwunden. In diesem Zusammenhang steht auch der Fall eines anderen Entwicklungshelfers in Venezuela, des Briten George Harms, der mit seinem Auto aus unerklärlichen Gründen auf gerader Strecke gegen einen Baum raste und auf der Stelle tot war. Wie wir weiter erfuhren, hatte die junge Ärztin, die in den Arbeitersiedlungen der von dem Amerikaner Barny Wallace geleiteten Frucht- und Brennstoffgesellschaft humanitäre Aufgaben erfüllte, gegen die Zustände in den Siedlungen protestiert und die Arbeiter aufgefordert, sich zusammenzuschließen und Maßnahmen zu ergreifen. Es besteht der Verdacht, dass ihr Verschwinden in einem Zusammenhang zu ihrem Protest steht. Von Maßnahmen der Polizei war bislang nichts zu hören.

 

1

„Fünfzigtausend, Baron Strehlitz, kleine fünfzigtausend, weil Sie es sind“, sagte der Mann mit dem massigen Schweineschädel gönnerhaft. „Sobald Sie gezahlt haben, können Sie Señorita Johannsen mitnehmen. Das gilt drei Tage, Baron. Auch das ist ein Entgegenkommen.“ Über das breite Gesicht mit den kleinen Blinzelaugen huschte ein Lächeln. „Sie verstehen, Baron, dass ich Sie ein wenig im Auge behalten lasse. Nicht etwa, weil ich die Behörden fürchte. O Gott, das wäre das wenigste, denn schließlich gilt hier mein Wort. Nein, ich möchte verhindern, dass Sie, wie das leider von Ihnen behauptet wird, in falsch verstandener Gerechtigkeitsauffassung alles in die Welt posaunen. – Das wäre alles, was ich Ihnen zu sagen hätte.“

Hinter dem Schreibtisch quoll ein massiger Körper hoch, eine Wurstfingerhand patschte auf einen Klingelknopf, und zwei Sekunden später wieselte ein drahtiger Mestize herein, dem der Fleischberg zurief: „Baron Strehlitz möchte gehen!“

Der Baron warf dem Fettgebirge noch einen abschätzenden Blick zu. Señor Wallace, gebürtiger Amerikaner aus New Jersey, hatte eine Glatze, auf der sich die Deckenlampe spiegelte. Ansonsten ähnelte er so sehr einem überdimensionalen Schweinchen Dick, dass keine Beschreibung besser traf. Sein Alter mochte Mitte vierzig, vielleicht um die Fünfzig sein, genau war das bei ihm schwer zu schätzen. Ebenso wenig wie sein Vermögen. Dem Prunk dieses Raumes, ja, der ganzen Villa nach, auch an seinen Besitzungen hier in Venezuela gemessen, gehörte er zu den oberen Zehn des Landes, und entsprechend waren seine Beziehungen.

Mit einem unverbindlichen Nicken wandte sich der Baron um und folgte dem hageren Mestizen, der ihm die riesige Tür öffnete, ihn durch gewaltige Säle in ein Foyer führte, das einem mittleren Theater zur Ehre gereicht hätte. Wieder tauchte ein livrierter Diener auf, der die Führung übernahm; Türen wurden geöffnet, dann stand der Baron auf einer sonnenüberfluteten Treppe.

Die Helligkeit blendete ihn. Drinnen war alles düster gewesen. Nahezu alle Läden der großen Fenster hatte man geschlossen. In Wallace’ Arbeitszimmer waren sogar die Lampen angeschaltet worden.

Die Hitze sprang den Baron an wie ein wildes Tier. Er meinte, in einen Backofen zu treten, als er die Stufen der Treppe hinunterging, wo der Rolls mit James am Steuer wartete. Auch Robert saß im Wagen, allerdings im Fond.

Einer der drei grün livrierten Diener, die den Baron hinausbegleiteten, riss den Schlag auf. Alexander von Strehlitz dankte mit einem Nicken, stieg ein und ließ sich in den Sitz sinken, der von der glühenden Sonne entsprechend vorgeheizt war. Die Luft im Wagen war zum Schneiden, denn die Klimaanlage war defekt.

Roberts runder Kopf war von Schweißperlen übersät. James schwitzte so sehr, dass seine weiße Jacke am Rücken völlig durchnässt war. Und Alexander spürte, wie auch ihm der Schweiß nur so aus der Haut quoll.

„Wir hätten doch den Chrysler nehmen sollen, der hat wenigstens eine intakte Klimaanlage. Fenster auf, und dann nichts wie weg!“, sagte Alexander.

James fuhr an. Alexander blickte noch einmal auf den prunkvollen Bau, der von Zypressen und Olivenbäumen umrahmt war. Das Gebäude erinnerte ein wenig an ein verkleinertes Schloss Schönbrunn. Vielleicht hatte der Architekt Wiener Erinnerungen versinnbildlichen wollen. Immerhin musste es Unmengen Geld gekostet haben.

Der Wagen rollte noch immer durch den riesigen Prunkpark. Blüten über Blüten zu beiden Seiten der Asphaltstraße, die wie alles hier Wallace gehörte.

„Man merkt, dass im Ölgeschäft Geld zu machen ist“, brummte der Baron.

„Erfolg gehabt, Sir?“, fragte Robert. „Fünfzigtausend, hat er gesagt.“ James fuhr die schnurgerade Allee entlang. Endlich wurde in weiter Ferne das Tor sichtbar. Nach den Blumenflächen kamen jetzt Rasenareale mit Buschgruppen. Wassersprenger, in dieser Gegend der perfekte Luxus, beregneten das Gras. In der grellen Sonne warfen die gesprühten Fontänen unzählige Regenbogen.

„Sir“, sagte Robert, „fünfzigtausend haben wir nicht. Was unsere Mittel angeht, wollte ich sowieso mit Ihnen reden, aber Sie haben es ja bis jetzt abgelehnt.“

Der Baron antwortete nicht. Aufmerksam beobachtete er, wie sich das riesige Tor etwa dreißig Meter vor dem Wagen öffnete, als würde es von einer Geisterhand aufgeschoben. Weit und breit ließ sich keine Menschenseele sehen. Der Rolls fuhr durch die Öffnung, und sofort schloss sich das riesige Gittertor wieder. Und erst jetzt tauchte ganz kurz eine weiß gekleidete Gestalt mit einer Maschinenpistole auf, blickte durch die dicken Stahlstäbe und verschwand wieder.

„Eine Festung ist das, eine richtige Festung. – Tja, und jetzt zum Hotel, James! – Wir sprachen von Geld, Robert. Sie wissen, dass ich Birgit Johannsen nicht in den Klauen dieses Lumpenkerls lassen kann. Wir haben also keine fünfzigtausend Dollar mehr?“

„Nein, Sir, wir haben nicht einmal fünfzigtausend Lire. Genauer gesagt, Sir, wir sind so pleite, wie wir das im Grunde erst ein paarmal gewesen sind. Und diesmal ist es besonders schlimm.“

Robert seufzte. Er begann plötzlich französisch zu sprechen, und da wusste Alexander von Strehlitz, dass es sehr schlimm mit ihrem Finanzapparat aussehen musste.

„Es liegt an Folgendem“, fuhr Robert fort, „dass wir nämlich die Ausgaben für die Vogelexpedition nicht hereinbekommen haben. In England verhandelt unser Agent ja noch mit dem Fernsehen, aber in Deutschland kommen wir damit nicht an, da ist zufällig ein anderer mit einer Expedition in der Südsee gewesen, und dessen Film haben sie gekauft. Mit Frankreich allein können wir die Kosten nicht decken. Bleibt noch die spanische Ausgabe, aber daran arbeiten noch die Synchronisierungsstudios. Über den Preis brauchen wir uns keine Illusionen zu machen, der liegt immer unter dem der Engländer und Franzosen. Die Lizenzen für alle übrigen Länder sind noch weniger, und außerdem ist da noch nichts abgeschlossen.“

„Nun schön, und wie sieht es mit den Tantiemen aus, die wir von unserer letzten …“

Robert lächelte bitter. „Die sind gezahlt. Nur, das Geld hatte ich dringend nötig, um den Jahreszins für die Belieferung unserer Altenheime mit Proviant zu bezahlen.“

„Sagen Sie nicht immer Altenheime, Robert!“, fauchte ihn Alexander an. „Das sind keine Heime. Ich habe extra einen neuen Stil gesucht. Die alten Leute sollen wie in einem Ferienhotel leben.“

„Aber das macht die Sache nicht billiger. Und dann Ihr Kinderdorf, das …“

„Nun hören Sie mal, Robert, das ist doch voll und ganz von den Gewinnen bezahlt, die wir mit dem Öl gemacht haben.“

„Zum Teil, Sir, nur zum Teil. Der Rest musste direkt vom Konto abgezogen werden. Und auf diesem Konto, Sir, da ist zur Zeit gähnende Leere.“

Der Baron nickte, als hätte er letztlich nichts anderes erwartet. „Wo steckt Le Beau?“

Robert räusperte sich, zögerte einen Augenblick, starrte auf James’ breiten Rücken und sagte schließlich streng: „Michel Dupont amüsiert sich noch immer mit dieser Tänzerin. Seit vorgestern hat er das Hotelzimmer nicht verlassen. Und sie auch nicht.“

Der Baron lächelte anerkennend. „Na also, irgendwo muss das viele Fleisch ja bleiben, das er immer in sich hineinschlingt. Und die Eier vor allem … James, fahren Sie, wenn wir in der Stadt sind, bei Holland & Holland vorbei! Mir ist da eine gute Idee gekommen.“

„Holland & Holland, Sir?“, fragte Robert verstört. „Wollen Sie etwa bei denen ein Darlehn aufnehmen?“

Alexander blickte den erschrocken dreinblickenden Robert an. „O nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, Robert, ganz im Gegenteil. Ich möchte dort ein Konto eröffnen.“

Robert rollte mit den Augen. „Ein Konto? Aber, Sir, wovon denn, wenn es erlaubt ist zu fragen?“

„Wir werden in Kürze reich, Robert. Und wenn dann das viele Geld kommt, muss es ja irgendwohin eingezahlt werden können. Unsere anderen Banken haben hier keine Filiale. Deshalb brauchen wir ein Konto.“

Robert sah den Baron an wie einen Menschen, bei dem feststeht, dass er irre geworden ist, dem man es aber aus Furcht vor Tätlichkeiten nicht zu sagen wagt. „Und woher kommt das Geld?“, fragte er gepresst.

„Ich war eben bei Wallace.“

„Aber der hat die fünfzigtausend Dollar doch von Ihnen haben wollen!“

„Stimmt. – Aber ich sehe die Sache so, dass er sie mir selbst gibt, damit ich sie an ihn bezahle, und einen Batzen dazu schenkt er mir auch. – James, wenn wir nachher ihm Hotel sind, ziehen Sie mir Le Beau an Land. Ich muss mit ihm reden.“

 

 

2

Wallace lag mehr im Stuhl, als dass er saß. Mit seinen kleinen Schweinsaugen musterte er die Frau, die vor ihm stand, voller Begierde. Aber es waren die Blicke, die vielleicht ein belgischer Kaltbluthengst, groß, dick und fett, auf eine zierliche, rassige Araberstute wirft. Mehr als Blicke waren nicht drin.

Sie war dunkelblond, fast brünett, zierlich, schlank und hübsch. Es war nicht diese maskenhafte Schönheit eines bezahlten Pin-ups, dieses eingefrorene Lächeln im Gesicht, nein, sie sah wirklich hübsch aus, sozusagen von innen heraus. Und ihre Augen verrieten Intelligenz. Den Blick kann man nicht kaufen, nicht schminken, nicht übertünchen. Und daran erkannte Wallace sie sofort, ihr Wesen, ihre Intelligenz. Denn mochte Wallace das Temperament eines Alligators und die Fülle eines Nilpferdes haben, sein Geist war rege, und beobachten konnte er auch – damit war er reich geworden. Und so schätzte er Birgit Johannsen durchaus richtig ein.

Er bewegte nur die Lippen, als er sagte: „Sie haben mir eine Menge Kummer gemacht, Miss Johannsen. Seid ihr dänischen Mädchen alle so aggressiv?“

Sie sah ihn voller Verachtung an. Der Hass, den sie empfand, war auch mit Beherrschung nicht zu überspielen. Er hatte sie seit einer Woche eingesperrt, und seiner Männer Gier war sie nur mit einiger Mühe entgangen. Schön, Wallace passte persönlicher Angriff auf sie nicht, und er hatte sie schließlich in Schutz genommen, aber alles andere war doch sein Werk.

„Sie brauchen nicht so zu tun, als wären Sie mein Wohltäter“, sagte sie. „Es wird nicht nur in meiner Heimat schlicht als Überfall und Entführung bezeichnet, was Sie mit mir getan haben.“

„Aber, aber, meine Liebe!“, rief Wallace beschwichtigend. „Das sind sehr harte Worte. Nennen wir es doch nicht so. Als studierte Frau wissen Sie doch, dass man eine Sache so oder so auslegen kann. Sehen Sie, Miss Johannsen, Sie kommen hier in dieses Land. Ein Staat, weit weg, für hiesige Begriffe winzig klein, hat Sie als Ärztin in die Gegenden geschickt, wo Entwicklungshilfe zu leisten ist. Das ist gut und richtig. Und dort hätten Sie Ihre Spritzen gegen Gelbfieber, Typhus, Malaria und so weiter geben können. Stattdessen fangen Sie an, sich um die Dinge zu kümmern, die Sie, milde gesagt, einen Dreck angehen. Sie kommen zum Beispiel zu meinem Verwalter und nennen ihn einen Leuteschinder. Und warum? Weil er Leute arbeiten lässt, die unbedingt arbeiten wollen …“

„Kranke! Und von wollen kann keine Rede sein!“, fuhr sie ihn an.

Er lächelte. „Sehen Sie, normalerweise werden solche Geschichten von mir und meinen Leuten geregelt, ohne dass ich mich überhaupt darum kümmern muss. Weil Sie eine Frau sind, eine studierte Frau, eine Europäerin, und weil sich ein anderer Europäer, den ich nun mal kenne, um Sie bemüht hat, gebe ich Sie frei.“

„Sie lügen!“, fauchte sie. Und ihr Gesicht wurde dabei krebsrot vor Zorn. Ein hübsches Gesicht, das sogar im Ärger noch schön aussah.

„O nein“, erwiderte er unbeeindruckt, „ich spreche die Wahrheit. Natürlich muss Baron Strehlitz, der sich für Sie einsetzt, den Schaden wieder gut machen, der mir durch Sie entstanden ist. Ihr Land wird dazu kaum in der Lage sein. Außerdem gibt das diplomatische Verwicklungen, die niemand will. Sie werden, um es kurz zu sagen, gegen Zahlung einer Schadenersatzsumme von fünfzigtausend Dollar freigelassen.“

Birgit Johannsen, Doktorin der Medizin, warf einen prüfenden Blick auf Wallace, dann auf die beiden herkulischen Schwarzen, die dafür sorgen sollten, dass sie Wallace keine Schwierigkeiten machte.

„Und wann soll das sein?“

„Der Baron hat drei Tage Zeit. Sobald er hier ist, das Geld übergibt, können Sie mit ihm fahren.“

Sie sah ihn zweifelnd an. „Wer ist dieser Mann?“

„Baron Strehlitz?“ Er lächelte hintergründig, überlegte einen Augenblick, zündete sich eine seiner Goldmundstück-Zigaretten an und blies genussvoll den Rauch aus. „Tja, wer ist der Baron? Schwer zu erklären. Ein Idealist, ein Verrückter, einer, der die Welt verbessern möchte, einer, der wie Sie seine Nase in alles mögliche steckt, einer, der Bücher schreibt, die auch mir gefallen, einer, der irgendwo mitten im Urwald seltene Tiere filmt – tja was tut er sonst alles? Er ist, das stand kürzlich in den Zeitungen, für sein Kinderdorf in die Arktis geflogen, er hat Ölquellen, deren Ertrag seinen Hotels für alte Leute zugute kommt, und dann ist er ein Spieler. Ja, ein Spieler, ein Kerl, der

ein Vermögen, wie Sie es in einem ganzen Leben nicht zusammenkratzen, in einer Nacht auf den Kopf stellt. Im Grunde gefällt er mir. Ich mag solche Männer. Und deshalb kann er Sie auslösen.“

„Und Ihnen ist klar, was ich tue, wenn ich frei bin?“, fragte sie bissig. Sie blickte auf ihn herab wie auf eine Qualle am Strand. Und so wirkte er auch, eine fette, wabblige Qualle, ein Berg Götterspeise. Aber sie unterschätzte ihn.

„Mir ist vieles klar, Miss Johannsen, aber hoffentlich reicht noch die Zeit, dass Ihnen auch einiges klar wird. Mein Tipp, Señorita: Sobald Sie frei sind, ab nach Europa! Und schweigen, immer schweigen. Das ist sozusagen eine Lebensversicherung, die ich Ihnen biete. Und es ist der beste Rat, den Ihnen je ein Mensch gegeben hat. Auch wenn Sie das nicht begreifen. Mit Sechsundzwanzig weiß man viel, aber noch lange nicht alles.“

„Und was ist mit George?“, fragte sie ruhig, doch es hörte sich eher gepresst an, wie sie das sagte. Sie ballte die Hände zu Fäusten, so sehr musste sie sich zur Beherrschung zwingen.

Wallace wurde ernst, und jetzt hätte Birgit Johannsen erkennen müssen, wie gefährlich dieser Mann in Wirklichkeit war. Doch sie sah es nicht. Sie unterschätzte ihn noch immer, deutete seinen stechenden Blick als Nebensache.

„Wenn Sie mit George den Engländer Harms meinen“, sagte er, und seine Stimme klang schneidend und scharf, „da seien Sie nur froh, dass wir einer Frau gegenüber sehr, sehr nachsichtig sind. Sie beide haben versucht, die Arbeiter gegen mich und meine Sektionsleiter aufzuwiegeln. Sie haben dann sogar versucht, die Presse in Caracas mit Berichten zu versorgen. Auf dem Weg in die Hauptstadt, verehrte Miss Johannsen, ist Ihr Komplice Harms leider verunglückt. Tödlich, Miss Johannsen. Er scheint ein miserabler Autofahrer gewesen zu sein. Auf gerader Straße ist er gegen einen Baum gerast.“

Birgits Augen wurden schmal. Man sah, wie sie vor Wut fast überschäumte. „Sie haben ihn umbringen lassen!“, schrie sie mit überschnappender Stimme.

Wallace blieb wider Erwarten eiskalt. „Sie sind zwar auf einer Universität gewesen, und Sie haben promoviert, Miss Johannsen, aber Sie sind dumm. Sie sind eine ganz dumme Pute! Wenn ich Baron Strehlitz wäre, würde ich sonst etwas tun, statt Ihnen zu helfen. Er ahnt nicht, wie einfältig Sie sind. – Schafft sie hinaus! Ich langweile mich.“

Er machte eine schlaffe Handbewegung, und die beiden Hünen packten blitzschnell zu. Aber Birgit Johannsen, die gut zwei Köpfe kleiner war als diese Cassius Clay-Abbilder, wehrte sich nicht. Das hatte sie am Anfang getan. Da war sie geschlagen und misshandelt worden. Nun gab sie nach und ließ sich widerstandslos hinausführen. Sie schrie auch Wallace keine Beleidigungen mehr zu wie am Anfang. Sie schwieg, denn ihre Angst vor neuen Schlägen war größer als ihr Mut, ihm die Wahrheit zu sagen.

Man brachte sie ins obere Stockwerk. Dort befand sich ein Raum, der von unten bis oben gekachelt war. Ein Feldbett stand darin und ein WC, sonst nichts. Es gab auch kein Fenster. Die beiden Neonleuchten waren hinter Gittern.

Birgit Johannsen ließ sich auf ihr Feldbett sinken, das ihr seit einer Woche als Lager diente, stützte den Kopf in die Hände und schaute nicht einmal auf, als die Tür von außen geschlossen und verriegelt wurde.

„Wer ist dieser Baron? Wieso will er mir helfen?“, fragte sie sich murmelnd.

 

 

3

„Was haben wir mit ihr zu tun?“, fragte Le Beau, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Sein weißer Anzug wirkte zerknittert, das knallig rote Hawaiihemd war verschwitzt. Der ganze Mann ähnelte seinem Anzug. Ringe unter den Augen, zerwühltes Haar, Bartstoppeln. James hatte ihn in der Bar aufgelesen, wo er mit seiner Tänzerin nach einer achtundvierzigstündigen Liebesnacht Abschied gefeiert hatte. Le Beau schickte seine Freundinnen nicht weg, er feierte einen promillestarken Abschied, so dass man sich später auch noch in die Augen sehen konnte, wenn man sich zufällig traf.

Die Erinnerung war trübe für Le Beau, er hatte Denkschwierigkeiten. Alexander von Strehlitz sah ihm das an, aber es half nichts, er brauchte Le Beau.

„Also, deine Fragen immer!“, knurrte der Baron. „Diese Frau und ein Engländer namens Harms waren von ihren Ländern als Entwicklungshelfer hergeschickt worden. Beide als Ärzte. Zu Hause hätten sie in irgendeinem Krankenhaus als Assistenten arbeiten müssen, hier konnten sie schon ihre drei Krümel praktisches Wissen ausprobieren. Nun, ob das richtig ist oder nicht, darauf kommt es hier nicht an. Die Frau und jener Mann hatten außer ihrer Universitätsausbildung auch noch etwas in dieses Land gebracht, nämlich ihre Vorstellung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es scheint nicht lange gedauert zu haben, da sahen sie, wie es hier zuweilen zugeht. Und das, meinten sie, müsste geändert werden.“

Le Beau verzog das Gesicht. Er dachte, und weil ihm das wirklich an diesem Nachmittag sehr schwer fiel, zeigte er sein Unbehagen deutlich. „Alexander, was geht sie uns an, habe ich gefragt!“

Alexander lächelte. Es war ein sehr souveränes Lächeln, wie Le Beau feststellte. „Was geht uns ein Mensch an, der in Not ist? Was geht es uns an, wenn ein Bursche wie dieser Wallace einfach jemand einkerkert, vermutlich einen zweiten umbringt, und das alles sozusagen ungestraft und sogar noch mit einer ausdrücklichen Duldung der Behörden. Das geht uns nichts an?“

„Warum, zum Teufel, machen wir uns unentwegt zu Rettern in der Not? Alexander, ich habe gestern einen Boy mit einem Scheck zur Bank geschickt. Verdammt, die haben den Scheck nicht eingelöst.“

Alexander lächelte noch immer. Sein Blick streifte über die Tische auf der Terrasse des Hotels. Um diese Stunde waren nur zwei besetzt; an einem saßen Einheimische, denen die Gluthitze offenbar nichts ausmachte; am anderen schlürfte ein herkulisch gebauter Schwarzer Cola. Den Schwarzen hatte Alexander schon vorhin bemerkt, und wer den hierher geschickt hatte, war ihm klar. Vermutlich gab es im Hotel noch zwei, drei Vertrauensleute von Wallace, die haarklein jede Bewegung des Barons meldeten.

„Ich habe den gnädigen Herrn etwas gefragt!“, maulte Le Beau.

„Der Scheck wird eingelöst, in drei Tagen bestimmt. Dann wird genug Geld auf unserem Konto sein. Wir werden dann übrigens ein wohl gefülltes Konto bei Holland & Holland unterhalten.“

Le Beau sah Alexander an, als habe er es mit einem Kranken zu tun. „So fängt es an. Die Tropen sind nichts für jedermann. Seit wann spürst du das?“

„Ich scherze nicht. Wir beide müssen nur ein Stück spazieren gehen, sonst besteht Gefahr, dass hier irgendwo eine kleine Abhöreinrichtung …“

„Du brauchst keine Furcht vor Wanzen zu haben, Alexander, eher vor einem ärztlichen Gutachten, falls du mir in diesem Gespräch klarmachen möchtest, dass du in drei Tagen gewisse Konten bei Holland & Holland zu füllen gedenkst.“

„Das wollte ich dir tatsächlich einmal genau erklären“, meinte Alexander lächelnd. Er amüsierte sich selbst über Le Beau, während der auf seine Art einen leicht gereizten Humor entwickelte.

„Nun gut, hören wir uns also an, was sich da für ein Krankheitsbild abzeichnet.“

Sie standen auf, gingen in den Palmenhain, der zudem mehrere künstliche Seen aufwies, in denen Springbrunnen die Luft ein wenig kühlten. Auch das Hotel gehörte zu Wallaces Einflussbereich. Ein Gast, den er hier nicht wollte, würde hier nicht einmal im Keller Unterkunft finden.

„Also, nun rede! Was ist?“

„Du hast gesehen, dass Wallace die Menschen hier ausbeutet.“

„Das geschieht hier überall. Nicht nur durch Wallace. Das zu ändern, müsste man Revolution machen. Ich bin nicht Che Guevara.“

„Stimmt“, erwiderte Alexander. „Aber man kann mit den Regeln spielen, die sich Wallace und alle die Ausbeuter hier gesetzt haben.“

„Und?“

„Menschen zählen nicht, weil die hier billig sind. Geld zählt. Diese Dänin, von der ich nur ein Foto habe, und jener englische Arzt, der ganz sicher umgebracht worden ist, wollten Revolution. Sie dachten, sie könnten die Ausgebeuteten gegen Wallace aufwiegeln. Aber Wallace ist sogar noch harmloser als manch anderer hier, der Grundbesitz in diesem Umfang hat. Jene, denen die Dänin und der Engländer helfen wollten, gingen selbst hin und schwärzten die beiden an, um sich eine Belohnung zu sichern. Wallace hat mir erzählt, dass er es für zehn Dollar Judaslohn von den beiden erfuhr. Er investierte dann noch einmal eine winzige Summe, und der Engländer fuhr sich mit seinem Auto tot, während die Frau geschnappt und eingesperrt wurde. Das hier ist sie.“ Er zog ein Foto aus der Tasche und gab es Le Beau.

Le Beau hatte bisher nur mit halbem Ohr zugehört, war mit den Gedanken mehr bei seinem heute verabschiedeten Mädchen gewesen und warf nun einen müden, gequälten Blick auf das Foto. Doch dann, als er dieses Bild richtig sah, durchfuhr es ihn wie elektrischer Strom. Er zuckte richtig zusammen, griff nach dem Bild, pfiff durch die Zähne und sagte heiser: „Mann, und gleich eine Totalaufnahme. Die hat ja ’ne Figur, Mensch! Und ein Gesicht … ein hübsches Gesicht hat sie ja auch noch! Mensch, ist die gut gebaut!“

„Sie soll sogar ziemlich intelligent sein. Trotzdem scheint sie Wallace erheblich zu unterschätzen. – Kurzum, Michel, er beziffert seinen sogenannten Schaden mit fünfzigtausend.“

Le Beau blieb stehen. Entrüstet blickte er Alexander an. „Verdammt, das kann er doch nicht ungestraft tun. Das ist ja ein Gangsterstreich.“

Alexander nickte, deutete auf den See mit den beiden schillernden Springbrunnen und sagte leise: „Ebenso, wie er gesagt hat, dass hier dieser See mit den Springbrunnen angelegt werden soll, ebenso sagt er, dass er fünfzigtausend verlangt. Sonst stellt er sie unter Anklage, lässt sie einsperren, verkommen, krepieren wie ein Stück Vieh. – Michel, wir beide wissen, dass wir aus Südamerika keine Musterdemokratie machen können, und wir wollen das auch nicht. Das ist Sache dieser Leute hier. Doch Miss Johannsen müssen wir herausholen.“

„Okay, fünfzigtausend, fertig. Ist Wallace so klamm, dass er sich an uns bereichern will? “

Alexander schüttelte den Kopf. „Er braucht unser Geld nicht mehr als ein paar Tage Regen. Es geht ihm eher darum, solchen Leuten einen Schuss vor den Bug zu setzen. Er ist extra zu mir gekommen damit. Es richtet sich sogar in erster Linie gegen uns. Zwei Fliegen mit einer Klappe, verstehst du?“

„Kein Wort verstehe ich“, meinte Le Beau mürrisch.

„Wenn du diese Tänzerin endlich aus deinem Hirn expediert hast, wirst du vielleicht sogar richtig wie ein Mensch denken können! – Also: Wallace ist sehr, sehr klug und ebenso gefährlich. Er legt sich mit mir nicht offen an. Noch nicht. Er warnt mich, indem er sagt: Sieh her, da habe ich ein kleines Mädchen aus Dänemark, die wollte hier Heldin spielen, und wenn du mir etwas gibst, sagen wir mal fünfzig Mille, gebe ich sie dir. – Und der Kerl weiß genau, dass wir pleite sind. Ich wette, er weiß es. Nun will er sehen, ob wir den letzten Sparstrumpf aufreißen, oder ob wir ihm vielleicht die Ölkonzession anbieten, die wir hier in Venezuela haben, oder ob wir kneifen müssen. Das will er wissen. Und er will uns verschrecken, ja nicht auf die Idee zu kommen, in seinem Bereich Reformen einzuführen, von wegen Kinderdorf, Altenparadies, Indioaufklärung.“

„Mit anderen Worten, er will uns vertreiben. Aber das könnte er doch durch direkten Angriff. Irgendwas wird ihm doch da einfallen. Zum Beispiel so etwas wie mit dem Engländer.“

„Ja, Bäume gibt es genug hier. Aber den offenen Kampf möchte er mit uns nicht so einfach austragen. Er vermeidet Auseinandersetzungen, wenn es geht. Das spricht für seinen Geist, es zeigt auch, dass er gefährlich ist, weil er sich anderer bedient. Kurzum, Michel, ich habe mir ein Gegenmittel ausgedacht. Erstens müssen wir uns sowieso etwas einfallen lassen, weil wir sagenhaft auf dem Trocknen sitzen. Behauptet jedenfalls Robert, und der ist ja in Sachen Geld immer im Bild. Und dann sagt sich mein Gerechtigkeitsempfinden, dass Leute wie Wallace nicht so einfach Herr über Leben und Tod, Freiheit und Gefangenschaft sein können, auch wenn sie den Richter bezahlen, den Staatsanwalt gekauft haben und von der Bezirksregierung gedeckt werden.“

„Gut, das ist die Diagnose. Und die Therapie?“

Alexander führte Le Beau bis zu einer Stelle im Palmenhain, wo eine künstliche Erhebung angelegt war, von der aus man weit übers Tal blicken konnte. Winzig lagen als weiße Punkte die Häuser der Stadt, aufragend wie ein mahnender Finger die Kirche aus spanischer Zeit, und weiter oben am Hang die wenigen Prachtvillen der begüterten Bürger, ganz oben ein weißer Klotz, halb von Palmen verdeckt.

„Der Kasten oben, ganz oben, der gehört auch Wallace“, sagte Alexander.

Le Beau grinste. „Was gehört ihm nicht?“

Alexander fuhr unbeirrt fort. „In diesem Kasten wohnt sie.“

„Wer, sie?“

„Señorita Carmen Cordoba. Eine Frau, die vor einigen Jahren Miss Universum gewesen ist. Die zudem angeblich noch sehr intelligent sein soll. Ich habe sie nie gesehen. Robert besorgt mir alle Unterlagen über sie, die es gibt. Nach dem Miss-Rummel ist sie nicht mehr in ihre Apotheke zurückgekehrt, wo sie angestellt war, sondern landete bei Wallace. Und er hat sie noch. Sie ist erst nur eines seiner gekauften Liebchen gewesen, jetzt ist sie alleinige Favoritin.“

„Wallace ist eben alt geworden“, meinte Le Beau.

„Nein, vor allem fett. Aber ich halte ihn sowieso für einen Mann, bei dem ganz andere Dinge zählen. Mir ist etwas aufgefallen, Michel. Seit er sie hat, ist er ungleich gefährlicher, gieriger geworden. Aber er bewegt sich auch vorsichtiger, scheinbar seriöser. Früher ließ er renitente Leute, die ihm keine Steuern oder keinen Zins zahlen wollten, die meuterten oder sonst wie mäkelten, durch Rollkommandos kleinmachen oder auf offener Straße aus einem Auto heraus umlegen. Jetzt bewegt er sich sanfter, unmerklicher, behutsamer. Der Unfall des Engländers ist so etwas. Den Mann hätte Wallace noch vor zehn Jahren an einer x-beliebigen Stelle über den Haufen schießen lassen. – Wallace könnte, meine ich, beeinflusst werden. Ich will bei dieser Frau den Haken ansetzen. Noch heute besuche ich sie.“

„Glaubst du, dass Wallace so etwas nicht merkt?“

„Wenn wir uns nicht wie Kälber benehmen, merkt er nichts. Deshalb rede ich ja mit dir. Ich brauche ein Double, und ich brauche dich, damit Wallaces Gorillas ein bisschen abgelenkt werden.“

„Willst du allein dort Violine spielen?“

„Mutterseelenallein, Michel, und sobald ich von Robert die Einzelheiten habe, legen wir los. Den Plan erläutere ich dir gleich.“

„Miss Universum war sie?“, fragte Le Beau. „Hmm, wie wäre es, wenn ich sie besuche und du …“

„Falsch gedacht, Michel! Absolut daneben! Lass mal Vater machen!“

Le Beau zuckte die Schultern. „Na gut, wenn du dir davon was versprichst. Ich meine, bei mir wäre es ziemlich sicher, dass sie nachher alles tut, was ich von ihr will.“

„Außerhalb des Bettes wäre da nicht viel drin. Und vergiss nicht, Le Beau, die Tänzerin hat dich ganz schön ’rangenommen. Meinst du, dass du da noch ein paar Reserven herumliegen hättest?“

„Bei einer Miss Universum garantiert. Aber die besten Brocken willst du ja sowieso für dich.“

„Schluss mit dem Flachs! Du weißt, worum es geht, und jetzt hör genau zu!“ Und dann sprach er so leise, dass ihn gerade Le Beau noch verstand.

 

 

4

Die Straße war kurvenreich und ziemlich schmal. Aber sie war gut asphaltiert. In weitem Bogen wand sie sich von der Stadt her auf die Höhe. Es war eine Nebenstraße, und wie so vieles hier gehörte sie Wallace, denn sie führte über sein Gebiet, das hier aus einer stillgelegten Plantage bestand, auf der inzwischen Büsche und Unkraut wucherten. Weiter oben ragten ein paar Felsen aus dem üppig sprießenden Unkraut, den Sträuchern und den vereinzelt noch wachsenden Kaffeebüschen.

Auf einem dieser braunen Felszacken hockte Le Beau und spähte durch ein Fernglas die Straße entlang. Unten, wo die Straße noch ziemlich anstieg, kam ein großer Wagen herauf. Le Beau hatte ihn schnell identifiziert: ein Rolls-Royce Corniche.

In einigem Abstand aber folgte ein anderer Wagen. Irgendein amerikanischer Straßenkreuzer, stratosilbern, chromblitzend.

Später, als der Rolls dann schon weiter oben war und der Weg ebener verlief, hatte Le Beau Mühe, die beiden Wagen genauer zu sehen, denn erstens blendete ihn die tiefstehende Abendsonne, zweitens fuhren beide Wagen relativ flott.

Aber die Sonne stand mit in Le Beaus Programm. Von ihr geblendet zu werden, störte ihn weniger. Und außerdem hatte er eine Sonnenbrille, die er nun aufsetzte.

Bis zu dem Felsen, auf dem Le Beau saß, hatte der Rolls noch zwei, der nachfolgende Ford noch drei Kurven zu fahren. Die letzte davon lag gar nicht weit von Le Beaus Platz entfernt. Und es war dies eine recht scharfe Kurve, an deren Außenseite der umsichtige Wallace eine Leitplanke hatte errichten lassen, weil dahinter nämlich Sumpf lag. Früher hatte sich hier einmal die Bewässerungsanlage jener Plantage befunden. Heute war es gerade noch ein großer Platz mit unergründlichem Morast. Die Ränder waren rissig und ausgetrocknet, aber schon ein paar Meter drinnen sackte man tief ein.

Aber, wie gesagt, es gab eine Leitplanke. Der Kummer daran war, dass sie statt von Schrauben nur von dünnen Drähten gehalten wurde. Drähte, die noch vor einigen Stunden im Gartenhaus des Principal-Hotels gelegen hatten.

Le Beau beobachtete den Rolls. Er sah James am Steuer, hinten einen Mann, der Baron Strehlitz sein musste.

Im Ford Gran Torino konnte Le Beau trotz der blaugrünen Scheiben des Fahrzeugs zwei Männer erkennen, die er schon auf der Terrasse des Hotels gesehen hatte. Der eine war jener bullige Schwarze, der andere … einer der Kellner. Warum sie den Rolls verfolgten, war für Le Beau ebenso klar, wie das beim Baron der Fall gewesen war, denn der hatte das vorausgesehen.

Der Rolls fuhr durch die Kurve, wo die mit Draht befestigte Leitplanke vor dem Sumpf schützen sollte. Kaum war der Rolls durch, drehte er auf. James gab so viel Gas, dass sich der schwere Wagen hinten richtig senkte.

Die im Gran Torino hatten diese jähe Beschleunigung durchaus mitbekommen, und nun drehten sie ebenfalls auf. Der Ford raste auf die Kurve zu, die er noch durchfahren musste. Indessen war der Rolls den Blicken Le Beaus längst entzogen.

Le Beau griff zu dem Handspiegel, einem runden Spiegel, wie man ihn in jeder Drogerie erstehen konnte. Und dann blendete er den reflektierten Strahl genau ins Gesicht des Fahrers.

Zuerst wurde der Ford gebremst, aber genau das war unmittelbar im Kurveneingang ein schlechtes Mittel. Dann bremste der Fahrer noch härter, dass der Wagen schleuderte. Und Le Beau blendete emsig weiter. Er sah, wie der große Schwarze den Kopf zur Seite nahm, doch der Strahl ging mit. Und dann schrammte der Ford die Leitplanke. Die flog einfach weg, und der Ford folgte ihr.

Irgendwie hatte das den Fahrer so erschreckt, dass er aufs Gas getreten war, denn nun schoss der viertürige Wagen noch einmal richtig los wie von einer Startrampe, und so flog er einige Meter weit durch die Luft, klatschte auf den Morast, dass die Dreckbatzen bis zum Felsen hinaufflogen. Und dann sank er ein. Ganz langsam, ganz behutsam. So, dass die beiden Insassen noch herauskommen konnten, dass sie noch Zeit hatten, Polster, Bodenmatten und alles mögliche an Decken und was sonst im Wagen lag, herauszuwerfen, um eine Art Steg zu bilden, über den sie aufs Trockene kommen konnten. Doch auch das ging nicht so glatt, und Le Beau sah ihnen noch ungefähr zehn Minuten zu, so lange, bis sie von oben bis unten mit Schlamm beschmiert, bis zu den Oberschenkeln im Dreck, dem sicheren festen Land nahe genug waren, um nicht mehr in Gefahr zu sein. Dann erst verließ er seinen Platz und stieg hinab, trabte ein Stück die Straße entlang bis zu einem Gebüsch, und hier wartete der Rolls.

Le Beau stieg ein. James sah ihn fragend an.

„Astrein gelaufen“, sagte Le Beau, und James nickte zufrieden, dann fuhr er los.

Le Beau sah die Puppe an, die auf dem Rücksitz festgebunden war. Die Ähnlichkeit mit Alexander von Strehlitz war verblüffend. Aber es war eben nur eine Puppe mit der Originalkleidung des Vorbildes.

„Beeile dich, James, Robert wird schon auf heißen Kohlen sitzen!“

 

 

5

Das Haus war ein Traum und übertraf selbst die Phantasie jener Drehbuchautoren, die solche Prachtgebäude häufig zum bescheidenen Statussymbol umschwärmter Neuzeit-Prinzessinnen aus Hollywood in ihren Filmen unterzubringen pflegten. Aber gegen diesen dollarschweren Lustbunker waren solche Filmpaläste schnöde Hütten.

Der größte Raum diente als Salon. Es war, wie Alexander feststellte, so etwas wie ein Universalraum mit Trimm-dich-fit-Abteilung. An einem riesigen Fenster, einer ganzen Fensterfront von zwanzig Meter Länge, befand sich ein Swimmingpool. Das Fenster ließ sich in zwei Teilen hochkurbeln, vermutlich elektrisch, und schon wehte der Duft der unzähligen Blüten ins Zimmer, die draußen wuchsen und prangten. Außer dem Swimmingpool gab es eine Hausbar, Sessel, die an halbe Eier erinnerten, kleine runde Glastische, die man kaum gewahrte, weil sogar ihre Beine aus Plexi oder Glas zu sein schienen, und dann so ein Kuschelteppich, auf dem man lieber liegt als auf ihm herumtritt. Es war das Überbleibsel einer ganzen Eisbärensippe. Nach Alexanders Schätzung hatten wohl an die vierzig daran glauben müssen, um diesen Teppich herzugeben.

Ziemlich in der Mitte des Teppichs lag sie. Das einzige, was sie trug, war der riesige Ring an ihrem linken Mittelfinger. Ein Opal, in Platin gefasst. So hell wie ihr gebleichtes Haar. Das Haar auf dem Kopf. Sonst war sie unverändert. Und das hätte manche Maid vor Neid erblassen lassen.

Alexander war nicht prüde, nicht falsch erzogen, und einen Anblick wie diesen konnte er genießen wie alten Kognak. Sie sah gut aus, da gab es nichts. Sie lag einfach da, räkelte und aalte sich, und die vielleicht achtzehnjährige Schwarze strich mit einem flaumweichen Federwisch über die Brüste der Liegenden, tupfte sanft an der Taille herunter, ließ den Wedel über die Schenkel gleiten, was der alabasterweißen Schönen inbrünstige Töne der Wollust entlockte.

Sie hörten nichts, sie sahen nichts. Die junge Schwarze bewegte sich wie jemand, der eine Pflicht verrichtete. Ihr Blick verriet nicht die geringste Anteilnahme. Das kleine dunkle Kleidchen, das sie trug, wies sie als Hausmädchen aus. Die Schürze hatte sie sich abgebunden; die lag auf einem der Eiersessel.

Alexander lehnte in der offenen Tür, die er so geöffnet vorgefunden hatte. Und während er noch überlegte, wie er dieses Spiel unterbrechen könnte, ohne es brutal zu stören, hörte er die Platinblonde sagen: „Eliza, was hat er gesagt? Wiederhole es!“

„Er hat gesagt, dass man ihn umbringen würde, wenn er käme, Señora. Er hat Angst, dass Señor Wallace ihn töten lässt.“ Die Schwarze sprach leise, aber klar. Ihre Stimme klang wie ein zartes Glockenspiel.

„Feigling! Ah, noch mal, Eliza! Ah, das ist schön!“

Die Schwarze ließ den Wedel die Innenseiten der Schenkel aufwärts gleiten.

In diesem Augenblick sah die junge Frau wie unter einem Zwang zur Tür. Und da hatte sie Alexander von Strehlitz schon entdeckt. Aber überraschenderweise fächelte sie weiter mit dem Wedel, als wäre nichts. Sie erschrak nicht, sie schrie nicht. Sie tat, als wäre alles wie immer. Und dann sagte sie mit ihrer Glockenstimme: „Warum warten Sie eigentlich auf Eusebio, Señora?“

„Warum? Bist du so dumm? Hast du nicht auch manchmal dieses Gefühl, diese Gier danach?“

„Ich habe Ricardo, Señora.“

„Ja, du hast ihn! Und ich?“

„Sie haben Señor Wallace, Señora.“

„Dummes Ding! Er ist fett und impotent. Er möchte tätscheln, spielen und so Sachen. Aber er ist kein Mann mehr. – Hör jetzt auf, solche Dinge zu reden! Mach weiter. Was ist denn nur? Warum hörst du auf?“

„Da ist einer, der das viel schöner macht, Señora“, sagte Eliza und lachte glockenhell.

Und sie sah zur Tür.

„Carmen Cordoba?“, fragte der Baron.

Carmen fuhr hoch, zuckte zusammen und fauchte: „Was tun Sie hier? Wie kommen Sie herein?“ Sie machte aber nicht den Versuch, ihre Scham zu bedecken, noch weniger ihre straffen Brüste.

„Mir ist Menschliches nicht fremd, Schönes sehe ich öfters, so etwas wie Sie habe ich wohl bisher kaum gesehen. Sie sind ein Kunstwerk. – Ich wollte es einmal bewundern. Daher bin ich hier.“

„Und wie das?“ Carmen nahm sich zusammen, nahm die Decke, die ihr Eliza gab und bedeckte damit das Nötigste. „Schließlich sind draußen zwei Hunde, zwei Wächter und …“

„Die Wächter bestehen doch aus einer Selbstschusseinrichtung, die ich mir erlaubte, außer Betrieb zu setzen. Die Hunde werden noch ein paar Stunden wohlverdienten Schlaf genießen, und was die Fernsehkameras angeht, die Sie zu erwähnen vergaßen, so habe ich es vermieden, in ihr Blickfeld zu geraten. Kurzum, Madam, ich bin hier, und wie ich sehe, komme ich nicht zur Unzeit. – Ich glaube, das Mädchen können wir entlassen.“

Carmens Selbstgefühl hatte offenbar doch einen kleinen Knacks bekommen. Sie sah Alexander wütend an. „Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind – und wenn Mr. Wallace erfährt, dass …“

„Sparen Sie sich die Hinweise. Ich bin mir darüber im Klaren. Das war ich, bevor ich zu Ihnen kam. Aber eine Frau wie Sie, da riskiert man schon etwas.“

Sie lachte scharf, sah Eliza an, die unschlüssig neben ihr kniete, und sagte: „Eusebio ist ein Waschlappen. Er macht sich in die Hosen, dabei hätte er keine Kamera, keinen Selbstschuss, keinen Hund zu fürchten brauchen, der Narr. Aber er, er kommt. – Sie sehen gut aus, Fremder. Wie heißen Sie?“

Alexander ging zur Bar, nahm Gin, Zitronensaft, etwas Rum und brach Eis in den Becher, dann schüttelte er einen Drink, tat ein paar Spritzer Angostura dazu, verteilte das Gemisch auf drei Gläser und sagte: „Trinken wir drei Hübschen auf uns. Nennen Sie mich Alexander. – Und unsere Eliza schicken wir natürlich nicht aus dem Haus, auch nicht ans Telefon. Da wird der liebe Onkel sehr böse. Nicht wahr, Eliza?“

Die Schwarze hatte absolut verstanden. Sie wäre von keinem Trinkgeld, egal wie hoch, so rasch zu Alexanders Anhängerin geworden wie durch die Tatsache, dass er ihr einen Drink gemixt hatte, ebenso wie ihrer Herrin, als sei sie dieser ebenbürtig. Und das alles so, als handelte es sich dabei um die selbstverständlichste Sache der Welt.

Auch Carmen, die sich in die Decke wie in eine römische Toga gewickelt hatte, kam das befremdlich vor, und sie sagte: „Eliza ist meine Zofe.“

„Ich weiß. Also, zum Wohl auf unsere Zukunft! Dann trinken wir mal!“

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938272
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538205
Schlagworte
baron paradies dunkelmänner

Autor

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Titel: Der Baron #18: Paradies der Dunkelmänner