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Carringo und die schwarzen Mustangs

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die schwarzen Mustangs

Copyright

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Carringo und die schwarzen Mustangs

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Jiminez und Adolpho Spinolas Rancho wird aus dem Hinterhalt überfallen und drei erstklassige Zuchthengste werden gnadenlos abgeknallt! Die Pferdezucht sind ihr ganzer Stolz – und Don Carlos Falange ein Dorn im Auge. Seit bekannt wurde, dass die Brüder Spinola schwarze Mustangs züchten, die sie irgendwo in der Sierra versteckt halten, will der Haziendero die Pferde besitzen – dazu ist ihm jedes Mittel recht, auch wenn er über Leichen gehen muss. Carringo und sein Freund Chaco kommen den Banditen in die Quere …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Jiminez Spinola trat aus dem weißen Adobelehmhaus und blickte gegen die noch sehr tief im Osten stehende Sonne. Goldene Strahlen stachen in den dünnen Staub, der über den Korrals stand, aufgewirbelt von den Pferden innerhalb der Umzäunung, die im Rudel entlang des Bretterzauns galoppierten.

Jiminez Spinola war stolz auf seine Pferde. Es war eine prächtige Zucht. Alle Tiere waren zwischen vier und acht Jahren alt. Sie standen sozusagen in voller Blüte. Es gab weit und breit keine besseren Pferde als die von Jiminez Spinola und seinem Bruder Adolpho, der jedoch nicht anwesend war.

Drüben, vor der kleinen Scheune, war der einzige Peon aufgetaucht, der mit Jiminez Spinola auf dem Anwesen weilte. Silva, der alte Peon, lächelte, als er Spinolas verträumten Blick bemerkte. Silva hatte die Aufzucht miterlebt und war genauso stolz wie Jiminez Spinola auf das Ergebnis ihrer Arbeit.

Spinola verließ das weiße Haus und wandte sich zu den Korrals. Er war zweiundvierzig Jahre alt, mittelgroß, breitschultrig und kräftig. In seinem breiten Gesicht leuchteten schwarze Augen. Ebenfalls schwarzes Haar fiel unter der Krempe seines Sombreros hervor. Spinola war in graues Leinenzeug gekleidet, trug einen Patronengurt und einen Revolver. Er legte auf Kleidung keinen Wert. Für ihn zählten nur diese wunderschönen Tiere.

Gerade sprengte die Herde wieder am Zaun entlang zur östlichen Seite des Korrals. Ein paar Tiere wieherten. Andere stiegen in die Höhe und ließen die Hufe wirbeln und die Mähnen flattern.

Der alte Peon ging zum Brunnen, auf dessen Mauer eine gusseiserne Pumpe montiert war. Silva war fünfundfünfzig Jahre alt, nicht größer als sein Patron, hatte aber völlig ergrautes Haar und ein stoppelbärtiges Gesicht. Er trug einen durchlöcherten Sombrero aus Stroh, eine zerschlissene graue Leinenhose und einen abgeschabten Poncho, der an einigen Stellen noch die ehemals grüne Farbe zeigte.

Silva erreichte den Brunnen und setzte die laut klappernde Pumpe in Betrieb, indem er den Schwengel betätigte. Über eine Bretterrinne lief alsbald Wasser zu einem Tümpel hinter dem Korralzaun.

Die Pferde näherten sich und soffen von dem klaren Wasser, das von der Holzrinne lief.

Indessen schaute sich Jiminez Spinola weiter um. Der Rancho lag am östlichen Rande der Sierra Potosi. Dunkelgrüner Wald schob sich im Norden und Süden hinter saftigem Grasland von den Bergen in die Hügellandschaft hinaus. Im Westen wuchsen gigantische Felsmassive in die Höhe.

Plötzlich war der ferne Klang eines Schusses zu hören. Mehr als eine halbe Meile entfernt quoll im Westen zwischen den grauen Felsen der Sierra ein Pulverrauchwölkchen in die Höhe und zerflatterte im grellen Licht.

„Silva, hör auf!“, rief Jiminez Spinola und lauschte.

Das Klappern und Knarren des Holzkolbens der Pumpe im Rohr verstummte. Fragend schaute der Peon seinen Patron an. Er hatte von dem fernen Schuss nichts gehört.

Auch die Pferde verhielten sich ruhig.

Spinola schaute nach allen Seiten.

„Was ist?“, fragte Silva. „Sie brauchen noch mehr Wasser!“

In diesem Augenblick meinte Spinola ein dünnes Pfeifen über sich zu hören. Nur für einen winzigen Moment. Dann ertönte wieder der ferne Knall, und Pulverrauch stieg zwischen den Felsen auf.

Im Korral wieherten die Pferde und stoben vom Wasser weg.

„Jemand schießt auf uns!“, rief der Peon entsetzt. „Das wird doch nicht wieder ...“

Er brach ab, als wieder ein bösartiges Wimmern über den Hof raste. Dann wieherte ein Pferd abgerissen im Korral und brach zusammen. Die anderen Tiere galoppierten längs des Zaunes weiter.

Silva warf sich an der Brunnenmauer in Deckung.

Spinola stürmte zum weißen Adobelehmhaus zurück und holte sein Gewehr. Als er wieder über die Schwelle trat, brach im Korral mitten im galoppierenden Rudel ein weiterer prachtvoller Hengst zusammen, und aus der Ferne hallte der Klang des nächsten Schusses herüber.

Jiminez Spinola repetierte sein Gewehr, trat an die Ecke des Gebäudes, legte die Waffe an und schoss dorthin, wo er den Pulverrauch aufsteigen sah. Der Kolben schrammte ihm hart gegen die Schulter. Feuer fuhr aus der Mündung.

Silva robbte über den Hof zur Remise hinüber.

Im Korral prallten die schweren Körper der jagenden Pferde gegen die sich ächzend biegenden Bretter, weil die Tiere die Kurven nicht schnell genug zu nehmen vermochten.

Silva war in der Remise verschwunden. Wenig später erschien er jedoch mit einem Gewehr, schoss planlos nach Westen, stürmte bis zum Brunnen und warf sich dort in Deckung. Sein Keuchen war bis zu Spinola herüber zu hören.

„Sei vorsichtig, Silva!“, rief ihm Spinola zu. „Das ist ein Wahnsinniger!“

Die Pferde gelangten nicht zur Ruhe. Ein galoppierender Hengst wurde in den Kopf getroffen und brach zusammen, ohne dass Spinola die Kugel gehört hätte. Auch das ferne Krachen wurde indessen vom Stampfen der Hufe übertönt, und den Pulverrauch konnte er wegen des nach Westen ziehenden Staubes bereits ebenfalls nicht mehr erkennen.

Jiminez Spinola hatte Tränen der Wut in den Augen, als er, so schnell er konnte, sein Gewehr repetierte und immer wieder schoss, bis die letzte Kugel aus dem Lauf war. Er schimpfte und fluchte und lud die Waffe mit zitternden Händen nach.

Der Peon hatte das Feuer eingestellt. Er schaute an der Brunnenmauer vorbei ein paar Herzschläge lang nach Westen, dann richtete er sich auf.

Abermals schlug Jiminez Spinola das Gewehr an und feuerte.

„Er schießt nicht mehr“, sagte Silva.

Jiminez Spinola hörte es nicht. Fast mechanisch jagte er Kugel um Kugel heraus. Die Tränen liefen ihm über das Gesicht und tropften von seinem Kinn. In den Augen brannte der Pulverrauch.

„Er ist weg, Patron!“, rief der alte Peon mit den grauen Haaren und dem stoppelbärtigen Gesicht.

Spinola schoss wie in Trance weiter.

Der Krach jagte die Pferde durch den großen Korral, vorbei an den drei Kadavern, die auf der Strecke geblieben waren und mitten hindurch durch den Tümpel, aus dem das Wasser aufpritzte.

Silva lief zu seinem schießenden Patron, rüttelte ihn am Arm und schrie: „Er schießt doch nicht mehr! Er ist weg!“

„Was?“ Spinola ließ das rauchende Gewehr langsam sinken und starrte den Peon an.

„Er ist weg!“

Jiminez Spinola schämte sich der Tränen und wischte sie mit dem Ärmel von den Wangen.

„Es schießt niemand mehr“, sagte der alte Peon noch einmal. „Es scheint ihm zunächst einmal zu reichen.“

Jiminez Spinola wandte sich um und blickte in den Korral.

Das Pferderudel kam am östlichen Ende des Zaunes zur Ruhe. Der Staub trieb träge über das weiße Haus. In der Umzäunung lagen die drei erschossenen Zuchthengste.

Spinola krampfte sich das Herz zusammen, solche Schmerzen empfand er bei diesem Anblick.

Im Korral wieherte ein Pferd und stob weiter. Angesteckt und noch von panischer Angst erfüllt folgten die anderen.

„Schnell!“, rief Jiminez Spinola. „Hilf mir, ein Pferd zu satteln, Silva!“

„Aber wozu?“

„Ich werde ihn töten, diesen Killer.“

„Er wird längst weg sein“, sagte der Peon. „Oder er lauert in einem Hinterhalt.“

„Hilf mir, mein Pferd zu satteln!“, befahl Spinola.

Sie liefen zum Korral. Die Pferde sprengten noch immer am Zaun entlang dahin, jagten gerade an der Fenz vorbei und bogen ab.

„Es hat sicher keinen Sinn“, sagte Silva.

„Hilf mir!“, beharrte Spinola.

Sie hängten die Fenz aus und ließen sie fallen. Sie schlug in den Hof.

Spinola nahm das Lasso vom Pfosten und stellte sich den wieder auftauchenden Pferden in den Weg.

Die Tiere stoppten, stiegen schrill wiehernd in die Höhe und ließen die Hufe wirbeln. Furchtlos stand Spinola vor ihnen. Er kannte seine Zuchttiere und wusste, dass sie nicht über einen Menschen hinweggehen würden. Er warf das Lasso nach dem besten Pferd und fing es ein.

Die anderen Pferde galoppierten rechts und links an ihm vorbei.

Spinola beruhigte den Rappen, den er mit sicherer Hand gefangen hatte, führte ihn hinaus und band ihn an den Zaun. Gemeinsam mit Silva hängte er das Gatter ein. Der Peon lief zur Remise und schleppte den schweren Sattel heran.

„Soll ich nicht mitreiten?“, fragte der Peon.

Spinola legte dem Rappen den Sattel auf. „Du gehst ins Haus und legst das Gewehr keine Sekunde aus der Hand, bis ich wieder zurück bin, klar?“

„Gut.“ Der Peon zuckte mit den Schultern, nahm sein Gewehr, das er an den Zaun gelehnt hatte, und wandte sich dem Haus zu.

Zwei Minuten später ritt Spinola vom Rancho. Silva, der alte, stoppelbärtige Mann, stand im Haus und schaute ihm durch das Fenster nach.

„Es ist unsinnig“, murmelte er. „Vielleicht warten die nur darauf, dass er sich sehen lässt.“

 

 

2

Jiminez Spinola zügelte sein Pferd. Das Gewehr mit dem Ellenbogen gegen die Hüfte gepresst, schaute er in den Hohlweg vor sich und lauschte.

Es blieb still um den einsamen Reiter, der nach dem Killer seiner Pferde suchte. Er war hier richtig, das wusste er. Denn auf dem Boden sah er im Schimmern der Sonne ein paar Messinghülsen, große schwere Hülsen mit gewaltigen Pulvertreibsätzen, wie sie in eine Sharps-Rifle passten.

Spinola blickte zurück. Er hielt am Ende des Hohlweges und war einen Saumpfad an der Felswand heraufgeritten. Weit im Osten und gut fünfzig Yards tiefer sah er seine weiße Adobelehmhütte und dahinter die Remise, den Brunnen, die Schuppen und die Korrals.

An dieser Stelle hatte der Schütze gestanden. Mit einem guten, weittragenden Gewehr hatte er mit sicherer Hand geschossen.

Spinola war überzeugt, dass es sich so verhielt. Um sich jedoch dessen zu versichern, saß er ab, ging zu den schimmernden Patronenhülsen, hob eine auf und roch an ihr.

Der Gestank des verbrannten Schwarzpulvers stieg ihm in die Nase.

Er warf die Patrone weg, führte den Rappen durch den Hohlweg und suchte nach Spuren. Doch nirgendwo war etwas Verdächtiges zu entdecken.

Spinola blieb immer wieder stehen, bückte sich und suchte genauer. Aber er schüttelte den Kopf. Das Pferd des heimtückischen Schurken hatte keinen einzigen Eindruck hinterlassen.

Manchmal schnaubte der Rappe und schaute mit spielenden Ohren an dem Mexikaner vorbei.

Spinola duckte sich jedes Mal und schlug das Gewehr an.

Doch außer den grauen Felsen der Sierra Potosi war nichts in der Nähe. Sie schienen ihn anzugrinsen, diese Felsen.

„Ich finde dich!“, rief der Mexikaner in den Hohlweg. Das Echo schallte wie Gelächter zurück und drohte ihn um den Rest seiner Beherrschung zu bringen.

 

 

3

Silva atmete erleichtert auf, als Jiminez Spinola offenbar unverletzt aus dem Walde im Süden ritt und sich dem Rancho näherte. Spinola hielt das Gewehr in der Armbeuge und hatte sich den Hut tief in die Stirn gezogen.

Die Sonne stand senkrecht über dem Rancho. Die Gluthitze des Sommertages wurde von den schroffen Felsen im Westen verstärkt, so dass es heiß wie in einem Ofen war. Zumindest erschien er dem Peon so.

Er war hinter den Korrals dabei, eine Grube für die Pferdekadaver auszuheben, stützte sich nun auf die Schaufel und wartete. Schweiß lief ihm über das Gesicht.

Spinola zügelte das Pferd am Zaun und schüttelte den Kopf. „Nicht die geringste Spur. Als wäre das Pferd geflogen.“

„Er wird ihm Lappen um die Hufe gewickelt haben, damit es keine Spuren hinterlässt.“

„Es scheint so.“ Jiminez Spinola stieg ab und schob das Gewehr in den Scabbard. „Aber ich werde ihn finden und töten, das schwöre ich, bei allem, was uns heilig ist!“

Silva wischte den Schweiß vom Gesicht, rückte den alten Strohsombrero gerade, stieg in die Grube hinunter und schaufelte die Erde heraus.

Spinola wartete ein paar Sekunden, ob der Peon noch etwas sagen würde. Als dies nicht geschah, wandte er sich dem Korral zu und sattelte das Pferd ab.

Silva hatte alle Pferde inzwischen in einen anderen Korral getrieben, der vorher leer gestanden hatte, um das Gras darin wachsen zu lassen. Jetzt führte auch Jiminez Spinola seinen Rappen in den anderen Korral. Er blieb danach vor dem offenen Gatter des nun leeren Brettergevierts stehen und schaute auf die Kadaver, deren Körper in der Sonne aufgedunsen waren. Geier kreisten angelockt am Himmel und schickten ihr krächzend forderndes Geschrei hinunter. Manchmal stieß ein Vogel nach unten, fing sich aber einige Yards über den reglosen Körpern und stieg mit heftig schlagenden Flügeln wieder in die Höhe.

Spinola half wenig später dem Peon die Grube zu vergrößern und tiefer zu schaufeln. Doch immer wieder hielt er inne und schaute sich um. Besonders lange haftete sein Blick auf den Bergen im Westen. Noch immer hatte er das Gefühl, als würden sie ihn boshaft angrinsen.

„Morgen muss trotzdem die Bestellung ausgeführt werden, Silva.“

„Ich weiß.“

„Dann ist niemand mehr hier. Ich kann nicht allein mit den Pferden reiten.“

„Ich weiß.“ Silva wischte sich abermals den Schweiß vom Gesicht. Da er aber keinen Rat wusste, schaufelte er weiter.

Und weil Jiminez Spinola auch keinen Ausweg sah, half er dem Peon.

Alsbald war das Loch tief genug. Sie gingen zum Korral, banden Lassos an die Beine des ersten Kadavers, holten ein Pferd, schirrten es an, als solle es vor einen Wagen gespannt werden, banden aber dann die Lasso an das Ortscheit und schleiften den Kadaver aus dem Korral. Silva führte das Zuchtpferd so an der Grube vorbei, dass der Kadaver in das Loch stürzte.

Auf gleiche Art holten sie die beiden anderen verendeten Tiere, brachten das Zuchtpferd in den Korral zurück und schaufelten danach die Grube zu. Spinola tat es mit abgewandtem Gesicht, bis endlich die Erdschicht die Kadaver völlig bedeckte. Und noch einmal schwor er sich dabei, blutige Rache zu nehmen.

 

 

4

Carringo und Chaco ritten durch die Sierra Potosi nach Südosten. Nachdem sie von Manuela Felipez erfahren hatten, dass sie Marido, den Samurai, in Tampico gesehen hätten, war von ihnen keine Pause mehr eingelegt worden, um die ferne Stadt zu erreichen.

Jedoch schien es ihnen seit Stunden, als hätten sie sich verirrt. Der eingeschlagene Weg stieg immer steiler an. Die Gegend um sie herum wurde zusehends unwirtlicher. Das aus dem Boden sprießende Gras war kaum noch handhoch. Sahen sie in der rauen Bergeinsamkeit einmal ein paar Büsche, dann handelte es sich um vertrocknetes, niederes Dickicht, das den Namen Buschwerk kaum verdiente. Zudem wurden die Felsen über ihnen flacher.

Carringo zügelte schließlich seinen braunen Hengst, legte die Hände auf dem Sattelhorn übereinander und schaute zögernd in den schmalen Spalt, in den der Weg an dieser Stelle mündete.

„Ich schätze, wir sind vom Wege abgekommen.“ Chaco, das Halbblut, rieb sich das faltenzerfurchte Gesicht.

„Das allerdings denke ich auch“, sagte Carringo widerwillig. „Der Fahrweg dürfte um mehr als hundert Yards tiefer liegen. Hier schafft es an manchen Stellen bestenfalls eine sechsspännige Kutsche, die obendrein von Pferden und nicht von Mulis gezogen werden muss. Das hat man hier selten.“

Chaco nickte zustimmend.

„Aber vermutlich haben wir den Weg schon vor Stunden verlassen, ohne es zu merken“, fuhr Carringo fort.

Chaco blickte zur Sonne, die sich nach Westen neigte. „Immerhin dürfte unsere Richtung stimmen. Wir werden den Fahrweg schon irgendwo wiederfinden.“

Die Freunde ritten nebeneinander in den Spalt, der für sie gerade noch breit genug war.

Nach einer knappen Viertelstunde verbreiterte sich der Spalt wieder. Nur noch zwanzig Yards hoch überragten die Felswände den Grund des Hohlweges. Nacktes Geröll lag an den Rändern. Die letzten Büsche waren hinter den Freunden zurückgeblieben.

Da auf einmal wurde das Gelände vor ihnen wieder weiter. Die Felsen flachten sich ganz ab und ein weites Plateau lag vor ihnen. In einer mit Erde angefüllten Rinne standen eine Reihe dürrer Kakteen wie große, stachelige Gerippe und warfen lange Schatten auf den felsigen Boden.

Im Süden und Osten fiel das Gelände hinter einer jähen Kante steil in die Tiefe. Berge türmten sich in beiden Richtungen bis zum Horizont auf.

„Feierabend“, murmelte Chaco. „Mindestens in der Richtung, in der wir wollen.“

Ihre Pferde standen wieder.

„Die Richtung allein genügt demnach nicht“, stellte Carringo fest. Er schaute nach Norden.

Dort schien in einem Spalt in der Wand eine Möglichkeit des Abstiegs zu sein. Er ritt darauf zu und sah, dass es ein ausgewaschener Weg war, durch den im Frühjahr wahrscheinlich Schmelzwasser floss.

Chaco war ihm gefolgt, ritt vorbei und entschlossen in die Tiefe.

„Wir kehren nun doch halbwegs um“, sagte er über die Schulter. „Nur wissen wir auf diesem Wege nicht, wo wir herauskommen werden.“

Carringo folgte ihm schweigend.

Der erste Absatz des Abstiegs lag in einem kargen Felsental, in das die Schmelzwasser eine Rinne gewaschen hatten, die Geröll bedeckte, liegengebliebenes, von Wasser und Wind rundgeschliffenes Gestein, das seit Jahrtausenden offenbar unberührt diesen Platz bedeckte.

Doch auf einmal sprang Chaco aus dem Sattel, ging in die Hocke und tastete das Gestein mit den Fingern ab.

Winzige graue Striche waren auf den ebenen, blankgescheuerten Steinen zu erkennen, die nicht vom Wasser und vom Wind stammen konnten.

„Pferde“, sagte Chaco leise und richtete sich auf. „Hier sind beschlagene Pferde gelaufen!“

„Wie es scheint, vor gar nicht sehr langer Zeit“, meinte Carringo.

„Genau!“ Chaco trat zurück und stieg in den Sattel.

Sie spähten über die unverkennbaren Spuren und ritten weiter. Carringo querte die Schmelzwasserrinne vor Chaco und lenkte seinen braunen Hengst in die klaffende Spalte, in die während der Schmelze das Wasser stürzen musste. In der Tat konnte sich Fox, sein Hengst, in der abschüssigen Mulde halten. Manchmal allerdings rutschte er und die Eisen schabten mit scharfen Geräuschen über das Gestein. Das Pferd scheute. Doch da ebnete sich die Mulde bereits wieder.

Carringo ritt aus dem schmalen Spalt in ein grünes Bergtal, das von senkrechten Wänden umschlossen geradezu ein Paradies in dieser rauen Höhe darstellte. Die Schmelzwasser hatten eine Menge Erde angeschwemmt, die sich im Tal verteilt hatte und ein guter Untergrund für den grünen Grasteppich geworden war. Aus einer winzigen Scharte sprang ein Wildwasser und floss in einer zweiten Rinne bis in die Mulde, die es mitten im Tal erreichte und mit seinem Wasser speiste.

Büsche wuchsen am Rande der senkrechten Wände. Dazwischen befand sich eine wurmstichige Hütte und davor, auf der Ostseite des Tales, angestrahlt von der Sonne, sah Carringo das, was ihn fasziniert staunen ließ: eine Herde pechschwarzer Pferde. Makellos überzogen die samtweichen Felle die Körper und Beine des Mustangs. Selbst auf den Stirnen war nicht die geringste Unregelmäßigkeit in der Farbe zu erkennen.

Carringo fühlte sich an Wildcat, seinen schwarzen Hengst, erinnert, den er weit in der Ferne zurückgelassen hatte. Wehmut packte ihn für Sekunden, so dass er den Gedanken an das treue ferne Tier mit Gewalt verdrängen musste.

Chaco aber hatte seinen Pinto gezügelt und unaufgefordert die Hände gehoben.

Denn da waren noch zwei Mexikaner, die rechts von ihnen standen, die Colts angeschlagen und die Finger an den Abzügen.

„Und was ist mit dir, Gringo, keine Lust?“, fragte der eine.

Carringo hob ebenfalls die Hände über den Kopf.

„Na also. Nun schnallen wir erst mal die Patronengurte ab und lassen sie fallen. Aber schön langsam und vorsichtig. Und einer nach dem anderen. Erst du, Halbblut!“

Während Chaco langsam den Patronengurt abschnallte, mit einer Hand nach rechts führte und fallen ließ, musterte Carringo die beiden Mexikaner, denen sie in die Falle gelaufen waren. Natürlich hatten die Kerle sie schon lange vorher gehört, zumindest die polternden Geräusche der beiden Pferde.

Der eine Mexikaner war um die vierzig Jahre alt, vielleicht auch ein wenig jünger. Finster und feindselig musterte er die Freunde.

Der andere war vielleicht fünfundzwanzig. Beide Mexikaner waren mittelgroß, schwarz und von Misstrauen erfüllt.

„Gringos“, sagte der jüngere Mann, während er ein paar Schritte näher trat und Chacos Waffengurt mit dem Fuß weit weg beförderte.

„Jetzt du!“ Der andere Mexikaner winkte mit der Waffe.

Carringo schnallte den Patronengurt ab, hielt ihn hoch und warf ihn ein Stück vor die Pferde.

„Weg damit, Lopez“, befahl der ältere der beiden.

Der junge Mann ging vor die Tiere und trat gegen den Gurt, dass er zu dem anderen flog. Dann holte er die Gewehre der Freunde und warf sie hinter den Colts und Patronen her.

„Schickt euch Don Carlos Falange?“, fragte der ältere Mexikaner. „Hat er jetzt Gringos als Revolvermänner angeworben?“

„Wir wissen nicht, was Sie meinen“, erwiderte Chaco. „Uns schickt niemand.“

„Wir sind auf dem Wege nach Tampico“, setzte Carringo hinzu.

„Tampico?“ Lopez lachte schallend. „Hier geht es doch nicht nach Tampico.“

„Richtig, wir sind vom Wege abgeraten“, entgegnete Chaco. „Das haben wir vor ein paar Stunden auch gemerkt. Aber wir dachten, wir würden die Fahrstraße schon wieder finden, wenn wir die Richtung beibehalten. Allerdings ...“

„Was?“

„Na ja, es ging nicht weiter nach Südosten. Wir mussten nach Norden abbiegen.“

„Er lügt, Señor Spinola!“, stieß Lopez mit funkelnden Augen hervor. „Ich sehe es ihm an!“

„Nichts siehst du“, sagte Chaco wütend. „Teufel, wir sind unterwegs nach Tampico und kennen keinen Don Carlos Falange.“

„Jetzt lügt er schon wieder!“, rief Lopez und bewegte seinen Colt.

„Herunter von den Pferden“, sagte Spinola.

Er war tatsächlich neununddreißig Jahre alt, hieß Adolpho mit Vornamen und sah seinem Bruder Jiminez sehr ähnlich. Allerdings trug er im Gegensatz zu diesem einen schwarzen Schnauzbart.

Chaco stieg ab und trat von den Pferden weg. „Wir sind hier völlig fremd, Señor. Es ist reiner Zufall, dass wir dieses Tal fanden.“

„Mein Name ist Spinola. Adolpho Spinola. Hat Falange gesagt, dass ihr die sagenumwobenen Pferde hier suchen sollt?“

„Sagenumwobenen Pferde?“ Chaco blickte zu dem kleinen Rudel hin, die die kleine Hütte umgaben. Es mochten fünfzehn Tiere sein. Und in der Tat hatte er niemals zuvor so viele wundervolle Rappen gesehen, offensichtlich mindestens zum Teil Mustangs aus einem zusammengehörenden Rudel.

Carringo war ebenfalls abgestiegen und trat mit erhobenen Händen von ihren Pferden weg.

„Die lügen!“, stieß Lopez hervor. „Wollen wir sie gleich ...“

Carringo lief es eiskalt über den Rücken, weil er sofort begriff, was der junge Mexikaner meinte.

Spinola schien zu überlegen, schüttelte aber dann den Kopf. „Wir sperren sie erst mal in das Loch.“

„Also vorwärts!“ Lopez winkte mit dem Colt in Richtung der Hütte.

Carringo ging so nahe an ihm vorbei, dass er eine Chance sah, die er nicht verstreichen lassen wollte. Er wirbelte herum, packte den jungen Mann und wollte ihn gegen den anderen stoßen.

Lopez flog auch wirklich zurück. Doch Spinola hatte augenblicklich reagiert, sprang zurück und feuerte über die Freunde weg.

„Hände hoch!“

Die Pferde wieherten und jagten hinter Chaco vorbei.

Lopez hatte sich gefangen und schoss in die Luft.

Spinola stand geduckt, den Colt auf Carringo gerichtet.

Carringo musste die Hände wieder heben; er konnte dabei noch von Glück sagen, dass keiner der beiden sofort schoss. Das allerdings bewies ihm auch, dass sie im Augenblick nicht in Lebensgefahr waren.

„Da hinüber!“, befahl Spinola. Er deutete mit der Waffe in Richtung der Hütte.

„Vorwärts!“, fuhr Lopez sie an.

Sie drehten sich um und marschierten in die angewiesene Richtung.

„Halt!“, befahl Spinola, als ein großer Holzdeckel erreicht war, der auf dem Gras nicht weit von der leeren Mulde des Schmelzwassers auf dem Rasen lag.

Carringo und Chaco hielten an.

„Du da, schieb den Deckel weg!“

Carringo wurde mit der Waffe angestoßen.

Er trat den letzten Schritt vor, bückte sich, hob den Deckel an und kippte ihn um.

Ein tiefes, spaltartiges Loch klaffte im Rasen. Vier Yards tiefer war der Boden zu sehen. Der Spalt war ungefähr einen Yard breit und nicht ganz doppelt so lang. In einem winzigen Rest setzte er sich nach den beiden Seiten fort, war jedoch schon jeweils am Anfang so schmal, dass ein Mensch darin nicht genügend Raum finden konnte.

„Uns legt man nicht aufs Kreuz“, sagte Spinola. „Auch kein Don Carlos schafft das.“

„Wir kennen keinen Don Carlos“, sagte Carringo, der es nicht wagte, sich umzuschauen.

„Schweig, Gringo!“, knurrte Lopez und stieß Carringo so heftig und schmerzvoll mit der Coltmündung an, dass der ins Leere trat und hinunter in den Spalt stürzte. Er prallte mit der Schulter gegen die Wand und meinte, die Beine zu brechen. Da flog Chaco schon hinterher und stürzte auf ihn. Gemeinsam gingen sie zu Boden. Chaco fluchte lästerlich, während über ihren Köpfen der Deckel auf die Felsspalte geschoben wurde und es augenblicklich finster wurde.

Nur durch ein paar Ritzen war noch die Tageshelligkeit zu erkennen.

Sie standen auf! Carringo tastete über die Wände. Aber sie waren ohne Scharten und glatt wie gehobelte Bretter. An ein Erklimmen konnten sie nicht denken. Auch die schmalen Fortsetzungen der Spalte zu beiden Seiten boten keinen Halt für Hände und Füße.

„Zum Teufel, die halten uns für Revolvermänner“, sagte Chaco.

„Zu unserem Glück haben sie wenigstens nicht gleich losgeballert“, erwiderte Carringo. Er setzte sich auf den Boden, nachdem er einsah, dass an ein Entwischen nicht zu denken war.

Chaco setzte sich neben ihn. Zwischen ihnen war die schmale Fortsetzung der Spalte. Nur so konnten sie nebeneinander die Beine ganz ausstrecken.

„Don Carlos ... Wie hat er gleich gesagt?“ Chaco schaute den Freund an.

„Falange.“

„Richtig, Falange. Hast du den Namen schon mal gehört?“

„Bestimmt nicht“, erwiderte Carringo, ohne nachzudenken. .Aber ich war ja auch nie in dieser Gegend.“

„Hätten wir nur den Weg nach Tampico nicht verloren“, murmelte Chaco. „Das hätte uns unter Garantie einen Haufen Ärger erspart.

Carringo nickte. Denn auch er hatte das Gefühl, dass sie ohne eigenes Zutun schon wieder einmal bis zum Hals im dicksten Schlamassel steckten.

 

 

5

Es dämmerte, als Schritte im knirschenden Sand zu vernehmen waren. Sie verklangen über den Köpfen der Freunde. Beide schauten sie nach oben.

Der Holzdeckel wurde zur Seite geschoben. Das Grau des Himmels war zu erkennen. Davor tauchte das Gesicht des jungen Peon auf, der etwas hinunterwarf.

Die Freunde zogen die Köpfe weg. Carringo jedoch fing gleichzeitig das kleine Paket auf.

„Damit ihr nicht verhungert“, erklärte der Mexikaner über ihren Köpfen. „Es ist aber nur Maisbrot. Wir haben selbst nichts anderes mehr hier oben.“

Carringo legte das Paket zwischen sich und dem Freund.

„Wie lange wollt ihr uns hier eigentlich noch festhalten?“, rief Chaco.

„Ihr kriegt schon noch früh genug, was ihr verdient“, entgegnete der Peon.

„Zum Teufel mit dir!“

Der Mexikaner nickte gleichmütig. „Wir wissen, dass Don Carlos euch hergeschickt hat, um uns oder zumindest die Pferdeherde zum Teufel zu schicken. Aber ihr habt euch dabei nicht sehr geschickt angestellt, Gringos! Euch wird der Satan holen!“

Das Gesicht verschwand, und der Holzdeckel wurde über das Loch geschoben. Dunkelheit umgab die Freunde.

Carringo packte das Maisbrot aus, zerbrach es und gab Chaco die Hälfte.

Schritte entfernten sich.

Carringo aß. Seine Ruhe übertrug sich auf Chaco, so dass er auch zu essen anfing.

Nachdem Carringo sein Brot gegessen hatte, knüllte er das Papier zusammen und steckte es in den schmalen Teil der Spalte hinter sich.

„Hast du schon irgendetwas begriffen?“

„Ja.“ Carringo nickte. „Irgendein mächtiger Mann, der Don Carlos Falange heißt, steht im Verdacht, amerikanische Revolvermänner angeworben zu haben, um die beiden Mexikaner oder die wunderschönen Rappen zu erschießen. Und die beiden Mexikaner denken, dass wir diese Revolvermänner seien. Da sie aber ganz offensichtlich einen mutmaßlichen Gegner nicht einfach abknallen, leben wir noch. Und so haben wir die Chance, dass sich der Irrtum aufklärt.“

„Wann?“

„Irgendwann.“

„Das kann am jüngsten Tag sein.“

„Die können uns nicht immer und ewig hier unten festhalten“, widersprach Carringo. „Einmal müssen sie uns hinauflassen, uns Bewegung gönnen und was sonst noch zum Leben gehört. Vielleicht ergibt sich dabei eine Möglichkeit der Veränderung. Wollen wir versuchen, erst mal zu schlafen? Ich bin ziemlich müde.“

„Wir sehen auch nicht sehr vertrauenerweckend aus, was?“ Chaco lächelte schwach durch das fahle Dunkel.

„Wirklich nicht.“ Carringo schaute an sich hinunter. Viel vermochte er nicht zu erkennen, aber dass er sehr schmutzig und seine Kleidung schon regelrecht speckig und stellenweise zerrissen war, das wusste er auch so. Sie hatten von daher keinen vertrauenerweckenden Eindruck auf die Mexikaner machen können. Andererseits sagte sich Carringo, dass so schäbig wie sie ins Land gerufene Revolvermänner kaum herumlaufen würden. Das aber wiederum war den beiden Kerlen kaum zu erklären. Er lehnte den Kopf gegen die Wand, schloss die Augen und versuchte, an nichts zu denken, um ein schlafen zu können. Chaco mühte sich damit auf der anderen Seite des Spalts ebenfalls. Als es Carringo nicht gelang, begann er langsam und lautlos zu zählen. Und damit überlistete er sein überlastetes Hirn doch und schlief ein.

 

 

6

Am Morgen hatte sich die Situation nicht verändert. Erst nachdem die Sonnenstrahlen durch die Spalten zwischen den Brettern zu erkennen waren, näherten sich wieder Schritte.

Carringo und Chaco blickten zu den hellen Spalten hinauf.

Die Schritte waren noch ein Stück entfernt verstummt, wie es den Freunden schien.

„Ich würde die nicht so sehr verwöhnen“, sagte Lopez, der Peon. „Die haben doch erst am Abend ein Stück Brot erhalten.“

Chaco zog leise stöhnend die Beine an. „Mann, ich muss schon steif wie ein Brett sein!“

„Denkst du vielleicht, ich nicht?“ Carringo erhob sich und versuchte mit ein paar Lockerungsbewegungen der Steifheit Herr zu werden.

Chaco streckte die Beine mehrmals aus und zog sie wieder an, bewegte die Arme und den Kopf. Danach erhob er sich ebenfalls. „So ein elendes Loch! Das mutet man doch seinem ärgsten Feind nicht zu.“

„Sei still!“ Carringo lauschte.

Die Schritte näherten sich weiter, verklangen über ihnen, und der Deckel über dem Verlies wurde zur Seite geschoben. Das Sonnenlicht fiel ungehindert in das Loch.

Geblendet schlossen die Freunde die Augen.

Adolpho Spinola beugte sich vor und warf wie am Abend zuvor sein Peon ein kleines Paket in das Loch hinunter. „Da ist für euch etwas zu essen.“

„Zur Hölle, wie lange soll denn das noch so weitergehen?“, fragte Chaco.

„Du solltest froh sein, noch zu leben“, erwiderte der Mexikaner.

„Was ist das für ein Leben in diesem Loch?“, fragte Carringo. „Ist das überhaupt ein Leben?“

„Ich habe nicht vor zu debattieren“, sagte der Mexikaner barsch. „Wollt ihr auch etwas trinken?“

„Blöde fragen kann der“, sagte Chaco. „Bildest du dir ein, wir wollen hier vertrocknen?“

Der Mexikaner entfernte sich.

Carringo schaute sich noch einmal eingehend die Wände an, gelangte aber wiederum zu dem Schluss, dass sie sich aus eigener Kraft nicht befreien konnten.

„Wenn du dich auf meine Schultern stellst, kannst du den Rand vielleicht erreichen“, flüsterte Chaco.

Carringo schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Da fehlt ein ganzes Stück. Mehr als ein Fuß!“

Sie hockten sich auf den Boden.

Über ihnen näherten sich abermals die Schritte. Der Mexikaner tauchte auf und ließ an einer Schnur einen Krug hinunter, von dem Wasser tropfte.

Chaco sprang auf und riss dem Mexikaner die Schnur aus der Hand, während Carringo den Krug auffing, damit er nicht auf den Boden schlug und zerschellte. Wasser schwabbte heraus.

„He, verdammt, ich muss mal hier raus!“, rief Chaco.

„Lopez, die Leiter“, sagte Spinola. Er schaute zu ihnen hinunter. „Aber immer nur einer. Und wenn dem was Dummes einfällt, hat es der andere auszubaden. Ich hoffe, ich bin deutlich genug.“

„Wie lange wollen Sie uns denn hier noch festhalten?“, fragte Carringo, der den Wasserkrug auf den Boden gestellt hatte.

„So lange, bis ich genau weiß, ob ihr den Tod verdient habt oder wirklich schuldlos seid.“

„Bis wir wissen, ob ihr Falanges Revolverschwinger seid“, sagte der Peon, der mit einer aus Lattenstücken zusammengenagelten Leiter auftauchte.

„Und wie lange wird das dauern?“, fragte Carringo. „Wir können schließlich kaum Beweise liefern, da wir hier fremd sind und keinen einzigen Zeugen nennen können.“

„Das werden wir sehen. Zuerst du, Weißer!“ Adolpho Spinola hatte dem Peon die Leiter abgenommen und ließ sie nach unten.

Indessen richtete der Peon Lopez seinen Revolver auf Chaco. Er spannte den Hammer und schob den Zeigefinger vor den Abzug. „Nur keine Zicken, Gringos!“

Carringo kletterte die schmale, sich ächzend biegende Leiter hinauf und blinzelte gegen die tief im Osten über den Steilhängen des Tales stehende Sonne. „Wohin?“

„Da, zu den Büschen.“ Adolpho Spinola zeigte mit ausgestrecktem Arm zu den Büschen rechts der wurmstichigen Hütte, in der die beiden anscheinend hausten. „Und denke an deinen Partner, Gringo. Er badet es aus, wenn du verschwinden willst. Und weit schaffst auch du es nicht ohne ein Pferd!“

„Ich weiß schon.“

Adolpho Spinola beobachtete ihn, solange er ihn sehen konnte. Der Peon indessen hatte nur Blicke für Chaco, auf den er seinen Revolver richtete.

Als Carringo zurückkehrte, musste er erst in das Loch hinunterklettern, bevor Chaco heraufdurfte. Die Prozedur wiederholte sich in umgekehrter Folge.

Zehn Minuten später steckten sie wieder beide in dem Loch. Über ihnen wurde der Deckel zugeschoben, nachdem der Peon die Leiter nach oben gezogen hatte.

Die Schritte der Männer entfernten sich.

„Das ist wie eine Mausefalle.“ Carringo nahm den Krug und trank einen Schluck des klaren Wassers.

„Du hast dich geirrt, nicht wahr?“

„Womit?“

Chaco nahm dem Freund den Krug aus der Hand. „Damit, dass wir schon einen Ausweg finden würden.“

„Ja, offensichtlich. Aber Hilfe von außen haben wir wohl auch kaum zu erwarten.“

Chaco trank, stellte den Krug zwischen sich und Carringo und schlug das Papier auseinander. Er fand darin wie am Tag zuvor nur Maisbrot. Nachdem er dem Freund die Hälfte davon abgebrochen hatte, setzte er sich in seine Ecke und aß das andere Stück.

Das Wiehern eines Pferdes war zu hören. Wenig später galoppierte die kleine Herde an dem Loch vorbei. Staub rieselte durch die Bretter und war im Sonnenlicht zu erkennen.

Carringo dachte an die herrlichen Pferde, die in dem seltsamen Verhalten der Mexikaner offensichtlich eine Schlüsselrolle spielten. Er griff nach dem Krug und trank einen Schluck, bevor er lustlos das harte Maisbrot zu kauen begann.

„Soll ich dir mal was sagen?“ Chaco tastete mit einer Hand die Wände ab. „Das hier ist mal ein Brunnen gewesen. Aber den hat niemand gebohrt. Der ist ganz natürlich entstanden. Durch ein Erdbeben vielleicht.“

„Kein Mensch kann hier oben in das Gestein einen Brunnen bohren“, entgegnete Carringo. „Aber du kannst recht haben. Das Wasser ist aus dem Spalt hinter uns herausgedrungen und in den vor uns geflossen. Unterwegs hat es ständig die Mulde gefüllt, die sich im Laufe der Jahrtausende hier ausgewaschen hat. Diese Erkenntnis hilft uns jedoch auch nicht weiter.“

„Allerdings nicht“, gab Chaco zu.

 

 

7

Jiminez Spinola und sein Peon Silva waren mit sechs Pferden unterwegs zur Wagenstraße im Osten des kleinen Ranchos. Sie mussten durch ein langes Kieferngehölz, in dem stellenweise niemals Sonnenstrahlen den Boden erreichten.

Wachsam schauten sich die beiden Männer um, jeweils in einer Hand die vielen Zügel und in der anderen die Gewehre.

Doch sie brachten das Gehölz hinter sich und sahen die nach Osten von den Bergen wegführende Straße, ohne etwas Verdächtiges bemerkt zu haben.

„Halt“, sagte Jiminez Spinola.

Der Peon hielt mit seinen Pferden an und wartete, bis Spinola neben ihm anlangte. Beide schauten zu den Bergen im Westen, von denen sie ungefähr eine halbe Meile entfernt waren. Im Norden begrenzte Hügelwald hinter einem kargen Präriestreifen das Land. Im Osten türmten sich nur flache Hügel mit vereinzelt stehenden Kakteen auf. Zwischen ihnen führte die Straße hindurch.

„Es liegt etwas in der Luft“, sagte Spinola leise. „Ich habe das Gefühl, als könne ich es riechen.“

Ihre Blicke suchten die Waldgrenze und die fernen Zinnen und Grate der Sierra ab. Doch auch jetzt vermochten sie nichts Verdächtiges zu entdecken.

„Dem Mordschützen wird es gestern gereicht haben“, sagte der Peon schließlich.

Spinola sah ein, dass sie nicht ewig so verharren durften, wenn sie ihren Auftrag ausführen wollten. Er nickte dem Peon zu und ritt weiter.

Schon nach einer Minute hatten die beiden die Piste erreicht. Bevor sie jedoch nach Osten abbiegen konnten, war wie tags zuvor der ferne, dünne Knall eines sich entladenden Gewehres zu vernehmen. Zugleich brach eins von Silvas Pferden zusammen.

Das Tier des Peon war von der Kugel gestreift worden, wieherte und vollführte einen bockenden Sprung. Silva musste alle Zügel aus der Hand fallen lassen, um nicht abgeworfen zu werden. Am Sattelhorn hielt er sich krampfhaft fest.

Die Panik steckte aber auch die anderen, von Jiminez Spinola gehaltenen Tiere an. Sie stürmten los.

Spinola konnte dagegen nichts tun. Zudem fiel in der Ferne wieder ein Schuss.

Silva, kaum dass sein Pferd wieder unter seiner Kontrolle war, stieß einen abgerissenen Schrei aus.

Das Pferd des Peon stürmte schnaubend über die Piste. Silva wurde abgeworfen. Er rollte bis in den Graben hinter dem Fahrweg und blieb dort mit dem Gesicht nach unten liegen.

In der Ferne im Westen krachte es abermals. Bevor das letzte Pferd jenseits im Wald hinter dem Präriestreifen und der Piste untertauchen konnte, wurde es in den Kopf getroffen und stürzte.

Spinolas Pferd ging durch und warf seinen Reiter direkt auf der Piste ab. Der Mexikaner hatte aber sein Gewehr festgehalten. Kaum hatte er sich abgerollt, da feuerte er blindlings auf die von der Sonne angestrahlten Berge in der Ferne. Nachdem er zehn Kugeln hinausgejagt hatte, ließ er die Waffe sinken. Schwarzpulverrauch hüllte ihn ein und verminderte die Sicht.

Jiminez Spinola schaute zu seinem Peon hinüber, der noch bewegungslos in dem Graben hinter der Piste lag und kein Lebenszeichen von sich gab.

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938265
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538204
Schlagworte
carringo mustangs

Autor

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Titel: Carringo und die schwarzen Mustangs