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Als sie von seinem Tod erfuhr: Arztroman

©2020 120 Seiten

Zusammenfassung


Mit schreckgeweiteten Augen sah Katja zum Fernsehgerät hinüber. Gerade hatte der Nachrichtensprecher mit sachlich-kühler Stimme mit geteilt, dass in Venezuela der Privatjet eines deutschen Konzernchefs abgestürzt sei. Niemand von den Insassen habe das Unglück überlebt.
„Achim ...”. Katja flüsterte nur diesen einen Namen, dann sank sie besinnungslos in sich zusammen.
Als sie nach Tagen aus einem schweren Nervenfieber erwachte, saß Dr. Härtling an ihrem Bett — der einzige Mensch, der wusste, wie viel Bedeutung Achim in Katjas Leben hatte ...

Leseprobe

Table of Contents

Als sie von seinem Tod erfuhr

Copyright

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Als sie von seinem Tod erfuhr

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Mit schreckgeweiteten Augen sah Katja zum Fernsehgerät hinüber. Gerade hatte der Nachrichtensprecher mit sachlich-kühler Stimme mit geteilt, dass in Venezuela der Privatjet eines deutschen Konzernchefs abgestürzt sei. Niemand von den Insassen habe das Unglück überlebt.

„Achim ...”. Katja flüsterte nur diesen einen Namen, dann sank sie besinnungslos in sich zusammen.

Als sie nach Tagen aus einem schweren Nervenfieber erwachte, saß Dr. Härtling an ihrem Bett — der einzige Mensch, der wusste, wie viel Bedeutung Achim in Katjas Leben hatte ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Es ist gut”, sagte Dr. Sören Härtling. „Sie können sich wieder anziehen, Frau Klima.”

Susanne Klima, eine übergewichtige, schwerfällige Frau mittleren Alters, stieg ächzend vom Untersuchungsstuhl. „Ist alles in Ordnung, Herr Doktor?”

„In bester Ordnung”, beruhigte der Gynäkologe und Chef der Paracelsus-Klinik die Patientin, die im sechsten Monat schwanger war.

„Aber die Schmerzen ...”

„Sie haben sich überanstrengt”, sagte Dr. Härtling. „Sie sind zwar eine kräftige Frau, sollten sich in den kommenden Wochen und Monaten aber nicht mehr so viel zumuten. Sie müssen sich etwas mehr schonen.”

„Das ist leichter gesagt als getan. So ein Tante-Emma-Laden läuft nicht von allein.”

„Lassen Sie Ihren Mann die schwere Arbeit tun.”

Susanne Klima zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. „Mein Mann ist ein Dummkopf, ein Schwächling, ein Tagträumer. Er macht alles verkehrt. Sie sehen ja, wie lange er gebraucht hat, um dieses Kind zu zeugen. Zehn Jahre. Zehn lange Jahre! Ich dachte schon, er würde es überhaupt nicht mehr schaffen. Manchmal frage ich mich wirklich, welcher Teufel mich geritten hat, als ich ihm das Jawort gab.”

Dr. Härtling entgegnete nichts darauf, sondern entließ die Patientin mit einem Rezept und mit der Empfehlung, den Fähigkeiten ihres Mannes mehr Vertrauen entgegenzubringen. Dann war die Vormittagssprechstunde zu Ende.

„War mal wieder viel Betrieb heute”, sagte Schwester Annegret, der gute Geist der Frauenstation. Jeder in der Paracelsus-Klinik — und ganz besonders Dr. Härtling — war froh, dass sie trotz ihrer fünfundsechzig Jahre noch nicht daran dachte, in den Ruhestand zu treten.

Sören Härtling zog seinen weißen Kittel aus. „Ich fahre nach Hause.”

„Was gibt es denn heute Feines zu essen bei Ihnen daheim?”, erkundigte sich Schwester Annegret schmunzelnd.

„Ich habe keinen blassen Schimmer, was Ottilie uns vorsetzen wird.”

„Es wird bestimmt genießbar sein.”

Sören Härtling lächelte. „Das hoffe ich, sonst esse ich von morgen an hier im Kasino.”

Schwester Annegret wiegte leicht den Kopf. „Eigentlich steht Ihre Wirtschafterin unter einem ziemlich starken Leistungsdruck.”

„Wieso?”, fragte Dr. Härtling.

„Wenn ihr mal etwas danebengeht, muss sie damit rechnen, dass Sie sich von ihr nicht mehr bekochen lassen.”

Sören schlüpfte in sein Jackett. „Ich denke, sie wird mit dieser Belastung ganz gut fertig. Ich wünsche Ihnen einen guten Hunger, Annchen.“

Schwester Annegret legte die Hände auf ihre Hüften. „Da ich in letzter Zeit zu viel geschlemmt habe, ist heute ein Apfeltag angesagt.”

„Sie Ärmste”, sagte Dr. Härtling mitleidig.

„Was haben Sie gegen Äpfel, Chef?”

„Nichts — solange ich sie nicht an Stelle einer leckeren Hauptmahlzeit verspeisen muss. Nach dem Essen ein Apfel, das ja. Aber anstatt des Essens ...” Sören holte die Autoschlüssel aus der Außentasche seines Jacketts. „Bis später”, sagte er und verließ die Paracelsus-Klinik.

 

 

2

„Guten Tag, Herr Doktor”, grüßte Ottilie, die früher als Schwester in der Paracelsus-Klinik gearbeitet hatte. „War viel zu tun heute Vormittag?”

„Normal”, gab Sören Härtling zurück. Er zog die Luft prüfend ein, um herauszufinden, was die Haushälterin gekocht hatte, aber er kam nicht drauf. „Was gibt es denn heute Gutes?”, erkundigte er sich’

„Reisfleisch mit grünem Salat.”

„Ein bisschen geriebenen Parmesankäse darüber — hört sich gut an.” Sören Härtling schnalzte mit der Zunge.

„Wir haben einen Gast”, berichtete Ottilie.

„So? Wen denn?”

„Die kleine Uschi Thuwe. Josee hat sie mitgebracht.”

Sören kannte Uschi schon lange Seit ihrer Geburt. Er hatte ihr vor neun Jahren auf die Welt geholfen. Uschi war ein nettes Mädchen.

Sie ging mit Josee, dem Nesthäkchen der Familie Härtling, in dieselbe Klasse. Die beiden vertrugen sich hervorragend. Sie machten hin und wieder gemeinsam ihre Hausaufgaben. Es war eine sehr fruchtbare Freundschaft. Was die eine nicht wusste, wusste die andere — und umgekehrt. Schade, dass Uschi ohne Vater aufwachsen musste.

Katja Thuwe, ihre Mutter, eine langjährige Patientin von Dr. Härtling, hatte den Namen des Kindesvaters nie preisgegeben. Sie würde ihr Kind allein bekommen und großziehen, hatte sie gesagt, und das hatte sie dann auch getan.

Sörens Familie war fast vollzählig. Nur der dreizehnjährige Tom fehlte. Sören küsste seine Frau und begrüße die Zwillinge Ben und Dana und Josee.

Dann gab er der hübschen Uschi freundlich die Hand und sagte lächelnd: „Wen haben wir denn da?”

„Guten Tag, Herr Doktor”, sagte Uschi. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter war verblüffend. Sie hatte sogar die gleiche Haarfarbe: aschblond.

„Hallo, kleines Fräulein, wie geht’s?”

„Danke, gut.”

Sören Härtling setzte sich. „Ist zu Hause alles in Ordnung?”

„Mutti hat mir gestern eine Schildkröte gekauft.”

„Welchen Namen hast du ihr gegeben?”, erkundigte sich Sören.

„Susi. Sie ist ganz, ganz lieb. Ich sehe ihr so gern beim Fressen zu.”

Ottilie erschien mit dem Servierwagen.

Dr. Härtling wandte sich an seine Frau. „Wo ist Tom?”

„Noch in der Schule“, antwortete Jana Härtling. „Sie üben ein Theaterstück ein.”

„Ich wusste gar nicht, dass Tom schauspielerische Ambitionen hat”, lächelte Sören.

„Er führt Regie”, sagte Jana.

Sören Härtling hob beeindruckt die Augenbrauen. „Sieh einer an.”

„Vielleicht wird mal ein zweiter Steven Spielberg aus ihm”, grinste Ben.

Während des Essens wurde kaum gesprochen. Danach tranken Jana Härtling, ihr Mann und die Zwillinge Kaffee. Josee und Uschi bekamen ein Glas Saft.

,,Mutti hat manchmal Schmerzen”, erzählte Uschi plötzlich.

„Wo?”, erkundigte sich Dr. Härtling. Katja Thuwe kam regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Sören überlegte kurz. Die nächste war bald wieder fällig.

„Im Bauch”, sagte Uschi.

„Starke Schmerzen?”

„Wenn sie eine Tablette nimmt, ist es bald wieder vorbei.”

„Was für Tabletten sind das denn?”, wollte Dr. Härtling wissen.

Uschi zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.”

„Hat sie sie von ihrem Hausarzt bekommen?”

„Keine Ahnung”, antwortete Uschi Thuwe.

„Hat sie diese Schmerzen oft?”

Uschi schüttelte den Kopf. „Nicht sehr oft.”

,,Sie soll mal zu mir in die Sprechstunde kommen.”

Uschi nickte. „Ich sag’s ihr.”

 

 

3

Das laute Würgen war in der ganzen Wohnung zu hören, dann rauschte die Klosettspülung. Katja Thuwe wankte ins Bad. Sie sah im Spiegel eine fremde Frau.

Blass und schweißbedeckt war ihr Gesicht. Sie fühlte sich elend. Ihre Knie schienen aus Gummi zu sein. Sie schaute sich ratlos an und keuchte:„Was ist bloß mit mir los?”

Sie wusch sich das Gesicht, füllte ein Glas mit Wasser und schluckte eine von den schmerzstillenden Tabletten, die sie sich besorgt hatte.

Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, wollte sie in die Paracelsus-Klinik gehen. Sie war freie Grafikerin und illustrierte häufig auch Kinderbücher. Ihr außergewöhnliches Talent und ihre absolute Zuverlässigkeit hatten sich inzwischen herumgesprochen. Man beschäftigte sie gern, und sie hatte noch nie einen zugesagten Termin verbummelt. Dazu würde es auch diesmal nicht kommen. Sie war zwar durch diese Anfälle mit ihrer Arbeit etwas in Verzug geraten, würde ihre Illustrationen aber dennoch noch zeitgerecht abliefern.

Ein Glück, dass Uschi nicht da war. Es war besser, wenn das Kind sie nicht so sah.

Matt schleppte sie sich in ihr Arbeitszimmer zurück. Ächzend setzte sie sich wieder an ihren Zeichentisch. Düstere Schatten umhüllten einen hageren Mann mit stechenden Augen. Es war eine unheimliche Geschichte, zu der Katja Thuwe die Bilder zeichnete. Allmählich wirkte die Tablette, die Schmerzen im rechten Oberbauch ließen nach. Katja Thuwe arbeitete weiter.

Das Telefon läutete. Katja nahm den Hörer ab. „Hallo!”

„Wie geht’s, schöne Frau?”, erkundigte sich Michael Gommel, der netteste Verlagsleiter von allen, mit denen Katja beruflich zu tun hatte.

„Ich kann nicht klagen”, schwindelte sie.

„Ihre Stimme hört sich anders an.”

„Das muss an der Leitung liegen”, erwiderte Katja. „Es geht mir gut.”

„Kommen Sie mit Ihrer Arbeit voran?”

„Befürchten Sie, ich könnte den vereinbarten Termin überziehen?”, fragte Katja zurück.

„Diese Angst braucht man bei Ihnen nicht zu haben, das weiß jeder in der Branche.”

„Ich werde noch in dieser Woche fertig”, sagte die Künstlerin.

„Wunderbar. Der Waage-Verlag gibt Freitagabend einen Empfang. Haben Sie Lust, mit mir da hinzugehen? Ich könnte Sie mit einigen wichtigen Leuten bekannt machen. In Ihrem Beruf sind gute Connections von großem Vorteil.”

„Tut mir leid, für Freitagabend habe ich schon etwas vor”, log Katja.

„Etwas, das sich nicht verschieben lässt?”, fragte Michael Gommel.

„Ich bedaure wirklich sehr.”

Gommel seufzte. „Schade.”

Sie hätte seine Einladung nicht abgelehnt, wenn sie sich besser gefühlt hätte.

Mit ihren Beschwerden gehörte sie jedoch ins Bett und auf keinen Empfang. Sie glaubte nicht, dass sie sich bis Freitag erholt haben würde. Vielleicht würde es ihr dann sogar noch schlechter gehen.

„Ich weiß es zu schätzen, dass Sie an mich gedacht haben”, sagte Katja.

„Ich denke sehr oft an Sie!”

Sie wusste, dass er sie sehr mochte. Sie glaubte sogar, dass er in sie verliebt war, aber sie war es leider überhaupt nicht in ihn.

Sie hatte nur einmal geliebt — mit jeder Faser ihres Herzens. Und das war schiefgegangen. Sie liebte Uschis Vater noch immer, obwohl er längst einer anderen Frau gehörte.

Sie aber würde niemals aufhören können, ihn zu lieben. Deshalb würde auch nie ein anderer Mann mehr eine Rolle in ihrem Privatleben spielen. Es war unsinnig, den Platz an ihrer Seite freizuhalten. Sie machte sich nichts vor. Sie wusste, dass Uschis Vater nie zu ihr zurückkehren würde. Dennoch gab sie keinem anderen Mann eine Chance. Auch dann nicht, wenn er so nett war wie Michael Gommel.

 

 

4

Es war Zeit für Dr. Sören Härtling, in die Paracelsus-Klinik zurückzukehren. „Ruf Walter, Nessy, Gerd und Röschen an”, bat er seine Frau. „Wäre nett, wenn sie am Samstag zum Kaffee kommen könnten.”

Prof. Dr. Walter Paracelsus, der Gründer der Paracelsus-Klinik, und seine Frau Erneste waren Janas Eltern — allerdings war Nessy nicht Janas leibliche Mutter. Die war sehr früh gestorben, und erst viele Jahre später hatte der Professor mit Nessy ein zweites Glück gefunden. Dr. Gerd Paracelsus war ihr Onkel. Seine vor Jahren verstorbene Frau hatte Carla geheißen. Er war in zweiter Ehe mit Hetty Rose verheiratet, die früher in der Klinik Härtlings Sekretärin gewesen war.

„Ich werd mal fragen, ob sie Zeit haben”, nickte Jana Härtling. „Vielleicht kommen Trixi und Axel auch.”

Trixi, Sörens Schwester, war mit dem Rechtsanwalt Dr. Axel Lassow verheiratet.

„Dann hätten wir die Familie mal wieder schön beisammen”, sagte Sören. Er kniff Jana leicht in die Wange. „Ich muss gehen. Nur eines noch, ehe ich es vergesse: Ich liebe dich.” Er gab seiner Frau einen Kuss und verließ die Villa.

Nachdem Josee und Uschi ihre Hausaufgaben gemacht hatten, fragte Josee: „Darf ich jetzt mit zu Uschi gehen, Mutti? Ich möchte mir die kleine Schildkröte ansehen.”

„Meinetwegen. Aber bleib nicht zu lange. Und geh vor allem Frau Thuwe nicht auf die Nerven. Sie ist allem Anschein nach zurzeit gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe.”

Josee blieb zwei Stunden weg. Als sie wiederkam, sagte sie: „Frau Thuwe sieht ziemlich krank aus.”

„Mein Gott, warum geht sie denn nicht zum Arzt?”

„Sie hat keine Zeit”, erwiderte Josee. Jana Härtling — früher Kinderärztin, heute Hausfrau und Ärztin für die eigenen Kinder — schüttelte verständnislos den Kopf. „Für die eigene Gesundheit nehmen sich die meisten Menschen am wenigsten Zeit.”

„Wenn sie mit ihrer Arbeit fertig ist, wird sie sich von Vati untersuchen lassen, hat sie gesagt.”

„Na, dann hoffen wir, dass das recht bald sein wird”, seufzte Jana.

„Ich habe Susi gesehen”, berichtete Josee denn mit strahlenden Augen. „Uschi hat sie mir auf die Hand gesetzt; Susi hat das Köpfchen und die Beinchen eingezogen.”

,,Das tun Schildkröten immer, wenn sie Angst haben.”

„Es sah richtig ulkig aus”, erzählte Josee. „Ich hatte zuerst nur den Panzer auf der Hand liegen, aber nach einer Weile kamen der Kopf und die Beine raus, und Susi ist ein Stück an meinem Arm hochgekrabbelt.”

Jana Härtling lächelte. „Und nun möchtest du natürlich auch gern so eine Schildkröte haben, nicht wahr? Aber das ist leider nicht möglich. Du bist nicht unser einziges Kind. Wir haben vier, und wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir auch Tom, Dana und Ben erlauben, sich einen mehr oder weniger kleinen Liebling aus der Tierhandlung zu holen. Dann hat Dana eine Katze, Ben einen Hund — und Tom vielleicht eine Boa Constrictor.”

„Was ist denn das?”

„Eine Riesenschlange”, antwortete Jana.

Josee schüttelte sich. „Igitt.”

„Tja, deshalb wird leider nichts aus einer eigenen Schildkröte werden. Aber du kannst ja Susi besuchen, wann immer du möchtest. Vorausgesetzt, Frau Thuwe hat nichts dagegen”, schränkte Jana Härtling ein.

 

 

5

Jetzt hatte Katja Thuwe Schüttelfrost, und der Schmerz strahlte vom rechten Oberbauch in die rechte Schulter aus. Die junge Frau war bis ans Kinn zugedeckt und klapperte laut mit den Zähnen.

Sie hatte ihre Arbeit abgeschlossen und auch schon abgeliefert, und morgen würde sie endlich darangehen, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Das war sie sich selbst und ihrer kleinen Tochter schuldig. Sie hatte bereits in der Paracelsus-Klinik angerufen und sich von Schwester Annegret einen Termin geben lassen.

Auch einer Nachbarin hatte sie Bescheid gesagt. Falls sie in der Paracelsus-Klinik bleiben musste, würde diese sich um Uschi kümmern.

Einfacher wäre es gewesen, wenn Uschi einen Vater gehabt hätte. Sie hatte auch einen, doch der wusste nicht einmal, dass es Uschi gab.

Warum musste das Leben für manche Menschen so kompliziert verlaufen? Wozu waren diese vielen unübersehbaren Windungen und Krümmungen gut?

Katja Thuwe legte die Hand auf die Stelle, von der der Schmerz ausging. Sie hatte dort ein starkes Druckgefühl. War da nicht eine hühnereigroße, äußerst druckempfindliche Geschwulst durch die Bauchwand zu ertasten?

Der Schüttelfrost ließ nach. Hitze folgte. Katja fieberte ziemlich hoch. Erst in den Morgenstunden sank ihre Temperatur auf annähernd siebenunddreißig Grad.

Müde stand sie kurz vor sieben Uhr auf, um Uschi zu wecken. Während das Kind mit nackten Füßen ins Bad tapste, machte Katja Thuwe in der Küche das Frühstück.

„Wie oft muss ich dir noch sagen, du sollst nicht immer ohne Pantoffel herumlaufen”, rügte sie ihre Töchter. „Ich werde mal Reißnägel streuen, damit du es dir endlich merkst.”

„Gehst du heute in die Paracelsus-Klinik?”, fragte Uschi, während sie ihre Cornflakes löffelte.

„Ja”, antwortete Katja Thuwe. Sie aß nichts und trank nichts, weil sie befürchtete, dass es gleich wieder hochkommen würde.

„Zu Dr. Härtling?”

„Ja”, sagte Katja.

„Wird er dich untersuchen?”

Katja lächelte. „Das ist der Grund, weshalb ich zu ihm gehe.”

Uschi musterte sie besorgt. „Bist du sehr krank, Mami?”

„Das weiß ich nicht. Ich bin kein Arzt.”

„Aber du wirst wieder ganz gesund, nicht wahr?”

„Ganz bestimmt.” Katja Thuwe strich ihrer Tochter liebevoll übers Haar. „Hör zu, es könnte sein, dass Dr. Härtling mich ein paar Tage in der Klinik behalten möchte, um mich gründlicher untersuchen zu können. Ich habe Frau Rathke gebeten, sich in diesem Fall um dich zu kümmern. Ich hoffe, du bist damit einverstanden.”

„Ich kann Frau Rathke sehr gut leiden.”

„Das freut mich. Sie mag dich auch sehr”, sagte Katja Thuwe „Warum hat Frau Rathke keine Kinder, Mutti?”, wollte Uschi wissen.

„Sie hatte mal eines.”

„Wo ist es jetzt?”, fragte Uschi.

„Es ist gestorben. Und kurz darauf ist ihr Mann gestorben. Seither lebt sie allein in ihrer großen Wohnung und ist glücklich, wenn wir mal ihre Hilfe in Anspruch nehmen.” Katja Thuwe gab ihrer Tochter einen leichten Klaps auf die Wange. „Beeil dich, sonst kommst du zu spät in die Schule.”

„Darf ich dich besuchen, wenn du in der Paracelsus-Klinik bleiben musst?”

„Vielleicht verschreibt Dr. Härtling mir ja nur ein paar Tabletten und ich darf wieder nach Hause gehen”, sagte Kat ja Thuwe.

„Dr. Härtling ist ein guter Arzt, nicht wahr?”

„Er ist der beste, den ich kenne.”

 

 

6

Stuhl und Harn waren ohne krankhaften Befund. Weder bei der Röntgen noch bei der Ultraschalluntersuchung zeigten sich bei der Patientin Gallensteine. Cholezystitits, diagnostizierte Dr. Härtling. Gallenblasenentzündung. Katja Thuwe hatte in der Paracelsus-Klinik bleiben müssen. Sie brauchte nicht operiert zu werden. Man behandelte sie mit Medikamenten, und Dr. Härtling hatte eine strenge Diät verordnet.

„Sie hätten schon viel früher zu mir kommen sollen”, sagte er vorwurfsvoll.

Katja sah ihn verlegen an. „Ich hatte zu viel zu tun.”

„Ihre Gesundheit sollte immer Vorrang haben. Sie hatten großes Glück. Es hätte sich Eiter in Ihrer Gallenblase bilden können. Man spricht in diesem Fall von einem Gallenblasenemphysem. Dieses kann perforieren, der Inhalt in die Bauchhöhle ergossen werden und somit eine diffuse Peritonitis verursachen.”

„Hört sich gefährlich an”, murmelte die Patientin kleinlaut.

„Das ist es auch.”

Sie hob die Hand, die nicht am Tropf hing. „Ich verspreche, mich zu bessern, Herrn Doktor.”

„Sie müssen an Uschi denken”, sagte Dr. Härtling.

„Sie ist mein ein und alles.’’

„Dann spielen Sie nie wieder leichtfertig mit Ihrem Leben”, sagte Sören Härtling. „Zuerst kommen Kind und Gesundheit — dann erst die Arbeit.”

„Sie haben ja recht, Dr. Härtling. Lassen Sie’s bitte damit genug sein, ja? Ich weiß, dass ich unvernünftig gehandelt habe. Es wird nie wieder vorkommen.”

„Ich wollte, ich könnte Ihnen glauben.”

Die Patientin sah den Chef der Paracelsus-Klinik irritiert an. „Aus welchem Grund zweifeln Sie an meinen Worten?”

„Sie sind nicht zum ersten Mal unvernünftig.”

Katja Thuwe sah zum Fenster und schwieg mit zusammengepressten Lippen.

„Sie sind eine bildschöne Frau”, sagte Sören Härtling. „Sie sind jung, noch keine dreißig.”

Katjas Augen verdunkelten sich.

„Warum suchen Sie sich keinen Mann?”, fragte Dr. Härtling.

„Ich brauche keinen Mann.” Es klang fast trotzig.

„Sind Sie manchmal nicht sehr einsam?”

„Ich habe Uschi”, sagte Katja Thuwe.

„Es sollte einen Menschen in Ihrem Leben geben, der mit Ihnen Freud und Leid teilt, auf dessen Schulter Sie Ihren Kopf legen können, wenn Ihnen danach ist.”

,,Ich komme sehr gut ohne diese Schulter zurecht”, behauptete Katja Thuwe trocken.

„Sie würden sich im Leben mit einem Partner viel leichter tun.“

„Ein Partner würde mein Leben nur noch mehr komplizieren.”

„Uschi hätte einen Vater”. Dr. Härtling ließ nicht so leicht locker.

„Sie braucht keinen Vater. Sie hat mich. Ich bin Mutter und Vater für sie.”

„Warum sperren Sie sich so hartnäckig gegen eine Partnerschaft, Frau Thuwe?”, wollte Sören Härtling wissen. „Weil Sie einmal reingefallen sind ...”

„Ich bin nicht reingefallen, Dr. Härtling”, stellte die Patientin mit spröder Stimme klar.

„Nun, dann sagen wir, die Dinge sind nicht so verlaufen, wie es allgemein üblich ist”, formulierte Sören Härtling es anders. „Sie wurden schwanger und mussten Ihr Kind allein zur Welt bringen.”

„Das war meine eigene Entscheidung. Uschis Vater ist ein anständiger Mensch.”

Sören lächelte friedfertig. „Warum nehmen Sie ihn in Schutz? Ich habe ihn nicht angegriffen.”

„Sie denken, er hat mich sitzenlassen, aber das war nicht der Fall. Wenn er gewusst hätte, dass ich schwanger bin ...”

Sören hob erstaunt die rechte Augenbraue. „Haben Sie es ihm denn nicht gesagt?”

Katja Thuwe schüttelte den Kopf. „Wozu?”

„Er hätte ein Recht darauf gehabt, es zu erfahren.”

Die Patientin zog die Augenbrauen zusammen. „Ich wollte nicht, dass er es weiß.”

„Sie wollten nicht, dass er Sie nur heiratet, weil Sie von ihm ein Kind erwarten. Weiß er noch immer nicht, dass er eine Tochter hat?”

„Ich sehe nach neun Jahren wahrhaftig keinen Grund mehr, es ihm zu sagen”, kam es eigensinnig über Katjas Lippen.

„Und Uschi — wird sie jemals von Ihnen erfahren, wer ihr Vater ist?”

„Nein”, antwortete die Patientin fest.

„Warum nicht?”, fragte Sören Härtling.

„Weil ich nicht will, dass sie eines Tages zu ihm geht und sagt: ,Hallo, Papa, ich bin Uschi, deine Tochter.’”

„Wäre das denn so schrecklich?”, fragte Sören.

„Wir leben unser Leben, er das seine.”

„Dieser Mann — wer immer es ist — muss Sie schwer enttäuscht haben”, sagte Dr. Härtling. „Ich nehme an, Sie haben in sehr geliebt.”

„Ich liebe ihn noch immer, werde nie aufhören, ihn zu lieben”, erklärte die Patientin da zu Dr. Härtlings Verwunderung.

„Dennoch haben Sie sich entschieden, ohne ihn zu leben? Das verstehe ich nicht.”

„Es ist nicht wichtig, dass Sie es verstehen”, erwiderte Katja Thuwe spröde.

„Ich würde es aber gerne begreifen. Was ist damals — vor mehr als neun Jahren — schiefgelaufen, Frau Thuwe?”

„Ich möchte nicht darüber reden.”

„Glauben Sie, dass Sie für alle Zeiten werden schweigen können?”, fragte Dr. Härtling und sah sie ernst an.

„Ich habe getan, was ich für richtig hielt. Ich habe die Weichen für unser weiteres Leben gestellt ...”

„Sie haben nicht nur für sich selbst entschieden, sondern für Uschi und ihren Vater gleich mit, ohne ihn zu fragen, ob ihm das auch recht ist”, sagte Sören Härtling ernst.

„Es war für uns alle das Beste”, behauptete Katja Thuwe.

„Das kann ich nicht beurteilen.”

„Aber ich kann es”, sagte die schöne junge Frau.

„Sind Sie nach neun Jahren immer noch felsenfest davon überzeugt, keinen Fehler gemacht zu haben?”, forschte Sören Härtling.

Die Patientin schwieg.

„Fehler lassen sich in den meisten Fällen korrigieren”, sagte der Arzt eindringlich.

Katja Thuwe sah ihn verschlossen an und erwiderte nichts. Sören erkannte, dass sich zwischen ihnen eine Wand aus Panzerglas befand. Die junge Frau ließ ihn nicht an sich heran. Sie wollte nur wissen, wie lange er sie in der Paracelsus-Klinik behalten würde.

„Ich denke, ich kann Sie übermorgen entlassen”, sagte Dr. Härtling. „Ihre Medikamente können Sie auch zu Hause einnehmen. Aber ich muss mich darauf verlassen können, dass Sie weiterhin ganz streng Diät halten. Verboten sind: Nüsse, Bananen und Apfelsinen. Alle groben Zubereitungen, Hülsenfrüchte, Gurken, gekochtes Sauerkraut, Kohl, Bratkartoffeln, überhaupt alle fett zubereiteten Gerichte. Frisches Brot, Kuchen mit Fett oder Rahmzusatz, Hefeteig. Spiegelei, Mayonnaise, Salatsoßen. Alle fetten Käsearten. Wurst, gebratenes und fettes Fleisch, fette Fische Margarine, Schweinefett, Rahm, Sahne ...”

Die Patientin verdrehte die Augen und ächzte geplagt. „Das ist eine ganze Menge.”

„Ihre Gallenblase braucht die größtmögliche Schonung”, erwiderte Dr. Härtling.

„Was ist bei so viel Verbotenem denn überhaupt noch erlaubt?”, wollte Katja Thuwe wissen.

„Erdbeeren, Himbeeren, Holunderbeeren”, zählte Dr. Härtling auf. „Mohrrüben, Rettich, Radieschen, zarte grüne Bohnen. Alle grünen Salate, Tomatensalat, Rettichsalat. Jedoch dürfen alle Salate nur mit Zitronensaft und ohne Öl zubereitet werden. Getreideflocken, Weizenkeime, alle Vollkornbrote sind auch erlaubt. Alle Mehlspeisen, sofern sie mit reichlichen Mengen von Weizenkeimen und Sirup oder Melasse zubereitet wurden. Alle Arten von Schleimsuppen, aber in kleinen Mengen. Molke, Sauermilch, Joghurt, Kefir, salzfreie Käse, Quark, Gervais. Gekochtes, ganz mageres Fleisch, magere Fische. Frische Butter, aber sie darf nicht erhitzt werden. Kleine Mengen Rotwein sogar.”

Die Patientin lächelte schief. „Und ich dachte schon, ich müsste verhungern.”

„Wie viele Mahlzeiten haben Sie bisher zu sich genommen?”, fragte der Klinikchef.

„Drei.”

„Sie sollten von nun an sechsmal am Tag kleinere Portionen zu sich nehmen”, sagte Dr. Härtling.

Katja Thuwe nickte. „Kein Problem. Ich arbeite zu Hause. Ich kann jederzeit aufstehen und mir was holen.”

Sören Härtling hob den Zeigefinger. „Kleine Mahlzeiten. In Ruhe verzehren. Lange kauen. Gut einspeicheln. Wenn Sie sich an alles, was ich Ihnen rate, gewissenhaft halten, werden Sie bald wieder gesund sein.”

Die Tür öffnete sich, und Schwester Annegret erschien. „Dr. Falk hat mich gebeten, Sie zu suchen, Chef. Er hat da ein Problem, über das er mit Ihnen sprechen möchte.”

Sören nickte. „Ich komme.” Er wandte sich an die Patientin. „Entschuldigen Sie mich bitte.” Mit raschen Schritten verließ er das Krankenzimmer.

Schwester Annegret schloss die Tür. Katja Thuwe war allein. Sie blickte zu der halb vollen Infusionsflasche hoch, die an einem Chromgalgen hing und in der sich eine glasklare Flüssigkeit befand. Man hätte es für gewöhnliches Leitungswasser halten können.

Langsam rannen die Tropfen aus dem Glasbehälter in den Schlauch, durch die Nadel, die in Katjas Arm steckte, und in ihre Vene.

Tropfen um Tropfen verließ die auf dem Kopf stehende Glasflasche. Eine schmerzlindernde, kreislaufstärkende und entzündungshemmende Flüssigkeit, die an Katja schon ein kleines Wunder vollbracht hatte.

Es ging ihr schon viel besser. Keine Übelkeit mehr. Das Druckgefühl in der Gallenblasengegend war weg. Sie hatte kein Fieber und keine Schmerzen mehr. Sie war nicht mehr so schrecklich matt.

Katja fühlte sich bei Dr. Härtling in besten Händen. Er war ein netter Mensch, mit dem man über alles reden konnte. Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er ihre Vermutung, dass sie schwanger war, bestätigt hatte.

Es war ein stürmischer Frühlingstag gewesen. Der Wind war mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als hundert Stundenkilometern über München hinweggebraust. Er hatte im Englischen Garten und in den Isarauen Bäume entwurzelt und riesige, dunkelgraue Regenwolken herangetragen. Mal hatte es wie aus Eimern geschüttet, dann hatte wieder die Sonne geschienen. Und gleich darauf hatte es wieder geregnet.

Und sie hatte Dr. Härtling gegenübergesessen, und er hatte gesagt: „Ihre Vermutung ist richtig — Sie bekommen ein Baby.”

Sie war damals gerade zwanzig gewesen ...

 

 

7

Ein Baby! Katja hatte es befürchtet. Die morgendliche Übelkeit, ihr Heißhunger auf saure Gurken, Karamellpudding, Senf und Marmelade waren untrügliche Zeichen für eine Schwangerschaft. Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter. Nun sah sie also Mutterfreuden entgegen. Allein. Denn von dem Vater des Kindes, das sie erwartete, hatte sie sich getrennt.

„Ich gratuliere Ihnen”, sagte Dr. Härtling. Sie hörte seine Stimme wie aus weiter Ferne, sah in verwirrt an und meinte: „Oh, ich habe nicht allzu viel zu dieser Schwangerschaft beigetragen.” Jetzt errötet sie „Das heißt ... Ich meine ... Ich wollte sagen ...“

„Ich habe den Eindruck, dass Sie sich nicht besonders darüber freuen, in anderen Umständen zu sein.” Forschend sich der Klinikchef sie an.

„Na ja, ist es denn noch ratsam, Kinder in diese schreckliche Welt zu setzen? Täglich hört man neue Horrormeldungen über furchtbare Umweltkatastrophen. Der Wald stirbt. Das Ozonloch wird immer größer ...”

„Trotzdem erlebe ich es immer wieder, dass junge Frauen vor Freude fast an die Decke springen, wenn ich ihnen sage, dass sie schwanger sind”, meinte Dr. Härtling.

„Das sind die unverbesserlichen Optimisten.”

„Und was sind Sie?”, fragte der Arzt. „Eine unverbesserliche Pessimistin?”

„Ich bin ledig, habe keine Verwandten, kaum Freunde, stehe ziemlich allein auf der Welt ...”

„Aber nicht ganz allein”, sagte Dr. Härtling. „Da ist zum Beispiel der Vater Ihres Kindes. Ich gehe davon aus, dass Sie ihn lieben.”

„O ja, das tue ich.”

„Und vermutlich liebt er Sie ebenso wie Sie ihn”, sagte Sören Härtling. „Er wird begeistert sein, wenn er die freudige Nachricht hört, und er wird Sie bitten, seine Frau zu werden. Sie werden schon sehr bald eine glücklich Familie sein.” Katja Thuwe lächelte matt. „Können Sie in die Zukunft sehen?”

„Manchmal.”

„Haben Sie Kinder, Herr Doktor?”, fragte die junge Patientin.

„Drei”, antwortete Dr. Härtling stolz, „und eines macht mir mehr Freude als das andere.”

„Dann bin ich mal gespannt, ob das bei mir auch so sein wird.”

Auf dem Heimweg wurde sie zweimal nass bis auf die Haut. Sie zog zu Hause alles aus und nahm ein heißes Bad. Sie lag so lange in der Wanne, bis das Wasser kühl wurde, dann stieg sie aus der Wanne, schlüpfte in ihren flauschigen Bademantel und setzte sich mit hochgezogenen Beinen aufs Sofa. Sie war schwanger. Sie wurde Mutter. Sie würde einem Kind das Leben schenken — und Achim Sutter, der Mann, der dieses Kind gezeugt hatte, würde es nie erfahren ...

 

 

8

Frau Rathke und Uschi besuchten Katja Thuwe in der Klinik. „Gott sei Dank, Sie sehen schon viel besser aus”, sagte Elisabeth Rathke, die hilfsbereite Nachbarin. Sie war einundvierzig, und das harte Leben hatte ihr tiefe Runen ins Gesicht gegraben.

Uschi umarmte ihre Mutter vorsichtig. „Guten Tag, Mutti.” Sie hatte von ihrem Taschengeld ein paar Blümchen gekauft, über die Katja sich sehr freute.

„Du bist ein braves Kind, Uschi”, sagte Katja Thuwe mit feuchten Augen.

„O ja“, nickte Frau Rathke, „das ist sie, das kann ich bestätigen. Wir kommen wunderbar miteinander aus. Es gibt überhaupt keine Probleme. Ist es nicht so, Uschi?”

„Frau Rathke hat mir gestern eine Riesentafel Schokolade gekauft”, strahlte Uschi. „Vierhundert Gramm.”

„Das sollten Sie nicht tun, Frau Rathke.” Katja schüttelte den Kopf. „Sie dürfen Uschi nicht so sehr verwöhnen.”

„Wenn es mir doch so großen Spaß macht, ihre eine kleine Freude zu bereiten”, gab Elisabeth Rathke lächelnd zurück. „Selbstverständlich achte ich darauf, dass das kleine Fräulein nicht die ganze Schokolade auf einmal verspeist. Jeden Tag ein, höchstens zwei Riegel, mehr bekommt sie nicht. Wie fühlen Sie sich, Frau Thuwe?”

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938227
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)

Autor

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Titel: Als sie von seinem Tod erfuhr: Arztroman