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Vreni, das späte Glück vom Plattnerhof

2020 121 Seiten

Leseprobe

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Vreni, das späte Glück vom Plattnerhof

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Vreni, das späte Glück vom Plattnerhof

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Auf dem Plattnerhof soll Verlobung gefeiert werden. Simon, der einzige Sohn und Hoferbe will ein armes Mädel aus dem Dorf zur Frau nehmen. Die Eltern sehen es nicht gern. Sie stören sich nicht daran, dass die junge Frau aus armen Verhältnissen kommt, aber sie sehen , dass Trude ihren Sohn nicht aus Liebe, sondern aus Geldgier heiraten will. Simon jedoch ist glücklich und glaubt an seine Verlobte. Dann geschieht jedoch ein Unglück in den Bergen und Trude zeigt ihr wahres Gesicht.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es war wirklich ein schönes Stückchen Erde, auf dem man stand. Wenn man sich herumdrehte und das prachtvolle Bauernhaus ansah, dann wurde einem die Brust ganz weit. Drei Stockwerke besaß es. Die Plattners hatten immer eine glückliche Hand gehabt. Über vierhundert Jahre gehörte nun der Hof zur Familie. Nie war die Kette unterbrochen worden. Immer hatte es Kinder gegeben, die den Hof fortführten. Natürlich hatte es auch schon so manchen Zwist und böses Blut in der Familie gegeben. Wenn zum Beispiel zwei und mehr Söhne vorhanden waren, dann war es für die jüngeren schon bitter, auf alles verzichten zu müssen. Das Gesetz der Berge schrieb vor, Höfe wurden nicht geteilt. So erhielt man wohl eine Mitgift, aber die bestand meistens aus ein wenig Geld und viel Holz aus den Bergen, damit konnte man sich dann selbst ein Haus bauen. Natürlich reichte es längst nicht für so ein prachtvolles Haus.

Vor zweihundert Jahren hatte es deswegen auch schon einen Brudermord gegeben, und der Mörder hatte sich dann in die nächste Schlucht geworfen, als sein Kopf wieder klargeworden war und er gesehen hatte, was er in seinem Zorn angerichtet hatte. Da war mal ein jüngerer Sohn als der Hoferbe aufgestiegen.

Man brauchte nur die Familienchronik aufzublättern, da las man es genau.

Jetzt gab es nur einen Hoferben. Simon war zwanzig Jahre alt. Er war groß, stattlich von Gestalt und wirklich ein strammer Bursch. Die Mädchen im Dorf reckten sich die Köpfe nach ihm aus. Wenn er den Tanzboden betrat, wurde es sofort immer lustig und fidel. Lachen konnte der Simon. Damit steckte er alle an, immer heiter und fröhlich. Aber das war er auch bei der Arbeit. Simon war ein rechtschaffener Bursche und machte seinen Eltern viel Freude.

Heute gab es nicht viel zu schauen. Seit das erste Morgenrot in die Stuben geblickt hatte, war man in dem Hof schon auf den Beinen und dazu auch noch fleißig. Da wurden Möbel verrückt und Stühle gestapelt. Man rannte hin und her und es war überhaupt kein Stillstand.

Die große prachtvolle Stube hatten der Simon und der Vater ausgeräumt. All die schönen geschnitzten Schränke, mit Silber beschlagen, standen jetzt ein wenig traurig in der großen Diele und wunderten sich sehr, warum man sie ausgesperrt hatte. Waren sie doch der ganze Stolz der Bäuerin. Wieso sollte jetzt die Stube nackt dastehen? Das ging doch nicht an.

Simon wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Es geht nimmer«, prustete er.

»Was geht nit?«, wollte Wenzel Plattner, der Vater, wissen.

»Sie ist zu klein«, sagte der Sohn. »Viel zu klein, ich hab gedacht, wenn erst mal alles raus ist, dann wird es gehen. Aber hier können sich nur die Alten aufhalten, nicht das junge Volk. Nein, da kann man ja gar nicht das Tanzbein schwingen.«

Wenzel lachte.

»So, wir Alten sollen uns also hier verkriechen!«

Simons Augen zwinkerten ihn lustig an.

»Doch nit du, Vater«, gab er zurück. »Du wirst doch mithalten können mit der Mutter und grad so wild tanzen wie wir Jungen. Ich mein doch die Tanten, ach, du willst mich ja nur necken.«

In diesem Augenblick betrat die Mutter die Stube und blickte ein wenig betrübt umher. Wie verändert sie doch aussah. Die Bilder und Gardinen hingen noch dort, aber sie sahen so komisch aus, wo die Möbel und der prachtvolle Teppich fort waren.

»Ihr stellt mir noch das ganze Haus auf den Kopf«, jammerte sie.

»Der Bub hat gesagt, wir alten Eltern können hier ruhig im Winkel sitzen, während die anderen feiern?«

Arnolda stemmte die Arme in die Seiten.

»Hat er das wirklich erklärt?«

»Mutter, glaub ihm nicht«, sagte Simon schnell. »Er will dich ja nur ärgern.«

Da lachte sie auch.

»Geh, Wenzel, wenn du alt bist, nun, da kann man nix dafür, aber ich bin es noch lange nicht.«

Wenzel legte seinen Arm um seine schmucke Frau. Auch jetzt, nach so vielen Jahren der Ehe, sah sie noch immer prachtvoll aus und war die schönste Frau weit und breit. Die Blondkrone, keine trug sie so stolz und so schön wie sie, und die strahlend blauen Augen, die stramme Figur. Sie war noch immer so flink wie ein Wiesel. Wenn sie lachte, dann zeigten sich zwei Grübchen an jeder Seite.

Der Mann seufzte.

»Hast Hunger, ja? Gleich ist das Frühstück fertig. Das heißt, wenn ihr auch fertig seid.«

»Hunger hab ich auch, von der ungewohnten Arbeit kriegt man einen Bärenhunger, aber deswegen hab ich nicht geseufzt, sondern dass wir nun schon zum alten Eisen gehören, Arnolda.«

»Geh«, lachte sie ihn wieder an.

Simon stand gegen die Wand gelehnt und betrachtete seine Eltern. Er konnte sich wirklich nicht beklagen. Sie hatten ihm ein schönes Zuhause gegeben, und er liebte sie über alles.

»Tja«, sagte Wenzel, »das kommt eben dabei heraus, wenn man früh freit und heiratet. Na, damals, da warst du auch erst achtzehn, Arnolda, und ich war gerade einundzwanzig Jahre. Und dann ist nach einem Jahr Ehe der Bub auf die Welt gekommen, und jetzt ist dieser schon wieder zwanzig und macht sein Recht geltend. Tja, mein Weib, wenn der Simon heiratet, dann werden wir wohl ins Austraghäusel wandern müssen. Hast schon mal daran gedacht?«

Arnolda entzog sich seinem Arm.

Hastig sagte sie: »Mann, was redest du da für einen Unsinn. Ich kümmere mich jetzt um das Frühstück, und ihr seht zu, dass ihr fertig werdet.«

Wenzel lachte nur leise auf. Er fühlte genau, er hatte mitten ins Schwarze getroffen, aber er fühlte sich auch nicht ganz wohl in seiner Haut.

Der Bub mischte sich ein und sagte: »Die Stube ist wirklich zu klein. Wir werden die Tenne ausschmücken. Mit Grünzeug und so, da werden wir dann Platz genug haben.«

»Die Tenne?«, sagte die Mutter entgeistert. »Aber das geht doch nicht!«

»Wir wollen tanzen, Mutter, und die Kapelle braucht auch ihren Platz. Du brauchst dich um nichts zu kümmern. Ich geh nachher zum Krugwirt und hol auch die Stühle und die Bänke sowie die Tische, die hat er mir schon versprochen.«

»Du meine Güte, ich weiß ja gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.« Arnolda ging hastig davon.

Wenzel sagte: »Nun, da kann ich mich ja für eine Weile ausruhen, bevor wir in den Wald gehen und das Grünzeug holen.«

»Das werden schon meine Freunde besorgen.«

»Wieviel wollen denn zu deiner Verlobung kommen, Simon?«

»So an die hundert glaub ich schon.«

»Da soll einer mal sagen, du seiest nicht bekannt«, lachte Wenzel.

»Bist mir doch nicht böse, Vater?«

»Aber geh, wir schaffen es schon. Keine Sorge, es wird ein prachtvolles Fest werden.«

»Danke, Vater.«

 

 

2

Sie hatten sich gewaschen und kamen dann in die Küche. Der Frühstückstisch im Herrgottswinkel war schon gedeckt. Sie langten tüchtig zu.

Nach kurzer Zeit schrillte das Telefon, und Wenzel ging fort. Er blieb recht lange weg. Mutter und Sohn saßen allein am Tisch und aßen.

Nach einer Weile sagte sie ein wenig zögernd: »Früher war es so Sitte, da machten die Brauteltern die Verlobung und die Eltern vom Bräutigam die Hochzeit.«

Simon wusste sofort, worauf die Mutter hinauswollte. Er hatte sehr viel Geduld mit ihr und sagte darum auch jetzt mit sanfter Stimme: »Mutter, wir haben das doch alles schon so gründlich besprochen. Wir werden beides ausrichten. Außerdem haben sich ja auch die Zeiten geändert. Und du weißt doch ganz gut, dass Trudes Eltern das nicht können.«

»Ja, ich weiß, sie ist das ärmste Mädchen weit und breit. Aber ich mach mir Sorgen, deinetwegen. Es ist ja nicht, dass sie kein Geld hat, das kümmert mich wirklich nicht, Simon. Wir haben ja genug, und früher hat schon so manches arme Mädchen auf diesen Hof eingeheiratet und hat das Geld trotzdem vermehrt. Es ist die Trude, nur weil sie so schön ist, willst du sie, Simon. Versteh mich doch, wir, dein Vater und ich, wir sind recht glücklich miteinander geworden. Und ich möchte doch auch, dass du glücklich wirst.«

»Und du meinst, bloß weil die Trude das schönste Mädchen aus dem ganzen Kirchspiel ist, darum würde ich nicht glücklich mit ihr? Aber geh, Mutter, warst du nicht auch die Schönste damals, als der Vater um dich freite? Du bist jetzt noch immer die Allerschönste, und ihr seid glücklich, hast es doch eben selbst gesagt.«

Arnolda errötete unwillkürlich und lächelte dann weich. »Ja, Bub, du hast schon recht, aber ich hab es damals nicht gewusst. Verstehst du, was ich damit sagen will?«

»Nein«, meinte er erstaunt. »Das ist mir zu hoch.«

»Wir hatten daheim auch den großen Hof, kennst ihn ja, mein Bruder bewirtschaftet ihn, und wir mussten alle ordentlich zupacken damals im Krieg. Da bekam man keine fremden Leute, der Vater und die Brüder waren im Krieg, da haben wir uns arg plagen müssen. Da sah man nicht lange in den Spiegel, man schaffte von morgens bis zum späten Abend.«

»Die Trude schafft auch«, warf er ein.

»Ja, ich weiß, sie ist beim Krugwirt angestellt und verdreht den Männern den Kopf. Ach, Junge, ich wünsche dir ja wirklich, dass du glücklich mit ihr wirst.«

Die Mahlzeit war beendet.

»Ich muss jetzt gehen. Wir nehmen den Leiterwagen und fahren in den Wald und holen Tannengrün. Meine Freunde begleiten mich. Wir werden gegen Mittag wieder zurück sein.«

»Kannst deinen Freunden ausrichten, sie können bei uns zu Mittag essen. Ich werde mich darauf einstellen.«

Simon beugte sich über die Mutter und küsste ihre Stirn.

»Danke, Mutter, du bist doch die Beste! Dann wirbelte er aus der Küche heraus.

Jetzt war sie ganz allein. Nur die Uhr tickte in der Ecke, und sie kam ins Grübeln. Sie sah wieder den Tag vor sich, als der Simon die Trude vorgestellt hatte. Natürlich kannte man sich flüchtig, und sie wusste sofort, woher sie kam und wer ihre Eltern waren. Der Vater war Holzfäller, und die Mutter galt als eine Schlampe im Dorf, die nie ihren kleinen Haushalt in Ordnung hielt und lieber den ganzen Tag durch das Dorf lief und herumtratschte und die anderen Leute von der Arbeit abhielt.

Sie war nicht stolz und hochmütig. Trude, die damals vor ihr gestanden, hatte sie mit herausfordernden Augen angeblickt.

Nein, dass sie arm war, das störte sie nicht. Wie gesagt, Geld hatten sie genug. Aber sie hatte sich für ihren Buben eben etwas anderes vorgestellt. Sie konnte nicht aufhören zu denken, dass die Trude den Simon nur wollte, weil er eben so reich und angesehen war. Eigentlich, dachte sie, wenn man sich wirklich richtig lieb hat, dann verhält man sich doch ganz anders. Aber an Trude kam sie nicht heran.

Ja, und dann war die große Sorge da, dass die Trude grad so werden würde wie ihre Mutter. Und dann konnte auch ein so großer Hof schnell vor die Hunde gehen. Trude glaubte wohl, wenn sie erst mal den reichen Simon heiratet, dann konnte sie die Hände in den Schoß legen und sich ausruhen.

Sicher, sie hatte das Mädchen aus Italien bei sich, die den Haushalt lernte. Aber schaffen musste eine Bäuerin selbst von morgens bis in die Nacht. Man hatte jetzt zwar viele elektrische Geräte, die einem die schwere Arbeit erleichterten, auch in den Bergen hatte man modernisiert, das heißt, wer es sich leisten konnte. Aber trotzdem musste man immer auf alles achtgeben.

Trude, die zukünftige Bäuerin, war im Augenblick als Ausschankhilfe im Dorfkrug angestellt. Andere junge Mädchen in ihrem Alter gingen in die Kreisstadt und hatten einen Beruf ergriffen. Viele gingen in ein Büro oder waren Verkäuferin oder auch Kindergärtnerin. Man blieb nicht mehr auf dem Hof daheim. Auch mussten die Mädchen jetzt selbst für ihre Aussteuer sparen.

Und dann waren ja auch noch die Pensionen im Achenwinkel. Dort arbeiteten auch viele junge Mädchen und auch die Burschen.

Aber Trude hatte keine Lust verspürt. Sie war froh, als sie die Schule hinter sich brachte und hatte dann ein Jahr vertrödelt. Als sie merkte, wie wenig Geld die Mutter immer im Beutel hatte und sie sich doch so gerne schmückte, um im Dorf aufzufallen, da war sie zum Krugwirt gegangen und hatte auch gleich die Anstellung erhalten.

Nun schleppte sie die Krüge zu den Mannsbildern an den Tischen, scherzte und lachte mit ihnen und ließ sich bewundern. Als Simon sie kennenlernte, hatte sein Herz sofort Feuer gefangen.

Gewiss, sie sah wunderschön aus. Trude wusste sehr wohl, wie sie auf die Männer wirkte und kostete das reichlich aus.

Dann schlug es wie eine Bombe ein, der Simon Plattner will die Trude heiraten. Alle waren erstaunt, selbst seine Freunde. Und es gab anständige junge Männer, die Simon davon abrieten, die es wirklich ehrlich mit ihm meinten. Aber er sagte immer nur lachend: »Ihr gönnt sie mir nicht, das ist es. Wenn ich sie wieder freigeb, dann hofft ihr, sie selbst zu gewinnen. Ich kenn euch zu gut, aber den Gefallen tu ich euch nicht.«

Sie konnten ihm noch so sehr sagen, dass sie nicht im Traum daran dachten, die Trude selbst zu freien. Simon ließ sich nicht davon abbringen.

Und morgen war nun Verlobung hier auf dem Hof.

Arnolda blickte aus dem Fenster.

In einem Jahr würde dann die Hochzeit sein, so hatten sie es mit Simon besprochen. Zuerst hatten sie es ihm verbieten wollen, aber sie waren klug genug gewesen, es nicht zu tun, dann wäre er vielleicht toll geworden und davongelaufen. Man hörte ja jetzt so viel von den Jungen, wenn die Alten mal dagegen waren.

All die Jahre hatten sie hier glücklich gelebt, und nun sollte eine junge Frau kommen, sozusagen sie an die Wand drücken und alles an sich raffen. Sie waren doch selbst noch so jung, sie und der Wenzel.

Am besten wird wohl sein, wenn wir das Obergeschoss für die jungen Leute einrichten, sinnierte sie vor sich hin. Dort können sie dann ganz für sich leben. Wenn wir später einmal alt sind, dann ziehen wir nach oben und sie bekommen hier unten die Stuben. Alt und jung zusammen, das wird nichts.

Die Tür öffnete sich, und der Bauer kam herein.

Arnolda erhob sich und sagte: »Ich mach dir frischen Kaffee. Setz dich!«

»Danke!«

»Hat es Ärger gegeben?«

»Onkel Lorenz war am Telefon. Er schickt mir heute einen Mann heraus, den soll ich mal anhören. Ich weiß zwar nicht warum, aber ich hab zugesagt.«

»Grad heut, wo wir noch so viel erledigen müssen?«

»Simon wird das schon besorgen. Er und seine Freunde, es ist doch seine Verlobung.«

Arnolda erhob sich.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Muss mich noch um so vieles kümmern, und vor allen Dingen Sema auf Trab bringen.«

»Tja«, meinte Wenzel, »so ist das nun, hast eine gut angelernt, da wird sie fortgeheiratet. Und jetzt musst dich wieder mit einer neuen abplagen.«

»Sie wird schon noch was.«

Wenzel steckte sich seine Pfeife an und blickte aus dem Fenster auf die Berge. In ihm steckte genauso eine Unruhe wie in seiner Frau. Aber diesmal hatten sie beide ein wenig Scheu voreinander und sprachen sie nicht aus.

»Er hätte ruhig noch ein paar Jahre warten können, der Bub«, murmelte er vor sich hin. »Bei mir, da war es ja etwas anderes. Die Mutter starb früh, und da musste eine Bäuerin her. Arnolda und ich, wir kannten uns ja schon so lang. Schon als wir zusammen in die Dorfschule gingen, war es eine abgemachte Sache. Na ja, die Zeiten ändern sich. Wollen wir hoffen, dass alles gutgeht.«

 

 

3

Zwei Stunden später fuhr ein pompöser Wagen auf den Hof.

Wenzel runzelte die Stirn, als er den fremden Mann aussteigen sah. Er stand in der Scheunentür. Der Fremde hatte ihn noch nicht bemerkt. Voll Staunen stand er nun auf dem Hof und blickte sich um. Und es musste ihm wohl gefallen, was er da zu sehen bekam. Dann hatte dieser Bergbauernhof ja auch noch eine Besonderheit, um die ihn so viele im Dorf beneideten. Er besaß sogar einen eigenen See. Und das sollte wirklich etwas heißen. Ein kristallblauer See war es, umrahmt von hohen Tannen, und dahinter ragten wieder die Berge auf. Um den See herum führte ein schmaler Weg. Vom Hof her konnte man über eine lange Holztreppe zum See gelangen. Es war schon ein herrliches Fleckchen Erde. Wenzel war dem lieben Gott jeden Tag erneut dankbar für sein Anwesen.

»Grüß Gott«, sagte er höflich und trat näher.

Der Fremde drehte sich herum und kniff für einen Augenblick die Augen zusammen.

»Sind Sie Wenzel Plattner, der Hofbesitzer?«

»Der bin ich.«

»Ich soll Sie vom Onkel grüßen.«

»Ich weiß, er hat mich vorhin angerufen, mir aber nicht sagen wollen, was das Ganze auf sich hat. Im Grunde genommen hab ich heute nicht viel Zeit. Wir sind beim Vorbereiten, morgen will sich der Sohn verloben.«

»Aha«, sagte der Fremde. »Das hat mir der Onkel nicht gesagt. Es tut mir wirklich leid, da komm ich vielleicht später wieder?«

»Jetzt sind Sie schon da, und da kann ich mir gleich anhören, was für ein Anliegen Sie haben, Herr...?«

»Mein Name ist Hans Truöl«, sagte der Fremde.

»Schweizer?«

»Ganz recht.«

»Und was ist jetzt Ihr Anliegen, werter Herr? Kaufen Sie vielleicht Vieh auf? Da muss ich Sie gleich enttäuschen, ich hab da alles geregelt und fang nicht gern etwas Neues an.«

»Nein, Vieh, das kauf ich nicht auf. Aber etwas anderes kauf ich, und ich muss sagen, was ich hier seh, meiner Treu, und ich dachte schon, Ihr Onkel würde aufschneiden.«

»Der Lois?«, staunte Wenzel. »Sonst ist das nicht seine Art. Aber wollen Sie nicht endlich zur Sache kommen, Herr Truöl?«

»Nun, die Sache ist die, ich bin Makler und bin für eine Firma angestellt. Sie wissen doch selbst, dass der Tourismus sich immer mehr ausbreitet. Wir haben schon eine lange Reihe von Hotelketten über die Schweiz, Österreich und Bayern gezogen. Wir sind sehr bekannt und nur für exklusive Gäste. Als ich neulich Ihren Onkel in Bern zufällig traf, erzählte er mir vom Achenwinkel. Dies ist just noch die Ecke, die uns fehlt. Und da kam der alte Herr direkt ins Schwärmen und meinte, der Hof seines Neffen sei ohnegleichen. Wenn ich den sehen tät, würd’ ich platt sein, dass es so etwas Schönes gäbe, ganz still und abgeschieden mit einem herrlichen See zum Baden und Angeln.«

Wenzel hatte es sehr gern, wenn man sein Anwesen lobte. Es war ein richtiges Kleinod, und er wusste ja selbst, wie wertvoll und kostbar es war.

»So möchten Sie sich also selbst davon überzeugen, ob der Onkel auch nicht geflunkert hat?«, sagte er lachend.

»Ja, das Haus ist wirklich wunderschön. Und so stolz steht es und so groß, Donnerwetter, so einen Prachtbau hab ich schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Was man uns bis jetzt angeboten hat, das waren meistens alte verfallene Hütten und dafür wollte man noch einen Sündenpreis.«

»Kommen Sie mit, dann zeig ich Ihnen den See und die Wiesen, Sie werden staunen.«

Der Fremde hatte wache Augen und ihm entging nichts. Als sie aber dann unten am See standen, er sich so richtig umschaute, mal zurück zum stolzen Hof, der hoch über ihnen lag und dann wieder auf die schneebedeckten Gipfel, die dunklen Tannen, das glasklare Wasser, da verschlug es ihm für einen Augenblick tatsächlich die Sprache.

Im Geist sah er schon die Ruderboote, die Sonnenschirme am Strand, das helle Lachen der Urlauber erfüllte die Luft. Und droben vor dem Hof war eine pompöse Terrasse angebaut, und aus der Scheune würde man viele Garagen machen können und eine große Kammer für den Winterschlitten. Ja, Sommer und Winter konnte man hier die Saison abhalten. Sonst musste man tief in den Geldbeutel greifen, um eine Schwimmgelegenheit herbeizuzaubern. Hier hatte die Natur freizügig alles zugeschenkt.

»Das ist wirklich ein schönes Fleckchen Erde, du meine Güte!«

Wenzel warf einen Stein in den See, und lauter kleine Kringel zogen ihre Bahn. v

»Da müssen Sie erst einmal die Hechte und Barsche sehen, die wir hier herausholen. Mei, da gibt es wirklich was zu schmausen.«

»Was? Fische hat er auch, der See?«

»Aber klar doch.«

So wanderten sie weiter über die weiten Wiesen mit hohen Latschenkiefern, den Tannen, den Geröllblöcken, die weiß in der Sonne lagen. Jetzt ging es ja langsam zum Winter über, und dann war es nicht mehr so stechend heiß, und man konnte gut wandern. Wenzel hatte ganz vergessen zu fragen, warum denn der Fremde so neugierig war. Nur um zu wissen, ob ein alter Onkel auch nicht zu sehr geflunkert hatte, kam doch keiner aus Bern angereist.

Es ging auf Mittag zu. Weil er so gut plaudern konnte, lud Wenzel den Fremden zum Essen ein. Sie waren sehr gastfreundlich, die Plattners.

»Ja mei und die Schränke«, schwärmte der Fremde weiter.

»Dieser hier stammt vom Großvater und der vom Urgroßvater, und das Tafelsilber, ja, das ist schon recht alt, aber so gut, dass wir es weiterhin täglich benutzen. Was hat man denn davon, wenn man all die guten Sachen in der Schublade liegen hat und nicht benutzt.

Nein, wir erfreuen uns jeden Tag an den feinen Sachen.«

Der Schweizer kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er sah die großen Räume. Sonst waren sie meist klein und muffig. Aber hier hatte man mit Platz und Holz nicht gespart.

»Ja, früher, da war man noch so etwas wie eine Großfamilie, da brauchte man so viel Raum. Wir selbst haben ja nur den einen Buben, und das Haus ist arg groß für uns. Aber bald wird es ja anders werden.

Aber nun kommen Sie, jetzt stelle ich Ihnen meine Frau vor.«

Arnolda staunte nicht schlecht, als sie den Fremden sah.

»Und was will er?«, fragte sie ihren Mann.

Wenzel lachte ein wenig verdutzt.

»Du meine Güte, da hab ich ganz vergessen zu fragen. Ja, lieber Herr, nur zum Anschauen sind Sie doch wohl nicht gekommen?«

»Nein, da haben Sie recht.«

»Und?«

»Ich möchte das Anwesen kaufen. Und ich kann Ihnen jetzt schon versichern, Sie werden einen guten, sehr guten Preis dafür erhalten.«

Für Sekunden war es ganz still in der Stube.

»Was wollen Sie?«, fragte Wenzel.

»Den Hof und alles kaufen, wir werden dann ein Touristenhotel daraus machen.«

Wenzel blickte seine Frau an, und dann brachen sie in ein schallendes Gelächter aus.

»Hast du das gehört, Arnolda, er glaubt, unser Hof sei zu verkaufen?«

»Aber wie kommen Sie denn auf die Idee?«, wollte die Frau wissen. »Um Gottes willen, wer hat Ihnen denn da etwas erzählt, was gar nicht stimmt?«

»Sie wollen wirklich nicht verkaufen? Aber ich kann Ihnen ein sehr gutes Angebot machen. Das zumindest sollten Sie sich einmal anhören.«

Wenzel mischte sich ein. »Sagen Sie, lieber Mann, hat der Lois Ihnen vielleicht gesagt, dass ich meinen Hof verkaufen will?«

»Nein, nicht direkt. Er hat mir nur von Ihrer Lage erzählt und dass man daraus ein wunderschönes Hotel machen könnte. Er war richtig ins Schwärmen gekommen. Aber wenn ich ehrlich sein will, so hat er nix davon gesagt, dass Sie ihn verkaufen wollen. Aber bis jetzt hat unsere Gesellschaft noch immer alles bekommen, was sie wollte. Wenn es sein muss, dann zahlen wir Spitzenpreise. Und ich kann Ihnen jetzt schon versichern, wenn unsere maßgebenden Herren dieses Anwesen in Augenschein nehmen, dann werden sie genauso begeistert sein. Ein paar Millionen werden dabei herausspringen. Sie hätten ein schönes Leben, brauchten sich nicht mehr abzuplagen, nicht mehr Ärger haben, ob die Ernte gut oder schlecht wird. Kein Vieh mehr versorgen. Sie hätten immer Ferien. Mit dem Geld könnten Sie sich alles leisten, was Sie nur wollen, mit...«

Wiederum schnitt der Bauer ihm die Rede ab.

»Aber wir verkaufen niemals. Wissen Sie eigentlich, wie lange dieser Hof in unserer Familie ist? Dass wir stolz darauf sind, gern hier arbeiten und uns nichts anderes wünschen. Oder möchtest du jetzt ein feines Leben führen, die Hände in den Schoß legen und dich bedienen lassen, Arnolda?«

»Nein, wir geben den Hof nicht her«, sagte auch sie ganz bestimmt. »Und dann ist ja auch noch unser Sohn Simon da, er wird ihn einmal übernehmen und so die Tradition fortsetzen.«

Aber der Makler ließ sich nicht so schnell abspeisen.

»Viele unserer Pächter sind auch zugleich die Verwalter unserer Hotels, Sie könnten es auch und hier leben. Sie würden auf dem Hof eine Wohnung behalten und brauchten sich dann nur noch um die Gäste zu kümmern.«

»Eine Wohnung behalten«, langsam und schwer fielen die Worte. »Machen Sie jetzt Schluss, Herr. Bis jetzt haben wir alles für einen Spaß abgesehen. Aber jetzt hört er langsam auf. Wenn Sie nicht wollen, dass ich bös werde, hören Sie mit dem unsinnigen Gerede auf. Man kann nicht alles im Leben kaufen, verstehen Sie. Wir werden nie und nimmer verkaufen...«

In diesem Augenblick kam Simon in die Stube. Er wollte nachfragen, wie lange es noch mit dem Essen Zeit hatte, oder ob sie schon mit dem Schmücken anfangen konnten. Dann sah er den Fremden und machte ein erstauntes Gesicht.

Wenzel drehte sich herum und grinste ihn an. »Stell dir vor, hier kommt einer extra aus der Schweiz angereist und will unseren Hof kaufen. Sie wollen ein Hotel daraus machen. Wir sollen dazu reich werden und den ganzen Tag nichts tun. Immer Ferien hätten wir dann, hat er gesagt.«

Simon wurde blass.

»Aber Vater, das wirst doch nicht tun. Du wirst doch nicht unseren Hof verkaufen. Hast mir doch immer gesagt, einmal wird er mir gehören. Vater ...«

»Beruhige dich, Junge, es war ja auch nur ein Scherz. Aber der Herr Truöl kann es einfach nicht fassen, dass wir sein gutes Angebot ausschlagen.«

»Dann ist es ja gut, ich hab wirklich einen Schreck bekommen«, lachte Simon erleichtert auf.

»Sehen Sie, Herr Truöl, auch mein Sohn wird nie verkaufen. So, und jetzt reden wir nicht mehr davon. Kommen Sie, das Essen ist fertig.«

Herr Truöl machte ein sehr komisches Gesicht. Er wollte es einfach noch nicht glauben. Bei sich nannte er den Bauern einen Dickschädel und altmodisch. Die Zeiten änderten sich doch von Tag zu Tag schneller, und der große Gewinn lag doch in den Touristen. Damit konnte man reich werden, nicht mehr mit der Landwirtschaft. Und es war doch wirklich eine Plagerei in den Bergen. War er doch selbst auf einem Berghof groß geworden. Und so ein schönes Stücken sollte ihm durch die Lappen gehen. Im Geist hatte er sich schon seine Provision ausgerechnet und war jetzt recht sauer, als er merkte, wie starrköpfig der Bauer sich verhielt.

Während des Essens hielt er sich still, er wollte das Gastrecht nicht verletzen. Zudem waren ja auch die jungen Burschen aus dem Dorf anwesend, und man lachte und scherzte sehr viel. Aber als dann die Zigarren angezündet wurden, da erhoben sie sich wieder, denn sie hatten ja noch viel zu tun.

Zaghaft begann er da noch mal und erzählte ihnen, wie er selbst seinen Hof verkauft hätte und jetzt viel glücklicher sei, und dass man doch auch mal an die armen Städter denken müsse, die wollten nun mal in den Ferien hinaus in die schöne Natur und sich erholen, die brauchten das doch so sehr. Und aus der Stadt kam nun mal das große Geld, die vielen Steuern, die das Land brauchte für all die Dinge, die bezahlt werden mussten.

Wenzel war ein höflicher Mensch und sagte ruhig: »Das versteh ich alles, und im Achenwinkel kommen sie auch schon, in Bussen und Autos kommen sie angefahren und überschwemmen das Dorf. Und ich hab mich auch schon mit vielen unterhalten. Sie kommen zu uns, weil es hier so still ist und noch alles wie früher ist, damit meinen sie aber unsere Höfe und unsere Arbeit. Was ist denn ein Dorf in den Bergen, wenn es kein richtiges Dorf mehr ist, sondern nur noch aus Hotels für die Fremden besteht? Dann ist doch der schöne Reiz dahin. Und Touristen sind nicht so dumm, wie Sie denken, lieber Herr. Wenn es ihnen nicht mehr gefällt bei uns, dann bleiben sie im nächsten Jahr fort, und dann haben Sie die vielen Hotels und alles für die Katz gebaut. Nein, ich seh das anders. Wie viele Leute aus der Stadt bleiben bei uns am Zaun stehen und bewundern uns und wissen Sie, was Sie uns oft sagen?«

»Nein!«

»Wenn sie die Wahl hätten, ich mein, wenn sie Geld hätten, dann würden sie gern zur Natur zurückkehren und wären auch gern Bauer, das Leben sei doch noch lebenswert. Sie wären froh, nicht den ganzen Tag in so einem stickigen Büro sitzen zu müssen oder in der Fabrik. Ja, so schaut es aus, und ich soll das aufgeben, was ich hab, das Erbe meiner Vorfahren. Nein, und nochmals nein.«

Truöl erhob sich.

»Ich bedank mich auch schön für das Essen. Es hat mich gefreut, Sie kennen gelernt zu haben. Ich leg meine Karte hierhin, da steht meine Adresse drauf. Und wenn Sie mal verkaufen wollen, dann schreiben Sie mir einen Brief.«

Wenzel brachte ihn nach draußen zu seinem Auto. Als er fortgefahren war, ging er in die Stube zurück und zerriss die Karte. Eine Unmutsfalte stand zwischen seinen Augen.

»Musst dich nicht ärgern«, sagte Arnolda, »er muss so reden, es ist doch sein Beruf. Jetzt weiß er ja Bescheid.«

»Er ist ein Narr, jawohl, ein dummer Narr. Aber auch gefährlich, er reist herum und macht die Leute verrückt, Arnolda. Weißt doch selbst, die Kleinbauern im Achenwinkel, sie alle haben keine Lust mehr für die Landwirtschaft. Lieber bauen sie an und vermieten die Stuben an die Fremden.

Die Hänge und Wiesen werden nicht mehr gemäht. Sie verfilzen. In ein paar Jahren sieht es hier schauderhaft aus. Dann ist das Schöne fort, und sie wundern sich, wenn die Gäste ausbleiben. Holzköpfe sind sie. Was meinst, wie wir uns im Gemeinderat heiß reden, aber sie wollen uns ja nicht glauben, sie ...«

»Komm, Wenzel, heut machen wir keine Politik. Heut ist noch so viel zu tun, und der Simon ruft auch nach dir, du sollst kommen und ihnen helfen. Geh endlich, sonst werden wir überhaupt nicht fertig.«

»Ja, ja, altes keifendes Weib, ich geh ja schon«, rief er lachend.

»Wie hast mich genannt?«, tat sie empört.

»Ich werd mich hüten, es zu wiederholen, so lang du den Besen in der Hand hältst«, gab er lachend zurück.

»Na, das wollte ich dir auch geraten haben.«

Als sie allein in der Stube war, rief sie nach dem Mädchen, der Sema.

»Ja?«

»Wir müssen das Silber putzen, Sema.«

»Ist es nicht zu schad?«, gab diese zurück.

Arnolda dachte einen Augenblick an die Eltern von Trude Jacksch. Ja, für die war es wirklich zu schade, aber es ging ja auch um ihren Sohn. Sie musste in den sauren Apfel beißen.

»Tu, was ich dir sage. Ich kümmere mich um das Geschirr.«

 

 

4

Obschon es erst so ausgesehen hatte, als würden sie niemals rechtzeitig fertig, so war denn am nächsten Tag doch alles so, wie Arnolda es sich vorgenommen hatte. In den Stuben waren die Tische festlich gedeckt. Die Musiker kamen schon den Berg herauf.

Simon stand vor ihr und ließ sich noch mal die Krawatte richtig zupfen. Arnolda hatte Tränen in den Augen. Der Bub sah in seinem neuen Trachtenanzug so prachtvoll und schön aus. So groß und stolz und aufrecht. Das helle Gesicht, die lustigen Haare. Ihr Mutterstolz kannte keine Grenzen.

»Du schaust aber fesch aus, Mutter«, sagte Simon bewundernd.

Sie trug auch ihr Festtagsdirndl und hatte dazu den alten wertvollen Bauernschmuck angelegt. Dieser Schmuck wurde am Hochzeitsmorgen immer der neuen Bäuerin übergeben. Damit wurden ihr die Würden in die Hand gelegt.

Wieder hatte sie ein Ziehen in der Brust, wenn sie daran dachte, dass im nächsten Jahr seine Frau diesen Schmuck tragen würde, und sie nicht mehr.

Wenzel betrat die Stube. Er hatte vernommen, was der Sohn gesagt hatte.

»Ja«, meinte er, und seine Augen blitzten, »da musst dich ordentlich anstrengen, Bub, wenn du auch so eine prachtvolle Frau haben willst. Die Mutter sticht alle aus.«

Simon lachte hell auf.

»Bei Gott, man sollte glauben, dass euer Verlobungstag heute ist und nicht der meinige.«

»Und?«, sagte der Vater angriffslustig. »Mummelgreise sind wir noch lange nicht, und wir werden bis zum frühen Morgen tanzen und lustig sein. Da hältst du nicht mit!«

»Oh, die Wette gilt«, lachte Simon.

Das lustige Gespräch wäre noch weiter gegangen, wenn in diesem Augenblick nicht die Gäste angekommen wären. Vornweg kam Trude mit ihren Eltern. Nun hielt es Simon in der Stube nicht mehr aus, er stürmte nach draußen, um seine Braut zu begrüßen.

Arnolda blickte ihren Mann an.

»Mir ist so bang«, murmelte sie.

»Es dauert noch ein Jahr, bis sie Hochzeit machen, und so lange haben wir noch allein das Sagen hier.«

»Ich bin noch nicht mal vierzig Jahre und soll schon Altbäuerin werden, ich weiß nicht, mir ist...«

»Komm, wir müssen jetzt nach draußen und die Gäste begrüßen, Arnolda. Meinst, mir geht es so leicht ein. Aber es geht doch um das Glück unseres einzigen Kindes, und da müssen wir als Eltern zurückstehen.«

Sie traten in den Laubengang.

Trude hing am Arm von Simon und kam näher. Ihre Augen gingen flink in die Runde, um alles zu sehen. Es war das zweite Mal, dass sie diesen Hof betrat. Bei ihren Eltern war es genauso. Das klatschhafte Weib sonnte sich in dem Vorgefühl, dass sie bald hier ein und aus spazieren konnte. Wenn sie wollte, konnte sie hier sogar wohnen. Sie wollte das der Trude schon einimpfen. Die stolze Arnolda musste dann klein beigeben und tun, was die Schwiegertochter wollte.

Nein, was hatten sie doch für ein Glück. Die Trude hatte sich mit List und Tücke den dicksten Freier aus dem Kirchspiel geangelt. Alle Mädchen unten im Dorf neideten ihr das Glück. Aber sie sah ja auch wirklich ganz toll aus.

Simon dachte, ich hätte ihr sagen müssen, dass wir bei großen Festen immer in Tracht kommen. Nun trägt sie ein Sommerkleid, und ich hab das Gefühl, als würde sie gar nicht hierhin passen. Aber es ist meine Schuld. Ich hab es einfach vergessen. Ja, Trude kann man keinen Vorwurf machen. Er war ja so verliebt und so glücklich und konnte es gar nicht glauben, dass die Trude ihn wirklich haben wollte.

Wenzel lud die vielen Gäste ein, doch nicht auf dem Hof stehenzubleiben, doch näherzukommen und mit dem Feiern anzufangen. Bald ergoss sich die Menschenflut über das Haus. Aber es war ja so groß und prachtvoll. Spielend schluckte es die vielen Menschen, und es war noch nicht mal beengt.

Die alte Jacksch hatte im Augenblick für das gute Essen keine Augen. Sie schnüffelte in den Ecken herum und befühlte die Stoffe der Vorhänge, besah sich die uralten Schränke und staunte nicht schlecht, dass sie Silberbeschläge hatten. Ja, und wenn keiner in der Nähe war, dann öffnete sie sogar eine Tür und schaute hinein. Was sie da überall sah, ließ ihr Herz höher schlagen. Du meine Güte, dachte sie. Ich hab ja gewusst, dass sie reiche Leute sind, aber so reich und all dieser alte Plunder, wenn man den verkauft, dann kriegt man nochmals einen schönen Batzen Geld. Die Leute sind doch rein narrisch nach alten Sachen. Und hier stehen sie haufenweise herum.

Arnolda beobachtete sie einen Augenblick. Dann war ihre Geduld am Ende. Als sie sogar in ihrer eigenen Schlafkammer schnüffeln wollte, da hielt sie es nicht mehr aus. Auf leisen Sohlen trat sie näher heran und sagte mit freundlicher Stimme: »Haben Sie sich verlaufen? Die Toilette ist unten. Hab ich das vorhin nicht gesagt?«

Die Jacksche zuckte zusammen und drehte sich hastig um.

»Wie? Ja, richtig, die such ich schon die ganze Zeit. So ein großes Haus, da findet man sich gar nicht mehr zurecht. Wie hältst du das bloß alles sauber?«

»Indem ich arbeite«, sagte Arnolda kalt. »Von morgens bis zum späten Abend.«

Die Alte lachte meckernd.

»Geh, mir kannst keine Narren aufbinden. Hast ja sogar ein Mädchen. Als reiche Bäuerin wirst dich nicht so abschuften müssen wie unsereins. Ja, wir müssen den Buckel alle Tag oft krumm machen, und am Ende schaut es im Geldbeutel noch immer ziemlich düster aus, was man ja hier wohl nicht sagen kann.«

Das ganze Dorf wusste, wie schlampig die alte Jacksche ihren Haushalt führte und wirklich nur das Nötigste tat. Arnolda hatte schon eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber dann dachte sie an Simon und schluckte sie wieder herunter. Ach, das Herz blutete ihr, aber sie lächelte und zeigte nicht, wie gedemütigt sie wurde. Höflich wie sie war, geleitete sie die Alte nach unten und sah sie wenig später, wie sie sich gierig über das gute Essen hermachte.

Simon war halt zu jung und unerfahren, er hatte sich in das erste beste Mädchen verliebt und war vernarrt und nicht ansprechbar.

Wieder einmal schickte sie ein Stoßgebet gen Himmel. »Lieber Gott, ich nehm ja alles in Kauf, aber lass den Buben glücklich werden. Lass mich unrecht haben, ich will ja alles tun, sogar zurücktreten, aber lass ihn glücklich werden mit der Trude.«

Die Feier nahm ihren Verlauf, und die Jugend aus dem Dorf brauchte man nicht zweimal aufzufordern, die machte es sich lustig. Bald spielte die Kapelle auf, und man tanzte, lachte und trank.

Der Nachmittag senkte sich in den Abend und draußen wurde es kühler. Simon hatte unermüdlich getanzt und brauchte jetzt unbedingt eine Abkühlung. Auch Trude schwitzte nicht schlecht.

Sie standen auf dem dunklen Hof und blickten ins Tal hinunter. Die Kirchturmspitze wurde angestrahlt, ansonsten lag das Dorf heute ziemlich dunkel da. Fast alle waren zu dieser Verlobung eingeladen.

Für einen Augenblick musste Simon an den seltsamen Mann von gestern denken. Und er schüttelte erstaunt den Kopf, wie kann einer nur so unsinnig sein und glauben, dass man so ein prachtvolles Erbe verkauft. Gar narrisch sind die Menschen aus der Stadt. Aber der Vater hat es ihm ordentlich gegeben.

»Komm«, sagte er heiter und zog Trude noch enger an sich. »Lassen wir die andern sich ein wenig austoben. Komm mit, Liebes, ich zeig dir mal was.«

Er nahm ihre Hand und führte sie die lange Stiege hinunter zum See. Der Mond schob sich jetzt hinter einer Wolke hervor. Wie ein dunkler Spiegel lag er reglos da. Nur kleine Wellen gluckerten am Rand hin und her.

Ein kleiner Kahn lag im Schilf.

»Steig ein, wir rudern ein wenig hinaus.«

Trude staunte nicht schlecht.

»Ich wusste gar nicht, dass der See dir gehört«, sagte sie verblüfft.

»Ich muss dir noch so viel zeigen, Liebste, du wirst staunen, wie prachtvoll du einmal leben wirst.« Stolz schwang in seiner Stimme mit. Und dann, er wusste auch nicht warum, aber da erzählte er ihr von dem Mann aus der Schweiz und seinem Anliegen. Sie machte große Augen und keuchte, als er lachend die Summe nannte, die er für das ganze Anwesen auf den Tisch legen wollte.

»Und da habt ihr nicht eingeschlagen, jessas, Simon, sie ist ja ungeheuerlich, ihr seid ja verrückt, wenn ihr das Angebot ausschlagt.«

»Trude, man kann uns das ganze Geld der Welt bieten, wir Plattners werden nie verkaufen, hörst du, nie!«

Sie blickte ihn mit eigenartigen Augen an Und dachte, du meine Güte, da könnte man für den Rest seines Lebens wie eine Gräfin leben und sich alles leisten, und bräuchte keinen Finger krumm zu machen, nicht in der Wirtschaft arbeiten wie eine billige Magd, und Simon schlägt das viele Geld aus. Der ist ja wohl total verrückt. Ein harter Zug legte sich unwillkürlich um ihre schön geschwungenen Lippen.

Simon merkte sehr wohl, dass sie jetzt ein wenig verstimmt war. Das hatte er gar nicht gerne, und darum sagte er schnell: »Du wirst mich noch verstehen lernen, wenn du erst selbst mal eine Plattner bist und hier lebst, dann wirst du alles so liebgewinnen und genauso denken, Liebste.«

»Ja«, sagte sie nur eintönig.

Trude war maßlos geldgierig. Aber sie wusste auch ganz genau, dass sie sich keinen Fehler leisten durfte. Noch waren sie nicht verheiratet, nur verlobt. Auch wenn ein Plattner für seine Treue berühmt war, so sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben. Und sie wusste, sie musste sehr vorsichtig sein, damit sie auch wirklich eine Plattner wurde. Sie war schlau genug und merkte sehr wohl die Abwehr der Alten. Zuerst hatte sie sich darauf gefasst gemacht, dass diese es rundweg ablehnen würden, dann hätte sie einen viel leichteren Stand gehabt. Da wäre dann der Simon toll geworden und hätte sie vor lauter Liebe heimlich geheiratet. Das war auch ihr Wunsch gewesen, und sie hatte es ihm vorgeschlagen, aber dann war er mit der Nachricht zu ihr gekommen, die Eltern hätten nichts gegen eine Verlobung. Trude konnte ja nicht ahnen, dass das alles nur Taktik war. Die Plattners wollten ihren Sohn nicht verlieren, und sie wussten, wie starrköpfig Männer werden konnten, wenn man ihnen das Spielzeug wegnahm, worauf sie gerade wild waren.

Simon ruderte hinaus, dann zog er die Ruder ein, legte sie ins Boot und umarmte seine Braut.

»Bist du glücklich?«

Zärtlich kamen die Worte über seine Lippen. Trude sah ihn an und sagte: »Ja, natürlich.«

»Liebst du mich auch so, wie ich dich liebe, Trude?«

»Aber natürlich«, sagte sie und lachte. Dabei dachte sie, ich empfinde es gar nicht, ich weiß gar nicht, wieso sich die Mädchen im Dorf immer so närrisch geben, wenn sie einen Jungen haben.

Trude liebte nur sich selbst und sonst niemanden. Sie war nur auf ihren Vorteil bedacht und sonst gar nichts. Aber sie war eine hervorragende Schauspielerin.

Während Simon sie jetzt leidenschaftlich küsste, dachte sie, wenn ich erst mal seine Frau bin, dann werd ich schon dafür sorgen, dass dieser Mann aus der Schweiz uns wieder besucht. Und ich werd es ihm schon klarmachen, wie lustig und fidel es sich leben lässt, wenn wir nicht die ganze Wirtschaft am Hals haben. Solange die Eltern noch kräftig genug sind, können sie sich ja abrackern, sie wollen ja gar nix anderes. Aber ich will die Welt sehen und lustig leben. Ja mei, und sie sollen bloß nicht denken, dass ich gleich mit dem Kinderkriegen anfange.

Für jedes andere Mädchen wäre dies die schönste Stunde in ihrem Leben gewesen. Simon fühlte sich erhaben und so überaus glücklich. War er doch jetzt endlich mit seiner Liebsten verlobt, hatte also Ansprüche auf sie. Alle Welt wusste jetzt, dass sie ein Paar waren.

»Ich glaub, wir müssen langsam zurück, sonst wird man uns noch vermissen und nach uns suchen. Zwar möcht ich die ganze Nacht hier draußen bleiben, dich in meinen Armen wiegen und den dunklen Sternenhimmel ansehen. Aber es ist ja unsere Verlobung, die man feiert. Später, Trude, werden wir noch oft hinausfahren.«

»Mir ist auch schon kalt«, sagte das Mädchen.

»Oh, verzeih, warum hab ich nicht daran gedacht. Komm, Trude, nimm meine Jacke, und ich rudere zurück.«

Schweigend saß sie im Boot. Er dachte an eine Zukunft zu zweit, sah sich mit ihr über die Wiesen und Almen laufen. Sie dachte an Italien, Afrika und Amerika.

Bis zum frühen Morgen wurde gefeiert und getanzt. Aber dann konnten auch die kräftigsten Burschen nicht mehr aufrecht stehen. Man torkelte den Berg hinunter und warf sich ins Bett und schlief bis zum übernächsten Tag.

 

 

5

Plattners hatten drei volle Tage zu tun, um alle Spuren der Verlobung zu beseitigen.

»Wenn ich daran denke, dass wir das in einem Jahr noch einmal vor uns haben«, murmelte Arnolda vor sich hin, »da graust mir jetzt schon davor.«

»Wir nehmen uns dann noch mehr Leute aus dem Dorf zum Schaffen«, sagte ihr Mann. »Es wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch noch schaffen. Hast dich wacker gehalten, Arnolda, wirklich. Und wie du noch tanzen kannst, du kannst es noch mit jeder Jungen im Dorf aufnehmen.«

»Geh, ich bin doch noch keine Greisin, dass du mir das noch immer sagen musst«, gab sie lachend zurück.

Wenzels Augen glitzerten: »Was hältst du davon, wenn der Bub die Wirtschaft übernommen hat, wenn wir dann auf Reisen gehen. Du und ich? Eine verspätete Hochzeitsreise! Damals hatten wir ja keine Zeit, da mussten wir uns sofort um die Wirtschaft kümmern. Wir hatten es nicht so gut, wie unser Bub es einmal haben wird.«

»Vielleicht sollten wir es wirklich tun«, sagte sie leise, »dann fällt der Anfang nicht so schwer. Wenn wir zurückkommen, haben sich die jungen Leute gut eingelebt.«

Aber beide wussten, dass es nur ein Scherz war. Sie liebten die Heimat zu sehr, als dass sie sie lange verlassen konnten. Und es gab doch so viel zu tun auf so einem riesigen Hof, da wurden alle Hände gebraucht.

Andere Burschen in Simons Alter machten sich noch einen lustigen Tag und arbeiteten nur so viel auf dem elterlichen Hof mit, wie man es ihnen befahl. Aber Simon war strebsam und wollte alles wissen. Obwohl er die Landwirtschaftsschule besucht hatte, dachte er jetzt noch daran, Nebenkurse zu belegen. Man wollte vielleicht auch noch eine Pferdezucht beginnen. Der Vater war sehr stolz auf seinen Hof. Es machte Freude, die beiden zusammen zu sehen. Jeder respektierte den andern. Damals konnte der Wenzel nicht auf die Schule für Landwirtschaft gehen, da war der Krieg grad zu Ende, und man hatte ganz andere Sorgen. Die Bevölkerung in den Städten hungerte, da wurde den Bauern viel abverlangt.

Aber Simon hatte auch immer noch Zeit, um mal rasch nach unten im Achenwinkel zu laufen. Und man dachte auch jetzt daran, sich ein Auto zu kaufen. Simon hatte damit angefangen, Fahrunterricht zu nehmen. Trude war mächtig stolz. Bald würden sie mit einem Auto durch die Gegend kutschieren, und die Freundinnen würden noch neidischere Augen haben.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938203
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537845
Schlagworte
vreni glück plattnerhof

Autor

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Titel: Vreni, das späte Glück vom Plattnerhof