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Habe ich eine Chance, Herr Doktor?

2020 171 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Habe ich eine Chance, Herr Doktor?

Copyright

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Habe ich eine Chance, Herr Doktor?

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 171 Taschenbuchseiten.

 

Es ist bereits dunkel, als Sylvia Strobach eine Autopanne hat. Aber die Rettung naht mit Harald Delkow. Beide hatten bereits eine lange und anstrengende Autofahrt hinter sich, so dass sie beschlossen, in einem Hotel zu übernachten. Harald und Sylvia sind überzeugt, dass es für sie ,die Liebe auf den ersten Blick‘ ist. Doch beide sind verheiratet …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dr. Winter wusch sich noch die Hände, als Christine Delkow sich bereits wieder angekleidet hatte und hinter dem Wandschirm hervortrat.

„Was ist nun das Resultat der Untersuchung?“, fragte sie gespannt.

Dr. Winter lächelte die schlanke junge Frau ermutigend an und sagte, während er sich weiter die Hände wusch: „Ich bin eigentlich ganz zufrieden. Ich kann nur hoffen, dass alles so bleibt.“

„Dass alles so bleibt?“, fragte sie enttäuscht. „Ich möchte ein Baby.“

Dr. Winter wurde schlagartig ernst.

„Eine Schwangerschaft könnte Sie das Leben kosten, Frau Delkow.“

„Ich will aber ein Kind“, erklärte sie trotzig.

Dr. Winter musterte sie gelassen. Sie war nicht mehr blutjung, den Angaben nach fünfunddreißig. Aber sie sah blendend aus, wusste ihre Schönheit auch geschickt einzusetzen und war im Übrigen recht lebenslustig. Vor einem Jahr war sie schon einmal hier gewesen. Fehlgeburt im vierten Monat. Ein Glück für sie selbst. Damals hatte ihr Dr. Mittler eindringlich geraten, regelmäßig die Pille zu nehmen.

„Sie wissen doch genau, was Ihnen mein Kollege Mittler gesagt hat.“

„Er hat übertrieben. Ich nehme an, dass er übertrieben hat“, erwiderte sie. In dem Augenblick wirkte sie wie ein kleines Mädchen, dem man die Puppe nicht geben will.

„Sie müssen sich damit abfinden, dass eine Schwangerschaft für Sie sehr schlimm, eine Geburt aber womöglich Selbstmord bedeutet. Damals hatten Sie Glück. So schlimm sonst eine Fehlgeburt ist, für Sie war es ein Glück. Und auch das hat Ihnen mein Kollege Mittler gesagt.“

„Der hat viel gesagt, aber Harald möchte ein Kind. Und ich will es auch. Ich vertrage die Pille nicht“

„Obgleich ich selten dazu rate, wäre für Sie die Sterilisation ein sicheres Mittel, Sie vor etwas zu bewahren, was Sie umbringt.“

Zornig schlug sie mit der Faust auf den Tisch.

„Andere wollen ihre Kinder wegmachen lassen, und ich will eines und darf keines haben. Warum bloß nicht?“

„Sie würden möglicherweise verbluten. Es käme zu einer Situation, die wir in keinem Falle meistern können, selbst wenn Sie rechtzeitig in die Klinik kämen, ist nicht sicher, dass wir Sie retten könnten.“

Sie wurde nun doch etwas bang.

„Sie nehmen mir die ganze Freude am Leben.“

„Das Leben bietet so viel. Sie könnten ein Kind adoptieren, zwei, drei. Es wimmelt von Kindern, die keiner haben will. Die Welt ist voll davon. Es müssen nicht unbedingt Kinder von hier sein. Sie können Kinder aus Vietnam, aus Korea, aus Kambodscha, aus Südamerika, was weiß ich woher, adoptieren. Sie täten ein gutes Werk, wären glücklich, und die Geburt bliebe Ihnen erspart. Manche Frau wäre froh, wenn ihr die Geburt erspart bleiben würde.“

„Das sagen Sie nur so. Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die man einfach machen muss. Ein Kind aufziehen, ohne es geboren zu haben, das bleibt einem doch immer fremd.“

Dr. Winter antwortete nicht sofort. Er dachte in diesem Augenblick an Christine Delkows Mann Harald. Sie beide, Dr. Winter und Harald Delkow, waren zusammen auf`s Gymnasium gegangen, hatten gemeinsam Abitur gemacht, aber dann auf der Uni hatten sich ihre Wege getrennt. Denn Delkow war Betriebswirtschaftler geworden, und vor Dr. Winter hatten damals das lange Medizinstudium und danach die Facharztausbildung gelegen. Delkow war mit seiner Ausbildung wesentlich früher fertig geworden. Er hatte sein Glück in der Vertriebsabteilung eines großen Chemie-Konzerns gemacht. Dort musste er viel unterwegs sein - zum Leidwesen seiner Frau.

Vielleicht waren sie so auf die Idee gekommen, dass Christine Delkow durch ein Kind Ablenkung haben könnte. Aber seit der Fehlgeburt vor einem Jahr mussten sie wissen, dass es so nicht ging. Damals hatte Dr. Mittler, der Stationsarzt in der gynäkologischen Abteilung der Paul-Ehrlich-Klinik, mit Harald Delkow und seiner Frau gesprochen. Es gab ein Gesprächsprotokoll, und Dr. Winter hatte es gelesen. Auch Dr. Winter selbst hatte ein paar Worte mit seinem alten Schulfreund Harald Delkow reden können. Das war aber später gewesen, denn damals, als Christine Delkow hier in der Klinik gelegen hatte, war Dr. Winter auf Urlaub gewesen.

„Frau Delkow, Sie wissen, dass ich Ihren Mann schon kannte, als wir beide noch Jungen waren. Wir haben uns damals sehr gut verstanden. Schon deshalb würde ich alles tun, um diesem Mann einen Wunsch zu erfüllen. Ich weiß, dass er gerne Kinder hat, aber ich weiß auch, dass das, was Sie vorhin gesagt haben, nicht stimmt. Man kann sich durchaus an adoptierte Kinder so gewöhnen, als wären sie die eigenen. Voraussetzung ist, dass man Kinder wirklich sehr liebt, dass man sie tatsächlich haben möchte und nicht nur, wenn sie lachen, wenn sie nett und lieb aussehen und wenn sie klein sind, sondern man muss sie auch dann noch gern haben, wenn sie in die Pubertät kommen, flegelhaft werden, dumme Streiche ausführen und einem freche Antworten geben. Das kann man. Das kann man auch dann, wenn man das Kind nicht geboren hat. Männer haben ihre Kinder auch nicht geboren und lieben sie dennoch.“

„So richtig lieben Männer ihre Kinder nicht“, behauptete Christine Delkow.

Dr. Winter sah sie nachsichtig an.

„Darüber möchte ich mit Ihnen nicht streiten. Ich kann da nämlich nicht mitreden, ich habe keine Kinder, obgleich ich genau wie Sie gerne welche möchte.“

Sie ging nicht darauf ein, und Dr. Winter war auch ganz froh darüber. Früher hatte er mit Harald Delkow gelegentlich noch Kontakt gehabt. Seit der Heirat von Delkow und Christine, vor sechs Jahren, war das alles abgebrochen. Delkow war noch mehr unterwegs als früher, und mit Christine verband Dr. Winter so gut wie nichts. Jetzt allerdings war sie gekommen, um sich routinemäßig untersuchen zu lassen, aber zugleich ein Baby haben könnte.

Er hatte ihr diese Frage vor der Untersuchung nicht beantwortet, obgleich ihm da die Antwort auch schon bekannt war. So, wie die Dinge bei Christine lagen, würde sich an ihrem Zustand nichts ändern und damit war die Gefahr des Verblutens bei einer Geburt in jedem Falle unabänderlich. Sie durfte keine Kinder kriegen.

„Ich möchte Ihnen noch einmal raten“, sagte er, „eine Sterilisierungsoperation durchführen zu lassen. Jede Schwangerschaft ist für Sie lebensgefährlich - ich kann das nur wiederholen - und eine Geburt so gut wie tödlich. Die Sterilisierungsoperation ist ein kleiner Eingriff. Und das ist eine endgültige Maßnahme, die für Sie auch Ängste behebt, die Angst nämlich, doch schwanger zu werden. Obgleich bei Ihnen jederzeit von jedem Arzt ein Schwangerschaftsabbruch auf Grund der Lage durchgeführt würde. Aber es wäre einfacher für Sie, wenn es erst gar nicht dazu käme.“

„Nein, sterilisieren lassen? - Niemals. Dann werde ich womöglich dick. Man sagt, dass man dick wird.“

„Es gibt wohl einzelne Fälle, wo Frauen dick geworden sind, nachdem man sie sterilisiert hat, aber das sind tatsächlich Einzelfälle, überwiegend tritt das nicht ein“, erklärte er ihr.

„O nein, das mache ich nicht mit! Wie käme ich mir denn vor? Was bin ich dann? Ein Neutrum! Keine Frau mehr, um Himmels willen!“

„Das ist doch Unsinn. Sie haben noch alle Empfindungen, die bei einer Frau auftreten. Lediglich der Eileiter ist unterbrochen.“

„Und damit etwas ganz Wesentliches im Dasein einer Frau. Nein, nein, diesen Rat nehme ich nicht an.“

„Einen anderen Rat kann ich Ihnen nicht geben. Sie müssten also die Pille weiter nehmen, obgleich das bei Ihnen, wie Sie wissen, Nebenwirkungen hat. Ihr Blutdruck ist relativ hoch, Sie müssen Medikamente einnehmen, um die Hypertonie einzudämmen, das heißt, um die Gefäße zu erweitern, damit der Blutdruck wieder normal wird. Sie brauchten dieses blutdrucksenkende Mittel nicht in dem Maße einzunehmen, wenn Sie die Pille wegließen. Aber das ist ja wohl das Mindeste, wenn Sie nicht einer Sterilisationsoperation zustimmen wollen.“

„Nein, es muss auch ohne Pille gehen. Und sterilisieren kommt überhaupt nicht in Frage.“ Sie stand auf und sah ihn zornig an. „Ich hatte mir ja etwas anderes erhofft. Da werden Raketen zum Mond geschossen und Leute laufen dort herum, es gibt Herztransplantationen, alles Mögliche und mir soll niemand helfen können? Das wäre doch gelacht. Wenn hier irgendetwas ist, was eine Schwangerschaft unmöglich macht, so müsste es doch machbar sein bei einer Operation, das zu ändern.“

„Dr. Mittler hat Ihnen schon voriges Jahr erklärt, dass Ihre Gebärmutter eine abnorme Lage hat. Außerdem ist die Form ebenfalls nicht normal. Bei dieser Form, das wissen wir aus Erfahrung, kommt es sehr häufig zu einer sogenannten Placenta praevia, das heißt, die Placenta liegt im Wege. Und zwar sitzt normalerweise die Placenta hoch im Fundus, an der Vorder- oder Hinterwand des Uteruskörpers. Bei der Placenta praevia hat die Placenta, also der Mutterkuchen, einen ortsfremden und damit falschen Sitz. Bei einer Gebärmutter wie der Ihren ist das sehr häufig der Fall, man kann sagen, fast immer. Dann ist bei dieser Anomalie die Placenta tief unten im Uterus eingepflanzt. Und zu allem Überfluss bedeckt ein mehr oder weniger großer Teil der Placentafläche die Innenwand des untern Gebärmuttersegments. Die Öffnung des inneren Muttermundes wird dadurch von der Placenta ganz oder teilweise bedeckt. Und in extremen Fällen ist die Placenta bis in den Zervikalkanal, also in den Gebärmutterhals hinein, eingepflanzt. Die größte Gefahr der Placenta praevia besteht darin, dass sie sich schon meist in den letzten Monaten der Schwangerschaft ablöst, spätestens dies aber bei Geburtsbeginn eintritt. Und dann kommt es zu Blutungen aus den intervenösen Räumen. Zunächst einmal ist es das Blut der Mutter, das da verlorengeht. Es kommt aber auch im Gebiet der Zottengefäße, im Bereich des kindlichen Teiles der Placenta zu Zerreißungen von Gefäßen. Und dann fließt auch kindliches Blut. Eine Placenta praevia bedeutet größte Gefahr des Verblutungstodes für Mutter und Kind. Es kann eine Placenta praevia bei einer Frau eintreten, die völlig normal gebaut ist. Dann ist es ein teuflischer Zufall und stellt die Ärzte bei einer solchen Geburt jedes Mal vor eine äußerst schwierige Aufgabe. Wenn man aber im Vorhinein schon weiß, dass bei einer bestimmten Lage und einer bestimmten Form der Gebärmutter diese Gefahr schon vorgegeben ist, dann kann man doch nicht dazu raten, dass eine Frau mit einer solchen Anomalie schwanger wird.“

Christina Delkow sah Dr. Winter zweifelnd an.

„Das bedeutet also, dass Sie das vermuten. Es kann aber durchaus anders sein. Es könnte doch auch so sein, dass Ihre Befürchtungen gar nicht eintreffen, dass der Mutterkuchen gar nicht vor den Geburtswegen liegt und es somit auch nicht zu einer Blutung kommt.“

„Sie haben recht, das könnte eintreten. Fünf Prozent, vielleicht sechs Prozent der Fälle, die wir kennen, war das nicht so. Man muss aber dazu sagen, dass eine solche Anomalie, wie Sie sie haben, ohnehin schon selten ist. Man müsste also das Leben von mehreren Jahrhunderten haben, um hier im eigenen Erfahrungsbereich recht viele solcher Geburten erlebt zu haben. Ich bin also, außer den Fällen, die ich persönlich kenne, natürlich auch auf Literatur angewiesen. Das heißt, man sagt, bei fünfundneunzig aller Fälle ist das so, wie von mir gesagt. Aber Sie können natürlich gut und gerne bei diesen fünf Prozent sein. Das Experiment aber, dies auszuprobieren, könnte mit Ihrem Tod enden. Denn die Gewissheit, ob das so ist oder nicht, hat man ja erst, wenn der Fötus wenigstens im achten Monat ist. Endgültig weiß man es erst, wenn es bei Ihnen zu einer solchen Blutung kommt. Bei der Geburt aber wird die Sache definitiv akut, das heißt, da kommt die Stunde der Wahrheit. Und wenn bis dahin alles gutgegangen ist, dann kommt die absolute Erkenntnis bei der Geburt.“

„Und die Ärzte können nichts machen, wenn das passiert? Man ist wirklich verloren?“

„Es ist ein ganz gewaltiges Risiko, es besteht wirklich größte Gefahr. Eine Gefahr, der man niemand aussetzt, wenn man im Vorhinein davon weiß.“

„Ich möchte aber ein Kind“, begann sie abermals. Und wiederum kam sie ihm wie ein Mädchen vor, wie ein kleines Mädchen, das etwas ertrotzen möchte, was es nicht haben darf.

„Seien Sie doch vernünftig! Sie wollen doch Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen.“

Sie starrte auf ihre Fußspitzen herab, seufzte und meinte: „Wie bringe ich das nur Harald bei?“

„Er weiß es doch.“

Sie blickte auf und schüttelte den Kopf.

„Ich habe ihm gesagt, es wäre alles in Ordnung. Er hatte mir einmal gedroht, sich scheiden zu lassen, weil er ein Kind haben wollte. Ich liebe ihn, ich möchte nicht, dass er wegläuft.“

Dr. Winter nickte.

„Gut, ich werde mit ihm reden. Sie wissen ja, wie lange ich ihn kenne. Ich glaube schon, dass ich es ihm erklären kann. Und ich zweifle daran, dass er es ernst gemeint hat, als er Ihnen damit drohte, sich scheiden zu lassen.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Und er selbst musste sich eingestehen, dass er auch nicht an das glaubte, was er jetzt zuletzt gesagt hatte. Er kannte ja Harald von früher. Der hatte damals schon als Junge diesen Vollkommenheitstick gehabt. Wenn jemand krank war oder nur ein Ekzem hatte oder dergleichen, betrachtete Harald ihn wie einen Aussätzigen. Und für ihn selbst war es das Schlimmste, krank zu sein. Ein Mensch, der irgendwo nicht ganz normal war, den die Natur in irgendwelcher Weise vernachlässigt hatte, der war für ihn ein Wesen zweiter Klasse. So konnte sich Dr. Winter sehr gut vorstellen, dass Harald womöglich seine Frau ablehnte, nur weil sie nicht in der Lage war, ein Kind zu gebären, ohne dabei das eigene Leben und das des Kindes aufs Spiel zu setzen.

„Er hat Sie geheiratet, weil er Sie liebt“, begann Dr. Winter noch einmal und redete es sich mehr selbst ein. „Und wenn er Sie geliebt hat“, fuhr er fort. „Dann wird er auch Verständnis dafür haben.“

„Er hat mich geliebt“, sagte sie. „Aber in letzter Zeit ist er kalt, eiskalt.“

„Deshalb? Nur deshalb?“, fragte Dr. Winter zweifelnd.

„Nicht nur. Aber wenn er ein Kind von mir bekommt, wird es sein wie früher. Ja, dann wird es sein wie früher!“, rief sie im plötzlichen Eifer und sah ihn durchdringend an. „Es muss wieder so sein wie früher. Ich liebe ihn, ich will diesen Mann nicht verlieren. Sie müssen mir helfen! Herr Doktor Winter, Sie müssen mir helfen!“

Er lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf.

„Niemand kann Ihnen zu einem Kind raten, und ich tue es auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass man eine Ehe, die irgendwo gestört ist, mit einem Kind retten kann. Im Gegenteil. Das macht die Katastrophe erst vollkommen. Und für das Kind ist es eine sehr ungewisse Zukunft, die sich da eröffnet.“

„Ich glaube doch, dass alles mit dem Kind zusammenhängt. Seit, vorigem Jahr ist er so barsch. Da hatte ich die Fehlgeburt. Er hatte sich doch so gefreut, als er erfuhr, dass ich schwanger bin. Und dann kam die Ernüchterung. Ich möchte ein Kind, Herr Doktor Winter, ich möchte ein Kind!“

„Ich sagte Ihnen ja, Sie können ein Kind haben, eins, zwei und viele. Aber Sie können es nicht selbst in die Welt setzen. Damit müssen Sie sich abfinden.“

Sie sagte gar nichts mehr. Sie sprang wieder auf, nahm ihren Mantel, murmelte einen Gruß und stürmte aus dem Raum, als wäre sie von Furien gehetzt.

Renate Angern kam herein und sagte: „Nur noch vier im Wartezimmer.“

Dr. Winter sah die junge blonde Sprechstundenhilfe an und sagte: „Wer ist denn die nächste?“

„Frau Kindermann, Sie wissen doch, die alte Dame.“

„Ach ja. Aber bevor Sie sie hereinführen, rufen Sie doch bitte mal Herrn Delkow an. Hier auf der Karte steht die Telefonnummer. Aber machen Sie rasch, ich möchte mit ihm sprechen, bevor seine Frau zu Hause ist.“

Nach einer ganzen Weile meldete sich Renate Angern vom Vorzimmer aus übers Telefon bei Dr. Winter und sagte: „Da meldet sich niemand. Soll ich die andere Nummer mal versuchen? Die ist vom Betrieb.“

„Ja, die habe ich daneben geschrieben. Das ist eine Durchwahl der Bayer Werke. Versuchen Sie es da mal!“

Wenig später meldete sich Renate Angern wieder.

„Ich hatte nur seine Sekretärin. Er selbst ist auf einer Dienstreise nach Wien gefahren.“

„Wann kommt er zurück?“

„Übermorgen.“

„Dann schreiben Sie es sich auf, dass wir ihn da noch einmal anrufen! Und jetzt schicken Sie mir Frau Kindermann herein ...“

 

 

2

Was ist denn nur mit meinem Wagen los?, fragte sich Sylvia Strobach. Sie hatte Mühe, den Wagen geradeaus zu fahren; das Fahrzeug schlingerte. Sie nahm den Fuß vom Gas, stoppte vorsichtig ab und fuhr rechts ran. Da stand sie nun auf der nächtlichen Landstraße, auch noch in einer Waldschneise. Die ganze Zeit war ihr schon kein Fahrzeug mehr begegnet, es war sehr einsam um diese Stunde nach Mitternacht. Sie nahm ihre Taschenlampe, stieg aus und zog fröstelnd ihre Schultern zusammen. Es war empfindlich kühl, obgleich Sommer war. Irgendwo im Wald schrie ein Käuzchen. Sylvia lief eine Gänsehaut den Rücken herunter. Aber dann fasste sie sich ein Herz, ließ die Taschenlampe aufflammen, strahlte erst in die Runde, aber sie sah kein Lebewesen. Dann leuchtete sie auf ihr linkes Vorderrad, dann aufs linke Hinterrad, und da sah sie schon den Grund für die Schlingerbewegungen ihres Wagens. Sie hatte einen platten Reifen.

Das ist mir die ganze Zeit noch nie passiert. Na, nun mache ich das auch einmal durch, dachte sie und überlegte kurz, was sie tun musste. Sie hörte im Geiste die Stimme von Heinz, der sagte: „Zuerst einmal ziehst du die Handbremse an, dann nimmst du den Wagenheber heraus und den Radschlüssel, löst die Radkappen, lockerst die Muttern und hebst über den Wagenheber den Wagen an, musst ihn vorn reinstecken oder hinten, je nachdem wo du einen Platten hast.“

Sie verfuhr genauso, wie Heinz es ihr beigebracht hatte. Und sie war dankbar dafür, bei ihm die Handgriffe gelernt zu haben, die jetzt so notwendig waren. Die Radkappe ging ganz leicht ab. Aber dann kam schon das Problem. Die erste Radmutter von den vieren, die sie lösen musste, lockerte sich sofort. Die zweite rührte sich überhaupt nicht. Bei der dritten schaffte sie es mit einem Kraftakt. Die vierte wollte sich auch nicht rühren. Und so sehr sie sich auch mühte und plagte, sie bekam die Muttern nicht locker. Sie riss und ruckte am Kreuzschlüssel, aber nichts geschah. Dann versuchte sie es damit, dass sie sich auf die eine Seite stellte, aber die Muttern lockerten sich nicht. Die saßen auf den Bolzen, als wären sie ein Stück von ihnen.

Sylvia war völlig außer Atem, sie schnaufte, und von der Kühle der Nacht empfand sie jetzt nichts mehr; sie schwitzte.

So ein Pech, dachte sie. Jetzt sitze ich hier fest. Nach der Kriechfahrerei, den Stauungen und alledem jetzt noch das. Ich müsste eine Verlängerung haben. Je länger der Hebel, umso weniger Kraft brauche ich, sagte sie sich und erinnerte sich damit an physikalische Gesetze, von denen sie seinerzeit als Schülerin gemeint hatte, die würde sie nie wieder brauchen.

Aber was sollte sie als Verlängerung nehmen? Ein Rohr hätte sie haben müssen.

Wo finde ich hier ein Rohr?, dachte sie und leuchtete mit der Taschenlampe herum. Aber nirgendwo war etwas, was sie dafür gebrauchen konnte. Sie suchte im Kofferraum, fand auch nichts.

Wenn wenigstens ein Auto käme, dachte sie, jemand, der ihr helfen könnte. Aber zugleich hatte sie Angst. Wer weiß, wer das ist?, sagte sie sich. Irgendein fremder Mann, der nachher am Ende noch über mich herfällt. Das fehlte noch.

Während sie das noch dachte, tauchte in der Ferne Lichtschein auf. Sie hörte auch weit entferntes Motoren und Reifengeräusch. Der Lichtschein kam näher, ein Scheinwerferpaar strahlte die Landstraße entlang und Sekunden später war das Fahrzeug schon ganz nahe. Es stoppte ab, hielt direkt hinter ihrem Wagen; die Scheinwerfer wurden abgeblendet.

Sylvia stand neben ihrem Fahrzeug, hatte den Kreuzschlüssel in der Rechten, und sie hielt ihn jetzt nicht mehr wie ein Werkzeug, sondern eher wie eine Waffe. Geblendet durch die Scheinwerfer, konnte sie noch nicht richtig sehen. Aber sie hörte eine Wagentür klappen und dann wurden die Scheinwerfer ganz auf Standlicht geschaltet. Sie sah eine Gestalt näherkommen und schon auf fünf Meter Entfernung sagte eine Männerstimme: „Guten Abend! Ich hoffe, ich kann Ihnen helfen. Sie sehen aus, als ginge es irgendwie nicht weiter.“

Die Stimme klingt sympathisch, dachte Sylvia, aber ich sehe den Mann noch nicht. Kurz entschlossen hielt sie die Lampe hoch, leuchtete ins Gesicht des Fremden.

„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, ich will Ihnen helfen“, sagte der Mann.

Sie ließ die Lampe wieder sinken und hatte genug gesehen. Ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig. Sieht gut aus, dachte sie.

„Ja, Sie können mir helfen, wenn Sie wollen. Irgendein Schwergewichtsmeister oder Kraftprotz hat diese Muttern angedreht, zwei davon konnte ich lösen, aber die anderen sitzen wie angeschweißt.“

„Ich bin zwar auch nicht Mister Amerika, aber vielleicht schaffe ich es. Darf ich mal?“ Er hielt die Hand hin, und sie gab ihm den Kreuzschlüssel. Dann versuchte er es. Für ihn war es offensichtlich ein Spiel. Im Handumdrehen hatte er die Mutter los. Es knarrte nur ein wenig, als er sie löste.

„So, und wo haben wir den Wagenheber?“

„Danke schön, das kann ich jetzt allein. Vielen Dank!“

„Wenn ich schon mal da bin, mache ich es doch auch zu Ende. Leuchten Sie mal ein wenig, oder es ist vielleicht besser, Sie machen mal das Licht in meinem Wagen wieder an, dann sehen wir einfach mehr.“ Sie nickte nur, ging zurück. Es war eine ungewohnt große Limousine, aber sie fand den Schalter für das Licht, und nun war es hell. Jetzt konnte sie den Fremden auch sehr gut sehen. Als sie wieder zurückkam, hatte er den Wagenheber schon untergestellt und drehte. Als das Rad frei in der Luft hing, löste er die Muttern und sagte zu ihr: „Sind Sie auch von der Autobahn runtergekommen? Das ist ja grauenhaft, die Stauungen. Ich glaube, sämtliche Europäer sind zur Zeit auf der Autobahn, und zwar auf dieser hier, zwischen Salzburg und München.“

„Ich habe einfach aufgegeben und bin abgefahren“, erklärte sie ihm. „Ich weiß da einen kleinen Gasthof, wo man übernachten kann. Ich kann einfach nicht mehr.“

„Wo wollen Sie denn noch hin?“ Sie lachte. „Ich hatte gehofft, ich komme noch bis Rüsselsheim. Aber jetzt bin ich noch nicht einmal in München.“

„Ich wollte die Stauungen umfahren“, erklärte er ihr, während er das Ersatzrad aufsetzte, „deswegen bin ich in Weyarn abgefahren und wollte in Holzkirchen wieder drauf auf die Autobahn.“

„Sie sind aber falsch. Sie sind die falsche Richtung gefahren. Diese Straße geht nicht nach Holzkirchen, sondern nach Miesbach.“

„Ach du lieber Gott, da bin ich ja froh, Sie getroffen zu haben. Und wo ist dieses kleine Hotel?“

„Hotel ist übertrieben, ein kleiner Gasthof. Es ist auch schon ziemlich spät, ich hoffe, dass da überhaupt noch jemand aufmacht.“

„Wenn es nicht anders geht, schlafen wir im Auto. Aber ich hatte schon die letzten Nächte kaum geschlafen.“ Er zog die Radmuttern an, drehte den Wagenheber wieder herunter und zog ihn heraus. „So, jetzt drehe ich die Muttern noch richtig fest, die Radkappe drauf und ab geht die Post.“

„Ich fahre voraus, wenn wir fertig sind, und zeige Ihnen den Weg. Und vielen Dank für alles.“

„Ich bin noch nicht ganz fertig“, meinte er. Aber kurz darauf war er fertig, verstaute ihr noch den Wagenheber und das Rad mit dem platten Reifen, dann meinte er: „Ich habe sonst immer das Glück, wenn ich wirklich mal einen platten Reifen habe, dass es dann auch noch regnet, stürmt oder schneit. Bei so schönem Wetter wie jetzt habe ich es eigentlich noch nie gemacht. Dafür ist Nacht ...“

Sie lachten beide, dann stieg sie ein und fuhr los. Nach ein paar Kilometern tauchte rechts am Ende des Waldes ein Parkplatz auf, und weiter hinten stand ein großes Gebäude. Sylvia bog in diese Richtung ab und sah zu ihrer Erleichterung, dass noch Licht brannte. Sylvia hielt an, stieg aus und neben ihr kam die große Limousine des hilfreichen Fremden zum Stehen. Als sie den Motor abstellte, hörte sie, dass leise Musik aus dem Hause drang. In der Gaststube brannte nicht nur Licht, sondern schien auch noch lebhafter Betrieb zu herrschen.

Der Mann stieg aus, kam um den Wagen herum und sagte: „Übrigens mein Name ist Delkow, ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt, Harald Delkow.“

„Ich heiße Sylvia Strobach“, entgegnete sie freundlich. „Ich bin froh, dass dort drin noch Betrieb ist. Zimmer kriegen wir bestimmt. Kommen Sie nur, vielleicht erkennen die mich wieder. Es ist allerdings schon ein paar Jahre her, dass ich nicht mehr hier war.“

Harald Delkow, der ihr folgte, fragte sich, wieso sie überhaupt schon einmal hier gewesen sein konnte, weil sie doch in Rüsselsheim wohnte. Das war ja so ab vom Schuss, so einsam hier dieser Gasthof, denn nirgendwo konnte er die Lichter anderer Häuser erkennen. Aber im Augenblick sehnte er sich mehr nach einem Bett als nach irgendetwas anderem. Und Hunger hatte er auch. Zu essen, sagte er sich, bekommen wir bestimmt hier nichts mehr.

In dem Moment kamen ein paar Leute aus dem Haus heraus, die unterhielten sich laut, blickten dann aber überrascht auf die beiden sich nähernden späten Gäste und grüßten. Den Stimmen hörte man an, dass sie nicht mehr ganz nüchtern waren. Dennoch strebten sie auf ihre Autos zu, die sie offenbar in diesem Zustand zu fahren gedachten. Indessen waren Harald Delkow und Sylvia schon im Haus drin. Sylvia führte Harald Delkow in die Gaststube, in der noch immer um den Stammtisch herum fünf Männer und eine Frau saßen. Die Frau war die Wirtin, und Sylvia erkannte sie sofort wieder. Die stämmige Frau mit der weißen Schürze schien Sylvia ebenfalls zu erkennen. Sie strahlte die beiden an und rief: „Da schau her, das ist doch eine Überraschung! Wo kommen Sie denn her?“

„Die Autobahn war verstopft. Ich dachte, wir könnten hier bei Ihnen übernachten. Wird das gehen?“

„Natürlich geht es. Was brauchen S’ denn? Ein Doppelzimmer?“ Sie blickte ein wenig skeptisch auf Harald Delkow.

„Nein, nein. Ich hatte Pech mit meinem Wagen und der Herr hat mir geholfen. Aber nun ist alles wieder in Ordnung. Ich hatte ihn mit hergebracht, weil ich dachte, dass er vielleicht auch bei Ihnen übernachten könnte. Er ist sehr müde, ihm geht’s wie mir.“

„Natürlich“, meinte die Wirtin, „Zimmer habe ich genug. Hierher verirrt sich kaum einer, nur die Leute aus dem Dorf drunten, die kommen her.“

„Ob wir denn noch etwas zu essen bekommen können?“, fragte Harald Delkow.

Die Wirtin lachte.

„Natürlich. Was Warmes allerdings nicht. Einen Kaffee oder eine Bouillon kann ich Ihnen machen.“

„Ich wäre mit einem schönen Glas Bier zufrieden“, erklärte Delkow.

„Davon haben wir so viel, dass wir es verkaufen müssen“, meinte die Wirtin lachend. Und die Männer am Stammtisch, die bisher zugehört hatten, stimmten in das Gelächter ein.

„Wir wollen uns vor dem Essen nur noch ein klein bisschen frisch machen. Es war eine endlose Fahrt heute.“

„Ja, wir haben es im Radio gehört. Es ist wirklich toll zugegangen. Man kann sich das hier in der Stille gar nicht vorstellen. Merkwürdig, dass sich die Menschen immer zusammendrängen müssen“, meinte die Wirtin, und ging mit den Schlüsseln voraus.

Die Zimmer lagen nebeneinander und waren schlicht, aber gut und vor allen Dingen sauber. Die beiden holten noch das Notwendigste, was sie für die Nacht brauchten.

Als sie wieder zu ihren Zimmern hinaufgingen, trafen sie die Wirtin auf der Treppe.

„So“, sagte sie, „jetzt habe ich alles fertig, wenn Sie mögen, bringe ich Ihnen etwas aufs Zimmer hinauf. Sie müssen ja nicht unten essen. Wenn Sie so müde sind, ist es bestimmt bequemer ...“

„Oh, das finde ich sehr gut“, stimmte Sylvia Strobach sofort zu. Und auch Harald Delkow fand die Idee nicht schlecht.

„Wenn Sie sich die Arbeit machen wollen?“, meinte er.

„Morgen früh kann ich ausschlafen, da ist mein Mann da, der kümmert sich um alles. Wann wollen Sie denn geweckt werden?“

„Wir möchten auch gerne ausschlafen. Sie doch auch?“, wandte sich Sylvia an Harald Delkow.

„O ja“, erklärte der. „Eigentlich habe ich die Zeit nicht, aber ich nehme sie mir einfach.“ Dabei musterte er Sylvia Strobach. Jetzt, wo sie mit der Wirtin sprach und sie nicht merkte, dass er sie beobachtete, konnte er sich zum ersten Mal die Zeit nehmen, sie richtig anzusehen.

Ihr Haar, das er vorhin für rotblond gehalten hatte, war mehr aschblond. Auch das hellgrüne Sommerkostüm mit dem weiten, schwingenden Rock stand ihr vorzüglich. Sie trug eine blassgelbe Bluse dazu mit einer Schleife, die elegant und in gewisser Weise sportlich wirkte. Seiner Schätzung nach konnte sie nicht älter als dreißig sein. Er musste sich eingestehen, dass ihn ihr Anblick faszinierte. Gefühle stiegen in ihm auf, die er vergeblich zu unterdrücken suchte.

Ich bin verheiratet, ich sollte gar nicht soviel in diese Richtung blicken, dachte er, fühlte sich aber nicht sehr schuldbewusst. Und plötzlich empfand er eine starke Sehnsucht nach etwas, das er schon verlorengegangen glaubte.

Ob sie verheiratet ist? Sie sieht so frisch und gesund aus. Ihre Fröhlichkeit steckt an. Sie wirkt auch energisch, strebsam, sie ist sehr sauber. Alles das wirbelte in ihm Empfindungen auf, die ihn zeitweilig verwirrten. Und so war er gar nicht richtig bei der Sache, als Sylvia Strobach sagte: „Sie sind ja sicher einverstanden?“

„Einverstanden? Womit?“ Er blickte sie verblüfft an.

„Nun ja, unsere Wirtin meinte, es wäre einfacher, wenn sie uns das Essen gemeinsam auf einem der Zimmer servieren könnte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht und Sie sich nicht genieren, mit mir zusammen ...“

„Genieren?“, fragte er sie verständnislos. „Warum soll ich mich genieren, mit Ihnen zusammen zu essen?“

„Nun ja, weil wir es hier oben auf dem Zimmer tun und allein. Ich weiß nicht, wie Sie so zu diesen Dingen eingestellt sind.“

Die Wirtin sah gespannt von einem zum anderen und schmunzelte, als Delkow sagte: „Um Himmels willen, wer geniert sich da? Wir leben doch nicht im Mittelalter. Oder fürchten Sie sich vor mir?“

„Ich fürchte mich so leicht nicht. Ich bin nur manchmal vorsichtig.“

Sie trennten sich. Sylvia Strobach ging in ihr Zimmer und wusch sich. Sie war noch gar nicht damit fertig, sich das Haar zu kämmen, das sie aufgelöst hatte, als sie nebenan das Klirren von Geschirr hörte und die Stimmen der Wirtin und dieses Herrn Delkow. Sie musste an ihn denken, er gefiel ihr gut. Er hatte etwas Männliches, Draufgängerisches. Irgendwie kam er ihr wie ein Typ vor, der zu kämpfen imstande ist. Sie fragte sich, wie er als Mann sein würde. Er gefiel ihr. Er hatte ihr von der ersten Sekunde an gefallen; schon seine Stimme war ihr sympathisch gewesen. Und dann diese Hilfsaktion, aber auf die allein kam es ihr nicht an. Trotzdem war da etwas, das sie sehr unruhig machte.

Sie blickte auf die Wand, die ihr Zimmer von dem seinen trennte, als könnte sie hindurchsehen. Sie fragte sich, was er wohl von ihr dachte. Nein, sagte sie sich, wenn er meine Gedanken erriete, ich glaube, da würde ich eine Enttäuschung erleben. Wer weiß, was er mir dann sagt. Ich selbst sollte diese Gedanken fallenlassen. Ich habe kein Recht, so zu denken.

Sie ging wie magnetisch angezogen auf die Wand zu, legte ihre beiden Hände flach auf die Tapete und stand mit geschlossenen Augen. Sie meinte, seine Nähe fast körperlich zu spüren. Dabei war die Mauer zwischen ihm und ihr. Und doch war es ein prickelndes Gefühl.

„Mein Gott, ich spinne“, sagte sie, ließ die Hände sinken, öffnete die Augen und schüttelte unwillig den Kopf. „Ich sollte lieber mein Haar machen.“ Sie kämmte weiter und begann dann die langen glänzenden Haare zu flechten. Als sie fertig war, warf sie noch einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Vielleicht sollte ich etwas an meinem Gesicht tun, Lidschatten oder die Lippen ...

„O nein“, murmelte sie wieder, „ich sehe gut genug aus.“ Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Zimmer, da klopfte es schon.

„Fräulein Strobach, wenn Sie wollen, können Sie herüberkommen. Das Essen ist schon da.“

„Ich komme!“, rief sie und öffnete die Tür.

Er stand draußen, strahlte sie an. Und in diesem Augenblick wurde das Gefühl in ihr wieder ganz stark. Sie blickte ihn prüfend an und versuchte zu ergründen, was hinter seiner Stirn vorging. Aber er lächelte nur und meinte: „Die haben so viel raufgeschickt, dass man noch zwei starke Männer braucht, um das alles aufzuessen. Ich weiß nicht, was diese Leute hier für eine Vorstellung vom Appetit eines Normalverbrauchers haben.“

„Wenn Sie immer hier leben, bekommen Sie offensichtlich mehr Appetit als im Auto oder im Büro. Ich habe hier einmal Urlaub gemacht, als ich nach Hause kam und auf der Waage stand, bin ich vor Schreck bald umgefallen“, erklärte sie. „Ich hatte vielleicht zugenommen.“

„Entschuldigen Sie“, warf er ein, als sie schon die Tür schließen wollte, „ich müsste vielleicht aus Ihrem Zimmer einen Stuhl mitnehmen, bei mir steht ja nur einer.“

„O ja!“, rief sie, wandte sich um und wollte den Stuhl ergreifen. Mit einem Schritt war er hinter ihr und wollte ihr den Stuhl abnehmen. Aber es ging ein wenig unglücklich zu, weil sie sich in diesem Augenblick zur Seite beugte, und so hatte er plötzlich seinen Arm um ihre Schultern liegen.

Er zuckte zusammen, als hätte er etwas Unrechtes getan, murmelte eine Entschuldigung, und sie richtete sich auf, blickte ihn an, lächelte verzeihend und meinte: „Das ist doch nicht so schlimm. Nehmen Sie nun den Stuhl oder nicht? Irgendwie müssen wir uns einigen. Wir wollen ihn doch sicher nicht zu zweit tragen oder?“ Sie lachte, und dabei sah er zwei Reihen ihrer perlweißen Zähne.

„Hat Ihnen schon jemand gesagt, dass Sie wahnsinnig hübsch sind?“, fragte er.

Ihr Lachen gefror. Sie wurde blutrot im Gesicht.

Überrascht darüber, dass sie sich wie ein junges Mädchen genieren konnte, meinte er: „Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Es war nur eine Feststellung. Und sie trifft zu.“

„Hören Sie auf! Hören Sie mit diesen Komplimenten auf, und wenn sie mir auch wie Öl hinuntergehen, ich habe dabei immer furchtbare Angst.“

„Angst? Wovor?“ Jetzt war er es, der lachte.

„Davor, dass es ein Trick ist.“

„Pech gehabt? Ich meine mit Männern.“

„Wie man’s nimmt“, erklärte sie. „Es waren solche und solche dabei.“ Sie standen voreinander, und er hatte plötzlich das unbezwingbare Gefühl, sie in die Arme zu nehmen und küssen zu müssen. Es kam regelrecht über ihn.

Ich bin ein Idiot, dachte er, ich kann mich nicht wie ein Pennäler benehmen. Sie wird mir eine kleben, wenn ich das tue. Und sie hätte ein Recht dazu. Ich muss übergeschnappt sein. Ich treffe ein Mädchen, helfe ihr und bilde mir ein, ich könnte gleich über sie herfallen, nur weil sie mir gefällt.

„Was starren Sie mich so an?“, fragte sie und lächelte wieder.

„Ich hatte das vorhin sehr ernst gemeint. Sie beeindrucken mich.“

„Vielleicht hätten wir besser unten essen sollen?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf, nahm den Stuhl und ging vor ihr hinaus in sein Zimmer. Als er ihn abstellte, war sie ihm gefolgt und stand schräg hinter ihm, blickte auf den Tisch und meinte: „Zwei starke Männer sollten uns helfen? Das ist aber eine Untertreibung. Um das zu vertilgen, braucht es mindestens vier, außer uns beiden. Um Himmels willen, ich glaube, sie hat uns alle Reste heraufgeschickt, die im Kühlschrank waren. Aber gut, packen wir’s an!“

„Das hört sich an wie eine Reklame für eine Ölfirma“, meinte Harald Delkow und lachte befreit auf. Irgendwie schien das Eis gebrochen.

Ich darf mich nicht wieder wie ein Halbstarker benehmen, sagte sich Delkow. Ich bringe sie erstens in Verlegenheit, und zweitens mache ich mich am Ende noch lächerlich. Aber, zum Teufel, sie gefällt mir wirklich.

Während des Essens sprachen sie wenig. Und im Grunde war das, was sie sagten, nicht weiter beachtlich. Beide versuchten ihre innere Erregung zu verbergen, und es gelang ihnen sogar. Denn einer merkte es nicht vom anderen. Vielleicht waren sie auch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Sie hatten ein Drittel von dem gegessen, was da vor ihnen stand. Beide empfanden nun das wohlige Gefühl, satt zu sein, und zugleich wurden sie mit der empfundenen Behaglichkeit gelassener.

Er sah sie an, zog seine Zigarettenpackung aus der Jacke und hielt sie in ihre Richtung.

„Mögen Sie?“

Sie griff zu, zog sich eine Zigarette heraus. Er nahm sich selbst eine, stand auf, um ihr Feuer zu geben. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte zu ihm empor, hatte die Zigarette zwischen den Fingern, aber nicht im Mund. Es war, als wartete sie darauf, dass er das Feuerzeug anzünden würde. Nun, da er so leicht vorgebeugt vor ihr stand, überkam es ihn erneut. Er hatte einfach das zwingende Bedürfnis, sie an den Schultern zu nehmen und zu küssen, sie an sich zu ziehen. Diesmal warf er alle Bedenken, alle Hemmungen über Bord und tat es einfach.

Er rechnete mit Widerstand, damit, dass sie den Mund zusammenkniff, dass sie sich wehrte, ihn zurückstieß oder ihn gar ohrfeigte.

Im ersten Augenblick war ihr Mund hart, aber das dauerte nur eine einzige Sekunde. Dann öffnete sie die Lippen, und sie fühlten sich weich an. Er spürte, wie sie ihre Hände um seinen Nacken schlang, als wollte sie sich an ihm festhalten oder fürchtete, er könnte sich wieder aufrichten und davongehen. Aber schließlich machte sie sich doch von ihm los, nach einem langen glühenden Kuss, der ihm vorkam, als würden ihre Lippen miteinander verschmelzen.

Ein wenig atemlos neigte sie sich zurück und sagte mit spröder Stimme: „Wir hätten das nicht tun sollen. Wir dürfen das nicht, Sie nicht und ich nicht. Es ist nicht gut, wir wollen es nicht noch einmal tun.“ Sie sah bittend zu ihm empor.

„Warum sagst du das? Ich habe doch gespürt, dass du es auch wolltest. Und es hat mich glücklich gemacht.“

Noch einmal beugte er sich über sie, zog ihren Kopf zu sich heran, küsste sie erneut, und sie ließ es abermals geschehen. Diesmal war ihr Kuss noch leidenschaftlicher, sie erwiderte den seinen. Und ihm war, als würden ihm die Lippen verbrennen. Er war gar nicht mehr Herr über sich selbst und handelte nur seinem Gefühl gehorchend.

Auch jetzt war sie es wieder, die sich von ihm löste, sich freimachte und den Stuhl ein Stück zurückschob, als wollte sie Distanz zu ihm gewinnen.

„Wir sollten es wirklich nie wieder tun.“

„Um Gottes willen, warum denn nicht? Du liebst mich, das habe ich gemerkt. Und ich liebe dich ebenfalls.“

„Wir kennen uns überhaupt nicht“, entgegnete sie.

„Ich weiß nicht, manche Menschen leben zwanzig Jahre mit einem. Kennt man sie da besser? Ich fürchte, nein. Und andere wieder, die kennt man nur wenige Minuten, aber man kennt sie dann. Man weiß alles von ihnen. Irgendwie passen sie zu einem selbst. Ich habe dich gesehen, und da ist etwas mit mir geschehen, was ich früher für baren Unsinn hielt, wenn mir das jemand erzählt hat oder ich davon las. Diese sogenannte Liebe auf den ersten Blick.“

Sie sah ihn an.

„Es geht mir genauso“, meinte sie schlicht „Genau wie dir, aber das bedeutet nicht, dass wir es dürfen. Ich habe immer gedacht, dass dies, was ich bisher zu Männern empfand, normale Liebe sei. Ich weiß in diesem Augenblick, dass ich so noch nie geliebt habe. Das jetzt ist das erste Mal.“

„Ich hätte fast dasselbe gesagt. Es klingt verrückt, nicht wahr?“ Er lachte leise, dann schüttelte er den Kopf, als könnte er seine Gedanken nicht begreifen. „Ich empfinde wie du, es ist richtig, wir kennen uns kaum. Wir kennen uns im Grunde überhaupt nicht, und doch kenne ich alles von dir.“

Sie blickte ihn spöttisch an.

„Wirklich? Du meinst alles zu kennen.“

„Natürlich gibt es irgendwelche Äußerlichkeiten, die ich nicht kennen kann, aber von deiner Natur weiß ich alles. Es kann sein, dass du verheiratet bist oder ...“

„Ich bin verheiratet“, sagte sie brüsk.

Er zuckte zusammen wie unter einem Schlag. Er hatte es zwar selbst ausgesprochen, aber irgendwie nicht daran geglaubt, sondern so getan, als sei es etwas, was für sie nie und nimmer in Frage käme. Und jetzt sagte sie das. Er schwieg überrascht, fand gar keine Worte.

„Und du bist auch verheiratet, nicht wahr?“ Er sagte immer noch nichts, aber er nickte rein automatisch. „Du siehst, wir sind auf verbotenen Wegen.“

Verheiratet, dachte er. Wieso erschrecke ich da? Damit musste ich doch rechnen. Sie ist kein junges Mädchen mehr, wenn sie auch noch fantastisch aussieht. Ich bin ja selbst auch verheiratet. Worüber rege ich mich da auf?

„Wir sollten noch etwas trinken“, meinte er.

„Wir haben alles gehabt, was wir bekommen konnten. Alles.“

Er ging wieder auf sie zu, die Zigarette von ihr lag abgebrochen auf der Tischkante. Er hielt ihr die Schachtel hin. „Nimm eine andere, deine ist kaputt!“

Sie nahm die Zigarette, und als er ihr Feuer geben wollte, wiederholte sich das alles noch einmal. Und wiederum ließ sie es geschehen, erwiderte sogar seine leidenschaftlichen Küsse. Und er hätte nicht sagen können, wer von ihnen leidenschaftlicher war, sie oder er. Er zog sie vom Stuhl hoch, sie standen eng umschlungen. Er spürte durch den dünnen Stoff ihres Kostüms ihren Körper. Das Begehren in ihm steigerte sich. Er meinte, selbst nicht mehr Herr seiner Gefühle sein zu können. Aber es gelang ihr dennoch, sich freizumachen.

„Ich fürchte mich“, sagte sie, „ich fürchte mich vor dir, am meisten aber vor mir selbst. Bitte hilf mir dabei, dass hier Schluss ist. Hier an dieser Stelle und dass sich nichts wiederholt.“

„Warum denn nicht? Wir wollen es beide.“

Sie nickte. „Natürlich wollen wir es beide. Und wir wollen uns nicht nur küssen. Ich weiß, was in dir vorgeht. Ich empfinde genauso wie du. Ich möchte das auch.“ Er hatte die ganze Zeit an nichts anderes mehr denken können, nur daran. „Ich habe das noch nie getan, seit ich verheiratet bin. Noch nie, ich begreife mich selbst nicht. Bis vor einer Stunde habe ich geglaubt, dass ich glücklich verheiratet bin, und dass ich einen Mann habe, den ich liebe. Und weiß jetzt, dass nichts davon stimmt. Ich fürchte mich auch davor, meinem Mann gegenüberzutreten. Noch könnte ich es, obgleich ein Kuss schon, so wie wir uns geküsst haben, etwas ist, was über einen Flirt hinausgeht, weit hinausgeht. Ich weiß zwar deinen Namen, aber sonst weiß ich nichts von dir. Und ich bin froh darüber. Ich möchte auch nichts mehr wissen. Ich glaube, es ist besser, ich gehe jetzt in mein Zimmer.“

„Nein, bitte tu das noch nicht. Wir haben bisher an unserem Glück vorbeigelebt, ohne es zu wissen. Das“, sagte er eindringlich, „was wir für Glück gehalten haben, ist sonst etwas gewesen, eine Bekanntschaft, eine Freundschaft, alles Mögliche, aber keine Liebe und kein Glück. Ich weiß es jetzt, ich weiß es. Mir geht es wie dir. Ich habe auch noch nie mit einem anderen Partner seit meiner Ehe etwas angefangen. Es hat nie ein Verhältnis gegeben, ein außereheliches. Aber das mit dir, das war einfach überwältigend. Das war wie ein Naturereignis, ich könnte ...“

Sie nickte und unterbrach ihn.

„Ich weiß, was du sagen willst. Alles das, was du sagst, könnte ich dir auch sagen. Mir ist es ja ebenso gegangen wie dir. Aber gerade das ist ja das Furchtbare. Es darf nicht sein.“

„Wir könnten ein neues Leben miteinander anfangen. Ein neues Leben, sage ich?“ Er lachte wild auf. „Ein Leben überhaupt. Ich weiß, dass es mit dir sein kann, dass mit dir Dinge möglich sind, die sich nie ergeben haben. Ich weiß es, und ich möchte jetzt zugreifen. Ich möchte dich nie wieder weglassen - nie wieder, hörst du?“

Sie lachte. „Ich habe eben dasselbe gedacht. Es klingt unheimlich kitschig, nicht wahr? Aber ich denke wirklich so.“ Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn forschend an. „Ich weiß, dass das, was ich jetzt sage, deine Meinung über mich nicht ändern wird. Du wirst mich nicht als ordinär empfinden, weil ich sicher bin, dass du dasselbe willst, was ich möchte, aber es darf nicht sein, hörst du?“

„Warum darf es nicht sein?“ Er ging wieder auf sie zu. Am liebsten hätte er sie auf die Arme genommen und hinüber zu seinem Bett getragen.

„Wir wollen es beide, hörst du, wir wollen es. Es ist stärker als wir selbst.“

„Aber es darf nicht stärker sein“, widersprach sie und sie wehrte ihn ab, als er sie abermals an sich ziehen wollte. Sie wandte sich abrupt um, ging zur Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

„Du willst es ebenso wie ich, warum gibst du nicht nach? Du wirst unglücklich sein, wenn diese Nacht vorbei ist und du aus einer fixen Idee heraus, mit Rücksicht auf irgendeine Moral, das nicht getan hast, was alles an dir, jede Faser deines Körpers zu tun verlangt.“

Sie nickte. „Es ist genauso, wie du sagst, aber ich möchte stärker sein. Ich kann sonst nicht mehr zurück. Oder kannst du vor deine Frau treten? So, als wäre nichts geschehen? Könntest du das, wenn wir das tun, was du willst? Ich kann nicht mit dir schlafen. Ich kann es nicht tun, es würde alles vernichten, was ich habe.“

„Du kannst nicht vernichten, was nie dagewesen ist“, behauptete er.

Sie schüttelte den Kopf.

„So einfach kannst du es dir nicht machen. Ich könnte ihm nicht mal in die Augen blicken, und du kannst es bei deiner Frau auch nicht.“

Er zuckte die Schultern.

„Möglicherweise hast du recht. Vielleicht wirklich nicht.“ Plötzlich kam ihm eine Idee. Er musste daran denken, was ihm voriges Jahr der Arzt gesagt hatte. „Hör mal, Sylvia, hast du eigentlich Kinder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Er will keine.“

„Er will keine? Warum das?“

„Er ist Lehrer. Er meint, er hätte schon genug Kinder in der Schule. Zu Hause möchte er sie nicht auch noch haben.“

Harald sah sie perplex an. „Das meint er allen Ernstes?“

Sie nickte. „Allen Ernstes.“

„Und du bist einfach einverstanden?“

„Harald, wir wollen nicht darüber reden. Wir wollen jetzt nicht diese Arie anstimmen, dass du eine Frau hast, die dich nicht versteht, und ich einen Mann, der gefühllos ist. Oder all diese schmutzige Wäsche, die Ehepartner dann waschen, wenn sie am liebsten zu einem anderen überwechseln möchten. Ich habe ihn bis vor einer Stunde zu lieben gemeint. Er ist ein anständiger, tüchtiger Mann. Dass ich ihn nicht liebe, weiß ich erst jetzt. Und dafür kann er nichts. Ich war immer damit einverstanden, dass wir keine Kinder haben. Und es ist uns auch sehr gutgegangen.“

„Bist du auch Lehrerin?“, fragte er.

„Nein, ich bin Dolmetscherin. Und wenn ich Kinder hätte, würde ich meinen Beruf gar nicht ausüben können. Aber den hätte ich liebend gern an den Nagel gehängt, zumindest für ein paar Jahre, um Kinder zu haben. Die Zeiten sind jetzt allerdings nicht so rosig, dass man sich darüber freuen könnte, ein Kind aufzuziehen. Welche Zukunft erwartet es denn?“

„So düster darfst du das nicht sehen. Ich hätte sehr gern Kinder. Meine Frau darf keine haben.“

Sie war froh darüber, dass er jetzt von etwas anderem sprach und sie fragte sofort, um ihn bei diesem Thema zu halten: „Warum nicht? Ist sie krank?“

„Sie hat eine Anomalie der Gebärmutter. Wenn sie ein Kind bekommt, gerät sie in absolute Lebensgefahr. Eine Geburt könnte für sie und das Kind tödlich sein. Wenn alles gutgeht, dann unter erheblichen Schwierigkeiten.“

„Das tut mir leid für deine Frau. Es muss furchtbar sein.“

„Ist es denn für dich besser? Du möchtest ein Kind, und er will keines.“

„Ich könnte es aber bekommen, wenn ich es wollte.“

„Ich möchte Kinder“, erklärte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, was du sagen möchtest, aber in dieser Beziehung bin ich sehr hausbacken. Oder konservativ. Oder ganz einfach altmodisch, wie du willst“

„Ich habe es nicht so gemeint.“

„Ich möchte mit dir zusammen sein. Ich glaube genau wie du, dass wir uns verstehen würden. Aber wir hatten uns, ohne voneinander zu wissen, vor Jahren anders entschieden. Und ich glaube, dass unsere Ehepartner auch ein Anrecht haben, ein Recht darauf, dass wir zu unserem Wort stehen.“

Er zuckte wieder die Schultern.

„Ich weiß nicht, früher habe ich geglaubt, dass es so sein muss. Ich selbst habe mich immer darüber mokiert, wenn Kollegen oder Bekannte sich über das Ehegelöbnis hinwegsetzten. Wenn sie einfach mit einer anderen Frau oder anderem Mann ihre Ehe zerstörten, und sich über diese Dinge hinwegsetzten, die ihnen einmal was bedeutet haben. Aber jetzt, das gebe ich ehrlich zu, kann ich diese Menschen verstehen. Vorausgesetzt, dass es ihnen so ergangen ist, wie es mir jetzt ergeht. Ich könnte alles über Bord werfen. Ich könnte dich nehmen und irgendwo hingehen und ganz von vorn anfangen, nur mit dir.“

„Gewiss, das könnte ich auch, aber ich sagte dir ja, ich bin etwas altmodisch. Und ich glaube, dass ein Wort ein Wort ist, dass man dazu stehen muss. Dass es außer den Rechten auch Pflichten gibt, auch wenn die das eigene Glück etwas schmälern.“ Er trat wieder zu ihr, fasste sie an den Schultern und wollte sie an sich ziehen, aber diesmal wehrte sie sich energisch.

„Warum wehrst du dich dagegen, du willst es doch auch.“

„Ja, ich will es. Ich will es wirklich, aber ich darf es nicht.“

„Wir reden und reden und machen alles kaputt. Warum sind wir nicht einfach glücklich? Lassen uns treiben wie ein Stück Holz im Wasser und nehmen das wie eine göttliche Gabe, was uns da gereicht wird.“

Sie lachte zornig auf.

„Mit Poesie machst du mich auch nicht weich. Mein Gott, so begreif doch endlich, dass es mir schwer genug fällt, dich abzulehnen, mich dagegen zu wehren gegen etwas, was ich auch möchte. Aber es gibt auch ein Morgen, es gibt noch mehr Tage, und da müssen wir weiterleben. Willst du dir das unnötig erschweren oder gar unmöglich machen? Du musst doch auch mal an deine Frau denken, die ist doch unglücklich genug.“

„Nun hör auf, sie braucht keinen Anwalt. Die kann sich selbst sehr gut verteidigen.“ Er versuchte sie erneut zu küssen, aber sie entwand sich ihm, öffnete die Tür und wollte hinaus.

„Es ist gut“, sagte er. „Mach doch bitte die Tür zu!“ Er ging bis zum Fenster zurück, lehnte sich gegen die Fensterbank und riss dabei fast den Vorhang herunter.

„Du machst den Vorhang kaputt“, sagte sie.

Das kam ihm so prosaisch, so jede Romantik zerstörend vor, dass er unwillig knurrte: „Als wenn das schon eine Rolle spielt.“

„Das spielt eine Rolle“, erklärte sie. „Erstens kann man dann ins Zimmer hereinsehen und zweitens bekommen wir Ärger mit der Wirtin.“

Er ging zu seinem Bett, setzte sich darauf, stützte den Kopf in die Hände und starrte vor sich hin. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen, hätte ihm übers Haar gestrichen, aber es war ja klar, dass dann alles wieder von vorn beginnen würde.

Sie drückte ihre Zigarette aus und sagte leise: „Ich glaube, wir sollten jetzt schlafen. Ich bin todmüde und du sicher auch.“

„Menschenskind noch mal, dass du so etwas sagen kannst“, meinte er ernüchtert. „Mir ist es, als hätte ich ein ganzes Leben auf dich gewartet und nun bist du da, jetzt habe ich dich. Ich bin überhaupt nicht müde, ich könnte die ganze Nacht mit dir zusammen sein, ohne ein Auge zuzutun.“

Ihr ging es ja ähnlich, aber sie mochte es nicht zugeben, um keinen Preis. Wenn ich jetzt nicht Schluss mache, werde ich schwach, sagte sie sich. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft dazu, ihm zu widerstehen. Und mir selbst genug Widerstand zu leisten.

„Begreifst du denn nicht, dass uns hier etwas geboten wird, ein Glück, das sich vielleicht nie wiederholt?“, sagte er.

Sie sah ihn an und sagte: „Natürlich ist es so, und vielleicht sehen wir uns auch wirklich nicht wieder. Nein, wir dürfen uns auch nicht wiedersehen. Es würde alles noch viel schlimmer. Ich kann nicht mehr mit Heinz leben, wenn ich immerzu an dich denken muss. An dich, Harald. Ich muss jetzt gehen, ich habe einfach nicht mehr die Kraft, hier einfach zu stehen und so zu tun, als wäre ich aus Eis. Gute Nacht, Harald!“ Sie wollte zur Tür hinaus, er sprang auf und sagte: „Dann wenigstens noch einen Kuss vorm Schlafengehen.“

Sie gab nach und bereute es schon in dem Augenblick, als er sie in den Armen hielt. Sein Kuss war wie ein Vulkanausbruch. Verzweifelt lehnte sie sich gegen seine leidenschaftliche Kraft auf, verzweifelt raffte sie allen Widerstand zusammen, um abzuwehren, wonach sie sich selbst ja so sehnte.

Nein, nein, schrie es in ihr, und dann gelang es ihr wirklich, sich von ihm zu lösen, und sie dachte: Jetzt oder nie! Sie stürzte regelrecht zur Tür hinaus, hastete zu ihrem Zimmer, öffnete die Tür, schloss sie direkt hinter sich und drehte den Schlüssel herum. Atemlos, als sei sie wer weiß wie weit gerannt, lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür, griff sich mit der Hand an die Stirn und stand da mit geschlossenen Augen. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Alles an ihr schien zu flattern.

Wenn er jetzt kommt, wenn er jetzt klopft und mich bittet, ihn einzulassen, ich könnte nicht mehr widerstehen, ich würde es tun, ich würde aufmachen, und alles würde so gehen, wie er es wollte. Jetzt könnte ich nicht mehr. Ich will es ja, ich will es!

Er kam nicht.

Er stand in seinem Zimmer an der Tür, hatte die Klinke in der Hand, bereit hinauszugehen in den Flur, bis zu ihrer Tür zu laufen und sie zu bitten, aufzumachen. Aber jetzt war er nicht mehr so sicher, dass sie nachgeben würde. Ihre plötzliche Flucht - ja, es war wie eine Flucht! - hatte ihn unsicher werden lassen.

Morgen früh ist vielleicht alles wieder anders. Morgen früh werde ich noch einmal mit ihr reden. Vielleicht hat sie sich dann besonnen.

Er zog sich aus, legte sich ins Bett; seine Gedanken waren bei ihr, und obgleich er abgespannt war, konnte er lange nicht schlafen. Dann aber forderte die Natur ihr Recht.

Als er am nächsten Morgen erwachte, hörte er ein Auto davonfahren. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu vergegenwärtigen, wo er sich befand. Dann sprang er aus dem Bett, lief zum Fenster, riss den Vorhang beiseite. Strahlende Helligkeit blendete ihn, aber trotzdem sah er den Wagen, sah den weißen Kadett gerade vom Parkplatz herunter auf den Weg biegen. Er erkannte noch das polizeiliche Kennzeichen von Groß Gerau und dahinter den Buchstaben A. Die Nummer konnte er nicht mehr erkennen, denn da bog der Wagen schon auf den Weg ein. Er sah nur noch, dass es Sylvia war, die am Steuer saß.

Er riss das Fenster auf, winkte, doch da befand sich Sylvia mitsamt ihrem Wagen hinter einer Hecke, und er sah beide nicht mehr. Und sein Rufen war so sinnlos, dass er abbrach und verzweifelt hinüberstarrte, wo irgendwo hinter der Hecke der Wagen fuhr. Er hörte den Motor, aber dann ebbte auch dieses Geräusch ab. Irgendwo krähte ein Hahn, gackerten die Hühner, unten im Haus klapperte Geschirr. Und drüben in den Obstbäumen zwitscherten die Vögel.

Er nahm von alledem nichts wahr. Er hatte vielmehr das Gefühl, in ihm sei etwas gestorben.

Sie ist weg, dachte er. Und allein der Gedanke erfüllte ihn mit Entsetzen. Sie ist weg; ich habe nur ihren Namen. Eine Dolmetscherin aus Rüsselsheim. In Ordnung. Wenn ich auch die Autonummer nicht vollständig habe, das wird mir schon helfen. Vielleicht hat sie Telefon. Ich muss sie wiederfinden. Ja, ich muss sie finden! Ich habe das Glück gesehen. Ich habe das Glück in der Hand gehabt, und jetzt ist diese Hand leer. Ich muss sie wiederhaben. Ich muss diesen Schmetterling wieder fangen, der Glück heißt. Ich muss, ich muss, ich muss!

 

 

3

Im Haus roch es nach Essen. Noch bevor Sylvia die Wohnungstür erreichte, hörte sie das Schellen des Telefons. Erst hatte sie gedacht, es wäre irgendwo in einer anderen Wohnung. Aber dann, als sie vor der Tür stand und klingeln wollte, hörte sie ganz deutlich das Schellen.

Er ist nicht zu Hause, glaube ich, dachte sie und suchte ihre Schlüssel in der Handtasche. Sie schloss auf, trat ein und drinnen roch es penetrant nach abgestandenem Tabakrauch. Das Telefon schellte nicht mehr.

Als sie ins Wohnzimmer trat, musste sie die Luft anhalten. Drei übervolle Aschenbecher standen auf dem Tisch, ein Kartenspiel, leere Bierflaschen, schmutzige Gläser, und auf dem Sofa waren die Kissen zerknautscht, so, als hätte hier jemand geschlafen. Und tatsächlich fand sie dann, als sie ein paar Schritte weiterging, eine hinter dem Sofa liegende Kamelhaardecke. Verwirrt schaute sie sich um. Das sah aus, als wäre hier eine Fete gefeiert worden und jemand hätte auf dem Sofa übernachtet.

Als Erstes ging sie zum Fenster, öffnete es weit. Dann nahm sie die Aschenbecher und schaffte sie in die Küche. Aber schon als sie die Küche betrat, zuckte sie erschrocken zusammen. Hier sah es aus wie nach einer Schlacht. Tomatenketchup war über den Küchenschrank verspritzt, schmutzige Pfannen standen auf dem Elektroherd, Eierschalen lagen auf dem Küchentisch. Und sie konnte sich denken, dass hier Spiegeleier oder Rühreier gemacht worden waren. Eine halb angeschnittene Zwiebel lag herum, der Kühlschrank war nicht richtig geschlossen und lief immerzu.

Mein Gott, was war hier nur los?, fragte sie sich und zog sich schnell ihren weißen Kittel über und begann das Allernötigste aufzuräumen. Sie konnte es einfach nicht ertragen, wenn es in ihrer Küche so aussah wie jetzt.

Er müsste doch längst zu Hause sein, dachte sie. Wieso ist er nicht da?

Dieses Durcheinander hier und die Tatsache, dass er noch nicht da war, beunruhigte sie. Sie hatte ja eigentlich gestern Abend kommen wollen. War diese Fete nur deshalb veranstaltet worden, weil er sie vermisst hatte? Aber er wusste doch Bescheid, sie hatte doch am Nachmittag angerufen, dass es möglicherweise länger dauern würde, bis sie zurückkehrte.

Ja, sagte sie sich, genau das ist es. Er hat ja gewusst, dass ich später komme. Nun ja, ich muss still sein, ich darf gar nichts sagen. Das gestern Abend ...

Sie hatte auf der ganzen Fahrt bis nach Hause an nichts anderes denken können als an die kurze Zeit mit Harald. Sie wusste, dass sie ihn nie vergessen konnte. Und wenn es auch ein flüchtiges Ereignis gewesen sein mochte, eines, das nicht über ein paar leidenschaftliche Küsse hinausgegangen war, so kam es ihr doch vor, als habe sie sich diesem Manne ganz und gar hingegeben. Und schon während der Fahrt konnte sie die Frage nicht loswerden, ob sie richtig gehandelt hatte oder nicht. Je länger, wo sie von dort, wo sie übernachtet hatte, weg war, umso mehr quälte sie der Gedanke, ja, die Sehnsucht an diesen Mann, den sie doch praktisch gar nicht kannte. Und doch meinte sie, ihn von klein an zu kennen, als wäre er etwas ganz Vertrautes. Und zugleich empfand sie schon bei dem Gedanken an Heinz Befremden. Ablehnung kam in ihr auf und sie versuchte vergeblich, das zu verdrängen. Alles in ihr schrie danach, wieder mit Harald zusammenzukommen. Aber der Verstand sagte nein, und derselbe Verstand war es auch gewesen, der sie zur Enthaltsamkeit zwang und dazu gebracht hatte, grußlos wegzufahren.

Sie hatte Angst vor einer neuen Begegnung mit Harald. Angst aus Verstandesgründen, weil sie genau wusste, dass sie ein zweites Mal nicht so stark sein konnte, um sich davonzuschleichen wie heute morgen.

Und nun, da sie das Tohuwabohu in der Wohnung sah, wäre sie am liebsten auch wieder davongelaufen, hätte ihre Sachen gepackt, wäre zurückgefahren.

„Aber das ist ja Unsinn“, murmelte sie vor sich hin, „er ist ja längst weg da. Was weiß ich denn von ihm? Seinen Namen, dass sein Wagen ein Bonner Kennzeichen hat und im Grunde doch sonst nichts. Seine Frau ist glücklich, und vielleicht hätte sie wirklich einen Anspruch darauf, dass er sich mehr um sie kümmerte.“

Ich darf nicht in diese Ehe ein dringen, dazu habe ich einfach kein Recht. Eine Frau, die Kinder möchte und nicht haben darf, ist damit schon schlimm genug dran. Vielleicht liebt er sie deshalb nicht mehr.

Sie schüttelte den Kopf. Nein, nein, es wird so sein wie bei mir. Er taucht auf, und ich weiß, dass er es ist. Es ist so gewaltig und so schizophren zugleich, dass mich jeder für verrückt erklärt, dem ich es erzähle. Nein, ich kann es niemandem erzählen. Ich muss es für mich behalten. Es muss mein Geheimnis bleiben, und es wird auch nie in Erfüllung gehen, was ich da träume.

Seufzend ging sie ins Schlafzimmer, kleidete sich um und begann nun richtig aufzuräumen und sauberzumachen.

Ich muss mich mit Arbeit betäuben, das ist richtig. Obgleich ich es nicht vorhatte, werde ich noch zum Büro fahren und sehen, ob da nicht neue Aufträge vorliegen. Außerdem habe ich noch die Übersetzung zu machen. Ich werde mir Aufträge holen, noch und noch. Und ich werde arbeiten von früh bis spät, damit ich an nichts anderes denken muss.

Sie war gerade dabei, jene Kamelhaardecke zusammenzufalten. Sie hielt plötzlich inne und blickte gedankenverloren zum immer noch offenen Fenster hinaus. Draußen war ein herrlicher Sommertag. Die Stimmen spielender Kinder schallten bis ins Zimmer herauf. Vögel zwitscherten und drüben, auf dem Balkon auf der anderen Straßenseite, spielte ein Radio. Die Musik war nicht zu laut, aber sie drang doch in Sylvias Ohr.

Wie wird es sein, wenn Heinz nach Hause kommt?, dachte sie. Irgendwann muss er ja mal kommen. Er wird wie ein Fremder für mich sein. Mein Gott, ich darf mir nichts anmerken lassen. Ich darf ihm nicht zeigen, was in mir vorgeht, er könnte es erraten. Ich habe noch länger mit ihm zu tun, ich muss mich zusammennehmen. Wenn ich nur wüsste, was die Unordnung hier zu bedeuten hat. Mit wem hat er gefeiert? An einer der Zigarettenkippen war Lippenstift zu sehen gewesen. Im Badezimmer hatte sie in ihrem Kamm dunkles Frauenhaar gefunden.

Eigentlich eine Unverschämtheit, einfach meinen Kamm zu benutzen!, dachte sie, und noch nicht einmal sauberzumachen. Es ist also in jedem Falle eine Frau dagewesen. Aber die vielen Zigarettenkippen beweisen mir, dass noch mehr Personen dagewesen sein müssen. Vielleicht eine Kollegin, es kann ja alles ganz harmlos sein. Aber trotzdem eine Schlampe, wenn sie meinen Kamm nimmt!

Überhaupt sah alles schlimm aus. Die Waschbecken schmutzig. Das muss ganz schön toll zugegangen sein. Sicherlich könnten mir die Nachbarn ein Lied singen. Heinz hat sich daran nie gestört, ob andere schlafen wollen oder nicht.

Nur nicht nachdenken, einfach weitermachen, sagte sie sich und fuhr in ihrer Arbeit fort.

Plötzlich hörte sie Schritte draußen vor der Wohnungstür und wusste sofort, dass er es war. Der Schlüssel fuhr ins Schloss, die Tür sprang auf, jemand hustete, es war Heinz. Immer wenn er hereinkam, hustete er.

Er raucht einfach zu viel, dachte sie.

Sonst wäre sie ihm entgegengeeilt, jetzt blieb sie im Wohnzimmer stehen. Es zog durch die Wohnungstür, dann knallte die Wohnungstür zu, und er kam näher. So stand er in der Tür. Er hatte nur sein kurzärmliges Hemd an und seine geliebte braune Hose, die sie nicht ausstehen konnte.

Ich hätte die längst einmal bei einer Kleidersammlung mitgeben sollen. Ein furchtbares Ding, und jetzt hatte er sie wieder an. Es kommt mir fast wie ein Protest vor, dachte sie.

Sie musterte ihn wie einen Fremden. Als er mürrisch grüßte, erwiderte sie diesen Gruß so belanglos, als wäre er erst vor zehn Minuten weggegangen.

Er war breitschultrig, hatte blondes, kräftiges Haar, und sein Äußeres hatte sie schon seinerzeit fasziniert. Er wirkte wie ein Naturbursche. Sie kannte seine sportlichen Ambitionen. Er war ein hervorragender Schwimmer und spielte leidenschaftlich Hockey. Auch für Fußball hatte er viel übrig, mehr noch als Zuschauer. So mancher Samstagnachmittag war für sie verloren gewesen, weil er mit seinen Freunden ins Stadion zog.

Das wird es sein, dachte sie. Sie haben gemeinsam hier gefeiert. Vielleicht hat irgendeine Mannschaft gewonnen. Aber es ist eine Frau dabei gewesen. Sonst ist nie eine Frau dabei, dachte sie.

„Na“, sagte er. Es klang nicht sehr freundlich. „Bist du wieder da?“

„Wie du siehst.“

„Beleidigt, weil es hier so wild aussah? Mein Gott, es hat sich so ergeben. Wir haben etwas gefeiert.“

„Ich habe nichts gegen das Feiern, aber es sah wirklich wild aus. Kommst du jetzt aus der Schule?“

„O nein. Heute war frei. Eigentlich hatte der Direktor eine Konferenz angesetzt, aber nun ist er krank geworden. Die Konferenz ist geplatzt.“

„Hättest du nicht wenigstens das Gröbste hier aufräumen können?“, fragte sie. „Ich bin ja schließlich auch nicht zu meinem Vergnügen unterwegs gewesen.“ Und sie dachte zugleich: Ich muss alles tun, damit er nichts merkt. Wenn er so weitermacht, fällt es mir verdammt leicht.

Er ließ sich in einen Sessel sinken und tat, als hätte er eine Schwerstarbeit hinter sich. Er streckte die Beine aus und sah sie fragend an. „Nichts zu essen da?“

„Ich bin gerade erst hereingekommen. Bis jetzt hatte ich zu tun, dieses Durcheinander ein wenig zu beseitigen und den Dreck wegzuräumen. In der Küche sah es herrlich aus.“

„Dafür ist deinem Schlafzimmer nichts passiert.“

„Meinem Schlafzimmer? Ist es nicht auch deines?“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Du machst ja einen Kult aus allem. Man kommt sich ja vor, als wäre das hier ein Tempel. Dabei soll es eine Wohnung sein. Ich bin ja nicht mehr zu Hause hier. Deine Fummelei und Putzerei, die geht mir langsam auf den Keks.“

Details

Seiten
171
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938197
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537808
Schlagworte
habe chance herr doktor

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Titel: Habe ich eine Chance, Herr Doktor?