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Redlight Street #127: Jutta und das Gaunerteam

©2020 113 Seiten

Zusammenfassung


Jutta versucht, mit ihrer Arbeit als Dirne genug zu verdienen, um mit ihrem Bruder Franz ein neues Leben zu beginnen. Doch Franz lässt sich von einem stadtbekannten Ganoven in einen Überfall hineinziehen. Dabei unterläuft ihm ein Fehler, und plötzlich sind beide in Lebensgefahr. Vielleicht kann Robert helfen, der Jutta aufrichtig liebt.

Leseprobe

Table of Contents

Jutta und das Gaunerteam

Copyright

1

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Jutta und das Gaunerteam

Redlight Street #127

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Jutta versucht, mit ihrer Arbeit als Dirne genug zu verdienen, um mit ihrem Bruder Franz ein neues Leben zu beginnen. Doch Franz lässt sich von einem stadtbekannten Ganoven in einen Überfall hineinziehen. Dabei unterläuft ihm ein Fehler, und plötzlich sind beide in Lebensgefahr. Vielleicht kann Robert helfen, der Jutta aufrichtig liebt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Dirne Jutta Ludwig verließ den Bus.

Sie schimpfte vor sich hin. „Dieser Dussel, das letzte Mal, dass ich ihm den Wagen gegeben habe. Der dritte, den er mir jetzt zu Schaden gefahren hat. Und ich kann latschen, bis ich O-Beine kriege.“

Zwei Straßenzeilen weiter hatte sie eine Wohnung in einem Neubau. Sehr teuer, aber was sollte sie machen? Und wenn sie wüssten, dass sie eine Dirne war, dann konnte sie ihre Sachen wieder packen. Dreimal war ihr das schon passiert. Aber jetzt wohnte sie in einer riesigen Wohnblock. Da kümmerte sich keiner um den anderen.

Es war nach achtzehn Uhr, und sie musste sich beeilen. Hätte sie ihren Wagen gehabt, dann wäre das Einkaufen viel schneller gegangen. Missmutig stieß sie die Glastür auf und ging zum Fahrstuhl. Und wie immer, wenn man es eilig hatte, befand er sich im dreizehnten Stock. Während sie wartete, gesellten sich noch ein paar Hausbewohner dazu. Darunter ein mickeriges Männchen mit Glatze, bestimmt schon an die siebzig. Er zwinkerte Jutta zu. Sie dachte: Komisch, da glauben die Leute, die Jugend sei verdorben und nähme sich alle Freiheiten heraus. Na, die sollten mich mal fragen. Ich könnte denen etwas ganz anderes erzählen.

Natürlich blickten sich auch die jungen Männer im Hause nach ihr um. Kein Wunder, denn sie sah wirklich bezaubernd aus. Superschlank, wie es heute die Mode vorschrieb. Lange rassige Beine, dunkles, lockiges Haar und große schwarze Augen. Sie wirkte immer gepflegt und war modern, aber nicht zu auffällig gekleidet. Die zarten, hellen Strähnen im Haar ließen sie sehr jung aussehen. Die meisten Bewohner des Hochhauses nahmen an, sie sei ein Fotomodell oder dergleichen. Auch fiel es auf, dass sie immer am Tage im Haus war, und erst gegen Abend fortging. Doch man war zu höflich oder zu gleichgültig, um zu fragen. Es lebten durchschnittlich nur junge Leute in diesem Wohnblock, sie waren alle berufstätig, und es wurde nur selten in diesem Haus über die Mitbewohner geredet.

Aber jetzt, in diesem Augenblick, stand sie also vor dem Fahrstuhl und musste die gierigen Blicke des Mannes ertragen.

Im Fahrstuhl wird er versuchen, mich zu berühren, dachte sie. Dann kamen zwei auf einmal. Der kleine Mann drückte sich zur Seite und ließ sie eintreten. Als Jutta hineinging, kam er sofort nach. Damit hatte sie gerechnet. Kurz, bevor sich die Türen schlossen, schlüpfte sie heraus und sprang in den anderen Fahrstuhl.

Sie grinste vor sich hin. Das war ihr mal wieder geglückt. Er würde jetzt wissen, dass sie ihn durchschaut hatte. In wenigen Minuten hielten sie im zehnten Stock, und sie stieg aus. Er war noch im siebten Stockwerk.

Zufrieden schlenderte sie über den breiten Flur. Wieder einmal hatte er nicht erfahren können, wo sie wohnte. Dieses Katz- und Mausspiel ging schon eine ganze Wedle so. Für die Dirne war es nur Übung, und obendrein machte es ihr Spaß.

Die Pakete purzelten zu Boden, als sie die Tür aufschloss. Laute Musik quoll ihr entgegen. In der eleganten Diele warf sie ihre Einkäufe auf einen Sessel. Danach streifte sie die hochhackigen Schuhe von den Füßen und betrat das Wohnzimmer mit dem Panoramafenster.

Als sie den jungen Mann auf dem Sofa liegen sah, stieg Wut in ihr hoch.

„Du verdammtes Aas! Du hast mir schon wieder etwas vorgelogen! Du bist wieder nicht zur Arbeit gegangen!“

Franz Ludwig, noch keine zwanzig Jahre alt, machte ein mürrisches Gesicht. Er hatte es gar nicht gerne, wenn sich die Schwester als Erziehungsperson aufführte.

„Na und?“, sagte er gedehnt. „Mann, hör bloß auf. Du stinkst mir. Ich habe keine Lust gehabt, darum.“

Ihre dunklen Augen blitzten ihn böse an. „So, du hast keine Lust gehabt. Prächtig! Aber das sage ich dir, lange lass ich mir das nicht mehr gefallen. Glaubst du, ich verdiene die Flöhe im Schlaf? Ich bin nicht mehr so blöd und halte dich aus. Dann kann ich mir ja gleich einen Zuhälter nehmen. Da weiß ich wenigstens, wofür ich arbeite.“

Er grinste sie frech an.

„Was hast du denn? Bald werde ich in Geld schwimmen, und dann kriegst du alles zurück, auf Heller und Pfennig. Jawohl, brauchst mich gar nicht so blöde ansehen.“

„Du und in Geld schwimmen.“ Dann besann sie sich und wurde sanfter. „Franz“, sagte sie weich, „warum siehst du das nicht ein? Was hab ich bloß falsch gemacht, Franz? Kannst du mir das sagen?“

Er blickte zur Decke. Komisch, er mochte es gar nicht, wenn seine Schwester so redete.

„Weißt du, Jutta“, begann er langsam, „du bist schon in Ordnung. Und wir verstehen uns auch prächtig. Besser könnte es auch gar nicht sein.“

Sie lächelte, ging zum Rauchtisch und holte sich eine Zigarette.

„Willst du einen Kaffee haben? Ich hab frischen aufgebrüht.“

„Ja, gern, Franz. Ich bin total k.o. Das Einkaufen macht mich immer müde.“

Schwungvoll sprang der junge Mann vom Sofa und ging in die Küche. Er holte Tassen, Löffel, Sahne, und was dazu gehörte. Jutta trank die erste Tasse schweigend. Dann legte sie die Beine hoch und zog genüsslich an der Zigarette. „So ist es schon besser.“

Franz blickte verstohlen auf seine Armbanduhr.

Jutta sagte: „Du hast eben aufgehört zu reden. Also, ich bin in Ordnung, sagst du. Aber das stimmt nicht. Wenn ich es nicht mal schaffe, dich dazu anzuhalten regelmäßig zur Arbeit zu gehen. dann ist nichts in Ordnung.“

Franz machte wieder ein missmutiges Gesicht. Sicher, seit die Eltern tot waren, hatte sie rührend für ihn gesorgt. Zwar immer knapp mit Bargeld gehalten, aber er hatte immer alles bekommen. was er brauchte. Sogar den Führerschein durfte er auf ihre Kosten machen. Damals, da war er noch zur Schule gegangen, als der Autounfall passierte. Jutta hatte sich eine Menge gefallen gelassen. Aber zum Teufel, warum verstand sie ihn denn nicht?

„Jutta du gehst doch auch keiner geregelten Arbeit nach!“

„Ich gehe jeden Abend los“, zischte sie ihn an. „Sonst wären wir schon längst verhungert.“

„Wenn die Schwester eine Dirne ist, kann sie keinem anderen Moral predigen“, erwiderte er grob.

Jutta sprang auf. „Du!“, keuchte sie. „Du!“

Franz hielt ihre Hände fest.

„Du zwingst mich ja, so etwas zu sagen. Jetzt hör mir mal endlich zu. Jutta. Ich gehe nicht mehr zur Arbeit, kapiert? Heute ist Schluss, für alle Zeiten. Ich habe die Nase voll gestrichen voll.“

„Du gehst nicht mehr in die Werkstatt?“, fragte sie erschrocken.

„Nein, nie mehr! So, jetzt weißt du es. Ich wollte es dir schon gestern sagen, aber da hast du ja keine Zeit gehabt.“

Die Dirne ging zum Fenster. Ihr Herz war aufgewühlt. Der Vorwurf des Bruders nagte an ihrem Herzen. Wenn die Schwester eine Dirne ist … Mein Gott, sie hatte es doch nur getan, um Geld zu verdienen. Damals, als Büroangestellte, da bekam man doch nur ein paar Flöhe, und sie war doch jung und hatte plötzlich die Verantwortung für den unmündigen Bruder. Da hatte sie es dann getan. Und es machte ihr in gewisser Weise auch Spaß. Sie wurde von den Männern begehrt. Nicht jeden brauchte sie zu nehmen. Sie war zu einer Startülle geworden. Wenn sie den Bruder trotzdem knapp hielt, dann doch nur für die Zukunft.

 

2

Sie hatte darauf bestanden, dass er eine Lehre als Autoschlosser machte. Sobald es ging, sollte er die Meisterprüfung machen. Gemeinsam wollten sie etwas Großes aufbauen. Einen Autosalon mit allem Drum und Dran, und vielleicht ein Motel. Sie würden sich die Arbeit teilen. Dann brauchte sie keine Dirne mehr zu sein. Jutta dachte auch an später, wenn sie nicht mehr so gefragt war. Dafür arbeitete sie doch so hart.

Und nun, kaum zwanzigjährig, warf er einfach alles hin, weil er faul war. Da sollte man nicht aus der Haut fahren?

Sie maß ihn mit einem langen Blick. Sie kannte den Bruder gut genug. Umstimmen konnte sie ihn nicht mehr.

„Gut“, sagte sie brüchig, „ich habe verstanden. Du willst also nicht mehr. Dann werde ich mir allein meine Zukunft aufbauen. Ich brauche dich gar nicht.“

„Jutta“, sagte er leise, „ich springe nicht ab. Ganz bestimmt nicht. Mir dauert das nur zu lange, hörst du? Noch fünf Jahre, Mann, da bin ich ja ein alter Knacker. Ich will sofort mein eigener Herr sein, und nicht mehr nach der Pfeife meines Meisters tanzen. Ich kann es, wirst schon sehen, Jutta.“

„Du willst allein den Laden aufmachen? Und deinen Meister? Du musst doch die Jahre nachweisen.“

„Wenn wir erst mal so ein Unternehmen haben, Schwesterherz, dann brauch ich keine Prüfung, dann stellen wir einen Meister ein. Warum soll ich mir dann noch die Finger dreckig machen? Das überlassen wir hübsch den anderen. Wir bauen uns eine feine Villa und kassieren alle Tage.“

Jutta lachte rau auf.

„Du bist mir schon eine Nulpe. Wie willst du das denn anstellen? Ohne Geld? In so ein wackeliges Unternehmen stecke ich mein sauer verdientes Geld nicht rein.“

„Deine paar Flöhe brauche ich gar nicht, Jutta“, prahlte er. „Ich mach das ganz allein. Wirst schon sehen. Ehe der Monat vorbei ist, brauchst du auch nicht mehr auf den Strich zu gehen. Das ist eben auch zu Ende. Du wirst dann nur noch die feine Dame spielen.“

Sie lachte schallend. So war ihr Franz. „Hör auf, sonst glaube ich es noch wirklich und freue mich darauf.“

Der Bruder kam näher, legte die Hände auf ihre Schultern und zog sie zu sich heran.

„Du kannst es glauben. Jutta. Ganz bestimmt. Ich bin keine Märchentante. Ich versprech dir, du wirst alles bekommen, was du dir wünschst. Ab jetzt werde ich für dich sorgen.“

Ernüchtert stieß sie ihn von sich und starrte ihn an. „Du bist verrückt“, sagte sie kalt. „Ohne Geld kann man heute nichts beginnen. Das weißt du. Also, warum redest du solchen Humbug?“

„Ich werde Geld haben, massenhaft viel Geld, Jutta. Und das mit einem Schlage, glaub mir doch endlich.“

Die Dirne drückte die Zigarette aus und sah ihn an. „Hast du vielleicht im Lotto gewonnen? Aber dann musst du schon drei-, viermal hintereinander gewinnen. Denn, was mir vorschwebt, das kostet eine ganze Menge.“

„Nein, davon kriege ich das Geld nicht.“

„Du, Franz, mach keinen Quatsch! Bis jetzt habe ich gelacht. Aber jetzt will ich wissen, was du vorhast.“

„Ich kann es dir nicht erzählen“, sagte er mit heiserer Stimme. „Das ist uns verboten worden. Aber eine todsichere Sache, das kannst du mir glauben. In ein paar Tagen bin ich Millionär, ganz bestimmt.

Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.

„Franz“, sagte sie leise, „was hast du vor?“

„Wir drehen ein Ding. Darum geh ich auch nicht mehr zur Arbeit. Ich habe keine Zeit mehr. Die Vorbereitungen, weißt du.“

„Wer ist wir?“, wollte sie wissen.

„Taki Leo und die Blase. Kennst die doch alle“, sagte er mürrisch. „So, jetzt weißt du es. Aber wenn du nur ein Sterbenswörtchen sagst, dass ich dir was gesagt habe, dann geht es dir schlecht. Taki kennt dann keine Gnade mehr.“

Juttas Gesicht wurde schneeweiß. Sie musste sich setzen. Plötzlich hatte sie weiche Knie.

„Taki Leo?“, flüsterte sie. „Franz, weißt du auch, was du da sagst? Bist du denn ganz verrückt geworden?“

„Er dreht mit uns das Ding.“

„Ausgerechnet Taki Leo. Franz, das ist der gemeinste und gefürchtetste Zuhälter in dieser Stadt. Die Bullen sind ihm schon lange auf der Spur.“

„Und?“, maulte der Bruder. „Er hat aber Köpfchen. Es ist sein Plan. Das perfekte Verbrechen, und niemand wird je erfahren, wer es getan hat.“

„Taki wird euch alle umbringen“, keuchte Jutta. „Ich kenne ihn. Das ist ein Schwein. Wenn es vorbei ist, knallt er euch ab. Er will die Beute für sich haben. Franz, ich flehe dich an, lass die Finger davon. Ich bitte dich. Das ist dein Tod, ich kenne ihn.“

Franz macht ein hochmütiges Gesicht. „Nein“, sagte er mit zärtlicher Stimme. „Das ist die Sache, und ich lass mich nicht davon abbringen. Jutta, mit einem Schlag werden wir reich. Es wird so viel Geld da sein, dass jeder genug bekommt. Taki wird uns nicht umbringen, ganz bestimmt nicht. Das ist es ja. Bombensicher, und keine Schießprügel. Ich meine, wir haben welche bei uns, aber sie sind nicht geladen. Bevor es losgeht, darf jeder dem anderen seine Waffe sehen lassen und ihn meinetwegen durchsuchen, ob er keine zweite hat. Es kann nichts schief gehen, gar nichts! Mann, ich bin schon ganz aufgeregt. Ich wollte ja nichts sagen, sondern dir einfach das viele Geld hinblättern, aber jetzt weißt du es. Aber halt bloß deinen Rand. Wenn du ein Sterbenswörtchen sagst, ist alles aus.“

Jutta war aufgestanden und lief hin und her. Nervös zog sie an ihrer Kette.

Franz blickte wieder auf seiner Uhr. „Ich hab jetzt keine Zeit mehr. Ich muss weg. Lagebesprechung!“

Ehe sie ihn daran hindern konnte, war er verschwunden.

„Franz!“, rief sie ihm nach. „Franz, bleib doch …“

Sie warf sich auf das Sofa und stöhnte wild auf. „Mein Gott, was soll ich nur tun?“

Dann dachte sie an das Nächstliegende. Wenn sie es verhindern wollte, musste sie mit Taki Leo sprechen. Sprach sie mit ihm, wusste er, dass der kleine Bruder geplaudert hatte, und er befand sich dann in Lebensgefahr.

Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Mechanisch streifte sie die Kleidung ab und stellte sich unter die Dusche. In einer Stunde wollte sie im Erosbunker sein. Das war ihre Zeit, und für heute hatten sich ein paar Stammkunden angemeldet. Sie musste also pünktlich sein.

Sie zog einen Lederrock an, und dazu eine gelbe Bluse. Ihre Berufskleidung ließ sie immer im Bunker. Niemand sollte wissen, was sie war.

Mechanisch tat sie alles, um sich fertig zu machen. Kämmen, schminken, Schuhe anziehen. Dann nahm sie ihre kleine Handtasche und die Schlüssel.

Wo war jetzt Franz?

 

 

3

Um diese Zeit war das Riesengebäude ziemlich still. Man saß am Abendbrottisch und ließ sich nach der Hast des Tages einfach gehen. Vielleicht noch einen Film im Fernsehen, ein Bierchen, und dann ab ins Bett. So spielte sich das Leben einfacher Leute ab. Die Reichen hingegen wurden erst am Abend und in der Nacht munter.

Es war laue Frühlingsluft. Der Andrang würde heute wieder recht ordentlich sein. Im Frühling wurden die müdesten Geister wieder munter. Und so mancher kam zu den leichten Mädchen, die sich das ganze Jahr über schon für verbraucht gehalten hatten.

Jutta erwischte an der Ecke ein Taxi und fuhr damit in die Nähe ihres Arbeitsplatzes.

Eine Millionenstadt war täglich von Urlaubern und Gästen überlaufen. Und jetzt, wo es eine so hässliche Mode gab, und die Frauen und Mädchen sie hündisch nachmachten, obschon sie dadurch wirklich manchmal abschreckend wirkten, hatten die Dirnen Hochsaison. Im Gegensatz zu der Minimode, da hatten sie es schwer gehabt. Da liefen so viele leckere Mädchen durch die Straßen, zur Freude der Männer.

Jutta und ihre Kolleginnen machten die Mode soweit nach, wie sie ihnen auch stand. Was sie nicht kleidete, zum Beispiel diese Umstandskleider, ach, was soll ich sagen, die sind ja noch Gold

dagegen, nein das wäre wirklich nichts für sie.

Agate hatte schon mal gesagt: „Wir sollten den Modeschöpfern ein Telegramm schicken und uns bei ihnen bedanken.“

Gerda hatte gekichert.

„Sieben Mark“, sagte der Taxifahrer. Jutta bezahlte und stieg aus. Sie wartete, bis der Wagen verschwunden war. Dann ging sie weiter. Jetzt waren keine Wohnhäuser mehr zu sehen. Nur Kneipen, Hotels, Bars, Kinos und kleine Theater. Sie befand sich mitten im Vergnügungsviertel. Ihr Revier lag aber hinter der grauen Mauer.

Sie schlüpfte durch den Spalt. Helen stakste an ihr vorüber.

„Haste dich auch verpennt?“

„Nee“, sagte Jutta.

„Der verdammte Wecker hat mal wieder nicht geklingelt.“

„Ich hab Ärger gehabt. Darum bin ich heute so spät dran.“

„Du und Ärger?“ Helen lachte. „Mensch, das Wort kennst du doch gar nicht. Hast doch alles, was du willst. Bist Startülle, hast eine piekfeine Wohnung und keinen Loddel. Scheffelst nur so das Geld. Und dann sprichst du von Ärger. Mann, was sollen wir denn sagen?“

Sie hatten ihren Liebesbunker erreicht. Agate, Veronika und Gerda standen schon auf der Rampe. Der Besucherstrom war mäßig. Mehr Sehervolk als wirkliche Kunden.

Helen kicherte. „Die haben auch gedacht, sie könnten heute allein absahnen.“ Und zu den Mädchen. „He, ihr Süßen, wir sind auch da.“

Sie machten ein vergrämtes Gesicht. Jutta sprang auf die Rampe und fragte Veronika: „Wie ist die Maloche? Lohnt es sich aufzubauen? Viel Lust hab ich heute nicht.“

„Warum bist du dann überhaupt gekommen?“, zischte die Dirne zurück.

Jutta zuckte mit den Schultern und betrat das Haus. Im vierten Stock besaß sie ihre Bude. Mit dem Fahrstuhl fuhr sie nach oben. Es war noch sehr still.

Die Dirne schloss die Tür auf und zog die Vorhänge zurück. „Diese verdammte Besenhexe macht auch nur Pfusch“, sagte sie wütend. „Morgen ziehe ich ihr was vom Lohn ab. Ich muss auch ganze Arbeit leisten.“

Mit einem Ruck riss sie das Fenster auf. Die verbrauchte Luft entströmte. Ah, das tat gut. Sie lehnte sich hinaus und blickte über die vielen spitzen Dächer. Vor zwei Jahren hatte es hier noch gräulich ausgesehen. Wie im Mittelalter. Aber dann hatten sich die Stadtväter endlich dazu aufgerafft und die Bewilligung für die Neubauten unterschrieben. In sehr kurzer Zeit waren sie dann errichtet worden. Eine Aktiengesellschaft finanzierte die Häuser. Das hieß, eine Menge Zuhälter hatten Geld hineingesteckt. Selbstverständlich wohnten ihre Pferdchen umsonst. Sie hatten ganz schön gesottene Preise. Aber dann dachte Jutta, so viel Luxus, hatten sie früher nicht gehabt. Da war zuerst der Fahrstuhl, der sparte sehr viel Zeit und man wurde von dem vielen Treppensteigen nicht müde. Jedes Zimmer hatte fließendes Wasser. Und duschen konnte man, so viel wie man wollte. Reinlichkeit in ihrem Beruf war sehr wichtig, um sich vor Krankheit zu schützen.

Sie dachte an den Bruder. Wo er jetzt wohl war? Taki Leo hatte auch versucht, sie einzukaufen. Schließlich verdiente sie das meiste Geld in diesem Bunker. Aber so lange sie über die Innung zahlte, da konnte er sich die Zähne an ihr ausbeißen.

Es wurde höchste Zeit, dass sie sich umzog und nach unten ging. Sie wählte das grüne Maschenkleid und die schwarzen Stiefel. Noch einmal die Lippen nachgezogen, und fertig war sie.

Gerda verließ mit einem Freier das Zimmer und stöckelte vor ihr zum Fahrstuhl.

Jutta musste sich nun wirklich beeilen, denn sonst würden ihr die anderen Mädchen noch die Kunden abspenstig machen. Als sie unten neben Agate stand, sagte diese: „Da war so ein Macker da. Er wollte zu dir.“

„Und? Hast du ihn nicht gleich bedient?“

„Nee, wenn er auf dich steht, kann man nichts machen. Du hast eine ganze Menge Stammkunden.“

„Ja, sagte sie. „Das ergibt sich nun mal so. Aber sag mir mal, wie sah er denn aus?“

„Wie‘n Mann!“

„Mensch, du bist gut. Glaubst du, hier kommen Weiber her? Jetzt weiß ich aber eine ganze Menge.“

Agate schnüffelte. „Soll ich sie vielleicht noch fotografieren?“, erwiderte sie spitz. „Ich hab was anderes zu tun, als deine Macker zu studieren.“

Jutta drehte sich herum. Wenn Agate mieser Laune war, dann war es am besten, man ließ sie in Ruhe.

Der Hof füllte sich. Die Kinos hatten inzwischen geschlossen. Vor zwei Tagen war der Erste gewesen. Das Geld juckte in der Tasche. Jutta fixierte sie und hatte auch gleich einen dicken Fisch an der Angel. Sie konnte es sich leisten, wählerisch zu sein. Als sie aber dann oben auf dem Zimmer war, stellte sich heraus, dass er ein großer Versager war. Nun, es lag nicht an ihr. Sie tat ihr Möglichstes, und der Mann merkte es auch und lächelte sie an.

„Vielleicht klappt es ein anderes Mal. Darfst nicht so viel arbeiten. Das macht kaputt.“

Er zog sich an. „Das Geschäft braucht mich.“

„Klar, aber was haste davon, wenn du nur noch ein halber Kerl bist? Geld allein macht auch nicht glücklich.“

„Du hast wenigstens Verständnis für mich, und lachst mich nicht aus, Weißt du, ich bin noch nie zu einer Dirne gegangen. Bis jetzt hatte ich das nicht nötig. Aber jetzt? Ich bezahl dich, du kennst mich nicht …“

„Wenn du auf meinen Rat hörst und dich nicht so abrackerst, dann geht es auch wieder“, sagte Jutta. Der Mann tat ihr ein wenig leid. Er hatte ein gutes Gesicht.

„Du hast recht“, sagte er müde. „Im Sommer werde ich eine Kur machen. Wenn ich wiederkomme …“

Sie lächelte ihn an. Jutta wusste, wenn er sich in Ordnung fühlte, würde er nicht wieder in den Liebesbunker kommen. So waren sie, die Herren der Schöpfung. Aus vielen Gründen kamen sie zu einer Dirne. Oft musste sie einen Beichtvater abgeben, oder sie sprachen sich nur einmal aus.

Sie wurde großzügig belohnt. Jutta steckte den blauen Schein in die Tasche, verschloss die Tür und ging mit ihm nach unten.

„Ein Mann hat nach dir gefragt“, sagte Gerda.

„Ich kann mich nicht zerreißen. Entweder bin ich oben oder unten.“

„Mann, sei doch nicht so mies.“

„Ach, lass mich in Ruhe.“

„Sag mal, ist dir eine Laus über die Leber gekrochen?“

Jutta steckte sich eine Zigarette an. „Sag mal, kannst du mir vielleicht sagen, wo ich Taki finde?“

„Nee“, sagte Gerda. „Mit dem Satanskerl will ich nichts zu tun haben.“

Taki war überall und nirgends. Ein schleimiger, gefährlicher Typ. Man konnte ihm nie etwas nachweisen. Geschah aber ein Verbrechen, wusste man hundertprozentig, dass er seine Finger mit im Spiel hatte. Auch die anderen Zuhälter hassten ihn und hätten ihn gern beiseite gebracht. Aber seine Leibwache war auf der Hut.

Und mit diesem gefährlichen Kerl hatte sich Franz eingelassen. Da sollte sie noch Ruhe bewahren. Sie grübelte darüber nach, wie sie ihn davon abbringen konnte. Franz konnte mitunter sehr bockig sein. Und dass er seine Arbeit hingeworfen hatte, sagte ihr, dass er es ernst meinte. Aber vielleicht, wenn sie ihm erzählte, wie brutal und gemein Taki war … Was er schon alles gemacht hatte, vielleicht bekam er es dann doch mit der Angst zu tun.

In der Toreinfahrt stand ein Mann. Groß, blond, mit dunkler Brille.

„Das ist er“, sagte Gerda. „Der war vorhin hier und hat nach dir gefragt.“

Jutta blickte über die Köpfe der Freier hinüber. Sie stülpte die Lippen.

„Auch das noch“, murmelte sie, „Heute bleibt mir auch nichts erspart.“

„Wieso? Ist der nicht echt? Vielleicht Sonderwünsche und so?“

„Nein, viel schlimmer.“

Gerda machte große Augen. „Schlimmer? Versteh ich nicht. Was kann denn noch schlimmer sein?“

„Er gibt vor, mich zu lieben“, sagte Jutta träge.

Gerdas Mund klaffte weit auf. „Sag mal, bist du besoffen?“

„Nein. Wieso?“

„Stimmt das wirklich?“

„Ja. Er verfolgt mich direkt. Kommt fast jeden Tag. Mann, ich bin schon ganz schön sauer“, sagte sie wütend.

„Das gibt es doch nicht“, lachte Gerda. „Das ist mir neu. Seit wann sind Kerle wild auf Nutten? Ich meine, mit Liebe und so? Oder …“ Sie plinkerte mit den Augen. „Sagt er das nur, um umsonst mit dir zu schlafen?“

„Seh ich so blöde aus? Nee, der muss genauso zahlen wie die andern auch.“

Gerda kratzte sich am rechten Arm. „Hm, sieht rassig aus. Könnt mir schon gefallen. Du, vielleicht ist er von der Innung. Verkappter Zuhälter. Will dich mit Schmus ‘rumkriegen.“

„Hab ich auch schon dran gedacht“, sagte die Freundin. „Nein, der ist wirklich verrückt.“ Fast wütend stieß sie es hervor.

„Und du?“, wollte Gerda wissen.

„Ich? Ich verliebe mich nicht. Das passt nicht in meinen Kram. Einen Kerl für immer? Bist du verrückt? Nein, wirkliche Liebe, das gibt es nur in Romanen und Filmen. Ich kenne die Wirklichkeit. Nein, ich lass mir die Zukunft nicht versauen. Ich hab ein Ziel und werde es auch erreichen.“

„Du bist ja ganz fuchtig“, sagte Gerda und sah Jutta groß an.

„Und?“, fauchte diese zurück. „Ich könnte den Kerl kreuzweise. Wenn er doch bloß fortbliebe!“

Und Gerda dachte: Die kann mir nichts vormachen. Die hat ein Herz, so weich wie ein Mäusebauch. Sie wehrt sich gegen den Mann, aber wird sie auch Siegerin bleiben?

Der Mann hieß Robert Wenk und war Taxifahrer. Vor einiger Zeit war er in die Stadt gekommen, weil er glaubte, hier sein Glück zu machen. Und gleich am ersten Tag lernte er Jutta kennen. In der Innenstadt war sie zu ihm ins Auto gestiegen und hatte sich hierher fahren lassen.

Robert war von ihrer außergewöhnlichen Schönheit beeindruckt. Außerdem besaß sie einen eigenartigen Reiz. Immer wieder hatte er in den Rückspiegel geschaut. Sie hatte ihn nicht beachtet. Auch als er ein Gespräch anfing, taute sie nicht auf.

Gleich nach der ersten Begegnung hatte er gewusst, dass Jutta eine Dirne war. Nicht weit vom Vergnügungszentrum hatte sie sich absetzen lassen. Da war er ihr heimlich nachgegangen, weil er sich einfach nicht denken konnte, was sie dort wollte. Als sie durch den Torbogen ging, wartete er eine Weile. Dann sah er sie oben auf der Rampe stehen. Da er im Schatten der Hauswand stand, konnte er von ihr nicht gesehen werden.

Sein Herz schlug hart gegen die Rippen. Alles hatte er vermutet, aber das nicht. War er jetzt geschockt? Robert kannte sich selbst nicht mehr wieder. Er war kein grüner Junge mehr, kannte das Leben und hatte schon einige Freundinnen besessen. Unschuldig konnte man ihn wirklich nicht mehr nennen.

Warum ging er nicht einfach fort? Oder noch besser, er zahlte den geforderten Preis und schlief mit ihr? Dann würde sich sein Blut abkühlen, und er konnte in Ruhe seinem Job nachgehen.

Am ersten Abend schlich er sich davon. Nervös verbrachte er die nächsten Stunden im Taxi. Er hatte ununterbrochen zu tun. Aber seine Gedanken weilten bei dem Mädchen. Am nächsten Abend wartete er an der gleichen Stelle, aber sie kam nicht. Und so ging er wieder ins Viertel und fand sie

wieder oben stehen. Sie verhandelte gerade mit einem Kunden. Anscheinend wurden sie sieh einig, denn er stieg die wenigen Stufen hinauf. Danach waren sie im Haus verschwunden.

Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich bin verrückt, dachte er. Sie weiß nichts von mir, und ich stehe hier und gehe ein vor Eifersucht. Warum eigentlich? Sie ist doch ein Flittchen!

Nach einer halben Stunde kam sie wieder runter. Wie in Trance trat er näher, blieb vor ihr stehen. Sie sah ihn und beugte sich zu ihm herab. Sprach ihn an. Er nickte nur mit dem Kopf. Ein dicker Kloß hinderte ihn am Sprechen.

Auf dem Zimmer angekommen, blieb sie an der Tür stehen und sagte. „Was wollen Sie anlegen?“

Da kam er wieder zur Besinnung. Er wollte nicht mit ihr schlafen. Komisch, sonst, wenn er auf ein Mädchen wild war, wollte er sie sofort ins Bett haben. Bei der Dirne war ihm ganz elend zu Mute, wenn er nur daran dachte.

„Ich …“, begann er.

„Was ist denn jetzt?“, sagte sie ungeduldig. „Zeit ist Geld. Haben Sie es sich vielleicht anders überlegt? Also, Sie sind mir wirklich ein prächtiges Bübchen“, schimpfte sie ihn aus.

„Kennen Sie mich nicht mehr wieder?“, fragte er leise.

Jutta sah ihn genauer an. „Ich soll Sie kennen? Waren Sie denn schon mal bei mir?“

„Nein. Ich bin Taxifahrer. Ich habe Sie mal gefahren.“

„Ach so“, erwiderte sie gelangweilt. „Nein, ich kenne Sie nicht. Aber was ist denn jetzt? Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Mir wird das langsam zu bunt.“

„Ich ich habe Sie die ganze Zeit nicht vergessen können. Immerzu musste ich an Sie denken“, stotterte er verlegen.

Die Dirne hatte ein mokantes Lächeln um ihre Mundwinkel. „Ach so. Und Sie glauben, weil Sie mich einmal gefahren haben, soll ich jetzt umsonst mit Ihnen schlafen?“

„Nein, nein. Denken Sie so etwas nicht. Ich weiß auch nicht, weshalb ich gekommen bin. Ich musste einfach. Ich liebe Sie!“

Nun war es heraus. Die Dirne lachte nicht, wie er erwartet hatte. Auch so ein verklemmtes Bubichen, dachte sie bei sich. Sehervolk war ja schon mies, aber Kerle, die ‘raufkamen und nur quasseln wollten, die konnten einem ganz schön auf die Nerven gehen. Aber meistens erzählten sie den Knatsch von zu Hause. Doch dieser machte eine Ausnahme. Er sagte ihr, er liebe sie. Eigentlich zum Totlachen.

„Schön, ich weiß es jetzt. Vielen Dank für Ihre Gefühle. Aber darf ich Sie jetzt bitten zu gehen?“

Sein Blick war hündisch ergeben. Komisch, für einen Augenblick wurde sie weich. Aber dann dachte sie an den Verdienstausfall. Er ging zur Tür.

„Ich komme wieder!“, sagte er ruhig.

„Dies ist eine öffentliche Straße, mein Herr. Ich kann Sie nicht daran hindern.“

„Sie glauben mir also nicht?“

„Was soll ich Ihnen nicht glauben?“

„Aber natürlich. Das kommt immer mal vor. Ich hoffe nur, Sie werden bald davon geheilt. Ich bin eine Dirne, und die liebt man nicht, mit der schläft man nur. Und falls Sie jetzt glauben, ich würde dieses Leben aufgeben, so muss ich Sie leider enttäuschen. Es gefällt mir. Ich habe Spaß an der Sache, klar?“

Dann waren sie wieder unten im Hof. Helene sagte: „Was ist das denn für ein komischer Knacker?“

Jutta zuckte verächtlich die Schulter.n „Der hat ein paar Schrauben locker. Kann man nichts machen. Aber ich frage mich, wieso kommen sie immer zu mir und weinen sich an meinen Busen aus.“

„Du bist eben so ein mütterlicher Typ“, lachte Agate.

Wenn Jutta geglaubt hatte, alles wäre vergessen, dann irrte sie sich gewaltig. Jeden Tag um die gleiche Zeit kam er in den Liebesbunker. Und es blieb nicht nur bei den Schwüren, nein, jetzt brachte er ihr kleine Geschenke mit. Parfüm, Pralinen, und sogar auch mal ein Buch. Aber schlafen tat er nicht mit ihr. Und sie musste ihn mit auf das Zimmer nehmen, weil er sie nervös machte. Er blieb solange vorne an der Rampe stehen, bis sie ihn bemerkte und ihm ein Zeichen gab. Vierzehn Tage ging das nun schon so.

Dann schlief er mit ihr. Er zahlte zwar den geforderten Preis, behandelte sie aber wie eine Geliebte. Mit so viel Zärtlichkeit und Verständnis war sie noch nie behandelt worden. Bald kam der Zeitpunkt, wo sie schon nach ihm Ausschau hielt.

Aber dann wurde sie auf sich selbst wütend. Sie sagte sich mit Recht: Der spielt eine neue Platte ab. Wenn ich ihm vertraue, hat er mich in der Hand und kann mit mir machen, was er will. Warum sprach er nie davon, dass sie ihren Beruf aufgeben sollte? Es störte ihn also nicht.

Vielleicht kam er auch nur deswegen so regelmäßig, um ihre Kundschaft zu zählen. Wusste sie denn, ob er nachher nicht irgendwo im Schatten stand und aufpasste?

Kein Wunder, dass sie heute besonders wütend war, als sie Robert sah. Über den Hof hinweg kreuzten sich ihre Blicke. Sie mochte ihn gern. Er erweckte in ihr ein Gefühl, das ihr unbekannt war. Und musste man nicht auch annehmen, dass er sie beschützen konnte? Immer war er ein Kavalier. Aber sie wollte doch nicht. Zum Teufel, er sollte sie in Ruhe lassen. Sie hatte jetzt eine Zeit das Spielchen mitgespielt. Jetzt hatte sie ganz andere Sorgen. Und Liebeskummer konnte sie ganz bestimmt nicht gebrauchen.

In ihre Zukunftsträume passte kein Mann hinein. Sie und Franz waren die Zukunft, die Familie. Auf Fremde konnte man sich nicht verlassen.

„Guten Abend, Jutta“, sagte er mit einschmeichelnder Stimme.

Veronika stieß Helen in die Seite. „Guck mal, der hat Blumen mitgebracht. Zum Totlachen!“

„Provinzbübchen“, kicherte Gerda

Jutta hörte alles mit und wurde noch wütender. Robert stieg auf die Rampe. Sie blickte ihm in die Augen und wollte ihn anfahren, aber dann konnte sie es auf einmal nicht mehr.

„Ich habe drei Stunden frei. Den ganzen Tag habe ich mich auf diesen Augenblick gefreut, Jutta.“

Damit die Freundinnen nicht noch mehr über sie lachten, drehte sie sich um und ging ins Haus.

„Ich habe dir doch gestern gesagt, du sollst nicht mehr kommen, Robert. Ich habe dich satt.“

„Das glaube ich nicht“, sagte er mit einem offenherzigen Lächeln.

Sie blickte ihn sprachlos an. „Willst du damit sagen, dass du mich besser kennst als ich mich selbst?“

„Aber ja. Ich brauche dir nur in die Augen zu blicken, dann weiß ich, was du denkst.“

„Nein“, sagte sie spröde.

„Doch, sollen wir es einmal versuchen? Zum Beispiel jetzt. Du bist nervös. Anders als sonst. Es ist etwas schiefgelaufen, etwas, das für dich sehr wichtig ist, sonst wärst du nicht so ärgerlich. Stimmt es?“

Mit zittrigen Fingern schloss sie die Tür auf. Als sie im Zimmer waren, sagte sie: „Sag mir endlich, was du von mir willst. Dieses Katz- und Mausspiel halt ich nicht mehr aus. “

„Aber weißt du das denn immer noch nicht?“, sagte er erstaunt. „Ich habe es dir doch gleich zu Anfang gesagt.“

„Dass du mich liebst?“ Sie lachte rau auf. „Ja, glaubst du denn wirklich, ich glaube das?“

Er war kein bisschen beleidigt. „Du glaubst mir also nicht?“

Details

Seiten
113
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938180
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
redlight street jutta gaunerteam
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Titel: Redlight Street #127: Jutta und das Gaunerteam