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Redlight Street #130: Ein bitterer Weg aus der Hölle

2020 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein bitterer Weg aus der Hölle

Copyright

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Ein bitterer Weg aus der Hölle

Redlight Street #130

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Anita Weißmöller ist eine Dirne – und sie ist süchtig! Sie will beides nicht sein, erkennt aber nicht, dass die Sucht sie bereits fest im Griff hat! Mit ihren zweiundzwanzig Jahren hat sie noch ihr ganzes Leben vor sich, deshalb ist sie zuversichtlich, als sie wegen einer Umschulung beim Arbeitsamt vorspricht. Dort kommt es zum Eklat, weil sie dringend einen Schuss braucht, für den sie kein Geld hat. Da fällt ihr die Stardirne Toni ein, die ihr hin und wieder geholfen hat die will Anita aber kein Geld für Rauschgift geben ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Ich bin eine Dirne!“

Klar und laut klang dieser Satz, jeder einzelne Buchstabe wurde stark betont. Für Sekunden schien er im Raum zu stehen. Kein Echo, keine Antwort!

Und dann noch einmal: „Ich bin eine Dirne!“

Anita Weißmöller lag auf ihrem Bett. Sie selbst hatte es gesagt. Ein Echo war in ihrer Seele, im Herzen.

Es pochte! Seltsam, warum musste sie hier liegen und das sagen? Sich selbst damit verhöhnen, Schmerzen bereiten. Es tat wirklich weh.

„Ich will aber nicht. Nein, ich will es nicht sein.“

Sie sah den Spiegel an der Wand. Die Bilder! „Grinst mich nicht so an“, schrie sie plötzlich wütend auf.

„O Gott, ich muss mich beherrschen, sonst bekomme ich gleich wieder einen Anfall. Was habe ich eben gesagt? Nein, ich sage es nicht mehr. Nie mehr! Ab heute soll sich mein Leben grundlegend ändern. Alles wird anders sein. Besonders dieses scheußliche Gefühl, sich selber hassen zu müssen, wird verschwinden. Ich werde nicht mehr vor Ekel zur Seite blicken, wenn ich meinen nackten Körper im Spiegel betrachte. Ich werde ein Mensch sein, ein Mädchen, eine junge Frau.“

Die letzten Worte wurden stammelnd gesprochen. Weinend legte sie den Arm über die Augen. Ungefähr eine Viertelstunde lag sie da und schluchzte. Es verschaffte ihr ein wenig Erleichterung. Der dicke Kloß in ihrer Kehle, der ein Gefühl der Angst verursacht hatte, war verschwunden. Sie konnte wieder frei atmen.

Besonders schön sah sie jetzt nicht mehr aus. Lippenstift und Wimperntusche waren verschmiert. Breite schwarze Bäche zogen sich unaufhaltsam weiter, über die Wangen, den Hals. Sogar der Busen bekam etwas ab. Sie hatte sich schon lange nicht mehr richtig ausgeweint. Als Kind vielleicht, aber genau konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Das war ja auch egal. Hauptsache, sie fühlte sich jetzt wieder besser.

In letzter Zeit war sie sowieso eine Heulsuse. Alle sagten das. Verflixt, man sollte sie in Ruhe lassen. Es war ihre Sache.

Aber warum hatte sie eigentlich mit dem Weinen angefangen? Konnte sie sich noch daran erinnern? Oder litt sie nun auch schon an Gedächtnisschwäche?

Richtig, angefangen hatte es mit der Zeitung. Anita erhob sich und suchte sie am Boden. Da war die Anzeige. Immer wieder hatte sie sie gelesen, und dann war ihr bewusst geworden, dass sie ja eine Dirne war. Ein Mensch dritter Klasse.

Sie seufzte laut.

„Warum eigentlich nicht?“, begann sie wieder ihr Selbstgespräch. Das tat sie immer, wenn sie allein war. Sie hasste es. Sie brauchte Gesellschaft.

„Das Gesetz sagt, wir sind alle gleich. Nirgends steht, dass eine Dirne keine Rechte hat. Und ich will ja keine mehr sein. Auf der Stelle werde ich damit aufhören. Sofort. Ich muss nur ein Ziel haben. Komisch, so leicht soll es sein? So einfach? Wo ist der Pferdefuß? Verflixt noch mal, warum schreiben sie nicht dazu: Für Dirnen auch geeignet.“

Ihre Hand zitterte leicht. Und wieder las sie den Artikel. „Auch Sie können sich umschulen lassen. Jeder soll einen Beruf ausüben, der ihm Spaß macht. Ungelernte Kräfte werden Facharbeiter, Facharbeiter, Meister. Kommen Sie zum Arbeitsamt und lassen sich beraten. Ein klärendes Gespräch mit unseren Leuten, und Sie wissen, was das Richtige für Sie ist.“

Durch die halb zugezogenen Gardinen schimmerte ein Lichtstrahl. Draußen war es ziemlich drückend. Mittag war schon vorüber. Anita ließ das Blatt sinken und stand endgültig auf.

Die Luft im Zimmer war unerträglich stickig. Als sie in der Nacht nach Hause gekommen war, hatte sie vergessen, das Fenster zu öffnen. Eigentlich war es schon gegen Morgen gewesen, es war wieder halb vier geworden. Sie war nach der Arbeit mit einer ganzen Clique noch durch einige Lokale gezogen. Und dabei konnte sie Alkohol gar nicht mehr vertragen. Das war auch so eine Sache.

Anita ging in das kleine Bad und stellte sich unter die Dusche. Das tat gut. Das Wasser war kalt und prickelnd. Sofort wurde sie hellwach. Nachdem sie sich den Bademantel übergeworfen hatte, ging sie in die kleine Küche und setzte Wasser für Kaffee auf. Nachdenklich blieb sie daneben stehen und runzelte die Stirn.

„Ich werde wirklich hingehen und fragen. Fragen kostet nichts. Gar nichts!“

Sie überlegte weiter: Ob die alles bezahlen? Ich meine die Zeit, wo ich dann nicht stehe, und so. Kost und Zimmer?

Bei Anita herrschte ständig Geldknappheit. Obgleich sie wirklich eine gute Dirne war und jeden Abend ein ganz hübsches Sümmchen einnahm, besaß sie keinen Pfennig auf der Bank.

Sie kramte in ihrer Geldbörse herum.

„Verflixt, nur ein Blauer. Wo sind denn die andern geblieben? Miete für die Absteige, dann die Zeche von gestern. Ach ja, Jonny hat auch noch Geld verlangt. Der wird doch immer unverschämter. Frechheit, so einer wie mir den letzten Groschen aus den Hippen zu pressen.“

Sie kniff die Lippen zusammen. Aber dagegen angehen? Nein, das hatten schon andere versucht, und sie hatten es mit ihrem Leben bezahlen müssen. Das war eine gemeine Bande. Erst redeten sie das Blaue vom Himmel, und dann, wenn man ohne sie nicht mehr auskommen konnte, legten sie die Daumenschrauben an.

„Schweinebande“, fluchte sie leise vor sich hin.

Jonny gehörte zur Dealerbande. Er war der Zubringer für Dirnen und Zuhälter. Die großen Zuhälter, wenn sie überhaupt süchtig waren, hatten ihre eigenen Quellen. Meistens waren sie jedoch am Rauschgiftgeschäft beteiligt und hatten so eine hübsche Nebeneinnahme. Nein, von Nebeneinnahmen konnte man dabei eigentlich nicht mehr sprechen, das war eben das große Geschäft. Und sie hatten auch den Ring in der Stadt aufgebaut. Jonny war ein gemeiner Kerl, er informierte die Bosse über jeden Ärger, und die schickten dann ihre Schlägertrupps aus. Wehe, wenn sich jemand nicht sofort in Sicherheit brachte.

Nein, sie wollte nicht unter die Räder kommen. Und auf der Müllhalde wollte sie auch nicht enden.

Jetzt, hier in ihrer kleinen Küche, während sie langsam, Schluck für Schluck, den Kaffee durch die Kehle rinnen ließ, nahm sie sich einmal wieder vor, damit aufzuhören, Schluss zu machen, nicht mehr süchtig sein. Aber dieser Vorsatz hielt nur so lange an, bis sich die ersten Entzugserscheinungen bemerkbar machten. Wenn man dann vielleicht auch noch stark blieb und nicht schon zur Spritze griff, so drehte man aber innerhalb einer Stunde vollkommen durch, dass man ein Verbrechen begehen würde, nur um eine Injektion zu bekommen.

Sie hatte sich gestern Abend noch eine Spritze gegeben. Mit Tabletten hatte sie angefangen. Aber das war schon vor einer Ewigkeit. Jetzt brauchte sie jeden Tag zwei Spritzen. Und darum hatte sie auch immer so wenig Geld. Das Schlimme war noch, wenn man richtig süchtig war, so süchtig, dass einem das ganze Leben wie ein Scherbenhaufen vorkam und man nur noch irgendwo in einer Ecke liegen wollte, um nachzudenken, zu sinnen und zu grübeln, wenn man dann aufstehen musste, sich auf den Weg machen, die Straßen absuchen nach Kunden, nur damit man wieder Geld für die Spritze bekam. Es ekelte sie an. In Anita krümmte sich alles zusammen. Schon der Gedanke daran war für sie entsetzlich.

War nicht ihr ganzes Leben verpfuscht? Was hatte es noch für einen Sinn, weiterzumachen? Warum wollte sie jetzt unbedingt damit aufhören? Lohnte es sich noch? Hatte sie noch die Kraft?

Aufputschmittel und Schnaps halfen manchmal, aber dann musste sie wieder eine Spritze haben. Sie leckte sich über die Lippen. Wie trocken sie doch waren. Und der Kaffee! Er brannte wie flüssiges Feuer im Magen. Sie hätte etwas essen sollen. Wirklich, an das Nächstliegende dachte sie nie. Aber sie hatte nichts zu Hause.

Sie sprang auf und lief in der kleinen Wohnung umher wie ein gefangenes Tier im Käfig.

„Nur noch dieses eine Mal, dann mache ich wirklich Schluss. Ich habe ja nur diese eine Spritze. Morgen beginne ich dann ein ganz neues Leben. Wenn ich erst mal woanders bin, dann geht es viel besser. Ganz bestimmt. Jetzt brauche ich Kraft, und ich muss nach denken. Viel nachdenken, sonst verstehe ich nicht, was sie mir sagen werden. Diese Behörden ...“

Schon warfen ihre Hände Kissen und Laken auf den Boden. Sie verwahrte ihr Besteck immer unter der Matratze. Man wusste nie, vielleicht würde einmal eine Haussuchung durchgeführt werden. Die Dealerbande zeigte Leute an, die ihr unbequem wurden.

Ihre Hände zitterten leicht. Immer wieder fuhr sie mit der Zunge über die spröden Lippen, während sie die Spritze aufzog. Die Ampulle rollte auf den Fußboden. Den Arm abbinden. Es dauerte lange, bis sie endlich eine Vene fand. Sie waren zerstochen und geschwollen. Es tat höllisch weh. Sollte sie sich das Zeug vielleicht in die Hüfte spritzen? Nein, das hatte sie einmal getan. Furchtbar war das gewesen. Man war kein Mensch mehr.

Ihre Hände zitterten so sehr, dass ihr die Spritze entfiel. Anita war am Ende ihrer Kräfte. Sie musste das Rauschgift haben. Unbedingt, sonst wurde sie verrückt. Die Dirne war an einem Punkt angelangt, an dem das normale Denken aufhörte. Nur noch die Sucht wollte gestillt werden. Alles in ihr gierte danach.

Jetzt begann auch schon das Kribbeln in Armen und Beinen. Wie von Sinnen begann sie sich zu kratzen. Das hielt ja kein Mensch aus. Waren das Ameisen, die da in ihren Armen und Beinen herumkrabbelten? Sie glaubte den Verstand zu verlieren.

Vor Verzweiflung begann sie zu weinen. Sie legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte.

„Lieber Gott, hilf mir doch. Siehst du denn nicht, wie ich leide? Warum lässt du das zu? Warum?“

Aus ganz weiter Ferne hörte sie Tonis Stimme. „Hör damit auf. Das ist deine eigene Schuld. Niemand hat dich dazu gezwungen. Aus Neugierde hast du damit angefangen. Jawohl. Ich weiß das. Mir kannst du jetzt nichts vormachen. Flenn bloß nicht. Das hilft dir auch nicht weiter. Du darfst das Zeug nicht mehr nehmen, verstanden?“

Anita ballte die Hände. Es war so erniedrigend, wenn man unbedingt das Gift haben musste, und jemand machte einem Vorhaltungen.

„Verflucht, verflucht!“ Wie eine Besessene band sie sich den Arm ab.

Sie hatte gar kein Gefühl mehr darin. Die Finger wurden schon ganz dick und blau. Aber trotzdem fand die Nadel keinen Weg. Die Dirne löste den Gürtel, warf ihn in eine Ecke.

„Ich muss es doch tun“, murmelte sie vor sich hin. Schon wollte sie den Rock abstreifen, da kam ihr ein Gedanke. Manchmal half es, wenn man die Arme in recht heißes Wasser tauchte. Dann hoben sich die Venen, und man konnte leicht zustechen. Eine Freundin, die selbst süchtig war, hatte ihr den Tipp gegeben.

Bald hätte sie sich verbrannt. Sie biss die Lippen zusammen. Den Schmerz konnte sie noch ertragen. Das andere war viel schlimmer. Einmal nur hatte sie einen Tag lang nicht gespritzt. Sie hatte geglaubt, die Hölle durchmachen zu müssen.

Mit Entzücken sah sie den Erfolg. Sie lachte über das ganze Gesicht.

„Also doch, warum nicht gleich!“

Schnell hob sie den Gürtel auf, band damit den Arm ab, stieß die Nadel in die Vene und drückte den Kolben herunter. Ah, das tat gut. Anita lehnte sich mit halb geschlossenen Augen in den Stuhl zurück und genoss dieses leichte Gefühl der inneren Leere, ja, manchmal hatte man sogar einen richtigen Schwebezustand. Richtig lustig war das. Doch das gab es nur selten. Meistens fühlte man sich ruhig, war guter Laune und redefreudig. Aber mit wem sollte sie reden? Es war ja niemand da.

Nach einer Viertelstunde der vollkommenen Entspannung stand sie auf, räumte die Spritze fort, warf die Ampulle in den Müllschlucker. So, jetzt konnte sie sich neuen Taten zuwenden.

Ganz leicht war das. Eine kleine Spritze, und man konnte die ganze Welt erobern. Jawohl! Nun gehörte sie ihr. Alle würden tun, was sie wollte. Und sie hatte viel vor.

Anita lachte schallend.

 

 

2

Sie hatte sich einen schicken Rock angezogen. Die gemusterte gelbe Bluse stand ihr vorzüglich. Die flachen Sandalen, nun noch die Handtasche. Nein, den Buko konnte sie unmöglich mitnehmen. So hieß in der Dirnensprache die Handtasche, die sie immer zur Arbeit mitnahm. Dort war alles untergebracht. Schutz, Creme und Papiertaschentücher. Davon eine ganze Menge. Und natürlich ihre Geldbörse und die Strichkarte. Wurde man von der Polizei festgenommen und man hatte sie nicht bei sich, gab es Ärger. Das wenigste war eine Nacht im Polizeigewahrsam. Das bedeutete dann Lohnausfall. Und am nächsten Morgen das dumme Gerede. Nein, sie ging immer auf Nummer sicher. Ihr passierte das nicht. Sie war doch nicht dumm.

Also, der Buko blieb hübsch zu Hause. Erst am Abend brauchte sie ihn wieder. Oder vielleicht gar nicht mehr?

Anita strich das dunkle Haar glatt, zupfte einige Strähnen zurecht und schminkte die Lippen. Nur nicht zu aufdringlich. Während sie sich vor dem großen Garderobenspiegel drehte, stellte sie fest, dass sie noch ganz hübsch und jugendlich aussah. Im Vergleich dazu wirkten die anderen Dirnen, die sie kannte, schon sehr verlebt. Sie taten eben nichts für sich. Was hieß hier, Rauschgift mache die Menschen kaputt?

Im Gegenteil, sie hatte sich noch nie so wohl gefühlt. Sie blühte richtig auf. Ja, so war es. Und die Artikel über die Schädlichkeit von Rauschgift, die sie schon oft in Illustrierten gelesen hatte, trafen sicher ganz einfach nicht zu. Wie sollte etwas schädlich sein, das den Menschen in solch einen angenehmen Zustand versetzen und ihm völlig neue Gedanken vermitteln kann? Wahrscheinlich sollte dieses wunderbare Gefühl einer Minderheit vorbehalten bleiben. Ja, sie war schlau und wusste das ganz genau. Ihr konnte man nichts vormachen. Das Dumme an der Sache war bloß, dass es so verdammt teuer war und man immer mehr davon brauchte. Ihr ganzes Geld gab sie dafür aus. Und dabei hätte sie unbedingt einmal wieder ein paar neue Kleider kaufen müssen.

„Ab morgen werde ich weniger nehmen“, sagte sie laut. „Jonny soll bloß nicht denken, ich könnte das nicht. Ich bin nicht süchtig. Nee, ich passe auf mich auf.“

Anita Weißmöller war schon so süchtig, dass sie es gar nicht mehr bemerkte. Und das kurze Aufblühen hielt sie wirklich für einen Dauerzustand. Die Dirne war nun an einem kritischen Punkt angelangt. Entweder sie machte radikal damit Schluss, dann konnte sie in der Tat noch gerettet werden. Noch hatte sie keinen Leberschaden, noch litt sie nicht unter schrecklichen Krämpfen, die auch dann auftreten, wenn man das Rauschgift gespritzt hat.

Sie musste aufhören, sofort. Aber allein schafft das ein Süchtiger nie. Er nimmt es sich immer vor. Täglich, stündlich, besonders wenn er unbedingt seinen Stoff braucht. Aber er verschiebt es immer auf den nächsten Tag, auf die nächste Spritze. Nur noch diese eine, dann nie mehr. So belügt er sich selbst, glaubt immer noch Herr seiner Sinne zu sein.

Der Dirne ging es nicht besser.

Sie war nun mit ihrem Aussehen zufrieden und verließ die kleine Wohnung. Im Gegensatz zu den anderen Dirnen hatte sie eine kleine Wohnung in der Innenstadt. Das hatte sie alles Toni zu verdanken. Die hatte sie ihr besorgt. Toni war ein Star unter den Mädchen in ihrem Gewerbe. Die Dirnen munkelten sogar davon, dass Minister und Staatsoberhäupter anderer Länder zu ihren Kunden zählten. Sündhaft reich sollte sie sein. Sie führte ein Leben, da konnte man wirklich neidisch werden. Und der schicke Wagen! Ein Freier sollte ihr den geschenkt haben.

Anita hatte einmal gesehen, wie ein großer Schwarzer, bestimmt ein wichtiger Mann in seinem Land, am Morgen Toni verlassen hatte. Sie hatte die Nase gerümpft. Ob sie das je machen würde? Pah, dachte sie, und warf ihre wilde Mähne in den Nacken. Die Mädchen klatschten den ganzen Tag über Toni. Sie, Anita, wusste eine ganze Menge von ihr, hielt aber wohlweislich den Mund.

Sollte sie Geld scheffeln, mochte sie daran ersticken, nie würde sie sich Vorschriften machen lassen. Nie!

Als sie auf die Straße trat, spürte sie die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Wie gut das tat. Sie räkelte sich wohlig.

„Nachher lege ich mich auf dem Balkon und lasse mich bräunen“, sagte sie halblaut.

„Fräulein, haben Sie was zu mir gesagt?“

Ein älterer Herr mit gierigem Blick stand vor ihr und sah sie erwartungsvoll an.

Anita wusste ganz genau, sobald man erfuhr, welchen Beruf sie hatte, würde man ihr die Wohnung auf der Stelle kündigen. Toni hatte ihr eingeschärft, nie in der Nähe der eigenen Wohnung als Dirne erscheinen. Das war nicht gut.

Jetzt war einmal wieder so ein Augenblick. Am liebsten wäre sie ihm ins Gesicht gesprungen. Diese Mistkerle dachten wohl, sie könnten sich alles erlauben. Da sie noch immer schwieg und nach einer Antwort suchte, sagte er herausfordernd: „Darf ich Sie begleiten? Oder warten Sie auf jemanden?“

Die Lider klappten über die großen braunen Augen. Anita hatte ein hübsches Puppengesicht. Mit zweiundzwanzig sah sie noch immer wie ein halbflügges Mädchen aus. Niemand glaubte ihr, dass sie wirklich volljährig war. Und das machte sie auch bei den Männern so begehrt. Je jünger ein Mädchen war, umso schöner erschien es ihnen.

„Mein Vater wird sofort hier sein. Möchten Sie ihn kennenlernen?“

Schlagartig verschwand der gierige Blick. Der ältere Herr wandte sich ab und ging hastig weiter.

„Mistkerl“, murmelte sie halblaut. „Dir hab’ ich es fein gegeben. Wie er rennt.“ Sie wollte sich totlachen.

Aber dann besann sie sich. Jetzt musste sie anständig werden. Jawohl, auf der ganzen Linie. Damit konnte sie doch gleich einmal beginnen.

Züchtig, mit gesenktem Blick, ging sie weiter. Ihre kleine Wohnung lag an einem Park mit Spielplätzen. Wenn sie in die Stadt wollte, das hieß in den Innenkern, musste sie ihn durchqueren. Um diese Zeit saßen dort immer viele junge Mütter. Ihre Kinder spielten in den Sandkisten oder turnten herum.

Es machte Spaß, ihnen zuzusehen. Und dort der kleine Bursche, der verzweifelt seine ersten Gehversuche machte. Immer wieder plumpste er auf seinen kleinen dicken Popo. Sogar direkt vor ihren Füßen.

„Hoppla“, sagte sie lachend und hob ihn hoch. Da war auch schon seine Mutter.

Sie stellte ihn vorsichtig auf seine Beinchen. Er blickte sie lachend an. Dieser Kinderblick, so voll Vertrauen und Glückseligkeit. Er kannte noch keine Angst, nur Liebe.

„Komm, Peterle“, lockte ihn seine Mutter.

Doch Peterle fand Gefallen an dem fremden Mädchen. Mit seinen tolpatschigen Händchen versuchte er ihr in die Haare zu greifen. Anita, die die zarten Fingerchen spürte, hatte wieder einen Kloß in der Kehle. Am liebsten hätte sie das Kind hochgenommen, an ihr Herz gedrückt und es geküsst. Aber aus Erfahrung wusste sie, dass dies weder Kind noch Mutter wünschten.

Oft war sie hier und beobachtete die Kinder. Sie konnte sich einfach nicht sattsehen. Und jetzt verstand sie auch die Dirnen, die mit einer wilden Liebe an ihren Kindern hingen. Oft brachten sie große Opfer, um ihnen den Aufenthalt in einem guten Internat zu ermöglichen. Und immer sagten sie, ihre Kinder sollten es einmal besser haben. Nie wollten sie, dass sie erfuhren, dass ihre Mutter eine Dirne war.

Peterle hatte genug von ihr und lief jauchzend auf die Mutter zu. Diese fing ihn auf und schwenkte ihn lachend durch die Luft. Das hatte er besonders gern.

Anita stiegen Tränen in die Augen. Sie ging hastig weiter. Aus Erfahrung wusste sie, dass diese Frauen sie ganz besonders verachteten. Sie glaubten immer, die Dirnen würden ihnen die Männer fortnehmen. Und dabei war das gewiss nicht der Fall. Meine Güte, zu ihnen kamen doch nur solche, die zu Hause nicht glücklich waren. Vielleicht auch ein paar, weil sie neugierig waren oder von gewissenlosen Freunden aufgestachelt wurden. Aber sie kamen nur einmal und nie mehr wieder. Es waren doch diese verkorksten Typen, die das brauchten und darum auch jeden Preis zahlten. Richtig nette, frische Männer, die auch einer Dirne gefielen, die kamen doch nur alle Jubeljahre. Das hieß nun nicht, dass sie nur alte Männer als Kunden hatten. Nein, auch junge, aber wie gesagt, die hatten da meistens einen Webfehler, wie sie das bei ihnen nannten.

Seufzend blieb sie hinter einer Hecke stehen und blickte zurück. Ein Kind, dachte sie, und ihr Herz zog sich zusammen. Ein Kind, wie schön müsste das doch sein. Dann hätte man einen Menschen, auf den man sich verlassen könnte.

Es war nicht gut, so zu denken. Und dann ein Kind von einem Freier? Nein, das wollte sie wirklich nicht. Einen Freund hatte sie im Augenblick nicht. Teddy war vor einiger Zeit bei einem Einbruch in eine Apotheke erwischt worden. Er wollte auch ganz groß hinaus. Und nun sollte sie noch für ihn sorgen, hatte er durch einen Mittelsmann mitteilen lassen. Wie konnte sie das, da sie ja noch nicht einmal genug für sich hatte.

Nun, erst musste er seine vier Jahre absitzen, und bis dahin war alles, alles anders! Jawohl! Dann war sie längst ein anständiges Mädchen geworden.

In der Stadt herrschte Hochbetrieb. Es gab hier viele Sehenswürdigkeiten. Und im Sommer, zur Urlaubszeit, kamen Touristen aus allen Himmelsrichtungen. Anita spürte plötzlich Hunger. Kurz entschlossen betrat sie ein Kaufhaus. Im Restaurant aß sie eine Kleinigkeit. Die meisten Besucher waren Ehepaare mit Kindern. Nur sie saß allein am Tisch und aß lustlos. Halt, da hinten in der Ecke saß noch jemand allein. Ein junger Mann.

Nee, dachte sie grimmig. Guck du ruhig, ich bin stur. Ich weiß wohl, dass du nur auf einen Wink wartest. Nichts für mich. Komm heute zur Bordellstraße, da kannst du mich für fünfzig Mark kaufen. Aber nicht umsonst, kapiert?

„Ober, zahlen!“

Ein älterer Mann, dem der Schweiß auf der Stirn stand, kam näher. Das muss auch ein harter Job sein, dachte sie unwillkürlich. Und weil sie Mitleid hatte das hatten sie eigentlich immer, die Dirnen gab sie ihm zwei Mark Trinkgeld. Er bedankte sich recht nett. Und sie dachte, er könnte eigentlich ihr Vater sein, dem Alter nach.

Die Dirne musste daran denken, wie sie als kleines Mädchen immer ganz verzweifelt sich ihren Vater vorzustellen versucht hatte. Aber es war ihr nicht gelungen. Die Mutter hatte noch nicht einmal ein Bild von ihm, ja, sie wusste überhaupt nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wer es nun war. Aber Alimente ließ sie sich gleich von drei Männern zahlen.

Als Kind hatte sie Besucher manchmal gefragt: „Willst du mein Vater werden?“

Und die Herrenbesuche der Mutter hatten immer schallend gelacht, ihr über die Haare gestrichen, Geld geschenkt, Schokolade, mehr nicht. Noch jetzt glaubte sie die Scham zu fühlen, die sie damals empfunden hatte.

Sie war ein so empfindsames kleines Mädchen gewesen. Und dann war die Sache mit der Katze passiert. Wie hatte sie die kleine Muschi geliebt. Und da war so ein betrunkener Kerl zu der Mutter zu Besuch gekommen und hatte Muschi im Rausch vom Balkon geworfen. Er hatte wissen wollen, ob Katzen tatsächlich so zäh sind, wie man behauptet.

Furchtbar lange hatte sie die tote Katze nicht vergessen können. Als Erste war sie damals unten gewesen und hatte sich davor gekniet und bitterlich geweint. Man hatte sie mit Gewalt fortreißen müssen.

Anita, die plötzlich wieder an alles denken musste, ballte die Hände zusammen. Vielleicht wäre alles ganz anders geworden, dachte sie bitter, wenn Mutter mich damals fortgegeben hätte, irgendwohin, in ein Internat. Ich hätte sie geliebt, ja, das hätte ich getan. Wirklich geliebt. Bestimmt hätte ich dann auch all das getan, was sie von mir verlangte. Studieren und so weiter. Komisch, dachte sie, die Mädchen würden lachen, wenn sie wüssten, dass ich mal zur Oberschule gegangen bin. Ich habe sogar die mittlere Reife. Und dann bin ich eine Dirne geworden. Aber das auch nur, um sie zu verletzen, ganz tief. Mutter sollte Schmerz empfinden. Geschimpft hat sie ja, aber hat es sie tatsächlich so tief getroffen?

Mutter hatte immer gesagt, sie würde sie nicht fortgeben, weil sie ihr Kind liebe, und bestürzt stellte Anita fest, dass sie eben dasselbe gedacht hatte. Ein Kind wollte sie haben, um es zu lieben, um ihrer selbst willen wollte sie es haben. Um sich zu trösten, das Verlangen nach aufrichtiger Liebe stillen. An das Kind dachte sie dabei nicht.

Hastig stand sie auf.

„Fräulein, Sie haben Ihre Tasche vergessen.“

Sie drehte sich um. Der junge Mann aus der Ecke stand vor ihr. Fast brutal entriss sie ihm die Tasche.

„Danke“, sagte sie und beeilte sich fortzukommen. Er folgte ihr, aber das Gewühl auf den einzelnen Etagen war so groß, dass er sie gleich aus den Augen verlor.

 

 

3

Etwas unschlüssig stand sie vor dem großen Gebäude. So viele Fenster und Türen ... Ob die Menschen, die dort drinnen arbeiteten, sich wohl nie verliefen? Auf was für Gedanken man doch kommen konnte, wenn man sich einmal außerhalb der Bordellstraße aufhielt. Dort war man in gewisser Weise geschützt, bildete eine Gruppe. Man konnte sich ganz ungezwungen benehmen. Niemand nahm Anstoß an irgendetwas. Aber außerhalb, allein, da hatte man doch ein flaues Gefühl in der Magengrube. Und zum anderen, sollte sie wirklich hineingehen?

Noch immer zögerte die Dirne. Aber dann sah sie viele Menschen hineingehen und herauskommen. Ermorden würde man sie bestimmt nicht.

„Mut, Anita“, murmelte sie.

Sie hielt den Riemen ihrer Tasche fest umklammert und ging tapfer weiter. Die Halle des Arbeitsamtes war sehr groß und hoch. Überall an den Wänden standen Wegweiser und Tafeln. Anita blickte aber nicht hin. Sie ging einfach weiter.

Solche langen, schmalen Gänge hatte sie noch nie gesehen. Und dann die abgenutzten Bänke. Richtig ärmlich sah es hier aus. So muffig, fand sie. An jeder Tür war ein Schild. Wo sollte sie denn eigentlich hingehen?

Hastig kramte sie die Zeitung aus der Tasche hervor. Ein Glück, dass sie daran gedacht hatte. Sonst hätte sie nicht gewusst, wohin sie sich wenden sollte. Sie lächelte. Wenn mich jetzt die andern Mädchen sehen könnten, die würden vielleicht Augen machen, dachte sie.

Warum dachte sie denn immer an die anderen Mädchen? Ab morgen würde sie nicht mehr zu ihnen gehören. Daran musste sie sich erst noch gewöhnen.

Aha, hier stand es ja schwarz auf weiß. „Gehen Sie zur Beratungsstelle.“ Wo war denn nun die Beratungsstelle? Anita ging etwas unsicher weiter. An jeder Tür blieb sie stehen und las die Schilder. Da kam ein älterer Mann um die Ecke.

„Na, Fräuleinchen, wohl verlaufen, was?“

Sie drehte sich um und lächelte ihn hinreißend an. Das musste sie sich auch noch abgewöhnen.

„Ich weiß nicht“, sagte sie zögernd.

„Wohin wollen Sie denn? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

„Arbeiten Sie hier?“

„Ja!“

„Dann können Sie mir ja alles erklären, nicht?“

„Momentchen, Mädchen, jeder hat hier seine bestimmte Abteilung. Wohin wollen Sie denn?“

„Hier, in der Zeitung, da steht: Gehen Sie zur Beratung. Dahin will ich.“

„Ach so, Sie suchen einen Job?“

„Wie bitte?“

„Kleine Nebenbeschäftigung?“

.Nein, ich will einen anderen Beruf.“

„Na, dann müssen Sie zur Umschulung. Das ist eine Treppe höher. Zimmer 154.“

„O danke, Sie sind wirklich nett. Bestimmt!“

Er lachte. „Aber das ist doch selbstverständlich. Aber sagen Sie mal, Sie sind doch bestimmt noch Schülerin, was?“

Anita lachte. „Nein, ich bin schon zweiundzwanzig!“

„Jetzt schwindeln Sie aber.“

Dieses nette, leichte Geplänkel war sie nicht gewöhnt. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Mit den anderen Dirnen hatte sie ihre eigene Sprache. Sie hatte es fast verlernt, ein normales Gespräch zu führen.

Damals war sie ja gleich von der Schule ins Bordell gegangen. Vielleicht, dachte sie jetzt, während sie die Treppe hochstieg, vielleicht, wenn ich damals gewusst hätte, dass ich sie nicht damit treffen kann, wäre alles anders geworden. Alles! Ich könnte jetzt Studentin sein. Doch da waren die Mitschülerinnen mit ihren komischen Fragen gewesen wegen Anitas Mutter! Langsam sickerte es durch. Ihre neugierigen Fragen hatten sie oft verletzt. Anita hatte das nicht verstanden. Sie schimpften auf die Dirnen, nannten sie den letzten Dreck, Menschen einer niederen Klasse, mit denen man einfach nicht verkehren konnte, die in der Gosse lebten und sowieso kein Herz besaßen. Ja, so sprachen sie davon, immer noch. Nichts hatte sie geändert, auch nicht in diesem aufgeklärten Zeitalter. Im Gegenteil, was sich geändert hatte, war die freimütige Neugierde. Ungeniert stellten die Mitschülerinnen Fragen. Sie wollten alles ganz genau wissen.

Anita kannte die Geschichte ihres Gewerbes und die wechselnden Bezeichnungen. Zuerst nannte man sie Priesterinnen, Mätressen und jetzt ganz einfach Dirnen.

Kein Beruf hat eine so uralte Tradition. Eigentlich müsste ich noch stolz darauf sein, dachte sie.

Nun stand sie vor Zimmer Nummer 154. Noch einmal schnell in den Spiegel gesehen. Sie sah noch immer fesch aus. Dann klopfte sie. Es meldete sich niemand. Sie klopfte noch einmal. Nichts! Als sie eintreten wollte, merkte sie, dass die Tür abgeschlossen war.

„Das ist doch die Höhe“, schimpfte sie leise vor sich hin. „Wirklich.“

Sie rüttelte wie besessen daran. Doch die Tür blieb zu. Kurz entschlossen ging sie zur Nebentür. Diese ließ sich öffnen. Eine junge Frau saß hinter ihrem Schreibtisch. So plötzlich mit ihr konfrontiert, wusste Anita nicht, was sie sagen sollte.

„Ja, bitte, Sie wünschen?“

„Äh“, sagte sie.

„Ich habe gefragt, was Sie wünschen“, sagte die junge Frau.

„Eh, ja, natürlich habe ich das verstanden“, stotterte sie los. „Das ist nämlich so, ich will eigentlich gar nicht zu Ihnen.“

„Nicht zu mir? Wieso sind Sie dann gekommen.“

„Drüben, das Zimmer neben dem Ihrem, das ist zu.“

„Das weiß ich. Wirklich keine Neuigkeit.“

„Ich will aber da hinein. Können Sie nicht mal aufschließen?“

„Meine Kollegin ist nicht da.“

„Wann kommt sie denn wieder?“

„Sie hat nur morgens Sprechstunde.“

„Nee“, sagte Anita verdutzt. „Das gibt es doch nicht. Ich will zu ihr. Wieso ist sie nicht da?“

„Hören Sie, kommen Sie morgen früh wieder, dann können Sie mit meiner Kollegin über alles sprechen. Ich bin nicht dafür zuständig. Sie ist nur morgens anwesend.“

„Ich bin doch nicht schwerhörig“, sagte Anita wütend.

Die Angestellte hatte unwillkürlich lauter als gewöhnlich gesprochen. Sie war nervös und wollte an ihre Arbeit zurück.

„Am Nachmittag hat sie Besprechungen und Konferenzen. Sie muss sich ja schließlich um jeden Fall kümmern, nicht wahr.“

„Aber ich bin doch jetzt hier“, sagte die Dirne weinerlich. „Ich habe jetzt Zeit. In der Zeitung steht nichts davon, dass man nur am Morgen kommen soll. So etwas muss man doch reinschreiben. Wenn jetzt alle am Nachmittag kommen, die werden ganz schön wütend sein, glauben Sie mir, Fräulein.“

Sie hatte wirklich eine Engelsgeduld, die Stadtangestellte. Leise seufzte sie auf. „In der Regel wissen die Bürger, dass wir nur am Morgen Sprechstunde haben. Nachmittags müssen wir alles aufarbeiten. Wieso wissen Sie das nicht? Das ist doch nun wirklich kein Geheimnis.“

„Je nun, werden Sie doch nicht ärgerlich. Ich habe doch nichts getan. Wirklich, ich habe es nicht gewusst.“

„Leben Sie auf einem anderen Stern?“

Die Dirne biss sich auf die Lippen. Fast hätte sie sich versprochen. Im Bordell wusste man nicht viel von der Außenwelt, und schon gar nicht, wie die Behörden arbeiten. In der Regel machte sie einen großen Bogen um Ämter. Dort behandelte man sie geringschätzig, und außerdem verstand man sie nie.

„Ich komme also morgen wieder.“

„Gut, ich werde meiner Kollegin Bescheid geben. Wie war noch mal Ihr Name?“

„Den habe ich noch gar nicht gesagt“, murmelte sie mürrisch.

„Dann sagen Sie ihn mir jetzt.“

Anita überlegte fieberhaft. Die Polizei hatte eine Kartei, und vielleicht wollte diese Person dort nur nachfragen, wer sie war. Nein, so blöd war sie nicht.

„Nee, ich werde das morgen der anderen Dame sagen.“ Und schon war sie aus dem Zimmer. Auf dem Gang machte sie ihrem Herzen Luft und sagte ziemlich laut. „Mist, verdammter Mist ist das!“

„Nein, Fräuleinchen, das hilft auch nichts.“ Wieder war sie belauscht worden.

Hastig verließ sie das Gebäude. Enttäuschung stieg in ihr auf. Da hatte sie sich alles so schön zurechtgelegt und ausgedacht, und nun war die zuständige Stelle nicht geöffnet. Was sollte sie jetzt machen? Hier sitzen und warten bis morgen früh?

Ihr Magen meldete sich wieder. Und Geld hatte sie auch nicht mehr viel. Na ja, dann musste sie sich eben wieder etwas besorgen. Nur noch diese Nacht, aber dann ganz bestimmt nicht mehr. Und sehr lange würde sie auch nicht stehen. Vielleicht bis zehn, dann nach Hause und ab in die Falle. Sonst würde sie abermals den Morgen verschlafen.

Hoffentlich hatte sie morgen noch den Mut und vor allen Dingen auch die Lust. Sie kannte sich zur Genüge. Wenn nicht immer alles sofort geschah, dann machte es ihr keinen Spaß mehr.

Sie schlenderte den ganzen Weg zurück. Zum Schlafen hatte sie jetzt auch nicht mehr die Ruhe.

„Ich werde der Tagschicht einen Besuch abstatten“, sagte sie vor sich hin. „Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht wissen sie etwas Neues. Mal sehen, kann ganz amüsant werden. Ich werde mir da die Zeit vertreiben, und dann baue ich mich später auf und verdiene mir meine Flöhe für morgen.“

 

 

4

Sie musste über eine Stunde gehen, dann hatte sie endlich das Dirnenviertel erreicht. Je weiter sie kam, umso trostloser wurde die Gegend. Die Häuser machten einen verwahrlosten Eindruck. Wer baute hier denn auch schon? Niemand wollte hier wohnen. So hatte sich mit der Zeit wie ein Ring rund um das Dirnenviertel alles mögliche dunkle Gelichter angesammelt. Natürlich blieb es nicht aus, dass die Polizei alle Tage hier ihren Einsatz hatte.

Jeden Tag gab es irgendwo eine Schlägerei, einen Einbruch, Körperverletzung, wenn nicht sogar Mord.

Anita dachte: Bald werde ich das alles nicht mehr sehen. Es hängt mir zum Hals heraus. Wieso ist das auf einmal so? Früher bin ich doch so gleichgültig hierher gegangen, habe auch meinen Beruf ohne viel Nachdenken durchgestanden. Wieso ekelt mich das jetzt alles an?

Weil ich die Spritzen nehme? Wird man da heller im Kopf? Zum Teil war es wirklich so. Wenn man einen bestimmten Grad erreicht hatte, wollte man unbedingt die Welt verändern.

Weltverbesserer nannte man die Süchtigen.

Oder kam es daher, dass sie aufgehört hatte, ihre Mutter zu hassen? Hatte sie sie überhaupt gehasst? Anita konnte es nicht wirklich sagen. Vielleicht benutzte sie das auch nur als Ausrede. Alle Mädchen im Bordell hatten eine Ausrede, wenn man sie danach fragte, wieso sie mit diesem Leben angefangen hätten. Immer waren die anderen schuld. Nie sagte eine, sie sei von allein gekommen, weil sie es wolle. Weil es ihr Spaß mache.

Jede Dirne ekelt sich im Grunde vor ihrem Gewerbe. Darum sind sie auch alle labil, weil ,sie es nicht verkraften können, wenn man sie anders behandelt. Was sind sie denn schon? Nur weil sie Geld nehmen, sollen sie schlechter sein?

Anita schlüpfte durch einen schmalen Spalt. Dies war ein ziemlich heruntergekommenes Viertel. In anderen Städten sollte es ganz moderne Eroscenter geben. Mit geheizten Innenhöfen, einer Rampe, die wirklich erleuchtet war, und nicht so trübe Lampen besaß wie diese schmalen, verdreckten Straßen.

Ein Glück, dass die meisten Kunden nachts kamen. Die Dunkelheit deckte alles zu. Machte die Straße aufregend und interessant. Die bunten Lichtreklamen halfen da ein wenig mit. Aber am Tag, da konnte man wirklich von Übelkeit befallen werden, wenn man hier herumging. Und das taten auch eine ganze Menge Leute. In der Hauptsache waren es aber nur Touristen, die das Viertel besichtigen wollten. Ihnen saß das Geld nicht so locker in der Tasche. In der Regel kamen sie in einem ganzen Rudel, gafften sich die Augen aus, wenn sie eine Dirne am Koberfenster sahen und glaubten dann, schon wer weiß was erlebt zu haben.

Anita lächelte verächtlich vor sich hin. Diese blöden Männer, man konnte ihnen wirklich etwas vormachen. Na ja, Hauptsache, sie ließen das Geld da.

Am ersten Koberfenster saß eine aufgetakelte Alte. Anita Weißmöller staunte nicht schlecht.

„Kiek mal, Krätze-Anna ist auch wieder da. Mensch, dass du dich noch hier sehen lässt.“

Die Angeredete zog eine Grimasse. „Zieh Leine, platte Eule, dich fragt keiner um deine Meinung.“

Anita lachte und traf dann auf Schnaps-Jenny. „Wieso lasst ihr Krätze-Anna noch stehen? Ist das denn nicht geschäftsschädigend?“

„Wieso? Sie ist doch wieder gesund. Und sie braucht doch auch Geld.“

„Ich weiß nicht, die sieht doch wie eine Vogelscheuche aus. Dann soll sie sich nachts aufbauen.“

„Die anderen lassen das nicht zu. Wir von der Tagschicht sind nicht so gemein.“

„Sollte das eine Anspielung sein?“, fauchte Anita zurück.

„Kannste nehmen, wie du willst. Mir ist das völlig schnurz, klar. Ich habe wirklich was anderes zu tun, als mich mit dir rumzuschlagen. Ich bin hundemüde und schiebe jetzt ab in die Falle.“

„Komm, war ja nicht so gemeint. Ich gebe einen aus. Komm mit zu Ede. der hat ganz famose Buletten. Mann, habe ich heute Hunger, ich könnte mir den ganzen Tag was zwischen die Kiemen schieben.“

„Nein wirklich, ich kann meine Augen nicht mehr aufhalten. Ein andermal. Heute nicht.“

„Wenn du nicht willst, ich finde auch schon andere.“

Anita ging etwas beleidigt weiter. Aber überall sah sie nur verschlafene Gesichter. Es stimmte tatsächlich, wer am Tag stand, der war schon ziemlich tief gesunken. Das war die vorletzte Station, und dann landete man in der Gosse.

Warum, fragte sie sich, hören sie nicht rechtzeitig auf? So wie ich es tun werde. Es geht doch ganz einfach. Aber nein, sie haben einfach keinen Mumm in den Knochen. Das ist es.

Kitty kam um die Ecke. Sie hatte die Arme voll kleiner Pakete. Als sie Anita sah, blieb sie stehen.

„Sag bloß, es ist schon wieder so spät?“

„Nee, ich bin heute nur mal früher gekommen.“

„Das kommt auch wohl mal alle hundert Jahre vor, wie? Haste Flöhe im Bett, dass du es dort nicht mehr aushalten konntest? Oder juckt dich der Hintern, und du willst heute das ganz große Geld machen?“

„Quatsch“, knurrte sie. „Gar nichts von dem. Ich bin nur mal gekommen, um der Tagschicht einen Besuch abzustatten. Aber die pennen ja im Stehen.“ Kitty lachte. „Glaub ich dir gern. Aber wenn du nichts zu tun hast, dann kannst mir tragen helfen. Hier, die rutschen mir sonst alle weg.“

Anita war auf der Suche nach einem Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte. Bis jetzt hatte sie bloß noch keinen gefunden. Ob Kitty die Richtige war? Sollte sie mit ihr darüber reden? Sie standen jede Nacht zusammen und kannten sich daher ziemlich gut. Das hieß, sie hatten darüber gesprochen, wo sie wohnten, und was sie gern aßen und tranken, und welche Freier sie bevorzugten. Aber sonst? Komisch, dachte Anita, während sie neben der Freundin die schmale Stiege hochkletterte, eigentlich weiß ich gar nichts von ihr. Nicht mal ihren wirklichen Namen, und auch nicht, was sie früher gemacht hat, und was ihre Eltern waren.

Dumme Fragen stellte man nicht im Bordell. Kam eine und sagte ihren Namen, dann war das in Ordnung. Nachnamen wurden nie genannt, überhaupt, man behielt sie ja doch nicht.

Kitty stieß die Tür auf und ließ aufatmend ihre Pakete auf das ungemachte Bett fallen. Sie lebte hier im Viertel, also nicht außerhalb dieser Mauern wie sie.

„Sag mal, hast du die ganze Stadt leer gekauft?“

„Nee, nur das Nötigste. Du, aber ich habe ein todschickes Kleid. Wirklich, süß sieht das aus.“

Sie kramte in den Paketen herum, riss das Papier ab, und schon hielt sie es hoch. Es war aus grün schillerndem Stoff und ganz eng geschnitten. An der Seite hatte es einen Schlitz bis zur Hüfte hinauf.

Kitty zog es gleich an und drehte sich dann vor dem Spiegel hin und her. Wenn das Sonnenlicht darauf fiel, schimmerte es wie eine Schlangenhaut.

„Was sagst du nun? Gefällt es dir?“

„Bei deinem roten Haar, umwerfend, wirklich.“

„Ja, nicht. Ich habe mich auch gleich draufgestürzt. Du, wenn ich das nachher anziehe, werden die Kerle verrückt. Natürlich muss ich mich unter der Laterne aufbauen, damit ich richtig schön zur Geltung komme.“

„Sag das mal Lola, die kratzt dir die Augen aus. Das ist doch ihr Stammplatz.“

„Püh“, machte sie verächtlich. „Noch gestern hat Berti mir gesagt, keiner hätte Anspruch auf einen Stammplatz in der Straße. Und wenn sie wirklich dort steht, setze ich mich ins Koberzimmer. Ich will doch mal sehen, wer heute Nacht den Vogel abschießt.“

Anita befühlte den Stoff. Er war ganz weich und knitterfrei.

„Solltest dir auch mal wieder einen neuen Fummel kaufen, Anita. Du läufst ja schon bald herum wie deine eigene Großmutter.“

„Später, im Augenblick bin ich nicht flüssig, weißt du.“

„Mann“, sagte Kitty wütend. „Wenn ich das schon höre, könnte ich aus der Haut fahren. Nicht flüssig! Du verdienst doch das meiste Geld. Hör mal, Kleinchen, wenn du nicht bald mit dem Stoff aufhörst, dann siehst du die Radieschen von unten wachsen, verstanden. Begreifst du denn nicht? Es macht dich kaputt. Bist du denn blind?“

„Lass mich in Ruhe!“

„Nein, verdammt noch mal. Ich sehe doch, wie Jonny dich bis aufs Hemd auszieht. Und wenn du nicht mehr die hohen Preise bezahlen kannst, werfen sie dich weg wie ein Stück Dreck. Du hast im Augenblick niemand, der auf dich aufpasst, zahlst auch keine Gebühren, und nun haben sie diese Masche aufgezogen. Die Hunde wissen immer, wie sie an unser Geld kommen. Anita, sei doch vernünftig, hör auf damit. Wenn du es allein nicht mehr schaffst, dann geh doch zur Entziehungskur. Die schaffen das, ehrlich. Ich hab’ mal eine gesprochen, die da war. Die sagte mir, wenn man nicht zu spät kommt, dann kann man geheilt werden.“

Anita hockte auf der Fensterbank und steckte sich eine Zigarette an.

„Ist ja nett von dir, Kitty, dass du dich so um mich kümmerst, aber das ist nicht mehr nötig.“

„Du hörst also auf?“

„Das auch. Weißt du, ich mache mit allem Schluss.“

Kitty bekam eine Gänsehaut.

„Was sagst du da? Willst du Selbstmord begehen?“

Anita lachte schallend. „Bist du blöd, nee, so weit ist es noch nicht mit mir. Ich haue von hier ab, hörst du.“

„Du willst hier nicht mehr stehen?“

„Erraten.“

Kitty dachte angestrengt nach. „Und wo willste hin? Trip durch die Welt? Eine andere Stadt, ein anderes Land, oder was?“

„Du verstehst mich nicht richtig, Kitty. Ich höre mit diesem Leben ganz auf. Total. Ich werde nie mehr als Nutte stehen, nie mehr.“

„Das sagen so viele. Aber kannste mir auch sagen, wovon du dann leben willst? Du hast doch keinen Zaster auf der Bank, bist doch blank wie ein Säugling, Anita.“

„Ich werde arbeiten gehen.“

Kitty legte die Hände hinter die Ohren. „Höre ich richtig, hast du das Wort arbeiten ausgesprochen?“

„Ja, und du brauchst gar nicht so blöd zu gucken, ich tu es wirklich.“

„Nein, ich lache mich tot. Wirklich, Anita, du kannst Späße machen. Arbeiten, Mensch, und wo und was?“

„Ich war heute auf dem Arbeitsamt“, sagte sie spitz.

Die Dirne wurde ernst. Sie spürte, das war nun wirklich kein Ulk. Überhaupt, die Freundin war heute so ganz anders.

„Sag mal, Anita, du bist doch augenblicklich nicht auf einem Trip?“ Damit meinte sie die kleinen, kurzen Reisen der Rauschgiftsüchtigen, wenn sie ziemlich viel konsumiert haben.

„Nein, verdammt noch mal. Ich spreche es im Ernst aus. Das Leben, es widert mich an. Was bin ich denn schon, eine miese kleine Dirne, aber ich will es nicht mehr sein, verstehst du. Nie mehr, ich will etwas Sinnvolles tun, etwas, das mir Freude macht. Ich werde auch mit dem Rauschgift aufhören. Ganz von vorn werde ich anfangen. Jawohl, ich werde es schaffen.“

Kitty griff zur Flasche hinter dem Schrank. Sie öffnete sie, goss sich ein Glas voll bis zum Rand, nahm ein paar Schlucke und kam näher.

„Du warst wirklich auf dem Arbeitsamt?“

„Ja!“

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938159
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537698
Schlagworte
redlight street hölle

Autor

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Titel: Redlight Street #130: Ein bitterer Weg aus der Hölle