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Redlight Street #129: Masseuse mit Charme gesucht

2020 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Masseuse mit Charme gesucht

Copyright

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Masseuse mit Charme gesucht

Redlight Street #129

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Ruth Lorenz langweilt sich zu Tode. Früher war die junge Frau Masseuse in einem Krankenhaus gewesen, aber ihr Mann erlaubt ihr nicht, nach ihrer Heirat weiterzuarbeiten. Eines Tages trifft sie ihre attraktive, selbstbewusste Nachbarin Marietta im Aufzug und als diese ihr anbietet, einen ihrer Kunden zu massieren, ahnt Ruth nicht, um welche Art Klientel es sich handelt und auf welches Spiel sie sich einlässt. Denn sie weiß nicht, dass ihre flotte Nachbarin eine Puffmutter ist. Es kommt, wie es kommen musste: Ruths harmlose Nebenbeschäftigung kommt ihrem Mann zu Ohren ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Angefangen hat es damit, dass Lolita nicht laut genug quietschen konnte!

Marietta — eine rassige Frau, neunundzwanzig Jahre alt, mit viel Geschäftssinn, wenn es um ihre „Pension“ ging, und mit einer ziemlich großen Portion Humor ausgestattet — stand, einen Arm auf den Kaminsims gestützt, in der anderen Hand ein Wodkaglas haltend, vor ihm und bedachte ihn mit einem spöttischen, ja fast hinterhältigen Lächeln.

„Du siehst aus wie eine Schlange“, schimpfte Went Jaspers und stellte wütend sein Glas auf dem Rauchtisch ab. „Jawohl! Und ich scheine dein Opfer zu sein, wie? Aber Irrtum, Süße, so weit bin ich noch nicht!“

„Natürlich bist du das“, sagte sie lachend.

„Sie ist eine Niete oder ein verdammt raffiniertes Biest, das mich zur Verzweiflung bringen will.“

„Nummer 16“, murmelte Marietta gelangweilt.

„Was hast du gesagt?“, fragte er verblüfft zurück.

„Mein Lieber, das ist schon Nr. 16. Du hast einen großen Verschleiß. Und wenn du so weitermachst, kriegst du gar keine mehr!“

Seine Blicke durchbohrten sie, aber sie gab sie ruhig zurück. Marietta hatte schon ganz andere Kunden gehabt, aber dieser war wichtig, und darum versuchte sie verzweifelt, ihn zu halten. Natürlich durfte er das nicht merken.

„Was ist denn mit Lolita?“

„Sie quietscht nicht laut genug“, erklärte er mürrisch.

„Wie bitte?“, lachte die Bordellinhaberin.

„Ja“, maulte er. „Wirklich, das kann man ja nicht ertragen. Ich will, dass sie laut schreien, verstehst du, laut und kräftig. Hier hört es ja keiner. Aber sie gibt Töne von sich, als wäre eine Tür nicht geölt. Unmöglich.“

„Und die Vorgängerin hatte Pickel auf dem Po, und die davor entschuldigte sich bei jedem Schlag, und die andere war blond, die nächste schielte deiner Meinung nach, die davor, ich glaube, die roch dir zu penetrant. Ja, zum Teufel, was willst du denn überhaupt?“

Went starrte sie an. „Ist das so schwer zu verstehen? Eine perfekte, capito! Aber in deinem Bumslokal gibt es so etwas wohl nicht, wie? Hast dich anscheinend übernommen.“

„Werd nicht frech!“, gab sie böse zurück. „Du kannst wirklich froh sein, dass ich mir so viel Mühe mit dir mache.“

„Wofür ich dich fürstlich bezahle“, höhnte er.

Marietta schwieg. Wenn er in diesem Zustand war, konnte man nicht vernünftig mit ihm reden. Aber noch hatte sie eine Waffe in der Hand. Doch zuerst versuchte sie es im Guten. Lolita war ihr letztes Mädchen gewesen, alle Reserven eingerechnet. Dass sie versagen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Wirklich, sie würde ihr die Leviten lesen.

Laut sagte sie: „Ich werde mit ihr sprechen, ihr begreiflich machen, was du von ihr willst. Einverstanden?“

„Nein, die Quietschmaus will ich nicht mehr in meiner Behausung sehen. Schick mir eine andere!“

Sie schnappte nach Luft.

„Verdammt nochmal, sag mir endlich, was du willst!“

„Ist das so schwer zu verstehen?“, grinste er sie an.

„Ja, ich glaube schon. Du bist wirklich nicht mehr normal. Und ich möchte die Leute im Senat mal sehen, wenn die wüssten, wie du deine Liebesstunden verbringst.“ Rau lachte sie auf, und ihre Augen glitzerten ihn amüsiert an.

„Soll das vielleicht in eine kleine Erpressung ausarten!“, fauchte er sie an.

„Halt deinen Mund! So eine bin ich bestimmt nicht!“

Sie stellte ihr Glas ab und schlenderte durch den weiten Salon. Sie wusste, dass man durch die kleine Tür im Hintergrund in eine großzügig angelegte Schwimmhalle gelangte. Die Wohnung war wirklich super. Was hieß hier überhaupt Wohnung — ein Haus, riesig groß. Und dieser Jaspers, seines Zeichens erfolgreicher Architekt, bewohnte es ganz allein, abgesehen von der Haushälterin, die aber nie anwesend war, wenn sie kam.

Er hatte viel Geld und, was noch schlimmer war, er sah hervorragend aus. Wirklich, die Mädchenherzen mussten ja wegschmilzen. Aber das war es eben: er war von Kindesbeinen an verwöhnt worden. Ein Nein kannte er überhaupt nicht. Und so hatte es auch gar nicht lange gedauert, bis er in der Liebe übersättigt war. Er konnte ein Mädchen nur noch lieben, also Befriedigung finden, wenn er sich vorher von ihr verprügeln ließ; das war der Haken. Andere verklemmte Männer waren nicht so anspruchsvoll. Das Mädchen musste bei dieser Orgie laut mitschreien, so tun, als würde es mitleiden. Außerdem sollte es ihn so raffiniert schlagen, dass es weh tat, aber keine Spuren zurückblieben. Natürlich kannten sich ihre Mädchen damit aus. Sie, Marietta, hatte ihnen die Technik gründlich beigebracht.

Lolita war prima gewesen. Wirklich, die Kleine verstand es am besten. Und jetzt quietschte sie nicht laut genug!

„Die will ich auf gar keinen Fall mehr, damit wir uns klar verstehen, Marietta.“

„Ich bin nicht taub, das hast du mir soeben schon einmal gesagt.“

Nun wurde seine Stimme bettelnd. „Du schickst mir doch bald eine, nicht wahr? Du lässt mich nicht lange warten?“

Marietta dachte: Ich könnte dich erdolchen!

„Morgen Nachmittag hab ich wieder Zeit. Also morgen schickst du mir ein anderes Mädchen, klar!“

„Woher nehmen, wenn nicht stehlen“, murmelte sie leise vor sich hin. Doch er hatte es nicht gehört.

Sie schaute in den prachtvollen Garten. Mein Gott, dachte sie bei sich, ich könnte wieder anständig werden, wenn man mir so etwas bieten würde. Wirklich! Und im Geiste sah sie eine Kinderschar auf der Wiese spielen. Welche Verschwendung! Hier so viel Platz, und bei ihr im Viertel lebten oft ganze Familien nur auf zwanzig Quadratmeter und spielen mussten die Kinder zwischen Unrat und Autos.

„Du hast mir noch nicht geantwortet, Marietta!“

Sie drehte sich um und musterte ihn. „Ich will sehen, was sich machen lässt. Natürlich steigt der Preis, klar?“

„Du bist verrückt!“

„Wirklich!“

Sie ging in die Diele und streifte sich die giftgrünen Handschuhe über.

„Ich will morgen eine Neue hier haben, oder unser Geschäft wird aufgelöst.“

Sie lachte lautlos. „Geschäft ist gut, wirklich köstlich, Went! Weißt du das, du bist ein ...“, aber dann sagte sie es doch nicht.

Sein Gesicht war schmal, und sie sah, wie er mit den Backenknochen spielte.

„Warum kommst du nicht zu mir, Marietta? Wir müssten uns doch vorzüglich ergänzen.“

„Ich?“, sagte sie gedehnt. „Da kann ich gleich zurückfragen: Warum mauerst du die Häuser, die du entwirfst, nicht auch selbst? Du hast doch auch Maurer gelernt.“

Er lachte auf.

„Also morgen, zwei Uhr. Ich werde allein sein. Und ich will mich nicht lumpen lassen, wenn du mir diesmal ein richtiges Püppchen schickst.“

Damit war sie entlassen.

Mit gerunzelter Stirn stand sie auf der Straße und suchte in ihrer Krokotasche nach den Wagenschlüsseln. Vornehm gekleidete Damen gingen an ihr vorüber. Wenn die wüssten, was ich bin, würden sie vor Schreck aufhören, Luft zu holen.

Ah, da waren ja die Schlüssel.

Marietta, die Puffmutter, wie sie sich selbst nannte, fuhr einen schicken Sportwagen, den ihre Mädchen für sie verdient hatten. Selbst früher Dirne gewesen, hatte sie sich gemausert und war in ihrem Beruf die Treppe hinaufgestolpert. Nun gehörte ihr das Haus. Sie behandelte die Mädchen anständig. Nichts von dem, nicht was man so in Büchern über weibliche Zuhälter lesen konnte. Nun ja, viele Kolleginnen waren wirklich so. Aber sie nicht.

Wenn sie auch manchmal gar zu gern so einer dummen faulen Hure ihre Meinung handgreiflich klargemacht hätte — ihr Geschäftssinn hielt sie davon ab. Ramponierte Ware brachte noch weniger ein. Nein, sie erledigte das viel raffinierter. Eine ungehorsame Nutte bekam mieses Essen und konnte zusehen, wie die Freundinnen sich an der Festtafel gütlich taten. Rangi, ihr chinesischer Koch, war eine Perle, und sie waren ein ausgezeichnetes Gespann. Er las ihr die Wünsche von den Augen ab; dafür bezog er aber auch ein fürstliches Gehalt. Marietta wusste, dass er eine große Familie davon unterhielt.

Aber jetzt durfte sie nicht an Rangi noch sonst was denken, sondern sie musste sich überlegen, woher sie eine neue Gespielin für Went bekam.

Ob sie Robert fragte? Aber der Zuhälter würde Verdacht schöpfen und zum Schluss das Geschäft zu seinen Gunsten abschließen.

Sie startete den Wagen und fuhr los. Jetzt hatte sie keine Lust, zur Pension zurückzufahren. Nur am Tage und gegen Morgen hielt sie sich dort auf. Ihre eigentliche Wohnung lag in einem Trabantenviertel. Dort war sie unbekannt, und man wusste nicht, welchen Beruf sie ausübte.

Marietta hatte hin und wieder auch eigene Kunden, die sie dann in ihrer Privatwohnung bediente. Sie waren so vornehm, dass sie nicht in die Pension kommen wollten. Überhaupt spielte das Nichtgesehenwerden eine große Rolle.

Während Sie in der Tiefgarage ihren Wagen abstellte, begegnete ihr eine junge Frau. Sie wohnten auf der gleichen Etage. Üblicherweise grüßten sie sich nur kurz und gingen auseinander. Warum Marietta sie diesmal näher betrachtete, wusste sie nicht. Vielleicht, weil sie sich einfach ablenken wollte.

Es war noch sehr früh, Ruth Lorenz, so hieß die junge Frau, hatte ihre täglichen Einkäufe erledigt.

„Der Blumenkohl sieht ja wirklich appetitlich aus“, sagte die Dirne im Fahrstuhl.

„Im Augenblick ist er im Angebot“, sagte Ruth Lorenz.

Die Stardirne dachte: Ob sie entsetzt wäre, wenn sie wüsste, was ich wirklich bin? Bei diesen jungen Frauen weiß man das nie.

Frau Lorenz musterte sie auch verstohlen, und ein kleiner Seufzer entschlüpfte ihr dabei.

Marietta lächelte sie an.

„Sie haben es wirklich gut“, sagte Ruth langsam.

„Warum?“

„Nun ja“, sagte sie zögernd. „Sie gehen arbeiten, brauchen also nicht den ganzen Tag in diesem Vorstadtviertel zu leben. Sie erleben etwas, so meine ich das! Mein Mann hat da so seine eigenen Ansichten, wissen Sie: verheiratete Frauen und noch arbeiten.“

„Ich bin gar nicht verheiratet“, sagte die Dirne.

„Ach so, dann ist das natürlich ganz etwas anderes.“

„Wieso?“

„Nun ja, Sie brauchen niemanden um Erlaubnis zu fragen“, sagte Ruth kleinlaut.

Marietta hatte kein Mitleid. Aber im Augenblick ärgerte es sie, dass diese junge Frau sich so ihrem Mann unterwarf.

„Wirklich?“, sagte sie mit gereizter Stimme. „Also, wenn ich auch verheiratet wäre, ließe ich mir doch keine Vorschriften machen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“

Ruth Lorenz blickte auf das Lämpchen, das ständig von einem Feld zum nächst höheren hüpfte.

„Was waren Sie denn von Beruf?“ Sie fragte nur, weil sie allein im Fahrstuhl waren.

„Früher war ich als Masseuse in einem Krankenhaus angestellt, mit Diplom und so.“

„Ja?“ Marietta war mit ihren Gedanken schon wieder bei dem schwierigen Kunden.

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und die beiden verließen die Kabine. Sie lächelten sich noch einmal flüchtig zu, dann ging jede in ihre Wohnung.

 

 

2

Ruth Lorenz brachte ihre Einkaufstasche in die Küche. Dann ging sie ins Wohnzimmer und zündete sich eine Zigarette an. Die Balkontür stand offen. Aus dem siebzehnten Stock hatte sie einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt, aber im Augenblick lag eine Dunstglocke darüber.

Die junge Frau seufzte wieder leise auf. Komisch, warum musste sie ausgerechnet heute die Nachbarin treffen?

Sonst traf man sich nur alle Jubeljahre. Heute früh hatte sie schon an die schicke, junge Frau denken müssen. Immer war sie nach der neusten Mode gekleidet. '

Aber das war es nicht, was sie neidisch werden ließ, sondern die Tatsache, dass sie berufstätig war. Sie durfte jeden Morgen dieses Viertel verlassen und in die Stadt fahren. Sie lernte andere Menschen kennen, und wenn es auch nur Kollegen und Kolleginnen waren, aber sie lebte nicht so eintönig wie hier.

Und heute Morgen beim Frühstück hatte sie noch mit ihrem Mann darüber gesprochen. Carl war Dekorateur und arbeitete als Angestellter in einem exklusiven Geschäftshaus in der Innenstadt.

Er hatte ihr gesagt: Schau, Liebling, was willst du denn? Du hast doch alles. Ich verstehe dich gar nicht. Andere Frauen müssen dich doch beneiden. Du kannst tun und lassen, was du willst; den ganzen Tag so einrichten, wie es dir passt.

Ich verdiene für uns beide. Vor der Hochzeit habe ich dir immer wieder gesagt: Ich werde es nie zulassen, dass meine Frau arbeiten gehen muss. Das ist kein Leben, das macht die Familie und die Ehe kaputt. Du kommst am Abend erschöpft nach Hause, bist todmüde, musst dann noch den Haushalt machen, einkaufen. Nein, nein, dann ist es mit der Gemütlichkeit zu Ende.

Übrigens, du warst doch so begeistert davon, hatte er zum Schluss gesagt, ihr den üblichen flüchtigen Abschiedskuss gegeben und war dann gegangen.

Jetzt, wo sie hier auf dem Balkon stand, musste sie wieder daran denken. Und seltsam, ein bitteres Lachen stieg in ihr hoch. Früher hatte sie es nicht so schlimm empfunden, aber mit jedem Tag wurde das Leben hier quälender für sie.

„Begeistert!“, sagte sie. „O ja, das war ich wirklich. Und meine Freundinnen haben mich beneidet, und ich dumme Gans habe mir noch etwas darauf eingebildet. Wenn ich damals nur gewusst hätte, wie es ist, verheiratet zu sein — zu Hause hocken zu müssen, zu warten — warten und nochmals zu warten.

Und angenehmes Leben? Wieder erklang das bittere Lachen.

Angenehmes Leben? O ja, sie hatten ihr Auskommen, Carl hatte in dieser Beziehung recht. Das hieß, sie konnten die teure Miete bezahlen, die Raten für die Möbel. Sie hatten einen kleinen Wagen, den Carl nur benutzte, damit er nicht gezwungen war, mit dem Bus zu fahren. Ja, sie konnten sogar ein paar Mark zurücklegen für einen Kaufhausurlaub. Und warum dies alles? Weil sie im Haushalt jeden Pfennig viermal umdrehte, sich verzweifelt ausdachte, wo man noch sparen konnte. Sie veränderte ihre Kleidung, damit man nicht sah, wie lange sie schon dieses Kleid und jenen Rock trug.

Sie wäre so gern öfter in die Stadt gefahren, nur um mal einen Bummel zu machen, sich in ein kleines Café zu setzen — um sich seelisch aufzutanken. Sie wollte ja gar nicht so viel. Sie war ja so schnell zufriedenzustellen. Aber auch das konnte sie nicht. Eine Busfahrt kostete 1,50 Mark. Man hatte ja die Trabantenstadt so weit hinausgebaut, dass die Frauen recht viel frische Luft bekamen. Diese grünen Witwen, die sie ja tagsüber waren.

Für diesen Fahrpreis konnte man schon wieder Brot oder etwas anderes zum Leben kaufen. So sah es aus mit ihrer Selbständigkeit.

Ruth drückte die Zigarette aus.

„Was ich bin? Eine moderne Sklavin meines Mannes. Das bin ich, sonst weiter nichts.“

Gemütlichkeit!

Das sah so aus: Carl kam abends nach Hause, erschöpft und müde. Er war ja schließlich der Verdiener, und ich hatte Rücksicht darauf zu nehmen. Zu Freunden fahren? Nein, das kommt nicht in Frage. Ich muss mich für morgen auftanken.

Abendessen und dann ins Wohnzimmer! Fernsehen! Will ich mich mal mit ihm unterhalten: „Gleich, Liebling, lass mich mal eben hören, was er sagt.“

Da schweige ich schon still und sage gar nichts mehr. Und er merkt es nicht einmal.

Würde ich arbeiten, dann hieße das vielleicht: Er müsse mich im Haushalt unterstützen und das geht dann von seiner Gemütlichkeit ab, oh, ich Narr! Wirklich, ich schafsköpfiger, dummer Narr! Nein, mir kann man nichts vormachen.

Und wenn ich nur ein paar Stunden am Tag arbeiten gehen könnte, grübelte sie weiter. Dann hätte ich mein eigenes Geld, würde rauskommen aus diesem Kasten. Mein Gott, er glaubt, ich wollte mich ins lüsterne Leben stürzen! Ich will doch nur arbeiten, unter Menschen kommen. Ist das so schwer zu verstehen?

Ihr Blick glitt an den langen Häuserfronten entlang. Ein Wolkenkratzer neben dem anderen., Fünfzigtausend Menschen auf einem Fleck! Dazwischen ein paar Grünanlagen, kleine Straßen, die Menschen sehen von hier wie kleine Ameisen aus.

„Ich halte es nicht mehr aus!“

 

 

3

Die Dirne in der Nachbarwohnung ließ währenddessen das Badewasser einlaufen. In der Wanne kamen ihr immer die besten Ideen. Warum sollte es diesmal nicht so sein? Jawohl, diesem sauberen Kunden würde sie ein Schnippchen schlagen. Er brauchte unbedingt einen Dämpfer. Aber welchen?

Der frische Duft von Apfelblüten stieg ihr in die Nase. Peitschen, dachte sie, wenn er so wild darauf ist — Himmel, warum denke ich nicht mal anders herum. Ich muss ihm ein Früchtchen servieren, dass ihn schier verrückt macht, aber auf ganz andere Art und Weise. Und dann kommt er zu mir und fleht mich an und dann ist Lolita gut genug, und ich mache mein Geschäft.

Womit konnte man einen Mann quälen, der auf Schläge nicht mehr reagierte? Marietta fühlte, dass Went auch derer schon überdrüssig war, es nur nicht zugeben wollte. Das konnte er auch gar nicht, was blieb ihm denn noch, um seine Gier nach Mädchenfleisch zu stillen?

„Ich müsste ihn wieder zu normalen Empfindungen bringen“, murmelte sie nachdenklich. Dann lachte sie laut auf.

„Da bringe ich ja eher einem Krokodil das Tanzen bei, als diesen Mann von seinem Problem zu erlösen.“

Nebenan wurde das Radio angedreht. Komische Nudel, dachte sie. Ich würde mir das nicht gefallen lassen. Na ja, nicht jede kann Haare auf den Zähnen haben. Was hat sie gesagt, was sie früher von Beruf war, Masseuse! Ja, richtig!

„Sadisten sind das“, murmelte sie. „Damals, als ich mir das Bein gebrochen hatte, kam auch so eine und wollte mich wieder fit machen. Verdammt weh hat das getan, wirklich!“

Plötzlich verengten sich ihre Augen.

„Massage, die moderne Folter!“ Sie kicherte vor sich hin.

„Siehst du, ich hab doch gewusst, dass mir in der Wanne die besten Ideen kommen. Und propper sieht die Kleine auch noch aus. Ein hübscher Happen, das weiß sie bloß nicht. Ein bisschen herausputzen und fertig. Donnerwetter, wenn ich das hinkriege! Ich werd verrückt.“

Schnell sprang sie aus dem Wasser und trocknete sich ab.

„Na warte, Bürschchen ich geb dir jetzt Saures!“

Unschlüssig blieb sie vor ihrem riesigen Kleiderschrank stehen. Sie durfte sich jetzt auf gar keinen Fall auffällig kleiden. Psychologie war ihr Steckenpferd. Zu einem guten Geschäft gehörte in ihrer Branche viel mehr als ein paar Dirnen, Räumlichkeiten und so weiter. Gerade in der heutigen Zeit musste man sich ganz speziell auf jeden einzelnen Kunden einstellen.

Früher besaßen die Reichen ihre eigenen Mätressen, die ihnen ganz allein zur Verfügung standen und ihre Launen erduldeten. Sie hatte ihren Mädchen eingeschärft, jeden Kunden so zu behandeln, als wäre er, gerade er, derjenige, auf den sie den ganzen Tag gewartet hätten. Schnelle Dreißig-Mark-Kunden wurden gar nicht eingelassen. Sie konnte mit Stolz sagen, dass sie in der Hauptsache gute und teure Kunden hatte. Das war auch für die Mädchen besser: Mit wenig Arbeit viel Geld verdienen, das hielt sie frisch und munter.

Aber jetzt wollte sie ihrem Stall kein neues Pferdchen einreihen, sondern sie musste die Nachbarin überreden, ihr einen kleinen Gefallen zu erweisen. Dafür musste sie ganz schlicht angezogen sein. Die andere hatte schon genug Komplexe, die durfte sie nicht fördern, im Gegenteil, sie musste ihr begreiflich machen, wie hinreißend sie war.

Marietta lächelte spitzbübisch vor sich hin. Das wäre ja gelacht, wenn ich das nicht schaffe, dachte sie.

So wählte sie ein ganz schlichtes weißes Kleid. Ihr Haar kam darin besonders gut zur Geltung. Schmuck legte sie nicht an. Ein wenig Schminke, und sie sah hinreißend aus.

Entschlossen klingelte sie bei ihrer Nachbarin. Rasch blickte sie auf das Schildchen. Lorenz hieß sie also. Nur nicht vergessen, sagte sie sich.

Ruth öffnete zögernd. Wenn jemand klingelte, dann waren das meistens Vertreter oder Hausierer. Ihre Freundinnen waren entweder berufstätig oder wohnten am Ende der Stadt und hatten Kinder.

Die Schwiegereltern wohnten auf dem Lande, und ihre Eltern waren nicht mehr am Leben. Um so überraschter war sie also, die Nachbarin vor ihrer Haustür zu sehen.

„Ja?“, sagte sie zögernd.

„Ach, Frau Lorenz, entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich habe Sie doch nicht bei irgendeiner Arbeit gestört?“

„Nein, nein, ich war gerade auf dem Balkon und habe eine Zigarette geraucht.“

Der Fahrstuhl ging auf und Menschen betraten den Flur. Die Dirne nutzte das aus und sagte schnell: „Ich möchte Sie etwas fragen — darf ich einen Augenblick hereinkommen?“

„Ja, natürlich. Entschuldigen Sie bitte“, sagte Ruth hastig. Sie war sehr verlegen. Die andere war so selbstsicher. So war sie auch einmal gewesen.

Die Stardirne musterte die kleine Diele, dann das Wohnzimmer: etwas spießbürgerlich, aber doch irgendwie gemütlich. Sie versucht, eine eigene Note zu zaubern, dachte sie, aber es wird wohl am nötigen Kleingeld fehlen.

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte Ruth Lorenz.

„Ja, das ist wirklich kein schlechter Gedanke — wenn ich Sie nur nicht aufhalte.“

„Ich habe Zeit bis zum Abend“, sagte Ruth spröde. „Und Sie dürfen es ruhig wissen. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Ja, wirklich! Ich war gerade in einer miesen Verfassung.“

Marietta folgte ihr in die Küche und sah ihr zu, wie sie den Kaffee aufbrühte. Fast hatte sie so etwas wie Mitleid mit der Jüngeren, denn das war sie bestimmt, obwohl sie mit ihren neunundzwanzig Jahren auch noch keine Greisin war.'

„Sie sollten wieder arbeiten gehen, Frau Lorenz. In der Tat, das schafft Abwechslung.“

Ruth lachte auf. „Das habe ich doch schon im Fahrstuhl gesagt.“ Dann schwieg sie und überlegte, drehte sich herum und sagte leise: „Komisch ist das doch. Da lebt man schon fast ein Jahr nebeneinander, sieht sich mal im Fahrstuhl, aber gesprochen haben wir doch erst heute zusammen. Und jetzt besuchen Sie mich sogar, ich finde das wirklich sehr nett.“

Marietta nahm die Tassen und Löffel und ging voran ins Wohnzimmer. Wenig später saßen sich die beiden so verschiedenen Frauen gegenüber. Ruth mit rotblonden Locken und grünlichen Augen und Marietta mit dichtem kastanienbraunem Haar.

Die Kleine sieht wirklich hübsch aus, muss sich nur mehr herausputzen, dachte Marietta.

„Ja, wissen Sie, vorhin haben Sie mir erzählt, dass Sie Masseuse sind, und da dachte ich ...“

Ruth stellte die Tasse ab und sagte lachend: „Wollen Sie vielleicht damit sagen, dass ich Sie massieren soll? Aber Sie haben doch kein Gebrechen?“

Die Dirne blickte sie erstaunt an. Wirklich, gar keine schlechte Idee! Massage hielt den Körper gesund und fit.

Warum eigentlich nicht?, dachte sie amüsiert. Besser kann ich es ja gar nicht haben. Sie wohnt nebenan und kann immer kommen, wenn ich sie haben will.

„Ja, sehen Sie, daran habe ich in der Tat gedacht. Wissen Sie, der Beruf ...“

„Was machen Sie denn?“, fragte Ruth harmlos.

Marietta, nicht auf den Kopf gefallen, sagte: „Ich bin Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen.“

Ruth, glaubte ihr das sofort, da es heute viele junge Geschäftsfrauen gab.

„Ja, ich würde wirklich von Ihrem Angebot Gebrauch machen, liebe Frau Lorenz. Wir müssen unbedingt darauf zurückkommen. Aber im Augenblick habe ich nicht an mich gedacht, sondern an einen Freund; das heißt, einen Geschäftsfreund. Er braucht dringend eine Massage — was heißt eine, natürlich eine ganze Menge.“

„Wieso kommen Sie gerade auf mich?“, erwiderte sie verwundert. „Wo Sie doch wissen, dass ich meinen Beruf gar nicht mehr ausübe.“

„Diese Idee kam mir vorhin im Fahrstuhl. Ich dachte gerade darüber nach. Es ist ein wenig kompliziert, wissen Sie. Außerdem hat er keine Zeit irgendwohin zu fahren. Die Masseuse müsste schon zu ihm ins Haus kommen. Ich habe schon überall angefragt, aber sie sind auf lange Zeit ausgebucht. Und dann, ich will Ihnen gleich reinen Wein einschenken: Der Geschäftsfreund, nun, bei ihm ist eine kleine Schraube locker, nichts Böses, nur so ein Tick. Und er hat mich so gebeten, ihm zu helfen. Ach, Frau Lorenz, hätten Sie nicht Lust? Natürlich bekämen Sie einen sehr guten Stundenlohn: sagen wir fünfzehn Mark für eine Massage, mit Fahrgeld also abgerundet zwanzig Mark.“

Ruth Lorenz machte große Augen. Bis jetzt war sie nur Angestellte gewesen und hatte Gehalt bezogen. So viel hatte man ihr nie gegeben.

Sie lachte etwas gekünstelt auf.

„Es ist wirklich verlockend, bestimmt! Aber ich sagte Ihnen doch, mein Mann will nichts davon wissen. Gar nichts. Noch heute Morgen habe ich mit ihm darüber gesprochen, dass ich so gern wieder arbeiten gehen möchte“.

Marietta lächelte hinreißend. „Hören Sie, liebe Frau Ruth — so darf ich Sie doch nennen? Sind Sie tatsächlich so naiv und erzählen Ihrem Gatten alles, was sie am Tage tun?“

„Nein, natürlich nicht. Es interessiert ihn auch gar nicht.“

„Und da zögern Sie noch?“

„Wieso?“, stotterte sie.

„Wenn Sie mir den kleinen Gefallen tun, und auch meinem Geschäftsfreund, ich meine, davon braucht Ihr Mann doch gar nichts zu erfahren. Wenn er nach Hause kommt, dann sind Sie doch längst zurück. Von zwei bis halb drei Uhr Massage, mit der Stadtbahn zurück, und sie sind um drei Uhr wieder hier.

Und was mich betrifft, nun, ich habe meistens morgens Zeit. Übrigens, ich könnte Ihnen noch mehr Kundinnen besorgen. Sie könnten dann zu Ihnen kommen, morgens, in die Wohnung. Oder wenn Ihnen das nicht zusagt, lade ich meine Freundinnen zu mir ein, und Sie können sie bei mir in die Mangel nehmen. Und bei mir gilt auch der Preis: zwanzig Mark, und Sie brauchen nicht einmal Fahrgeld auszugeben.“

Ruth war ganz aufgeregt. Sie dachte nach. Es klang wirklich verlockend. Wenn sie Glück hatte, konnte sie an fünf Tagen in der Woche zwanzig Mark verdienen, vielleicht sogar mehr. Aber das wären hundert Mark! Endlich eigenes Taschengeld, Menschen um sich haben, plaudern können!

Und sie würde sich ein kleines Sparbuch anlegen. Selbstständig denken! Ach, es war doch nicht verboten! Und Carl kam nicht zu kurz dabei. Später konnte sie ihm ja einmal alles gestehen, vielleicht nach vier, fünf Monaten.

Und wenn er sah, dass sie auflebte und die Gemütlichkeit trotzdem blieb, konnte sie vielleicht das kleine Kinderzimmer, das sie gar nicht brauchten, als Massageraum einrichten. Sicher kannte ihre Nachbarin viele Leute. Und wie sie kürzlich gelesen hatte, wurden Massagen wieder ganz modern. Viele übergewichtige Menschen glaubten doch tatsächlich, dadurch ihre Pfunde loswerden zu können.

„Haben Sie es sich überlegt? Ich brauche so eine Masseuse wie Sie, eine Frau mit Charme und Können.“

Ruth lächelte. „Ja, Sie haben recht. Warum soll ich es nicht tun? Wirklich, jetzt wenn ich alles überdenke, muss ich Ihnen sogar noch recht dankbar sein, dass Sie mich dazu auserwählt haben.“

„Aber ich bitte Sie!“, wehrte die Dirne ab. „Sie helfen mir, und mein Geschäftsfreund wird mir sehr dankbar sein.“

Sie stand auf. „Nun muss ich aber wirklich gehen. Ich war heute noch gar nicht im Geschäft.“

Die junge Frau brachte die Dirne zur Tür.

Marietta drehte sich herum. „Ich muss morgen in die Gegend fahren, wo mein Geschäftsfreund wohnt. Ich nehme Sie dann einfach mit, und unterwegs kann ich Ihnen erklären, wie das mit ihm ist; und Sie haben Zeit, sich ein wenig auf ihn einzustellen.“

„Ja, ich werde pünktlich sein.“

 

 

4

Die Edeltülle, wie die erfolgreichen Mädchen dieser Branche auch genannt wurden, stand vor ihrem venezianischen Wandspiegel und betrachtete ihr Gesicht eingehend.

Du bist doch ein Biest, sagte sie zu sich. Spannst diese naive Frau vor deinen Wagen! Und wenn jetzt etwas schiefgeht, was dann? Pah, überlegte sie weiter, hat jemals jemand auf mich Rücksicht genommen? Ich musste mich selbst durchboxen. Und überhaupt, sie soll doch nur ihren erlernten Beruf ausüben, mehr nicht. Ich bezahle sie schließlich fürstlich.

Natürlich weiß ich, dass Went nach einer Peitschenarie die Mädchen vernascht. Deswegen kommen sie ja zu ihm. Aber wenn das Frauchen ihn erst einmal gründlich in die Mangel genommen hat, dann wird ihm die Lust danach schon vergehen. Dafür will ich mein Bankkonto verwetten.

Nach dieser Spezialmassage wird er sich wie ein Opa vorkommen, und an Sex ist da nicht mehr zu denken. Also, warum soll ich mir das Gewissen belasten? Ist doch Unsinn.

Und außerdem habe ich jetzt keine Zeit mehr. Wenn ich mich heute nicht blicken lasse, werden sie vielleicht übermütig. Und dann muss ich noch sehen, dass ich Moddel finde. Er muss mal meinen Wagen nachsehen. Seit ein paar Tagen röchelt er so eigenartig.

Rasch schlüpfte sie aus dem schlichten Kleidchen, warf sich ein anderes von umwerfender Eleganz über und vertauschte dabei auch die Schuhe, Handtasche — und fertig. Über dem Kleid trug sei einen dezenten Mantel. In diesem Wohnviertel sollte nie jemand erfahren, welchen Beruf sie ausübte. Wenn das herauskommen sollte, konnte sie Ihre Koffer packen. Sie hatte Freundinnen, die sich alle Augenblicke eine andere Wohnung suchen mussten. Aber sie war wie gesagt vorsichtig, hielt sich an die Spielregeln, und seit einem Jahr klappte es vorzüglich.

Am nächsten Tag war Ruth Lorenz pünktlich zur Stelle. Sie war richtig aufgeregt. Die Dirne hatte ein mokantes Lächeln in den Mundwinkeln. Als die junge Frau den Sportwagen sah, hielt sie die Luft an.

„Sie müssen ja mächtig viel verdienen“, sagte sie ehrfürchtig.

„Es geht“, sagte Marietta gedehnt.

Sie fuhren aus der Tiefgarage.

„Na, haben Sie Ihrem Mann etwas erzählt?“

„Nein“, sagte Ruth, „das habe ich nicht. Später werde ich es tun.“

„Na, sehen Sie“, ermunterte die Dirne sie. „Ein bisschen muss man auch ein eigener Mensch sein.“

„Heiraten Sie deswegen nicht?“, wollte die Nachbarin wissen.

„Heira...“ Marietta schluckte an diesem Wort.

„Ja, wollen Sie nie heiraten?“

„Nein, beileibe nicht! Das würde mir noch gerade fehlen!“, lachte sie schallend.

Sie fuhren durch die Innenstadt.

„Die Wohnung meines Freundes liegt etwas außerhalb in einem Villenviertel. Und nun passen Sie schön auf: Tun Sie alles so, wie ich es Ihnen sage.“

„Ja, ich werde mich bemühen.“

„Also, zuerst einmal: Wenn Sie hineingehen, sagen Sie einfach, Sie kämen von mir, ich hätte Sie geschickt. Dann weiß er schon Bescheid. Sie dürfen sich an seinen Wesen nicht stören. Wissen Sie, er ist so reich, und solche Männer haben ihre Allüren. Zum Beispiel glaubt er felsenfest daran: Wenn man massiert wird, wird man vorher ein wenig gepeitscht, damit die Haut elastischer wird.“

Ruth sah sie entgeistert an.

„Wie bitte?“

„Natürlich werden Sie das nicht tun, auch wenn er Sie darum bittet. Denken Sie immer daran, dass er einen Tick hat. Aber vom Arzt ist ihm Massage dringend empfohlen worden. Sie walken ihn hübsch durch, und fest! Zeigen Sie ihr Meisterstück. Und wenn er sich wehren sollte, ich meine, von der Pritsche aufspringt — können Sie ihn dann bändigen?“

„Doch“, lächelte Ruth jetzt wieder. „Wir haben da unsere Tricks, wissen Sie? Die Männer im Krankenhaus damals haben sich auch zimperlich angestellt. Die konnten kein Wehwehchen vertragen.“

„Prächtig! Ich glaube, wir verstehen uns. Also, denken Sie immer daran: Wir beide, Sie und ich, wollen nur das Beste für Herrn Jaspers, so heißt Ihr Kunde.“

Marietta hatte ein boshaftes Grinsen auf den Lippen. Aber Ruth bemerkte es nicht. Sie blickte auf die Straße. In so schönen Häusern hätte sie auch gern gewohnt! Hier waren die Frauen bestimmt nicht so einsam und traurig. Na ja, man sollte nicht neidisch sein, das führte zu nichts.

„So, wir sind da!“, sagte die Dirne. „Nachher, oder wenn ich es nicht mehr schaffe, morgen früh — erstatten Sie mir Bericht, ja?“

„Gut! Sie können sich auf mich verlassen, Frau Gründer!“

„Und noch etwas, sagen Sie ihm zum Schluss, dass Sie jetzt jeden Tag kommen, ja?“

Ruth stieg aus. Sie lächelte. Marietta brauste davon. Zögernd ging die junge Frau weiter. Das war wirklich ein Prachtbau. Dann entdeckte sie die Klingel.

Wenig später öffnete ihr ein gutaussehender Mann. Went Jaspers runzelte die Brauen und starrte sie an.

„Ich kaufe nichts!“, fauchte er sie an.

„Ich bin keine Vertreterin“, sagte Ruth.

„Nicht? Sie sehen aber ganz danach aus. Was wollen Sie denn?“

„Frau Gründer schickt mich!“

„Wie bitte?“ Went starrte sie verblüfft an. „Marietta hat mich also nicht vergessen? Sie kommen für Lolita?“ Er war noch immer fassungslos.

„Darf ich hereinkommen?“

„Eh, ja, eh — ich weiß nicht. Sind Sie wirklich von Marietta?“

„Ja!“

Er schluckte. Donnerwetter, dachte er, die sieht ja wirklich wie eine Pensionsnudel aus.

„Hat Marietta mit dir gesprochen?“

„Ja.“

„Du kennst also meine speziellen Wünsche? Und du wirst dich danach richten?“

„Ja“, sagte Ruth ruhig. Dass er sie duzte, störte sie nicht. Hatte die Nachbarin nicht gesagt, er wäre ein wenig komisch? Nur nicht klein beigeben!

Dies war ihr erster Auftrag, also würde sie ihn zur Zufriedenheit ausfüllen. O ja, das hatte sie sich fest vorgenommen.

„Wo soll ich Sie verarzten?“

Went lachte lautlos. „Verarzten ist gut. Du hast es wohl sehr eilig, was, Süße? Aber du muss noch ein wenig warten. Ich muss erst auf Hochtouren kommen, klar?“

Damit führte er sie in einen kleinen Raum, in dessen Mitte eine Pritsche mit einem weißen Laken stand. Went war perfekt eingerichtet. Er musste nicht erst zu einer Dirne gehen, nein, sie kamen alle hübsch zu ihm.

Ruth sah die verschiedenen Peitschen an den Wänden und schluckte. Er glaubt tatsächlich daran, dachte sie. Und ich hab schon geglaubt, meine Nachbarin würde flunkern.

„Los, worauf wartest du noch?“

„Wieso?“, schrak sie zusammen.

„Willst du dich nicht umziehen? Du willst mich doch so nicht behandeln?“

„Entschuldigen Sie, selbstverständlich.“ Und sie wollte den Raum verlassen.

„Kannst dich ruhig hier ausziehen, ich tu es auch“, sagte er munter.

„Nein danke, ich ziehe einen eigenen Raum vor.“

„Püh!“, machte er und begann, sich zu entkleiden. „Nun ja, wollen wir uns mal überraschen lassen, wie sie ist.“

Ruth schlüpfte aus ihrem Kleid und zog sich einen weißen Kittel an. So konnte sie es bei der Arbeit nicht verschwitzen, und sie hatte außerdem mehr Bewegungsfreiheit.

Als sie den Raum betrat und Went sie erblickte, war er völlig überrascht. „He, hast du den Verstand verloren? Du siehst ja wie eine Masseuse aus?“

„Das bin ich auch“, erwiderte sie ruhig.

„Guter Witz, hahaha! Aber hör mal, sonst tragen die Mädchen immer schwarzes Leder.“

„Ich trage meinen weißen Kittel, wenn Sie nichts dagegen haben“, sagte sie kalt.

„Mit welcher Peitsche wirst du beginnen?“

Er holte mehrere von der Wand. Ruth schluckte.

„Legen Sie sich mal hin, wir werden schon sehen.“

„Bist wohl ein ganz eiskaltes Biest, was? Aber schrei bloß vernünftig, klar?“

„Wenn Sie nur nicht gleich schreien“, lachte sie ihn an.

Es machte ihr nichts aus, dass er nackt vor ihr stand. Das war sie von früher gewöhnt. Einige. Männer glaubten damals im Krankenhaus, ihr damit imponieren zu können.

Went legte sich voller Erwartung auf die Pritsche. Ruth holte ihr Massageöl und rieb ihm den Rücken ein.

„Was machst du denn da?“

„Damit die Haut geschmeidiger wird.“

Went verstummte. Hatte er nicht Marietta gesagt, er wolle etwas anderes, etwas Ausgefallenes haben. Beim Teufel, die Kleine war wirklich ausgefallen! Und zu seiner Verwunderung spürte er schon ein leises Prickeln in der Lendengegend. Sonst war das erst aufgetaucht, wenn er ordentlich durchgepeitscht worden war. Mit zitternder Erregung erwartete er den ersten Schlag.

„Auaauu!“, schrie er, als Ruth den ersten Griff in seine versteiften Muskeln tat.

„Bist du verrückt! Hör sofort auf, mich in Stücke zu reißen!“

„Ruhig, ich muss mich konzentrieren!“, rief Ruth zurück.

„Au! Au!“, jammerte er immer wieder. „Hör auf, hör auf, das ist ja nicht zu ertragen!“

In der Tat, Ruth leistete ganze Arbeit. Und der Mann wand sich unter ihren Griffen wie ein Aal auf dem Trockenen.

„Verflucht, ich bring dich um“, stieß er wütend hervor.

„Nachher dürfen Sie es. Das heißt, wenn Sie dann noch Lust dazu haben“, rief sie fröhlich.

Als er glaubte, sie wollte ihn ermorden, versuchte er aufzuspringen. Aber da kam er an die Richtige! Ein Griff in seine Nackenwirbel — aber was für ein Griff! — und er sank wie ein nasser Waschlappen auf die Pritsche zurück.

War sie vielleicht aus einer Irrenanstalt entsprungen? Sie brach ihn ja entzwei! Bestimmt hatte er keinen heilen Knochen mehr. Wie der Satan persönlich walkte sie seinen Körper durch.

War er denn nicht Manns genug, um diesen Vampir von sich zu schleudern? Er war ihr richtig hilflos ausgeliefert.

„Wann hörst du auf, verflucht, hör endlich auf, mich so zu quälen! Du folterst mich!“

„Gleich ist alles überstanden, Herr Jaspers. Und Sie werden sehen, hinterher verspüren Sie große Erleichterung. Sie werden mir noch dankbar sein.“

„Dankbar?“, röchelte er. „Ich soll dankbar sein, wenn Sie aus mir einen Krüppel gemacht haben?“

Noch ein Klatsch zwischen die Schulterblätter und dann die perversfröhliche Stimme, so kam es jedenfalls Went vor: „Fertig, mein Herr!“

Sie war fertig. Die Nase auf die Pritsche gepresst, lag er für Sekunden wie tot da.

„Fertig, habe ich gesagt. Oder wollen Sie noch mehr?“

„Nein!“, schrie er und wollte wie ein Jüngling aufspringen. Doch nur ein Tattergreis war noch vorhanden.

„Sie Blutegel, Sie Sklavenschinderin, Sie Dracula, Sie, Sie ...“, so beschimpfte er sie am laufenden Band.

Ruth zog sich um und rief durch den Türspalt: „In ein paar Tagen werden Sie ganz anders von mir denken, wirklich, Herr Jaspers.“

„Sie müssten polizeilich verboten werden“, röchelte er.

Ruth Lorenz kam ins Zimmer zurück. Went schaute sie an. „Kommst du tatsächlich von Marietta?“

„Ja, das habe ich doch gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft gesagt. Und ich soll Sie auch grüßen.“

„Nein“, flehte er.

„Doch! Und Sie sollen sie anrufen und ihr sagen, ob Sie mit mir zufrieden waren.“

„Bei Gott, ich werde ihr eine Bombe schicken, jawohl!“

„Passt es Ihnen morgen um die gleiche Zeit?“

„Waaas!“, schrie er sie an. „Sie wollen mir doch damit nicht sagen, dass Sie morgen wiederkommen wollen?“

„Aber selbstverständlich“, lachte sie ihn an. „Für Sie brauche ich mindestens vier Wochen, dann habe ich Sie wieder fit.“

„Ich werde Polizeischutz anfordern“, stöhnte er.

„Und jetzt bekomme ich für die Behandlung zwanzig Mark.“

Er humpelte zu seinem Schreibtisch. „Hier hast du hundert Mark, Süße. Mach dir einen schönen Tag. Vergiss, was war, aber schwöre mir, dass du nie wiederkommst“

Ruth kramte achtzig Mark aus ihrer Tasche und legte sie ihm auf den Schreibtisch.

„Frau Gründer sagt, zwanzig Mark ist mein Lohn, und mehr will ich nicht haben!“ Und sie ging davon.

 

 

5

Went Jaspers kam ins Büro gehumpelt. Natürlich machte er alles viel schlimmer, als es in Wirklichkeit war. Sein Angestellter Teddy Lanner, eigentlich hieß er Theodor, sah ihn verwundert an. Er wusste von den Eigenheiten seines Chefs. Im Herzen sagte er sich: Wenn ich so viel Geld hätte, hätte ich ganz bestimmt keinen Knacks. Ich würde mein Leben genießen.

„Was ist denn Ihnen passiert?“ Er versuchte, seine Stimme teilnehmend erklingen zu lassen.

„Ich bin einem niederträchtigen Satansweib in die Hände gefallen“, seufzte Went elegisch auf.

„Herr Jaspers, Sie wollen doch geschlagen werden. Aber es war wohl zu viel, was?“ Er grinste.

„Lachen Sie mich nicht aus“, knurrte sein Chef. „Außerdem, wenn sie mich doch nur geprügelt hätte!“

„Schlimmer? Gibt es das denn?“

„Dieser verdammten Dirne werde ich heimleuchten! Mir so ein hintertückisches Weib ins Haus zu schicken!“

Details

Seiten
107
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938142
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537697
Schlagworte
redlight street masseuse charme

Autor

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Titel: Redlight Street #129: Masseuse mit Charme gesucht