Lade Inhalt...

Keilows letzter Ritt

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Keilows letzter Ritt

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

Keilows letzter Ritt

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Lee Flannagan und Jeff Keilow, sie waren einmal Partner gewesen, doch nun sind sie Gegner. Trotzdem will Lee Flannagan nicht mit McLeod, dem Wells Fargo Sicherheitsboss, reiten. Auch nicht, als dieser ihm berichtet, dass sein jüngerer Bruder Sid nun mit dem Banditen Jeff Keilow reitet und steckbrieflich gesucht wird. Lee hat vor, seinen Bruder selbst von Keilow wegzuholen, um ihn vor dem Strick zu retten. Doch Sid denkt gar nicht daran, mit seinem Bruder zu gehen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Der Schuss brach sich an den sonnendurchglühten Felsen.

Lee Flannagans Pferd zuckte zusammen. Sofort riss der sehnige Reiter die Füße aus den Bügeln und schlitterte in einem Schwall von Geröll den Hang hinab. Das Wiehern des Braunen füllte seine Ohren. Keuchend rollte er hinter einen Felsblock. Die Rechte umspannte den langläufigen 44er Colt, aber nichts regte sich mehr. Der Hengst lag fünf Schritte seitlich von Lee. Die Winchester war unter dem schweren Körper festgeklemmt.

Misstrauisch tastete Lee Flannagans Blick die Felsränder ab. Die Kugel war von der Klippe schräg über ihm abgefeuert worden. Lee dachte an die Verfolger, schüttelte jedoch den Kopf. So versessen die Hacketts auch auf seinen Skalp waren, sie konnten ihn unmöglich eingeholt haben. Zuletzt hatte er sie bei Tagesanbruch als drei stecknadelkopfgroße Punkte weit hinter sich bemerkt, von der tagelangen Jagd quer durch die Gila Wüste gewiss genauso mitgenommen wie er selbst. Lee wurde das Gefühl nicht los, dass der unsichtbare Schütze das Pferd und nicht ihn aufs Korn genommen hatte.

Er biss die Zähne zusammen. Mit jeder Minute rückten die Verfolger näher. Vor Jahren hatte er Bob Hackett, den Anführer des berüchtigten Clans, im Zweikampf erschossen. Inzwischen waren nur noch Mitch, Cass und Dude übrig. Lee hatte keine Ahnung, wie sie ihn nach so langer Zeit auf dem Rancho am Gila River aufgestöbert hatten.

Vorsichtig stand Lee auf. Nichts geschah. Da lief er geduckt zu dem toten Pferd, löste die Canteen Flasche vom Sattel und hängte sich den Riemen über die Schulter. Die Flasche war noch halb gefüllt. Wasser gab’s erst wieder in Lonewells, dreißig Meilen südlich. Ein Reiter schaffte die Strecke an einem Tag, doch ein Mann zu Fuß?

Verbissen kletterte Lee den felsigen Hang hinauf. Dabei lauschte er angestrengt. Unbehelligt erreichte Lee die Klippe. Eine Patronenhülse blinkte in der Sonne. Daneben entdeckte Lee eine Stiefelspur. Zwanzig Yards entfernt fand Lee die Abdrücke lederumwickelter Hufe. Sie verloren sich im Gewirr der Felsen entlang der Talkante.

Flimmernde Weite dehnte sich vor Lee. Keine Spur durchzog sie, keine Bewegung war zu erkennen. Nirgends gab’s ein Fleckchen Grün, nur Sand und Steine unter der Flammenkuppel des Arizonahimmels.

 

 

2

Sechs Stunden später hob Lee mit zittriger Hand die Canteen Flasche an die aufgesprungenen Lippen. Sie war leer. Die Sonne saugte alle Feuchtigkeit aus seinem Körper, ein riesiger Feuerball, unter dem die Ebene flimmerte. Kein Strauch oder Felsen spendete Schatten. In der Ferne schlängelte sich eine Linie nach Westen, der Saum eines ausgetrockneten Flussbetts.

Lees Knie wackelten. Eine Kruste aus Staub und Schweiß bedeckte das unrasierte Gesicht. Der Colt im tiefgeschnallten Holster kam ihm zentnerschwer vor. Außer einigen Münzen in den Hosentaschen war die Waffe sein einziger Besitz. Dabei hatte er gehofft, dass seine Vergangenheit als Revolverkämpfer mit Bob Hackett begraben worden war.

Im Geist sah er die verkohlten Trümmer seines Rancho, die umgerissenen Zaunpfosten, die von der Hitze aufgeblähten Kadaver der blindwütig erschossenen Longhorn Stiere: Hackett-Arbeit. Er verdankte es nur seiner Wachsamkeit und blitzschnellen Reaktion, dass er den Kugeln der im Hinterhalt lauernden Brandstifter entgangen war. Es waren Vettern, üble Raufbolde, Schießer und Rustler. Für Jahre waren sie von der Bildfläche verschwunden gewesen - in den Steinbrüchen von Yuma.

Aus zusammengekniffenen Augen spähte Lee auf der Fährte zurück. Keine Reiter, keine Staubfahne. Stattdessen zeichnete sich ein dunkler Streifen über den Bodenwellen weit hinter ihm ab.

Lees Herz klopfte schneller. Noch brannte die Sonne mit unverminderter Heftigkeit. Kein Lufthauch bewegte sich. Doch im Norden über dem Gila River braute sich zweifellos ein Sandsturm zusammen. Wenn der Sturm ihn auf der Ebene überraschte, brauchten die Hacketts kein Blei mehr an ihn zu verschwenden. Verbissen setzte Lee Fuß vor Fuß. Der Sand knirschte. Durch die Stiefelsohlen spürte Lee die Hitze.

Jeder Stein, jedes Sandkorn reflektierte gleißende Helligkeit. Schlangen, Eidechsen und Skorpione hatten sich vor der sengenden Glut unter die Erde geflüchtet. Die Wüste schien tot. Benommenheit umnebelte Lees Gehirn.

Als er Hufgestampfe und metallisches Klirren hörte, glaubte Lee, die Sinne spielten ihm einen Streich.

»Flannagan!« Der heisere Ruf war keine Täuschung. Schwankend blieb Lee stehen. Drei Reiter kamen auf ihn zu. Sie waren hinter einer nahen Bodenwelle verborgen gewesen. Es waren nicht die Hacketts. Trotzdem brachte Lee die Hand an den Coltkolben.

Doch gegen die beiden auf ihn gerichteten Gewehre besaß er keine Chance. Seine Bedroher sahen verwildert und gefährlich aus. Doch Lee wusste, dass er selbst kein anderes Bild bot. Allerdings gefiel ihm ihr Grinsen nicht. Er dachte an die Patronenhülse, die er bei der Klippe gefunden hatte.

Der Mann in der Mitte besaß zwar auch ein Gewehr, aber es steckte im Sattelfutteral. Er war mittelgroß und bullig, der schwarze Anzug staubgepudert. Ein buschiger Schnurrbart verdeckte die Mundwinkel. Das grobschlächtige Gesicht wirkte brutal, die hellblauen Augen intelligent und verschlagen. Ein reiterloses Pferd war an dem starkknochigen Grauen festgeleint. Die Wasserflasche am Sattel zog Lees Blick an.

Der Schnurrbärtige grinste.

»Das Pferd gehört Ihnen, Flannagan, wenn wir uns einig werden.«

»Wer, zum Teufel, sind Sie?«

»Morris McLeod, Sicherheitsboss der Wells Fargo für Arizona. Ich wollte Sie eigentlich auf Ihrem Rancho besuchen, aber da waren die Hackett-Vettern bereits hinter Ihnen her.«

»Sie wissen gut Bescheid.«

»Das gehört zu meinem Job«, erwiderte McLeod mit neuerlichem Grinsen. Lee zwang sich, nicht wieder auf die Sattelflaschen zu starren. Jede Faser in ihm lechzte nach Flüssigkeit.

»Was wollen Sie?«

»Ein Geschäft mit Ihnen abschließen.«

»Keine Erpressung?«

Der Wells Fargo-Mann hob die Schultern.

»Ich kann’s mir nicht leisten, wählerisch zu sein. Ich brauch’ Sie, Flannagan. Und nach allem, was ich über Sie erfuhr, glaub ich nicht, dass Sie für Geld bereit wären, wieder als Revolvermann zu reiten.«

»Gegen wen?«

»Eins nach dem anderen, Flannagan. Beginnen wir damit, dass Sie und Jeff Keilow mal Partner waren und mit der gemeinsamen Kämpfer-Crew im Südwesten als unbesiegbar galten.«

»Unsere Wege haben sich längst getrennt.«

»Eben.« McLeod beugte sich vor. Ein Lauern war in seinen Augen. »Weiß der Teufel, wie’s zuging, dass Keilow sich plötzlich auf der falschen Seite des Zauns befand. Vielleicht wollte er einfach nur schnell ans große Geld. Jedenfalls hängt sein Steckbrief seit einem Jahr in jedem Sheriffs Office aus. Er gilt als Boss der zur Zeit gefährlichsten Bande von Arizona. Die Spezialität sind Überfälle auf Wells Fargo Banken und Transporte. Inzwischen sind fünftausend Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt.«

»Ich werde Ihnen ganz sicher nicht helfen, die Bucks zu verdienen.«

McLeod drehte den massigen Kopf zur Seite und spuckte aus.

»Für mich geht’s um ’ne Menge mehr, Flannagan. Ich bin für die Sicherheit der Company in diesem Land verantwortlich. Keilow hat uns schwere Verluste zugefügt. Niemand weiß, wann und wo er wieder zuschlägt. Meine Position steht auf dem Spiel, wenn ich ihn nicht endlich zur Strecke bringe.«

»Ich hab für Geld gekämpft, in der einen oder anderen Stadt auch den Stern getragen, aber ich bin kein Menschenjäger.«

»Keilow ist ein Bandit, dem der Strick oder die Kugel zukommt.« Wut flammte unvermittelt in McLeods Augen. »Die Bande haust irgendwo in den Galiuro Mountains. Ich bin sicher, Sie kennen den Schlupfwinkel. Damals als Black Tom mit seinen Schießern Jagd auf euch machte, seid ihr in den Galiuros untergetaucht.«

»Das ist lange her.«

»Nicht so lange, dass Sie dort nicht jeden Pfad und Winkel kennen. Flannagan, ich lass Ihnen keine Wahl. Sie kommen nicht mehr aus diesem verdammten Sandloch raus, wenn Sie sich weigern, mich zu Keilow zu führen.« Er deutete mit einer Kinnbewegung an Lee vorbei. Der dunkle Streifen über den Bodenwellen im Norden wuchs zu einer unheimlichen schwarzen Wand, die sich auf die Sonne zuschob. »Nach Lonewells sind’s zwar nur noch fünfzehn Meilen, aber ohne Pferd schaffen Sie’s nicht. Entweder erwischen die Hacketts Sie oder der Sandsturm.«

»Nun weiß ich, von wem die Burschen den Tipp mit dem Rancho am Gila River bekamen - und wer meinem Pferd ’ne Kugel verpasste, als ich drauf und dran war, sie abzuhängen.«

»Vermutungen ... Flannagan. Wie gesagt, ich bin nicht wählerisch. Und der Einfluss von Wells Fargo Company steht hinter mir. Sobald ich Ihr Wort hab, bedeuten die Hacketts kein Problem mehr für Sie. Ich brauch nur zwei Schüsse abzufeuern, dann sind in fünf Minuten Jacksons und Wilbies Partner hier, eine Mannschaft hartgesottener Kopfgeldjäger ... He, wohin wollen Sie, Flannagan?«

»Lonewells.« Lee stapfte an den Reitern vorbei. Die Gewehre bewegten sich mit, aber er beachtete sie nicht. Seine Augen brannten sich in dem im Sonnenglast verschwimmenden Strich fest, der den tief eingeschnittenen Arroyo markierte.

Ein Fluch ertönte hinter ihm, dann schaufelten die Hufe. Die Reiter überholten ihn. Den beiden Kopfgeldjägern war anzusehen, dass sie nicht zögern würden, zu schießen, wenn Lee zum Colt griff. McLeod versperrte ihm den Weg.

»Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Sie wie ein Hund hier draußen krepieren wollen, Flannagan, doch vielleicht sollten Sie wissen, dass es auch um den Skalp Ihres Bruders geht.«

Lee war mit zwei Schritten bei dem bulligen Reiter.

»Wenn Sie Sid in die Sache reinziehen ...«

Der Druck eines Gewehrlaufs zwang ihn, die Fäuste sinken zu lassen. Die Pferde prusteten. Jeder Schweißtropfen, der sich auf ihrem Fell bildete, verdunstete fast sofort.

»Ihr Bruder steckt bereits mittendrin.« McLeod zog ein Papier aus der Satteltasche und gab es Lee. Es war ein Steckbrief.

»Dead or alive«, stand in großen Lettern darauf. Lees Hände zitterten, als er das Konterfei seines zehn Jahre jüngeren Bruders erkannte, ein junges, verwegenes Draufgängergesicht, an dem kein Girl vorbeisah. Es war nach einem Foto gezeichnet, das Sid vor einem Jahr in Tucson von sich hatte machen lassen. Lee hatte ihm damals einen Job auf der Ranch eines früheren Auftraggebers verschafft.

»Der Junge wurde nicht glücklich dabei«, erklärte McLeod, als hätte er Lees Gedanken erraten. »Seit etwa drei Monaten reitet er in Keilows Horde. Er scheint ’ne besondere Stellung einzunehmen - als Keilows Leibwächter.«

»Das passt zu keinem der beiden.«

»Sie sind nicht auf dem Laufenden, Flannagan. Keilow hat sich die Revolverhand offenbar bei einem Überfall verletzt. Seitdem trägt er rechts einen schwarzen Handschuh und benutzt zum Schießen nur die Linke. Er ist damit längst nicht so gut. Ihr Bruder dagegen scheint in Ihren Fußstapfen zu wandeln, ein wahrer Teufelsbraten mit der Kanone. Nur wird er als Bodyguard garantiert nicht alt.«

»Sie bluffen!« Lee zerriss das Blatt. »Der Steckbrief wurde von keinem Richter ausgestellt. Er ist das Papier nicht wert.«

»Fragen Sie Jackson und Wilbie. Die beiden wissen wie jedermann in Arizona, dass die Company auch ohne Haftbefehl und Gerichtsbeschluss für die tausend Dollar Belohnung geradesteht. Ich hab noch neunundneunzig Exemplare von dem Steckbrief in der Satteltasche. Es liegt an Ihnen, ob sie in den nächsten Tagen übers ganze Land verteilt werden.«

»Sid ist kein Bandit.«

»Er ist auf dem besten Weg, einer zu werden - wenn Keilow nicht bald aus dem Verkehr gezogen wird. Nun? Wollen Sie’s sich nicht doch überlegen?« Grinsend hob McLeod die Sattelflasche und trank. Das Gluckern der Flüssigkeit machte Lee fast rasend. »Viel Zeit bleibt nicht«, bemerkte der Wells Fargo Agent beiläufig. »Dahinten kommen die Hacketts.«

Lee tat, als wollte er sich umdrehen. Aus der Bewegung heraus warf er sich gegen McLeod, damit die beiden anderen nicht schießen konnten. Gleichzeitig zog er - viel zu langsam allerdings. Durst und Hitze hatten ihn geschwächt. Die Waffe war noch nicht ganz aus dem Holster, als McLeod fluchend das Pferd zur Seite riss und mit dem Revolver zuschlug.

»Verdammter Narr!«, verstand Lee. Dann lag er mit dem Gesicht im Sand.

 

 

3

Mitch Hackett war ein hagerer Vierziger mit gebrochenem Nasenbein und einer von der rechten Schläfe zum Kinn verlaufenden Narbe. Cass besaß die gleiche Statur, war aber zwölf Jahre jünger. Auch sein Gesicht trug die Spuren von Faust und Messerkämpfen. Dude, mit vierundzwanzig das Küken des Trios, wirkte klotzig und untersetzt. Der Bart und die Jahre in den Steinbrüchen ließen ihn älter aussehen.

Allen dreien haftete etwas Wölfisches an. Sie folgten Lees Spur durch den Arroyo. Nach hundert Yards zügelte Mitch den Wallach. Die Fußabdrücke des Flüchtenden verschwanden in einer Entfernung von weiteren hundert Yards in der Kerbe einer langgestreckten Bodenwelle. Inzwischen waren zwei Drittel des Firmaments pechschwarz. Gespenstisches Dämmerlicht lag über der Wüste. Es war völlig windstill.

Mitch schüttelte den Kopf.

»Flannagan spinnt. Er schafft keine Meile mehr. Der Sturm wird uns die Arbeit abnehmen. Wenn wir weiterreiten, sind wir geliefert.« Er wendete.

Seine Vettern schlossen sich an. So weit das Auge reichte, bot das Trockenbett den einzigen Schutz vor dem bevorstehenden Unwetter.

Die erste Bö traf sie auf halber Strecke. Eine Staubwolke umwirbelte sie. Die Pferde spürten die Gefahr und wieherten ängstlich.

»Schneller!«, schrie Mitch.

Dann waren sie am Hang. Ein Pfeifen kam von Norden. Dude deutete auf die Klippen, die am Fuß der Böschung eine Art Unterstand bildeten.

»Bei den Felsen sind wir sicher.«

Sie trieben die Pferde darauf zu. Aus dem Pfeifen wurde ein Orgeln, dann stand plötzlich eine turmhohe Sandwoge über dem nördlichen Rand des Flussbetts.

Dude stieß einen entsetzten Schrei aus. Cass’ Pferd scheute. Der Sturm stürzte sich wie ein brüllendes Ungeheuer auf sie, wirbelte sie auseinander und überschüttete sie mit Massen von brodelndem Sand.

Mitch erreichte die Klippen zu Fuß. Keuchend zog er sein Pferd mit. Dann tauchte Dude stolpernd neben ihm auf, ebenfalls das Pferd am Zügel.

Die Felsen schienen zu vibrieren. Der Sturm trieb Tonnen von Sand über die Wüste. Wer jetzt auf offener Fläche war, für den gab’s kaum mehr eine Chance. Sturzbäche aus Sand ergossen sich über die Felsen. Die Sicht reichte nur mehr wenige Yards.

»Cass!«, krächzte der jüngere Hackett. Mit brennenden Augen starrte er in die sturmdurchtoste Dunkelheit.

»Cass!«, wiederholte Mitch, aber der Sturm brüllte hundertmal lauter.

Mitch feuerte einen Schuss ab, damit Cass die Felsen fand. Doch Cass blieb verschwunden.

»Vielleicht hat der Gaul ihn abgeworfen!«, keuchte Dude. »He, was machst du?«

Mitch knotete zwei Lassos zusammen, band das eine Ende an einen Felsen, das andere an seinen Gürtel.

»Bleib hier! Ich such ihn.«

Er band das Halstuch vor die untere Gesichtshälfte. Der Kinnriemen hielt den Stetson. Es war, als würde er in einen kochenden Ozean aus Sand tauchen. Der Sturm zerrte mit gierigen Krallen an ihm. Er musste sich mit aller Kraft einstemmen. Nach einem Dutzend Schritten konnte er die Klippen nicht mehr sehen. Ohne Lasso würde er nie zurückfinden. Mühsam kämpfte er sich voran. Er konnte kaum atmen. Die vielen sturmgepeitschten Sandkörner stachen wie Nadeln.

»Cass, verdammt, wo steckst du?«

Das Seil war fast abgerollt. Da stieß er auf ein Hindernis - einen schlaffen Körper.

»Cass!« Er bückte sich, tastete, spürte das mit Sand vermischte Blut.

Die Kugel hatte Cass ins Herz getroffen. Im Toben der entfesselten Elemente war der Schuss nicht zu hören gewesen. Aus den Augenwinkeln sah Mitch eine schattenhafte Bewegung. Sein Colt blitzte.

Doch nur der Fetzen eines schrillen Wieherns antwortete: Cass’ Pferd. Der Bandit fluchte. Da tauchte wieder ein Schatten auf. Mitch erkannte die Umrisse einer menschlichen Gestalt. Die Schüsse krachten gleichzeitig.

Hackett zuckte zusammen, krümmte sich und fiel vornüber. Die Gestalt näherte sich, beugte sich über ihn. Mitchs Bandana war verrutscht.

»Flannagan«, murmelte er. Dann fiel sein Kopf zur Seite. Er atmete nicht mehr.

Lee löste das Seil. Cass’ Wasserflasche hing an seinem Gürtel. Der Sechsschüsser steckte unter der Jacke.

Lees Muskeln schmerzten, der Puls hämmerte. Der Sand drohte ihn zu ersticken, so dass er sich keine Zeit für einen Schluck nahm. Stattdessen begann er das Seil aufzurollen.

Lee hatte im Arroyo gelauert, als die Verfolger umkehrten. Die falsche Fährte hatte sie getäuscht. Auch McLeod und die Kopfgeldjäger waren bestimmt rechtzeitig vor dem Sturm in Deckung gegangen. Im Moment verschwendete Lee keinen Gedanken an sie. Das Seil führte ihn zu den Klippen. Das wütende Zerren und Brüllen der Elemente ließ nach.

Erschöpft kauerte Lee nieder. Die Pferde waren undeutliche Schatten. Lee wusste, dass auch Dude in der Nähe war, aber er brauchte nun endlich einen »Drink«. Die Sattelflasche enthielt lauwarme, abgestandene Brühe. Doch für einen von der Wüste ausgelaugten Mann war das eine Kostbarkeit.

Eine Gestalt kroch zu ihm. Ein bärtiges Gesicht näherte sich dem seinen. Obwohl die Felsen die größte Wucht des Sturms abfingen, musste Dude Hackett schreien, damit er zu verstehen war.

»Was ist? Hast du ihn gefunden?«

Zu spät erkannte Dude, dass es nicht sein Vetter war. Fluchend brachte er noch die Hand an den Sechsschüsser. Da traf Lees Coltlauf seine Stirn.

 

 

4

Fahles Mondlicht lag auf den Dächern von Lonewells. An den der Wüste zugewandten Bretterwänden türmten sich Sandwehen. Zäune waren umgestürzt, Pfosten geknickt. Ballen dürren Gestrüpps hatten sich darin verfangen. Eine dicke Staubschicht schwamm auf dem Brunnentrog hinter dem Mietstall.

Trotzdem senkte Lees Brauner durstig den Kopf. Das Pferd hatte Mitch Hackett gehört, ebenso die Winchester, deren Kolben aus dem Sattelfutteral ragte. Neugierig äugten die Gäule im Corral herüber. Der Graue mit der weißen Stirnblesse gehörte McLeod.

Lees Hände ruhten auf dem Sattelknauf. Er hatte die dunkle Gestalt an der Ecke bereits bemerkt, reagierte aber nicht. Ein Gewehrlauf blinkte.

»Du bist ziemlich spät dran, Mister.«

Lees Spur verriet, dass er aus der Wüste kam. Er drehte den Kopf gerade so weit, dass sein Gesicht im Schatten der Stetsonkrempe blieb. Die Nacht war wie stets am Rand der Wüste ziemlich kühl. Deshalb fiel es nicht auf, dass Lee den Jackenkragen hoch gestellt hatte.

»Na und?«

Sporen klirrten. Der Gewehrbesitzer trat ins Mondlicht. Lee war überzeugt, dass es einer von McLeods Kopfgeldjägern war, ein drahtiger, dunkelhäutiger Bursche. An den Nähten seiner Wildlederhose funkelten Zierknöpfe. Colt und Bowiemesser hingen am Gürtel.

»Woher kommst du?«

»Mann, du hast mich doch beobachtet, als ich über die letzte Bodenwelle ritt.«

»Ein ganz Schlauer, was?« Die Sporen klirrten wieder. Mit erhobener Waffe kam der Drahtige näher. Seine Zähne schimmerten.

»Ich will trotzdem eine Antwort.«

»Maricopa«, brummte Lee, und einem plötzlichen Einfall folgend: »McLeod erwartet mich.«

Überraschung spiegelte sich auf dem Gesicht des Postens.

»Davon weiß ich nichts.« Er machte noch einen Schritt, um Lee ins Gesicht zu sehen. »Wer bist du?«

»Flannagan.« Lees Stiefelspitze schnellte vor, prellte dem Kopfgeldjäger das Gewehr aus den Fäusten. Da warf Lee sich schon auf ihn. Ein Hieb mit dem Sechsschüsser betäubte den Mann. Sofort schleifte Lee ihn in den Schatten. Dann lauschte er, aber nichts rührte sich. Die Stadt, wenn die Ansammlung von einem Dutzend Brettergebäuden mit den dazugehörigen Schuppen und Anbauten diese Bezeichnung verdiente, wirkte ausgestorben.

Lee fesselte und knebelte den Wächter. Er benutzte dazu das Halstuch des Drahtigen und die Riemen, die er in seinen Taschen fand. Inzwischen löschte der Braune seinen Durst. Lee führte ihn um den Mietstall herum. Die Fenster entlang der Main Street waren dunkel. Nur im Saloon herrschte Betrieb. Heiseres Grölen vermischte sich mit Pianoklängen.

»Cattleking Palace«, prahlte die Tafel über dem Eingang, dabei gab’s in zwanzig Meilen Umkreis keine Ranch. Nur die Postkutschenlinie zwischen Tucson und Maricopa hielt den kümmerlichen Ort am Leben.

Eine wacklige Außentreppe führte an der rechten Seitenwand zum Obergeschoss. Lee band die Zügel ans Geländer, schlich nach vorn und lugte durch eine mit Fliegendreck besprenkelte Scheibe. Der glatzköpfige Keeper und der mexikanische Waiter hatten alle Hände voll zu tun.

Ein Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Männer hockten an den Tischen. Sie grölten, spielten Karten und schütteten den Schnaps wie Quellwasser durch die vom Wüstenritt ausgedörrten Kehlen. Der ziegenbärtige Pianospieler schwitzte. Ein Kugelloch zierte seinen runden, schmalkrempigen Hut. Tabakschwaden umwogten die Petroleumlampen.

Lee konnte den ganzen Raum überblicken. McLeod fehlte. Vorsichtig zog Lee sich zurück.

»Bis gleich, Amigo«, beruhigte er den Braunen. Dann stieg er die Außentreppe hinauf. Die Stufen knarrten. Die Tür im Obergeschoss war nur angelehnt. Eine Petroleumfunzel erhellte den Korridor. Die Wände waren mit billigen Tapeten bespannt. Ein Kichern erklang hinter einer Tür, dazu McLeods Stimme: »Na warte, du Biest!«

Ein Stuhl polterte. Ein Girl lachte. Dann quietsche eine Matratze. Lee dachte wieder an seinen niedergebrannten Rancho, die beiden Toten, die Dude Hackett in der Wüste begraben würde, und Sids Konterfei auf dem Tausend Dollar Steckbrief.

Mit dem Colt in der Faust stieß er die Tür auf, sie krachte gegen die Wand. Der Mond schien durchs Fenster. Kleidungsstücke lagen am Boden verstreut. Die beiden nackten Menschen auf dem Bett fuhren auseinander.

Die junge, dralle Mexikanerin kreischte Protest. Eine schwarze Haarflut verdeckte die üppigen Brüste. McLeods Rechte umschloss den Kolben des am Bettpfosten hängenden Revolvers.

»Versuchen Sie’s nur!« Lees Stimme klirrte.

Langsam zog der bullige Wells Fargo Sicherheitsboss die Hand zurück und setzte sich auf. Sein Körper war narbenbedeckt.

»Wenn Sie abdrücken, Flannagan, stehen Sie übermorgen ganz oben auf der Fahndungsliste aller Sternträger und Wells Fargo Agenten.«

»Ich dachte, Sie würden sich freuen, mich wiederzusehen.«

Ein Lauern trat in McLeods Blick. Die Mexikanerin hatte sich vom Bett gerollt und kauerte reglos und mit schreckgeweiteten Augen neben ihm.

»Nehmen Sie mein Angebot doch an?«

»Was können Sie mir jetzt noch bieten?« Lee hatte die Satteltaschen auf der Kommode entdeckt. Ohne McLeod aus den Augen zu lassen, überzeugte er sich, dass sie Sids Steckbriefe enthielten. Er schwang die Taschen über die Schulter.

»Das war’s.«

»Ich werd trotzdem dafür sorgen, dass Ihr Bruder hängt.«

»Verlassen Sie sich nicht ein bisschen zu sehr darauf, dass ich auf keinen Unbewaffneten schieße?«

»Seien Sie vernünftig, Flannagan! Sie wissen so gut wie ich, dass Sid an Keilows Seite nicht alt wird. Das Netz des Gesetzes wird auch im Südwesten immer dichter, und irgendwann wird Sid sich darin verfangen, wenn er für Keilow die Kastanien aus dem Feuer holt. Wollen Sie zusehen, wie er baumelt?«

»Ich brauch Sie nicht, um das zu verhindern.«

»Das könnte sich als Irrtum erweisen. Keilow hat sich verändert. Wenn Sie ihm begegnen, werden Sie ’nem Killer gegenüberstehen, der andere bedenkenlos als Mordwerkzeuge benutzt.«

»Und was sind Sie?«

»Scheren Sie sich zum Teufel, Mann!«

McLeod tat, als wollte er sich nach seiner Hose bücken. Obwohl Lee auf einen Trick gefasst war, konnte er nicht verhindern, dass der Wells Fargo Mann das Mexikanergirl packte, sich mit ihm aufs Bett fallen ließ und den Remington aus dem am Pfosten hängenden Holster riss.

Das Mädchen schrie. McLeods Schuss füllte das Zimmer mit einem Donnerknall. Die Kugel hieb neben Lee in den Türrahmen. Wenn er zurückschoss, musste er die Muchacha treffen. Er drückte trotzdem ab, hielt aber so hoch, dass das Blei sich in die Wand bohrte. Das Mündungsfeuer blendete McLeod einen Moment. Schon war Lee auf dem Korridor, noch halb taub vom Krachen. Als er die Außentür erreichte, hörte er ein Poltern auf der Treppe.

»Idioten!«, schrie McLeod. »Flannagan türmt über die Außentreppe. Schneidet ihm den Weg ab!«

Lee sprang ins Freie. Die Treppe schwankte, als er immer zwei, drei Stufen auf einmal nahm. Lärm durchtobte den Saloon. In den Häusern ringsum rührte sich nichts. Lee schwang sich von den letzten Stufen aufs Pferd. Er löste gerade die Zügel, als die beiden ersten Verfolger an der Ecke standen.

»Schießt auf seinen Gaul! Wir brauchen Flannagan lebend!«, brüllte McLeod.

Die Kerle hielten voll drauf. Ihre Kugeln verfehlten Lee knapp. Lees Kugel stieß einen zurück, der andere sprang fluchend in Deckung. Seine Kugel streifte das Pferd. Es wollte ausbrechen. Aber Lee bändigte es, hämmerte ihm die Fersen gegen die Weichen und preschte die Straße hinab.

 

 

5

Die Sonne brannte auf die Ausläufer der Galiuro Mountains. Kein Lufthauch trocknete den Schweiß auf den Gesichtern der Kopfgeldjäger. Der Schatten einer rotschimmernden Felswand lag auf ihnen. Müde ließen die Pferde die Köpfe hängen.

McLeod stocherte mit dem Gewehr in der Asche, neben der die von Lee zurückgelassenen Satteltaschen lagen. Nichts fehlte außer den verbrannten Steckbriefen. Auf einem halb verkohlten Blatt war noch Sid Flannagans Name lesbar. McLeod zertrat es. Dann wandte er sich an die beiden staubbedeckten Kundschafter. Der eine wollte gerade die Canteen Flasche an die trockenen Lippen setzen, verzichtete aber darauf, als McLeods Blick ihn traf. r

»Tut mir leid, Boss. Es gibt ein halbes Dutzend Pfade, die von hier in die Galiuros führen, aber auf keinem auch nur die Andeutung einer Spur. Bist du sicher, dass Flannagan zu Keilow will?«

»Sein Bruder ist bei Keilow. Um ihn vor dem Strick zu bewahren, würde Flannagan auch in ein Apachenlager reiten.«

Zweifel zeigten sich auf den stoppelbärtigen Gesichtern. Der Scout schüttelte den Kopf.

»Das ändert nichts dran, dass wir mit unserer Weisheit am Ende sind.«

Die verwilderten Männer blickten McLeod erwartungsvoll an. Im Grunde waren sie nicht besser als die Galgenvögel, von deren Kopfgeldprämien sie lebten.

McLeod schob den Karabiner in den Scabbard und schwang sich aufs Pferd.

»Wartet, auch wenn es länger dauert, bis ich zurückkomme! Versorgt die Pferde, aber spart mit dem Wasser! Und schüttet nicht zu viel von dem Fusel aus Bradfords Saloon in euch rein!«

»Wohin reitest du, Boss?«

Da zog McLeod bereits den Grauen herum. Gleich darauf verschwand er an der Biegung. Ein hagerer Kopfgeldjäger mit einer speckig glänzenden Lederklappe überm linken Auge spuckte aus.

»Amigos, was haltet ihr davon, wenn wir uns die fünftausend Bucks auf eigene Faust verdienen?«

»Wie denn? Vergiss nicht, dass die Wells Fargo vier Fünftel der Prämie auswirft. McLeod kann verhindern, dass wir auch nur einen Dollar sehen. Glaubst du vielleicht, ich reite zum Vergnügen mit dem aufgeblasenen Bastard?«

Sie machten es sich im Schatten bequem. Erst als Stunde um Stunde ohne Lebenszeichen von McLeod verstrich, kümmerten sie sich um die Pferde. Ihre Mienen wurden immer mürrischer. Der Einäugige sprang plötzlich auf.

»Seht nur!«

Rauchwolken schwebten über einem mehrere Meilen entfernten Bergkamm.

»Rothäute ...«

»Unsinn! Ich wette, dass McLeod dahintersteckt.«

Von nun an beobachteten sie gespannt die Umgebung. Die Sonne berührte bereits den westlichen Horizont, als Hufgeklapper sie auf die Beine trieb. Flammenröte übergoss die Felsen. Die Gewehr- und Revolverläufe funkelten.

Dann erkannten sie McLeod. Ein untersetzter, in zerschlissenen Kattun gekleideter Indianer begleitete ihn. Er trug einen schwarzen Topfhut, an dem eine Bussardfeder steckte. Aus dem Gürtel ragte ein abgewetzter Revolvergriff. Das breitknochige Gesicht war ausdruckslos.

Der Wells Fargo Sicherheitsboss grinste.

»Das ist Papago Joe, der beste Fährtenleser von Arizona. Er hat schon für mich gearbeitet. Wenn überhaupt jemand Flannagans Spur und Keilows Versteck findet, dann er.«

 

 

6

Einen halben Tag lang ritt Lee Flannagan kreuz und quer über flimmernde Geröllhalden und felsige Plateaus, durch backofenheiße Canyons und ausgetrocknete Flussläufe. Mitch Hacketts Brauner hatte sich an ihn gewöhnt. Als Lee die Lederhüllen von seinen Hufen entfernte, rieb er schnaubend die Nüstern an ihm. Lees Blick heftete sich auf den felsigen Bergrücken, der scheinbar unbezwingbar für einen Reiter vor ihm aufragte. Dahinter begann das Tal, in dem Lee und Jeff sich damals vor Black Toms Schießern verborgen hielten. Wahrscheinlich kannten nicht mal die Indianer den Pfad, der sich zwischen den Felstrümmern hinaufschlängelte.

»In ’ner Stunde sind wir da, Amigo«, murmelte Lee. Der Braune wieherte, als hätte er ihn verstanden.

Lee hatte schon einen Fuß im Steigbügel, da hörte er das Geräusch. Es kam vom Hang hinter ihm. Lee hielt das Pferd fest, stellte den Fuß auf die Erde zurück und griff nach der im Sattelfutteral steckenden Winchester. Im selben Moment krachte es. Sand spritzte auf. Der Braune stieg.

Fluchend sprang Lee zurück, ließ aber die Zügel nicht los. Zwischen den Felsen am Fuß der Anhöhe tauchte ein Reiter auf, eine schlanke, ledergekleidete Gestalt. Wieder blitzte es.

Lee hörte das Pfeifen der Kugel. Sein Sechsschüsser flog hoch. Da verschwand der Reiter. Lee zielte auf die Lücke, wo er gleich auftauchen musste. Doch der Unbekannte änderte die Richtung. Lee entdeckte ihn wieder auf halber Hanghöhe, halb im Sattel gedreht, das Gewehr an der Schulter. Er sprang aufs Pferd. Der Schuss fehlte erneut.

»Na warte!« Wütend jagte Lee durchs schmale Tal. Nur mehr eine Pulverrauchfahne war zu sehen. Der Gegner floh. Als Lee den felsbedeckten Kamm erreichte, empfing ihn prompt das erneute Peitschen des Gewehrs. Schon tauchte der Ledergekleidete in den Schatten eines Kiefernwäldchens. Lee folgte verbissen.

Der Flüchtende ritt wie ein Indianer. Die Lederkleidung und die flatternden schwarzen Haare passten dazu. Doch etwas an seiner Haltung machte Lee stutzig.

Dann musste er sich ducken, damit die niedrigen Kiefernäste ihn nicht aus dem Sattel fegten. Der von den Hufen aufgewirbelte rote Staub der Galiuro Mountains wies ihm die Richtung. Felsen wuchsen links und rechts empor. Lee holte auf. Er erkannte bereits Einzelheiten: das Messer am Gürtel des Reiters, Stiefel statt Mokassins.

Im Galopp hob Lee die Winchester.

Da blickte der Flüchtende zurück. Verblüfft ließ Lee die Waffe sinken. Ein Girl! Der Reitwind presste die schwarzen Haare über das erhitzte, bronzefarbene Gesicht.

Lee fluchte, als er das auf sich gerichtete Gewehr sah. Dann schob sich eine Felsecke zwischen ihn und die Schwarzhaarige. Die Steilwände rückten dichter zusammen. Der Boden war steinig. Lee drosselte das Tempo. Das Mädchen erwartete ihn hinter der Biegung. Eine haushohe Felsbarriere riegelte den Fluchtweg ab.

Das Gewehr der Schwarzhaarigen steckte im Scabbard. Die schmalen Hände ruhten auf dem Sattelknauf. Lee schätzte sie auf achtzehn, obwohl sich in ihren Augen ein Wissen spiegelte, das über dieses Alter hinausging. Sie war schlank. Runde, feste Brüste zeichneten sich unter dem Wildlederhemd ab. Das breitflächige Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen verriet mexikanischen Einschlag. Die grünen Augen bildeten einen reizvollen Kontrast zur Bronzehaut und dem rabenschwarzen Haar. Sie sah Lee mit einem halben Lächeln entgegen.

Lee begriff zu spät, dass nicht sie, sondern er in die Falle getappt war. Hufe stampften hinter ihm, Repetierhebel schnappten. Gleichzeitig traten zwei Männer mit angeschlagenen Gewehren neben das Girl. Die kantigen Gesichter wirkten mitleidlos.

»Reingefallen, Amigo«, höhnte die Schwarzhaarige.

Die Reiter kreisten Lee ein. Sie hielten ebenfalls Gewehre. Nur der hochgewachsene, knochige Mann bedrohte Lee mit dem Colt. Er besaß die farblosesten und kältesten Augen, in die Lee je gesehen hatte. Seine Lippen waren wie Striche.

»Gut gemacht, Nancy.« Er nahm Lee die Winchester ab. Ohne dass ein Ansatz der Bewegung zu erkennen war, schlug er damit zu. Lee prallte hart auf den Felsboden. Die Reiter lachten. Einer ergriff die Zügel , von Lees Hengst. Mit zusammengebissenen Zähnen rollte Lee sich auf den Rücken. Der Hieb hatte die rechte Schulter getroffen. Er konnte den Arm nicht bewegen. Der Colt des Knochigen wies wieder auf ihn.

»Ich bin Roscoe Blaine, Keilows Adjutant.« Die kalte Stimme passte zu den Augen. »Wenn du wüsstest, Freund, wie viele Schnüffler mir schon irgendwelche Märchen erzählt haben, würdest du dir die Mühe sparen und gleich die Wahrheit ausspucken. McLeod bezahlt dich, stimmt’s?«

»Nein.«

»Auch gut. Im Grunde ist’s mir gleich, ob du deine Story mir oder dem Teufel erzählst.«

»Keilow wird begeistert sein, wenn du ’nen alten Partner von ihm erschießt.«

»Mal was Neues.« Die Grimasse des Knochigen sollte ein Grinsen sein. Die Schwarzhaarige lenkte sein Pferd neben ihn.

»Pa‘s Freunde sind die Männer, die mit ihm gegen die Wells Fargo kämpfen!«

Keilow hatte nie erwähnt, dass er eine Tochter hatte. Lee ließ sich die Überraschung nicht anmerken.

»Bringt mich zu ihm!«

»Gewiss, mit ’ner Kugel im Schädel.« Der Colthammer knackte unter Blaines Daumen. Im Gesicht des Killers bewegte sich kein Muskel. Da krächzte eine rostige Stimme: »Nicht schießen! Das ist Lee Flannagan!«

Ein weißbärtiger Oldtimer drängte sein Pferd nach vorn. Das verwitterte Gesicht mit der Knollennase und den hellen Augen wirkte verschoben.

»Teufel, ich brauch bald ’ne Brille! Beinah hätte ich dich nicht erkannt, Lee.«

»Hallo, Old Babcock.« Lee stand auf. Sein Colt lag am Boden, aber er hütete sich, die Waffe anzufassen, solange Blaines Finger den Abzug umschloss. »Wer sonst aus der alten Crew ist noch bei Jeff?«

»Nur ich.« Der Weißbart schniefte. Seine Augen wichen Lee aus. »Die alten Zeiten sind vergangen. Die Zukunft gehört Männern wie Blaine und McLeod.«

»Was meinst du damit?«, fragte Blaine scharf.

»Nichts Besonderes.« Der Alte hüstelte. »Ich denk nur manchmal, dass auch Jeffs Zeit bereits abgelaufen ist. Steig auf, Lee! Wir bringen dich zu ihm.«

Blaine knurrte: »Ich glaub nicht, dass Keilow ihn sehen will.«

»Das würde ich ihm selbst überlassen. Noch ist Jeff der Boss.«

 

 

7

Keilows Miene zeigte keinen Schimmer von Wiedersehensfreude. Lee hatte den Eindruck, dass er einem Fremden gegenüberstand. Der ehemalige Revolvermann schien enorm gealtert. Graue Strähnen durchzogen sein Haar. Messerscharfe Falten kerbten beiderseits der Mundwinkel das wettergebeizte Gesicht. Er war groß und sehnig und wirkte noch so durchtrainiert wie damals, als sie Black Toms Bande Mann für Mann zur Strecke brachten.

Die Kälte in seinen Augen stieß Lee ab. Es waren Augen von demselben Grün wie die seiner Tochter. Ansonsten erkannte Lee keine Ähnlichkeit.

Keilow trug den Colt rechts, im Gegensatz zu früher, aber ziemlich hoch und mit nach vorn gedrehtem Kolben. Seine Rechte steckte in einem schwarzen Lederhandschuh.

Keilow stand vor einer geräumigen Höhle. Steile Hänge umschlossen das kleine Tal. Weitere Höhlen klafften darin. Der Felspfad, der sich über ihnen herabschlängelte, wirkte wie eingeklebt. Jeder Reiter bot darauf ein deutliches Ziel.

Old Babcock brachte die Pferde zum Tümpel. Sträucher wuchsen dort. Eine Quelle plätscherte. Das überlaufende Wasser versickerte im Sand.

Lee war nicht gefesselt. Doch nachdem Blaine ihm auch das Messer abgenommen hatte, war das nicht nötig. Finster blickende Männer mit tief gehalfterten Revolvern umstanden ihn. Das eine oder andere Gesicht kannte Lee von den Steckbriefen, die er in Maricopa und Tucson gesehen hatte. Sid war nicht darunter. Doch allein die Vorstellung, dass der Junge sich dieser Horde falkenäugiger Schießer zugehörig fühlte, ließ Lee die Kehle eng werden.

»Wir haben ihn am Puma Rock erwischt«, berichtete Roscoe Blaine. »Er behauptet, dass er mal dein Freund war, Jeff.«

»Das ist lange her.« Keilow schien durch den ehemaligen Gefährten hindurchzublicken. Dann mit einem Achselzucken: »Wenn du dich uns anschließen möchtest, Lee, bist du willkommen. Ich hab nie verstanden, dass einer wie du den Colt in die Truhe legt und Rinder züchtet. Bestimmt hast du nichts verlernt.«

»Ich bin wegen Sid hier.«

Keilow spannte sich.

»Woher weißt du, dass Sid bei mir ist?«

»Ich wette, unser Freund McLeod hat’s ihm geflüstert«, rief Blaine. Er und noch zwei Outlaws, die Lee hergebracht hatten, standen dicht hinter ihm. Ein Murren erklang. Mit einer Handbewegung gebot Keilow Stille.

»Ist das wahr, Lee?«

»Ja, aber das heißt nicht, dass mein Name auf Morris McLeods Lohnliste steht.«

»Er lügt!« Nancy Keilow stellte sich neben den Bandenführer. Ihre Augen funkelten. »Er hat’s wie alle anderen auf die Kopfprämie abgesehen, die für dich ausgeschrieben ist, Pa.«

»Von jedem anderen würde ich das denken, nicht von Lee. Doch ich kenne McLeod und seine Ränke, und ich weiß, wie sehr er mich hasst, seit er von einer Schlappe in die andere stolpert. Erzähl deine Geschichte, Lee! Doch wenn sie nicht stimmt, wäre es besser gewesen, du hättest einen weiten Bogen um die Galiuro Mountains gemacht.«

Lee berichtete. Schweigend hörte Keilow zu. Ein Schatten senkte sich dabei auf sein Gesicht. Er reagierte nicht, als Lee ihn erwartungsvoll ansah. Nancy zischte: »Pa, wir haben keine Garantie, dass das alles stimmt.«

Lee dachte an die Falle, in die sie ihn gelockt hatte, beherrschte sich aber.

»Doch, mein Wort.«

Blaine lachte spöttisch. Langsam hob Keilow den Kopf. Der nachdenkliche Schatten auf seiner Miene war verschwunden. Ein wölfischer Blick traf Lee. Da klapperten Hufe. Auf der Felshöhe über dem Tal tauchte ein Reiter auf.

»Sid!«, rief das Mädchen.

Bevor Lee sich umschauen konnte, drängten Blaine und seine Helfer ihn in die Höhle. Blaine presste den Revolver gegen Lees Rippen.

»Keinen Mucks, Flannagan!«

Dämmerung umgab Lee. Über einem Pfostengestell hingen Sättel, Zaumzeug und Lassos, ein rußiger Kessel über einer Feuergrube. Reisig war daneben aufgeschichtet. Draußen ertönte ein Wiehern, Steine polterten, Hufschlag hallte durchs Tal.

»Nancy, Liebling!«, rief Sid, und Keilows Tochter antwortete mit einem Freudenschrei. Das Prasseln der Hufe erreichte die Felswand neben der Höhle. Rufe ertönten. Sids Lachen klang so unbekümmert wie eh und je.

»Da bin ich wieder, Amigos! Wer lädt mich zu ’nem Drink ein?«

»Keine Verfolger?«

»Boss, ich bin kein Greenhorn! Wer mich erwischen will, muss ein ganzes Stück schlauer sein als die Schießbudenfiguren, die ihre Kanonen an die Wells Fargo vermieten. He, Dave, gib mal die Flasche her! Sei nicht so verdammt knausrig, Mann! Schuldest mir sowieso noch fünf Dollar aus der letzten Pokerpartie.« Sid lachte, dann trank er. »Das tut gut. Kein übler Tropfen. Wo hast du den abgestaubt, Dave, he?«

»Das reicht, Sid!«, befahl Keilow. »Was war in Benson?«

»Alles bestens. Der Sternträger, den sie dort haben, ist ein haariger Gorilla, der garantiert ’nen Tobsuchtsanfall kriegt, wenn er mich wiedersieht.«

»Was hast du angestellt?«

»Ihn auf offener Straße vor meinem Colt hüpfen lassen«, gluckste Sid.

Gelächter brandete auf.

»Teufelsbraten!«, rief ein Outlaw. Ein anderer johlte: »Nancy, zier dich nicht! Dafür hat er ’nen Kuss verdient!«

In der Höhle ballte Lee die Hände.

Nach einer Weile meldete sich wieder Sid.

»Verlass dich drauf, Boss, der Sternträger braucht nur meine Nase zu sehen, und schon wird er mit ’nem Aufgebot hinter mir hersausen, um mir den Hals langzuziehen. Nur erwischen wird er mich nicht. Inzwischen räumt ihr in aller Ruhe die Bank aus. Von mir aus kann’s losgehen. Ich brauch nur ein frisches Pferd.«

In Lees Kopf klinkte etwas aus. Er stieß Blaines Waffe zur Seite. Mit ein paar Schritten war er im Höhleneingang.

»Du wirst nicht dabei sein!«, stieß er hervor.

Sid trank gerade wieder. Er verschluckte sich und hustete.

»Lee!«, japste er dann. »Das gibt’s nicht! Bin ich besoffen?«

»Ich wollte McLeod nicht glauben, dass du Sid tatsächlich als Handlanger benutzt«, wandte Lee sich heftig an Keilow.

»Zum Teufel, ich bin nicht Jeffs Handlanger, sondern sein Freund. Kein Mensch schreibt mir was vor«, protestierte Sid.

Sid war nur wenig älter als Nancy, nicht ganz so groß wie Lee, kräftig, dabei drahtig und mit katzenhaften Bewegungen. Sein Gesicht sah genauso aus wie auf den Steckbriefen, die Lee verbrannt hatte: jungenhaft und doch markant, mit verwegen blitzenden Augen. Blonde Haare ringelten sich unter dem Stetson hervor. Sein linker Arm lag um Nancy, die sich an ihn schmiegte und Lee feindselig anfunkelte.

Lee schüttelte den Kopf.

»Du warst schon immer ein wilder Bursche, ich ein schlechtes Vorbild. Wahrscheinlich hätt ich mich mehr um dich kümmern sollen, nachdem die Eltern so früh starben. Doch verdammt will ich sein, wenn ich zulasse, dass du als Bankräuber und Sheriffkiller am Galgen endest.«

»Sid ist alt genug, auf sich selbst aufzupassen«, rief das Girl. Sid grinste.

»Ich kann’s dir beweisen, Lee. Gib acht!« Seine Rechte bewegte sich. Wie hingezaubert lag der Colt in ihr. »Vielleicht nicht ganz so gut, wie du mal als Revolvermann warst, aber es reicht auch so.« Sids schmales Gesicht bekam einen harten Ausdruck. »Wir führen Krieg. Die Wells Fargo hat Jeff übel mitgespielt. Nun treffen wir sie, wo wir können.«

Da und dort flackerte ein Grinsen auf einem stoppelbärtigen Gesicht.

»Lass dich nicht beschwatzen!«, hetzte Nancy, als Lee etwas sagen wollte. »Wir vermuten, dass McLeod ihn schickt.«

»Das glaub ich nicht. Lee ist kein Spitzel.«

»Fünftausend Dollar Kopfgeld sind viel Geld für einen Mann, der seinen Rancho und seine Rinder verlor.« Blaine kam aus der Höhle. Er hielt noch den Revolver. Sids Augen flackerten.

»Die Hacketts«, erklärte Lee, ohne weiter auf die Verdächtigung einzugehen. »Aber wir können alles wieder aufbauen. Es sind auch noch genug Rinder da.«

»Kühe hüten ist kein Job für mich. Nicht für ein paar armselige Dollar im Monat. Mehr springt dabei doch nicht raus. Nein, Lee, mein Platz ist bei Nancy und ihrem Vater. Reite ohne mich!«

»Er wird nicht von hier verschwinden, bevor wir das Geld aus der Wells Fargo Bank in Benson haben und damit nach Mexiko abgehauen sind.«

Lee spürte Blaines Revolver zwischen den Schulterblättern. Trotzdem wirbelte er herum. Keilows Adjutant war ein Mann, der sich normalerweise nicht so leicht überrumpeln ließ. Doch auf diese selbstmörderische Aktion war er nicht gefasst. Lees Faust traf ihn am Kinn. Gleichzeitig entriss Lee ihm den Revolver. Der Bandit prallte gegen die Felswand. Lee blieb in Bewegung. Bevor ein anderer die Waffe aus dem Leder brachte, hielt er Keilow den Sechsschüsser über die Gürtelschnalle.

»Keine Dummheiten, Männer!«

»Ich hab’s gewusst«, fauchte Nancy. »Wir hätten auf Roscoe hören und ihn erschießen sollen.«

Sids Gesicht schimmerte schmutziggrau.

»Hol dein Pferd!«, befahl Lee. »Der Bankraub findet nicht statt. Jeff wird uns begleiten, bis wir in Sicherheit sind.«

»Du verrechnest dich, Flannagan!«, knirschte Blaine. »Wir führen den Coup auch ohne Keilow durch. Du kommst nicht mit ihm von hier weg. Immerhin warten hunderttausend Dollar auf uns, Lohngelder für die Minen in Benson. Umgekehrt würde auch Keilow keine Rücksicht auf mich nehmen, stimmt’s, Jeff?«

»Richtig«, bestätigte der Bandenboss mit kratzender Stimme.

»Na denn!«

Blaine nahm dem neben ihm stehenden Outlaw das Gewehr ab und lud durch. Die Sonne schien noch heißer in den Felskessel zu brennen.

Langsam sank Lees Waffe herab.

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537673
Schlagworte
keilows ritt

Autor

Zurück

Titel: Keilows letzter Ritt