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Grainger jagt die Brasada-Brut

2020 101 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Grainger jagt die Brasada-Brut

Copyright

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Grainger jagt die Brasada-Brut

Western von Heinz Squarra

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Gewehre, Geld und ein geheimer Angriffsplan – das ist die Beute eines Überfalls auf einen Trupp Soldaten, die damit nach Fort Stockton unterwegs waren. Grainger wird beauftragt, das alles wieder herbeizuschaffen, was sich jedoch als schwierig erweist. Auch deswegen, weil der Kommandeur von Fort Stockton bereits eine Detektivagentur beauftragt hat und die eingesetzten Leute Grainger in die Quere kommen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Arglos lenkte der Soldat auf dem Bock des Wagens das Gespann in die Schlucht. Der Corporal neben ihm gähnte schläfrig. Auch die vier Soldaten um das Gefährt ahnten nichts von der Gefahr, in die sie immer tiefer hineinritten. Bis auf einmal ein Blitzen über den Felsen den Sergeant warnte.

Jäh ruckte er an den Zügeln. »Halt!«, brüllte er. »Ein Hinterhalt!«

»Feuer!«, kommandierte Hidalgo, der Rebellenführer, und drückte ab.

In das Donnern der Schüsse mischten sich die Schreie des Corporals und des Fahrers. Schrill wieherten die Pferde, stiegen in die Höhe und ließen die Hufe wirbeln, als wollten sie versuchen, die Steilfelsen zu erklimmen.

Die mexikanischen Rebellen repetierten die Gewehre und feuerten in das Chaos unter ihnen hinein.

Ein Pferd warf sich herum und stob davon, und dem Reiter gelang es, sich an der wehenden Mähne seines Grauen festzuhalten und aus dem Kugelhagel getragen zu werden. Ein anderer, der zu entwischen versuchte, hatte weniger Glück. Eine Kugel warf ihn aus dem Sattel.

»Genug«, sagte Hidalgo, ließ das rauchende Gewehr sinken und richtete sich zwischen den Graten auf.

Pulverrauch wehte wie eine Wolke über der Schlucht. Darunter lagen die erschossenen Pferde und Soldaten. Nur die beiden Gespanntiere lebten noch und ein Reitpferd floh reiterlos in die Prärie hinaus, hinter dem Soldaten her, den der aufwirbelnde Staub verhüllte. Die Zugpferde waren gegen die Felswand gelaufen, so dass der kurze Planwagen mit der Planenaufschrift »US Army« fast quer im Canyon stand.

Hidalgo lief in den Kessel hinter den Vulkanfelsen, wo ihre Pferde standen. Er schwang sich in den Sattel, schob das Gewehr in den Scabbard, und sprengte aus dem kargen Bergtal.

Im Galopp folgten die anderen Rebellen. Sie erreichten die Schlucht, als ihr Anführer bereits aus dem Sattel sprang und die Wagenpferde wieder auf den Weg zog. Die verstörten Tiere zitterten noch und wollten den Wagen rückwärts schieben.

»Los, ein Mann auf den Bock. Nein, besser zwei!«, brüllte Hidalgo. »Alfredo, Che, ihr übernehmt das!«

Zwei Mexikaner stiegen auf den Wagen. Alfredo, ein bärtiger Halunke, dessen Aussehen an den Teufel erinnerte, nahm die Peitsche.

»Wollen wir nicht nachsehen, ob es sich wirklich gelohnt hat?«, fragte Pancho.

»Das hat Zeit. Erst mal weg hier. Vorwärts!«

Alfredo knallte mit der Peitsche. Scheuend zogen die beiden Pferde an.

»Lauft, ihr müden Böcke!« Alfredo traktierte die Pferde mit der Peitsche.

Die Rebellenhorde galoppierte mit dem Gefährt nach Westen. Dort, wo sich der Weg gabelte, bogen sie nach Süden zum Rio Grande hin ab.

 

 

2

Hilfssheriff Rep Cohler riss sein Pferd hart zurück, als er die Overlandstraße erreichte und in die Schlucht schauen konnte.

Der Pulverrauch hing noch mit Staub vermischt zwischen den verwitterten Felsen.

Rechts und links von ihm hielten Rancher Adam McClure und seine acht Cowboys.

»Na, ich sagte doch, dass ich Schüsse hörte«, stieß McClure hervor. »Was für ein Zufall, dass Sie gerade bei mir waren, Sheriff.«

»Ja, was für ein Zufall«, murmelte Cohler und trieb sein Pferd wieder an. Der große, gedrungene Hilfssheriff ritt auf die erschossenen Soldaten zu, stieg ab und drehte einen Toten herum. Als er sich wieder aufrichtete, schaute er nach Westen. Die Staubfahnen setzten sich in dieser Richtung fort.

»Weiter!«, rief der Rancher. »Die können noch nicht weit sein. Und der Staub zeigt uns den Weg!«

Hilfssheriff Cohler schwang sich wieder in den Sattel. Sie ritten an den toten Soldaten vorbei, folgten dem Canyon und erkannten an den Alkalistaubschwaden den Weg, den die Banditen an der Weggabelung genommen haben mussten.

Cohler ritt zwei Längen vor den anderen die Windungen der Schlucht nach Süden hinunter.

»Schneller!«, schrie der Rancher hinter ihm seinen Leuten zu.

Das Trommeln der Hufe hallte von den schroffen Wänden wider.

Allmählich wurden die Felsen niedriger. Das Ende der Diablo Mountains musste nahe sein.

»Sie sind schon hinter den Hügeln!«, brüllte der Rancher, als er den Hilfssheriff einholte.

»Vielleicht kriegen wir sie trotzdem noch. Durch den Wagen sind sie langsamer.« Cohler gab seinem Pferd erneut die Sporen.

Im Westen schoben sich die grauen Felsgiganten noch ein ganzes Stück in südlicher Richtung wie eine Mauer hinunter. Zwischen ihnen und den Hügeln davor erkannten die Reiter ein paar windschiefe Hütten, Grubenloren, Schwellen, Schienen, Abraum und einige Frachtwagen. Dabei standen einige Männer und schienen die Verfolger zu beobachten.

»Verdammt, die müssen die Banditen doch gesehen haben!«, schimpfte der Rancher. »Wieso stehen sie da und halten Maulaffen feil?«

»Das müssen Sie den Verwalter der Kupfermine fragen und nicht mich, McClure. – Los, los, lauf!« Cohler trieb sein Pferd an.

McClure hatte Mühe, an der Seite des Hilfssheriffs zu bleiben. Dafür blieben seine Leute beträchtlich zurück. Der Rancher schaute abermals zu dem kleinen Camp zwischen den Hügeln und der Bergkette und fluchte grimmig.

»Boss, nicht so schnell!«, rief der Vormann. »Das schaffen unsere Gäule nicht!«

»Gebt ihnen Zunder. Die sind nur zu faul, sich richtig zu bewegen!«

Der Grasboden schien unter den Hufen zu fliegen. Hilfssheriff Cohler sah die frischen Radrinnen und den beiderseits davon von Hufen aufgewühlten Boden, und er begann zu ahnen, dass sie es mit einer großen Bande zu tun bekommen würden.

 

 

3

Der Wagen hielt in einer dichten, braunen Staubwolke vor den Kakteenfeldern und Buschgürteln der Brasada.

Buchen, Stecheichen und riesige Saguaros überragten die Occotillos und das Gestrüpp, in dem die Sümpfe schmatzten und dem der Geruch nach Schwefel entströmte.

Alfredo war unter die Plane gekrochen und lachte schallend. »Das sind mehr als hundert Gewehre, Jorge. Vielleicht zweihundert. Und kistenweise Munition. Und hier liegt Presspulver! Mein Gott, damit jagen wir den Gouverneur und seine Garnison bis in die Hölle!«

Die Rebellen feixten einander zufrieden an.

»Was findest du noch?«, rief Hidalgo.

»Zwei Kuriertaschen. He, die eine ist aber verdammt schwer!«

»Her damit!« Hidalgo lenkte sein Pferd neben den Bock.

Alfredo gab die Taschen an Che, der noch auf dem Bock saß, und der reichte sie dem Rebellenführer hinunter. Sie waren beide von brauner Farbe und erheblich abgeschabt. Hidalgo

klemmte die leichtere unter den Arm und öffnete die schwerere. Als er hineingriff, hörten die anderen Münzen klimpern.

Der Bandenführer nahm die Hand voller Silberdollars aus der Tasche und ließ sie wieder hinein rieseln.

Die Halunken leckten sich über die Lippen, und die Augen wurden groß.

»Wie viel?« Panchos Stimme klang heiser.

»Achttausend, neuntausend …« Hidalgo zuckte mit den Schultern. »Vielleicht auch zehntausend oder noch mehr.« Er schloss die Tasche und hängte sie mit dem Riemen ans Sattelhorn.

»Das gibt eine Fete, wie sie im Buche steht!«, rief einer.

Die Rebellen lachten lauthals und genossen die Vorfreude auf ein großes Gelage, das sie in greifbarer Nähe wähnten.

Hidalgo öffnete die zweite Tasche. Als er in ihr nur Papiere sah, verfinsterte sich sein Blick, und ein paar steile Falten erschienen auf seiner Stirn.

»Was ist drin?« Pancho lenkte sein Pferd an die Seite des Anführers und schaute auf die Papiere, die der aus der Tasche zog. Mehrere eng beschriebene Seiten, teilweise mit großen, imposanten Stempeln versehen, glitten durch Hidalgos Finger. Zuletzt drehte er eine Skizze herum.

»Steeple Valley«, entzifferte Hidalgo.

»Sieht wie eine Landkarte aus«, vermutete Pancho. »Na ja, Soldaten haben gewöhnlich so was. Finden offenbar anders nicht von einem Fort zum anderen.« Pancho grinste überheblich.

»Wer kann englisch lesen?« Hidalgo schaute seine Kumpane der Reihe nach an.

Keiner meldete sich.

»Natürlich nicht. Ist vielleicht auch unwichtig.« Hidalgo knüllte die Papiere zusammen, stopfte sie in die Tasche, verschloss sie, und warf sie Che zurück. »Wir behalten sie mal mit auf dem Wagen. Man kann ja nie wissen.«

Che warf die Tasche auf die Ladefläche.

Alfredo kletterte auf den Bock.

»Weiter!«, befahl der Bandenführer.

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an und die Reiter folgten dem geraubten Armeewagen auf beiden Seiten.

Bevor Hidalgo ins Dickicht ritt, durch das eine Schneise den Weg zum Rio Grande markierte, schaute er noch einmal zurück.

In diesem Augenblick sprengte ein Reiterpulk über die Hügelkuppe im Norden. Von einer Sekunde zur anderen war der trommelnde Hufschlag zu vernehmen.

Die Reiter donnerten die sanfte Hügelflanke herunter und eröffneten aus ihren Gewehren das Feuer.

Einer der Rebellen schrie auf und stürzte aus dem Sattel. Sein Pferd und die beiden ledigen Tiere der Wagenlenker, die er führte, preschten davon.

Die Kugeln pfiffen den Banditen wie Hornissen um die Ohren und rissen den zweiten Rebellen aus dem Sattel, bevor einer an Gegenwehr dachte.

An der Jacke eines Reiters blitzte ein Stern in der Sonne.

Die Halunken brüllten durcheinander. Als Hidalgo endlich das Gewehr in den Händen hielt und Kommando gab zu schießen, erreichten die Reiter schon den Fuß des Hügels.

»Wir müssen weg!«, brüllte Alfredo. »Die holen uns ein, Jorge!«

»Und außerdem sind sie genauso viele wie wir auch und werden nicht überrascht wie die Soldaten!« Che feuerte durch den Wagen hindurch.

»Los weg!«, rief Pancho.

Die Kerle waren nicht länger zu halten. Alfredo knallte mit der Peitsche, ohne einen Befehl abzuwarten. Der Wagen rollte ins Stecheichendickicht, gefolgt von den ersten Reitern, denen ein Gefecht mit ebenbürtigen Angreifern schon deswegen nicht geheuer sein konnte, weil der texanische Boden ihnen zu heiß war.

Hidalgo und drei weitere Halunken hielten als letzte noch aus und feuerten auf die Reiter.

Doch die Posse ließ sich nicht aufhalten.

»Weg, Jorge!«, rief José, ein kleiner, drahtiger Bursche, kaum zwanzig Jahre alt.

»Mit dem Wagen holen sie uns ein!« schimpfte der Rebellenführer, repetierte und schoss abermals. Dann riss er sein Pferd herum.

Scharf wieherte der Hengst und stob vorwärts. Gestrüpp traf den Reiter, bog sich und schnellte peitschend zurück. Die Hufe stampften leiser als vorher über weichen Grasboden. Deutlicher hörte der Rebell das Schmatzen der Sümpfe. Manchmal vereinigten sich die hohen Steineichen und Blutbuchen weit über den Köpfen zu einem Dach, durch das nur hier und da ein Sonnenstrahl stach. Lianen rankten sich um die alten, hohen ehrwürdigen Bäume, zwischen denen blühende Kakteen wie riesige Blumengebinde von leuchtender Farbe standen. Das Dickicht schien auf gewaltigen Moosflächen zu schwimmen.

Die Schneise war gut fünf Yards breit und führte zunächst ziemlich gerade nach Süden.

Kugeln pfiffen in die grüne Hölle herein, zerfetzten Kakteenblätter, rissen das Buschwerk auseinander oder trafen dumpf pochend einen Baumstamm.

Sie schoben die Gewehre in die Scabbards, zogen die Colts und feuerten ziel- und sinnlos hinter sich.

Nach kurzer Zeit holten sie den Wagen ein.

»Schneller, Alfredo!«, schrie der Bandenführer.

Der Mexikaner schlug wie wild geworden auf die Zugpferde ein, ohne sie damit jedoch zu noch größerer Geschwindigkeit bewegen zu können. Sie konnten nichts mehr aus sich herausholen.

Hinter den Mexikanern wurde immer noch heftig geschossen.

Vor dem Wagen gabelte sich die Schneise.

»Alfredo, nach rechts!«, rief der Hidalgo. »Wir locken sie zur anderen Seite. »Vor Las Vacas treffen wir uns wieder!«

Alfredo begriff sofort und lenkte das Gespann in die schmalere Schneise.

»Halt!«, kommandierte der Rebellenführer, riss sein Pferd zurück, schob den Revolver unter den Poncho, zog die Winchester erneut aus dem Scabbard und lenkte das Pferd herum. »Wir müssen sie aufhalten, sonst merken sie was.«

Die Bande hielt. Neun Mann stark feuerten sie aus ihren Gewehren auf die unsichtbaren Gegner im Norden.

Die Kugeln fetzten und zausten das Dickicht, und das Wummern erweckte den Eindruck, als würden sich mehrere Dutzend Gewehre entladen.

In einer Feuerpause hörte Hidalgo, dass die Posse angehalten hatte. Dafür schossen die Männer doppelt so schnell wie vorher, und einer seiner Kumpane kippte lautlos im Sattel zur Seite und stürzte ab.

»Ab geht die Post!« Pancho lenkte sein Pferd erneut nach Süden und ließ es laufen.

Den Wagen vermochte Hidalgo nicht mehr zu sehen, und hören konnte er von ihm auch nichts.

Seine Kumpane folgten Pancho. Er ritt mit ihnen, wechselte das Gewehr abermals gegen den Revolver und schoss hinter sich. Ohne den hinderlichen Wagen galoppierten sie schnell dahin. Und am Feuer hinter sich hörten sie, dass die Männer des Aufgebots ihnen folgten und nicht dem Wagen, den sie leicht hätten einholen können.

»Schneller!«, befahl Hidalgo, nachdem er sicher war, dass der Wagen auch nachträglich nicht mehr gestellt werden konnte. Nun kam es auch darauf an, dass sie nicht doch noch gesehen werden konnten und das Fehlen des Gefährts bemerkt würde.

 

 

4

Graingers Blick folgte den Soldaten, die auf dem staubigen Exerzierplatz von Fort Stockton scheinbar ziellos nach links und rechts, vor und zurück marschierten. Eine schnarrende Stimme gab Kommandos.

»Schließen Sie doch das Fenster«, sagte Colonel Westham. Er saß vor einer riesenhaften US Fahne, die fast die ganze Wand überspannte.

»Hören Sie es auch nicht gern?« Grainger schloss das Fenster. »Oder stört Sie die schnarrende Stimme?«

»Das ist Staff Sergeant Wheeler. Ein Ausbilder, wie er im Buche steht.« Der fast weißhaarige Offizier lächelte unergründlich.

»Man hört es«, erwiderte Grainger sarkastisch. »Also, was wurde nun aus der Verfolgung durch den Sheriff von Hot Wells?«

»Er ist nur ein Hilfssheriff«, verbesserte der Colonel. »Vom County-Sheriff eingesetzt.«

»Ja, gut.« Grainger lehnte sich gegen das Fenster.

Draußen schnarrte die Stimme wieder, und über hundert Soldatenstiefel knallten in den harten Sand und wirbelten neue Staubschwaden auf.

»Als die Posse den Rio Grande erreichte, verschwand der letzte der Halunken im Dickicht auf der mexikanischen Seite, Mr. Grainger. Über den Fluss wagte sich der Hilfssheriff nicht.«

Grainger nickte, zog sich den flachen, hellen Hut tiefer in die Stirn und kreuzte die Arme vor der Brust.

»Zweihundert nagelneue Winchestergewehre, dreitausendfünfhundert Schuss Munition, zweihundert Kilo Presspulver und zehntausend Silberdollar sind die Beute der Schufte. Nicht zu vergessen, dass sie fünf meiner fähigsten Männer auf dem Gewissen haben.«

»Hat man versucht, die Bande zu finden?«

»Eine Eskadron ritt durch die Brasada bis an die Grenze. Aber das war mehr ein Patrouillenritt. Selbstverständlich können wir uns auch wegen zehntausend Gewehren nicht über die Grenze wagen. Bei der Empfindsamkeit der mexikanischen Regierung könnte das Ärger bedeuten.«

»Und das soll ich nun für Sie übernehmen?« Grainger ging zum Schreibtisch des im Dienst ergrauten Grenzsoldaten hinüber.

»Richtig, Mr. Grainger.« Westham erhob sich. »In dem Wagen befand sich noch eine zweite Kuriertasche, in der ein paar Papiere für Fort Bliss befördert wurden.«

Grainger blickte den Mann abwartend an.

Westham kam um den Schreibtisch herum. »Ziemlich brisantes Zeug, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Wenn es einer Zeitung in die Finger fiele, hätten wir den größten Ärger am Hals und würden wieder einmal als Indianerfeinde dargestellt. Sie wissen ja, was man da alles lesen kann.«

»Vielleicht ist etwas Wahres dran.« Grainger lächelte dünn.

Westham räusperte sich streng. »Das will ich überhört haben. Also, im Steeple Valley, zwischen Albuquerque und Lordsburg gibt es Prärie, Buschland und Berge, ideale Hinterhalte für räuberische Banden, die über die Siedler, sogar über Lordsburg gelegentlich herfallen. Keine Postkutsche in diesem Gebiet ist vor einem Überfall durch die Mescalero-Apachen sicher. Die Beschwerden der Siedler, der Wells Fargo und des Town-Mayors von Lordsburg zwingen die Armee, die Mescaleros zwangsweise umzusiedeln.«

»Sie meinen, in ein Reservat zu sperren?«

»Wir sperren niemanden ein, Mr. Grainger!«, stieß der Colonel barsch hervor.

»Aber mit dem Reservat, das stimmt?«

»Wir sind hier, um die weißen Menschen vor Übergriffen der Indianer zu schützen, Mr. Grainger. Das ist der einzige Auftrag, den die Armee westlich des Mississippi hat.«

Grainger kehrte ans Fenster zurück.

Draußen krochen die Soldaten indessen durch den dichten Staub, der wie brauner Nebel zwischen den Gebäuden hing. Und die schnarrende Stimme gab wie gehabt dazu die Befehle.

Colonel Westham blieb hinter Grainger stehen. »So etwas erscheint einem Zivilisten oftmals ziemlich nutzlos und könnte wie Schikane aussehen.«

»Um die Soldaten in Atem zu halten«, erwiderte Grainger.

»Eben, das meinte ich doch. Es stimmt aber nicht, Mr. Grainger. So wird die Kampfkraft einer Truppe erhalten. Egal, was morgen oder übermorgen passiert. Meine Jungens sind immer topfit.«

Grainger drehte sich um. »In der zweiten Tasche befindet sich also ein Aufmarschplan, wie das Steeple Valley von der Truppe in Fort Bliss geräumt werden soll.«

»Mit allen wesentlichen Punkten, die es vorher zu besetzen gilt, mit allen gefährdeten Farmen und Ranchos, die vorher für einige Zeit evakuiert werden müssen. Haarklein aufgeschlüsselt und auf einer Skizze zusätzlich verdeutlicht.«

»In der Tat reichlich brisant.«

Colonel Westham kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und setzte sich. »Es geht nicht darum, ob ihnen eine solche Zwangsevakuierung der Mescalero-Apachen gefällt oder nicht, Mr. Grainger. Sondern lediglich darum, dass Sie mir die Tasche zurückbringen. Samt Inhalt.«

»Ich werde mir Mühe geben.«

»Und zwar, bevor neugierige Leute davon erfahren.«

Grainger ging erneut zu dem massigen Tisch hinüber. »Der Überfall liegt acht Tage zurück. Wie stellen Sie sich denn das vor?«

»Es handelt sich um Mexikaner. Vermutlich Rebellen, denen vor allem an Gewehren und Munition gelegen sein dürfte. Freilich auch an dem Geld und dem Presspulver. Aber dass sie mit dem Plan und der Anweisung in Mexiko eine Rebellion anzetteln könnten, ist wohl kaum anzunehmen. Mithin ist diese Tasche für die Halunken nutzlos. Ich gehe noch weiter. Es könnte gut sein, dass keiner der Kerle englisch lesen oder schreiben kann. Das ist meine Hoffnung. – Übrigens, es hat unglaublich lange gedauert, bis der Gouverneur Sie schickte.«

»Das ging wohl nicht schneller, Colonel.«

»Immer, wenn man mit den Zivilisten zu tun hat, gibt es Ärger, Verzögerungen und Hickhack.«

»Tut mir leid, Sir.«

»Und damit Sie es wissen – weil das so lange dauerte, nahm ich die Dienste einer Agentur in Anspruch, die mir angetragen wurden.«

»Detektive?«, fragte Grainger, beugte sich nieder und stützte die Hände auf den Tisch.

»Die hatten was läuten hören und boten die Hilfe an. Für zehn Prozent des Wertes aller wiederbeschafften Gegenstände aus dem Transport.«

»Nicht schlecht. Von so ‘ner Bezahlung könnte ich locker leben, Mr. Westham.«

»Sonst noch Fragen?«

Grainger überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf.

»Wenn Sie noch Fragen haben, dann wenden Sie sich an den Hilfssheriff in Hot Wells, Mr. Grainger. Er verfolgte die Halunken bis an den Rio Grande und war wohl nur nicht schnell genug.«

»Danke, Sir.« Grainger wandte sich ab und verließ die Kommandantur.

Die Soldaten marschierten durch die Staubwände zum nördlichen Ende des Palisadenzauns. Ein schnarrendes Kommando stoppte sie.

Grainger ging zum Stall und holte sein Pferd. Draußen zog er den Sattelgurt noch einmal nach, saß auf und ritt auf das Tor zu.

Hinter ihm rannten die Soldaten vorbei.

»Stellung!«, befahl die schnarrende Stimme.

Die Männer ließen sich in den Dreck fallen.

»He, der Zivilist da, räumen Sie das Übungsfeld!«

»Schon unterwegs, Sir«, erwiderte Grainger grinsend.

Zwei Soldaten öffneten das Tor.

»Heute kann man froh sein, Wache schieben zu müssen«, knurrte der eine. »Wheeler scheint eine verdammt schlechte Nacht hinter sich zu haben.«

»Sieht ganz danach aus.« Grainger ritt aus dem Fort und durch die Prärie nach Süden.

 

 

5

Die Spuren hatten sich gut erhalten. Sobald Grainger die Diablo Mountains hinter sich zurückließ, konnte er den Eindrücken leicht folgen. Eine erhebliche Anzahl Patronenhülsen auf dem

Weg verriet, dass es die richtige Fährte sein musste.

Er ließ den Braunen schneller laufen und strebte an Kakteen und Buschwerk vorbei zwischen den Hügeln hindurch. Die ferne Mauer der Brasada rückte wie eine giftig grüne Wand näher.

Grainger zog die siebenschüssige Spencer aus dem Scabbard. Dort, wo die Spuren über den letzten, flachen Hügel hinwegführten, zügelte er das Tier auf der Kuppe.

Im Westen standen ein paar windschiefe Hütten in der Falte zwischen den grasbewachsenen Buckeln vor schroffen, grauen Granitwänden. Silbrig glitzerten Adern im Gestein. Höhlen führten in den Berg. Die Feldbahnloren und Frachtwagen und das übrige, herumliegende Gerät deuteten auf eine Erzmine hin, die sich dort befand. Auch ein paar Männer waren im Dunst des Hochsommertages zu erkennen.

Grainger folgte den Spuren weiter nach Süden und erreichte die Schneise in der hohen Buschmauer.

Ein Rudel Wildschweine floh tiefer in die Brasada hinein. Von rechts erschallte das durchdringende Rasseln einer aufgeschreckten Klapperschlange.

Der Hengst scheute und wollte ausbrechen. Hart parierte Grainger ihn.

Stellenweise gab der weiche Boden unter den Hufen wie federnd nach. Spuren vermochte Grainger nicht mehr zu erkennen.

Grainger drang ungefähr eine Meile tief in die Schneise ein. Längst hörte er von den wilden Tieren nichts mehr. Manchmal erkannte er rechts oder links Lücken zwischen Büschen, Kakteen und Stecheichen, aber wenn er ihnen folgte, endeten sie regelmäßig nach kurzer Zeit vor Dornengestrüpp oder einem Sumpf. Manchmal verbarg sich das Moor unter einem Moosteppich, der nur an seinen leichten Bewegungen verriet, dass sich eine tödliche Falle unter ihm befand.

Der Weg wurde schmaler. Das Geäst der Bäume vereinigte sich, so dass er wie durch einen halbdunklen Gang ritt.

Plötzlich krachte ein Schuss.

Grainger spürte den Luftzug der Kugel und meinte, mit dem Knallen zugleich ein Pfeifen zu hören. Er warf sich aus dem Sattel, schrammte mit der Schulter hart neben dem Braunen ins Gras, schlug das Gewehr an und feuerte blindlings durch die Schneise.

Hundertfach hallte das Wummern aus der grünen Hölle zurück. Äste wurden von den Büschen gerissen. Hufschlag vermischte sich mit dem Knallen.

Der Braune stand mit zitternden Flanken auf der anderen Wegseite am Gestrüpp, als lehnte er dagegen.

Grainger stand auf und repetierte das Gewehr. Schwarzpulver-Dampfschwaden hüllten ihn ein. Noch hallte das Echo durch die Brasada, aber der Hufschlag fliehender Pferde ließ sich darin nicht überhören. Grainger schwang sich in den Sattel. »Los, vielleicht kriegen wir die noch.«

Er sprengte durch die Wildnis weiter nach Süden. Auf einem geraden Stück sah er zwei Reiter weit vor sich.

Die Kerle schauten zurück und feuerten, doch die Entfernung war zu groß. Im Reitwind wurden den Kerlen die großen Sombreros von den Köpfen gerissen, aber die Windschnüre am Hals hielten sie fest.

Grainger repetierte und jagte den Kerlen noch eine Kugel nach.

Sie verschwanden hinter der nächsten Biegung. Als er dort ankam, wurde er aus Gewehren beschossen. Die beiden hielten mitten auf dem Weg, kaum hundertfünfzig Yards entfernt. Er sah die schwarzbärtigen, finsteren Gesichter und die glitzernden Patronen in den gekreuzten Gurten der Männer.

Der Hengst brach aus und raste ins Gestrüpp hinein. Äste griffen wie Fangarme nach Grainger und wollten ihn aus dem Sattel reißen.

»Bleib stehen, zum Teufel!« Grainger parierte den Braunen, doch das erschreckte Tier trug ihn noch an Sümpfen vorbei und bis mitten in dichtes Dornengestrüpp hinein, bevor es auslief.

Er sprang aus dem Sattel, fasste den Zügel kurz und lauschte. Von den Schurken hörte er nichts.

Langsam beruhigte sich der braune Hengst. Er ließ sich in die Gegenrichtung lenken und durch das Dickicht zur Schneise zurückführen.

Von den Männern sah Grainger nichts mehr. Nachdem ihr Überraschungsangriff misslungen war, hatten sie offenbar das Weite gesucht. Er saß auf und ritt vorsichtig weiter, das Gewehr schussbereit in der Hand.

Aber er sah sie nicht mehr.

 

 

6

Es handelte sich um acht Männer, die die Erzmine betrieben.

Grainger hielt vor ihnen und betrachtete die abgerissenen Gestalten. Rötlicher Staub saß wie festgefressen in ihrer Kleidung und verriet, dass sie Kupfererz aus dem Berg brachen.

»Ja, wir sahen das damals«, erklärte der Verwalter, ein mittelgroßer, breiter Mann, der eine rote Säufernase und einen tagealten Stoppelbart hatte. »Zuerst mexikanische Rebellen, wie es aussah. Dann der Sheriff mit Rancher McClure und dessen Cowboys.«

»Aber die Posse hatte offenbar kein Glück.« Der Mann rechts des Verwalters grinste. »Kein Wunder, die Mexe kennen die Brasada besser als der Sheriff aus Hot Wells, Mister.«

»Mein Name ist Grainger. Kann ich das Pferd hier mal saufen lassen?«

»Da drüben.« Der Verwalter deutete über die Schulter. »Übrigens, ich heiße Les Wolter.«

Grainger nickte, stieg ab und führte das Pferd an den Frachtwagen und Schwellenstößen vorbei zu einer Tränke.

»Los, Leute, an die Arbeit!«, rief der Verwalter.

Grainger sah zu, wie die Männer mit zwei alten Erzloren im Berg verschwanden.

Der Verwalter näherte sich, lehnte die Schulter gegen den Schwellenstoß und rollte sich eine Zigarette.

»Sahen Sie, wie weit die Posse hinter den Mexikanern zurücklag?«, fragte Grainger.

Wolter klemmte den krummen Glimmstängel zwischen die Lippen. »Das war nicht viel, Mister. Ein paar hundert Yards, mehr nicht.«

»Seltsam.«

»Wieso?« Wolter rieb auf der Trommel seines tief geschnallten Revolvers ein Schwefelholz an und hielt es an die krumme Zigarette.

»Weil die Reiter doch bedeutend schneller als der Wagen sein mussten.«

Wolter rieb die Flamme zwischen den Fingern aus und paffte Grainger den Rauch entgegen. »Die kriegten ordentlich Zunder von den Mexen. Da konnten sie nicht so schnell reiten.«

»Kann sein«, gab Grainger zu.

»Wer schickt Sie eigentlich? Sind Sie ein Texas-Ranger? Oder ein verkappter Soldat?«

»Weder noch. Aber ich soll zurückbringen, was die Rebellen raubten.«

»Sofern es noch auffindbar ist.« Wolter rollte den Glimmstängel in den anderen Mundwinkel. »Ist ja doch schon eine Weile her. Und Geld zerrinnt Banditen unter den Fingern.«

Der Mann gefiel Grainger immer weniger. Er hatte glitzernde Augen wie ein Fisch und wirkte trotz der vorgeblichen Abgeklärtheit ruhelos.

Einer der Arbeiter kehrte aus dem Stollen zurück und blieb dort stehen. Er trug wie Wolter einen schweren Revolver tief an der Hüfte, was Grainger ebenfalls seltsam erschien, da die Waffe bei der schweren Arbeit hinderlich sein musste.

»Wollten Sie sonst noch was wissen?«, fragte der Verwalter mit der wippenden Zigarette im Mund.

»Nein, das war alles.« Grainger kehrte zu seinem Pferd zurück und zog den Sattelgurt nach.

»Worum ging es denn bei dem Raubzug?«

»Um Gewehre, Munition, Pulver und Geld.«

»Viel Geld?«

»Zehntausend Silberdollar.«

»Donnerwetter.« Wolter spuckte den Rest der krummen Zigarette aus. »Das hat der Sheriff aber danach nicht erzählt, als er hier vorbeikam.«

»Das wusste er ja damals auch nicht.« Grainger saß auf, tippte an seinen Hut und ritt an dem Verwalter vorbei.

 

 

7

Die Sonne versank im Westen hinter den Bergen und Hügeln. Rot flammte noch der Horizont wie von einem fernen Feuer. Die Schatten erloschen, und die Hitze verlor sich schnell.

Grainger ritt durch die breite Hauptstraße des Prärienests und auf den Hof des Mietstalles.

Aus dem Saloon schräg gegenüber klang Klavierspiel. Eine helle Mädchenstimme sang ein frivoles Lied und löste schallendes Männergelächter aus.

Der alte Stallmann, ein kleiner, krummer Sechziger, kam aus dem langen, flachen Gebäude, in dem die Tiere mit den Hufen im Stroh scharrten. »Einstellen, Mister?«

Grainger saß ab. »Ja. Können Sie mir sagen, wo ich den Sheriff finde?«

»Sein Office ist nur ein paar Häuser weiter auf der gleichen Seite. Aber ich wette mit Ihnen um meinen Stall, samt der Mietpferde, dass er jetzt im Saloon am Tresen steht. Seit die schöne Lola hier aufkreuzte, sind die Männer nicht mehr zu halten. Rep natürlich auch nicht.«

»Verstehe.« Grainger führte das Pferd in den Stall und in eine leere Box, in der er es anband und absattelte.

Der alte Mann stand im Gang dabei und rückte an seinem schweißdurchtränkten Schlapphut herum. »Ist ja auch eine tolle Nudel, diese Lola. Wieso die sich in unser Nest verirrte, bleibt vermutlich für immer ein Rätsel.«

»So?« Grainger verließ die Box.

»Aber ja, Mister. Die schönen Mädchen gehen nach Pecos oder El Paso, wo der Dollar lockerer sitzt als hier und mehr Leute herumlaufen, die was springen lassen. Aber vielleicht will sie nur ein paar Tage bleiben. Wer weiß.«

Grainger gab dem Mann einen Dollar, verließ den Stall und den Hof und überquerte die Straße.

Das Klavierspiel und der Gesang schallten nicht mehr aus dem Saloon. Aber die Männer lachten und klatschten.

»Wirf mir mal was her, Lola!«, brüllte eine tiefe Stimme.

»Leet, wenn das deine Frau erfährt, kriegst du Ärger!«

Das Gelächter wurde lauter.

Grainger betrat den Fußweg und erreichte die Schwingtür, über der Rauchschwaden herauszogen. Er schob sich nach innen und trat in die verräucherte Kneipe, in der rund ein Dutzend Petroleumleuchter gegen das Dunkel ankämpften.

Am Tresen standen zehn Männer. Wenigstens dreißig weitere saßen an den Tischen, die bis zu der Bühne im Hintergrund reichten. Hier und da saß ein Mädchen, manche Mexikanerin, auf dem Schoß eines Mannes. Auf der Bühne hockte der Klavierspieler zusammengesunken an seinem Instrument und sah fasziniert wie die anderen Gäste der schönen, blonden Lola zu, die sich betont langsam der langen, schwarzen Handschuhe entledigte und sie unters Volk warf.

Die Männer sprangen auf und versuchten einander aus dem Wege zu drängen.

Das Mädchen war hochgewachsen und schlank, hatte große, unter dem glitzernden schwarzen Kleid wippende Brüste und lange Beine. Als Lola sich drehte, flogen die blonden Locken über ihre Schultern hinweg.

Grainger erkannte den Hilfssheriff an dem großen Stern an dessen alter Jacke. Er drängte sich neben ihn, was dieser so wenig wie die anderen bemerkte.

Lola begann das Kleid auszuziehen. Der Klavierspieler stand auf, als wollte er sie anfallen. Auch andere Männer erhoben sich und wurden von denen, die nichts mehr sahen, wieder nach unten gedrückt. Lautes Schimpfen erfüllte ein paar Sekunden die Kneipe.

»Sheriff?« Grainger stieß den Mann neben sich an.

»Später«, schimpfte Rep Cohler, ohne nachzusehen, wer neben ihm stehen könnte.

»Einen Whisky!«, verlangte Grainger.

Der Keeper schenkte ein, beobachtete das blonde Mädchen auf der Bühne, das mit gekonnten Bewegungen aus dem Kleid stieg und plötzlich fast nackt auf der Bühne stand, lediglich noch mit einem Strumpfhaltergürtel, breiten Strumpfhaltern mit je einer winzigen Pistole daran und schwarzen Netzstrümpfen bekleidet.

Lola warf das Kleid in die Menge. Die Männer setzten über Stühle und Tische hinweg und begannen um das Kleidungsstück zu raufen.

»Ist sie nicht Klasse?«, fragte der Sheriff, der Grainger immer noch nicht anschaute.

»Doch.«

Der Keeper schenkte immer noch ein, obwohl das Glas längst voll war und die Pfütze auf dem Tresen immer größer wurde.

»He, wird Ihnen das nicht zu teuer?«

Der Keeper zuckte zusammen und stellte die Flasche ab. »Verdammt und zugenäht!«

»Wenn Sie jeden Tag so ein Fußbad machen, können Sie den Tresen bald ins Feuerholz werfen.«

»Der muss bald stockbesoffen sein«, sagte ein Mann hinter Grainger kichernd.

Der Keeper putzte die Lache weg und schob Grainger das Glas zu. »Ist ein bisschen voll geworden. Entschuldigen Sie.«

Grainger warf eine Münze auf den Tresen.

Indessen hatten die raufenden Männer vor der Bühne Lolas Kleid zerfetzt und trugen die Teile wie Beute an ihre Tische zurück. Das blonde Mädchen tanzte auf der Bühne und sang ein Cowboylied. Doch jäh brach es ab, als Stille herrschte.

»Weiter!«, rief jemand.

Andere klatschten.

»Das Kleid ist fünfzig Dollar wert gewesen«, sagte das blonde Mädchen mit den großen grauen Augen. »Bevor ich die nicht habe, läuft nichts mehr.«

Die Männer warfen mit Silbermünzen, so dass Lola wie im Regen stand und der Klavierspieler den Kopf einzog, um nicht getroffen zu werden.

Lola tanzte weiter, der Mann spielte erneut, und immer neue Münzen flogen auf die Bühne, bis es schien, als würde das Barmädchen über Sterne laufen.

»Was schätzen Sie denn, wie viel das ist?«

Grainger blickte über die Schulter. »Mehrere Kleider auf jeden Fall.«

»Aber sicher, Mister.«

Grainger trank einen Schluck.

Endlich fand auch der Sheriff Zeit, sich umzuwenden. »Was sagten Sie vorhin?«

»Ich müsste Sie sprechen, Sheriff.«

»Warum?«

»Colonel Westham«, flüsterte Grainger.

Cohler wurde aufmerksam. »In Ordnung. Kommen Sie nachher in mein Office.« Er wandte sich um. »Das geht hier nicht mehr lange, dann ist ihr Auftritt für heute vorbei.«

Grainger trank das Glas leer und schob sich aus der Menge. Auf einmal stand er einem großen, dunkelhäutigen Mexikaner gegenüber, der sich fein herausgeputzt hatte. Zu einer schwarzen Hose mit Samtkeilen trug er ein weißes Hemd mit Rüschen und eine silbern bestickte Weste. Er hatte einen großen, schwarzen Hut mit ebenfalls silbern bestickter Krempe, schwarze Lackschuhe, eine rote Schärpe um die Hüften, ein Messer mit Silberknauf dahinter und einen Colt mit einem sichtbaren Schulterholster. Aus kalten Augen musterte er Grainger und sagte: »Sie riechen nach Schwefel, Señor.«

»Tatsächlich?«

»Sie waren in der Brasada.«

»Also kommen Sie in mein Office.« Der Hilfssheriff stieß Grainger an und ging vorbei.

Der Blick des Mexikaners huschte wieselflink zwischen den verschiedenen Männern hin und her.

»Sofort, Sheriff.«

Der Mann ging weiter.

Auf der Bühne sammelte der Klavierspieler das Geld ein, während das fast nackte Mädchen hinter dem Plüschvorhang im Hintergrund verschwand. Donnernder Beifall brauste durch den Saloon.

Grainger blickte auf den Mexikaner, von dem eine ihm noch nicht begreifliche Gefahr auszugehen schien.

Aber da wandte sich der feine Grandseigneur bereits ab und schob sich in die Menge.

Grainger schaute ihm nach. Den hohen, schwarzen Hut sah er noch ein paar Augenblicke, dann tauchte er in den Rauchschwaden unter.

»Wer war das?«, fragte er den Mann, der ihn vorher angesprochen hatte und der nun neben ihm verharrte.

»Ein gewisser Ernesto Gomez, soviel ich hörte. Tauchte vor ein paar Tagen hier auf, verschwand aber dann wieder. Heute war er auf einmal wieder da.«

»Wann kam er?«

»Vor einer guten Stunde.«

»Danke, Mister.«

 

 

8

Die kurze Phase der Dämmerung ging rasch zu Ende. Dunkelheit legte sich über die kleine Stadt im südlichen Texas.

Hilfssheriff Rep Cohler saß hinter seinem von Sporenrädern ramponierten Schreibtisch und blickte Grainger an.

Das Office war ein schmalbrüstiger Raum, in dem außer dem Tisch und dem alten Ohrensessel dahinter nur Graingers Stuhl, eine Bank an der Wand, ein Spind und der Gewehrständer Platz fanden. Eine dicke Bohlentür führte ins angrenzende Gefängnis, eine weitere in die Schlafkammer des Hilfssheriffs.

»Sie sind den Spuren bis zum Rio Grande gefolgt?«

»Da gab es keine Spuren mehr. Nicht mal die beiden Halunken konnte ich weit genug verfolgen.«

Grainger lehnte sich zurück. »Aber ich bin auch auf die andere Seite. Leider erfolglos.«

Cohler nickte. »War kaum anders zu erwarten. Westham sollte die Sachen abschreiben und seine Transporte in Zukunft mit größerer Bedeckung auf die Reise schicken.«

»Hat er Ihnen erzählt, was sich alles auf dem Wagen befand?«

Cohler kniff die Augen zusammen. »Reden Sie jetzt von den Papieren?«

»Sie wissen es also«, stellte Grainger fest.

»Er machte ein paar Andeutungen. Von wegen räuberischer Mescaleros, die sie offenbar ausräuchern wollen. Also wenn die Rebellen damit nichts anfangen können, werfen Sie es weg. Ist doch klar. Für die Armee bedeutet das nur Zeitverlust.«

»Irrtum. Die vielen Gewehre und die Munition, das Presspulver nicht zu vergessen, gehören doch zur Ausrüstung der Truppe, die da Krieg machen soll.«

»Richtig.« Der Sheriff lehnte sich zurück. »Daran dachte ich nicht. Aber wie gesagt, nutzlos, dass er Sie noch bemüht. Das Zeug haben die Rebellen längst aufgeteilt.«

»Mich interessieren die beiden Kerle, die in der Brasada auf mich schossen.«

»Sie denken, die haben gewartet, ob da noch jemand käme? Wegen einer acht Tage alten Geschichte?« Rep Cohler sah ungläubig aus. »Halte ich für Blödsinn. Das waren bestimmt ganz gewöhnliche Wegelagerer, womit man in der Brasada stets rechnen muss. Die knallen einen einzelnen Reiter oder Fuhrmann ab und sehen dann nach, ob es sich lohnt. Die Leiche werfen sie dann sicher in einen Sumpf. Anders lässt sich nicht erklären, dass von hier aus öfter Männer nach Mexiko reiten, von denen man nie wieder hört.«

Details

Seiten
101
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938104
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537664
Schlagworte
grainger brasada-brut

Autor

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Titel: Grainger jagt die Brasada-Brut