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Redlight Street #128: Unschuldig dem Laster ausgeliefert

2020 115 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Unschuldig dem Laster ausgeliefert

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Die Hauptpersonen des Romans:

1

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Unschuldig dem Laster ausgeliefert

Redlight Street #128

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Die 16jährige Schülerin Anita wohnt mit ihren Eltern, dem Opa und den sechs Geschwistern auf engstem Raum in einer Obdachlosenunterkunft. Geld ist nie da, weil alle Familienmitglieder zu faul sind, sich eine Arbeit zu suchen. Opa ist der einzige, der finanziell die Familie unterstützt mit seiner Rente. Der älteste Bruder Otto ist ein Kleinkrimineller, ihr Vater ein Trinker. Als der Familie die Rente vom Opa nicht mehr zur Verfügung steht, beschließt Otto, seine Schwester Anita in die Prostitution zu schicken.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Anita - Mädchen aus unguten Verhältnissen, muss alsbald ihre Träume begraben.

Otto - ihr Bruder, verschachert sie an einen Zuhälter.

Erika Brenner - deutsche Lehrerin in Amerika verheiratet, macht eine unwahrscheinliche Entdeckung.

 

 

1

Der Lärm war unbeschreiblich. Aber das alles hätte sie vielleicht noch ertragen, das war nicht so schrecklich. Und auch die vielen Kinder nicht. Kinder fand sie eigentlich nett, das hieß, wenn sie nicht so frech waren. Leider gab es davon aber eine ganze Menge. Und die stilleren, sanften, die wurden buchstäblich an die Wand gedrückt, ausgenützt. Die Starken besiegten die Schwachen. So würde es immer bleiben, heute und in der Zukunft.

Sie gehörte zu der zweiten Sorte: sanft, nachdenklich, ja träumerisch veranlagt. Nur in Gedanken konnte sie aus dieser Hölle entfliehen.

Wer auf der Hohen Straße lebte, der war zum Unglück verurteilt. Wie viele waren schon daran verzweifelt. Anständige Familien, durch irgendein Schicksal aus der Bahn geworfen, die nicht mehr die hohen Mieten in der Stadt zahlen konnten, wurden behördlich in eine der vielen Wohnungen der Hohen Straße verfrachtet. Wie Kasernen sahen die Blocks aus und das waren sie auch mal wirklich gewesen. Kasernen für Soldaten im letzten Krieg. Sie erhielten eine Blitzausbildung und wurden dann gleich an die Front geschickt. Nach dem Krieg, als die halbe Stadt zerstört war, verkroch man sich hierhin. Das waren die Arresten der Armen. Und sie sagten sich: Nur für den Übergang, bald sind wir hier raus! Aber viele von damals lebten noch immer hier. Und andere, die ausgezogen waren, hatten nur den Weg bis zum Friedhof gefunden.

Die Hohe Straße war verrucht und gemein. Hier wurden Verbrechen ausgebrütet, hier lebte das Laster und der Pöbel, so sagten die übrigen Einwohner.

Anita, das sechzehn Jahre alte Mädchen, wusste um diese Vorurteile schon längst. Bitter war ihr Lächeln, bitter ihre Lebenseinstellung.

Wie sollte man denn hier anständig bleiben? Wie denn, zum Teufel? Aus eigener Kraft schaffte man das nicht. In der Schule fing das schon an. Wenn man die Adresse der Eltern angeben musste, zuckten die Lehrer schon zusammen. Wenn mehrere Kinder von der Hohen Straße in eine Klasse kamen, dann streikten sie, das wollten sie nicht. Verbrecherkinder, sie würden doch nur den Unterricht stören und so weiter. Die anderen Kinder aus anständigen Familien würden darunter leiden.

Ja, deren Eltern hatten sogar eine Eingabe gemacht, ob es statthaft wäre, diese Kinder zusammen mit anderen zu unterrichten. Aber in Deutschland war Schulpflicht und die Stadträte wollten keine besondere Schule für die Kinder aus der Hohen Straße errichten. Die nächstliegende Grundschule musste die Kinder aufnehmen.

»Ja, es stimmt«, murmelte sie leise vor sich hin. »Sie wollen nicht lernen, sie stören den Unterricht, sind frech, ärgern die anderen Kinder, wo sie nur können. Aber warum tun sie das?« Sie lächelte bitter.

Die Erwachsenen, sogar die Lehrer, machten es sich so einfach. Keiner bemerkte, dass man den Kindern aus der Hohen Straße gleich so etwas wie einen Stempel aufdrückte. Du bist ein böses Kind, wir erwarten gar nichts anderes von dir. Aber wir müssen dich hier dulden, fertig.

Sie, Anita, störte den Unterricht nicht, und sie versuchte auch verzweifelt, eine gute Schülerin zu sein, obwohl dies wirklich nicht einfach war. Daheim hatten sie nur zwei Stuben und ein kleines Kämmerchen. Das nannten die anderen schon sehr viel. Sieben Kinder waren sie, die Eltern und dann noch der Opa. Und das ganze Leben spielte sich in der Küche ab. Sie musste mit den anderen an einem Tisch sitzen, bei Lärm, Krach und Gezanke und sollte sich auf die Hausaufgaben konzentrieren. Mitunter konnte sie es einfach nicht, aber sie gab nicht auf. Sie wollte es ihnen allen zeigen, dass sie auch lernen konnte, dass sie genauso schlau war wie die Kinder aus anständigen Familien.

Einmal, da hatte sie auch eine Freundin gehabt. Ellen hieß sie. Sie mochten sich gern und Anita war so glücklich darüber gewesen. Und dann, als Ellen Geburtstag hatte, wie lange hatte sie, Anita, auf das kleine Geschenk gespart. Viele Monate und sie hatte die Mutter angebettelt, doch noch einmal ihr Kleid zu plätten. Sie wollte nett und anständig aussehen, wenn sie zur Party ging. Ellen hatte so viel davon gesprochen. Ganz viele Kinder wollte sie einladen und dann wollten sie feiern. Als der Tag gekommen war, hatte Ellen ihr dann sagen müssen: »Meine Eltern erlauben

nicht, dass ich dich einlade. Sie haben gesagt, wenn ich dich trotzdem mitbringe, würden sie keine Party für mich geben.«

»Aber warum darf ich denn nicht kommen?«, hatte sie mit zuckenden Lippen gefragt. »Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Weil du von der Hohen Straße kommst, darum. Du verstehst mich doch? Ich hab es den anderen doch versprochen, ich darf sie nicht enttäuschen.«

Damals war etwas in ihr zerbrochen. Der Glaube an das gute Leben. Und sie hatte lange heimlich deswegen geweint. Die Mutter hatte sie nur ausgelacht.

»Ich hab es dir gleich gesagt, die wollen uns nicht.«

Anita saß auf der Mülltonne und blickte in den Abendhimmel. Warum sie jetzt daran denken musste? Weil sie schon wieder eine Absage erhalten hatte? Sie war jetzt sechzehn und würde in einem halben Jahr aus der Schule entlassen, aus der zehnten Klasse. Ja, sie hatte es bald geschafft, hatte zäh darum gekämpft. Keines der Kinder hier kam meistens über die Sonder- oder Volksschule ohne Abschluss hinaus. Sie aber würde es schaffen. Sie wollte Drogistin werden. Aber bis jetzt hatte sie nur Absagen erhalten.

Anita dachte: Ich halte das nicht mehr aus. Ich werde verrückt. Was habe ich denn getan? Was denn? Warum nehmen sie mich nicht? Sie können es doch mit mir versuchen. Wenn sie mich dann rausschmeißen, weil ich dumm bin und nicht kapiere, dann kann ich das verstehen. Aber so... Ihre Augen schwammen in Tränen.

Grete, ihre kleine Schwester, kam quer über den Hof gelaufen.

»Du sollst endlich nach Hause kommen«, sagte sie mürrisch.

»Ja, ich komme schon«, sagte Anita und sprang von der Mülltonne.

Die Mutter keifte sie an: »Hast mal wieder unten gesessen und vor dich hingestiert, während ich hier nicht weiß, wie ich zu Rande kommen soll.«

Anita stand in der Tür, sah in die schäbige Küche und schluckte. Einmal hatte es eine Zeit gegeben, da hatte sie geglaubt, auch die Familie ändern zu können. Ihnen begreiflich machen, dass man auch in der Armut sauber und ordentlich leben konnte. Unermüdlich hatte sie sich über die Stuben hergemacht und wie eine Verrückte geputzt. Aber die Ordnung hatte nur ein paar Minuten gedauert. Wenn dann die Horde hereingestürmt kam, sah es wieder wüst und schmutzig aus.

Nein, in dieser engen Behausung konnte man einfach keine Ordnung halten. Die Küche war so klein und hatte noch die Etagenbetten für die ältesten Söhne zu beherbergen, die nur durch einen Vorhang abgetrennt waren.

Wasser gab es nur auf dem Flur. Man musste es in Kannen oder Eimern in die Küche holen, es auf dem primitiven Herd aufwärmen und dann konnte man sich waschen. Für Anita war auch das immer eine Qual. Die Brüder machten sich einen Spaß daraus, hinter den Vorhang zu spähen und sie zu frotzeln. Ihre drei Schwestern dagegen hatten ein dickes Fell und kümmerten sich nicht darum.

Sie alle waren in zwei Etagenbetten im Eheschlafzimmer untergebracht. Dazu die Eltern, der Vater, der oft stockbetrunken nach Hause kam und erst einmal seine Frau verprügelte. Anita lag dann in ihrem Bett und war vor Entsetzen gelähmt. Das war also die Ehe! Niemals würde sie heiraten, nie, nie nie!

Ja, und dann gab es noch Opa. Opa bewohnte den kleinen Verschlag hinter der Küche. Wenn auch klein, so gehörte er ihm ganz allein. Dort hatte er ein schmales Bett und sogar einen eigenen Schrank. Anders als bei vielen anderen Familien spielte der Opa bei ihnen die Hauptrolle. Und das hatte einen ganz besonderen Grund. Opa, der Vater von Mutter, bekam nämlich eine ganz hübsche Rente. Und so grotesk das auch klang, aber in der Hauptsache lebten sie eben von dieser Rente. Und wenn dem Opa etwas nicht passte oder wenn er wütend war, dann brauchte er nur zu sagen: »Ich hab’ die Nase voll, ich geh’ ins Altersheim.« Sofort gaben sie alle nach und es wurde so gemacht, wie Opa es wollte.

Opa wusste das und nutzte seine Macht weidlich aus. Sie hassten ihn alle von Herzen. Aber was sollten sie denn machen? Essen mussten sie nun mal.

Der Vater war ungelernter Arbeiter und bekam hin und wieder Gelegenheitsarbeit. Hatte er diese, dann musste die Mutter ihn immer abends von der Arbeitsstelle abholen. Sonst vertrank er den Tagesverdienst und sie hatten wieder nichts im Brotschrank.

Otto, ihr ältester Bruder, achtzehn Jahre war er alt, trieb sich überall und nirgends herum. Er war ein mieser kleiner Gauner, aber so gerissen, dass ihn die Polizei bis jetzt noch nicht erwischt hatte. Er besaß immer Geld, aber steuerte nur ganz wenig zum Unterhalt bei. Kalle, siebzehn Jahre alt, wollte mittun mit Otto, aber war nicht gerade mit besonderen Geistesgaben ausgestattet. Otto war immer sehr wütend, wenn Kalle ihm auf Schritt und Tritt folgte.

Dann war da noch Werner, 15 Jahre alt, er ging wie sie noch zur Schule. Er war zweimal sitzengeblieben.

Nach der Geburt von Werner hatte der Vater vier Jahre im Gefängnis gesessen und so kamen die Kinder erst wieder, als der Erzeuger entlassen wurde. Edith, zehn Jahre alt, Elsbeth, 9 Jahre alt, und Grete, 8 Jahre alt. Es hatte noch zwei Totgeburten gegeben. Danach hatten die Ärzte die Mutter sterilisiert und der Kindersegen hatte endlich ein Ende gefunden.

Die Mutter war durch die vielen Schwangerschaften furchtbar in die Breite gegangen. Hässlich war sie eigentlich nicht, aber sie kleidete sich schlampig, war in den vielen Jahren furchtbar nachlässig geworden. Im Krieg geboren, selbst zwischen Trümmern groß geworden, kannte sie gar nichts anderes. Arbeiten war ihr ein Greuel. Seit Anita alt genug war, musste diese den Haushalt versorgen. Und die übrigen Kinder besorgten den Einkauf.

Wenn sie auch keinen Luxus besaßen, so hatten sie doch eines: einen Fernseher. Und der lief ununterbrochen. Anita blickte manchmal hin und wenn sie die Reklame sah, dann krümmte sich ihr Magen zusammen oder einen Film, der in geordneten Verhältnissen spielte. Da besaß zum Beispiel eine vierköpfige Familie ein ganzes Haus. Und wie hübsch, doch die Küche aussah, und jedes Kind hatte sein eigenes Zimmer.

Sie konnte sich das gar nicht wirklich vorstellen. Es musste wohl in der Stadt so zugehen. Aber sie selbst hatte noch nie mit eigenen Augen eine so nette Wohnung gesehen.

Anita holte die Kartoffeln und stellte sie auf. Es gab mal wieder Pellkartoffeln mit Hering. Es war kurz vor dem Ersten und da hatte selbst Opa nichts mehr im Beutel. Die übrige Familie machte missmutige Gesichter.

Sie stellte gerade die Kartoffeln auf den Tisch, als die Tür aufging und Otto hereinkam. Er schleppte einen Sack hinter sich her. Grinsend schob er die Teller zur Seite und schüttete den

Sack aus. Da gab es Käse, Butter, Würste und sogar ein rohes Suppenhuhn.

Alle wussten es, es war geklaute Ware. Niemand sagte ein Wort. Alle schlugen sich nur den Bauch voll. Anita stellte das Huhn mit Wasser auf. Nach zwei Stunden würden sie auch ,dieses verspeist haben.

Plötzlich blickte Otto den mümmelnden Opa an.

»Wo hast du denn dein Esszimmer gelassen, Opa?«

Dieser hörte mit dem Mümmeln auf und sah seinen Enkel verdutzt an.

»Wie?«, sagte er und legte den Kopf schief.

»Deine Beißerchen, Opa. Die Fürsorgerin hat sie dir doch vermittelt.«

Die Sache war nämlich so gewesen: Opa hatte schon seit Jahren keinen Zahn mehr im Mund gehabt, aber dann hatten sie mal Besuch von einer Fürsorgerin bekommen. Sie hatte sich tatsächlich einmal zu ihnen verirrt. Sie versprach dem Opa, auf Staatskosten ein Gebiss für ihn machen zu lassen.

Seit drei Tagen war nun Opa stolzer Besitzer eines piekfeinen Gebisses. Und in der Familie nannten sie es Esszimmer.

»Los, Opa, du willst mir doch nicht sagen, du Halunke, dass du das verscheuert hast«, forschte Otto weiter.

Opa fühlte mit seinen nicht ganz sauberen Fingern im Mund herum.

»Tatsächlich, es ist futsch«, murmelte er. Er legte den Kopf schief und betrachtete die kauende Familie.

»Wer hat mir mein Gebiss geklaut?«, kreischte er plötzlich los.

Anita blickte ihn verdutzt an. Kalle zog sofort seinen Kopf ein. Aus Erfahrung wusste er, wenn was nicht an Ort und Stelle war, hatte man seltsamerweise immer gleich ihn in Verdacht. Da wurde nicht lange geredet, sondern gleich draufgeschlagen.

Die jüngeren Mädchen lachten wiehernd.

»Ich will mein Gebiss wiederhaben«, kreischte Opa in einem fort. »Wer hat mir mein Gebiss geklaut, dem reiß’ ich die Rübe ab.«

Plötzlich merkten sie, dass es kein Spaß war. Opa meinte es wirklich so und das Gebiss war nicht da.

»Wo hast du es denn zuletzt gehabt?«, wollte die Mutter wissen.

»Ich? Wo es hingehört«, sagte Opa wütend. »Alle im Block sind neidisch auf mein schönes Gebiss und darum trag ich es, um sie zu ärgern.«

Nun mischte sich auch der Vater ein. »Ja, glaubst du denn, wir klauen dir dein Gebiss aus dem Maul heraus?«

»Euch traue ich alles zu«, giftete Opa zurück.

»Du musst es verloren haben«, sagte die Mutter.

»Nee, so einfach mach ich euch das nicht.«

Für Sekunden war es still am Tisch. Otto stopfte sich den Rest Käse in den Mund und begann, dann zu lachen.

»Kann man denn so etwas überhaupt versetzen?«, wollte er wissen.

»Die Fürsorgerin hat mir gesagt, es hat bald zweitausend Mark gekostet«, kreischte Opa wild auf.

Diese Summe machte sie für einen Augenblick alle mundtot. So viel Geld hatten sie noch nie auf einem Fleck gesehen und Opa trug so etwas im Mund herum, für zweitausend Mark ein paar Zähnchen, nur damit er ihnen besser die Happen wegessen konnte.

Sie alle dachten dasselbe, ohne Ausnahme. Nur Anita kümmerte sich nicht um den Lärm und räumte die Teller ab, stieß Edith vom Stuhl, damit sie ihr beim Abwasch zur Hand ging. Wenn sich die ganze Familie in der Küche aufhielt, war es wirklich nicht einfach, sich darin zu bewegen.

Opa wurde jetzt furchtbar wild und drohte wieder damit, ins Heim zu gehen.

»Ihr seid eine verdammte Aas und Räuberbande, Verbrecherbrut! Mir das Gebiss zu klauen, während ich schlafe.«

Das war der Mutter zu viel. Sie allein konnte es sich erlauben, gegen ihren Vater zu wettern.

»Denk erst mal nach, wann du es zuletzt gehabt hast, Alter. Wir werden den Dieb schon finden, keine Sorge.«

Opa legte sein Gesicht in Dackelfalten und dachte wirklich angestrengt nach. Geschlafen, ja, das hatte er heute gar nicht. Im Hof war er gewesen, hatte mit den anderen Alten an der Mauer gesessen und sich von der Sonne bescheinen lassen. Da hatte er noch mit dem Gebiss geprahlt. Also musste er es dort auch noch gehabt haben.

Und dann, was war dann gewesen? Richtig, er hatte mal aufs Klo gemusst. Er war dann gegangen. Unterwegs hatte er schon zu husten angefangen. Hatte es im Klo nicht so gescheppert, dass er gedacht hatte, es fiele mal wieder Putz von der Decke? Doch er hatte sich nicht weiter darum gekümmert und die Kette gezogen. Schlagartig wusste er jetzt, es war sein Gebiss gewesen, das beim Husten ins Klo gefallen war.

Erschreckt schlug er sich mit der Hand auf den Mund.

»Na, wo hast es denn jetzt gelassen, Opachen?«

»Och, och«, sagte er gedehnt.

»Los, raus mit der Sprache.«

»Ich hab’s im Klo verloren«, sagte er weinerlich.

Sie kreischten vor Lachen.

Opa schrie wütend dazwischen: »Hört sofort auf!«

 

 

2

Selbst Kalle hatte den Spaß verstanden und wieherte jetzt wie ein Pferd.

»Mensch, Opa, so bekloppt kannst auch nur du sein. Nee, nee, so ein Doofmann, wie du bist«, lachte Otto, sein ältester Enkel, ihn weidlich aus.

Sie hätten es ihm diesmal nicht so gründlich besorgt, wenn er sie vorher nicht immer so schikaniert hätte. Nun hatten sie endlich mal einen Grund, es ihm tüchtig heimzuzahlen.

Natürlich hatte der Alte überhaupt kein Verständnis dafür. Zwar hatte er sich noch gar nicht an das Gebiss gewöhnt. Richtig unangenehm war es im Mund und essen konnte er auch nicht gut damit. Aber er konnte Leute damit ärgern, weil er jetzt ein so teures Gebiss herumtrug, was wirklich sonst keiner im Block hatte.

Er hatte sein ganzes Leben immer den Beitrag an die Krankenkasse bezahlt und so hatte dann die Fürsorge den Rest, den die Kasse für das Gebiss nicht zahlte, aufgebracht. Ein ganzes Gebiss hätte sie nicht gezahlt, vor allen Dingen deshalb nicht, weil sonst immer mehr Leute darauf Anspruch erhoben hätten.

Ehrlich, das war wirklich keine feine Lage, in der er sich jetzt befand. Zuerst einmal war der Respekt der Familie vollkommen dahin und wenn sie ihn jetzt morgen unten im Hof fragten, wo denn sein Gebiss geblieben sei, konnte er doch unmöglich die Wahrheit sagen.

Also saß er da und dachte angestrengt nach. So schlau war er, dass er sich an zwei Fingern abzählen konnte, dass unter diesen Umständen weder die Kasse noch die Fürsorge noch einmal so tief in die Tasche greifen würden. Er hatte das Gebiss ja noch nicht mal eine Woche besessen.

»Verdammtes Wasserklo«, fluchte er zwischen dem Gekreische.

Das brachte die anderen noch mehr zum Lachen.

»Mensch, Opa, du selbst bist es doch gewesen, der sich über das Plumpsklosett im Hof bei so ’nen Pressefritzen beschwert hat. Und er hat dann darüber in der Zeitung geschrieben, von wegen mangelnder Hygiene und so.«

Seine Tochter sagte kichernd: »Vater, wärst dann vielleicht ins Plumpsklo runter gestiegen und hättest deine Beißerchen gesucht?«

Nein, er konnte heute sagen, was er wollte, sie lachten nur noch mehr und seine Laune wurde noch grimmiger. Nur Anita fand das alles so qualvoll. Sie stand am Ausguss, spülte den Riesenberg Geschirr weg und kümmerte sich nicht weiter um die Familie.

Opa saß wie ein beleidigter Buddha in seinem zerschlissenen Lehnstuhl, übrigens, das war auch ein Privileg, das er sich herausnahm. Die anderen hatten alle nur primitive Bretterstühle, aber Opa hatte seinen Sessel und wehe, es setzte sich mal einer hinein, den fegte er achtkantig hinaus. Und mit seinem Krückstock konnte er ganz schön um sich schlagen. Selbst Otto zog dann das Genick ein und machte, dass er davonkam.

Der Lärm drang bis in den Flur, aber die anderen Familien kümmerten sich nicht darum. Bei denen ging es ja nicht leiser zu. Wenn abends Kinder und Mann zu Hause waren, gab es immer irgendeinen Ärger oder Krach.

Und das junge sensible Mädchen wuchs in diesen Verhältnissen auf. Es sehnte sich weit fort, irgendwohin, wo die Menschen sich wirklich liebten, wo sie Rücksicht auf den anderen nahmen. Wo man frei sein konnte. Wo man ein eigenes Zimmer hatte, in das man sich zurückziehen konnte. Sein kleines Reich. Und sie würde sich dann Bücher kaufen und hätte Zeit und Ruhe zum Lernen. Mein Gott, dachte sie auch heute wieder, ist es denn so viel, was ich mir wünsche?

Nicht dass sie die Eltern und Geschwister hasste, nein, das war es nicht, obgleich sie ständig von ihnen aufgezogen wurde wegen ihrer Reinlichkeit, ihres Ordnungssinns und ihrer Gelehrigkeit und weil sie noch immer mehr lernen wollte.

Otto sagte immer: »Bist wohl bekloppt, was? Je mehr du lernst, um so mehr musste später mal malochen. Mach es wie ich, schlängel dich durchs Leben.«

»Das könnte ich nicht«, erwiderte sie dann flüsternd. »Ich kann nicht stehlen und lügen.«

»Mann, du bist wirklich unser Kuckucksei, Anita. Ma, ist die überhaupt von Pa und dir?«, wollte Otto wissen.

Und die Mutter grinste und sagte:

»Halt dein freches Maul, ja, sonst zieh ich dir eins mit dem Besen über.«

Das war hier Eltern- und Geschwisterliebe.

Otto machte zwar, dass er davonkam, aber seither glaubte er tatsächlich, dass Anita ein kleiner Seitensprung der Mutter sein musste. Früher einmal, als sie noch nicht so fett und unansehnlich ausgesehen hatte, da hatte sie noch Putzstellen gehabt bei reichen Leuten. Mann, dachte der Sohn, wenn ich nur wüsste, welcher Kerl mit meiner Mutter geschlafen hat, dem würde ich jetzt noch in die Suppe spucken. Nicht, weil mich das aufregt, die Alte kann mit jedem schlafen, den sie mag, nee, so eine kleine Erpressung und so, das wäre doch ein lukratives Geschäftchen. Und er könnt mir nix.

Otto war wirklich einer von dieser gemeinen, schleimigen Sorte, eiskalt, ohne Herz.

Doch jetzt hatten sie nicht Anita auf dem Kieker, noch nicht, sondern den Opa. Das würde noch Gesprächsstoff für eine ganze Weile geben. Der ganze Häuserblock würde sich über Opa Egon amüsieren.

Und seine Beteuerungen an diesem Abend: »Macht nur so weiter und ich zieh tatsächlich ins Heim«, wurden niedergeschrien mit den Worten: »Mensch, Opa, die nehmen doch keine Alten ohne Esszimmer.«

Ob es stimmte, wusste er nicht.

Das Huhn war inzwischen auch gar geworden und die Meute fiel darüber her. Anita hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. So laut wie Schweine schmatzten sie am Tisch. Nein, keiner wusste etwas von gutem Benehmen.

Plötzlich legte Opa seinen Löffel neben seinen Teller und grinste listig.

»Ich hab’s«, sagte er und zog seinen Mund so breit, dass er eine Banane hätte quer hineinschieben können.

Alle hörten für einen Augenblick auf zu essen und blickten ihn an.

Otto sagte: »Wenn du denkst, ich montier den Klopott ab, irrst du dich, dein Esszimmer ist schon längst in der Kanalisation.«

»Will ich auch nicht«, sagte Opa. »Ich hab mir was anderes einfallen lassen.«

»Und das wäre?«, wollte seine Tochter wissen.

»Ich kauf mir ein neues!«

Schlagartig war es totenstill in der Küche. Alle starrten den Alten entsetzt an.

»Du bist verrückt«, keuchte seine Tochter. »Wie willste das denn anstellen? Willst du etwa in deinem Alter noch eine Bank ausrauben? Oder hast du dir sonst ’ne krumme Tour ausgedacht?« Wieder lachten sie alle über diesen Satz.

»Hab ich gar nicht nötig«, sagte Opa mümmelnd.

Otto zog seine Augen zu zwei Schlitzen zusammen. Hatte der Alte vielleicht Geld auf die Seite gescheffelt, von dem er nichts wusste? Wo er doch sonst die Flöhe husten hörte, Geld in geheimen Verstecken sozusagen riechen konnte!

Opa genoss die absolute Stille und die Verblüffung, die seine Worte bei den übrigen Familienmitgliedern ausgelöst hatten.

»Hihihihi«, lachte er mit seinem zahnlosen Mund los. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten, hihihihi.«

Natürlich ging das allen auf die Nerven.

»Opa will uns nur verulken«, sagte die Mutter und nahm sich noch einmal von der Suppe. Alles was recht war, Anita konnte für ihr Alter wirklich nicht schlecht kochen.

»Ich kauf es von meiner Rente«, rückte nun Opa mit seinem Einfall heraus.

Wieder war es totenstill.

»Mensch, Opa, das sind ja zwei Renten, zweitausend Eier kostet doch das Esszimmer.«

»Und?«, schnüffelte er. »Gleich morgen geh ich hin und bestell es und bezahl es in zwei Raten.«

Nun hatte er wieder die Oberhand. Alle saßen sie wie erschlagen da und machten lange Gesichter. Nur Opa nicht, der rieb sich vergnügt die Hände und freute sich diebisch.

»Nee, Opa, das geht wirklich nicht«, sagte seine Tochter. »Und wovon willst du leben? Meinst du, du kriegst hier umsonst dein Essen? «

»He?«, schrie der Alte. »Ich hör wohl schlecht, wie? Umsonst essen?« Und seine zittrige Faust fiel auf den Tisch. »Wer, zum Teufel, frisst die ganze Zeit von meiner Rente? Ihr alle und das nicht nur heute, sondern seit Jahren. Ich bezahl die Miete, Licht und Essen, jetzt könnt ihr mich ruhig mal zwei Monate ernähren, basta. Und wenn euch das nicht passt, ziehe ich aus, jawohl.«

Wenn Opa mal so sprach, dann gab es kein Zurück mehr. Und das Schlimme an der Sache war, er hatte ja so Recht. So lange sie denken konnten, lebte er schon bei ihnen. Früher hatte er seinen Lohn an die Mutter abgegeben und jetzt fast seine gesamte Rente, bis auf einen kleinen Rest, den brauchte er für sein Pfeifchen und hin und wieder für ein Schnäpschen.

»Opa, das kannst du uns nicht antun!«, jammerten sie jetzt alle los.

Er lehnte sich zurück und meinte: »Lass deinen Alten mal für deine Brut sorgen, dann kann er mal sehen, wie anstrengend das ist.«

Die Mutter sagte: »Der hat’s im Augenblick wieder auf der Brust und kann nicht arbeiten.«

Der Vater hatte es immer auf der Brust, wenn er das Wort arbeiten hörte.

»Eine Schnapsunke ist das und kerngesund«, sagte Opa grob. »Soll er mal fein zum Arbeitsamt gehen und malochen, ist ja nicht für die Ewigkeit, bloß, bis ich mein Gebisschen gekauft hab.«

Der Vater machte ein grimmiges Gesicht, blickte seine Kinder der Reihe nach an und raunzte: »Da hat man sieben von der Sorte. Ein Vater kann sieben Bälger großziehen, aber sieben Bälger können nicht mal einen Vater ernähren.«

Grete malte Kringel auf den Tisch und störte sich nicht an der Unterredung. Schließlich war sie noch die Kleinste. So blieb sein Blick an den vier Ältesten haften.

»Und was gedenkt ihr zu tun?«, schnauzte er sie an.

»Hä?«, sagte Kalle, der nicht so schnell umdenken konnte. Er dachte nur immer eingleisig und das bis zum Ende. Erst dann konnte er sich intensiv auf eine andere Sache konzentrieren.

Otto schnüffelte und sagte: »Ich hab heut schon meinen Beitrag geleistet. Sollen die anderen sich mal anstrengen.«

Otto war seltsamerweise Mamas Liebling. Vielleicht weil er der Älteste war? Anita wusste das nicht genau.

Otto also stieß seinen jüngeren Bruder brutal in die Seite und fuhr ihn an: »Arbeiten sollst du, fauler Hund. Verstanden?«

Kalle wiegte seinen Kopf hin und her und grinste: »Jawohl«, sagte er und grinste wieder. »Wo soll Kalle arbeiten?«

»Mann, ist der doof«, sagte Opa und zog an seinem Pfeifchen.

Werner stand auf.

»Wo willst du hin?«

»Ich geh noch zur Schule, muss noch lernen«, log er.

Alle sahen plötzlich Anita an. Sie zog die Schultern hoch und sammelte die schmutzigen Teller ein zweites Mal ein.

»Wieso braucht sie nicht zu arbeiten?«, wollte der Vater wissen.

»Die arbeitet doch mit dem Koppe«, sagte Otto hämisch. »Die wird noch mal eine Studierte.«

»Verflucht, stimmt ja«, schimpfte der Vater. »Das hab ich ganz vergessen. Also, damit wird endlich Schluss gemacht, verstanden? Wie heißt du übrigens noch mal?«

Da er so viele Kinder hatte, wusste er nie genau, wer wer war.

»Anita«, sagte sie sanft.

Diesmal mischte sich die Mutter aber ein.

»Sie hilft mir im Haushalt. Allein schaff ich das nicht mehr. Ich und mein Rheuma.«

Das war dasselbe wie beim Vater die kranke Brust.

Otto dachte angeekelt: Was hab ich doch für faule Eltern. Andere im Block, die machen mit, wenn wir krumme Touren drehen und die, die kriegen ihren breiten Hintern nicht hoch. Aber ran bringen, jawohl, ran bringen soll man alles. Wieso soll ich mich jetzt krumm schuften, nur damit die alle was zum Fressen haben?

Opa sagte: »Morgen gehen der Alte, Otto und Kalle los und besorgen sich eine Arbeit und damit basta.«

 

 

3

Seit das damals mit ihrer Freundin passiert war, hatte sich Anita nie mehr an irgendein Mädchen angeschlossen. Still und in sich gekehrt kam sie zur Schule. Auch mit den anderen Kindern vom Block sprach sie nicht in den Pausen. Die meiste Zeit hatte sie ein Buch unter dem Arm. Sie hatte schon fast alle Bücher aus der Schulbibliothek gelesen. Ja, sie hungerte buchstäblich nach Wissen.

Eine Lehrerin hatte das erkannt und förderte sie seitdem, soweit sie das konnte. Es war die Englischlehrerin. Sie sprach auch außerhalb der Stunden öfter mit Anita. Sie war ihre beste Schülerin. Natürlich kannte sie ihre häuslichen Verhältnisse, obwohl Anita nie davon sprach. Aber gerade deshalb, weil sie nicht darüber sprach, spürte sie instinktiv, dass dieses Mädchen darunter litt.

Auch heute hielt sie Anita nach der Stunde wieder zurück.

»Hast du jetzt mit deinen Eltern gesprochen?«

Anita blickte zu Boden.

»Soll ich mal mit ihnen reden?«

»Nein, nein«, stammelte sie entsetzt. Nie durfte die Lehrerin ihr Zuhause sehen. In Grund und Boden würde sie sich schämen.

»Anita, ich habe dir doch gesagt, es lohnt sich bei dir, du solltest wirklich die Schule weiter besuchen. Ich sage das nicht so dahin, Anita, und das weißt du. Es gibt nur ganz wenige Kinder in der Hauptschule aus der zehnten Klasse, die den Sprung zum Abitur schaffen. Du könntest es, du könntest es wirklich schaffen, Anita.«

»Ich weiß«, flüsterte sie.

»Sieh mich mal an.«

Und die Lehrerin sah, dass Anita Tränen in den Augen hatte.

»Es hat alles keinen Zweck«, stammelte sie. »Wenn ich es auch schaffen würde, zu Hause...« Sie senkte wieder den Kopf. »Nein, sie werden es nicht zulassen. Ich möchte lernen, alles möchte ich lernen, alles, aber wir haben doch kein Geld und .. .«

»Der Staat gibt in diesen Fällen Zuschüsse, Anita. Das hab ich dir auch gesagt.«

»Ich weiß, aber wenn ich Geld kriegte, müsste ich es abgeben. Sie würden über mich herfallen, mich auslachen, es mir wegnehmen. Geld für Bücher, das begreifen sie doch nicht.«

Das Herz der Lehrerin krampfte sich zusammen.

»Ach, Anita, wenn ich dir doch helfen könnte«, sagte sie gerührt.

»Das können Sie nicht. Niemand kann mir helfen. Ich komme doch von der Hohen Straße und Sie wissen doch, alle haben Vorurteile, Frau Brenner.«

»Ja«, sagte sie sanft. »Ich weiß es. Aber du bist anders, Anita.«

Anita zupfte an ihrer zerschlissenen Bluse. Keine ihrer Mitschülerinnen war so ärmlich gekleidet wie sie.

»Und von der nächsten Woche an kann ich dir noch nicht mal mehr in der Schule helfen«, sagte die Lehrerin traurig.

Anita sah sie betroffen an.

»Nein?«

»Nein, mein Vertrag ist abgelaufen. Ich gehe jetzt nach Amerika. Dort habe ich eine Stelle bekommen, weißt du. Mein Mann ist ja Amerikaner und er möchte zurück. Darum kann ich auch meinen Vertrag an dieser Schule nicht verlängern. Ich werde nächste Woche fortgehen.«

So würde auch der letzte Lichtblick aus ihrem Leben verschwinden. Anita lehnte sich nicht auf, sie jammerte auch nicht. Sie resignierte, wie so viele in ihrem Alter.

»Anita, ich werde dir schreiben, ja? Wir bleiben in Verbindung und wenn du mal Kummer hast oder nicht weiterweißt, dann schreib mir. Vielleicht kann ich dir aus der Ferne helfen. Vor allen Dingen ist es gut zu wissen, dass es einen Menschen gibt, dem man alles anvertrauen kann.«

Anita dachte: Das sind doch nur tröstende Worte. Wenn sie erst mal fort ist, dann hat sie mich auch vergessen. Dann gibt es für sie nur noch ihren Mann, die neue Welt, aber mich, mich wird sie sehr schnell vergessen. Was bin ich denn schon?

»Ich danke Ihnen«, sagte sie und reichte ihr die schmale Hand.

Frau Brenner sah sie fortgehen und hätte sie am liebsten zurückgerufen. Aber was sollte sie denn tun? Ach, dachte sie, wenn sie nur nicht an ihrer Umwelt zerbricht. Warum sehen die anderen nicht, dass sie anders ist, warum lassen sie bei Anita nicht mal ihre Vorurteile beiseite? Gott, was hab ich mir schon den Mund fusselig geredet deswegen, aber sie wollen es besser wissen. Sie haben mehr Erfahrung als ich, eine junge, unerfahrene Lehrerin.

Eines Tages sollte sie Anita unter schrecklichen Umständen wiedertreffen. Aber davon ahnten sie beide im Augenblick noch nichts.

 

 

4

Anita kam nach Hause. Die ganze Familie war versammelt. Und sie hatte das Gefühl, als hätte ein Kriegsrat stattgefunden. Sie alle hatten ganz heiße Köpfe. Sogar Grete und Elsbeth sahen mürrisch drein.

Ihr Herz begann zu klopfen. Seltsam, sie hatte immer etwas Angst, wenn sie nach Hause kam. Man konnte nie wissen, was in der Zwischenzeit wieder passiert war. Hatten die Jungens etwas angestellt, machte die Polizei eine Hausdurchsuchung oder hatte der Vater im trunkenen Zustand jemanden zusammengeschlagen? Immer und ständig gab es irgendwelche Reibereien. Die Mutter zankte sich mit allen Hausbewohnern und auf ihrer Etage, auf der sechs Parteien wohnten, herrschte ständig Feindschaft. Oft ging es so weit, dass man sich gegenseitig das Wischwasser über den Kopf

kippte, wenn man die Treppe herunterging.

Das junge Mädchen stellte die Schultasche in die Ecke und holte sich einen Teller aus dem Schrank. Mittags war sie immer die letzte und durfte dann die Reste essen. Sie schmeckten fade und oft waren sie auch noch angebrannt, weil die Mutter nicht darauf achtete, ob die Platte noch an war oder nicht. Sie war ja so gleichgültig. Zigaretten, Bier und den Fernseher, mehr brauchte sie nicht zum Glück. Um den Haushalt hatte sich Anita, die Älteste, zu kümmern. Und wehe, sie machte es nicht allen Recht, dann bekam sie von den größeren Brüdern auch noch Fußtritte.

»Da bist du ja endlich«, sagte Otto und blinzelte sie von unten herauf an.

»Ja?«, sagte sie zögernd.

Und dann hörte sie, dass die drei auf Arbeitssuche gewesen waren und natürlich keine Stelle gefunden hatten. Anita wusste ganz genau, dass sie sich bestimmt nicht angestrengt hatten, aber natürlich sagte sie das nicht. Der Vater hielt das alles für einen Ulk. Wenn Opa sah, dass kein Geld hereinkam, würde er sich auch kein neues Gebiss kaufen, glaubte er. Zweitausend Mark im Geiste rechnete er sich aus, wie viel Schnaps man dafür bekommen konnte. Aber das war zu hoch für ihn und so gab er es auf.

Kalle hatte man mit Fußtritten verjagt. Höchstens im Sommer konnte er mithelfen, wenn man viele Hände brauchte. Auf dem Bau, bei Straßenarbeiten. Aber dort blieb er auch nur immer ganz kurz. Er war so doof, dass die Kumpels ihn nicht lange ertragen konnten.

»Ich hab auch nichts gefunden«, murmelte er und drehte seine großen roten Hände hin und her.

Anita dachte: Wenn wir ihn nicht bei uns behielten, müsste er in ein Heim.

Vielleicht hätte er es dort viel besser. Man würde ihn nicht quälen und auslachen. Kalle tut mir leid, er kann nichts dafür, dass er so dumm ist. Otto und Werner sollen sich schämen, dass sie ihren eigenen Bruder immer so ärgern. Aber auch das sagte sie nicht, weil sie Angst vor Otto hatte.

Otto stand schräg gegen den wackeligen Schrank gelehnt und sagte: »Ich krieg auch im Augenblick keine Arbeit.«

Opa krächzte wie ein Habicht dazwischen: »Ist mir egal. Ich hab schon meine Beißerchen bestellt. Die erste Rate bezahle ich, wenn ich sie abhole und die zweite vier Wochen später. Seht man zu, wie ihr zu Geld kommt.«

Opa meinte es wirklich ernst. Jetzt wurde auch die Mutter unruhig. »Vater, das geht doch nicht. Du siehst doch, sie haben sich wirklich bemüht.«

»Und? Bin ich euer Ernährer? Was würdet ihr denn tun, wenn ich plötzlich abkratze?«

Otto spuckte sich in die Hände. »Da ist ja deine feine Versicherung. Die hält uns eine Weile über Wasser.«

Opa begann zu kichern. »Ja nun, wo wir gerade dabei sind, uns über Geld zu unterhalten, die ist schon futsch.«

»Wie? «

Entgeistert starrten ihn alle an.

»Ja, hab ich schon längst eingelöst. Was der Hugo von Block vier ist, der hat mir nämlich ein Licht aufgesteckt und gesagt: >Opa, du bist doof, zahlst deine Versicherung ein und wofür? Damit die Bande sich besaufen kann, wenn du ins Gras beißen musst. Mann, Opa, das Geld würde ich aber selbst fein verbraten und die sollen doch sehen, wie sie dich einbuddeln, wenn es mal soweit ist.< Ja und da hab ich dann die Versicherung gelöst.«

Er machte einen zufriedenen und satten Eindruck.

Die anderen brachten eine ganze Weile keinen Ton über die Lippen. Gestern erst die Mitteilung wegen der verfluchten Zähne und jetzt dies!

Otto war am wütendsten: »Ich frag mich bloß, warum wir den Stinker noch bei uns behalten«, schrie er.

»Er ist dein Großvater«, sagte die Mutter streng. »Und wenn das Esszimmer bezahlt ist, wird er ja auch wieder sein Geld abliefern, nicht wahr, Vater?«

»So ist es«, nuschelte der Großvater. »Und jetzt lasst mich in Ruhe mein Nickerchen machen.«

»Ihr müsst noch mal nachfragen«, sagte die Mutter weinerlich. »Ich hab kein Geld mehr im Schrank und das Brot ist auch alle. Was soll ich denn morgen kochen?«

Otto blickte ununterbrochen Anita an. Plötzlich hatte er ein schäbiges Grinsen auf den Lippen.

»Jetzt weiß ich, wer für uns Geld besorgen kann.«

»Ja?«, fragte die Mutter hoffnungsfreudig.

»Die da«, sagte Otto und zeigte auf Anita.

»In der Schule verdient man kein Geld«, sagte die Mutter.

»Nee, aber aufm Strich«, sagte der Bruder. »Und das mit Leichtigkeit. Sie braucht nicht mal viel zu tun und verdient massenhaft Geld und wir können davon leben.«

»Ach nee, nee«, sagte die Mutter. »Wer soll mir dann helfen? Ich mit meinem Rheuma, ich kann das doch nicht mehr so gut, das mit dem Haushalt und so.«

»Verflucht noch mal, lass doch mal Edith und Elsbeth ran und Grete, das faule Luder, kann auch mal endlich was tun«, schnauzte der Bruder die Schwestern an.

»Ach, Otto, meinste, dass das geht? Ich weiß nicht und dann haben die Bullen sie gleich auf dem Kieker. Wir sind eine anständige Familie, Otto.«

»Mann, sie braucht doch nicht gleich mit Strichkarte zu gehen«, sagte Otto. »Lass mich das man machen. Ich besorg das schon. Ich red mit Jakko.«

»Wer ist denn das?«

»Alter Freund von mir«, nuschelte er.

Niemand hielt es für angebracht, Anita zu fragen, was sie darüber dachte. Sie war so erschrocken, dass sie gar nicht reden konnte.

Sie war erst sechzehn Jahre alt, noch unfertig und kindlich, die Ecken an ihrem Körper waren noch nicht abgerundet. Linkisch benahm sie sich mit den viel zu langen Armen und Beinen.

Natürlich wusste sie, was der Bruder damit meinte, wenn er sagte, sie solle auf den Strich gehen. In der Schule hatten sie Aufklärungsunterricht gehabt und dann hatte sie in diesem Viertel schon einiges zu hören bekommen. O ja, sie wusste sehr wohl, was sich abends unten im Schuppen abspielte. Und es grenzte wirklich an ein Wunder, dass sie noch unschuldig war. Das kam wohl daher, weil sie so still und zurückgezogen lebte. Die jungen Burschen bemerkten sie gar nicht.

Auch in der Schule sprachen die Mädchen davon. Sie brüsteten sich damit, was sie nicht schon alles taten. Ja, einige nahmen sogar regelmäßig die Pille. Sie schliefen sich quer durch die Schule und viele Mädchen ließen sich dafür Geschenke geben.

Anita wusste nichts mit den Begriffen Ehre und Anstand anzufangen. Sie wusste nicht, dass sich ein Mädchen rein halten soll, dass man in einer guten Ehe dem Anderen vollkommen vertraut, dass Liebe und Sex zwei grundverschiedene Dinge sind.

Woher sollte sie das auch wissen?

Da schlief sie immer mit den Eltern in einem Zimmer zusammen. Und wenn der Vater betrunken nach Hause kam, prügelte er erst mal die Mutter wach und dann ging es los. Und sie lag in ihrem Bett und musste alles mit ansehen und hören. Sie nahmen keine Rücksicht auf ihre Kinder. Es war schrecklich und Anita hatte in dieser Beziehung überhaupt kein Empfinden. Sie wusste einfach nicht, dass Liebe zauberhaft sein kann, einen Menschen verwandeln kann. Das alles war ihr fremd und darum war sie nicht so entsetzt, wie sie es hätte sein müssen. Sie war nur schockiert, weil der Bruder einfach über sie bestimmte, sie gar nicht fragte.

»Ich geh jetzt zu Jakko und frag ihn, ob das in Ordnung geht und dann komm ich wieder.«

»Du meinst, sie verdient wirklich genug?«

»Mensch, Ma, du kannst reden«, sagte er grinsend.

»Die verdient eine ganze Menge«, sagte der Vater. »Vielleicht kann ich mir dann mal einen neuen Anzug kaufen. Ja, zum Teufel, warum bin ich noch nicht auf die Idee gekommen?«

Die Mutter lehnte sich zurück und steckte sich eine Zigarette an. Sie betrachtete ihre älteste Tochter.

»Du siehst mickrig aus«, sagte sie. »Als ich so alt war wie du, da waren die Kerle wild nach mir, weißt noch, Alter?«

»Ja, wie läufige Hunde haben sie unter deinem Fenster gestanden und haben gejault.

Sie kicherte.

»Und du warst oben bei mir und als es dir zu bunt wurde, hast du den Pinkelpott über sie ausgeschüttet.«

Sie wollten sich über die Erinnerung totlachen.

O nein, dachte Anita hilflos. Wie kann ich das alles nur ertragen? Ich kann das nicht mehr. Warum reden sie immer so gemein? Und dann musste sie wieder an die Englischlehrerin denken. Nun verschwand auch der letzte Lichtblick aus ihrem Leben.

Ich möchte fort, dachte sie sehnsüchtig. Weit fort, wo ich dies alles nicht mehr sehen und hören muss. Ich ertrage das nicht mehr.

»Mensch, Anita, glotz uns nicht so blöde an. Also wenn du nicht so gut in der Schule wärst, ich würde wirklich glauben, du bist auch so bescheuert wie Kalle.«

»Mutter«, flüsterte sie hilflos.

»Ich muss wohl stinkbesoffen gewesen sein, als ich dich bekam, anders kann ich mir dein sauertöpfisches Wesen nicht erklären.«

Details

Seiten
115
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938081
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537466
Schlagworte
redlight street unschuldig laster

Autor

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Titel: Redlight Street #128: Unschuldig dem Laster ausgeliefert