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Dir bleibt nur wenig Zeit - Sechs Arztromane von Glenn Stirling

2020 770 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dir bleibt nur wenig Zeit

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Ein Arzt zum Verlieben

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Wird sie jemals wieder gehen?

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Jetzt hab ich nur noch dich

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Mit Blaulicht ins Glück

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Eine Diagnose wie ein Verhängnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Dir bleibt nur wenig Zeit

 

 

Sechs Arztromane von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Glenn Stirling

© Cover: Christian Dörge/Pixabay.

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit

› Ein Arzt zum Verlieben

› Wird sie jemals wieder gehen?

› Jetzt hab ich nur noch dich

› Mit Blaulicht ins Glück

› Eine Diagnose wie ein Verhängnis

 

 

***

 

 

Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit

 

 

Klappentext:

 

Nach einem schweren Autounfall, liegt Günter Bindermann auf der Intensivstation der Mohnhaupt Klinik. Kaum ist er außer Lebensgefahr, besteht er darauf, entlassen zu werden. Voller Misstrauen begegnet er der gesamten Ärzteschaft, da er glaubt, sein reicher Vater, Direktor Bindermann, habe die Ärzte bestochen, ihn gegen seinen Willen in der Klinik zu behalten.

Günter Bindermann will jedoch unbedingt zu seiner schwangeren Freundin, der seine Familie nicht erlaubt hat, ihn zu besuchen. Deshalb flieht er aus der Klinik zu ihr. Ihm ist nicht klar, dass er mit seinem Leben spielt, wenn er nicht regelmäßig Medikamente bekommt …

 

***

 

 

1. Kapitel

 

»Wann werde ich entlassen?«, fragte Günter Bindermann und sah Professor Mohnhaupt gespannt an.

Der Professor stand am Fußende des Bettes. betrachtete den jungen blonden Patienten und lächelte nachsichtig. »Sie sind vor einer Woche aus der Intensivstation gekommen«, sagte er und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Jetzt reden Sie schon vom Nachhausegehen. Daran können wir aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht denken.«

»Aber ich fühle mich prima, Herr Professor!«

Professor Mohnhaupt wandte sich um und blickte in die Runde derer, die mit auf die Visite gekommen waren: der schmale, freundlich lächelnde Oberarzt Dr. Hausmann; neben ihm, einen Kopf größer, der blonde Hüne Dr. Roland, der Internist, und neben ihm, viel kleiner und ebenfalls blond, Frau Dr. Bender, die Anästhesistin; ein Stück entfernt Schwester Karina, die für die Stationsschwester die Urlaubsvertretung übernommen hatte. Die hübsche junge Schwester sah den Patienten ein wenig mitleidig an. Dann wandte sie den Blick Alena Bärwald zu, die am Fenster stand und mit dem Rücken dagegen lehnte. Die junge blonde Ärztin lachte und sagte zu Professor Mohnhaupt: »Ich glaube, wir müssen ihm mal eine Spritze gegen den Übermut geben.«

Jetzt lachten alle, nur Günter Bindermann, der zweiundzwanzigjährige Patient, lachte nicht. Eher schien es, als würde er zornig.

»Ich bin kein kleines Kind. Sie brauchen nicht so mit mir zu reden. Überhaupt finde ich es nicht gut, dass ich hier in einem Einzelzimmer liege, nur weil mein Vater das so will.«

Professor Mohnhaupt schüttelte missbilligend den Kopf. »Wir hätten Sie die erste Zeit sowieso hierhin verlegt, selbst wenn Sie ein Kassenpatient gewesen wären und nicht der Sohn vom Direktor Bindermann.«

»Dann können Sie es jetzt ändern. Legen Sie mich in die normale Station! Ich möchte so behandelt werden wie die anderen. Müsste ich dann auch länger bleiben?«

Bis jetzt hatte der Professor Mohnhaupt gelächelt und es mit Heiterkeit aufgenommen, aber dieser aggressive Unterton in der Stimme des Patienten ließ ihn die Brauen runzeln.

Bevor der Professor antworten konnte, sagte Dr. Alena Bärwald: »Herr Bindermann, wir haben Verständnis dafür, dass Sie in Ihrem Zustand sich nicht so in Kontrolle haben, wie das eigentlich sein müsste. Wenn Sie hierbleiben müssen, hat das überhaupt nichts damit zu tun, dass Sie auf der Privatstation liegen, sondern ganz alleine mit Ihrem Zustand. Ihr Zustand ist aber so, dass Sie wenigstens noch einige Wochen hier in Behandlung bleiben müssen. Ich habe es Ihnen gestern schon einmal versucht zu erklären, aber Sie hören mir gar nicht zu. Sie wollen es gar nicht wissen.«

»Weil ich es nicht glaube«, erwiderte Günter Bindermann trotzig. »Ich fühle mich gut, und wenn ich mich gut fühle, dann geht es mir auch gut.«

Professor Mohnhaupt schüttelte den Kopf. »Sie müssen noch eine Menge lernen, junger Mann! Wie Sie sich jetzt im Liegen fühlen, zudem, wo Sie auch noch medikamentös behandelt werden, das zählt überhaupt nicht. Sie könnten nicht einen halben Tag ohne Behandlung sein. Das würde Sie in absolute akute Lebensgefahr bringen. Auch wenn Sie das jetzt nicht glauben mögen.«

»Und ich glaube es Ihnen auch nicht«, beharrte Günter Bindermann.

Jetzt drohte auch Professor Mohnhaupt zornig zu werden, aber er wandte sich um und sagte: »Meine Herrschaften, wir haben noch mehr Patienten!« Dann sah er Dr. Bärwald an: »Können Sie es vielleicht noch einmal versuchen, es ihm klarzumachen? Ich habe nicht die notwendige Zeit!« Er ging hinaus, verärgert über Günter Bindermann, der nun schon zum dritten Male auf die gleiche Weise und mit den gleichen Vorwürfen geantwortet hatte, dem Vorwurf nämlich, dass man ihn hier nur deshalb länger festhielte, weil er Privatpatient war und er einfach nicht glauben wollte, dass er sich in einem Zustand befand, der weit davon entfernt war, der Normalzustand eines gesunden Menschen zu sein.

Die Schwester war auch geblieben, aber Alena gab ihr einen Wink, und sie ging hinaus. Dann trat Alena an das Bett, setzte sich auf den freien Stuhl und sah Günter Bindermann an.

Streitlustig fragte er: »Spielen Sie hier den Pfarrer? Oder gibt es einen anderen Grund, dass Sie hier als Seelenmasseuse auftreten?«

»Sie wissen genau, dass Sie eine schwere Operation hinter sich haben! Und die war nötig nach Ihrem Unfall! Es war ein Unfall, den neun von zehn Menschen nicht überstehen. Sie haben ihn überstanden. Sie haben ihn auch deshalb überstanden, weil in kürzester Zeit ein Arzt da war, in Ihrem Falle Doktor Fegemeier, dessen sofortigem Eingreifen Sie zu verdanken haben, dass Sie diesen Unfall überleben konnten. Sie hatten schwere innere Verletzungen. Ich habe Ihnen schon einmal versucht zu erklären, dass bei Ihnen die Blutgerinnung auf Grund des Unfalltraumas gestört ist.«

»Reden Sie nicht immer in Fremdworten! Was ist ein Trauma?«

»Eine Verletzung. In Ihrem Falle eine innere Verletzung der Leber, auch die rechte Niere von Ihnen ist verletzt und die Milz ebenfalls. Die Blutgerinnung kann bei Ihnen nur durch Medikamente geregelt werden. Das wird später anders sein. Aber im Augenblick ist es die einzige Möglichkeit, dass es nicht zu einer neuen Nachblutung kommt. Wir müssen Sie regelmäßig mit Protaminsulfat und Vitamin K behandeln. Sie wissen ja, dass wir Ihnen in regelmäßigen Abständen diese Medikamente injizieren müssen. Bis gestern noch haben Sie am Tropf gehangen, und daher wüssten Sie ja eigentlich besser als jeder andere, wie sehr Sie noch auf Medikamente angewiesen sind. Dennoch reden Sie immer vom Aufstehen und Nachhausegehen. Sie würden sich wundern, wenn Sie wirklich aufstünden!«

»Ich bin schon aufgestanden und von hier bis auf die Toilette gegangen.«

»Obgleich Sie es nicht dürfen, nicht wahr?«, meinte Alena.

Er lachte. »Ich glaube keinem von Ihnen. Das ist Privatstation. Schön teuer! Was mein Vater denkt, das weiß ich. Der glaubt, weil der Unfallgegner schuld ist, kann er jetzt der gegnerischen Versicherung diese Behandlung anhängen.«

»Ich glaube nicht, dass das so ist«, erwiderte Alena. »Sie sind sehr ungerecht. Sie sollten glücklich sein, dass Sie überhaupt noch leben.«

»Was Sie nicht sagen!«, meinte Günter Bindermann gehässig. »Ihr Ärzte seid alle gleich. Wenn einer sich mal in den Finger geschnitten hat und ihr habt einen Verband drumgewickelt, dann möchtet ihr am liebsten, dass man niederkniet und euch als gottähnliche Wesen feiert und anbetet.«

»Sie reden ziemlichen Unsinn, junger Mann«, erwiderte Alena. Sie sah ihn nachdenklich an. Sein Trotz, die Ungeduld, aber auch dieses Nichtverstehenwollen machten ihr Sorgen.

Er war der einzige Sohn eines sehr vermögenden und einflussreichen Mannes, der es sicher gut mit seinem Jungen meinte. Andererseits, das hatte Alena von Anfang an erkannt, fühlte sich Günter im Schatten seines Vaters. Er versuchte auszubrechen, wollte eigene Wege gehen. Bisher war ihm da noch nicht allzu viel gelungen. Und nun hatte sich dieser fürchterliche Unfall ereignet. Günter war unschuldig daran, das stand fest. Seinen Freund allerdings hatte dieser Unfall das Leben gekostet.

Über den Tod des Freundes war Günter hinweg. Günter hatte wochenlang in der Intensivstation gelegen, bis feststand, dass man ihn durchbringen würde. Nun befand er sich seit einer Woche hier auf Station, und infolge der medikamentösen Behandlung ging es ihm relativ gut. Sein Wohlbefinden verdankte er aber nicht nur den Medikamenten, sondern auch seiner jugendlichen Energie. Wie viele Söhne von einflussreichen und vermögenden Männern wollte auch Günter den Rebell spielen, ohne es wirklich zu sein. Jedenfalls war Alena zu dieser Überzeugung gekommen. Sie glaubte nicht daran, dass er ein wirklicher Revolutionär war.

»Was würden Sie denn machen wollen, wenn ich einfach weglaufe?«, sagte er.

»Es wäre Selbstmord«, erwiderte Alena.

»Von Selbstmord halte ich nichts«, behauptete er. »Es ist der Mut der Feiglinge.«

»Reden Sie nicht so daher! Ich glaube nicht, dass Sie das wirklich beurteilen können. Wir haben schon eine Menge junger Leute hier gehabt, die versucht hatten, sich das Leben zu nehmen, aus mehr oder weniger triftigen Gründen. Aber Sie sollten glücklich sein, dass Sie leben. So viel Glück, wie Sie gehabt haben, das gibt es fast gar nicht für einen Menschen allein.«

Das kleine Funkgerät in Alenas Tasche unterbrach die Unterhaltung. Als die Piepstöne kamen, stand Alena auf, griff zum Telefon und meldete sich in der Zentrale.

»Hubschraubereinsatz! Bitte sofort kommen!«, hörte sie.

»Ja, ich komme!«, bestätigte sie und legte auf. Dann sah sie Günter Bindermann an. »Ich habe leider keine Zeit. Ich muss zu einem Notfall. Aber ich glaube, wir reden später noch einmal darüber.« Er grinste sie schief an, sagte aber nichts. Dann, als sie schon an der Tür war und sich noch einmal zu ihm umdrehte, rief er ihr zu:

»Was Sie tun, ist vergebene Liebesmüh. Mich überzeugen Sie nicht. Alles Gerede kann mich nicht davon abhalten, das zu glauben, was ich weiß. Auf Wiedersehen, Frau Doktor!«

Sie nickte ihm noch zu und hatte das Gefühl, dass er womöglich imstande war, eine Dummheit zu machen.

Doch schon wenig später war sie völlig von dem abgelenkt, was jetzt auf sie zukam.

Im Gegensatz zu ihr konnte sich Günter Bindermann voll und ganz auf seine Gedanken konzentrieren und auf das, was ihn so beschäftigte. Er lag da, starrte zur Decke, blickte auf das Muster der Tapeten drüben an der Wand, und er begann wieder die Rhomben abzuzählen, die Bestandteil des Tapetenmusters waren. Aber es langweilte ihn, und schließlich richtete er sich auf, schwenkte die Beine aus dem Bett, stellte sich hin, zog sich dann sein Nachthemd hoch, betrachtete die lange Narbe der Laparatomie, die dunkel von seinem Brustkorb bis zu den Schamhaaren hinabreichte.

»So einen Schnitt zu machen«, knurrte er. »Den halben Menschen aufzuschneiden! Das war auch unnötig. Diese Brüder wollen sich immer wichtigmachen«, murmelte er. »Und jetzt zur Privatstation erste Klasse! Das muss ja ordentlich was kosten. Die Versicherung zahlt es. Und wenn die nicht zahlt, zahlt mein Alter.«

Er machte ein paar Schritte bis zum Fenster hin. Ihm war ein wenig schwindelig zumute, aber dann hielt er sich am Fensterbrett fest und blickte hinaus in den herrlichen Park.

»Alles vom Geld der Privatpatienten«, knurrte er zornig, als er die blühenden Rhododendronsträucher sah, den gepflegten kurz geschorenen Rasen und die kantig geschnittenen Ligusterhecken.

Er warf einen Blick nach links. Dort stand der Mercedes Professor Mohnhaupts.

»So Leute wie der und mein Alter, die können sich alles leisten. Privatpatienten! Das sind die Kühe, wo das Geld herausgemolken wird.« Günter Bindermann krampfte die Hände zu Fäusten, so sehr übermannte ihn die Wut. Aber dann dachte er an Helga.

»Ich bleib’ nicht länger hier!«, murmelte er. »Dies Schwächegefühl vergeht schnell. Heute Nacht werde ich hier weggehen. Helga wird mich aufnehmen. Ich werde bei ihr sein. Sie versteht mich. Der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich wirklich versteht.«

Er ging zum Waschbecken hinüber, wusch sich die Hände, als müsste er Schmutz abspülen, der ihn anekelte. Schließlich kehrte er zum Fenster zurück. Das Schwächegefühl hatte nachgelassen. Er stand schon fester. Er fühlte sich wohl dabei.

Dieses Märchen von den Spritzen! Wer weiß, was die mir injizieren! Irgend so ein harmloses Zeug! Alles Gerede! Die möchten mich am liebsten noch wochenlang festhalten, jetzt, wo es sich lohnt wo es mir gut geht wo sie kein Risiko zu tragen haben, wo ich ihnen keine Arbeit mache. Diese Dr. Bärwald! Die sich einbildet sie wäre für mein Seelenheil verantwortlich! Sie bekommt es ja schließlich gut bezahlt dafür, dass sie hier arbeitet Aber sie sind immerzu daran, ihr Image zu polieren. Nein, ich gehe heute Nacht weg! Das mit den zwei Stunden ist Quatsch, nichts als Rederei! Es besteht überhaupt kein Risiko für mich. Aber das wollen sie nur nicht zugeben. Heute Nacht verschwinde ich hier, und morgen früh machen die dumme Gesichter.

 

 

2. Kapitel

 

Am späten Nachmittag kam Direktor Bindermann seinen Sohn besuchen. Schwester Karina begleitete ihn ins Zimmer und rief Günter fröhlich zu: »Besuch, Herr Bindermann! Der Herr Papa ist da!«

Günter Bindermann, der sonst immer säuerlich das Gesicht verzogen hatte, wenn sein Vater aufgetaucht war, empfand das heute als wohltuende Abwechslung. Das würde ihm helfen, den Tag und die Zeit rascher zu vertreiben, denn er wartete auf nichts mehr als auf die Nacht.

Direktor Bindermann war ein großer stattlicher Mann, und sein ganzes Wesen strahlte souveräne, äußerst starke Persönlichkeit aus, die alles andere überschattete.

Er schien direkt aus seinem Büro gekommen zu sein. Er zog seine Jacke aus, lockerte die Krawatte und meinte: »Ich habe für dich eine halbe Stunde abzweigen können. Wie geht’s?«

»Sehr gut«, erwiderte Günter, »aber die wollen mich hier nicht herauslassen!«

Innerlich hoffte er, vielleicht sogar seinen Vater auf seine Seite ziehen zu können und womöglich einen Weg zu finden, dass der Vater eine andere Lösung fand als die, mit der sich Günter schon vertraut gemacht hatte.

»Die haben guten Grund, dich noch nicht herauszulassen«, entgegnete Direktor Bindermann. »Du bist schwer angeschlagen, mein Junge, schlimmer als du denkst! Aber das wird wieder! Beruhige dich! Das wird wieder!«

Günter blickte seinen Vater an. Er macht in Optimismus, dachte er. Er macht immer in Optimismus. Aber er ist aufseiten der Ärzte. Er redet ihnen das nach, was sie ihm eingetrichtert haben.

Ich möchte doch gern wissen, ob er daran glaubt! Also fragte er:

»Woher weißt du eigentlich, dass es stimmt, was du sagst? Nämlich dass ich schwerer angeschlagen bin, als ich mir einbilde? Wer sagt dir, ob das richtig ist, was die Ärzte behaupten? Ich fühle mich nämlich sehr wohl. Ich habe das Gefühl, die möchten jetzt ordentlich Heu machen.«

Direktor Bindermann zog die Augenbrauen hoch, fragend blickte er seinen Sohn an. »Heu machen? Was bedeutet das?«

»Na ja, die wollen Geld verdienen. Privatpatient, Einzelzimmer, silberne Löffel! Das kostet doch ’ne Stange!«

»Mich kostet das keinen Pfennig! Die gegnerische Versicherung müsste bezahlen!«

»Und wenn schon! Mit welcher Berechtigung werde ich hier behandelt wie ein Lord? Das heißt, eigentlich ist die Behandlung vielleicht normal, das Essen im Übrigen auch. Nur eben, dass ich Einzelzimmer habe und silberne Löffel. Aber darauf pfeife ich, verstehst du? Ich möchte hier heraus!«

»Was versäumst du denn? Was riskierst du überhaupt? Nichts! Du bist bei mir im Betrieb. Deine Laufbahn ist vorgezeichnet. Wenn du nicht gerade jemanden bestiehlst oder der Firma bewusst Schaden machst, wirst du eines Tages auf demselben Stuhl sitzen wie ich. In diesem Hause ist das so. Mein Vater war Direktor in den Werken, jetzt bin ich es, und eines Tages wirst du es sein. Unsere Familie besitzt schließlich einundfünfzig Prozent der Anteile. Wir haben das Sagen. Mama sitzt dem Aufsichtsrat vor! Mein lieber Junge, manche würden sich die Finger lecken, wenn sie nur annähernd in einer so verteufelt guten Situation wären wie du! Also, zerbrich dir nicht den Kopf! Tu alles, was die Ärzte sagen! Mach es dir hier schön, und eines Tages wirst du wieder im Betrieb sein, und du wirst bloß noch mitleidig darüber lächeln, dass du einmal hier weggewollt hast. Es geht dir gut. Wenn du etwas brauchst, sag es mir! Du bekommst es. Es fehlt dir an nichts.«

»Helga fehlt mir«, erwiderte er. Direktor Bindermanns Gesicht verzog sich jäh, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Fängst du schon wieder mit der an! Das ist keine Frau für dich.«

»Ich bin mündig. Ich kann mir die Mädchen aussuchen, die mir gefallen, und ich werde sie heiraten.«

»Sei nicht so schwachköpfig, Junge! Sie passt nicht zu dir. Die kommt aus einem anderen Milieu. Und sie kann nie deine Frau sein. Ich habe nichts dagegen, wenn du ein Mädchen hast. Und das Kind, das lassen wir wegmachen!«

»Eben nicht!«, protestierte Günter. »Ich will, dass sie dieses Kind bekommt! Und ich will sie heiraten! Sie will auch dieses Kind haben! Es ist unser Kind. Wir freuen uns darauf. Wir möchten heiraten, aber dieser verdammte Unfall ist mir dazwischengekommen.«

»Du kannst doch nicht heiraten, Junge! Fang doch nicht wieder mit diesem Blödsinn an. Du kannst erst heiraten, wenn du die Assistentenzeit hinter dir hast, wenn ich dir einen Posten als Abteilungsleiter geben kann. Noch bist du mein Assistent. Und solange das der Fall ist, kannst du nicht verheiratet sein. Das gehört sich einfach nicht in unserem Werk.«

»Was hat das Werk mit meinem Familienleben zu tun?«, begehrte Günter auf.

»Das Werk ist dein Leben und dein Leben ist das Werk. Diese Maxime musst du dir obenan stellen, immer! Verstehst du?«, beteuerte Direktor Bindermann.

Der Sohn sah seinen Vater beschwörend an. »Sie bekommt ein Kind von mir, verstehst du das nicht? Und ich lasse sie nicht sitzen!«

»Das sind doch veraltete Vorstellungen«, wehrte Direktor Bindermann ab. »Dieses Mädchen stammt aus Verhältnissen, die einfach nicht zu den unseren passen. Kannst du das nicht begreifen?«

»Verhältnissen! Kastengeist! Gesellschaftliche Vorteile! Was soll dieser Blödsinn?«, protestierte sein Sohn.

Direktor Bindermann schüttelte den Kopf. »Es hat sich nichts geändert! Gar nichts! Noch immer ist alles so wie früher. Wer das ignoriert, der fällt früher oder später auf den Bauch. Ob er es nun wahrhaben will oder nicht, es ist so.«

»Bloß weil Helga die Tochter eines Omnibusfahrers ist, passt sie nicht zu mir. Aber sie hat Abitur, verstehst du? Sie hat eine höhere Schule besucht. Sie ist kein kleines Dummchen. Aber sie hatte angefangen zu studieren.«

»Umso schlimmer für sie«, wehrte Direktor Bindermann ab. »Dann gibt es überhaupt nur diesen Ausweg. Lass das Kind wegmachen! Ich bezahle, was das kostet. Ich beschaffe dir Adressen von Ärzten, die das machen, und die Sache ist erledigt. Es ist für das Mädchen besser, es ist für dich besser. Das Mädchen kann dann studieren, kann seinen Weg fortsetzen. Ihre ganze Karriere ist unterbrochen durch ein Kind.«

Enttäuscht musterte der Sohn seinen Vater. »Warum sagst du nie etwas ganz anderes? Ich hatte mir immer vorgestellt, wie du darauf reagieren würdest. Ich hatte gedacht, dass du, der mir immer helfen will und immer sagt, dass er mir hilft, vielleicht vorgeschlagen hätte: Bring mir das Mädchen! Ich werde sie dann später irgendwo im Betrieb einbauen. Aber jetzt werdet ihr erst mal heiraten, und sie wird das Kind bekommen!«

»Das hast du wohl im Kino gesehen! Traumtänzereien, mein Junge! Wir wollen doch Realisten sein. Ich habe dich jedenfalls zu einem Realisten erzogen und hatte bis jetzt den Eindruck, dass du sehr realistisch denken kannst. Aber du träumst, wenn du das sagst. Glaube einem erfahrenen Manne wie mir, dass sie nicht zu dir passt und dass es gar keinen Sinn hat mit euch. Wenn sie das Kind kriegt und unbedingt behalten will, mein Gott, ich bin sogar bereit, die Alimente zu zahlen. Das allerdings ist weniger schön. Einfacher wäre es, sie ließe es wegmachen. Das kostet einmal etwas Geld, und danach ist Ruhe. Ich bin auch gerne bereit, dem Mädchen eine Stellung zu beschaffen, wenn sie nicht weiter studieren möchte, obgleich es töricht von ihr wäre. Wenn das Kind weg ist, dann kann sie tun, was sie will. Lass die Finger von ihr!«

»Das schaffst du nie«, entgegnete Günter entschlossen. »Mich kriegst du von ihr nicht weg.«

Direktor Bindermann erhob sich, seufzte und wandte sich zum Gehen. Er warf einen Blick auf die Uhr. »Höchste Zeit für mich! Mutter wartet. Morgen muss ich nach London. Übrigens sollte ich dich von Mama grüßen. Hast du irgendwelche Wünsche, die ich ihr aus richten kann?«

»Nicht im Mindesten. Mir geht es ausgesprochen prächtig«, entgegnete Günter.

Der Vater warf dem Sohn einen skeptischen Blick zu, aber dann zuckte er die Schultern, nahm die Klinke in die Linke und sagte: »Also dann bis übermorgen, wenn ich noch einmal Zeit habe. Vielleicht kommt morgen deine Mutter her. Eigentlich wollte sie heute schon kommen. Mich kostet das immer einen Haufen Zeit.«

»Ich weiß. Zeit ist Geld«, entgegnete Günter.

»Sei nicht so zynisch, Junge! Zynismus steht dir nicht. Du hast eine Menge Glück gehabt, sehr viel Glück.«

»Ich weiß, mehr Glück, als ein Mensch im Leben haben kann!«

»Genau so ist es. Endlich begreifst du es!«

Günter lachte nur. Als sein Vater hinaus war, wischte er sich über die Augen und fragte sich leise: »Wie ist das nur möglich, dass er so ganz anders ist als ich? Vielleicht habe ich es von Mutter! Ob sie sich mit ihm überhaupt noch versteht? Sie sind immer so höflich und so nett zueinander. Nun ja, egal wie! Ich werde zu Helga gehen, und damit ist alles entschieden. Das Kind wegmachen lassen! Welch eine Zumutung! Aber so verlogen sind sie. Große Worte, nichts dahinter. Das Einzige, was ihn wirklich interessiert, ist kein Geld.«

 

 

3. Kapitel

 

Der Patient befand sich im Operationsraum. Professor Mohnhaupt und sein Team hatten schon mit der Operation begonnen, als Alena sich noch umkleidete. Sie war mit dem Schwerverletzten, der bei einem Autounfall verunglückt war, in die Klinik gekommen. Ihr Einsatz war jetzt beendet.

Sie hatte sich gerade umgezogen, als Schwester Karina zu ihr kam und sagte: »Frau Doktor, der Vater von dem jungen Bindermann möchte Sie sprechen. Er wollte erst mit dem Professor sprechen, aber der hatte gesagt, Sie möchten mit ihm reden!«

»Wo ist er denn?«, fragte Alena.

»Er ist in dem kleinen Besprechungszimmer.«

Alena nickte, knöpfte sich noch den weißen Kittel zu und ging zu jenem kleinen Besprechungszimmer, in dem Direktor Bindermann bereits wartete.

Es war später Nachmittag, und Alena wünschte sich, dass kein Einsatz mehr sie nach draußen rufen würde. Dieser letzte Einsatz war sehr anstrengend gewesen und hatte sie außerdem erschüttert. So oft sie bei solchen Einsätzen helfen musste und immer wieder furchtbare Unfälle sah, es ließ sie nicht kalt. Sie schaffte es einfach nicht, das zu werden, was man abgebrüht nennt.

Als sie eintrat, stand Direktor Bindermann auf, der eben noch gesessen hatte, kam ihr entgegen, und sie gab ihm die Hand. Sein eben noch freundliches Gesicht wurde sehr ernst, als er sagte: »Schwester Karina hat mir einen Hinweis gegeben, dass ich mal mit Professor Mohnhaupt sprechen sollte. Aber der ist im Moment verhindert.«

»Ja, es ist ein Unfall. Er ist dabei, den Schwerverletzten zu operieren.«

»Ja, ja, diese Unfälle auf den Straßen! Es wird immer schlimmer! Entsetzlich, dieser Verkehr heutzutage!«

»Wir bekommen es auch zu spüren«, erwiderte Alena. »Aber nun zu Ihrem Sohn. Eigentlich wollte ich auch mit Ihnen sprechen. Ich habe vorhin versucht, auf ihn einzureden, ihm klarzumachen, dass er jetzt noch nicht weg kann. Er möchte gern nach Hause. Er bildet sich ein, wir halten ihn fest, weil er hier auf Privatstation liegt. Leider hatte Professor Mohnhaupt noch keine Zeit, beziehungsweise war für mich noch keine Gelegenheit da, mit ihm zu sprechen. Ich hätte ihm vorgeschlagen, Ihren Sohn auf eine normale Station zu verlegen.«

»Um Himmels willen, ich bitte Sie, Frau Doktor! Das können wir doch nicht tun! Auf eine normale Station wie einen Kassenpatienten!«

»Er selber hat uns den Vorwurf gemacht, dass wir die Versicherung unnötig belasten, wenn er auf Einzelzimmer und dazu noch in der Privatstation liegt.«

»Aber wozu ist er denn privat versichert? Und da muss die gegnerische Versicherung ja auch einsteigen! Das hilft ja alles nichts. Er hätte denselben Anspruch ja gehabt, wenn er durch sein Verschulden verunglückt wäre.«

»Darum geht es ja nicht. Ich habe das Gefühl, er langweilt sich. Und dann ist noch etwas, was ihm fehlt. Ich habe noch nicht feststellen können, was es ist. Ich vermute, es handelt sich um eine Frau.«

»Ja, das stimmt leider. Aber das ist natürlich vollkommen indiskutabel. Dieses Mädchen brauchen wir weiter nicht zu erörtern.«

»Ihr Sohn ist aber offensichtlich anderer Meinung«, Alena sah Direktor Bindermann forschend an, »oder wie sehen Sie das?«

»Das ist kein Thema, das ich jetzt erörtern möchte«, wehrte Bindermann ab. »Es geht einzig und allein darum, dass mein Sohn vielleicht durch eine Verlegung in ein Doppelzimmer etwas Abwechslung hätte. Zudem wäre gewährleistet, dass er …«

»Ich habe schon gefragt. Es ist kein Doppelzimmer frei. Und wir können in dieses Einzelzimmer auch keinen zweiten Patienten verlegen. Die Einrichtungen dafür sind nicht gegeben. Das heißt, jedenfalls können wir das nicht sofort. Vielleicht übermorgen. Da wird, wie ich hörte, einer der Patienten, die in der Station liegen, entlassen. Wir könnten Ihren Sohn dorthin verlegen. Aber ob das für ihn ein Trost sein wird, möchte ich bezweifeln. Der dort noch im Zimmer verbleibende ist ein Schwerverletzter. Querschnittgelähmt! Wir haben ihn dieser Tage erst aus der Intensivstation geholt. In diesem Falle ist es eine schlimme Geschichte. Der Patient ist im oberen Bereich querschnittgelähmt. Das heißt, dass er nie mehr sitzen kann und deswegen nicht einmal die Aussicht auf den Rollstuhl hat.«

»Ein lebendiger Toter, nicht wahr?«, meinte Direktor Bindermann.

»Ich weiß nicht, ob Sie einmal mit solchen Leuten zu tun gehabt hatten, sonst wüssten Sie, wie sehr diese Menschen am Leben hängen, trotz ihres Zustandes. Aber wir wollen jetzt nicht darüber reden. Es geht um Ihren Sohn. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir ihn verlegen, wenn Sie das ausdrücklich möchten und Ihr Sohn das natürlich will. Doch im Augenblick besteht dazu keine Möglichkeit, und auf eine normale Station zu verlegen, das wollen Sie nicht.«

»Soweit ich etwas zu bestimmen habe«, entgegnete er. »Schließlich ist er mündig. Aber ich habe den Eindruck, dass er durch diesen Unfallschock ziemlich … na ja, Sie wissen schon!«

»Der Tod seines Freundes war ein Schock für ihn«, bestätigte Alena, »zumindest die Nachricht davon. Aber ich glaube nicht, dass dieser Schock so schlimm war, dass dadurch geistige Schäden entstanden sind. Das halte ich für übertrieben, Herr Bindermann!«

»Aber ich möchte doch sagen, dass dieser Einfall, auf einer normalen Station zu liegen, recht fragwürdig ist«, erwiderte Bindermann einschränkend.

»Und doch halte ich es für eine Möglichkeit, ihn zumindest so auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht sollten Sie«, fuhr Alena fort, »ihm doch die Möglichkeit einräumen, diese junge Dame zu empfangen. Wir können ihr übrigens nicht verbieten, hierherzukommen.«

»Sie wird nicht hierherkommen«, erwiderte Bindermann.

Alena sah ihn überrascht an. »Woher wollen Sie das wissen?«

»Ihr ist nicht bekannt, wo Günter liegt. Und wenn Sie es ihr nicht direkt auf die Nase binden, wird sie es auch so leicht nicht erfahren. Um diesen Gefallen hatte ich auch den Herrn Professor gebeten. Er war einverstanden.«

»Halten Sie diesen Schritt für klug?« Alena sah ihn zweifelnd an.

Er zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen erklären soll, vor allen Dingen in so kurzer Zeit, was hier alles dranhängt. Das können Außenstehende gar nicht beurteilen. Ein ganzes Werk, die Arbeit von Generationen ist infrage gestellt. Ich glaube wirklich nicht, dass Sie in der Lage sind, da ein Urteil zu fällen.«

»Ich maße mir da kein Urteil an. Ich denke nur an das Wohl meiner Patienten. Das ist meine Pflicht. Und ich sage mir, wenn es etwas gibt, das diesen jungen Mann zur Einsicht bringt, dann sollten wir dieses Hilfsmittel heranziehen.«

»Zur Einsicht bringt! Er ist zweiundzwanzig Jahre alt! Er selbst sagt, er ist kein kleines Kind mehr. Und das ist er nun tatsächlich nicht mehr. Er müsste genau wissen, was er tut. Leider weiß er es nicht. Immerhin, machen Sie mit ihm, was Sie für richtig halten. Wenn Sie meinen, Sie müssten ihn in einen Krankensaal legen, wo schon dreißig Menschen liegen, dann bitte …«

»Wir haben keine Krankensäle. Die größten Zimmer, die wir haben, sind mit sechs Betten belegt. Die meisten nur mit drei.«

»Machen Sie, was Sie wollen. Ich sehe schon, jeder Außenstehende glaubt, auf die Seite meines Sohnes treten zu müssen. Aber ich sage Ihnen, lernen Sie ihn ruhig näher kennen. Dann werden Sie beizeiten erfahren, wie die Dinge wirklich stehen.«

»Schade, dass der Herr Chefarzt keine Zeit hatte. Ich glaube, dieses Gespräch hätten Sie doch besser mit ihm geführt«, erwiderte Alena kühl und distanziert.

Bindermann warf ihr einen verächtlichen Blick zu, dann verabschiedete er sich und war wenig später aus der Klinik. Als Alena zum Fenster hinausblickte, sah sie einen Wagen vorfahren. Der Chauffeur stieg aus, öffnete den Schlag, und Bindermann stieg im Fond ein. Dann fuhr die schwere Limousine davon.

Alena kam aber nicht dazu, sich noch länger Gedanken um Günter Bindermann zu machen, denn ein anderer Fall beschäftigte sie und forderte ihr Eingreifen. Als sie dann Stunden später wieder an Günter Bindermann dachte, beschloss sie, ihrem Kollegen Dr. Sven Neubert einmal Bescheid zu sagen, dass er zu ihm ginge. Vielleicht gelang es ihm auf seine burschikose Art, den richtigen Ton zu finden, der in einem Gespräch mit einem Patienten wie Günter Bindermann am Platze gewesen wäre.

Sie traf Neubert auch, und der junge Arzt, der etwa in Alenas Alter war, strahlte sie an und sagte: »Und es gibt etwas, das Sie mir mehr zutrauen als sich selbst? Man höre und staune!«

Er war etwa so groß wie sie, breitschultrig, ein sportlicher Typ mit grauen Augen und dunkelblondem lockigem Haar, das kaum zu bändigen zu sein schien.

»Ja, das gibt es!«, und sie erklärte genau, was sie für richtig hielt, und was er ihrer Meinung nach bei Günter Bindermann tun sollte.

»Ich glaube, Sie machen sich viel zu viele Gedanken«, erwiderte er. Er sah sie bewundernd an. »Übrigens sehen Sie wieder ganz fantastisch aus heute. Wie wäre es denn mit uns zwei heute Abend?«

»Was heute Abend?« Sie lächelte. »Immer haben Sie solche Ideen! Schon wieder eine zweite Theaterkarte übrig?«

»Theater nicht. Der Männergesangverein 'Harmonie' hat einen Wohltätigkeitsabend angesetzt. Heute ist das. Halb neun! Ich habe zwei Karten …«

Sie lachte schallend. »Ich wusste es doch. Immer zwei Karten. Ich glaube, wenn Sie Karten besorgen, nehmen Sie grundsätzlich zwei. Irgendeine Dame wird schon anbeißen. Es ist wie der Wurm an der Angel.«

»Sie haben überhaupt keinen Sinn für die Gefühle eines Mannes, der Sie bewundert«, entgegnete er schalkhaft. Dann wurde er ernst »Aber wirklich! Ich habe eine zweite Karte! Ehrlich gesagt hat sie mich nichts gekostet. Die Sache wird erst teuer, wenn man hingeht. Die wollen natürlich Spenden.«

»Und wofür, wenn man fragen darf?« Er grinste. »Dieses Mal für ein Fußballfeld. Sie wollen einen neuen Sportplatz anlegen.«

»Na ja, dann gehen Sie mal schön hin und spenden Sie. Ich habe heute Abend etwas anderes vor«, behauptete sie, obgleich es nicht stimmte. Aber sie hatte keine Lust, mit Dr. Neubert dort hinzugehen. In Wirklichkeit interessierte er sich für den Gesangverein und all das, was damit zusammenhing, weit weniger als sie selbst. Er wollte nur mit ihr zusammen sein. Er ließ ja keine Gelegenheit aus, die sich anbot, wenn es darum ging, mit einer Frau zusammen sein zu können. Er wechselte die Freundschaften wie die Hemden, aber in letzter Zeit hatte er es besonders auf Alena abgesehen. Das war schon einmal der Fall gewesen. Als sie ihm einen Korb gab, zog er sich beleidigt zurück. Aber nun war ein Vierteljahr seitdem vergangen, und er schien neuen Mut gefasst zu haben, es noch einmal bei ihr zu versuchen.

Sie mochte ihn eigentlich gern. Er war nett. Andererseits hatte er etwas von einem Belami. Dass sie das ein wenig abstieß, schien er selbst nicht wahrhaben zu wollen. Sie wusste auch, dass andere Mädchen wie verrückt nach ihm waren, besonders die Schwestern im Hause. Viele von ihnen waren auch schon seine Freundinnen gewesen, hatten an seiner Seite in einem seiner rasanten Sportwagen gesessen. Schnelle Wagen und Mädchen waren seine Hobbys. Dort ließ er sein Geld, manchmal mehr, als er verdiente.

»Also, Sie kümmern sich um ihn?«, fragte sie.

Er sah sie verwirrt auf, doch dann begriff er, wovon sie sprach. »Natürlich, natürlich! Im Augenblick kann ich nicht. Aber nachher werde ich mal nach ihm sehen und werde mit ihm reden. So etwas mache ich mit links.«

»Hoffentlich verheben Sie sich nicht dabei! Und machen Sie es bitte heute noch! Nicht auf morgen verschieben.«

»Wenn ich dazu komme.«

Er kam nicht dazu. Es war nicht seine Schuld, denn er wurde bei einer Notfalloperation eingespannt. Als er dann am späten Abend endlich Zeit gehabt hätte, da war er viel zu erschöpft, um sich noch um Günter Bindermanns Seelenheil zu kümmern.

So nahm das Verhängnis seinen Lauf, als sollte es so sein.

 

 

4. Kapitel

 

Der Wind hatte gedreht und trieb dunkle Regenwolken über den Himmel. Sie verdeckten zeitweise die Scheibe des Mondes, die wiederum die Ränder der Wolken erleuchtete, sodass es ein gespenstisches Bild gab. Günter Bindermann war ans Fenster getreten, hatte es geöffnet und schaute hinauf zum Himmel. Da blickte er in den nächtlichen Park. Je nachdem, wie die Wolken den Mond freigaben, konnte er dort Einzelheiten erkennen. Dann aber, wenn sich eine Wolke vor den Mond schob, sah er nur die Konturen der Bäume, der Büsche, das andere lag in tiefer Dunkelheit.

Günter Bindermann hatte sich angezogen. Es war ihm nicht leichtgefallen, eigentlich viel schwerer, als er geglaubt hatte, und jetzt überlegte er noch einmal seinen Schritt.

Nein, dachte er, es ist schon so, wie ich es sage. Sie wollen mich hier festhalten. Das Gerede von den Spritzen ist ein Märchen. Die haben sie mir heute Abend noch einmal gegeben. Schwester Karina war es. Sie meinte, wenn ich bis zum Morgen keine Wiederholungsspritze bekäme, dann würde die Blutgerinnung gehemmt, weil meine verletzte Leber angeblich zu viel Heparin produzierte. Alles Märchen! Das haben sie ihr aufgetragen, und sie leiert ihren Vers runter, ohne zu wissen, wovon sie spricht.

Er blickte nach unten. Es war ganz einfach, von diesem Fenster aus auf den Sims zu gelangen. Er schwang sich über das Fensterbrett ließ sich zu dem Sims herunter, der rund um das ganze Gebäude verlief, balancierte dann außen entlang, bis er die Dachrinne erreichte. Gleich daneben war die Feuerleiter. Von hier nach unten zu kommen, war ein Kinderspiel. Schwindlig wurde ihm nicht. Er spürte nur ein Stechen an der Bauchnarbe. Doch als er dann unten stand, war auch das vorüber. Das Einzige, was er empfand, war ein dumpfer Druck in der Lebergegend. Aber er gab nichts darauf, sondern dachte nur an seine Flucht.

Er sah sich nach allen Seiten um, aber in der Klinik regte sich nichts. Als der Mond wieder einmal hinter einer Wolke verschwand, huschte Günter bis zur asphaltierten Rundstraße, die um die Klinik verlief. Als er sie erreicht hatte, blickte er zurück auf das Gebäude. Da und dort war ein Fenster erleuchtet. An anderen war nur ein Lichtschimmer, mehr nicht. Vorn war der Eingang zu sehen. Dort war helles Licht. Ein Krankenwagen stand dort, dessen hintere Türen beide geöffnet waren. Aber Günter sah keinen Menschen. Rundum war alles still. Aber jetzt gaben die Wolken den Mond frei, und der Park stand in diffusem kaltem Licht.

Günter huschte bis zu einem Rhododendronstrauch und kauerte sich daneben. Als er in die Knie ging, waren wieder dieses Stechen in der Bauchnarbe und dieser stärker werdende Druck in der Lebergegend.

Einen Augenblick lang überlegte Günter, ob er nicht umkehren sollte. Doch dann schob er diese Idee von sich, blickte zum Himmel und sah, wie sich eine neue Wolke vor den Mond schob. Jetzt richtete er sich auf, und sofort wurde der Druck in der Lebergegend schwächer, verging dieses Stechen in der Bauchnarbe.

Er erreichte die Umzäunung. Es war ein einfacher Stahlzaun auf einem gemauerten Fundament. Ihn zu überklettern, war für einen jungen Mann wie Günter ein Leichtes. Nach wenigen Sekunden hatte er den Zaun überwunden, ließ sich auf der anderen Seite herab und überquerte die große Wiese, bis er die Straße erreicht hatte.

Er wusste genau, wie er zu gehen hatte. Um diese Zeit war der Taxistand leer. Das wusste er. Aber ein Stück weiter gab es eine Telefonzelle. Auch in der Klinik waren natürlich mehrere, aber das hätte bedeutet, dass er vorn noch einmal am Nachtportier vorbeigemusst hätte, und das wollte er nicht. Fünfhundert Meter weit ging er die Straße entlang, und dann kam er schon in bebautes Gebiet. Einfamilienhäuser standen hier mit Vorgärten. Er sah schon von Weitem die erleuchtete Telefonzelle. Von dort rief er ein Taxi an.

Sie hatten ihm seine Kleidung nicht weggenommen und natürlich auch nicht sein Geld. Er hatte noch vor Antritt seiner Flucht nachgezählt: etwa zweihundert Mark fand er in seiner Brieftasche.

In seinem Portemonnaie entdeckte er auch zum Glück zwei Groschen, und die genügten, um ein Taxi anzurufen.

Nachdem das geschehen war, wartete er vor der Zelle.

Ihm schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, denn es fiel ihm schwer, so lange zu stehen. Er war schon versucht, sich einfach auf den Boden zu setzen. Da endlich tauchte das Scheinwerferpaar auf und kam das Taxi näher.

Der Fahrer war ein älterer Mann. Er musterte Günter misstrauisch. Und als der sagte, dass er nach Weißenturm fahren wollte, sagte der Fahrer: »Das ist ein ganz schön weites Stück. Da müsste ich vorneweg kassieren. Sie haben doch Geld, oder?«

Als Günter ihm zwei Fünfzigmarkscheine zeigte, winkte der Fahrer ab und meinte: »Na, so viel kostet es ja nun wirklich nicht. Na, dann bezahlen Sie man hinterher, und nehmen Sie Platz!«

Leicht verärgert über dieses umständliche Getue des Fahrers stieg Günter ein. Die Fahrt verging rasch. Aber sie tat Günter nicht gut. Der dumpfe Druck in der Lebergegend wurde stärker. Zuletzt hatte Günter das Gefühl, die geringste Unebenheit der Straße innerlich zu spüren, und das schmerzte ihn. Er war erleichtert, als das Taxi endlich in die Ruhlandstraße einbog. Eine halbe Stunde hatte das gedauert, aber Günter war es vorgekommen, als wäre er Tage unterwegs gewesen.

Das Taxi hielt vor einem zweistöckigen Haus. Günter bezahlte und stieg aus. Beim Aussteigen spürte er wieder einen zerreißenden Schmerz an der Stelle, wo sich die Bauchnarbe befand. Einen Augenblick stand er verkrümmt. Der Taxifahrer beugte sich aus dem Fenster und rief: »Ist irgendwas?«

Günter war froh, diesen ihm unsympathischen Mann loszuwerden, und winkte nur ab. Der Taxifahrer fuhr davon.

Alles drehte sich Günter vor den Augen. Er ging zur Hauswand und lehnte sich dagegen. Er brauchte einige Sekunden, um wieder die Kraft zu finden, sich weiter fortzubewegen.

Noch immer verkrümmt wie ein alter Mann ging er auf die Haustür zu. Der Druckschmerz der Lebergegend ließ jetzt nach. Dafür aber war ein starkes Ziehen an der Narbe, und irgendwie auch darunter, wie es Günter empfand.

Günter war oft hier gewesen. Helga wohnte ganz oben in der Mansarde und hatte eine eigene Klingel. Er schellte dort. Das Klingeln drang bis auf die Straße. Er war schon versucht, nach oben zu blicken. Doch nichts rührte sich.

Er schellte wieder. Abermals klingelte es so laut, dass er es bis hier unten hörte.

Er hatte kein Gefühl, wie spät es war. Nach seiner Schätzung musste es zwei sein. Die Straße lag wie tot. Funzelig brannten die Laternen, warfen einen trüben Schein auf die Fassaden und auf das Kopfsteinpflaster. Die Kanten der Rinnsteine waren ausgeschlagen. Der Fußweg war reparaturbedürftig. Das war kein vornehmes Viertel, wo man bemüht war, die geringsten Schäden zu beseitigen. Für diese Gegend interessierte sich offensichtlich die Stadtverwaltung nicht so sehr.

Endlich ging Licht an im Treppenhaus. Aber es dauerte dennoch, wie es Günter vorkam, eine Ewigkeit, bis etwas Helles hinter der Milchglasscheibe auftauchte und eine Stimme fragte, die Günter nur allzu vertraut war:

»Wer ist da?«

»Ich bin es! Ich, Günter! Mach auf, Helga, bitte!«

Der Schlüssel drehte sich im Schloss, ein Knacken, dann ging die Tür auf. Helga stand im Nachthemd da.

Er blickte sie an. Sie stand wie erstarrt. Infolge des Lichtes, das hinter ihr brannte, konnte er ihre Konturen deutlich unter dem dünnen Nachthemd sehen. Ein starkes Verlangen kam in ihm auf.

»Um Gottes willen, Günter! Endlich! Ich habe dich überall gesucht. Überall! Wo kommst du her? Wo warst du denn? Ich weiß nur, dass du verunglückt bist!«

Er nickte. »Lass mich hinein! Ich erzähle dir alles.«

Sie kam auf ihn zugeflogen, hatte die Arme ausgebreitet. »O Günter, ein Glück! Ich hatte solche Angst um dich. Ich bin bald wahnsinnig geworden.«

Sie wollte ihn umarmen, aber er fürchtete den Schmerz, der gleich kommen würde, und sagte: »Vorsicht! Ich bin operiert worden. Drück mich nicht so sehr!«

Ängstlich zuckte sie zurück. Er lächelte, nahm ihren Kopf in die Hände, beugte sich zu ihr herab und küsste sie sanft auf die Lippen.

»Komm mit! Komm mit hinauf!«, sagte sie und schloss rasch die Tür. »Vater hat Überlanddienst. Er ist ein paar Tage lang gar nicht da. Mutter ist bei einer Bekannten. Und mein kleiner Bruder schläft. Du weißt ja, den macht nichts munter. Komm mit! Ich bin so froh. Wie geht es dir denn?«

»Nicht besonders gut. Ich muss mich etwas in Acht nehmen. Die wollten mich natürlich nicht weglassen aus der Klinik. Ich bin einfach abgehauen.«

»Um Himmels willen! Aber wir müssen leise sein. Der alte Meißner schimpft sowieso immer, dass wir zu laut die Treppe hinunter gehen.«

Günter wusste Bescheid. Der alte Meißner, das war der Mieter im Parterre.

Auf Zehenspitzen gingen sie hinauf, an der Wohnungstür von Helgas Eltern vorbei, dann zum Mansardenzimmer, das Helga bewohnte.

Als Günter hineinkam, hatte er das Gefühl, zu Hause zu sein. Alles war wie früher. Sie hatte sich nett eingerichtet. Keine Möbel im eigentlichen Sinne, sondern mit modischen Stoffen umhüllte Matratzen am Boden, riesige Kissen, in die man sich einfach hineinsetzen konnte, statt kostspieliger Sessel, die meist auch noch unbequem waren.

Schaffelle waren am Boden, die dazu einluden, sich einfach darauf zu setzen. Das einzige wirkliche Möbelstück war ein riesiger antiker Kleiderschrank an der Rückseite des Zimmers, und hier bewahrte Helga alles auf, was sie besaß.

»Setz dich hin, Günter! Möchtest du etwas trinken, etwas essen?«

»Nichts!« Er ließ sich nieder und spürte wieder diesen dumpfen Schmerz, der jetzt noch stärker geworden war. Er legte sich hin und ließ es geschehen, dass sie ihm die Schuhe auszog, was er sonst nicht duldete.

»Du siehst nicht gut aus!« Helga beugte sich nach vorn und sah ihm ins Gesicht »Wäre es nicht besser gewesen, du hättest das Krankenhaus nicht verlassen?«

»Krankenhaus! Dass ich nicht lache! Das ist weiter nichts als ein luxuriöses Zuchthaus oder eine Geldpfründe. Nenn es, wie du willst! Nur ist es nicht das, was du dir darunter vorstellst.«

»Wo warst du denn? Ich habe dich überall suchen lassen. Wo ist denn das passiert?«

»Hast du schon mal was von der Mohnhaupt Klinik gehört?«

»O ja!«, rief sie. »Das ist ja eine ganz berühmte Klinik. Die gilt ja als modern und hervorragend. Eine Tante von mir hat dort eine Hüftoperation machen lassen. Sie war schon achtundsiebzig. Das ist erstklassig gelungen. Sie lebt heute noch, und sie kann gehen wie ein junges Mädchen.«

»Mag sein, aber diese Burschen holen das Geld aus allen Winkeln. Sieh her! So haben sie mich zusammengeflickt. Aber nun hätten sie mich eigentlich gehen lassen können. Zu dir gehen lassen können. Aber das wollten sie ja nicht. Die wollten jetzt erst mal anfangen, Geld herauszuholen aus der Geschichte. Weißt du eigentlich, was passiert war?«

»Ich habe nur gelesen, dass ihr beide im Auto gefahren seid und ein Lastwagen die Vorfahrt missachtet hat …«

»Genau so war es, das heißt, ich kann mich nicht genau daran erinnern. Ich weiß nur, als ich aufwachte, lag ich auf der Straße. Ich bin herausgeschleudert worden.«

»Ich habe immer gesagt, du sollst dich anschnallen! Ich habe es dir immer gesagt! Aber du hörst nie auf mich.«

Er zuckte die Schultern. »Vielleicht hattest du recht. Mein Freund ist auch herausgeschleudert worden. Hans war sofort tot. Er ist mit dem Kopf gegen einen Lichtmast geflogen.«

»Ich habe das damals gelesen. Es ist entsetzlich. Und dann habe ich versucht, festzustellen, wohin sie dich gebracht haben. Du, ich habe auch in der Mohnhaupt Klinik angerufen. Die haben mir nicht gesagt, dass du dort bist.«

»Kunststück«, erwiderte er. »Da hat mein Alter vorgebaut. Du weißt doch, wie er ist. Er war ganz schnell zur Stelle. Als du das gelesen hast, ist die Geschichte ja schon zwei Tage alt gewesen. Er hat dafür gesorgt, dass sie niemandem Auskunft geben, wo ich bin.«

»Aber das ist doch nicht zulässig!«

»Du bist keine Verwandte. Wir sind weder verlobt noch verheiratet. Dazu sind wir ja nicht gekommen durch diesen verdammten Unfall.«

Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Aber du durftest nicht weglaufen! Du hast Schmerzen, nicht wahr? Was ist denn eigentlich passiert mit dir?«

»Innere Verletzungen. Irgendwas mit der Leber und der Milz und Prellungen. Das Schlimmste ist vorbei. Ich habe mich prima gefühlt. Aber ich muss mich wohl etwas übernommen haben, die Kletterei übern Zaun und am Haus hinunter.«

»Um Himmels willen, am Haus hinunter! Bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht einfach am Haus hinunterklettern!«

»Ich kann eine Menge! Ich wollte hinaus, nichts weiter. Ich habe noch zu meinem Vater gesagt, er war heute Nachmittag da gewesen, das ich hinaus will. Aber der redet denselben Quatsch wie die Ärzte. Die haben ihm das eingetrichtert. Du weißt ja, wie er ist. Wir haben auch von dir gesprochen.«

Helga hatte sich aufgerichtet und machte jetzt eine zweite Lampe an, die heller brannte. So war sie deutlicher zu sehen. Sie war schlank, hatte langes schwarzes Haar, das ihr fast bis zu den Hüften reichte. Sonst trug sie es geknotet, aber nun in der Nacht hatte sie es aufgelöst. Und in dem weißen Nachthemd, dem etwas blassen Teint wirkte sie wie Schneewittchen.

Schneewittchen hatte er sie ja auch oft genannt. Sie besaß helle leuchtende Augen, die in einem starken Kontrast zum dunklen Haar standen und ihrem Gesicht etwas Apartes gaben. Schön war sie eigentlich nicht, aber sie hatte diesen Reiz des Hübschen, des Anziehenden und gewann mit jedem Wort, das sie sprach.

»Weißt du, was mein Alter gesagt hat?«, begann Günter.

Sie schüttelte den Kopf. Statt einer Antwort sagte sie: »Du solltest dich mit ihm vertragen. Er ist immerhin dein Vater. Und sag nicht immer 'Alter'! Ich finde das nicht gut.«

Günter lachte abfällig. Ohne darauf einzugehen erklärte er: »Er machte mir den Vorschlag, ich soll das Kind wegnehmen lassen. Unser Kind, verstehst du!«

Helga sah ihn fassungslos, völlig verstört an. »Dein Vater hat gesagt, ich soll …«

Günter nickte. »Einfach wegmachen! Ein kleiner Mensch, wegmachen! Du könntest dann weiterstudieren. Ich brauchte dich nicht zu heiraten. Es wäre ja ohnehin noch zu früh, zumal ich ja erst Assistent bin bei ihm und noch kein Abteilungsleiter. Das Leben könnte dann in den Bahnen verlaufen, die er sich für uns vorgestellt hat.«

»Und er hat wirklich gesagt, ich soll das Kind wegmachen lassen?«, fragte sie ungläubig.

»Doch, das hat er gesagt. Er hat noch mehr gesagt. Es gibt für ihn nur eines: sein Werk, und demzufolge das Geld, was aus diesem Werk herauskommt. Er betet das Geld an, sonst nichts. Wenn du jetzt einen Riesenbatzen mitbrächtest, würde er unserer Ehe zustimmen. Darauf kannst du dich verlassen!«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich gebe das Kind niemals her, niemals, verstehst du! Niemals, auch wenn du es wolltest! Ich möchte es bekommen! Es ist unser Kind. Es wird mich immer an etwas erinnern, was so schön war, so wunderbar. Nein, ich freue mich auf dieses Kind!«

»Ich auch!«, erklärte er, »aber …« Er verzog das Gesicht, griff sich an den Bauch.

»Was hast du?«, rief sie besorgt. »Um Gottes willen, was ist mit dir?«

»Es tut etwas weh. Das gibt sich wieder. Mach dir keine Sorgen!« Er versuchte zu lächeln, aber es wurde nur ein verzerrtes Grinsen daraus.

»Um Himmels willen, du durftest nicht aus der Klinik weggehen! Mein Gott, was kann ich denn tun?«

»Nichts!«, sagte er leise. »Nichts kannst du tun! Lass mich einfach in Ruhe! Wenn ich erst gelegen habe, gibt sich das von allein.«

Es ließ tatsächlich nach. Er blieb liegen, richtete sich nicht mehr auf, weil er fürchtete, dass der Schmerz wiederkehren könnte.

»Was macht unser Kind?«, fragte er.

»Was soll es machen? Ich weiß es nicht. Ich spüre noch nichts. Dazu ist es noch zu früh. Das kommt erst später. Manchmal lausche ich in mich hinein und meine, es müsste sich regen, bilde mir auch ein, dass es sich regt. Aber unser Arzt sagt …«

»Hör mir auf mit den Ärzten!«

»Aber er ist ein sehr guter Arzt. Und er freut sich mit mir. Er sagt, alles wäre bestens. Ich gehe regelmäßig hin, jedenfalls will ich das tun. Ich war ja erst zweimal dort. Aber ich werde jeden Monat hingehen. Er sagt, das ist etwas übertrieben, aber wenn es mir Freude macht, wenn es mich beruhigt, kann ich ruhig kommen.«

»Natürlich, dann bekommt er ja auch mehr Geld!«

»Du irrst dich, er bekommt nur die Untersuchungen bezahlt, die zur Schwangerschaftsvorsorge gehören. Er ist nicht so, wie du denkst. Du kannst sie nicht alle über einen Kamm scheren. Und überhaupt, ich finde ihn sehr nett. Er würde dir auch gut gefallen. Er ist wie ein Vater zu mir.«

In Günter erwachte sofort die Eifersucht. »Die tun alle so väterlich. Vielleicht macht es ihm Spaß, dich zu betätscheln, was?«

»Rede doch nicht so! Er ist wirklich ein guter Arzt. Nun hör aber auf! Ich weiß gar nicht, wie du bist. Er hat dir doch nichts getan. Im Gegenteil! Er freut sich mit uns auf unser Kind.« Günter hatte wiederum eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber er unterließ es. Er wollte Helga nicht weh tun. Er war glücklich, sie zu sehen. Wenn es etwas gab, das er liebte, dann war sie es und das, was sie unterm Herzen trug.

»Mir wird es bald besser gehen. Sobald wir können, bestellen wir das Aufgebot. Und genau vierzehn Tage später wird geheiratet, ohne große Sachen. Zwei Zeugen, deine Eltern, vielleicht noch jemand, aus und Schluss! Mein Vater wird es nicht unterstützen. Von ihm können wir Hilfe nicht erwarten, nicht in diesem Punkt. Wir werden eine Altbauwohnung nehmen, irgendwo unterm Dach.«

»Wir könnten auch hier wohnen. Meine Eltern hätten nichts dagegen. Im Gegenteil, Vater hat schon mal gesagt, dass ihm die Wohnung unten viel zu groß ist, seit ich hier oben in der Mansarde wohne. Wir könnten sicher unten noch ein Zimmer bekommen. Und du weißt doch, wie Mutti ist. Da könnte ich in der Küche mitkochen. Die wäre glücklich, wenn sie für uns mit sorgen könnte. Mit ihnen haben wir keine Schwierigkeiten. Die freuen sich genau so auf mein Kind. Sie hätten sich auch darauf gefreut, wenn du es nicht gewollt hättest. Aber sie wissen ja, dass du es willst, dass du mich heiraten möchtest. Deswegen finden wir es alle so gemein, dass sie uns nicht gesagt haben, wo du bist. Ich habe deinen Vater angerufen und deine Mutter auch. Dein Vater ist wenigstens noch sachlich geblieben. Er hat gesagt, ich sollte mir 'den Jungen aus dem Kopf schlagen'. Deine Mutter aber wurde richtig gemein. So spitz, weißt du. Sie hat gesagt: 'Ich werde es verhindern, dass ein Mädchen wie Sie in unsere Familie gerät.' Das hat sie zu mir gesagt am Telefon. Und ich habe gebettelt und gefleht zu erfahren, wo du bist. Sie hat einfach aufgelegt.«

Günter lächelte hart. »Auch wenn du es nicht verstehen solltest, ich bin ihr nicht böse deswegen. Sie kann nicht aus ihrer Haut. Sie ist das Echo meines Vaters. Sie wird nie etwas tun, was er nicht will. Das geht bis zur Selbstzerfleischung. Ich weiß nicht, warum sie so ist. Sie hat noch nie etwas dargestellt. Sie war immer im Schatten meines Vaters. Alle um ihn herum sind in seinem Schatten. Auch ich möchte aus diesem Schatten heraus.«

»Trotzdem hättest du im Krankenhaus bleiben sollen! Wer weiß …«

Er unterbrach sie. »Ich kann nicht hierbleiben. Morgen früh, wenn es hell wird, muss ich sehen, dass ich von hier wegkomme. Die rücken hier an, die vom Krankenhaus, meine ich, aufgescheucht von meinem Alten. Dann werden sie versuchen, mir Unzurechnungsfähigkeit zu bescheinigen und mich womöglich mit Gewalt ins Krankenhaus zurückbringen. Ich trau' ihnen da alles zu. Du hast ja gesehen, dass sie dir keine Auskunft gegeben haben. Da siehst du, wie sie auf ihn hören. Diese Klinik oder eine andere, das macht keinen Unterschied. Ich werde in die Jagdhütte gehen, und du kommst mit! Oder gibt es etwas, was dich daran hindert?«

»Doch, das gibt es. Seit ich nicht mehr studiere, arbeite ich. Ich muss früh raus.«

»Du arbeitest? Was?«

»Seit vierzehn Tagen! Ich wusste ja nicht, was werden wird. Von dir hatte ich nichts mehr gehört. Und ich glaubte schon, du hättest mit allem abgeschlossen, wärst auf den Kurs deines Vaters eingeschwenkt. Und da habe ich mir eine Arbeit gesucht, wenigstens so lange zu arbeiten, wie es geht. In einem Büro! Es sind keine riesigen Mengen, die ich da verdiene, aber es reicht, um wenigstens etwas Aussteuer zu beschaffen, die für das Kind nötig ist, und um über die erste Zeit zu kommen.«

»Das gibt es doch nicht! Dann hör auf dieser Stelle auf und komm mit!«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Die Leute waren sehr nett zu mir. Sie wussten, denn ich musste es ihnen ja sagen, dass ich schwanger bin und haben mich trotzdem eingestellt, obgleich es feststand, dass es nicht für lange sein würde. Und sie haben mir sogar versprochen, mir nachher, wenn das Kind ein halbes Jahr alt ist, diese Stelle wieder zu geben. O nein, Günther, ich kann da nicht einfach weggehen. Es wäre gemein!«

Er nickte. »Das sehe ich ein. Dann geh’ ich allein. Es ist eine komfortable Hütte. Ich könnte dort wohnen. Ich müsste nur etwas Vorräte mitnehmen. Manchmal sind schon welche dort. Ich bin früher viel mit André dort gewesen. Du weißt doch, André, mein Cousin!«

»Ja, du hast ihn mir mal vorgestellt. Das ist das einzige Mitglied deiner Familie, das ich kenne«, erwiderte Helga.

»André ist in Ordnung. Er wäre der Einzige, der mal hinkäme, damit muss ich rechnen. Aber der verpfeift mich nicht, wenn er mich dort entdeckt.«

»Wo ist das denn?«, wollte sie wissen.

»In der Eifel, nicht weit von hier. Ein Stück in den Bergen. Mit dem Auto ist man schnell dort. Es ist auch ein Dorf in der Nähe, so zwei Kilometer entfernt. Aber dort hinauf kommt kaum jemand.«

»Und wenn das mit dir schlimmer wird? Wenn du einen Arzt brauchst? Was tust du dann? Du kannst doch nicht allein dort sein, so, wie du bist, in diesem Zustand!«

»Warum sollte ich das nicht? Ich werde es einfach versuchen!«

»Jetzt bleib erst mal hier! Die kommen nicht hierher! Das glaube ich nicht. Weiß denn dein Vater meine Adresse?«

»Ich hätte sie ihm gesagt, wenn er mich danach gefragt hätte. Aber es war ungefähr die letzte Sache, die ihn interessierte. Im Gegenteil! Wenn ich nur deinen Namen nannte, und er kennt überhaupt nur deinen Vornamen, dann bekam er schon zu viel. Damals, als ich von dir sprach, hörte er anfangs sehr interessiert zu. Ich erzählte ihm, ich habe ein Mädchen. Sie ist sehr nett, sie ist sehr hübsch. Und dann kam seine Frage: 'Was ist der Vater?' Und ich sagte ihm, was dein Vater ist. Das Gesicht von ihm werde ich nie vergessen. Und von da an war die Sache für ihn gestorben. Ich hätte reden können wie ein Buch. Wenn er überhaupt zuhörte, dann nur, um Punkte zu sammeln, in die er einhaken konnte, um mir Kontra zu geben, um mir irgendwie zu beweisen, dass es eine aussichtslose Sache ist.«

»Ich werde deinen Vater trotzdem nicht hassen können. Er ist dein Vater. Du bist ein Stück von ihm, ebenso wie von deiner Mutter. Dein Vater war aber wenigstens noch höflich zu mir. Aber deine Mutter …«

Günter winkte ab. »So darfst du das nicht sehen! Meine Mutter ist ein Nichts, ein Niemand. Er ist es, der die Fäden in der Hand hält. Er bestimmt, wenn sie zu lachen und zu weinen hat. Wenn es ihm passt, wird sie zu dir freundlich sein, und sie wird dich angiften, falls ihm das gefällt. O nein, zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Das ist für mich gelaufen. Ich werde mir auch eine andere Stellung suchen. Ich könnte es nicht ertragen, mit ihm zusammen zu sein, mit dem Mann, der mir empfohlen hat, unser Kind ermorden zu lassen.«

»Soll ich nicht wenigstens unsern Arzt anrufen? Morgen früh natürlich, nicht jetzt! Vielleicht kann er einmal vorbeischauen.«

»Nein, nein!«, wehrte Günter sofort ab, »sag niemandem, dass ich hier bin! Meine Leute wissen nicht, wo du wohnst. Also werden sie dich auch nicht gleich finden. Es gibt nur einen einzigen Menschen, der es weiß. Das ist André, dem habe ich von dir erzählt. André hat auch Verständnis für mich und für meine Ziele. Er ist wie ich. Aber ihn haben sie schon so richtig im Griff. Er tut alles, was sie von ihm verlangen.«

»Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt versuchst zu schlafen. Du bist furchtbar erregt. Das tut dir bestimmt nicht gut. Hast du irgendwelche Schmerzen? Tut es noch sehr weh? Soll ich dir vielleicht eine Tablette geben?«

»Nein, keine Tablette. Sie haben mich vollgestopft mit Medikamenten. Lass mich einfach liegen!«

»Aber du musst dich doch wenigstens ausziehen! Du bist noch vollkommen angekleidet.«

»Lass mich nur! Ich möchte einfach schlafen, weiter nichts!«

Besorgt sah sie ihn an, und irgendwie hatte sie das dumpfe Gefühl, dass er sich in größter Gefahr befand. Aber sie wusste nicht, wie sie ihm helfen sollte, hätte es auch nicht fertiggebracht, etwas zu unternehmen, von dem er nichts wusste und das er etwa nicht billigen würde.

 

 

5. Kapitel

 

Gegen vier Uhr morgens entdeckte die Nachtschwester das leere Bett. Obgleich Günter so etwas wie eine Attrappe eines im Bett Liegenden aus Decken und einem Abfallbeutel konstruiert hatte, war die Nachtschwester dahintergekommen. Augenblick alarmierte sie den diensttuenden Arzt. Den Nachtdienst versah Dr. Hochberg. Als er in die Privatstation von Professor Mohnhaupt kam und das Zimmer betrat, aus dem der Patient geflohen war, lächelte er beim Anblick des Mummenschanzes, den Günter Bindermann hinterlassen hatte.

»Nicht schlecht. Wie aus einem Film«, meinte Hochberg.

Schwester Annegret, die den Nachtdienst versah, machte eine müde Handbewegung. »Man hat nichts als Arbeit mit denen. Die Privatpatienten sind die Schlimmsten! Immer Schwierigkeiten!«

»Haben Sie inzwischen das Krankenblatt aufgetrieben?«, fragte Dr. Hochberg die dunkelhaarige Schwester.

Annegret Wolter, hier in der Klinik als Schwester Annegret bekannt, nickte. »Es liegt drüben auf dem Tisch. Ich habe es extra geholt.«

Hochberg ging hinüber und sah sich das Krankenblatt an. Er war ein großer schlanker Mann mit grauen Schläfen. Die Vierzig hatte er jüngst überschritten. Aus seinen großen blauen Augen betrachtete er die Aufzeichnungen. Als er sie weglegte, sagte er zu Schwester Annegret: »Die Geschichte eines Menschen und seiner Krankheit ist wie die Geschichte eines Volkes. Hier lässt sich alles ablesen. Wenn die Menschen sich mehr um die Vergangenheit kümmerten, würde manches in der Zukunft besser verlaufen.«

Schwester Annegret hatte für diese Philosophie wenig Sinn. »Herr Doktor, was sollen wir nun tun? Die Polizei anrufen?«

»Nun mal langsam mit den jungen Pferden. Wir brauchen doch deswegen nicht gleich die Polizei anzurufen. Ich werde mit dem Vater sprechen. Wie spät ist es jetzt?«

»Viertel nach drei, Herr Doktor!«

»Also gut. Die Telefonnummer des Vaters steht hier. Ich werde seinen Schlaf ein wenig unterbrechen. Ist jemand in der Zentrale?«

»Der Nachtportier, Herr Doktor!«

Dr. Hochberg griff zum Telefon und gab die Nummer von Direktor Alfons Bindermann durch.

Fast fünf Minuten vergingen, bis sich Bindermann meldete. Verschlafen krächzte er ein »Hallo!«, und Dr. Hochberg musste ihn zweimal nach seinem Namen fragen, bis er ihn sagte.

»Was zum Teufel ist denn los! Wer ist denn da?«

»Hier ist die Mohnhaupt Klinik«, sagte Dr. Hochberg. »Ihr Sohn hat die Klinik verlassen, natürlich gegen unsere Absicht.« Einen Augenblick war Stille, dann bellte Biedermann ins Telefon: »Zum Teufel noch mal, wollen Sie damit sagen, dass er einfach abgehauen ist?«

»So kann man es nennen.«

Ein heiseres Husten wurde hörbar. Dann bellte Bindermann schon wieder: »Sie lassen einen schwerkranken Patienten so einfach mir nichts, dir nichts davonlaufen? Hat denn Ihr Nachtportier geschlafen, oder was?«

»O nein! Wie es scheint, ist Ihr Herr Sohn durchs Fenster abgewandert.«

»Bei mir ist er jedenfalls nicht. Du lieber Himmel! Was tun wir bloß? - Vielleicht kommt er morgen wieder!«

»Die Sache hat einen Haken«, erklärte ihm Hochberg. »Ich bin zwar nicht der behandelnde Arzt. Ich habe Nachtdienst und wurde durch die Flucht Ihres Sohnes überrascht Aber wie ich erst im Krankenblatt gelesen habe, liegt bei Ihrem Sohn Folgendes vor: Auf Grund der Leberverletzung kommt es zu einer Überproduktion an Heparin. Es besteht die Gefahr einer hämorrhagischen Diathese, also einer Blutgerinnungsstörung. Sie wissen, dass er operiert werden musste, dass da Narben bestehen und dass auch innere Organe verletzt waren, die ebenfalls vernarbt sind. Jederzeit kann es zu einer Nachblutung kommen, und diese Blutungsneigung können wir nur damit abdämmen, dass wir Ihren Sohn medikamentös behandeln. Das heißt, dass wir ihm nach der Blutkontrolle eine entsprechende Menge Protaminsulfat auf die jeweiligen infrage kommenden Einheiten Heparin geben.«

»Und was kann jetzt passieren?«

»Es kann passieren, dass das Heparin wieder überhandnimmt, dass die Blutungsneigung sich verstärkt und es tatsächlich an Vernarbungen und noch ungenügend abgeheilten Stellen an den inneren Organen zu Blutungen kommen könnte. Das gilt sogar für die Bauchdecke, denn wir haben ja einen langen Bauchschnitt machen müssen, wie ich aus dem Krankenblatt lesen kann, da eine Menge innerer Verletzungen behandelt werden mussten.«

»Ich weiß! Ich weiß!«, sagte Bindermann. »Aber wo, zum Teufel, steckt der Kerl? Ich habe nicht die mindeste Ahnung. Hier ist er jedenfalls nicht. Er könnte höchstens … Natürlich, bei diesem Mädchen könnte er sein.«

»Herr Direktor Bindermann, haben Sie die Adresse?«, fragte Hochberg, der sich zur Ruhe zwang.

»Nein, ich habe sie nicht. Ich kenne dieses Mädchen nur mit dem Vornamen. Helga heißt sie. Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, wo die wohnt. Vor Kurzem hat sie noch studiert, und ich weiß auch nicht, wo das war, ich glaube aber in Bonn, denn mein Sohn ist oft in diese Richtung gefahren. Er sprach einmal davon, dass er nach Bonn fährt. Vielleicht wohnt sie auch da. Ich weiß es nicht.«

»Aber wir müssen es wissen! Wie die Dinge liegen, ist der Zeitraum über die Nacht ohnehin schon groß, dass er keine Injektion bekommen hat. Es ist ungefähr die äußerste Spanne, die man verantworten kann. Am Anfang erhielt er ja Infusionen, aber seitdem ihm die Medikamente injiziert werden, müssen die Abstände genau eingehalten werden. Wie gesagt er hat seine letzte Spritze am Abend bekommen. Die nächste müsste er eigentlich gegen sieben Uhr spätestens bekommen.«

»Dann haben wir ja noch dreieinhalb Stunden Zeit«, meinte Bindermann.

»Kein Problem, wenn Sie wissen, wo er ist. Aber Sie wissen es nicht, und wir haben auch keine Ahnung.«

»Ich werde Ihnen schwerlich dabei helfen können. Um sechs Uhr vierzig fliegt meine Maschine nach London. Es ist eine sehr wichtige Sache. Da hängt ein Auftrag davon ab, der so gewaltig ist, dass ich das nicht platzen lassen kann. Einen Vertreter werde ich in der kurzen Zeit nicht auftreiben können. Also muss ich hin. Das bin ich auch den Angehörigen des Werks schuldig. Wenn wir diesen Auftrag nicht bekommen, besteht die Gefahr der Kurzarbeit.«

»Herr Bindermann«, sagte Dr. Hochberg, »wäre es nicht wichtiger, Sie würden sich um Ihren Sohn …«

»Ich weiß nicht, ob Sie mich nicht verstanden haben! Wenn ich diesen Auftrag nicht hereinholen kann, und das entscheidet sich heute, dann müssen viereinhalbtausend Menschen kurzarbeiten. Das bedeutet, dass wenigstens dreitausend, und das ist der Anteil der Verheirateten, als Ernährer der Familie nicht mehr das Einkommen haben, das sie hatten.«

»Ich verstehe«, erwiderte Dr. Hochberg. »Am besten ist wohl, ich schalte die Polizei ein.«

»Sie können sich mit meiner Frau in Verbindung halten. Im Übrigen rufe ich von London aus sofort hier an und hinterlasse meine Nummer. Sie können mich jederzeit erreichen. Aber eine Unterstützung hier am Ort können Sie von mir nicht erwarten. Jedoch wird meine Frau alles tun, was in ihrer Macht steht, um Sie zu unterstützen.«

»Nun gut, wir werden Sie unterrichten, wenn es so weit ist. Sollte Ihnen aber doch noch die Adresse dieses Mädchens einfallen, dann lassen Sie es uns bitte schnellstens wissen!«

Statt darauf einzugehen, erwiderte Bindermann: »Ich verlange, dass Sie und Professor Mohnhaupt alles tun, was getan werden muss. Dass ein Patient im Zustand meines Sohnes aus Ihrem Krankenhaus entweichen konnte, wo er doch gar nicht Herr seiner Sinne ist, halte ich für ein besonders starkes Stück! Da scheint ja einiges mit der Aufsicht nicht zu funktionieren!«

»Ich muss mich gegen diesen Vorwurf verwahren, Herr Bindermann. Der geistige Zustand Ihres Sohnes war völlig normal. Es gibt überhaupt keinen Grund, hier einen Eindruck zu erwecken, als hätten wir es bei ihm mit einem geistig Minderbemittelten zu tun gehabt, den wir regelrecht verwahren müssen.«

»Jedenfalls werde ich das noch alles nachprüfen lassen, worauf Sie sich verlassen können. Das dürfen Sie auch Professor Mohnhaupt ausrichten. Ich erwarte dann beizeiten Ihren Bericht.«

Dr. Hochberg legte auf, verzog verärgert das Gesicht, und Schwester Annegret meinte: »So ist das mit den Privatpatienten. Ich hab' es Ihnen doch gesagt. Immer Schwierigkeiten! Immer Schwierigkeiten! Am schlimmsten sind die Angehörigen.«

»Besonders schlimm sind solche wie dieser Bindermann«, knurrte Dr. Hochberg.

»Ach, nehmen Sie es nicht so tragisch!«, rief Schwester Annegret, als er sich zur Tür wandte. »In Wirklichkeit ist es nur die Sorge. Da werden die Leute immer nervös. Wenn nachher alles gut ausgegangen ist, beruhigen sie sich schnell.«

»Ja, wenn alles gut ausgegangen ist! Das bedeutet aber, dass wir diesen jungen Mann finden. Finden wir ihn nicht, und es kommt zu einer Nachblutung, könnte er innerlich verbluten. Darum geht es mir, nicht um das Gebell dieses Direktor Bindermanns.«

»Wollen Sie nicht die Polizei rufen? Vielleicht kann die feststellen, wo er stecken kann!«

Dr. Hochberg schüttelte den Kopf. »Bevor ich die Polizei anrufe, will ich mal versuchen, Oberarzt Doktor Hausmann zu erreichen.«

 

 

6. Kapitel

 

Es war ein herrlicher Sommermorgen. Die Sonne strahlte. In den Bäumen zwitscherten die Vögel. Eine leichte Brise wehte durch die morgendlichen Straßen, als Dr. Alena Bärwald zur Klinik fuhr. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass alle Leute, denen sie begegnete, freundlich dreinblickten. Lag es an dem schönen Wetter, dass die Sonne schien, oder daran, dass Ferienzeit war?

Noch immer gut gelaunt stieg sie aus ihrem Wagen, überquerte den Parkplatz und ging zur Klinik. Doch schon im Foyer stieß sie auf Dr. Neubert. Der junge Arzt kam ihr sofort entgegen und sagte: »Eine tolle Schweinerei ist da passiert! Mein Gott, ich bin gestern nicht mehr dazu gekommen, mit ihm zu sprechen. Es tut mir leid. Machen Sie mir keinen Vorwurf!«

»Wovon reden Sie denn?«, fragte Alena.

»Dieser junge Mann ist weg. Günter Bindermann! Sie wissen doch! Ich wollte noch mit ihm reden gestern Abend. Aber da war noch eine Spätoperation. Danach bin ich nicht mehr dazu gekommen. Ich habe auch nicht mehr daran gedacht. Es war einfach zu spät. Er hat ja auch geschlafen, oder hätte es sollen.«

»Was bedeutet das, er ist weg? Ein Abgang?«

»Nein, kein Abgang. Er ist geflohen, weggelaufen, aus dem Fenster geklettert, wie sie sagen. Sehen Sie mal auf die Uhr! Jetzt ist es kurz nach sieben. Er hätte um sieben eine Injektion bekommen müssen.«

Mit einem Schlage hatte Alena die Situation voll erfasst.

»Um Gottes willen!«, sagte sie. »Jetzt am Morgen bekommt er Vitamin K und Kalzium.«

»Ich dachte Protaminsulfat«, erwiderte Dr. Neubert.

Alena schüttelte den Kopf.

»Das haben wir etwas vermindert. Wir geben es nur noch abends. Aber das Vitamin K ist wichtig. Seine Leber produziert es nicht mehr ausreichend. Und infolge des Unfalls erzeugen die Mastzellen zu viel Heparin. Es hängt wahrscheinlich auch mit seiner Milz zusammen, die ebenfalls verletzt worden ist. Auf alle Fälle wird es höchste Zeit, dass er diese Injektion bekommt. Weiß man, wo er ist?«

»Eben nicht«, erklärte Neubert. »Kein Mensch hat seine Adresse. Die Polizei ist noch oben beim Chef. Der Vater ist nach England geflogen. Die Mutter ist auch da. Aber sie sind ratlos. Sie vermuten, dass er bei einem Mädchen ist, dessen Adresse die Eltern nicht haben.«

»Er hat mir auch von einem Mädchen erzählt. Aber wissen Sie, er ist sehr feindselig, abwehrend. Ich hatte das Gefühl, dass er uns alle hasst, weil er meint, wir steckten mit seinem Vater unter einer Decke. Mit ihm versteht er sich wohl nicht.«

»Generationsproblem! Das betrifft auch andere, nicht nur ihn und seinen Vater. Damit kommen wir nicht weiter.«

»Ich werde sofort zum Chef gehen!«

»Er wartet ja schon auf Sie!«

Da tauchte schon Frau Boiler auf. Die kleine, ein wenig zur Fülle neigende Empfangsdame rief aufgeregt: »Frau Doktor, der Chef wartet dringend auf Sie!«

Alena winkte nur ab und ging, gefolgt von Neubert, in Richtung auf das Büro von Professor Mohnhaupt.

Als sie hineinkam, sah sie ihren Chef, daneben einen großen hageren Mann mit weißem Haar, der sie mit traurigem Bernhardinergesicht anblickte.

Auf dem Sessel neben dem Schreibtisch saß eine elegant wirkende Frau mit sorgfältig frisiertem blondem Haar; das nicht mehr junge Gesicht in tadellosem Make-up und den schlanken Körper in einem dunkelblauen Kostüm. Nach Alenas Schätzung war sie Ende vierzig, aber sie wirkte jünger und war vor allen Dingen sehr gepflegt. Sie sah Alena prüfend an. Alena hatte sie dieses und jenes Mal schon gesehen, als sie ihren Sohn besucht hatte. Es war Günter Bindermanns Mutter.

Professor Mohnhaupt wirkte jetzt schon am Morgen verärgert, müde und fast ein wenig apathisch, als er Alena mit den anderen bekannt machte. Der große weißhaarige Mann mit dem Bernhardinergesicht war übrigens ein Kriminalkommissar, dessen Name der Professor zwar sagte, aber Alena nicht richtig verstand. Sie wollte auch nicht fragen. Es erschien ihr bedeutungslos, wie dieser Mann hieß.

»Es ist leider der Polizei noch nicht gelungen, herauszufinden, wo unser Patient stecken könnte«, erklärte Professor Mohnhaupt. »Haben Sie nur den geringsten Hinweis darauf, wo wir nach ihm suchen könnten?«, wandte er sich an Alena.

Sie schüttelte den Kopf, versuchte an all die Gespräche zu denken, die sie mit Günter Bindermann geführt hatte und in denen er ihr jedes Mal erklärt hatte, sie käme ihm wie ein Pfarrer vor, der versuchte, sein Seelenheil aufzurichten.

»Nein, ich weiß es leider nicht. Ich weiß nur von einem Mädchen. Aber ich kenne nicht einmal ihren Namen.«

»Der Vorname ist Helga«, sagte der Kriminalbeamte. »Das ist auch alles, was wir bis jetzt wissen. Sie hat in Bonn studiert. Da wir aber nicht einmal herausfinden konnten, in welcher Fakultät sie studiert hat, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis wir dahinterkommen. Der Vorname Helga ist nicht gerade selten, auch unter Studenten nicht. Wir haben bis jetzt nur genaue Hinweise darauf, wie der junge Mann geflohen ist Aber das hat ja für seine Zukunft wenig Bedeutung. Immerhin ist er außen am Haus heruntergeklettert, und ich halte das in diesem Zustand für eine ganz schöne Leistung.«

»Sie können das auch einfacher ausdrücken«, sagte Professor Mohnhaupt. »Es war fast ein Akt des Selbstmordes. Aber eine Steigerung dessen war noch die Übersteigung des Zaunes. Meine Herrschaften, stellen Sie sich das vor! Nach einer Laparatomie, inneren Zerreißungen, Ruptur der Milz, des Dünndarms, dumpfem Trauma der Leber, der einen Niere, mit schweren Schädigungen! Und dann klettert dieser Mensch über einen Zaun. Entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber der Leichtsinn ist nicht mehr zu überbieten.« Er blickte Frau Bindermann an, deren Gesicht blass wurde.

»Aber wie konnten Sie ihn nur unbeaufsichtigt lassen?«, rief sie vorwurfsvoll. »Der Junge war ganz sicher nicht Herr seiner Sinne!«

»Das bestreiten wir ganz entschieden«, beteuerte der Professor. »Er war voll und ganz Herr seiner Sinne. Er wollte zu diesem Mädchen, und er bildete sich ein, dass wir ihn festhalten, um Profit aus der gegnerischen Versicherung zu schlagen. Ich möchte das hier noch einmal in aller Öffentlichkeit wiederholen, und dazu auch feststellen, dass es natürlich eine verrückte Eingebung dieses jungen Mannes ist. Heutzutage werden solche Dinge in Illustrierten, ja sogar im Fernsehen hochgespielt. Es ist natürlich nicht so, dass wir den Patienten deshalb festgehalten haben. Ganz im Gegenteil! Wir sind sehr verlegen um Betten, könnten dringend für eine Herzoperation, die wir in nächster Zeit durchführen müssen, dieses Einzelzimmer gebrauchen und hätten ganz im Gegensatz zu den Verdächtigungen des jungen Mannes das größte Interesse gehabt, dieses Zimmer für uns freizubekommen. Wir hatten auch überlegt, ob wir ihn in ein Zweibettzimmer legen sollen, aber er hat uns jetzt vorerst einmal dieser Überlegungen enthoben. Jetzt gilt es, ihn zu finden, wenn er am Leben bleiben soll. Sollte es zu einer inneren Blutung kommen, würde er sie, wie ich die Dinge sehe, zu spät bemerken. Und dann ist es natürlich eine Frage von Minuten, und niemand kann voraussagen, ob dann ein Arzt rechtzeitig zur Stelle ist, der dazu noch mit der Anamnese, der Vorgeschichte der Krankheit also, vertraut ist.«

Frau Bindermann krampfte die Finger ineinander, dass die Knöchel weiß wurden. »Du lieber Gott! Das klingt ja alles ganz furchtbar. Wie viel Zeit haben wir denn? Wann muss er denn gefunden sein?«

Professor Mohnhaupt sah sie ernst an. »Eigentlich müssten wir ihn jetzt schon gefunden haben. Um sieben musste er wieder eine Injektion bekommen. Nehmen wir einmal an, dass diese Zeitspanne einen gewissen Sicherheitsspielraum bot. Aber in zwei Stunden ist sie abgelaufen. Dann würde genügen, dass er sich einmal reckt oder eine ungeschickte Bewegung macht, ja selbst eine Erregung könnte ausreichen, dass es wieder zu einer Blutung kommt. Die inneren Organe sind nicht so verheilt, wie das von der Bauchoperation her den Anschein hat. Dort ist alles vernäht. Es sieht glatt und verheilt aus. Aber bei den Milz und Leberverletzungen dauert alles gewöhnlich viel länger.«

Frau Bindermann presste die Hände vors Gesicht, beugte sich nach vorn und die Umstehenden dachten schon, sie weinte. Auch Alena glaubte das und wollte schon neben sie treten, sie trösten. Da auf einmal hob Frau Bindermann das Gesicht und sagte: »Jetzt weiß ich es! Es ist mir eingefallen. André weiß bestimmt Bescheid. Die beiden verstehen sich gut. Sie sind Freunde, nicht nur Cousins, sie sind auch Freunde. Ich glaube, André könnte uns helfen.«

»Wer ist das? Wer ist dieser André? Ein Cousin?«, fragte der Kriminalbeamte.

Sie nickte. »Ja, ich sagte ja, sie sind Cousins. Er arbeitet bei uns im Werk, und er ist sein Freund, sein Vertrauter. Ihm hat er mehr vertraut als uns. André könnte uns helfen.«

 

 

7. Kapitel

 

Sieben Uhr fünfundzwanzig. André, der Cousin und Freund von Günter Bindermann, saß noch beim Frühstück, als der Anruf kam. Günters Mutter war selbst am Apparat. Sie schilderte ihm in kurzen Worten, was passiert war. Danach herrschte für ein paar Sekunden lang Schweigen. Und Frau Bindermann rief schon: »André, bist du noch da?«

»Ja, ja, sicher! Mein Gott, und ihr glaubt, dass er bei Helga ist? Kennt ihr denn ihre Adresse nicht«

»Natürlich nicht. Er hat sie uns nie gesagt«, erklärte Frau Bindermann.

»Sie studiert nicht mehr. Sie ist in anderen Umständen.«

»Ich weiß«, bestätigte Frau Bindermann kühl.

»Wenn er bei ihr ist, sie wohnt in Weißenturm, in der Ruhlandstraße 8.«

Der Kriminalbeamte hatte mitgehört. Er schrieb jetzt die Adresse auf, und er hörte André sagen: »Sie heißt Helga Gartzow.«

»André, weißt du, wo er noch sein könnte, falls er nicht dort ist? Es geht um sein Leben, André. Ich flehe dich an, sag es mir! Sag mir alles, was du davon weißt!«

André räusperte sich, dann sagte er: »Er könnte auch noch in der Jagdhütte sein. Aber die müsste ich euch selbst zeigen.«

»Augenblick mal«, unterbrach der Kriminalbeamte, nahm Frau Bindermann den Hörer ab und sagte: »Bleiben Sie zu unserer Verfügung! Hier ist die Kriminalpolizei. Verlassen Sie Ihre Wohnung nicht, oder nennen Sie uns die Telefonnummer, wo Sie von jetzt an erreichbar sind!«

»Es ist gut. Ich warte hier. Sie können mich aber auch im Werk anrufen.«

»Nein, bleiben Sie da, bis wir Ihnen Bescheid sagen. Wir müssen Sie ständig erreichen können. Wir versuchen natürlich jetzt erst einmal in Weißenturm nachzuforschen.«

Das Gespräch war beendet. Der Kriminalbeamte sah Professor Mohnhaupt an, wandte sich auch den anderen zu, blickte zuletzt auf Frau Bindermann. »Wir werden jetzt sofort«, erklärte er, »Verbindung mit den Kollegen in Weißenturm aufnehmen. Die Schutzpolizei wird dort hinfahren. Aber ich möchte Ihnen Folgendes sagen: Wir haben keine Möglichkeit, gegen den Willen Ihres Sohnes etwas zu unternehmen. Deswegen brauchen wir Ihre Unterstützung. Ich würde vorschlagen, sobald wir die Bestätigung haben, dass sich Ihr Sohn dort aufhält, fahren Sie mit uns dorthin!«

»Und im gleichen Augenblick, wo wir das wissen«, entschied Professor Mohnhaupt, »fahren Sie, Frau Bärwald, mit dem Notarztwagen los. Nehmen Sie alles Erforderliche mit, dass wir sofort eingreifen können. Sie wissen ja, was auf dem Spiel steht.«

 

 

8. Kapitel

 

Helga war beizeiten wach, aber sie wagte nicht, zur Arbeit zu gehen. Günter lag neben ihr und schlief, schlief tief und fest. Sein Atem ging gleichmäßig. Das beruhigte sie etwas. Aber er sah blass aus.

Sie hatte sich aufgerichtet und blickte auf ihn herab. Sie liebte ihn. Und das verstärkte noch die Sorge um ihn, die Angst, dass er vielleicht etwas getan hatte, was nicht gut war für ihn.

Sie strich ihm sanft mit zwei Fingern über die Stirn, und davon wurde er unruhig. Er schlug die Augen auf, sah sie verwirrt an, lächelte dann etwas schmerzlich und sagte: »Küss mich! Bitte küss mich!«

Sie küsste ihn, aber es war ein zarter Kuss, eher ein Hauch. Dann richtete sie sich wieder auf. »Hast du Schmerzen?«, fragte sie.

Er schien in sich hineinzuhorchen und sagte schließlich: »Eigentlich Schmerzen nicht, nur so ein dumpfer Druck auf dem Bauch. Aber sonst fühle ich mich wohl. Wie spät ist es denn?«

»Es ist schon viel zu spät. Ich hätte längst gehen müssen. Mein Gott, wir haben verschlafen. Gestern Abend sind wir noch so lange auf gewesen.«

»Gestern Abend? Das war heute Morgen. Ich bin auch so müde.«

»Schlaf weiter! Ich glaube, ich bleibe besser zu Hause.«

Er erinnerte sich dessen, was sie ihm in der Nacht gesagt hatte. »Nein, geh doch lieber! Sonst verlierst du diese Arbeit. Wer weiß, ob wir sie nicht brauchen. Wenn diese Leute so anständig gewesen sind zu dir, meinetwegen brauchst du nicht zu bleiben. Ich kann mir selbst helfen. Wann kommst du wieder?«

»Zum Mittagessen komme ich kurz herein. Dann ist auch Mutter wieder da. Aber bis dahin …«

»Bis dahin kann ich mir helfen. Ich werde einfach schlafen. Wer schläft, der sündigt nicht.«

»Glaubst du wirklich, dass ich gehen kann? Ich könnte es noch schaffen, wenn ich mich beeile. Um acht muss ich da sein.«

»Geh nur ruhig. Meinetwegen brauchst du nicht zu bleiben.«

»Was möchtest du denn frühstücken?«, wollte sie wissen.

Er sah sie an, eine Strähne hing ihr im Gesicht. Ihr Mund war halb geöffnet. Rote volle Lippen hatte sie. In ihren Augen schien es zu wetterleuchten.

»Ich habe einmal gehört«, sagte er, »dass Frauen besonders hübsch sind, wenn sie einen Jungen bekommen, dass sie hässlich werden, Ausschlag bekommen und solche Sachen, wenn es ein Mädchen wird. Was glaubst du? Kriegen wir einen Jungen oder ein Mädchen?«

»Ich wünsche mir ein gesundes Kind, sonst nichts«, entgegnete sie. »Das ist doch völlig egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, wir werden beides liebhaben.«

»Du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue!«

Sie stand auf, kleidete sich an. Eine Zeitlang beobachtete er sie dabei, dann schlief er wieder ein.

Wenig später ging sie nach unten, bereitete ein Frühstück und kam wieder herauf. Aber sie fand Günter in tiefem Schlaf. Sie setzte das Tablett neben das Lager, auf dem er schlief, küsste ihn auf die Stirn, aber er wurde nicht einmal wach davon. Etwas besorgt legte sie ihre Hand auf seine Schläfe. Sie spürte seinen Puls. Er war gleichmäßig, wie sie meinte, auch stark. Beruhigt erhob sie sich, nahm ihre Tasche und ging.

Als sie das Haus verließ, sah sie hinten um die Ecke ein Polizeiauto biegen, aber sie dachte sich nichts dabei, ging weiter, nahm dann die Abkürzung durch die Gärten, und so entging ihr, dass dieses Polizeiauto genau vor dem Haus hielt, in dem sie wohnte.

Ein älterer Polizist stieg aus, der Jüngere blieb am Steuer des Wagens sitzen. Der Ältere ging auf die Haustür zu, prüfte die dort angegebenen Namen, schellte dann bei Gartzow.

Als sich nach einer Weile immer noch nichts rührte, klingelte er wieder.

Aber dann kam auf einmal ein Junge die Treppe herunter, öffnete die Tür und sah den Polizisten verstört an.

Der Polizist musterte den Zehnjährigen, dem man ansah, dass er direkt aus dem Bett kam und dass er sich die Hose, das Hemd nur notdürftig übergezogen hatte. »Heißt du Gartzow?«

Der Junge nickte.

»Hast du eine Schwester, die Helga heißt?«

Der Junge nickte wieder, dann blickte er über die Schulter zurück, als hoffte er, dass Hilfe käme.

»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Wir wollen nichts Böses! Sind deine Eltern da?«

Er schüttelte den Kopf. »Mein Vater ist mit dem Bus weg. Mama ist bei Bekannten.«

»Und deine Schwester?«

Er deutete nach oben. »Aber vielleicht ist sie schon weg. Sie muss auf Arbeit.«

»Ist sie allein?«, wollte der Polizist wissen.

Der Junge nickte.

»Deine Schwester hat aber einen Freund«, sagte der Polizist. »Der heißt Günter«, er musste nachsehen auf seinem Zettel und wiederholte: »Günter Bindermann. Kennst du den?«

Der Junge nickte wieder.

»Ist der vielleicht bei euch?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Wirklich nicht?«, fragte der Polizist zweifelnd.

Der Junge schüttelte wieder den Kopf. »Hättest du etwas dagegen, dass ich bei euch mal in die Wohnung sehe? Weißt du, dieser Günter Bindermann, wenn er bei euch ist, ist in Lebensgefahr. Der war im Krankenhaus und ist dort weggegangen. Der ist sehr, sehr krank.«

»Er ist aber nicht da. Er ist nicht bei uns. Meine Schwester hat ihn ja immer gesucht. Sie hat geweint. Ich weiß, dass sie geweint hat! Weil die ihr nicht gesagt haben, wo Günter ist! Dabei ist Günter ein prima Kerl. Aber die haben uns nicht gesagt, wo Günter ist.«

Der Polizist konnte nicht viel dazu sagen. »Und du bist sicher, dass er nicht bei euch ist?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Kann ich mal das Zimmer deiner Schwester sehen?«, fragte der Polizist beharrlich.

Der Junge zuckte nur die Schultern und drehte sich um. »Wenn Sie wollen«, sagte er und ging voraus. Er führte den Polizisten bis ins oberste Stockwerk, öffnete die Tür des Mansardenzimmers, und dann stand er und blickte aus großen Augen auf Günter Bindermann, der dort auf dem Lager schlief.

Auch der Polizist, der noch auf der Schwelle stand, starrte zunächst einmal verblüfft auf den Schlafenden. Dann ging er rasch hin und rief: »Hallo! Hallo, Sie da! Wachen Sie auf!«

Günter Bindermann schlief tief und fest.

Der Polizist wusste, dass Günter Bindermann schwere innere Verletzungen gehabt hatte. Er wagte es deshalb nicht, den Mann zu wecken, jedenfalls nicht damit, dass er ihn anfasste. Da sagte er noch einmal: »Hallo, wachen Sie auf!« Günter wurde unruhig, wälzte sich auf den Rücken, blinzelte dann zu dem Polizisten empor, und sofort war er hellwach.

»Die Polizei!«, stieß er hervor. »Jetzt schicken sie mir schon einen verdammten Bullen auf den Hals.«

»Das mit dem Bullen möchte ich überhört haben«, sagte der Polizist. »Herr Bindermann, Sie schweben in Lebensgefahr. Sie müssen unverzüglich in die Klinik zurück.«

»Scheren Sie sich zum Teufel! Niemand bringt mich in diese verdammte Klinik zurück. Nicht lebend! Machen Sie, dass Sie fortkommen! Scheren Sie sich raus!«

»Herr Bindermann, ich ersuche Sie …«

»Verlassen Sie sofort diese Wohnung!«, schrie Günter.

Der Polizist hob beschwörend die Hände. »Mein Gott, ich meine es doch gut mit Ihnen. Selbstverständlich haben Sie ein Recht, mich hier wegzuschicken. Ich habe weder einen Durchsuchungsbefehl noch sonst etwas. Ich will Ihnen bloß helfen. Alle wollen Ihnen helfen. Wenn Sie das doch einsehen würden!«

»Sie wissen überhaupt nichts. Eine Lüge ist das. Machen Sie, dass Sie hinauskommen!«, schrie Günter.

Er hatte sich so aufgeregt, dass er plötzlich wieder einen wahnsinnigen Schmerz in der Lebergegend empfand. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er presste beide Hände auf seinen Bauch und biss die Zähne zusammen.

Der Polizist schien sich im Zweifel zu befinden, was er tun sollte. Natürlich hatte er kein Recht, in diese Wohnung einzudringen. Aber der Junge hatte ihn hereingelassen. Als er jetzt auf den Jungen blickte, sah der ihn vorwurfsvoll an, so, als sei der Polizist an den Schmerzen Günters schuld.

»Nun seien Sie doch einsichtig«, rief der Polizist eindringlich.

Günter sah ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht an. »Raus! Verschwinden Sie! Raus, sage ich!«, keuchte er.

Der Polizist zuckte die Schultern, wandte sich um und ging resignierend zur Tür. Dort blickte er noch einmal über die Schulter zurück und sagte: »Soll ich Ihnen nicht wenigstens einen Arzt schicken?«

»Zum Teufel mit Ihnen!«, zischte Günter.

Der Polizist nickte, als habe er nichts anderes erwartet und ging, gefolgt von dem Jungen, der scheu noch einmal zurück auf Günter blickte und nicht begriff, was hier überhaupt vorging.

Als die Tür zufiel, ließ sich Günter, der sich etwas aufgerichtet hatte, apathisch ins Kissen sinken. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Schmerzen in der Lebergegend hatten zugenommen. Aber nun, da er ruhig lag, begann die Schmerzwelle wieder abzuebben. Nur war ihm flau. Seine Fingerspitzen waren kalt, und er fragte sich zum ersten Mal, ob es nicht doch besser gewesen wäre, an das zu glauben, was ihm die Ärzte geraten hatten.

Doch dann überkam ihn wieder der Trotz. »O nein«, murmelte er, »das ist alles Quatsch, was uns die einreden, und ich glaube selbst schon daran. Ich habe mich gestern überanstrengt. Das ist alles. Ich muss hier ruhig liegen, dann wird das von allein besser. Die Ärzte! Was wissen die schon! Die reden nur, machen sich wichtig.«

Als er jetzt ganz ruhig lag, hörten die Schmerzen wieder auf. Er fand seine Ansicht bestätigt, atmete gleichmäßig, und allmählich wich auch diese Kälte aus den Fingern, trat ihm nicht mehr der kalte Schweiß auf die Stirn und gab sich das Flattern, das seinen ganzen Körper durchlaufen hatte.

Im Haus war es wieder still geworden. Die geben es jetzt dran, dachte er, schloss die Augen und schlief ein.

Doch das Knarren der Tür machte ihn wieder wach.

Es war Hans, Helgas Bruder. Er kam zu ihm, kniete sich neben das Matratzenlager und sah ihn ernst an. »Der Polizist ist wieder weg. Aber sie sind nicht weit. Sie halten um die Ecke. Ich bin ihnen nachgelaufen«, berichtete er.

»Der Teufel soll sie holen!«

»Aber vielleicht wollen sie dir wirklich helfen. Günter, soll ich zu Helga gehen? Soll ich ihr Bescheid sagen? Es ist nicht weit bis zu ihr, mit dem Bus nur vier Haltestellen.«

»Mach sie nicht verrückt!«, sagte Günter leise. »Lass sie doch! Es wird alles wieder in Ordnung kommen.«

»Der Polizist sagte, ich sollte ruhig zu dir gehen. Und wenn du Schmerzen hast, dann soll ich ihm Bescheid sagen.«

»Das wirst du nicht tun! Diese verdammten Bullen! Jetzt mischen die sich auch schon ein. Jeder spielt hier seine Rolle. In Wirklichkeit ist es nur einer, der die Fäden zieht.«

»Welche Fäden?«, fragte Hans.

»Ach, das verstehst du nicht!«

»Aber der Polizist sagte, du müsstest irgendeine Medizin haben, und du solltest schnellstens wieder ins Krankenhaus gehen. Es müsste ja nicht das sein, wo du warst. Es könnte auch ein anderes sein.«

»Alles dummes Gerede! Die wollen weiter nichts, als mich in den Griff bekommen und mir zeigen, wie wichtig sie sind. Ich brauche keinen Arzt und kein Krankenhaus. Das Einzige, was ich brauche, ist etwas Ruhe, und Helga brauche ich, verstehst du? Deine Schwester, zu der gehöre ich! Aber mein Vater will das nicht.«

»Warum eigentlich nicht? Kann er Helga nicht leiden?«

»Er kennt sie gar nicht Er bildet sich ein, sie müsste sehr reich sein, wenn ich sie heiraten soll.«

»Mein Papa sagt immer, Geld spielt keine Rolle. Glück ist die Hauptsache im Leben.«

»Dein Papa hat recht«, bestätigte Günter. Dann sah er Hans lange an und fragte: »Wieso bist du eigentlich hier? Müsstest du nicht in die Schule gehen?«

»In die Schule!«, rief Hans empört. »Wir haben doch Ferien!«

»Ach so, ihr habt Ferien. Bleibst du die ganzen Ferien über hier zu Hause?«

»Nein. Nächste Woche machen wir einen Ausflug. Papa nimmt sich drei Tage frei, und dann hat er noch den Samstag und den Sonntag, das macht fünf Tage. Und am Montag hat er sowieso erst am Nachmittag Dienst. Dann können wir am Montagmorgen noch ausschlafen. Wir werden in der Eifel eine Wanderung machen. Ganz weit, hat Papa gesagt, und so richtig mit dem Rucksack und mit Brot und mit Speck, und den Benzinkocher nehmen wir mit. Es wird richtig Klasse.«

»Das glaube ich dir«, meinte Günter und schloss die Augen, denn wieder kam eine Schmerzwelle, mit der er gar nicht mehr gerechnet hatte.

»Was hast du?«, fragte Hans. Aber Günter gab ihm keine Antwort. Er hielt beide Hände vor den Bauch gepresst, hatte die Augen geschlossen und biss die Zähne zusammen.

Der Junge bekam Angst. »Soll ich die Polizisten rufen? Sie sind nicht weit. Vielleicht können die einen Arzt …« Günter schlug die Augen auf. »Lass das!«, murmelte er, »nicht machen! Hierbleiben!«

Nach kurzer Zeit vergingen die Schmerzen wieder. Diesmal völlig. Er spürte auch diesen Druck nicht mehr. Ein wohliges Gefühl umfing ihn, und sogleich kehrte sein Lebensmut zurück. Er richtete sich etwas auf, lächelte den Jungen an, der vor ihm kauerte. »Es geht mir viel besser«, sagte er.

»Aber du siehst ganz weiß im Gesicht aus«, meinte Hans.

»Das hat nichts zu sagen. Das geht wieder vorbei. Ich fühle mich prima.«

»Warum musste denn der Polizist wieder gehen? Der wollte dich doch mitnehmen!«, fragte Hans.

»Er hatte kein Recht. Auch wenn er ein Polizist ist, kann er nicht tun, was er will. Es gibt Gesetze. Ich bin kein Verbrecher. Er kann mich nicht zu etwas zwingen, was ich nicht tun will, nur weil er ein Polizist ist«

»Aber er wollte dir doch helfen. Er hat es doch gut gemeint. Er war sehr freundlich. Ich kenne den! Wir haben mal Fußball, auf der Straße gespielt. Und da ist ein Ball in ein Fenster geflogen. Die Frau hat die Polizei geholt und da war der Polizist auch dabei. Er hat aber gar nicht mit uns geschimpft Er hat nur gesagt: 'Das macht ihr aber nicht wieder!' Und da wollte er wissen, ob wir zu Hause versichert sind, und weil ich es wusste, dass Papa eine Versicherung abgeschlossen hatte, wenn mal was passiert, da habe ich ihm das gesagt. Und alles war in Ordnung. Die Versicherung hat dann die Scheibe bezahlt. Und er hat noch zu der Frau gesagt das weiß ich ganz genau: 'Sie brauchen dafür nicht gleich die Polizei zu holen, schließlich sind Sie doch auch einmal ein Kind gewesen, oder waren Sie immer ganz brav? Können Sie sich nicht vorstellen, dass so ein Fußball auch mal eine Scheibe kaputtschlagen kann? Das ist doch kein Beinbruch!' Das hat er gesagt. Ich glaube nicht, dass er etwas von dir will, was nicht gut ist.«

»Er weiß doch gar nicht, worum es geht! Die haben den nur angerufen und ihm etwas erzählt. Und er glaubt das! Vielleicht ist er wirklich ganz in Ordnung. Aber hinter allem steckt mein Vater. Der mit seinem Geld! Der nicht will, dass ich Helga heirate! Die Helga nicht einmal gesagt haben, wo ich liege! Das vergess ich denen nie!«

Hans blickte im Zimmer umher. »Früher habe ich hier mal geschlafen, als ich noch kleiner war. Da konnte ich hier immer spielen. Meine Schwester war unten. Aber nachher haben sie gesagt, sie wäre schon groß. Sie brauchte ein Zimmer für sich. Seitdem schlafe ich in dem kleinen Zimmer unten, das sie gehabt hat«

»Bist du ihr gram deswegen?«, fragte Günter.

»Nein, gar nicht. Es war aber schön hier oben. Ich hatte meine Flugzeuge alle an die Decke gehängt. Und dahinten in der Kiste, da ist noch Spielzeug von mir.«

Er ging hin, klappte die Kiste auf, es war eine alte Truhe, und sie war hier oben stehen geblieben, weil Helga das so schön fand.

»Siehst du! Hier sind noch alle meine Sachen!« Er brachte einen Spielzeugrevolver heraus, hielt ihn an die Hüfte wie ein Westernheld und rief: »Paff, paff, paff!«

Günter lächelte. »Zeig mal her, das Ding! Das sieht richtig echt aus!«

»Ist es aber nicht«, meinte Hans. »Das hat Papa geschnitzt. Er hat es dann angestrichen. Es sieht aus wie Eisen, nicht wahr? Aber es ist aus Holz. Papa hat immer feine Spielzeuge gebaut. Die habe ich lieber als die gekauften. Hast du schon mal die schönen Autos gesehen, die er mir gemacht hat? Aber die habe ich alle unten. Ich geh mal runter und hol sie!«

»Ach, lass doch! Das können wir später alles sehen. Bleib doch hier!«

»Nein, ich hol’ sie mal. Ich bin gleich wieder da!«, rief Hans und war schon draußen.

Günter hörte plötzlich Stimmen im Treppenhaus. Es schallte bis hier herauf. Auch die Stimme von Hans war zu hören, die auf irgendetwas antwortete. Anschließend kamen Schritte nach oben. Unmittelbar danach wurde die Tür geöffnet.

Ein großer hagerer Mann mit grauen Haaren trat ein. Er blieb gleich in der Tür stehen, sah auf Günter und sagte: »Sie sind Günter Bindermann? Ihre Mutter wollte mit Ihnen sprechen!«

Günter hielt noch immer den Spielzeugrevolver in der Hand. Ob nun bewusst oder aus Zufall, er hob diese Holzwaffe an, die so echt aussah, und die Mündung des Laufes war auf den Mann in der Tür gerichtet. »Ich will meine Mutter nicht sprechen! Scheren Sie sich zum Teufel! Was fällt Ihnen ein, hier hereinzukommen?«

»Nun man nicht so große Töne, junger Mann. Ich bin von der Kriminalpolizei. Ich werde …«

»Verschwinden Sie oder ich zeige Sie an! Raus hier!«, keuchte Günter.

Der Kriminalbeamte sah die Waffe. Er konnte auf diese Entfernung nicht erkennen, dass es ein Spielzeugrevolver war. Er wich zurück und sagte: »Machen Sie keinen Unsinn! Lassen Sie das Ding los! Lassen Sie die Waffe fallen!«

»Machen Sie, dass Sie wegkommen!«, rief Günter.

Dann tauchte plötzlich Günters Mutter auf. Sie war noch etwas außer Atem vom Treppensteigen. Ihr Gesicht war gerötet. Ängstlich starrte sie vom Treppenhaus aus durch die geöffnete Tür auf das Lager, auf dem Günter ruhte.

Sie ging an dem Kriminalbeamten, der sich zur Seite gestellt hatte, vorbei. Aber er hielt sie fest und sagte: »Vorsicht! Er hat eine Waffe.«

Überrascht blieb sie in der Türöffnung stehen, sah konsterniert auf ihren Sohn. Völlig fassungslos fragte sie: »Du wirst doch nicht auf deine Mutter schießen wollen? O Junge, was tust du nur? Was ist nur in dich gefahren? - Er muss doch einen Arzt haben! Er muss zurück in die Klinik! - Du wirst sterben, wenn du es nicht tust.«

»Einen Dreck werde ich! Ihr habt ihr noch nicht einmal die Adresse gegeben, wo ich bin! Ihr habt ihr verweigert, ihr zu sagen, wo sie mich besuchen kann! Scher dich zum Teufel! Geh zu dem Mann, der mein Vater ist! Der all das angerührt hat! Geh!«

»O Junge, du bist ungerecht! Wie kannst du nur so etwas sagen! Wir wollten doch nur das Beste für dich. Wir wollten deine Ruhe! Wir wollten, dass du gesund wirst. Du warst doch so schwer verletzt! Die Ärzte waren auch der Meinung, dass dich niemand besuchen sollte, der dir nicht ganz nahe steht.«

»Helga steht mir näher als ihr. Ihr habt mir nie so nahe gestanden wie sie. Sie erwartet ein Kind von mir. Mein Vater hat mir vorgeschlagen, es wegmachen zu lassen. Er will es umbringen, verstehst du? Und du billigst das! Verschwinde! Nimm diesen Kerl dort und mach mit ihm, dass du die Treppe hinunterkommst!«

Frau Bindermann wurde blass vor Entsetzen, sah erschrocken auf den Kriminalbeamten, der nur die Schultern zuckte und dann sagte: »Gehen Sie nur! Gehen Sie hinunter! Wir machen das schon!«

Dann schloss er die Tür. Günter hörte sie beide die Treppe hinuntergehen. Er lauschte ihren Schritten. Und dann konnte er wieder die Stimme des Mannes vernehmen, der ziemlich laut sagte, dass es Günter bis hier herauf hörte. »Nein, du gehst nicht wieder zu ihm hinauf! Du bleibst hier. Junge! Geh da in die Wohnung hinein! Da oben hast du nichts verloren, wenigstens nicht die nächsten Minuten!«

Jetzt lassen Sie nicht einmal Hans hier herauf. Was sie sich herausnehmen! Aber denen werde ich es zeigen, dachte Günter.

Er richtete sich auf, stellte sich hin und ging bis zum Fenster. Als er hinausblickte, sah er nur die andere Straßenseite. Er musste es erst öffnen und sich ein wenig herausbeugen, aber das tat ihm weh. Trotzdem tat er es und sah unten einen elfenbeinfarbenen Rettungswagen, dessen Fahrzeugnummer riesengroß aufs Dach geschrieben war. Auf der anderen Seite der Straße standen zwei Polizeiwagen. Neugierige hatten sich um die Fahrzeuge gesammelt. Aus dem Notarztwagen stieg ein Mann im weißen Kittel, dann eine Frau mit blonden Haaren, ebenfalls im weißen Kittel, aus. Die beiden gingen aufs Haus zu, und so konnte sie Günter nicht mehr sehen.

 

 

9. Kapitel

 

Als Alena aus dem Notarztwagen ausstieg, standen schon eine ganze Menge Leute auf dem Fußweg. Zwei Polizisten waren da. Dr. Sven Neubert, der vor Alena herging, musste durch eine Gasse schreiten, gefolgt von Alena.

Ein dritter Polizist verwehrte den Neugierigen den Zutritt in den Hausflur. Vor der Haustür berichtete ein älterer Mann, der im Parterre wohnte, den Neugierigen, was er wusste. Er hatte die Geschichte schon wiederholt erzählt und schmückte sie von Mal zu Mal mehr aus.

Drinnen im Hausflur aber kam gerade Günters Mutter zusammen mit dem Kriminalkommissar die Treppe herunter.

Der ältere Polizist, der schon vor allen anderen mit Günter gesprochen hatte, fragte den Kommissar: »Na, verhält er sich jetzt anders?«

»Er hat einen Revolver. Schätzungsweise Kaliber vierundvierzig. Ich weiß natürlich nicht, ob es sich um eine scharfe Waffe handelt. Aber davon müssen wir ausgehen. Er hat mich regelrecht damit bedroht. Ich sah keine Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Im Übrigen müssen wir uns darüber klar sein, dass wir keine Rechtsgrundlage haben, dort oben einzudringen und ihn gegen seinen Willen da wegzubringen. Vielleicht wäre es doch am besten, wenn Sie beide«, er sah Alena und Dr. Neubert an, »mal mit ihm reden!«

»Ich werde allein hinaufgehen«, entschied Alena. »Bleiben Sie hier, Herr Neubert!«, wandte sie sich an Dr. Neubert und ergriff die Tasche, die er in der Hand hielt.

»Ich habe nun langsam doch Bedenken, dass bei dem Patienten ein Defekt zerebraler Natur vorliegt«, erklärte Dr. Neubert.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Alena. »Bleiben Sie hier! Lassen Sie mich das allein regeln.«

»Aber er hat sogar mich weggeschickt!«, rief Günters Mutter spitz.

»Trotzdem! Ich werde es zumindest versuchen«, erklärte Alena, und dann ging sie, ohne das Einverständnis der anderen abzuwarten, die Treppe hinauf. Als sie im oberen Stockwerk ankam, stand dort ein Junge in einer Wohnungstür, sah sie aus großen Augen an und fragte leise: »Darf ich mitkommen?«

»Nein, bleib hier«, erwiderte Alena. Als sie weiterging, roch sie diesen eigenartigen Geruch, der hier im Treppenhaus herrschte. Bohnerwachs! Es erinnerte sie an ihre Kindheit. Und irgendwie war ihr das sehr anheimelnd. Die Tatsache, dass der Patient einen Revolver haben sollte, mit dem er sogar seine Mutter und den Kriminalkommissar bedroht hatte, irritierte Alena nicht. Sie ging hinauf. Die Tür war geschlossen. Sie wollte sie öffnen, aber sie schien von innen verriegelt oder verschlossen zu sein.

»Herr Bindermann, hier ist Doktor Bärwald. Wollen Sie mir nicht öffnen?« Eine Weile verging. Sie hörte Schritte. Da wurde die Tür aufgeschlossen. Aber Günter Bindermann öffnete sie nur um einen Spalt Alena sah, dass er den Revolver, von dem der Kommissar gesprochen hatte, in seiner Rechten hielt und auf sie richtete. »Sind Sie allein?!«

Alena nickte. »Ich bin allein! Ich brauche mich doch vor Ihnen nicht zu fürchten. Sie werden doch wohl auf mich nicht schießen wollen?«

Er ließ die Waffe sinken, die sie für eine echte Waffe hielt, trat zurück, öffnete die Tür weiter, und sie ging hinein, sah sich um und meinte: »Das ist ein hübsches Zimmer! Ist dies das Zimmer Ihrer Freundin?«

Er gab darauf keine Antwort. Sie drehte sich nach ihm um. Er hatte die Tür wieder verschlossen und lehnte mit dem Rücken dagegen.

Seine Blässe machte ihr Sorgen. Aber er stand fest auf den Beinen, wie ihr schien. Und trotzdem konnte es schon zu inneren Sickerblutungen gekommen sein.

»Wollen Sie nicht, dass ich Ihnen eine Spritze gebe? Damit wären Sie aus der größten Gefahr heraus.«

Er verzog das Gesicht. »Eine Betäubungsspritze womöglich, was?«, fragte er feindselig.

»Sie wissen genau, dass ich Sie nicht anlügen würde. Ich habe noch nie einen Menschen angelogen, lieber schweige ich. Es ist keine Betäubungsspritze. Ich kann Ihnen genau zeigen, was es ist. Sie sind ein intelligenter Mensch, haben eine höhere Schule besucht und sehen an den Zusammensetzungen des Medikaments, um was es sich handelt.«

Er sah sie geringschätzig an. Sie spürte seine Abneigung, seine Feindschaft, sein Misstrauen. »Nein«, sagte er, »ich glaube euch nicht. Ihr alle seid bezahlt von meinem Vater. Er würde sonst etwas machen, um mich hier wegzubekommen.«

»Aber das ist doch Unsinn. Ihr Vater hat überhaupt keinen Einfluss auf diese Dinge. Wir wollen nur nicht, dass Sie verbluten. Und diese Gefahr besteht. Aufgrund der Verletzungen, die Sie haben, gehören Sie in eine Klinik.«

Er lachte nur. Sie sah ihm an, dass er ihr wirklich keine Silbe von dem abnahm, was sie sagte.

Sie ging näher auf ihn zu. Er hatte diesen Revolver sinken lassen, aber sie erkannte immer noch nicht, dass es keine echte Waffe war. Davon verstand sie einfach zu wenig. Aber Angst empfand sie keine. Sie hatte nur Sorge um ihn, war wütend über seine Unbelehrbarkeit.

»Warum sind Sie nur so? Wir haben Sie doch anständig behandelt. Ich habe alles getan, was in meiner Kraft stand, dass Sie wieder halbwegs gesund werden. Das ist mit meinen Kollegen ganz genau so. Das, was Sie uns unterstellen, ist bösartig. Niemand in der Klinik tut etwas, um Sie dort noch festzuhalten, weil da, wie Sie sagen, Geld herauskäme. Im Gegenteil, wir brauchen die Betten. Ich weiß nicht, ob der Herr Chefarzt Ihnen gesagt hat, dass wir einen Herzpatienten haben, den wir gar nicht unterbringen können, dessen Operation immer wieder hinausgeschoben wird, weil die infrage kommenden Betten durch Unfallverletzte blockiert sind. Wenn wir Sie gehen lassen könnten, würden wir Sie liebend gerne gehen lassen, ob das nun Ihrem Vater gefällt oder nicht. Wollen Sie nicht doch diese Spritze nehmen? Wehren Sie sich doch nicht dagegen! Es ist lebensrettend für Sie! Ich verspreche Ihnen, wenn ich sie Ihnen gegeben habe, gehe ich weg.«

»Das können Sie dann auch. Dann werde ich einschlafen, und diese Bullen werden kommen und mich einsammeln wie ein Häufchen Dreck und zurückverfrachten in Ihre Klinik. Diesmal natürlich in ein Zimmer mit Gittern!«

»Ich schwöre ihnen, dass so etwas nicht vorkommen kann. Das gibt es bei uns gar nicht. Wir haben keine Verwahrungszimmer.«

»Dann wird man mich woanders hinbringen. Irgendwohin, wo mein Vater noch mehr Einfluss hat als bei Ihnen!«

»Mein Gott, Sie sind doch wirklich intelligent. Warum reden Sie nur solche Sachen? Das führt nur dazu, dass immer mehr Leute auf die Idee kommen, Sie hätten womöglich bei Ihrem Unfall einen geistigen Defekt erlitten. Und dann wäre es leicht, dass etwas geschähe, was Sie zumindest vorübergehend dahin brächte, wovon Sie jetzt schon reden. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie sich eine Spritze geben. Seien Sie doch nicht so borniert!«

»Wenn ich Ihnen glauben könnte! Wozu soll diese Spritze gut sein?«

»Sie dient der Blutgerinnung. Es kann sogar schon so weit sein bei Ihnen, dass Sickerblutungen im Gange sind. Erst geht das ganz langsam. Narbenblutungen, verstehen Sie? Später dann könnte es sogar zu einer Ruptur kommen, zu einer Zerreißung. Aber selbst diese Sickerblutungen sind tödlich. Nach einer gewissen Zeit fließt das Blut schneller!«

»Ich habe meine Narben angesehen. Da ist nichts zu erkennen.«

»Seien Sie doch nicht so närrisch«, beschwor ihn Alena. »In erster Linie sind Sie durch innere Blutungen gefährdet, nicht durch äußere.«

Günter sah sie misstrauisch an. »Also gut! Ich will Ihnen etwas sagen! Geben Sie mir diese Spritze. Sollte ich aber das Gefühl haben, dass mir schlecht wird oder ich einzuschlafen drohe, weil es eben doch nicht das ist, was Sie mir versprechen, dann wird es für Sie schlimm. Ehe Sie mich von hier wegschaffen lassen, bringe ich Sie um. Niemand schafft mich weg. Ich gehe bestimmt nie wieder in die Klinik zurück, nie wieder!«

»Aber Sie müssen wieder in eine Klinik. Es muss ja nicht unsere sein. Um Himmels willen, Sie können sich das Krankenhaus aussuchen. Jetzt können Sie es.«

»In gar keine Klinik! Die Spritze, sonst nichts!«

Alena dachte: Wenn ich jetzt noch mehr rede, lässt er sich auch die Spritze nicht geben. Ich habe einen kleinen Schritt nach vorn getan und dies erreicht. In Ordnung, soll er glauben, dass es mir egal ist. Und sie sagte: »Also gut, ich gebe Ihnen die Spritze. Alles andere ist ja ohne Bedeutung, zumindest im Augenblick. Wir brauchen darüber nicht mehr zu reden. Kommen Sie her! Machen Sie den Arm frei, am besten den rechten. Im linken hatten wir die Infusionen.«

Er ließ es sich gefallen, dass sie ihm den Ärmel hochkrempelte, oben abband und dann die Injektionsnadel ansetzte. Sie wollte ihm noch einmal erklären, um welches Medikament es sich handelte, aber er sagte: »Machen Sie es jetzt, und damit hat es sich. Wenn ich das Geringste spüre, dann werde ich rabiat!«

Damit er sich nicht doch noch zu etwas anderem entschloss, injizierte ihm Alena Vitamin K in einer Kombination mit einem Thrombozytenkonzentrat.

Als sie fertig war, sagte sie: »Sie sollten sich besser hinlegen!«

Sie verstaute ihre Utensilien wieder in ihrer Tasche und sah zu, wie er sich auf das Lager legte.

»Sie wollten jetzt verschwinden! Jedenfalls haben Sie das versprochen!«, erklärte er. »Aber Sie bleiben hier. Sie bleiben wenigstens noch eine halbe Stunde hier, bis ich sicher bin, dass es kein Betäubungsmittel ist.«

»Es ist kein Betäubungsmittel. Und ich werde auch warten. Noch besser wäre es, Sie gingen freiwillig mit in die Klinik, in unsere oder in eine andere. Das wäre mir völlig egal.«

Jemand kam die Treppe herauf. Günter hörte es, sah Alena an und sagte: »Wenn es wieder ein Bulle ist, gibt's Ärger. Machen Sie auf und sagen Sie ihm, er soll verschwinden. Der einzige Mensch, den ich jetzt hier dulde, sind Sie. Sollte es aber meine Freundin sein, dann lassen Sie sie herein!«

Alena ging zur Tür, öffnete, blickte aber noch einmal zurück zu Günter. Er sah noch immer blass aus. Sie hatte vorhin bei der Injektion seinen Puls geprüft. Der war ein wenig schwach. Eigentlich müsste sie jetzt den Blutdruck messen. Vielleicht ließ er es zu.

Sie machte die Tür auf. Es war ihr Kollege Dr. Neubert.

»Alles in Ordnung?«, rief er und wollte weiter auf sie zu ins Zimmer hinein.

»Nein, bitte nicht! Bleiben Sie draußen!«, wehrte sie ab. »Es ist alles in Ordnung. Ich habe ihm die Injektion gegeben. Lassen Sie uns allein und gehen Sie bitte wieder hinunter. Er möchte nicht, dass es Ärger gibt.«

»Wir können aber den Rettungswagen nicht ewig hier festhalten. Es wäre vielleicht besser, wenn ich die Fahrer wegschicke. Wir können ja jederzeit den Wagen wieder anfordern oder einen anderen von hier bekommen, der in diesen Bereich gehört.«

»Tun Sie, was Sie wollen, aber lassen Sie mich jetzt mit ihm allein.«

Dr. Neubert versuchte an ihr vorbei in den Raum zu blicken. »Aber eins will ich Ihnen sagen!«, rief er in Günters Richtung. »Sollte Frau Dr. Bärwald das Geringste geschehen, bringe ich Sie mit meinen eigenen Händen um. Das verspreche ich Ihnen!«

»Ich bitte Sie!«, protestierte Alena. Günter rief von seinem Lager her: »Hol dich der Teufel, Knochenflicker!« Alena sah Dr. Neubert um Verzeihung bittend an, aber sie sagte nichts. Er erwiderte ihren Blick voller Besorgnis.

»Bitte, gehen Sie!«, bat Alena, und Dr. Neubert ging. Aber sie erkannte deutlich, wie widerwillig er es tat.

Alena schloss die Tür, dann sah sie Günter an. »Woher rührt nur dieser Hass?«, fragte sie. »Er hat sich genauso eingesetzt wie ich. Wir haben uns alle eingesetzt, und dennoch tun Sie so, als wären wir für den Unfall verantwortlich, den Sie erlitten haben.«

»Das tue ich nicht«, bestritt er. »Aber ihr habt euch von meinem Vater kaufen lassen. Er ist überall. Da kennt er Leute. Dort kennt er Leute. Und alle tanzen sie nach seiner Pfeife. Der Herr Direktor Bindermann! Haben Sie gewusst, dass er auch Doktor ist? Er legt keinen Wert darauf. Das kann er sich leisten. Ich sollte studieren. Das war sein Wunsch gewesen. Betriebswirtschaft natürlich! Das ist das, was er studiert hat. Ich hatte keine Lust dazu. Seitdem bin ich in seinem Ansehen ganz erheblich gesunken, und er nahm sich die Freiheit, auch nach meiner Volljährigkeit zu bestimmen, was für mich gut und schlecht war.«

»Er wollte das Beste für Sie! Er will es noch!«, erklärte Alena.

»Natürlich! Deswegen hat er auch meiner Freundin nicht gesagt, wo ich liege. Den Unfall hat sie erst aus der Zeitung erfahren, nicht von ihm oder etwa von meiner Mutter. Meiner Mutter werfe ich vor, dass sie keine eigene Meinung hat, dass sie es nicht fertigbringt, sich über ihn hinwegzusetzen und das ganz einfach zu sein, was eine Mutter ist. Sie ist keine Mutter!«

»Ich glaube, Sie wissen nicht, was Sie sagen«, stellte Alena fest.

»Ich glaube eher, dass Sie nicht wissen, was Sie sagen sollen, denn Sie kennen meine Mutter nicht. Sie haben auch nicht erlebt, wie es bei uns zu Hause zuging. Wie es immer noch zugehen würde, hätte ich das nicht erfahren, dass sie Helga verschwiegen haben, wo ich bin. Selbst als sie sich gemeldet hat, als sie fragte, auf Knien gefleht hat, sie sollten es ihr sagen, hat man ihr keine Antwort gegeben. Sie ist schwanger. Sie trägt mein Kind unterm Herzen, ein Kind, auf das wir uns beide freuen. Wäre der Unfall nicht gewesen, hätten wir beide längst geheiratet. Und wir werden heiraten!«

Alena sah ihn an. »Dann haben Sie eine Verpflichtung!« Sie ging auf ihn zu, setzte sich dann auf den Rand der Matratze, auf der er lag, sagte: »Die Verpflichtung, eine Familie zu ernähren, zusammen mit Ihrer Frau. Aber die erste Zeit wird sie ja durch das Kind beschäftigt genug sein. Um aber eine Familie ernähren zu können, brauchen Sie Ihre Kraft, Herr Bindermann. Sie müssen gesund sein. Noch haben Sie Zeit. Sie haben die Zeit, die Ihnen bis zur Geburt des Kindes verbleibt. Ihre Frau wird Sie schon früher nötig haben, in den letzten Wochen der Schwangerschaft. Sicherlich müssen Sie eine Wohnung einrichten oder etwas Derartiges. Sie benötigen Wäsche, auch Möbel. Das alles kostet Geld. Aber wichtiger ist etwas anderes: Ihre Frau braucht Ihre Unterstützung, und Ihre Frau braucht den Vater des Kindes, nicht nur des Geldes wegen. Und das Kind braucht Sie! Sie müssen gesund sein! Sie werden aber nur gesund, wenn Sie Ihre Verletzungen jetzt richtig ausheilen. Sonst gibt es auch Folgen. Sie waren so vernünftig, sich die Spritze jetzt geben zu lassen. Das bewahrt Sie zumindest im Augenblick vor einer Verschlimmerung. Es kann aber sein, dass Sie sich überanstrengen. Vielleicht haben Sie sich schon überanstrengt. Sie sind über den Zaun geklettert. Es könnte bei Ihnen schon zu Sickerblutungen gekommen sein. Ich würde gerne Ihren Blutdruck messen. Werden Sie mir das erlauben?«

Er nickte. »Von mir aus! Dagegen habe ich nichts. Aber mehr nicht.«

Sie holte das Blutdruckmessgerät, das im Koffer war, und stellte sehr schnell fest, dass der Blutdruck sehr niedrig war. »Der Puls ist ziemlich weich«, sagte sie. »Der Blutdruck ist auch nicht besonders hoch. Ich mache mir doch Sorgen. Vielleicht haben schon Blutungen eingesetzt. Sie müssten sofort eine Frischblutinfusion bekommen. Die können wir hier nicht machen.«

»Nun fangen Sie bloß nicht an, mir das Lied von der Klinik wieder zu erzählen. Sie haben mir versprochen, die Spritze und Schluss! Jetzt habe ich Ihnen auch erlaubt, den Blutdruck zu messen. Damit ist Ende! Begreifen Sie mich denn nicht? Verstehen Sie denn nicht, was man mit mir vorhat?«

»Nein«, entgegnete sie, »das verstehe ich nicht Ich weiß nur eins, Herr Bindermann. Sie haben es eben selbst ausgesprochen, es allerdings ganz anders gemeint Sie sagten: 'Die Spritze und jetzt ist Ende!' Ich fürchte, wenn Sie nicht in die Klinik kommen, dann ist Ende. Sie müssen Frischblut bekommen!«

Er lächelte. Es war ein mitleidiges Lächeln, und sie spürte, dass er ihr einfach nicht glauben wollte. Ja, sie meinte sogar, dass er selbst dann ungläubig geblieben wäre, wenn Sie ihm den Beweis erbracht hätte. Er hielt alles für Taschenspielerei, für einen Trick, war so verrannt in seine Idee, dass sein Vater überall die Hand im Spiele hätte, dass er nicht sehen wollte, was er eigentlich auf Grund seines Intelligenzgrades begreifen müsste. Aber in diesem Punkt, mit seinem Halbwissen war er schlimmer als ein einfacher ungebildeter Mensch. Sie blickte ihn nachdenklich an und fragte sich, wie sie ihm helfen könnte. In diese Stille hinein hörten sie beide wieder, dass jemand die Treppe hinaufkam.

»Die geben nicht auf, was?« Günter Bindermann lächelte. »Es hat aber keinen Zweck. Ich werde rabiat. Und sagen Sie das dem, der wieder einen neuen Trick versucht, möglicherweise dieser Bulle von der Kripo. Das ist von allem die Spitze, dass der Alte jetzt die Kripo eingeschaltet hat. Das setzt seinen bisherigen Leistungen die Krone auf.«

»Er hat sie nicht eingeschaltet«, verbesserte ihn Alena. »Die Klinik hat das getan, und nicht weil man Sie etwa festnehmen sollte oder dergleichen, sondern um die Polizei um Hilfe zu bitten, Sie zu finden. Wir mussten Sie doch finden, verstehen Sie das nicht? Wir wussten genau, was mit Ihnen los ist. Wir wissen es noch. Nur Sie selbst tun so, als wäre das alles gar nicht wahr, reden sich einen Unsinn ein, der Sie letztlich tötet. Ja, tötet! Sie sind ein Selbstmörder!«

»Ich bin alles andere als das. Ich liebe mein Leben, und ich habe eine Verantwortung. Aber ich lasse nicht zu, dass mein Vater alles zerschlägt, auch das, was mir am heiligsten ist: Meine Liebe zu Helga und die Zukunft unseres Kindes.«

»Mein Gott noch mal, wenn Sie doch nur einsehen könnten, dass es mit Ihrem Vater nichts zu tun hat, was wir hier machen wollen!«

Alena versuchte verzweifelt, einen Ausweg zu finden, einen, den er freiwillig beschreiten würde und wo man keinen Zwang anwenden musste. So einfach war das alles nicht. Sie konnten nicht handeln, wie sie wollten. Es mochte zwar für Außenstehende ganz verständlich sein, wenn sie mit Gewalt diesen jungen Mann hier zu seinem Glück zwangen. Aber es war ungesetzlich. Sie traute Günter durchaus zu, dass er später einmal den Spieß umkehren und sie dafür zur Rechenschaft ziehen würde. Er bekäme vor jedem Gericht recht, auch wenn alles sehr unlogisch wirkte und das war das Problem. Sie wollten ihm helfen und konnten ihm nicht helfen, wenn er nicht damit einverstanden war.

Draußen ertönte Dr. Neuberts Stimme: »Alles in Ordnung, Frau Bärwald?«

»Ja, soweit! Ich habe ihm die Injektion gegeben!«, rief Alena. »Aber ich vermute eine Hämorrhagie.«

»Eine Durchtrittsblutung?«, fragte Dr. Neubert von draußen.

»Es sieht so aus«, erwiderte Alena. »Der Puls ist weich. Der Blutdruck ist runtergegangen.«

»Können Sie mir den Wert sagen?«, fragte Dr. Neubert draußen.

Günter rief dazwischen: »Hauen Sie ab, Mann! Ihr Typ ist hier nicht verlangt. Und Sie, Frau Doktor, hören Sie auf, sich mit ihm zu unterhalten. Sagen Sie ihm, dass er verschwinden soll!« Alena warf Günter Bindermann einen kurzen Blick zu. Sie fragte sich, ob sie nicht imstande sein würde, ihn zu überwältigen. Er aber sah kräftig aus, und nicht nur das. Beim eventuellen Handgemenge konnte es zu Schädigungen an seinen ohnehin nicht ausgeheilten Organen kommen, sodass man am Ende sie noch für all das verantwortlich machte, was im Grunde er allein verschuldete.

Als hätte Günter Bindermann geahnt, was sie dachte, sagte er: »Sie haben keine Chance. Die Trümpfe in diesem Spiel habe ich. Und ich bin es jetzt leid. Ich möchte, dass Sie verschwinden! Nehmen Sie Ihren Koffer und verschwinden Sie! Ich brauche keinen Arzt. Alles, was ich brauche, ist Ruhe. Gehen Sie mit ihm! Los, hauen Sie ab!«

Aber Alena wollte nicht gehen. Wenn ich jetzt gehe, dachte sie, ist er ohne jede Kontrolle. Noch könnte ich ihm selbst dann helfen, wenn die Sache sich verschlechtert. Wenn er sich doch nur untersuchen ließe! Seinem Aussehen nach zeigt sich schon ein Anflug des Ikterus, der Gelbsucht. Dieses Gelb auf den Augäpfeln!

»Können Sie sich einmal frei machen, sodass ich Ihren Bauch sehen kann! Lassen Sie sich einmal untersuchen!«

»Ich will überhaupt nichts mehr!«

»Sie haben aber doch Oberbauchschmerzen. Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie sich nicht wohlfühlen. Sie spüren einen dumpfen Druck im Bauch, nicht wahr?«

Seine Blässe wurde noch stärker. Jetzt war der Ikterus unverkennbar, die Gelbsucht nämlich. Alena überlegte. Es ist tatsächlich eine Spätkomplikation. In seiner Leber mussten weitere Verletzungen vorgelegen haben, die wir nicht erkannt haben, die so einfach auch nicht erkennbar waren, die sich aber dann oberflächlich verkapselt hatten, jetzt aber nach Wochen aufgebrochen sind, eine sogenannte Hämobilie, eine Blutung von Gefäßen in der Leber, über Fisteln in die Gallengänge hinein, ein Notsignal, wie es dringender nicht sein konnte. Es würde zu einem Kollaps kommen. Der Oberbauchschmerz des Patienten passte ebenso zu diesem Krankheitsbild wie das äußere Erscheinen des Ikterus, also der Gelbsucht. Die größte Gefahr aber war der Kollaps, der unmittelbar bevorstand.

»Machen Sie den Bauch frei!«, sagte Alena.

Wider Erwarten machte er tatsächlich seinen Bauch frei. Sie sah, dass er vorgewölbt war. Während sie das noch betrachtete und sich gerade anschickte, durch Tasten zu untersuchen, ob ihr Verdacht gerechtfertigt war, da bemerkte sie auch die Blässe der Lippen. Die Augäpfel des Patienten wurden gelb. Die Pupillen vergrößerten sich jäh.

Ein Kollaps stand unmittelbar bevor. Als Alena den Puls Günter Bindermanns fühlte, spürte sie, wie unregelmäßig er wurde, wie schlapp, und dass jetzt ein Eingriff sofort nötig war.

Doch Günter Bindermann wehrte sich noch einmal. »Lassen Sie das!«, keuchte er. »Gehen Sie weg! Lassen Sie mich allein! Lassen Sie mich in Ruhe!«

Sie sah, wie seine Lippen bebten, wie die Lider zuckten.

»Hören Sie mir ganz genau zu!«, sagte sie. »Wenn ich Sie nicht sofort jetzt in eine Klinik zum Operationssaal bringe, sind Sie in drei Stunden tot!«

 

 

10. Kapitel

 

Dr. Neubert war wieder hinuntergelaufen, und da hatte er den Jungen getroffen. Der stand verzweifelt, wie verloren herum und wusste nicht, was er tun sollte. In diesem Augenblick kam Dr. Neubert die Idee. »Wo ist deine Schwester?«, fragte er, »wo ist sie?«

Der Junge sagte ihm die Adresse der Firma, in der Helga arbeitete.

Zwei Minuten später war ein Polizist mit dem Wagen unterwegs, um Helga zu holen.

Draußen auf der Straße hatten sich seit der Abfahrt des Notarztwagens die Neugierigen zerstreut. Nur noch ein paar aus der nächsten Nachbarschaft standen herum.

Dr. Neubert wollte gerade wieder ins Haus gehen, da hörte er oben Alena rufen: »Herr Neubert, Herr Neubert, kommen Sie rauf, schnell!«

Dr. Neubert raste die Treppe hinauf, gefolgt von dem Kriminalisten, der immer noch da war.

Als er oben ankam, stand die Tür offen. Dr. Neubert stürmte hinein, sah Alena neben dem Bett Sie hielt in der linken Hand eine Flasche mit Blutplasma und mit der rechten stützte sie die Infusionsnadel in der Vene am linken Arm.

»Was ist mit ihm?«, fragte Dr. Neubert, als er an das Lager trat. Günter Bindermann hatte den Kopf zur Seite gelegt. Seine Haut war gelblich. Er atmete ganz eigenartig.

»Machen Sie rasch!«, sagte Alena. »Er hat kollabiert.«

»Blutungen?«, fragte Dr. Neubert.

Alena nickte nur. »Er muss sofort weg, ganz schnell! Rufen Sie den Notarztwagen!«

Der Kriminalbeamte war jetzt eingetreten, hörte, was anlag, hatte ein Funksprechgerät in der Hand, gab sofort Weisung an seine Beamten, die unten auf der Straße warteten.

Sekunden später wurde über Funk der Notarztwagen gerufen.

Jetzt kam es auf jede Sekunde an. Günter Bindermann, der durch seinen Trotz alles unnötig hinausgezögert hatte, stand jetzt mit einem Bein im Grab. Würde es gelingen, ihn zu retten?

 

 

11. Kapitel

 

Helga war ins Chefbüro gerufen worden. Dort stand ein Polizist. Neben ihm saß hinter seinem Schreibtisch Helgas Chef. Es war ein älterer korpulenter Mann mit Glatze und weißen Haaren. Über seine Lesebrille hinweg schaute er auf Helga und sagte: »Frau Gartzow, dieser Beamte möchte, dass Sie sofort mit ihm kommen! Haben Sie aber keine Angst. Es geht nicht um Sie. Er hat mir erzählt, was da passiert ist. Ihr Freund ist in äußerster Lebensgefahr. Am besten, Sie fahren direkt jetzt mit!«

Helga schluckte, wollte etwas sagen, aber brachte keinen Ton heraus. Sie ahnte alles.

Mein Gott warum hat er nicht auf mich gehört?, dachte sie, als sie dem Polizisten nachging, der sie draußen zu seinem Streifenwagen führte.

Im Betrieb, wo man nicht wusste, warum Helga mit der Polizei mitfahren sollte, reckten die neugierigen Kollegen die Hälse. Sie alle dachten nur, Helga sei verhaftet worden. Die Gerüchteküche würde bald am Kochen sein.

Aber Helga dachte nicht an so etwas. Als sie im Wagen saß, fragte sie den Polizisten: »Was ist denn passiert? Was ist denn mit ihm?«

»Er ist in größter Lebensgefahr. Wir hoffen, dass Sie ihn überreden können, sich behandeln zu lassen. Er weigert sich. Wir haben keine gesetzliche Handhabe, es zu erzwingen. Die Ärzte können auch nicht eingreifen, nicht gegen seinen Willen.«

»Ist es denn schlimmer mit ihm? Ist denn etwas dazugekommen, ich meine eine Komplikation oder so etwas?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte der Polizist »Ich bin nur beauftragt worden, Sie zu holen. Wie gesagt, er ist in größter Gefahr. Aber er ist hartnäckig und will nicht behandelt werden. Nun hoffen wir auf Sie, Frau Gartzow!«

Der Polizist hatte das Blaulicht eingeschaltet und fuhr mit heulendem Martinshorn durch die Straßen. Der Lärm der Sirene war für Helga fast ein körperlicher Schmerz.

Um Himmels willen, dachte sie, vielleicht ist es schon zu spät. Warum ist er nur so bockbeinig? Warum sieht er nicht ein, dass es zu seinem Besten ist?

Aber sie sagte nichts, und der Polizist schwieg auch. Er war voll und ganz damit beschäftigt, so schnell wie möglich in die Ruhlandstraße zu kommen.

Doch als sie einbogen, tauchte von der anderen Seite ein Notarztwagen auf. Auch er fuhr mit Sirene und Blaulicht. Und nun strömten auch schon wieder die Neugierigen herbei.

Aber das interessierte Helga nicht. Sie sah nur den Notarztwagen, presste die Hand vor den Mund und starrte entsetzt durch die Windschutzscheibe auf das große gelbe Fahrzeug mit dem leuchtend roten Streifen rundherum. Der Wagen hielt genau vor der Nummer 8 in der Ruhlandstraße. Zwei Rettungssanitäter stiegen aus. Hinten wurde die Tür geöffnet und eine Trage herausgezogen. Noch bevor Helga ausgestiegen war, liefen die beiden Sanitäter ins Haus. Zwei Polizisten bahnten ihnen den Weg, denn die Neugierigen drängten sich vor der Haustür.

Auch Helga lief ins Haus. Der alte Meißner stand unten und rief ihr zu: »Schönen Besuch haben Sie! Wenn das Ihr Vater wüsste!«

Helga hörte gar nicht hin. Sie rannte, flog förmlich die Treppe hinauf. Als sie oben ankam, sah sie gerade, wie die beiden Rettungssanitäter mit Hilfe der Ärztin und des jungen Arztes Günter von der Liege auf die Trage legten. Und noch etwas sah sie: die Flasche mit dem Blutplasma, die der junge Arzt hochhielt, während die Ärztin irgendetwas an Günters Gesicht tat.

Entsetzt sah Helga auf die Szene. Da wurde sie von der Ärztin bemerkt, und die rief ihr zu: »Sind Sie Frau Gartzow?«

Helga nickte nur und starrte wie gebannt auf das gelbliche Gesicht ihres Freundes.

»Sie können mitkommen! Wir tun, was wir können für ihn! Kommen Sie ruhig mit!«

Die Minuten, die Stunden, die jetzt folgten, hätte Helga Gartzow ihrem ärgsten Feind nicht gewünscht. Denn das, was jetzt kam, diese wahnsinnige panische Angst, die sie empfand, die Angst um Günters Leben, das Leben des Vaters ihres Kindes, diese Angst schnürte ihr fast die Kehle zu.

Auch Alena hatte Angst um dieses Leben jenes Menschen, der sich so bockbeinig angestellt hatte und nicht einsehen wollte, dass man bereit war, ihm zu helfen und nicht ihm zu schaden.

Als der Patient im Wagen lag, injizierte ihm Alena sofort ein Hämostyptikum, das die Blutstillung bewirken sollte. Gleichzeitig wurde weiter Blutplasma über Infusionen in den Körper des Todkranken gebracht.

Inzwischen fuhr der Wagen.

Dr. Neubert, der sich um Alena große Sorgen gemacht hatte, weil er glaubte, dass der Patient im Besitz eines richtigen Revolvers gewesen sei, mit dem er eventuell Alena bedrohen konnte, war jetzt etwas erleichtert. Natürlich bedeutete ihm auch das Leben des Patienten etwas, aber er hatte Angst um Alena gehabt, die er verehrte und der er immer wieder Blicke zuwarf.

Aber Alena spürte das nicht. Sie war ganz und gar mit ihrer Arbeit beschäftigt und sagte dann zu Dr. Neubert: »Geben Sie über Funk schon Anweisungen an den OP. Am besten, wir fangen jetzt schon an, das Operationsfeld zu desinfizieren.«

Was jetzt kam, war für Alena eigentlich Routine, und trotzdem nahm sie jedes Mal stark am Schicksal des Menschen teil, dem eine Operation bevorstand. Jede Operation birgt ein gewisses Risiko in sich. In diesem Falle war mit Komplikationen infolge des Kollapses zu rechnen. So galt es, zwei Dinge zuerst zu tun. Während Dr. Neubert das infrage kommende Operationsfeld schon zu desinfizieren begann, und nachher beim Einliefern in die Klinik Zeit zu gewinnen, kümmerte sich Alena um Atmung und Kreislauf. Indessen hatte Dr. Neubert das Operationsfeld mit achtzigprozentigem Alkohol abgewaschen, danach sprühte er eine Jodersatzlösung darüber und deckte mit sterilen Tüchern ab. Von da aus gesehen war der Patient für die Operation fertig. Aber der Kreislauf machte Schwierigkeiten.

Helga, die vom bei den Sanitätern saß, blickte immer wieder zurück durch die Scheibe, um etwas von dem zu erkennen, was mit Günter vorging. Aber allzu viel sah sie nicht. Das machte ihre Angst und Sorge nur noch größer.

Der Kreislauf wurde ein wenig stabiler. Infolge der Plasmainfusionen konnte der Kollaps bewältigt werden.

Alena und Dr. Neubert waren sich darin einig, Günter zurück in die Mohnhaupt Klinik zu bringen. Es machte höchstens fünf Minuten Fahrtunterschied aus, aber es hatte den Vorteil, dass man dort über alle Unterlagen verfügte, die mit der Anamnese des Patienten zusammenhingen. Diese Krankengeschichte nämlich war für die Operation äußerst wichtig. Im Übrigen lagen alle Angaben über Blutwerte in der Mohnhaupt Klinik vor.

Im Notarztwagen gab es Frischblutkonserven der Gruppe A positiv, die für Günter Bindermann notwendig waren. Statt des Plasmas wurde jetzt eine Frischblutinfusion angehängt.

Alena hatte schon, um den Patienten für die Operation vorzubereiten, die Anästhesie eingeleitet. Zugleich injizierte sie Antibiotika zur Vermeidung bakterieller Streuungen. Magenschlauch und Blasenkatheter wurden angelegt. Eine Kubital-Venenkanüle zur intravenösen Dauersubstitution war bereits im Zusammenhang mit dem Tropf vorhanden.

Dennoch schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, ehe der Notarztwagen in die Notaufnahme-Durchfahrt der Mohnhaupt Klinik einrollte.

Von jetzt ab ging es schnell. Die Trage wurde direkt durch die Schleuse in den Vorbereitungsraum gerollt und von dort in den OP.

Operationssäle sind keimarme Räume mit abwaschbaren Decken und Böden. Sie haben so gut wie keine Horizontalflächen, sind überall flächendesinfizierbar und durch eine Klimaanlage, in die Keimfilter eingebaut sind, werden sie bei gleichmäßiger Temperatur von zweiundzwanzig Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von sechzig Prozent gehalten. Sie werden immer wieder mechanisch gereinigt und mit UV-Lampen bestrahlt. Außerdem benutzt man in der Mohnhaupt Klinik das Laminar-Air-Flow-System, wodurch eine Steigerung der Keimarmut bewirkt werden kann.

Der Patient, der jetzt schon in Narkose war, wurde auf den Operationstisch umgebettet. Die sterilen Tücher wurden entfernt. Oberarzt Dr. Hausmann hatte sich schon bereitgemacht. Die Anästhesistin Dr. Bender befasste sich mit Atmung und Kreislauf des Patienten, überprüfte die Reflexe, während Dr. Neubert und Dr. Alena Bärwald noch mit den übrigen Vorbereitungen beschäftigt waren.

Drei Schwestern standen für die Operation zur Verfügung. Oberarzt Dr. Hausmann zeichnete mit einem sterilen Stift die Schnittführung auf. Es war eine sogenannte obere mittlere Laparatomie. Sie begann unter dem Brustbein und endete unmittelbar über dem Nabel. Diese Operation war schon einmal bei Günter gemacht worden, und jetzt musste eine Nachoperation mit besonderer Sorgfalt durchgeführt werden, um den Heilungsprozess nicht infrage zu stellen.

Indessen befand sich Helga draußen im Warteraum. Für sie brach eine furchtbare Zeit unerträglicher Spannung, einer schrecklichen Ungewissheit an. Noch glaubte sie, dass alles sich schnell entscheiden würde, und da sie nicht wusste, wie schwierig diese Operation war, konnte sie auch nicht ahnen, dass Stunden vergehen würden, bis man ihr sagen konnte, ob es gut oder … nicht gut ausgegangen war. Niemand wusste vorher zu sagen, ob Günter noch genug Energien in seinem Körper hatte, um diese Operation zu überleben.

So saß Helga, krumm wie eine alte Frau, auf einem der Stühle, hatte die Hände ineinander gekrampft, hielt die Augen geschlossen, und alles in ihr konzentrierte sich auf einen Satz, einen Schrei der Bitte, des Verlangens:

Lass ihn wieder gesund werden!

Drinnen im OP waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Immer noch wurde der Patient mit Frischblut versorgt.

Oberarzt Dr. Hausmann setzte das Skalpell an. Der Oberbauch wurde geöffnet, sämtliche Schichten von Haut, Gewebe, Muskelplatte und Bauchfell durchtrennt.

Die Kommandos, die dann kamen, waren reine Routine. »Fritsch-Haken!«, sagte Alena, und die Besteckschwester reichte ihr den Bauchhaken. »Noch einen!« Und nun zeigte sich das ganze Ausmaß dessen, was hier geschehen war. Dies war kein Anblick, der das Herz höher schlagen ließ. Aber es war ein Anblick, den ein Arzt und auch eine Schwester immer wieder ertragen müssen. Hier hieß es den Nerv behalten, kühl und überlegen die richtigen Anordnungen treffen, das Richtige zu tun.

Die Blutung war weiter fortgeschritten, als sie alle angenommen hatten. Zunächst einmal musste die Bauchhöhle abgesaugt werden, während gleichzeitig versucht wurde, die Blutung einzudämmen.

»Overholt-Gefäßklemme!«, sagte Dr. Hausmann, »und eine Kocher-Klemme noch!«

»Noch eine Kocher-Klemme! Tupfer!«

»Frau Bärwald, eine Diathermie bitte!«

Alena stoppte eine der Blutungen mit Hilfe elektrischen Stroms.

»Es hat keinen Zweck«, erwiderte Dr. Hausmann, »die isolaterale Leberarterie zu unterbinden. Ich glaube, wir müssen uns zu einer Lappenresektion entscheiden!«

Alena war derselben Meinung, und auch Dr. Neubert nickte. Sie mussten einen der Leberlappen entfernen, jenen Leberlappen, von dem diese starken Blutungen ausgingen und der bei dem Unfall innerlich weitgehender zerrissen war, als man bei der ersten Operation hatte erkennen können.

Die Partie wurde entfernt. Danach musste eine Parenchymnaht angelegt werden.

»Das machen Sie!«, sagte Dr. Hausmann zu Alena. »Das ist ja Ihre Spezialität!«

Die Parenchymnaht, die besonders bei der Leber angewendet wird, besteht aus Faden, Schleifen und Knoten, die zum Schutz gegen das Durchschneiden des Gewebes mit einem Durallappen unterlegt werden.

Alena beherrschte diese Technik vorzüglich, und es kam ja auch darauf an, dass alles etwas flink von der Hand ging.

Immer noch waren Atmung und Kreislauf des Patienten gut. Bis jetzt hatte es noch keine Komplikationen gegeben, und schon hoffte auch Alena mit einer gewissen Erleichterung, man werde die Operation sicher abschließen können. Da trat unverhofft ein Problem auf, mit dem sie alle nicht gerechnet hatten.

Alena war nämlich gerade mit der Naht fertig geworden, da sah sie rein zufällig, dass die abdominelle Aorta in Höhe der Leber eine starke Ausbeulung aufwies, ein sogenanntes Aneurysma. Die abdominelle Aorta ist die Körperhauptschlagader im Bereich des Bauches, und ein Aneurysma ist eine Ausbeulung wie ein Sack, der dadurch entstanden ist, dass Gewebe verletzt wurde und nicht mehr der nötige Halt in der Schlagader war, um dem Druck des Blutes zu widerstehen. Irgendwann einmal konnte diese Ausbuchtung reißen, und es würde zu einer so starken inneren Blutung kommen, dass jeder Eingriff zu spät käme.

»Herr Oberarzt«, sagte Alena, »sehen Sie das hier!« Auch Dr. Neubert blickte hinein.

»Verdammt! Ein Aneurysma! Das müssen wir gleich mit erledigen! Um Himmels willen! Und das ist schon sehr weit gediehen! Mein Gott, den hat's bei diesem Unfall viel schlimmer erwischt, als wir beim ersten Mal gesehen haben! Das hätten wir doch entdecken müssen!«

»Das kann sich auch jetzt gebildet haben. Sehen Sie, es wird immer größer. Jeden Augenblick kommt es zur Ruptur, zu einem Ausriss. Wir müssen uns beeilen!«, rief Alena.

Es handelte sich um ein sogenanntes falsches Aneurysma, das meistens infolge einer Verletzung entsteht und genaugenommen von einem Bluterguss herrührt, der bindegewebig abgeriegelt ist.

Dr. Hausmann überließ es Alena, die Abbindung zu übernehmen. Dann wurde die Ausbuchtung abgetrennt und die Arterie in mühsamer Kleinarbeit vernäht. Von da an war die Gefahr gebannt. Und doch hatte das Schicksal noch etwas in der Hinterhand, das die Ärzte und Schwestern schrecken sollte.

Gerade als Oberarzt Hausmann die Nadelzunge und die Nadel mit dem Glykokoll-Faden in die Hand nahm, rief die Anästhesistin Dr. Bender: »Der Puls wird mir zu klein! Der Kreislauf gefällt mir nicht. Der Druck sinkt ab, sinkt stark ab! Ist da irgendwo eine Ruptur?«

»Ein zweites Aneurysma! Um Himmels willen!«, rief Alena, die es entdeckt hatte. Es war ein Stück weiter oben. Wieder ein falsches. Ein Bluterguss, ein pulsierender, so groß wie eine Faust.

»Und ebenfalls wieder kurz vor der Ruptur! Mein Gott, jetzt wird’s bedrohlich!«, sagte Oberarzt Dr. Hausmann.

 

 

12. Kapitel

 

Helga wusste nichts, aber sie spürte, dass Günter in großer Gefahr war. Ihre Angst um ihn steigerte sich zur Panik. Und während sie so dasaß und sich auf die Lippen biss, trat plötzlich eine Frau in den Warteraum, die Helga vom Ansehen kannte. Sie erschrak, als sie diese Frau sah. Mit einem Male war sie erfüllt von Hass, von Zorn auf den Menschen, der ihr damals nicht hatte sagen wollen, wo sie Günter finden konnte: Es war Günters Mutter.

Auf den zweiten Blick entdeckte sie mehr. Die sonst so makellose Frisur wirkte ein wenig derangiert. Auch das Kostüm saß nicht mehr ganz so korrekt, wie das bei Frau Bindermann die Regel war.

In den Augen aber war die ganze Not, die Frau Bindermann beherrschte, zu erkennen. In ihren Augen stand die Angst, die gleiche Angst, die auch Helga empfand, denn jetzt, in diesen Augenblicken, seit sie wusste, um was es ging, hatte sich Frau Bindermann freigemacht von all den Vorurteilen und den Parolen, an die sie sich in ihrer Ehe gewöhnt hatte und die sie sich zu Leitsprüchen machte, denn jetzt war sie nur noch eins: die Mutter eines jungen Menschen, der mit dem Tode rang.

Sie blieb vor Helga stehen, sah auf sie herab. Es schien schon, als wollte sie etwas sagen, aber dann wandte sie sich etwas ab und setzte sich. Und sie starrte vor sich auf den Fußboden, verkrampfte ebenso wie Helga die Hände. Zwei Frauen, grundverschieden, aus völlig unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, und doch in einem Punkt völlig einig, in ihrer Liebe zu einem Menschen, in ihrer Liebe zu Günter Bindermann. Jede liebte ihn anders, aber deshalb nicht weniger.

Plötzlich hob Günters Mutter den Kopf, sah hinüber zu Helga, stand auf, trat vor sie hin und streckte ihr die Hand entgegen. »Es tut mir leid«, sagte sie leise mit brüchiger Stimme. »Es tut mir furchtbar leid, was ich gemacht habe. Aber ich habe es so gut gemeint mit ihm. Ich glaube aber, das war sehr dumm von mir. Verzeihen Sie mir bitte!«

Sie setzte sich neben Helga, und ein paar Sekunden sahen sich die beiden Frauen schweigend an.

»Ich habe solche Angst um meinen Sohn«, brach endlich Frau Bindermann das Schweigen. Sie blickte Helga in die Augen. »Sie auch?«

Helga nickte nur. Sie konnte nicht reden. Sie war hin- und hergerissen zwischen Abneigung und Verständnis. Ihr Verstand sagte ihr: Das ist seine Mutter. Irgendetwas muss er von ihr haben. Aber von ihrem Gefühl her empfand sie Furcht. Vielleicht, wenn alles wieder gut ist, stellt sie sich erneut gegen dich?, fragte sich Helga. Doch dann überwand sie diese Bedenken, denn sie sagte sich, in ihrem Inneren wird sie gut sein. Günter ist gut, da kann sie nicht schlecht sein.

»Haben Sie kein Gefühl? Sie lieben ihn doch! Man sagt, dass Frauen, die lieben, ein ganz feines Gefühl für die Dinge haben, die den anderen betreffen, den sie lieben.«

Helga sah Frau Bindermann etwas verwirrt und auch verständnislos an. »Wie meinen Sie das?«, fragte sie.

..Ich meine«, sagte Frau Bindermann, »dass man, wenn man jemanden sehr liebt, um das Schicksal dieses Menschen ein wenig mehr ahnt als andere. Spüren Sie nicht, ob es gut geht oder schlecht?«

»Ich habe nur Angst«, sagte Helga, »wahnsinnige Angst.«

»Ich eben auch! Man erzählt sich ja, dass eine Mutter eine unsichtbare Nabelschnur zu ihren Kindern hat. Vielleicht ist das so lange der Fall, wie sie in die Schule gehen. Noch nicht einmal, bis die Pubertät beginnt! Seitdem tut der Junge Dinge, die ich oft nicht fassen kann. Und er versteht mich auch nicht mehr.«

»Ich glaube, das ist ganz einfach«, erwiderte Helga. »Er will anders sein als sein Vater. Aber Sie sind mit seinem Vater verheiratet. Sie müssen sich nach seinem Vater orientieren. Nur sein Vater ist, das sagte er mir selbst, eine starke Persönlichkeit. Da ist es für Sie besonders schwer, aus diesem Schlagschatten herauszutreten und sich eventuell nach dem Jungen zu orientieren. Aber das können Sie ja gar nicht.«

»Nein«, erklärte Frau Bindermann schlicht. »Das kann ich nicht. Er ist mein Mann.«

Sie sahen sich wieder an. Diesmal war es Helga, die mitfühlend lächelte und jetzt sagte: »Sie lieben Ihren Sohn. Das verstehe ich. Ich liebe ihn auch. Aber da ist noch mehr. Wir brauchen ihn sogar. Wir brauchen ihn mehr als alles andere auf der Welt.«

Einen Augenblick lang war Frau Bindermann verwirrt, wollte schon fragen, wer unter »wir« gemeint war, dann erinnerte sie sich an das, was ihr Mann ihr erzählt hatte. Sie nickte und fragte: »Wie weit ist es denn?«

Helga lachte. »Noch früh! Im vierten Monat!«

In diesem Augenblick entsann sie sich wieder der gegenwärtigen Situation. Sie wurde schlagartig ernst, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und murmelte: »Wie mag es ihm nur gehen? Wenn man doch nur Bescheid wüsste! Wenn sie einem etwas sagen würden!«

Als hätte dieser Gedanke das ausgelöst, kam eine dunkelhaarige junge Frau in weißer Kleidung aus dem Vorraum des OP. Sie trug keine Schwesternkleidung, sondern sah eher aus wie eine Ärztin oder eine technische Assistentin. Unter dem Arm trug sie eine Platte mit Röntgenaufnahmen. Sie sah die beiden Frauen lächelnd an und wollte schon weitergehen.

»Sie kommen aus dem OP!«, sagte Helga, die aufgestanden war. »Wie geht es ihm?«

Auch Frau Bindermann hatte sich erhoben und war zwei Schritte näher gekommen. Gespannt sah sie die junge dunkelhaarige Frau an.

Christina Marholz war Röntgenassistentin, hätte gern Medizin studiert, aber widrige Umstände hatten das verhindert. In ihrem Fach aber galt sie im Hause als sehr tüchtig, und alle lobten ihren Fleiß und ihr Können. Sie war etwas größer als die beiden, blickte ein wenig verlegen von einer zur anderen, denn diese Situation war ihr nicht so vertraut Was sollte sie sagen? Sollte sie lügen? Sollte sie den beiden Frauen erzählen, dass drinnen im OP alles ganz simpel und glatt zuging, oder sollte sie erzählen, dass alles auf Messers Schneide stand?

»Ich kann Ihnen da leider keine Auskunft geben. Sie müssen schon die Ärzte fragen. Ich kann es auch gar nicht beurteilen.«

Wie glatt mir diese Lüge von den Lippen kommt, dachte sie. Ich habe ja lange genug danebengestanden. Sie hatten nicht einmal Zeit, sich um mich zu kümmern, sich die Aufnahmen anzusehen.

»Und wann kann man einen Arzt sprechen?«

»Sie sind alle noch beim Operieren. Das ist nicht so einfach. Ich weiß nicht, wie lange das noch dauert! Aber ganz sicher werden Sie sofort etwas erfahren, sobald die Ärzte auch nur einen Augenblick Zeit haben. Die wissen doch, dass Sie hier warten, oder?«

»Von mir wissen Sie es«, erwiderte Helga.

»Machen Sie sich keine Sorgen! Man tut alles, was man kann!« Sie nickte den beiden Frauen aufmunternd zu, dann ging sie.

»Man tut alles, was man kann!«, wiederholte Frau Bindermann wie ein Echo, aber es klang spöttisch, fast herausfordernd. »Man wird ja wohl auch erwarten dürfen, dass alles getan wird.«

Helga sagte nichts dazu. In dieser Bemerkung hörte sie sehr deutlich Günters Vater sprechen. Sie setzte sich wieder hin, und plötzlich wurde ihr schlecht. Sie versuchte, dagegen anzukämpfen, dachte noch: Ich muss stark bleiben. Ich kann doch nicht auch schlappmachen, jetzt, wo Günter mich braucht …

Aber es verging so plötzlich, wie es gekommen war. Die Angst um Günter war geblieben.

 

 

13. Kapitel

 

Die letzte Naht war genäht. Alena legte den Nadelhalter beiseite, während Dr. Hausmann einen Sulfonamid-Puder über die frische Naht streute. Danach wurde der Verband angelegt.

Dr. Neubert und die Schwestern waren noch damit beschäftigt als Professor Mohnhaupt in den OP trat.

»Wie sieht es aus?«, fragte er. Er hatte sich sicherheitshalber den Mundschutz angelegt und einen OP-Kittel angezogen.

Oberarzt Dr. Hausmann wandte sich seinem Chef zu und sagte: »Es sieht gut aus, besser, als wir hoffen durften. Zwei Aneurysmen! Das war das Schlimmere. An der Leber haben wir eine Lappenresektion durchgeführt. Sie war unumgänglich. Ich glaube, der Unfall war für ihn schwerer, als man zunächst annehmen konnte. Es hat doch infolge dieses sehr starken stumpfen Bauchtraumas eine erhebliche Parenchymprellung vorgelegen.«

Professor Mohnhaupt warf einen Blick zur Anästhesistin Frau Dr. Bender. Sie blickte ihn durch ihre große Brille an und erwartete wohl seine Frage. Wie meist kam sie dem schon zuvor, indem sie sagte: »Der Druck ist gut. Der Kreislauf hat sich stabilisiert. Ein zäher junger Mann! Mit einem Herz wie eine Dampfmaschine!«

Alena nickte. »Ja, das muss man bestätigen. Er hat ein Herz aus Stahl. Seine Jugend war sein größter Trumpf.« Professor Mohnhaupt nickte verständnisvoll. »Hoffentlich sind nicht noch irgendwelche subkapsulären Verletzungen.«

»Ich glaube nicht! Diesmal haben wir alles, soweit man das überhaupt sagen kann. Man kann ja nicht überall hineinsehen!«

»Nein, das kann man nicht!«, bestätigte Professor Mohnhaupt. »Ganz besonders bei solchen Verletzungen ist das immer ein Problem. Dabei haben wir uns doch sehr gründlich umgesehen beim ersten Mal.«

»Ich war bei der ersten Operation nicht dabei«, erwiderte Dr. Hausmann. »Aber ich kann mir vorstellen, dass in diesem Hause nichts mit 'links' gemacht wird!« Professor Mohnhaupt wandte sich Alena zu. »Draußen sitzt die Mutter mit der Freundin dieses jungen Mannes. Frau Marholz hatte mir schon Bescheid gesagt, deswegen bin ich durch einen anderen Eingang herein. Ich musste mich ja selbst überzeugen. Wenn Sie wollen, können Sie mit ihnen reden. Es gibt hier etwas Günstiges zu sagen. Vielleicht macht Ihnen das mehr Freude.«

Alena nickte und sagte: »Ich werde mich aber noch umziehen.«

Professor Mohnhaupt wandte sich Frau Dr. Bender zu. »Haben Sie die Intensivstation schon informiert?«

Dr. Ursula Bender nickte, aber bevor sie antworten konnte, sagte Oberarzt Dr. Hausmann: »Wir warten noch auf Herrn Braun. Der will noch eine Aufnahme machen - da kommt er schon.«

Groß und breitschultrig trat Dr. Matthäus Braun in den Raum. Der Röntgenologe der Klinik war zweiundvierzig Jahre alt. Ein Mann wie ein Baum, wie man sagte. Er lächelte, als ihm eine der Schwestern den Mundschutz vorband. »Ihr habt es geschafft, nicht wahr?«, sagte er, als ihm die Bleischürze umgebunden wurde. Die Schwestern stellten den Strahlenschutz auf. So machte Dr. Braun seine Aufnahme.

»Und schon sind wir fertig! Frau Marholz!«, rief er. Die Röntgenassistentin kam, nahm ihm die Platte ab und verschwand wieder.

»Der Mohr hat seine Pflicht getan. Jetzt kann er gehen!«, sagte Dr. Braun. »Ich drücke euch die Daumen für ihn!«

»Ich komme nachher die Aufnahme ansehen«, kündigte Oberarzt Dr. Hausmann an. Für Alena war diese Arbeit vorläufig beendet, und sie hoffte, dass es die letzte Operation für Günter Bindermann sein würde. Und sie hoffte ebenso, dass er bald wieder gesund würde, denn er hatte jetzt alle Aussichten dazu. Der durch den Unfall verletzte Leberlappen, von dem auch diese rezidivierende, also immer wieder neue Krankheitsschübe verursachende Wirkung ausging, war entfernt worden.

Vielleicht, sagte sich Alena, hat der junge Mann auch eingesehen, dass man es wirklich mit ihm gut meinte.

Die Operation hatte sie angestrengt Aber sie musste noch mit der Mutter und der Braut des jungen Mannes reden. Eine der Schwestern half ihr beim Umziehen. Dann ging sie hinaus in den Warteraum.

Die beiden Frauen sprangen wie auf ein Kommando von den Stühlen und kamen ihr entgegen.

Alena lächelte. »Es ist alles gut. Die Operation ist gut gegangen.«

Die Frauen bestürmten sie mit Fragen, und Alena versuchte es ihnen zu erklären, was sie getan hatten.

»Herr Bindermann ist bei dem Unfall irgendwo sehr stark aufgeprallt. Dabei ist es innerlich, wie Sie wissen, zu Zerreißungen und Schädigungen gekommen, die nicht alle sofort erkennbar waren. Zum Beispiel wurden Blutgefäße beschädigt. Diese Schäden machen sich erst nach Tagen, manchmal erst nach Wochen bemerkbar. Es kann zu Zerreißungen kommen. Es kann aber auch nur zu einer Art Ausbuchtung kommen. Es können sich aber auch infolge dieses Unfalls Blutergüsse bilden, die im Gegensatz zu anderen Blutergüssen nicht gerinnen, sondern voll durchblutet bleiben, also eine Art Ausbuchtung oder Säckchen an der Körperhauptschlagader. Wenn die dann völlig zerreißen, ist es meistens zu spät. - Wir haben zwei solche Stellen entdeckt und auch weiter gesucht, ob nicht noch mehr Verletzungen dieser Art vorliegen. Aber das ist wohl nicht der Fall, jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen wurde von uns da nichts mehr entdeckt.«

»Und was haben Sie getan?«

»Das wieder operativ in Ordnung gebracht. An diesen Stellen ist nichts mehr zu befürchten. Auch an der Leber ist ein verletztes Stück entfernt worden. Es war nun unumgänglich, da von da aus neue Schädigungen ausgegangen sind. Sie wissen, dass die Leber eine riesengroße Drüse ist. Dort aber, wo sie nicht voll funktioniert, verursacht sie im Körper Schaden.«

»Kann man ihn sehen?«, fragte Helga sofort.

»Nein, bitte noch nicht! Er wird auf die Intensivstation gebracht. Das tun wir grundsätzlich nach Operationen dieser Art. Es ist auch sicherer, weil er dort unter ständiger Kontrolle steht. Je nachdem, wie der Heilungsverlauf fortschreitet, können wir ihn wohl in einigen Tagen auf die Station verlegen. Ich hoffe, dass das sehr bald der Fall sein wird.«

»Wann können wir ihn denn sehen?«, fragte Helga weiter.

»Sie können ihn morgen sehen.«

»Über den Monitor?«, fragte Frau Bindermann, die ja schon damals nach dem Unfall täglich hier in die Klinik gekommen war und deshalb Bescheid wusste.

Alena nickte. »Ja, über den Monitor. Aber ich möchte doch noch einmal mit Ihnen beiden reden, über etwas ganz anderes. Vielleicht ist heute nicht der richtige Zeitpunkt. Vielleicht können wir es morgen tun oder an einem anderen Tag. Wir sollten es nur nicht vergessen.«

Frau Bindermann trat einen halben Schritt zurück. Alles in ihr war Ablehnung. Jetzt war sie wieder die alte, jene Frau Bindermann, die sich gern »Frau Direktor« nennen ließ. »Sie mit uns reden?«, fragte sie. »Wie meinen Sie das?«

»Vieles von dem, was hier geschehen ist«, sagte Alena, »hätte nicht zu sein brauchen. Und insofern nehme ich mir das Recht, mit Ihnen beiden darüber zu sprechen, und am liebsten auch mit Ihrem Mann. Aber der ist ja heute nicht da.«

»Ich werde ihn sofort anrufen!«

»Er hat vorhin schon einmal während der Operation mit der Klinik telefoniert. Wir haben das erfahren. Er hat von London aus angerufen. Er wird ganz sicher noch einmal versuchen, uns zu erreichen. Vielleicht sollten Sie ihm zuvorkommen. Unsere Zentrale, Frau Boiler, hat sicher die Nummer.«

»Ich hab’ sie auch«, sagte Frau Bindermann ein wenig schnippisch. Nun, da sie wusste, dass es ihr Sohn geschafft hatte, hüllte sie sich wieder in das alte Gewand, zeigte ihren Stolz, spielte ihre Macht oder die ihres Mannes aus. Aber auf Alena machte das wenig Eindruck.

Alena blickte Helga an, und als sie ihre Blicke tauschten, war ein tiefes Einverständnis zwischen beiden.

Alena verabschiedete sich von Frau Bindermann und ging hinaus. Helga indessen wartete noch.

Als ihr Alena die Hand hinstreckte, nahm sie die und sah Alena fest an: »Bitte, Frau Doktor, wird er durchkommen? Sagen Sie mir die Wahrheit!«

»Ich glaube, dass er durchkommt. Ich sagte schon während der Operation, oder um genau zu sein, ziemlich am Schluss, dass Günter Bindermann ein Herz wie Stahl hat. Es war eine schwere Operation, und gefährlich war sie auch. Trotzdem, es kann immer zu Komplikationen kommen. Ich will Ihnen da nichts vormachen. Aber er ist jung. Das ist sein größtes Kapital. Ich denke schon, dass er durchkommt.«

»Er muss durchkommen!«, erklärte Helga. »Er muss. Ich erwarte ein Kind von ihm!«

Alena nickte. »Ich weiß. Er hat es mir erzählt. Er liebt Ihr Kind. Er hat es mir erzählt, und er liebt Sie. Wir alle wissen das, und wir alle wollen, dass er durchkommt. Wir wollen das bei jedem Patienten. Wir kämpfen bei jedem darum, dass er es schafft. Wir tun, was wir können. Aber es gibt Mächte, die sind stärker als wir.«

»Ich weiß, Frau Doktor! Ich würde Ihnen gerne helfen! Kann ich etwas tun, um Ihnen zu helfen? Könnte ich nicht selbst … in die Intensivstation … ich meine … könnte ich nicht …«

Alena legte Helga die Hand auf die Schulter, schüttelte den Kopf und lächelte nachsichtig. »Das ist lieb von Ihnen! Es ist sehr lieb! Ich glaube, er hat recht, wenn er sagt, dass Sie der Mensch sind, der ihm am meisten bedeutet. Das hat er mal zu mir gesagt. Aber wir kommen auch ohne Ihre Hilfe zurecht. Wir tun wirklich unser Bestes. Sie können ganz sicher sein.«

»Ich würde doch so gerne helfen! Ich möchte doch auch etwas tun!«

Alena empfand plötzlich ein warmes schwesterliches Gefühl diesem jungen Mädchen gegenüber. »Sie müssen auch etwas tun: Sie müssen für das sorgen, was Sie unter dem Herzen tragen. Sie müssen alles tun, was dazu führt, dass Sie und dieses kleine Wesen gesund bleiben. Was Günter anbetrifft, so tun wir das Unsere.«

»Ich habe vorhin mit seiner Mutter gesprochen. Sie war sehr garstig zu mir gewesen damals, als ich angerufen hatte und wissen wollte, wo er liegt. Damals sagte sie mir nicht, dass er hier in dieser Klinik ist. Aber jetzt, in ihrer Sorge um ihren Jungen, war sie sehr nett zu mir. Sie hatte genau solche Angst wie ich. Ich habe gesehen, dass sie innen drin so ist wie Günter, nämlich gut.«

»Das ist nur Schale«, erwiderte Helga. »Ich weiß nicht, warum sie so ist. Aber sie tut nur so. In Wirklichkeit ist sie nett, und Günter ist auch nett. Etwas muss er ja von ihr haben.«

»Ich werde nächstes Mal mit ihr reden, morgen oder übermorgen, irgendwann einmal. Und ich wünsche nur, sein Vater käme auch mit.«

»Seien Sie nicht so streng mit ihnen«, bat Helga, »ich glaube, sie sind sich dessen gar nicht bewusst, was sie tun und was sie sagen.«

»Dann wird es aber Zeit, dass sie es lernen. Wenn nicht gerade heute, dann irgendwann in nächster Zeit. Und jetzt muss ich mich leider von Ihnen verabschieden. Ich habe noch andere Patienten.«

Helga nickte. »Schönen Dank, Frau Doktor. Vielen Dank für alles, und sagen Sie das auch den anderen Ärzten und Schwestern. Ich bin froh, wenn wieder alles gut wird. Ich glaube fest, dass alles gut wird. Jetzt glaube ich es. Frau Bindermann hat mich vorhin gefragt, ob ich nicht eine Ahnung hätte.«

»Was für eine Ahnung?«, wollte Alena wissen.

Helga lachte. »Das habe ich auch gesagt. Aber sie hat es mir erklärt. Sie meinte, wenn eine Frau einen Mann liebt, sehr liebt, überhaupt jemanden sehr liebt, dann hätte sie einen Instinkt oder eine Ahnung, soweit es um das Schicksal desjenigen geht. Ich habe sie vorhin gar nicht verstanden. Aber jetzt weiß ich, was sie meint. Ich habe ein gutes Gefühl. Ich glaube, Günter schafft es!«

»Wir wollen fest hoffen, dass ihr Gefühl richtig ist. Ich glaube und hoffe, dass er es schafft!«, sagte Alena.

Als Helga ging, sah ihr Alena noch einen Augenblick lang nach, und sie dachte: Er kann glücklich sein, wenn sie seine Frau wird. Eine bessere wird er bestimmt nicht finden.

 

 

14. Kapitel

 

Als Günter Bindermann erwachte, spürte er einen komischen Druck im Hals und hörte zugleich irgendwo hinter sich ein seltsames Zischen.

Das Geräusch kam ihm bekannt vor, aber er wusste im Augenblick nicht, wo er es schon gehört hatte. Dann aber, als er über sich die beiden Neonlampen sah und dann spürte, dass etwas um seine Arme gebunden zu sein schien, da ahnte er, wo er sich befand. Er schielte an sich herunter. Er war völlig nackt. Er entdeckte den Schlauch des Harnkatheters und war nun sicher, wo er sich befand: die Intensivstation.

Er wollte etwas sagen, aber es ging nicht, genau wie damals nach dem Unfall. Ich bin intubiert, dachte er. Sie haben mich künstlich beatmet. Davon rührt auch das Zischen her. Nein, dachte er. Davon nicht. Das ist von einem anderen Bett.

Er drehte den Kopf nach links und sah ein Stück entfernt noch einen Patienten liegen. Er war ebenfalls nicht zugedeckt, und an seine Hand und Fußgelenke führten die Kabel der ständigen EKG Überwachung von Herz und Kreislauf. Auch dieser Patient hatte einen Katheter, zugleich hingen Infusionen an seinem linken Arm.

Auch bei sich selbst entdeckte Günter Bindermann einen Infusionsschlauch, und er sah auch die Flasche, aus der es regelmäßig in den Schlauch tropfte und von dort in seine Vene rein.

Wie komme ich hierher?, fragte sich Günter. Was ist denn nur passiert? Habe ich denn schon wieder einen Unfall gehabt? Oder war alles ein Traum?

Er nahm den Kopf nach rechts. Eine Schwester saß hinter einem Tisch, vor sich die ganzen Geräte. Sie schrieb etwas. Sie sah gar nicht auf.

Günter wollte den Arm heben, aber sie hatten ihn angebunden, vielleicht deshalb, damit er sich nicht die Infusionsnadel herausreißen sollte oder gar den Katheter.

Er wollte etwas rufen, hatte wieder vergessen, dass er intubiert war, aber es ging nicht. Er konnte sich nicht verständlich machen.

Er blickte intensiv zu der Schwester hin. Sie war jung, rotblond und hatte ein Gesicht voller Sommersprossen. Jetzt schaute sie auf, erkannte seinen Wachzustand, sah ihn forschend an, erhob sich und kam zu ihm hin. »Ich werde den Doktor holen! Augenblick!« Dann drehte sie sich um, lief hinaus.

Kurz danach kam sie mit Dr. Hochberg zurück.

Günter kannte Dr. Hochberg, der meistens Nachtdienst hatte. Aber jetzt schien Tag zu sein, oder war es Nacht? Günter hätte es nicht sagen können.

»Aha, da sind wir ja wieder! Hat ja lange gedauert! Hoffentlich sind Sie diesmal etwas vernünftiger geworden, junger Mann! - Schwester Sabine«, wandte er sich an die Schwester, »wir können ihn extubieren. Der Katheter bleibt noch drin! Oder nein, tun wir den auch raus! Er ist jetzt im Wachzustand, und das bleibt auch so. Wollen wir ihn nicht unnütz quälen.«

Der Tubus wurde vorsichtig herausgenommen, sodass der Kehlkopf frei war und Günter wieder sprechen konnte. Aber mehr als ein heiseres Krächzen brachte er nicht heraus.

Dr. Hochberg stellte sich neben ihn ans Bett. »Alles das wäre nicht nötig gewesen, hätten Sie diesen Ausflug unterlassen«, sagte er.

Günter sah ihn auf eine merkwürdige Art an. Er begann jetzt erst Zug um Zug zu begreifen, was überhaupt vorgefallen war. Ich habe das nicht geträumt, dachte er. Das stimmt alles, das ist passiert!

Dr. Hochberg strich sich über seine grauen Schläfen. »Ja, mein Freund, Sie haben noch mal Glück gehabt. Wir mussten Sie noch einmal operieren. Aber jetzt wird wohl hoffentlich alles gut mit Ihnen.«

»Helga«, wollte Günter sagen, aber er krächzte es nur, dass Dr. Hochberg ihn nicht verstand.

»Was ist?«, fragte Dr. Hochberg.

»Helga«, flüsterte Günter. »Wo ist Helga? Meine Freundin! Helga Gartzow!«

»Der geht es gut! Sicher! Der geht es bestimmt sehr gut. Die ist während der Operation hier gewesen. Aber jetzt ist sie sicher zu Hause, oder was weiß ich! Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen. Sie kommt erst morgen wieder. Es ist schon Abend. Der Nachtdienst hat begonnen. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wir passen auf Sie auf!«

»Machen Sie die Fesseln weg! Ich kann das nicht ertragen! Machen Sie die Fesseln weg!«

»Natürlich, wir machen die Fesseln weg. Wir haben Sie nicht gefesselt, damit Sie nicht weglaufen, sondern damit Sie sich nicht den Katheter herausreißen. Schwester Sabine«, Dr. Hochberg wandte sich wieder an die Schwester, »machen Sie ihm bitte die Fesseln ab. Ich komme gleich noch einmal zurück, junger Mann, und dann müssen wir beide ein ernstes Wort miteinander reden. Ich möchte nicht, dass Sie noch einmal weglaufen.«

Dr. Hochberg wollte schon gehen, aber er blieb dann doch noch mal stehen, sah Günter an, der etwas sagen wollte. Er räusperte sich, dann flüsterte er:

»Holen Sie Helga! Ich muss mit Helga sprechen! Helga Gartzow!«

»Sie können sie jetzt nicht sprechen. Sie können jetzt keinen Besuch empfangen. Sie dürfen sich auch nicht so aufregen. Bleiben Sie ruhig, sonst muss ich Sie wieder sedieren.«

»Was müssen Sie?«, fragte Günter aufgeregt.

»Ich muss Sie ruhigstellen. Also bleiben Sie doch von allein ruhig, dann brauche ich Ihnen keine Spritze zu geben!«

»Aber ich muss mit ihr sprechen!«, sagte Günter.

»Sie können doch jetzt nicht mehr mit ihr sprechen. Vielleicht schläft sie schon! Und Sie brauchen Ihre Ruhe!«

»Ich muss ihr etwas sagen! Es ist sehr wichtig! Ich muss es ihr sagen! Das Aufgebot! Sie muss das Aufgebot …«

»Sehen Sie, Sie haben sich schon wieder übernommen. Jetzt wird Ihnen schlecht! Sie müssen ganz ruhig bleiben! Sie sind noch viel zu schwach.« Er wandte sich wieder Schwester Sabine zu. »Den Tropf mit dem Frischblut etwas stärker einstellen!«

Aber Günter war nicht bewusstlos. Es war ihm auch nicht schlecht geworden. Er brachte nur einfach keinen Ton mehr heraus.

Er öffnete die Augen, sah Dr. Hochberg an und flüsterte wieder: »Rufen Sie sie doch, bitte, bitte!«

Dr. Hochberg blieb freundlich, aber er schüttelte den Kopf. »Es geht nicht! Es tut mir sehr leid. Bleiben Sie ganz ruhig!« Dann ging er hinaus.

Auf dem Weg zum Arztzimmer traf er plötzlich Dr. Neubert »Was machen Sie denn noch hier?« Dann entdeckte er, dass Dr. Neubert einen kleinen Blumenstrauß in der linken Hand hielt.

»Haben Sie den in den Anlagen gepflückt?«, fragte er spöttisch.

»Natürlich nicht! Ein anständiger Mensch kauft so etwas im Laden!«

»Die sehen aber tatsächlich so aus, als wären sie aus dem Klinikpark.« Dr. Hochberg lachte. »Machen Sie Feierabend, Herr Neubert! Morgen früh wird wieder ein harter Tag. Sie haben doch sicher gelesen, was der Chef angeschlagen hat? Er hat sich morgen die Herzoperation vorgenommen.«

»Ich weiß. Ich muss assistieren. Frau Bärwald ist fein raus. Die hat einen Notfalleinsatz. Die braucht nicht mitzumachen!«

»Glauben Sie, das wäre bedeutend besser? Na, ich weiß nicht! Ich bin ja selbst Notarzt. Ich wäre manchmal lieber im OP als draußen auf den Straßen.«

»Also ich muss jetzt weg. Man erwartet mich!«, erklärte Dr. Neubert.

»Wer ist ,man‹?«, fragte Dr. Hochberg. Aber die Antwort auf diese Frage brauchte Dr. Neubert nicht mehr zu geben, denn auf der anderen Seite des Ganges tauchte, noch immer im weißen Kittel, Dr. Alena Bärwald auf. Dr. Neubert ging sofort auf sie zu, streckte die Hand mit dem Blumenstrauß aus und rief: »Die schönsten Orchideen für die schönste Frau der Welt! Gnädigste, ich liege Ihnen mit diesen Blumen zu Füßen!«

Alena lachte, und Dr. Hochberg meinte: »Für euch beide wird es Zeit, dass ihr aus der Klinik verschwindet!«

»Bis auf eine Kleinigkeit«, sagte Alena. »Ich habe mit Kollege Braun das Ergebnis der Röntgenaufnahmen besprochen.«

»Ich habe sie drüben. Wir können sie noch einmal ansehen«, meinte Dr. Hochberg.

»Wenn ihr beide euch einbildet, ihr könntet mich wie ein fünftes Rad am Wagen abschieben, dann könnt ihr mich mal kennenlernen!«, meinte Dr. Neubert lachend.

»Mit Ihnen habe ich schon über die Aufnahmen gesprochen«, meinte Dr. Hochberg. »Es dauert nicht lange! Fünf Minuten. Sie können ja mitkommen!«

»Wie lange soll ich die Blumen noch in der Hand halten?«

Alena nahm sie, lachte und fragte: »Welche Bedingung ist daran gebunden, dass ich die Blumen annehme?«

»Dass wir beide morgen Abend zusammen ausgehen! Wir haben beide dienstfrei am nächsten Tag. Sie den ganzen Tag und ich am Vormittag«, sagte Dr. Neubert »Es dürfte also ruhig spät werden, oder sind Sie schon besetzt?«

»Wie sich das anhört … 'sind Sie schon besetzt?'«, rief Alena.

»Tut mir leid!«, entschuldigte sich Dr. Neubert. »So war es natürlich nicht gemeint! Also haben Sie morgen Abend Zeit oder nicht?«

»Ich hätte auch ohne die Orchideen Zeit gehabt«, erklärte Alena.

»Das ist endlich mal ein vernünftiges Wort! Sagen wir um acht?«

»Nun hört mal, ihr beiden! Ich habe doch meine Zeit nicht im Lotto gewonnen. Und ich möchte auch nicht unbedingt an euren intimsten Abmachungen teilhaben. Also wenn ihr schon ein Rendezvous vereinbaren wollt, tut das anderswo. Ich möchte jetzt mit Dr. Bärwald die Röntgenaufnahmen besprechen und dann wieder meiner Arbeit nachgehen! Was soll das denn?« Neubert grinste Dr. Hochberg an: »Eifersüchtig?«

»Nun reden Sie nicht so viel Quatsch! Also, was ist? Gehen wir jetzt die Aufnahmen ansehen oder was?«

»Ich warte unten auf Sie«, sagte Dr. Neubert und blickte dabei Alena an.

Sie nickte nur, lächelte ihm zu und folgte dann dem leicht verärgerten Dr. Hochberg.

Sie gingen zusammen in die Ambulanz.

»Haben Sie die Aufnahmen hier?«, fragte Alena.

Er antwortete nicht, sondern nahm zwei Aufnahmen vom Tisch, steckte sie in die Leuchte und sagte: »Sehen Sie es sich an! So viel Glück kann ein Mensch allein bald nicht haben! Aber was er jetzt braucht, ist eine Seelenmassage! Jemanden, der ihm klarmacht, dass wir nicht zum Vergnügen hier sind und aus reiner Jux und Tollerei seine Einfälle mitmachen! Wenn er hier noch einmal spazieren geht, dann bin ich auch dafür, dass wir ihn in eine andere Klinik bringen lassen. Immerhin, er ist wieder aufgewacht, und ich halte es für richtig, wenn irgendwer mit seinem Vater spricht! Oder ist Ihnen das inzwischen gelungen?«

»Eben nicht!«, erklärte Alena. »Mit der Mutter habe ich gesprochen. Sie ist ja im Prinzip einsichtig, und sie will das ja auch alles gar nicht. Aber der Vater ist immer unterwegs. Und wenn er nicht unterwegs ist, dann hat er Termine. Es ist ihm so gut wie alles wichtiger als sein Sohn, das heißt, sein Sohn ist ihm schon wichtig, solange er sich von ihm ans Gängelband nehmen lässt.«

»Dr. Bärwald, versuchen Sie noch einmal Ihr Glück! Ich habe auch mit dem Chef gesprochen. Auch der Oberarzt meint, dass Sie das besser können als wir alle. Das ist ein sehr einflussreicher Mann, dieser Bindermann, schwierig zudem, sehr von sich und seiner Macht eingenommen. Trotzdem hängt der Heilungserfolg bei dem Jungen nicht nur davon ab, was wir tun, sondern ganz einfach auch von seinem Verhältnis zur Umwelt.«

»Ich will tun, was ich kann. Aber ich bin kein Psychiater, und Wunder wirken kann ich auch keine!«

»Aber Sie sind eine Frau, dazu eine bezaubernde Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Bindermann daran vorbeisieht. Im Übrigen fällt mir da etwas ein, was ich ganz zufällig gehört habe. Er soll ein Verhältnis haben mit irgendeiner jungen Dame, deren Namen ich nicht kenne. Wenn Sie da mehr wissen wollen, da sprechen Sie am besten mal mit Frau Boiler. Die ist immer bestens informiert. Aber auch unsere Bettina Förster weiß Bescheid. Von ihr habe ich den Tipp.«

»Das geht ja richtig kriminalistisch bei uns zu. Jetzt kümmern wir uns schon um die Privatverhältnisse der Angehörigen unserer Patienten. Geht das nicht etwas zu weit?«

Hochberg zuckte die Schultern. »Ich finde es auch nicht gut! Auf der anderen Seite hängt wohl hier gerade bei diesem Jungen alles zusammen. Sie wissen doch, dass schon die Zeitungen über diese Geschichte berichtet haben.«

»Ich habe auch davon gelesen. Die Rhein-Zeitung hatte einen langen Bericht gebracht.«

»Eben«, meinte Dr. Hochberg. »Das gefällt dem Chef natürlich nicht besonders, obgleich wir in dem Bericht so gut abschneiden. Aber in solche Skandalgeschichten ist der Chef mit seiner Klinik natürlich nicht sehr gern verwickelt, Direktor Bindermann ganz sicher auch nicht. Das wäre vielleicht die Basis, auf der Sie mit ihm sprechen könnten. Wenn Sie ihm nicht als Vater beikommen können, dann vielleicht in einem Punkt, wo es um sein Prestige geht.«

»Also gut«, sagte Alena und blickte noch einmal auf die Röntgenaufnahmen. »Wenn es keine Komplikationen gibt, dann wird er wieder gesund, und das ist doch wohl für alle das Wichtigste, am Ende wohl auch für seinen Vater.«

»Das denke ich auch«, bestätigte Dr. Hochberg.

Aber sie irrten sich beide. Direktor Bindermann hatte in diesen Dingen ganz eigene Ansichten.

Als Alena die Klinik verließ und unten von Dr. Neubert erwartet wurde, fühlte sie sich richtig erleichtert. Es war ein harter Tag gewesen, und sie war froh, einen Menschen um sich zu haben, der ihr sympathisch war, der sie auf andere Gedanken brachte und sie andererseits verstand. Er verstand sie deshalb, weil er ja ihre Arbeit kannte, die ja auch seine Arbeit war. »Wenn Sie wollen, fahre ich Sie heim«, sagte er, »mit Ihrem Wagen. Ich lasse meinen hier stehen! Ich kann morgen früh zu Fuß gehen, oder mit dem Bus fahren, was noch besser ist.«

Alena strich sich über die Stirn. »Das ist nett von Ihnen«, sagte sie. »Heute bin ich richtig froh, wenn mich einer nach Hause fährt.«

Sie lächelte ihm freundschaftlich zu. Als sie dann im Auto saßen, fuhr er noch nicht gleich los, sondern blickte sie an und fragte: »Warum sind Sie eigentlich so steif, wenn wir beide zusammen sind? Ich habe manchmal das Gefühl, Sie zwingen sich dazu, besonders bei mir Distanz zu wahren.«

Sie lachte ein wenig verlegen und erwiderte: »Ich weiß zwar nicht, wie Sie das sehen, aber vielleicht ist es besser so, weil wir doch zusammenarbeiten. Es tut nicht gut, wenn Kollegen Verhältnisse miteinander haben. Und außerdem, bei Ihnen habe ich manchmal das Gefühl, dass Frauen für Sie nur Spielzeug sind.«

In gespielter Empörung sah er sie an. »Sie tun mir unrecht. Und Sie wissen es!«

»Ich weiß es durchaus nicht! Im Gegenteil! Ich bin ziemlich sicher, dass ich recht habe.«

Er gab keine Antwort und fuhr los. Aber als sie an einer Ampel bei Rot an halten mussten, blickte er sie an. »Und Sie tun mir doch unrecht! Warum machen wir es uns so schwer? Es könnte alles viel schöner sein! Ich liebe Sie, Alena!«

»Bitte sagen Sie das nicht! Wir wollen Freunde bleiben, gute Freunde! Die einander vertrauen können!«

»Aber ich bin Ihr Freund! Also gut, sprechen wir nicht mehr davon. Aber bei der Verabredung von morgen bleibt es?«

Sie nickte lächelnd, dann fuhr er weiter.

Zehn Minuten später erreichten sie Alenas Haus.

Sie stiegen zusammen aus, und Alena fragte noch: »Soll ich Sie nach Hause fahren?«

Dr. Neubert schüttelte den Kopf. »Ich werde zu Fuß gehen. Das kühlt mich ab.« Er lachte. »Oder es steigert mein Verlangen nach Ihnen! Bis morgen! Aber nun sagen Sie um Himmels willen nicht ab! Schlagen Sie keinen Verliebten vor den Kopf!«

»Hören Sie, wollen wir nicht …«, versuchte sie einzuwenden. Aber er winkte ab und rief ihr zu, während er sich schon auf den Weg machte:

»Nichts sagen! Nichts zerschneiden! Nichts zerschlagen! Morgen reden wir weiter!«

Alena seufzte und ging dann ins Haus.

Alenas Haushälterin Lina Ehrlich, die Alena nur Linchen nannte, machte auf.

»Du hast wieder hinter der Gardine gestanden, nicht wahr?«, sagte Alena und drohte ihr schelmisch mit dem Finger.

Mit ihrer resoluten Stimme antwortete Linchen: »Er gibt es wohl nie auf, was? Das war doch wieder Doktor Neubert!«

»Er sagt, er liebt mich. Was kann ich machen?«

»Und du? Hast du nichts für ihn übrig? Er ist ein hübscher Bursche. Wenn ich nicht zweiundsechzig, sondern erst dreißig wäre wie du, der würde mir gefallen.«

»Er gefällt mir auch, als Kollege, als Freund, aber ich liebe ihn nicht. Mein Gott, ist das so schlimm? Im Übrigen, Linchen, überlass mir bitte meine Freundschaften.«

»Da hat einer angerufen. Du hast mir doch neulich die Geschichte erzählt, wo ihr in Weißenturm wart, mit diesem jungen Mann, der ausgerückt ist. Der Vater hat angerufen. Frau Boiler hat ihm deine Nummer gegeben.«

»Hach!«, machte Alena. »Das tut sie immer wieder, dass sie den Leuten meine Nummer gibt.«

»Was heißt das schon! Sie steht auch im Telefonbuch«, meinte Linchen.

»Was wollte er denn?«, erkundigte sich Alena.

»Er ruft wieder an. In einer Viertelstunde. Da bist du natürlich mitten beim Essen. Ich habe alles fertig. Du kommst im Übrigen sehr spät Ich habe es schon warm stellen müssen. Immer wenn ich so feine Sachen mache!«

»Feine Sachen?« Alena schnupperte. »Was gibt es denn?«

»Eins von deinen fünf Leibgerichten. Nun rate mal!«

Alena schnupperte wieder. »Hefeklöße?«

»Genau!«, bestätigte Linchen, »und zwar mit Heidelbeeren!«

»Huch, dann krieg’ ich ja blaue Zähne!«

»Dann nimmst du Zitrone, und dann sind sie wieder weiß«, erklärte Linchen. »Nun geh schon rein! Ich bring’ sie gleich. Hoffentlich sind sie nicht gar so zusammengefallen! Du weißt ja, dass so etwas schlecht zu wärmen ist.«

Alena hatte sich gerade hingesetzt, als das Telefon klingelte.

Linchen steckte den Kopf zur Tür herein. »Ich sage ihm einfach, du wärst noch nicht da, oder?«

»Nein, lass mal! Ich möchte direkt mit ihm reden. Es dauert nicht lange. Ich mache nur einen Termin aus, und dann werde ich mich mit ihm treffen!«

 

 

15. Kapitel

 

Vier Tage später wurde Günter Bindermann wieder zurück auf die Station gebracht. Aber er bekam nicht mehr das Zimmer, was er gehabt hatte. Dort lag ein Herzpatient.

Der erste Blick, den Günter in das Zimmer warf, galt dem Fenster. Er hatte befürchtet, dass sie ihn in einen vergitterten Raum brachten. Aber das war nicht der Fall. Es war ein normales Zimmer, keine Gitter. Das Fenster stand sogar offen, und ein lauer Sommerwind wehte herein.

Unmittelbar nach der Umbettung kam Alena. Sie betrat das Zimmer, lächelte, als ob nie etwas gewesen wäre. Als die Schwestern das Zimmer verlassen hatten, setzte sie sich zu Günter Bindermann aufs Bett.

Er sah sie schweigend an.

»Ich komme heute Abend mit Ihrem Vater zusammen. Wir haben ein Gespräch vereinbart«, sagte sie. »Ein Gespräch, um das mich einmal Ihr Vater, zum zweiten aber der Herr Chefarzt, gebeten hat. Wie die Dinge liegen, kann ich Ihrem Vater erfreuliche Nachrichten mitbringen. Ihr Zustand hat sich sehr gebessert, und vieles von dem, was nach der ersten Operation noch sehr ungewiss war, ist jetzt in einem guten Zustand. Die Heilung schreitet rascher voran, als wir zu hoffen wagten. Wir haben Sie hier in dieses Zimmer gebracht, aus dem Sie ebenso fliehen könnten wie aus jenem anderen. Das andere war belegt, sonst hätten Sie es wieder bekommen. Ich möchte von Ihnen nur wissen, ob Sie noch einmal den Versuch machen, wegzulaufen? Sie haben uns damit große Ungelegenheiten verursacht.«

Er sah sie verlegen an. »Das tut mir irgendwie leid«, sagte er. »Es war ein Fehler. Trotzdem! Wenn Sie sich in meine Lage versetzen könnten, würden Sie mich auch verstehen!«

»Ich habe Sie besser verstanden, als Sie glauben«, erklärte Alena. Sie sah ihn an. Er war wirklich ein hübscher Kerl. Ein Glück für Helga Gartzow! Und er hielt zu ihr, auch unter so schweren Umständen.

»Sie haben Ihre Verlobte noch nicht sehen können, nur durch den Monitor. Heute kann sie zum ersten Mal zu Ihnen kommen. Und ich werde heute Abend mit Ihrem Vater sprechen. Soll ich ihm Grüße von Ihnen ausrichten?«

»Nein!« Sein Gesicht wurde sofort ernst, fast wirkte es verzerrt in seiner schroffen Ablehnung. »Er hat etwas von mir verlangt, und praktisch von Helga verlangt, was ich nicht billigen kann, was ich ihm nie verzeihen werde. Und er hat mich auch durch meine Mutter etwas wissen lassen, was ich nicht begreife.«

Alena horchte auf. »Wieso? Er hat mir versprochen, dass er mit Ihnen nicht spricht, bis ich mit ihm geredet habe.«

»Er hat auch nicht mit mir gesprochen. Er hat es meine Mutter sagen lassen. Aber mit ihr hat er kein Glück mehr. Sie macht ihm jetzt Schwierigkeiten. Sie hat sich auf meine Seite gestellt. Sie hält zu mir! Und dann hat er mir sagen lassen, dass er mich in seinem Betrieb nicht mehr benötigt. Wenn ich vollkommen genesen bin, wird er mir noch eine Abfindung zahlen, und dann soll ich mir eine andere Stellung suchen.«

»In anderen Worten«, sagte Alena, »er hat Sie gefeuert!«

»Mit einem kleinen Trostpflaster«, entgegnete Günter Bindermann.

»Haben Sie eine Chance, eine andere Stellung zu bekommen?«

Günter schüttelte den Kopf. »Schwer! Ich könnte mich nur um einen Posten in meiner Branche bewerben. Dort kennen mich alle, das heißt, sie kennen meinen Vater. Die einen werden nicht glauben, dass es zwischen uns Krach gegeben hat. Sie denken, ich will sie nur ausspionieren. Das sind die Großen. Und die Kleinen haben irgendwie alle mit ihm zu tun. Sie werden es nicht wagen, mich einzustellen, es sei denn, er befürwortet das ausdrücklich, und dann wieder sieht es so aus, als wollte er einen Mittelsmann in einem fremden Betrieb einschleusen. Ich habe in dieser Branche keine Chance, und nur dort würde ich Geld verdienen. Woanders müsste ich ganz von vorn anfangen. Aber ich werde es tun. Es macht mir nichts aus. Ich fange ganz von vorn an, ganz klein. Ich muss arbeiten! Ich muss Geld verdienen. Sie wissen ja, Helga erwartet ein Kind.«

»Diese ganzen Aufregungen werden Ihrer Braut auch nicht gut tun, und letztlich damit auch dem Kind nicht. Ich werde das auch heute Abend Ihrem Vater sagen.«

»Meine Mutter hält zu mir, und ich glaube, Sie hier halten auch alle zu mir. Ich habe eine ziemliche Dummheit gemacht, nicht wahr? Ich hatte geglaubt, Sie hören auf die Pfeife meines Vaters, und deswegen bin ich weggelaufen. Ich dachte, Sie wollen mich nur festhalten, weil es Ihnen Geld bringt. Jetzt sehe ich das anders.«

»Nun gut, Schwamm drüber! Reden wir jetzt nicht mehr von vergangenen Dingen. Das ist Schnee vom letzten Jahr. Kümmern wir uns um die Zukunft! Sie selbst werden noch Wochen brauchen, bis Sie wieder arbeiten können. Und dann kann es nur eine körperlich sehr leichte Arbeit sein. Sie dürfen sich nicht anstrengen.«

Er starrte trübe vor sich hin. »Aber ich muss Geld verdienen! Ich muss arbeiten!«

»Ich will versuchen, auf Ihren Vater einzuwirken. Das wäre ja unmenschlich, wenn er Sie jetzt auch noch aus der Stellung hinaustut, nur weil Sie nicht von dem Mädchen lassen, dass Sie sich zur Frau erkoren haben.«

Günter sagte nichts darauf. Die ganze Zeit starrte er vor sich hin auf die Bettdecke, und auch Alena schwieg. Schließlich sagte sie:

»Ich denke doch, dass alles wieder gut wird. Er wird sich schon besinnen!« Günter blickte auf. »Ich schaffe es! Ich schaffe es auch ohne ihn! Sprechen Sie nicht darüber! Ich will es nicht. Ich brauche seine Hilfe nicht! Wir kommen ohne ihn aus. Ich bin froh, dass er mich entlassen will. Es ist wie ein reinigendes Gewitter. Danach wird alles besser werden. Und ich brauche ihn wirklich nicht. Vielleicht habe ich viel zu sehr an ihm gehangen. Das war der Fehler von allem. Und er glaubte, er konnte mich dafür wie einen kleinen Hund behandeln, der auf einen Pfiff kommen muss, der Männchen macht und Pfötchen gibt. Nein, es ist besser so. Er hat die Entscheidung getroffen. Aber es ist die richtige Entscheidung. Ich hätte sie sonst von mir aus treffen müssen.«

Alena stand auf, lächelte ihm zu und sagte: »Es wird noch mancher Liter Wasser den Rhein hinunterfließen, bis diese Dinge wirklich spruchreif sind. Ich spreche heute Abend mit Ihrem Vater. Danach sag’ ich Ihnen Bescheid.«

Als sie gegangen war, traf sie draußen auf Dr. Neubert. Er strahlte sie verliebt an. »Es war schön gestern Abend. Es war wunderschön«, sagte er.

Sie lächelte verträumt. »Ja, es war schön! Aber Sie müssen sich an unsere Abmachung halten. Wir wollen Freunde bleiben, nicht wahr?«

Er seufzte. Dann sagte er: »Ich muss leider rasch weiter! Ich habe ganz wenig Zeit. Können wir heute Abend noch einmal darüber sprechen?«

»Heute Abend nicht. Heute Abend habe ich eine Verabredung.«

Er wurde ernst »Mit einem Mann?«

»Mit einem Mann«, erwiderte sie, und es machte ihr Spaß, ihm Rätsel aufzugeben. Sie erkannte die Eifersucht, die ihn beseelte, und wollte dieses Spiel noch ein wenig weiter treiben. »Ein sehr stattlicher und vermögender Mann ist das.«

»Na ja, Vermögen habe ich natürlich keins«, meinte er ein wenig gekränkt.

»Hören Sie, nun reden Sie doch nicht solchen Unsinn!«, beschwichtigte sie ihn. »Ich spreche im Auftrag vom Chef mit Herrn Bindermann, dem Vater unseres Patienten.«

»Warum überträgt der Chef das Ihnen?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht glaubt er, dass eine Frau solche Probleme besser lösen kann. Meist ist das Gegenteil der Fall.«

»Und warum lehnen Sie es nicht ab?«

»Ich war schon drauf und dran, es abzulehnen, aber eben habe ich mit dem Sohn gesprochen. Jetzt möchte ich sogar selbst mit diesem Direktor Bindermann reden! Ich habe ihm da einiges zu sagen.«

»Wäre es nicht besser, wenn ich mitkäme? Wir könnten ja zu zweit mit ihm reden.«

Alena schüttelte den Kopf. »Nein, nein! Lassen Sie mal! Ich habe keine Angst vor ihm. So ist das nicht. Im Gegenteil.«

 

 

16. Kapitel

 

Alena hatte sich auf einiges gefasst gemacht, als sie zu Direktor Bindermann kam. Sie hatte zum Beispiel damit gerechnet, dass er sie sehr feindselig behandeln würde oder von oben herab, und dass es vielleicht sehr steif zugehen würde. Aber alles kam ganz anders.

Als sie in den großen Park einfuhr, der das Grundstück des Bindermann’schen Anwesens umgab, wurde sie nicht von irgendeinem Angestellten, sondern von Bindermann selbst empfangen. Er war ziemlich leger gekleidet, mit sportlichem Hemd, den Kragen offen, Jeans, ganz so, als werde er jeden Augenblick damit beginnen, den gewaltigen Rasen seines Grundstücks zu mähen.

Unbefangen trat er Alena entgegen, strahlte sie freundschaftlich an und sagte: »Ich habe nur unsere alte Haushälterin hier. Meine Frau ist nicht da. Das andere Personal hat frei. Ich hoffe, Sie haben Ihre Erwartungen hinsichtlich meiner Gastlichkeit nicht zu hoch geschraubt.«

»Wie soll ich das verstehen?«, fragte sie.

»Nun ja, für einen Drink und einen kleinen Imbiss wird es reichen. Ich sagte Ihnen ja, ich habe kein Personal da.«

»Ich bin nicht gekommen, um bei Ihnen zu essen. Ich wollte mit Ihnen reden, Herr Bindermann!«

»Das können wir tun. Kommen Sie! Es ist ziemlich kühl heute Abend.«

Er führte sie hinein. Er besaß eine große Wohndiele, und an der hinteren Seite prasselte ein Feuer im Kamin. Es war eine anheimelnde Stimmung, die Alena sofort gefangen nahm. Die Diele war eingerichtet wie in einem alten niederdeutschen Bauernhaus. Die Wände waren ganz in Backstein gehalten, und von den Decken hingen schmiedeeiserne Ketten mit den Lampenschalen herunter. Blumen sprossen aus flachen Tonschalen, die scheinbar wahllos herumstanden, aber dem Ganzen eine sehr wohnliche Atmosphäre gaben. Nichts wirkte übertrieben, aufdringlich oder protzig. Alena war angenehm berührt. Sie hatte befürchtet, das Heim Bindermanns sei das Aushängeschild seines Reichtums. Doch dies war nicht der Fall.

Vor dem Kamin gab es bequeme skandinavische Sessel, und dort ließen sie sich nieder. Die Wärme des Kamins war an diesem kühlen Sommerabend angenehm. Alena fröstelte etwas, rieb sich in der Nähe der Flammen die Hände und sagte: »Das duftet so herrlich nach Buchenholz.«

Bindermann lächelte nur, sah Alena an und sagte: »Warum sollen Sie die Kastanien aus dem Feuer holen? Ist das eine Idee von Professor Mohnhaupt?«

»Es war seine Idee. Aber seit heute bin ich selbst fest entschlossen, mit Ihnen zu sprechen«, begann Alena, und sie nahm sich vor, sofort die Dinge beim Namen zu nennen, ohne Umschweife alles zu besprechen, was es zu besprechen gab.

»Seit heute? Was ist heute geschehen? Dem Jungen geht es doch gut, nicht wahr?«

»Es geht ihm den Umständen entsprechend gut«, korrigierte ihn Alena. »Er ist noch nicht gesund, und wir müssen auch noch mit Komplikationen rechnen. So etwas gibt es. Er ist zwar außer Lebensgefahr und aus den größten Gefahren an sich heraus, doch mit des Geschickes Mächten …«

Bindermann nickte. »Ich weiß! Aber worüber ich mit Ihnen sprechen wollte, war etwas ganz anderes. Irgendwie hätte ich es ja lieber mit Professor Mohnhaupt besprochen. Aber er scheint seinerseits das Bedürfnis zu haben, mit mir reden zu müssen, und Sie sind offensichtlich seine Botschafterin.«

»Man könnte es so nennen«, bestätigte Alena. »Ihr Sohn hat mir erzählt, dass Sie ihm durch seine Frau sagen ließen, er könne nicht mehr mit einer weiteren Beschäftigung bei Ihnen rechnen. Haben Sie sich eigentlich überlegt, was Sie da anrichten?«

»Mein verehrtes Frau Doktor«, begann er, und es klang sehr förmlich. Er sah sie noch immer verbindlich lächelnd an, aber es war eine gewisse Schärfe in seiner Stimme, die Alena warnte. »Ich habe«, fuhr er fort, »größten Respekt vor Ihren medizinischen Kenntnissen, die auch Ihr Professor Mohnhaupt sehr lobt. Ich habe weiterhin Respekt vor Ihrer Intelligenz, vor Ihrem Charme, vor Ihrer Schönheit. Aber in einem Punkte halte ich mich Ihnen für überlegen: Das betrifft die Erfahrung, die ganz einfach auf Grund meines Alters größer ist als die Ihre, die Erfahrung vor allen Dingen im Umgang mit Menschen, die Erfahrung zu erkennen, wie die Dinge laufen. Und ganz besonders halte ich mich Ihnen für überlegen im Punkt, was eine Ehe angeht. Eine Ehe ist eine Sache, die nicht nur die beiden betrifft, die es miteinander zu tun haben. Das ist ein Irrtum, ein landläufiger, weitverbreiteter Irrtum.«

»Da bin ich aber gespannt«, sagte Alena angriffslustig. »Ich möchte wissen, wen es weiter anginge als diese beiden?«

»Zum Beispiel die Kinder, die aus dieser Ehe entstehen«, erklärte ihr Bindermann. »Wenn eine Ehe nicht funktioniert, und wenn aus dieser Ehe Kinder entsprungen sind, dann sind diese Kinder arm dran. Sie werden mehr geschädigt, als sie irgendwas anderes schädigen kann. Denn sie werden von Kind an geschädigt. Und es gibt Erlebnisse, Situationen, die ihren Gemütern einen solchen Schock einjagen, dass sich das nie mehr richtig reparieren lässt und diese jungen Menschen auch dann noch verfolgt, wenn sie gar keine jungen Menschen mehr sind, wenn sie womöglich selbst eine Ehe führen und in irgendwelcher Weise ein Verhältnis zu einem anderen Menschen eingehen müssen. Dann zeigen sich die Störungen.

Ich will Ihnen Folgendes sagen: Es ist nicht damit getan, dass ein Mann ein Mädchen gern hat, wenn man ein Mann ist, und dass eine Frau einen Jungen mag. Es kommt auf mehr an. Und wenn in hundert Filmen und in hundert Büchern steht, dass es möglich ist, wenn eine Magd einen Universitätsprofessor heiratet, und dass es in diesen Geschichten gut ausgeht, wenn, sagen wir mal, eine Ärztin die Frau eines Fabrikarbeiters wird. In Wirklichkeit ist das doch alles anders. Spätestens nach ein paar Jahren zeigen sich diese gewaltigen Unterschiede. Und nun kommt noch etwas hinzu. Das ist der Freundeskreis dieser beiden. Jeder hat Freunde. Und diese Freundschaften müssten dann auf der einen Seite zerbrechen, vielleicht bei beiden zerbrechen, weil sich vielleicht noch das junge Paar zusammenfindet, aber nicht mehr die Freunde der beiden. Die kommen über diese Schlucht nicht hinweg. Und außerdem ist noch etwas, das Wichtigste von allem: die Existenzfrage. Mag sich mein Sohn auch behaupten, so steht jeder Mann im Einfluss seiner Frau und jede Frau im Einfluss ihres Mannes. Wenn ich mir vorstelle, welchen Einfluss diese junge Dame auf meinen Sohn nehmen würde, der einmal mein Nachfolger wäre, Frau Doktor, ich fürchte, das wäre ein verhängnisvoller Einfluss. Gerade Frauen dieser Kategorie!«

Alena unterbrach ihn scharf. »Sie haben vorgefasste Meinungen, Herr Bindermann. Sie teilen die Menschen in Kategorien ein. Was heißt denn das: diese Kategorie? Weil Sie die Tochter eines Busfahrers ist?«

»Genau! Das ist es!«

»Sie wissen doch aber genau, dass diese junge Dame ein Abitur hat, dass sie schon angefangen hat zu studieren, und dass nur die Schwangerschaft dieses Studium unterbricht.«

»Diese Schwangerschaft ist eine Narretei, die man noch hätte rechtzeitig abbrechen können«, behauptete Bindermann.

»Wenn Sie diese Ihre Ansicht für sich behalten hätten, so ist das eine Geschichte, die Sie mit sich selbst abmachen müssten, aber Sie haben es nicht für sich behalten«, sagte Alena. »Sie haben es in die Welt hinausposaunt. Und vor allen Dingen haben Sie es zu Ihrem Sohn gesagt. Das hat ihn zutiefst verletzt.«

»Er wird es überstehen! So zimperlich sollte er sich nicht anstellen. Das Leben ist hart und es wird …«

Alena wurde energisch. »Ich möchte Ihnen eins sagen, Herr Bindermann: Es mag richtig sein, dass Ihre Erfahrungswerte größer sind als die meinen. Es ist ganz sicher auch richtig, wenn Sie auf Grund Ihres Alters mit mehr Menschen zu tun hatten und auch mit den verschiedensten Typen von Menschen zu tun hatten, und deshalb vielleicht eher in der Lage sind, ein Urteil zu fällen. Aber ganz sicher haben Sie Ihren Sohn falsch beurteilt und sind dabei, Maßnahmen zu treffen, die für ihn, aber auch für die junge Familie, die er gründen will, vernichtend sind. Das muss ich aufs Schärfste verurteilen.«

Sie machte eine Pause und blickte ihn streng an und fragte, während er ironisch lächelte:

»Herr Bindermann, für Sie ist es vielleicht nichts weiter als eine Geste. Aber für Ihren Sohn hängt so viel davon ab. Wollen Sie ihn wirklich aus Ihrer Firma entlassen?«

»Wollen Sie für meinen Sohn bitten?«, erkundigte er sich spöttisch.

»Sie nehmen alles wie einen Spaß, nicht wahr?« Alena konnte ihre leichte Verärgerung nicht mehr verhehlen. »Aber es ist kein Spaß. Eine Frau, die ein Kind unter dem Herzen trägt, und die dieses Kind gebären wird, nicht abtreiben wird, wie Sie wünschten, sondern die es zur Welt bringt, das ist kein Spaß. Das ist eine Aufgabe, auch für Sie als den Großvater. Ist es vielleicht dieser Gedanke, der Sie so sehr entsetzt? Der Gedanke, dass Sie Großvater werden?«

Er sah sie richtig erschrocken an. »An diesen Gedanken müsste ich mich wirklich gewöhnen«, stieß er hervor. »Ach, hören Sie doch mit diesem sentimentalen Quatsch auf! Reden Sie doch vernünftig! Wir wollen uns doch nicht gegenseitig einwickeln!«

»Das ist kein sentimentaler Quatsch! Sie kriegt ein Kind, und das ist das Kind Ihres Sohnes, und er ist glücklich darüber. Beide freuen sich auf dieses Kind. Und Sie sollten sich ebenso freuen! Bringen Sie das nicht fertig?«

Er stand auf, verschränkte die Arme vor der Brust, blickte auf sie herab. Lächelnd fragte er: »Sie sind Chirurgin? Das war der falsche Beruf! So gut Sie da auch sein mögen! Warum setzen Sie sich so sehr für ihn ein?« Bindermann hatte hinten im Raum versteckt so etwas wie eine Bar. Er ging langsam hin, schenkte etwas ein und kam dann mit zwei Gläsern zurück. Eines davon hielt er Alena hin und sagte: »Wodka Tonic! Das mögen Sie sicher, oder?«

Sie nickte nur, nahm das Glas, dann tranken sie.

»Sie sind eine sehr attraktive Frau. Hat Professor Mohnhaupt Sie deswegen zu mir geschickt?«

»Ich glaube nicht, dass mein Äußeres in dieser Geschichte eine Rolle spielt«, erwiderte Alena.

Er lächelte, setzte sich ihr wieder gegenüber und sah sie an. »Sie sind wirklich sehr attraktiv! Eine Schönheit! Ich mag schöne Frauen.«

»Ich weiß«, sagte Alena.

Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Wieso wissen Sie?«

»Es ist anderen Menschen nicht verborgen geblieben, obgleich es mich nicht interessiert, hört man es, ob man will oder nicht.«

»Ach so! Ich verstehe!« Er lachte. »Die Leute reden gern. Sie erzählen vor allen Dingen gern dummes Zeug. Aber in diesem Fall haben sie womöglich die Wahrheit gesagt. Doch Sie haben recht. Es spielt hier keine Rolle. Es geht um meinen Sohn. Ich möchte, dass Sie ihm klarmachen, was er aufs Spiel setzt. Das wäre der Gefallen, um den ich Sie bitte. Meine Frau hat jetzt ganz klar gegen mich Stellung bezogen.«

»Ich kann Ihre Frau verstehen. Sie ist schließlich die Mutter.«

»Meine Frau kann das nicht so ganz übersehen. Die Einsicht wird später kommen, möglicherweise zu spät. Aber sie wird kommen. Nun gut! Werden Sie meinem Sohn klarmachen, dass er von dieser Frau lassen muss? Ich bin bereit, die Existenz dieser jungen Dame zu sichern, auch die des Kindes. Ich werde eine Menge tun, und sie wird sich vielleicht besser stehen, als sie je stünde, würde sie Günters Frau.«

»Wie ich die Sache überblicke, möchte niemand eine Rente von Ihnen, sondern ganz einfach Verständnis. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.«

»Aber es ist eine Mesalliance! Eine Missheirat!«

Alena schüttelte den Kopf. »Um Himmels willen, in welcher Zeit leben Sie denn?«

»In der heutigen! Sie hat sich in diesem Punkt um keinen Deut geändert.« Sie stritten noch eine ganze Weile und erhitzten sich sogar dabei. Alena war so fanatisch in ihren Ansichten, dass sie schließlich zornig sagte: »Ich bin froh, dass ich nicht in der Haut Ihres Sohnes stecke. Nicht, weil er den Unfall hatte. Ich hoffe, wir kriegen ihn wieder auf die Beine. Nein, weil er Ihr Sohn ist. Das ist viel schlimmer.«

Bindermann sah sie überrascht an. Dann lachte er. Er lachte, und sie war so verwirrt, wurde noch ärgerlicher, aber er meinte dann versöhnlich:

»Frau Doktor Bärwald, ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Ich hatte in meiner Kindheit auch kein besonders gutes Verhältnis zu meinem Vater. Aber niemand ist hingegangen und hat sich zu meinem Anwalt gemacht. Ich musste meine Ansichten selbst durchboxen. Dabei war mein Vater sehr empfänglich für weibliche Reize. Und ich bin sicher, wenn Sie mich damals vertreten hätten, wäre er weich geworden. Einen so charmanten Anwalt wie Sie, dazu noch so resolut! Was gibt Ihnen eigentlich die Überzeugung, dass Sie in dem, was Sie sagen, recht haben?«

»Ich weiß es ganz einfach«, sagte Alena, »und man fühlt das. Ich bin ganz sicher.«

Bindermann lehnte sich zurück, drehte sein geleertes Glas in den Händen und lächelte versonnen. »Wissen Sie, dass ich in diesem Augenblick einem Prinzip untreu werde?«

Alena sah ihn an und fand ihn in diesem Augenblick gar nicht mehr so unsympathisch, und ihr Zorn schmolz dahin wie Schnee in der Sonne. Er wirkte nett. Fast hatte sie Mitleid mit ihm. Er sah aus wie ein General, der eine Schlacht verloren hatte.

In diesem Augenblick schaute er auf. Ihre Blicke trafen sich, und er lächelte. Als hätte er ihre Gedanken geahnt, sagte er: »Sie haben mich besiegt. Wie fühlen Sie sich in Ihrem Triumph? Überzeugt haben Sie mich nicht. Ich strecke nur die Waffen. Ich komme mir wie ein Querulant vor und möchte keiner sein. Also gut, dann überbringen Sie ihm die Nachricht, dass sich nichts ändert. Er kann bei mir bleiben. Und ich werde mir Mühe geben, seine … seine, sagen wir einmal, seine zukünftige Frau zu verstehen. Vielleicht kann sie ihn morgen besuchen, morgen Nachmittag. Ich werde auch da sein. Meine Frau wird mitkommen.«

»Danke«, sagte Alena nur, dann stand sie auf. »Haben Sie es mir zuliebe oder Ihrem Sohn zuliebe getan?«

Bindermann kam ein Stück auf sie zu, nahm ihre rechte Hand in die seine, beugte sich darüber und küsste sie zart. Dann sah er Alena an: »Sagen Sie dem Professor, aber sagen Sie auch meinem Sohn, dass es unfair war. Sie in diesen Streit zu schicken. Sie sind eine Waffe, gegen die ich mich nicht zu wehren vermag. Sie haben eine Schlacht für meinen Sohn gewonnen, vielleicht auch für meine Frau.«

»Ich glaube eher, ich habe diese Schlacht für Sie selbst gewonnen«, erwiderte Alena.

 

 

17. Kapitel

 

Direktor Bindermann kam etwas früher als die anderen zu seinem Sohn, und so waren sie beide allein. Misstrauisch sah Günter seinen Vater an, obgleich er von Frau Dr. Bärwald schon wusste, wie das Gespräch gestern Abend geendet hatte.

Bindermann selbst wirkte etwas verlegen. In gewollter Forsche ging er auf das Fenster zu, wandte sich abrupt um, stemmte die Arme in die Seite und sah seinen Sohn an. »Ich hab' es natürlich gut gemeint«, sagte er barsch, »aber es tut mir trotzdem leid. Irgendwie habe ich es wohl falsch angepackt. Also …« Er schien sich zu winden, das herauszubringen, was er sagen wollte. Und so fiel es fast aus wie ein Befehl, als er schnarrte: »Wie gesagt, es tut mir leid, und ich bitte dich um Entschuldigung!«

Vielleicht hatte Bindermann erwartet, dass sein Sohn vor Freude in die Höhe sprang, aber der lag ganz ruhig und wartete ab. In seinem Gesicht zeichnete sich deutlich die Skepsis ab, die ihn beherrschte. Er rechnete noch mit einem Nachsatz, mit einer Bedingung, mit einem Pferdefuß. Aber der kam nicht.

Bindermann wiederum konnte die Verärgerung über, die Zurückhaltung seines Sohnes nicht unterdrücken. »Du freust dich überhaupt nicht! Du hast gewonnen! Es geht alles nach Wunsch, so, wie du es dir vorgestellt hast«

Der Junge antwortete immer noch nicht. Er sah seinen Vater an, als würde noch mehr kommen, etwas, das alles bisher Gesagte wieder in Frage stellen konnte.

Bindermann trat ans Bett. »Ich habe es getan, weil ich dich gern habe, weil ich will, dass deine Zukunft glatt ist. Vielleicht habe ich mich geirrt. Ich hoffe, ich habe mich geirrt.«

»Ich bin sicher, dass du dich geirrt hast«, sagte Günter. »Ich werde sie heiraten!«

»Ja, du wirst sie heiraten, und ich habe mich damit abgefunden. Ich möchte, dass ihr glücklich werdet. Nun ist es heraus. Mein Gott, du machst es einem wirklich schwer. Kann man sich hier nicht mal eine Zigarette anstecken?«

»Von mir aus! Mich stört es nicht. Ich rauche nicht mehr.«

Bindermann nahm nervös sein Zigarettenetui aus der Tasche, klappte es auf und zog eine Zigarette heraus, zündete sie an, ging dann im Zimmer hin und her, hatte die Arme auf dem Rücken verschränkt und sagte: »Wir müssen natürlich noch über Einzelheiten sprechen. Du bist schließlich unser einziges Kind. Das kann nicht irgendeine Allerweltshochzeit werden.«

»Die Hochzeit, Papa, wird bei den Eltern der Braut ausgerichtet« Bindermann blieb stehen, als hätte ihn der Schlag getroffen. Er schluckte, schloss einen Augenblick die Augen, atmete tief durch und zwang sich zu einem Lächeln. »Natürlich«, sagte er, »das hatte ich ganz vergessen! Na ja, das wird schon alles seinen Gang gehen. Übrigens, Mama kommt nachher auch und natürlich Frau …«

»Du kannst ruhig Helga sagen! Es ist dann einfacher. Ich hoffe, ihr versteht euch eines Tages doch!«

Wenig später kamen sie, Frau Bindermann und Helga. Frau Bindermann hatte den Chauffeur extra über Weißenturm fahren lassen, um Helga in der Ruhlandstraße abzuholen. Die beiden Frauen verstanden sich sehr gut. Und als sie hereinkamen, war es ihnen beiden anzusehen, wie vertraut sie schon miteinander waren. Günter wusste es, aber für Bindermann war es neu. Sie sahen ihn an und er, der Helga noch gar nicht kannte, musste sich eingestehen, dass sie eine sehr attraktive junge Dame war. Als er sie begrüßte und ihr in die Augen blickte, diese wasserhellen Augen, die so strahlen konnten, da fragte er sich innerlich, warum er sich eigentlich die ganze Zeit gegen Helga Gartzow gesträubt hatte.

Er gab sich Mühe, sehr freundlich zu ihr zu sein. Das fiel sogar Frau Bindermann auf. Sie sah ihn einmal von der Seite an und flüsterte ihm zu: »Was hast du eigentlich gegen sie gehabt? Nicht wahr, du findest sie nett?«

Die anderen hatten, ohne dass es Frau Bindermann gemerkt hatte, zugehört und sahen jetzt alle auf ihn, auf Direktor Bindermann.

Er bemerkte das allgemeine Interesse, verzog das Gesicht säuerlich, sah Helga an und dann Günter und knurrte in gespieltem Zorn: »Na ja, das ist ja auch gemein, einen Mann wie mich zum Großvater zu machen, oder nicht?«

»Ich hoffe, daran geht kein Weg vorbei«, erwiderte ihm Helga. »Und wie die Dinge stehen, ist meine Hoffnung sehr berechtigt.«

Sie lachten alle, und auch Direktor Bindermann lachte mit. Von da an schien das Eis gebrochen.

 

 

18

 

Günter Bindermann verließ sieben Wochen später die Klinik. An diesem Tage goss es in Strömen. Es war zwar Spätsommer, aber der Himmel war grau in grau. Der Asphalt vor der Klinik glänzte, als Günter in den Wagen seines Vaters stieg. Helga war neben ihm, und nun sah man ihr ihren Zustand deutlich an. In der Haltung einer Königin schritt sie zum Wagen. Wie ein vollendeter Kavalier half ihr Direktor Bindermann hinein. Als sie schon saß, blickte sie zu ihm, der noch draußen stand, empor. Ihr Lächeln verriet, dass es keine Feindschaft, keine Abneigung zwischen ihnen mehr gab. Und das gewahrte auch Dr. Alena Bärwald, die ebenfalls zum Wagen getreten war, zu Helga Gartzow hinabblickte und sagte:

»Wenn es so weit ist, können wir uns mit einer ausgezeichneten Entbindungsabteilung sehr empfehlen!«

Alle lachten, und Direktor Bindermann meinte: »Aber hoffentlich nicht im Notarztwagen!«

»Das wäre auch nicht das Schlimmste«, stellte Alena fest »Die Hauptsache ist, dass Mutter und Kind gesund sind.«

Bindermann machte eine Kopfbewegung und zog Alena ein wenig beiseite:

»Sie wissen, dass die beiden vorher nicht heiraten konnten. Wir wollen es zum Wochenende nachholen, ganz in aller Stille. Im engsten Kreis natürlich! Aber diese Hochzeit wäre nur die Hälfte wert, wenn Sie nicht kämen. Ich glaube, meine Frau hat Sie schon eingeladen.«

»Und ich habe zugesagt«, erwiderte Alena lächelnd.

»Dann ist es ja gut!«, meinte Bindermann erleichtert, drückte Alena die Hand, dass sie dachte, in einen Schraubstock geraten zu sein. Dann wandte er sich rasch ab und stieg ein.

Als der Wagen losfuhr, sah Alena noch, wie Günter seiner Helga einen zarten Kuss auf die Wange gab. Dann fuhren sie dahin.

Versonnen drehte sich Alena um, wollte wieder ins Haus zurück, da stand plötzlich Dr. Neubert vor ihr. Er strahlte sie an, verliebt wie eh und je! »Alena«, sagte er, »wie ist es mit heute Abend? Wollen Sie nicht endlich …«

Sie sah ihn an, blickte in sein Lausbubengesicht und brachte es einfach nicht fertig, ihn abzuweisen oder ihm eine ablehnende Antwort zu geben.

»Ich weiß da ein ganz neues Lokal! Unheimlich nett!«, berichtete er. »Hätten Sie nicht Lust?«

Sie lachte, hakte sich bei ihm ein und sagte: »Wahnsinnige Lust sogar!«

»Ich werd’ verrückt!«, stieß Dr. Neubert hervor. »Sie sind ja sofort einverstanden!«

»Also verrückt dürfen Sie nicht werden! Sonst muss ich Sie in die psychiatrische Abteilung einweisen, Herr Doktor Neubert …«

 

 

ENDE

Ein Arzt zum Verlieben

 

 

Klappentext:

 

Dr. Hans Wildberg, ein junger, attraktiver und überaus kompetenter Assistenzarzt, arbeitet in der Klinik und im Schatten seines als Arzt erfolgreichen Vaters, einem Gynäkologen von Weltruf.

Die Frauen liegen Hans Wildberg zu Füßen und buhlen um seine Gunst. Doch er will mehr; er will endlich aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und sich einen eigenen Namen als erfolgsgekrönter Arzt machen. Dazu tritt er eine neue Stelle in der Paul-Ehrlich-Klinik an. Auch dort fliegen ihm die Frauenherzen zu und rufen Neider auf den Plan, die ihm das Leben zur Hölle machen wollen …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

»Ich werde Harald verlassen«, sagte Roswitha und hielt im Kämmen ihres langen schwarzen Haares inne. Sie schaute zum Fenster hin, wo Hans stand und ihr den Rücken zuwandte.

Er drehte sich auch jetzt nicht um, blickte weiter hinaus auf diese wunderschöne Berglandschaft mit den schroffen Felsen und den grünen Matten zu deren Füßen. »Du sagst ja gar nichts«, meinte Roswitha enttäuscht.

Jetzt drehte er sich langsam um. Ein dunkelblonder, gut aussehender Mann mit hellen blauen Augen. Ein Mann, in den sich Roswitha verliebt hatte, obgleich er erheblich jünger war als sie. Ein junger Arzt, ganz im Schatten seines berühmten Vaters stehend, dem Namen nach ein Niemand. Und doch ein Mann, wie sie ihn noch nie kennengelernt hatte.

Er fragte mit dunkler Stimme: »Und warum willst du ihn verlassen?«

Sie antwortete nicht sofort. Im Gegensatz zu ihm, der er angezogen war, saß sie noch immer im Negligé vor ihrer Frisierkommode. Sie hatte die Hände in den Schoß sinken lassen, ihre Finger spielten mit der Haarbürste. Doch sie schaute Hans unentwegt an, versuchte etwas durch sein Mienenspiel von dem zu erfahren, was er dachte. Aber da er vor dem Licht stand, sah sie sein Gesicht nicht so deutlich, wie sie gerne gewollt hätte.

»Ich werde ihn verlassen, weil ich glaube, etwas im Leben versäumt zu haben. Seit ich dich kenne, weiß ich das.«

Er lächelte selbstbewusst. »Und weiter?«, fragte er.

Sie zögerte, ihm sofort darauf zu antworten. Was wird er sagen, dachte sie, wenn ich meinen geheimsten Wunsch preisgebe. Ich will ja ihn. Er müsste es spüren. Und ich kann ihm so viel bieten. Vielleicht ist es richtig, wenn ich ihm das zuerst sage. Dann wird er bei mir bleiben.

»Wenn ich mich von Harald trenne«, fuhr sie fort, »dann werde ich das, was mir gehört, was ich mit in die Ehe gebracht habe, mitnehmen. Es ist sehr viel, nicht nur dieses Wochenendhaus hier, sondern weit mehr. Allein davon könnten wir leben.«

Als sie »wir« sagte, zog er die Augenbrauen verwundert hoch. Aber sie konnte es nicht erkennen und sprach weiter: »Was empfindest du für mich, Hans? Ist es Liebe, ist es Leidenschaft? Was mich angeht, ich habe noch nie so empfunden für einen Mann wie für dich.«

Wieder dieses Lächeln in seinem Gesicht. Dann kam er auf sie zu, setzte sich auf den Bettrand und sah sie an. »Ich mag dich. Ich mag dich sehr, und du weißt das«, bekannte er.

Er wusste, dass sie siebenunddreißig war, eine voll aufgeblühte Schönheit. Eine Frau mit Erfahrung, kein knackiges junges Mädchen mehr. Aber sie bot einem Mann viel mehr als das eine Achtzehnjährige gekonnt hätte. Doch, er war bei ihr sehr glücklich gewesen. Aber er dachte weiter, und die acht Jahre Unterschied im Alter spielten in seinen Gedanken eine Rolle. Dies, so überlegte er, schloss jede endgültige Bindung aus. Er war glücklich mit ihr, das mochte er vor sich selbst gar nicht abstreiten. Aber heiraten …

Er würde sie niemals heiraten. Und er fürchtete, dass es genau das war, was sie wollte, nämlich eine Ehe, wenn sie erst einmal von Harald geschieden war.

Aber da war noch etwas anderes: Seine Schwierigkeiten, die er mit seinem berühmten Vater hatte. Die Tatsache, bei diesem Vater als junger Arzt angestellt zu sein, bei ihm die Facharztausbildung zu machen, diese Abhängigkeit. Und dann die ständigen Kontroversen mit dem Vater, der, wie Hans Wildberg meinte, auf seinen festgefahrenen Vorstellungen beharrte und glaubte, den Sohn überall und immer, bis ins Privatleben hinein, wie einen kleinen Jungen beaufsichtigen zu müssen. Dieser Komplex, für den Vater immer noch der kleine Junge zu sein, beherrschte Hans Wildbergs Denken. Er wollte los von diesem Vater, wollte weg von dieser Klinik, die dem Vater gehörte, wollte aus dem Schatten, den der große Vater warf, heraus, wollte sich selbst profilieren und zeigen, was er konnte. Er hatte das an der Klinik lange genug bewiesen. Aber seine Taten waren nichts. Sie wurden immer dem Vater, dem berühmten Mann, zugerechnet und niemals dessen Sohn.

Roswitha Leuscher war vermögend, sehr vermögend. Das brauchte sie ihm gar nicht erst zu sagen, das wusste er so. Mit ihrer Hilfe wäre es ihm möglich gewesen, nach Abschluss der Facharztausbildung eine Praxis aufzubauen, sich irgendwo als Frauenarzt niederzulassen. Vielleicht, überlegte er, sollte ich wirklich zustimmen. Eine Ehe kann man auch wieder auflösen.

Doch gegen diese Überlegung verwahrte er sich rasch. Um Gottes willen, nein, sagte er sich. Ich werde dabei mehr Haare lassen, als ich an Vorteilen gewinne. Um Gottes willen keine Ehe! Ich kann mit ihr zusammenleben. Sie ist eine Frau, die einem Mann alles geben kann. Aber heiraten … nein, heiraten nie.

In diese Gedanken hinein sagte sie plötzlich, während sie die Hände nach ihm ausstreckte:

»Hans, mein Lieber, wollen wir heute Morgen noch einmal glücklich sein? Ich sehne mich so sehr nach dir, nach deiner Kraft, nach deiner Liebe …«

Sie war eine betörend schöne Frau, und ihrer leidenschaftlichen Bitte zu widerstehen, war ihm unmöglich. Noch hätte er dazu nicht die Kraft gehabt. Und so lächelte er beglückt, nahm ihre Hände und zog sie zu sich, nahm sie in die Arme, und sie schmiegte sich mit ihrem weichen Körper an ihn. Er spürte ihre Brüste, die Rundungen ihres Leibes, die das hauchdünne Negligé nicht dämpfen konnte.

Er spürte, wie ihre Finger an seinem Hemd nestelten, wie sie versuchte ihn auszukleiden.

Und da wollte er es auch, wollte es so sehr wie sie.

Wenig später lagen sie eng umschlungen auf dem Bett, und sie stöhnte ihm voll glühender Leidenschaft ins Ohr:

»Ich wünsche mir ein Kind von dir.«

 

 

2. Kapitel

 

Ihre Bemerkung hatte seine leidenschaftliche Glut zum lodernden Feuer entfacht. Aber danach, als er neben ihr lag und sie mit zärtlichen Fingerspitzen über seine behaarte Brust fuhr, begriff er ernüchtert, was sie da vorhin gesagt hatte.

Er wandte sein Gesicht ihr zu und fragte mit heiserer Stimme:

»Du nimmst doch die Pille, nicht wahr?«

Sie lächelte hintergründig. »Und wenn ich es nicht täte?«

Er fuhr erschrocken hoch. »Was soll das bedeuten?«

»Es soll bedeuten, dass ich ein Kind von dir wollte. Hast du nicht gespürt, was mit mir ist, dass ich vor Leidenschaft brenne? Dass ich regelrecht zerschmelze? Du musst es doch gespürt haben!«

Natürlich, dachte er, habe ich es gespürt. Mein Gott, bin ich eigentlich wahnsinnig geworden? Ich hätte daran denken sollen. Wenn sie die Pille nimmt, ist es nicht so. Sie will wirklich ein Kind von mir, das hat sie nicht nur so dahingesagt.

»Noch bist du verheiratet«, stieß er verwirrt hervor. »Dein Mann …«

»Ich sagte dir doch, dass ich ihn verlasse. Ich liebe dich.« Sie umschlang ihn mit ihren Armen, bettete ihr Gesicht auf seine Brust, küsste ihn und schaute dann zu ihm auf. »Ich liebe dich. Bedeutet dir meine Liebe nichts?«

Im Augenblick hatte er das Gefühl, mit eiskaltem Wasser abgeschreckt worden zu sein. Das Lächeln in seinem Gesicht wirkte verkrampft, als er erwiderte: »Natürlich bedeutet mir deine Liebe viel, wahnsinnig viel. Aber glaubst du nicht, dass dies Zeit gehabt hätte? Und überhaupt, für eine erste Geburt …«

Er sprach nicht aus, was er sagen wollte, aber sie begriff es sofort. Über ihr Gesicht schien ein Schleier zu fallen, und sie löste ihre Arme von ihm. Befremdet fragte sie: »Du meinst, ich sei zu alt, um ein Kind zu bekommen? Ist es das, was du sagen willst?«

»Es ist auf alle Fälle riskant«, erklärte er. »Und das kann ich wohl beurteilen.«

»Das ist Unsinn. Obgleich du ein fähiger Arzt bist, muss ich dir sagen, dass es Unsinn ist«, behauptete sie. »Ich habe genug darüber gelesen, und ich wollte ein Kind. Und ich wünsche nichts mehr, als dass ich jetzt eins bekomme. Ein Kind von dir. Von niemandem sonst auf der Welt hätte ich eines haben wollen. Aber von dir.«

»Und wie soll es mit uns weitergehen?«, fragte er mürrisch.

»Es scheint dir nicht zu gefallen, nicht wahr?« Sie sah ihn betroffen an.

»Es ist einfach zu früh, viel zu früh. Ich bin nicht einmal mit meiner Facharztausbildung fertig, das weißt du doch. Das mindeste der Gefühle wäre noch ein Jahr, und wenn es nach meinem Vater ginge, müsste ich in dieser Zeit oder möglichst noch länger nach Bonn zu seinem ehemaligen Schüler.«

»Was für ein Schüler?«, fragte Roswitha Leuscher.

»Du kennst ihn nicht. Er heißt Winter, ist inzwischen Professor und leitet an einer großen Klinik in Bonn die gynäkologische und Entbindungsabteilung. Ich habe schon viel von ihm gelesen. Er hat ein paar Bücher veröffentlicht und tritt voll und ganz in die Fußstapfen seines einstigen Lehrers, und damit ist mein Vater gemeint. Mir wird es nie im Traum einfallen, in einem Buch, das ich veröffentliche, eine besondere Widmung für meinen Vater hineinzuschreiben. Aber Winter hat es getan. Seinem Vorbild und Lehrmeister, hat er in seinem letzten Buch geschrieben. Und er widmete es meinem Vater. Bei ihm hat er seine Facharztausbildung zum großen Teil absolviert.«

»Willst du damit sagen, dass du die Fähigkeiten deines Vaters nicht anerkennst?«

»Es mag früher einmal so gewesen sein. Er ist ein guter Arzt, selbstverständlich, aber kein lieber Gott. Und wenn ihm alle Leute von früh bis abends sagen, er sei ein lieber Gott, dann musste er wohl früher oder später selbst daran glauben. Und mittlerweile ist es so weit. Er hält sich für einen zweiten Paracelsus.«

Sie lächelte verständnisvoll und küsste ihn zart auf die Wange. »Für mich bist du der Größere, für mich bist du der Allergrößte«, sagte sie und war froh, dass sie von ihrem ursprünglichen Thema wieder abgekommen waren.

»Weißt du was?«, sagte sie aufgekratzt. »Ich werde uns in München eine schöne Stadtwohnung mieten, und dort ziehen wir beide ein. Und an den Wochenenden, wenn du keinen Dienst hast, fahren wir hierher. Das Haus hier und das Grundstück gehören mir. Oder noch besser, ich werde schon vor dir hierherkommen und immer alles schön zurechtmachen, damit du dich freuen kannst, wenn du dann am Samstag ebenfalls herkommen wirst. Wir wollen sehr glücklich sein. Und ich erfülle dir noch einen Wunsch. Ich weiß, dass du dir gern einen neuen Wagen leisten möchtest, aber dein Vater dir die Mittel dazu nicht zur Verfügung stellt. Deine alte klapprige Karre ist doch wirklich nichts für dich. Ich schenke dir meinen Sportwagen.«

Er blickte sie überrascht an. »Du schenkst mir deinen Porsche?«

»Ja«, rief sie lachend und freute sich über seine Verwunderung. »Ich schenke ihn dir. Du kannst ihn selbst auf deinen Namen umschreiben lassen.«

»Und was tust du?«

»Ich kaufe mir irgendeinen anderen Wagen, das ist doch kein Problem für mich. Und das weißt du auch. Geld ist doch im Grunde kein Thema und sollte für uns beide auch nie ein Thema sein.« Dass sie so reich war, begeisterte ihn nicht nur, es irritierte ihn auch. Und insgeheim spürte er die wachsende Abhängigkeit. Es würde vorerst immer ihr Geld sein, von dem sie lebten, von dem sie sich all diesen Luxus leisten konnten. Und irgendwann einmal würde dieses Geld auch ihn beherrschen. Es war ein Mittel, womit sie ihn an der Kandare halten konnte. Und das schreckte ihn ab. Er hatte Angst, sich ihr zu unterwerfen. Er hatte überhaupt Angst, einer einzigen Frau zu gehören, wo die Welt voller junger hübscher Frauen war. Nein, dachte er, keine Abhängigkeit.

Dann lieber mit meiner angerosteten alten Karre weiter fahren und nicht die Rolle eines Gigolos spielen.

Wenn sie nun ein Kind von mir bekommt. Alles deutet darauf hin, dass sie sich in diesem Stadium befand, in dem sie ein Kind empfangen kann. Warum habe ich nur nicht aufgepasst. Sie hat mich regelrecht hereingelegt. Sie will ein Kind von mir. Am Ende glaubt sie, mich damit zur Heirat zwingen zu können.

Alles in ihm war auf Abwehr eingestellt. Er fühlte seine Freiheit bedroht wie eine Insel vor einer Sturmflut. Die Angst, sich plötzlich binden zu müssen und all dem zu entsagen, was ihm lieb und teuer war, hatte etwas Überwältigendes für ihn. Es war stärker als seine Neigung zu Luxus, stärker als seine Begeisterung für einen schnellen, flotten Wagen, wie sie ihn besaß.

Er bemühte sich, seinem Gesicht und seinem Benehmen nichts von dem anmerken zu lassen, was in ihm vorging. Aber sie beobachtete ihn genau, das spürte er. Andererseits gab sie ihm etwas, das ihm jüngere Frauen noch nie gegeben hatten. Ihre Erfahrung mit Männern zeichnete sich durch eine Hingebungsfähigkeit aus, von der junge Frauen nichts wussten. Sie war imstande, ihm Lustgefühle zu vermitteln, wie das noch nie eine Frau gekonnt hatte. Vielleicht, dachte er, begreift sie, dass wir zusammenbleiben können, ohne uns aneinanderzuketten. Die Ehe bedeutete für ihn nichts anderes als eine Kette, fast so etwas wie ein Ende des freien schönen Lebens. Er kam sich dabei vor wie eine Hochseejacht, die gebaut war, um Stürmen und hohem Wellengang zu trotzen und dann mit einem Male festgemacht im Brackwasser eines Hafens liegen sollte, um nie mehr hinauszufahren auf die großen Meere. In anderen Worten: Er fürchtete nichts mehr, als den Käfig einer Ehe.

Er musste an seine Eltern denken. Seine Mutter war ein ahnungsloses, naives Mädchen gewesen, als sie die Frau seines Vaters geworden war. Ein Heimchen am Herd, bis sie dann eines Tages - schon über vierzig - erwachte und eigene Wege ging.

Vielleicht ist es Roswitha ebenso ergangen, dachte er.

»Du denkst über uns nach, nicht wahr?«, fragte Roswitha, lächelte zärtlich und strich ihm über die Wange. »Du solltest nicht so viel nachdenken. Wir müssen einfach miteinander glücklich sein, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Einfach nur glücklich sein, verstehst du?«

Er seufzte. »Sei nicht böse, Roswitha, aber ich muss heute noch zurück. Morgen früh habe ich Dienst, und es fängt bei meinem Vater um fünf Uhr an. Er hat zu dieser Zeit die Operationen angesetzt. Er selbst kann sich leisten weiterzuschlafen. Sein Oberarzt leitet die Klinik, und er und ich, wir machen die meiste Arbeit. Für meinen Vater eine Selbstverständlichkeit, für mich ein Fluch. Doch noch geht es nicht anders.«

»Du wirst es schaffen«, meinte sie aufmunternd. »Nur dieses eine Jahr noch, mein Liebling, und dann bist du ein Facharzt. Dann kannst du eine Praxis eröffnen. Mit meiner Hilfe wirst du das können. Wir beide können dann sehr glücklich miteinander sein, wahnsinnig glücklich. Und vielleicht sind wir dann nicht nur zwei, sondern sogar drei.«

Sie hätte in diesem Augenblick nichts Schrecklicheres sagen können als das. Es entsetzte ihn, an eine Familie zu denken, an seine Familie, die er doch noch gar nicht wollte. Aber der Gedanke trieb ihn regelrecht hoch. Er zog sich hastig wieder an, und diesmal vermochte sie es nicht, ihn zu halten. Er murmelte eine Entschuldigung nach der anderen, bis sie endlich begriff, dass er tatsächlich wegwollte. Und einen Augenblick lang fürchtete sie, es könnte ein Weggang für immer sein.

Aber er hatte das nicht vor. »Also gut«, erklärte sie, »ich komme mit. Warte, bis ich fertig bin.«

Dazu brauchte sie länger als eine Stunde. Dann aber trat sie, elegant wie immer, in einem beigefarbenen Schneiderkostüm und einer weinroten Bluse mit nichts an Schmuck als einer Perlenkette, nach draußen, wo er wartete. Ihr Porsche stand vor der Tür, schneeweiß mit roten Lederpolstern. Ein Traumwagen für ihn, aber dem wollte er entsagen. Die Freiheit war mehr als ein schönes Auto.

Der Duft ihres Parfüms drang ihm in die Nase, als er mit ihr gen München fuhr. Sie ließen den Tegernsee hinter sich, die Berge, und er hatte auch keinen Blick mehr für die sonnige grüne Landschaft zu beiden Seiten der Straße. Und trotz des geringen Verkehrs fuhr er langsam. Sonst liebte er es zu rasen. Und sie mochte es, wenn er scharf fuhr. Aber sie schwieg dazu, als er so langsam dahinzockelte und ganz und gar in seine Gedanken vertieft war. Sie spürte, dass er über sie beide nachdachte, wollte aber nichts mit einer Bemerkung zerstören. Irgendwie empfand sie ganz deutlich, vorhin etwas Falsches gesagt zu haben. Und deshalb hielt sie Schweigen für besser.

Kurz vor München mussten sie an einer geschlossenen Bahnschranke halten. Hans Wildberg schaute Roswitha an und musste wieder feststellen, dass sie eine betörend hübsche Frau war. Ob ich mich, überlegte er, ihrem Einfluss je entziehen kann? Sie ist nicht irgendein Mädchen, das man nach einer Woche vergisst. Sie hat jetzt schon einen tiefen bleibenden Einfluss auf mich - einen Eindruck, den ich nicht einfach verwischen kann. Ich werde sie, glaube ich, nie vergessen können. Und doch muss ich mich von ihr lösen, um eine Chance zu haben. Ich muss mich von ihr trennen.

Er fasste den Entschluss in diesem Augenblick, und er kam sich vor wie eine Maus im bannenden Blick einer Schlange.

Die Wildberg-Klinik lag, wie manch andere Privatklinik, in der Nähe des Englischen Gartens mit Blick auf grüne Bäume, auf Rasen. Auf der anderen Seite teure Villen in der Stille einer vornehmen Gegend. Hans Wildberg bewohnte ein Zimmer im Obergeschoss der Klinik und fragte sich in diesem Augenblick, ob es nicht höchste Zeit war, sich endlich eine Bleibe woanders zu suchen. Auch das war Abhängigkeit, Abhängigkeit von seinem Vater, der ihm so kostenloses Wohnen bot.

Roswitha ahnte nichts von seinen Gedanken, als er unweit der Klinik hielt und sagte, während er sie anschaute: »Wir sehen uns dann morgen Abend, nicht wahr?« Gleichzeitig war er entschlossen, dass es morgen das letzte Mal sein sollte, dass sie sich sahen.

Sie lächelte erleichtert, weil er von morgen Abend sprach.

»Also gut.« Sie gab ihm die Hand. Aus Furcht, ungebetene Zuschauer zu haben, hatten sie vereinbart, sich zum Abschied niemals hier zu küssen. Es blieb bei dem Händedruck. Er stieg aus, sie rutschte hinüber auf seinen Sitz, winkte ihm zu und fuhr los. Er winkte ihr kurz nach und wurde wieder unschlüssig, was seine Absicht anging, sie zu verlassen. Der betörende Reiz, den sie ausstrahlte, ließ ihn nicht unbeeindruckt. Und der schöne weiße Wagen war ein Traum für ihn.

Er schüttelte unwillig den Kopf. Diesen Traum, dachte er, werde ich mir selbst erfüllen und werde dazu ihre Hilfe nicht nötig haben. Ein Jahr noch oder zwei. Vielleicht sollte ich wirklich nach Bonn gehen, zu Vaters Freund Winter. Ich kenne ihn nicht, aber wenn er so gut ist, wie Vater behauptet …

Er verfolgte den Gedanken nicht weiter und ging langsam, fast zögernd, zur Klinik zurück. Heute hatte er keinen Dienst, und es war früher Nachmittag.

Irgendwie zögerte er, zu dem Gebäude hinüberzugehen, das hinter der schmiedeeisernen Toreinfahrt lag. Davor blühende Sträucher und Stauden.

Ihm fiel Claudia ein.

Er musste lächeln. Auch eine Arzttochter, und da besteht auch eine Verbindung zu diesem Winter. Ihr Vater war früher einmal Chefarzt genau in jener Klinik in Bonn, wo mich Vater hinschicken will. Professor Frenzel, einstiger Chefarzt im Ruhestand. Nur Claudia lebte noch bei ihm, seine Frau war vor einem knappen Jahr gestorben. Er wirkte hinfällig, der Alte, und hatte sich in den letzten Monaten zu einem ausgesprochenen Ekel entwickelt. Sein barsches, unleidliches Wesen brachte Claudia zur Verzweiflung.

Er hatte schon die Klinke des schmiedeeisernen Tores in der Hand, da wandte er sich wieder ab und beschloss, von der Telefonzelle, die sich ein paar hundert Meter entfernt befand, Claudia anzurufen.

Es war ein stiller Sonntag. Auf den Straßen herrschte so gut wie kein Verkehr. Drüben im Englischen Garten promenierten die Leute und genossen das herrliche Wetter. Aber die meisten Menschen waren wohl ganz hinausgefahren aufs Land, in die nahen Berge, oder an irgendeinen See, um zu baden.

Er hatte Glück, und Claudia meldete sich.

»Wie schön, dass du anrufst! Ich sitze so trostlos in meinem Zimmer herum. Draußen ist es so schön, aber ich habe zu nichts Lust.«

Er machte mit ihr einen Treffpunkt aus und freute sich, mit ihr zusammen zu sein. Sein Entschluss, sich von Roswitha zu lösen, ihrem Einfluss zu entfliehen, war mittlerweile unumstößlich. Und als Claudia dann kam, blond, gertenschlank und bildhübsch, dazu ein Jahrzehnt jünger als Roswitha, da mochte er gar nicht mehr an die Frau denken, mit der er einen Tag und eine Nacht zusammen gewesen war und von der er vorhin noch glaubte, sie nie vergessen zu können.

Claudia kam in dunkelblauer Bluse und weißen Hosen, strahlte Hans Wildberg entgegen, und als sie sich begrüßten, sagte sie verliebt:

»Ich hatte schon gefürchtet, du denkst überhaupt nicht mehr an mich. Ich habe so lange nichts mehr von dir gehört. Und ich kenne kaum jemanden hier, seit ich die meiste Zeit in München bin.«

Er wusste, dass sie beim Fernsehen als Ärztin arbeitete. Aber nicht um Patienten zu behandeln, sondern um an medizinischen Sendungen mitzuarbeiten. Ihm war aber auch bekannt, dass sie ebenso wie er selbst unter ihrem berühmten Vater litt und nicht nur seiner Launen wegen, sondern ganz einfach aufgrund der Tatsache, dass er von ihr mehr erwartete, als sie ihm je hatte beweisen können. Ihre Aufgabe beim Fernsehen hörte sich gewaltig an, aber die Bezahlung war längst nicht so, wie mancher glauben mochte. Und Hans Wildberg wusste auch, dass sie sich selbst noch nie für eine gute Ärztin gehalten hatte. Schon in der Schule war sie nach eigenem Bekenntnis nur mit Mühe durchgekommen. Das Studium hatte sich dann ebenso abgespielt, und ihre Dissertation, ihre Doktorarbeit also, war mit Ach und Krach angenommen worden. Danach hatte sie die vorgeschriebene Zeit als Medizinalassistentin in einer Klinik gearbeitet und nach einer mehrmonatigen Arbeitslosenpause dann diese Aufgabe beim Fernsehen und Rundfunk bekommen.

Claudia war ganz anders als Roswitha, daran musste Hans Wildberg jetzt denken. Eine unkomplizierte junge Frau, nicht mondän und elegant wie Roswitha, sondern schlicht und einfach, aber eben jung, frisch, mit mitreißendem Humor.

Sie gingen Arm in Arm bis zur Wildberg-Klinik. Dort holte er seinen Wagen aus der Garage. Sie stieg zu, als er das Gelände verlassen hatte, und beide fuhren sie langsam in dem betagten Gefährt wieder aus der Stadt heraus.

Mittlerweile herrschte stärkerer Verkehr als vorhin. Aber er benutzte Nebenstraßen und fuhr mit ihr nach Norden zu, bis Pfaffenhofen. Dort in der Nähe kannte er ein kleines Wäldchen, wo er schon oft mit Claudia gewesen war. Sie wusste auch ganz genau, wo er hinwollte und sagte nichts, freute sich nur auf das Zusammensein mit ihm und vor allem darüber, dass er endlich wieder zu ihr gefunden hatte. Sie liebte ihn, seit sie ihn kannte. Und nichts hatte sie trauriger machen können als die Tatsache, so lange nichts von ihm gehört zu haben. Und obgleich sie kein Kind von Traurigkeit war und zwischendurch auch mit anderen Freunden flirtete, war es doch Hans Wildberg, dem ihre wirkliche Zuneigung galt.

Hätte sie tief in ihn hineinsehen und seine Gedanken erraten können, wäre sie wohl anderer Meinung geworden. Denn für ihn war sie ein Mädchen von vielen. Ein Mädchen allerdings, das ihm gefiel, das er mochte und gerne lieben wollte. Aber ein Mädchen eben wie die anderen auch, an das er sich so wenig binden mochte wie an eine Frau wie Roswitha.

Den herrlichen kleinen Wald in der Nähe von Pfaffenhofen hatten die Großstädter offenbar noch nicht entdeckt. Hier draußen, das wusste Hans Wildberg, war er noch nie durch Fremde gestört worden. Claudia und er waren die einzigen Menschen um diese Zeit, hier an diesem schönen Fleck.

Claudia nannte das Wäldchen »unseren Wald«, und sie glaubte daran, nur sie sei jemals mit Hans Wildberg hier gewesen. Und er war der Letzte, der ihr verraten hätte, dass er schon mit vielen Mädchen hier war. Und immer, wenn er eine in den Armen hielt, fühlte er sich glücklich, glaubte an seine Liebe für diese Frau. Doch danach kam jedes Mal dieser Gedanke an Freiheit, die Furcht vor einer Bindung.

Im Augenblick aber wollte er mit Claudia das Zusammensein mit Roswitha vergessen. Es fiel ihm nicht schwer, denn die Unbekümmertheit von Claudia, ihre offen zur Schau gestellte Zuneigung und ihre jungmädchenhafte Art schlugen ihn rasch in ihren Bann. Dazu ein strahlend schönes Wetter, die Wärme, dieses Alleinsein hier oben im Wald, und rundum nur die Natur, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Wipfel im lauen Wind, das Zirpen der Grillen und Claudias herzerfrischende Nähe …

 

 

3. Kapitel

 

Montagmorgen kurz nach sechs. Dr. Hans Wildberg stand am Operationstisch. Konzentriert führte er, beobachtet vom Oberarzt der Klinik, seinen zweiten Eingriff an diesem Morgen durch, eine Unterleibsoperation. Diesmal eine Scheidenplastik an einer älteren Frau.

Dr. Hans Wildberg arbeitete konzentriert, zuverlässig, geschickt. Nach Meinung des Assistenten und des übrigen Teams nahezu genial.

Der Oberarzt schaute die meiste Zeit nur zu. Hans hatte sich daran gewöhnt, dass er meistens am Morgen mit der Bemerkung an den Tisch trat: »Nun zeigen Sie mal, was Sie können, Herr Kollege«, und damit meinte er Hans Wildberg.

Hans verbarg seine Verachtung für den Oberarzt nicht, und er hatte einen Grund dafür. Denn er wusste von früheren Operationen, die der Oberarzt noch durchgeführt hatte, dass dessen Kunst Grenzen gesetzt waren. Der Oberarzt würde niemals so gut operieren können, wie sein Chef das selbst im hohen Alter noch konnte. Es lag nicht an der ruhigen Hand, es lag ganz einfach am Genie und Können. Und Hans hatte das Gefühl, dass der Oberarzt sich nur nicht blamieren wollte und deshalb so tat, als wolle er das Können von Hans prüfen, wenn er ihm die Operationen überließ und nur dabeistand, um, wie er einmal behauptete, jederzeit eingreifen zu können. Bis jetzt war dieses Eingreifen noch nie nötig gewesen. Wie sollte es auch? Hans hatte im eigenen Vater einen hervorragenden Lehrmeister gehabt, auch wenn er sich das nur selbst eingestand. Und diese Fähigkeit bewies er auch jetzt, die Fähigkeit, eine Operation mit mehr als nur handwerklichem Geschick durchzuführen.

Ein paar Minuten später sollte er den Beweis für seine Annahme bekommen, dass der Oberarzt im Grunde trotz seiner gehobenen Stellung nie ein guter Chirurg im gynäkologischen Bereich sein würde.

Denn ein paar Minuten später trat ein Notfall ein. Eine verunglückte Frau wurde eingeliefert, und obgleich normalerweise solche Unfälle in städtische Kliniken gebracht wurden, war es diesmal anders. Der Unfall hatte sich in nächster Nähe der Wildberg-Klinik abgespielt, und deshalb brachte man die Frau hierher.

Als der Anruf aus der Ambulanz kam, gab es für den Oberarzt überhaupt gar keine Entschuldigung. Er musste sich darum kümmern, denn Hans Wildberg war dabei, die Fäden zu setzen. Und so blieb dem Oberarzt gar nichts anderes übrig, als hinüber zur Ambulanz zu gehen.

Hans Wildberg war mit seinem Eingriff völlig fertig, und die Patientin konnte bereits aus dem OP gebracht werden, da hatte man die verunglückte Frau in den Vorbereitungsraum geschafft.

Der Oberarzt tauchte auf und erklärte:

»Herr Kollege, wir müssen diese Frau operieren. Wir kommen um eine Hysterektomie nicht herum.«

»Ist das wirklich nichts für die Chirurgie?«, fragte Hans.

»Nein, nein«, beteuerte der Oberarzt, »es ist eine rein gynäkologische Sache. Sie ist nur im Bereich des Unterleibs verletzt. Ich habe alles schon eingeleitet.«

Die eigentlich vorgesehene Operation einer anderen Patientin war verschoben worden, und der Notfall wurde auf den Tisch gebracht. Die Narkose war schon erfolgt. Der Narkotiseur befasste sich mit dieser verunglückten Patientin, und der Oberarzt, der die Frau schon untersucht hatte, erklärte:

»Wir machen einen Pfannenstiel-Schnitt und sehen uns dann mal die Sache genauer an.«

Hans Wildberg tastete vorsichtig über die gespannte Bauchdecke der Patientin. Sie hatte angeblich eine starke Stoßprellung unmittelbar über der Scham erhalten, wo sie gegen den Kotflügel eines Autos geprallt war. Aber der Verdacht von Hans ging weit von den Vermutungen seines Oberarztes weg. Wie er ertasten konnte, handelte es sich nie im Leben nur um eine Unterleibsverletzung. Vielmehr vermutete er Rupturen im Bereich des Dünndarms. Die Geschlechtsteile waren durch das Schambein geschützt.

»Ist eine Röntgenaufnahme da?«, fragte er den Oberarzt.

Der nickte. »Ja, ja, habe ich schon überprüft.«

»Darf ich sie trotzdem einmal sehen?«

»Wenn es sein muss«, maulte der Oberarzt.

Und dann sah Hans Wildberg diese Röntgenaufnahme. Demzufolge waren Schambein und das übrige Knochengerüst der Frau unverletzt.

»Ist Blut aus der Vagina getreten?«, fragte Hans den Oberarzt.

Der schüttelte den Kopf.

»Aufgrund der harten Bauchdeckenspannung komme ich zu einem anderen Schluss als Sie, Herr Kollege«, sagte Hans. »Wir müssen eine große Laparotomie machen, also den Längsschnitt um den Nabel herum bis zur Scham. Ich vermute Dünndarmrupturen und keine Verletzung des Uterus.«

Der Oberarzt zog die Stirn kraus, und seine Augen verengten sich. Dann zischte er: »Ich hatte Pfannenstiel-Schnitt gesagt, Herr Kollege Wildberg. Auch wenn Sie der Sohn des Chefarztes und Besitzers dieser Klinik sind, hier am Tisch bestimme ich. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«

Der Oberarzt hatte laut genug gesprochen, dass alle am Tisch ihn hören konnten. Aber Hans focht das nicht an. Er zuckte nur die Schultern und überließ es dem Oberarzt, die Operation durchzuführen; er assistierte nur. Und da der Oberarzt mit vorgefasster Meinung ans Werk ging, machte er natürlich den Pfannenstiel-Schnitt, also einen Querschnitt oberhalb der Scham.

Als die Bauchhöhle einzusehen war, erwies sich, wer von beiden recht gehabt hatte. Die Geschlechtsorgane waren jedenfalls nicht verletzt. Stattdessen hatte sich die Bauchhöhle mit Ausscheidungen aus dem Darm, aber auch dem Gefäßbereich angefüllt. Es war offenkundig, dass die Verletzungen oberhalb waren und ein großer Längsschnitt hätte durchgeführt werden müssen.

Jetzt im Nachhinein wollte der Oberarzt die Operationsöffnung erweitern. Er nahm einen äußerst gewagten Schnitt nach oben vor, und dabei erwies sich, dass dieser Schnitt noch immer nicht lang genug war, um die Verletzungen im Darmbereich freizulegen.

Wenn der Oberarzt so weitermacht, dachte Hans, bringt er diese Frau um. Und sie wird unnötige Narben erhalten. Für eine junge Frau, die möglicherweise einmal schwanger wird, eine üble Geschichte.

Und nun zeigte sich der wahre Grad der Verletzungen. Es waren vier Dünndarmrupturen, also Risse im Dünndarm infolge des stumpfen Schlages.

Nun war zum Querschnitt ein großer Längsschnitt nötig gewesen. Danach ging der Oberarzt immer noch so ungeschickt vor, dass ihm Hans Wildberg am liebsten die Operationsführung abgenommen hätte. Aber das durfte er nicht. Jetzt war er Assistent und musste zusehen, wie dieser Oberarzt, der eigentlich ein Gynäkologe war, seine mäßigen Talente im Bereich reiner Chirurgie ausprobierte.

Dann merkte er wohl selbst, dass alles verfahren war und er so nicht weiterkam. Es genügte nicht, die Därme einfach zu nähen, sondern als Wichtigstes war das Reinigen der Bauchhöhle von den Ausscheidungen vorzunehmen.

Sogar die Schwestern und der zweite Assistent, aber auch der Narkosearzt blickten mit Verwunderung auf die dilettantischen Bemühungen des Oberarztes. Schließlich gab der auf, knurrte etwas von einem dringenden anderen Fall und überließ Hans Wildberg das Feld.

Narkosearzt und zweiter Assistent atmeten ebenso auf wie die Operationsschwestern und der Techniker.

Wildberg machte weiter. Und mit genialem Geschick machte er aus der anfangs verpfuschten Operation das Beste, was sich machen ließ. Besondere Mühe gab er sich danach mit dem Anlegen einer Naht, von der er sich erhoffte, dass die Narbenbildung nicht die üblichen nachhaltigen Folgen aufwies.

Während er selbst diese Naht legte, hatte er die Bewunderer ganz auf seiner Seite. Und besonders für die jungen Schwestern, die allesamt für Hans Wildberg schwärmten, war er der Retter dieser Frau.

Wie selbstverständlich führte Hans Wildberg danach den nächsten bereits vorgesehenen Eingriff durch, und wieder ließ sich der Oberarzt gar nicht mehr sehen. Ungestört durch dessen Gegenwart bewies Hans Wildberg sein Können.

Gegen Mittag dann ließ ihn sein Vater zu sich rufen, und als Hans vor dem alten Herrn stand, einem noch immer gutaussehenden weißhaarigen schlanken Mann mit braun gebranntem Gesicht, sagte der, indem er auf den Stuhl dem Schreibtisch gegenüber wies:

»Setz dich doch, Hans. Ich wollte eigentlich mit dir zusammen essen gehen, oder hast du etwas anderes vor?«

Eigentlich hatte sich Hans zum Essen in einem unweit gelegenen Restaurant mit einer jungen Ärztin verabredet, die erst seit einer Woche an dieser Klinik arbeitete. Als er nun herumdruckste und nicht wusste, wie er es seinem Vater beibringen sollte, ahnte der wohl, was in seinem Sohn vorging, und sagte missbilligend: »Ich nehme an, du hast wieder irgendein Mädchen, mit dem du essen willst. Ein paar Dinge gefallen mir daran nicht. Ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen von einem gewissen Harald Leuscher. Ist dir der Name ein Begriff?«

Hans war kein so guter Schauspieler, dass er seine Überraschung verbergen konnte, und sein Vater beobachtete ihn genau. Und Hans war auch nicht dumm genug, jetzt mit Ausflüchten zu kommen. Also bekannte er offen:

»Ja, der Name ist mir ein Begriff. Aber ich kenne den Mann nicht persönlich.«

»Aber die Frau, nicht wahr?«, fragte sein Vater und strich sich über den weißen Schnurrbart. »Dieser Mann hat mich angerufen. Er hat gestern mit seiner Frau ein äußerst unerfreuliches Gespräch gehabt. Nun muss ich dir sagen, mein Sohn, dass Harald Leuscher auch mir kein Unbekannter ist. Falls du es nicht wissen solltest: Leuscher ist ein Bankdirektor, und zwar ein äußerst einflussreicher. Und diese Bank ist unsere Bank. Ich kann nur hoffen, dass du es nicht gewusst hast. Leuscher kann etwaigen Kreditwünschen von mir aufgeschlossen, aber auch äußerst ablehnend gegenüberstehen. Und ich möchte nicht deinetwegen die Bank wechseln. In anderen Worten: Leuscher beklagt sich, dass seine Frau ihn verlassen will, und nicht einfach so, sondern dass du der Grund ihres Entschlusses bist. Und als ihre Überzeugungskraft ihrem Mann gegenüber wohl nachließ, hat sie dem allem noch einen Trumpf aufgesetzt und behauptet, sie erwarte ein Kind, und du seist der Vater.«

Hans Wildberg erstarrte. »Das darf doch nicht wahr sein!«, stieß er hervor.

»Es mag sein«, erwiderte sein Vater, »dass du es mit Dankbarkeit empfinden würdest, sollte das nicht wahr sein. Aber vielleicht ist es wahr.«

Hans konnte ihm nicht gut sagen, dass er erst gestern mit dieser Frau zusammen gewesen war. Wie wollte sie wissen, dass sie schwanger ist? Und wie konnte sie das ihrem Mann nur sagen!

»Es stimmt nicht«, behauptete Hans. »Ich gebe zu, dass ich mit ihr zusammen gewesen bin, und ich gebe auch zu, dass sie erklärt hat, sie wolle ihren Mann verlassen. Aber ich werde sie nicht heiraten, nein, das werde ich ganz bestimmt nicht.«

»Dann, mein Sohn«, sagte Professor Franz Wildberg und zündete sich eine Zigarre an, »dann solltest du …«, er paffte die erste Wolke zur Decke und blickte dem Rauch nach, »… dann solltest du einmal woanders hingehen. Ich hatte dir ja ohnehin vorgeschlagen, München zu verlassen und den Rest deiner Facharztausbildung woanders zu absolvieren. Ich hatte nämlich auch ein Gespräch mit unserem Oberarzt.« Darauf hatte Hans nur gewartet. »Ach nein«, rief er, »da bin ich aber gespannt.«

»Er behauptet, du würdest ihn immer wieder vor dem Operationsteam belehren wollen. Nun muss ich sagen, dass unser Oberarzt ein sehr erfahrener …«

»Entschuldige bitte, Vater«, unterbrach ihn Hans. »Dann erkundige dich mal bei diesem Operationsteam. Sprich mit unserem Narkotiseur, rede mit dem zweiten Assistenten, frage von mir aus die Schwestern. Lass dich darüber informieren, was heute geschehen ist. Und danach möchte ich dir gerne Rede und Antwort stehen. Aber im Augenblick scheinst du nur einseitig informiert zu sein. Und ich lehne es entschieden ab, hier Stellung zu nehmen oder mir Vorwürfe anzuhören. Dein Oberarzt ist in meinen Augen ein guter Frauenarzt, wenn es sich um die Diagnose reiner gynäkologischer Fälle handelt. Er ist mittelmäßig als Operateur, und er ist eine Katastrophe im gesamten übrigen Bereich. Und dazu gehört auch eine rein chirurgische Laparotomie, in diesem Falle eine mehrfache Dünndarmruptur. Ich möchte gar nicht in die Einzelheiten gehen. Es dürfte eine Kleinigkeit für dich sein, dich umfassend zu informieren, was wir heute bei diesem Notfall mit ihm erlebt haben. Und du hast recht, ich sollte wirklich von hier weggehen. Ich habe mich innerlich lange dagegen gesträubt, weil es mir hier in München gefällt. Aber in Ordnung, wenn dein Freund Winter einverstanden ist, soll es nicht an mir liegen, zu ihm zu gehen.«

»Ich muss mich bei der nächsten Gelegenheit mit ihm auseinandersetzen«, sagte der alte Herr. »Na ja, es brennt uns ja nicht unter den Nägeln, und für die nächsten Wochen gibt es hier reichlich zu tun. Es haben sich zu viele angemeldet, als dass ich auf dich verzichten könnte. Ich fahre vielleicht in einem Vierteljahr nach Köln zu einem Kongress und bin überzeugt, dass ich Winter da sehe. Du solltest mitkommen und wirst ihn dann kennenlernen.«

Hans sagte nichts mehr und konnte gehen. Er war froh, dass er seinen Termin mit der jungen Kollegin noch wahrnehmen konnte. Trotzdem hatte sie schon eine ganze Weile auf ihn gewartet, als er sich vor jenem Restaurant mit ihr traf. Es war eine junge, rothaarige Frau mit sommersprossigem Gesicht und einer Stupsnase. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Freches, Vorwitziges. Aber gerade das gefiel ihm an dieser Frau. Und wie er wusste, war sie auch nicht auf den Mund gefallen. Andererseits spürte er ganz genau, dass sie ihn mochte.

Am Abend hatte er sich mit Claudia verabredet. Die ursprüngliche Verabredung mit Roswitha Leuscher wollte er noch absagen. Und es würde ihm leichtfallen, nachdem, was ihm sein Vater erklärt hatte.

Noch während des Essens verabredete er sich mit seiner jungen Kollegin für morgen Abend. Heute, behauptete er, müsse er mit Kollegen etwas Berufliches besprechen.

Nach dem Essen gingen beide zur Klinik zurück, aber dann trennten sich ihre Wege. Sie arbeitete als Assistentin des Röntgenarztes, und Hans musste wieder auf seine Station.

Am Abend dann traf er sich in der Innenstadt mit Claudia.

Sie sah blass aus, als sie ihm gegenübertrat, und war sehr ernst.

»Was ist los?«, wollte er wissen.

»Alles ist los. Papa geht es nicht gut. Aber so viel Kraft, mich anzuschnauzen, hat er gehabt. Er hat gesagt, ich sei zwar das jüngste seiner Kinder, aber das dümmste und unfähigste. Und er hat es so böse gesagt wie noch nie. Er könne jetzt einen guten Arzt gebrauchen, aus seinen Söhnen seien Ärzte geworden, aber nicht aus mir. Ich tauge zu nichts, behauptete er.«

»Und was hat er?«, fragte Hans.

»Kreislaufgeschichten. Und ich vermute auch, dass er einen Herzinfarkt hatte. Vor vierzehn Tagen muss es gewesen sein. Wahrscheinlich ein kleiner Infarkt. Er hat sich natürlich nicht behandeln lassen. Er weiß ja alles selbst und weiß alles besser. Die schlimmsten Patienten, die es gibt, das sind die Ärzte selbst. Heute Abend habe ich einen Internisten, den ich gut kenne, gebeten, zu ihm zu fahren. Er hat ihn regelrecht rausgeworfen. Das Brüllen hat ihn so angestrengt, dass er nachher wachsbleich auf der Couch lag. Ich denke, ich hätte nicht weggehen sollen, aber …«

»Er gehört in eine Klinik, denke ich.«

»Das musst du ihm selbst einmal sagen«, erwiderte Claudia auf die Bemerkung von Hans hin. »Er will in keine Klinik. Er ist furchtbar. Ich halte es bald nicht mehr aus. Wenn es eine Liebe von mir für ihn gegeben hat, dann tritt er sie schon seit dem Tode von Mama mit Füßen. Und auch die letzte Zeit, die sie gelebt hat, ist er unausstehlich gewesen. Ich halte das wirklich nicht mehr aus. Ich möchte weg. Dabei bin ich schon die meiste Zeit hier in der Stadt.«

»Vielleicht solltest du mal eine Zeit lang ganz bei ihm sein, dir Urlaub nehmen, dich um ihn kümmern. Kann ja sein, dass ihr euch dann wieder näherkommt.«

Sie erschauderte wohl bei diesem Gedanken, denn sie schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. »Um Gottes willen, das wäre die Hölle. Andererseits gibt es ja auch so eine Pflicht für eine Tochter, nicht wahr?«

»Ich denke doch«, bestätigte Hans.

Der Rest des Abends war getrübt durch diesen Vorfall, und Hans fuhr Claudia schon eine Stunde später nach Herrsching zu ihrem Vater. Er ging aber nicht mit ins Haus, verabschiedete sich schon im Wagen von ihr, und als sie ausgestiegen war und durch die kleine Pforte ging, winkte er ihr nur kurz zu und fuhr davon.

Ein verpfuschter Abend, dachte er, als er wieder gen München fuhr. Er überlegte, wodurch er diesen Abend noch hätte retten können. Ihm fiel die junge rothaarige Kollegin ein, und er fragte sich, ob er einfach zu ihr gehen und damit den verkorksten Abend doch noch erfreulich gestalten sollte.

Es kam anders. Als er an der Wildberg-Klinik vorfuhr und gerade aussteigen und das schmiedeeiserne Tor öffnen wollte, entdeckte er plötzlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite zwischen anderen geparkten Autos den weißen Porsche von Roswitha. Und während er noch hinschaute, hörte er plötzlich ihre Stimme hinter sich sagen:

»Ich wusste, dass du mir nicht entkommst. Deine Absage war unglaubwürdig. Ich sehe dir an, dass du bei einer Frau warst.«

Er hatte sich umgedreht und blickte sie an. Verführerisch schön und elegant wie immer stand sie vor ihm. Diesmal in einem dunkelblauen Kostüm, darunter eine weiße Bluse mit Spitzenkragen und umwölkt vom Duft eines teuren französischen Parfüms. Sie trug einen weitrandigen geschwungenen Hut, was ihre damenhafte Eleganz noch unterstrich. Und ihr Gesicht war so makellos, ihr Make-up so dezent und vollendet wie immer.

In diesem Augenblick vergaß er die junge Kollegin mit dem roten Haar und den Sommersprossen und der Stupsnase. Roswitha war einfach mehr. Sie war wie ein Magnet, und er kam sich wie ein Eisenspan vor, der von diesem Magneten unweigerlich und unwiderstehlich angezogen wurde.

»Lass deinen Wagen doch stehen«, sagte sie. »Komm, wir fahren irgendwohin, wo wir allein sind. Ich möchte mit dir reden.«

»Über dein Kind?«, fragte er bissig.

Sie lächelte. »Dieser Idiot hat deinen Vater angerufen. Er hat es mir sogar selbst gesagt. Ich konnte mir denken, dass da Porzellan zerbricht. Mach dir nichts daraus, mein Liebster. Ich kitte das alles wieder zusammen. Komm nur mit, komm. Ich werde wahnsinnig, wenn du es nicht tust.«

Er konnte gar nicht anders. Er gab ihr nach, überquerte mit ihr die Straße, stieg zu ihr in den Wagen, und sie fuhren los.

Sie war es, die chauffierte. Eine rasante Fahrerin, wie er schon des Öfteren festgestellt hatte. Dass ihr Rock beim Sitzen im tiefen Wagen ein gutes Stück nach oben geglitten war, mochte Zufall sein. Aber als sie nach dem Schalten ihre Hand von der Gangschaltung nicht mehr zurück zum Lenkrad nahm, sondern sie auf den linken Oberschenkel von Hans legte, war das ganz sicher kein Zufall.

Die Berührung ließ ihn nicht gleichgültig. Und er konnte sich lebhaft vorstellen, was in Roswitha vorging. Noch teilte er ihr Begehren nicht, aber nach einer Weile hatte sie erreicht, was sie wollte. Er sehnte sich so sehr nach körperlicher Liebe wie sie.

Im Stadtteil Bogenhausen, einem der teuersten von München, hielt sie vor einem neu erbauten Haus und sagte: »Wir sind da. Ich möchte dir etwas zeigen.«

Das Haus, vor dem sie hielten, hatte vier Stockwerke und war offenbar erst vor Kurzem fertiggestellt worden. Nicht alle Wohnungen schienen bewohnt. Roswitha hatte einen Schlüssel und führte Hans in dieses Haus hinein. Im ersten Stockwerk öffnete sie eine Wohnungstür und sagte: »Sieh es dir an, es gehört uns ganz allein. Ich habe es für uns gemietet. Wir können es uns einrichten, wie wir wollen. Schau dich nur um. Ist es nicht hübsch?«

Die Räume rochen noch nach Farbe und Tapetenkleister. Der Fußboden war durchweg Parkett. Alles wirkte teuer und kostbar. Das große, bis nach oben gekachelte Badezimmer war ein Traum mit einer großen, runden Wanne, in der gut zwei Personen baden konnten.

»Ich habe es wegen des Badezimmers genommen«, erklärte Roswitha. »Da möchte ich öfter mit dir sein, hier in dieser Wanne. Ist das nicht wunderschön?« Fast hätte er seinen Groll wegen der Auseinandersetzung mit seinem Vater vergessen. Aber da fiel es ihm wieder ein, und er knurrte missgelaunt: »Du hast mir jedenfalls ein ganz schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Wie konntest du deinem Mann solche Sachen erzählen? Das mit dem Kind …«

Er sah sie vorwurfsvoll an, aber sie lächelte nur, schnippte mit den Fingern der rechten Hand und zuckte die Schultern. »Reg dich doch nicht auf. Es hat ihn jedenfalls in Weißglut versetzt, diesen Idioten. Ich wäre glücklich, wenn ich ihn los bin.«

»Ich bin nicht ganz so glücklich wie du«, entgegnete Hans. »Er ist nämlich der Bankier meines Vaters, und hier beginnt die Sache einen finanziellen Charakter anzunehmen.«

Sie lachte wie über einen Scherz. »Hat er Angst um seine Kredite? Mein Gott, die Bank verdient doch an den Zinsen. Harald ist es egal, wem er Kredite gibt, Hauptsache, er verdient dabei. Und die Bank ist dasselbe wie ein Spielcasino, sie verdient immer.«

»Wie konntest du ihm das mit dem Kind sagen? Es ist doch gar nicht wahr«, sagte Hans mit unüberhörbarer Schärfe.

»Na wenn schon, das ist es ja, was ihn am meisten geärgert hat. Weißt du, dass er gar kein Vater werden kann? Er hatte irgendwann mal einen Unfall, da ist ihm der Samenleiter durchtrennt worden. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Er ist zwar ein Mann, was das Sexuelle angeht, aber er kann keine Kinder zeugen. Und was seine Männlichkeit angeht, hat er auch ziemlich nachgelassen. Er ist immerhin achtzehn Jahre älter als ich.«

Am liebsten hätte Hans gesagt, dass sie dafür älter war als er selbst, erheblich älter, wie er in diesem Augenblick dachte. Er wollte sich das geradezu einreden, aber sie machte es ihm nicht leicht. Denn ihr war dieses Ältersein nicht anzumerken. Im Gegenteil, so verführerisch wie jetzt hatte sie lange nicht ausgesehen.

»Komm nach nebenan«, sagte sie leise und meinte, seine Gedanken zu erraten.

Er ging nach nebenan und war überrascht. Dieses Zimmer war schon eingerichtet, hier standen Möbel. Sie sah von diesen Möbelstücken nur die Couch und ging direkt darauf zu. Als sie davorstand, zog sie wie selbstverständlich ihre Jacke aus und sagte:

»Es hängen noch keine Gardinen vor den Fenstern. Lass doch den Rollladen ein wenig herunter, auf Schlitz, verstehst du?«

Er rührte sich nicht von der Stelle. »Was erwartest du von mir?«

Sie wandte sich zu ihm um, und jetzt wirkte sie noch verführerischer als eben. »Ich möchte, dass du mich liebst, was sonst?«

Ich komme nicht von ihr los. Ich komme wirklich nie von ihr los, dachte er. Dann ging er zum Fenster und ließ den Rollladen herab.

 

 

4. Kapitel

 

Am Mittag des nächsten Tages erfuhr Hans Wildberg durch seinen Vater vom Tode Professor Frenzels.

»Er ist am frühen Morgen gestorben«, sagte sein Vater. »Die Beerdigung findet kommenden Freitag in Herrsching statt. Wir müssen natürlich hin.«

Hans dachte sofort an Claudia, aber auch an Roswitha, mit der er sich kommendes Wochenende in ihrem kleinen Haus am Tegernsee hätte treffen wollen.

Vielleicht, dachte er, sollte ich einfach nicht hingehen, nicht Bescheid sagen, gar nichts tun. Es ist die einzige Chance, um von ihr loszukommen.

Aber dann widerrief er seine Absicht.

Wer weiß, was sie womöglich anstellte. Er musste ihr doch etwas sagen. Nur nicht, wo diese Trauerfeier stattfand, sonst kam sie womöglich hin. Ich muss sie loswerden, dachte er. Ich muss mich von ihr lösen, wenn ich mir noch selbst in die Augen sehen soll. Und er hörte, wie sein Vater sagte:

»Zu dem Begräbnis wird natürlich auch mein Freund Winter kommen. Es ist die Gelegenheit, um einmal mit ihm über dich zu sprechen. Und außerdem kannst du ihn dann kennenlernen. Ich bin überzeugt, du wirst beeindruckt sein.«

Vielleicht, dachte Hans Wildberg, ist es wirklich das Beste, wenn ich von München weggehe. Eine Chance jedenfalls, um Roswitha loszuwerden für immer. Wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich nie mehr von ihr loskommen. Sie wird sich an mich krallen wie ein Krake. Nein, ich will frei sein, frei wie ein Vogel am Himmel.

 

 

5. Kapitel

 

 

Ein Wetter zum Urlaub machen, dachte Professor Florian Winter, als er mit seinem Wagen auf den Parkplatz vor dem Friedhof einbog. Er stellte seinen Wagen in eine Lücke, hielt an und blickte, bevor er sein Schiebedach zudrehte, zum strahlend blauen Himmel empor. Kein Wölkchen trübte diese Bläue. Und von den Tannen, die den Friedhof von Herrsching umstanden, wehte ein würziger Harzduft in Winters Nase. Er schloss das Schiebedach, stieg aus und blickte in die Runde. Vorn am Eingang hatten sich die Trauergäste versammelt. Zwei erkannte er von hier aus, und das ließ ihn für ein paar Augenblicke lang den betrüblichen Grund seines Hierseins vergessen. Er freute sich, seine großen Kollegen Wildberg und Hammer wiederzutreffen.

Als er den Wagen abgeschlossen hatte und zu den anderen Trauergästen hinüberging, hatte ihn Wildberg schon erkannt und kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Ein großer, hagerer weißhaariger Mann, der nach Winters Meinung schon um die Siebzig sein musste. Aber seit ihrem letzten Wiedersehen hatte Wildberg nichts von seinem jugendlichen Schwung verloren. Kein Greis, ganz und gar nicht. Vielmehr ein Mann, der mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen stand. So wie damals, als Winter bei ihm seine Facharztausbildung gemacht hatte. Wildberg war sein großer Lehrmeister, ein Könner seines Fachs. Winter verdankte ihm viel. Und er freute sich, trotz des traurigen Anlasses, dass er Wildberg bei dieser Gelegenheit einmal wiedersah.

Sie schüttelten sich die Hände, und Professor Wildberg sagte:

»Ein Lichtblick an diesem trüben Tage.«

»Trüber Tag?« Winter lächelte. »Wir haben blauen Himmel, Herr Kollege.«

Wildberg verzog das Gesicht, als sei er mit diesem Tage ganz und gar nicht zufrieden. »Wir bringen Frenzel unter die Erde. Der Nächste werde vielleicht ich sein.« Er lächelte jungenhaft. »Na ja, wen es trifft, den trifft es. Wir haben gelebt, lieber Freund, und noch nicht einmal schlecht. Frenzel hat wenigstens etwas von seinem Ruhestand gehabt. Wie war die Fahrt?«

Winter zuckte nur die Schultern. »Wie üblich, jedenfalls kein Honigschlecken.«

»Wo haben Sie Ihre Frau gelassen, lieber Herr Kollege?«, fragte Wildberg. »Ich hätte Helga gern einmal wiedergesehen.«

»Sie wollte nicht mit. Beerdigungen sind ihr ein Gräuel, selbst wenn sie in einer so herrlichen Landschaft wie hier am Ammersee stattfinden. Wie geht es Ihnen?«

»Mir geht es blendend, viel zu gut für so einen alten Krauter wie mich«, erwiderte Wildberg lachend.

Zu zweit gingen sie auf Professor Hammer zu. Er war damals bei Wildberg Oberarzt gewesen. Das alles lag fast zwanzig Jahre zurück. Aus Hammer war, genau wie aus Winter, ein Professor geworden, ein Chefarzt, dazu an einer renommierten Münchner Klinik. Hammer war im Gegensatz zu Wildberg mittelgroß, breitschultrig und neigte zur Körperfülle. Aber das war schon vor zwanzig Jahren so gewesen, wie sich Winter erinnerte.

Das breite Gesicht mit der roten Nase strahlte Winter an. Die Schalkaugen waren unverändert wie damals. Nur das Haar hatte sich gelichtet. Aber der Händedruck, mit dem Professor Hammer seinen einstigen Assistenzarzt begrüßte, war so fest wie ehedem.

Die drei stellten sich ein wenig abseits von den anderen, noch war es zu früh für die Trauerfeier in der Kapelle.

Das Gespräch kam auf Professor Frenzel, Winters langjährigen Chefarzt. Seine letzten Jahre hatte er hier unten in Herrsching am Ammersee gelebt und fand nun hier seine letzte Ruhestätte. Seine Frau war vor einem Jahr gestorben. Auch zu ihrer Beerdigung war Winter dagewesen und hatte sich damals schon gedacht, dass Frenzel dem Jenseits näher war als dem Leben. Hinfällig war er gewesen und müde dazu. Der Verlust seiner Lebensgefährtin hatte Frenzel aus der Fassung gebracht. Ein Jahr lang hatte er es noch überstanden, dann war es auch für ihn so weit gewesen.

Hammer, Wildberg und Winter sprachen von einst, von Frenzels Leistungen, auch von seinen Irrungen. Und sie waren mit ihrer Unterhaltung noch nicht am Ende, als die Glocke zur Trauerfeier rief.

Danach ergab sich wenig Gelegenheit zur Unterhaltung. Sie gedachten des Menschen, der für immer von dieser Welt gegangen war. Aber Winters Gedanken glitten von Frenzel zu Wildberg und damit zu seiner eigenen Zeit der Facharztausbildung, jene Jahre als Assistenzarzt unter dem Chefarzt Professor Dr. Wildberg und dem Oberarzt Dr. Hammer. Eine aufregende, lehrreiche und, wie sich Winter heute sagte, sehr schöne Zeit war das gewesen. Er musste Wildberg dankbar sein. Was er heute konnte, hatte er in den wesentlichen Grundsätzen von Wildberg gelernt.

Auf dem Weg zum vorgesehenen Grab für Professor Frenzel stieß dann noch Professor Wildbergs Sohn Hans zu ihnen. Professor Franz Wildberg quittierte das Zuspätkommen seines Sohnes mit einem vorwurfsvollen Blick, sagte aber nichts. Hammer begrüßte den jungen schlanken Mann mit der launigen Bemerkung:

»Sie kommen gerade noch früh genug zu spät.«

Winter, der Wildbergs Sohn gar nicht kannte, wurde mit ihm bekannt gemacht.

»Wissen Sie«, sagte Professor Wildberg mit einer Kopfbewegung in Richtung des jungen Mannes, »er ist damals ein sieben- oder achtjähriger Tropf gewesen, und nun versucht er, in Vaters Fußstapfen zu treten. Übrigens ist das ein Thema, über das ich mit Ihnen ganz gern einmal sprechen wollte, mein lieber Winter.«

Aufgrund dieser Bemerkung beobachtete Winter den angehenden Facharzt Hans Wildberg während der Beerdigungszeremonie ein wenig genauer. Hans Wildberg war ein gut aussehender junger Mann, und er schien das auch zu wissen. Winter hatte jedenfalls den Eindruck, dass der Sohn seines großen Lehrmeisters äußerst selbstbewusst zu sein schien und ganz sicher nicht an Minderwertigkeitskomplexen litt. Was Winter besonders auffiel, war die Art, wie Wildberg junior den Damen, die an dem Begräbnis teilnahmen, seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Was Winter aber ganz besonders ins Auge stach, war die Tatsache, dass eben jene Damen Wildbergs Blicke ungeniert erwiderten und unverhohlen erkennen ließen, dass dieser junge Mann sie interessierte. Und natürlich waren es überwiegend jüngere Damen, denen Wildberg junior seine Aufmerksamkeit schenkte.

Nach den Begräbnisfeierlichkeiten beschlossen Professor Wildberg, sein Kollege Professor Hammer und Professor Winter zu dritt im Gasthof 'Zur Post' noch eine oder zwei Flaschen Wein zusammen zu trinken. Alle drei hatten sie dort Zimmer bestellt und wollten erst am kommenden Morgen weiterfahren. Dieses Wiedersehen und die Stunden zusammen wollten sie genießen.

Im Kreise der drei Professoren war Winter der jüngste. Aber was seine Erfolge betraf, die er in medizinischer Hinsicht erbrachte, stand er seinem Lehrmeister, aber auch seinem einstigen Oberarzt in nichts nach.

Wildberg junior hatte sich nach dem Leichenschmaus von Professor Hammer und von Professor Winter verabschiedet und war wieder verschwunden. Sein Vater gab als Kommentar nur folgende Worte zum Besten: »Ich weiß nur von zwei Dingen, wofür er sich begeistern kann: das Skalpell und den Rock.«

Hammer schien von Wildberg junior mehr zu wissen als Winter, denn er frotzelte amüsiert: »Na ja, wir sind früher auch hinter den Mädchen her gewesen, und Sie, lieber Wildberg, waren doch ganz sicher kein Kostverächter, wenn es um ein Paar hübscher Beine ging.«

Sie lachten alle drei, dann wandten sie sich anderer Themen zu. Während des Essens kamen sie ins Fachsimpeln, und später verabschiedete sich Hammer, der einen sehr langen Tag gehabt hatte und müde war.

Trotz seines Alters schien Wildberg senior keinerlei Müdigkeit zu spüren, und auch Winter hatte wenig Lust, jetzt schon ins Bett zu gehen. Dabei war es bereits kurz vor Mitternacht. Professor Wildberg kam plötzlich auf seine Privatklinik zu sprechen, die er seit anderthalb Jahrzehnten führte. Und dies ganz sicher nicht ohne Erfolg, wie sich Winter insgeheim sagte. Denn dass Franz Wildberg äußerst vermögend war, konnte man nicht nur an seinem teuren Wagen ablesen, der draußen vor dem Gasthof stand.

»Wissen Sie, mein lieber Winter«, sagte Professor Wildberg und drehte sein Rotweinglas zwischen den Fingern, »ich will nicht sagen, dass ich müde geworden bin, aber so allmählich denke ich darüber nach, mein Haus zu bestellen. Ich will damit sagen: einen Nachfolger zu finden.«

»Aber Sie haben doch Ihren Sohn.«

»Er ist ein junger Spring-ins-Feld«, entgegnete Wildberg auf Winters Bemerkung. »Ein junger Bursche. Sehr begabt, aber immer Weibergeschichten. Mit diesen Abenteuern, die er mit Frauen besteht, bringt er sich oft an den Rand seiner Existenz. Es lenkt ihn von seinen Aufgaben ab. Aber wie gesagt, er ist sehr talentiert. Das sage ich ganz objektiv. Und er hat auch, was seine Arbeit angeht, für sein Alter viel Erfahrung. Was ihm wirklich fehlt, wäre frischer Wind an einer anderen Klinik. Und da hatte ich schon einen Anschlag auf Sie vor, mein lieber Winter. Wie wäre es denn, wenn Sie den jungen Dachs einmal zu sich nehmen und er, bevor er seine Facharztausbildung abschließt, ein oder zwei Jahre bei Ihnen in Bonn verbringt oder eben überhaupt unter Ihren Fittichen. Mir ist nämlich noch ein anderer Einfall gekommen, und dies gerade jetzt. Aber ich will noch nicht davon sprechen. Ich rede noch von Hans, meinem Sohn. Ihnen diesen Vorschlag zu machen, dass Sie ihn unter Ihre Fittiche nehmen, diese Idee ist mir schon vor Wochen gekommen. Ich wollte irgendwann einmal nach Bonn fahren und diese Gelegenheit nutzen, unter anderem auch mit Ihnen über Hans zu sprechen. Nun kam überraschend der Tod unseres alten Freundes Frenzel dazwischen, was wiederum bedeutet, dass wir uns wiedergesehen haben, das Positive zu diesem traurigen Tag. Frenzel hat es hinter sich. Nun gut, er hat sein Leben gelebt. Mit sechsundsiebzig könnte man sagen, er hätte auch gut zehn Jahre älter werden können. Man kann aber auch feststellen, dass viele gar nicht so alt werden. Und gut ist es ihm auch gegangen - zumindest die letzten Jahre. Seit Sie seine Stelle angetreten haben, ist er doch fein heraus gewesen. Im Grunde schon viel früher. Als Oberarzt haben Sie seine Arbeit gemacht, das ist mir nicht verborgen geblieben. Wie wäre es denn, könnten Sie Hans in Bonn gebrauchen?«

Winter dachte kurz nach. Ob Wildbergs Sohn ein guter Arzt ist, kann man nach einem kurzen Kennenlernen überhaupt nicht beurteilen. Aber das mochte er dem Vater des jungen Arztes nicht sagen. Auf der anderen Seite hatte Hans Wildberg in der Klinik seines Vaters die bisherige Facharztausbildung gemacht. Und Wildberg senior war ein erstklassiger Gynäkologe. Sein Können hatte Weltruf. In seiner Klinik lagen Patientinnen, die aus Kanada und USA, aber auch aus Südamerika herübergekommen waren, um sich von ihm behandeln zu lassen. Was das anging, so musste Winter neidlos feststellen, hatte Wildberg einen weitreichenderen Ruf als er selbst.

Noch einmal stellte ihm Professor Wildberg die Frage, ob er denn eventuell seinen Sohn für ein bis zwei Jahre zu sich nach Bonn an die Klinik nehmen könnte.

»An mir soll es nicht liegen«, erwiderte Winter bereitwillig. »Aber ich muss natürlich auch mit der Verwaltung sprechen, und die Einstellung von Ärzten wird von einer Übereinstimmung des Chefärztekollegiums abhängig gemacht. Ich sehe da überhaupt keine Probleme, doch diese Formalität muss noch erfüllt werden. Und ohne die notwendigen Bewerbungsunterlagen wird es nicht zu machen sein.«

»Keine Schwierigkeit«, beteuerte Professor Wildberg, »das alles lässt sich regeln. In anderen Worten, mein lieber Winter, an Ihnen hängt es nicht.«

Winter schüttelte den Kopf. »Nein, nicht an mir.« Und er dachte daran, dass er seinem Lehrmeister Wildberg viel zu verdanken hatte. Warum sollte er nicht dessen Sohn an die Klinik holen?

Aber dann geschah etwas, das Winter seine schnelle Zusage fast bereuen ließ.

Trotz der späten Stunde war noch eine große Gruppe junger Leute in den Gasthof gekommen und drängte sich an den vorderen Tischen. Wie sich an der lautstarken Unterhaltung heraushören ließ, waren es Sänger und Tänzer eines Heimatvereins, die von einer Probe kamen und jetzt ihren Durst stillen wollten. Es ging fröhlich und so laut zu, dass Professor Wildberg schon die Stirn runzelte und den Vorschlag machte, die kleine Runde nun aufzuheben. Er wollte ins Bett. Aber zuvor entschuldigte er sich und verschwand in Richtung Toilette.

Winter saß allein am Tisch und blickte zufällig zu diesen jungen Leuten nach vorn, als ein weiteres Paar die Gaststube betrat.

Winter erkannte in der ganz in Schwarz gekleideten jungen Frau die Tochter des heute beerdigten einstigen Chefarztes der Paul-Ehrlich-Klinik Professor Frenzels. Und der Mann, der sie begleitete, war Hans Wildberg.

Wildberg schien ein wenig irritiert von der fröhlichen Gesellschaft vorn, sah sich suchend nach einem freien Tisch um und entdeckte dann einen, ohne während seines Suchens Winter erkannt zu haben. Er deutete auf den freien Tisch, und die beiden gingen darauf zu, sprachen leise miteinander und setzten sich dann ein Stück weiter an einen Ecktisch, der ein wenig abseits stand.

Winter hatte die beiden jetzt im Rücken, konnte sie aber dennoch sehen, weil hinter dem Platz, auf dem Professor Wildberg gesessen hatte, eine Trennscheibe den hinter Winter liegenden Raum spiegelte. So sah er, ohne direkt hinsehen zu müssen, wie sich die beiden setzten, die Köpfe zusammensteckten und leise miteinander sprachen. Einmal lachte Frenzels Tochter Claudia glockenhell auf. Und als wenig später die Kellnerin zu diesem Tisch ging, hörte Winter, wie Wildberg junior sagte: »Haben Sie einen guten Sekt? Am besten französischen Champagner.«

Die Antwort der Kellnerin konnte Winter nicht verstehen, aber wenig später kam sie mit einem Eiskübel und einer Flasche Champagner. Als sie die Gläser hinstellte und die Flasche entkorken wollte, sagte Wildberg junior launig: »Lassen Sie mal, das mit dem Einschenken mache ich selbst.« Und kaum war die Kellnerin wieder weg, lachten die beiden hinten in ihrer Ecke, und Claudia Frenzel bot so ganz und gar nicht das Bild einer trauernden Tochter. Ein wenig schnitt das Winter ins Herz, denn er wusste, wie sehr sich Frenzel für seine Kinder eingesetzt hatte. Früher, als Frenzel noch Chefarzt an der Paul-Ehrlich-Klinik gewesen war, hatte es viele Gespräche zwischen ihm und seinem Oberarzt gegeben, die nicht immer nur um medizinische Probleme kreisten, sondern auch oft privater Natur waren. Und daher war Winter ziemlich bestürzt über das Verhalten von Claudia. Eigentlich hatte sich Frenzel viel Sorgen um Claudia gemacht, die ein Nachzügler unter seinen Kindern war. In der Schule war es nie so recht vorangegangen, das Studium hatte sie mit Ach und Krach geschafft, und danach war sie von Winter ein wenig aus den Augen verloren worden. Er hätte nicht einmal sagen können, ob sie es schließlich doch noch zu einer brauchbaren Ärztin geschafft hatte.

In diesem Augenblick verließ Wildberg senior die Toilette, sah erst geradeaus, blickte dann aber kurz nach rechts und entdeckte seinen Sohn.

Winter sah, wie Wildberg senior stutzte, dann aber weiterging und neben Winter, der das alles in der Trennscheibe beobachtet hatte, stehen blieb.

»Ich glaube, es ist Zeit, ins Bett zu gehen. Kommen Sie mit, Winter?«

Der erhob sich und versuchte zu erraten, was in diesem Augenblick in seinem Vorbild Wildberg vorgehen mochte. Aber das Gesicht des alten Mediziners verriet durch nichts, was der Mann dachte.

»Ja, gehen wir«, erklärte Winter schließlich. Aber als sie draußen waren, sagte Wildberg: »Wenn mein Sohn zu Ihnen kommt, dann nehmen Sie ihn hart an die Kandare. Das ist einer der Gründe, warum ich ihn ganz gern bei Ihnen sehen möchte.«

»Sind Sie denn überzeugt, dass er selbst das auch will?«, fragte Winter zweifelnd.

»Ja, er wird es wollen. Ich bin sehr davon überzeugt. Dass er ein guter Arzt ist, werden Sie rasch erkennen. Seine Weibergeschichten allerdings sind der wunde Punkt. Ich habe insgeheim die Hoffnung, dass sich da etwas ändert, wenn Sie ihn unter Ihren Fittichen haben.«

»Ich fürchte«, erwiderte Winter, »Sie überschätzen mich ein bisschen. Er ist schließlich kein Kind mehr. Und was sein Privatleben angeht, kann ich ihm ganz sicher keine Vorschriften machen.«

»Nehmen Sie ihn hart in die Pflicht, und ihm werden die Sperenzchen vergehen. Ich bin viel zu nachsichtig gewesen. Trotzdem war das Verhältnis zwischen ihm und mir stets ein wenig gespannt. Es ist immer schwierig, den eigenen Kindern etwas beibringen zu wollen.«

Später dann, als Winter im Bett lag, fragte er sich, ob es richtig gewesen war, Wildberg die Zusage überhaupt gegeben zu haben. Wer weiß, dachte er noch, was ich mir damit eingehandelt habe.

Am liebsten hätte er noch seine Frau angerufen, aber es war zu spät dazu. So löschte er das Licht und streckte sich aus.

Er war gerade eingeschlafen, als ihn laute Stimmen weckten, die draußen unmittelbar vor seiner Tür zu sein schienen.

Er fuhr aus dem Schlaf und hörte die übermütig klingende Stimme von Claudia Frenzel. Sie kicherte und sagte dann:

»Aber nicht doch, wenn uns jemand sieht!«

Dunkler und nicht so gut verständlich kam die Antwort von Hans Wildberg:

»Ach Quatsch! Nun komm schon, komm, wir gehen in mein Zimmer. Wer soll denn das sehen?«

»Aber ich wohne doch hier. In Herrsching kennt mich jeder.«

»Rede doch keinen Stuss, komm einfach mit. Und morgen früh achtet kein Mensch auf dich. Also, komm!«

Das alles spielte sich unmittelbar vor Winters Tür ab. Womöglich hatte der Champagner den beiden die Zunge gelockert, und sie sprachen lauter, als dies nötig gewesen wäre.

Aber dann war es mit einem Male still, irgendwo klappte eine Tür, und Winter hätte wieder einschlafen können, aber er konnte nicht.

Es verletzte sein Empfinden, daran zu denken, dass Claudia an so einem Tag mit einem Mann auf dessen Zimmer ging.

Ach was, sagte sich Winter schließlich, was geht mich das an? Ich kümmere mich um ungelegte Eier. Das Privatleben anderer Leute ist deren Sache und nicht meine.

Aber dann musste er wieder an früher denken, als Claudia noch ein Kind gewesen war und eben an jene Gespräche mit Frenzel, und da blieb eben dann doch ein Schmerz und auch so etwas wie Zorn auf Wildbergs Sohn und dieses Mädchen.

Sein letzter Gedanke war, bevor er einschlief: Es ist vielleicht besser, wenn ich dafür sorge, dass Wildbergs Junge nicht zu mir an die Klinik kommt. Ich muss es irgendwie unterbinden …

 

 

6. Kapitel

 

Eine Woche später hatte Professor Winter die Bewerbungsunterlagen von Hans Wildberg auf dem Tisch. Da er in der Klinik keine Zeit hatte, alles in Ruhe zu lesen, nahm er die Bewerbung, aber auch andere Unterlagen mit nach Hause. Und nun nutzte er das herrliche Sommerwetter, saß in legerer Kleidung im Garten seines Hauses und begann damit, die Unterlagen zu sichten.

Seine Frau hatte Kaffee gekocht und legte sich gerade auf den Liegestuhl auf der anderen Seite des kleinen Tisches, auf dem Kaffeekanne und Tassen standen. Hinten im Garten tollten Winters beide Kinder, der siebenjährige Stefan und die dreijährige Andrea. Ein Nachbarkind war auch dabei, und das fröhliche Geplapper der drei ließ Winter in diesem Augenblick daran denken, wie es vielleicht einmal sein würde, wenn Stefan erwachsen war.

»Du machst ein so ernstes Gesicht, Florian, was ist denn los?«, hörte Winter seine Frau fragen und wandte sich ihr zu.

Sie sieht noch immer blendend aus, dachte er.

Der Schein der tief stehenden Sonne brach sich in Helga Winters blondem Haar. Die Wangen waren ein wenig gerötet, und aus blauen Augen schaute sie ihren Mann an. »Hast du mich überhaupt verstanden?«

Er lächelte. »Oh ja. Ich musste gerade an etwas denken. Nämlich daran, wie unsere Kinder sein werden, wenn sie erwachsen sind. Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder …«

Sie nickte. »Große Sorgen. Wie kommst du darauf?«

Er erzählte ihr sein Erlebnis mit Wildbergs Sohn und Frenzels Tochter.

Helga schaute ihn verwundert an. »Warum stört dich das? Du bist doch sonst sehr großzügig.«

»Ich weiß nicht, warum es mich stört. Ich frage mich das selbst. Und im Augenblick habe ich die Bewerbung von ihm in den Händen.«

Helga richtete sich auf und blickte ihren Mann nachdenklich an. »Willst du etwa ablehnen aufgrund solcher privater Dinge?«

»Gefallen wird mir das nicht.«

»Du sagst das nur«, erwiderte sie spontan, »weil du durch sie wach geworden bist. Das hat dich geärgert.«

»Findest du es denn richtig, dass Frenzels Tochter an dem Tage, da ihr Vater beerdigt wird, am Abend mit …«

»Nun hör aber mal zu«, unterbrach ihn Helga. »Du bist doch nicht der Typ, der plötzlich in Moral macht. Das sind doch erwachsene Menschen. Was geht das uns an? An deiner Klinik suchst du doch keinen Tugendwächter, sondern einen erstklassigen Arzt. Ist er das nun oder nicht?«

»Wenn man dem Vater zuhört, ist er das. Wenn man den Vater kennt, darf man es erwarten. Aber ich weiß es nicht.«

»Aber ihr macht doch eine Probezeit aus, oder nicht?«

Winter nickte. »Ja, machen wir. Warum sagst du das?«

»Dann hast du doch Gelegenheit festzustellen, was er kann und was er nicht kann. Und wenn du ihn nicht willst, kannst du ihn wieder wegschicken. Ich meine damit aber, wenn du ihn wegen seiner womöglich mangelnden Fähigkeiten nicht willst. Was er sonst tut, kann uns doch vollkommen gleichgültig sein. Bei deinem Doktor Steiner hast du dich doch auch nicht an seinen Liebschaften gestört.«

»Das ist bei ihm jetzt vorbei«, entgegnete Winter.

»Ja, jetzt schon. Aber früher hast du mir tolle Geschichten erzählt, und noch mehr habe ich von anderen über Steiner gehört. Er war ja der Casanova vom Dienst. Jedenfalls wurde er so genannt.«

»Stimmt«, gab Winter lächelnd zu, »und er hatte auch sehr viel durcheinander gebracht. Weißt du, diese Dinge ziehen Kreise. Aber du hast recht, es hat mich im Grunde nie gestört, weil er zum Teil geniale Fähigkeiten aufzuweisen hatte. Und nachdem er seine Lässigkeit abgelegt hat, ist ein richtig guter Arzt aus ihm geworden.«

»Und Professor Wildbergs Sohn willst du diese Chance nicht geben? Du bist voreingenommen. Und es hängt meines Erachtens damit zusammen, dass sie dich aus dem Schlaf geschreckt haben.«

»Nein, nein, irgendwie hat mich das vorher schon erheblich irritiert.«

»Dann ist es wegen Claudia. Ach was, hör auf damit, dich mit diesen privaten Dingen von ihm und Frenzels Tochter zu beschäftigen. Du hast außerdem Professor Wildberg die Zusage bereits gemacht.«

»Habe ich«, gab Winter zu, »und das hat mir nachher sogar leidgetan.«

Sie zuckte die Schultern. »Ich finde es komisch, dass du dich neuerdings über so etwas aufregst, dass es dich stören kann. So bist du noch nie gewesen. Was steckt dahinter?« Sie hielt nachdenklich ihren rechten Zeigefinger ans Kinn, als könne ihr das beim Überlegen helfen.

»Es steckt nichts dahinter, und es ist keine Geheimniskrämerei. Es hat mich nur gestört.«

»Also wenn du mich fragst«, erklärte Helga, »ich würde ihn, wie zugesagt, kommen lassen und eine Probezeit vereinbaren.«

»Das ist sowieso der Fall«, erwiderte Winter.

»Dann gibt es doch überhaupt keinen Grund für dich. Und ob er nun mit Claudia Frenzel in sein Zimmer gegangen ist oder nicht, kann dir doch völlig egal sein. Ich verstehe nicht, dass du dir diese Frage überhaupt stellst.«

Er zuckte die Schultern. »Ich weiß es ja selbst nicht. Du hast recht, das hätte mich sonst nie gestört. Aber vielleicht ist es, weil ich Claudia schon als Kind gekannt habe und auch die Sorgen ihres Vaters. Na ja, du hast recht, ich werde deinen Rat befolgen, wie so manches Mal. Es waren ja nicht die schlechtesten Ratschläge, die du mir gegeben hast.«

»Danke für die Blumen«, rief Helga übermütig. »Du solltest eigentlich deine Arbeit beiseitelegen. Wir unterhalten uns. Ich habe Urlaubspläne gemacht.« Er blickte überrascht auf. »Neue Pläne? Wir wollten doch nach Tirol fahren dieses Jahr.«

Helga blickte ihn verschwörerisch an. »Ich habe etwas anderes ausgeheckt. Hoffentlich gefällt es dir. Sieh mal hier …« Sie griff zur Seite, brachte einen Stoß Prospekte hervor und legte sie auf den Tisch. »Da, das habe ich alles mitgebracht. Ich bin nämlich heute Morgen im Reisebüro gewesen.«

»Aber wir hatten uns doch auf Tirol geeinigt, schon der Kinder wegen.«

»Das Bessere ist der Feind des Guten«, verkündete Helga. »Hier, sieh einmal, das wäre für die Kinder auch ein Paradies, und nicht nur für die Kinder, auch für uns.«

Bevor Winter den Prospekt, den sie ihm zuschob, nehmen und ansehen konnte, läutete drinnen im Wohnzimmer das Telefon.

»Schon wieder!«, murrte Winter unwillig und erhob sich. Als er sich dann ein paar Sekunden später drinnen am Apparat meldete, hörte er die dunkle Stimme seiner Oberärztin Dr. Nina Hegner sagen:

»Ich habe eine unangenehme Nachricht für Sie, Herr Chefarzt. Der kleine Sohn von unserer Stationsärztin Scheibler hat Scharlach.«

Ach du lieber Himmel, dachte Winter und sagte: »Dann darf sie keinen Dienst tun. Nun gut, wir werden das verkraften.«

»Das ist bedauerlicherweise noch nicht alles, Herr Chefarzt.«

Winters Stirn umwölkte sich. »Was denn noch?«, knurrte er mürrisch.

»Der Kollege Renner leidet an einer Darminfektion. Er wollte zwar trotzdem Dienst tun, aber ich habe darauf bestanden, dass er nach Hause geht. Er sieht schrecklich aus. Daraufhin versuchte ich den Kollegen Steiner, der ja ab Montag Urlaub hat, zu erreichen, aber das ist mir bisher nicht gelungen. Er hat keine Bereitschaft und muss ja nicht sagen, wo er sich aufhält.«

»Was wollen Sie damit sagen? Wir können Steiner doch seinen Urlaub nicht abblasen lassen«, meinte Winter.

»Aber was sollen wir machen? Uns fehlen zwei Ärzte.«

Winter dachte sofort an Hans Wildberg. »Ich werde schon eine Lösung finden. Kommen Sie jetzt mit dem Bereitschaftsdienst zurecht?«

»Ja, das klappt«, sagte ihm seine Oberärztin. »Es ist nur ab Montag … da könnte es kritisch werden. Wir haben vier Operationen vorgesehen und …«

»Das schaffen wir auch noch. Wie lange hat Steiner Urlaub, wissen Sie das?«

»Vier Wochen. Er hatte den Urlaub schon im Februar angemeldet.«

»Rufen Sie ihn nicht zurück, wir kommen auch so zurecht. Und das mit dem Kollegen Renner wird ja schließlich keine Ewigkeiten dauern.«

Er verabschiedete sich von Dr. Nina Hegner und machte ein ziemlich mürrisches Gesicht, als er zu seiner Frau in den Garten zurückkehrte.

Sie blickte ihm gespannt entgegen. »Was ist denn passiert? Du machst ein Gesicht, als ob du …«

Er unterbrach sie mit einer schroffen Handbewegung. »Der Kleine von Frau Scheibler hat Scharlach, was bedeutet, dass sie wohl die nächsten vierzehn Tage aus Gründen der Infektionsgefahr keinen Dienst tun kann. Zu allem Überfluss ist der Kollege Renner von meiner Oberärztin mit einer Darminfektion nach Hause geschickt worden. Na ja, das wird sich ja bald wieder geben. Ich glaube ich muss, ob ich will oder nicht, in den sauren Apfel beißen.«

»Was für ein saurer Apfel?«, wollte Helga wissen.

Er tippte auf die Bewerbungsunterlagen von Dr. Hans Wildberg.

»Aber das ist doch kein saurer Apfel. Florian, was hast du nur gegen den jungen Mann? Soviel du mir erzählt hast, bringt er doch eine Menge mit, ich meine an Fachwissen. Und sein Vater war für dich doch immer so etwas wie ein Idol.«

»Der Vater ja. Was den Sohn angeht, bin ich sehr skeptisch.«

»Du hast noch nicht einmal seine Unterlagen gelesen«, entgegnete Helga vorwurfsvoll. »Florian, nun sei doch mal objektiv. Dass er dich aus dem Schlaf geweckt hat, ist doch kein Verbrechen. Du bist früher auch nicht immer leise gewesen. Soll ich dich da einmal an ein paar Dinge erinnern, was uns beide betrifft? Glaubst du, dass wir ein Ausbund an Rücksicht gewesen sind? Wir beide doch ganz sicher nicht, jedenfalls früher.«

Er wusste, worauf sie anspielte, hatte aber jetzt keine Lust darüber zu sprechen. Noch immer schlecht gelaunt begann er die Bewerbung von Hans Wildberg zu lesen.

Die Bewerbungsunterlagen waren vollgepfropft mit Gutachten und Zeugnissen, und außer dem Vater, der nur eine ganz knappe Beurteilung der medizinischen Fähigkeiten seines Sohnes abgegeben hatte, waren die anderen des Lobes voll über die Leistungen von Hans Wildberg.

Florian Winter musste sich eingestehen, dass er diesen Mann mit Begeisterung aufgenommen hätte, wäre nicht das Erlebnis jenes Abends gewesen.

Helga hat recht, dachte er. Ich werde ihn nehmen. Ich bin nur gespannt, was das für einen Wirbel geben wird. Nun gut, warten wir es einfach ab. Jetzt habe ich sowieso keine Wahl. Steiner im Urlaub, Renner krank und Frau Scheibler wegen ihres scharlachkranken Sohnes außer Dienst gesetzt. Ich muss sehen, dass ich diesen Wildberg-Sprößling so bald wie möglich herbekomme. Jetzt sieht es sogar so aus, als ob ich ihn haben muss, ob ich nun will oder nicht.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte Helga:

»Wenn du solche Probleme mit deinen Kollegen hast, dir also Ärzte fehlen, dann ruf ihn doch einfach an. Vielleicht kann er schon in den nächsten Tagen kommen. Wann wolltest du ihn denn einstellen, sagtest du nicht etwas von nächsten Monat?«

»Ja, so ähnlich. Aber gebrauchen könnte ich ihn tatsächlich jetzt, so widerstrebend ich das zugeben muss.«

Helga lachte. »Du bist manchmal komisch, Florian. Manchmal denke ich, du bist ein Ausbund freimütigen Denkens und dann wieder krallst du dich an so einem Erlebnis fest, das doch im Grunde etwas ist, um das du dich gar nicht zu kümmern brauchtest.«

»Du hast zwar recht, aber ich habe so ein ungutes Gefühl.«

»Wenn ich so etwas sage, lachst du mich aus und behauptest, wir Frauen trügen das Gefühl vor uns spazieren. Und jetzt sagst du genau dasselbe, was ich so oft behaupte. Nur glaube ich dir nicht. Ich nehme an, du bist nur sauer auf ihn, weil er dich aus dem ersten Schlaf geschreckt hat.«

»Ach Unsinn!«, knurrte Winter. »Das ist überhaupt kein Grund.«

Sie lächelte ungläubig, sagte aber nichts mehr, um ihn nicht in Wut zu bringen.

Es wunderte sie aber dann gar nicht, als er mit den Unterlagen in der Hand aufstand und wieder im Haus verschwand. Dann hörte sie ihn telefonieren, verstand aber nicht, was er sagte.

Er kam schon bald wieder, nahm wieder Platz und studierte jetzt die anderen Unterlagen, die er sich aus der Klinik mitgebracht hatte.

Sie hätte ihm gern eine Frage gestellt, tat es aber nicht, weil sie hoffte, er werde von allein davon anfangen. Eine halbe Stunde später legte er seine Unterlagen beiseite, streckte die Arme aus und reckte sich.

»Welch ein herrlicher Tag!«, meinte er zufrieden.

»Deine Laune hat sich ja glücklicherweise gebessert«, stellte Helga fest.

»Ja, ja, schon recht«, gab er zu. »Er wird am Montag hier sein.«

»Von wem sprichst du?«, fragte Helga verwirrt.

»Na von Wildberg junior.«

Helga ließ sich nicht anmerken, dass sie innerlich triumphierte. Er hat also seine Abneigung überwunden, sagte sie sich.

»Du kennst diesen jungen Mann doch, erzähl doch mal von ihm. Deinen Chef von früher, Professor Wildberg, kenne ich natürlich auch noch, als wir beide uns zum allerersten Male gesehen hatten. Weißt du noch?«

Florian nickte. »Ja, ich kann mich sehr gut erinnern. Aber der junge Mann ist ein bisschen anders als sein Vater.«

»Vielleicht war der Vater, als er ein junger Mann war, auch wie sein Sohn«, gab Helga zu bedenken, und sie lächelte dabei.

»Mag sein. So wie die Dinge liegen, bin ich ganz froh, dass er kommt. Hoffentlich reißt er sich am Riemen und spielt hier nicht den Don Juan.«

Helga lächelte verständnisinnig vor sich hin. Aber sie sagte nichts. Sie war froh, dass ihr Mann wieder gute Laune hatte.

 

 

7. Kapitel

 

»Seit einer Woche nur eine einzige Geburt«, sagte die Hebammenschwester Rita und kaute gelangweilt auf einem Bleistiftende herum. Die sechsundzwanzigjährige dunkelhaarige Schwester mit dem aparten Gesicht sah ohne großes Interesse der angehenden Kinderärztin Dr. Elke Poll zu, die ein Baby untersuchte.

Elke Poll war blond, nicht sehr groß und führte einen jahrelangen Zweikampf mit ihrem Körper, mehr Pfunde zuzulegen als ihm guttat und zudem mit dem eigenen Appetit. Sie hatte diesen Zweikampf bisher gewonnen, denn sie war schlank und niemand ahnte, wenn er diese sympathisch wirkende hübsche Frau sah, welche Mühe es sie kostete, nur die Hälfte von dem zu essen, auf das sie Appetit hatte.

Sie stand etwa in der Mitte ihrer Facharztausbildung und war die Assistentin des Kinderarztes Dr. Wenzel. Weil sie sich, wie Wenzel das nannte, gut »schickte«, arbeitete sie äußerst selbständig, und alle waren mit ihren Leistungen zufrieden.

Elke Poll hatte ihr Hobby zum Beruf gemacht. Schon als Kind hatte sie Kinderärztin werden wollen, und sie war es mit Begeisterung. In der Paul-Ehrlich-Klinik schätzte man die freundliche und hilfsbereite junge Ärztin, und ihre männlichen Kollegen bemühten sich sehr um sie. Aber in einer für viele unverständlichen Scheu wich sie den Annäherungsversuchen der Männer aus. Da hatten sogar einige üble Klatschmäuler behauptet, sie bevorzuge Frauen und möge gar keine Männer.

Die das sagten, wussten nichts von Elke. Denn in ihren heimlichen Träumen befasste sie sich sehr wohl mit Männern, und um die Liebe kreiste viel von ihrem Denken. Sie hatte nur Angst, an den Falschen zu geraten. Vor drei Jahren war ihr eine herbe Enttäuschung widerfahren, und seitdem fürchtete sie eine Wiederholung und wich lieber einem Kontakt mit Männern aus, als noch einmal so gedemütigt zu werden wie damals.

Niemand hier in der Klinik wusste von diesem Vorfall und kannte den Grund, warum sie aus Marburg weggegangen und nach Bonn gekommen war.

»Nur eine Geburt«, sagte Elke Poll in diesem Augenblick und schaute kurz zu Schwester Rita hin, »das ist nicht viel. Wie war es denn überhaupt in der letzten Zeit?«

»Mager, mager. Meine größte Angst ist, dass sie eine von uns drei Hebammen entlassen«, meinte Schwester Rita. »Die Burschen in der Verwaltung, die sehen doch nur aufs Geld.«

»Ich habe aber gehört, dass die Geburten zunehmen, und mein Chef, Doktor Wenzel, behauptet das auch.«

»Ja, vor einem Monat«, meinte Schwester Rita, »da war es ganz toll. Da hatten wir so viel Geburten wie lange nicht.«

Elke lachte. »Kein Wunder, was sollen die Leute auch im November anderes tun?«

»Wieso im November?«, fragte Schwester Rita begriffsstutzig. Dann hatte sie verstanden, lachte und meinte: »Ja, das stimmt ja, das sind neun Monate und etwas dazu.« Ihr fiel plötzlich etwas ein, und sie fragte: »Sagen Sie, Frau Doktor, haben Sie eigentlich den Neuen schon kennengelernt?«

»Welchen Neuen?«, wollte Elke wissen und wandte sich wieder an die Hebamme.

»Den neuen Arzt, Wildberg heißt er, soll der Sohn von einem ganz berühmten Professor sein. Kommt aus München.«

Elke schwieg, zuckte die Schultern. »Sie haben ihn also nicht gesehen. Der sieht hinreißend aus. Richtig ein Arzt zum Verlieben, sage ich Ihnen. Die ganzen Schwestern sind wie verrückt, und auch ein paar junge Kolleginnen von Ihnen.«

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Titel: Dir bleibt nur wenig Zeit - Sechs Arztromane von Glenn Stirling