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Das Mädel-Haus

2020 83 Seiten

Leseprobe

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Das Mädel-Haus

Copyright

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Das Mädel-Haus

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

 

Großbauer Florian Hirschenberger liebt seine junge Frau Josefine sehr, aber dass sie ihm nur Mädel und keinen Buben gebärt, macht ihm das Leben schwer. Die Dörfler zerreißen sich schon die Mäuler. Als Josefine das dritte Kind erwartet, ist ihre Sorge groß, dass sie dem Bauern wieder keinen männlichen Erben schenkt, weshalb sie die Schwangerschaft zuerst verheimlicht. Auf einer Reise kommt dann auch ein Madel zur Welt und aus Furcht, den geliebten Mann wieder zu enttäuschen, lässt Fine die kleine Maria schweren Herzens in der Obhut ihrer Freundin Lina ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sie hatte geträumt, sie hätte einem Mädchen das Leben geschenkt. Schweißgebadet wachte sie auf und wusste zuerst gar nicht, wo sie sich befand. Ihre Augen suchten die Umgebung nach etwas Bekanntem ab. An der Wand sah sie das Kruzifix hängen, das ihr die Eltern zur Hochzeit geschenkt hatten. Die Vertrautheit der Schlafstube brachte sie wieder ganz zur Besinnung. Neben ihr schlief ihr Mann. Sie hörte ihn ruhig atmen.

Da regte sich das Kind unter ihrem Herzen. Unwillkürlich legte sie die Hände über den Leib, als wolle sie das ungeborene Leben schützen. Wieder sah sie die Traumgespinste vor sich.

»Lieber Gott, lass es nit sein«, stammelte sie leise vor sich hin. »So grausam kannst doch nit sein, ich fleh dich an. Lieber Herrgott, hab’ Erbarmen mit mir.«

Josefine Hirschenberger, Bäuerin des reichsten und schönsten Hofes weit und breit, die sonst eine stolze Person war, lag jetzt ganz demütig in den Kissen. All ihren Halsschmuck und vieles mehr würde sie dafür geben, wenn ihr einer mit Gewissheit sagen könnte, dass es diesmal ein Bub würde. Die Ungewissheit ließ sie immer wieder in Grübelei fallen.

Florian Hirschenberger hatte sie genommen, obwohl sie nicht reich war. Sie hatte in Anras im Gasthaus gedient. Dort hatten sie sich kennen und lieben gelernt. Fine, wie sie allgemein gerufen wurde, war das schönste und keuscheste Mädchen weit und breit. Kein Wunder also, dass der Jungbauer sich in sie verliebt hatte. Er ging immer häufiger ins Wirtshaus und freute sich, in Fines Nähe zu sein.

Bald stand für die beiden fest, dass sie heiraten wollten.

Zuerst hatte der Vater nichts davon wissen wollen, so dass es so aussah, als ob aus den beiden kein glückliches Paar werden sollte.

Doch Florian hatte ihm immer wieder gesagt: »Vater, du kannst reden, was du willst, ich heirate aus Liebe. Ich will nit unglücklich werden. Geld habe ich genug, genug für uns beide.«

Nach einigem Hin und Her hatte der Vater schließlich seinen Segen gegeben.

»So nimm sie in Gottes Namen, du starrköpfiger Bub. Sonst gibt es ja doch keine Ruhe mehr im Haus.«

Da waren sie sich jubelnd in die Arme gefallen und feierten eine prächtige Hochzeit.

Fine war nichts zu viel. Sie schaffte und werkte den ganzen Tag, wie eine fleißige Biene. Sie räumte um, wo es ihr ratsam erschien, kramte alle Schränke und Schubladen aus und ordnete die Sachen neu ein. Bald blinkte und blitzte das große Haus, und es war eine Freude, alles zu besehen und zu bestaunen.

So verging die Zeit, und Fine fühlte sich auch ganz wohl auf dem schönen Hof.

Sie vergaß aber nie, dass sie mit leeren Händen gekommen war.

Niemand machte ihr deswegen einen Vorwurf, das konnte sie wirklich nicht sagen. Wenn sie dann die Schubfächer und Schränke öffnete und all den Reichtum erblickte, den einst die Bäuerin mitgebracht hatte, dann sann sie und stellte sich vor, wie die Bäuerin einst mit stolzem Gefühl vor den Schubfächern gekniet haben musste. Aber Reichtum war ja nicht alles im Leben. Sie wollte fleißig arbeiten, viele Kinder haben und ihrem Mann ein ganzes Leben lang eine gute und brave Ehefrau sein.

Der Florian liebte sie von ganzem Herzen.

»Du bist mein bestes Stück«, sagte er immer wieder. »Ohne dich war es hier so leer und kalt. Jetzt freu ich mich immer heimzukommen, Fine. Wir Mannsbilder schaffen nicht alles allein. Was würden wir bloß ohne die Weiberleut anfangen, was, Vater?«

»Ja, ja«, sagte der Altbauer auf der Ofenbank sitzend. »Hast doch ein rechtes Auge, Bub.«

»Weißt du noch, was du mit mir vorhattest, Vater? Mit Schrecken muss ich daran denken, dass du mich mit der Walburga verheiraten wolltest. Dann hätten wir jetzt noch mehr Geld, aber was wäre mit mir? Frag mal den Rupert, den macht das Geld nit glücklich.«

So neckten sie sich ständig.

 

 

2

Kaum war das junge Paar ein Jahr verheiratet, da lag auch schon etwas Kleines in der Wiege. Ein zartes, kleines Mädchen war es. Kathi schaute so lieb und schön aus wie die Mutter.

Florian liebte sie heiß und innig.

Wenn er Kathi auf seinem Arm hielt und schaukelte, dann ging er zu seiner Frau und sah sie bettelnd ganz liebevoll an.

»Das nächste Mal schenkst mir den Buben, auf den ich stolz sein kann. Ein Pärchen werden wir dann haben. Einen Buben, der sein Schwesterchen beschützen kann, und der einmal meinen Platz einnehmen wird, um unser Geschlecht fortzusetzen.«

Fine hatte nur weich gelächelt. Diesen Mannsbildern ging alles nicht schnell genug.

»Geh, Florian, wir sind doch noch nit zwei Jahre verheiratet. So schnell geht das halt nit. Musst dich gedulden. Die Zeit wird’s schon recht machen.«

Er küsste sie.

»Ich wollte dich doch nur daran erinnern«, sagte er lustig auflachend.

Kathi war noch keine vier Monate alt, da fühlte sich Fine wieder schwanger. Sie war für einen Augenblick erschrocken, da es eine harte Zeit für sie werden würde. Kathi war noch so klein, dass sie getragen werden musste. Wie sollte sie da bei der Heuernte helfen können?

Lieber hätte sie es gesehen, wenn sie es zum Winter hätte austragen können, so dass sie den Buben im Frühling zur Welt gebracht hätte. So grübelte sie hin und her und war sich nicht sicher, wie ihr Mann diese Neuigkeit aufnehmen würde.

Ganz verzagt erzählte sie Florian von der zweiten Schwangerschaft. Aber der konnte sich vor lauter Freude kaum halten.

»Fine, Liebes, mein Gott, ich kann es noch immer nit so recht glauben. Mein Gott Fine, nun kriegen wir endlich den Buben.«

Florian dachte nicht einen Augenblick darüber nach, dass es ja vielleicht auch wieder ein Mädchen werden könnte. Er freute sich viel zu sehr, um darüber nachzudenken.

»Aber die Heuernte. Du brauchst doch alle Hände. Wie soll das denn werden?«

»O Fine, das lass nur meine Sorge sein. Ich werde das schon irgendwie machen. Du bleibst zu Hause, versorgst den Haushalt und kümmerst dich um die Kinder.«

Er nannte sie schon in der Mehrzahl. Unwillkürlich musste sie darüber lachen. Er war doch ein lieber Narr, ihr Florian. Sie war ja so glücklich mit ihm.

Und Florian brachte tatsächlich das Unmögliche fertig und bekam aus Jugoslawien eine gute Arbeitskraft.

Die junge Bäuerin konnte also mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Ihr wurde jedoch im Haus die Arbeit oft recht sauer, da sie diesmal recht schwer an dem Kind trug.

Wenn sie dann abends kurzatmig im Bett lag, dann fragte er sie immer zärtlich: »Plagt dich unser Bub so arg?«

»Es geht schon vorüber. Mach dir keine Sorgen«, sagte sie dann mit weichem Lächeln.

»Der Sommer ist heuer auch gar heiß«, meinte er mitfühlend.

»Lange brauche ich ja nit mehr. Jetzt wo die Kathi zu laufen anfängt, da brauch ich sie auch nit mehr so viel tragen. Das hilft mir schon sehr. Aber hinpurzeln tut sie noch sehr oft, weil sie es immer so eilig hat.«

»Ja, wenn unser Bub auch so ein Lauser wird«, lachte Florian sie an.

Am Nachmittag darauf hörte man plötzlich im Haus ein Poltern und einen spitzen Schrei. Fine war beim Putzen von der Leiter gefallen und spürte wenig später einen stechenden Schmerz im Rücken. Daraufhin rief sie nach der Hebamme. Der alte Vater war auf die Wiese gelaufen und hatte den Sohn gerufen. Dieser war dann mit dem Wagen fortgebraust und hatte die alte Theresia abgeholt.

Auf dem Hof kletterte die Alte umständlich aus dem Wagen und stieg die Treppen zur Schlafstube empor.

Florian war wie ein gefangenes Tier unten in der Küche auf und ab gelaufen. Die Hebamme kam herunter und wollte ihn beruhigen und zur Arbeit schicken.

»Ich will daheim sein, wenn mein Bub zur Welt kommt«, hatte er geknurrt.

»Auch gut«, hatte die Alte gemeint und war dann wieder fortgegangen.

Die junge Bäuerin lag oben in der Schlafstube. Sie kämpfte mit sich. Nein, schreien wollte sie nicht, da man sich sonst ängstigen würde. Zwischen den einzelnen Wehen betete sie zu Gott. Ihr war doch etwas bang ums Herz, wenn sie an den Sturz zurückdachte.

»Lieber Gott, lass den Buben gesund sein. Oh, wäre ich doch nit auf die Leiter gestiegen. Drei Wochen hätt’ ich noch tragen müssen, nur drei Wochen.«

Aber dann kam Wehe auf Wehe. Sie schrie doch, klammerte sich an die Hebamme und bäumte sich auf.

»So ist es richtig, schreien musst, dann kommt es, dann verkrampfst dich nit so.«

Sie stieß noch einen Schrei aus, urwüchsig, und gewaltig. Er ließ das Haus erzittern. Danach herrschte vollkommene Stille.

Die erschöpfte Frau ließ sich in die Kissen fallen. Keuchend lag sie da. Ganz langsam kam Leben in sie zurück.

Ein winziger Schrei! Das Kind!

Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie war wieder Mutter geworden. Die Hebamme hielt das Kind bei den Beinen und ließ es kräftig schreien.

Mit letzter Kraft richtete sich Fine auf. Sie wollte ihr Kind sehen.

Es war wieder ein Mädchen!

Fine wurde es schwarz vor Augen. Irgendwann erwachte sie wieder.

»Gott sei Dank«, sagte die Alte. »Ich hab’ schon gedacht, wir müssen noch den Doktor aus Heiligenblut holen.«

Die Bäuerin flüsterte: »Weiß es, der Florian schon?«

»Freilich, gleich nach der Geburt hab’ ich es ihm gesagt.«

»Und?«, fragte sie scheu. »Was macht er jetzt?«

»Jetzt sitzt er in der Stube und betrinkt sich. Aber das tun alle jungen Väter. Darüber brauchst dich nit zu grämen, Fine.«

Doch sie wusste es besser. Er betrank sich aus Kummer. Es war kein Sohn. Nun hatten sie eine zweite Tochter.

Am nächsten Tag kam Florian und besuchte seine Frau. Aber die Freude wie beim ersten Kind war nicht da. Irgendetwas war zersprungen. Wie eine Mauer stand es zwischen ihnen. Sie fanden nicht zueinander. Florian wusste keine tröstenden Worte. Er brauchte selber jemanden, der ihn aufrichtete. Fine weinte, als sie wieder allein war, in die Kissen. Ihr war so elendig zumute.

Als Fine wieder arbeiten konnte, tat sie dies schweigend und ohne Freude. Sie sang und lachte nicht mehr. Die alte Unbeschwertheit wollte sich nicht wieder einstellen.

Die Taufe wurde ausgerichtet, aber die Stimmung glich eher der einer Beerdigung. Man nannte die Kleine Anny.

Im Dorf machten sie nun ihre Späße. Sie nahmen Florian hoch und sagten: »Wirst jetzt wohl ein Haus voller Mädel haben, wie der Johann Waldmüller. Weiß der Teufel, fünf Stück an der Zahl. Wirst schon fleißig schaffen müssen, wenn du für die alle eine anständige Aussteuer haben willst. Fine ist ja noch jung und fesch. Sie wird dir noch viele Kinder bescheren, eins schöner als das andere.«

 

 

3

Sie trieben ihren Spott. Doch Florian biss die Zähne zusammen. Es kam jedoch oft vor, dass er betrunken nach Hause kam. Fine schlich sich dann weinend auf ihre Kammer.

Wenn er nüchtern war, kam er nicht zu ihr. Hatte er jedoch getrunken, dann nahm er sie. Er war nicht so zärtlich und lieb zu ihr wie früher. Fast böse stillte er seine Lust an der Frau. Wenn alles vorbei war, wälzte er sich auf die andere Seite und schnarchte laut, während Fine dalag und weinen musste.

Ach, wenn sie ihm doch einen Sohn schenken könnte, dann würde er wieder der alte Florian sein. Dann würden sie wieder glücklich miteinander leben. Er würde sie liebhaben und um Verzeihung bitten. Sie musste es einfach noch einmal wagen.

Und so nahm Fine in so kurzer Zeit eine dritte Schwangerschaft in Kauf. Sie wollte es diesmal bewusst. Es musste jetzt ein Bub werden. Unter allen Umständen.

Als sie wusste, dass sie erneut schwanger war, hatte sie plötzlich Angst, diese ihrem Mann mitzuteilen, da sie nicht wusste, ob er sich freuen würde.

Im fünften Monat dachte sie jedoch, dass sie es ihm erzählen müsste. So sagte sie es ihm nach dem Abendbrot.

»Ich erwarte wieder ein Kind.«

Florians Kopf fuhr hoch. Er starrte seine Frau an, als hätte er sie noch nie gesehen.

»Wie?«, keuchte er.

»Ich erwarte wieder ein Kind«, wiederholte sie langsam und ganz ruhig.

»O nein«, stammelte er.

»Doch, Florian.«

Sie verschwieg ihm aber, wie weit sie schon war. Das brachte sie einfach nicht über die Lippen.

»O nein«, röchelte er. »Das darfst mir net antun, Fine, das nit. Das kann ich nicht verkraften.«

»Florian«, sagte sie leise, »vielleicht wird es diesmal endlich ein Bub.«

»Nein, nein«, stammelte er, »ich weiß es besser. Alle werden sie mich auslachen und dumm nennen, Fine.«

»Soll das heißen, ich soll die Frucht aus meinem Leib herausreißen«, schrie sie entsetzt auf.

Er stürzte aus der Küche und stolperte nach draußen. Und sie blieb allein zurück, allein mit der Angst und all den Zweifeln.

Dabei hatte sie gedacht, er würde Hoffnung haben. Nun wusste sie, dass eine schwere Zeit für sie angebrochen war. Niemand würde ihr diesmal helfen.

Eines Morgens saß der alte Bauer zum Frühstück nicht auf seinem Platz. Als man nachsehen ging, fand man ihn in seiner Kammer. Er lag friedlich in seinem Bett. Er war in der Nacht gestorben. Bis jetzt hatte er noch ein wenig auf die beiden Mädchen aufpassen können.

Das hatte Fine bisher sehr geholfen.

 

 

4

Wie ein Film zogen die Gedanken vor Fines inneren Augen vorüber. Seit Stunden lag sie nun wach, grübelte und dachte nach.

Wieder stand der Traum ganz deutlich vor ihr. Sie sah sich im Bett liegen. In ihrem Arm hielt sie ein kleines Mädchen. Es war gerade geboren.

Langsam rollten ihr die Tränen über das Gesicht. Ach, sollte sie wieder ein Mädchen gebären? Das durfte nicht sein, niemals. Florian würde ihr das nie verzeihen.

Als der Hahn krähte, hörte sie auch Sanka. Sie war aus Jugoslawien und ging Fine im Augenblick zur Hand.

Fine stand erst auf, nachdem Florian das Haus verlassen hatte.

Anny und Kathi spielten in der Küche, während Sanka am Tisch saß und Kartoffeln schälte. Als die Bäuerin hereinkam stand sie auf und holte ihr das Frühstück.

»Lass doch«, sagte Fine müde. »Das kann ich doch selbst noch holen.«

»Du sehen nicht gut aus«, sagte Sanka in gebrochenem Deutsch. »Müde und traurig. Warum? Muss doch freuen, kommen bald ein neues Baby, da man muss lachen.«

Fine setzte sich an den Tisch und blickte die beiden Töchter liebevoll an.

In diesem Monat würde das dritte Kind zur Welt kommen. Florian wusste noch nicht, dass sie schon so weit war. Warum sie es verschwiegen hatte, konnte sie jetzt auch nicht mehr sagen.

So saß sie in der Küche und dachte an die vergangene Nacht. Morgen, übermorgen oder nächste Woche konnte das Kind schon da sein. Plötzlich wusste die Bäuerin, sie konnte es nicht unter diesem Dach gebären. Sie musste fort.

Sie dachte an ihre Eltern in Eigenhofen. Wenn sie zu ihnen flüchtete und dort das Kind zur Welt brachte? Dort würde man es mit Liebe empfangen und sich mit ihr darüber freuen. War es dann ein Bub, würde sie im Triumphzug heimkehren, war es wieder ein Mädel ... Oh, sie durfte einfach nicht daran denken. Es musste ein Bub werden, es musste, sonst würde sie vor Herzeleid sterben.

»Sanka, wirst du mit den Kleinen allein fertig?«

»Sicher, ich doch jetzt schon jeden Morgen anziehen, füttern.«

»Ich fahre weg, Sanka.«

»Jetzt, mit Baby im Bauch?«, fragte das junge Mädchen erschrocken.

»Ich muss reisen, Sanka. Noch heute, hörst du? Kann ich mich auf dich verlassen? Wirst du auf meine Kinder achten?«

»Ich packen kleinen Koffer, ja?«

»Ja, Sanka. Ich gehe jetzt zu meinem Mann.«

Schwerfällig stand sie auf und ging aus der Küche. Florian war in der Scheune. Er hörte sie kommen und drehte sich um.

»Ja«, sagte er zögernd. Immer wenn er ihren gesegneten Leib sah, musste er schlucken.

»Florian, ich fahre weg.«

»Was, du willst fort?«

Sie kam einen Schritt näher.

»Willst du mich verlassen?«, keuchte er.

»Nein, Florian«, sagte sie leise. »Ich möchte nur meine Eltern besuchen, bevor es zu spät ist. Jetzt kann ich doch nit viel Arbeit ausrichten, und da dachte ich ...«

»Aber das Kind?«, sagte er mit zuckenden Lippen.

Es war das erste Mal, dass er das ungeborene Kind erwähnte. Fine legte ihre Hände über den Leib und erklärte so unbefangen wie möglich: »Das hat noch Zeit.«

»Ja, wenn du meinst«, sagte er zögernd.

Sie ging aus der Scheune und überquerte den weiten Hof. Er lief hinter ihr her.

»Ich bringe dich mit dem Wagen zur Station.«

»Danke«, sagte sie mit zuckenden Lippen. »Das ist wirklich lieb von dir.«

 

 

5

Da Lina Vogler weder reich noch schön war, musste sie froh sein, dass sie überhaupt ein Mannsbild nahm. Sie liebte den Leopold Mandl, auch wenn er nur einen kleinen Hof besaß, so dass er noch nebenbei in der Sägerei arbeiten musste, damit sie überhaupt ihr Auskommen hatten. Nachdem sie eine kleine Erbschaft gemacht hatten, konnten sie jedoch etwas Land und einige Kühe dazukaufen.

Ja, sie hätte wirklich ein zufriedenes und glückliches Leben führen können, wenn sie Kinder bekommen hätte. Aber sie bekam sie nicht. Von Jahr zu Jahr wurde Leopold grantiger und ärgerlicher darüber. Was hatte man nun davon, wenn man schaffte, sparsam war und den Hof vergrößerte, wenn nichts Kleines da war, dem man es mal vererben konnte.

Lina selbst litt sehr unter der Kinderlosigkeit, aber sie sprach nicht darüber. Ihr schon etwas unhübsches Gesicht bekam jetzt noch einen verhärmten Zug.

Josefine Hirschenberger, ihre einstige Freundin und Schulkameradin, wollte sie erst nicht wiedererkennen. Sie musste in Plattengut umsteigen. Da sie über eine Stunde Aufenthalt hatte, spazierte sie ein wenig im Dorf umher.

Lina war zufällig im Ort, um ein paar Besorgungen zu tätigen.

»Ja, bist du es wirklich?«, staunte die Freundin. Für einen Augenblick vergaß sie ihren Kummer und blickte Lina verblüfft an.

»Fine, nein, so eine Überraschung. Wie lange haben wir uns nit mehr gesehen. Wie nett«, rief Lina strahlend und hielt beide Hände der Freundin fest umklammert.

»Ehrlich, du hast dich aber verändert, Lina. Musst nicht gar so bös in die Welt gucken. Man kann ja Angst vor dir bekommen, wenn man dir so in die Augen schaut. Ich hätt’ dich bald nit erkannt.«

»Wenn man sein Packerl hat, und man trägt es stumm und still, dann kann man nicht mehr fröhlich sein«, antwortete Lina traurig.

»Ja, da hast du recht«, sagte Fine langsam.

»Aber reden wir nit von mir. Wieso bist du hier? Wie ich mich freue, endlich amal wieder eine Bekannte zu sehen, mit der man über alte Zeiten plauschen kann.«

»Ja, ich will halt zu meinen Eltern.«

Lina sah sie grüblerisch an.

»Weißt, der Leopold, mein Mann, der ist auch für fünf Tage nach Salzburg. Wenn du Zeit hättest, mein Gott, wie würde ich mich freuen, wenn du zu mir kämst.«

»Lina, wirklich«, rief sie froh. »Ich komm gern.«

»Ja, komm, gib mir deinen Koffer, ich helf dir. Der Weg ist nachher steil. Sag, musst du noch lange das Kind tragen?«

 

 

6

Als sie auf dem Mandl-Hof angekommen waren, zeigte ihr Lina stolz das kleine Anwesen. Nachdem sie einen Kaffee gekocht hatte, saßen sie im Laubengang und blickten hinab auf das Dorf. Natürlich war Fines Hof viel schöner und größer, aber sie sagte es nicht.

Lina wurde plötzlich ganz anders, viel weicher und fröhlicher.

»Ach, Fine, dass du mich mal besuchst. Du hast es halt besser getroffen als ich.«

»Geh, Lina«, sagte diese, »du hast doch auch einen hübschen Hof, und ihr kommt gut zurecht. Seit wann bist du so aufs Geld aus?«

»Es ist ja nit das Geld, Fine, sondern weil ich keine Kinder kriegen kann. Der Leopold leidet schrecklich darunter. Aber ich fress das alles in mich hinein. Du musst dich doch glücklich schätzen, Fine.«

»Ich bin aber noch unglücklicher als du, Lina. Ich weiß mir keinen Rat mehr«, sagte Fine mit zuckenden Lippen und traurigen Augenausdruck.

Die verzweifelte Frau konnte nicht mehr an sich halten. Sie umschlang die Freundin und begann bitterlich zu weinen.

»Liebe, liebe Fine«, stammelte Lina und strich ihr über die Haarkrone. »Oh, weine doch nicht so. Doch nicht jetzt, wo du ein Kind unter dem Herzen trägst. Fine, ich flehe dich an.«

»Lass mich weinen, Lina, sonst ersticke ich noch daran. Einmal alles von der Seele weinen dürfen, einmal sprechen dürfen, das wird mir vielleicht helfen.«

Als erst einmal die ersten Worte stammelnd über die Lippen kamen, da war es nicht mehr so schwer, sich ihr anzuvertrauen, hinauszuschreien, wie man sie quälte, wie sie litt.

»Fine, Fine«, stammelte Lina. »Weiß der Florian denn nit, wie schrecklich es ist, wenn man gar keine Kinder bekommen kann?«

»Ach, Lina.«

»Dem Herrgott sollte er auf Knien danken, für jedes Mädel, das du ihm schenkst. Er sollte es mit Freuden an sein Vaterherz drücken. Leopold und ich wären auch über ein Madel froh, alles würden wir nehmen, wenn nur ein Kindlein käme.«

»Der Florian selbst ist gar nit so«, nahm sie ihren Mann in Schutz. »Aber du kennst doch die Leut, sie necken und quälen ihn.«

»Aber die Mädchen«, sagte Lina, »sie sind doch da. In diesem Zeitalter versteift er sich noch so auf einen Buben? Das versteh ich nimmer. Alle sind wir doch jetzt gleich!«

»Ja, in der Stadt mögen sie das sagen, aber im Herzen, Lina, da sieht es ganz anders aus. Wenn man ein Anwesen hat, dann muss der Erbe her.«

Da saßen nun zwei Frauen im Laubengang, jede für sich mit ihrem Kummer beschäftigt.

»Du bleibst doch über Nacht?«

»Wenn du mich haben willst«, sagte die Bäuerin.

»So komm herein. Ich zeig dir die Kammer, wo du schlafen kannst.«

Fine strich ihr über die abgemagerten Wangen.

»Du bist gut, Lina. Ach, Lina, würden wir doch näher zusammen wohnen, so könnten wir uns hin und wieder besuchen und uns unserem Kummer von der Seele reden. Wir würden uns gegenseitig Trost spenden.«

»Ja, das wäre schön«, sagte sie und erhob sich. Sie zog die Freundin mit hoch, und führte sie ins Haus.

Fine packte ihre kleine Reisetasche aus. Eine Nacht wollte sie nur bleiben, dann wollte sie zu den Eltern weiterreisen. Außer Lina kannte sie hier in Plattengut niemanden.

Später saßen die beiden Frauen noch in der Küche zusammen.

»Die Reise hat mich angestrengt, Lina. Bist du mir bös, wenn ich jetzt schlafen geh?«

»Nein, bestimmt nicht«, lächelte diese, »soll ich dir noch helfen?«

»Danke, ich komm schon zurecht, Lina. Morgen können wir noch miteinander plauschen.«

»Es ist schön, mal einen Gast zu haben«, sagte Lina zum Abschluss schlicht.

 

 

7

Es war stockdunkel. Lina saß kerzengerade im Bett und lauschte. Etwas hatte sie geweckt. Sie konnte aber nicht mehr sagen, was es gewesen war. Während sie noch so saß, kam es wieder!

Ein Schrei durchzitterte das kleine Haus!

Der jungen Frau rieselte eine Gänsehaut über den Rücken. Der Schrei hörte sich schrecklich an. Mit zittriger Hand machte sie das kleine Licht an. Helligkeit war immer gut. Dann war die Angst nicht mehr so schrecklich.

»Hilfe, Hilfe!«

Mit beiden Beinen zugleich sprang Lina aus dem Bett. Nun war sie ganz wach und wusste auch, wer da so schrie. Die Freundin war es. Mein Gott, dachte sie betroffen, da ist doch nicht jemand in ihre Kammer gestiegen?

Als der Schrei nicht aufhörte, lief sie in die Küche und holte einen dicken Knüppel. Damit trieb sie immer ihre Kühe aus dem Garten. Den umklammerte sie und rannte zur kleinen Stube. Ein Lichtschein schimmerte durch die Tür. Als sie diese aufstieß, sah sie Fine ganz allein in der Kammer.

»Was ist denn passiert?«, fragte Lina mit klappernden Zähnen.

Die Freundin hörte sie erst gar nicht. Sie wälzte sich im Bett hin und her und stieß dazwischen tierische Laute aus. Lina trat näher und berührte ihre schweißnasse Schulter.

»Was hast du?«

»Lina, Lina«, röchelte sie. »So hilf mir doch. Ich fleh dich an, so hilf mir doch.«

»Was soll ich denn tun? Was ist denn los? Fine, du hast einen schweren Traum gehabt. Komm zu dir, du bist bei mir, dir tut niemand etwas.«

»Das Kind«, keuchte Fine. »Das Kind, Lina. Es wird kommen. Es zerreißt mir den Leib. Es wird gleich kommen.«

Da erschrak Lina sehr.

»Jesus Maria, ich muss mich sofort ankleiden und Hilfe holen«, keuchte sie..

»Nein«, ächzte die Frau. »Du darfst mich nit allein lassen. Du musst bei mir bleiben. Ich flehe dich an, Lina. Sonst sterbe ich, lass mich nicht allein.«

»Aber ich weiß doch nit, was ich tun muss, Fine. Ich kenn mich doch damit nit aus.«

»Ich werde dir sagen, was du tun musst, Lina. Du musst alles so tun, wie ich es dir sage, bitte.«

»Ja, ja, so sprich schon. Was muss ich zuerst tun?«

»Du musst heißes Wasser machen, Tücher und eine Schere bringen, und Zeug zum Abbinden. Du musst den Zwirn abkochen, die Schere auch. Und dann musst du zu mir kommen und bei mir bleiben.«

Sie wurde fast ohnmächtig.

Lina war tapfer und sehr anstellig. Sie blieb bei ihr und half ihr, wo sie konnte. Aber der Hauptkampf stand ihr noch bevor. Den musste sie mit sich allein abmachen.

Erst als die hohen Bergspitzen sich rosa aus den Wolken schälten, hatte der Kampf ein Ende. Mit einem Schrei war das Kind zur Welt gekommen. Lina fing es mit den Tüchern auf, band es ab und schnitt die Nabelschnur durch. Ihre Hände zitterten dabei, während ihr Tränen über das Gesicht liefen. Sie machte nichts falsch und versorgte schnell die Freundin.

Linas Herz quoll fast über. Einmal ein Kindlein an die Brust drücken zu dürfen, das war die Seligkeit. Bald lag es schneeweiß gekleidet in der kleinen Wiege, die in diesem Haus schon so lange leer wartete. Es lag da und schlief seinen ersten Erdenschlaf. Dieses kleine Bündel Mensch sah so friedlich und lieb aus.

Fines Hände zitterten. Ihre Augen waren jetzt tiefschwarz. Die beiden Frauen blickten sich an.

»Lina«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Die Frage stand im Raum. Die Freundin blickte sie an und nahm ihre Hand, um sie zu streicheln.

»Lina?«, fragte sie jetzt eindringlicher.

»Es ist ein kleines Mädchen.«

Da fielen die Hände schlaff zurück. Fine weinte bitterliche Tränen. Die Freundin stand daneben und konnte sie nicht trösten. Fast drei Stunden weinte die Bäuerin.

»Ich habe es gewusst, ich hab’ es geträumt, Lina. Darum wollte ich fort.«

»Dein Mann?«

»Er weiß nit, dass ich schon so weit war. Ich hab’ es ihm verschwiegen.«

»Aber jetzt musst du es ihm sagen. Du kannst es ihm doch nit verschweigen.«

Fine starrte auf ihre Hände.

»Ich kann das Kind nit mitnehmen, ich kann es nit. Ich muss es fortgeben.«

»Fine, du als Mutter sprichst so«, sagte Lina entsetzt und verständnislos.

»Gib mir das Kind«, bat Fine mit brüchiger Stimme.

Lina tat es und legte es der Mutter ans Herz.

Sie hielt ihre dritte Tochter im Arm. Das Herz wollte ihr brechen.

Weit öffnete es sich und verströmte Liebe.

»Du willst es wirklich nit mit heimnehmen, Fine?«

»Nein, es würde darunter zu leiden haben. Schon das zweite Madel bekommt kaum Liebe. Es würde eine schreckliche Jugend haben und seinen Vater hassen. Ist es da nit besser, es lernt ihn gar nit erst kennen, sondern kommt zu guten Leuten, die Kinder mögen und es liebhaben?«

»Fine«, stammelte die Freundin.

Zwei Augenpaare trafen sich und sahen sich an. Jede dachte das Gleiche.

Josefine Hirschenberger blickte auf ihr Kind, beugte sich darüber, küsste die kleine Stirn und flüsterte: »Du sollst Maria heißen, das ist mein Wunsch.«

Dann hob sie es hoch und streckte die Arme Lina entgegen. »Ich schenke es dir.«

Lina nahm das Kind, hielt es am Herzen und spürte die Wärme. Es sollte jetzt ihr Kind sein? Sie hatte ein Kind? Wenn Fine fortging, würde es in der Kammer bleiben und in der Wiege schlafen. Sie würde ein Kind haben!

»Fine!«

»Willst du es haben, Lina?«

»Oh, Fine, ich finde keine Worte.«

»Wir waren die besten Freundinnen. Ich weiß, du wirst es lieben und wie dein eigenes Kind halten.«

»Aber mein Mann«, stammelte Lina.

Details

Seiten
83
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738938036
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537447
Schlagworte
mädel-haus

Autor

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Titel: Das Mädel-Haus