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Um das Erbe betrogen

2020 103 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Um das Erbe betrogen

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Um das Erbe betrogen

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Endlich erfüllt sich der Kinderwunsch von Fred und Maria Tandler. Womit sie nicht rechnen, dass gleich zwei Buben das Licht der Welt erblicken. Die Zwillinge Tobias und Florian sind nicht nur im Aussehen grundverschieden, sondern auch in ihrem Wesen. Florian, der Erstgeborene, ist der besonnene, während Tobias der aufbrausende Typ ist. Er neidet seinem Bruder den Hof, den er einmal erben wird. In seinem Hass steigert er sich soweit hinein, dass er etwas Furchtbares plant ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Fred Tandler - junger tüchtiger Bauer.

Maria - seine geliebte Bäuerin.

Tobias und Florian - charakterlich sehr ungleiches Zwillingspaar.

Sabine Köhler - armes, aber liebenswertes Mädchen, Florians spätere Frau.

Bernadette - Florians und Sabines einziges Kind.

Simon Aggstein - der Mann, dem Bernadette ihr Herz schenkt.

 

 

1

Fred und Maria hatten lange auf den Kindersegen warten müssen. Sie waren schon in den mittleren Jahren gewesen und hatten nicht mehr damit gerechnet. Die Verwandtschaft rieb sich schon freudig die Hände, und jeder sah den andern schief an, wenn dieser die Tandlers besuchte.

Fred und Maria waren nicht auf den Kopf gefallen und wussten sehr wohl, warum man so fürsorglich zu ihnen war. Fred, der stattliche Bauer, knurrte: »Man sollte schon wegen der Verwandtschaft ein kleines Kind adoptieren, die dummen Gesichter möcht ich dann mal sehen.«

Maria seufzte wohl und meinte: »Es wäre nit schlecht, so ein Kleines auf dem Hof.«

Aber dann verwarf man den Gedanken wieder.

Als Maria vierzig Jahre alt wurde, kamen sie alle zusammen, und man feierte ein üppiges Fest.

Sonst war Maria immer die Flinkste unter allen, und es machte ihr auch Freude, ein Fest zu feiern. Aber diesmal war sie arg blass und schleppte sich nur so dahin. Wenn sie nur ans Essen dachte, wurde ihr schon übel.

Mit Mühe und Not überstand sie ihren Geburtstag. Weil sie sich danach auch noch komisch fühlte und sich gar nicht mehr so dem Haushalt widmen konnte, wie es angebracht war, raffte sie sich endlich auf und ging zum Doktor nach Zell. Sie fuhr mit dem Landbus und kam am Nachmittag zurück.

Der Bauer saß in der Laube und schmauchte ein Pfeifchen. Er sah, wie seine Frau den Berg heraufgelaufen kam und wunderte sich sehr. Sieh an, dachte er, so ein Doktor hat doch immer Wunderpillen in der Tasche. Ja, ja, die Maria, da läuft sie doch tatsächlich so frisch wie als ganz junges Eheweib daher.

Keuchend und prustend kam sie oben an und ließ sich erschöpft auf die Bank fallen.

»Mann«, stammelte sie, »o Mann, ich kann es noch immer nit glauben, es ist einfach unfassbar.«

»Was ist denn los?«

»Fred, weißt, was der Doktor mir heut gesagt hat?«

»Wie kann ich das wissen, da ich nicht dabei war?«

»Ich soll was Kleines kriegen, Fred. Ich sei schon im dritten Monat, und darum auch die Übelkeit und alles.«

»Was?«

Sie lachte ein wenig verschämt und meinte: »Ich hab es auch nicht glauben wollen. In die Hand hinein hat er es mir versprechen müssen, dass es auch wirklich wahr ist, Mann.«

Für Sekunden war es totenstill, dann platzte der Bauer los, und er lachte und lachte, dass es von den Wänden zurückschallte.

»Maria, sag es noch einmal, du liebe Güte, ich kann es noch immer nicht glauben!«

»Wir kriegen was Kleines, Mann. Schon in sechs Monaten!«

Er umarmte und küsste sie stürmisch.

»Das ist der schönste Streich, Maria, du meine Güte, ich könnte vor Freude platzen.«

Im Dorf Ansbach grinste man und freute sich mit Maria.

Die Zeit verging. Langsam glomm die Hoffnung in den verwandtschaftlichen Herzen hoch, dass eine so alte Mutter bestimmt nichts Gesundes mehr zur Welt bringen konnte.

Maria und Fred waren überglücklich. Sie machten sich gleich daran, die blaue Stube in eine Kinderstube umzuwandeln. Für den Prinzen, denn es wurde bestimmt ein Bub, sie waren so voller Hoffnung, war nichts gut genug.

Maria wurde jung und schön und hatte wieder ganz helle Augen. Jetzt sollte sie auch ein Kind haben, es im Arm wiegen dürfen. Ach, sie konnte die Zeit kaum abwarten. Regelmäßig ging sie auch zum Doktor, so wie dieser es ihr geraten hatte.

»Bis jetzt ist alles normal, Maria, und du hältst dich tapfer.«.

»Ich möchte den Buben daheim bekommen, Doktor. Ist das wohl möglich?«

»Nun, wenn du mich rechtzeitig benachrichtigst, ich weiß nicht, warum wir das nicht tun sollen.«

»Die Nachbarin will mich die erste Woche pflegen und sich um den Kleinen kümmern. Ich hab schon alles geregelt. Und dann haben wir ja auch noch die alte Hebamme im Dorf. Sie ist zwar schon siebzig Jahre, aber sie kann mir ja dann auch noch so manchen Rat geben.«

»Ich wollt, alle jungen Frauen würden sich so vorher um alles kümmern, wie du es tust«, sagte der Doktor.

Maria lächelte verschämt über das Lob. Aber dann sagte sie: »Wir haben so lang darauf warten müssen, Herr Doktor, da hat man halt Zeit genug gehabt.«

Es wurde Winter und Maria konnte sich kaum noch bewegen, so dick war sie geworden. Die Nachbarin meinte: »Darfst nicht so viel essen, Maria, das ist nicht gut.«

Und dann, natürlich war es Nacht, anders war es ja nie bei den kleinen Wesen. Komischerweise hatten sie immer nachts den Drang, das Licht der Welt zu erblicken.

Fred rannte ins Dorf und rief den Doktor an. Dieser versprach auch, gleich zu kommen. Die Nachbarin und die alte Hebamme befanden sich schon in der Küche und bereiteten alles vor. Der Doktor ging gleich mit der Hebamme in die Stube der Frau. Fred wanderte auf und ab. Plötzlich hörte er Maria wild aufschreien. Es lief ihm ganz kalt über den Rücken. Die Nachbarin aber lächelte und meinte: »Jetzt muss es da sein.«

Und richtig, nach der Stille erfolgte dann ein winziger Schrei!

Fred fiel auf die Knie und dankte dem Herrgott. Wenig später wurde oben die Tür aufgerissen, und man rief nach Wasser. Die Nachbarin stürzte mit dem Kübel nach oben und rannte dann wieder herunter.

»Fred, Fred, es ist ein Bub, es ist ein Bub!«

Er wollte hinauf, den Buben und die Frau sehen, aber wie er die Tür öffnen wollte, schrie Marie wieder auf. Seine Knie wankten, und er hörte den Arzt sagen: »Jessas, aber das kann doch nicht möglich sein, du meine Güte ...«

Die Tür wurde vor seiner Nase zugeknallt. Da saß er denn auf der obersten Treppenstufe, und sein Herz klopfte zum Zerspringen. Was hatte der Doktor nur gemeint? Sollte vielleicht etwas mit dem Buben oder der Frau sein? Die Tränen rannen ihm über das Gesicht. Nein, dachte er, das darf nimmer sein. Die Frau stöhnte und schrie, es war einfach schrecklich.

So vernahm er auch nicht den zweiten kleinen Schrei. Er hörte auch nicht, wie abermals die Tür aufgerissen wurde und man nach Wasser und Tüchern schrie.

Der Doktor musste lachen.

»Es sind zwei Buben. Sie haben so genau hintereinander gelegen, dass die Schlawiner sogar mich getäuscht haben. Ja, es sind Zwillinge. Der Blonde ist der Ältere, und der Dunkle ist gerade geboren.«

»Jessas, du meine Güte, Maria!«

Aber diese war vor Erschöpfung eingeschlafen und wusste noch gar nichts von dem überreichlichen Kindersegen.

»Bring es dem Vater schonend bei!«, sagte der Doktor.

»Schonend«, lachte die Nachbarin. »Das ist nicht nötig, wirklich nicht, Herr Doktor. Er wird Ihnen vor Dankbarkeit die Füße küssen.«

Sie stellte den Kübel ab, stürzte nach draußen und rüttelte Fred wieder ins Leben zurück.

»Es sind zwei, Fred, es sind zwei Buben, zwei kräftige Buben.«

Fred hatte einen glasigen Blick und starrte sie an.

»Zwei«, lallte er. »Wirklich zwei?«

»Zwillinge, Fred, Zwillinge!«

»Zwillinge«, stotterte er, »zwei Buben, ganz richtige?«

»Ja, und groß sind sie und hübsch.«

 

 

2

Es war schon heller Tag, als der Doktor endlich mit der Hebamme in die Küche kam. Er freute sich auf ein gutes Frühstück nach der harten Arbeit. Die Hebamme raffte ihre Röcke zusammen und machte sich am Ofen zu schaffen. Sie kochte einen starken Kaffee, brutzelte Speck und schlug eine Menge Eier in die Pfanne. Sie schmausten und ließen es sich gut sein. Danach sagte der Doktor: »Also, ich schau gegen Abend wieder rein, ja?«

»Ist gut.«

Lachend verließ der Doktor das Wöchnerinnenhaus, und er lachte auch noch, als er mit dem Wagen den Berg hinunterfuhr. Was für spaßige Buben, dachte er, mir die ganze Zeit einen Streich zu spielen. So fein hintereinander zu liegen, also das kommt nur alle hundert Geburten vor, nein, dass ich auch nix gemerkt hab, wo sie doch so dick wurde, die Maria.

So also wurden die beiden Buben geboren.

Ja, und dann stand der Fred da, starrte in die Wiege und sah die zwei so ungleichen Zwillinge an und konnte mit dem Staunen nicht mehr aufhören. Jetzt waren sie ja noch arg winzig und schrumpelig.

»Maria, können wir sie nit ein wenig glattbügeln? Ich mein, eine Schönheit sind sie nun wirklich nit!«

Da schimpfte sie ihn einen Rabenvater.

»Sie sind zwei Prachtbuben. Jetzt passen sie ja noch in die Wiege, aber es ist besser, wenn jedes ein Bettchen für sich bekommt.«

»Jessas, das hab ich ja ganz vergessen. Wir haben ja nur mit einem Prinzen gerechnet, und jetzt sind es zwei! Du meine Güte, die Verwandten, sie werden aber lange Gesichter machen, Maria.«

Sie lachten sich herzlich an.

»Das Warten hat sich also doch noch gelohnt.«

 

 

3

Florian hatte eine halbe Stunde eher das Licht der Welt erblickt als sein Bruder. Aber dieser Unterschied wäre nicht so gewaltig gewesen. Das Äußere, Florian hatte die blonden Haare und blauen Augen der Mutter geerbt, Tobias hatte schwarze Haare und braune Augen. Auch von Gemüt und Wesen waren die zwei so grundverschieden, dass sich sogar mitunter die Eltern darüber wunderten.

Zuerst hatte Maria ihre liebe Not mit den Kleinen. Auf einmal zwei, statt eins, da wurde man schon ganz hübsch in Atem gehalten. Aber als sie dann größer wurden, mit dem Laufen anfingen und sprachen, da machte sich auch die Verschiedenartigkeit der beiden Buben bemerkbar. Der blonde Florian hatte immer ein sonniges und heiteres Gemüt, er strahlte alle Leute an und war gutmütig. Hingegen sein Bruder Tobias zwickte und zwackte ihn oft und war überhaupt nicht gut auf den Bruder zu sprechen.

Als sie dann größer wurden und in die Schule kamen, nahm Florian noch den Bruder vor den anderen in Schutz. Das war nun mal seine Art, aber Tobias dankte es ihm kein bisschen. Oft sagten die Dorfjungen: »Lass ihn doch, den Brummbär, der ist doch blöd. Komm mit, Florian!«

Aber dieser schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn der Tobias nicht mit darf, dann komm ich auch nicht.«

Tobias ärgerte das natürlich, dass die anderen Buben sich nur mit ihm abgaben, wenn es der Bruder wünschte. Er war stärker und kräftiger als Florian, und darum raufte er sehr oft mit ihm. Florian wollte das gar nicht, denn er liebte den Frieden. Aber Tobias fühlte sich dann stark und mächtig, und oft schrie er ihm ins Gesicht: »Ich bin doch der Stärkere.«

»Ja, Tobias, das bist du«, sagte dann Florian.

»Ich müsste der Älteste sein, nicht du«, rief er hitzig. »Ich, ich, ich ...«

Florian verstand den Bruder nicht so recht. War es nicht gleich, wer zuerst auf die Welt gekommen war?

Fred und Maria machten sich oft Sorgen um die beiden Buben. Denn Florian verteidigte sich nie, wenn Tobias ihn angriff, und das reizte ihn noch mehr. Solange sie noch klein waren, konnte er kein Unheil anrichten. Aber einmal, da sah der Vater, wie er einen Stein hob und damit den Bruder bedrohte. Merkte Florian vielleicht in diesem Augenblick die wirkliche Gefahr? Er wurde ganz blass und starrte den Bruder mit übergroßen Augen an.

Fred kam über die Wiese gelaufen. Schweigend griff er sich Tobias und verhaute ihn so gründlich, dass er die nächsten Tage nicht mehr sitzen konnte.

»Wenn ich dich noch mal dabei erwisch, dann schlag ich noch heftiger zu, Bub. Willst denn zum Brudermörder werden?«

»Ich bin viel stärker«, rief Tobias unter Tränen.

»Schämen solltest du dich, ein Starker greift nie einen Schwachen an, du bist ein ganz großer Feigling.«

»Ein Feigling«, hatte der Vater ihn genannt. Das saß tief, das tat arg weh. Für eine Weile nagte das an seinem Herzen. Wie brav er auf einmal sein konnte. Maria freute sich und fuhr ihm über die dunklen Locken.

»So hab ich dich lieb, Tobias, so bist du mein lieber Junge. Sei doch nicht mehr so bös, ja?«

Tobias schielte unter den Wimpern hervor nach dem Bruder. Insgeheim hatte er sich gewünscht, der Bruder würde sich jetzt ärgern, dass die Mutter nur lieb mit ihm war, aber Florian war nicht böse, sondern froh, dass der Bruder jetzt so anders war. Das ärgerte ihn wieder maßlos. Er wollte den Bruder verletzen, das saß tief drinnen in seinem Herzen. Immer glaubte er, jemand würde ihm was fortnehmen. Immer fühlte er sich betrogen.

Als sich sein kleiner Verstand regte, hatte er mal die Nachbarin sagen hören: »Ja, das ist der Tobias, der zweite Bub der Maria, Florian ist der Älteste.«

»Ah so, dann wird er also mal den Hof erben?«

»Ja sicher, das schreibt das Gesetz vor. Der Florian wird ihn bekommen.«

Zuerst hatte Tobias nicht viel damit anfangen können. Aber er bohrte beim Vater so lange nach, bis dieser es ihm erklärte. Seither hasste Tobias den Bruder. Florian war es also, der einmal alles bekommen sollte, und ihm wollte man ein paar Brosamen hinwerfen. Sein Hass vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. Als sie dann so alt waren, dass sie die Schule verließen, beide arbeiteten natürlich auf dem Hof der Eltern, sann er oft darüber nach, was gewesen wäre, wenn er der Ältere geworden wäre.

Florian war mit Leidenschaft Bauer, und er freute sich jetzt schon darauf, einmal alles zu können. Unermüdlich war er bei dem Vater und fragte und schaute ihm alles ab. Oft sagte Fred zu Maria: »Also, auf den Florian kann man sich wirklich verlassen. Wenn er sagt, ich sorg mich um die Küh, dann weiß ich, es wird alles richtig getan. Aber Tobias hat nur Flausen im Kopf.«

»Aber er ist doch noch so jung«, verteidigte die Mutter ihn dann.

»Siebzehn ist er wie der Bruder, sie sind gleich alt, und ich will, dass er auch so vernünftig wird, sonst muss man sich ja seiner schämen.«

Aber Tobias drückte sich auch weiterhin und lag oft oben am Hang, einen Grashalm zwischen den Lippen und sah zu, wie der Bruder sich weiter unterhalb bemühte, mit dem Trecker an der Schräge das Heu zu wenden.

Eines Abends sagte die Mutter: »Vielleicht hat er keine Lust zur Landwirtschaft, Fred. Das ist ja nicht schlimm. Den Hof kriegt der Florian. Warum fragen wir ihn nicht einfach? Vielleicht möchte er viel lieber irgendein Handwerk ausüben und nicht den Knecht seines Bruders spielen.«

Fred schritt in der Stube auf und ab und dachte nach.

»Vielleicht hast du recht, Maria. Tobias hat wirklich keine Lust zu dieser Arbeit. Das merk ich doch jeden Tag. Florian erzählt es mir ja nicht, wenn er sich wieder gedrückt hat.«

»Er sollte sich wirklich mehr zur Wehr setzen, dann würde Tobias schon kuschen.«

»Aber das ist nun mal seine Art. Ich könnte es auch nicht, gegen den eigenen Bruder aufstehen, so wie Tobias das ständig tut. Ich möcht nur wissen, woher er diesen bösen Sinn hat. Es hat ihm doch nie an etwas gefehlt, im Gegenteil, wir haben immer darauf gesehen, dass beide Buben alles gleich bekamen, auch in der Liebe. Wir können uns wirklich nichts vorwerfen. Nein, Tobias muss eine böse Erbanlage mitbekommen haben. Von irgendeinem Vorfahren, anders kann ich mir sein Wesen nicht erklären.«

»Gut, Maria, morgen will ich ihn mir vorknöpfen.«

 

 

4

Groß und breit wie ein Bär, mit groben Zügen, so sah er aus, der Tobias, halb Junge und halb Mann. Dann saß er nun auf der Ofenbank, hatte in seine Hände den Kopf gestützt und dachte angestrengt über die Worte des Vaters nach. Weil er immer und überall einen Hinterhalt vermutete, so glaubte er auch jetzt nicht an die guten Worte des Vaters. So also ist es, ich hab es ja immer gewußt, fort soll ich jetzt, damit der Florian endlich Herr spielen kann. Ich habe es ja gewusst, dass ich all die Zeit im Wege war. Jetzt also schicken sie mich wie einen Fremden fort. Zu anderen Leuten soll ich, nach Mayrhofen wollen sie mich in die Lehre stecken. Was der Vater da von der Zukunft reden tut, nein, das stimmt doch alles gar nicht. Ihm ist es doch egal, was aus mir wird.

»Ich will nit fort«, knurrte er.

»Tobias, hast du denn gar keine Lust? Ich mein, vielleicht möchtest Schreiner oder Schuster werden. Die Landwirtschaft liegt dir doch nicht. So sag doch endlich, was du werden möchst!«

»Ich bleibe hier«, erklärte er stur, und seine Augen verfinsterten sich. »Hier auf dem elterlichen Hof bleibe ich.«

Die Eltern sahen sich erschrocken an.

»Aber Bub, Tobias, wir wollen dich doch nit fortjagen, das wollen wir doch nicht. Wir dachten, wir tun dir einen Gefallen, damit du froh wirst und glücklich. Später hättest du dann auch was Eigenes. Von dem Holz aus unseren Wäldern bauen wir dir dann ein Haus, und Geld kriegst doch auch, also wirst dir mal eine schöne Existenz aufbauen können. Handwerker sind doch so gesucht.«

»Ich will kein Handwerker werden, ich will Bauer bleiben«, schrie er die Eltern an.

»Aber du weißt doch, dass Florian der Ältere ist. Eines Tages, wenn wir mal nicht mehr sind, willst dann als Knecht hierbleiben, Tobias?«

»Ich bleib hier, ich will nicht in die Fremde.« Damit stand er auf und verließ die Küche.

Traurig blickten sich die Eltern an.

»Ach Mann, manchmal ist mir ganz bang ums Herz. Was soll das nur noch geben?«

»Ich weiß es auch nicht.«

In diesem Augenblick kam Florian in die Küche. Groß und schlank, ein fröhlicher, hübscher Bursch mit offenen Zügen und lachendem Mund.

»Was ist?«, fragte er. »Ihr sitzt da, als sei die Sahne sauer geworden.«

Die Mutter lächelte. Immer, wenn sie den Ältesten ansah, wurde ihr warm ums Herz. Die Wunden, die Tobias schlug, musste Florian immer wieder heilen, ohne dass er davon eine Ahnung hatte. Auch heute wusste er nicht, warum sie so betrübt waren. Sie erzählten nichts von der Unterredung, und so ging jeder wieder an die Arbeit.

Tobias aber stieg in die Berge. Als er oben auf der Plattform war, da warf er sich auf den flachen Stein und starrte in den blauen Himmel.

Dieser Bruder, immer und überall stand er ihm im Wege. Wenn er nicht wäre, dann würde ihm alles gehören.

Wie er nun hier oben lag und sann und grübelte, da wusste er, die Entscheidung musste fallen. Er wollte nicht arm sein, wollte etwas darstellen. Seiner Meinung nach konnte man das nur, wenn man einen Hof hinter sich hatte. Er wollte mit allen Mitteln den Hof.

Es dauerte nicht lange, bis seine Gedanken einen bösen Weg liefen. Wenn der Bruder vielleicht einen Unfall hatte? Wenn er nicht mehr war? Dann war er der Hoferbe, ja, dann brauchte er auch nichts abgeben. Alles würde ihm gehören, alles ! Und die Mädchen aus dem Dorf würden ihm in Scharen nachlaufen, man würde vor ihm katzbuckeln, denn er war ja dann der einzige Sohn und Hoferbe der Tandlers.

Vielleicht war er sogar der Älteste, und man hatte es in der Eile vielleicht nur einfach vergessen und sie vertauscht. Aber er hatte die Nachbarin, die damals bei der Geburt anwesend war, so oft deswegen ausgefragt, doch diese hatte nur immer wieder gesagt: »Nein, nein, da gibt es kein Vertun, der Florian war der erste, der blonde Bub, du hast doch noch eine halbe Stunde gebraucht, dann bist du dagewesen, ja, damals, das war wirklich einen Überraschung.«

Aus dieser Richtung also kam keine Rettung, also musste doch Florian fort. Zuerst ging er vorsichtig ans Werk und fragte den Bruder, ob dieser nicht vielleicht ein Handwerk lieber tat, als Bauer spielen.

»Ach nein«, sagte Florian herzlich. »Ich kann mir nix Schöneres vorstellen. Es ist zwar oft recht hart, du weißt das ja nicht so genau, weil du nicht so viel mithilfst, Tobias, aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Bergbauer zu sein.«

Mit düsteren Augen ging er davon. Wie konnte er den Bruder fortjagen?

Immer wieder spukte das Wort Unfall in seinem Kopf herum. Er sah schon im Traum alles vor sich. Anfangs erschrak er davor, aber je länger er darüber nachsann, umso finsterer wurde sein Sinn.

Wie und wo? Das war jetzt nur noch die Frage. Es musste ja alles ganz natürlich aussehen, niemand durfte je ahnen, dass ihn die Schuld traf.

Er brauchte nicht lange, bis ihm wieder die Seilwinde in den Sinn kam. Wenn diese riss, während Florian auf dem Trecker saß, dann würde er mit diesem den Berg hinunter rasen und sich überschlagen.

Tobias trug jetzt immer eine starke Zange mit sich und legte sich auf die Lauer. Er war klug und wusste, wie er vorgehen musste. An dem Tag, als Florian sagte, er müsse oben an den Wiesen das Heu einfahren, erklärte Tobias schnell: »Ich will zur Alm, hab dem Senn versprochen, ihm ein paar Sachen zu bringen.«

»Das ist fein«, sagte die Mutter. »Dann kannst auch gleich wegen dem Käse fragen, ob er bald reif genug ist, damit wir ihn runterschaffen können.«

»Ist recht.«

Er ging also den Weg zur Alm, aber kaum, dass er aus dem Blickwinkel des Hauses war, ging er zurück, quer über die Wiesen in den nahen Hochwald. Dort versteckte Tobias sich.

Bald sah er den Bruder kommen. Der Trecker tuckerte den Weg entlang. Und er sah auch, wie ein junges Mädchen den Berg herunter kam. Es war Sabine Köhler. Sie war das schönste Mädchen weit und breit, aber sie war arm, und darum rissen sich die reichen Burschen nicht um sie. Aber Florian und Sabine verstanden sich recht gut. Sie plauderten oft miteinander und waren lustig. Auch jetzt lachten sie miteinander. Tobias ballte die Hände zusammen.

Dann aber sah er, wie der Bruder das Seil an dem Trecker festmachte und sich langsam den Hang hinabdrehte. Das musste recht vorsichtig geschehen, denn die abgemähte Wiese war sehr rutschig.

Das war sein Augenblick. Flugs schlüpfte er aus dem Wald und schlich sich zur Winde. Mit der Zange machte er sich daran zu schaffen. Bis zur Hälfte zwickte er das Seil durch, den Rest würde das Gewicht des Treckers allein besorgen. Sofort rannte er davon, denn er musste ja zur Alm, um ein Alibi zu haben. Weil er so sehr rannte und nur nach vorn sah, bemerkte er nicht Sabine, die auf dem Weg war und durch das laute Brechen der Äste sich verwundert umdrehte und ihn zwischen den Bäumen verschwinden sah. Sie dachte noch bei sich, warum Tobias es wohl so eilig hat? Sonst geht doch bei ihm alles so gemächlich, na ja, vielleicht hat er einen eiligen Auftrag zu erledigen.

Schon wollte sie weiter den Weg ins Dorf hinuntereilen, da ertönte ein so furchtbarer Schrei, dass sie wie erstarrt stehenblieb. Noch einmal wiederholte sich der Schrei. Er brach sich an den Bergwänden und kam als Echo zurück; dann war es totenstill.

»Jesus Maria«, flüsterte das Mädchen und wurde leichenblass. »Kommt das nicht von der Wiese?«

Sie rannte den Weg zurück. Bald stieß sie auf das Seil. Als sie sah, wie schlaff es über der weiten Wiese lag, bekam sie einen tödlichen Schreck und bekreuzigte sich.

»Florian, Florian«, schrie sie und rannte den Hang hinunter. »Florian, wo bist du?«

Auch ihr Schrei wurde von den Wänden zurückgeworfen. Dann hatte sie das Ende der Wiese erreicht, hier ging es ein wenig steil hinunter. Und dann sah sie das grausige Bild, und das Herz wollte ihr stehenbleiben vor Schreck.

»Florian ...« Tonlos kam es jetzt nur noch über ihre blutleeren Lippen.

Sie ließ sich einfach fallen und rutschte so den Abhang hinunter, dabei weinte sie vor sich hin. Als sie an die Unfallstelle kam, sah sie, wie Florian unter dem Trecker lag. Er begrub ihn förmlich, und sie hatte nicht die Kraft ihn darunter fortzuziehen. Der Trecker lag umgekippt auf dem jungen Bauernsohn.

Florian war ohne Bewusstsein. Sabine rutschte näher und legte ihren Kopf an seine Brust, das Herz schlug noch. Der Puls ging schwach. Aber sie sah nirgends eine Wunde oder Blut.

Das junge Mädchen wusste, sie musste sofort Hilfe holen, sonst würde es für ihn zu spät sein. Er musste sofort in ärztliche Behandlung. Sie strich ihm noch einmal über das blonde Haar, wischte sich die Tränen ab, und dann rannte sie los. Sie stolperte, fiel hin, raffte sich auf, rannte weiter.

Dann endlich kam das Haus in Sicht, und sie schrie und schrie.

Maria hörte sie als Erste. Ihr Mutterherz sagte ihr sofort, da muss etwas passiert sein. Sonst gab sich die Sabine nicht so seltsam.

»Fred, Fred«, rief sie ihrem Mann zu, »so komm doch aus der Stube. Die Sabine kommt, und ich glaub, es ist ein Unglück geschehen, irgendwo.«

Stolpernd, sich an der Hauswand festhaltend, schaffte Sabine die letzten Meter.

»Schnell, rasch, lauft und ruft den Doktor! Oben auf der Wiese, Florian, er ist vom Trecker erschlagen, er lebt noch. Sein Herz, es geht so schwach ...«

Maria wurde aschfahl und bekreuzigte sich.

»Jesus Maria«, stammelte sie.

»Frau, lauf ins Dorf und ruf den Doktor! Ich geh nachschauen. Sag, er soll sofort kommen!« Schon rannte Fred mit der erschöpften Sabine davon.

Noch nie war Maria so schnell ins Dorf gelangt. Sie riss die Tür des Krämers auf, fragte gar nicht, stürzte sofort in die Hinterstube und wählte die Nummer des Arztes. Zum Glück war dieser da. Kurz fragte er, was vorgefallen war. Sie sagte es ihm.

»Ich komme und bring den Krankenwagen gleich mit. Ich gebe in der Klinik Bescheid.«

Der Laden war voller Menschen.

»Um Gottes willen, was ist denn geschehen, Maria, so red doch endlich!«

»Der Florian«, schluchzte sie, »oh, mein Gott, ich kann nit, ich muss zu ihm.«

Viele gingen mit, denn sie glaubten, vielleicht helfen zu können. Sie nahmen die Abkürzung mitten über die Wiesen.

Als sie an der Unfallstelle ankamen, sahen sie den Vater neben seinem Buben knien. Sabine hielt den Kopf des Verletzten auf ihrem Schoß und weinte unaufhaltsam.

»Ich schaff es nicht allein«, stammelte Fred. »Er ist so schwer.«

»Komm, Fred, versuchen wir es alle zusammen.« Immer mehr Dörfler strömten zur Unfallstelle. In wenigen Minuten waren genug Männer da und man schaffte es dann endlich und konnte den Trecker soweit hochheben, dass ein paar Männer den Verletzten darunter wegziehen konnten.

Der Krankenwagen keuchte den Berg hinauf, der Arzt sprang hinaus, fragte kurz und kniete sich dann neben den Verletzten. Er gab ihm zuerst einmal eine Herzspritze, dann winkte er die Träger heran.

»Wir müssen ihn sofort in die Klinik schaffen.«

»Ich komm mit«, schluchzte Maria, »ich lass meinen Buben nit allein.« .

 

 

5

Die Straße nach Mayrhofen war breit, und das Martinshorn verschaffte ihnen freie Bahn. In der Klinik wartete man schon auf den Schwerverletzten. Schwestern und Ärzte kümmerten sich um Florian. Die Mutter wurde von einer Schwester ins Wartezimmer geführt.

Die Stunden vergingen, und die Türen blieben geschlossen. Maria wurde vom langen Warten fast verrückt.

Die junge Schwester sagte immer wieder: »Solange sie nit kommen, lebt er doch noch, Frau Tandler. Vergessen Sie das nicht! Sie kämpfen jetzt um das Leben Ihres Sohnes. Beten wir gemeinsam zu Gott, dass er ihn erhalten möge!«

»Ja«, stammelte sie. »Meinen Buben, er hat doch keinem etwas getan. Warum grad Florian, warum?«

Als sich dann die Tür öffnete und der Oberarzt hereinkam, blickte sie ihn mit verstörten Augen an. Kam er jetzt, um ihr zu sagen, dass Florian tot war?

»Er lebt noch«, sagte der Arzt.

Zuerst verstand sie ihn gar nicht. Sie sah nur, wie er den Mund bewegte, verstand ihn aber nicht.

»Florian«, flüsterte sie.

»Ihr Sohn lebt noch, und er ist jung und wird es vielleicht überstehen.«

»Er ist nicht tot?«

»Nein, Frau Tandler.«

Vor Freude wurde sie ohnmächtig. Über eine halbe Stunde lag sie wie tot auf dem Sofa, dann kam sie wieder zu sich, wollte ihren Buben sehen, durfte ihn aber nur durch die Scheibe betrachten. Er lag auf der Intensivstation. Man würde alles für ihn tun. Tag und Nacht würde man über sein Leben wachen. Der Arzt sagte ihr, was er für Verletzungen davongetragen hatte. Mit reglosem Gesicht saß sie da und hörte ihm zu. Ihr Herz zitterte. Nur eins war in diesem Augenblick wichtig, Florian lebt, lebt, lebt!

»Gehen Sie jetzt heim, Frau Tandler! Sie müssen Ihrem Mann die Nachricht bringen.«

»Ja«, sagte sie müde. »Ja!«

Man besorgte ihr ein Taxi, und dieses fuhr sie dann heim nach Arnbach, zu ihrem Mann und Tobias.

 

 

6

Tobias hatte sich sehr lange auf der Alm aufgehalten. Erst als es zu dämmern anfing, machte er sich auf den Weg. Tobias hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen, wusste er doch, dass er jetzt in ein Trauerhaus kam. Er musste nun natürlich auch den trauernden Bruder spielen und klagen und weinen.

Je näher er dem Hof kam, umso eigenartiger wurde ihm, denn er lag wie ausgestorben da. Wenn sonst irgendwo einer starb, dann kamen doch die Dörfler, um Beileid zu wünschen. Aber der Hof lag so still da, dass ihn ein wenig das Grausen packte. Was war denn jetzt geschehen?

Mit einem Ruck öffnete er die Tür. Sein Blick fiel zuerst auf die verstörte Sabine, dann sah er den Vater am Fenster sitzen, seine Hände zitterten, neben ihm waren ein paar Nachbarn.

»Grüß Gott, was ist denn hier los?«

Sabine hob den Kopf und sah ihn und sah ihn doch wieder nicht, aber sie hörte genau seine Worte.

»Bub«, stammelte der Vater. »Du weißt es ja noch gar nit, du warst ja gar nicht da. Dein Bruder ist schwer verunglückt. Mit dem Trecker.«

Er spielte den Entsetzten.

»Tot?«, schrie er.

Der Vater schüttelte den Kopf.

»Als sie ihn fortbrachten, lebte er noch. Die Mutter ist bei ihm. Wir beten alle, dass er es überleben möge.«

Jetzt wurde Tobias wirklich totenblass, das war nicht mal gespielt. Florian war also nicht tot? Er lebte noch? Er brachte keinen Ton über die Lippen.

Der Vater sagte: »Es passierte, nachdem du kurz zuvor zur Alm geschritten bist. Hast du denn nichts gehört?«

»Nein«, sagte er laut, »da muss ich wohl schon zu weit fort gewesen sein, denn sonst wäre ich doch gleich zurückgekommen und hätte ihm geholfen oder Hilfe geholt.«

Sabine blickte ihn nur stumm an.

Die Nachbarn erhoben sich scheu.

»Also, Fred, wenn du etwas brauchst, dann ruf uns! Wir kommen dann gleich.«

»Ich dank euch auch schön.« Er wollte sie zur Tür begleiten.

»Lass nur, wir finden schon allein hinaus. Bleib du nur hier und warte auf Maria.«

»Ja!«

Sabine erhob sich auch und sagte: »Ich muss auch gehen, die Mutter macht sich bestimmt schon Sorgen. Darf ich morgen wiederkommen und mich erkundigen?«

»Natürlich, Sabine!«

Dann waren sie allein. Vater und Sohn! Aber keiner sprach ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Hätte Fred geahnt, was in dem Sohn vor sich ging, ihn hätte bestimmt das Grausen gepackt.

Eine Stunde saßen sie allein in der dunklen Kammer, als sie ein Auto hörten. Fred schleppte sich nach draußen. Maria stieg aus, bezahlte die Fahrt und ging dann zu ihrem Mann.

»Komm«, sagte er, nahm ihre Hand und führte sie in die Stube.

»Was ist mit Florian?«, rief Tobias gleich.

»Ach Bub«, schluchzte die Mutter, »er lebt noch. Er ist schwer verletzt, und die Ärzte kämpfen um sein Leben, aber er lebt noch, und sie geben ihm auch Hoffnung.«

Wiederum wurde der Sohn totenblass.

»Hast mit dem Doktor reden können, Maria?«

Sie ließ sich schwer in den Ohrensessel fallen. An diesem Tag war sie um Jahre gealtert.

»Ja«, sagte sie leise. »Ja, er hat mir alles gesagt, und er hat auch gesagt, wir können von einem großen Glück reden, dass er überhaupt das Unglück lebend überstanden hat. Ihm sind ein paar Rippen gebrochen, das ist aber nit so schlimm, und dann das Becken, sie haben Stunden gebraucht, um ihn zusammenzuflicken. Es war arg, aber der Arzt sagt, sie würden es schon schaffen, und der Beinbruch ist auch nicht so schlimm.«

»Gott sei Dank«, sagte der Bauer inbrünstig. »So wird er also nichts zurückbehalten, Frau. So wird unser Bub also kein Krüppel, wenn er es übersteht.«

»Nein, aber ...«

Maria übermannte der Schmerz, und sie konnte einen Augenblick lang nicht sprechen. Sie blickte auf ihre zitternden Hände.

»Was ist denn, Frau?«

»Oh, Fred, Florian, er wird nie Kinder zeugen können, das hat mir der Doktor gesagt, das konnten sie nit mehr richtig flicken.«

Fred sagte inbrünstig: »Beten wir zu Gott, dass er uns erhalten bleibt, der Florian. Alles andere ist doch nicht so wichtig.«

»Der Doktor hat mir gesagt, er müsse es dem Florian später selbst sagen.«

Da saßen die alten Eltern, hielten sich bei den Händen und versuchten gegenseitig Trost zu spenden. Tobias hatte jedes Wort von der Mutter vernommen. Der verhasste Bruder würde am Leben bleiben. Aber zugleich glomm auch ein wilder Funke Hoffnung in ihm hoch. Der Bruder war also zeugungsunfähig, also würde er niemals einen Erben für den Hof zeugen können. Darum musste der Vater nun das Erbgesetz ändern und ihn an seiner Statt stellen. So hatte der Unfall doch noch etwas Gutes gehabt. Sofort zeigte er auch Mitleid und Barmherzigkeit für den armen Bruder.

 

 

7

Der Gendarm kam mit einem Kommissar aus Mayrhofen.

»Grüß Gott, Fred, ich hab von der Sache vernommen und hab es gleich weitergeleitet. Jetzt möchten wir die Sache halt untersuchen. Das muss sein.«

»Was müsst ihr untersuchen?«, fragte Fred, der übernächtigt und grau im Gesicht wirkte.

»Das von gestern, mit deinem Buben. Ich hab auch in der Klinik angerufen, gleich in der Früh, er hat die Nacht gut überstanden, und man ist voller Hoffnung.«

»Wirklich?« Sofort strafften sich die Schultern des Bauern. »Oh, mein Bub, er wird also wirklich am Leben bleiben?«

»Ich werde immer Nachricht bringen, ich hab doch ein Diensttelefon.«

»Danke«, sagte Maria, die nun auch in den Laubengang gekommen war. »Das werden wir dir nie vergessen.«

»Aber das ist doch Christenpflicht.«

»Dürfte ich jetzt wohl den Unfallort sehen?«, fragte der Kommissar.

Details

Seiten
103
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738937954
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v537186
Schlagworte
erbe

Autor

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Titel: Um das Erbe betrogen